Verzaubert auf Tahiti

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Der Anflug auf Tahiti bei Nacht ist zauberhaft! Wie Diamanten funkelt das Sternenmeer. Claire durchströmt es heiß. Anfangs, weil sie endlich daheim ist - und dann, weil ausgerechnet Alain Charpentier, der sie zwang, die Insel zu verlassen, sie am Boden erwartet…
  • Erscheinungstag 19.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779160
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Das Flugzeug schwankte heftig. Ein Warnläuten ertönte, und gleich darauf leuchtete am Ende des dunklen Mittelganges das Zeichen „Sicherheitsgurte anlegen“ auf. Mit der Geübtheit jahrelanger Erfahrung tauchte Claire aus ihrem leichten Halbschlaf auf, warf die dünne hellblaue Decke ab und setzte sich schließlich aufrecht hin. Während sie sich fest anschnallte, sah sie mit sorgenvollem Stirnrunzeln aus dem Fenster. Allerdings waren es nicht die plötzlich aufgetauchten Flugturbulenzen, die sie beunruhigten, sondern ihre eigenen aufgewühlten Gefühle.

Nach jahrelanger Abwesenheit war es das erste Mal, dass sie nach Tahiti in ihre Heimat zurückkehrte, und aufgeregt blickte sie der Hochzeit ihrer Schwester Marie Rose entgegen. Dennoch gelang es Claire nicht, ein Gefühl unheilvoller Bedrohung abzuschütteln, das von Minute zu Minute stärker auf ihr lastete. Sie wusste, was der Grund für ihre Besorgnis war: Sie fürchtete, dem Mann wieder zu begegnen, der sie ursprünglich von zu Hause fortgetrieben hatte. Dem einzigen Mann, der in der Lage war, die elegante, weltgewandte Claire Beaumont aus der Fassung zu bringen. Ein Mann, der äußerlich überaus charmant erschien, jedoch hart und unbarmherzig sein konnte. Alain Charpentier, den Claire ein paar Monate lang angeschmachtet hatte, bis etwas geschehen war, das seine gute Meinung von ihr für immer zerstört hatte.

Voll innerer Unruhe schob Claire die Fensterverdunkelung ganz hoch und drückte das Gesicht ans Glas. Draußen war es dunkel, bis auf einen einzelnen Stern, der wie ein Diamantsolitär glitzerte. Vor ihnen lag dunkle, undurchdringliche Schwärze, und von den Südseeinseln war nichts zu erkennen. Claire warf einen Blick auf die Uhr, es war bereits vier Uhr fünfzehn, und es konnte nicht mehr lange dauern, ehe die Maschine der Air New Zealand in Papeete landen würde und Claire der ihr bevorstehenden Nervenprobe ins Gesicht sehen musste. Obwohl ihr Magen flau wurde, riss sie sich zusammen, ergriff ihr Kosmetiktäschchen und ging den Gang hinunter, um sich frisch zu machen.

Fünf Minuten später saß sie bereits wieder an ihrem Platz, die langen dunkelbraunen Haare zu einem weichen Knoten im Nacken geschlungen, die strahlenden braunen Augen durch diskreten Lidschatten hervorgehoben, und ein Hauch von Rouge betonte ihre hohen Wangenknochen. Auch Claires Kleidung war wie immer tadellos. Sie trug ein kurzärmeliges jadegrünes Kleid mit weißer Paspel am Ausschnitt, das sie im vorangegangenen Sommer in Marseille gekauft hatte. Dazu weiße Flechtsandalen und eine dazu passende Umhängetasche aus Florenz. Das ständige Unterwegssein hat doch einige Vorteile, dachte Claire ironisch, wenn auch nicht so viele, wie die meisten Leute glauben.

„Sagen Sie, kenne ich Sie nicht von irgendwoher, Darling?“, hörte sie da den erstaunten Ausruf einer Amerikanerin.

Die Frau hielt auf dem Mittelgang inne und umklammerte die Rücklehne eines Sitzes, da das Flugzeug erneut in Turbulenzen geriet.

