Zärtliche Helden: Ritter, Lords und Wikinger - Best of Historical 2022

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Mit diesem eBundle präsentieren wir Ihnen die schönsten und erfolgreichsten Historical-Romane aus 2022 - leidenschaftlich, aufregend und romantisch. Die kleine Auszeit vom Alltag für die selbstbewusste Frau … Happy End garantiert!

DIE VERSCHWUNDENE HURENBRAUT von DENISE LYNN
„Bringt mir Avelyn of Brandr!“ Auf Befehl des schottischen Königs macht sich Lord Elrik of Roul auf den gefahrvollen Weg. Er soll die widerspenstige Braut einfangen, die vor einer Ehe mit einem ältlichen Kriegsherrn geflohen ist. Doch als der mächtige Recke die schöne Lady in England, in einem Hurenhaus, aufspürt, hat er plötzlich ein Problem. Denn die Frau mit den eisblauen Augen, dem nachtschwarzen Haar, der Figur einer Göttin und dem unbezähmbaren Temperament lässt sein einsames Wolfsherz heiß entbrennen! Dabei muss er Avelyn unberührt zurück an König Davids Hof bringen. Um sie für immer an einen anderen zu verlieren?

DIE SCHÖNE SKLAVIN DES WIKINGERS von MICHELLE WILLINGHAM
Die grüne Insel Irland im Jahr 876. Breannes Schicksal scheint besiegelt: Die unschuldige Schönheit aus königlichem Haus wurde verschleppt und soll auf dem Sklavenmarkt verkauft werden. Doch ein hochgewachsener Wikinger mit eisblauen Augen rettet sie vor den lüsternen Bietern. Fürsorglich befreit er sie von ihren schmerzenden Fesseln – und schenkt ihr schon bald auf ihrem nächtlichen Lager nie gekannte sinnliche Erfüllung! Zu spät durchschaut Breanne, warum der starke Nordmann sie in seine zärtliche Gewalt gebracht hat. Er will sich an seinem Todfeind rächen – ihrem Vater. Und ausgerechnet Breanne soll ihm dabei helfen …

WIE STIEHT MAN DAS HERZ EINES RITTERS? von NICOLE LOCKE
Reynold of Warstone, der düstere Ritter, will Rache nehmen an allen, die ihm Unrecht getan haben. Ausgerechnet jetzt taucht eine uneheliche Tochter auf, die seines Schutzes bedarf! Wem kann er sein Kind anvertrauen? Die schöne Aliette, eine einfache Diebin niedrigen Standes, sieht der Kleinen ähnlich genug, um sie als ihre Mutter auszugeben. Reynold holt sie in sein Haus, und schon bald ist er verzaubert von der Zärtlichkeit und Wärme, mit der sie seine kleine Tochter umsorgt. Wird es ihm gelingen, die finsteren Rachepläne hinter sich zu lassen und mit Aliette in eine strahlende Zukunft zu blicken?


  • Erscheinungstag 12.01.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751521215
  • Seitenanzahl 636
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

HISTORICAL erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung: Katja Berger, Jürgen Welte
Leitung: Miran Bilic (v. i. S. d. P.)
Produktion: Christina Seeger
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2018 by Denise L. Koch
Originaltitel: „The Warrior’s Runaway Wife“
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL , Band 374 1/2022
Übersetzung: Carolin Gehrmann

Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 1/2022 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783751507462

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

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PROLOG

Carlisle Castle – April 1145

D ie imposante, schwere Tür der großen Halle öffnete sich mit einem lauten Ächzen, und die hitzigen Debatten verebbten zu einem kaum hörbaren Flüstern. Als Lord Elrik of Roul mit großen Schritten hereinstürmte, verstummte auch der Letzte im Saal.

Das Regenwasser rann in Strömen von seinem mit Wolfspelz besetzten Umhang herab, und er hinterließ bei jedem Tritt ein kaltes Rinnsal auf dem Boden.

Alle wichen zurück, um ihm Platz zu machen. Das Klirren seines schmiedeeisernen Kettenhemds und seiner Sporen durchbrach bei jedem seiner starken Schritte das ehrfürchtige Schweigen in der Halle.

Wie gebannt starrten die Besucher am Hof von König David von Schottland den Mann an, der da auf sie zukam. Viele hatten schon als Kinder den Abenteuern der königlichen Wölfe gelauscht und fragten sich jetzt, wie viel Wahres an den Geschichten war. Wenn auch niemand gewillt war, es selbst herauszufinden.

Das wilde, lange Haar des Mannes war bis auf einige helle Strähnen schwarz wie die Nacht. Sein Gesicht war wettergegerbt, die Stirn über den grünen leuchtenden Augen in zornige Falten gezogen. Der dichte Bart bedeckte den ernst zusammengekniffenen Mund beinahe komplett, sodass sich einige der Umstehenden fragten, ob sie es wahrhaftig mit einem Wolf zu tun hatten. Dieser Krieger hatte nahezu etwas Unmenschliches, jederzeit bereit, sich auf seine Beute zu stürzen, um sie gnadenlos zu zerfleischen.

Vor dem Thronpodest kniete Elrik nieder und senkte den Kopf. Er wusste, was diese Menschen über ihn dachten. Diese schwächlichen Höflinge, die ihre Schwerter nur zur Zierde trugen, statt zum Kämpfen. Doch das scherte ihn wenig. Er hatte zu tun, was er als Lord of Roul eben tun musste, um sein Land und seine Familie zu schützen.

Sicher, es war keine leichte Aufgabe, ein Wolf des Königs zu sein. Doch sein Leben war von Beginn an nicht mit Leichtigkeit gesegnet gewesen. Er kannte es nicht anders. Er war bloß froh, dass seine drei Brüder ebenfalls zu seinem Wolfsrudel gehörten, denn er konnte ihnen mit seinem Leben vertrauen.

König David erhob sich. „Roul, kommt mit mir.“

Elrik stand auf und folgte dem König in eine kleine Kammer hinter dem Thronpodest. Die Tür wurde hinter ihnen geschlossen, sodass sie ungestört sprechen konnten.

„Danke, dass Ihr so schnell gekommen seid.“ Der König schenkte tiefroten Wein in zwei silberne Kelche und reichte Elrik einen, ehe er sich auf einen Schemel niederließ.

Elrik nahm den Kelch, in der Hoffnung, dass der Wein ihn ein wenig wärmen würde. „Ihr wünscht, Majestät?“

„Verzeiht, dass ich Euch so plötzlich von Eurem wärmenden Feuer fortgeholt habe. Aber ich benötige dringend Eure Dienste.“

„Wen oder was sucht Ihr, Eure Majestät?“ Elrik hatte ein untrügliches Gespür für Fährten und konnte jeden verlorenen Schuh im Land aufspüren. Oder auch Personen, die nicht gefunden werden wollten.

„Avelyn of Brandr.“

Elrik hielt inne, ehe er seinen Wein hinunterschluckte. Mit einem Mal kehrten die Erinnerungen mit Wucht zurück. Sein Vater hatte gemeinsame Sache mit Brandr, dem Herrn von Brandr Isle, machen wollen und ein Komplott gegen König David angezettelt. Die Insel war nach dem nordischen Wort für „Schwertklinge“ benannt, da deren gezackte Felsformationen wie gezückte Schwerter in den Himmel ragten. Brandr hatte es nach noch mehr Ländereien gegiert. Ob der Verräter auf eigene Faust gehandelt hatte oder ob er von seinem Onkel und Lehnsherrn, dem Lord of Somerled, oder vom Lord of Argyll oder gar von seinem Großvater mütterlicherseits, König Óláfr, dem Herrscher über das Königreich der Inseln, dazu angestiftet worden war, hatte man nie herausgefunden, da Brandr seine Beziehungen hatte spielen lassen, um einer Bestrafung zu entgehen. Im Gegensatz zu Elriks Vater.

Elrik und sein jüngerer Bruder Gregor hatten sich dem König zu Füßen geworfen und um Gnade für ihren Vater gefleht. Ihre Bitte war tatsächlich erhört worden. Doch sie hatten dafür mit ihrer Seele bezahlen müssen.

Ihr Vater war nach Roul Isle verbannt worden, und er und Gregor, genau wie zwei weitere Brüder, hatten sich den Wölfen des Königs anschließen müssen, einer Gruppe von Männern, die geheime Aufträge auszuführen hatten, die ihnen oft die Grausamkeit eines Wolfs abverlangten.

Elrik schluckte. „Ich wusste nicht, dass Brandr eine Tochter hat.“

„Sogar eine leibliche.“

Elrik war nicht überrascht. Brandrs eigene Mutter war selbst eine Bastardtochter gewesen. Aber warum sollte der Enkel von König Óláfr den König von Schottland um Hilfe bitten? Mehr noch, warum sollte Brandr das Risiko eingehen, König David aufzusuchen, obwohl er und seine Streitkräfte den König einst vom Thron hatten stürzen wollen? Doch Elrik wollte jetzt nicht über die verräterische Vergangenheit des Mannes sprechen. Vor allem, weil sein Vater ebenfalls unrühmlich in die Sache verstrickt gewesen war. Daher fragte er bloß: „Brandr ist zu Euch gekommen, statt seinen Onkel oder Großvater um Hilfe zu bitten?“

„Ja, so scheint es.“

„Aus welchem Grund lässt er die beiden im Dunkeln?“

„Das Mädchen soll Sir Bolk ehelichen, einen von Óláfrs weniger ranghohen Lords.“

Bolk? dachte Elrik. „Ihr meint doch wohl nicht Bolk, den Älteren?“

Der König nickte. „Doch. Wenn ich mich nicht verzählt habe, wird sie seine dritte Ehefrau.“

Wie hatte der Vater des Mädchens dieser Ehe nur zustimmen können? Dieser uralte, bucklige Kriegsherr hatte seine ersten Frauen schon überlebt. Sicherlich gefiel Brandrs Tochter die Vorstellung, Ehefrau Nummer drei zu werden, nicht besonders gut. „Wie lange ist sie schon fort?“

„Meines Wissens seit drei Wochen. Sie verschwand kurz vor dem ersten Zusammentreffen mit ihrem Zukünftigen.“

Elrik stellte den leeren Kelch ab. „Gibt es eine Beschreibung der Frau?“

„Man sagte mir nur, dass sie nachtschwarzes Haar und helle Haut hat, dazu eisblaue Augen und eine hübsche Figur, gepaart mit einem Temperament, das einer Tochter Brandrs alle Ehre macht.“

Wundervoll. Nicht nur, dass er die Tochter eines Kriegsführers suchen sollte, den er zu den größten Feinden seiner Familie zählte. Nein, sie war auch noch die Urgroßtochter eines Königs und hatte außerdem drei Wochen Vorsprung. Dazu schien sie noch ein Sturkopf zu sein und würde alles daransetzen, nicht gefunden zu werden.

„Wo wurde sie zuletzt gesehen?“

„In Oban.“

Elrik wusste, dass es dort nicht viel mehr als eine Burgruine gab. „Und danach?“

„Es wird erzählt, dass eine schwarzhaarige Hure in Duffield einen Mann getötet haben soll, der sie davon abhalten wollte, Brot zu stehlen. Brandrs Männer haben die Suche dort aufgegeben.“

Elrik bezweifelte, dass an den Gerüchten etwas dran war. Wenn das Mädchen klug genug war, um so weit zu kommen, ohne geschnappt zu werden, dann würde sie durch solch eine Dummheit nicht riskieren, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Wenn sie wirklich in Duffield gesehen worden war, dann war das Ganze nicht so einfach. Deswegen hatten Brandrs Männer die Suche dort auch abgebrochen. Englisches Gebiet zu betreten war eine Sache, aber in die Ländereien des Earl of Derby vorzudringen war eine ganz andere. Der erste Earl of Derby hatte König Stephen tatkräftig zur Seite gestanden, um feindliche Truppen abzuwehren. Und sein Nachfolger würde es ihm sicherlich gleichtun.

Elrik wusste, dass auch er ans falsche Ende des Schwertes geraten konnte. Weshalb man ihm auch diese Aufgabe übertragen hatte. Einen Wolf konnte man entbehren. Wurde er geschnappt, dann würde König David ihn nicht auslösen. Er würde sogar abstreiten, etwas von der Mission zu wissen.

Er musste also sichergehen, dass er nicht gefasst wurde.

Diese Lady Avelyn war entweder außerordentlich mutig oder außergewöhnlich dumm. Für eine allein reisende Frau hatte sie schon eine gehörige Strecke zurückgelegt. Und es lag auf der Hand, was ihr Ziel war: die Südküste. Und von da aus weiter in die Normandie. Oder nach Frankreich.

„Ihr müsst sie finden, ehe sie England verlässt.“

„Wann rechnet Brandr mit ihrer Rückkehr?“

„Das ist nicht unser Problem. Bringt sie zu mir. Es erscheint mir doch sehr merkwürdig, dass Brandr die achtzehnjährige Urenkelin eines Königs einem alten Greis ohne bedeutende Titel oder Ländereien zur Frau geben will. Und noch mehr, dass er mich um Hilfe bittet.“

„Das ist in der Tat seltsam.“

„Vor allem, weil der Mann schon in der Vergangenheit bewiesen hat, dass ihm nicht zu trauen ist. Ich frage mich, was für eine Intrige er jetzt schon wieder spinnt.“ Der König winkte ab. Damit war das Thema für ihn beendet. „Findet sie und bringt sie her. Und zwar schnell. Brandr wird in den nächsten vier Wochen hier eintreffen, und ich will seine Gegenwart nicht länger erdulden müssen als nötig. Außerdem will ich seinen Plänen noch vor seiner Ankunft ein Ende bereiten.“

Elrik zog sich der Magen bei den letzten Worten des Königs zusammen. Der kühle Tonfall des Königs hatte etwas Beunruhigendes, und Elrik fragte sich, wie genau er Brandrs Plänen durchkreuzen wollte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass David sich schon etwas überlegt hatte. Und dass er selbst stärker daran beteiligt sein würde, als der König ihm zu diesem Zeitpunkt mitteilen wollte.

Seit über zehn Jahren war er jetzt ein königlicher Wolf. Noch nie hatte er einen Auftrag abgelehnt. Nicht einmal die, die absolute Härte und Unbarmherzigkeit erfordert hatten. Doch dieser Auftrag war anders. Er betraf ihn persönlich. Und zwar an dem Punkt in seiner Vergangenheit, der ihn überhaupt erst zu einem seelenlosen Wolf gemacht hatte.„Warum ich?“

„Das Mädchen hat mit der Vergangenheit nichts zu tun.“ Davids Blick verdunkelte sich. „Sie war damals noch ein kleines Mädchen. Brandr hatte sie noch gar nicht als seine Tochter anerkannt.“ Er hielt inne und beugte sich zu ihm vor. „Euer Vater hat seine eigene Wahl getroffen. Er hätte sich auch ohne Brandr so verhalten.“

Elrik war anderer Meinung. Denn er war selbst dabei gewesen und hatte die Brandreden gehört, in denen Brandr gegen die „fremden Herren“ gehetzt hatte, denen König David ihre Gebiete zugewiesen hatte. Er hatte selbst gesehen, welchen Effekt seine Worte auf die Männer in der Großen Halle von Roul gehabt hatten. Nur mit Hilfe seiner Stimme hatte er sie aufgestachelt und Rachegelüste geschürt.

Die Narben auf seinem Rücken waren die bleibende Erinnerung daran, welch höllische Freude es Brandr bereitete, Ungehorsame zu bestrafen, auch wenn sie sich gar nichts zuschulden hatten kommen lassen. Brandr hatte die Peitsche zwar nicht selbst geschwungen, aber er hatte dafür gesorgt, dass Elrik nicht verschont worden war.

Doch Elrik würde dem König gegenüber nichts davon erwähnen. Brandr war der Enkel eines Königs und der Neffe eines sehr mächtigen Lords. Und er selbst war nur der Sohn eines Verräters.

„Ihr tut, was ich befehle, Roul!“

Elrik hielt seine Wut im Zaum und schluckte den bitteren Geschmack herunter, der ihm plötzlich auf der Zunge lag. „Natürlich, Eure Majestät.“

König David lehnte sich in seinem Sessel zurück und warf ihm einen Beutel voller Münzen zu. „Das sollte für alles reichen, was Ihr braucht. Männer kann ich Euch jedoch nicht mitgeben.“

Elrik steckte den Beutel in den Ledersack unter seinem Umhang. Das Geld würde ihm noch nützlich sein, und zusätzliche Männer würden ihn sowieso nur unnötig aufhalten. „Wozu sollte ich Männer brauchen?“

„Ach, habe ich nicht erwähnt, dass noch jemand hinter der Lady her ist? Zumindest behaupten Brandrs Männer das. Und es scheint wohl, als wären sie nicht unbedingt daran interessiert, sie lebend zurückbringen.“

1. KAPITEL

Südliches Derbyshire, England – eine Woche später

M ach auf!“ Die Holztür knarzte bedrohlich in den Angeln. „Ich brauche eine willige Hure! Und zwar schnell!“

Avelyn zuckte bei den Worten des Mannes vor Schreck zusammen und umklammerte den Dolch noch fester, den sie sich geborgt hatte. Während sie sich rückwärts von der Tür entfernte, hielt sie ihn zur Verteidigung vor sich. Doch zum Glück war die Tür verriegelt, und sie wusste inzwischen, dass sie sich still verhalten musste, damit er weiterziehen würde.

Wie schon die sieben Nächte zuvor hatten die liebeshungrigen Männer es auch an ihrer Tür versucht. Sie hatte bisher immer Glück gehabt, und der schmale Eisenriegel hatte gehalten.

Es schien sogar in diesem Hurenhaus gewisse Regeln zu geben. Und eine verschlossene Tür bedeutete anscheinend, dass die Kammer bereits besetzt war oder dass die Dame gerade keine Gesellschaft wünschte. Und zu ihrer Überraschung hielten sich die Männer daran.

Als im Gang wieder Ruhe eingekehrt war, ließ sie den Dolch sinken und holte tief Luft. Sie musste beinahe lachen über das unnatürlich laute Geräusch ihres Atems, das sogar das Prasseln des Regens übertönte. Aber sie hatte tatsächlich Todesangst gehabt.

Sie ließ sich auf den Stuhl am Fenster fallen und blickte nach draußen. Alles war grau. Der Himmel, die Straße vor dem Wirtshaus, selbst die Häuser schienen sich im Dunst in nichts aufzulösen.

Sie wollte nur noch von hier verschwinden. Aber ihre neue Freundin Hannah hatte sie überredet, wenigstens noch einen Tag zu warten, bis der Regen sich zumindest ein wenig gelegt hatte. Es regnete nun schon seit acht Tagen ununterbrochen. Die Flüsse würden so reißend sein, dass es unmöglich sein würde, sie zu überqueren. Was die Gefahr, geschnappt zu werden, erheblich erhöhte.

Sie war schließlich nicht vor ihrem Vater und der bevorstehenden Verheiratung geflohen, nur um jetzt doch noch gefunden und zurückgebracht zu werden.

