Zeit der Besinnung - Zeit der Sehnsucht

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Sechs Jahre dachte Collin nur an Rose, seine große Liebe. Nun ist er zu den Festtagen aus dem Krieg zurückgekehrt. Roses Augen leuchten vor Glück, als sie ihn ansieht … aber plötzlich weist sie ihn kühl zurück. Collin ist verzweifelt: Wird es für ihn nun kein Fest der Liebe geben?
  • Erscheinungstag 05.12.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733745226
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

London, Dezember 1815

Collin war froh, nach so vielen Jahren endlich wieder in London zu sein. Trotz Kälte und Nebel und ständiger Nässe war es England, Heimatboden, und somit Portugal, Spanien und Frankreich weit vorzuziehen – den Ländern, in denen er die letzten sechs Jahre Weihnachten verbracht hatte. In seiner Kompanie waren alle bemüht gewesen, das Fest so fröhlich zu feiern, wie in Kriegszeiten überhaupt möglich, und er hatte an diesem Tag stets besondere Dankbarkeit empfunden. Denn anders als viele seiner Freunde lebte er noch, und selbst inmitten des drückenden Elends hatten seine Männer und er Weihnachtslieder gesungen und sich einen Becher Wein gegönnt und die Kameradschaft untereinander genossen, die nicht wenig zur Festtagsfreude beitrug.

Ja, er hatte Grund gehabt, froh zu sein … doch selbst während jener kurzen Momente der Freude hatte er stets davon geträumt, nach England zurückzukehren und Rose zu finden, um mit ihr nicht nur den Weihnachtstag, sondern sein ganzes weiteres Leben zu verbringen.

Hier draußen auf der Straße waren kaum noch Fußgänger anzutreffen, nur ein paar Chaisen rollten langsam durch den dichten, kalten Nebel. Wenn deren Kutscher Collin unter der Laterne stehen sahen, wunderten sie sich sicherlich, warum ein anscheinend vernünftiger Mann sich bei solch grässlichem Wetter im Freien aufhielt, besonders, da es in unmittelbarer Nähe einen warmen, gemütlichen Gasthof gab. Das „Lamb and Wig“ hatte in diesem Teil Londons einen hervorragenden Ruf für seine gute Küche und sein süffiges Ale. Die Zimmer galten selbst bei vornehmen Reisenden als komfortabel, und der Kaffeesalon war ein beliebter Treffpunkt für die Anwälte, deren Kanzleien in Holborn lagen.

In dem sauberen, heiteren, angenehmen Gasthaus war man gut aufgehoben, wie Collin aus erster Hand wusste. Vor mehr als sechs Jahren hatte er hier die glücklichsten Wochen seines Lebens verbracht. Die Erinnerung an diese Zeit und an Rose hatte ihn während des Krieges aufrechtgehalten und ihn an diesen Ort zurückgebracht. So stand er nun draußen auf der Straße im Nebel und starrte auf das Gebäude auf der anderen Straßenseite.

Er würde Rose finden, anders war es gar nicht denkbar. Vor sechs Jahren hatte er ihr versprochen, zu ihr zurückzukehren, und dieses Versprechen würde er halten – ungeachtet ihres Briefs, in dem sie ihn von seinen Schwüren entbunden hatte. Immer noch erinnerte er sich des tiefen Schmerzes, mit dem er die kurze, kühle Mitteilung gelesen hatte, die sich so sehr von ihren früheren herzlichen, liebevollen Briefen unterschied.

Ohne nähere Gründe zu nennen, hatte sie nur geschrieben, dass er sie besser vergessen solle mitsamt der Tatsache, dass sie sich einander versprochen hatten. Falls er die Absicht hege, sie im „Lamb and Wig“ zu suchen – sie werde es verlassen und für immer fortgehen. Sie wünsche nur eins: dass er jeden Gedanken an sie verbannen und mit einer anderen glücklich werden solle. Der Brief endete mit der kurzen Entschuldigung „Es tut mir leid“ und dem Zusatz: „Ich bete dafür, dass du den Krieg heil überstehst und gesund zu deiner Familie in Northamptonshire zurückkehrst.“

Zuerst war er wie gelähmt gewesen, dann zornig, und als er das Schreiben ein zweites Mal gelesen hatte, zutiefst verzweifelt. Er konnte Rose nicht vergessen, das war unmöglich. Er erinnerte sich lebhaft an den Tag, da er sich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte …

Sie bediente eine Gesellschaft von Rechtsgelehrten im Kaffeesalon des „Lamb and Wig“ und wehrte gutmütig lachend deren Versuche ab, mit ihr zu tändeln. Collin konnte es den Gentlemen nicht verübeln, denn sie war das hübscheste Mädchen, das er je zu Gesicht bekommen hatte. Lange schwarze Locken umrahmten ein süßes Antlitz mit cremeweißem Teint, frischen, rosigen Wangen und funkelnden Augen, die blauer waren als die schönsten Saphire.

