Bianca Exklusiv Band 404

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EIN KUSS, SO WILD UND FREIvonNANCY ROBARDS THOMPSON

Wilde Küsse und Sonnenuntergänge am fernen Horizont. In den Armen von Rancher Ethan vergisst Lady Chelsea den Albtraum, der hinter ihr liegt! Bei Ethan fühlt sie sich geborgen und so aufrichtig begehrt wie nie zuvor. Doch wird er sie noch lieben, wenn er ihr Geheimnis kennt?

IM ZÄRTLICHEN TAKT DER LIEBEvonCARO CARSON

Hat er sich verliebt? Unsinn, glaubt Dr. Alex Gregory. Er sorgt sich nur um die bescheidene Grace, die im Schatten ihrer Schwester, einer launischen Hollywood-Diva, steht. Doch als der Doc mit Grace auf einem Ball tanzt, ist die Liebe nur einen zärtlichen Takt entfernt…

GLÜCK UND GLAS UND SÜSSE KÜSSEvonALLISON LEIGH

Tausend Scherben sind ein schlechter Anfang für die Liebe! Weil Isabellas Mündel mutwillig ein Fenster zerstört, muss die hübsche Kellnerin mit dem umwerfenden und reichen Rancher Erik Clay verhandeln. Und vielleicht kann aus einem schwierigen Anfang etwas Wunderbares entstehen …


  • Erscheinungstag 15.08.2026
  • Bandnummer 404
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538251
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nancy Robards Thompson, Caro Carson, Allison Leigh

BIANCA EXKLUSIV BAND 404

Nancy Robards Thompson

1. KAPITEL

Lady Chelsea Ashford Alden blickte sich nervös um, dann ging sie auf die Eingangstür des grauen Steinhäuschens zu. Es lag vollkommen im Dunkeln und wirkte irgendwie unheimlich, kalt und abweisend. Damit passte es so gar nicht zu ihrer fröhlichen und lebhaften Freundin Juliette Lowell, mit der sie sich im Studentenwohnheim ein Zimmer geteilt hatte. Doch die Hausnummer stimmte mit der überein, die Juliette ihr genannt hatte.

Auch die schmale Mondsichel am schwarzblauen texanischen Nachthimmel sorgte nicht gerade für eine freundliche Atmosphäre, denn sie warf kaum Licht auf die Veranda. Andererseits sollte Chelsea vielleicht dankbar dafür sein, dass ihr die Dunkelheit Schutz bot. Schließlich konnte sie sich auf diese Weise besser vor dem Ungeheuer verstecken, vor dem sie gerade auf der Flucht war.

Als Tochter eines englischen Grafen, des Earl of Downing, musste sie sich alles, was sie tat, genauestens überlegen. Dabei kam es ihr oft so vor, als würden manche Menschen nur auf einen Fehltritt ihrerseits warten, und andere suchten ständig nach einer Gelegenheit, ihr ein Bein zu stellen und sie zu blamieren.

Genau deshalb war sie jetzt in Texas.

Chelsea hatte es satt, ständig im Rampenlicht zu stehen, sie hatte die Nase voll von dem ganzen Pomp, der Wichtigtuerei und den Menschen, die sie nur ausnutzen wollten. In Großbritannien wurde ihr Privatleben ständig auf den Titelseiten der Klatschpresse breitgetreten – und wenn die Paparazzi mal nichts zu berichten hatten, dann dachten sie sich eben kurzerhand etwas aus oder engagierten jemanden, der etwas vortäuschte. Dass Chelsea so misstrauisch und vorsichtig geworden war, hatte sie vor allem einem gewissen Bertie Veal zu verdanken. Der Reporter schnüffelte ihr nämlich schon seit ihrer Studienzeit hinterher.

Zuletzt hatte er sich sogar mit ihrem Ex-Freund zusammengetan, einem Mann, dem sie einmal zutiefst vertraut hatte. Dass ausgerechnet dieser Mann einen ihrer intimsten Momente mit der Öffentlichkeit geteilt hatte, war ungefähr das Schlimmste gewesen, was sie sich hatte vorstellen können.

Vergeblich versuchte Chelsea die Bilder zu verdrängen, die unweigerlich vor ihrem inneren Auge erschienen. Dass besagtes Video überhaupt gemacht worden war, hatte sie nicht mal gewusst … bis das Video auf der Homepage einer Boulevardzeitung aufgetaucht war. Bei dem Gedanken daran erschauerte sie immer noch.

Sie hob nun die Fußmatte hoch, um darunter nach Juliettes Haustürschlüssel zu suchen.

Das Video hatte eine erschreckende Kettenreaktion ausgelöst. Am schlimmsten hatte ihr dabei allerdings die Reaktion ihres Vaters zugesetzt. Dieser hatte sich offenbar für sie geschämt und sich tief enttäuscht gezeigt, und dann hatten ihre Eltern ihr plötzlich zu verstehen gegeben, dass sie so lange Abstand zu ihnen halten sollte, bis sie das Problem aus der Welt geschafft hatte. Diese Anweisung hatte Chelsea unfassbar erschüttert, außerdem war sie ihr absolut absurd vorgekommen. Als würde die Londoner Oberschicht vergessen, dass sie die Tochter ihrer Eltern war, wenn sie das Land verließ.

Trotz allem war es aber ein guter Schritt, um sich den Klatschreporter Bertie Veal vom Hals zu halten, und die Kleinstadt Celebration in Texas kam Chelsea wie ein perfektes Versteck vor. Es würde wohl niemand darauf kommen, sie ausgerechnet hier zu suchen.

Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie hier von den Menschen erkannt werden würde. Die meisten Amerikaner interessierten sich doch nur für das britische Königshaus. Was die Tochter irgendeines Grafen anstellte, war ihnen garantiert herzlich egal.

Chelsea, die immer noch auf der Suche nach dem Haustürschlüssel war, schaltete jetzt die Taschenlampen-Funktion ihres Smartphones ein und ließ den Strahl über den Holzboden der Veranda gleiten … nichts.

Anschließend rüttelte sie an der Tür, aber diese war, wie zu erwarten, abgeschlossen. Dummerweise war Juliette an diesem Wochenende beruflich unterwegs, denn sie arbeitete als Hochzeitsplanerin und musste sich um eine Veranstaltung in der Großstadt San Antonio im Süden von Texas kümmern. Natürlich hatte Chelsea trotzdem bei ihr unterschlüpfen dürfen, nur hatte Juliette sie leider nicht persönlich willkommen heißen können.

Dafür hatte Chelsea natürlich absolutes Verständnis, schließlich freute sie sich sehr darüber, dass das Geschäft ihrer Freundin so gut lief. Juliette war äußerst gefragt und hatte als Hochzeitsplanerin ihre wahre Berufung gefunden, während Chelsea immer noch auf der Suche nach ihrer war. Juliette hatte ihr auf jeden Fall versprochen, einen Haustürschlüssel auf der Veranda zu hinterlegen. Sobald sie aus San Antonio zurück war, wollten sie dann in Ruhe über alles sprechen, was passiert war.

Aber wo genau hatte Juliette diesen Schlüssel bloß deponiert? Unter der Fußmatte war er schon mal nicht, dann kam eigentlich nur noch der Schaukelstuhl infrage. Leider war Chelsea auch hier erfolglos.

Vielleicht irgendwo auf dem hinteren Teil der Veranda? Erst jetzt wurde Chelsea bewusst, dass sie in der Eile gar kein bestimmtes Versteck vereinbart hatten. Oder hatte Chelsea vielleicht im entscheidenden Moment nicht richtig hingehört?

Auf der Straße leuchteten jetzt Scheinwerfer auf, und Chelsea zog sich hastig in den Schutz der Dunkelheit zurück, den das Haus bot. Das Auto fuhr vorbei, und sie atmete erleichtert auf.

Dann ging sie an der Hauswand entlang zum hinteren Teil der Veranda, der von der Straße abgewandt war.