Zu Hause hatten ihr alle gesagt, dass sie sich glücklich schätzen könne, mit einem der Kriegsherren von König Óláfr verheiratet zu werden. Dabei hatte der König es eigentlich gar nicht nötig, sich um ihr Wohlergehen zu sorgen. Óláfr war der Großvater ihres Vaters, also ihr Urgroßvater. Sie war zwar nur das Ergebnis eines Seitensprungs ihres Vaters mit einer Dienerin, doch der König nahm sich ihrer persönlich an. Warum nur?

Als Lord Somerled ihr die Nachricht überbracht hatte, dass sie verheiratet werden sollte, war sie voller Vorfreude gewesen. Sie hatte sich sogar heimlich davongestohlen, in ihr Heimatdorf, um aus ihrer niedergebrannten Hütte den Ring zu holen, den Mutter ihr an ihrem zwölften Geburtstag geschenkt hatte. Sie hatte ihr erzählt, dass es einst der Ehering ihrer Großmutter gewesen war, und ihre Mutter hatte ihn vergraben, um ihn sicher zu verwahren, bis Avelyn eines Tages heiraten würde.

Doch dann hatte Avelyn erfahren, dass sie diesen uralten Mann ehelichen sollte. Einen Greis, dessen Söhne sogar alte Männer waren im Vergleich zu ihr. Seine Haut war aschgrau und faltig, und sein Bauch hing ihm bis zu den Knien hinunter. An ihre Hochzeitsnacht mit diesem Mann wollte sie nicht einmal denken.

Verzweifelt überlegte sie, was sie tun konnte, und kam zu dem Schluss, dass ihr als Ausweg nur der Freitod oder die Flucht blieb.

Also lief sie fort.

Da ihr Halbbruder Osbert jedoch jeden ihrer Schritte mit Argusaugen überwachte, musste sie sich voller Eile davonmachen und konnte nicht mehr als etwas Nahrung und den Ring mitnehmen, den sie in einem kleinen Lederbeutel um den Hals trug.

Ihre Aussichten waren schlecht. Ihr blieben nur wenige Möglichkeiten, um an Geld zu kommen, und keine davon war besonders einladend.

Das Essen war nach zwei Tagen aufgebraucht. Am dritten Abend stahl sie einen Laib Brot von der Fensterbank eines Bauernhauses. Um ein Haar wäre sie erwischt worden. Ein Betrunkener, der gerade das nahe gelegene Wirtshaus verließ, rannte ihr torkelnd hinterher, doch sie war schneller. Sie drehte sich erst um, als sie einen lauten Schmerzensschrei hinter sich hörte und sah, wie der Mann zu Boden ging. Er war über irgendetwas gestolpert. Sein lautes Fluchen verfolgte sie noch ein ganzes Stück, während sie um ihr Leben rannte.

Am nächsten Abend hatte sie weniger Glück und schloss sich der Menschenmenge an, die vor einem Schloss auf Essensreste wartete. Sie ergatterte etwas altes Obst und einen harten Brotkanten, doch es kam ihr angesichts ihres knurrenden Magens wie ein Geschenk des Himmels vor.

Doch sah sie in die hungrigen Augen eines dreckverschmierten Kindes neben sich und legte ihm ihre Beute in die zitternden Hände. Ihre eigene Kindheit war ihr noch zu gut in Erinnerung.

Das ist nun also mein Leben, dachte sie. Sie war allein und auf der Flucht. Und sie war eine Frau, die sich verstecken musste, damit ihr niemand etwas antat. Oder, was fast noch schlimmer war: sie zurück zu ihrem Vater brachte. Der Hunger und die Erschöpfung ließen sie fast verrückt werden, doch der Gedanke an den Mann, mit dem man sie verheiraten wollte, gab ihr die Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer und immer wieder.

Wenigstens gelang es ihr, sich von Hauptstraßen und größeren Ortschaften – und damit von anderen Menschen – fernzuhalten. Doch an einem Nachmittag, sie hatte sich kurz vor Erschöpfung und Verzweiflung an einen Baum gelehnt, zischte plötzlich ein Pfeil haarscharf an ihr vorbei durch die Luft und bohrte sich in den Baumstamm.

Voller Angst lief sie davon, bis sie auf einen schmalen Pfad traf, auf dem sie schluchzend zusammenbrach. Dann kroch sie hinter einen Laubhaufen, um sich darin zu verstecken, und schlief erschöpft ein. Nur um beim Aufwachen festzustellen, dass Hunger und die Müdigkeit schlimmer waren denn je.

Schließlich wagte sie sich doch in eine größere Ortschaft vor, da es dort einen Brunnen geben sollte. Dort sprach Hannah sie an, als sie gierig aus dem Eimer trank und dabei voller Verzweiflung schluchzte. Hannah hatte sie hierhergebracht, in das Hurenhaus, das sich über dem Wirtshaus des Ortes befand und in dem sich Hannah und noch einige andere Frauen ihren Lebensunterhalt verdienten.

Bisher hatte noch keine von ihnen versucht, sie zu überreden, mit ins Geschäft einzusteigen. Sie hatten ihr lediglich ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen angeboten.

Avelyn war ihnen unendlich dankbar für ihre Hilfe in dieser Notsituation und schwor sich, dass sie sich eines Tages dafür revanchieren würde.

Mit einem Mal nahm sie Bewegungen auf der Straße wahr. Drei Männer, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, kamen auf das Wirtshaus zu. Mit ihren schweren Stiefeln wateten sie durch den Schlamm, der auf ihre langen, dunklen Umhänge spritzte.

Der größte von ihnen sah plötzlich nach oben, als wüsste er, dass sie sich hinter dem Fenster befand. Avelyn lehnte sich schnell zurück, um sich zu verstecken. Irgendetwas an diesem Mann und seinen Gefährten ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie zitterte und kalte Angst machte sich in ihrem Magen breit.

Ein leises Klopfen riss sie aus ihren sorgenvollen Gedanken. Das war Hannah. Avelyn stand auf, öffnete schnell die Tür und zog ihre Freundin nach drinnen.

Der Lärm aus der Schankstube schwappte in die Kammer. Sie hatte sich schon an das Gelächter und Gegröle der Betrunkenen gewöhnt, doch heute lag dazu noch eine bedrohliche Spannung in der Luft.

Als sie die Tür fest hinter sich zudrückte, sah sie, dass Hannah ebenfalls besorgt aussah. „Was ist?“, fragte sie.

Hannah wich ihrem Blick aus und ging zum Bett. „Setzen wir uns erst einmal.“

Avelyns ungutes Gefühl gegenüber den drei Fremden, die sie gesehen hatte, war immer noch da, und als sie zu ihrer Freundin ging, wurde das ungute Gefühl mit jedem Schritt stärker. „Was ist los?“, fragte sie erneut.

Hannah seufzte und sah sich in der Kammer um, ehe sie sprach. „Du weißt ja, dass Mabel die letzten drei Abende nicht kommen konnte.“

„Ja. Weil ihr Kind krank ist.“ Avelyn erschrak. „Ist etwas Schlimmes passiert?“

„Nein, nein. Dem Kleinen geht es besser. Aber Edward, einer von Mabels Stammkunden, ist unten und verlangt nach einer Frau. Er sagt, wenn Mabel nicht da ist, dann soll es eben eine sein, die ihr ähnlich sieht.“

Avelyn furchte die Stirn. „Was spielt es denn für eine Rolle, wie die Frau aussieht?“

Hannah streichelte ihr über den Arm. „Nicht alle Männer wollen nur ihre Fleischeslust bei uns befriedigen. Manche wollen auch ein wenig Zuwendung, eine Umarmung oder ein nettes Wort. Der Mann ist schon alt, und seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte langes, schwarzes Haar und eine schlanke Figur, als sie jung war.“

Avelyn schloss die Augen. Die anderen Frauen hatten oft im Scherz gesagt, dass sie und Mabel Schwestern sein könnten. Ihr war klar, weshalb Hannah nun zu ihr gekommen war. Um sicherzugehen, sah sie ihr direkt in die Augen. „Was willst du von mir?“

„Sei nicht dumm. Das weißt du genau. Du sollst heute für Mabel einspringen.“ Ehe Avelyn etwas einwenden konnte, fügte sie hinzu: „Der Mann kann es nicht mehr, wenn du verstehst, was ich meine. Du musst also nichts weiter tun, als dich von ihm in den Arm nehmen zu lassen.“

„In den Arm nehmen?“ Das konnte doch nicht alles sein.

„Na ja, er wird dich die Nacht über an sich drücken, nackt natürlich. Er wird dich Agnes nennen und dich ab und an küssen wollen. Manchmal spielt er auch ein bisschen an Mabels Brüsten herum, aber ich schwöre, das war’s.“

Das war’s? Avelyn schloss die Augen. Außer einem keuschen Wangenkuss hatte sie in dieser Hinsicht noch keinerlei Erfahrungen. Und natürlich hatte sie noch nie erlaubt, dass ein Mann sie nackt sah. Geschweige denn, dass er sie anfasste! Für Hannah mochte es eine Kleinigkeit sein. Aber für Avelyn war es weitaus mehr, als sie je bereit war, mit einem Mann zu tun, der nicht ihr Ehemann war.

„Es braucht ja niemand zu erfahren. Und er wird dich reich für deine Gesellschaft entlohnen. Genug, um uns alles zurückzuzahlen, was wir für dich vorgestreckt haben“, sagte Hannah aufmunternd.

Der Moment der Abrechnung, vor dem sie sich so gefürchtet hatte, war also gekommen. Avelyn hätte sich nie von Hannah überreden lassen dürfen, das Ende des Regens abzuwarten.

Jetzt sollte sie plötzlich ihre Schulden zurückzahlen und hatte keine andere Wahl, als entweder den Ring ihrer Großmutter in Zahlung zu geben oder auf Hannahs Vorschlag einzugehen. Aber der Ring war alles, was ihr von ihrer Mutter geblieben war. Sie konnte ihn nicht weggeben.

Avelyn hätte am liebsten geweint, doch sie drängte die Tränen zurück. Wie Hannah schon gesagt hatte: Niemand würde je davon erfahren. Mit ein wenig Glück und besserem Wetter wäre sie schon bald über alle Berge. Vielleicht konnte sie schon am Morgen aufbrechen. Sie könnte in die Normandie oder nach Frankreich gehen und ein neues Leben beginnen. Und niemand dort würde wissen, wer sie war und was sie heute Nacht getan hatte. Keiner würde erfahren, dass sie in einem Hurenhaus untergekommen war.

Aber eine Person würde es immer wissen. Egal, wie weit weg sie auch lief: sie selbst. Und sie würde lernen müssen, mit der Schande zu leben.

Avelyn nickte. „Wenn er etwas anderes versucht als das, was du gesagt hast, dann schlitze ich ihm die Kehle durch.“

Hannah lachte und tätschelte ihr freundschaftlich den Arm. „Das wird nicht nötig sein. Sei ganz beruhigt.“

Von seinem Platz in der hintersten Ecke der Schankstube aus beobachtete Elrik in aller Ruhe das Geschehen und wartete auf den richtigen Moment. Seine zwei Männer hatten sich in die anderen Ecken gesetzt und taten das Gleiche wie er: die Leute belauschen.

Jeder im Ort wusste, dass der Wirt die Kammern im oberen Stockwerk an Frauen vermietete, die den Männern ihre Dienste anboten. Für Geld natürlich.

Und alle im Wirtshaus sprachen von der Neuen: einer jungen Frau mit nachtschwarzem Haar, die bisher noch keinen Kunden angenommen hatte. Die Männer überboten sich mit Wetten, wer von ihnen der Erste sein würde.

Wenn ihn sein Gespür nicht trog, dann handelte es sich um die Frau, hinter der er her war. Bisher hatte sich die Suche nach Brandrs Tochter nicht gerade leicht gestaltet. Er konnte nicht wie ein Hund seiner Nase folgen, sondern musste mühsam in Gesprächen mit Dorfbewohnern Gerüchte von brauchbaren Hinweisen trennen, die ihn weiterbrachten. Und seine letzte Information hatte ihn hierhergeführt.

Er war froh, dass er sich dazu entschieden hatte, seine Männer mitzunehmen. Sie hatten ihm schon häufig geholfen.

Einer der beiden, Fulke, kam zu ihm und setzte sich hinter ihm auf eine Bank. „Der Alte am Tisch neben der Feuerstelle sucht nach einer schwarzhaarigen Hure für heute Nacht. Seine übliche ist anscheinend nicht da.“

Elrik hob den Krug an die Lippen, trank aber nicht. Stattdessen flüsterte er: „Und? Geben sie ihm eine andere als Ersatz?“

„Die Frau in dem grünen Kleid will sich darum kümmern.“

Elrik betrachtete den Mann, von dem Fulke gesprochen hatte. Er war alt und tatterig. Dann stand er auf und ging zu ihm. „Das Feuer sieht einladend aus. Was dagegen, wenn ich mich dazusetze?“

Der alte Mann bedeutete ihm, dass er einverstanden war. „Nur zu. Ich bin ohnehin nicht mehr lange hier.“

Elrik setzte sich und winkte die Schankfrau zu sich. „Bringt mir ein Ale. Und noch ein zweites für meinen Freund hier.“

Der alte Mann beäugte ihn von oben bis unten. „Ich habe Euch hier noch nie gesehen.“

„Ich bin nur auf der Durchreise.“

„Ah, und Ihr hattet wohl Lust auf ein wenig Gesellschaft für die Nacht, stimmt’s?“

„Vielleicht.“

„Was für einen Typ Frauenzimmer sucht Ihr denn?“

Elrik zuckte mit den Schultern. „Eine vollbusige Rothaarige wäre nach meinem Geschmack.“

Der alte Mann schüttelte lachend den Kopf, und seine spärlichen weißen Haare fielen ihm ins Gesicht. „Nein, nein. Das ist nichts für mich. Ich will eine wie meine Agnes. Eine kleine, zierliche, mit Brüsten, die nicht größer sind als meine Hände. Damit ich sie gut anfassen kann.“

Elrik musste sich ein Lachen verkneifen, weil der Mann trotz seines Alters noch so schlüpfrige Reden schwang. „Ist Eure Agnes zu Hause?“ Wenn ja, dann war sie vielleicht wütend darüber, dass ihr Gemahl sich die Nacht über herumtrieb.

Der Blick des Mannes wurde mit einem Mal schwer und traurig. Elrik fühlte sich beinahe schlecht, dass er ihm die eben noch so gute Stimmung verdorben hatte. „Nein. Diesen Frühling ist sie schon zwei Jahre fort.“

„Das tut mir leid. Ich wollte Euch nicht zu nahe treten.“

„Schon gut, Junge.“ Er lehnte sich zu ihm und flüsterte: „Wenn ich zu einsam werde, dann komme ich einfach hierher und schlafe in den Armen einer Frau ein. Es hilft mir über ihren Verlust hinweg.“ Er seufzte tief.

Elrik tätschelte dem Mann freundschaftlich die Hand, ehe er einen weiteren Schluck trank. „Ihr habt offenbar viel für sie empfunden.“

„Ich habe sie wirklich geliebt, Junge.“

Er würde mit dem Mann sicher nicht darüber reden, dass er selbst weder von der Liebe noch von der Ehe besonders viel hielt. „Ihr solltet Euch eine neue Frau suchen.“

Der alte Mann brach in lautes Gelächter aus und stampfte mit dem Fuß auf. Elrik wusste nicht, was an seinem Vorschlag so lustig war. Doch da erwiderte der Mann, der noch immer nach Luft rang und sich die Augen wischte: „Der war gut! Und was sollte ich in meinem Alter noch mit einer Frau anfangen?

„Na, das Gleiche, was Ihr mit Agnes getan habt.“

„Ihr seid jünger, als Ihr scheint, mein Freund, oder?“ Der Mann gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter. „Glaubt mir, in zwanzig oder dreißig Jahren werdet Ihr das auch anders sehen als jetzt.“

Elrik hätte beinahe die Augen verdreht, doch er beherrschte sich. „Ihr habt mich missverstanden. Ich meine damit, dass Ihr mit einer Frau gemeinsam am Feuer sitzen oder Euch mit ihr unterhalten könntet. Ihr könntet gemeinsam essen oder Euch an dem Gefühl erfreuen, einen warmen, weichen Körper neben sich im Bett zu haben, sonst nichts.“

„Ich würde nie eine andere Frau mit in Agnes’ Bett nehmen. Niemals!“

Die Frau im grünen Kleid kam zurück und trat an ihren Tisch. „Edward, du kannst gleich zu ihr hochgehen, warte aber noch einen Moment. Es ist die Kammer ganz am Ende. Klopf einfach an, sie erwartet dich.“

Der Mann drehte sich zu den anderen am Tisch um und hob seinen Krug. „Ihr schuldet mir noch einen, Burschen.“

Offenbar hatte er die Wette gewonnen, wer die Neue als Erstes begutachten durfte. Zu schade, dass Elrik ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde. Zumindest, wenn sich herausstellte, dass es sich wirklich um Brandrs Tochter handelte.

Da er schnell nach oben musste, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, fragte er die Frau in Grün: „Ist eine der Damen gerade frei?“

Sie musterte ihn von oben bis unten und lächelte. „Um einen wie Euch werden sie sich reißen. Habt Ihr irgendwelche Vorlieben?“

Der alte Mann antwortete an seiner Stelle. „Rothaarig und vollbusig muss sie für ihn sein.“

„Das haben wir da. Die zweite Tür auf der rechten Seite. Sie ist gerade frei.“

Elrik stand auf und warf Fulke einen Blick zu. Dann deutete er kaum merkbar mit dem Kopf in Richtung Treppe. „Ich gehe davon aus, dass Ihr noch einen schönen Abend haben werdet. Macht es gut“, sagte er zum Abschied zu dem Alten und ging los.

„Darauf kannst du wetten, mein Freund“, erwiderte der Alte fröhlich.

Kurz vor der Treppe tauschte er noch einen Blick mit Samuel, seinem zweiten Mann, aus, damit er in der Nähe sein würde, falls es oben Probleme gab.

Elrik nahm gleich zwei Stufen auf einmal und schlich eilig durch den Flur. Ganz sachte, so wie ein alter Mann, klopfte er an die Tür.

„Herein!“

Er drückte die Tür auf und durchquerte die schwach beleuchtete Kammer, bis er vor dem Bett stand. Darin lag, steif wie ein Brett, eine junge Frau, die sich die Decke bis unters Kinn gezogen hatte und sie so fest umklammert hielt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihr Haar, das schwarz wie die Nacht war, lag ausgebreitet auf dem Kissen, und sie hatte die Augen fest zugekniffen.

