Süße Träume unter Palmen

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Flitterwochen am weißen Strand - mit dem unglaublich attraktiven Bankier Vito di Cavalieri! Eigentlich müsste die süße Ashley glücklich sein, dass dieser begehrte Mann an ihrer Seite ist. Doch Ashley muss ihre Liebe für Vito unterdrücken, denn er hat sie nur geheiratet, damit sie ihm einen Erben schenkt…
  • Erscheinungstag 04.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753948
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Ashley stand auf und ging wieder in der Küche ihrer Schwester auf und ab. Wie lange die anderen nur auf der Wache bleiben mochten? Inzwischen musste der Polizei klar geworden sein, dass sie den Falschen festgenommen hatten. Ihr Bruder war kein Autodieb – oder doch?

Tim war zwar alles andere als ein Engel, aber nicht auf den Kopf gefallen. Er hatte eine viel versprechende Zukunft vor sich und würde bald die Schule beenden. Also warum sollte er versuchen, einen Wagen zu stehlen, zumal er einen eigenen besaß?

Seit zwei Monaten wohnte Tim bei ihrer Schwester, da ihre Eltern in Neuseeland waren, um dort Verwandte zu besuchen. Ashley hatte Verständnis dafür gehabt, dass er nicht bei Susan und Arnold hatte wohnen wollen, denn bei Susan verlief alles nach bestimmten Regeln.

Die große Küche war so steril, dass sie Ashley an einen Operationssaal erinnerte. Sowohl bei sich als auch in ihren vier Wänden achtete Susan peinlich auf Sauberkeit. Am Telefon allerdings war sie fast hysterisch gewesen, soweit das bei einem so zurückhaltenden Menschen wie ihr überhaupt möglich war. Als man Tim vor den Augen der Nachbarn verhaftet hatte, hatte sie die Fassung verloren.

Wenn man gegen Susans strenge Moralvorstellungen verstieß, war man für sie ein Ausgestoßener, wie Ashley aus eigener Erfahrung wusste. Als Susan damals herausgefunden hatte, dass ihre minderjährige Schwester schwanger war, hatte sie sich sofort von ihr abgewandt.

Diese Tatsache brachte Ashley auf den Gedanken, dass Susan ihren Mann nicht zur Wache begleitet hätte, wenn sie Tim für schuldig gehalten hätte.

„Kann ich Ihnen eine Tasse Tee bringen, Miss Forrester?“

Ashley fuhr nervös herum. Auf der Türschwelle stand Mrs. Adams, die rundliche Haushälterin ihrer Schwester. Sie trug einen Morgenrock und fühlte sich sichtlich unwohl.

„Nein, vielen Dank“, erwiderte Ashley leise.

„Haben Sie schon etwas von Tim …?“

„Nein, noch nicht.“

„Er ist so ein … temperamentvoller junger Mann“, bemerkte Mrs. Adams.

Tatsächlich hatte Tim das Temperament seines Vaters geerbt und konnte genauso wütend und aggressiv werden wie dieser. Hunt Forrester hatte sich immer einen Sohn gewünscht und die Geburt seiner Tochter sozusagen als unvermeidlich in Kauf genommen, bis der Stammhalter eintraf. Für ihn mussten Mädchen fügsam sein und sich im Hintergrund halten, doch Ashley hatte diesem Bild nie entsprochen.

Während sie sich gegen ihren Vater aufgelehnt hatte, hatte Susan sich stets angepasst. Mit achtzehn hatte sie Arnold kennen gelernt, der fast zwanzig Jahre älter war als sie und der einzige Mann in ihrem Leben geblieben war. Ashley hatte sich oft gefragt, ob ihre Schwester so schnell geheiratet hatte, um ihrem tyrannischen Vater und der gespannten Atmosphäre zu Hause zu entfliehen.

„Da kommen sie“, sagte Mrs. Adams. „Ich gehe zurück in mein Zimmer, Miss Forrester.“

Ashley fuhr sich nervös mit der Hand durch ihre langen roten Locken und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Susan wusste nicht, dass sie hier war, und würde bestimmt nicht gerade erfreut reagieren. Als Ashley hörte, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde, ging sie in die Eingangshalle und betete im Stillen, dass Tim hereinkommen möge.

