Süße Küsse im Schnee

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Er hat sie nie vergessen - und in dem traumhaften Alpenchalet spürt Ethan Caversham auch warum: Während leise die Schneeflocken fallen, wärmt Rubys Zärtlichkeit sein Herz. Aber sie will eine Familie - und Ethan weiß nicht, ob er ihren größten Weihnachtswunsch je erfüllen kann …
  • Erscheinungstag 09.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735197
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Trödeln. Sich herumdrücken. Panik schieben. Wer hätte gedacht, dass man alles drei gleichzeitig tun konnte? Ruby Hampton vergrub die Hände in den Taschen ihres langen Daunenmantels. Er sollte sie nicht nur vor dem kalten Dezemberwind schützen, sondern auch davor, erkannt zu werden.

Verrückt. Sie musste doch bloß die belebte Londoner Straße überqueren und die imposante Zentrale von Caversham Holiday Adventures betreten. Einfach, stimmts? Offenbar nicht, denn ihre Füße waren wie festgeklebt auf dem Bürgersteig.

Wenigstens schienen keine Reporter in der Nähe zu sein. Es sei denn, sie tarnten sich als Straßenverkäufer, die so ziemlich alles von heißen Maroni bis Pullovern mit Rentiermotiven anpriesen. Ruby hatte die Männer nicht genauer betrachtet. Sie war mit gesenktem Kopf durch den Stadtteil Knightsbridge gelaufen, in der verzweifelten Hoffnung, ihre mit Fell gesäumte Kapuze und die Sonnenbrille könnten sie davor bewahren, gelyncht zu werden.

So weit, so gut. Wenn ihr keine Paparazzi auf den Fersen waren, hatten die vielleicht endlich kapiert, dass Ruby nichts sagen würde. Hugh hatte ihre Lippen mit seinen Drohungen fest verschlossen.

Sein amerikanischer Akzent klang ihr noch in den Ohren:

Ein falsches Wort, und meine PR-Leute machen dich fertig, dass dir Hören und Sehen vergeht – bevor sich meine Anwälte auf dich stürzen.

Die Paparazzi hatten mehr davon, vor Hughs Haus herumzulungern, wo er ihnen Lügen auftischte. Mal wieder. Ruby konnte seinen unzähligen Fans nicht einmal verübeln, dass sie ihm jede Silbe glaubten. Schließlich war sie selbst auf die zuckersüßen Worte hereingefallen, mit denen er sie geblendet hatte. Und jetzt …

Jetzt bekam sie die Schlagzeilen nicht mehr aus ihrem Kopf.

Ruby Hampton – untreu und geldgierig!

Hugh Farlane: Hollywood-Megastar krank vor Liebeskummer!

Rauschende Verlobungsparty zu Weihnachten geplatzt!

Farlanes Fans machen Ruby Hampton nieder!

„Niedermachen“ war untertrieben – Hughs Anhänger wollten Ruby bluten sehen. Alle glaubten, sie hätte sein Herz gebrochen und wäre nur auf schnöden Mammon aus. Sie krümmte sich innerlich. Schon als Kind hatte sie sich geschworen, nie auf Al mosen angewiesen zu sein zu müssen, und dieses Versprechen hielt sie. Ihre Eltern hatten ein Baby nach dem anderen in die Welt gesetzt, um mit dem Kindergeld Drogen zu finanzieren. Sie hatten geschnorrt, gelogen und betrogen. Dazu war Ruby nicht fähig.

Einen Moment lang drohten die Schatten der Vergangenheit sie einzuholen. Tom, Edie, Philippa … Geschwister, die sie nie wiedersehen würde.

Stopp, Ruby.

Aus und vorbei.

Jetzt musste sie in die Gänge kommen und zum Bewerbungsgespräch antreten. Tun, was sie am besten konnte: sich zusammenreißen und weitermachen. Den Mistkerl Hugh Farlane und ihre Kindheit vergessen.