Nein, so sah keine erfahrene Hure aus. Es war zwar nur eine Vermutung, aber er war sich nahezu sicher, dass er Brandrs verlorene Tochter gefunden hatte. Er beugte sich über das Bett und flüsterte: „Lady Avelyn, Euer kleines Abenteuer ist vorbei. Steht auf.“

Sie schlug erschrocken die Augen auf, doch er legte ihr schnell eine Hand auf den Mund. „Zwingt mich nicht, Euch nackt hier herauszutragen. Ich bezweifle, dass Euer Vater damit einverstanden wäre.“

Sie schüttelte den Kopf und versuchte verzweifelt, seine Hand wegzuziehen. Elrik hob sie leicht an, damit die junge Frau etwas sagen konnte, behielt sie jedoch nahe genug, um sie zum Schweigen zu bringen, falls sie schrie.

„Ich gehe nicht zurück nach Hause“, sagte sie.

Wenn ihre eisblauen Augen sie nicht schon verraten hätten, dann hätte er spätestens bei dieser trotzigen Bemerkung gewusst, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Zweifelsfrei hatte er hier die Tochter von Brandr vor sich. Er ging vor dem Bett in die Knie und brachte sein Gesicht ganz nah an ihres. „Der alte Greis, auf den Ihr wartet, wird in wenigen Augenblicken hier sein. Und ich werde nicht zulassen, dass er in Euer Bett steigt.“

Wenn er eine solche Torheit beging, würde es beim nächsten Bankett am Hof von König David eine ganz besondere Delikatesse geben: Wolfskopf. Und zwar seinen.

„Also, entweder Ihr steht jetzt auf und kleidet Euch an. Oder ich hole Euch unter der Decke hervor und ziehe Euch eigenhändig etwas über.“

Zu seinem Erstaunen zögerte sie, als wartete sie noch auf eine dritte Option.

Erik sah ihr eindringlich in die Augen und knurrte: „Ganz einfach: Steht auf und zieht Euch an! Oder ich werde mich selbst darum kümmern. Hauptsache, Ihr kommt aus diesem Bett heraus und habt gleich ein Kleid an. Mir egal, wie.“

Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, als wollte sie mit ihm streiten. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Er zog ihr die Decke weg, sodass sie nackt vor ihm lag. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und bedeckte schnell ihre Brüste.

„Wenn Euch keine dritte Brust gewachsen ist, dann habt Ihr nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.“ Er griff nach ihren Handgelenken. „Ich habe jetzt keine Zeit für falsche Schamhaftigkeit. Steht gefälligst auf!“

„Ich bin keine Hure!“

Das wusste er bereits. Sie mochte zwar die Bastardtochter von Brandr sein, aber sie war auch seine einzige Tochter, und damit wertvoll genug, um ihr eine strenge Erziehung zukommen zu lassen, damit sie nicht auf Abwege geriet. Doch das hatte offenbar nicht viel genützt. Schließlich lag sie hier im Bett eines wohlbekannten Hurenhauses. Gegen seinen Willen beeindruckte es ihn, dass sie sich trotz ihrer Lage verteidigte. Das zeugte von Mut. „Darüber können wir später diskutieren. Wo sind Eure Kleider?“

Sie wies mit dem Kopf in Richtung Fenster, und er ließ sie los. „Ich warne Euch. Rennt nicht fort, und wagt es nicht zu schreien.“

Er nahm ein Unterkleid und ein Kleid von der Bank unter dem Fenster und warf ihr die Kleidungsstücke zu. „Zieht Euch an!“, befahl er.

Aber statt seine Anweisung zu befolgen, stand sie einfach nur da, die Kleider an sich gedrückt, und starrte ihn an. „Ich gehe nicht mit Euch.“

Spannung stieg in ihm auf, und es prickelte hinter seinen Augen. Er hatte sich diese Mission nicht ausgesucht. Aber wenn er sie nicht zu König David brachte, dann standen sein Land und sein Leben auf dem Spiel.

Hinter seinen Schläfen pulsierte es. David hätte einem seiner Brüder diese Aufgabe überlassen sollen. Sowohl Rory als auch Edan wären eine bessere Wahl gewesen. Sie hatten genügend Geduld, um sich mit einem widerborstigen Frauenzimmer auseinanderzusetzen.

Seine verstorbene Gattin hatte ihm bewiesen, dass Frauen Lügnerinnen waren, denen man nicht trauen konnte. Sie waren nur für eine Sache gut: Kinder zu gebären. Doch Muriel war nicht einmal dazu fähig gewesen.

Elrik riss ihr die Kleider aus den Händen und stülpte ihr das Unterkleid über den Kopf, ohne jedoch die Bänder zu verschließen. Dann schubste er sie aufs Bett, ging vor ihr in die Hocke und zog ihr die Strümpfe an, ehe er ihr die Stiefel überstreifte.

Dann legte er ihr eine Hand aufs Knie. „Mir gefällt das ebenso wenig wie Euch. Aber ich habe die Aufgabe übertragen bekommen, Euch nach Carlisle zu bringen. Über Eure Verheiratung könnt Ihr gerne mit König David sprechen.“

Sie schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, als wollte sie sich schützen.

„Ich warne Euch, Lady Avelyn. Für kindisches Benehmen habe ich keine Geduld. Es ist besser, Ihr kommt freiwillig mit und stellt Euch wie eine Erwachsene dem Gespräch über Eure Zukunft, statt dem König wie eine wehrhafte Gefangene vor die Füße geworfen zu werden. Ich kann Euch versichern, dass der König gemeinen Gefangenen kein besonderes Gehör schenkt.“

Doch Avelyn blieb reglos sitzen und sah beharrlich zur Seite. „Ich werde meinen Auftrag erfüllen, so viel steht fest. Ihr könnt jetzt aufstehen und von Euch aus mitkommen, oder ich werfe Euch über die Schulter und trage Euch wie einen Sack Getreide nach draußen.“

Diese Warnung ließ sie aufhorchen, und sie starrte ihn erschrocken an. „Das wagt Ihr nicht.“

Elrik hatte keine große Lust auf weitere Verzögerungen, deshalb ging er zu ihr, packte sie und schwang sie sich kurzerhand auf die Schulter.

„Schon gut!“ Sie schlug mit Fäusten auf seinen Rücken ein. „Ich habe verstanden. Lasst mich runter.“

Er stellte ihre Füße wieder auf den Boden und drehte sie zur Tür um. „Wir gehen. Und zwar sofort.“

Aber Avelyn rührte sich kein Stück. „Ich schulde den Frauen noch etwas dafür, dass sie mich aufgenommen haben.“

Elrik rieb sich über den Nasenrücken, denn das Spannungsgefühl in seinem Kopf wurde immer stärker. Dann griff er in den Beutel unter seinem Umhang und holte die Münzen hervor, die König David ihm gegeben hatte. Er warf den Ledersack auf das Bett. „Das ist mehr als genug.“ Dann schob er sie vorwärts. „Und jetzt los.“

„Halt. Wartet.“

„Was?“

Sie lief zu einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke der Kammer, nahm einen kleinen Beutel und hängte ihn sich um den Hals. Dann ließ sie ihn unter dem Stoff in ihrem Ausschnitt verschwinden.

„Noch etwas?“, fragte er, als sie wieder bei ihm war.

„Nein.“

Er deutete zur Tür. „Dann geht.“

„Ihr wollt einfach so mit mir hier hinausspazieren?“

„Das hatte ich vor, ja.“

„Und Ihr glaubt, dass Euch niemand fragen wird, was Ihr da tut? Oder versuchen wird, Euch aufzuhalten?“

Das wollte er auf sich zukommen lassen. Vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit, etwas von der Anspannung loszuwerden, die ihm in den Muskeln brannte. „Warum sollten sie das tun? Gehört Ihr zu irgendwem hier?“

„Nein.“

„Seid Ihr eine Verbindung, welcher Art auch immer, mit jemandem eingegangen?“

„Nein.“

„Dann sehe ich keinen Grund, warum mich jemand aufhalten sollte.“

„Die Leute hier kennen Euch nicht.“

Elrik schloss die Augen. „Aber Euch kennen sie ebenso wenig.“

„Ich bin schon über eine Woche hier. Sie kennen mich.“

Wenn das der Wahrheit entsprach, dann wäre sie nicht in dieser Situation gewesen. Wahrscheinlich wäre sie nicht einmal mehr unter diesem Dach gewesen. „Aha. Ihr habt ihnen also gesagt, dass Ihr Lord Brandrs Tochter seid und dass Ihr weggelaufen seid, weil Euer Urgroßvater, König Óláfr, Euch verheiraten wollte?“

Sie hielt inne. „Nein.“

„Möchtet Ihr es ihnen gerne sagen? Wir können nach unten gehen, und dann könnt Ihr allen Eure Geschichte erzählen. Ich übernehme aber nicht die Verantwortung, wenn Euch jemand entführt, um ein hübsches Lösegeld für Euch zu fordern. Oder wenn man Euch zurück zu Eurem Vater schleppt, um eine Belohnung zu kassieren. Oder, noch schlimmer, wenn Euch einer der Männer gleich selbst heiraten will, um sich durch Euch ein gutes Auskommen zu sichern.“

Sie warf ihm einen Blick zu, der so kalt war, als wollte sie, dass er auf der Stelle tot umfiel. Dann öffnete sie die Kammertür und trat mit zögerlichen Schritten hinaus in den Gang.

2. KAPITEL

A velyn ballte die Hände zu Fäusten. Die letzten paar Tage hatte sie beinahe geglaubt, dass sie es schaffen würde. Dass man sie nicht finden und sie ihrem Schicksal entgehen würde.

Doch stattdessen hatte sie wieder einmal gesehen, wie sinnlos es war, sich seinen Wünschen und Hoffnungen hinzugeben.

Wie hatte dieser Kerl sie nur gefunden? Sie hatte damit gerechnet, dass ihr Vater nach ihr suchen lassen würde. Aber sie hatte gedacht, dass er seine eigenen Männer schicken würde. Männer, die sie kannte.

Aber anscheinend hatte ihr Vater König David um Hilfe gebeten, statt seinen Großvater König Óláfr oder seinen Onkel und Lehnsherrn, Lord Somerled. Aber warum?

Vielleicht wollte er nicht, dass sie Wind von ihrer Flucht bekamen. Und davon, dass sie den Mann, den sie für sie ausgewählt hatten, nicht ehelichen wollte.

Aber nun hatte sie es plötzlich mit diesem Fremden zu tun, der sie wie ein ungezogenes Kind behandelte und sie zu König David bringen wollte. Sie runzelte die Stirn, denn gerade war ihr eine weitere sinnlose Hoffnung gekommen. Konnte es vielleicht sein, dass ihr Vater den König von Schottland in die Sache einbezogen hatte, weil er doch ein weiches Herz besaß und eingesehen hatte, dass dieser tattrige Kriegsherr kein passender Gemahl für sie war?

Es war zwar ziemlich unwahrscheinlich, aber sie klammerte sich trotzdem an diesen Gedanken wie eine Ertrinkende an einen Strohhalm. Wer der Mann war, der sie aufgespürt hatte, konnte sie sich allerdings trotzdem nicht erklären.

Er war hochgewachsen und von kräftiger Statur, so viel konnte sie unter dem langen, pelzbesetzten Umhang erkennen, der von seinen breiten Schultern bis hinunter zu den Stiefeln reichte. Und er hatte sie hochgehoben, als wöge sie nicht mehr als eine Feder. Als er ihr das Kleid angezogen hatte, war er erstaunlich sanft gewesen, beinahe etwas unbeholfen. Ungeübt, aber nicht grob.

Als er ihr eine Hand aufs Knie gelegt hatte, während er versucht hatte, sie zum Mitkommen zu überreden, hatte sie die Berührung durch den Stoff hindurch gespürt. Es war ein angenehmes, warmes Gefühl gewesen, und es hatte etwas Tröstliches gehabt.

Seine Augen waren grün, mit ein paar goldenen Sprenkeln darin. Und sein Haar war fast so schwarz wie ihres, jedoch war es von ein paar silbernen Strähnen durchzogen, sodass es ihr schwerfiel, sein Alter zu schätzen.

Er war älter als sie, aber nicht annähernd so alt wie der Tattergreis, mit dem sie verheiratet werden sollte.

„Wer seid Ihr?“, fragte sie ihn über die Schulter hinweg.

Statt einer Antwort erhielt sie nur ein Brummen, und er stieß ihr einen Finger in den Rücken, um sie zum Weitergehen zu bewegen.

Als sie die Treppe erreichten, trafen sie auf einen alten Mann. Das musste wohl Edward sein, der Mann, den Hannah zu ihr ins Bett hatte schicken wollen. Er war eindeutig auf dem Weg zu ihr, und Avelyn war gespannt, wie ihr selbst ernannter „Retter“ mit dieser Situation umgehen würde.

Edward blickte sie verwundert an, erst Avelyn und dann den Mann hinter ihr. „Aber … die Hure hat gar keine roten Haare.“

„Nein.“

„Das ist meine! Ich habe schon für sie bezahlt.“

„Wie viel?“

„Das geht Euch nichts an. Sie gehört mir.“

„Doch, das geht mich sehr wohl etwas an. Sie ist nämlich meine Gemahlin.“ Der Fremde legte ihr einen Arm um die Taille und zog sie zu sich heran. „Und außerdem haben wir zu Hause drei hungrige Bälger und brauchen jede Münze, die ihre Mutter dazuverdienen kann.“

Gemahlin? Zu Hause? Drei hungrige Bälger?

Avelyn hatte es angesichts seiner schamlosen Lügen die Sprache verschlagen. Obwohl sie wusste, dass er sich die Geschichte nur ausgedacht hatte, um ohne großes Aufsehen das Wirtshaus verlassen zu können, hätte sie sich gewünscht, dass er sich etwas ausgedacht hätte, das weniger beschämend für sie gewesen wäre.

„Wenn die Summe stimmt, dann könnt Ihr sie mitnehmen. Aber ich komme mit und passe auf, dass Ihr der Mutter meiner Kinder kein Haar krümmt.“

Avelyn kniff die Augen zusammen und sah ihn wütend an. Sie kannte ihn zu wenig, um den kurzen Blick zu deuten, den er ihr zuwarf, aber sie glaubte, dass er sie hatte warnen wollen, damit sie den Mund hielt. Sie dachte jedoch gar nicht daran.

Sie rammte ihm einen Ellenbogen in den Bauch und wandte sich an Edward. „In Wahrheit möchte er aus einem ganz anderen Grund zusehen, Edward.“

Ihr Retter umfasste ihre Taille noch fester. Aber davon ließ sie sich nicht beirren. Sie wollte ihn genauso dumm dastehen lassen, wie er es mit ihr getan hatte. „Genau genommen will er sich nämlich etwas abgucken. Seine Bettkünste lassen leider sehr zu wünschen übrig. Außer einem Haufen Bälger hat man nicht viel davon.“

Zufrieden hörte sie, wie der Mann die Luft ausstieß. Das hatte gesessen.

Der alte Mann trat kopfschüttelnd zur Seite. „Nein, danke. Geht nur. Da suche ich mir lieber eine andere.“

Augenblicklich löste der Fremde seine Hand von ihrer Taille und umfasste ihr Handgelenk. Dann zerrte er sie hinter sich her, die Treppe hinunter, und zischte ihr zu: „Ich rate Euch, besser auf Eure Worte zu achten.“

„Meine Worte?“ Sie sprach ebenso leise wie er. „Ihr habt mich aussehen lassen wie eine Hure. Und so habe ich mich auch gefühlt.“

Wieder wurde sein Griff fester. „Dafür habt Ihr selbst gesorgt.“

Avelyn versuchte, sich ihm zu entwinden. „Das habe ich nicht!“

„O, verzeiht, dann habe ich wohl etwas missverstanden. Aber ich könnte schwören, dass ich Euch nackt im Bett vorgefunden habe und Ihr auf einen Mann gewartet habt.“

Sie musste zugeben, dass er recht hatte. Aber es war ja nicht so gewesen, wie es ausgesehen hatte. „Es wäre ja gar nichts passiert.“

Sie mussten ihre Diskussion unterbrechen, denn sie waren fast am Fuß der Treppe angelangt, wo sie zwei Männer erwarteten. Gut, dann würde Avelyn ihm eben gleich erklären, wie es sich wirklich zugetragen hatte. Sie verlangsamte ihre Schritte, da sie nicht wusste, was die beiden Männer vorhatten. Doch ihr Retter ging geradewegs auf sie zu und sagte: „Lasst uns aufbrechen.“

Sie stellte erleichtert fest, dass die Männer zu ihm gehörten, denn sie sahen genauso düster und gefährlich aus wie er selbst. Sie reihten sich hinter ihr ein und geleiteten sie aus der Schankstube hinaus.

Auch der kalte Regen, der ihr ins Gesicht prasselte, konnte ihre Wut nicht abkühlen. Dieser Kerl hatte sie eine Hure genannt und ihr Dinge unterstellt, die ihren Vater zur Weißglut bringen würden, sollte ihm auch nur ein Wort davon zu Ohren kommen.

Sie wollte sich nicht einen Augenblick länger von diesem Mann berühren lassen, deshalb riss sie sich los und stürmte voran.

Die schweren Schritte hinter ihr sagten ihr, dass er sie nicht aus den Augen lassen würde, und sie wusste, dass eine Flucht unmöglich war. Schon gar nicht zu Fuß. Seine Gesellschaft wollte sie aber trotzdem nicht.

Wütend rief sie über die Schulter: „Lasst mich in Ruhe!“

„Mit dem größten Vergnügen. Sobald ich Euch König David überbracht habe, seid Ihr mich los.“ Wieder packte er sie am Handgelenk. Dann wirbelte er sie herum, sodass sie ihn ansehen musste.

Die zwei Männer blieben sofort stehen, und er rief ihnen im Befehlston zu: „Holt die Pferde! Wir treffen uns am Brunnen.“

Die unverhohlene Enttäuschung der beiden darüber, dass sie dem Streit nicht weiter beiwohnen konnten, hätte sie zu einem anderen Zeitpunkt zum Lachen gebracht. Doch in diesem Augenblick war es ihr egal. Sie hatte diesem unverschämten Kerl ein paar Dinge zu sagen, für die sie gut auf Publikum verzichten konnte.

Als die beiden etwas unwillig lostrotteten, sah sie den Mann an, der ihr Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt hatte. Mehr noch. Er hatte alle ihre Fluchtpläne zunichtegemacht. „Lasst mich los.“

Zu ihrer Überraschung kam er ihrer Bitte nach, und sie trat einen Schritt zurück, um Abstand zwischen ihnen herzustellen. „Ich bin keine Hure.“

Er sah mit gelangweiltem Blick in Richtung Himmel und dann wieder zu ihr. Was dachte dieser unverschämte Kerl sich eigentlich? Wollte er sie etwa verhöhnen? Rasende Wut flammte in ihr auf, und sie ballte die Hände zu Fäusten. „Ich bin keine Hure!“

„Das hätte ich von Lord Brandrs Tochter auch nicht erwartet. Obwohl man zu der Annahme hätte kommen können, wenn man bedenkt, wie ich Euch vorgefunden habe.“

Das überhebliche Grinsen auf seinen Lippen war zu viel für sie. Alles, was sie in den letzten Wochen mitgemacht hatte, der Hunger, der Durst, die Angst, die eisige Kälte, bündelte sich und ließ ihren Zorn zu einer riesigen Feuersbrunst werden. Avelyn hob den Arm, um ihm den Spott aus dem Gesicht zu schlagen.

