Wie eine Perle im Meer

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Auf der Insel Skiathos steht Eleanor vor einer schweren Entscheidung: Während sie den eleganten Hotelier Yannis liebt, scheint er sie nur wegen ihres gemeinsamen Sohnes heiraten zu wollen. Soll sie dennoch Ja sagen und darauf hoffen, dass Yannis irgendwann ihre Gefühle teilt?
  • Erscheinungstag 30.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779696
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wie konnte er es nur wagen? Wie konnte er es nur? Diese wütenden Worte waren Eleanor Carrington in den vergangenen schrecklichen und fast unerträglichen Stunden unentwegt im Kopf herumgegangen. Natürlich hatte sie gewusst, dass Yannis Diamakis sich für die moderne Ausgabe eines griechischen Gottes hielt, sich einer Welt zugehörig fühlte, in der die männliche Überlegenheit noch unangefochten war. Und dies waren einige der vielen Gründe gewesen, warum ihre kurze, heftige Beziehung ein Ende gefunden hatte.

Aber dennoch hätte sie niemals angenommen, dass er zu so etwas fähig gewesen wäre. Fähig, ihr Christophor zu stehlen, ihren dreijährigen Sohn, und mit ihm nach Griechenland zu verschwinden …

Ihre Hand bebte, als sie sich damit über die Augen fuhr, um sich die Tränen des Zorns abzuwischen. Sie nahm sich zusammen und verließ die überfüllte Ankunftshalle auf dem Flughafen von Skiathos. Die grelle Julisonne blendete sie, und nach der angenehmen Kühle in der Halle traf die Hitze draußen sie wie ein Schlag.

Eleanor drängte entschlossen ihre aufgewühlten Gefühle zurück, obgleich ihr die vertrauten Geräusche und Gerüche der Insel und ihr Anblick dies sehr schwer machten. Aber Tränen waren eine Schwäche, die sie sich nicht leisten konnte. Der Brief an Yannis war schon Schwäche genug gewesen, das war ihr nun bewusst geworden …

„Zum Thessa Beach Hotel, bitte“, erklärte sie dem Taxifahrer, als sie gleich darauf auf der Rückbank des staubigen Mercedes saß und tief Luft geholt hatte. Christophors wegen war sie nun auf dem Weg in die sprichwörtliche Höhle des Löwen. Aber sie kam sich vor wie eine Löwenmutter, die ihr Junges beschützen musste. Und kalte Wut war ein sehr wirkungsvolles Mittel, die Angst zu besiegen …

Die Straße wand sich die südliche Küste entlang, voller Schlaglöcher und Bodenwellen, aber auch zauberhafter Ausblicke auf tief eingeschnittene Buchten und die sanften Berge des Nordens. Nicht einmal der halsbrecherische Elan des Taxifahrers oder die selbstmörderische Angewohnheit der Inselbewohner, mitten auf der Straße zu fahren, konnte sie von ihren rachsüchtigen Gedanken ablenken.

Und doch … die Insel war so wunderschön. Überall um Eleanor herum blühten flammendroter Hibiskus, leuchtende pinkfarbene Bougainvilleabüsche und rosa und weißer Oleander an den mit roten Ziegeln gedeckten Dächern der gekalkten Häuser, die sich weiß gegen den azurblauen Himmel abzeichneten.

Diese kleine, pinienbewachsene griechische Insel in der Ägäis hatte bereits vor vier Jahren ihr Herz erobert, und ihr Zauber war immer noch in ihr lebendig. Eleanor strich sich die langen haselnussbraunen Haare aus dem Gesicht. Der Fahrtwind wehte den Geruch nach Baumharz, Wacholder und wildem Thymian in den Wagen, eine warme, sinnliche Mischung, die ihre Sinne erregte und ihre Stimmung hob.

Das Taxi kam in einer Staubwolke mit quietschenden Bremsen abrupt am Ende eines Sandweges zum Stehen, der zum Hotel führte. Sie stieg mit weichen Knien aus, während der Fahrer ihr Gepäck aus dem Kofferraum holte. Fast ohrenbetäubend war das schrille Konzert der Zikaden in den Bäumen um sie herum.