Es gab bloß einen Haken. Den Grund, warum sie an diesem windigen Dezembertag auf einem Londoner Bürgersteig trödelte, sich herumdrückte und Panik schob.

In der Caversham-Zentrale wartete jemand aus ihrer Vergangenheit – und dieser Jemand würde gleich das Bewerbungsgespräch mit ihr führen.

Ethan Caversham.

Nervosität sprudelte in ihr hoch. Ethan. Der letzte Mann, von dem sie geglaubt hatte, sie würde ihn noch einmal sehen. Der letzte Mann, den sie noch einmal hatte sehen wollen.

Krieg dich ein, Ruby. Die Sache mit Ethan lag Ewigkeiten zurück. Ruby war nicht mehr jener naive, bis über beide Ohren verknallte Teenager. Trotzdem fühlte sie sich immer noch grässlich, wenn sie daran dachte, mit welchen Worten Ethan ihre Gefühle zerschmettert hatte.

Hör auf, mir nachzulaufen. Ich will deine Dankbarkeit nicht. Ich will deine Hilfe nicht. Ich will dich nicht. Also, lass mich bitte einfach in Ruhe.

Zehn Jahre später hatte Ethan sie kontaktiert, um ihr ein Bewerbungsgespräch anzubieten. Seine E-Mail war kurz und sachlich gewesen – kein Hinweis, ob er sich an sie erinnerte, und nur spärliche Informationen über den Job selbst. Egal. Ruby brauchte Arbeit – irgendeine.

Es war dumm gewesen, ihre Stelle zu kündigen. Der Frust über ihren Fehler schnürte ihr die Kehle zu. Sie hatte ihren gesunden Menschenverstand über Bord geworfen und Hugh geglaubt, dass er sie an seiner Seite brauchte. Deshalb hatte sie einen tollen Job aufgegeben. Dämliche Nuss.

Arbeit war ihr Anker. Und derzeit gab ihr nur Ethan Gelegenheit, sich vorzustellen. Niemand sonst wollte die negative Publicity auf sich ziehen, und Ruby mochte nicht warten, bis der Sturm vorüberzog. Warten lag ihr nicht.

Also … Jetzt musste sie sich gut verkaufen.

Ethan Caversham bedeutete ihr nichts mehr. Er hatte ihre Freundschaft beendet. Soweit es Ruby betraf, war er nur ein potenzieller Arbeitgeber mit einem Job, der sich in ihrem Lebenslauf gut machen würde.

Mehr als das, dachte sie entschlossen. Die Stelle würde ihr zu Geld und Sicherheit verhelfen – den Voraussetzungen, um Kinder adoptieren zu dürfen. Eine Familie zu haben. Ohne Mann.

Ruby zog ihre Hände aus den Manteltaschen und befahl sich, die Straße zu überqueren. Dann ging sie durch die Drehtür in das elegante gläserne Hochhaus. Während der Aufzugfahrt in den dritten Stock blieb ihr gerade genug Zeit, um den Mantel auszuziehen und sich zu vergewissern, dass der strenge Haarknoten noch ebenso perfekt war wie das dezente Make-up.

Als die Lifttüren zur Seite glitten, holte Ruby tief Luft und betrat die Lobby von Caversham Holiday Adventures.

Wie erwartet traf sie ein missbilligender Blick der Empfangsdame. Offenbar zählte die Blondine zu Hughs Gefolgschaft.

Auf keinen Fall würde Ruby den Kopf einziehen. Sie lächelte und besann sich auf die Stärke, die ihr das sorgfältig zusammengestellte Outfit verlieh: ein grauer, taillierter Wollblazer über einem exzellent geschnittenen schwarzen Jerseykleid. Klassisch und geschäftsmäßig.

