Was in dieser Nacht begann …

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Nach ihrer einzigen unvergesslichen Liebesnacht im Hotel hat Dr. Garrett McCormick die schöne Unbekannte nie wiedergesehen. Bis Mia jetzt überraschend vor ihm steht. Sofort fühlt er sich wieder wie magisch von ihr angezogen. Da macht sie ihm ein unerwartetes Geständnis …
  • Erscheinungstag 11.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754266
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Die schmelzenden Eiswürfel in Mia Palinskis Wodka Tonic standen symbolisch für die Art und Weise, wie ihre Zukunft sich vor ihren Augen auflöste.

Sie war gerade dreißig geworden und wusste, dass sie sich endlich mit ihrem Leben arrangieren musste. Doch der Gedanke, dass eigentlich sie heute Abend auf der Bühne des Ägyptischen Theaters Pirouetten hätte drehen sollen, ließ sie nicht los.

Sie betrachtete den Klavierspieler auf der anderen Seite der Bar. Sein Haar wurde bereits schütter, und sie fragte sich, ob der Mann früher einmal größere Ambitionen gehabt hatte, als in diesem Luxushotel in Boise alte Klassiker zu spielen. Die meisten Künstler hatten das. Zumindest konnte sie sich damit trösten, dass sie nicht die Einzige war, die ihren Traum nicht verwirklicht hatte.

Sie liebte ihre Schülerinnen und freute sich über deren Chance, als Feen in Idahos Jugendaufführung von Tschaikowskis Dornröschen zu glänzen. Allerdings hatte das Ganze für sie auch eine Schattenseite. Mia hätte sich bedeutend wohler gefühlt, wenn sie hinter der Bühne nicht Mrs. Rosellino begegnen müsste. Eine von vielen Müttern, die glaubten, ihre Tochter würde die nächste Martha Graham werden.

Wie die meisten anderen Tanzlehrerinnen, deren Schüler heute bei dem Ballett mitgewirkt hatten, hielt Mia die Mütter, die irgendeinem Traum für ihre Töchter nachhingen, für realitätsfremd. Die süße sechsjährige Madison Rosellino besaß kaum die Grazie und das erforderliche Rhythmusgefühl, um es einmal als Primaballerina auf die Bühnen dieser Welt zu schaffen, sosehr Mrs. Rosellino sich auch danach sehnen mochte.

Für einen Moment dachte Mia an ihre Mutter, die den Mrs. Rosellinos dieser Welt so ähnlich war. Sie trank einen Schluck von ihrem mittlerweile verwässerten Drink und versuchte die Erinnerung an ihre dominante Mutter zu verdrängen. Im Gegensatz zu den Müttern ihrer Schülerinnen hatte Rhonda Palinski sie jedoch nie als Balletttänzerin gesehen. Ihre Mutter hatte sich einfach nur gewünscht, dass Mia im Mittelpunkt stand. Sie hatte sie in die Football-Stadien geschleift, wo die Bühne größer war, die Lichter greller schienen und das Publikum zwar vielzählig, aber ungehobelter war.

Ihr Handy vibrierte neben ihrem Glas auf der polierten Walnussholz-Theke. Eine Nachricht von ihren Freundinnen Maxine Cooper und Kylie Gregson leuchtete auf. Sie wollten wissen, wie die Labor-Day-Darbietung gelaufen war, aber Mia hatte keine Lust, darauf zu antworten. Ihre Schülerinnen waren zwar zu großer Form aufgelaufen, aber der Besuch des Balletts am Abend hatte sie wieder einmal in Selbstmitleid zerfließen lassen.

Seufzend nahm sie sich eine Handvoll Nüsse aus einer silbernen Schale. Zumindest gab sie sich ihrer düsteren Stimmung in einer Bar eines erstklassigen Hotels hin.

Mia genoss und hasste Abende wie diese. Sie liebte die Musik und das Tanzen, und es machte ihr Freude, ihren jungen Schülerinnen bei ihren Darbietungen zuzuschauen, für die die Kinder den Sommer über so hart gearbeitet hatten. Nicht einmal die fordernden Eltern störten sie, die von ihren Erstklässlern erwarteten, dass sie Wunderkinder wären, und verärgert reagierten, wenn Mia sie nicht stärker forderte.