Damals, als Chelsea und Juliette sich ein Zimmer im Studentenwohnheim geteilt hatten, hatten die Freundinnen gemeinsam einige Herausforderungen bewältigt und sich gegenseitig aus der Patsche geholfen. Genau deshalb waren die beiden auch immer noch so eng befreundet. Was jetzt passiert war, stellte allerdings all ihre vergangenen Herausforderungen in den Schatten. Chelseas Ex-Freund Hadden Hastings hatte sich und Chelsea nämlich heimlich beim Sex gefilmt und das Video nach ihrer Trennung an die Presse verkauft.

Kaum hatte Chelsea ihrer Freundin davon erzählt, hatte Juliette ihr angeboten, erst mal bei ihr in der texanischen Kleinstadt Celebration unterzuschlüpfen.

Die beiden hatten Hadden Hastings während ihres Studiums an der Universität in England kennengelernt. Damals hatte er zu ihrem erweiterten Freundeskreis gehört, nähergekommen waren er und Chelsea sich allerdings erst ein Jahr nach Studienabschluss. Sie war gerade von ihrem Freiwilligenjahr als Entwicklungshelferin in Afrika zurückgekommen und hatte Hadden plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen. Er hatte sich ihr gegenüber so charmant und humorvoll gegeben und unfassbar viel Verständnis dafür gezeigt, dass sie nach ihrem Universitätsabschluss immer noch nicht wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte … schließlich war es ihm selbst ganz ähnlich gegangen.

Kurz darauf hatte sie sich in ihn verliebt.

Nie im Leben hätte sie es für möglich gehalten, dass er sie irgendwann heimlich beim Sexfilmen und die Aufzeichnung dann auch noch ausgerechnet an Bertie Veal verkaufen würde. Dass er ihr Vertrauen auf dieses Weise missbraucht hatte, war genauso verletzend wie die Tatsache, dass sich nun die ganze Welt ihr Sex-Video anschauen konnte …

Auch vor der Hintertür lag eine Fußmatte. Chelsea hob sie an und tastete die rauen Holzdielen darunter ab.

Nichts. Auch hier lag kein Schlüssel.

Als Nächstes hob sie alle Blumentöpfe und Pflanzkübel auf der Veranda an, doch ebenfalls ohne Erfolg. Schließlich rief sie Juliette auf dem Handy an, hatte aber sofort die Mailbox dran.

„Hi Jules, hier ist Chelsea“, sprach sie ins Telefon. „Es tut mir schrecklich leid, dass ich dich stören muss, wahrscheinlich wird bei euch gerade der Hochzeitswalzer getanzt oder der Kuchen angeschnitten … aber ich stehe auf deiner Veranda und kann den Haustürschlüssel einfach nicht finden. Rufst du mich kurz an, wenn du zwischendurch mal Zeit hast? Bestimmt habe ich nur ein Brett vor dem Kopf, das kennst du ja schon von mir.“ Sie zwang sich zu einem Lachen. „Ich hoffe, deine Feier läuft gut. Ich freue mich schon so auf dich! Tschüss, bis bald!“

Chelsea wollte ihre Suche gerade aufgeben und zurück zum Wagen gehen, als ihr Blick auf ein kleines Fenster neben der Hintertür fiel, das einen Spalt breit offen stand.

Optimal war das zwar nicht, aber es könnte klappen …

Das Fenster war ganz schön klein und außerdem ziemlich weit oben. Blöderweise trug Chelsea ausgerechnet heute einen Rock. Aber es half ja alles nichts.

Sie zog einen der Verandastühle unter das Fenster, dann streifte sie die Sandaletten mit den Keilabsätzen ab, schob ihr Smartphone und den Schlüssel für den Mietwagen in einen der Schuhe und kletterte auf die Sitzfläche. Schnell stützte sie sich am Fenstersims ab, als der Stuhl anfing zu wackeln.

Chelsea war relativ groß, insofern würde es nicht leicht für sie werden, durch das winzige Fenster ins Haus zu klettern, aber im Moment hatte sie scheinbar keine andere Wahl.

Zunächst musste sie das Fliegengitter davor entfernen, und das war sehr viel aufwendiger, als sie gedacht hatte. Dabei riss sie sich den rechten Zeigefingernagel ein, und zwar bis zum Nagelbett – das tat vielleicht weh! Sie zuckte zusammen, als der Stuhl erneut gefährlich wackelte, aber Chelsea blieb am Ball und löste das Gitter schließlich aus der Halterung. Mit einem nicht gerade leisen Krachen landete es auf der Veranda.

Die sehr viel größere Herausforderung stand ihr allerdings noch bevor, denn als Nächstes musste sie sich durch die kleine Fensteröffnung quetschen. Dahinter lag offenbar das Badezimmer, und direkt unter dem Fenster befand sich die Badewanne. Viel mehr konnte sie in der Dunkelheit leider nicht erkennen.

Chelsea holte tief Luft, dann zog sie sich mit aller Kraft an dem Sims hoch. Dabei gelang es ihr, mit den Füßen an der Hauswand Halt zu finden, und so konnte sie sich weiter in Richtung Fensteröffnung bewegen.

Mit etwas Glück könnte es klappen …

Sie stöhnte vor Anstrengung, als sie sich noch weiter hochstemmte, dann gelang es ihr irgendwie, den Kopf und den Oberkörper durch die Öffnung zu schieben. Leider verfing sich dabei ihr Fuß im Stuhl. Verdammt, wie war das denn jetzt passiert? Sie drehte den Fuß und trat einmal kräftig nach hinten, und endlich hatte sie sich befreit. Mit einem lauten Krachen landete der Stuhl auf dem Verandaboden. Das Geräusch hallte deutlich in der Stille der Nacht wider.

Chelsea steckte jetzt allerdings im Fenster fest und hatte es daher nicht leicht, ihr Gleichgewicht zu halten. Während sie mit Kopf und Oberkörper bereits im Badezimmer war, hingen ihr Hintern und ihre Beine auf der anderen Seite der Hauswand heraus und sahen dabei bestimmt alles andere als elegant aus.

Jetzt oder nie! dachte Chelsea, holte Schwung und verlagerte dabei das Körpergewicht nach vorn. Mit den Armen zuerst landete sie in der Badewanne und versuchte, sich so gut es ging, abzustützen.

Im selben Moment ging das Licht an, und eine riesige Männergestalt erschien im Türrahmen.

Chelsea schrie aus vollem Hals.

Eigentlich war Ethan Campbell, den Geräuschen nach zu urteilen, davon ausgegangen, dass gerade ein paar Waschbären ihr Unwesen auf Juliette Lowells Grundstück trieben. Auf gar keinen Fall hatte er damit gerechnet, eine große, umwerfende Blondine bei einem Einbruchsversuch zu ertappen.

Doch jetzt stand sie vor ihm in der Badewanne, zog hektisch die Bluse und den pinkfarbenen Rock zurecht und schaute ihn dabei schuldbewusst an. Sie war wunderschön, aber davon durfte Ethan sich nicht ablenken lassen. Er musste ihr zu verstehen geben, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Immerhin hatte es in den letzten Wochen in Celebration bereits mehrere Einbrüche gegeben. Ob diese Frau etwas damit zu tun hatte?

„Was machen Sie hier?“, herrschte er sie an.

Ohne eine Antwort abzuwarten, aber auch ohne sie aus den Augen zu lassen, zog er sein Handy aus der Jeanstasche, um den Sheriff anzurufen. In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass die Frau barfuß war. Außerdem fiel sein Blick auf ihr Dekolleté über ihren verschränkten Armen.

Er zwang sich dazu, ihr wieder ins Gesicht zu sehen. Stumm und mit großen Augen erwiderte sie seinen Blick. Dabei wirkte sie vollkommen verängstigt … trotzdem hatte sie hier nichts zu suchen. Er wusste ganz genau, dass Juliette Lowell übers Wochenende in San Antonio war, um sich dort um eine dieser Luxus-Hochzeiten zu kümmern, die sie organisierte. Als er den fremden Wagen in ihrer Einfahrt gesehen hatte, war er der Sache natürlich sofort nachgegangen.

„Ich frage Sie jetzt noch einmal“, setzte er an. „Was haben Sie hier zu schaffen, Lady?“

Stumm erwiderte die Frau seinen Blick mit ihren großen Augen. Waren diese eigentlich blau oder grün?