Tatsächlich stürmte ihr Bruder, ein schlaksiger Teenager, herein, ohne sie jedoch zu bemerken. Er lief die Treppe hinauf, und kurz darauf wurde im oberen Stockwerk eine Tür zugeknallt. Als Nächstes erschien Arnold. Als er seinen Regenmantel auszog, erstarrte er plötzlich. „Ashley?“

Susan drängte sich an ihm vorbei. Sie war aschfahl und hatte verweinte Augen. „Ashley?“, rief sie schrill.

„Susan …“ Arnold legte ihr beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Halt du dich da raus!“, fuhr sie ihn an. „Ich bin froh, dass sie hier ist. So erfährt sie wenigstens, was sie angerichtet hat.“

„Was ich angerichtet habe?“, wiederholte Ashley ungläubig.

„Ja, es ist alles deine Schuld!“, entgegnete Susan giftig. „Was soll ich Mum und Dad erzählen, wenn sie zurückkommen? Sie haben uns die Verantwortung für Tim übertragen. Wenn Dad von dieser Geschichte erfährt, wird er mir vorwerfen, dass ich dich in Tims Nähe gelassen habe...“ So wütend hatte Ashley ihre Schwester noch nie erlebt. Die ganze Situation erschien ihr merkwürdig unwirklich, denn Susan war normalerweise kühl und sachlich.

„Susan, bitte“, versuchte Ashley einzulenken. „Wovon sprichst du überhaupt? Was habe ich mit der Sache zu tun?“

„Hast du nicht immer deine Finger im Spiel, wenn unsere Familie in Verruf gerät?“, rief Susan aufgebracht. „Weißt du, wessen Wagen er zu Schrott gefahren hat? Und weißt du, warum er es getan hat?“

Benommen machte Ashley sich bewusst, dass Tim tatsächlich schuldig war.

„Unser dummer kleiner Bruder wollte sich an dem Mann rächen, der dich vor vier Jahren hat sitzen lassen.“ Susan war jetzt den Tränen nahe und hielt sich die Hand an die bebenden Lippen. „Er hat seinen Wagen genommen und ist auf seinem Grundstück hin und her gefahren. Der Schaden beläuft sich auf Tausende von Pfund!“ Die Stimme drohte ihr zu versagen. „Er hat ihren verdammten Brunnen kaputtgemacht und ihren Rasen aufgerissen. Dafür wird er wahrscheinlich im Gefängnis landen.“

„Aber das ist unmöglich!“, brachte Ashley hervor.

Als Arnold seine Frau trösten wollte, stieß diese ihn fort und lief nach oben. Wie Tim wenige Minuten zuvor, knallte sie die Tür hinter sich zu. „Sie hasst es, wenn man sie weinen sieht.“ Arnold seufzte und lotste Ashley ins Wohnzimmer. „Am besten, wir lassen sie allein, bis sie sich beruhigt hat.“

Plötzlich wurde ihr schwindlig, so dass sie sich mit beiden Händen auf der Sofalehne abstützen musste. Nein, es war unmöglich. Tim wusste nicht einmal, mit wem sie damals während ihres Studiums zusammen gewesen war. Bestimmt hatte Susan den Kopf verloren und einiges durcheinander gebracht.

„Keiner von uns kann etwas dafür“, sagte Arnold, der an der Bar stand und sich einen Whisky einschenkte. „Der Junge war schon ausgeflippt, bevor er zu uns gekommen ist.“

„Ich kann einfach nicht glauben, dass Tim Vitos Wagen genommen hat.“

Arnold trank einen Schluck Whisky. Er hatte ganz vergessen, Ashley einen Drink anzubieten. „Du hast keine Ahnung, stimmt’s? Aber das ist wohl auch besser so.“

„Arnold!“, drängte Ashley, „Ich muss wissen, was los ist!“

Ihr Schwager atmete tief durch. „Tim geht mit Cavalieris Neffen Pietro in eine Klasse.“

„Davon hat er mir nie etwas erzählt.“

„Bis vor kurzem hatte Tim überhaupt keine Ahnung, dass es eine Verbindung zwischen unserer Familie und dem Cavalieri-Clan gibt. Die beiden Jungen waren sogar gute Freunde. Pietro war derjenige, der mit dem Streit in dem Nachtklub begonnen hat, aber da seine Familie einflussreicher ist als unsere, musste der arme Tim die Sache allein ausbaden …“

„Welcher Streit?“, unterbrach sie ihn.

