Adamas - ein Königreich für die Liebe (8-teilige Serie)

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Ein königlicher Verführer
Ein Prinz vor ihrem New Yorker Apartment! Die Schmuckdesignerin Maria traut ihren Augen nicht. Tausendmal hat sie an jene Liebesnacht gedacht, in der sie in Prinz Alexandros' Armen lag! Jetzt befiehlt der Prinz ihr, mit ihm nach Aristo zurückzukehren: Sie soll das kostbare Collier zum Geburtstag von Königin Tia entwerfen. Doch statt zu jubeln, ist Maria vorsichtig. Sie weiß, wie unendlich zärtlich Alex sein kann, aber auch, wie gefährlich kühl…

Prinzessin auf den zweiten Blick
Die junge Eleni ist den Tränen nah: Ihr Vater hat ihr Pferd verspielt! Zum prächtigen Palast von Scheich Kaliq soll der Hengst gebracht werden. Ihr verzweifelter Entschluss, sich im Transporter zu verstecken, wird von dem attraktiven Scheich vereitelt. Glück im Unglück: Als Stallmädchen darf Eleni mitkommen. Sie ahnt nicht, dass sie mit ihrem Mut Kaliqs männliches Interesse geweckt hat…
Mein Herz und deine Krone
Die Romanze mit Holly, dem Mädchen aus Australien, ist eine zärtliche Erinnerung , die bisher Prinz Andreas Geheimnis war. Doch jetzt droht ein Skandal. Ein Reporter hat herausgefunden, dass Holly damals ein Baby von Andreas bekommen und es auf tragische Weise verloren hat. Der Prinz kann es nicht fassen: Warum hat sie ihm das verschwiegen? Warum durfte er ihren Schmerz nicht teilen? Er schmiedet einen königlichen Plan…

Die verbotene Geliebte des Scheichs
Die Pflicht verlangt es, aber Kalilas Herz droht zu zerbrechen: An ihrem 12. Geburtstag wurde sie mit dem König von Calista verlobt, jetzt, zehn Jahre später, soll sie ihn heiraten. Niemand fragt, wie es in ihrer Seele aussieht, als Scheich Aarif kommt, um sie zu seinem Bruder zu bringen. Doch ausgerechnet Aarif weckt Kalilas Liebe! In einer zärtlichen Nacht schenkt sie ihm voller verbotener Leidenschaft, was dem König vorbehalten war…

Königin für eine Nacht?
Immer schon stand die scheue Prinzessin Kitty im Schatten ihrer glamourösen Schwester, und ihre besten Freunde sind die Bücher der Palastbibliothek. Eine Romanze? Undenkbar! Bis ihr beim abendlichen Bad am Privatstrand der Reeder Nikos Angelaki begegnet, Geschäftspartner ihres Bruders in Aristo. Nikos erkennt sie nicht. Aber in seinen Augen liest Kitty die Bewunderung, nach der sie sich so lange vergeblich gesehnt hat…

Eine königliche Affäre
Niemals könnte Cassie Kyriakis die Königin von Aristo werden! Das weiß Kronprinz Sebastian genau. Trotzdem kann er bei einem Empfang im Palast nicht den Blick von ihrer eleganten Erscheinung wenden. An jede Nacht ihrer heimlichen Affäre erinnert er sich plötzlich. Aber eben auch daran, warum sie enden musste: Cassie geriet unter Mordverdacht. Dafür hat sie gebüßt. Doch warum weicht sie so beharrlich seinen Blicken aus?

Gala der Herzen
Zu viele Partys, zu viele Flirts - Schluss damit! Streng bestimmt die Königsfamilie: Lissa soll als Assistentin des Unternehmers James Black endlich den Ernst des Lebens kennenlernen. Doch dabei verliebt die lebensfrohe Prinzessin sich Hals über Kopf in ihren attraktiven Boss. Als sie für ihn eine glamouröse Gala organisieren soll, ist sie in ihrem Element. Was für ein Triumph…

Krönung der Liebe - Krönung des Glücks
Die tiefe Stille der Wüste gibt König Zakari neue Kraft, neue Ideen. Eins allerdings vermisst der feurige Scheich: eine Frau, die sein Lager teilt. Weshalb er befiehlt, dass seine Geliebte gebracht werden soll. Doch statt ihr steigt das Hausmädchen Effie aus dem Helikopter. Überrascht von der Heftigkeit, mit der er die unschuldige Schöne begehrt, beschließt Zakari: Er will sie nicht einfach nehmen. Er will sie sacht verführen…


  • Erscheinungstag 06.07.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787059
  • Seitenanzahl 1184
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Sandra Marton, Sharon Kendrick, Marion Lennox, Kate Hewitt, Chantelle Shaw, Melanie Milburne, Natalie Anderson, Carol Marinelli

Adamas - ein Königreich für die Liebe (8-teilige Serie)

Sandra Marton

Ein königlicher Verführer

IMPRESSUM

JULIA erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG,
20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2009 by Harlequin Books S.A.
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 1913 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Gudrun Bothe

Fotos: Harlequin Books S.A. / shutterstock

Veröffentlicht im ePub Format im 12/2010 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86295-451-3

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

1. KAPITEL

Prinz Alexandros Karedes, zweiter in der Thronfolge des Königreichs von Aristo, war nicht dafür geschaffen, zu warten.

