Werde meine Prinzessin

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Nacht für Nacht verführt der feurige Khalil Khan seine junge amerikanische Ehefrau Dora mit zärtlicher Leidenschaft. Doch während sie in den Armen ihres orientalischen Märchenprinzen liegt, sehnt sie sich nach etwas, das er ihr seit ihrer Hochzeit verweigert...


  • Erscheinungstag 26.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779542
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Eine Braut?

Ungläubig starrte Prinz Khalil Khan hinaus auf das Rollfeld. Es musste sich um eine Fata Morgana handeln. Das Phänomen war ihm vertraut, da er zweimal so töricht gewesen war, sich in der weiten Wüste von El Bahar zu verirren. Er kannte die verräterischen Anzeichen: tanzende Bilder in der flimmernden Hitze und pochende Schmerzen hinter den Augen.

Doch momentan war keines dieser Anzeichen vorhanden. Es war Januar. Schmutziger Schnee türmte sich ringsumher auf, und weder schmerzten seine Augen, noch flimmerte das fragliche Bild. Es näherte sich vielmehr steten Schrittes. Außerdem befand er sich nicht in El Bahar, sondern auf einem Flugplatz in Kansas.

„Ich muss eine schwere Sünde begangen haben“, murrte er vor sich hin. „Wenn nicht in diesem Leben, dann in einem vorherigen.“

Die Frau blieb vor ihm stehen. Ihr Brautkleid saß schlecht, und ihre Augen waren gerötet vom Weinen. „Entschuldigung“, sagte sie mit rauer Stimme. „Es klingt wahrscheinlich seltsam, aber ich brauche eine Mitfluggelegenheit.“

Er hasste sentimentale Frauen und bedachte sie daher mit einem Blick, den seine Großmutter Fatima als gebieterisch bezeichnet hätte. „Sie wissen doch gar nicht, wohin ich fliege.“

Sie schluckte. Zwei hektische Flecken auf ihrem blassen Gesicht ließen sie fieberkrank und unattraktiv wirken. „Das ist mir egal. Ich muss in eine Stadt. Ich bin hier gestrandet. Ich habe kein Gepäck und keine gewöhnliche Kleidung.“

Aus reiner Neugier hätte er beinahe gefragt, warum sie mitten im Winter in einem Brautkleid und ohne Mantel auf dem Flughafen von Salina festsaß. Vielleicht war sie geistig gestört.

In diesem Moment kam eine große, üppige Blondine aus dem Terminal. Ihr kurzer Rock enthüllte lange, perfekte Beine, während der hautenge Pullover volle Brüste betonte, die bei jedem Schritt hüpften.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum sich das Schicksal derart gegen ihn verschworen und seine dreiwöchige Geschäftsreise in die Vereinigten Staaten in einen Höllentrip verwandelt hatte. Sein sympathischer, tüchtiger Assistent hatte wegen einer Erkrankung seiner Mutter nach El Bahar zurückkehren müssen. Der Intelligenzquotient seiner Aushilfssekretärin stand in direktem Gegensatz zur Größe ihrer Brüste. Das Hotel in Los Angeles hatte Khalils Reservierung verschlampt und ihn in einem gewöhnlichen Zimmer statt in einer Suite untergebracht. Wegen eines Defekts an seinem Jet hatte er ein Flugzeug chartern müssen, das nicht genug Treibstoff für den Flug nach New York aufnehmen konnte, sodass es zu dieser Zwischenlandung gekommen war. Und zu allem Überfluss bat nun eine verlorene Braut um seine Hilfe!

Ein Pochen begann in seinen Schläfen. „Wir fliegen nach New York“, sagte er schließlich. „Sie können mitkommen, wenn Sie wollen, aber tun Sie es schweigend. Sonst befördere ich Sie eigenhändig aus der Maschine, ungeachtet der Höhe.“ Und damit wandte er sich ab und schritt zu dem kleinen Jet.

