Verbotene Küsse vom Ex

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Bei seinem neuesten Deal begegnet CEO Henry Porter seiner Ex Amanda wieder. Sie ist nicht nur eine ebenbürtige Rivalin, sondern auch überaus sinnlich – wie er aus Erfahrung weiß. Doch davon darf er sich auf keinen Fall beeinflussen lassen!


  • Erscheinungstag 13.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542944
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Leseprobe

Maureen Child

Verbotene Küsse vom Ex

1. KAPITEL

Henry Porter lächelte.

„Sie ist da, Chef. Besonders glücklich sieht sie nicht aus.“

Die Info seiner Assistentin zauberte ein breites Grinsen auf Henrys Gesicht. „Das ist auch gut so, Donna. Ich bin nicht daran interessiert, die Familie Carey glücklich zu machen.“

„Dann haben Sie ja alles richtig gemacht“, raunte Donna ihm zu. „Sie hat keinen Termin. Soll ich sie jetzt trotzdem reinschicken?“

„Ja, aber erst in fünf Minuten.“ Er schaltete die Gegensprechanlage aus und erhob sich vom Chefsessel. Nachdenklich ging er zur Fensterfront und ließ den Blick über Los Angeles und die Vororte auf dieser Seite schweifen. Diese Aussicht würde ihm am neuen Firmensitz in Orange County fehlen. Doch als Entschädigung lag dort der Ozean praktisch direkt vor der Tür.

Nun nutzte er erst einmal die fünf Minuten, um sich auf das Wiedersehen mit der Frau einzustellen, an die er immer noch viel zu oft dachte.

Er hatte geahnt, dass entweder Amanda Carey oder ihr älterer Bruder Bennett früher oder später in seinem Büro auftauchen würde. Tatsächlich hatte er es sogar darauf angelegt. Zum Glück wartete nun Amanda ungeduldig darauf, von ihm empfangen zu werden.

In den vergangenen Jahren hatte er keine Gelegenheit ausgelassen, die Pläne der Careys zu vereiteln. Er hatte wiederholt von Joint Ventures mit deren Familienunternehmen abgeraten. Übernahmen hatte er durch bessere Gebote für sich entschieden. Natürlich anonym, sodass er sich klammheimlich über die Frustration der Careys freuen konnte.

Insbesondere Bennett wollte er damit treffen. Der war mal sein bester Freund gewesen und sollte spüren, dass sich die Zeiten geändert hatten.

Dieses Mal hatte Henry jedoch öffentlich gemacht, dass Porter Enterprises hinter der Übernahme der Immobilie steckte, die den Careys praktisch direkt vor der Nase weggeschnappt worden war. Er hatte Wind davon bekommen, dass sie sehr interessiert an diesem Objekt waren und dafür gesorgt, dass sie das Nachsehen hatten.

Amanda Careys Besuch demonstrierte, wie sehr der Schlag sie getroffen hatte. Seit einer Spendengala in San Diego vor einem Jahr hatte er keinen persönlichen Kontakt mehr zu ihr gehabt, erinnerte sich aber noch genau an die Begegnung. Amanda hatte das lange dunkelblonde Haar zu einem Beehive aufgesteckt und eine weiße Toga getragen. Der anmutige, gleichzeitig sexy Anblick hatte ihm den Atem geraubt.

Natürlich ließ Henry sich das nicht anmerken, als sie sich zufällig an der Bar getroffen hatten. Amandas vernichtender Blick hatte ihn erst recht heiß gemacht.

Es passte ihm nicht, dass sie noch immer diese Wirkung auf ihn hatte. Doch er konnte nichts dagegen tun.

Sie hatten sich kurz über Geschäfte unterhalten. Unter den neugierigen Blicken und gespitzten Ohren der anderen Gäste wäre es zu riskant gewesen, über Privates zu sprechen. Immerhin konnte Henry zufrieden feststellen, dass Amanda ebenso auf ihn reagierte, wie er auf sie. Die vernichtenden Blicke verrieten ihr Temperament und dienten nur der Tarnung.