„Im Frühjahr musste er sich vor dem Friedensgericht verantworten, weil er an einer Schlägerei beteiligt gewesen war.“

„Warum hat mir das keiner erzählt?“

Wieder seufzte Arnold. „Er ist in schlechte Gesellschaft geraten, und nach dieser Geschichte im Nachtklub ist ihm klar geworden, dass man ihn zum Sündenbock gemacht hatte. Seine Freundschaft mit Pietro ist daraufhin abgekühlt. Doch im letzten Monat war er bei Pietro zu einer Party eingeladen. Irgendjemand hat ihn dort als deinen Bruder erkannt. Pietro und Tim hatten sich schon wegen eines Mädchens in den Haaren gelegen. Dann hat Pietro einige abfällige Bemerkungen über deine … Beziehung mit seinem Onkel gemacht, und es kam zu einer Schlägerei.“

Ashley ließ, sich in den nächstbesten Sessel sinken, denn plötzlich war ihr äußerst elend zu Mute.

„Man hat Tim hinausgeworfen“, fuhr er grimmig fort, „aber Pietro und seine Freunde haben ihn in der Schule nicht mehr in Ruhe gelassen. Irgendwann haben sie ihm zu viert aufgelauert und ihn zusammengeschlagen.“

Nur zu gut erinnerte sie sich daran, dass Tim nicht über diesen Vorfall hatte sprechen wollen. Vergeblich hatte sie herauszufinden versucht, was dahinter steckte. Schließlich hatte sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert. Seit mehr als vier Jahren war sie das schwarze Schaf der Familie, und erst seit kurzer Zeit hatte sie wieder ein gutes Verhältnis zu Tim, das sie nicht aufs Spiel setzen wollte.

„Erzähl weiter“, forderte sie ihren Schwager auf.

„Da er uns nicht sagen wollte, warum man ihn zusammengeschlagen hatte, wollten Susan und ich uns an die Schulleitung wenden. Doch da es Tim sicher peinlich gewesen wäre, haben wir beschlossen, einfach abzuwarten. Nun bereue ich diese Entscheidung natürlich.“

„Aber warum hat er uns nichts von alldem erzählt?“ Ashley war zu schockiert, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

„Du musst das Ganze einmal nüchtern betrachten“, erklärte Arnold. „Meiner Meinung nach hat der Entschluss deines Vaters, dich aus der Familie auszuschließen, alle sehr belastet – besonders deine Mutter und Tim …“

Sie hatte das Gefühl, alles würde vor ihren Augen verschwimmen. „Tim hängt sehr an dir, und zu uns hatte er nicht genug Vertrauen.“ Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach. „Und so sehr ich Susan liebe, finde ich es lächerlich, dass sie nach zwölf Jahren Ehe immer noch um die Gunst ihres Vaters buhlt. Sie schließt dich aus ihrem Leben aus, nur weil er es von ihr verlangt.“

Obwohl auch Susan unter ihrem Vater gelitten hatte, ging sie anders damit um. Plötzlich hatte Ashley den Geschmack von Blut im Mund. Ohne es zu merken, hatte sie sich auf die Zunge gebissen. „Es tut mir leid“, flüsterte sie.