Doch er ließ seine Hand pfeilschnell vorschießen und schloss sie um ihren Unterarm. Bedrohlich knurrte er: „Das würde ich an Eurer Stelle lieber nicht tun.“ Er drückte sie fest gegen seine Brust. „Ich bin weder Euch noch Eurem Vater zu etwas verpflichtet. Und ich werde mich ganz bestimmt nicht von Euch schlagen lassen. Egal, wie zornig Ihr seid.“

Avelyn senkte den Blick und hätte einiges dafür gegeben, sich ebenfalls in Luft aufzulösen. So wie sich ihre Wut beim Klang seiner tiefen Stimme aufgelöst hatte. Was war bloß los mit ihr, dass sie sich so töricht verhielt?

Als sie schwieg, sagte er: „Euer Zorn ist fehl am Platz. Ich habe Euch nichts getan.“

„Ich weiß. Es tut mir leid, bitte verzeiht. Aber ich …“

Sie hielt inne und machte die Augen zu, denn sie fand nicht die richtigen Worte. Schließlich war er ein Fremder, und sie wollte nicht zu viel preisgeben.

Er ließ ihr Handgelenk los, legte ihr einen Finger unters Kinn und hob es an. „Aber was?“

Sie öffnete die Augen, und ihre Blicke trafen aufeinander. Er schien nicht verärgert zu sein, bloß aufmerksam. Als ob es ihn wirklich interessierte, was sie zu sagen hatte. „Aber ich will Sir Bolk auf keinen Fall heiraten.“

Er lachte leise und ließ die Hand sinken. „Das verstehe ich gut. Ich würde ihn auch nicht heiraten wollen.“

Gegen ihren Willen musste sie über seinen albernen Scherz lachen. Dennoch tat es gut zu wissen, dass er ihre Meinung teilte.

Avelyn seufzte und trat einen Schritt zurück. Obwohl sie zugeben musste, dass sie sich an seiner Brust geborgen gefühlt hatte. „Gut. Keiner von uns beiden will also den Kriegsherrn meines Urgroßvaters heiraten. Aber dennoch wird man mich bald dazu zwingen.“ Sie erschauderte, als sie daran dachte, dass sie ihr Leben mit diesem Mann teilen sollte. Und ihr Bett.

„Ihr habt zwei oder drei Tage Zeit, um König David davon zu überzeugen, sich für Euch einzusetzen und die Ehe zu verhindern.“

„Aber ich bin doch nicht viel mehr als ein Gegenstand. Der Besitz meines Vaters. Er wird mir kein Gehör schenken.“

„Ihr vergesst, dass auch Eigentum einen gewissen Wert hat.“

Das stimmte zwar, aber der Wert von Besitztümern wurde von Männern festgelegt. Männer, die sich nicht um sie und ihre Zukunftswünsche scherten.

Dabei wünschte sie sich noch nicht einmal große Dinge. Nicht mehr als andere Frauen. Sie wollte einen Ehemann, ein Zuhause und Kinder. An die große Liebe, wie die Minnesänger sie besangen, glaubte sie ohnehin nicht. Solche Gedanken fand sie überflüssig. Verliebtheit war sowieso nicht von Dauer.

Etwas Bodenständiges, Dauerhaftes war ihr wesentlich lieber. Sie wünschte sich eine liebevolle Partnerschaft, in der man sich umeinander kümmerte. Eine Art Freundschaft. Das war allenthalben besser als Liebe und Leidenschaft, die am Ende doch zu nichts als Leid und Kummer führten.

Ihre Mutter hatte jeden Tag um ihre verlorene Liebe getrauert. Bis zum letzten Tag. Sogar auf dem Sterbebett hatte sie sich noch danach gesehnt, ein letztes Mal die Lippen ihres Geliebten auf ihren zu spüren. Avelyn war damals vierzehn gewesen und hatte sich geschworen, dass sie sich diese Art von Liebe niemals erlauben würde. Nein. Sie würde sich nicht von den süßlichen Worten eines Mannes einwickeln lassen.

So schön sie auch klingen mochten, es war sowieso alles gelogen.

Das bedeutete aber nicht, dass sie deswegen keinen Ehemann wollte. Sie wollte jedoch einen, der ehrlich war und gut für sie sorgte. Einen, der in ihrem Alter war, damit sie gemeinsam alt werden konnten. Und der stark genug war, um sie zu beschützen. Und der Lust hatte, ihr jede Menge Kinder zu schenken.

Ein Mann, der … dem Mann, der gerade vor ihr stand, gar nicht so unähnlich war.

Avelyn erschrak. Zum Teufel! Wie konnte sie so etwas nur denken?

Schnell trat sie noch einen weiteren Schritt zurück, um den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern.

„Lady Avelyn?“

Seinem Ton und dem verwunderten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er ihr gerade eine Frage gestellt. Und sie hatte sie überhört, weil ihre Gedanken in eine Richtung gewandert waren, die sie besser nicht einschlagen sollten.

„Wie bitte?“

„Ich habe Euch gefragt, warum man Sir Bolk ausgewählt hat.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung. Aber ich wurde in die Entscheidung auch nicht einbezogen.“

„Aber Ihr habt doch Verstand. Sonst hättet Ihr es gar nicht bis hierher geschafft. Also denkt nach. Warum könnten sie einen so alten Mann ausgesucht haben? Und warum hat er eingewilligt?“

„Natürlich hat er eingewilligt. Welcher Mann, der all seine Sinne beisammenhat, würde sich schon dem König widersetzen?“

„Da kennt Ihr Sir Bolk aber schlecht. Nicht einmal der König könnte ihn zu etwas bewegen, mit dem er nicht einverstanden ist.“

„Das stimmt. Ich kenne ihn nicht. Und ich will auch, dass es so bleibt.“

„Er muss einen Vorteil in der Ehe mit Euch gesehen haben.“

„Noch etwas, außer dass er auch noch seine dritte Ehefrau überleben möchte?“

„Ich bezweifle, dass das passieren würde. Allerdings würde er als der Schwiegersohn von Brandr und der angeheiratete Urgroßenkel von König Óláfr ins Grab gehen. Sein gesamter Besitz würde also an …“

„Meinen Vater gehen!“, unterbrach sie ihn aufgebracht. „Mich eingeschlossen.“ Erschrocken taumelte sie zurück. Sie konnte es kaum fassen. Die Hinterlistigkeit ihres Vaters und ihres Großvaters überstieg ihre Vorstellungskraft.

„Genau. Und dann könnten sie Euch erneut verheiraten.“

Bolks Besitztümer waren zwar mager, doch sie würden allesamt ihrem Vater gehören. Avelyn hätte am liebsten laut geschrien. Doch stattdessen kniff sie die Augen zusammen und fragte: „Glaubt Ihr, König David würde sich gegen meine Familie stellen?“

„Wenn er guten Grund dazu hat, ja.“

„Ihr sagtet, ich hätte zwei bis drei Tage, um ihn zu überzeugen?“

„So lange dauert es, bis wir in Carlisle sind.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Dann, mein Herr …“, sie zog die Hand wieder zurück, „ … wie war doch gleich Euer Name?“

„Roul. Lord Elrik of Roul.“

Avelyn brach in schallendes Gelächter aus. Als sie sich wieder beruhigt hatte, wischte sie sich die Augen trocken und schüttelte den Kopf. „Natürlich. Wie gut, dass König David einen seiner Wölfe auf König Óláfrs kostbare Beute angesetzt hat.“

Elrik runzelte die Stirn. „Ich sehe nicht, was daran so lustig sein soll.“

„Natürlich nicht. Ihr seid ja auch nicht in meiner Lage. Seht doch, ich bin bloß eine wehrlose kleine Taube, und Ihr seid ein Wolf. Es erscheint mir etwas übertrieben, dass ein erfahrener Jäger wie Ihr eine so mickrige Beute wie mich aufspüren soll.“

Er bot ihr seinen ausgestreckten Arm an, um sie zu seinen Männern zu geleiten, die am Brunnen auf sie warteten. „Man weiß nie im Voraus, wie gefährlich eine Beute sein wird.“

„Das stimmt. Ihr konntet nicht wissen, ob die kleine Taube vielleicht grässliche Reißzähne in ihrem Schnabel hat.“

Er nickte. „Oder Klauen, so scharf wie die eines Adlers.“

Als sie bei den anderen angekommen waren, fragte er: „Könnt Ihr reiten?“

Avelyn konnte die Male, die sie auf einem Pferd gesessen hatte, an einer Hand abzählen. An zwei Fingern, um genau zu sein. Doch wenn sie das zugegeben hätte, wäre nur eine Alternative geblieben: Sie hätte mit zu ihm aufs Pferd gemusst, und das wäre viel mehr Nähe zu diesem Mann gewesen, als ihr recht war. Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht besonders gut, aber ich schaffe es schon.“

Er ließ schweigend eine Augenbraue in die Höhe schnellen. Dann nahm er seinen Umhang ab, legte ihn ihr über die Schultern und schloss ihn an ihrem Hals mit einer Nadel. Als er die Kapuze über ihr Haar zog, sagte er: „Das wird Euch davor schützen, noch nasser zu werden, als Ihr es schon seid.“

„Und Ihr? Ihr wollt Euch doch sicher auch nicht erkälten.“

„Von dem bisschen Regen werde ich nicht krank.“

Sie betrachtete das Pferd neben sich skeptisch. Es war zwar das kleinste von den vieren, aber sie fragte sich trotzdem, wie sie auf den Rücken eines so großen Tieres gelangen sollte. Ehe sie fragen konnte, hatte Elrik sie an der Taille gepackt und in den Sattel gehoben.

Avelyn schwang ein Bein auf die andere Seite und steckte den Saum des Umhangs unter ihren Waden fest. Dann atmete sie tief ein und ergriff die Zügel, die Elrik ihr hinhielt. „Ich wäre so weit.“

Sie hoffte, dass ihre Worte in seinen Ohren sicherer geklungen hatten als in ihren.

„Ihr schafft das schon“, sagte er und gab ihr einen kleinen Klaps aufs Knie. Dann stieg er auf sein eigenes Pferd.

Ein paar Stunden später machten sie Halt. Der Regen hatte aufgehört, und ein paar einzelne Sterne blitzten durch die sich lichtenden Wolken hindurch.

Avelyn saß zitternd auf einem Baumstamm vor dem Feuer und schmeckte kaum etwas von dem Happen in ihrem Mund. Sie war müde und ihr ganzer Körper steif vom Reiten. Ihre Hände schmerzten, weil sie die Zügel die ganze Zeit mit aller Kraft umklammert hatte. Genau wie ihre Oberschenkel, die sie nicht einen Augenblick locker gelassen hatte, aus Angst, vom Pferd zu fallen.

Ihr Retter, Lord Elrik, hatte nichts gesagt, aber sie hatte gespürt, dass er sie die ganze Zeit über beobachtete. Sie hatte befürchtet, dass er sie jeden Moment vom Pferd reißen und vor sich auf seinen Sattel setzen würde. Und in manchen Situationen hätte sie sich nicht einmal gewehrt. Wie bei dem steilen Anstieg, als sie dachte, das Pferd würde jeden Moment ausrutschen. Oder als sie galoppiert waren.

Doch zu ihrem Erstaunen war nichts passiert. Dennoch war sie dankbar, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Sie wollte sich einfach nur zu einer Kugel zusammenrollen und schlafen. Sonst nichts.

Elrik lehnte an einem Baum und beobachtete, wie Avelyn schläfrig nach vorne sackte und im nächsten Moment erschrocken zusammenzuckte, weil sie beinahe von dem Stamm gefallen wäre, auf dem sie saß. Sie war vollkommen erschöpft. Und sie hatte nie reiten gelernt, wie er jetzt wusste.

Ihre Unerfahrenheit hatte sie mehrere Stunden gekostet. Das mussten sie morgen wieder aufholen. Es würde ihr zwar nicht gefallen, aber das würde ihnen nur gelingen, wenn sie mit auf seinem Pferd ritt.

Er musste zugeben, dass ihm der Gedanke, sie vor sich sitzen zu haben und sie festzuhalten, ihr Rücken an seine Brust geschmiegt, nicht gerade unangenehm war. Natürlich würde sie sich erst einmal weigern und sich aufregen, aber sie würde sich schnell daran gewöhnen, dass sie einander berührten. Außerdem taten sie ja auch nichts Unanständiges.

Bei den Bildern, die dieser Gedanke in ihm auslöste, entfuhr ihm ein leises Seufzen.

Elrik schüttelte den Kopf, um sich zur Ordnung zu rufen. Was war nur los mit ihm? Es konnte nicht sein, dass ihm die Fähigkeit, klar zu denken, wegen eines hübschen Gesichts und einer ansprechenden Figur abhandenkam. Sie war Brandrs Tochter. Hatte diese Familie ihm nicht schon genug Unglück gebracht?

Außerdem war eine Frau das Letzte, was er in seinem Leben gebrauchen konnte. Egal, wie anziehend er sie auch fand. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Frauen reine Zeitverschwendung waren und nichts als Kummer bereiteten.

Hatte ihm Muriel nicht schon genügend Leid beschert, dass es für zwei Leben ausreichte?

Nein. Es war unmöglich. Er konnte sie nicht mit auf sein Pferd nehmen. Er musste einen anderen Weg finden, damit sie sicher im Sattel blieb.

Avelyn sackte wieder nach vorne und schoss ein weiteres Mal kerzengerade in die Höhe vor Schreck. Sie würde jeden Moment einschlafen und hinfallen. Ihre Bewegungen wurden immer langsamer.

Elrik löste sich von dem Baum und erreichte sie gerade noch rechtzeitig, um sie aufzufangen und vor dem harten Aufprall zu schützen.

Er drückte sie fest an sich und trug sie zu dem provisorischen Lager, das sie in der Nähe des Feuers bereitet hatten, und legte sie auf die Decken. Ohne aufzuwachen, drehte sie sich auf die Seite und rollte sich zu einer Kugel zusammen, eine Hand unter ihre Wange geschmiegt.

Er nahm seinen Umhang, der am Feuer bereits wieder getrocknet war, und deckte sie mit der pelzbesetzten Seite zu. Die Ränder steckte er sorgfältig fest, damit sie nicht fror, und betrachtete eine ebenholzfarbene Haarsträhne, die sich gelöst hatte und ihr über die blasse Wange fiel.

Eins musste er Brandr lassen: Er mochte zwar ein alter, verräterischer Bastard sein, aber er hatte eine wirklich bezaubernde Tochter gezeugt.

Kurz darauf ging er zu seinen Männern. Als er die Beine ausstrecken wollte, fragte Fulke: „Wie zum Teufel willst du sie zu König David bringen, wenn sie vorher vom Pferd fällt und sich den Hals bricht?“

Und Samuel fügte mit Grabesstimme hinzu: „Bei der Geschwindigkeit, mit der wir vorankommen, sollten wir uns weniger Sorgen um ihren Hals machen, sondern um unsere eigenen.“

Normalerweise konnte Elrik kein Gemecker ertragen. Aber diese beiden waren nicht nur seine besten Freunde aus der Kindheit, sondern sie waren auch seine treuesten Gefährten, wahre Meister im Schwertkampf. Und sie würden ihn mit ihrem Leben beschützen. Deswegen drückte er bei ihnen gerne mal ein Auge zu. Jedoch nicht heute.

„Wir werden die Geschwindigkeit morgen erhöhen, und sie wird sich auch nicht den Hals brechen.“

Samuel wollte etwas erwidern, aber Elrik brachte ihn mit einem wütenden Blick zum Schweigen. Immerhin hatte er erreicht, was er gewollt hatte: Die beiden hielten den Mund und sagten für den Rest der Nacht kein einziges Wort mehr.

3. KAPITEL

Z u Avelyns großer Erleichterung hatte sie recht gut auf dem harten Boden schlafen können. Es hatte sie an das harte Bett im Haus ihrer Mutter erinnert, was wesentlich besser war als die riesige, weiche Matratze in der Burg ihres Vaters. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie sich beim Aufwachen erholt gefühlt, wenn auch ein wenig steif vom Reiten. Am liebsten hätte sie ihre Reise zu Fuß fortgesetzt statt im Sattel.

Als das Pferd zu ihr geführt wurde, wusste sie jedoch, dass dieser Wunsch kein Gehör finden würde. Es war das Tier von gestern, das kleinste der vier, für ihren Geschmack aber immer noch viel zu groß. Beim Runterfallen würde es trotzdem wehtun.

Dann betrachtete sie den Sattel. Der, auf dem sie gestern gesessen hatte, war nun auf dem Rücken von Rouls Pferd festgeschnallt. Und seiner, der vorne und hinten erhöht war, damit er beim Kämpfen sicher saß, lag nun auf ihrem Pferd. Vorne und hinten am Sattel war jeweils eine zusammengerollte Decke befestigt.

Doch das war nicht alles: Die Steigbügel waren kürzer, damit ihre Beine nicht an der Seite hinunterhingen, und an den Zügeln war ein Führleine befestigt worden.

Roul reichte ihr eine Hand. „Kommt. Wir müssen die verlorene Zeit wieder aufholen.“

Zögernd machte sie einen Schritt vor und ergriff seine Hand. Seine Finger waren angenehm warm, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, was ihr die nötige Zuversicht verlieh, um sich zu ihm neben das Pferd zu stellen.

Mit seiner freien Hand streichelte er dem Tier sanft über die Nüstern. „Ich habe Euch gestern nicht ordentlich vorgestellt. Avelyn, das ist Little Lady. Auf ihr haben schon mehr Soldaten reiten gelernt, als ich zählen kann.“

„Ihr habt sie mitgebracht, um Soldaten auszubilden?“

Noch immer waren seine Finger mit ihren verflochten, und er hob ihre Hand an den Kopf des Pferdes. „Nein. Ich war mir bloß nicht sicher, ob unsere Ausreißerin reiten kann oder nicht.“

Er ließ ihre verschlungenen Hände über den Hals des Pferdes gleiten. „Und da ich jetzt weiß, dass Ihr es nicht könnt, überlasse ich Little Lady die Aufgabe, es Euch beizubringen.“

So, wie das Tier sie ansah, kam es Avelyn so vor, als wäre die Stute nicht besonders begeistert bei der Aussicht.

Roul knuffte sie leicht gegen die Schulter. „Keine Sorge. Sie hat noch nie gebissen oder jemanden abgeworfen.“

„Noch nicht“, murmelte Avelyn leise. Sein herzhaftes Lachen verriet ihr jedoch, dass ihm nicht entgangen war, was sie gesagt hatte.

Erst als sie bemerkte, dass er mit einer Hand die Führleine ergriffen und ihr die andere auf die Schulter gelegt hatte, wurde ihr klar, dass nur noch sie das Pferd streichelte.

Wie hatte er das nur gemacht, ohne dass sie es mitbekommen hatte?