Was ihr wirklich zusetzte, war die Tatsache, dass sie nicht mehr selbst auf der Bühne stehen konnte. Und diese Wehmut gab ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein, die neidisch war, weil sie keine Perspektiven mehr hatte. Ein Gefühl, das sie noch mehr verabscheute als die Tatsache, nicht mehr selbst tanzen zu können.

Sie rieb sich ihr schmerzendes Knie durch den schwarzen Satin ihrer Abendhose und trank einen weiteren Schluck von ihrem verwässerten Wodka Tonic. Eine ihrer verschreibungspflichtigen Tabletten mochte helfen, den körperlichen Schmerz zu lindern, aber nichts konnte ihr Trauma heilen, nachdem ein Stalker, der kein Nein als Antwort hinnehmen wollte, ihre Tanzkarriere beendet hatte, indem er ihr mit dem Golfschläger das Knie zertrümmerte.

Nein. Diesen Qualen würde sich Mia nicht noch einmal aussetzen. Es war eine Sache, sich zu wünschen, dass ihr Leben anders verlaufen wäre. Doch hier zu sitzen und noch einmal den schrecklichsten Moment ihres Lebens in Gedanken zu durchlaufen, war selbstzerstörerisch. Sie schob den Drink weg und entschloss sich, auf ihr Zimmer zu gehen, beim Room-Service mehrere Desserts zu bestellen und sich über den Pay-Kanal einen interessanten Film auszusuchen, der sie ablenken könnte.

Mia reiste längst nicht mehr so viel, wie sie es damals als NFL Cheerleader getan hatte. Daher genoss sie diese Ausflüge in die „Big City“, wie ihre Nachbarn die Stadt nannten, und machte das Beste aus den luxuriösen Hotelaufenthalten.

Obwohl sie sehr sparsam lebte und ihr Einkommen als Besitzerin eines Tanzstudios in Sugar Falls, Idaho, nicht gerade üppig war, gönnte sie sich hin und wieder doch gern etwas Luxus – besonders, wenn sie damit der langweiligen Realität ihrer ruhigen Existenz für einen Moment entfliehen konnte.

Du bist eine wundervolle Tanzlehrerin. Wir sind sicher, dass alles perfekt gelaufen ist. Versteck dich jetzt nicht in deinem Zimmer und versink in Selbstmitleid. Geh raus und riskier was! Amüsier dich!

Die neue SMS ihrer besten Freundinnen zeigten Mia einmal wieder, wie gut die beiden sie kannten. Also wussten sie auch, dass sie ihren Rat, in der eine Herausforderung steckte, keinesfalls befolgen würde.

Als sie die Hand hob, um den Barkeeper zu bitten, ihr die Rechnung zu bringen, betrat ein Mann mit sicheren Schritten die Lounge.

Mia sah demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung und hoffte, dass der Mann sich mit jemandem in der fast leeren Bar treffen wollte. Seit dem Vorfall mit Nick Galveston vermied sie es, ungewünschte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und setzte sich normalerweise nicht an die Theke von Cocktailbars, in der reisende Geschäftsleute oder einsame Männer Interesse an allein sitzenden jungen Frauen zeigen könnten.

Sie zog die Handtasche noch näher an sich heran. Warum war sie überhaupt auf dem Weg zu ihrem Zimmer hier hergekommen? Schließlich trank sie nie viel, und nach Gesellschaft suchte sie auch nicht. Aber nachdem sie gesehen hatte, wie die junge Frau, die die Aurora getanzt hatte, unter donnerndem Applaus einen riesigen Blumenstrauß erhielt, hatte sich Mia auf einmal etwas Stärkeres als Schokoladenkuchen oder Erdnussbutter-Törtchen gewünscht. Der Schmerz, solche Momente nie mehr selbst erleben zu können, war einfach zu groß.