„Efcharisto“, bedankte sie sich bei dem Fahrer und drückte ihm eine Hand voll Drachmenscheine in die Hand.

„Parakalo.“ Der Fahrer grinste erfreut über das großzügige Trinkgeld und musterte anerkennend ihre strahlenden blauen Augen, das feste Kinn und die langen Beine in den weißen Bermuda-Shorts. „Schöne Ferien“, wünschte er ihr dann auf Englisch, setzte sich wieder in den Wagen und fuhr los.

Wenn er nur wüsste, dachte Eleanor, nahm ihren Koffer und wandte sich steif zum Gehen. Dies würden bestimmt keine schönen Ferien werden. Es war sehr wahrscheinlich der Anfang eines Albtraums …

Vier Jahre zuvor hatte sie sich frei wie der Wind gefühlt und war mit ihrem klapprigen kleinen Moped den selben Weg am saphirblauen Meer entlang gefahren. Es war ihre erste Saison als Reiseleiterin eines Reiseveranstalters auf Skiathos gewesen. Sie hatte jede Minute ihres Jobs genossen, die warme, herzliche Gastfreundlichkeit der Griechen, die wunderschöne Insel. Alles schien damals unkompliziert und perfekt zu sein. Die Komplikation, die sie nicht hatte voraussehen können, war gewesen, dass sie Yannis kennen gelernt und sich hoffnungslos in ihn verliebt hatte – nein, glaubte, sich hoffnungslos in ihn verliebt zu haben …

Sie erreichte das Ende des Weges. Zu ihrer Linken lag das Hotel, angeschmiegt an den sanften Hügel. Sein Garten zog sich bis zum Strand hinunter. Urlauber plantschten im Wasser herum oder dösten auf Strandliegen unter weißen Sonnenschirmen.

Obgleich es Juli war, war der Strand nicht voll. Dies war ein Privatstrand, der zum Hotel gehörte, und die Gebühren für die Liegen und die Sonnenschirme hielten hotelfremde Urlauber fern.

Plötzlich hielt sie den Atem an. Bildete sie es sich nur ein, weil ihre Gefühle so aufgewühlt waren, oder war es dort unten wirklich Christophor, den sie zu sehen glaubte?

Ihr Herz begann zu rasen, sie ließ den Koffer einfach fallen und beschützte mit der Hand ihre Augen gegen die gleißende Helligkeit. Nahe am Wassersaum stand ein kleiner Junge mit einer rotweiß gestreiften Badehose. Sein dichtes schwarzes Haar wehte ihm in der leichten Meeresbrise um den Kopf. Das Kind wandte sich leicht um, den Daumen im Mund, und zeigte ein so vertrautes und geliebtes Profil, dass es für Eleanor kein Zögern mehr gab. Sie rannte los wie nie zuvor in ihrem Leben, raste über den heißen Sand und rief dabei immer wieder den Namen ihres Sohnes. Erleichterung überflutete sie, als sie das Erkennen in den Augen des Jungen sah, und er laut „Mummy!“ schrie.

Sie riss ihn in die Arme, sank zusammen mit ihm in den Sand und es war ihr egal, dass die Umliegenden sie verwundert anstarrten.

„Mummy! Wie findest du unsere Urlaubsüberraschung?“, rief ihr Sohn mit strahlenden Augen. „Papa hat gesagt, du würdest heute kommen!“

„Das hat er?“ Mit fast übermenschlicher Willensanstrengung schaffte Eleanor es, ihre Stimme ganz normal klingen zu lassen. „Wo ist Papa denn, Christophor? Sag mir nicht, er hat dich hier ganz allein am Strand gelassen …“

„Nein, Eleanor, das hat er nicht.“

Eleanor erstarrte und kämpfte gegen die Schauder an, die ihr über den Rücken liefen, wie jedes Mal, wenn sie seine Stimme hörte.

Dabei war es nicht vier Jahre her, dass sie sie zuletzt gehört hatte, sondern erst einige wenige Tage. Er hatte auf ihren Brief reagiert, indem er kurz danach in dem Hotel in Northumberland aufgetaucht war, in dem sie arbeitete …

„Nun, willst du mir nicht Guten Tag sagen?“ Die tiefe, unbeschreiblich männliche Stimme zwang sie, den Kopf zu heben.