Dora Nelson starrte dem Fremden nach. Freundlichkeit war offensichtlich ein Fremdwort für ihn, aber sie befand sich nicht in der Position, um sich zu beklagen. Wenn sie Kritik üben konnte, dann höchstens an ihrem eigenen Verhalten.

Soweit sie wusste, hatte sie sich in den vergangenen fünf Jahren nur zweimal wirklich töricht benommen, leider jedoch im Abstand von wenigen Wochen. Ihr erster Irrtum hatte darin bestanden, an Geralds Liebe zu glauben. Der zweite Fehler war die Weigerung an diesem Morgen, sein Flugzeug wieder zu besteigen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Boss und Exverlobter tatsächlich abfliegen und sie ohne ihr Gepäck zurücklassen würde. Sie hatte kein Geld, keine Papiere, keine Kleidung und höchstwahrscheinlich auch keinen Job mehr.

Aber zumindest hatte sie eine Transportmöglichkeit. Sie hob die Schleppe des Brautkleides und ging zu dem wartenden Jet. Sobald sie in New York eingetroffen war, konnte sie ihre Bank anrufen und sich Geld schicken lassen. Da sie keinen Ausweis bei sich hatte, war es ihr allerdings unmöglich, mit einem Linienflug nach Hause zurückzukehren. Außerdem stand ihr die unangenehme Aufgabe bevor, ihre Hochzeit abzusagen, die in vier Wochen stattfinden sollte. Vor zwei Tagen erst hatte sie voller Freude dreihundert Einladungen verschickt. Sie war wirklich ein Dummkopf.

Dora erklomm die Stufen zum Jet. Das Brautkleid rutschte ihr von einer Schulter, und sie zerrte es hastig wieder hoch. Es war erst an diesem Morgen geliefert worden, und sie hatte es erwartungsvoll während des Fluges anprobiert und festgestellt, dass es zu klein war und sich die Knöpfe im Rücken nicht schließen ließen.

Sie betrat die Kabine und ließ den Blick über die üppigen Ledersitze gleiten. Die unglaublich schöne Blondine blickte auf. „Ich bin Bambi. Und wer sind Sie?“

„Niemand“, murmelte Dora. Sie schritt zum Heck und nahm hinter ihrem unglaublich gut aussehenden Retter Platz. Kurz darauf hob das Flugzeug ab. Sie machte sich nicht die Mühe, aus dem Fenster zu sehen. Von Berufs wegen war sie schon so oft geflogen, dass es sie nicht länger beeindruckte.

Etwa vierzig Minuten später durchbrach eine hitzige Unterhaltung ihre Gedanken.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie diese Zahlen auflisten sollen“, sagte eine vorwurfsvolle männliche Stimme. „So ist es nicht richtig.“

„Seien Sie nicht böse, Khalil“, entgegnete Bambi sanft. „Ich gebe mir doch Mühe.“

„Das ist nicht genug. Ich brauche diesen Bericht vor der Landung. Sobald wir New York erreichen, verlassen Sie dieses Flugzeug und gehen mir aus den Augen.“

Zumindest muss sie nicht sofort aussteigen, dachte Dora belustigt und beobachtete, wie er mit einem Laptop an seinen Platz zurückkehrte.

„Sie denken vermutlich, dass ich unangemessen grausam bin“, murmelte er, als sich ihre Blicke begegneten.

„Nicht, wenn sie die von ihr erwartete Leistung nicht erbringt.“

„Mir wurde eine tüchtige Assistentin zugesagt, aber sie ist ein Reinfall.“

Dora streckte eine Hand nach dem Laptop aus. „Vertrauen Sie mir“, sagte sie, als er misstrauisch zögerte. „Wenn Ihnen meine Arbeit nicht zusagt, können Sie mich ja eigenhändig aus dem Flugzeug befördern.“

Mit einem flüchtigen Lächeln gab er ihr den Laptop. Sie blickte in seine dunklen Augen und stellte wieder fest, dass er äußerst gut aussah. Seine Haut war ebenfalls dunkel. Eine schmale Narbe auf der linken Wange erhöhte nur noch seinen Reiz.