„Okay, wenn Sie nicht mit mir darüber reden wollen, dann ja vielleicht mit der Polizei“, sagte er drohend.

Daraufhin brach sie ihr Schweigen endlich. „Nein, bitte nicht. Bitte rufen Sie nicht die Polizei.“

Hörte er da einen leichten Akzent, oder bildete er sich das nur ein?

Die Frau hob beide Hände, als wolle sie sich ergeben.

„Dann müssen Sie mir aber zuerst einmal ein paar Dinge erklären, und zwar schnell. Sind Sie allein hier?“

Verdammt, ich Idiot. Möglicherweise hatte sie ja Komplizen, und die waren vielleicht längst im Haus. Ethan schaute hastig in den Badezimmerspiegel, in dem er einen Teil des dunklen Flurs erkennen konnte. Angestrengt lauschte er nach Geräuschen, die darauf hinwiesen, dass noch jemand da war.

Nichts.

Trotzdem wählte er sicherheitshalber den Notruf.

„Nein, bitte nicht“, rief die Frau erneut. „Ich heiße Chelsea … Chelsea Allen. Ich möchte hier nur meine Freundin Juliette Lowell besuchen. Bitte, rufen Sie nicht die Polizei, rufen Sie lieber Juliette an. Die erklärt Ihnen, dass alles in Ordnung ist. Bitte, legen Sie auf.“

Dieses Mal klang sie eindeutig amerikanisch, wahrscheinlich hatte er sich den Akzent vorhin nur eingebildet. Dafür klang sie jetzt deutlich panisch, und sie war wunderschön.

Außerdem kannte sie Juliettes Vor- und Nachnamen. Das hieß natürlich noch lange nicht, dass sie wirklich mit ihr befreundet war. Vielleicht hatte sie beides nur recherchiert und herausgefunden, dass heute niemand zu Hause sein würde …

„Bitte, legen Sie auf“, bat sie ihn erneut.

Ethan schüttelte den Kopf und wies auf das Fenster. „Steigen Sie bei Ihren Freunden immer durchs Badezimmer ein, wenn Sie diese besuchen wollen?“

Sie funkelte ihn kurz wütend an, dann blickte sie über die Schulter nach hinten. „Natürlich nicht. Das Problem ist nur …“ Sie stöhnte leise auf und verschluckte dabei den letzten Teil ihres Satzes. Kurz darauf stemmte sie die Hände in die Hüften. „Sagen Sie mal … was haben Sie eigentlich hier zu suchen, wenn Juliette gar nicht zu Hause ist?“ Offenbar versuchte sie gerade, den Spieß umzudrehen.

Er runzelte die Stirn. „Hey, ich stelle hier die Fragen, und sobald der Sheriff da ist, wird er die Sache übernehmen.“

„N-nein, es tut mir leid. Bitte, legen Sie wieder auf. Ich meine … Ihnen ist doch bestimmt klar, dass Sie mit so einem unwichtigen Anruf die Leitungen blockieren und dadurch vielleicht ein echter Notfall nicht durchkommt, oder? Rufen Sie lieber Juliette an. Wenn Sie schon in ihrem Haus sind, haben Sie bestimmt auch ihre Nummer. Sie kann Ihnen bestätigen, dass wir befreundet sind und ich hier nichts Verbotenes tue.“

Ethan zögerte. Ihr Vorschlag klang eigentlich ganz plausibel, doch bevor er auflegen konnte, wurde der Anruf entgegengenommen.

„Hier ist die Notrufzentrale. Worum geht es?“

2. KAPITEL

„Hey, Joyce, hier spricht Ethan Campbell“, sagte der Mann ins Telefon. „Entschuldige, war nur ein falscher Alarm.“

Chelsea atmete erleichtert auf, als sie seine Worte hörte. Ethan Campbell hieß er also. Hatte Juliette schon mal von ihm erzählt? Vielleicht, der Name Campbell kam ihr irgendwie bekannt vor. Allerdings funkelte er sie so finster an, während er mit der Notrufzentrale sprach, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und sich erst recht nicht an die Namen der diversen Männer in Juliettes Leben erinnern konnte.

„Nein, hier ist alles unter Kontrolle“, erklärte er gerade. „Ich melde mich aber noch mal, falls sich etwas daran ändern sollte.“ Dabei betrachtete er Chelsea so intensiv mit seinen tiefblauen Augen, dass sie sich kaum zu bewegen wagte.

Was sollte sie jetzt tun? Sie könnte ihm das Telefon aus der Hand reißen und es ins Klo werfen – oder genauso wieder verschwinden, wie sie gekommen war … durch das Fenster. Doch beides waren irgendwie ziemlich miese Ideen …

Wenn sie Ethan einfach zur Seite schubste, an ihm vorbeirannte und durch die Haustür nach draußen entwischte? Das kam ihr noch am erfolgversprechendsten vor. Allerdings war er so groß und kräftig, dass sie bestimmt nicht ohne Weiteres an ihm vorbeikam. Unter anderen Umständen hätte die Vorstellung, dass er sie mit seinen Rugbyspieler-Armen festhielt, vielleicht einen gewissen Reiz dargestellt, doch in der jetzigen Situation bedeutete seine beeindruckende Erscheinung nur, dass er ihr den einzigen Weg nach draußen versperrte.

„Ich dachte erst, ich hätte den gesuchten Einbrecher bei Juliette Lowell erwischt“, sagte er nun gedehnt in sein Handy.

Wie bitte? dachte Chelsea. Sehe ich etwa so aus wie jemand, der in fremde Häuser einsteigt, um Leute auszurauben?

„Die Frau behauptet, eine gute Freundin von Juliette zu sein. Ich rufe sie jetzt mal an, um mich zu vergewissern. Nein, Unterstützung ist nicht nötig, ich habe die Sache im Griff.“

Na, das klang doch schon viel besser.

Offenbar kannte dieser Ethan Campbell ihre Freundin ziemlich gut. Komisch, dass sie Chelsea dann noch nie von ihm erzählt hatte. Immerhin war er auf seine raue, etwas schroffe Art ziemlich gut aussehend … vorausgesetzt, man mochte große, breitschultrige, unergründliche Männer mit breitem texanischem Akzent.

Aber welche Frau mochte die nicht?

Ihr selbst würde er allerdings noch besser gefallen, wenn er sie nicht gerade hier im Badezimmer festhalten würde.

„Falls sich herausstellt, dass sie mich angelogen hat, melde ich mich noch mal, dann kannst du gern den Sheriff vorbeischicken“, sagte er. Dann nickte er zustimmend, während seine Gesprächspartnerin etwas erwiderte. „Joyce …“ Er hielt inne und nickte erneut. „Nein, Joyce … und ja, da bin ich mir sicher. Außer ihr ist niemand eingestiegen.“ Er wandte sich jetzt wieder an Chelsea. „Sie sind doch allein gekommen, oder?“

Chelsea nickte stumm.

„Ihr Auto steht draußen in der Einfahrt … Nein, das Kennzeichen habe ich mir nicht notiert, ich bin sofort ins Haus gegangen, um die Lage zu sondieren.“

Die Lage zu sondieren, aha. Der Mann spielte wohl gern ein bisschen Polizist.

Jetzt schwieg er wieder, hörte seiner Gesprächspartnerin zu und nickte hin und wieder. Sosehr Chelsea sich auch konzentrierte, sie konnte nur eine undeutliche weibliche Stimme heraushören, mehr nicht.

Als Nächstes ging Ethan rückwärts in den Flur und schaltete dort das Licht an. Chelsea beugte sich vor. Hinter Ethan hing ein mehrteiliger Bilderrahmen, in dem eine große Collage aus verschiedenen Fotos zu sehen war. Einige Bilder stammten aus Juliettes Studienzeit in St. Andrews, und auf einem Foto waren Juliette und Chelsea sogar zusammen zu sehen. Es war an dem Tag aufgenommen worden, an dem die beiden sich mit einigen Studienfreundinnen ein Rugbyspiel angeschaut hatten.