Geduld hatte noch nie zu seinen herausragenden Stärken gehört. Wer mochte also so ignorant sein, einen Mann wie ihn auf diese Weise unnötig herauszufordern?

Sein eigener Vater! Alexandros ließ einen resignierten Seufzer hören, während er im Vorraum zum Thronsaal wohl zum zehnten Mal – in ebenso vielen Minuten – den antiken Marmorkamin passierte. Der kleine Zeiger der vergoldeten französischen Uhr auf dem Kaminsims zeigte auf sechs.

Man hatte ihm ausgerichtet, der König erwarte ihn um fünf Uhr dreißig. Doch Aegeus war nicht gerade für seine Pünktlichkeit bekannt, selbst wenn es seine Kinder betraf.

„Eine unglückliche Angewohnheit“, nannte es Königin Tia, doch Alex, wie ihn Normalsterbliche nannten, war weniger zurückhaltend. Er kannte seinen Vater sehr gut und war überzeugt davon, dass seine chronische Unpünktlichkeit nur eine weitere subtile Methode war, jedermann daran zu erinnern, eingeschlossen seine Familie, dass er, obwohl in die Jahre gekommen, immer noch der König war.

Wahrscheinlich verlangte er auch genau aus diesem Grund, dass sein Sohn ihn hier, in diesem formellen Rahmen, aufsuchte, anstatt mit ihm in den königlichen Privatgemächern zu sprechen.

Aber so war er eben, und aus Erfahrung wusste Alex, dass es keinen Zweck hatte, das Verhalten seines Vaters zu kritisieren oder gar infrage zu stellen. Aegeus war ein mehr als kompetenter Herrscher und der Bevölkerung von Aristo ein gütiger Regent.

Nur, was seine Frau und seine Kinder betraf, verhielt er sich von jeher seltsam distanziert.

Alex war das egal. Mit sechs oder sieben Jahren hätte ihm etwas weniger Formalität und eine wie auch immer geartete Demonstration von Zuneigung sicher noch etwas bedeutet. Doch heute, mit einunddreißig, hatte er sich längst ein eigenes, sehr erfolgreiches Leben aufgebaut, vertrat das Königreich nach außen auf internationalem Parkett und genoss, als kluger Stratege und geschickter Geschäftsmann, weltweite Reputation.

Alex schaute erneut zur Uhr.

Auch wenn er die lästige Marotte seines Erzeugers hinlänglich kannte, empfand er das unsinnige Warten als irritierend. Das Meeting an sich würde nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, auch das wusste er aus Erfahrung.

Da er gerade erst von einer Geschäftsreise aus Fernost zurückkam, wollte Aegeus sicherlich wissen, ob alles wie erwartet gelaufen war und genügend wichtige neue Banken und Konsortien auf der beeindruckenden Liste von Alex’ ausländischen Geschäftsverbindungen zu verzeichnen seien. An Details war er selten interessiert. Für Aegeus zählte einzig das Resultat.

Auch damit konnte Alex ausgezeichnet leben. Nur, wenn sein Vater ihn noch lange warten ließ, würde er möglicherweise zu spät zu seinem Date in die Stadt kommen.

Obwohl … eigentlich war selbst das kein Problem.

Mit seinem neuen Ferrari konnte er die kurvigen Serpentinen, die über das steile Kliff zum Mittelmeer hinunterführten, zügig überwinden. Und sollte er das Grand Hotel später als angekündigt erreichen, erwartete er keinen Einwand oder gar eine Beschwerde.

Um seinen Mund spielte ein zynisches Lächeln.

Falsche Bescheidenheit war Alexandros Karedes völlig fremd. In allem, was sein Leben bereicherte und es angenehm machte, bewies er ein glückliches Händchen. Egal, ob es um schöne Frauen ging, rasante Autos oder Glücksspiel. Und ganz nebenbei verfügte er über ein untrügliches Gespür für geschäftlichen Erfolg, was sich in seinem ganz privaten Imperium niederschlug, das er hier in Aristo und in New York aufgebaut hatte.

Sein Lächeln verblasste. Was das Thema Frauen betraf, schien ihn sein Glück in der letzten Zeit allerdings verlassen zu haben.

