Verbotene Nächte in deinen Armen

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Das muss aufhören! Wieder einmal erwacht Imogen schweißgebadet und erregt - weil sie von ihrem neuen sexy Boss geträumt hat. Und das alles andere als jugendfrei! Dabei weiß sie doch, dass Joe McIntyre eiserne Regeln hat: Er bindet sich nicht, er vermischt niemals Geschäftliches mit dem Privatleben und er blickt nach einer Affäre nicht zurück. Er ist also absolut kein Mann für sie! Mit ihm wird sie sich nicht Hals über Kopf in ein kurzes erotisches Abenteuer stürzen - auch wenn sich Imogen danach sehnt, ihre Fantasien endlich heiße Wirklichkeit werden zu lassen …


  • Erscheinungstag 02.02.2016
  • Bandnummer 0003
  • ISBN / Artikelnummer 9783733702366
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Liebes Tagebuch,

in meinem Leben geht es gerade alles andere als rosig zu. Zuerst einmal kann es gut sein, dass Joe McIntyre mich feuert. Er ist vorübergehend mein Chef, und was alles noch schlimmer macht, ist, dass er neuerdings in meinen Träumen auftaucht. Nackt.

Gestern Nacht war es besonders erotisch. Ich werde nicht ins Detail gehen, aber wir waren im Büro und es kamen mehrere Stellungen vor … und unterschiedliche Büromöbel, unter anderem ein gläserner Schreibtisch und ein roter Drehsessel …

Ich weiß, dass das total unangemessen und unprofessionell ist, aber zu meiner Verteidigung muss ich anmerken, dass er großartig aussieht. Er hat strubbeliges, dunkelbraunes Haar, und seine Augen sind zartbitterschokoladenbraun. Seine Nase ist markant, aber nicht zu groß, sein Gesicht schmal und gut geschnitten mit einem kantigen Kinn. Und dann erst sein Körper …

Das Problem ist nur – so toll ich den Mann in meinen Träumen finde, der echte John McIntyre ist ein knallharter Geschäftsmann. Man hat ihn damit betraut, Langley Interior Design zu restrukturieren, und wir müssen alle um unsere Arbeitsplätze fürchten. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass er mich schon morgen rauswirft – vor allem, nachdem ich mir kürzlich diesen Patzer erlaubt habe.

Doch das darf nicht sein. Es geht nicht, dass ich jetzt obendrein noch meinen Job verliere. Schlimm genug, dass ich keine Wohnung mehr habe, weil mich Steve, mit dem ich drei Jahre zusammen gewesen bin, aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hat, nachdem er mich wegen Simone, seiner Ex, verlassen hat. Weshalb ich momentan bei meiner besten Freundin Mel wohne. Aber obwohl ich sie liebe wie die Schwester, die ich nie gehabt habe, kann ich nicht ewig auf ihrem Bettsofa schlafen. Ich habe Liebeskummer. Steve war genau so, wie ich mir meinen Traummann vorgestellt hatte. Ich dachte, es sei für immer. Dann bin ich auch noch pleite – mein letztes Geld habe ich für die Reise ausgegeben, die ich mit Steve machen wollte. Und nun fährt er mit Simone. Unfassbar. Welch eine Demütigung! Kein Wunder, dass ich da seltsames Zeug träume. Mein wahres Leben ist unerträglich.

1. KAPITEL

Joe McIntyre lehnte sich zurück und nahm den Lebenslauf von dem gläsernen Schreibtisch.

Imogen Lorrimer. Seit fünf Jahren Peter Langleys Sekretärin.

Imogen Lorrimer mit dem rabenschwarzen Haar und den großen graublauen Augen.

Niemals Arbeit und Vergnügen miteinander vermischen. Das gehörte zu seinen unumstößlichen Grundsätzen. Genau wie ‚niemals mehr als eine Nacht‘ und ‚niemals zurückblicken‘.