„Ich habe einen Termin bei Ethan Caversham.“

Die Empfangsdame nickte knapp. „Ich sage ihm, dass Sie hier sind.“

„Danke.“

Ruby spürte einen Adrenalinschub und blickte sich um. Diesen Trick hatte sie als Kind entdeckt. Er hatte ihr in kniffligen Situationen geholfen, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zum Beispiel, wie sie Sozialarbeiter davon überzeugte, dass alles okay war. Wie sie ein Milchfläschchen halten musste, damit das Baby nicht spuckte. Wie sie ihre Geschwister schützen konnte …

Mit dem Marmorboden, den exotischen Grünpflanzen und dem glänzenden Glastisch am Empfang unterschied sich diese Lobby drastisch von der armseligen Umgebung, in der Ruby aufgewachsen war. An den Wänden hingen Fotos von majestätischen Bergen, türkisblauem Meer und einem Surfer auf einer hohen Welle. Sie strahlten Energie und Euphorie aus.

Nach einem kurzen Telefonat stand die Empfangsdame auf. „Ich bringe Sie zu Mr. Caversham.“

„Danke.“

Mit einer Mischung aus Neugierde, Angst und Vorfreude folgte Ruby der Blondine einen Korridor entlang. Ethan Caversham. Ethan Caversham. Ethan Caversham. Wieder und wieder schossen ihr die Silben durch den Kopf, im selben Rhythmus, in dem ihre Absätze auf dem Boden klackten. Obwohl sie sich einredete, dass ihr nichts mehr an dem Mann lag.

Die Empfangsdame öffnete eine Tür. „Ihr Zehn-Uhr-Termin ist hier, Ethan.“

„Danke, Linda.“

Nach einem weiteren missbilligenden Blick in Rubys Richtung zog sich Linda zurück. Die Tür schnappte hinter ihr ins Schloss.

Ruby spürte, wie stark ihr Herz gegen die Rippen hämmerte. Sie trat einen Schritt vor, während sich der Mann hinter dem Schreibtisch aus Kirschholz erhob.

Oh.

Natürlich hatte sie sich über ihn informiert. Fotos im Internet ließen keinen Zweifel daran, wie attraktiv Ethan Caversham war. Schon als Teenager war er nicht gerade hässlich gewesen.

Doch jetzt … Jetzt stand Ruby stocksteif auf dem teuren Teppich und fixierte Ethan fasziniert. Markante Gesichtszüge, dichtes braunes Haar, kühle blaugraue Augen. Deutlich über einsachtzig, mit einem perfekt durchtrainierten Körper. Der zornige junge Mann von früher wirkte selbstbewusst und zäh. Wie jemand, dem man besser nicht in die Quere kam.

Die Nervosität, die sie eine Weile hatte verdrängen können, keimte jetzt wieder auf.

Na los, Ruby. Du darfst es nicht vermasseln.

Irgendwie gelang es ihr, zum Schreibtisch zu gehen und die rechte Hand auszustrecken. „Ruby Hampton.“

Als sie seine Finger um ihre fühlte, stiegen Erinnerungen und ein undefinierbares, geradezu lächerliches Gefühl von Sicherheit in ihr hoch. Sie spürte den Impuls, Ethans breite Hand festzuhalten. Ihre Blicke trafen sich, und in seinen blaugrauen Augen blitzte etwas auf.

„Schön, dich wiederzusehen“, sagte er.

„Gleichfalls.“

Er zog die Brauen hoch. „Du klingst nicht wirklich überzeugt.“

„I…ich …“

Oh, um Himmels willen. Albern. Sie hatte gewusst, dass die Vergangenheit zur Sprache kommen würde, und sich vorgenommen, lässig damit umzugehen. Dummerweise hatte sie die Wirkung des Mannes, der Ethan heute war, nicht einkalkuliert. Was war mit ihr los? Sie glaubte doch überhaupt nicht daran, dass man sich auf den ersten Blick in jemanden verlieben konnte.

„Ich war mir nicht sicher, ob du weißt, wer ich bin. Wir haben uns ja nicht gerade harmonisch getrennt.“ Ruby sagte es schroffer als beabsichtigt – eher frostig denn lässig.