Dabei mangelte es ihm wahrlich nicht an verlockenden Angeboten. Sein heutiges Date war ein internationales Top-Model, das ihm bei einem Foto-Shooting vor dem Casino aufgefallen war, als er mit dem Manager über eine geplante Erweiterung der Spielbank sprach.

Sie war einfach umwerfend attraktiv und atemberaubend sexy, und Alex ging davon aus, dass sie den heutigen Abend in seinem Stadtapartment im Bett verbringen würden …

Und?, dachte er.

Was für eine verrückte Reaktion! Eine weitere schöne Frau auf seiner Liste, eine heiße Liaison mehr, und das war alles was ihm dabei durch den Kopf ging?

Vielleicht lag es daran, dass er genau wusste, was nach dieser Nacht kam. Sie würde versuchen, ihren One-Night-Stand zu einer Affäre auszubauen, und er nach einem höflichen Weg suchen, genau das zu verhindern. Schließlich würde das Intermezzo enden, bevor es richtig angefangen hatte, wie stets.

Aber er mochte Sex … und Frauen. Ihre weichen Körper, ihren betörenden Duft und die anregende Gesellschaft. Es war nur so, dass es ihm momentan einfach nicht gelingen wollte, sich auf eine einzige von ihnen zu konzentrieren. Nicht, dass er ein Faible für langfristige Beziehungen hegte! Einen Monat, vielleicht zwei. Drei maximal, dann gab es nur noch eines zu tun: ein kostbares Geschenk zu schicken und weiterziehen.

Alex runzelte die Stirn.

In den letzten Wochen schien ihm nur noch das geblieben zu sein: das rastlose Weiterziehen. Was auch seinen Geschwistern nicht entgangen war. Seither neckten sie ihn mit seiner Wanderlust.

Natürlich mit der Betonung auf Lust, hatte Sebastian gesagt, während Andreas sich mit einem breiten Grinsen begnügte. Selbst Alex’ Schwestern schlugen in die gleiche Kerbe. Lissa via Mail aus dem fernen Paris, und Kitty, die ihren Hang zur Melodramatik ins Feld führte, nannte ihn ihren armen Bruder, der einfach nicht die Liebe seines Lebens finden konnte.

Alex verzichtete weise darauf, ihr den Unterschied zwischen Liebe und Lust zu erklären. Denn Liebe war seiner Ansicht nach ein überschätztes Gefühl, das ins Reich der Mythen und Märchen gehörte. Was heutzutage allgemein als Liebe bezeichnet wurde, war nicht mehr als hormonelle Anziehung, und bei seinen Eltern nicht einmal das!

Ihre Ehe war aus Staatsraison und Vernunftgründen geschlossen worden. Einen großen Namen, königlichen Titel und eine Blutlinie weiterzutragen, die seit Jahrhunderten existierten, das war die Bestimmung der Mitglieder aus königlichem Geblüt.

Und genau das musste auch für Sebastian, als Thronfolger, das entscheidende Kriterium sein. Er würde sich seine Königin selbst aussuchen können – immerhin schrieb man inzwischen das einundzwanzigste Jahrhundert – aber nur aus einer mit Sorgfalt aufgestellten Liste akzeptabler junger Frauen.

Auf ihm selbst, als zweitem in der Thronlinie, lag weniger Druck, doch Alex war sich der Verantwortung seines Standes sehr wohl bewusst und würde selbstverständlich ebenfalls nur eine standesgemäße Braut wählen.

Allerdings sollte seine Zukünftige wenigstens attraktiv sein. Was geistige Anregung und sexuelle Lust betraf, dafür gab es schließlich die Geliebte. Natürlich würde er diskret sein, um seine Frau nicht vorsätzlich zu brüskieren, aber als königliche Gattin wäre sie sich ohnehin ihrer Stellung und Aufgabe bewusst, die darin bestanden, an seiner Seite zu repräsentieren und ihm Kinder zu gebären.

Keiner von ihnen würde so naiv und unvernünftig sein, vom Ehepartner so etwas wie Liebe zu erwarten. Diskretion in ihren außerehelichen Affären reichte völlig.

Alex unterbrach seine nervöse Wanderung, schob die Hände frustriert in die Hosentaschen und starrte missmutig auf die Waffensammlung an der Wand über dem Kamin.

Vor vielen Jahren hatte es einmal eine Frau gegeben …

Frau war eigentlich zu viel gesagt, ein junges Mädchen. Sie hatte ihn mit ihren Küssen, ihren Berührungen und gehauchten Versprechungen verhext und hinterher ausgelacht. Er war kaum mehr als ein Junge gewesen! Von einem Teil seines Körpers gesteuert, der nicht unbedingt mit seinem Gehirn in Verbindung stand. Doch er hatte seine Lektion gelernt und nie wieder den gleichen Fehler gemacht.