Seufzend wandte Joe sich seinem Laptop zu. Schon wieder eine E-Mail von Leila. Wenn er nur wüsste, wie er mit seiner Ex umgehen sollte! Noch immer hatte er ihr gegenüber ein so schlechtes Gewissen, dass er versprochen hatte, zu ihrer Hochzeit zu kommen. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, über dieses leidige Thema nachzudenken; er musste sich auf das bevorstehende Gespräch konzentrieren.

Imogen Lorrimer war ihm gleich aufgefallen, als sie vorgestern den Konferenzsaal betreten hatte, in dem er die Besetzung von Langley zu einem ersten Treffen zusammengerufen hatte. Als sie Platz genommen und zu ihm aufgesehen hatte, war er sofort von ihren großen graublauen Augen unter dem schwarzen Pony eingenommen gewesen. Einen Moment lang hatte er im Sprechen innegehalten, so sehr hatten ihn diese Augen gefangen genommen.

Anschließend war er ihr mehrere Male im Korridor begegnet, aber sie war mit gesenktem Kopf an ihm vorbeigelaufen und hatte jeden weiteren Blickkontakt mit ihm geflissentlich vermieden.

Doch er war es gewohnt, dass er die Menschen um sich herum nervös machte. Den Leuten war klar, dass er sie als Interim-Manager feuern konnte. Was er, wenn nötig, auch tat – wie heute Morgen zum Beispiel. Und wenn es gut für Langley Interior Design wäre, Imogen Langley zu feuern, dann würde er auch das tun. Ganz egal, wie attraktiv er sie fand.

Genau in diesem Moment klopfte es an der Tür; Joe sah auf. Es ärgerte ihn, dass er sich innerlich für die Begegnung wappnete. Imogen Lorrimer war nichts weiter als eine Angestellte, die er beurteilen musste.

Als sie einen Moment lang zögernd im Türrahmen stehen blieb, beschleunigte sich unwillkürlich sein Puls.

Wie erbärmlich von ihm! Mit dem perfekt geschnittenen dunkelblauen Kostüm und dem zu einem strengen Dutt frisierten dunklen Haar sah sie höchst professionell aus. Da war es doch das Mindeste, dass er wenigstens so tat, als wäre er ebenso professionell. Weshalb er aufhören musste, sie anzugaffen.

„Herein.“ Er erhob sich.

„Mr McIntyre“, sagte sie ein wenig angespannt.

„Sagen Sie ruhig Joe zu mir.“ Er setzte sich wieder und wies mit dem Kinn auf den Sessel ihm gegenüber. „Nehmen Sie Platz.“

Eigentlich wohl eine eher leicht zu befolgende Anweisung – sollte man denken. Doch Imogen zuckte zusammen, sah den roten Drehsessel an, dann Joe und dann wieder den Sessel. Sie gab einen erstickten Laut von sich und versuchte, diesen hinter einem gekünstelten Hüsteln zu verbergen.

Joe rieb sich den Nacken und betrachtete den offenbar hypnotisch wirkenden Sessel. Ein stylishes Modell aus rotem Leder, funktional, bequem und auffällig – eben wie man es im Büro eines Innenarchitekten erwarten würde.

Aber eben nur ein Sessel.

Und doch starrte Imogen unverwandt darauf. Ihre Wangen hatten mittlerweile dieselbe Farbe wie das Leder.

Als Joe anfing, ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln, schien sie sich zu fangen.

Sie sah den Schreibtisch an, schloss die Augen, als bereite ihr etwas Schmerzen, und atmete tief ein.

„Gibt es ein Problem?“, fragte er. „Stimmt etwas nicht mit dem Sessel?“

„Nein, alles in Ordnung. Entschuldigung“, erwiderte sie, setzte sich und faltete die Hände im Schoß.

„Wenn es nicht der Stuhl ist, muss es wohl an mir liegen“, sagte er. „Ich verstehe, wenn Sie ein wenig nervös sind. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich beiße nicht.“

Sie sah ihn mit ihren großen blaugrauen Augen an und hielt sich an den Armlehnen des Sessels fest, als handele es sich um einen Achterbahnwagen. „Gut zu wissen“, antwortete sie. „Entschuldigung. Normalerweise bin ich nicht so nervös. Es ist nur so, dass … na ja … also …“ Sie kniff die glänzenden Lippen zusammen und schloss die Augen.