Unglücklicherweise ging der Neuankömmling an mehreren leeren Tischen vorbei und steuerte direkt auf die Bar zu, an der Mia saß. Er war attraktiv und wirkte sympathisch. Aus Erfahrung wusste Mia aber, dass gerade solche Männer alles andere als unschuldig waren.

Sie versuchte auch weiterhin wegzusehen, da sie auf keinen Fall Blickkontakt mit ihm aufnehmen wollte. Aber der große Spiegel über der Bar ermöglichte ihr, ihn sich genauer anzuschauen. Er war durchschnittlich groß – höchstens eins achtzig. Sein Anzug war tadellos geschnitten. Die seidene Designerkrawatte hatte er gelockert; sie hing ihm lose um den Hals. Er schaute noch nicht einmal in Mias Richtung, als er nur einen Meter von ihr entfernt auf einem der ledergepolsterten Barhocker Platz nahm. Sein braunes Haar war kurz geschnitten, und er hatte einen ernsten Ausdruck. Wenn er nicht so gut gekleidet gewesen wäre, hätte sie angenommen, dass er bei der Army diente.

„Ich hätte gern einen Glenlivet pur“, sagte er zum Barkeeper. Als der Mann Mia auch weiterhin nicht zur Kenntnis nahm, entspannte sie sich langsam und warf einen verstohlenen Blick auf seine Schuhe.

Sie war keine Modeexpertin, aber ihre Freundin Kylie hatte vor Kurzem ihrem Mann solche handgemachten italienischen Lederschuhe online bestellt. Mia wusste, dass sie mehr gekostet hatten, als die Monatsmiete für ihr kleines Tanzstudio betrug. Nein. Dieser Mann war ganz bestimmt nicht bei der Army, wenn er sich so teure Kleidung leisten konnte.

Sie spitzte die Ohren, als sie den blechernen Sound von Harry Chapins Song Cat’s in the Cradle hörte. Das Geräusch war ein harter Kontrast zum Klavier, und Mia brauchte eine Sekunde, bis ihr klar wurde, dass es der Klingelton eines Handys war. Seines Handys.

Wow! Bei diesem Klingelton musste der Mann ein ernsthaftes Vaterproblem haben.

Er zog umständlich das Handy aus seiner Jackentasche, drückte das Gespräch weg und legte es auf die Theke. Es klingelte sofort wieder, und er stieß einen leisen Fluch aus, bevor er mit dem Zeigefinger zweimal auf das Display tippte. Er hatte schöne Hände und lange, schlanke Finger. Hände, die sich wunderbar auf ihren …

„GP? Hallo?“ Die kräftige Stimme drang aus dem kleinen Lautsprecher des Handys bis zu Mia, und sie bemerkte, wie der Mann neben ihr zusammenzuckte. „Bist du da, GP? Kannst du mich hören?“

Die Hände, die sie eben noch so bewundert hatte, mussten die falschen Buttons gedrückt und den Anruf nicht nur angenommen, sondern auch noch auf Lautsprecher gestellt haben.

„Verdammtes Telefon“, fluchte Mias Sitznachbar und legte das Handy ans Ohr. „Nein, Dad“, fuhr er dann fort. „Ich möchte nicht mehr darüber reden.“

Mia trank einen Schluck von dem Drink, den sie vorhin von sich geschoben hatte. Sie konnte sich nicht der Faszination des Vater-Sohn-Dramas entziehen, das sich neben ihr abspielte. „Du kannst mich nicht umstimmen“, hörte sie ihn sagen. Pause. „Nein, sie brauchen mich nicht anzurufen.“ Pause. „Wir haben doch gerade eben festgestellt, dass wir uns nicht einigen können. Ich wünsche dir einen guten Flug nach Hause.“ Damit legte der Mann auf.

GP, oder wie immer sein Name war, sah aus, als ob er das Handy am liebsten durch das große Fenster mit dem Blick auf eine ruhige Seitenstraße der City werfen würde.