Bis zu jener Nacht vor zwei Monaten …

Eine Nacht, in der eine Fremde in seinen Armen lag, deren Gesicht vor vermeintlicher Unschuld geradezu leuchtete. Sie bot ihm ihren weichen Mund an, öffnete ihn unter dem hungrigen Druck seiner Lippen, und die Welt um ihn herum war vergessen.

Bis zum nächsten Morgen, als er erkennen musste, das alles nur eine Lüge gewesen war.

„Prinz Alexandros.“

Nein, nicht einfach nur eine Lüge! Alex presste die Kiefer zusammen, bis sie schmerzten. Betrug! Geplanter Betrug … von der ersten Sekunde an!

„Sir? Der König und die Königin bitten Sie zu sich.“

Aber so einfach hatte er sie nicht davonkommen lassen! Anstatt sie direkt zur Rede zu stellen, tat er so, als wüsste er nichts von ihrer Infamie. Sie spielte weiter ihren Unschuldspart und er seine Rolle, indem er sie erneut zu heißem Sex verführte. Doch als sie dieses Mal erschöpft und mit seligem Lächeln an seiner Seite lag, beobachtete er kalt, wie sich ihre Augen vor Schock weiteten, als er ihr mitteilte, er wisse genau, wer und was sie sei. Und dann schickte er sie weg.

Sie hatte hoch gepokert … und verloren. C’est la vie!

„Eure Hoheit? Ihre Majestäten warten …“

In den darauffolgenden Wochen gab sich eine schier endlose Kette der attraktivsten und begehrenswertesten Frauen des Universums die Klinke zu seinem Apartment in die Hand. Daneben legte Alexandros Karedes endlose Meilen mit seinem nagelneuen Ferrari zurück, und noch mehr Flugmeilen im königlichen Privatjet. Von seinen Büros in New York ging es zu den Bahamas, von Virgin Island weiter nach Florida, Mexiko, und gerade eben erst war er aus Japan zurückgekommen.

Erfolgreiche Trips, aber das Tempo, das er dabei an den Tag gelegt und von seinen Geschäftspartnern gefordert hatte, war mörderisch gewesen. Bei Tag, mitten in der Nacht … an Roulette-Tischen und in Pokerrunden mit unglaublich hohen Einsätzen …

Selbst beim Sex.

Wüsste er es nicht besser, hätte man fast annehmen können, er versuche mit seiner Hetze von einem Kontinent zum anderen, einem Bett zum nächsten, die hässlichen Erinnerungen an jene Nacht auszulöschen, als er sich fast als Opfer einer skrupellosen Frau gefühlt hatte, die versuchte, ihn auszunutzen …

„Sir! Der König und die Königin erwarten Sie dringend.“

Alex blinzelte. Galen, der Leibdiener seines Vaters, stand in steifer Pose vor ihm. Der angestrengte Ausdruck auf seinem Gesicht sagte Alex, dass er schon eine ganze Weile versucht haben musste, seine Aufmerksamkeit zu wecken.

„Danke, Galen. Efcharisto.“

„Geht es Ihnen gut, Sir?“

„Ja … alles bestens. Ich bin nur ein wenig unkonzentriert.“ Alex zwang sich zu einem sorglosen Grinsen. „In der Stadt wartet eine Lady auf mich. Sie verstehen?“

Galen gestattete sich den Anflug eines Lächelns. „Ich bin sicher, die Lady wartet gern auf Sie, Sir.“ Mit einer tiefen Verbeugung trat er zurück und öffnete die Tür zum Thronsaal.

Seine Eltern waren nicht allein. Eine Handvoll Lakaien standen um seinen Vater herum, der an einem antiken Schreibtisch saß, den man unter dem Wust von Papieren kaum ausmachen konnte. Seine Mutter stand hoheitsvoll aufgerichtet auf der Thronplattform, umgeben von einem Schwarm Zofen, die auf dem Boden hockten und den Saum ihres prachtvollen Gewandes aus Samt und Brokat in Händen hielten. Sie schienen etwas abzustecken, festzupinnen oder was Frauen mit Metern und Metern dieser pompösen Stoffe sonst so veranstalteten.

Um Alex’ ausdrucksvollen Mund zuckte es verdächtig.

Trotz seiner Eleganz, der einmaligen Fresken, dem unschätzbar kostbaren byzantinischen Wandbehang und der von einem Meister aus dem sechzehnten Jahrhundert kunstvoll bemalten, gewölbten Decke, ähnelte der Thronsaal mehr dem Wohnzimmer eines notorischen Messies als dem Platz, an dem sonst die äußerst formalen Empfänge des Königshauses stattfanden.