„Hallo, Yannis.“

„Hallo, Eleanor.“

Das Schweigen schien lauter zu sein als das ohrenbetäubende Zirpen der Zikaden. Plötzlich wurde sich Eleanor ihrer Umgebung, all der vielen Leute um sie herum bewusst. Sie spürte die kühle Haut ihres Sohnes, er musste gerade kurz vorher aus dem Wasser gekommen sein, fühlte, wie seine nasse Badehose ihre Shorts und das kurzärmlige türkisfarbene T-Shirt durchfeuchtete. Aber noch intensiver empfand sie die Gegenwart von Yannis Diamakis, der über ihr aufragte. Da sie kniete, war er ihr psychologisch im Vorteil.

„Ich hoffe, du hast dir nicht zu viele Sorgen gemacht. Mein Brief war doch klar, oder?“

„Ja. Das war er.“ Eleanor räusperte sich und versuchte das plötzlich aufwallende Gefühl der Sehnsucht zu unterdrücken. Es konnte doch nicht angehen, dass sie voller Zorn gegen ihn war und sich zugleich von ihm seelisch und körperlich angezogen fühlte? Sie kniff die Augen gegen die Sonne halb zusammen. „Wir müssen miteinander sprechen“, fügte sie mit eisiger Stimme hinzu. „Allein.“

Die schwarzen, schmalen Augen blickten sie spöttisch an. Yannis war fast einen Meter neunzig groß und gebaut wie ein griechischer Gott, trotz des Erbes seiner englischen Mutter. Seine Haut war tief gebräunt, und er strahlte Kraft und Gesundheit aus, und die knappe dunkle Badehose überließ der Fantasie kaum noch etwas. Mit seinen breiten Schultern, der muskulösen Brust, den schmalen Hüften und den langen, wohlproportionierten Beinen war er Adonis persönlich.

Aber, erinnerte sich Eleanor rasch, seine klassische männliche Schönheit war nicht ohne kleine Mängel. Seine kräftige Nase war ihm früher einmal gebrochen worden. Vielleicht von jemanden, der genauso wütend auf ihn gewesen war wie sie selbst jetzt. Und sein Mund war eine Spur zu groß, die zynischen Linien darum zu deutlich sichtbar. Vielleicht nur winzige Einschränkungen, aber sie machten ihn menschlich, anstatt ihn wie irgendeine mythische Gestalt wirken zu lassen …

Eleanor fühlte, wie ihr Ärger aufloderte. Warum musste dieser Mann aussehen, als wäre das Leben ein einziger Spaß? Warum besaß er immer noch diesen erotischen Zauber, war so unglaublich attraktiv? Wie konnte er es wagen, so selbstsicher und amüsiert zu wirken … wo er doch gerade ihr Kind gestohlen, es unerlaubt nach Griechenland entführt hatte …

„Hast du keine Angst, mit mir allein zu sein, Eleanor?“, spottete er sanft. Er hockte sich hin und wandte sich mit seinem umwerfend charmanten Lächeln an Christophor. Zu Eleanors Ärger strahlte ihr Sohn ihn an. Die Kinderliebe der Griechen ist überwältigend, erinnerte sie sich bitter. Es entschuldigte zwar nicht Yannis’ Vorgehensweise, aber erklärte sie zumindest ein wenig.

Laura, eine Kollegin von ihr, hatte sie eindringlich gewarnt, dass Yannis nichts davon abhalten würde, Christophor bei sich in Griechenland zu behalten, wenn er erst einmal seinen Aufenthaltsort erfahren hatte …

Aber vielleicht hatte er auch das Recht, wütend auf sie zu sein, nach dem, was sie vor vier Jahren getan hatte …

„Angst, mit dir allein zu sein?“, erwiderte sie nun mit vorgespieltem Mut. „Nicht im Mindesten! Hör bloß auf, dir einzubilden, dass keine Frau vor dir sicher ist!“

„Aber das denke ich doch gar nicht.“ Sein Gesicht war ausdruckslos. „Das ist immer nur in deiner Fantasie so gewesen. Dieses Bild von mir als großer Verführer der Frauen …“

„Nein …“

„Doch, das denke ich. Schließlich, warum bist du vor mir davongerannt, wenn ich so unwiderstehlich bin, Eleanor?“

Ein seltsamer Unterton schwang in seiner Stimme mit, ein Ton, der tief vergrabene Erinnerungen in ihr wachrief … Sie umschlang Christophor unwillkürlich fester und fühlte, wie er sich dagegen sträubte.