Der Barkeeper servierte dem Mann seinen Drink, und Mia gab ihm noch einmal ein Zeichen, dass sie die Rechnung wünschte. Verflixt. Sie hätte die Bar verlassen sollen, solange ihr Sitznachbar noch am Handy war, denn jetzt wurde er auf sie aufmerksam.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er, während er das Handy wieder in seine Anzugtasche gleiten ließ. „Eigentlich hasse ich Leute, die in Restaurants oder Bars telefonieren.“

Da sie nicht unhöflich sein wollte, hob sie den Blick und musste sich gleich darauf an der Theke festhalten, als sie in seine hellbraunen Augen schaute. Eine prickelnde Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus, und sie hatte auf einmal das Gefühl, einige Gläser Champagner getrunken zu haben.

Er war gut aussehend. Unglaublich gut aussehend. Seine Augen blickten traurig.

Mia betrachtete erneut seine Hände und sah, dass er teure Manschettenknöpfe mit einem Wappen trug. Einzelheiten konnte sie nicht erkennen, aber sie würde sich hüten, sich vorzubeugen.

Wer immer dieser GP war, er schien sich viel zu sehr über seinen Vater aufzuregen, als Interesse an ihr zu zeigen.

Mia hielt die Handtasche zwar noch fest an sich gepresst, atmete aber tief durch, um etwas von der Anspannung loszuwerden. „Machen Sie sich deswegen keine Sorgen“, erklärte sie dem Mann, als der Barkeeper eine kleine Ledermappe vor ihr auf die Bar legte. „Ich wollte sowieso gerade gehen.“

„Bitte, ich wollte Sie nicht vertreiben.“ Er griff nach ihrer Rechnung. „Lassen Sie mich Ihren Drink bezahlen.“

„Nein“, sagte sie eine Spur zu laut. „Ich gehe nicht.“

Er warf erstaunt einen Blick auf die Rechnung, die sie aus der Ledermappe geholt hatte, bevor er ihr zuvorkommen konnte.

„Ich meine, ich wollte eigentlich gehen, aber Sie waren nicht der Grund.“

Er lächelte, zeigte dabei gleichmäßige weiße Zähne und wirkte auf einmal viel aufgeschlossener und jungenhafter.

Das prickelnde Gefühl beschränkte sich jetzt nicht mehr auf die Bauchgegend, sondern strömte durch ihren ganzen Körper. Mann, wie stark war ihr Wodka Tonic gewesen? Am liebsten wäre Mia jetzt aufgestanden und hätte so rasch wie möglich die Bar verlassen, aber sie befürchtete, dass ihre eigentlich gut trainierten Beine sie im Moment nicht tragen würden.

Harry Chapin sang wieder aus GPs Tasche. „So ein Mist. Entschuldigen Sie, ich habe ein neues Handy und weiß noch nicht, wie ich es abstellen kann.“

Er hielt das klingelnde Handy, auf dessen Display der Name Dad aufleuchtete, etwas höher. Es war das gleiche Modell, das auch sie hatte.

„Hier“, erklärte sie und nahm es ihm aus der Hand. „Sie drücken auf diesen Button, und wenn der Anruf zur Mailbox geht, drücken Sie auf Settings …“

Er beugte sich zu ihr, und sie nahm sein Aftershave wahr, das nach Moschus und Zitrus duftete. Sie wagte nicht, ihn anzuschauen, sondern richtete ihre Aufmerksamkeit nur auf das Display, um die Befehle auszuführen, damit das Handy endlich verstummte.

„Und wie muss ich es wieder einschalten? Ich meine, so in der nächsten Woche, wenn mein Vater endlich begriffen hat, dass ich mein eigenes Leben führen will und nicht in seine Fußstapfen treten werde?“

Ja, dieser Mann hatte definitiv ein Vaterproblem. Aber wer war sie denn, um sich ein Urteil zu erlauben? „Nun, wenn er auch nur annähernd wie meine Mutter ist …“ Mia konnte nicht den Schauer unterdrücken, der eine Gänsehaut auf ihren nackten Armen hervorrief. „Dann bezweifle ich, dass es bloß eine Woche dauern wird.“

„Wenn Sie wüssten … Sie kennen ja nur die halbe Geschichte. Aber abgesehen davon brauche ich dieses Handy unbedingt wieder, auch wenn es sehr verlockend wäre, eine Weile für ihn unerreichbar zu bleiben.“