Sein Vater schaute auf. „Da bist du ja endlich!“, stellte er in einem Ton fest, als wäre er derjenige gewesen, den man unzumutbar lange hatte warten lassen. „Na, was hältst du davon?“

Alex hob die dunklen Brauen. „Wovon?“

„Von unseren Plänen, natürlich!“ Aegeus fuhr mit der Hand über die Papierstapel auf dem Schreibtisch. „Wollen wir ein bestimmtes Thema, oder wollen wir es nicht?“

„Ein Thema wofür?“, fragte sein Sohn zurückhaltend.

Aegeus sprang auf die Füße, wobei er mit den Ärmeln seines steifen Jacketts einige Papierstapel vom Tisch fegte. „Für das große Fest zum sechzigsten Geburtstag deiner Mutter, natürlich! Wenn du dich den letzten Monat nicht Gott weiß wo herumgetrieben hättest, müsstest du jetzt nicht so dumm fragen!“

„Aegeus …“

Automatisch schauten Vater und Sohn zur Königin, die sie beide liebevoll anlächelte. „Du weißt doch, wie bemüht Alexandros ist, die ganze Welt davon zu überzeugen, dass unser Königreich der perfekte Platz ist, Investitionen für die Zukunft zu tätigen. Und ich gehe davon aus, dass er diesmal ebenso erfolgreich darin war wie gewohnt. Ist es so, mein Lieber?“

Alex lächelte, ging zu seiner Mutter hinüber und zog ihre schmale Hand an die Lippen, weil er wegen des ausladenden Kleides nicht weiter an sie herankam.

„Ich habe dich schrecklich vermisst, Mutter.“

„Wie war deine Reise?“

„Es ist uns gelungen, eine beträchtliche Anzahl von Interessenten zu gewinnen, die jetzt alle in eine lukrative und glückliche Zukunft schauen können.“

Königin Tia lachte herzlich. „Siehst du, Aegeus? Wie ich gesagt habe!“ Dann wedelte sie ihre Zofen mit der Hand beiseite und schritt mit Hilfe ihres Sohnes die Stufen des Podests herab. „Es ist gut, dich wieder hier zu haben, Alexandros.“

„Es tut gut, wieder hier zu sein“, entgegnete er charmant und wies fragend mit dem Kopf auf die Zofen, die sich dezent in den Hintergrund zurückgezogen hatten. „Was bedeutet das alles?“

„Das habe ich dir doch eben erklärt“, mischte sich sein Vater ungeduldig ein. „Vorbereitungen für das Geburtstagsfest deiner Mutter. Ich denke, wir müssen endlich konkrete Entscheidungen bezüglich der Ausstattung und des Dekors treffen. Zum Beispiel, welche Stoffe und Farben für den Thronsaal infrage kommen, wo der offizielle Teil des Festes stattfinden wird. Habe ich nicht recht, Gentlemen?“

Die Lakaien nickten pflichtschuldig.

„Ich möchte nicht, dass irgendetwas übersehen wird oder dem Zufall überlassen bleibt.“ Erneut musterte Aegeus streng seine Untergebenen, die wieder eifrig nickten.

Auf Alex wirkten sie wie Truthähne, die zu Füßen des Farmers Körner aufpickten. Nur mit Mühe gelang es ihm, ein despektierliches Grinsen zu unterdrücken.

„Nun, was ist deine Meinung, Alexandros? Welches Thema sollen wir wählen? Etwas aus der Antike? Oder etwas aus der Zeit der Kreuzzüge? Oder das ottomanische Reich? All das hat einen Bezug zu unserer Vergangenheit, weißt du?“

Was für einen geschichtlichen Bezug sein Vater suchte, war ihm egal. Alex ging es einzig darum, woran seine Mutter wirklich Freude haben könnte.

„Das Thema ist doch zweitrangig. Hauptsache, es wird ein aufwändiges, prachtvolles Spektakel“, murmelte er gedehnt. „Wir wollen doch nicht, dass behauptet wird, nur die Calistans seien in der Lage, spektakuläre und glamouröse Partys zu veranstalten, oder?“

Aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Mutter leise den Kopf schüttelte und sich ein Lächeln verbot. Die Wirkung auf seinen Vater fiel wie beabsichtigt aus. Jegliche Erwähnung des Königshauses von Calista, das einst mit Aristo das sagenumwobenen Königreich Adamas bildete, ließ ihn die Nackenhaare aufstellen.