„Stimmt.“

Es entstand eine Pause, und Ruby merkte, dass Ethan erstmal abwartete. Vorwürfe lagen ihr auf der Zunge. Sie war drauf und dran, eine Entschuldigung zu fordern für eine Beleidigung, die sie vor zehn Jahren erfahren und nicht verdient hatte.

Keine gute Idee, Ruby.

Die Vergangenheit musste vergangen bleiben. Außerdem sollte Ethan um keinen Preis merken, dass er noch immer derart intensive Gefühle in Ruby auslösen konnte. Eine Tatsache, über die sie ganz und gar nicht glücklich war.

Sie zwang sich zu einem coolen Lächeln und nickte. „Wichtig ist wohl nur, dass wir es beide in den letzten zehn Jahren weit gebracht haben.“

Ethan deutete einladend auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Das haben wir allerdings. Bitte – setz dich und lass uns anfangen.“

Leichter gesagt als getan.

Seine unerklärliche Reaktion auf Ruby Hampton irritierte Ethan.

Unerklärlich? Wohl kaum.

Ruby war hinreißend. Irgendwann im letzten Jahrzehnt hatte sie sich vom Straßenkind zur schönen Geschäftsfrau gemausert. Dunkle, zum Knoten gesteckte Haare, makellose, schimmernde Haut und hohe Wangenknochen … Leider war ihre Wirkung auf Ethan nicht nur physischer Natur.

Mit körperlicher Anziehungskraft kam er klar, attraktive Frauen gab es wie Sand am Meer. Aber Ruby weckte noch etwas anderes in ihm. In ihren saphirblauen Augen hatte Verletzlichkeit aufgeleuchtet, nur ganz kurz. Dieselbe Verletzlichkeit wie vor zehn Jahren. Ein undefinierbares, gleichzeitig vertrautes Gefühl schnürte ihm den Brustkorb zusammen, als er erneut die Empfindungen seiner Jugend durchlebte: Wut, Verwirrung, Angst.

Damals hatte Heldenverehrung in Rubys Blick gelegen. Das hatte Ethan gehasst. Schon früher war ihm klar gewesen, dass in ihm kein Held steckte, und die Erkenntnis, dass Ruby ihn förmlich anbetete, hatte ihn geärgert.

Jäh fühlte er sich schuldig. Das war natürlich überflüssig. Vor zehn Jahren hatte er das Richtige für Ruby getan – ihre Schwärmerei im Keim erstickt, bevor sich mehr daraus entwickeln konnte. Denn damals wusste er genauso gut wie heute, dass er ihr nichts bieten konnte.

Schluss damit.

Die Vergangenheit war passé – jetzt zählte die Gegenwart. Und jetzt las er in Rubys Augen nur Kühle und Argwohn, während sie darauf wartete, dass er dieses Bewerbungsgespräch eröffnete.

„Wie bist du in der Cateringbranche gelandet?“, fragte er.

„Nachdem du und ich …“, sie zögerte kurz, „… getrennte Wege gegangen sind, habe ich gekellnert und die Abendschule besucht. Ich habe jede Schicht gearbeitet, die ich kriegen konnte, und den Rest der Zeit gelernt.“ Ethan sah Ruby die Entschlossenheit an, als sie fortfuhr: „Ich wollte raus aus dem Wohnheim und der staatlichen Fürsorge. Meinen eigenen Weg gehen, und zwar möglichst bald.“

„Verstehe.“

Er konnte das Bedürfnis nachvollziehen, sich jede Sekunde des Tages zu beschäftigen, damit man erschöpft ins Bett fiel und einen die Vergangenheit nicht bis in die Träume verfolgte. Ethan wusste auch, wie wichtig es war, erfolgreich zu sein, um sich selbst retten zu können.