Die Herren wagten nicht mehr als ein paar harmlose Neckereien, denn Rose war die Tochter des Wirts, und trotz ihrer siebzehn Jahre schaffte sie es mühelos, Männer, die sich unziemlich benahmen oder zu dreist wurden, auf Abstand zu halten. Selbst Collin wies sie kühl in die Schranken, als er das erste Mal versuchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Eine ganze Woche lang musste er sich hartnäckig bemühen, ehe sie nachgab – danach aber verbrachten sie so viel Zeit miteinander wie nur irgend möglich.

Collin war von seinem Vater nach London geschickt worden, um noch einen Monat die Zerstreuungen der Hauptstadt genießen zu können, ehe er mit seinem Regiment nach Portugal eingeschifft wurde. Als strenger, auf Anstand bedachter Vater hatte Sir John Mattison darauf bestanden, dass sein Sohn in einem respektablen Haus unterkam, und ihn daher im „Lamb and Wig“ eingemietet.

Natürlich hatte Collin protestiert; er wollte in einem interessanteren Teil der Stadt wohnen, wo er andere umtriebige junge Gentlemen treffen konnte, die ihn in all die Vergnügungen einführten, denen die jungen Stutzer in London frönten. Doch als er Rose kennenlernte, war er seinem klugen, erfahrenen Vater dankbar.

Mit Carl, Roses älterem Bruder, als Anstandshüter unternahmen sie so viel miteinander, wie es die drei verbleibenden Wochen nur gestatteten, besuchten Vauxhall, den Tower, Madame Tussaud’s und jedes nur denkbare Museum. Sie picknickten an der Themse und schlenderten gemeinsam mit dem ton durch den Hyde Park.

Jeder einzelne Augenblick war in Collins Gedächtnis lebhaft gegenwärtig, besonders aber die intimen, heimlich gestohlenen Augenblicke im Gasthof, wenn er seine Rose küsste und sie sich aneinanderschmiegten. Natürlich verzehrten sie sich nach mehr, doch Collin ließ nicht zu, dass er oder Rose den Kopf verloren. Seine Liebste war ihm zu teuer, als dass er sie so geringschätzig behandeln wollte. Außerdem bezweifelte er, dass Roses Vater seine einzige Tochter jemandem zur Ehe geben würde, der sich derartige Freiheiten herausnahm.

Doch versprochen hatten sie sich einander. Er schwor, sie zu heiraten, sobald er aus dem Krieg zurückkam, und sie gelobte, auf ihn zu warten. Sie würden sich treulich schreiben, und er erlegte ihr nur eines auf: dass sie ihn, falls ihm etwas zustieße, vergessen und sich einen neuen Liebsten suchen solle. Er wollte nicht, dass sie einsam blieb und einem Dahingeschiedenen nachtrauerte, wo sie doch so viel mehr vom Leben verdiente.

Er hätte nie gedacht, dass der Abschied von ihr ihn derart mitnehmen könnte, und das gleiche Gefühl übermannte ihn, als er in Portugal ihren ersten Brief erhielt. Mit bebenden Fingern brach er das Siegel, entfaltete den knisternden Papierbogen mit ihrer kleinen, zierlichen Schrift darauf. Ebenso aufgeregt und erwartungsvoll nahm er die folgenden Briefe entgegen. Seine Männer machten sich lustig über seine Treue zu seiner so fernen englischen Liebsten, denn Collin hielt unerschütterlich Abstand zu den Frauen, die sich willig den Soldaten anboten. Doch er wusste, im Stillen beneideten ihn seine Kameraden, besonders wenn wieder ein Schreiben von Rose eintraf.

Die vielen Briefe mussten sie ein kleines Vermögen kosten, und vermutlich erreichten ihn nicht einmal alle, da seine Division kreuz und quer in Spanien umherzog. Zum Glück hatte sein Vater ihm ein Leutnantspatent gekauft, sonst hätte er vielleicht gar nicht mit Post aus der Heimat rechnen können. Auch schadete es ihm nicht, dass er überraschend schnell zum Captain befördert wurde, und Roses glühende Glückwünsche machten ihn besonders stolz.