„Du weißt, warum ich fortgegangen bin“, brachte sie endlich heraus. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich etwas geändert hat …“

Schweigen. Yannis starrte sie an, und sie wandte sich ab und schaute blicklos über den Strand, kämpfte gegen die Vergangenheit an. Dann hielt sie es nicht mehr aus und erhob sich abrupt, Christophor in den Armen.

Auch Yannis stand auf, in einer leichten, mühelosen Bewegung. Als er sie ansah, lag kühle Entschlossenheit in seinen Augen.

„Alles hat sich geändert“, sagte er ruhig. „Und zwar, nachdem den Brief gekommen war.“

„Papa …!“ Christophor streckte seine kleinen Händchen nach ihm aus und Yannis nahm ihn Eleanor einfach aus den Armen, ehe sie reagieren konnte. Mit einem dumpfen Gefühl der Panik sah Eleanor hilflos zu. Stumm starrte sie auf Vater und Sohn, die sich äußerlich so sehr glichen, so offensichtlich glücklich miteinander waren …

„Wie konntest du nur so grausam sein, Yannis?“, hörte sie sich anklagend sagen. „Wie konntest du ihn einfach so mit dir fortnehmen, mich hinters Licht führen, mich diese Hölle durchmachen lassen?“

„Du wirst nicht das Geringste erreichen, indem du mir Beschuldigungen an den Kopf wirfst. Du weißt schließlich am besten, wie man jemanden hinters Licht führst“, grollte er, nahm ein T-Shirt und eine Jeans von einer der in der Nähe stehenden Liegen und bedeutete Eleanor, ihm zu folgen. „Komm. Wie gehen zu mir nach Haus und unterhalten uns dort. Genauso so, wie du es verlangt hast …“

„Wie gnädig von dir …“, murmelte sie zwischen zusammenpressten Zähnen, folgte ihm aber. Dennoch hätte sie am liebsten weit ausgeholt und ihm einen heftigen Tritt versetzt …

Yannis’ neues Haus, das er sich nach ihrer Abreise vor vier Jahren gekauft hatte, erwies sich als eine einstöckige, schöne alte Villa, die sie nach kurzer Fahrt durch einen Olivenhain erreichten. Pinien, Wacholder und Zypressen standen auf dem Grundstück, das bis ans Wasser reichte. Am Ufer der kleinen Bucht dahinter erblickte sie ein schnittiges weißes Motorboot auf dem dunkelblauen Wasser.

„Du hast Glück gehabt, dass du uns unter all den Urlaubern gesehen hast“, murmelte Yannis, als er ihr zum Haus voranging.

„Mütter haben ein angeborenes Gespür dafür, wo ihr Kind ist“, gab sie böse zurück. Sie setzte sich auf den gepolsterten Rohrsessel, den er ihr anbot. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie erschöpft und müde sie war. Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und rieb sich die Augen. Die letzten Tage waren so zermürbend gewesen, in jeder Hinsicht. Nun aber war es zu spät, um umzukehren, den Brief an Yannis konnte sie nicht ungeschehen machen. Wie hatte sie nur glauben können, dass Zeit die Wunde heilte? Dass Yannis Diamakis und sie wie normale, verständige Menschen sich zusammensetzen und eine Lösung für die verkorkste Situation finden könnten, in die sie sich gebracht hatten …

Aber als er im Hotel ihrer Tante Meg in Northumberland auftauchte, hoch gewachsen, dunkel und voller männlicher Ausstrahlung, waren ihre widersprüchlichen Gefühle der Vergangenheit mit Macht wieder an die Oberfläche gebrochen. Jeder der intimen Augenblicke, das tiefe, intensive Verlangen, das sie für ihn empfunden hatte …