„Sie sind der jungen Reporterin aus dieser Fernsehshow ‚In die Zukunft‘ wie aus dem Gesicht geschnitten. Wie war der Name noch gleich? Claire Bowman?“ Claire grinste unwillkürlich und streckte die Hand aus. „Claire Beaumont.“

„Oh, wow, das ist ja wirklich mal was“, sagte die Frau. „Mir ist noch nie jemand Berühmtes über den Weg gelaufen. Ich heiße Sarah Howard, und das da ist mein Mann Norman. Norman, komm doch mal! Du wirst staunen, wer hier ist.“

Claire lächelte krampfhaft, bis ihr fast die Wangen wehtaten, während Sarah und Norman sie aufgeregt über ihr Leben als Auslandsreporterin ausfragten. Das ehrliche Interesse der beiden rührte sie, aber sie war doch erleichtert, als der Flugkapitän endlich die Landung ankündigte. Sie ließ sich in ihren Sitz zurücksinken, und plötzlich überschwemmte sie eine Woge tiefer Sehnsucht. Aller Ruhm der Welt konnte ihr niemals das ersetzen, was in ihrem Leben fehlte – Liebe, ein richtiges Zuhause, eine Familie.

Die weißen und gelben Lichter von Papeete begannen sich unter dem Flugzeugflügel zu zeigen, und Claire beugte sich eifrig vor. Sechs lange Jahre war es her, seit sie von zu Hause weggegangen war, und voller Ungeduld wartete sie, bis die Maschine mit aufheulenden Motoren aufsetzte, langsam ausrollte und schließlich ungefähr fünfzig Meter vor dem Flughafengebäude zum Stillstand kam.

Claire trat auf die Rampe hinaus und sog tief die warme, feuchte Tropenluft ein. Ringsum auf der Böschung, die den Flugplatz umgab, bewegten sich Kokospalmen im sanften Wind, und der schwere Duft der Frangipani-Bäume wehte aus unsichtbaren Gärten herüber. Das im polynesischen Stil gehaltene Flughafengebäude war mit Stroh gedeckt und besaß die typischen herabgezogenen Giebel.

Da drin wartet jetzt Marie Rose auf mich, bestimmt übersprudelnd vor Freude über ihre Hochzeit und meine Rolle als Brautjungfer, dachte Claire liebevoll. Trotzdem konnte sie sich des leicht unangenehmen Gefühls nicht erwehren, dass ihre Schwester nach dem wahren Grund für ihr langes Fortbleiben forschen würde.

Es war jedoch nicht Marie Rose, die auf Claire zukam, nachdem diese die Zollabfertigung hinter sich hatte, sondern jemand anders. Und als Claire die schlanke, dunkle Gestalt erkannte, die ohne zu lächeln über den glattpolierten Kunststoffboden auf sie zuschritt, setzte ihr Herzschlag einen Moment lang aus.

Er hatte sich kaum verändert, sein Körper war ebenso geschmeidig und muskulös wie damals, und seine Gesichtszüge noch immer umwerfend. Claire war sich seines guten Aussehens bewusst gewesen, aber als sie nun das gewellte dunkle Haar, diese eindringlichen tief blauen Augen und die fein gemeißelte Nase anstarrte, war sie wieder aufs Neue verblüfft über die schier unglaubliche vibrierende Anziehungskraft, die Alain Charpentier ausstrahlte. Wenn der sarkastische Zug um die Mundwinkel und der finstere Blick in seinen Augen nicht wären, er wäre schlichtweg unwiderstehlich, schoss es ihr durch den Kopf. Alain trug ein sichtlich teures weißblaues Hemd mit kurzen Ärmeln, maßgeschneiderte marinefarbene Shorts sowie Espadrilles. Seinen leger-eleganten Kleidungsstil hatte er offenbar beibehalten. Und dann war da noch etwas, das sich nicht verändert hatte: seine Feindseligkeit Claire gegenüber.

Nicht einmal die Andeutung eines Lächelns zeigte sich auf seinem Gesicht, als er vor ihr stehen blieb, ihr einen Lei aus duftenden Frangipani-Blüten aufs Haar legte und sie förmlich auf beide Wangen küsste. Dabei umfasste er mit seinen kraftvollen Händen ihre Schultern, und sie fing einen Hauch seines exklusiven Aftershaves auf, während seine warme Wange flüchtig die ihren berührte. Claire spürte eine seltsame Erregung in ihrem tiefsten Innern. Vielleicht, so hoffte sie, können wir nach all der Zeit ja doch Freunde werden.