Sie spürte seine Wärme an ihrem Rücken und wusste, dass er dafür sorgen würde, dass ihr nichts passierte, auch wenn er ihre Hand unbemerkt losgelassen hatte. Sie richtete sich gerade auf.

Er drückte ihr sanft die Schulter. „Ich werde den ganzen Weg über ganz nah bei Euch sein. Euch wird nichts zustoßen.“

Avelyn wusste nicht, was verstörender war: sein warmer Atem an ihrem Ohr oder seine Nähe, die sich gut und gefährlich zugleich anfühlte? Seine Worte, die ihr Sicherheit versprachen? Oder die plötzliche Erkenntnis, dass er ihr keine Möglichkeit zur Flucht bieten würde?

„Bereit?“

So gerne sie in diesem Moment auch Nein gesagt hätte, sie wusste, dass sie nicht für immer hier stehen bleiben konnten. „Ich denke schon.“

„Dann hinauf mit Euch.“ Er hob sie in den Sattel, bevor sie es sich anders überlegen konnte, und reichte ihr die Zügel. „Lady folgt meinem Pferd. Ihr müsst sie nicht lenken.“

Er rückte die aufgerollten Decken noch einmal zurecht. „Das sollte verhindern, dass Ihr zu stark im Sattel hin und her rutscht. Wenn es dennoch wackelig werden sollte, dann haltet Euch einfach am Knauf fest.“

Dann überprüfte er die Länge der Steigbügel und legte ihr anschließend eine Hand aufs Knie. „Keine Sorge“, sagte er in beruhigendem Ton und sah sie an. „Es wird alles gut gehen. Versucht, ganz entspannt zu bleiben.“

Sie fühlte die Wärme seiner Berührung durch den Stoff ihres Kleides hindurch. Wie sollte sie sich da bitte schön entspannen? Sie nickte. „Ich versuche es.“

Elrik stieg auf sein Pferd und steckte das Ende der Führleine an seinen Gürtel. Er wusste, dass Little Lady ihm anstandslos folgen würde, daher musste er es nicht festknoten.

Als sie die Straße erreichten, setzte Fulke sich an die Spitze und Samuel ans Ende ihres Trosses, um die Gegend zu überwachen. So konnte Elrik sich in Ruhe auf Avelyn konzentrieren.

Auch wenn sie nun etwas schneller als gestern unterwegs waren, sah er, dass Avelyn noch immer angespannt war, und er fragte sich, wie lange sie durchhalten würde.

Elrik verweilte selten länger an König Davids Hof als unbedingt notwendig. Die wenigen Male, die seine Anwesenheit über einen längeren Zeitraum erfordert hatten, hatten ihm gezeigt, dass kaum jemand am Hof etwas mit einem Wolf des Königs zu tun haben wollte.

Dennoch hatte er schon genügend Damen von Rang gesehen, für die es vollkommen normal war, auf einem Pferd zu sitzen. Lady Avelyns nicht vorhandene Reitkünste verwunderten ihn daher.

„Wie kommt es, dass Ihr nie reiten gelernt habt?“

Ohne den Blick von dem Punkt zwischen den Ohren ihres Pferdes abzuwenden, erwiderte sie: „Selbst wenn es mir etwas gebracht hätte, reiten zu lernen, wo hätte ich ein Pferd herbekommen sollen?“

„Aus dem Stall Eures Vaters?“

Ihr Lachen klang eher bitter als belustigt. „Mein Vater hat bis zum Tod meiner Mutter gar nichts von meiner Existenz gewusst.“

„Ich dachte …“

„Genau wie alle anderen“, unterbrach sie ihn. „Jeder denkt, dass ich in der Burg meines Vaters aufgewachsen wäre. Aber das ist eine vollkommen falsche Annahme.“

Elrik wusste, dass sie zwar unehelich, aber dennoch die leibliche Tochter von Brandr war. Und damit bedeutend genug, um sie wie eine Adelsfrau auf seiner Burg großzuziehen. Aber da Brandr wohl mehr damit beschäftigt gewesen war, König Davids Herrschaft zu untergraben, hatte er von ihrer Geburt offenbar nichts mitbekommen. „Wusste er von Euch?“

„Laut meiner Mutter, ja. Sie war eine Dienstmagd in seiner Burg. Als herauskam, dass sie ein Kind vom Lord erwartete, hat man sie vor die Tür gesetzt.“ Sie hielt inne und runzelte die Stirn. „Meine Mutter war überzeugt, dass der Lord oder die Lady ihren Rauswurf befohlen hatten. Aber er war vollkommen schockiert, als er mich nach ihrem Begräbnis in unserer Hütte entdeckte. Vielleicht stammte der Befehl nicht von ihm.“

Elrik schüttelte den Kopf. Was hatte er sich nur dabei gedacht, ein so persönliches Gespräch anzufangen? Das alles ging ihn gar nichts an. Seine Neugierde war jedoch zu groß. „Was meint Ihr damit, als er Euch ‚entdeckt‘ hat?“

„Ich weiß noch immer nicht, warum er an dem Tag zu uns gekommen ist.“ Ihre Stimme war ganz leise, als spräche sie zu sich selbst. „Sie hatte sich ihr Leben lang vor Sehnsucht nach ihm verzehrt. Sie sagte seinen Namen, als sie ihren letzten Atemzug tat. Aber alle Ihre Gebete blieben unerhört. Er kam nicht ein einziges Mal zu uns in den vierzehn Jahren nach meiner Geburt. Erst, als sie unter der Erde lag.“

„Dann ist er gekommen, um Euch zu sich holen?“

Sie sah auf und schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, er wollte sichergehen, dass meine Mutter wirklich tot war.“

„Aber stattdessen fand er Euch.“

„Es war reiner Zufall. Ich hatte in einer Ecke gesessen und unser letztes Stück Brot gegessen, als er mit seinen Wachen eintrat. Ich wollte weglaufen, doch sie hielten mich fest. Ich war überzeugt, dass sie mich töten würden. Sie haben mich hin und her geschubst, um sich zu einigen, wer als Erster von ihnen Hand an mich legen durfte. Aber nachdem mein Vater mich eine Weile betrachtet hatte, sagte er, dass sie mich loslassen sollten.“

Elrik war davon überzeugt, dass sie noch mehr vorgehabt hatten, als sie zu töten . „Also hat er Euch erkannt?“

„Er sagte, dass ich wie seine Mutter aussähe, Lady Avelyn, die Ältere. Da wurde mir schlagartig klar, dass ich nicht nach der Mutter meiner Mutter, sondern nach seiner benannt worden war. Was offensichtlich ein großer Schreck für ihn war, denn er wurde ganz blass, als ich ihm meinen Namen nannte.“

„Niemand hat Euch je davon erzählt?“

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass meine Mutter ihre Mutter gemeint hatte, wenn sie von meiner Großmutter sprach. Wir waren also beide ziemlich erstaunt, mein Vater und ich.“ Sie lachte auf, und es klang nicht mehr ganz so bitter wie eben.

Da sie nun wesentlich entspannter im Sattel saß als zu Beginn, wollte Elrik das Gespräch am Laufen halten. „Also hat er Euch dann zu sich in die Burg geholt?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nein. Er schickte seine Männer los, um Lebensmittel für mich zu besorgen, und sagte, dass er in ein oder zwei Tagen wiederkommen würde.“

Elrik konnte es kaum glauben, dass Brandr ein vierzehnjähriges Mädchen völlig schutzlos und auf sich allein gestellt zurückgelassen hatte. Noch dazu seine eigene Tochter. Sie war immerhin alt genug gewesen, um zu heiraten. Oder vergewaltigt zu werden. Vielleicht hatte er sogar gehofft, dass so etwas geschehen würde. Dann wäre er nicht mehr für sie verantwortlich gewesen.

Elrik sah zu Avelyn hinüber. Sie hielt die Zügel nicht mehr ganz so verkrampft wie noch zuvor und hatte sogar eine Hand locker auf den Sattelknauf gelegt.

„Zu meiner Überraschung kam er tatsächlich wieder. Sie versetzten das ganze Dorf in Panik, als sie mich und meine kümmerlichen Habseligkeiten aufluden und die Hütte in Brand steckten.“

Plötzlich wirkte sie wieder angespannt, doch diesmal hatte es wohl nichts mit ihrer Angst vor dem Reiten zu tun, sondern mit ihrer Wut auf Brandr.

„Warum hat er die Hütte denn niedergebrannt? Jemand anders hätte darin wohnen können.“

„Er behauptete, dass er mich davon abhalten wollte zurückzukommen. Aber so, wie er die Sachen meiner Mutter durchforstet hat, glaube ich eher, dass er nach etwas gesucht hat. Und weil er es nicht gefunden hat, hat er die Hütte lieber abgebrannt, damit niemand sonst es finden würde.“

„Was könnte das gewesen sein?“

„Ich glaube, er war auf der Suche nach einem Goldring. Aber ich habe ihn nie gefragt.“ Avelyn zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass er das einzige Zuhause zerstört hat, das ich je gehabt habe.“

Elrik wusste, dass Brandr ein herzloser Mann war. Aber diese Geschichte überstieg seine Vorstellungen. Warum hatte er die Hütte nicht ein zweites Mal durchsucht, statt sie niederzubrennen? Es war eine Sache, nach einer Schlacht die Besitztümer von Feinden zu zerstören. Aber etwas zu zerstören, das ihm gehörte, aus einer Laune heraus, zeigte, wie wenig Mitgefühl er für die Dorfbewohner hatte. Die Leute, die eigentlich auf seine Fürsorge angewiesen waren.

Avelyns Mundwinkel bogen sich traurig nach unten. Daher fragte er: „Ihr spracht von einem Goldring?“

„Ja. Meine Mutter hat ihn mir zu meinem zwölften Geburtstag geschenkt. Sie sagte, es sei der Ehering meiner Großmutter und dass ich ihn gut aufbewahren solle. Um jeden Preis.“

„Und habt Ihr das?“

„Ich habe ihn unter meinem Bett vergraben.“

Darauf war Brandr natürlich nicht gekommen. „Das war sehr klug von Euch, vor allem in dem Alter.“

„Ich wusste, dass der Ring wertvoll ist, wegen der Zeichen darauf. Es erschien mir logisch, ihn wie einen Schatz zu vergraben.“

„Zeichen?“

„Ja.“ Sie griff in den Ausschnitt ihrer Tunika und zog den kleinen Lederbeutel hervor. Dann gab sie ihm den Ring und sagte: „Ich weiß nicht, was sie bedeuten.“

Elrik betrachtete das Schmuckstück genau. Ein Ehering war es nicht. Er kniff die Augen zusammen und sah erst sie und dann wieder den Ring an. Sie konnte also nicht lesen. Hatte ihr Vater ihr denn gar nichts an Bildung zukommen lassen? Oder ihr Großvater?

Sie war zwar die Tochter einer Dienstmagd, aber sie war auch die Tochter eines Lords und, viel wichtiger noch, die Urgroßenkelin eines Königs. Bestimmte Dinge musste sie einfach beherrschen, wenn sie eines Tages einen Haushalt leiten wollte. Wenn nicht, dann müsste sie sich immer auf ihren Ehemann oder ihre Bediensteten verlassen, was beides nicht die beste Lösung war. Es wäre leicht, ein falsches Spiel mit ihr zu treiben.

Er hielt den Ring hoch, sodass sie ihn sehen konnte. „Das ist der Buchstabe ‚A‘, da über dem Siegel Eures Urgroßvaters. Eure Großmutter hat ihn vielleicht benutzt, um ihre Initialen in das Wachs zu drücken, wenn sie Briefe geschrieben hat.“ Er drehte den Ring um. „Die Rosen an der Seite sind nur Zierde.“

Sie furchte die Stirn. „Aber warum hat meine Mutter dann gesagt, es sei ein Ehering?“

„Vielleicht hat man ihr das gesagt, und sie wusste es nicht besser.“

„Und warum hatte sie den Ring überhaupt?“

Elrik gab ihr das Stück zurück. „Ich vermute, dass Euer Vater ihn ihr aus irgendeinem Grund geschenkt hat.“ Vielleicht um sie seiner Zuneigung zu versichern oder als Bezahlung für ihre Dienste. Diesen Gedanken behielt er jedoch lieber für sich selbst.

Während sie den Ring wieder unter ihrem Kleid verstaute, sagte sie: „Ich kann weder lesen noch schreiben. Warum war es ihr so wichtig, dass ich ihn sicher aufbewahre?“

„Lady Avelyn, mit diesem Ring könnt Ihr Eure Familienzugehörigkeit nachweisen, wenn es sein muss. Eure Mutter hatte Eure Zukunft im Sinn.“

Sie riss die Augen auf. „O, vielleicht war es das, was mein Vater in der Hütte gesucht hat.“

„Höchstwahrscheinlich.“ Aber warum Brandr so erpicht darauf gewesen war, das Schmuckstück zu vernichten, war ihm ein Rätsel.

„Er hätte einfach fragen können, anstatt mein Zuhause niederzubrennen.“

Elrik wusste nicht, was er antworten sollte, denn sie hatte vollkommen recht. Sie schwiegen eine Zeit lang, doch er merkte, dass sie ihn beobachtete. Als er sich ihr schließlich wieder zuwandte, fragte sie: „Habe ich Euch den Respekt für Lord Brandr genommen?“

So unbeteiligt wie möglich, um ihren Hass auf ihren Vater nicht noch zu verstärken, antwortete er: „Seid beruhigt. Mein Respekt für Brandr war nie besonders groß.“

„Und doch bringt Ihr mich zu ihm zurück.“

„Ich bringe Euch zu König David.“

„Der mich in die liebevolle Obhut meines Vaters geben wird.“

Die Verachtung in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Aber ging es Euch bei ihm nicht besser als zuvor?“

Avelyn sah ihn an, als bereute sie bereits, ihm so viel erzählt zu haben. Deshalb sagte sie nur: „Ich habe in den vier Jahren auf der Burg mehr gelernt als in den vierzehn Jahren bei meiner Mutter.“

Das entsprach auch der Wahrheit. Sie hatte tatsächlich viel gelernt. Über Männer und ihre Machenschaften. Und über ihre Lügen.

„Es war sicher nicht einfach, Euer altes Leben hinter Euch zu lassen.“

„Nein. Aber die meisten Leute sehen das anders. Auf der Burg meines Vaters war man der Ansicht, dass mein voriges Leben völlig wertlos war. Sie verstanden nicht, warum es so hart für mich war, mich auf Burg Brandr einzuleben. Aber es gab auch keinen anderen Ort, an den ich hätte gehen können.“ Am liebsten wäre sie allein in der Hütte ihrer Mutter geblieben.

„Wie kam es zu der Verlobung mit Bolk?“

„Genauso wie bei den meisten unverheirateten Frauen, schätze ich. Meine Familie hat es arrangiert. Laut Lord Somerled war mein Urgroßvater die treibende Kraft dahinter.“

Sie sah ihn an. Sein unbeteiligter Gesichtsausdruck verriet ihm, dass sein Interesse an ihrer Geschichte nicht echt war. Es war nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, damit sie vergaß, dass sie auf einem Pferd saß. Nun, es hatte funktioniert, aber jetzt war es an der Zeit, den Spieß umzudrehen.

„Genug von mir. Wie war denn Eure Kindheit?“

Ein Ruck schien durch seinen Körper zu gehen, und sie befürchtete schon, dass er nicht antworten würde. Die letzten vier Jahre hatte sie mit Menschen verbracht, die nur mit ihr geredet hatten, wenn es absolut nötig war. Die Tage mit Hannah waren ein kurzer Segen gewesen, da die Frauen sich alle gerne mit ihr unterhalten hatten. Sie hatte wenig Lust, wieder mit eisigem Schweigen leben zu müssen. Daher fragte sie. „Bitte, Mylord, ich will Euch ja gar keine Geheimnisse entlocken. Ich möchte bloß den Klang einer anderen Stimme hören.“

„Meine Kindheit hat sich von Eurer nicht besonders unterschieden. Meine drei Brüder und ich sind jedoch bei meinem Vater aufgewachsen. Meine Mutter ist im Kindbett gestorben“, begann er seufzend.

„Hat das Baby überlebt?“

„Ja. Zwei Frauen im Dorf, die ebenfalls gerade entbunden hatten, haben sich um Rory gekümmert.“

Avelyn kannte es aus ihrem eigenen Dorf, dass die Frauen zusammenhielten und einander halfen. Sein Vater hätte einen Säugling allein gar nicht versorgen können. Ihr eigener Vater hätte es wahrscheinlich nicht einmal versucht, sondern das Kleine direkt ausgesetzt, damit es elendig starb.

„Wie alt wart Ihr und Euer Bruder da?“

„Ich war neun und Gregor sechs.“

Also war er noch ein Kind gewesen. „Wie kam Euer Vater zurecht?“

Roul lachte. „Gar nicht. Er hat sich um seine Angelegenheiten gekümmert, und Gregor und ich haben versucht, möglichst wenig Ärger zu machen.“

Der Soldat hinter ihm schnaufte. Ohne sich umzudrehen, sprach Roul weiter. „Was mir auch ganz gut gelungen ist. Es sei denn, andere Jungs haben uns in dumme Streiche mit hineingezogen.“

„Wie die Eier aus dem Hühnerstall zu stehlen und Leute damit zu bewerfen?“, rief einer der Männer hinter ihnen. Und der andere Mann fügte hinzu: „Oder die Wäsche mit Schlamm zu beschmieren?“

Avelyn musste herzhaft lachen. „Also waren die Söhne des Lords gar nicht so viel anders als die Jungen im Dorf.“

„Wahrscheinlich eher schlimmer. Denn wir wurden für unser Verhalten nicht bestraft. Im Gegensatz zu den beiden hier“, sagte er und deutete auf die zwei Männer. „Aber die Streiche haben trotzdem kurze Zeit später aufgehört. Denn ihre Eltern waren der Meinung, dass es besser wäre, uns beschäftigt zu halten, damit wir nicht auf dumme Ideen kommen. Deshalb mussten wir morgens zum Unterricht beim Pfarrer und nachmittags im Stall arbeiten. Immerhin haben wir dabei gelernt, wie man mit Pferden umgeht. Und wie man kämpft. Die beiden wollten ja in die Armee von Roul.“

„O, ich dachte, dass ohnehin alle Männer ihrem Herrn zum Dienst verpflichtet sind.“

„Ja, aber auf Roul sind sie nur wenige Wochen im Jahr im Dienst. Es sei denn, es gibt einen Angriff. Henry zum Beispiel hat gerade Wachdienst für zwei Wochen. Er muss Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Danach kehrt er zu seiner Familie und seiner Arbeit in der Werft zurück.“ Er atmete tief durch und fuhr fort. „Während Samuel hier ein Wachsoldat ist und deswegen immer im Einsatz ist. Wenn meine Brüder und ich ihn irgendwo brauchen, hat er sofort zu erscheinen.“

Sie warf Samuel einen Blick über die Schulter zu. „Und das gefällt Euch?“

Der Mann nickte.