Joes Gereiztheit nahm zu. Das hier war die Frau, die Peter Langley als ‚eine Stütze des Unternehmens‘ bezeichnet hatte? Kein Wunder, dass der Laden nicht lief! Vielleicht war es das Beste, dieses Gespräch auf der Stelle zu beenden.

Als er den Mund öffnete, um genau das zu tun, öffnete sie die Augen, wand sich auf ihrem Stuhl und …

… ein Bild schoss ihm durch den Kopf – ein Bild von Imogen Lorrimer, die sich erhob, sich aus ihrem dunkelblauen Rock schälte, das Jackett auszog und langsam ihre weiße Bluse aufknöpfte. Und dann ihr dunkles Haar löste, um es über ihre Schultern fallen zu lassen, bevor sie sich wieder auf den verdammten roten Sessel setzte und die Beine übereinanderschlug.

Ein heiserer Laut entrang sich seiner Kehle. Wo um alles in der Welt kamen diese Fantasien auf einmal her?

Höchste Zeit, dass er sich und dieses Gespräch wieder in den Griff bekam. Als sie seufzte, sah er einem Moment lang ihren Mund an. Das hier ging gar nicht. Die Regel ‚Nie Berufliches und Vergnügen miteinander vermischen‘ war nicht verhandelbar. Seine beruflichen Grundsätze waren ihm heilig – allein der Gedanke, seinen Ruf aufs Spiel zu setzen und sein Unternehmen zu ruinieren, wie sein Vater es getan hatte, machte ihn wild.

Also musste er die Anziehung, die Imogen Lorrimer auf ihn ausübte, ignorieren. Er brauchte dringend eine kalte Dusche oder eine wilde Nacht. Natürlich war ihm Letzteres lieber – aber nicht mit einer Frau, mit der er geschäftlich zu tun hatte.

Aber vorerst musste er sich auf seine beruflichen Angelegenheiten konzentrieren.

Was hatte Imogen als Letztes gesagt? „Es ist nur – wie?“, knurrte er.

Imogen biss sich auf die Unterlippe. Sie hätte sich ohrfeigen können.

Sie musste ihre Stelle behalten. Nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch, um alles zu tun, was in ihrer Macht stand, um zu verhindern, dass dieser Mann Langley komplett dichtmachte.

Peter und Harry Langley waren immer mehr als gut zu ihr gewesen. Es war das Mindeste, dafür zu sorgen, dass dieser Typ die Firma der beiden nicht abwickelte, anstatt hier herumzudrucksen, weil sie in der vergangenen Nacht von Joe McIntyre geträumt hatte.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und versuchte zu lächeln.

Als sie in seine braunen Augen blickte, meinte sie einen Moment, etwas darin zu sehen – ein gewisses Funkeln, eine Art Interesse, das ihre Haut kribbeln ließ. Sein Blick war wie der, den der Joe aus ihrem Traum so gut draufhatte. Aber es dauerte nur eine Sekunde. Dann sah er sie wieder leicht gereizt und mit gerunzelter Stirn an.

Sie straffte ihre Schultern und zwang sich, ihm fest in die Augen zu sehen. „Entschuldigung, Joe. Die letzten Wochen waren ein bisschen viel. Meine Nerven sind wohl etwas mit mir durchgegangen. Jetzt ist alles wieder in Ordnung, und ich würde mich sehr freuen, wenn wir noch einmal von vorn beginnen könnten.“

„Einverstanden“, sagte er und wies auf ihren Lebenslauf. „Sie sind seit fünf Jahren Peters Sekretärin. Er hat eine sehr hohe Meinung von Ihnen, darum verstehe ich Ihre Nervosität nicht.“