„Als ich ein paar Zeugnisse vorweisen konnte, hat mich der Cafébesitzer von der Kellnerin zur Managerin befördert. Später bin ich in die Hotelbranche eingestiegen, und …“

Ruby schilderte ihren Werdegang, und Ethan konnte nicht umhin, beeindruckt zu sein.

„Zuletzt warst du Empfangschefin im Forsythe’s.“

So hieß eins der renommiertesten Restaurants in London. Es hatte viele reiche und prominente Gäste und lag neben einem Theater, das die Familie Forsythe seit Jahrhunderten leitete.

„Erzähl mir von deinen Aufgaben dort“, bat Ethan.

„Ich habe eng mit dem Geschäftsführer zusammengearbeitet, um dem Restaurant eine unverwechselbare Note zu geben. Es war zum Beispiel meine Idee, das Forsythe’s im Regency-Stil einzurichten. Dafür habe ich stundenlang im Internet recherchiert, in Galerien und auf Kunstmärkten gestöbert und auch einige schöne Stücke aufgetrieben.“

Ihr Argwohn hatte sich verflüchtigt. Ruby lehnte sich vor und unterstrich ihre Worte mit ausdrucksvollen Gesten. Eifrig beschrieb sie, wie sie auf eine zweihundert Jahre alte Zeichnung des Forsythe-Theaters gestoßen war.

„Außerdem habe ich mich um die neuen Speisekarten gekümmert, Kundenbeziehungen gepflegt …“ Sie brach ab, und ein Schatten zog über ihr Gesicht, als sie sich wieder zurücklehnte.

„Zu Kunden wie Hugh Farlane“, stellte Ethan fest.

„Ja. Und vielen anderen“, ergänzte Ruby. Der Argwohn kehrte in ihre dunkelblauen Augen zurück. „Hoffentlich passt meine Erfahrung bei Forsythe’s zu der Aufgabe, die du für mich im Sinn hast?“

„Ja. Was weißt du über Caversham Holiday Adventures?“

„Es ist ein Reiseunternehmen mit einer besonderen Note. Caversham bietet exklusive Pakete mit Extremsportarten und außergewöhnlichen Hotels auf der ganzen Welt an. Zu deinen Kunden zählen Milliardäre, Jetsetter und Prominente. Dein neuestes Projekt ist ein Schloss in Cornwall.“

„Richtig.“

Adrenalin pumpte durch Ethans Körper, als er an seine Vision für das Schloss dachte. Das auf den ersten Blick ein wenig düstere Gemäuer faszinierte ihn und weckte in ihm den Wunsch, etwas Neues auszuprobieren – die Arbeit mit karitativen Engagement zu verknüpfen.

„Die Renovierung ist fast abgeschlossen, deshalb will ich das Restaurant bald eröffnen. Ich brauche einen Manager, der mit mir über Ausstattung, Speisekarte und Mitarbeiter entscheidet und die große Eröffnung am Silvesterabend organisiert. Am fünfzehnten Januar nimmt das Hotel den regulären Betrieb auf, also drängt die Zeit. Vor allem, weil Weihnachten vor der Tür steht. Traust du dir den Job zu?“

„Ja.“ In Rubys Stimme lag nicht der Hauch eines Zweifels. „Allerdings verstehe ich nicht ganz, warum du noch niemanden für diese Position eingestellt hast.“

„Hatte ich, aber wir waren uns nicht immer einig, darum ist er gegangen.“ Der Mann hatte Ethans Vision nicht geteilt. „Ich führe seit einer Woche Bewerbungsgespräche, bisher ohne Erfolg. Dies ist ein wichtiges Projekt, und ich brauche die richtige Person. Du könntest es sein.“

Ihre Augen leuchteten, und zum ersten Mal, seit sie das Büro betreten hatte, lächelte sie ein echtes Lächeln, das Ethan durch und durch ging.