„Gute Idee“, meinte Ethan gerade, dann drehte er sich zu Chelsea um und streckte fordernd die Hand aus. „Geben Sie mir bitte mal Ihr Handy.“

„Warum?“

Ethan hielt sich weiterhin das Telefon ans Ohr und machte mit der freien Hand eine ungeduldige Bewegung. „Ihr Handy, bitte.“

Chelsea wies auf das Foto hinter ihm an der Wand, aber er kniff bloß die Augen zusammen und schüttelte den Kopf.

„Hinter Ihnen an der Wand hängt ein Foto von Juliette und mir, gleich über Ihrer rechten Schulter. Sie brauchen sich nur kurz umzudrehen, dann sehen Sie sofort, dass ich Ihnen die Wahrheit erzählt habe.“

Ethan warf Chelsea einen skeptischen Blick zu, doch dann drehte er sich tatsächlich kurz um, und zuckte zusammen. „Ich lege erst mal auf, Joyce. Wie gesagt, wenn es doch noch kritisch wird, melde ich mich noch mal.“

Er beendete das Telefonat und wandte sich wieder an Chelsea. „Das verstehe ich einfach nicht. Wenn Sie Juliette so gut kennen, warum sind Sie dann hier eingebrochen?“

„Weil sie mir eigentlich den Schlüssel hinterlegen wollte, ich ihn aber nicht gefunden habe.“

„Wo genau wollte sie ihn denn hinterlegen?“

„Unter der Fußmatte eventuell. Ganz genau hat sie es mir nicht erklärt, darum habe ich ihn wie gesagt auch nicht gefunden. Na ja, und dann ist mir das offene Fenster aufgefallen …“

Ethan unterbrach sie. „Geben Sie mir jetzt bitte Ihr Handy.“

„Das habe ich nicht hier.“

Er verzog den Mund und betrachtete sie argwöhnisch. „Wie bitte? Wenn Sie sich querstellen, rufe ich Joyce gleich noch mal an, und Sie können Ihre Geschichten auf der Wache weitererzählen.“ Erneut hielt er ihr auffordernd die Hand hin.

„Mein Smartphone liegt hinten auf der Veranda, ich habe es in eine meiner Sandaletten geschoben.“ Allmählich wurde Chelsea ärgerlich. „Ich verstecke es ganz bestimmt nicht vor Ihnen.“ Um ihre Aussage zu unterstreichen, fuhr sie sich über das dünne T-Shirt und den engen Rock. „Wo genau soll ich denn hier bitte schön ein Handy verstecken?“

Erst, als ihr auffiel, dass Ethan Campbells Blick genauso langsam und intensiv über ihren Körper fuhr wie ihre Hände, bereute sie diese Geste. Sie räusperte sich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe Juliette natürlich zuerst angerufen, aber sie ist nicht drangegangen. Also habe ich ihr eine Nachricht hinterlassen. Als ich das offene Fenster entdeckt habe, habe ich mir kurzerhand die Sandalen ausgezogen, Handy und Autoschlüssel hineingesteckt und bin hindurchgeklettert. Sie können gern draußen nachgucken, da liegen meine Sachen.“

Sie zuckte entnervt mit den Schultern. „Wäre es nicht leichter, Juliette von Ihrem Handy aus anzurufen?“

„Können Sie sich wenigstens ausweisen?“

Na wunderbar. Wenn er erst mal ihren vollen Namen in ihrem Pass las, war sie so gut wie aufgeflogen. Erst recht, wenn er später bei der Polizei durchklingelte und ihre Daten an den Sheriff weitergab. Der würde wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit so gut wie alles über sie und ihre Geschichte wissen, der modernen Technik sei Dank.

„Den Pass habe ich in meiner Handtasche, und die liegt noch im Auto“, erklärte sie. „Ich kann sie aber gern schnell holen, wenn Sie wollen.“

„Netter Versuch“, gab Ethan zurück. „Wenn ich mit Ihnen nach draußen gehe, laufen Sie mir womöglich weg, und wenn ich allein danach suche, machen Sie sich ebenfalls aus dem Staub.“

Erneut tippte er eine Nummer ins Telefon.

„Nein, halt! Bitte nicht …“

„Ich rufe nur Juliette an.“

Chelsea seufzte. „Ich dachte, Sie hätten schon wieder den Notruf gewählt.“

Statt etwas zu erwidern, hielt er sich das Telefon ans Ohr. Dieses Mal hatte ihre Freundin offenbar sofort abgenommen. „Hi, Juliette, hier ist Ethan Campbell …“

Einen Moment lang schwieg er.

„Tut mir leid, wenn ich gerade störe …“

Er holte Luft, um etwas zu sagen, schloss den Mund dann aber wieder.

Juliette war schon immer sehr gesprächig gewesen. Jetzt redete sie offenbar gerade diesen großen, ruppigen, zupackenden Cowboy an die Wand. Lustig war das schon irgendwie. Ob sie ihn wohl irgendwann mal zu Wort kommen lassen würde?

„Juliette …“, begann er. „Juliette … Juliette! Juliette …“ Einige Sekunden lang hielt er das Telefon vom Ohr weg und blickte resignierend zur Zimmerdecke.

Schließlich hatte Chelsea eine Idee. „Juliette, ich bin’s, Chelsea!“, rief sie so laut sie konnte. „Chelsea Allen. Erklär diesem Mann doch bitte, dass du mich kennst und es okay ist, dass ich in deinem Haus bin.“

Obwohl sie kein Wort von dem verstanden hatte, was Juliette erzählt hatte, bekam sie jetzt sehr wohl mit, dass am anderen Ende der Leitung plötzlich Stille herrschte. Offenbar hatte Juliette sie gehört. Blieb nur zu hoffen, dass sich ihre Freundin auch an den gemeinsamen Code erinnerte.

Chelsea Allen – so hatte sich Chelsea zu Studienzeiten immer genannt, wenn sie nicht weiter auffallen wollte, denn die meisten Leute benahmen sich ihr gegenüber auf einmal seltsam, wenn sie ihren vollen Namen hörten: Lady Ashford Alden. Solange sie einfach nur Chelsea Allen war, wurde sie ganz normal behandelt. Nicht wie die Schwester einer bekannten Modedesignerin oder eines Mannes, der gerade als der zukünftige britische Premierminister gehandelt wurde. Chelsea Allen war ein echter Nobody, von dem niemand etwas wollte.

Jetzt wirkte Ethan erst recht verwirrt. Stirnrunzelnd drückte er sich das Handy wieder ans Ohr. „Juliette? Kennst du eine Chelsea Allen?“

Wieder redete Juliette drauflos. Ethan blickte zu Chelsea hinüber, und seine Miene verdüsterte sich. „Ja, sie steht gerade vor mir, in deinem Badezimmer. Ja, ja. In deiner Badewanne, genauer gesagt. Nein, sie badet nicht … sie ist durchs Fenster geklettert, dabei habe ich sie erwischt … Ach, das ist eine lange Geschichte … Nein, sie ist natürlich angezogen. Juliette, hör mir bitte mal zu. Ich will doch nur wissen, ob sie wirklich mit dir befreundet ist.“

Jetzt konnte Chelsea sich nicht mehr zurückhalten, sie lachte laut los. Anschließend kletterte sie aus der Wanne und stützte sich dabei mit einer Hand an der Wand ab.

Ethan hielt ihr das Handy hin. „Juliette möchte mit Ihnen sprechen.“

Sie lächelte ihn selbstzufrieden an und nahm das Telefon entgegen. „Hi Jules!“

Am anderen Ende der Leitung lachte Juliette mit ihrer warmen, klangvollen Stimme. „Oh nein, Chelsea. Das tut mir so leid! Ich wollte dir doch einen Schlüssel hinterlegen, das habe ich komplett vergessen. Tja, und das Badezimmerfenster habe ich wohl auch nicht zugemacht.“

„Alles halb so wild. Aber es wäre nett, wenn du dem Hilfssheriff hier Entwarnung geben könntest.“

„Tja, du warst eben schon immer für deine besonderen Auftritte berühmt, Chelsea“, meinte Juliette.