Da Joe schon seit zwei Tagen in der Firma war, wusste er sicher bereits von ihrem Patzer. Also wurde es Zeit, dass sie damit herausrückte. „Sie haben sicher von dem Anderson-Projekt gehört, Joe?“

„Ja, habe ich.“

„Dann wissen Sie auch, dass ich einen Riesenfehler gemacht habe.“ Beim bloßen Gedanken daran wurde ihr ganz flau im Magen. „Ich habe den falschen Stoff bestellt. Unmengen. Und ich habe es nicht gemerkt. Also ist der Stoff verwendet worden, und der Kunde hatte hinterher Gardinen und Überwürfe in dieser fiesen Senffarbe anstatt in dem Goldton, den er sich ausgesucht hatte. Es war schrecklich. Noch schlimmer als …“ Sie kniff die Lippen zusammen.

Er sah ihren Mund an, in ihrem Bauch begann es zu kribbeln. „Noch schlimmer als was?“

Toll gemacht, Imogen. Jetzt dachte er natürlich, dass sie eine ganze Spur der Verwüstung hinter sich herzog.

Als sie energisch den Kopf schüttelte, lösten sich ein paar Strähnen aus ihrem Dutt. „Unwichtig. Es hat nichts mit der Arbeit zu tun. Eine Geschichte aus Kindertagen.“

Joe sah sie skeptisch an. „Wollen Sie mir damit sagen, Imogen, dass Sie in Ihrer Kindheit irgendetwas angestellt haben, was mit dieser Fehlbestellung vergleichbar ist?“

Er glaubte ihr nicht. „Ja“, antwortete sie und unterdrückte einen Seufzer, als ihr klar wurde, dass sie ihm nun erzählen musste, was damals passiert war, wenn er nicht glauben sollte, dass sie eine Vollnull war. „Ich war zehn und bin mit einem äußerst schlechten Zeugnis nach Hause gekommen. Ich habe meiner Mutter das ganze Halbjahr lang vorgemacht, dass ich gut sei. Ja, ich habe sogar selbst fest daran geglaubt. Als sich dann rausgestellt hat, dass das nicht der Fall ist, war ich fast so entsetzt wie meine Mutter.“

Nie würde sie die tiefe Enttäuschung vergessen, die sich im Gesicht Eva Lorrimers gezeigt hatte. „Jedenfalls …“ Imogen strich sich über die Schläfe, wie um die Erinnerung wegzuwischen. „… jedenfalls habe ich mich genauso leer und kraftlos gefühlt, als ich das Senfdebakel gesehen habe.“

Joe musterte sie mit seinen braunen Augen, doch sie konnte seinen Blick nicht deuten. Wahrscheinlich hielt er sie für komplett bescheuert.

„Aber so ein Fehler wie bei dem Andersen-Projekt ist mir zum ersten Mal unterlaufen, und ich kann Ihnen versichern, dass es auch das letzte Mal war.“ Die Sache mit der Stoffbestellung war just an dem Tag passiert, nachdem Steve sie aus der gemeinsamen Wohnung gejagt hatte, damit seine Exfreundin wieder einziehen konnte. Tief erschüttert und verletzt hatte sie sich zur Arbeit geschleppt. Nicht, dass sie vorhatte, Joe davon zu erzählen. Es war zu vermuten, dass er von Leuten, die ihre Privatprobleme mit zur Arbeit brachten, nichts wissen wollte.

Ihr war ganz flau im Magen vor Angst. Die Langleys würden nicht wollen, dass Joe sie feuerte. Doch Peter hatte gerade einen Zusammenbruch erlitten, und Harry war nach seinem Herzinfarkt zwar wieder außer Lebensgefahr, aber immer noch auf der Intensivstation. Keiner von beiden hatte jetzt den Kopf dafür, sich um Imogen zu kümmern.