„Großartig.“ Eine kleine, steile Falte erschien zwischen Rubys Brauen. „Ich fühle mich der Aufgabe gewachsen“, bekräftigte sie. „Aber du weißt bestimmt, dass ich momentan nicht gerade der Liebling der Medien bin. Die sozialen Netzwerke und Boulevardzeitungen feuern gegen mich. Wenn du mich einstellst, könnte sich die Stimmung auch gegen dich richten.“

Ihre Stimme klang gleichmütig, doch in ihren Augen flackerte ein Kummer auf, der Ethan zu schaffen machte. Ruby untertrieb – die Kommentare gegen sie waren bösartig, voller Drohungen und in manchen Fällen sogar obszön.

Er presste die Lippen aufeinander. Düstere Erinnerungen stiegen in ihm auf, denn er wusste, was für tragische Folgen Mobbing haben konnte.

„Das ist mir bewusst. Kein Problem. Ich halte zu meinen Angestellten, weil ich ihnen vertraue. Womit ich bei meiner nächsten Frage bin.“ Rubys Referenzen waren ausgezeichnet. Jetzt musste er sich nur noch vergewissern, dass sein Instinkt ihn nicht trog und er an diese Frau glauben konnte.

„Nur zu.“ Ihr Körper spannte sich erwartungsvoll an.

„Ich lese Zeitung. Darum kenne ich die Vorwürfe, du seist geldgierig und hättest deine Stelle bei Forsythe’s ausgenutzt, um mit Hugh Farlane anzubändeln. Bei Caversham würdest du in der ersten Reihe stehen und hättest direkt mit meinen Gästen zu tun. Also muss ich mich darauf verlassen können, dass du Kundenbeziehungen pflegst, ohne auf den Geldbeutel der Leute zu schielen. Bisher hast du die Anschuldigungen nicht zurückgewiesen. Könntest du mich bitte aufklären?“

Ethan lehnte sich zurück und wartete.

Rubys Lächeln verschwand. Sie verschränkte die Hände so fest, dass ihre Knöchel leise knackten – der einzige Laut, der die Stille durchbrach.

„Kein Kommentar“, sagte sie schließlich.

2. KAPITEL

Ruby wappnete sich, als Ethan die Augenbrauen hochzog.

„Bist du sicher, dass du nicht mehr dazu sagen willst?“, fragte er.

Was sollte sie tun? Schnell überlegte sie, wie sie die Situation retten könnte. Sie war unschuldig, durfte aber nicht erwarten, dass Ethan im Zweifel für die Angeklagte entschied, wenn sie schwieg.

Auf keinen Fall durfte sie über Hugh reden – sie wusste ja, wie mächtig er war. Ethan bräuchte bloß mit ihrer „Story“ zu einer Zeitung zu gehen, und sie wäre noch schlechter dran als jetzt.

Aber sie wollte diesen Job. In ihr einsames Apartment zurückzukehren und sich wieder mit Eis vollzustopfen, war keine Option.

Mist. Wie hatte es bloß so weit kommen können? Ruby kannte die Antwort: Sie war dumm gewesen. Hatte sich erlaubt, das Unmögliche zu tun und zu träumen. Schon wieder. Träumen, sie könnte alles haben: Liebe und eine Familie. Im realen Leben musste sie sich auf reale Ziele konzentrieren. Wie diesen Job.

Ethan trommelte mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte. Mit der leicht gerunzelten Stirn sah er eher perplex denn ablehnend aus.

Na los. Antworte ihm.

„Ich würde es gern erklären, doch das Risiko darf ich nicht eingehen. Alles, was ich sage, könnte verdreht werden, deshalb sage ich lieber gar nichts. Solltest du mich zitieren oder etwas in einem sozialen Netzwerk posten, bekäme ich nur noch mehr Hass zu spüren.“ Und Hughs Rache. „Das … Das will ich nicht.“ Entsetzt merkte sie, dass ihre Stimme bebte. Ethan sollte sie nicht für ängstlich halten. „Aber ich verspreche dir: Wenn du mir eine Chance gibst, werde ich einen fabelhaften Job machen und dich nicht enttäuschen.“

Die Falte auf seiner Stirn grub sich tiefer ein. „Und ich verspreche dir, dass ich nicht verrate, was du mir anvertraust. Ich werde den Rummel nicht anheizen.“

Eine Sekunde lang bemerkte Ruby so viel Schmerz in seinem Blick, dass sie ihre Hand ausstrecken und auf Ethans legen wollte. Auch nachdem er seinen Gesichtsausdruck wieder im Griff hatte, wirkte die Aufrichtigkeit seiner Worte nach.