„Ha! Spektakulär? Glamourös sagst du?“

„Exakt.“ Alex schüttelte den Kopf. „Wohingegen ich nie diesen Tamtam um die Geburtstagsfeier der englischen Königin verstanden habe, die dagegen in einem vergleichsweise schlichten Rahmen begangen wurde, du etwa, Mutter?“

„Nein“, versicherte Königin Tia in schöner Unschuld. „All diese Reporter und Fernsehleute, und das weltweite Interesse an Elisabeth und dem englischen Königshaus. Trotz der, wie du schon sagtest, eher schlichten und doch so eleganten Feier …“

Ihr Gatte schnaubte verächtlich. „Was ist daran so schwer zu verstehen? Entweder man kennt und schätzt die Virtuosität des Einfachen, oder nicht! Es gibt nur ein probates Thema für deine Geburtstagsfeier, Tia!“, verkündeter er mit neugewonnener Energie und schob die Papierstapel auf seinem Schreibtisch mit einer ungeduldigen Handbewegung zu Boden. „Frühlingserwachen! Ich kann es direkt bildhaft vor mir sehen … Massen von Frühlingsblumen! Venezianische Tischwäsche in allen Schattierungen von gelb und grün. Und du, die Königin, gekleidet im gleichen blassen Rosa wie der Diamant in der Krone von Aristo …“

Danke!, formte seine Frau lautlos mit den Lippen in Richtung ihres Sohnes. Alex grinste und zwinkerte ihr vertraulich zu.

„Das hört sich nett an“, wandte sie sich dann demütig an ihren Gatten.

„Nett? Es wird einfach prachtvoll! Besonders, wenn du im Mittelpunkt stehst, geschmückt mit dem Collier, das ich extra als dein Geburtstagsgeschenk in Auftrag gegeben habe. Obwohl, wenn man dazu vielleicht noch eine Brosche …“

„Keine Brosche“, bremste Königin Tia seinen Elan. „Es wäre unangebracht, ein Collier und eine Brosche zu tragen.“

Derart kleinliche Einwände interessierten König Aegeus nicht. „Wie auch immer. Mach das mit dem Handwerker ab.“

„Der Schmuck-Designerin“, korrigierte seine Frau sanft. „So nennt sie sich.“

Sie? Alex schob die Brauen zusammen und warf seiner Mutter einen scharfen Blick zu. Er dachte an das Wochenende zurück, als ein halbes Dutzend Juweliere aus allen Teilen der Erde von seinen Eltern nach Aristo eingeladen waren. Hatte es etwa noch eine andere Frau in dieser Gruppe gegeben? Er konnte sich nur an eine erinnern.

Aber genau das hatte offensichtlich zu ihrem Plan gehört! Den Prinzen, der später seinen Einfluss zu ihren Gunsten geltend machen konnte, so zu bezaubern, dass er nur noch Augen für sie hatte!

Was hatte sein Vater da eben von dem Collier erzählt, das er als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter in Auftrag geben wollte? Die Entscheidung darüber war doch bereits vor Wochen getroffen worden.

„Bist du nicht meiner Meinung, Alexandros?“

„Entschuldige, Vater. Ich war einen Moment abgelenkt.“

„Ich sagte gerade, es sei doch egal, wie diese Frau sich nennt. Designer, Künstlerin oder Handwerkerin“, wiederholte Aegeus mit einem Nicken in Richtung seiner Frau. „Sie muss in der Lage sein, die Bedeutung dieses einmaligen Auftrags zu erkennen und … warum lungert ihr eigentlich alle noch hier herum?“, wollte der König wissen, als sein Blick auf die wartenden Lakaien und Zofen fiel. Er klatschte auffordernd in die Hände, bis die ganze Truppe aus dem Thronsaal verschwunden war. „Sie muss einfach die Tragweite dieser immens wichtigen Aufgabe erfassen, Tia“, wiederholte er fast beschwörend.

Die Königin nickte ernst. „Ich bin sicher, sie ist dazu in der Lage.“

Aegeus seufzte. „Ich hoffe, du hast recht. Sie erschien mir doch ziemlich jung.“

Alex schaute von einem zum anderen. Das Ganze wurde immer verworrener und unverständlicher. Seine Eltern hatten sich offensichtlich für eine Designerin entschieden. Auch noch für eine junge Designerin.

Nein. Sie konnten unmöglich über Maria Santos reden. Verdammt! Nur zu gut erinnerte er sich noch an ihren Namen. Wie könnte es auch anders sein? Kein Mann, der das Pech hatte, in die Fänge einer Hexe zu geraten, würde ihren Namen je vergessen, oder?