Er hatte sich sofort zu ihr hingezogen gefühlt, als er sie als Achtzehnjährige kennengelernt hatte. Damals besuchte er noch das College, und Bennett Carey war sein bester Kumpel. Hals über Kopf hatte er sich in die bildhübsche, intelligente, lustige Amanda verliebt, als sie zwanzig war. Je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto unwiderstehlicher wurde sie für ihn. Während eines zweiwöchigen Italienurlaubs in der idyllisch an einem See gelegenen Villa der Careys war es dann im Bootschuppen passiert.

Sie gaben ihrer heißen Lust aufeinander nach und hatten Sex. Erst viel zu spät hatte Henry gemerkt, dass Amanda noch unberührt gewesen war. Sie hatte ihn energisch davon abgehalten, das aufregende Spiel abzubrechen. Wilde Leidenschaft hatte sie beide mit sich fortgerissen und sich mit unerwarteter Heftigkeit entladen. Sie wussten damals beide nicht so recht, wie sie darauf reagieren sollten.

Wie sich dann allzu schnell herausstellte, mussten sie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen.

Missvergnügt verzog Henry das Gesicht und verbannte die Erinnerung schleunigst aus seinem Gedächtnis. Dann kehrte er zurück an seinen Schreibtisch, verschränkte die Arme und wartete.

Als die Tür sich öffnete, wurde Amanda auf der Schwelle von einem Sonnenstrahl erfasst, der sie wie ein Bühnenscheinwerfer in Szene setzte.

Zu schwarzem Minirock und blütenweißer Bluse trug sie einen knallroten Blazer. Die ebenfalls roten High Heels ließen Amandas fantastische Beine noch länger erscheinen. Das lange blonde Haar fiel ihr über die Schultern. Henry musste dem Impuls widerstehen, die Hände durch die schimmernde Pracht gleiten zu lassen.

„Amanda …“

Sie atmete tief durch und schloss die Tür, bevor sie zu ihm herumwirbelte und ihn wütend anfunkelte. „Das hast du absichtlich getan!“

Er lächelte selbstzufrieden. „Ich freue mich auch, dich zu sehen.“

„Die Charmeoffensive kannst du dir sparen, Henry.“

„Du findest mich charmant?“, fragte er provozierend.

„Ganz sicher nicht.“ Mit großen, schnellen Schritten kam sie sichtlich aufgebracht zum Schreibtisch. „Ich will wissen, warum du das getan hast.“

„Was genau meinst du?“ Natürlich wusste er das nur zu genau, wollte es aber aus ihrem Mund hören.

„Das alte Hallengebäude in der Nähe des Carey Centers. Du hast es gekauft.“

„Ist das verboten?“

„Nein, aber abscheulich.“ Wütend warf sie ihre schwarze Lederhandtasche auf einen seiner Besuchersessel und stützte die Hände auf die aufregend geschwungenen Hüften. „Du wusstest, dass wir die Immobile haben wollten.“

Das war ihm in der Tat bekannt gewesen. „Woher hätte ich das wissen sollen?“, erkundigte er sich unschuldig.

Sie fuchtelte mit den Händen in der Luft. „Von deinen Spionen?“

Henry lachte amüsiert. Er liebte Amandas Temperamentsausbrüche. Und sie war noch schöner, faszinierender und begehrenswerter geworden, seit sie vor zehn Jahren eine einzige Nacht zusammen verbracht hatten.

„Das ist nicht dein Ernst, Amanda. Glaubst du wirklich, ich hätte Spione angeheuert?“

„Wieso nicht? Es würde zu deiner Langzeitstrategie passen, es den Careys heimzuzahlen.“

Er spielte den Verblüfften. „Was soll ich ihnen heimzahlen?“

Amanda ignorierte die Frage. „Das ist jetzt zehn Jahre her, Henry“, sagte sie nur aufgebracht.