„Das braucht es nicht“, versicherte Arnold. „Es war Tims persönlicher Rachefeldzug. Er ist auf dem Anwesen der Cavalieri eingedrungen und hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Man hat ihn zwar nicht erwischt, aber dabei beobachtet.“

Ashley fühlte sich noch elender, Ihretwegen hatte man Tim gedemütigt und zu seiner Tat provoziert. „Wird man ihn anklagen?“

„Natürlich. Die Cavalieri besitzen eines der größten Bankhäuser in Europa. So leicht wird er nicht davonkommen, doch das hat er sich selbst zuzuschreiben.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“ Inzwischen hatte sie die Fassung wiedergewonnen und sprang auf. „Er hat mich in Schutz genommen und muss nun dafür zahlen.“ Die Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Wir werden ihm den besten Verteidiger besorgen, den wir uns leisten können“, erwiderte ihr Schwager steif. „Aber eigentlich sollte dein Vater auf der Anklagebank sitzen, weil er Tim nicht richtig erzogen hat...“

„Ich gehe jetzt zu ihm“, erklärte Ashley.

Tim saß mit gesenktem Kopf am Fußende seines Betts, die Hände zwischen den Beinen. „Ich wusste gar nicht, dass du hier bist“, sagte er, ohne aufzublicken. „Dann habe ich deine Stimme von unten gehört...“

„Arnold hat mir alles erzählt.“ Sie lehnte sich gegen die Tür. „Warum, Tim? Vito hat dir nie etwas getan …“

Ruckartig hob er den Kopf. „Ach nein? Und was ist mit dir?“, erkundigte er sich bitter. „Er hat dein Leben ruiniert. Du musstest die Uni verlassen und darfst dein Elternhaus nicht mehr betreten. Seinetwegen lebst du in einem möblierten Zimmer und hast einen Job, der unter deinem Niveau ist.“

Seine bitteren Worte trafen sie wie Messerstiche.

„Und dieser vulgäre Pietro macht Bemerkungen über dich, als hätte sein Onkel etwas getan, worauf er stolz sein könnte“, fuhr er fort.

„Du weißt doch gar nicht, was zwischen Vito und mir gewesen ist“, meinte Ashley zögernd.

„Du warst damals neunzehn und er achtundzwanzig!“, brauste Tim auf... „Das sagt alles.“

„Es hat mit uns einfach nicht funktioniert.“

„Er hat dich fallen lassen, als du schwanger warst, und dann eine andere geheiratet“, entgegnete er.

Die Erinnerung an das Kind, das sie schließlich verloren hatte, erfüllte sie mit Schmerz. „Nein, so war es nicht“, flüsterte Ashley. „Er wusste gar nicht, dass ich schwanger war. Zu dem Zeitpunkt, als wir uns getrennt haben, wusste ich es selbst noch nicht. Ich habe es ihm nie erzählt. Wozu auch? Er war ja verheiratet.“

Ihr Bruder blickte sie ungläubig an. „Das kann nicht sein. Er hat dich sitzen lassen und dich benutzt. Er muss von dem Kind gewusst haben... Er muss …“

„Weiß Pietro davon?“

„Nein, aber …“

„Vito hatte keine Ahnung.“ Nun wünschte sie, Tim die ganze Geschichte erzählt zu haben. Doch es gab Dinge, über die man lieber nicht sprach – Dinge, die man einem Jungen im Teenageralter nicht erklären konnte, der seine Schwester unbedingt als Opfer sehen wollte. Und Tims Worte hatten bestätigt, dass er sie hatte rächen wollen.

„Zerbrich dir nicht den Kopf“, sagte sie leise. „Vielleicht wendet sich alles zum Guten.“

„Ich bin kein Kind mehr“, widersprach ihr Bruder. „Ich habe alles vermasselt. Im Pub musste ich ständig daran denken, was sie dir und mir angetan haben. Ich … ich habe einfach rot gesehen, verstehst du?“

Ashley verstand nur zu gut, denn Tim und sie waren sich sehr ähnlich. Zu ihrem Leidwesen hatten sie beide das überschäumende Temperament ihres Vaters geerbt.

Als Ashley nach unten ging, erwartete Arnold sie am Fuß der Treppe.