Der Brief mit den Gratulationen, erinnerte er sich, war einer der letzten, in denen noch Sätze voller Liebe und Sehnsucht standen. Er hatte ihn aufbewahrt mit all den anderen und als seinen kostbarsten Besitz mit zurück nach Hause gebracht. Ausgenommen ihre letzten Nachricht, die er, in einem Anfall trunkener Verzweiflung, ins Feuer geworfen hatte.

Erst Wochen später kam Collin nach und nach zu dem Schluss, dass hinter Roses knappem Abschied mehr stecken musste als nur plötzlich erkaltete Liebe. Sie hatte geschrieben, dass sie aus dem „Lamb and Wig“ fortgehe, und zu einen solchen Schritt wäre sie nur bereit gewesen, wenn sie einen neuen Liebsten gefunden oder man ihr keine andere Wahl gelassen hätte.

Dass sie ihr Herz einem anderen geschenkt haben könnte, nagte an ihm, doch wenn er ehrlich war, hielt er Rose für anständig genug, ihm das offen mitzuteilen. Stattdessen hatte sie ihn ohne jegliche Erklärung von seinem Versprechen entbunden, und das ließ keinen anderen Schluss zu als den, dass ihre Gründe recht peinlicher Natur sein mussten. Wenn Rose und ihre Familie sich gezwungen gesehen hatten, den Gasthof aufzugeben, galt es herauszufinden, wo sie sich hinbegeben hatten und ob Rose glücklich und gesund war. Jedenfalls würde er nicht eher ruhen, als bis er sie wiedersah und ihr sagen konnte, dass er sie immer noch liebte, und von ihr persönlich hörte, dass sie nicht mehr seine Gattin werden wollte.

Wieder ratterte eine Kutsche an ihm vorbei die nasse Straße entlang und verschwand im Nebel. Collin stellte den Kragen seines Wintermantels hoch und überquerte die Fahrbahn, ließ Nässe und Kälte hinter sich und betrat den Gasthof mit seiner vertrauten Wärme und Freundlichkeit, nach der er sich sechs lange Jahre gesehnt und von der er geträumt hatte.

Oft genug hatte er sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn er über die Schwelle trat, nach Rose rief und in ihren Augen Überraschung, Freude, Liebe aufleuchten sah. Hatte sich vorgestellt, wie sie ihm mit ausgebreiteten Armen entgegenlaufen würde, und er sie auffing und an sich drückte und ihr Gesicht mit Küssen bedeckte. Wie alle, die ihn von früher kannten – Roses Vater, ihr Bruder und die Bediensteten – ihn überschwänglich und voller Zuneigung begrüßten und das Bier fließen würde, während er von seinen Erlebnissen erzählte, ohne auch nur einmal den Blick von Roses liebreizenden Zügen abzuwenden oder ihre Hand loszulassen. Es hätte der glücklichste Abend seines Lebens sein sollen.

Nun entdeckte er nicht ein einziges vertrautes Gesicht, obwohl sonst alles wie früher war. Warm, freundlich, einladend, doch es fehlte das dröhnende Willkommen, das Roses Vater stets Neuankömmlingen entgegenschmetterte, oder Carls herzliches Lächeln, mit dem er die Gäste bediente – und es fehlte Rose.

Sie waren fort, und mit ihnen jene einzigartige Atmosphäre, die den Gasthof ausgemacht hatte. Doch Collin hatte während der letzten sechs Jahre nicht umsonst querköpfige Männer kommandiert. Irgendjemand hier würde ihm, und zwar noch vor Ende der Nacht, einen Hinweis geben können, wohin Rose und ihre Familie verschwunden waren.

Entschlossen zog er seinen klammen Mantel aus und hängte ihn an einen Wandhaken in der Nähe des Feuers. Stumm betete er um ein Weihnachtswunder, dann marschierte er resolut in die Gaststube, um herauszufinden, was er wissen musste.

2. KAPITEL

Wie stets in dieser Jahreszeit, plagten Lady Dilbeck heftige Schmerzen in den Händen, und nicht nur dort, sondern auch in den Schultern, den Knien und in den Ellenbogen ebenso. Für ihre betagten Gelenke war die kalte Witterung verheerend – Rose wusste das aus Erfahrung. Nicht umsonst hatte sie während mehrerer Winter ihren schmerzgeplagten Vater gepflegt. Doch zu ihrem Leidwesen zeigten die Mittel, die ihm geholfen hatten, bei Lady Dilbeck nicht die gewünschte Wirkung. Rose war am Ende mit ihrem Latein. Heißes Wachs, Kampfer, Minze und zerriebene Eukalyptusblätter, alles brachte nur kurzfristig Erleichterung. Im Grunde war Rose klar, dass für ihre Dienstherrin nur eine Wetteränderung Abhilfe schaffen konnte.