Nachdem Alain sie losgelassen hatte, ließ er seinen Blick jedoch mit einem solch feindseligen Ausdruck über ihre Gestalt gleiten, dass sie unmerklich zusammenzuckte.

„So. Nach sechs Jahren beehrst du uns also schließlich mit deiner Gegenwart“, bemerkte er gedehnt.

Claires braune Augen blitzten. „Hast du etwa angenommen, du könntest mich in alle Ewigkeit von Tahiti fernhalten? Nur zu deiner Information: Ich bin keine leichtgläubige Neunzehnjährige mehr. Wenn du also vorhast, mich noch einmal des Landes zu verweisen, keine Chance!“

Alain verzog die Lippen. „Ach so, ich bin also der Grund dafür, dass du sechs Jahre lang nicht nach Hause gekommen bist, ja? Wie schmeichelhaft. Ich wusste nicht, dass meine Wünsche dir so viel bedeuten.“

„Tun sie auch nicht!“, entgegnete Claire wütend, wenn auch nur halblaut, da sie die neugierigen Blicke der übrigen Passagiere bemerkt hatte. „Aber wenn ich mich recht erinnere, hast du mir bei unserer letzten Begegnung gesagt, du willst mich nie wieder auf Tahiti sehen.“

„Deine Erinnerung ist korrekt“, erwiderte Alain. „Genau, wie die meine, Claire. Nicht ein Wort und nicht eine deiner Handlungen ist vergeben oder vergessen. Aber um Marie Roses willen bin ich bereit, bei deinem Besuch hier höflich zu dir zu sein.“

In Claire stieg ein ungeheurer Zorn auf, aber sie beherrschte sich und blickte sich suchend um.

„Wo ist meine Schwester?“, wollte sie wissen. „Sie hat versprochen, mich abzuholen.“

„Sie war leider nicht in der Lage dazu und hat mich gebeten, an ihrer Stelle zu kommen.“

„Was ist los?“, rief Claire besorgt aus. „Sie ist doch nicht etwa krank?“

Alain hob die Schultern. „Marie Rose? Nein. Aber was deinen Vater angeht, das ist eine ganz andere Geschichte. Er hat in den letzten zwei Jahren Probleme mit seinem Herzen gehabt. Allerdings, vielleicht hast du nichts davon gewusst, oder es war dir egal.“

„Doch, ich wusste davon, und es war mir nicht egal“, gab sie knapp zurück.

„Aber doch egal genug, als dass du nach Hause gekommen wärst, um ihn zu besuchen?“, provozierte Alain sie weiter.

Claire biss sich auf die Lippen, schwieg jedoch. Mit seinen Bemerkungen verursachte er ihr Schuldgefühle, und genau das war vermutlich seine Absicht. Immerhin hatte er nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Claire für eine herzlose Person hielt, ohne jede Rücksicht auf die Gefühle anderer. Tatsächlich machte ihr die Krankheit ihres Vaters schwer zu schaffen, aber sie war viel zu stolz, um Alain die Wahrheit zu sagen, nämlich dass sie mehrmals vergeblich versucht hatte, ihren Vater zu einem Besuch bei einem Herzspezialisten in Sydney zu überreden, wobei sie die Kosten übernommen hätte.

Ansonsten hatte Claire ein reines Gewissen, was die Kontakte mit ihrer Familie betraf. Zwar hatte die Furcht vor einer Begegnung mit Alain sie aus Tahiti ferngehalten, aber sie hatte ihren Eltern und Marie Rose einige Male den Flug zu ihr nach Sydney bezahlt. Nur, weshalb sollte ich mich ihm gegenüber rechtfertigen? dachte sie.

„Nun“, meinte Alain mit erhobenen Brauen. „Wir haben noch genügend Zeit, in meinem Wagen Neuigkeiten auszutauschen. Jetzt sollten wir erst mal dein Gepäck holen, und danach fahre ich dich dann nach Hause zu deinen Eltern, so wie Marie Rose mich gebeten hat.“

Verwundert sah Claire ihn an. „Aber warum sollte sie dich um einen solchen Gefallen bitten? Sie kennt dich doch kaum.“

„In sechs Jahren kann eine Menge passieren. Hat deine Schwester dir nicht erzählt, dass ihr Verlobter Paul Halévy mein Cousin ist und der Manager meines neuen Hotels auf Moorea?“

„Nein, hat sie nicht!“, rief Claire aus und trat einen Schritt zurück.