„Wie willst du das beurteilen können, Aegeus?“, fragte Tia amüsiert. „Wir hatten doch gar nicht das Vergnügen, sie persönlich kennenzulernen, weil sie sich an jenem Morgen wegen plötzlichen Unwohlseins entschuldigt hat. Aber natürlich lagen uns Miss Santos’ Skizzen vor und …“

Alex hatte das Gefühl, einen Fausthieb in den Magen bekommen zu haben. „Maria Santos?“, fragte er mit bemüht gleichmütiger Stimme. „Aber hast du mir nicht gesagt, ein französischer Juwelier hätte den Zuschlag erhalten?“

„So war es auch. Erst gestern hat man uns davon in Kenntnis gesetzt, dass der Eigentümer unerwartet verschieden sei und sich die Firma deshalb in der unglücklichen Position sieht, den Auftrag stornieren zu müssen.“ Tia legte eine Hand auf den Arm ihres Sohnes. „Es ist eine Entscheidung in allerletzter Minute, und Miss Santos weiß noch gar nicht, dass wir jetzt sie beauftragen wollen, das Collier anzufertigen.“

„Deshalb ist deine Reise nach New York auch von so außerordentlicher Wichtigkeit, mein Sohn.“

Alexandros starrte seinen Vater verständnislos an. „Was für eine Reise nach New York?“

„Du sollst die Santos-Frau treffen und sie von unserer Entscheidung unterrichten.“

Tia zupfte an Alex’ Ärmel, um seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. „Was dein Vater sagen will …“, erklärte sie ruhig, „… wir möchten dich bitten, Miss Santos zu erklären, was passiert ist, und sie zu fragen, ob sie so freundlich und großzügig wäre, eine Änderung, quasi in letzter Sekunde, auch zu akzeptieren.“

Erneut ließ König Aegeus ein Schnauben hören. „Sie wird sich überschlagen, eine derartige Chance zu ergreifen!“

„Das wäre natürlich perfekt, ist aber nicht sicher“, widersprach seine Gattin sanft. „Echte Künstler sind sehr sensibel und haben empfindliche Egos. Vielleicht gefällt sich Miss Santos nicht in der Rolle als zweite Wahl.“

Am liebsten hätte Alex laut aufgelacht. Maria Santos sensibel und mit einem verletzlichen Ego ausgestattet?

„Du bist auf jeden Fall der Diplomat in der Familie“, erklärte sein Vater brüsk. „All dieses Verhandeln und Auftreten im Ausland, das du unternommen hast, um unserem Königreich eine internationale Bedeutung zu verleihen …“

Es war das dichteste an einem Kompliment, was sein Vater je im Stande sein würde auszusprechen, aber es reichte nicht, um Alexandros zu veranlassen, Maria Santos aufzusuchen und ihr die Chance ihres Lebens zu Füßen zu legen.

„Ich wäre sehr gerne zu Diensten …“, versicherte er absolut unaufrichtig, „… aber ich habe einige drängende Verpflichtungen hier auf der Insel. Sicher kann irgendjemand …“

„Jemand anders kommt nicht infrage!“, entschied der König kategorisch. „Du hast deine Büros und ein Apartment in New York. Du kennst die Stadt, ihr Tempo, den Umgangston. Du wirst mit dieser Santos-Frau fertig werden und sicherstellen, dass sie das Collier pünktlich abliefert.“

So viel zu Komplimenten von seinem Erzeuger! Kein Zweifel, dies war ein königlicher Befehl, dem sich selbst Alex nicht widersetzen konnte.

„Es gab doch noch mindestens vier bis fünf andere Designer“, versuchte er es ein letztes Mal. „Könnte nicht jemand von ihnen das Collier …“

Der Griff der Königin auf seinem Arm verstärkte sich. „Ich habe von Anfang an Miss Santos’ Entwurf favorisiert, Alex“, sagte sie leise, aber sehr eindringlich. „Natürlich stimmte ich zu, als dein Vater entschied, der französischen Firma den Auftrag zu geben, doch jetzt …“

Alex schaute seiner Mutter in die Augen und gab sich geschlagen. Er wusste, es würde ein Leichtes sein, seinen Vater, der ebenso spontan und aufbrausend, wie seine Frau freundlich und zurückhaltend war, davon zu überzeugen, einen anderen Designer zu wählen. Doch gerade jetzt beschlich ihn wieder einmal das Gefühl, dass Königin Tia an der Seite ihres Gatten nicht das Leben führte, von dem sie einst geträumt hatte. Und wenn ein Geburtstagsgeschenk – entworfen von Maria Santos – nun einmal das war, was sie ersehnte …

„Alexandros?“, fragte Tia weich. „Denkst du wirklich, ich mache einen Fehler?“

Rasch legte er einen Arm um die Schultern seiner Mutter und zog sie zärtlich an sich. „Ich denke, du solltest genau das bekommen, was du dir zu deinem Geburtstag wünschst.“

Tia strahlte. „Danke, mein Sohn.“

„Dank lieber mir“, brachte sich Aegeus wieder in Erinnerung und schenkte seiner Frau, was er für ein liebevolles Lächeln hielt. „Immerhin bezahle ich das Collier.“

Die Königin lachte. Sie hob sich auf die Zehenspitzen, küsste die Wange ihres Sohnes und ergriff die Hand ihres Mannes, der eifersüchtig nähergekommen war. „Ich danke euch beiden, wie ist das?“

„Bestens“, versicherte Alex mit schiefem Lächeln.