Für Lady Dilbeck war die Weihnachtszeit eine Qual, und das nicht nur wegen der Kälte. Vor fünfzehn Jahren hatte sie kurz nach dem Fest ihren Sohn verloren, ihr einziges Kind, und seitdem wurde auf Dilbeck Manor Weihnachten nicht mehr gefeiert. Die Zeit, die eigentlich die fröhlichste des Jahres sein sollte, war hier die düsterste, freudloseste. Und Lady Dilbeck, die selbst wenn es ihr gut ging eine anspruchsvolle Brotherrin war, konnte man im Dezember nur schwer ertragen. Sie war reizbar, fordernd, grantig und beklagte sich unaufhörlich. Nichts vermochte sie zufriedenzustellen.

„Ist Ihnen warm genug?“ Rose setzte eine dampfende Schüssel auf dem Tisch neben Lady Dilbeck ab. „Soll ich mehr Holz auflegen lassen?“

„Nein, nein, mir ist schon viel zu heiß. Wollen Sie, dass ich mich zu Tode schwitze?“ Angewidert begutachtete Lady Dilbeck den Inhalt der Schüssel. „Was haben Sie da wieder Nutzloses zusammengebraut?“

„Einen Umschlag aus Kampfer und Minze. Neulich half Ihnen der ein wenig“, entgegnete Rose gelassen.

„Er half überhaupt nicht“, knurrte Lady Dilbeck gereizt, ließ Rose die Paste jedoch widerstandslos auftragen. „Es riecht grässlich“, setzte sie ungnädig hinzu, während Rose ihre Hand mit sauberen weißen Leinenbinden umwickelte. „Übel kann einem werden davon.“

Rose lächelte nur und versorgte auch die andere Hand. „Beim letzten Mal fanden Sie, es röche zu angenehm, um helfen zu können. Vielleicht wirkt es so nun besser.“

Lady Dilbeck warf Rose einen scharfen Blick zu und sah dann rasch fort, murrte aber unverständlich vor sich, bis der Wickel fertig angelegt war.

„So!“ Sanft strich Rose über die Verbände, dann legte sie die unbenutzten Verbände in die Schüssel und erhob sich. „Ich werde nun gehen und Miss Carpenter schicken, damit sie Ihnen vorliest. Der Breiwickel muss mindestens eine halbe Stunde einwirken. Wenn ich ihn entfernt habe, bringe ich Ihnen den Tee. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mylady?“

Missmutig beäugte Lady Dilbeck ihre verbundenen Hände, die Rose behutsam auf das Kissen auf ihren Knien gebettet hatte.

„Schicken Sie Jacob herauf. Er soll das Feuer schüren.“ Ihre Ladyschaft schnaubte abfällig. „Es ist ja eisig hier.“

„Selbstverständlich.“ Rose atmete tief ein und nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Lady Dilbeck, könnte ich etwas mit Ihnen besprechen? Die Bediensteten baten mich, es Ihnen vorzutragen …“

„Nicht jetzt.“ Die alte Dame ließ den Kopf gegen die Sessellehne sinken und schloss die Augen. „Schicken Sie Jacob her, sofort. Manchmal denke ich, Sie wollen, dass ich hier drinnen erfriere.“

„Sehr wohl, Mylady.“ Rose knickste und ging hinaus. Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, blieb sie kurz stehen und seufzte enttäuscht auf.

Ein paar Minuten später betrat sie die Küche des Herrensitzes. Die gesamte Dienerschaft saß erwartungsvoll dort versammelt. Von Camhort, dem Butler, bis zu Janny, der Köchin, spiegelte sich in den Mienen aller eine Mischung aus Furcht und Hoffnung.