Markante Züge – gerade Nase, ausgeprägtes Kinn, hohe Wangenknochen – ließen ihn wie eine antike, zum Leben erweckte Statue wirken. Er trug einen grauen Anzug, der seine breiten Schultern und schmalen Hüften betonte und vermutlich mehr kostete, als sie im vergangenen Quartal verdient hatte.

Niedergeschlagen rief sie sich in Erinnerung, dass sie dreißig und unscheinbar war und jedes einzelne der zwanzig Pfund Übergewicht unterhalb der Taille saß. Ihre Figur war birnenförmig. Männer wie er beachteten Frauen wie sie nicht. Oder genauer gesagt, kein Mann beachtete eine Frau wie sie. Außer Gerald, und der hatte ihr nur etwas vorgemacht, wie sie an diesem Morgen herausgefunden hatte.

„Wo sind die Daten, die ich verarbeiten soll?“

Er reichte ihr eine Akte. „Wir planen, eine von zwei Firmen zu kaufen. Für die Entscheidung brauche ich einen Vergleich der Bilanzen.“

Dora sah sich die Papiere an und nickte. Sie hätte die Arbeit im Schlaf erledigen können.

Zwei Stunden später übergab sie Khalil den ausgedruckten Bericht. Kurz darauf setzte das Flugzeug zur Landung an. Sie blickte zur Uhr und unterdrückte ein Stöhnen. Es war sieben Uhr abends durch, also nach vier Uhr in Los Angeles. Ihre Bank hatte inzwischen geschlossen. Es sah ganz so aus, als ob sie die Nacht im Flughafen verbringen musste.

Da es ihr peinlich war, in einem zu kleinen Brautkleid herumzuspazieren, trödelte sie, bevor sie das Flugzeug verließ. Dennoch standen Khalil und Bambi immer noch auf dem Rollfeld.

„Ich habe gesagt, dass Sie entlassen sind“, sagte er gerade.

Bambi lächelte. „Ich weiß. Es war so schwer, für Sie zu arbeiten. Ihre Geschäfte sind so kompliziert, und außerdem konnte ich mich kaum zurückhalten.“ Sie schmiegte ihren üppigen Körper an seinen. „Ich will dich.“

Unwillkürlich verlangsamte Dora den Schritt und lauschte.

„Miss Anderson, ich habe keinerlei Interesse an Ihnen, weder persönlich noch anderweitig. Sie sind entlassen. Gehen Sie mir aus den Augen.“

Bambi verzog die blutrot geschminkten Lippen zu einem Schmollmund. „Das ist nicht dein Ernst. Du bist reich und ich bin schön. Wir gehören zusammen.“

Er versteifte sich empört. „Ich bin Prinz Khalil Khan von El Bahar. Mir widerspricht man nicht.“

Er ist ein Prinz, durchfuhr es Dora. Hektisch suchte sie in ihrem Gedächtnis nach Informationen über das Land. Ihr fiel nicht viel ein, außer dass es irgendwo auf der Arabischen Halbinsel lag, von einem König mit drei Söhnen regiert wurde und seit langem neutral in politischen Angelegenheiten war.

„Aber Khalil“, widersprach Bambi. „Ich war Miss Juli.“

Dora musterte Bambis Körper und zweifelte nicht an der Aussage. Die beiden hätten ein hübsches Paar abgegeben.

Khalil wandte sich an Dora. „Ich kenne Ihren Namen nicht.“

„Weil Sie mich nicht danach gefragt haben.“ Sie trat vor und reichte ihm die Hand. „Ich bin Dora Nelson.“

Ihre Dreistigkeit schien ihn einen Moment zu verblüffen. Dann nahm er ihre Hand. Die Berührung sandte ein heftiges Prickeln durch ihren Körper. Er hingegen blieb natürlich völlig ungerührt und nickte ihr knapp zu.

„Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben“, sagte sie mit erzwungener Gelassenheit und wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie, Miss Nelson. Ich habe derzeit keine Assistentin. Da ich mich noch zwei Wochen in Ihrem Land aufhalten werde, möchte ich Sie bitten, bis zu meiner Abreise für mich zu arbeiten.“

„Das ist ja lächerlich!“ Bambi stampfte mit dem Fuß auf. „Ich bin schön. Sie ist es nicht. Sie ist sogar …“ Bevor sie eine Beleidigung aussprechen konnte, stürmten auf ein Zeichen von Khalil zwei Männer herbei und führten sie davon. „Das kannst du nicht tun!“, rief sie empört. „Wir beide passen großartig zusammen. Du bist so reich und ich …“ Die Tür zum Terminal schloss sich und unterbrach sie mitten im Satz.

„Eine höchst unangenehme Person“, sagte Khalil. „Würden Sie einen vorübergehenden Job erwägen? Die Bezahlung wäre großzügig. Fünftausend pro Woche.“

„Dollar?“

„Ja, natürlich.“

Das war mehr, als sie in Los Angeles in einem Monat verdient hatte. Das Angebot war ein Geschenk des Himmels. Sie nickte. „Okay. Unter der Bedingung, dass ich einen Vorschuss bekomme, damit ich mir Kleidung kaufen kann.“

Er zückte seine Brieftasche und reichte ihr mehrere Hundertdollarscheine. „Hier. Das ist für Sie. Was die Kleidung angeht, können Sie vom Wagen aus anrufen und sich alles Nötige ins Hotel liefern lassen.“ Er lächelte. „Betrachten Sie es als Bonus.“

Dora erblasste. Es lag nicht am Anblick des Geldes oder der Tatsache, dass ihre Probleme zumindest vorübergehend gelöst waren. Es war vielmehr die Wirkung seines Lächelns, das ihn von gut aussehend in absolut unwiderstehlich verwandelte.

In diesem Moment fuhr eine lange, dunkle Limousine vor. Die beiden Männer, offensichtlich Khalils Leibwächter, kehrten aus dem Terminal zurück und öffneten die Türen zum Fond.

In ihrer Funktion als Chefsekretärin war Dora schon häufig stilvoll gereist, aber nie zuvor in der Gesellschaft eines Prinzen. Khalil nahm neben ihr Platz, während die beiden Männer sich ihnen gegenüber setzten.

Sie unterdrückte ein Lachen. Noch an diesem Morgen hatte sie in ihrer Wohnung in Los Angeles ihren Tagesablauf und ihre Hochzeit Ende des Monats geplant. Nun war sie in New York, in einer Limousine mit einem Prinzen von El Bahar. Sie hatte ihr Gepäck, ihren Verlobten und ihre Würde verloren. Dennoch war ihr nach Lachen zumute. War es Hysterie oder einfach Erleichterung darüber, dass sie die Nacht nicht auf einer Bank verbringen musste?

Khalil nahm ein Mobiltelefon aus der Armlehne zwischen ihnen und reichte es ihr zusammen mit einer Visitenkarte. „Hier steigen wir ab. Rufen Sie das Hotel an und lassen Sie sich eine Boutique empfehlen. Dann bestellen Sie, was Sie brauchen, und lassen Sie es auf meine Hotelrechnung setzen.“

Er gab ihr eine zweite Karte, die ihn als Khalil Khan, Wirtschaftsminister von El Bahar auswies. Die kleine Krone in der Mitte verdeutlichte, dass er der königlichen Familie angehörte.

2. KAPITEL

Das Foyer des eleganten Hotels war mindestens drei Stockwerke hoch. Dora stockte der Atem, als sie die exklusiven Möbel, die teuren Teppiche und die glitzernden Kronleuchter erblickte.