„Ich weiß. Grundsätzlich gehe ich aber lieber durch die Tür ins Haus, statt durch ein winziges Fenster zu klettern. Das ist nämlich nicht gerade meine Spezialität. Sagst du Ethan Campbell bitte noch schnell, dass ich wirklich hier sein darf? Sonst fährt er mich womöglich gleich ins Gefängnis.“

Allmählich wurde es ihr zu eng in dem kleinen Badezimmer, deshalb schob sie sich an Ethan vorbei in den Flur. Dabei berührte ihre Schulter kurz seinen harten, durchtrainierten Oberkörper. Wäre ihr der Mann nicht so schrecklich auf die Nerven gegangen, hätte sie die Berührung wahrscheinlich erregend gefunden.

„Ethan ist lange nicht so schlimm, wie er manchmal tut“, erwiderte Juliette lachend. „Wenn man ihn erst mal kennt, merkt man schnell, dass er eigentlich ein großer, knuddeliger Teddybär ist.“

Knuddelig? Seine Brustmuskulatur hatte sich steinhart angefühlt!

„Sprichst du da etwa aus Erfahrung?“, hakte Chelsea grinsend nach.

Ihre Freundin schnaubte leise. „Ähm, nein. Aber ich erzähle dir das später genauer. Jetzt gib ihm erst mal das Telefon wieder, damit ich ihm sagen kann, dass du bei mir immer herzlich willkommen bist. Mach’s dir gemütlich, nimm dir alles, was du brauchst. Der Tee ist im Küchenschrank neben dem Herd, außerdem habe ich selbst gemachte Lasagne für dich eingefroren. Morgen Nachmittag bin ich auch schon wieder da, dann haben wir uns garantiert viel zu erzählen.“

Chelsea schaute zu Ethan hinüber. Der tat gar nicht erst so, als würde er das Gespräch nicht belauschen.

„Das stimmt, es gibt wirklich viel zu besprechen“, bestätigte Chelsea. „Wenn du wieder hier bist, erzähle ich dir alles.“ Sie suchte Ethans Blick. „Sagst du dem Teddybären bitte jetzt erst mal, dass ich wirklich hier sein darf?“

Ethan schnaubte laut. „Teddybär?“

Chelsea ignorierte ihn einfach. „Vielen Dank, Jules. Das ist wirklich lieb von dir.“

3. KAPITEL

Als Chelsea am nächsten Morgen die Augen aufschlug, dauerte es einen Augenblick, bis ihr wieder einfiel, dass sie in Juliettes Gästezimmer lag und damit erst mal in Sicherheit vor der britischen Klatschpresse war. Überall in dem kleinen Zimmer waren Rosen zu sehen … auf der Bettdecke, den Vorhängen, dem Ohrensessel, sogar auf der kleinen Fußbank davor. Typisch Juliette. Bei dem Anblick wurde Chelsea sofort warm ums Herz.

Sie streckte sich langsam und genüsslich, dann blinzelte sie zu dem Wecker auf dem Nachttisch hinüber. Neun Uhr. Höchste Zeit aufzustehen, dachte sie. Allerhöchste Zeit sogar. Doch dann kuschelte sie sich noch intensiver in das warme, weiche Bett.

Offenbar hatten ihr Körper und ihre Seele die Erholung dringend nötig. Ihr wurde bewusst, dass sie heute zum ersten Mal wieder richtig durchgeschlafen hatte, seit die Regenbogenpresse letzte Woche ihr komplettes Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt hatte, schlüpfrige Witze über sie gemacht und sie auf geschmackloseste Weise erniedrigt hatte. Obwohl ihr Ex-Freund derjenige gewesen war, der sie ohne ihre Einwilligung beim Sex gefilmt hatte, hatte sie jetzt darunter zu leiden. Ihre Geschwister konnten ihr nicht mehr in die Augen schauen, und ihre Eltern wollten sie inzwischen gar nicht mehr sehen. Sie war mit der ganzen Sache vollkommen auf sich allein gestellt und hatte deshalb beschlossen, das Land zu verlassen, bis das Schlimmste vorüber war.

In den letzten Tagen hatte sie deshalb vor dem Einschlafen und direkt nach dem Aufwachen nur noch daran denken können … aber heute war es anders gewesen.

Heute Morgen hatte sie zuallererst an Blumen gedacht.

In Juliettes kleinem Haus fühlte sie sich endlich wieder sicher und geborgen. Natürlich konnte die Klatschpresse sie auch in Celebration, Texas, ausfindig machen, allerdings hatten die Menschen in einer Kleinstadt stets ein Auge aufeinander und sorgten dafür, dass niemand in Bereiche eindrang, in denen er nichts zu suchen hatte – genau wie Ethan Campbell gestern Abend. Hier war es sehr viel unwahrscheinlicher, dass sich ein Reporter an sie heranschlich, so wie es in London immer wieder passiert war.

Sie schloss die Augen und presste die Handballen dagegen, um die unangenehmen Erinnerungen zu verdrängen. Das funktionierte auch ganz gut. So gut, dass sie jetzt nur noch Ethan Campbell vor sich sah.

Im Nachhinein und bei Tageslicht betrachtet, fand sie sein Verhalten gar nicht mehr so ärgerlich wie gestern. Inzwischen hatte sie sich ausgeruht und sah die Dinge schon viel entspannter. Außerdem hatte sie jetzt eine wunderschöne Unterkunft bei einer guten Freundin, mit der sie sich bald über all ihre Probleme austauschen konnte. Aber sie wollte aufpassen, dass sie Juliettes Gastfreundschaft nicht überbeanspruchte. Gleichzeitig hoffte sie aber natürlich, dass sich ihre Freundin ebenso sehr über das Wiedersehen freute wie sie selbst.

Jetzt würde sie sich erst mal einen Tee kochen. Sie schwang die Beine über die Bettkante und zog sich ihre fuchsiafarbene Yogahose an. Hoffentlich hatte Ethan noch nicht zu vielen Leuten von ihrer gestrigen Begegnung erzählt. Juliette hatte sich nämlich schon mehrmals darüber beklagt, dass die Menschen in ihrer Heimatstadt manchmal ganz schön neugierig waren und sich durchaus auch mal in Dinge einmischten, die sie gar nichts angingen. So schön es auch war, dass es hier meistens sehr kuschelig und nachbarschaftlich zuging, das war der Nachteil.

In der Küche setzte Chelsea erst einmal Wasser auf, dann sah sie sich bei ihrer Freundin um. Das Häuschen war sehr gemütlich eingerichtet und dazu noch blitzsauber und ordentlich. Die Einrichtung kombinierte auf charmante Weise altmodische Dinge mit modernen Akzenten und wirkte insgesamt so schick und einzigartig wie Juliette selbst.

Auf dem gut gepolsterten Wohnzimmersofa lagen zahlreiche Kissen mit prächtigen Blumenmustern in schillernden Juwelentönen. Das Stabparkett war im Fischgrätenmuster verlegt worden und sah aus, als stamme es aus einem Pariser Apartment der Jahrhundertwende. Die Wände waren in einem warmen Hellblau gestrichen, dadurch kam der weiße Stuck an den Zimmerdecken besonders schön zur Geltung. In der Mitte des Wohnzimmers lag als Blickfang ein antiker Orientteppich, der gleichzeitig einen faszinierenden Kontrast zu dem modernen Couchtisch aus Holz und Glas bildete.

Aus Chelseas Sicht hätte Juliette ihr Haus gar nicht geschmackvoller und kreativer einrichten können. Chelsea selbst hatte Innenarchitektur studiert und sogar kurz für einen edlen Londoner Einrichter gearbeitet, ein toller Job, den sie ein Jahr nach ihrem Universitätsabschluss ergattert hatte.

Dann hatte sie allerdings von der internationalen Hilfsorganisation Voluntary Service Overseas gehört, die weltweit Projekte auf die Beine stellte, und da Chelsea im Überfluss groß geworden war, sah sie darin die Gelegenheit, anderen Menschen, die nicht so großes Glück im Leben gehabt hatten, etwas zurückgeben zu können. Sie hatte sich für ein Projekt in Afrika entschieden. Damals hatten sie alle für verrückt erklärt, als sie ihren Job einfach an den Nagel gehängt hatte, den ihre Schwester Victoria ihr vermittelt hatte. Ihre Familie hatte die Augen verdreht und ihr vorgeworfen, nicht erwachsen werden zu wollen. Sie würde sich nur weigern, Verantwortung zu übernehmen, hieß es. Chelsea fand das sehr unfair, denn es war ihr gelungen, die Organisation in Afrika einen großen Schritt voranzubringen.