So hatte sich ihr Vorsatz, ruhig und besonnen zu bleiben, innerhalb von Sekunden in Luft aufgelöst. Sein Verlangen, Christophor für ein paar Wochen mit nach Griechenland zu nehmen, hatte tiefe Furcht in ihr ausgelöst, und sie hatte es aus einem Reflex der Selbstverteidigung heraus spontan abgelehnt …

So hatte er sie hinters Licht geführt. Oder besser gesagt, Karen, das junge Mädchen, das auf Christophor aufpasste, weil Eleanor das Hotel ihre Tante führte. Yannis hatte seinen Sohn vorgeblich nur zu einem kleinen Ausflug abgeholt, ihn in seinen Mietwagen gesetzt und war mit ihm schnurstracks zum Newcastle Airport gefahren und nach Skiathos verschwunden …

„Was möchtest du trinken, Eleanor?“, unterbrach Yannis’ kühle Stimme sie in ihren Gedanken. Sie blickte auf und sah eine dunkelhaarige, lächelnde Frau in mittlerem Alter auf der Terrasse stehen. Es war anscheinend seine Haushälterin.

„Kaffee, bitte.“ Das Sprechen fiel ihr schwer.

„Danke, Evangelia. Ich möchte auch Kaffee. Und könnten Sie bitte Christophor nehmen und ihm etwas zu trinken und zu essen geben?“

Er warf dabei einen Blick auf Eleanors weißes, angespanntes Gesicht. Sie konnte sich nur schwer zurückhalten, nicht aufzuspringen und ihr Kind an sich zu reißen. Aber Christophor stand auf und legte sein kleines Händchen willig in die der Haushälterin. Er wirkte in keinster Weise wie ein Nervenbündel und unsicher, wie Eleanor es sich die ganze Zeit über ausgemalt hatte. Seine Entführung schien er ohne sichtbare seelische Wunden überstanden zu haben. Im Gegenteil, er schien sich sogar sehr wohl zu fühlen. So, als wäre alles nur ein wunderschönes, aufregendes Spiel …

Wenn ein Dreijähriger mit der Situation fertig wurde, musste sie es dann nicht auch? Eleanor presste die Hände im Schoß zusammen und bemühte sich um Beherrschung.

„Dann hast du also meine Nachricht gefunden?“, meinte Yannis ausdruckslos, als sie schließlich wieder allein auf der Terrasse waren. „Und das Flugticket. Und du bist gekommen, genau, wie ich es mir gewünscht hatte. Bitte, hör auf, mich anzusehen, als sei ich der widerwärtigste Kindesentführer der Welt, Eleanor. Christophor ist hier glücklich. Er weiß, dass ich sein Vater bin. Offensichtlich hat er sich nach einem Vater gesehnt. Ihm scheint das alles sehr zu gefallen.“

Sie sah den triumphierenden Ausdruck in seinen Augen, und da war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei.

„Du … Bastard!“, flüsterte sie bebend und funkelte ihn voller Abscheu an. In seinem T-Shirt und der Kaki-Jeans sah er unglaublich attraktiv und selbstsicher aus. Er lehnte sich lässig zurück.

„Nur durch dein Handeln ist unser Sohn ein Bastard, ein uneheliches Kind, Eleanor“, erwiderte er knapp.

„Ich dachte, ich hätte aufgehört, dich zu hassen. Nun sehe ich, dass ich gerade erst damit begonnen habe!“, flüsterte sie heiser.

„Warum flüsterst du? Warum schreist du deine Beleidigungen nicht laut heraus, Eleanor?“, höhnte er.

„Wenn wir allein wären, würde ich es! Aber da Christophor und deine Haushälterin in Hörweite sind, müsstest du eigentlich Angst haben, mit mir allein zu sein.“

„Sehr viel Sinn ergibt das nicht.“ Abrupt erhob er sich, packte ihr Handgelenk und zog sie hoch. „Aber wenn du ganz allein mit mir sein möchtest, das ist auch kein Problem.“

Ehe Eleanor die Sprache wieder gefunden hatte, befand sie sich im Haus, wurde die Treppe hinaufgezogen und in ein großes Schlafzimmer geführt. Die schwere Eichentür schlug hinter ihr ins Schloss und dann drehte sich der Schlüssel darin. Yannis lehnte sich mit dem Rücken dagegen, gab ihren Arm frei und sah sie mit halbgeschlossenen Augen an.