Alain lächelte ironisch. „Dann gehe ich davon aus, dass sie dir auch verschwiegen hat, dass ich ihr Trauzeuge sein werde. Habe ich recht?“

Entsetzt schaute sie ihn an. „Trauzeuge?“, brachte sie mühsam hervor. „Unmöglich! Das ist ja zum Lachen!“

„Ich versichere dir, der Gedanke, die kommende Woche ständig in deiner Gesellschaft verbringen zu müssen, ist mir genauso wenig willkommen wie dir. Aber um Marie Roses und Pauls willen müssen wir beide eben gute Miene zum bösen Spiel machen. Los, komm jetzt, wir holen dein Gepäck. Du musst müde sein nach dem langen Flug.“

Einen Sekundenbruchteil lang hatte Claire das irrwitzige Bedürfnis, wieder in das Flugzeug zurück zu fliehen, aus dem sie gerade gestiegen war. Alain jedoch regelte alles Notwendige mit derselben Schnelligkeit, mit der er damals ihre Abreise organisiert hatte. Bald hatten sie das Flughafengebäude hinter sich gelassen, und Claire saß in Alains bequemem französischen Luxuswagen.

„Du reist mit leichtem Gepäck, nur mit einem kleinen Köfferchen auf Rädern“, bemerkte Alain. „Als ob du immer zur Flucht bereit wärst.“

Claire zuckte die Achseln. „Stimmt. In den letzten Jahren bin ich so viel auf Reisen gewesen, dass ich es zu einer besonderen Kunst entwickelt habe. Im Grunde besitze ich kaum mehr, als ich tragen kann.“

„Das muss doch ziemlich schwierig sein, oder?“

„Ach, nein. Es ist eigentlich sehr einfach. Man muss sich bloß dazu entschließen, niemals sein Herz an irgendetwas zu hängen.“

„Oder an irgendjemand.“

„Genau!“ Trotzig warf Claire den Kopf zurück.

Sie lehnte sich in ihren Sitz zurück, kreuzte die Arme vor der Brust und starrte verbissen in die Dunkelheit hinaus. Er will mich unbedingt reizen, dachte sie grimmig, aber ich werde mich nicht hinreißen lassen.

„Du hast richtig Karriere gemacht, seit du Tahiti verlassen hast“, sagte Alain ein wenig freundlicher. „Du kannst stolz auf dich sein.“

„Danke“, erwiderte sie kühl.

„Natürlich liegt dieser Lebensstil nicht jedem“, fuhr er fort. „Ich habe schon immer deine Haltung vor der Kamera bewundert und deine Fähigkeit, dich in anderen Ländern zurechtzufinden, aber ich kann mir vorstellen, dass diese Art Leben sehr anstrengend sein muss. Da ist es ja gut, dass du nie ein festes Zuhause oder irgendwelche ernsthaften Bindungen eingehen wolltest, nicht wahr?“

„Ja, nicht wahr?“, wiederholte Claire mit scharfem Unterton.

Wieder blickte sie aus dem Fenster, und ein fast körperlich spürbarer Schmerz erfüllte sie. Es schnürte ihr die Kehle zu, als sie daran dachte, wie oft sie sich während jener ersten Monate in Sydney in den Schlaf geweint hatte. Wie oft sie eine heftige, quälende Sehnsucht nach Tahiti überfallen hatte, nur weil irgendeine Kleinigkeit sie an ihre Heimat erinnerte. Der Duft warmer Croissants aus einer Bäckerei, der Anblick scharlachroter Bougainvillea über einem Balkon, die Federkrone einer Kokospalme vor einem blauen Himmel hatten ausgereicht, sie in Tränen ausbrechen zu lassen. Am allermeisten jedoch hatte sie ihre Familie vermisst, ihren unbekümmerten Vater mit seinem tiefen Lachen und seinen häuslichen Handwerksprojekten, die niemals richtig funktionierten; ihre Mutter, die sich gelegentlich von ihrer Staffelei losriss, um wunderbare französische Gerichte zu zaubern, und nicht zu vergessen all die vielen Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Und natürlich ihre warmherzige Schwester, deren einziger Fehler es war, dass sie Claire so bald wie möglich unter die Haube bringen wollte.

„Wir müssten gerade bei Sonnenaufgang ankommen“, sagte sie.