Außerdem hatte sie sich selbst durch die Erfahrungen, die sie in dem von Hungersnöten geplagten Gebiet gemacht hatte, weiterentwickelt.

Dass man mit dem Preis für ein vollkommen unnötiges Designerkissen eine komplette hungernde Familie einen Monat lang ernähren konnte, hatte ihr damals schwer zu denken gegeben. Entsprechend war es danach für sie nicht mehr infrage gekommen, die Wohnräume von Superreichen einzurichten oder überhaupt noch als Innenarchitektin zu arbeiten. Also hatte sie sich erst mal eine Stelle bei der gemeinnützigen Stiftung End Hunger London gesucht, die sich um bedürftige Menschen vor Ort kümmerte, und wieder hatten sich ihre Verwandten darüber empört, weil besagte Einrichtung nicht zu den Wohltätigkeitsorganisationen gehörte, mit deren Unterstützung sich die Ashford Aldens traditionell schmückten.

Durch ihren Namen und das Ansehen ihrer Familie konnte Chelsea allerdings auch Aufmerksamkeit auf das Thema Armut in London lenken. Die Organisation End Hunger London hatte also gleich doppelt von ihrem Engagement profitiert, obwohl Chelsea sich selbst dafür nie ins Rampenlicht gestellt hatte.

Eine Zeit lang war sie von den Klatschreportern als Engel dargestellt worden. So lange, bis es ihnen irgendwann zu langweilig wurde und sie dazu übergingen, Chelsea durch den Dreck zu ziehen.

Zunächst kam selbst das ihr zugute, denn die kleinen Skandale, die man ihr andichtete, erzeugten immerhin Aufmerksamkeit, und dadurch wurde End Hunger London umso bekannter und erfolgreicher. Irgendwann war dann das hoch angesehene Londoner Einrichtungsunternehmen Hargraves Designs auf sie zugekommen, um sie als Designerin anzuwerben.

Inzwischen war Chelsea bereit gewesen für eine berufliche Veränderung. Natürlich wollte sie weiterhin Hilfsorganisationen unterstützen und ihre Position in der Gesellschaft nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, beruflich zog es sie aber letzten Endes doch wieder in den Bereich Design und Inneneinrichtung, und das Angebot von Hargraves kam da nun mal genau richtig.

Haddens Racheaktion hatte allerdings alles wieder zunichtegemacht. Mit Chelseas exzentrischem Image hätte Hargraves sehr gut leben können, die Video-Affäre war dem angesehenen Unternehmen dann aber doch eine Nummer zu schmuddelig gewesen. Also hatte Hargraves das Angebot wieder zurückgezogen, ohne ihr die Gelegenheit zu geben, sich persönlich dazu zu äußern.

Anstatt diesen schlimmen Erinnerungen weiter nachzuhängen, beschloss Chelsea, Juliettes Häuschen weiter zu erkunden. Am schönsten und berührendsten fand sie, dass es hier so viele Fotos von Menschen gab, die Juliette etwas bedeuteten. Auch Chelsea selbst war auf mehreren Bildern zusammen mit ihrer Freundin zu sehen. Allerdings fand sie keine einzige Aufnahme, die Jules zusammen mit Ethan Campbell zeigte. Nicht, dass sie extra danach gesucht hätte. Zumindest war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie danach gesucht hatte … bis sie gespürt hatte, dass sie sich aus irgendeinem seltsamen Grund darüber freute, kein Foto von ihm entdeckt zu haben. Auch das, was Jules ihr am Telefon über ihn erzählt hatte, ließ nicht unbedingt auf eine intime Beziehung zwischen den beiden schließen. Wobei sie im Grunde ja nur kurz über ihn gesprochen hatten.

Stattdessen hatte Juliette ihr gegenüber häufiger einen anderen Mann erwähnt. Aber hatte der nicht auch Campbell geheißen? John vielleicht? Nein … Jude … Jude Campbell, genau. Allerdings hatte Jules ihn schon länger nicht mehr erwähnt. Sobald sie wieder zu Hause war, wollte Chelsea mal etwas genauer nachfragen, doch jetzt sah sie sich erst mal weiter die Wohnräume an.

Juliette war zwar in Celebration geboren und aufgewachsen, war aber schon immer von allem Britischen begeistert gewesen. Nach ihrem Studium war sie allerdings wieder in ihre Heimatstadt in Texas zurückgekehrt, um sich hier selbstständig zu machen. Dabei hatte sie offenbar eine große Portion britisches Flair mitgenommen.

Seit ihrem Studienabschluss waren Chelsea und sie zwar in Kontakt geblieben, hatten sich aber inzwischen schon seit drei Jahren nicht mehr persönlich gesehen. Das lag auch daran, dass Chelsea ein Jahr lang in Afrika gelebt hatte und Juliette praktisch jeden Cent und jede freie Minute darin investiert hatte, um sich als Hochzeitsplanerin selbstständig machen zu können. Das einzig Gute an dem Skandal, den Hadden und Bertie Veal ihr eingebrockt hatten, war es, dass sie dadurch endlich dazu kam, ihre beste Freundin wiederzusehen.

In diesem Moment gab der Wasserkessel einen lauten Pfeifton von sich, und Chelsea lief in die Küche zurück, um den Gasherd abzudrehen. Dann gab sie zwei Löffel Teeblätter in das Teesieb, legte es in eine Tasse und goss heißes Wasser darüber.

Plötzlich hörte sie, dass jemand die Haustür aufschloss.

Wer konnte das sein?

Juliette wollte doch eigentlich erst heute Abend wiederkommen, frühestens heute Nachmittag. Schaute Ethan etwa noch mal vorbei? Dann hätte er aber wenigstens vorher klingeln oder anklopfen können … das würde sie ihm auch in aller Deutlichkeit sagen. Dass er über einen Haustürschlüssel verfügte, hieß noch lange nicht, dass er hier einfach ein- und ausgehen konnte, wie er es wollte, während sie hier allein war.

Sie ging aufgebracht in Richtung Haustür, um den ungebetenen Besucher entsprechend zurechtzuweisen. Unglaublich, was manche Männer sich herausnahmen! Glaubten, sie könnten einfach …

„Chelsea!“ In diesem Moment kam Juliette ihr entgegen. „Du bist ja wirklich hier, wie schön!“

Einen kurzen Augenblick lang spürte Chelsea so etwas wie Enttäuschung … aber das war natürlich vollkommen unmöglich. Wie könnte sie enttäuscht darüber sein, ihre Freundin Jules wiederzusehen, anstatt Ethan Campbell zurechtweisen zu müssen? Über das Wiedersehen mit Juliette freute sie sich wirklich von ganzem Herzen. Sie umarmte sie und drückte sie fest an sich.

„Endlich bist du da“, rief Chelsea und betrachtete ihre Freundin aufmerksam. „Du siehst ja so schön aus wie noch nie!“

Mit ihrer olivbraunen Haut, dem langen, dunklen Haar und den himmelblauen Augen war Juliette schon immer eine exotische Schönheit gewesen, doch jetzt wirkte sie noch selbstsicherer und gefestigter als früher – was wahrscheinlich daran lag, dass sich ihr Unternehmen so hervorragend entwickelte.

„Ich bin extra früh abgereist, damit wir uns so schnell wie möglich wiedersehen. Wie toll, dass du da bist, jetzt lasse ich dich nie wieder weg. Was ist eigentlich passiert? Was hat dieser Hadden Hastings dieses Mal angestellt? Du weißt ja, dass ich ihn noch nie leiden konnte.“

Verzweifelt suchte Chelsea nach den richtigen Worten. Es war gar nicht so einfach, Juliettes Fragen auf die Schnelle zu beantworten. „Willst du dich nicht erst mal hinsetzen und es dir ein bisschen gemütlich machen?“, schlug sie deshalb vor. „Ich koche dir auch einen Tee. Du bist doch bestimmt erschöpft.“

„Das klingt traumhaft.“ Juliette umarmte ihre Freundin erneut, dann ging sie den Flur hinunter. „Aber ich will unbedingt alles wissen. Jedes Detail.“

Genau das hatte Chelsea befürchtet.