Mia nickte. Sosehr sie sich in den letzten Jahren auch zurückgezogen hatte, ganz zu verschwinden, war auch ihr unmöglich gewesen. „In diesem Fall blockieren Sie einfach seine Nummer. Sie können trotzdem jeden anderen Anruf annehmen.“ Sie tippte ein paarmal auf seinem Display herum. „Natürlich wird das nur so lange funktionieren, bis er begreift, was los ist, und Sie mit einer anderen Nummer anzurufen versucht.“

„Hm. Ich muss zugeben, dass mein Vater clever genug dafür wäre.“

„Dann ist es das Beste, so zu tun, als ob man ihm zuhören würde. Nach zwei Minuten tun Sie dann so, als ob Sie eine UPS-Lieferung bekämen, die Sie unterschreiben müssten, und legen dann mit einer Entschuldigung auf.“

Der Mann, der von seinem Vater GP genannt wurde, lachte so laut, dass er die Aufmerksamkeit des Klavierspielers und des Barkeepers auf sich zog. Wenn sein Lächeln Mia schon in Champagnerlaune versetzt hatte, so ließ sein Lachen sie dahinschmelzen.

Er steckte das Handy in die Innentasche seiner Anzugjacke, griff dann in eine andere Tasche und legte schließlich ein samtbezogenes Etui auf die Bar. Die kleine Schachtel sah aus, als ob sie Schmuck – vielleicht einen Verlobungsring – enthalten würde, und Mia fragte sich, was sich wohl früher am Abend abgespielt haben mochte.

„Ein hübsches kleines Etui“, bemerkte sie.

„Das hat mein Vater wohl auch gedacht, als er es mir gegeben hat.“ Der Mann öffnete die Schachtel, und ein Paar Manschettenknöpfe aus schwarzem Onyx mit den goldenen Initialen GPM kam zum Vorschein.

„Sie sind wirklich schön.“ Mia zwang sich zu einem höflichen Lächeln und fragte sich, warum der Mann so einen ironischen Ausdruck auf seinem Gesicht hatte.

„Er meinte, sie sollen mich daran erinnern, wer ich bin und wo ich herkomme.“ GP, dessen Familienname mit einem M beginnen musste, trank einen weiteren Schluck von seinem Scotch. „Die Ironie daran ist, dass mein Vater Manschettenknöpfe verabscheut. Eigentlich hasst er alles, was ich trage.“

Mia lehnte sich etwas zurück, sodass sie ihren Sitznachbarn besser betrachten konnte. Soweit sie es beurteilen konnte, war der Mann perfekt angezogen. Für Idahos Verhältnisse war sein Anzug natürlich etwas zu gut geschneidert, der Stoff zu edel. Schließlich war das hier Boise. Wer trug schon solche eleganten Kleidungsstücke und Accessoires in diesem Teil des Landes?

Vielleicht war sein Vater irgendein Kartoffelfarmer, der fand, dass sein Sohn es mit der Kleidung etwas übertrieb. Ihre eigene Mutter war genau das Gegenteil. Jedes Mal schimpfte sie, weil Mia ihre Workout-Kleidung im Alltag auch auf der Straße trug. Und dann erklärte sie ihr, dass sie einen reichen, bedeutenden Mann erobern könnte, wenn sie sich nur ein bisschen mehr Mühe mit ihrem Äußeren geben würde.

„Dann steht Ihr Vater also nicht auf Anzüge?“

„Das könnte man so sagen. Mein Vater beschreibt sich immer als Establishment-Gegner. Er hält sich für einen Freigeist und kleidet sich am liebsten wie ein Alt-Achtundsechziger, der gerade von einem Beachboys-Konzert oder vom Surfen kommt. Ich habe das nie begriffen, was das soll, wenn man seine Bildung und das, womit er sein Geld verdient, betrachtet. Er meint, ich wäre ein Rebell.“

„Sie sehen nicht gerade wie ein Rebell aus“, sagte sie. Eher wie ein international erfolgreicher Geschäftsmann, der gerade dabei ist, einen Milliardendeal abzuschließen.