„Ich mache meine Arbeit gut“, sagte sie ruhig. „Und ich werde tun, was ich kann, damit hier alles rund läuft, bis Peter und Harry zurück sind. „Selbst wenn sie sich dafür mit dem Mann, der gerade vor ihr saß, anlegen musste.“

Einen Moment lang senkte er stirnrunzelnd den Blick, dann nickte er. „Ich werd’ es mir merken“, sagte er. „Also weiter. Ich habe eine Auflistung der laufenden Projekte und aktuellen Termine von Peter bekommen.“ Er reichte ihr ein Blatt. „Allerdings war er sich anscheinend nicht ganz sicher, ob sie vollständig ist, und er hat mich gebeten, Sie einmal drübersehen zu lassen.“

Imogen sah die Liste an und versuchte, sich auf die Buchstaben darauf zu konzentrieren anstatt auf Joes Hand. Diese Hand, die im Traum so wundervolle Dinge mit ihr angestellt hatte.

Sie schüttelte den Gedanken ab und nahm das Blatt. „Ich werde es mit meinem Kalender gegenchecken.“ Sie bückte sich nach ihrer Aktentasche – und zog die Brauen zusammen. War der sonderbare erstickte Laut von Joe gekommen? Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie, dass seine Wangen leicht gerötet waren.

Konzentrier dich! Imogen sah die Liste und dann ihren Kalender an. „Das Einzige, was hier fehlt, ist die Verleihung des Preises für Innenarchitektur. Sie findet diesen Mittwoch statt. Eigentlich wollte Peter mit Graham Forrester dort hingehen. Vielleicht hat er es sich anders überlegt, weil der Kunde nicht kommen wird.“

Jo runzelte die Stirn. „Darüber möchte ich mehr wissen.“

„Die Verleihung ist eine ziemlich prestigeträchtige Veranstaltung. Wir haben in der Luxuskategorie gewonnen – mit einer Wohnung, die wir für den IT-Milliardär Richard Harvey ausgestattet haben. Ein Liebesnest für ihn und seine siebte Frau.“

Joe hob die Brauen. „Seine siebte Frau? Der Kerl muss einen masochistischen Zug haben!“

„Er ist ein Romantiker“, erwiderte Imogen. „So viel Beharrlichkeit muss man bewundern.“

„Nein, das muss man nicht bewundern. Es ist hirnverbrannt. Man kann nicht ewig an unerfüllbaren Träumen festhalten.“

Er hatte gut reden – man konnte sich kaum vorstellen, dass ein knallharter Geschäftsmann wie er überhaupt Träume hatte.

„Nicht an allen, aber an manchen schon“, wandte sie ein. „Ich bin fest davon überzeugt, dass man irgendwann den Richtigen findet.“

Sie hatte die Hoffnung jedenfalls nicht aufgegeben, nur weil es mit ihr und Steve nicht geklappt hatte.

„Richard hatte es damit nur etwas schwerer als die meisten Leute.“ Als sie Joes spöttisches Lächeln sah, fügte sie hinzu: „Er ist mit Crystal in Paris, um dort mit ihr zu feiern, dass sie sich seit einem Jahr kennen. Das ist auch der Grund dafür, dass sie nicht zu der Verleihung kommen …“

„Ich würde gern mehr über das Projekt wissen. Wer hat daran gearbeitet?“

„Peter, Graham und ich. Peter holt bei gestalterischen Fragen gern auch meinen Rat ein.“

Joe musterte sie. „Was haben Sie zu dem Projekt beigetragen?“

„Ich habe die Badezimmer entworfen.“

„Dürfte ich die Entwürfe mal sehen?“

„Sicher“, antwortete sie in unbekümmertem Ton, obwohl sie furchtbar nervös war. Irgendetwas an seinem Blick beunruhigte sie. Imogen konnte förmlich sehen, wie es in seinem Hirn ratterte. „Ich hole schnell die Unterlagen.“

Das tat sie und legte zurück am Schreibtisch die Mappe auf die gläserne Tischplatte. Dann beugte sie sich vor, um sie zu öffnen. Dabei atmete sie ein – welch ein Fehler. Joe roch nach Sandelholz, gemischt mit etwas, das in ihr den Wunsch auslöste, an seinem Nacken zu schnuppern.