Ruby überkam der Drang, ihm alles zu erzählen. „Ich …“

Stopp.

Hatte sie aus dem Debakel mit Hugh nichts gelernt? Sie hatte ihm vertraut – mit welchen Konsequenzen? Bis zum Hals steckte sie in Schwierigkeiten.

Trotzdem glaubte sie nicht, dass Ethan aus demselben Holz geschnitzt war wie Hugh. Ethan hatte ihr vor zehn Jahren das Leben gerettet.

Und dann war er spurlos aus ihrem Leben verschwunden.

Andererseits hatte er sich die Mühe gemacht, ihr einen Job anzubieten.

Ruby wusste nicht, was sie denken sollte. Sie atmete tief durch. Derzeit hatte sie keine guten Aussichten auf den Titel „Menschenkennerin des Jahres“. Deshalb lautete die Devise: Traue niemandem.

„Okay.“ Ethan hob beide Hände. „Denk darüber nach. Wenn wir zusammenarbeiten wollen, geht das nur mit Vertrauen. Auf beiden Seiten. Und noch etwas: Ich muss sicher sein, dass du in diesem Job hundert Prozent geben würdest.“

„Das würde ich. Alles deins. Hundert Prozent.“

Ihre Blicke trafen sich, und Ruby wurde die Zweideutigkeit ihrer Worte bewusst. Sie schluckte.

„Bei Forsythe’s hast du nach nur zwei Monaten gekündigt.“

Ihre Wangen röteten sich. „Das fällt in die Kategorie ‚Karrierefehler‘.“ Ein Fehler monumentalen Ausmaßes. „Ich hatte mich verlobt, und es schien die richtige Entscheidung zu sein. Die Forsythe-Schwestern haben sehr verständnisvoll reagiert.“

„Nachvollziehbar. Die meisten Frauen wären hin und weg vom Lebensstil der Verlobten eines Hollywoodstars – verglichen mit Überstunden und Druck in einem fordernden Job. Ich habe von den rauschenden Partys gelesen. Du bist offenkundig zum Feiern geboren.“

„Nein!“ Das mochte alle Welt von ihr glauben, aber es kränkte sie, dass Ethan sich der Meinung anschloss.

„Die Partys waren mir zuwider. Ich bin so daran gewöhnt, Veranstaltungen zu organisieren und Leute zu bedienen, dass es mir schwerfiel, Gast zu sein. All der Glitzer und Glamour, und es gab nichts für mich zu tun, außer …“

Außer, die Rolle von Hugh Farlanes überglücklicher Freundin zu spielen.

Wie hatte sie darauf reinfallen können? Auf ihn? Zuerst war der Mann mit dem Ruf eines Playboys und Herzensbrechers für sie uninteressant gewesen. Genau wie sein Ruhm, das Rampenlicht und Hughs Geld. Aber nach und nach hatte er ihre Abwehr aufgeweicht. Ihr gestanden, dass er sie brauchte und nur sie ihn retten konnte. Seine Stimme hatte etwas tief in ihrer Seele berührt.

Schließlich hatte sie so kläglich versagt, als es darum ging, ihre Familie zusammenzuhalten – mit herzerreißenden Folgen.

Als Hugh auf Knien beteuert hatte, sein Leben zu ändern, war sie dahingeschmolzen und bereit gewesen, ihm um jeden Preis zu helfen. Wenn sie dafür ein Leben führen musste, das ihr widerstrebte, die glamouröse Freundin mimen und Paparazzi anlächeln musste, wollte sie es tun.