Elrik beugte sich zu ihr und flüsterte ihr zwinkernd zu: „Er hat zwei linke Hände und ist zum Schiffbau nicht zu gebrauchen. Außerdem trinkt er gerne einen über den Durst.“

Samuel räusperte sich. „Aber ich kann gut mit dem Schwert umgehen. Und so muss ich wenigstens nicht kochen oder waschen und mir ein eigenes Haus bauen. Außerdem ist die Bezahlung gut. Ich kann mich nicht beschweren.“

Ohne sich umzudrehen, fügte Fulke hinzu: „Manchmal sind die Aufgaben, die uns aufgetragen werden, auch so leicht, dass es viel besser ist als Torwache.“

„Torwache ist also anstrengend?“

„Langweilig!“, sagten die beiden Männer im Chor.

„Warum habt Ihr diese beiden für diesen Auftrag ausgewählt?“, fragte sie Elrik.

„Ganz einfach. Wenn ich Männer brauche, denen ich bedingungslos vertrauen kann, dann stehen diese zwei ganz oben auf meiner Liste. Da wir zusammen aufgewachsen sind, verstehen wir uns blind und brauchen nicht viele Worte. Außerdem weiß ich, dass sie mir immer den Rücken freihalten, komme, was wolle.“

„Und wir vertrauen Elrik, dass er uns in einem Stück zurück nach Roul bringt“, sagte Samuel, und Fulke nickte.

„Ihr seid also Freunde?“

Elrik zuckte mit den Schultern. „So könnte man es vermutlich sagen, ja.“

„Aber ihr kriegt trotzdem kein Gutenachtküsschen von mir heute Abend“, meinte Fulke, und Samuel lachte schnaubend.

„Genug jetzt“, sagte Elrik. „Ihr seht, wir sind eher so etwas wie Brüder statt Freunde. Aber trotzdem muss immer einer von uns das Kommando haben.“

Avelyn nickte. „Ich verstehe. Glaubt Ihr, dass derjenige, der gerade das Kommando hat, bald eine Pause anordnen wird?“

Samuel reckte sich und gähnte. „Das wäre mal eine Anordnung, die ich begrüßen würde.“

Elrik sah hinauf zum Himmel und stellte erstaunt fest, dass die Sonne bereits ihren höchsten Punkt überschritten hatte. „Wir sind schon länger unterwegs, als ich dachte. Halten wir an und strecken unsere Beine ein wenig aus.“

Fulke und Samuel ritten voraus. Als Avelyn und Elrik wenig später die Lichtung erreichten, hatten die Männer bereits das Essen aus dem Lederbeutel geholt.

Elrik stieg erst von seinem Pferd und half anschließend ihr. In dem Augenblick, als ihre Füße den Boden berührten, gaben ihr die Knie plötzlich nach, sodass sie gegen ihn stieß und sich an seinen Schultern festklammern musste, um stehen zu bleiben.

Er schloss wie selbstverständlich seine Arme um sie, als hätte er es schon Tausende Male gemacht. „Langsam. Wartet noch ein bisschen.“

Der tiefe, heisere Klang seiner Stimme ging ihr durch und durch. Sein Gesicht war ganz nah an ihrem, als sie ihn ansah. Sie spürte, wie muskulös seine Brust war, und seine Umarmung fühlte sich so warm an. Mit halb geschlossenen Lidern blickte er sie an, und sie wusste, dass es nicht klug wäre, noch ein bisschen zu warten. Sie erschauerte bei dem Gedanken, und ihre Knie fühlten sich noch weicher an als gerade eben.

Sie holte hörbar Luft und riss ihren Blick von seinem los. Dann löste sie sich aus seinen Armen, nahm ihre Hände von seinen Schultern und hoffte, dass ihre Beine sie nicht im Stich lassen würden. „Es geht schon. Vielen Dank.“

„Das glaube ich nicht.“ Seine Stimme hatte jegliche Wärme verloren. Er klang jetzt eher ärgerlich. „Setzt Euch hin, sonst landet Ihr noch mit dem Gesicht im Dreck.“

Sie machte sich ganz von ihm los und setzte sich. „Ein schönes Bild, das Ihr da von mir entwerft.“

„Ihr hättet eher sagen sollen, dass Ihr erschöpft seid.“

Warum war er jetzt bloß so bissig? „Ja, aber dann hättet Ihr Euch beschwert, dass wir meinetwegen so langsam vorankommen.“

„Ich muss möglichst schnell zu König David.“

„Ach ja? Damit er mich möglichst schnell mit Sir Bolk verheiraten kann?“ Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihm direkt ins Gesicht. „Vielleicht sollte ich ihm vorschlagen, dass Ihr ein viel besserer Partner für das alte Scheusal wäret. Mag sein, dass der König der gleichen Meinung wäre.“

„Sollte das ein Scherz sein?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich meine es absolut ernst. Es kommt mir so vor, als hättet Ihr viele Gemeinsamkeiten mit ihm.“

„So? Was denn?“

„Ihr seid genauso ruppig, ungeduldig und überheblich. Wartet, lasst mich kurz nachdenken. Mir fällt bestimmt noch mehr ein.“

Ein unterdrücktes Schnauben von einem der beiden Soldaten verriet ihr, dass die beiden Männer jedes ihrer Worte verfolgten. Aber das war ihr egal.

„Überheblich?“

„Ja, Ihr habt richtig verstanden. Überheblich.“

Der Ausdruck in seinen Augen wurde noch bedrohlicher, aber Avelyn ließ sich davon nicht einschüchtern. Sie hielt seinem düsteren Blick stand, und versuchte, selbst möglichst bedrohlich auszusehen.

4. KAPITEL

E lrik wusste, dass sein Zorn auf A velyn nicht gerechtfertigt war. Er konnte sich seine plötzliche schlechte Laune auch nicht erklären. Er war gar nicht wütend auf sie. Aber als er sie im Arm gehalten hatte, nur ein paar Herzschläge lang, hatte er sie mit einem Mal so sehr begehrt.

Seit er von König David losgeritten war, hatte er sich schon unzählige Male gesagt, dass der König recht hatte: Sie hatte nichts mit dem zu tun, was ihr Vater seiner Familie angetan hatte. Sie trug keine Schuld an seinem Leid. Und er durfte seinen Hass auf Brandr nicht an ihr auslassen.

Aber eine leise Stimme in ihm warnte ihn davor, dass er nichts über diese Frau wusste. Und dass er keinen Schimmer hatte, ob sie etwas von der Boshaftigkeit ihres Vaters geerbt hatte. Vielleicht war sie nicht wie er. Vielleicht war sie aber auch noch schlimmer. Das konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht beurteilen.

Er wollte nichts mehr, als dass sein Verstand den Rest von ihm davon überzeugen würde, dass man ihr nicht trauen konnte. Schon lange hatte keine Frau mehr diese Wirkung auf ihn gehabt. Und er konnte sich nicht erklären, woran das lag. Doch sosehr ihn auch sein eigenes Verhalten verwirrte, so viel erstaunter war er über ihres gewesen.

Normalerweise ließen die Leute seinen Jähzorn schweigend über sich ergehen. Doch sie hatte ihn stattdessen mit hochgezogenen Brauen gemustert, beinahe abschätzig, und ihm dann eine Kostprobe von ihrem eigenen Temperament gegeben.

Aber er hatte sich nicht dagegen gewehrt. Schließlich hatte er es verdient, das musste er selbst zugeben.

Er fand ihre Reaktion auf seine schlechte Laune … interessant. Hätte er einen seiner Männer so angefahren, dann hätten sie es still ertragen und ihm anschließend sein Schlaflager gebaut.

Doch diese kleine Frau, die ihm nicht mal bis an die Schulter reichte, hatte ihn wütend angefunkelt und ihn derartig zusammengestaucht, dass er sich fragte, ob sie das öfter tat – in einem Bienenstock stochern.

Elriks Mundwinkel zuckten. Er musste die Zähne fest aufeinanderbeißen, um nicht wie ein Trottel zu grinsen. Aber er schaffte es nicht, sosehr er sich auch dagegen wehrte. Schließlich setzte er sich laut lachend neben ihr auf den Baumstamm. „Da ich Bolk lieber töten würde, als ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, wären wir wohl kein besonders gutes Paar.“

Avelyn hob einen Zweig auf und machte sich mit den Fingernägeln an der Rinde zu schaffen. „Was denkt Ihr, wie es mir geht?“

„Ich verstehe Euch sehr gut. Aber leider kann ich nichts an Eurer Situation ändern.“

„Aber Ihr kennt König David.“ Sie stach ihn mit dem Zweig durch sein Kettenhemd hindurch in den Arm. „Ihr könntet mir dabei helfen, einen Plan zu entwickeln, dem der König vielleicht zustimmt.“

„Eure Vorstellungen von meiner Beziehung zum König sind leider etwas zu hochgegriffen. Ich kenne ihn zwar persönlich, aber nicht gut genug, um zu wissen, womit man ihn gegebenenfalls umstimmen könnte.“

Sie zog die Schultern hoch. „Aber Ihr wart wenigstens schon mal bei ihm am Hof und wisst daher eher, was er schätzt.“ Wieder piekte sie ihn mit dem Zweig. „Außerdem seid Ihr ein Mann und wisst daher, wie andere Männer denken.“

„Ach, das habt Ihr bemerkt, ja?“ Er riss ihr den Zweig aus der Hand und warf ihn weg. „Erstens: Man gewinnt das Herz eines Mannes nicht, indem man ihn ärgert.“

„Wer sagt denn, dass ich das Herz von jemandem gewinnen möchte? Ich habe selbst gesehen, welches Leid die Liebe mit sich bringt, und möchte daher nichts mit solchen hochtrabenden Gefühlen zu tun haben.“

Elrik runzelte verwundert die Stirn. „Aber davon träumen doch alle Mädchen. Dass sie eines Tages einen Ehemann haben, der sie mit Liebe und Küssen überhäuft.“

„Ich glaube, es ist ziemlich offensichtlich, dass ich kein Mädchen mehr bin. Ich hätte viel lieber einen Ehemann, der auch gleichzeitig mein Freund ist. Und der mich mit Respekt behandelt, statt mich mit schönen Worten und süßen Küssen zu überhäufen. Nur, um im nächsten Augenblick zu vergessen, dass es mich gibt.“

Sie klang so inbrünstig, dass er sich sicher war, dass sie es wirklich so meinte. Er war sich in aller Deutlichkeit darüber bewusst, dass sie kein Mädchen mehr war. Schließlich hatte er sie nackt aus dem Bett gezogen. Und so vernünftig ihre Worte auch waren, sie würden sich niemals bewahrheiten. Jedenfalls nicht für die Urenkelin eines Königs, auch wenn sie nur ein Bastard war. „Ist Euch klar, dass das nahezu unmöglich für Euch ist?“

Sie sah zu ihm hoch. „Warum sollte das für mich unmöglich sein?“

„Lady Avelyn, Ihr kennt doch sicher Euren Wert und wisst, dass Ihr Eurer Familie ein schönes Vermögen einbringen könnt.“

Sie senkte den Blick zu ihren Füßen. „Ich bin doch bloß die schändliche Brut einer Dienerin.“

Die Traurigkeit in ihrer Stimme und ihr zitterndes Kinn berührten ihn zutiefst, und er fühlte sich mit einem Mal schuldig für etwas, das er gar nicht getan hatte. Er verspürte das Bedürfnis, ihr etwas zu sagen, dass sie von ihrem eigenen Wert überzeugte. Seine Gefühle erstaunten ihn, er war so etwas nicht gewohnt. Doch er konnte nicht länger darüber nachdenken, denn die junge Frau neben ihm brauchte seine Aufmerksamkeit.

„Lady Avelyn …“ Elrik legte ihr eine Hand unters Kinn und hob es sanft mit den Fingerspitzen an, sodass sie ihn ansehen musste. „Avelyn, Ihr tragt keine Schuld an dem, was Brandr und Eure Mutter getan haben. Sie war vielleicht nur eine Dienerin, aber Ihr seid trotzdem auch die Tochter eines Lords und die Urenkelin eines Königs. Das kann Euch niemand nehmen.“

Sie versuchte, den Kopf wegzudrehen, doch er legte ihr eine Hand auf die Wange, um sie daran zu hindern. „Ich weiß nicht, wer Euch eingeredet hat, dass Ihr nichts wert seid, aber derjenige lag falsch.“

Sie stand auf und beendete das Gespräch. „Ich sterbe vor Hunger.“

So gerne er auch weiter mit ihr über das Thema gesprochen hätte, er würde sie nicht zwingen. Schließlich ging es ihn nichts an.

Also stand er ebenfalls auf. „Dann sollten wir Euch schnell etwas zu essen besorgen.“

Sie gesellten sich zu Fulke und Samuel, die auf einem Stein ein mageres Mahl für sie bereitet hatten. Samuel deutete mit der Hand darauf. „Es ist zwar kein Festessen, aber wenigstens reicht es für uns alle.“

Avelyn nahm sich einen verschrumpelten Apfel und biss hinein. „Euer Essen schmeckt mir viel besser als jedes Festessen.“

Fulke riss ein Stück von dem dunklen Brotlaib ab und reichte es ihr. „An der Tafel Eures Vaters gibt es bestimmt bessere Sachen.“

Samuel schnitt ein paar Scheiben Käse für sie ab, die er ihr ebenfalls gab. „Ganz bestimmt gibt es bei Lord Brandr Besseres.“

Avelyn nahm den Käse und schüttelte den Kopf. „Ich habe immer mit den Mägden in der Küche gegessen, deshalb kann ich Euch leider nicht sagen, was in der Großen Halle serviert wurde.“

Elrik sah erstaunt, wie sich seine Männer beinahe überschlugen, um sie zu versorgen. Solche Zuvorkommenheit kannte er von den beiden gar nicht. Er vermutete, dass sie seine Unterhaltung mit Avelyn belauscht hatten, und nun versuchten, sie für all die Demütigungen zu entschädigen, die sie hatte ertragen müssen.

Da er keinen Grund sah, warum er sie daran hindern sollte, ließ er sie gewähren und entfernte sich langsam von ihnen.

Avelyn lachte leise auf, offenbar hatte Samuel einen Scherz gemacht, und er musste lächeln. Er war dankbar, dass seine Männer so aufmerksam waren. Normalerweise scherten sie sich nicht besonders um Frauen. Aber nach allem, was er gehört hatte, verdiente die Dame noch ein wenig Unbeschwertheit, bevor sie zurück in die kalten Hände ihrer Familie musste.

König David hatte Avelyn als hübsch, aber starrköpfig beschrieben. Und zumindest das Erste stimmte, sie war tatsächlich bezaubernd. Doch ihre Starrköpfigkeit hatte er zumindest bis jetzt noch nicht zu spüren bekommen. Ja, sie war widerspenstig gewesen, als er sie im Wirtshaus gefunden hatte, aber er war ja auch ein Fremder gewesen. Von daher war das nur verständlich. Es wäre töricht von ihr gewesen, ihm einfach ungefragt zu folgen. Und eben, als er seine schlechte Laune an ihr ausgelassen hatte, da hatte er einen kleinen Funken ihres Temperaments erlebt.

Nein, er konnte wirklich nicht sagen, dass sie besonders stur oder aufrührerisch war, eher das Gegenteil. Sie hatte sich gestern zum Beispiel nicht ein Mal beschwert, als sie unterwegs gewesen waren, obwohl sie ganz offensichtlich nicht reiten konnte. Und sie hatte auch nicht widersprochen, als er sie heute gewissermaßen im Sattel festgebunden hatte wie ein kleines Kind. Sie hatte wortlos akzeptiert, dass sie keine andere Wahl hatte, und das Beste daraus gemacht.

Und als er ihr geraten hatte, mit König David über ihre Zukunft zu sprechen, hatte sie nicht gejammert, sondern sie hatte ernsthaft darüber nachgedacht. Sonst hätte sie ihn nicht danach gefragt, welche Argumente Männer für wichtig hielten.

Nein. Diese Frau war wahrhaftig nicht dumm, und sie hatte triftige Gründe dafür, sich mit ihm zu streiten. Sie war zwar nicht in der Burg ihres Vaters aufgewachsen und musste erst noch lernen, wie man sich am Hofe verhielt. Aber an Verstand mangelte es ihr nicht. Sie kämpfte für ihre Belange und wusste, was sie wollte. Und was sie nicht wollte.

Im Grunde war es wirklich schade, dass sie mit Brandr verwandt war. Elrik wollte auf keinen Fall in jeglicher Weise mit diesem Mann verbunden sein. Sonst wäre er beinahe versucht gewesen, sich selbst als ihr Zukünftiger anzubieten.

Elrik schüttelte den Kopf, um diesen lächerlichen Gedanken zu vertreiben. Eine Frau und Familie, das war nichts für ihn. Aber … in Augenblicken wie diesem, wenn er seinen Schutzschild herunterließ und sich erlaubte, darüber nachzudenken, wie es sein könnte, dann musste er sich ermahnen, dass er nicht der richtige Mann für so etwas war.

Eine Hand legte sich auf seinen Arm, und er zuckte erschrocken zusammen. „Worüber denkt Ihr so konzentriert nach?“

Er sah sie an. „Habt Ihr genug zu essen bekommen?“

Sie lachte. „Mehr als genug, danke. Die beiden haben mich umsorgt, als stünde mein letztes Stündlein bevor.“

„Sie wollten bloß nett sein.“

Sie ließ ihre Hand von seinem Arm gleiten. „Das weiß ich. Ich habe mich auch gar nicht beschwert.“

Elrik schloss für einen Moment die Augen, denn es fühlte sich wie ein Verlust an, dass sie ihn nicht mehr berührte. Dann strich er mit einer Fingerspitze über ihre Wange. „Verzeiht. Ich weiß, dass Ihr Euch nicht beschweren wolltet.“

Sie verschränkte fest ihre Finger ineinander und senkte den Blick. „Wir sollten uns wieder auf den Weg machen.“

„Gleich.“ Er ergriff ihre gefalteten Hände und zog sie mit sich. „Kommt, setzt Euch einen Moment mit mir hin.“

Sie nickte, und er wies auf einen umgefallenen Stamm unter einem Baum. „Hier könnt Ihr Euch anlehnen.“

Sie setzte sich, und er ließ sich neben ihr auf dem Boden nieder, nahm seinen Helm vom Kopf und zog die Haube seines Kettenhemds herab. Eine sanfte Brise wehte über sein klammes Haar, und er seufzte erleichtert auf.

Samuel und Fulke sahen zu ihnen herüber und packten die Überbleibsel ihres Mahls wieder ein. Dann bezogen sie Stellung an jeder Seite der Lichtung.

Avelyn deutete mit dem Kinn auf sie. „Rechnen sie mit Gefahr?“

Elrik schüttelte den Kopf. „Nein, aber so wissen wir wenigstens rechtzeitig, wenn welche droht.“

„Ah, sie sorgen also für Eure Sicherheit, wenn Ihr selbst es nicht könnt.“

„Das ist ihre Aufgabe, ja.“

„Aber sind sie nicht mehr als nur Eure Wachen?“

„Natürlich, aber sie kennen ihre Pflichten. Auch ohne dass ich es ihnen sagen muss.“

„Aha.“ Ihre Stimme klang, als würde sie ihn verurteilen.