„Ich bringe dich nach Hause.“

„Das ist nicht nötig.“

Er legte ihr die Jacke über die Schultern. „Komm schon. Ich brauche etwas frische Luft.“

Sie musste ihm den Weg beschreiben, und er fragte sie lediglich, wie sie mit ihrem Fernstudium vorankam. Ansonsten schwiegen sie während der Fahrt, da sie beide ihren Gedanken nachhingen.

Ashley wusste, was zu tun war: Sie musste Vito sehen. Er musste sie wenigstens anhören, und wenn es erforderlich war, würde sie sogar ihren Stolz vergessen und vor ihm zu Kreuze kriechen. Wenn es um Tims Freiheit und den Seelenfrieden ihrer Mutter ging, war ihr kein Opfer zu groß.

Erst als sie sich später ins Bett legte, wurde ihr das ganze Ausmaß dessen bewusst, was sie an diesem Abend erfahren hatte. Verzweifelt fragte sie sich, wie oft sie noch für ihren Fehler bezahlen musste, sich in den Falschen verliebt zu haben.

Ihre Mutter hatte denselben Fehler begangen. Sylvia Forrester war allerdings keine starke Persönlichkeit, sondern ruhig und sanft. Nach etwa dreißig Jahren Ehe mit einem wahren Tyrannen war sie zu einer zurückhaltenden Frau geworden, die es nie gewagt hätte, ihren Mann zu verärgern. Sie hatte bereits einen Nervenzusammenbruch gehabt.

Mit achtzehn war Ashley stolz auf ihre Fähigkeit gewesen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu haben. Ihr Lebensweg war bereits vorgezeichnet. Nach einem exzellenten Universitätsabschluss sollte sie im Handumdrehen Karriere in der Geschäftswelt machen. Dieser Traum platzte jedoch bereits in ihrem ersten Studienjahr.

Fünf verrückte Monate lang verlor sie ihre Ziele aus den Augen und verdrängte alles, was ihre Eltern ihr eingebläut hatten. Zu allem Überfluss glaubte sie auch noch, zu wissen, was sie tat.

Ihre Beziehung zu Vito war etwas Verbotenes, Gefährliches, etwas, das sie nicht mehr unter Kontrolle hatte. Vorher hatte sie, Ashley, sich ihrer Selbstdisziplin gerühmt, und Männer waren in ihren Zukunftsplänen gar nicht vorgesehen. Erst wenn sie mindestens dreißig war und Karriere gemacht hatte, wollte sie einem Mann einen Platz in ihrem erfüllten Leben einräumen. Dieser Partner musste sich damit begnügen, nur eine untergeordnete Rolle zu spielen …

Doch das Schicksal brachte sie mit Vito zusammen, einem Mann, der ihren Idealvorstellungen in keinster Weise entsprach. Sobald er sie dort hatte, wo er sie hatte haben wollen, versuchte er, einen anderen Menschen aus ihr zu machen. Allmählich untergrub er ihr Selbstbewusstsein, indem er sie ständig kritisierte. Zum Glück war sie rechtzeitig zur Besinnung gekommen.

Eines Tages hätte sie vielleicht in den Spiegel geschaut und darin ihre Mutter erblickt. Für Ashley hätte es nichts Schlimmeres geben können, als mit Vito di Cavalieri verheiratet zu sein.

„Es hat keinen Sinn, noch länger zu warten.“ Die Empfangsdame blickte Ashley verärgert an. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Mr. di Cavalieri nicht zu sprechen ist. Wenn er sich in London aufhält, ist er immer sehr beschäftigt.“

Doch Ashley musste mit ihm sprechen. Er wusste, warum sie hier war, und er würde ihre Gründe verstehen, denn er hatte einen ausgeprägten Familiensinn. Nachdem sie sich in der Kindertagesstätte, in der sie als Assistentin arbeitete, krankgemeldet hatte, hatte sie die Cavalieri-Bank pünktlich zu Beginn der Bürozeit betreten. Jetzt, zwei Stunden später, befand sie sich noch immer im Erdgeschoss des zwanzig Stockwerke hohen Gebäudes. Vermutlich würde Vito ihr nicht einmal fünf Minuten seiner Zeit widmen.