Reiß dich zusammen, Imogen! Das ist kein Traum – es ist Wirklichkeit.

Sie versuchte, flach zu atmen und sich zu konzentrieren. „Die Vorgabe war, etwas zu gestalten, das Crystal das Gefühl gibt, etwas ganz Besonderes zu sein.“

„Klingt kompliziert.“

„Mir hat es Spaß gemacht.“ Damals hatte sie noch im Wolkenkuckucksheim gelebt und fest damit gerechnet, dass Steve um ihre Hand anhalten würde, weshalb es ihr leichtgefallen war, sich in das Projekt hineinzufühlen. Es hatte ihr Spaß gemacht, sich mit Richard über ihre Ideen auszutauschen, und dass die Wohnung als Überraschung zur Hochzeit gedacht war, hatte ihr äußerst gut gefallen. „Das hier sind die Bäder.“ Sie reichte ihm ihre Zeichnungen.

„Sie sind gut“, sagte er.

Es klang ehrlich. Imogen wurde es warm ums Herz, und sie lächelte. „Danke. Die Hängematten-Badewanne ist einfach toll. Sie ist gerade groß genug für zwei und macht sich super in dem Raum.“ Sie stellte sich vor, wie sie mit Joe nackt in der Wanne lag. Weiterreden! „Beim zweiten Badezimmer wollte ich es dann etwas opulenter haben. Säulen und Marmor, dazu ein hölzerner Zuber mit einem Tisch für den Champagner in der Mitte.“ Sie hielt inne, als sie sich vorstellte, wie sie und Joe nackt unter dem Tisch füßelten. Los, red weiter. „Und darauf bin ich besonders stolz … Ich habe es geschafft, an Betttücher mit eingewebten 22-karätigen Goldfäden heranzukommen …“

Oh Gott. Es wurde Zeit, dass sie den Mund hielt. Sie klappte die Mappe zu und ging um den Tisch herum. Es kostete sie einige Mühe, nicht zu schnell zu dem verflixten Stuhl zurückzugehen. „Den Rest kann Graham Ihnen erläutern.“

„Nein, kann er nicht.“

„Wieso nicht?“ Imogen betrachtete sein ausdrucksloses Gesicht, dann fiel endlich der Groschen. „Sie haben ihn doch wohl nicht etwa gefeuert?“

Joe zuckte mit den Schultern. „Graham arbeitet nicht mehr für Langley.“

„Aber … das können Sie doch nicht machen“, erwiderte sie fassungslos und ekelte sich vor sich selbst. Wie konnte sie nur von einem so hartherzigen Mann träumen?

„Doch, das kann ich.“

„Graham Foster ist einer der besten Innenarchitekten in ganz London. Warum haben Sie ihn vor die Tür gesetzt?“

„Das geht Sie nichts an.“

Imogen ärgerte sich so sehr über sich, dass sie die Hände zu Fäusten ballte. Sie hatte sich so sehr über sein Lob gefreut und darüber ganz vergessen, dass es in seiner Macht stand, die Firma zu zerlegen. „Graham ist mein Freund und mein Kollege. Letzten Monat war ich auf seiner Hochzeit. Er braucht seinen Job. Also geht es mich schon etwas an. Und ich bin nicht die Einzige, die dieser Meinung sein wird. Wir sind hier wie eine Familie. Bitte denken Sie noch einmal darüber nach.“

„Nein, Imogen.“

„Dann werde ich …“

„Dann werden Sie was?“, wollte er wissen. „Ich denke, Sie sollten sich überlegen, was Ihnen wichtiger ist, Graham Foster oder Langley.“

„Ist das eine Drohung?“

„Es ist ein gut gemeinter Rat.“ Er rieb sich den Nacken und betrachtete sie. „Peter hat Sie als wichtigen Teil des Unternehmens beschrieben. Wenn Sie aus Solidarität mit Graham die Firma verlassen oder mich dazu zwingen, Sie ebenfalls fortzuschicken, wäre das ein Verlust für Langley.“