Dass sie derart blind gewesen war …

„Außer was?“ Ethan blickte sie unerwartet mitfühlend an. Er nahm einen Bleistift, drehte ihn hin und her. „Außer, Farlanes Freundin zu sein? Es war bestimmt schwer, nicht mehr als eigenständige Persönlichkeit zu gelten …“

Wie hypnotisiert starrte Ruby auf den Bleistift in Ethans Hand. Sein Verständnis warf sie aus der Bahn. Wieder erwachte der Drang, ihm ihr Herz auszuschütten. Ihm zu sagen, wie unglaublich schwer es ihr gefallen und wie viel schlimmer deswegen Hughs Betrug war.

Sie schluckte die Worte herunter und sah Ethan in die Augen. „Ich möchte lieber nicht über Hugh reden. Das ist viel verlangt, aber ich gebe dir mein Wort, dass du mir vertrauen kannst. Ich werde einwandfreie Arbeit abliefern und dich nicht hängen lassen. Gib mir eine Chance, dich zu überzeugen.“

Dieser Job war genau ihr Ding. Und ihr brennender Wunsch, ihn zu kriegen, hatte nichts zu tun mit dem Mann, der ihn vergab. Kein bisschen.

Ethan legte den Bleistift so entschieden hin, dass Ruby verunsichert war. Hatte sie es vergeigt?

Er musterte sie stumm. Dann blinzelte er kurz, und Ruby hätte schwören mögen, dass sein Lächeln ein wenig bedauernd war. „Okay. Ich stelle dich ein. Probezeit bis zur großen Eröffnung. Danach sehen wir weiter.“

Ruby strahlte erleichtert und eine Spur triumphierend. „Du wirst es nicht bereuen. Vielen Dank.“

„Dank mir noch nicht, Ruby. Ich bin ein strenger Chef und werde dich auf Schritt und Tritt beobachten.“

„Wirst du?“ Super – die Aussicht ließ einen Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch aufflattern.

„Ja. Dieses Projekt ist mir wichtig, deshalb werden du und ich in den nächsten Wochen eng zusammenarbeiten.“

Eng zusammenarbeiten. In Rubys Hirn bekamen die geschäftsmäßigen Worte eine ganz eigene intime Note.

„Ab sofort. Ich fahre heute Nachmittag zum Schloss. Wir treffen uns dort. Wenn du es vorziehst, kann ich dich auch mitnehmen.“

Gesunder Menschenverstand besiegte ihren Instinkt, der darauf beharrte, das Angebot abzulehnen. Einzige Alternative war eine Zugfahrt – mit dem hohen Risiko, erkannt zu werden.

„Eine Mitfahrgelegenheit wäre toll.“ Das stimmte nicht wirklich. Die Vorstellung, auf engem Raum mit ihm eingepfercht zu sein, machte Ruby nervös. „Danke.“

Ethan blickte kurz zu seiner Beifahrerin und gleich wieder geradeaus auf die Straße. Ruby trug jetzt eine dunkle Hose mit einer weißen Bluse, darüber eine braune Jacke mit breitem Gürtel. Nach wie vor wirkte sie wie der Inbegriff einer Geschäftsfrau. Trotzdem juckte es Ethan noch immer in den Fingern, die Nadeln aus ihrem Knoten zu ziehen und über ihre schimmernden schwarzen Haare zu streicheln. Der schwache Duft nach Zimt, der sie umgab, reizte …

Es war echt lästig.

Autor

Nina Milne

Nina Milne hat schon immer davon geträumt, für Harlequin zu schreiben – seit sie als Kind Bibliothekarin spielte mit den Stapeln von Harlequin-Liebesromanen, die ihrer Mutter gehörten.

Auf dem Weg zu diesem Traumziel erlangte Nina einen Abschluss im Studium der englischen Sprache und Literatur, einen Helden ganz für sich allein,...

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