„Wie die Zeit vergeht.“

„Genau. Bist du immer noch auf Rache aus?“

„Rache? Jetzt wird’s melodramatisch.“ Er lachte harsch.

Mit einer heftigen Kopfbewegung ließ sie das Haar über die Schultern schwingen. „Wie soll man es denn sonst bezeichnen?“

„Karma?“, schlug er vor. Alles hatte mit der gemeinsam verbrachten Nacht vor zehn Jahren und den Folgen zu tun. Damals war Henrys Schicksal besiegelt worden. Er hatte alles, aber auch alles in seinen ehrgeizigen Plan gesetzt, den er noch immer verfolgte.

Amanda presste kurz die Lippen zusammen, wandte sich um, machte zwei Schritte Richtung Tür, überlegte es sich jedoch blitzschnell anders, wirbelte herum und kam zurück. „Ist es dir so wichtig, uns fertigzumachen? Musstest du uns das Objekt wirklich vor der Nase wegschnappen?“

„Ja. Als ich erfuhr, dass ihr scharf darauf seid, habe ich euch schlicht und einfach überboten.“

„Einfach so.“ Sie konnte es kaum glauben.

„Genau.“

Amanda musterte ihn scharf. „Und was hast du damit vor?“

„Was geht dich das an?“ Sie sah wirklich unwiderstehlich aus in ihrer Wut. Zu gern hätte er Amanda an sich gezogen. Aber das wäre ihm wohl schlecht bekommen. Also musste er sich damit begnügen, sie anzuschauen.

„Verdammt, Henry!“

Das klang eher frustriert als wütend.

„Wieso regst du dich eigentlich so darüber auf, dass eine von Bennetts Ideen sich in Luft aufgelöst hat?“, erkundigte er sich neugierig.

„Wie kommst du darauf, dass es seine Idee war?“

Gute Frage. Er war einfach davon ausgegangen und wild entschlossen gewesen, Bennetts Vorhaben zu vereiteln.

„Mann, Henry“, sagte sie enttäuscht. „Du hast alles zerstört.“

Mit ihrer Wut hätte er umgehen können, doch die Frau, die vor ihm stand, wirkte eher verzweifelt. Das passte nicht zu ihr. Er hatte sie in den vergangenen Jahren nie ganz aus den Augen verloren und wusste, dass sie ihr BWL-Studium erfolgreich abgeschlossen hatte und zur stellvertretenden Generaldirektorin des Carey-Unternehmens befördert worden war. Sie war mindestens so ehrgeizig wie er selbst.

„Was meinst du damit, Amanda?“ Forschend schaute er sie an.

Offensichtlich fürchtete sie, schon zu viel preisgegeben zu haben. Jedenfalls versuchte sie, eine gleichgültige Miene aufzusetzen. „Nichts. Es spielt keine Rolle. Ich hätte nicht herkommen sollen.“

„Ich bin froh, dass du da bist.“

„Ja, ganz bestimmt.“ Sie lächelte sarkastisch und griff nach ihrer Handtasche.

„Du wirst es nicht glauben, Amanda, aber es ging nicht um dich.“

Sie schob sich die Handtaschenträger über die Schulter und hielt Henrys Blick fest. „Ich glaube dir kein Wort, auch wenn ich es gern täte. Keine Ahnung, was du sonst noch vorhast, aber halt dich bitte fern, Henry.“

„Von dir oder von der ganzen Familie Carey?“

„Da gibt es keinen Unterschied“, antwortete sie knapp.

Den hat es aber mal gegeben, dachte Henry. Inzwischen war Amanda jedoch voll ins Familienunternehmen eingestiegen. Also machte er sich keine Gedanken mehr darum, wieso Amanda seinen letzten Schachzug so persönlich nahm. Sein Rachefeldzug gegen die Careys konnte ungebremst weitergehen.