Bevor sie die Rezeption erreichten, trat ein kleiner, gut gekleideter Mann zu ihnen, verbeugte sich tief vor Khalil und stellte sich als Geschäftsführer vor. Unverzüglich führte er sie zu einem Fahrstuhl.

Die Reichen brauchen sich also nicht einzutragen, dachte Dora lächelnd. Wie nett. Vermutlich durften sie auch die flauschigen Bademäntel behalten.

In der obersten Etage angekommen, öffnete der Manager die Doppeltür zu einer Suite. Khalil bedeutete Dora voranzugehen. Nur widerstrebend gehorchte sie, denn der Anblick ihres BHs und der nackten Haut im Rücken wirkte gewiss nicht gerade reizvoll.

Der Salon war so groß wie ein Basketballfeld und mit Marmorsäulen, eleganten Sofas, Originalgemälden, einem Piano und der fast lebensgroßen Bronzestatue eines Pferdes ausgestattet. Eine Fensterfront bot einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und den Central Park. Zu beiden Seiten eröffneten sich Korridore.

„Zur Linken befinden sich der Speiseraum, die Küche und die Büroräume“, erklärte der Manager. „Bitte lassen Sie uns wissen, wenn Sie die Dienste eines Chefkochs in Anspruch nehmen möchten.“ Er deutete nach rechts. „Vier Schlafzimmer. Die Lieferung der Boutique ist bereits eingetroffen, und es wurde ein leichtes Abendessen serviert.“

Khalil nickte. „Danke, Jacques. Das wäre dann alles.“

Der Manager verbeugte sich. „Es ist uns eine große Freude, Sie als Gast bei uns zu haben, Prinz Khalil. Meine Belegschaft steht Ihnen zu Diensten.“

„Ja. Gute Nacht.“

Dora konnte es kaum fassen, dass sie sich in einem derart vornehmen Hotel befand. Sie hatte nicht gewusst, dass solche prunkvollen Suiten existierten, geschweige denn davon geträumt, jemals in einer zu übernachten.

Khalil sprach zu den beiden Männern, die daraufhin über den Flur verschwanden. Dann wandte er sich an Dora. „Ich möchte unseren Arbeitstag morgen um acht Uhr beginnen.“

„Ich werde pünktlich sein“, versprach sie. „Falls ich mich verlaufe, rufe ich ein Zimmermädchen und lasse mir den Weg zeigen.“

„Ich halte Sie für intelligent genug, um sich allein zurechtzufinden.“

Er lächelte sie an, und ihr stockte der Atem. Sie musste sich räuspern, bevor sie sprechen konnte.

„Wie soll ich Sie eigentlich ansprechen? Eure Hoheit? Prinz Khalil?“

„Khalil reicht.“

Sie ging einen Schritt zu den Schlafräumen, blieb dann stehen und drehte sich zu ihm um. Eine Sekunde lang wünschte sie sich, vom Schöpfer wie die Bambis dieser Welt mit einem schönen Gesicht und einem reizvollen Körper statt mit Verstand ausgestattet worden zu sein. Aber eigentlich wollte sie nicht auf ihre Intelligenz verzichten. „Danke“, sagte sie schlicht. „Sie waren heute sehr gütig zu mir, und ich weiß es zu schätzen.“

Er winkte ab. „Meine so genannte Güte hat sich zu meinem eigenen Glück entwickelt. Ich hätte keinen weiteren Tag mit jener furchtbaren Frau ertragen. Gute Nacht, Dora.“

Sie nickte und wandte sich ab. Es war nicht schwer zu ergründen, welcher Schlafraum ihr zugedacht war. Zwei Türen waren bereits geschlossen, und eine dritte führte in ein riesiges Gemach. Flüchtig gewahrte sie ein Bett, das Platz genug für vier Personen bot, einen Sitzbereich und dahinter ein luxuriöses Badezimmer.