„Ich hoffe, wir erreichen Point Cupid, ehe sie aufgeht! Ich habe mir das immer so gerne von dem kahlen Hang über der Bucht aus angesehen.“

„So? Ich bin gern bereit, dort anzuhalten, aber ich muss dich vorwarnen: Der Hang ist nicht mehr kahl. Ich habe dort ein Hotel gebaut.“

„Wie bitte?“, rief Claire erschrocken. „Oh, nein, wie konntest du nur, Alain! Wie konntest du diese wunderschöne Landzunge mit so einem grässlichen Hotelgebäude verunstalten? Hast du denn überhaupt kein Feingefühl?“

Da bog Alain unvermittelt scharf von der Straße ab und brachte den Wagen auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Der Schein einer der gelben Straßenlampen erleuchtete das Innere des Wagens, sodass Alains Gesicht wie zu einer Bronzemaske erstarrt schien. Er stellte den Motor ab, packte Claire am Handgelenk und sah sie zornig an.

„Nein“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „In dieser Hinsicht bin ich wie du, Claire. Ich besitze keinen Funken Feingefühl, und du tätest gut daran, das im Gedächtnis zu behalten. Und genau wie dir geht es mir nur um eines: um die Befriedigung meiner Begierden. Allerdings schmeichle ich mir, einen guten Geschmack zu haben. Also warte erst mal ab, bis du das Hotel gesehen hast, bevor du es als grässlich verdammst. Es scheint mir, du neigst viel zu sehr dazu, über Dinge zu urteilen, ohne die Fakten zu kennen!“

„Wirklich? Ich dachte immer, das sei deine Spezialität!“, entgegnete sie.

„Vorsicht!“, knirschte er.

Seine blauen Augen verengten sich, und Claire hielt unwillkürlich den Atem an. Dadurch zeichnete sich die Wölbung ihrer Brüste unter dem tief ausgeschnittenen Dekolleté besonders deutlich ab. Claire bemerkte ein instinktives Aufflammen von Begehren in Alains Blick, und gegen ihren Willen spürte sie eine ähnliche Erregung in sich aufsteigen, als Alain den Blick hob und sie ansah. Alains fester Griff um ihr Handgelenk schien ein Brennen auszulösen, das ihren gesamten Körper durchfuhr. Dann, mit einem halb erstickten Stöhnen, ließ er sie los, startete den Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen los.

„In zwanzig Minuten dürften wir am Point Cupid sein. Dann hast du Gelegenheit, selbst festzustellen, ob ich die Landschaft ruiniert habe oder nicht.“

Die Straßen Papeetes flogen in der morgendlichen Dämmerung geisterhaft vorüber. Am Hafen erhaschte Claire einen flüchtigen Blick auf die Lichter der dort vor Anker liegenden Schiffe und vernahm das entfernte Gelächter einiger Nachtschwärmer bei den Docks, ehe Alain in die Straße einbog, die aus der Stadt heraus zum Ostteil der Insel führte. Etwa zehn Minuten später, auf der Fahrt durch üppigen tropischen Wald, erfüllte auf einmal ein strahlend orangefarbenes Licht die Landschaft.

„Ach, bitte, halt an!“, bat Claire.

Alain warf ihr einen düsteren Blick zu, schoss um die nächste Biegung und stoppte auf einem Parkplatz, der einen großartigen Ausblick auf die Bucht von Point Cupid bot. Eilig kletterte Claire aus dem Auto, lief hinüber zur Aussichtsplattform und blickte gebannt auf den Ozean hinaus. Die Sonne stieg wie eine riesengroße blutrote Orange aus dem Meer, wobei ihre Strahlen das Dunkelblau des Ozeans dort draußen aufhellten, ebenso wie die schmale Schaumkrone, die das Korallenriff anzeigte, und das hellblaue Wasser der Strandlagune. Unter sich sah Claire üppige tropische Vegetation, die den Abhang vollständig überwucherte. In den flammenden Baldachinen der afrikanischen Tulpenbäume lärmten zahllose Vögel, und weiter unten wuchsen Kokospalmen, Hibiskus und Bananenbäume in bunt gemischter Farbenpracht. Claire konnte sich gar nicht sattsehen. In der Ferne bemerkte sie begeistert die Gebäude Papeetes und die Jachten im Hafen.