Versonnen betrachtete er ihren sexy Po, als Amanda wortlos das Büro verließ. Wie gern hätte er sich dieses erregenden Anblicks noch etwas länger erfreut. Doch darauf musste er einstweilen verzichten. Wenigstens blieb ihm die Erinnerung an eine unvergessliche Nacht. Amanda unter ihm, auf ihm, ihr Geschmack auf seiner Zunge, das unbeschreibliche Gefühl, sich tief in ihrem Innern zu verlieren. Auch wenn das inzwischen zehn Jahre her war, kam es ihm vor, als wäre es gestern gewesen. Nicht nur die Magie, mit Amanda zusammen zu sein, sondern auch, wie es geendet hatte: mit einer handfesten Konfrontation mit Bennett.

Die Geschehnisse dieser Nacht und ihre Nachwirkungen hatten ihn angetrieben. Er hatte Chancen genutzt und war Risiken eingegangen, um ein Unternehmen aufzubauen, das dem der Careys in nichts nachstand. Dieses Ziel war nun zum Greifen nah. Da kam es natürlich überhaupt nicht infrage, auf den letzten Metern klein beizugeben und sich fernzuhalten, wie Amanda sich ausgedrückt hatte.

Henry Porter war noch nicht fertig.

Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schritt Amanda an Henrys Assistentin vorbei, verließ die luxuriöse Chefetage von Porter Enterprises und verschwand im Fahrstuhl. Erst als der sich in Bewegung setzte, atmete sie tief ein, um ihren rasenden Puls zu beruhigen. Doch damit war es natürlich nicht getan.

Der Zorn hatte sie hergeführt. Der war allerdings verraucht, als sie Henry gegenüber gestanden hatte. Ein Blick in seine waldgrünen Augen genügte, heftiges, erregendes Prickeln in ihr auszulösen.

Henry trug das schwarze Haar inzwischen etwas länger. Es fiel ihm lockig über den Kragen. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um Henry in die Augen zu schauen, obwohl sie High Heels trug. Mit fast einem Meter neunzig war er gut einen Kopf größer als sie. Schlank, durchtrainiert, im eleganten dunklen Anzug wäre vielen Frauen bei seinem Anblick das Wasser im Mund zusammengelaufen. Auch Amanda war alles andere als immun gegen diesen Mann – trotz allem …

Das war schon immer so gewesen, seit Bennett seinen Kommilitonen übers verlängerte Wochenende mit in sein Elternhaus gebracht hatte. Damals war Amanda achtzehn gewesen. Eineinhalb Jahre später durfte Henry den obligatorischen Italienurlaub mit ihnen verbringen und sie hatte sich Hals über Kopf in ein Liebesabenteuer mit ihm gestürzt, das mit einer sehr unsanften Landung geendet hatte.

Amanda straffte sich, bevor sie im Erdgeschoss des modernen Bürogebäudes den Fahrstuhl verließ. Dann schritt sie über den weißen Granitboden der Lobby zum Ausgang und fand sich wenig später auf einem belebten Boulevard wieder. Das Verkehrsaufkommen, die Menschenmengen auf den Bürgersteigen in diesem Teil von L.A. waren immens. Statt weitere Gedanken an Henry zu verschwenden, musste sie sich auf den Weg konzentrieren.

Doch schon auf der langen Rückfahrt nach Orange County spielte sie die Szene in Henrys Büro immer wieder vor ihrem geistigen Auge ab.

Gedämpftes Sonnenlicht drang durch die breiten Fenster des Konferenzraums mit Blick auf die kalifornische Stadt Irvine. Die Bürotürme erhoben sich aus den Grüngürteln, die sich wie Samtbänder um das Gebäude wanden. Jenseits der Interstate 405, auf der mal wieder der Verkehr zum Erliegen gekommen war, glitzerte blau der Pazifik.