Sie ging weiter zu der offenen Tür am Ende des Flures. Der große Raum war in Blau und Gold gehalten. Das Mobiliar sah französisch aus. Auf einem kleinen Tisch in einer Ecke stand ein Tablett vom Zimmerservice, und vor dem breiten Bett waren mehrere Einkaufstüten aufgereiht.

Dora überlegte, was sie als Nächstes tun sollte. Ihr Magen knurrte und rief ihr in Erinnerung, dass sie seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte. Daher verzehrte sie zunächst das Mahl aus Salat, köstlich gewürzter Hähnchenbrust, zartem Gemüse und Safranreis. Das Dessert hob sie sich für später auf.

Während sie noch an dem Weinglas nippte, setzte sie sich auf das Bett. Als sie sich im Spiegel über der Frisierkommode erblickte, stöhnte sie laut auf. Sie sah furchtbar aus. Das Make-up, das sie am Morgen aufgelegt hatte, war verschwunden. Ihre Haut war blässlich und fleckig, die kurzen, dunklen Haare zusammengefallen, und das Brautkleid bauschte sich auf höchst unvorteilhafte Weise um ihren Körper.

„Mein Leben ist ein einziges Chaos“, teilte sie ihrem Spiegelbild mit.

Zwölf Stunden zuvor hatte sie glücklich und zufrieden ihre Hochzeit geplant und sich mit ihrem Boss und Verlobten auf Geschäftsreise nach Boston begeben. Nun war sie allein in New York und einem Fremden ausgeliefert. Der Fremde war zwar ein Prinz, aber kaum mehr als eine vorübergehende Rettung. Nach Ablauf der zwei Wochen musste sie in ihr wahres Leben zurückkehren und vermutlich Gerald wiedersehen.

Entschieden verdrängte sie den furchtbaren Gedanken und leerte eine Tüte nach der anderen auf dem Bett aus, bis sie von einem großen Haufen neuer Sachen umgeben war. Nicht nur Schuhe, Kleider, Röcke, Blusen, Dessous und Nachthemden waren vorhanden, sondern auch ein Schminkkoffer und eine Kulturtasche.

Dora stand auf, zerrte sich das Brautkleid vom Leib und warf es in eine Ecke. Dann schlüpfte sie in das erste Kleid aus blauer Seide. Das Oberteil war mit helleren Rosen bestickt, die den Blick von ihren üppigen Hüften ablenkten und ihre Figur beinahe ausgewogen wirken ließen. Sie betrachtete sich im Spiegel und stellte fest, dass sie nie besser ausgesehen hatte. Dann blickte sie auf das Preisschild am Ärmel und rang nach Atem.

Zwölfhundert Dollar! Für ein Kleid, das sie ins Büro tragen würde? Sie wagte nicht auszurechnen, wie viel die gesamte Garderobe kosten mochte, die sie so achtlos auf das Bett geworfen hatte. Ihr wäre bestimmt schwindelig geworden. Stattdessen hängte sie alles sorgfältig in den Kleiderschrank. Dann wusch sie sich und schlüpfte in ein schlichtes Nachthemd, das vermutlich mehr gekostet hatte als ihr Brautkleid.

Als sie sich in die weichen Kissen kuschelte, dachte sie über die turbulenten Ereignisse des Tages nach. Es erwies sich als Fehler, weil es sie zwang, an Gerald zu denken. Sie redete sich ein, dass sie ohne ihn besser dran war, obwohl es ihr das Herz brach und ihr Tränen in die Augen trieb. Sie hatte sich seine Liebe so sehr ersehnt, doch er hatte ihr nur etwas vorgemacht. Lag es an ihr, dass kein Mann sie begehrte? Musste sie die Schuld bei sich suchen? Oder war er einfach ein Schuft und keine Träne wert?

Dann wandte sie ihre Gedanken dem Mann zu, der ihr Leben geändert hatte, wenn auch nur für ein paar Tage. Wie war er? War er ein Schuft wie Gerald? Waren alle Männer so? Oder war er ehrenwert und aufrichtig?