„Ich werde ihm mitteilen, dass Sie das gesagt haben, wenn er das nächste Mal anruft.“ GP stieß leicht gegen die Schmuckschachtel, die daraufhin einige Zentimeter über die polierte Theke glitt. „Ich muss ihm also nur zwei Minuten lang zuhören, sagen Sie?“

Er trank einen weiteren Schluck von seinem Scotch, der die exakte Farbe seiner Augen hatte.

Verflixt! Warum hatte Mia wieder Blickkontakt gesucht?

„Ja. Ich habe fast so etwas eine Wissenschaft daraus gemacht. Wenn man weniger spricht, haben sie das Gefühl, man hätte sie abserviert, was zu nervigen Wiederholungsanrufen führen könnte. Wenn man länger spricht, muss man mit dem Schneeballeffekt rechnen. Dann nimmt das Gespräch an Intensität und Heftigkeit zu, und man kann sie nicht mehr stoppen, ohne unhöflich zu werden.“

„Ich glaube, ich sollte mir Notizen machen. Darf ich Sie zu einem Drink einladen? Sie können mir sicher die fünf besten Entschuldigungen nennen, um nicht zu einem Familienessen an Thanksgiving gehen zu müssen.“

Mia hätte höflich verneinen, ihre Jacke und ihre Handtasche nehmen und so schnell wie möglich die Bar verlassen sollen. Aber sie dachte an ihre eigenen Aussichten für diesen Feiertag in zwei Monaten, und einmal mehr fühlte sie sich bei dem Gedanken daran einsam. Wann hatte sie das letzte Mal mit einem Mann gesprochen, der kein langjähriger Nachbar war, oder den ihre beiden Freundinnen angeschleppt hatten?

Er musste ihre Unentschlossenheit gespürt haben, denn er schenkte ihr ein jungenhaftes Grinsen. „Was möchten Sie trinken?“

Das prickelnde Gefühl überkam sie erneut, und bevor sie sich noch zurückhalten konnte, stieß sie „Champagner“ hervor.

Er sah leicht zweifelnd auf das Glas, das vor ihr stand – eine klare Flüssigkeit mit einer Zitronenscheibe –, zog kurz die perfekt geformten Augenbrauen hoch und bat dann den Barkeeper, eine Flasche Veuve Clicquot zu bringen.

Dieser GP bestellte eine ganze Flasche? Wie war sie nur auf Champagner gekommen?

Maxine und Kylie hätten jetzt gejubelt und gesagt, dass es Zeit würde, sich endlich wieder als begehrenswerte Frau zu fühlen und sich auf einen Flirt und ein wenig Romantik einzulassen.

Doch bei Mia überwog die Angst, dass sie sich bereits zu weit vorgewagt hatte.

Garrett McCormick hatte so ziemlich den schrecklichsten Abend seines Lebens verbracht, als er ziellos in die fast leere Bar des Luxushotels wanderte. Und das wollte etwas heißen, wenn man bedachte, dass er als Chirurg in den gefährlichsten Kriegsgebieten der Welt tätig gewesen war. Als er aus dem Nobelrestaurant hinaus auf die Straße trat und seinen dominanten Vater allein am Tisch zurückließ, hatte er sich nur einen starken Drink und die Art von Einsamkeit gewünscht, die er im Officer Club neben dem Shadowview Army Hospital, in dem er angestellt war, nicht bekommen konnte.

Er war so versessen darauf gewesen, endlich seine Wut mit Alkohol hinunterzuspülen, dass er die zierliche Schwarzhaarige an der Bar nicht bemerkt hatte. Anderenfalls wären sofort seine inneren Alarmglocken losgegangen, und er hätte sich woanders hingesetzt. Weit von ihr entfernt.

Als sein Handy ging, war er so erschrocken und verlegen gewesen, dass er seine Umgebung zum ersten Mal richtig wahrnahm. Was er ihr gesagt hatte, stimmte – er hasste Menschen, die sich so wichtig nahmen, dass sie in aller Öffentlichkeit Fremde zwangen, ihre privaten Anrufe mit anzuhören.