Die Careys hatten sich dazu entschlossen, auch die Unternehmensverwaltung in Irvine anzusiedeln, wo sich bereits das weitläufige Carey Center befand. Dort wurde jedes Jahr das Sommerspektakel veranstaltet. An jedem Sommerwochenende fanden hier Ballettaufführungen, Sinfoniekonzerte, Musicals und Gesangswettbewerbe statt.

Eine Familienkonferenz hatte Amanda an einem Tag wie diesem gerade noch gefehlt. Leider kam sie nicht darum herum. Wenigstens hätte sie der Familie von ihren Plänen für das Hallengebäude erzählen können – wenn Henry ihr die Immobilie nicht vor der Nase weggeschnappt hätte. Bislang hatten die Careys überhaupt kein Interesse an der ganz in der Nähe gelegenen Immobilie gehabt. Doch kaum war sie auf dem Markt, hatte es bei Amanda klick gemacht. Plötzlich erkannte sie den Mehrwert des Gebäudes für das Carey Center. Ihre Ideen, die Immobilien zu erweitern und miteinander zu verbinden, überschlugen sich geradezu.

Es wäre die Chance gewesen, der Familie zu beweisen, wie wertvoll sie für das Unternehmen war. Amanda war für die Organisation des Sommerspektakels verantwortlich und hatte gehofft, ihren Verantwortungsbereich zu erweitern.

„Aus der Traum“, murmelte sie vor sich hin.

„Was meinst du?“ Ihre ältere Schwester Serena musterte sie fragend. „Willst du dich zu Wort melden?“

Amanda sah sie an. Serena war mit ihren zweiunddreißig Jahren zwei Jahre älter als sie selbst. Sie hatte hellblondes Haar und sanfte blaue Augen und war von heiterer Gelassenheit. Sie war geschieden, hatte eine dreijährige Tochter – die kleine Alli – und fasste nun wieder Fuß im Familienunternehmen.

Schnell vergewisserte sich Amanda, dass die anderen am Konferenztisch versammelten Familienmitglieder ihr und Serena keine Aufmerksamkeit schenkten und flüsterte: „Ich war heute Morgen in L.A.“

„Alles klar.“ Serena lachte leise. „Bei dem Verkehr ist die schlechte Laune vorprogrammiert.“

Amanda hätte es dabei belassen können. Aber sie dachte gar nicht daran. „Es liegt nicht am Verkehr, sondern an Henry Porter.“

Serena staunte. „Du warst bei ihm?“

„Nicht so laut! Ja, ich musste mit ihm reden.“

„Wie geht es ihm?“

„Wie immer.“ Allein der Gedanke an ihn löste ein erregendes Prickeln in ihr aus. Ihr war unbegreiflich, wieso sie sich noch immer nach einem Mann sehnen konnte, der sich praktisch zum Feind der Familie Carey gemacht hatte.

„Wusstest du, dass er umzieht?“

Überrascht sah sie Serena an. „Nein. Ich hatte keine Ahnung. Wohin zieht er denn?“

Serena wollte es ihr gerade verraten, als Bennett sich laut Gehör verschaffte. Amanda beschloss, ihre Schwester nach der Konferenz zur Seite zu nehmen. Woher wusste Serena von Henrys Plänen?

„So, lasst uns anfangen.“ Bennett warf einen Blick auf seine goldene Rolex. „Ich habe in vierzig Minuten eine Besprechung mit dem Leiter der Merchandising-Abteilung.“ Sein Blick ruhte auf Amanda. „Wie läuft es mit der Programmzusammenstellung für das Sommerspektakel?“

Amanda rang sich ein Lächeln ab. „Großartig. Wir konnten erneut das chinesische Ballett verpflichten. Es sind schon viele Karten verkauft. Die Vorstellung findet im Juli statt.“ Sie klappte ihr Tablet auf, um einen Blick auf die anderen Gigs zu werfen. „Vorher haben wir Sweeney Todd im Programm und die Chöre dreier Highschools aus der Region.“

Bennett stöhnte unwillig.