„Ja, ich verstehe, Mr. Boulier. Die Weinkarte Ihres Restaurants ist höchst eindrucksvoll, aber der Prinz zieht es vor, eine Auswahl aus seinem eigenen Weinkeller zu treffen. Diese Weine sind aus El Bahar eingeflogen worden. Er ist gern bereit, Korkgeld zu zahlen, aber wenn es eine Beleidigung für Sie und Ihre Belegschaft bedeutet, werden wir das Dinner eben anderswo abhalten müssen.“

„Natürlich habe ich Verständnis für die Wahl des Prinzen. Wir fühlen uns sehr geehrt, seiner Bitte nachzukommen.“

Dora lächelte, unterdrückte jedoch jeglichen Triumph aus ihrer Stimme. „Ich werde ihn von Ihrer Hilfsbereitschaft in Kenntnis setzen. Richten Sie sich auf fünfunddreißig Dinnergäste ein.“

„Wir werden bereit sein“, versicherte Mr. Boulier.

„Vielen Dank für Ihre Mitarbeit. Wir sehen uns morgen Abend.“

Dora legte den Hörer auf, schaltete den Anrufbeantworter ein, griff nach einigen Unterlagen und verließ den Raum.

Khalils Büro lag neben ihrem. Er ließ die Tür offen stehen und hatte sie angewiesen, jederzeit ohne Hemmungen einzutreten. In den vergangenen fünf Tagen hatte sich eine Routine in ihrem Arbeitsrhythmus entwickelt. Jeden Vormittag und dann erneut am Nachmittag führten sie eine Besprechung.

Als sie sich vor seinen Schreibtisch setzte, nickte er ihr zu und murmelte: „Ich bin gleich so weit.“

„In Ordnung.“

Khalil fuhr fort, mit äußerster Konzentration Daten in seinen Computer zu tippen. Er besaß ein markantes, eindrucksvolles Profil. Sein dunkles, streng zurückgekämmtes Haar reichte ihm bis auf den Kragen. Wie gewöhnlich trug er einen maßgeschneiderten Anzug, der die Stärke und Grazie seines Körpers unterstrich. Es war gefährlich, ihn zu lange zu betrachten. Daher blickte sie aus dem Fenster hinter ihm auf die Stadt tief unten.

Als er sich ihr schließlich zuwandte, fiel ihr der unbeugsame Zug um seinen Mund auf, die strenge Miene und die schmale, blasse Narbe auf seiner linken Wange.

Nur gelegentlich gelang es ihr zu vergessen, dass ihr derzeitiger Arbeitgeber königlicher Abstammung war. Denn Khalil sonderte sich stets ein wenig ab. Er ermutigte keinerlei Vertrautheit und ging selten auf ihren Humor ein. Nur seine scharfe Intelligenz verhinderte, dass er pompös wirkte. Er war in vielerlei Hinsicht der vielschichtigste Mensch, dem sie je begegnet war.

„Wie war Ihr Morgen?“, erkundigte er sich.

Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er die Frage aus reiner Höflichkeit stellte. „Es läuft gut.“ Sie reichte ihm ein Fax. „Hier ist der Bericht über die neuen Computerchips.“

Sie wartete, während er den Bericht überflog. Seine Augen waren groß und dunkel. Manchmal hätte sie schwören können, dass er ihr bis in die Seele blickte, doch das war lächerlich und Wunschdenken ihrerseits. Er bemerkte kaum, dass sie lebte. Für ihn war sie eine effektive Büroeinrichtung. Ein weiblicher Roboter.