„Du hast noch nichts über mein grässliches Hotel gesagt“, erinnerte Alain sie sarkastisch.

„Wie bitte?“ Ungläubig sah sie ihn an. „Wo ist es?“

„Du stehst sozusagen genau obendrauf.“

Er packte sie bei den Schultern und drehte sie um etwa fünfundvierzig Grad nach Osten und wies nach unten. Verblüfft schnappte Claire nach Luft. So geschickt in den Hügel hineingebaut, dass man sie kaum wahrnahm, erblickte sie mehrere Gebäude, die eher wie eine Art Treppe wirkten als ein Luxushotel. Es war von Palmen und Bananenbäumen umgeben und dadurch sowohl vor Wind als auch vor neugierigen Blicken geschützt. Jede Wohneinheit besaß einen eigenen großen, von tropischen Kriechpflanzen bewachsenen Balkon. Bougainvilleen in jeder nur erdenklichen Farbschattierung von Dunkelrot über Orange bis Weiß bedeckten die Wände, und die Luft war schwer vom Blütenduft. Auf der obersten Stufe beherrschte ein Langhaus im traditionellen polynesischen Stil mit seinen anmutig geschwungenen Linien die gesamte Anlage. Und durch eine Baumlücke erhaschte Claire einen Blick auf das saphirblaue Wasser eines ausgedehnten Swimmingpools.

„Es ist sehr schön“, gab sie zögernd zu.

Ihr Eingeständnis schien ein wenig von der feindseligen Stimmung zwischen ihnen zu nehmen. Alain lächelte unerwartet und wirkte sogar beinahe freundlich.

„Warum kommst du nicht mit, frühstückst bei mir und siehst es dir richtig an?“, lud er sie ein.

Claire zog die Stirn kraus. „Eigentlich möchte ich am liebsten nach Hause und meine Familie begrüßen.“

„Selbstverständlich. Aber gestern sind ein paar Hochzeitsgeschenke für Marie Rose mit meinem Hotel-Kurierdienst angekommen. Porzellan und Gläser von meiner Großtante aus Frankreich. Sie wollte die Sachen nicht der Post anvertrauen, und ich dachte, vielleicht hast du Lust, sie deiner Schwester mitzubringen.“

„Na ja, wenn das so ist …“, meinte Claire, „dann sollte ich wohl vorbeischauen. Außerdem steht bei uns niemand früh auf. Wahrscheinlich würden sie alle noch fröhlich schnarchen, wenn ich jetzt käme.“

„Wohl wahr“, stimmte Alain zu. „Und es gibt noch einen Grund, weshalb es klüger wäre, auf deinem Weg nach Hause eine kurze Pause hier einzulegen.“

„Was für einen Grund?“, fragte sie beunruhigt.

Alain nahm ihren Arm und führte sie zum Wagen zurück.

„Marie Rose zufolge hat dein Vater ein neues Badezimmer gebaut“, erklärte er.

„Oh nein!“, rief Claire entsetzt. „Vater hat an den Rohren herumgebastelt? Du meinst doch nicht …?“

„Ich fürchte, ja. Marie Rose sagt, sie haben seit sechs Wochen kein heißes Wasser mehr gehabt. Wenn du also anständig duschen willst, dann hast du die beste Chance dazu in meinem Hotel. Du wirst feststellen, dass die sanitären Anlagen dort zufriedenstellend sind.“

Wie Claire entdeckte, waren diese mehr als nur zufriedenstellend, geradezu luxuriös. Alains eigenes Haus befand sich in einiger Entfernung vom Hauptgebäude des Hotels, in einem solch prächtigen Garten gelegen, dass es vollkommen abgeschieden wirkte. Weiße Stuckwände sowie rote Ingwergewächse verhüllten es fast völlig, während im Garten selbst gelber und rosa Hibiskus mit roter und orangefarbener Bougainvillea im Wettstreit miteinander lagen, wer die schönste Blütenpracht hervorbrachte. Das Haus war, wie die Hotelrezeption, im polynesischen Stil gebaut, innen jedoch mit modernster Ausstattung versehen.

Als sie eintraten, hörte Claire das leise Summen der Klimaanlage, und eine angenehme Kühle umfing sie. Überrascht schaute Claire sich um. Polynesische Rindenmalereien, glänzende große Grünpflanzen, bequeme niedrige Sofas und bunte Wandteppiche verliehen dem geräumigen Wohnzimmer eine legere Atmosphäre.