Das Ambiente war exklusiv und elegant, und sogar die Rezeptionistin strahlte die Überlegenheit aus, die Erfolg für gewöhnlich mit sich brachte. Ashley errötete unwillkürlich, als sie daran dachte, dass sie dieses Gebäude vier Jahre zuvor in Jeans und T-Shirt betreten hätte.

Damals war sie so selbstbewusst gewesen, dass es sie nicht gestört hätte, schäbig und deplatziert zu wirken. Doch mit ihren Träumen war auch ihr Selbstvertrauen zerstört worden.

Vito würde sie also nicht empfangen. Obwohl sie sich damals im Hass getrennt hatten, hatte Ashley erwartet, dass er sich jetzt vernünftig verhalten würde.

„Miss Forrester?“, meldete sich die Empfangsdame zu Wort. „In einer Stunde hat Mr. di Cavalieri vielleicht Zeit für Sie. Seine Sekretärin will versuchen, Sie vor dem Mittagessen dazwischenzuschieben.“

„Wie freundlich von ihr“, entgegnete Ashley scharf.

„Sie können im obersten Stockwerk warten“, lautete die kühle Antwort.

Das oberste Stockwerk war noch luxuriöser eingerichtet, und die elegante Brünette am Empfangstresen musterte Ashley verstohlen. Die weite Khakijacke und die Baumwollhose waren das schickste Outfit, das Ashley besaß, und ihr Haar fiel ihr wie immer über die Schultern. Sie fühlte sich alles andere als wohl in ihrer Haut.

Nachdem sie eine weitere Stunde gewartet hatte, war sie ein einziges Nervenbündel und hatte alle einleitenden Worte vergessen, die sie sich vorher zurechtgelegt hatte. Sie war überzeugt, dass Vito sie bewusst warten ließ.

„Mr. di Cavalieri ist jetzt bereit, Sie zu empfangen.“ Eine Frau mittleren Alters erschien am Ende des Flurs, und Ashley stand nervös auf... „Leider hat er nur zehn Minuten Zeit für Sie.“

Sie hatte also zehn Minuten, um Tims Fall einem Mann vorzutragen, der sie nicht nur verabscheute, sondern der es bereits als Verbrechen betrachtete, wenn man Bonbonpapier auf dem Gehweg fallen ließ. Doch zehn Minuten waren besser als gar nichts, wenn sie bedachte, wie nachtragend Vito war.

Durch eine Flügeltür betrat sie das riesige Büro, das mit einem dicken Teppich ausgelegt war und in dem ein Schreibtisch mit Computern und mehreren Telefonen stand. Die Umgebung wirkte überaus einschüchternd, und Ashley fühlte sich unnötigerweise daran erinnert, dass sie sich jetzt in Vitos Refugium befand. Hoffentlich erinnerte er sich nicht so genau wie sie an ihre letzte Begegnung …

Nun erblickte sie Vito. Er war groß und dunkelhaarig und wirkte noch attraktiver als damals. Doch sein eleganter Anzug, seine vollendeten Manieren und sein höfliches Lächeln waren nur Fassade und täuschten über sein leidenschaftliches Naturell und seine Arroganz hinweg.

„Danke, dass du mich empfängst.“ So hatte sie eigentlich nicht beginnen wollen, und ihre Worte klangen ausgesprochen unterwürfig in ihren eigenen Ohren.

2. KAPITEL

„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber bitte fasse dich kurz.“ Vito wies auf den Stuhl, der gegenüber von seinem Schreibtisch stand.

„Ich werde es so kurz wie möglich machen“, erwiderte Ashley und setzte sich.

Er zog spöttisch die Brauen hoch. „Ich möchte nicht, dass du mich im Auftrag deines Bruders um Nachsicht bittest.“

In diesem Moment klingelte das Telefon, und er nahm ungeduldig den Hörer ab. Sie nutzte die Gelegenheit, um ihn zu betrachten. Er war unglaublich attraktiv, denn er hatte markante Züge, eine kühn geschwungene Nase und einen sinnlichen Mund. Das Auffälligste waren jedoch seine goldbraunen Augen, deren Farbe sich entsprechend seiner Stimmung veränderte.