„Du, die sind richtig klasse“, erklärte Amanda sofort. „Außerdem tut es dem Sommerspektakel gut, wenn auch Künstler aus der Region auftreten. Dazu sage ich gleich noch mehr.“ Sie konzentrierte sich wieder aufs Tablet. „Die Los Angeles Philharmoniker geben über den Sommer verteilt drei Vorstellungen. Mit anderen Künstlern bin ich noch im Gespräch.“ Sie sah auf. „Es ist ja erst April. Da bleibt uns noch etwas Zeit. Fast alle historischen Darsteller vom letzten Jahr wollen übrigens wieder teilnehmen.“

„Abgesehen von den Chören klingt das schon ganz ordentlich“, meinte Bennett und wandte sich Serena zu. „Wie steht’s mit dem Marketing?“

„Das läuft noch nicht rund. Ich muss mich erst einarbeiten. Bis zum Monatsende weiß ich aber mehr und werde dann berichten.“

Das klang mal wieder ziemlich unsicher, stellte Amanda fest. Aber Serena hatte sich nie besonders für das Unternehmen interessiert. Ihr war es immer wichtiger gewesen, eine Familie zu gründen, am liebsten mit sechs Kindern. Alles schien perfekt zu sein, als sie sich verliebte. Doch dann ließ ihr Freund sie sitzen. Angeblich war er noch nicht bereit für eine Familie. Zutiefst verletzt hatte Serena sich dann in eine Ehe gestürzt. Leider war sie mit Robert nicht glücklich geworden. Nach Allis Geburt hatte sie dann bald die Scheidung eingereicht. Nun war sie wieder frei und glücklich und ins Familienunternehmen eingestiegen. Während sie arbeitete, war ihre dreijährige Tochter in der firmeneigenen Kita im Erdgeschoss gut untergebracht.

„Serena stellt ihr Licht unter den Scheffel.“ Energisch schaltete Amanda sich ein. „Sie kümmert sich um die Probentermine für das Sommerstarprogramm und richtet die Homepage ein. Ihr Team steht bereit. Die elektronische Stimmabgabe sollte also kein Problem darstellen. Außerdem bereitet Serena Werbefilme für die Lokalsender vor.“

„Das ist aber alles noch nicht spruchreif“, warf Serena schnell ein. „Ich …“

Bennett stoppte sie mit einer Handbewegung. „Wie mir scheint, hast du alles im Griff. Sehr gut, Serena. Ich glaube, die Sommerstars werden ein großer Erfolg.“

„Ist das nicht aufregend?“ Ihre Mutter Candace Carey warf einen strahlenden Blick in die Runde. „Wir geben Menschen die Chance, sich live für das Sommerspektakel zu bewerben. Das ist eine wundervolle Idee. Ich habe zwar keine Ahnung, wie das mit der Online-Stimmabgabe funktioniert, aber ich freue mich auf den Wettbewerb.“

„Ja, das war wirklich eine gute Idee“, pflichtete Martin Carey seiner Frau lächelnd bei. Die bedachte ihn nur mit einem kühlen Blick. Auch mit vierundsechzig Jahren war der Mann noch eine beeindruckende Erscheinung mit wachen blauen Augen, graumeliertem dunkelblonden Haar und sportlicher Figur. Und er war sehr präsent, obwohl er vor einem Jahr verkündet hatte, das aktive Geschäft nun seinen Kindern überlassen zu wollen. Doch er konnte nicht loslassen, was insbesondere Candace langsam in den Wahnsinn trieb.

„Wieso ist die Homepage noch nicht online, Serena?“, erkundigte er sich nun.