„Wie geht es ihr?“, fragte Jacob, der einzige Lakai und Hausdiener, gespannt. „Haben Sie mit ihr gesprochen?“

„Ich habe es versucht.“ Rose stellte die Schüssel ab und säuberte sich die Hände. „Ihre Ladyschaft möchte im Moment ihre Ruhe“, fügte sie entschuldigend hinzu. „Sie hat sehr große Schmerzen in den Händen.“

Janny schüttelte den Kopf. „Das ist um diese Jahreszeit immer so. Und wenn es nicht die Hände sind, dann tut ihr etwas anderes weh. Um sich ausgiebig über all ihre Wehwehchen zu beklagen, hat sie Kraft genug, aber zuhören mag sie nie.“

„Wenn sie uns nicht bald die Erlaubnis gibt“, sagte Emily, das Hausmädchen, „langt die Zeit nicht mehr für die Vorbereitungen, besonders nicht für den Pudding.“

„Es wird keinen Pudding geben.“ Ralf, der Stalljunge, stampfte enttäuscht mit einem Fuß auf. „Auch dieses Jahr nicht.“

Seine Mutter Hester, das zweite Hausmädchen, legte ihm den Arm um die schmalen Schultern. „Gib die Hoffnung nicht auf, Ralf. Miss Rose wird schon noch mit Ihrer Ladyschaft sprechen, nicht wahr, Miss? Wenn überhaupt jemand sie überreden kann, dann Sie.“

„Wir dürfen das Miss Rose nicht auferlegen“, mahnte Camhort mit verständnisvollem Blick zu Rose. „Sie würde Lady Dilbecks Missfallen erregen. Wir wissen doch alle, wie unangenehm Ihre Ladyschaft sein kann, wenn sie sich über jemanden ärgert.“

„Das macht mir nichts“, versicherte Rose lächelnd. „Es ist nur so schwierig, sie überhaupt zum Zuhören zu bringen. Und ich fürchte, egal wie behutsam ich die Sache vortrage, sie wird uns das Weihnachtsdinner versagen.“

„Ganz bestimmt“, murrte Janny nickend. „Es interessiert sie nicht, dass es nur für uns wäre und dass sie gar nicht dabei sein muss. Wie jedes Jahr wird sie uns das Fest ruinieren.“

Emily, die Hände fest an ihren weiß beschürzten Busen gedrückt, sagte aufgeregt: „Aber, Miss Rose, wenn Sie ihr sagen, dass es nur für uns hier im Dienstbotentrakt ist und dass wir ganz ruhig und leise sein werden, wird sie doch sicher einwilligen. Wir müssen ja nicht singen und Spiele spielen.“

Rose lächelte angesichts der hoffnungsvollen, jugendlichen Begeisterung des Mädchens. „Ich werde mir alle Mühe geben, sie zu überzeugen.“

„Wann denn?“ Das war Ralf, der jedoch sofort von seiner Mutter zum Schweigen gebracht wurde.

„Bald schon, eventuell heute Abend, wenn ich ihr ins Bett helfe. Dann hat sie ihr Glas Wein getrunken und ist vielleicht besserer Laune. Jetzt gibt es aber erst einmal genug zu tun. Also an die Arbeit. Und, Jacob …“, beeilte Rose sich hinzuzufügen, da alle schon auf dem Sprung waren, „Lady Dilbeck wünscht, dass das Feuer im Salon kräftig geschürt wird. Mach das bitte zuerst.“

Sie nickte dem Diener zu, dann begab sie sich in die Halle und eilte die Treppe hinauf in den dritten Stock. Dort klopfte sie an der Tür am Ende des Korridors und wartete, bis die Aufforderung einzutreten erklang.

Miss Nancy Carpenter war ein schmales, angespannt wirkendes junges Mädchen, das immer den Eindruck erweckte, als wolle es jeden Augenblick fluchtartig davonrennen. Sooft es nur ging, verkroch es sich in seine Kammer, wo es endlose Briefe schrieb, wie anscheinend auch jetzt, und kam nur zu den Mahlzeiten heraus oder wenn es nicht anders ging. Miss Carpenter lebte in ständigem Schrecken vor Lady Dilbeck, die ihre Tante war, und obwohl Rose ihr immer wieder zu erklären versuchte, wie sie mit der schwierigen alten Dame umgehen müsse, hatte das nichts bewirkt.

Miss Carpenter konnte durchaus hübsch genannt werden mit ihrem blonden, am Hinterkopf zu einem Knoten geschlungenen Haar und den großen blauen Augen, doch sie war entsetzlich dünn und blass. Vermutlich hätten ihr Spaziergänge und andere Aktivitäten an der frischen Luft gutgetan. Vor einem Jahr war sie auf Drängen ihrer Eltern, die ihr Lady Dilbecks Zuneigung sichern wollten, auf Dilbeck Manor eingetroffen, um ihrer reichen Verwandten als Gesellschafterin zu dienen.

Autor

Susan Spencer Paul
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