Allerdings tat es ihm nicht leid, dass er jetzt neben ihr saß. Sie trug ein trägerloses Paillettentop, und ein schwarzes Satinjackett hing über der Lehne ihres Barhockers. Auch ihre Hose war aus diesem Stoff.

Da es bereits elf Uhr abends war, vermutete er, dass sie auf irgendeiner Veranstaltung oder Party gewesen war, bevor sie sich noch einen Absacker in der Hotellounge genehmigte. Entweder das, oder sie hatte sich herausgeputzt, um auf Jagd nach einem einsamen Geschäftsmann zu gehen.

Er kannte diese Frauen, die auf der Suche nach wohlhabenden und berühmten Männern waren, aber auch die gelangweilten Hausfrauen, die in Bars einen Fremden aufgabelten, um ihr langweiliges Leben durch einen One-Night-Stand aufzupeppen. Aber etwas in den schimmernden blauen Augen der jungen Frau erinnerte ihn eher an ein ängstliches Kaninchen als an einen Vamp, der einen reichen Mann verführen wollte. Außerdem war sie schön. Er konnte mit einem Blick erkennen, dass sie eine natürliche Schönheit war.

Sein Vater war ursprünglich plastischer Chirurg gewesen, der später beim Fernsehen als Produzent Karriere machte und Shows ausstrahlte, in denen gezeigt wurde, wie man durch Chirurgie und andere Mittel sein Schönheitsideal erreichen konnte. Garrett sah sofort, ob der Schönheit einer Frau nachgeholfen worden war. Er hatte praktisch die letzten fünfzehn Jahre damit verbracht, sich von Med TV und Leuten zu befreien, die einem falschen Ideal nacheiferten.

Kaum hatte er den Rest von seinem Scotch ausgetrunken, als die Flasche Champagner in einem silbernen Kübel mit Eis serviert wurde. Der Barkeeper stellte zwei Gläser auf die Bar, schenkte das perlende Getränk ein, und Garrett warf seine Pläne spontan um. Statt diesen Abend allein mit einer Flasche Glenlivet Eighteen zu verbringen, würde er jetzt Champagner mit einer schönen jungen Frau trinken. „Lassen Sie uns auf Eltern trinken, die nicht wissen, wann sie loslassen müssen“, meinte er und stieß mit ihr an.

„Trinken wir auf alle Menschen, die nicht wissen, wann sie loslassen sollten.“

Garrett wusste nicht, ob ihre Bemerkung auf jemanden abzielte, den sie kannte, oder ob sie einfach meinte, dass sie beide lockerer werden und die Probleme für einen Abend vergessen sollten. Er entschied sich für Letzteres, denn sein Dienst in der Navy endete nächste Woche, und sein Leben würde noch einmal von vorn beginnen. „Wie weit mussten Sie wegziehen, um ihre Eltern loszuwerden?“, fragte er.

Mia trank einen Schluck Champagner und legte leicht den Kopf schief, als ob sie überlegen würde, ob sie ihm so etwas Persönliches erzählen wollte. Schließlich waren sie Fremde, die sich eben erst in einer Bar getroffen hatten. „Meine Mutter lebt in Florida.“

„Kommen Sie von dort?“

„Nein. Als Kind bin ich oft umgezogen. Meine Mutter hat ihren Ehrgeiz auf mich projiziert. Wenn sie etwas von einer neuen Tanztruppe oder einem gerade angesagten Tanzlehrer hörte, packte sie meine Leggings und Trikots ein, und wir reisten los.“

„Sie sind also Tänzerin.“

Autor

Christy Jeffries
Christy Jeffries hat einen Abschluss der University of California in Irvine und der California Western School of Law. Das Pflegen von Gerichtsakten und die Arbeit als Gesetzeshüterin haben sich als perfekte Vorbereitung auf ihre Karriere als Autorin und Mutter erwiesen. Mit zwei Energiebündeln von Söhnen, der eigenwilligen Großmutter und einem...
Mehr erfahren

Entdecken Sie weitere Bände der Serie

Romantik pur in Sugar Falls