Bennett, sein ältester Sohn und CEO des Unternehmens, schob frustriert die Hände in die Hosentaschen seines Maßanzugs und richtete den Blick starr auf die gegenüberliegende Wand. Mit seinem dunkelblonden Kurzhaarschnitt und den wasserblauen Augen wirkte er wie eine jüngere Version seines Vaters.

Serena sah erst Bennett an, dann ihren Vater und sagte freundlich: „Sie ist noch nicht ganz fertig und muss optimiert werden, damit die Navigation für die Nutzer einfacher wird. Chad Davis arbeitet daran. In ein, zwei Wochen sollte die Seite freigeschaltet sein.“

„Spätestens in einer Woche“, verlangte Martin nachdrücklich.

„Ihr habt zwei Wochen Zeit“, widersprach Bennett und warf seinem Vater einen energischen Blick zu. „Das ist vollkommen ausreichend, Dad.“

Candace seufzte schwer, Martin zuckte zusammen, nickte dann. „Auch gut. Du bist der Boss, Bennett.“

Der Vierunddreißigjährige war entschlossen, sich nicht noch einmal von seinem alten Herrn in die Parade fahren zu lassen und fuhr zielstrebig fort. Zum Schluss fragte er: „Hat Justin sich gemeldet?“

„Nein.“ Serena vergewisserte sich bei Amanda. Auch die hatte nichts von ihrem jüngsten Bruder gehört. Beruhigend lächelte Serena ihren Eltern zu. „Ich habe letzte Woche versucht, ihn zu erreichen. Leider wieder nur die Mailbox. Ihm geht es bestimmt gut, Mom. Du kennst doch Justin.“

Mit ihren knapp sechzig Jahren sah Candace eher wie fünfzig aus. Das verdankte sie guten Genen und der ausgeklügelten Verwendung von Feuchtigkeitsspendern. Die sportliche Kurzhaarfrisur leuchtete in sattem Kastanienrot, das die blauen Augen erst richtig zum Strahlen brachten. Die kaum sichtbaren Lachfältchen um die ausdrucksvollen Augen zeugten von einem zufriedenen Leben.

„Stimmt, Serena. Justin geht es gut. Ich habe gestern mit ihm gesprochen. Er ist in Santa Monica.“

„Wieso nicht hier? Er ist ein Carey und sollte an dieser Konferenz teilnehmen“, murrte Martin.

Candace warf ihrem Mann einen mahnenden Blick zu. „Er arbeitet an einem Projekt, das ihm wichtig ist“, erklärte sie.

„Was ist wichtiger als unser Familienunternehmen?“ Ungnädig schüttelte Martin den Kopf.

Amanda zuckte zusammen. Mit dieser Reaktion verärgerte er seine Frau erst recht. Wieso merkt er das nicht? überlegte sie ratlos.

„Diese Frage ist ausgesprochen bezeichnend, Martin“, sagte Candace.

Oje, der Haussegen hängt definitiv schief, dachte Amanda. Normalerweise nannte ihre Mutter ihren Mann nämlich Marty.

Martin merkte auf, doch es war zu spät. „So habe ich das doch nicht gemeint, Candy.“

„Oh doch, Martin.“ Candace sah ihn wütend an. „Wie oft haben wir schon darüber gesprochen? Du wolltest dich aus der Firma zurückziehen. Wir haben Pläne geschmiedet.“

„Ich weiß, Schatz. Und wir werden unsere Pläne auch umsetzen“, versprach Martin.

„Wann?“ Ungeduldig trommelte sie mit den sorgfältig manikürten Fingernägeln auf den Tisch.

„Erst mal müssen wir das Sommerspektakel über die Bühne bringen“, antwortete er ausweichend.

„Darum kümmert sich Amanda. Und sie macht ihren Job sehr gut.“ Wohlwollend nickte Candace ihrer Tochter zu. „Sonst noch was. Martin?“

„Na ja, da ist noch die Fusion mit der Mackintosh-Hotelgruppe.“

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