Erschrocken stellte Ashley fest, dass er noch immer eine intensive sexuelle Ausstrahlung hatte, der sie sich nicht entziehen konnte. Sie zwang sich, den Blick von ihm zu wenden, und schaute auf ihre Hände...

Ihr Körper wurde von Hitzewellen durchflutet, und sie war schockiert über ihre heftige Reaktion. Doch dann stieg Zorn in ihr auf, und sobald Vito aufgelegt und sich für die Unterbrechung entschuldigt hatte, ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf.

„Du möchtest, dass ich vor dir auf die Knie falle, stimmt’s?“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, hätte sie sich auf die Zunge beißen mögen.

Gelassen lehnte er sich in seinem Drehstuhl zurück und musterte ihr erhitztes Gesicht. „Warum bist du gekommen?“, erkundigte er sich höflich.

„Ich möchte mit dir über Tim reden. Du weißt vielleicht nichts davon, aber dein Neffe …“‘

„Dass er dich beleidigt hat, war ein bedauerlicher Vorfall.“ Unwillkürlich versteifte sie sich. „Bedauerlich?“

„Sie haben ihren Streit mit Fäusten ausgetragen, und Tim hat Pietro zwei Zähne ausgeschlagen. Allerdings sehe ich keine Verbindung zwischen dem Vorfall und dem Eindringen deines Bruders auf meinem Grundstück.“

„Ach nein?“, entgegnete sie. „Letzten Monat wurde Tim in der Nähe der Schule von vier Jungen zusammengeschlagen. Einer davon war dein Neffe.“

„Wann genau war das?“

Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, nannte sie ihm das Datum.

„An dem Tag war Pietro auf der Hochzeit seines Cousins in Rom“, erklärte Vito trocken.

Energisch hob sie das Kinn. „Wenn er nicht dabei war, hat er das Ganze angezettelt.“

Er betrachtete sie kühl. „Pietro hätte so etwas Feiges nie getan. Solange du keine Beweise für deine Anschuldigungen hast, rate ich dir, nicht mehr darüber zu sprechen.“

Ashley ärgerte sich darüber, dass sie keine Einzelheiten über den Vorfall wusste. Sie spürte, wie sie errötete. Dass sie ihre Worte ungeschickt gewählt hatte, brauchte er ihr nicht zu sagen. Bereits als sie sein Büro betreten hatte, hatte sie sich überaus verwundbar gefühlt. Wenn sie sich bedroht fühlte, ging sie in die Offensive, und wenn Vito sie früher empfangen hätte, hätte sie sich zusammengerissen. Doch er hatte sie bewusst warten lassen und sie damit schon aus der Fassung gebracht, bevor sie ihm gegenübergetreten war.

„Ich war … ich bin sehr bestürzt“, begann sie. „Wegen der bevorstehenden Abschlussprüfungen hat Tim in letzter Zeit sehr unter Druck gestanden. Ich wollte dir nur erklären, was in ihm vorgeht.“

„Das interessiert mich nicht im Geringsten“, entgegnete er ungerührt. „Er sollte alt genug sein, um die Verantwortung für sein Verhalten selbst zu übernehmen.“

Nun war die Gelegenheit gekommen, Vito zu sagen, warum Tim derart übertrieben auf Pietros Sticheleien reagiert hatte und welche Folgen das Ende ihrer Beziehung für sie, Ashley, gehabt hatte. Aber wie sollte sie ausgerechnet Vito von ihrer Schwangerschaft erzählen? Sie hatte so darunter gelitten, dass sie noch nie mit jemandem darüber gesprochen hatte.

In einem schwachen Moment hatte sie sich damals Susan anvertraut, in der Hoffnung, dass diese es für sich behalten würde. Susan hingegen redete mit Arnold darüber, und ihr Vater hörte alles mit an.

Hunt Forrester brüstete sich stets mit seinen strengen Erziehungsmethoden und verurteilte die Eltern, die ihren Kindern größere Freiheiten ließen. Er war der Meinung, dass seine Kinder nicht so leicht in Schwierigkeiten geraten würden wie andere.