„Habt Ihr ein Problem damit?“

„Nein. Es ist nur … es kommt mir so … ich weiß nicht.“

„Nun sagt schon, was Ihr denkt. Sonst hättet Ihr gar nicht erst angefangen.“

„Wenn Ihr Euch die Zeit nehmt, um Euch auszuruhen, denkt Ihr nicht, dass sie es genauso bräuchten?“

Samuel drehte sich zu ihnen um. „Lord Elrik hat den Großteil der Nacht über das Lager bewacht, während wir geschlafen haben, Mylady. Wir haben nichts dagegen, wenn er sich jetzt ausruht.“

Avelyn seufzte schwer. „Oje, jetzt habe ich mich zum Narren gemacht, nicht wahr?“

„Ganz und gar nicht.“ Elrik stieß mit seiner Schulter gegen ihr Bein. „Wenn Ihr nicht gefragt hättet, dann hättet Ihr es nicht erfahren.“

„Bei meinem Vater würde das nicht passieren.“

„Was? Dass Ihr auf einem Baumstamm sitzt?“

Diesmal stieß sie ihn mit dem Bein leicht an. „Er behandelt seine Männer nicht so wie Ihr.“

„Sie sind aber wahrscheinlich auch nicht seine Kindheitsfreunde. Er ist am Hof von König Henry aufgewachsen und ich auf Roul Isle, weit weg von allen höfischen Dingen.“

„Wie seid Ihr dann zu einem königlichen Wolf geworden?“

Elrik hielt inne. Wie konnte er ihr die Geschichte erzählen, ohne zu viel über die Rolle ihres Vaters darin zu verraten? Er wollte sie ja nicht vor den Kopf stoßen.

Am besten, er sagte gar nichts. Ihre Wege würden sich ohnehin bald trennen, daher brauchte sie es auch nicht zu erfahren. Er würde sich so kurz wie möglich fassen.

„Mein Vater und ein paar andere Männer waren nicht sehr glücklich mit den neuen Gesetzen und den Lords, die plötzlich in ihren Territorien die Macht hatten. Sie dachten, sie könnten sich dem König widersetzen, ohne für ihren Verrat bestraft zu werden. Deswegen bezahlen meine Brüder und ich die Schuld für ihr Vergehen.“

„Was ist mit Eurem Vater passiert? Hat der König ihn töten lassen?“

„Nein.“ Elrik zuckte mit den Schultern. „Gregor und ich waren alt genug, um uns an seiner Stelle anzubieten. Unser Vater wurde nach Roul Isle verbannt, wo er auch gestorben ist. In seinem eigenen Bett.“

„Während Ihr und Eure Brüder bis an Euer Lebensende dem König dienen müsst.“

„Ja. Es sei denn, er entlässt uns aus unserem Dienst.“

„Aber das ist doch kein Leben! Das ist schrecklich.“

Er sah sie von der Seite an. „Warum?“

„Nun, weil Ihr kein eigenes Leben habt, sondern ständig für jemand anderen verfügbar sein müsst.“

„Müssen wir das nicht alle? Jeder Mann hat seinem Lehnsherrn zu gehorchen. Genau wie jede Frau ihrem Vormund gehorchen muss, egal ob Gemahl, Vater oder Beschützer. Meine Situation unterscheidet sich nicht so sehr davon.“

„Aber Ihr werdet gezwungen, Dinge zu tun, die den Leuten Angst machen.“

„Habt Ihr Angst vor mir?“ Er legte ihr sanft eine Hand aufs Knie. „Ich merke nicht, dass Ihr erzittert, wenn ich Euch berühre. Und Ihr schreckt auch nicht vor mir zurück.“

Sie lachte. „Das ist ja auch etwas anderes.“

„Warum?“

„Weil Ihr mir keinen Grund gegeben habt, mich vor Euch zu fürchten.“

„Ich habe nur sehr wenigen Menschen einen Grund gegeben, mich zu fürchten. Aber sie haben trotzdem Angst.“

Sie legte die Stirn in Falten. „Dann stimmen die Geschichten über den Wolf von König David etwa?“

Er ignorierte das amüsierte Schnauben von Samuel und Fulke. „Welche denn?“

Avelyn nickte mit dem Kopf in ihre Richtung. „Oder sollte ich eher fragen, ob überhaupt etwas Wahres daran ist?“

„Nein.“

„Warum tut Ihr dann nichts dagegen, dass man sich solche Schreckgeschichten erzählt?“

„Warum sollte ich? Ich habe sie sogar selbst bis ins Unglaubliche geschürt.“

„Aber warum?“

„Weil man sich durch Gerüchte die Leute vom Leib hält. Und niemand Erklärungen von mir verlangt. Und weil wir durch meinen furchterregenden Ruf alle ein wenig sicherer leben können.“

„Sicherer leben?“

„Würdet Ihr leichtsinnig jemanden angreifen, den Ihr für grausam, herzlos und unbarmherzig haltet?“

„Ja, das ergibt tatsächlich einen Sinn.“

„Seht Ihr. Aber behaltet dieses Wissen bitte für Euch.“

Sie spielte behutsam an einer Haarlocke in seinem Nacken. „Ich könnte neidisch werden.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. Als spräche sie zu sich selbst.

Elrik schloss kurz die Augen, und ein leichter Schauer erfasste ihn. „Warum?“, fragte er leise.

Sie wand sich die Strähne um den Finger und ließ sie dann seufzend los. „Euer Haar ist so schön lockig.“

Wieder lief ihm ein Schauer über den Rücken, als sie ihm mit den Fingerspitzen über den Hals strich. Das unterdrückte Lachen von Fulke und Samuel rief ihm in Erinnerung, dass sie nicht allein waren.

Schnell ergriff er ihre Hand. „Lady Avelyn, wir sollten uns wieder auf den Weg machen.“

Eigentlich hatte er etwas anderes sagen wollen. Er war hin und her gerissen. Sollte er ihr sagen, dass sie aufhören sollte, ihn auf diese erschreckend angenehme Weise zu berühren? Oder sollte er sie bitten weiterzumachen? Aber da seine Männer in der Nähe waren, war es wohl das Sicherste, ihre Nähe zu meiden. Und das ging am besten, wenn sie wieder unterwegs waren.

Glücklicherweise widersprach sie seiner Anordnung nicht, sondern wartete still, bis er so weit war, dass er ihr aufs Pferd helfen konnte.

„Verzeiht bitte, falls ich etwas Unziemliches gesagt oder getan habe.“

„Habt Ihr nicht.“

Sie riss ihre Hand los, als sie im Sattel saß, und er schämte sich, dass er so einen unwirschen Ton angeschlagen hatte. Eine ihrer Hände ruhte auf dem Sattelknauf, und er legte seine darüber. Er lehnte sich zu ihr, bis sein Brustkorb ihr Bein streifte. „Lady Avelyn, ich täte nichts lieber, als den restlichen Tag in Eurer Gesellschaft zu verbringen.“ Er nickte seinen Männern zu, die ihre Pferde bereits eilig zurück auf die Straße lenkten. „Aber noch lieber wäre es mir, wenn wir dabei kein Publikum hätten.“

Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Dann zog sie ihre Mundwinkel nach oben und drehte sich lächelnd zu ihm um. Ihr Gesicht zeigte einen überraschten Ausdruck, als hätte sie erst jetzt verstanden, was er gesagt hatte.

Sie legte ihre andere Hand auf seine und drückte sie leicht. „Danke für Eure netten Worte.“

Elrik trat einen Schritt zurück, sodass sich ihre Hände lösten. Er hatte nicht nett sein wollen. Das hatte er mit seinen Worten nicht bezweckt. Nein, er wollte wirklich gerne mit ihr allein sein.

Und er konnte sich überhaupt nicht erklären, warum.

Normalerweise mied er Frauen unter allen Umständen. Sie machten das Leben nur komplizierter, als es ohnehin schon war, und das konnte er nicht gebrauchen.

Sich mit dieser Frau einzulassen, wäre nicht nur kompliziert, sondern eine unglaubliche Dummheit. Außerdem war sie ohnehin mit einem anderen verlobt, ob sie ihn nun wollte oder nicht.

Er sah sie an und kämpfte gegen den plötzlichen Drang an, sie an sich zu ziehen und zu küssen. Sein Verlangen nach ihr war stärker als sein Urteilsvermögen darüber, was richtig oder falsch war.

Er räusperte sich, um sich zu besinnen, was jedoch nicht so gut funktionierte. „Ich sage bloß die Wahrheit, Lady Avelyn. Aber es gibt da einen Ort, den wir erreichen müssen.“

Sie nickte, und das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht. „Ja. Wir müssen schnell zu König Davids Hof.“

Elrik ignorierte den Anflug von Wut und Traurigkeit in ihrer Stimme. Er konnte nichts an ihrem Schicksal ändern. Befehl war nun mal Befehl. Dennoch ärgerte ihn seine eigene Machtlosigkeit maßlos. Er musste tun, was König David ihm auftrug, ungeachtet dessen, was er selbst dachte. Und das machte ihn wahnsinnig.

„Wir sollten aufbrechen.“

Als sie abermals nickte, ging er zu seinem Pferd, stieg auf und bedeutete seinen Männern weiterzureiten.

5. KAPITEL

D ie Sonne war bereits untergegangen, als sie ihr Lager für die Nacht aufschlugen. Fulke versorgte die Pferde, während Samuel ein Feuer auf einer kleinen Lichtung entfachte.

Avelyn zögerte, als Elrik ihr die Hand reichte, um ihr vom Pferd zu helfen. Um nicht zu riskieren, dass sich die unangenehme Situation vom Mittag wiederholte, streckte sie zunächst in aller Ruhe ihre Beine aus, ehe sie seine Hilfe annahm.

Es lag nicht daran, dass sie es nicht mochte, wenn er sie berührte und in seine Arme schloss – im Gegenteil. Es gefiel ihr viel zu gut. Die letzten Stunden im Sattel hatte sie ausgiebig über die merkwürdigen Empfindungen nachgedacht, die Elriks Nähe in ihr auslöste.

Er schüchterte sie ein, und sie fühlte sich unsicher und nervös. Als drohte irgendeine Gefahr, die sie nicht einordnen konnte. Wenn er sich ihr näherte, war sie augenblicklich in Alarmbereitschaft.

Ihr Herz klopfte wie verrückt, und das Blut rauschte ihr laut in den Ohren.

Wenn er sie auch nur leicht mit den Fingern streifte, dann erschauerte sie und wollte sich am liebsten an ihn schmiegen wie eine Katze, damit er sie streichelte.

Sie konnte sein Aroma trotz der vielen Gerüche, die in der Waldluft lagen, immer ausmachen. Er duftete nach Leder und Schweiß, mit einem Hauch von Rosmarin und dem Öl von seinem Kettenhemd.

Angst hatte sie keine vor ihm. Und das unbehagliche Gefühl erschreckte sie auch nicht. Es fühlte sich eher wie Vorfreude auf etwas Unbekanntes an und nicht wie Angst.

Warum ausgerechnet er ihre Sinne so berührte, konnte sie sich jedoch nicht erklären. Elrik of Roul war nicht nur einer der Wölfe König Davids. Nein, er war auch der Mann, der sie ihrem verhassten Schicksal entgegenführte.

Eigentlich hätte alles in ihr fliehen wollen müssen. Aber stattdessen war sie ganz erpicht darauf, in seiner Nähe zu bleiben und zu ergründen, was diese prickelnde Vorfreude in ihr auslöste.

„Lady Avelyn?“

Seine Frage durchschnitt jäh ihre Gedanken, die wie verrückt in ihrem Kopf herumwirbelten.

„Verzeiht.“ Sie blinzelte ein paarmal, um den Kopf wieder freizubekommen, und sah ihn an. Dann legte sie ihm die Hände auf die Schultern, damit er ihr beim Absteigen behilflich sein konnte, und sagte: „Ich wollte Euch nicht unnötig warten lassen.“

Er lachte, und sein Atem fächelte warm über ihre Wange, während er sie zu Boden hob. „Jetzt bin ich dran, Euch zu fragen, worüber Ihr so angestrengt nachdenkt.“

Es stimmte, sie hatte ihn zuvor das Gleiche gefragt. Hatten seine Gedanken da etwa eine ähnliche Richtung eingeschlagen wie ihre?

Avelyn lachte leise über diesen absurden Gedanken. „Es war nichts Wichtiges“, antwortete sie schließlich.

Sie löste ihre Hände von seinen Schultern und strich den Rock ihres Kleides glatt. Dann trat sie einen Schritt zurück. „Wobei … ich habe unter anderem an eine Mahlzeit gedacht.“

Er reichte ihr einen Arm. „Dann sollten wir dafür sorgen, dass Ihr etwas zu essen bekommt.“

Avelyn legte eine Hand auf seinen Unterarm, damit er sie sicher über den unebenen Boden geleiten konnte.

„Aber dieses Mal muss ich darauf achten, dass meine Männer Euch nicht wieder überfüttern.“

Sie lächelte. Er erinnerte sich also daran, dass sie vorhin schon einmal fast die gleiche Unterhaltung geführt hatten, und aus irgendeinem Grund freute sie das. In dem Gespräch war es um nichts Wichtiges gegangen, im Gegenteil, aber er hatte sich gemerkt, was sie gesagt hatte.

Vor einem Baumstamm blieb Elrik kopfschüttelnd stehen. „Ich hoffe, ich kann Euch bald bessere Sitzgelegenheiten bieten als umgefallene Bäume.“

„Das würde mir auch gefallen.“ Sie setzte sich. „Aber fürs Erste tut es das hier auch.“ Sie deutete mit der Hand auf das Feuer. „Wenn es gleich noch schön warm wird, habe ich nichts zu bemängeln.“

„Stimmt. Fast so bequem und sicher wie in der Halle einer Burg.“ Ihm war anzuhören, dass er ihr nicht glaubte.

„Mylord, wirklich, es ist sehr bequem hier.“ Sie streckte ihre Beine aus und wackelte mit den Füßen. Dann deutete sie mit dem Kopf auf seine Männer. „Welche Frau würde sich in Gesellschaft eines königlichen Wolfs und seiner zwei treuesten Männer nicht sicher fühlen?“

„Ohne ein ganzes Bataillon bewaffneter Leibwachen sollte sich keine Frau auf der Straße sicher fühlen“, entgegnete er.

Sie wusste, was er damit meinte. Seitdem Krieg zwischen Königin Matilda und ihrem Vetter Stephen um die englische Krone herrschte, trieben jede Menge Diebe und Wegelagerer ihr Unwesen. Sie scherten sich weder um Gesetz noch um Moral.

Doch Avelyn war ihr ganzes Leben ohne den Schutz von Soldaten oder Burgmauern ausgekommen. „Ihr vergesst, dass ich nicht wie die Frauen am Hofe bin. Im meinem Dorf gab es keine Wachsoldaten, und Diebe waren Teil unseres Alltags. Wir mussten selbst auf unsere Sachen aufpassen.“

„Ihr hattet keinen Dorfvorsteher? Jemanden, der für Recht und Ordnung sorgte?“

„Doch. Aber ihn hat nur interessiert, dass die Dorfleute pünktlich zur Feldarbeit antraten. Wir waren so weit weg von der Burg, dass niemand darauf ein Auge hatte, was er tat.“

„Und wenn ein Verbrechen geschah?“

„So etwas wie ein Mord? Darum hat man sich im Dorf selbst gekümmert. Eine Verurteilung durch den Lord hätte viel zu lange gedauert. Eines Tages kam ein Fremder ins Dorf und tötete die Frau des Schmieds. Am nächsten Tag hing er tot am Baum. Danach hat es nie wieder einen Mord bei uns gegeben.“

„Ihr lebt aber nicht mehr im Dorf“, erinnerte er sie. „Und Ihr müsst Euch an Euer jetziges Leben gewöhnen.“

„Was für ein Leben? Als leibliche Tochter des Lords? Oder als König Óláfrs Urenkelin?“ Avelyn lachte auf. „Ich bin nur so lange verwandt mit einem König, wie ihm niemand die Krone vom Kopf reißt.“

„Deshalb seid Ihr auch so wichtig für ihn. Durch Eure Heirat bekommt er nämlich zusätzliche Männer, die ihn schützen.“

„Aber nicht viele. Und ich muss es dafür mit Bolk aushalten, während er selbst warm und gemütlich zu Hause sitzt. Das erscheint mir wenig gerecht.“

„Um Gerechtigkeit geht es leider nicht.“

„O ja, fast hätte ich vergessen, dass ich nur ein Stück Besitz bin, mit dem meine Familie verfahren kann, wie sie möchte.“ Sie zog die Beine an und legte ihre Unterarme auf ihre Knie. Dann beugte sie sich vor und fragte: „Aber wo war meine Familie in all den Wintern, als wir Nacht für Nacht gegen das Erfrieren kämpften? Wo war sie, als mein Magen vor Hunger so schmerzte, dass ich fast verrückt geworden wäre? Meiner Meinung nach schulde ich ihnen nichts. Schon gar nicht meine Zukunft.“

„So ist aber leider das Leben, Lady Avelyn. Es macht keinen Unterschied, ob Ihr damit einverstanden seid oder nicht.“

„Also gebt Ihr mir recht?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich werde mich nicht in eine Diskussion über Gerechtigkeit verwickeln lassen. Eure Zukunft liegt nicht in meinen Händen.“

„Mylord, ich brauche Euch in keine Diskussion zu verwickeln. Ihr habt Eure Meinung klar ausgedrückt.“ Er würde sie zu ihrem Vater zurückbringen. Und zu Bolk. „Ich will nur wissen: Ist es wirklich so falsch, wie ich denke?“

„Macht mal Platz.“ Er bedeutete ihr, ein Stück zur Seite zu rücken, und setzte sich zu ihr auf den Baumstamm. „Es ist leichter für Euch, wenn Ihr Euch in das Unvermeidliche fügt, statt Euch unnötigen Hoffnungen hinzugeben.“

„Ich kann Bolk aber nicht als meinen Ehemann akzeptieren. Wenn ich das Eigentum eines Königs und seines Enkels bin, dann steht mir jawohl jemand von höherem Rang zu als dieser alte Greis. Und jemand, der jünger ist.“

„Diese Fragen könnt Ihr alle mit König David besprechen. Aber viele Frauen heiraten jemanden, der deutlich älter ist als sie. Warum nicht auch Ihr?“

Hatte er den Verstand verloren? Das konnte er doch nicht wirklich so meinen. „Liegt das nicht auf der Hand?“

„Dem König ist es aber egal, ob Ihr Euren Gatten begehrenswert findet oder nicht.“

Sie fühlte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Ihr war gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie einen Mann begehren könnte. Sie hatte eher gemeint, dass sie mit einem Greis wie Bolk nichts gemeinsam hatte. Vor allem, da sie selbst die Tochter einer Dienstmagd war, die von seiner Welt keine Ahnung hatte. Sie blieb jedoch still.