Als Juliette zurückkam, trug sie statt des Business-Kostüms einen pinkfarbenen Trainingsanzug.

„Du kommst gerade aus San Antonio, oder?“, wechselte Chelsea unauffällig das Thema und hoffte, dass ihre Freundin sich darauf einließ.

Juliette nickte, dann stellte sie zwei Muffins und die zwei Teetassen auf ein Holztablett. „Die Hochzeit war toll. Die Familie der Braut hat ein Vermögen im Gewürzhandel verdient.“

„Im Gewürzhandel? Klingt irgendwie nach dem fünfzehnten Jahrhundert.“

„Ich glaube, genau dann wurde die Firma auch gegründet.“ Die beiden Frauen gingen ins Wohnzimmer und nahmen dort auf dem Sofa Platz. „Aber jetzt will ich endlich hören, was bei dir los ist.“ Juliette nippte an ihrem Tee. „Dreht deine Mutter mal wieder am Rad?“

„Tja, wenn es nur so einfach wäre …“ Chelsea senkte den Kopf. „Dann hast du offenbar noch nichts von der ganzen Sache mitbekommen.“

„Wovon denn?“ Besorgnis breitete sich auf Juliettes schönem Gesicht aus. „Du hast mir irgendetwas von einem Video erzählt, das Hadden an die Presse verkauft hat. Ist es wirklich so schlimm?“

Heiße Tränen schossen Chelsea in die Augen, und sie nickte. Wenn Juliette bisher nichts von dem großen Skandal mitbekommen hatte, hatte es die Berichterstattung darüber vielleicht noch nicht über den großen Teich geschafft.

Sanft legte die Freundin ihr eine Hand auf den Arm. „Ach, Süße … erzähl mir doch bitte, was passiert ist.“

Chelsea holte tief Luft. Sie musste das Drama schnell erzählen, dann war das Schlimmste vorbei. Es war wie bei einem Sprung vom Zehnmeterbrett … wenn man zu lange wartete oder zu viel darüber nachdachte, traute man sich irgendwann gar nicht mehr. „Kurz vor unserer Trennung hat Hadden uns beim Sex gefilmt. Als bekannt wurde, dass Thomas sich als Premierminister zur Wahl stellt, hat Hadden das Video kurzerhand an die Medien weitergegeben.“

Juliette verschluckte sich an ihrem Tee und musste erst mal ausgiebig husten. „Ist das dein Ernst?“, sagte sie entsetzt, als sie sich wieder gefangen hatte.

Chelsea nickte. Immer wenn dieses Thema zur Sprache kam, konnte sie vor Scham kaum etwas sagen.

„Dieser kleine Mistkerl! Ich würde ihn anzeigen und das Schmierblatt, das den Film veröffentlicht hat, gleich mit. Das haben sie immerhin ohne deine Einwilligung getan.“

„Allerdings, ich hätte der Sache doch nie im Leben zugestimmt. Ich hätte auch nicht zugelassen, dass Hadden mich filmt, wenn ich etwas davon mitbekommen hätte. Blöderweise kann ich nicht beweisen, dass Hadden das Material in Umlauf gebracht hat. Dir und mir ist natürlich vollkommen klar, dass es niemand anderes gewesen sein kann, es war ja sonst niemand in der Wohnung, als wir miteinander geschlafen haben …“

Sie brach ab und betrachtete ihre Hände, die sie in den Schoß gelegt hatte. Die Situation war ihr unfassbar unangenehm, selbst vor ihrer besten Freundin.

„Was fällt dem eigentlich ein!“, schimpfte Juliette. „Unglaublich, wie er dich in aller Öffentlichkeit gedemütigt hat. Das müsste ihm eigentlich unendlich peinlich sein, nicht dir. Du bist hier das Opfer, das ist dir hoffentlich klar.“

„Es ist toll, dass du mich so unterstützt, doch im Moment schäme ich mich ganz schrecklich und komme mir irgendwie schmutzig vor. Aber ich lasse mich auf keinen Fall von Hadden zum Opfer machen. Witzigerweise sieht sich stattdessen meine komplette Familie gerade als Opfer. Sie haben gesagt, dass ich mit dem Skandal die Zukunft meines Bruders Thomas gefährde. Deshalb haben sie mir auch nahegelegt, von der Bildfläche zu verschwinden, bis Gras über die hässliche Geschichte gewachsen ist. Also vielen Dank dafür, dass du mich bei dir aufgenommen hast“, sagte sie zu ihrer Freundin. „Ich wäre nirgendwo lieber untergeschlüpft als bei dir.“

Erneut umarmte Juliette sie und drückte sie fest an sich. „Ich freue mich so sehr, dass du hier bist, meine Süße! Obwohl ich dich natürlich lieber unter erfreulicheren Umständen wiedergesehen hätte. Jedenfalls ist vollkommen klar, dass du keine Schuld an der Sache hast, sondern Hadden. Der Typ ist so ein frauenfeindlicher, widerlicher Mistkerl. Ich verstehe nicht, warum du jetzt den ganzen Ärger deswegen am Hals hast und er einfach ungeschoren davonkommt.“

„Weil er sein Gesicht im Video unkenntlich gemacht hat. Niemand kann ihm nachweisen, dass er es ist.“

„Wer denn sonst? Du warst doch über ein Jahr lang mit ihm zusammen.“

„Solche Vermutungen haben die Leute natürlich auch schon angestellt, aber letzten Endes lässt sich das nicht beweisen.“ Chelsea schlug sich die Hände vor das Gesicht, und Juliette strich ihr sanft über den Rücken.

„Ich verstehe diese Gesellschaft einfach nicht“, beschwerte sie sich laut. „Warum werden Frauen heute immer noch schief angeguckt, wenn sie ihre Sexualität ausleben, und Männer beglückwünscht man dafür? Wir sind doch nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert!“

Chelsea zuckte mit den Schultern.

„Die Klatschpresse hat dich doch damals schon fertiggemacht, als du noch für End Hunger London gearbeitet hast“, fuhr Juliette fort. „Wie hieß noch mal dieses Ekelpaket, das dich ständig verfolgt hat?“

„Bertie Veal, und der ist auch immer noch ganz vorn dabei. Er war übrigens auch derjenige, der Hadden das Video abgekauft und es an die entsprechenden Stellen weitergeleitet hat. Er darf auf keinen Fall herauskriegen, dass ich jetzt hier bin, sonst muss ich sofort wieder verschwinden. Ich will nämlich auf keinen Fall, dass er dich auch noch belästigt. Hoffentlich weiß er nicht mehr, dass wir uns im Studentenwohnheim ein Zimmer geteilt haben.“

„Ach was, der erinnert sich doch nicht an mich, für mich hat er sich noch nie interessiert. Für dich dafür allerdings umso mehr. Ich glaube sogar, dass er sich damals ganz schön in dich verknallt hat, aber wusste, dass du für ihn unerreichbar bist. Der soll sich mal lieber um sein eigenes Leben kümmern, anstatt dich andauernd zu belästigen.“

„Tja, bloß besteht sein eigenes Leben leider genau darin, die Klatschpresse mit Skandalen zu beliefern.“

„Ich verstehe immer noch nicht, was an dem Video so skandalös sein soll. Du hast darauf doch nichts anderes getan als unzählige andere Frauen in deinem Alter auch. Bloß dass dein Vater zufällig der Earl of Downing ist und dein Bruder vielleicht der nächste Premierminister. Nur dadurch bist du zur Zielscheibe geworden … zu einer besonders faszinierenden Zielscheibe sogar.“

Juliette meinte es nur gut, das wusste Chelsea, trotzdem fühlte sie sich durch die Worte ihrer Freundin nicht gerade besser. Eigentlich war sie nach Celebration gekommen, um das Thema endlich abzuhaken, statt es noch weiter breitzutreten.