Zu gern hätte sie Joe ihre Meinung gesagt, aber sie durfte Peter und Harry nicht hängen lassen. Solange sie hier war, konnte sie zumindest versuchen, weiteres Unheil zu verhindern. Außerdem hatte sie momentan schon genug Sorgen – da musste sie nicht auch noch ihren Job aufs Spiel setzen. „Ich werde bleiben. Aber nur, damit das klar ist: Ich bin gegen die Kündigung von Graham.“

„Das nehme ich zur Kenntnis. So, und nun möchte ich, dass Sie mich bei dieser Preisverleihung anmelden.“

„Was?“ Imogen starrte ihn fassungslos an. „Sie wollen doch nicht allen Ernstes dort erscheinen?“

„Warum nicht?“

„Weil es seltsam wirken wird, dass Graham nicht da ist. Und wenn Sie dann stattdessen hingehen, sieht das so aus, als sei Langley in Schwierigkeiten.“

„Ja, und es zeigt, dass wir uns diese Schwierigkeiten eingestehen und etwas dagegen tun. Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken.“

„Vielen Dank für den Hinweis, aber das ist mir auch so klar.“

„Prima. Dann hören Sie mir gut zu: Ob Sie es glauben oder nicht, ich mache meine Arbeit gut. Und wenn ich bei dieser Preisverleihung auftauche, wird das alle davon überzeugen, dass Langley wieder Boden unter den Fußen hat und bald wieder richtig durchstarten wird.“ Er lehnte sich zurück und lächelte sie ernst an. „Aus diesem Grund werde ich dort hingehen. Und Sie begleiten mich.“

Imogen sah ihn entgeistert an.

Joe nickte. „Sie haben an dem Projekt mitgearbeitet und Kontakt zu dem Kunden gehabt. Es ist nur logisch, dass Sie dabei sind.“

2. KAPITEL

Imogen ging im Wohnzimmer ihrer besten Freundin, in dem sie vorübergehend ihr Lager aufgeschlagen hatte, auf und ab. „Logisch“, schnaubte sie und sah Mel mit zusammengekniffenen Augen an. „Logisch, ich glaub, es …“

Mel fing an, in ihrem Kosmetiktäschchen zu kramen. „Imo, Süße. Reg dich ab. Du hast eh keine Wahl – Joe ist der Entscheider.“ Sie hielt zwei Lippenstifte hoch und legte ihren blonden Kopf schief. „Vielleicht wird es ja sogar ganz nett.“

„Nett?“ Imogen sah ihre Freundin empört an und nahm ein wenig beschämt wahr, wie ihr ganz warm vor Vorfreude wurde. „Mich mit Joe abends im Büro zu treffen und dann mit ihm zu der Preisverleihung zu gehen, das soll nett sein? Ich empfinde das eher als Strafe.“

Mel hob ihre perfekt gezupften Brauen. „So? Ich glaube ja, dass du diesen Typen heiß findest.“

Da war es wieder, das schlechte Gewissen. Wie konnte sie auf diesen arroganten, unbarmherzigen Dreckskerl scharf sein? „Da irrst du dich wohl“, antwortete Imogen mit tonloser Stimme. „Und warum siehst du mich so an?“

„Erstens weil du unglaublich schlecht lügst, und zweitens, weil ich hoffe, dass du nicht vorhast, so zu der Preisverleihung zu gehen.“

Imogen sah an sich hinunter. „Wieso denn nicht? Steve mochte das an mir.“

„Süße. Das Kleid ist total lahm. Es ist grau und schlecht geschnitten und langweilig. Steve mochte so was an dir, weil er Angst hatte, dass du sonst womöglich die Aufmerksamkeit eines anderen erregst – so wie Simone.“

„Das ist nicht wahr. Ich habe das Kleid ausgesucht, weil …“ Sie verstummte. „Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, wenn mich keiner bemerkt. Irgendwie finde ich es nicht richtig, zu der Verleihung zu gehen, obwohl Graham fast die ganze Arbeit gemacht hat.“