„So, Eleanor, nun schrei, kämpfe, beleidige mich“, forderte er sie auf. „Lass all deine aufgestaute Wut heraus.“

Sie bebte vom Kopf bis zu den Zehen.

„Du hättest es viel lieber, dass ich in Tränen ausbreche, nicht wahr?“, flüsterte sie rau. „Du Sadist, du würdest es genießen, mich weinen und betteln zu sehen, stimmt das nicht?“

„Ich und ein Sadist?“ Er trat einen Schritt auf sie zu. Eleanor wich nicht zurück. „Wer von uns beiden ist grausamer? Du hast mich angelogen und mir vorgemacht, du hättest das Kind verloren! Du hast mich glauben lassen, es wäre eine Frühgeburt gewesen, und das Baby hätte nicht überlebt! Nur, damit du unsere Verlobung lösen und mein Kind vor mir verbergen kannst!“

Eiskalte Wut schwang nun in seiner Stimme mit.

„Das ist typisch für dich!“, keuchte sie und schüttelte heftig den Kopf, als er näher kam. „Siehst du nicht, dass das ein Grund dafür war, warum ich fort musste? Deine … Besessenheit wegen des Kindes machte mir fürchterliche Angst! Dass es hier in Griechenland aufwachsen sollte! Dich interessierte nichts außer dem Kind! Diese Arroganz, wo es doch mein Kind war, in mir gewachsen war …“

Sie kam nicht weiter. Mit einem heiseren Fluch war er mit zwei Schritten bei ihr und riss sie grob an sich. Eleanor erstarrte.

„Yannis, du darfst nicht …“, begann sie wütend, aber er packte ihr Haar im Nacken und zog ihr den Kopf hart zurück.

„Was darf ich nicht?“, keuchte er. „Zum Teufel, Eleanor, ich traue mir selbst nicht mehr, wenn ich dich …“

Sie öffnete wieder den Mund, um zu protestieren, aber da senkte er den Kopf und verschloss ihn ihr mit den Lippen.

Es war ein atemberaubender Kuss. Ein Versuch, sie zu zähmen, ein Angriff auf ihren Stolz. Aber Hitze überlief sie, als dieser Kuss zärtlicher wurde, voller Hunger und Verlangen, und drohte sie innerlich in Flammen zu setzen.

Sie wand sich in Yannis’ Griff, versuchte ihre Gefühle zu bekämpfen. War es nicht schrecklich, dass ein einziger Kuss von ihm genügte, dieses verzehrende Feuer in ihr zu entfachen, all die Jahre auszulöschen, in denen sie versucht hatte, es in sich zu ersticken?

Dennoch sehnte sie sich danach, sich an ihn zu pressen, sie schloss die Augen und ihre Finger glitten wie von selbst verlangend über die festen Muskeln seiner Schultern, die feste Haut seines Rückens. Doch dann siegte ihr Verstand. Sie schaffte es, ihn von sich zu stoßen und stand da, mit keuchendem Atem und rasendem Puls.

„Hör auf damit!“, fauchte sie ihn an, und sein amüsierter Ausdruck schürte ihre Wut nur noch. „Was willst du eigentlich beweisen? Dass du stärker bist als ich?“

„Ich habe nur bewiesen, dass du mich immer noch begehrst, Eleanor.“ Aufreizende Gewissheit lag in seiner Stimme.

Seine kühle Arroganz machte sie blind vor Wut. Erfüllt von dem Gefühl, gedemütigt worden zu sein, schlug sie einfach drauflos. Er wich kurz aus, und sie verlor das Gleichgewicht. Das breite Bett milderte ihren Fall, aber im nächsten Moment fühlte sie sich an beiden Handgelenken fest gehalten und auf die Matratze gedrückt.

„Also, mich kannst du nun wirklich nicht beschuldigen, dich anzugreifen“, betonte Yannis mit mildem Spott.