„Kann man Hadden denn nicht über die IP-Adresse drankriegen, von der aus er das Video weitergeleitet hat?“, fuhr Juliette fort. „Jeder hinterlässt doch beim Versenden im Netz Spuren, die man dann über den Internet-Provider verfolgen kann.“

Chelsea vergrub das Gesicht in den Händen. Es dauerte einen Moment, bis sie ihrer Freundin antwortete: „Thomas hat mir einen Anwalt organisiert, einen ehemaligen Schul- und Studienkameraden. Dieser versucht gerade, das Video aus dem Netz zu entfernen. Mein Bruder tut also schon alles, was er kann. Dummerweise verbreitet sich das Video gerade wie ein Virus. Kaum hat man es von einer Seite entfernen lassen, taucht es auf drei weiteren auf.“ Sie seufzte. „Aber eigentlich will ich das Thema gar nicht weiterverfolgen, ich habe in den letzten Tagen sowieso schon an nichts anderes mehr denken können.“

Juliette stellte ihre Teetasse ab und umarmte Chelsea. „Entschuldige bitte, ich wollte nicht noch Salz in die Wunde streuen. Auf jeden Fall hast du dir absolut nichts vorzuwerfen. Hadden ist aufs Fieseste in deine Privatsphäre eingedrungen, und jetzt bildet sich dieses Rindvieh auch noch etwas darauf ein, weil die Presse so tut, als befänden wir uns noch im prüden siebzehnten Jahrhundert.“

„Es ist wirklich toll, dass du so auf meiner Seite stehst, aber können wir jetzt bitte trotzdem das Thema wechseln?“, bat Chelsea ihre Freundin.

Juliette nickte, machte aber immer noch den Eindruck, als würde sie Hadden am liebsten sofort an die Gurgel gehen wollen.

„Ich frage mich übrigens schon die ganze Zeit, ob dein Nachbar Ethan Campbell mit deinem Ex-Freund Jude Campbell verwandt ist. Ich schätze mal ja, oder?“

Juliette verzog das Gesicht und wirkte plötzlich erstaunlich ernst. „Stimmt, die beiden sind Brüder. Allerdings habe ich Jude nicht mehr gesehen, seit ich wieder hier in Celebration wohne. Er ist jetzt professioneller Rodeo-Cowboy und deshalb ständig auf Tour. Von mir aus kann er auch für immer wegbleiben.“

„Bist du seinetwegen immer noch verletzt?“

Juliette biss sich auf die Unterlippe und schwieg.

„Ethan scheint jedenfalls ziemlich aufmerksam zu sein“, meinte Chelsea.

„Ja, er ist schon ein toller Mann, und dabei ganz anders als sein Bruder.“

„Wäre er denn dann nicht vielleicht etwas für dich? Er ist doch ein heißer Typ, wenn auch vielleicht etwas verspannt. Jedenfalls wäre er bestimmt kein schlechter Fang.“

„Das kommt nicht infrage. Ethan ist für mich wie ein großer Bruder … ein netter Mann, der ein bisschen auf mich aufpasst.“

„Der auf dich aufpasst? Ich glaube eher, der hat ein Auge auf dich geworfen.“

Juliette zuckte zusammen. „Ethan? Auf keinen Fall.“ Sie kniff die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, schüttelte den Kopf und sah dabei aus, als hätte Chelsea sie gerade aufgefordert, die durchweichten Teeblätter aus dem Teesieb zu essen. „Er ist gar nicht mein Typ, zwischen uns läuft nichts.“

Schon wieder spürte Chelsea diese unerklärliche Genugtuung, die sie schon empfunden hatte, als sie kein Foto von Ethan an Juliettes Bilderwänden entdeckt hatte.

„Zwischen seinem Bruder Jude und mir war es mal ganz schön ernst, wir waren ziemlich lange zusammen.“

„Hörst du manchmal noch etwas von ihm?“

„Nein, und ich möchte auch lieber nicht weiter über ihn sprechen.“ Juliettes Lächeln wirkte nun angestrengt.

„Alles klar, aber falls du irgendwann doch darüber reden willst, bin ich jederzeit für dich da.“ Juliette nickte kurz, und Chelsea wechselte daraufhin das Thema: „Vielen Dank, dass ich bei dir unterschlüpfen darf. Ich will dich hier aber auch nicht zu lange belagern. Wenn es dir irgendwann zu viel wird, sag bitte sofort Bescheid, dann suche ich mir eine Unterkunft in der Stadt.“

„Du kannst so lange hierbleiben, wie du willst“, erwiderte Juliette sofort. „Ich freue mich unglaublich, dass du da bist. Komm, wir setzen uns mit unserem Tee nach draußen, das Wetter ist heute so schön.“

Chelsea folgte ihr auf die Terrasse. Jetzt, bei Tageslicht, sah die Umgebung viel freundlicher aus als gestern. Ihr Blick fiel auf das Badezimmerfenster, durch das sie ins Haus geklettert war. Auf der Veranda darunter lag immer noch der umgekippte Stuhl. Sie stellte ihn wieder aufrecht hin, und trug ihn anschließend zum Verandatisch herüber. „Hier siehst du noch den Tatort von gestern Nacht“, erklärte sie etwas beschämt.

„Ich verstehe“, erwiderte Juliette grinsend. „Es tut mir immer noch schrecklich leid, dass ich den Schlüssel nicht wie versprochen unter die Matte gelegt habe, ich habe es komplett vergessen.“

Die beiden Freundinnen setzten sich an den Tisch und stellten ihre Teetassen ab.

„Kein Problem.“ Chelsea lächelte. „Wenn hier momentan Einbrüche stattfinden, ist es sowieso klüger, keine Haustürschlüssel herumliegen zu lassen, nicht mal für eine Nacht. Das Badezimmerfenster solltest du übrigens auch nicht offenstehen lassen.“

Eine Weile nippten beide in schweigendem Einvernehmen an ihrem Tee.

„Ist dein heißer Nachbar eigentlich verheiratet?“, entfuhr es Chelsea plötzlich, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

„Warum fragst du? Hast du etwa Interesse an ihm?“

„Auf gar keinen Fall“, erwiderte sie hastig. „Ich bin nur neugierig.“

Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht durchaus an Ethan Campbell interessiert gewesen, schließlich entsprach er genau ihrem Beuteschema. Er war groß und sehr breitschultrig, hatte dunkles Haar und strahlend blaue Augen. „Ich will hier so gut es geht untertauchen und mich nicht noch tiefer in irgendeinen Schlamassel hineinreiten.“ Die Lage war auch so schon kritisch genug. Gerade jetzt, wo ihr Bruder Thomas sich auf seine Kandidatur als Premierminister vorbereitete, war dieses Video veröffentlicht worden. Vielleicht war das ja auch der nötige Weckruf für Chelsea, der sie ermahnen sollte, ihr Leben endlich auf die Reihe zu bekommen?

Draußen fiel jetzt eine Autotür ins Schloss, und Chelsea hörte Hundegebell.

„Das ist Franklin!“, rief Juliette ausgelassen und sprang auf. Franklin war ihr kleiner Hund, den sie während ihrer Abwesenheit woanders untergebracht hatte. „Ethan bringt ihn gerade zurück.“

„Ethan?“ Herrje, führte in dieser Kleinstadt denn kein Weg an dem Mann vorbei? Doch insgeheim freute sie sich darüber.

„Wenn ich unterwegs bin, passt er immer auf Franklin auf.“

„Er...

Autor

Caro Carson
Schon als in West Point, New York, ausgebildete Armee-Offizierin stand Caro Carson auf die Happy Ends guter Liebesromane, die sie überall las, wohin ihre Einsätze sie verschlugen. Anschließend arbeitete sie in der Pharmaindustrie und führte daher zahlreiche Fachgespräche mit Ärzten. Damals hatte sie noch keine Ahnung, dass diese Gespräche ihr...
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Allison Leigh

Allison Leigh war schon immer eine begeisterte Leserin und wollte bereits als kleines Mädchen Autorin werden. Sie verfasste ein Halloween-Stück, das ihre Abschlussklasse aufführte. Seitdem hat sich zwar ihr Geschmack etwas verändert, aber die Leidenschaft zum Schreiben verlor sie nie. Als ihr erster Roman von Silhouette Books veröffentlicht wurde, wurde...

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