„Für mich klang es so, als hättest du auch einen guten Teil dazu beigetragen. Außerdem kann Graham nicht hingehen, weil er nicht mehr für Langley arbeitet. Also wirst du zu dieser Preisverleihung gehen und der Welt zeigen, dass es Langley gut geht. Aber das geht nicht mit diesem Kleid.“

Imogen seufzte. Wenn jemand Ahnung von Kleidung hatte, dann war es Mel – und sie hatte recht. „Okay. Wie wäre es mit dem kleinen Schwarzen mit …“

„Das eher eine Art riesiger Sack ist? Nein, ich habe eine bessere Idee. Ich leihe dir ein Kleid.“

„Ach, Mel. Du kennst mich doch. Ich mag nicht …“

„Im Mittelpunkt stehen? Und ob du das willst. Und ich habe das perfekte Outfit dafür. Bin gleich wieder da …“

Natürlich wollte Imogen das Beste für Langley, aber Mel hatte einen ganz anderen Geschmack als sie. Ihr eigener Geschmack war eher … ja, wie eigentlich? Entsetzt stellte Imogen fest, dass sie es nicht wusste. Ihr ganzes 26-jähriges Leben lang hatte sie bei der Wahl ihrer Kleidung immer nur darauf geachtet, es irgendjemand anderem recht zu machen.

Eva Lorrimer hatte relativ unverrückbare Vorstellungen davon gehabt, was ein junges Mädchen zu tragen hatte, und Imogen hatte sich den Wünschen ihrer Mutter gebeugt und lange Röcke und Rüschenblusen getragen – um sie einigermaßen bei Laune zu halten. Und um ihre Ruhe zu haben.

Und dann Steve … Lag Mel mit ihrer Vermutung doch nicht so falsch? Hatte Imogen sich unbewusst ihre Kleidung von ihm vorschreiben lassen? Steve hatte immer gesagt, dass er es hasste, wenn gebundene Frauen sich zur Schau stellten oder gar flirteten. Er hatte ihr gesagt, dass Simone genau das getan habe. Worauf Imogen sich nur Kleider gekauft hatte, die er an ihr mochte. Weil es sie glücklich gemacht hatte, ihn glücklich zu sehen. Und um ihre Ruhe zu haben.

Mel kam zurück. „Und, was meinst du?“

Imogen starrte das Kleid an, das Mel hochhielt. Wenn man das überhaupt Kleid nennen konnte. Sie hatte keine Ahnung, wo die Tüllspitze am Ende landen würde und ob das gute Stück überhaupt genug Haut bedeckte. Nur eines war ihr klar – die Farbe war ziemlich grell. „Es ist sehr … rot.“ Und wohl eher nicht das, was sie gewählt hätte. Aber wenn sie die Wahl hatte zwischen etwas, das ihre Mutter oder Steve ausgesucht hatten, und dem, was Mel gefiel, dann folgte sie lieber Mels Wahl. „Okay, ich zieh es an.“

Mel blinzelte. „Wirklich? Ich hatte mich schon auf Debatten eingestellt.“

„Wirklich. Keine Debatten. Aber ich fürchte, du musst mir beim Anziehen helfen.“

„Gern. Und dann werde ich dir gleich noch meine Schuhe leihen und dich schminken.“

„Danke, das ist total nett von dir“, antwortete Imogen, gespannt darauf, wie ihr neues Ich aussehen würde.

Eine Stunde später wusste sie es. Ungläubig starrte sie ihr Spiegelbild an. Ihre Mutter wäre in Ohnmacht gefallen, und Steve hätte sicher missbilligend den Mund verzogen, aber das war Imogen egal.

Autor

Nina Milne

Nina Milne hat schon immer davon geträumt, für Harlequin zu schreiben – seit sie als Kind Bibliothekarin spielte mit den Stapeln von Harlequin-Liebesromanen, die ihrer Mutter gehörten.

Auf dem Weg zu diesem Traumziel erlangte Nina einen Abschluss im Studium der englischen Sprache und Literatur, einen Helden ganz für sich allein,...

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