Sie sah, wie sein Blick über ihren Körper glitt, über die sich rasch hebenden und senkenden Brüste, die auf einmal hart werdenden Knospen, die sich deutlich unter dem dünnen T-Shirt abzeichneten. Es war ihr hochgerutscht, und fast nachdenklich strich er ihr nun mit einer Hand über die nackte Haut.

Unwillkürlich erbebte sie unter seinen erfahrenen Fingern.

„Du bist immer noch schön, Eleanor“, murmelte er. Sein Ausdruck wurde grimmiger, sein Atem ging ein wenig schneller, während seine Hand ihren flachen Bauch erkundete. „Noch immer perfekt in jeder Hinsicht. Selbst wenn du Schwangerschaftsstreifen und abgeschlaffte Muskeln hättest, wärest du noch wunderschön. Aber da sind keine …“

Er beugte sich vor, um ihre bebenden Lippen zu küssen, seine Augen waren von samtiger Tiefe. „Gib es zu“, flüsterte er, als seine Lippen die verräterischen Spitzen unter dem Hemd streiften. „Gib es zu, du empfindest immer noch etwas für mich.“

„Ich kann einfach nicht fassen, dass ich überhaupt jemals etwas für dich empfunden habe!“, fuhr sie ihn voller Verzweiflung an. Insgeheim hingegen starb sie fast vor Verlangen nach ihm …

„Nein?“ Mit einem kurzen Auflachen gab er ihre Arme frei. „Ich kann es. Damals hast du es mir sehr deutlich gemacht, wenn ich mich richtig erinnere …“

„Yannis, bitte!“ Sie richtete sich unsicher auf, zog ihr T-Shirt wieder herunter und ballte die Fäuste.

„Erinnerst du dich an Daphne und Apollo?“

Er grinste jetzt sarkastisch. Seine Worte erinnerten sie daran, dass sie damals ein Spiel daraus gemacht hatte, zwischen diesen Gestalten der griechischen Mythologie und ihrer Beziehung zu Yannis Parallellen zu ziehen …

„Du hast die Geschichte nur durcheinander gebracht“, fuhr er fort. „Daphne lief vor Apollo davon, ehe er ihr die Unschuld rauben konnte. Sie wartete nicht darauf, bis er sie mit einem kleinen Gott geschwängert hatte, ehe sie verschwand, Eleanor!“

„Wie du darüber nach allem Geschehenen noch Späße machen kannst, ist mir unbegreiflich!“

„Nein, du hast recht. Es ist nicht spaßig, oder?“

Plötzlich herrschte gespanntes Schweigen. Eleanor verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Herz schlug wie wild. Sie wäre gern aufgestanden, traute aber ihren Beinen nicht.

„Alles, was dich jemals interessiert hat, war Sex!“, sagte sie leise. „Wenn ich damals nicht so jung und dumm gewesen wäre, hätte ich es erkannt!“

„Auch mit fünfundzwanzig kennst du noch nicht alle Antworten, Eleanor. Ist dir nicht einmal der Gedanke gekommen, dass du dich vielleicht irrst?“

„Nein!“

„Ich zumindest weiß, wo meine Verantwortung liegt“, entgegnete er trocken. „Und falls du fürchtest, ich könnte wieder über dich herfallen, kann ich dich beruhigen.“ Spott lag in seiner Stimme. „Ich werde versuchen, meine niedrigsten Instinkte im Zaum zu halten. Zumindest, bis wir beide Mann und Frau sind.“

„Was?“ Fassungslos starrte sie ihn an.

„Ich glaube, du hast mich richtig verstanden, Eleanor.“ Seine sanfte Arroganz trieb ihr dir Zornesröte ins Gesicht.

Autor

Rosalie Ash
Sie hat bisher 21 erfolgreiche Romances geschrieben, wobei sie erst jetzt wieder richtig aktiv geworden ist, nachdem sie eine längere Pause vom Schreiben romantischer Stories gemacht hat. Rosalie Ash ist Mitglied der Society of Authors und der Romantic Novelists Association. Gelegentlich bewohnt sie auch ein Paralleluniversum in ihrer Fantasie, wo...
Mehr erfahren