„Du meine Güte“, murmelte sie vor sich hin.

„Was ist denn?“, erkundigte sich Alain.

„Ich hätte nicht gedacht, dass dein Haus einen so farbenfrohen und entspannenden Eindruck macht.“ Claire wandte sich zu ihm um.

„Ach? Und wieso nicht?“

„Irgendwie passt es nicht zu deiner Art. Es ist ganz anders, als ich erwartet hatte.“

„Und was hast du erwartet?“, wollte er wissen.

Sie zog die Brauen zusammen. „Nun ja, weiße kahle Wände, überall Chrom. Eine Küche, die aussieht wie eine Kreuzung zwischen Operationssaal und Schlachterei. So wie das Haus, das du vor ein paar Jahren gemietet hattest. Ein Ort, wo sich keiner so recht entspannt fühlen konnte. Nicht, dass dir das irgendetwas ausgemacht hätte. Ich meine, dir hat schon immer mehr am Arbeiten als am Ausruhen gelegen, nicht wahr?“

„Ich verstehe. Wie gemütlich. Das hört sich an, als hieltest du mich für eine Art sterilen Roboter ohne jegliches Gefühl, dessen einziges Interesse darin besteht, Geld zu verdienen. Habe ich recht?“

Claire errötete und wollte gerade widersprechen, da bemerkte sie Alains spöttischen Blick und hob herausfordernd das Kinn.

„Ja, so ungefähr“, antwortete sie.

Er presste den Mund zusammen und musterte ihre schlanke Gestalt.

„Nun, ich werde dir nicht sagen, welche Form der Inneneinrichtung ich dir zutrauen würde“, sagte er gedehnt. „Vermutlich hast du ohnehin keinen Platz in deinem Köfferchen, gedämpftes Licht und rote Satin-Bettwäsche mit dir herumzuschleppen.“

Wütend schnappte Claire nach Luft, und ihre Augen funkelten. Sie sprang vorwärts und versuchte, ihm ihre Tasche zu entreißen.

„Was fällt dir ein?“, fuhr sie ihn an. „Hör zu, Alain. Ich hätte niemals hierher kommen sollen! Es war dumm von mir zu glauben, dass du und ich auch nur für fünf Minuten höflich zueinander sein könnten. Falls du mir also bitte ein Taxi rufen würdest, werde ich dich von meiner unerwünschten Gegenwart befreien.“

„Sei doch nicht so melodramatisch!“, knurrte er. „Du wirst fahren, wenn ich dazu bereit bin, Claire, und keine Minute eher. Ich habe Marie Rose nämlich versprochen, dass wir beide miteinander auskommen würden, bis die Hochzeit vorbei ist.“

„Schön“, stieß Claire hervor und bemühte sich weiter, ihre Tasche zurückzubekommen. „Dann werde ich dich am Tag der Hochzeit wieder sehen und sogar meine Zähne entblößen und dich anlächeln. Aber in der Zwischenzeit gibst du mir gefälligst meinen Koffer wieder und lässt mich gehen!“

„Sobald du geduscht, gefrühstückt und dich beruhigt hast! Denn ich werde es nicht zulassen, dass du in diesem Zustand bei euch zu Hause auftauchst. Dein Vater ist ein kranker Mann, und du wirst ihn nur unnötig aufregen!“

„Ich bin in keinem Zustand!“

„Bist du wohl. Deine Hände zittern sogar, schau sie dir doch an!“ Es stimmte. Claire betrachtete ihre schlanken gebräunten Finger, die den Koffergriff so fest umklammert hielten, dass sie bebten. Langsam, einen nach dem andern, löste Alain sie und klopfte Claire danach beschwichtigend auf die Schulter.

„Los, geh jetzt und stell dich unter die Dusche, und ich bestelle uns in der Zwischenzeit etwas zum Frühstück. Du kannst das grüne Schlafzimmer hier benutzen. Und wenn du fertig bist, komm einfach ins Esszimmer.“

Claire starrte ihn mit blitzenden Augen an.

„Ich hasse dich!“, zischte sie. „Du bist der anmaßendste, rücksichtsloseste, gönnerhafteste, abscheulichste …“

Autor

Angela Devine
Mehr erfahren