Khalil legte das Fax beiseite. „Was gibt es sonst noch?“

„Für morgen habe ich einen Termin mit den Wissenschaftlern vereinbart, die sich mit der Rückgewinnung von Wasser beschäftigen.“

„Sehr gut“, lobte er. „Als Wüstennation ist es für uns von höchster Wichtigkeit, genügend Wasser für die Landwirtschaft und die wachsende Bevölkerung zu beschaffen. Ich glaube fest daran, dass wir die Wüste schließlich zurückgewinnen, obwohl es ihr sicherlich sehr widerstrebt, gezähmt zu werden.“

„Mir war gar nicht bewusst, dass die Wüste als weibliches Wesen angesehen wird.“

„Aber ja. Alle unberechenbaren Dinge sind weiblich. Schiffe, Flugzeuge, Mutter Natur.“

Sie fragte sich, ob er Probleme mit Frauen hatte. Gab es eine besondere Frau in seinem Leben? War er womöglich verheiratet? Sie verdrängte den unliebsamen Gedanken. „Ich habe die Vorkehrungen für das morgige Dinner abgeschlossen. Der Wein wird am Morgen geliefert.“

„Wie groß waren die Proteste?“

Sie lächelte. „Mr. Boulier hat zunächst aufbegehrt, aber dann ist er zur Vernunft gekommen.“

„Ich bin sicher, dass Sie erheblich dazu beigetragen haben.“ Er reichte ihr drei Umschläge. „Weitere Einladungen zu Wohltätigkeitsveranstaltungen. Ich habe nur Zeit für eine. Welche würden Sie mir empfehlen?“

Sie sah sich die Einladungskarten an. „Ich persönlich würde die Veranstaltung zugunsten aidskranker Kinder besuchen, aber bei der Modenschau zur Unterstützung Obdachloser sind vermutlich mehr attraktive junge Frauen zugegen.“

Verstohlen musterte sie ihn unter gesenkten Lidern. Nicht einmal der Anflug eines Lächelns zeigte sich auf seinem Gesicht. Offensichtlich besaß er überhaupt keinen Sinn für Humor. Dennoch wollte sie sich nicht beklagen. Er hatte sie zu einem wichtigen Bestandteil seines Teams in den Vereinigten Staaten auserkoren, anstatt sie nur für Botendienste zu benutzen. Am vergangenen Abend hatte sie mit Khalil und zwei Senatoren diniert, die sich für die Züchtung gegen Dürre resistenter Feldfrüchte interessierten. Offiziell hatte sie nur als Protokollführerin fungiert, doch anschließend hatte er eine ganze Weile mit ihr über das Meeting gesprochen.

Ein leises Klopfen an der offenen Tür unterbrach ihre Gedanken. Sie blickte auf, sah einen Kellner mit einem Servierwagen auf der Schwelle stehen und sagte: „Ins Speisezimmer, bitte.“ Mit den Akten unter dem Arm begleitete sie Khalil den langen Flur entlang zum Esszimmer.

Als er sie an ihrem ersten Arbeitstag aufgefordert hatte, den Lunch mit ihm einzunehmen, war sie ganz aufgeregt und nervös geworden. Doch sie hatte sehr schnell erkannt, dass er lediglich Zeitverschwendung vermeiden wollte. Es gab viel zu besprechen, sie mussten essen – warum also nicht beides gleichzeitig erledigen?

„Nehmen Sie die Einladung zugunsten der Kinder an, und lehnen Sie die anderen ab“, trug er ihr auf, sobald sie sich an den Tisch gesetzt hatten.

„In Ordnung.“

Zwei Stunden später ging die Besprechung zu Ende, und Dora hatte genug Arbeit, um bis spät am Abend beschäftigt zu sein. Es störte sie jedoch nicht. Im Gegenteil. Es hielt sie davon ab, über ihr verkorkstes Leben nachzudenken. Leider konnte sie es nicht auf ewig verschieben.

Sie räusperte sich. „Khalil, ich brauche heute Nachmittag eine Stunde frei. Ich habe einige Telefonate mit Los Angeles zu führen.“

„Haben Sie Probleme, Ihre Papiere wieder zu beschaffen?“

Autor

Susan Mallery

Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren Frauenromanen voll großer Gefühle und tiefgründigem Humor. Mallery lebt mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen, aber unerschrockenen Zwergpudel in Seattle.

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