Als er von Ashleys Schwangerschaft erfuhr, war er außer sich vor Wut. Aus Furcht, vor seinen Geschäftspartnern das Gesicht zu verlieren, wenn es bekannt wurde, hatte er seine Tochter verstoßen. Die Tatsache, dass der Vater des Kindes inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet war, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.

Im vierten Monat hatte Ashley eine Fehlgeburt gehabt, und fast ihre gesamte Familie hatte angenommen, sie hätte sich für eine Abtreibung entschieden. Nein, sie konnte es Vito auf keinen Fall erzählen. Er liebte Kinder über alles, und sie hatte oft mit ihm über das Selbstbestimmungsrecht der Frau diskutiert. Daher würde er ihr genauso wenig glauben, und wenn er auch nur einen Moment annahm, sie hätte das Kind abtreiben lassen, würde er sie noch mehr verachten.

„Tim ist erst achtzehn“, versuchte sie es erneut. „Und ich fühle mich mitverantwortlich für sein Verhalten. Er weiß nicht, was zwischen uns vorgefallen ist, und hat falsche Schlüsse gezogen. Erst jetzt ist mir klar geworden, was in ihm vorgegangen sein muss …“

Vito antwortete nicht. Lässig saß er da und strahlte unerschütterliche Selbstsicherheit aus. Nervös umklammerte sie ihre Handtasche, die sie auf dem Schoß hielt. „Ich will ihn nicht in Schutz nehmen …“

„Genau das tust du aber“, unterbrach er sie.

„Wenn Tim zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, ist sein Leben zerstört. Er hat einfach den Kopf verloren, und es tut ihm leid...“

Er schaute sie unverwandt an. „Und warum ist er dann nicht selbst gekommen?“

„Er hat keine Ahnung, dass ich hier bin“, sagte sie unsicher. „Außerdem würdest du ihn wahrscheinlich verhaften lassen, wenn er sich diesem Gebäude auch nur nähern würde.“

„Ich hatte ganz vergessen, wie clever du sein kannst“, bemerkte Vito anerkennend. „Aber glaubst du, dein Bruder hätte gebremst, wenn ich oder jemand anders aus der Familie ihm in den Weg getreten wäre?“

Asley zuckte zusammen: „Warum musst du alles noch schlimmer machen? Tim hat doch nicht versucht, jemanden umzubringen. Er war angetrunken, und als ihm klar wurde, was er getan hatte, war es bereits zu spät.“

„Wer gegen das Gesetz verstößt, sollte bestraft werden. Man tut deinem Bruder keinen Gefallen, wenn man ihn jetzt schont.“

„Es war nur dein verdammter Wagen, Vito!“, rief sie aufgebracht. „Einen Teenager ins Gefängnis zu schicken, weil er einen Wagen zu Schrott gefahren und einen Brunnen kaputtgemacht hat, ist eine viel zu harte Strafe.“

„Für die erste Straftat wird er nicht gleich ins Gefängnis geschickt.“

„Aber es ist nicht seine erste …“ Entsetzt verstummte sie.

„Dann brauche ich ja kein schlechtes Gewissen zu haben“, meinte er. „Wenn Tim schon einmal gegen das Gesetz verstoßen hat, hat er es nicht besser verdient. Offenbar hat er aus seinen bisherigen Erfahrungen nicht gelernt.“

Ashley verspannte sich zusehends. Sie hatte Vito aufgesucht, um Tim zu helfen, doch bisher hatte sie ihn lediglich wütender gemacht. „Bist du Tim je begegnet?“, erkundigte sie sich.

Autor

Lynne Graham
Lynne Graham ist eine populäre Autorin aus Nord-Irland. Seit 1987 hat sie über 60 Romances geschrieben, die auf vielen Bestseller-Listen stehen.

Bereits im Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Liebesroman, leider wurde er abgelehnt. Nachdem sie wegen ihres Babys zu Hause blieb, begann sie erneut mit dem...
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