„Bei dieser Ehe geht es nicht darum, dass Ihr zufrieden mit dem Mann seid, der für Euch ausgewählt wurde“, fuhr Elrik fort. „Es geht nur darum, ob er Reichtum oder Macht bringt, sonst nichts.“

„Reichtum oder Macht? Aber Bolk hat gar nichts von beidem. Er kam nur mit ein paar dürftig bewaffneten Soldaten in der Burg meines Vaters an. Und mit einer Truhe voll Gold, die kaum so groß wie meine Hand war.“

„Das mag sein. Aber er besitzt etwas, das Eure Familie haben will. Und das bekommen sie nur, wenn sie Euch dafür eintauschen.“

„Und meine Sicherheit und mein Glück spielen keine Rolle dabei?“

„Nein.“

Avelyn wusste, dass es niemanden interessierte, ob ihr ihr Gemahl zusagte oder nicht. Aber es gab etwas, das sie noch nicht erwähnt hatte. „Je mehr Soldaten der König hat, desto mehr Macht und Vermögen hat er auch, nicht wahr?“

Elrik nickte. „Ja.“

„Dann sollte es doch eine Rolle spielen, ob mein Gatte in der Lage ist, Kinder, und damit Untertanen für den König, zu zeugen, oder nicht?“

Elrik sah sie mit hochgezogenen Brauen an. „Wieso seid Ihr so sicher, dass Bolk nicht mehr dazu in der Lage ist? Das Alter eines Mannes ist bei der Zeugung von Kindern nicht von Bedeutung.“

Das hatte sie nicht gewusst. Verdammt! Bei dem Gedanken daran, dass sie das Bett mit diesem Mann teilen sollte, drehte sich ihr der Magen um. Sie runzelte die Stirn und suchte verzweifelt nach etwas, das sie ihm entgegnen konnte. „Wie alt ist sein jüngstes Kind?“, fragte sie schließlich.

Elrik lächelte. „Siebenundzwanzig, glaube ich.“

„Und wann ist seine letzte Ehefrau gestorben?“

„Vor weniger als einem Jahr.“

„Wie alt war sie da?“

„Etwas über dreißig, schätze ich.“

„Wenn ich mich recht erinnere, war sie sechzehn bei der Heirat mit Bolk. Und sie hat ihm in all den Jahren kein Kind geboren.“

„Möglicherweise war sie unfruchtbar.“

Wieder runzelte Avelyn die Stirn. „Jetzt macht Ihr es aber sehr kompliziert.“

„Das war meine Absicht. Denn auch König David wird es Euch in dieser Angelegenheit nicht leicht machen, glaubt mir.“

Sie wandte sich um und sah ihn direkt an. „Hat Bolk denn andere Frauen gehabt?“

Elrik lachte. „Einige. Und nicht alle freiwillig.“

Avelyn war schockiert. Ihre Familie hatte wirklich nichts dagegen, sie mit einem solchen Scheusal zu verheiraten? „Hat eine von ihnen ein Kind von ihm bekommen?“

„Nein.“

„Es wäre ein großer Zufall, wenn seine Gespielinnen ebenfalls alle unfruchtbar waren.“

„Aber es wäre möglich.“

Sie kniff die Augen fest zusammen. „Ein ziemlich großer Zufall.“

Er zuckte mit den Schultern. „Eure Argumentation ergibt einen Sinn, das gebe ich zu. Aber ich glaube nicht, dass es ausreicht, um den König auf Eure Seite zu ziehen.“

Avelyn seufzte. „Etwas Besseres fällt mir aber nicht ein.“

Elrik deutete mit dem Kopf in Richtung des Feuers, über dem ein Topf hing. „Vielleicht hilft es, wenn Ihr einen Bissen zu Euch nehmt.“

Als Antwort knurrte ihr Magen laut auf, und er erhob sich lachend. Dann zog er sie auf die Füße. „Kommt schon, hoch mit Euch.“

Elrik unterdrückte ein Gähnen, als er sich auf dem behelfsmäßigen Lager neben dem flackernden Feuer ausstreckte. Es war ein langer Tag gewesen, und jetzt, da sein Magen gefüllt war, wollte er nur noch schlafen. Samuel und Fulke würden zuerst Wache halten, und er würde sie später ablösen.

Die junge Dame auf dem Feldlager neben ihm hingegen hatte die Augen weit offen und starrte in den nächtlichen Himmel. Immer wieder warf sie ihm verstohlene Seitenblicke zu. Anscheinend war sie kein bisschen müde von der langen Reise. Im Gegensatz zu ihm. Er wollte so schnell wie möglich schlafen, damit sie morgen früh aufbrechen konnten. „Was ist? Könnt Ihr nicht schlafen?“, fragte er.

Seufzend legte sie sich auf die Seite und sah ihn direkt an. „Was wollen Männer noch, abgesehen von Macht und Reichtum, was ich beides nicht habe?“

„Schlaf.“ Er bereute seine Antwort sofort. „Verzeiht. Ich wollte nicht so barsch sein.“

Als sie sich wegdrehen wollte, ergriff er ihre Hand und umfasste ihr Handgelenk, um sie festzuhalten. „Ehrlichkeit, nette Worte, eine warme, weiche Brust, um unseren Kopf darauf zu betten, ein Ohr zum Zuhören, ein gemütliches Zuhause.“

„Also im Prinzip wollen sie eine Dienerin, die jedes ihrer Bedürfnisse erfüllt, ihr Bett teilt und sich nicht beschwert, richtig?“

Er blinzelte. „Ist es das, was Ihr verstanden habt?“

„Zwischen den Zeilen, ja. Kümmern sich Eure Dienstmägde nicht darum, dass Euer Bett gemacht ist und Ihr eine warme Kammer habt? Hören sie Euch nicht zu, ohne zu widersprechen? Sorgen sie nicht dafür, dass auf Eurer Burg alles reibungslos verläuft?“

„Ja. Aber eine Ehefrau würde es noch besser machen.“

„Aha, und wie?“

Er hätte dieses Gespräch gar nicht erst anfangen sollen. „Gab es nichts, was Eure Mutter für Euch gemacht hat, dass niemand sonst so gut konnte wie sie?“

Sie furchte die Stirn und überlegte einen Moment. „Ja. Wenn sie mich ins Bett gebracht hat, dann hat sie mir immer etwas vorgesungen, über das Haar gestrichen und mir einen Kuss auf die Stirn gegeben. Als sie krank wurde, hat Mistress Berta mich abends nur mit einer ungeduldigen Handbewegung zu Bett geschickt.“

Der Vergleich war zwar etwas drastisch, aber es entsprach trotzdem dem, was er hatte sagen wollen. „Genau, und mit einer Ehefrau und einer Dienerin ist es dasselbe.“

„Was meint Ihr?“

Elrik befürchtete, dass sie eine genauere Erklärung haben wollte. Schließlich hatte er nicht besonders viel Erfahrung mit solchen Dingen, denn seine Frau hatte sich nie besonders um seine Bedürfnisse geschert. Er hatte eigentlich nur ausgesprochen, was er sich von seiner Gattin wünschen würde, wenn er noch einmal verheiratet wäre.

„Eine Dienstmagd erledigt bloß ihre Arbeit. Während eine Ehefrau bei der gleichen Arbeit ein anderes Interesse verfolgt. Für gewöhnlich will sie ihren Mann und ihre Kinder damit glücklich machen.“

„Für gewöhnlich?“

Da er keine Lust hatte, mit ihr über seine frühere Frau zu sprechen, zuckte er nur mit den Schultern.

„Ich verstehe, was Ihr sagen wollt. Ich sehe nur nicht, wie es mir dabei helfen soll, König David zu überzeugen.“

„Ich habe nur Eure Frage beantwortet. Und ich habe keine Ahnung, was Euch diese Informationen bringen. Ich weiß nur, dass König David eine Schwäche für Frauen hat. Er schätzt seine Mutter sehr und spricht nach fast fünfzehn Jahren immer noch in den höchsten Tönen von seiner verstorbenen Gemahlin.“

Avelyn runzelte die Stirn. „Nun ja, dann habe ich etwas, worüber ich die nächsten ein bis zwei Tage nachdenken kann.“

Elrik räusperte sich. „Da wir heute so gut vorangekommen sind, sollten wir Carlisle morgen vor Sonnenuntergang erreichen.“

„Was?“, rief sie mit hoher Stimme und schoss kerzengerade in die Luft.

„Ist das ein Problem? Ich dachte, Ihr wäret vielleicht erleichtert, wenn die Sache endlich erledigt ist.“

Sie warf die Decke von sich und zog hektisch an ihrem Rock. „So soll ich dort aufkreuzen? Als käme ich direkt von der Feldarbeit?“

„Der König weiß, dass Ihr unterwegs wart. Er erwartet nicht, dass Ihr in höfischer Kleidung vor ihm erscheint.“

„Das könnte ich sowieso nicht, da ich gar nicht solche edlen Kleider besitze. Viel schlimmer ist, dass ich genauso dreckig bin und so schlimm rieche wie Ihr und Eure Männer. Meine Haare sehen aus wie ein Rattennest.“

„Wollt Ihr etwa sagen, dass wir stinken?“

Sie krauste die Nase und nickte. „Ganz fürchterlich.“

Gegen seinen Willen musste er lachen.

Sie verschränkte die Arme und sah ihn wütend an. „Es freut mich, dass Euch das so amüsiert.“

„Ich wusste nicht, dass Ihr so eitel seid, Lady Avelyn.“

„Um Eitelkeit geht es hier nicht. Sondern darum, dass ich um mein Schicksal betteln muss. Und das könnte etwas schwierig werden, wenn ich dabei von Kopf bis Fuß verdreckt bin.“

Damit hatte sie nicht ganz unrecht. „Wir können vor Carlisle in einem Dorf haltmachen und in einem Gasthaus ein Zimmer nehmen, damit Ihr Euch waschen könnt. Ich kann Euch Seife und einen Kamm borgen. Und die Gastwirtin weiß sicherlich, wo wir saubere Kleidung für Euch finden.“

„Ich habe aber kein Geld.“

„Es wird nicht viel kosten, das kann ich für Euch übernehmen.“

„Aber ich kann es Euch nicht zurückzahlen.“

Er winkte beschwichtigend ab. „Das erwarte ich auch gar nicht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Da Ihr weder mit mir verwandt, verlobt noch verheiratet seid, würde es sich nicht ziemen.“

Nicht ziemen? Er hatte ihr ja nicht vorgeschlagen, etwas Unanständiges zu tun. „Ihr macht Euch zu viele Sorgen.“

„Im Gegenteil. Ich mache mir viel zu wenig Sorgen. Ich habe zwar keine Erfahrungen mit dem Leben am Hof, aber ich weiß, wie Gerüchte entstehen. Man würde Euch als meinen … Beschützer ansehen. Meinen Wohltäter. Und mich als Eure Geliebte.“ Sie seufzte tief, ehe sie weitersprach. „Und auch wenn ich Euch durchaus anziehend finde, so möchte ich nicht für Eure Geliebte gehalten werden. Denn das würde die Suche nach einem passenden Ehemann noch schwieriger gestalten. Wer will schon die abgelegte Geliebte eines anderen heiraten?“

„Euch einzukleiden und Euch abzulegen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.“

„Aber nicht in der Welt des Klatschs.“

„Lady Avelyn, ich bin mir sicher, dass Euer Gespräch mit dem König für mehr Tratsch sorgen wird als die Frage, wer Eure Kleider bezahlt hat. Es kommt nicht oft vor, dass die Urenkelin eines Königs vor ihrer Heirat davonläuft, um einen anderen König um Hilfe anzuflehen.“

„Seht Ihr? Das wird für jede Menge Spekulationen und noch mehr Gerede sorgen.“

Elrik runzelte die Stirn. Sie würde wohl erst einschlafen, wenn sie geklärt haben würden, wie sie ihm das Geld zurückzahlen konnte.

Da ihm nichts einfiel, zuckte er mit den Schultern. „Ich könnte Euch etwas abkaufen.“

„Aber was? Ich besitze nichts von Wert.“

„Schmuck oder ein Band, was weiß ich.“ Er sah, wie sie nachdenklich die Lippen schürzte. „Oder einen Kuss.“

Erst riss sie die Augen auf, beugte sich dann aber zu ihm vor. „Da ich keinen Schmuck und keine Bänder habe, muss ein Kuss wohl reichen.“

Er wich überrascht zurück. Hatte sie seinen unüberlegten Vorschlag tatsächlich ernst genommen? Sie machte sich Sorgen, dass man am Hof über sie tratschen würde, aber es machte ihr nichts aus, einen Mann zu küssen, den sie kaum kannte?

Sie senkte leicht den Kopf und blickte ihn durch ihre Wimpern hindurch an. „Ein Kuss ist alles, was ich habe. Und ich vertraue Euch, dass es alles ist, was Ihr von mir wollt.“

Ihr Atem streifte warm über seine Lippen, und er fragte sich, wie sie ihm so nahe gekommen war. Er hatte sich jedenfalls nicht bewegt. Oder doch? Er strich ihr langsam mit den Fingern durchs Haar und legte ihr sanft eine Hand an den Hinterkopf. „Ihr müsst das nicht tun.“

Sie rutschte noch ein Stück auf ihn zu und lehnte sich gegen ihn. „Doch. Ich muss.“

Ihre Stimme war heiser und atemlos, und Elrik stöhnte auf. Er würde heute wohl doch keinen Schlaf mehr finden. „Avelyn, das ist ein Fehler.“

„Habt Ihr Angst?“

In ihrer Stimme schwang ein neckender Unterton mit. Sie wollte ihn offenbar herausfordern. Er zog sie dichter an sich und fragte: „Wovor denn?“

„Vor einer Taube?“

„Einer wehrlosen kleinen Taube?“ Dabei fühlte er selbst sich gerade ziemlich wehrlos.

Sie umklammerte den Stoff seiner Tunika. „Mit Fangzähnen“, hauchte sie, ehe er seine Lippen auf ihre legte.

Er hatte vermutet, dass sie vor allem aus Neugier so forsch war. Daher überraschte es ihn auch nicht, dass sie erschrocken zusammenfuhr. Die plötzliche Drehung, die sein Magen vollführte, kam allerdings ziemlich unerwartet. Es war geradezu verstörend.

Noch verstörender war jedoch, dass sie bewegungslos verharrte. Von ihrem ersten Schreck schien sie sich schnell erholt zu haben. Er hatte sie eigentlich nur ganz unschuldig auf die Lippen küssen wollen, aber da sie keine Anstalten machte, die Verbindung ihrer Lippen aufzulösen, wusste er nicht, was er stattdessen tun sollte.

Sollte er den Kuss beenden? Und ihr das Gefühl geben, dass es ihm keinen Spaß machte? Oder sollte er den sicheren Pfad verlassen und sie rücksichtslos in etwas hineinziehen, das sie nicht wollte?

Wann war er überhaupt vom sicheren Pfad abgekommen?

Elrik hob den Kopf leicht an. Ihre Münder waren sich so nahe, dass sie kaum atmen konnten. „Und? War es das, was Ihr erwartet hattet?“, fragte er leise.

In dem Augenblick, als sie den Mund öffnete, um zu antworten, packte er sie fester. Dann küsste er sie wieder und ließ seine Zunge sanft und fordernd zugleich über ihre gleiten.

6. KAPITEL

A velyn zuckte zusammen, als Elriks Zunge rau über ihre glitt. Sie war dankbar, dass er sie so festhielt, denn sie wäre sonst wahrscheinlich kraftlos auf die Decke gesunken.

Noch dankbarer war sie aber, dass er ihren Kuss in etwas verwandelt hatte, das sie für die vorherige Enttäuschung entschädigte.

Die erste Berührung ihrer Lippen war nicht annähernd so gewesen, wie sie sich den Kuss eines Mannes immer vorgestellt hatte. Die Küchenmägde in der Burg ihres Vaters hatten immer ganz aufgeregt darüber gesprochen, und sie hatte ihnen gelauscht und sich ausgemalt, wie es wohl sein würde. Und eben gerade hatte sie schon befürchtet, dass ihre Erwartungen zu groß gewesen waren.

Aber das hier … war viel besser als alles, was sie sich jemals ausgemalt hatte. Es war nicht einfach nur ein Kuss. Nein, er forderte sie ganz sanft heraus und brachte sie mit den Bewegungen seiner Zunge dazu, seine Zärtlichkeiten zu erwidern. Was sie auch begierig tat. Sie konnte sich nicht bremsen, selbst, wenn sie es gewollt hätte.

Sie hatte das Gefühl, als nähme er sie vollständig in Besitz. Ihr war, als würde sie vor Verlangen verglühen, und sie erschauerte in seinen Armen, während er sie weiter und weiter küsste. Sie war vielleicht eine Jungfrau, aber sie wusste, wonach sich ihr Körper sehnte. Und sie musste sich beherrschen, um ihn nicht anzuflehen, dass er es ihr auf der Stelle gab.

Plötzlich durchschnitt das Knacken eines Zweiges die nächtliche Stille im Wald. Avelyn fühlte sich noch immer wie benebelt. Doch Elrik hatte sich sofort geistesgegenwärtig auf sie geworfen und zu Boden gedrückt. Dann hörte sie, wie ein Bogen gespannt wurde und ein Pfeil durch die Luft zischte. Nur wenige Fingerbreit über ihnen sauste er durch die Luft und blieb in dem Baum direkt hinter ihnen stecken.

„Los! Findet ihn!“, rief Elrik seinen Männern zu, die sich sofort in den dunklen Wald schlugen.

„Nicht schon wieder.“ Avelyn stöhnte. Sie hatte wirklich genug davon, vor irgendwelchen Leuten zu fliehen, die sie töten wollten.

„Was meint Ihr damit?“ Elrik stemmte sich hoch und stand auf. „Ist das schon einmal vorgekommen?“

Der flackernde Schein des Feuers erhellte sein Gesicht. Sein unwirscher Tonfall war bereits Anzeichen genug für seine Wut. Aber noch schlimmer war, wie er die Augen zusammenkniff und sie anfunkelte.

Sie blickte zur Seite. „Ja.“

„Wann?“

„Ein paar Tage nachdem ich weggelaufen bin.“

Elrik stieß knurrend ein paar Flüche aus, und Avelyn zuckte zusammen. „Und Ihr habt es nicht für wichtig genug gehalten, um es zu erwähnen?“

Autor

Denise Lynn

Als große Verfechterin ihrer Träume und dem Glauben an ein Happy End, lebt Lynn Denise mit ihrem Ehemann und einem Streichelzoo, bestehend aus einem Hund und sechs Katzen im Nordwesten Ohios. Denise las Bücher bevor sie Fahrrad fahren konnte. Sie lernte deswegen sehr früh, wenn ein Buch nicht leicht...

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Foto: © David Garfield

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