Und das versicherte er sich auch selbst immer wieder, während des endlos scheinenden Fluges von Aristo nach New York …

2. KAPITEL

Alles wird gut!

Das war es, was Maria versuchte sich einzureden, während die U-Bahn rumpelnd zum Halten kam.

So müde und erschöpft, wie sie sich fühlte, störte es sie nicht einmal, dass der Mann neben ihr penetrant nach Knoblauch roch. Oder dass ihre Füße nach einem Tag in den umwerfend schicken, aber völlig laufuntauglichen Manolo-Stilettos vor Schmerzen geradezu schrien.

Davon abgesehen hatte der andauernde Nieselregen, der sich im Laufe des Tages zu einem unangenehmen Eisregen steigerte, ihre dreihundert Dollar glatt gestylte Traumfrisur von Chez Panache in die gewohnte, kaffeebraune Fülle wilder Locken zurückverwandelt. Und zu allem Überfluss schien sich jetzt auch noch eine Grippe anzukündigen.

O ja, alles würde wieder gut werden.

Und wenn nicht … dann …

Die Bahn ruckte, als sie anfuhr. Der Knoblauch-Mann fiel gegen Maria, die versuchte, ihr Gleichgewicht zu halten und plötzlich spürte, wie einer ihrer Absätze abbrach. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Fluch, den eine Lady weder in Spanisch noch in Englisch hören lassen sollte, auch wenn sie beider Sprachen mächtig war.

Nicht, dass Maria sich im Moment auch nur annähernd wie eine Lady gefühlt hätte! Trotzdem beherrschte sie sich tapfer und überlegte, wie sie in der überfüllten U-Bahn, zwischen den Beinen der anderen Passagiere, ihren verlorenen Absatz wiederfinden sollte. Wie sich schnell herausstellte, ein aussichtsloses Unterfangen.

Ade Manolo Blahniks. Ade Chez Panache. Ade Designer Schmuck von Maria Santos …

Nein! Absolut nein! So durfte sie nicht denken. Was hatte sie gerade erst in dem Stress-Bewältigungs-Seminar gelernt? Okay, aus Geld- und Zeitmangel konnte sie nicht wirklich am Unterricht teilnehmen, hatte sich aber die Kursbeschreibung im neuen Volkshochschulkatalog aufmerksam durchgelesen …

Im Jetzt leben, lautete die Parole.

Das war es. Stressreduzierung, indem man lernte, im Augenblick zu leben. Und das bedeutete … verflixt!, dass sie gleich die Canal Street erreichten.

„Entschuldigung! Darf ich mal …? Verzeihung, würden Sie mich bitte durchlassen? Achtung!“ Energisch kämpfte sich Maria zwischen ihren Mitfahrern hindurch, erreichte die Tür, als die sich gerade wieder schließen wollte, schlüpfte in letzter Sekunde durch und sprang förmlich auf den Bahnsteig. Gar kein leichtes Unterfangen mit nur einem Absatz!

Hinter ihr schlossen sich die Türen, und der Zug fuhr ab.

Die formlose Masse Mensch rollte wie eine Lawine auf die Treppen zu, und Maria ließ sich einfach mitreißen. Unzählige Stufen mit einem flachen und einem hochhackigen Schuh zu erklimmen, war ein interessantes Experiment, auf das sie allerdings gern verzichtet hätte.

Warum mussten Schuhe derart hohe Absätze haben? Und vor allem, warum musste sie sich diese Mordwerkzeuge überhaupt kaufen? Nur weil Männer dachten, dass sie gut aussahen? Nun, das taten sie wirklich. Aber in ihrem Leben gab es keinen Mann, und so, wie es schien, würde dieser Zustand wohl auch noch eine Zeit anhalten. Besonders nach dem Desaster in Aristo vor knapp zwei Monaten!

Der Prinz! Prinz der Finsternis, wie sie ihn heimlich nannte.

Allein die Erinnerung an diesen Namen ließ wieder heiße Wut in ihrem Innern aufflackern. Verdammt! Warum musste sie nur immer wieder an ihn und jene schreckliche Nacht denken?

Sie hasste sich für das, was damals passiert war, und wahrscheinlich würde sie das ihr ganzes Leben lang tun. Doch noch viel mehr hasste sie ihn und …

Nein, nein! Das war destruktiv und brachte sie keinen Schritt weiter.

Aristo, und die Chance auf den Job, den sie sich so sehr gewünscht und seinetwegen verloren hatte, lagen endgültig hinter ihr. Sie musste sich auf die Gegenwart konzentrieren. Und darauf, Läden wie die L’Orangerie davon zu überzeugen, ihren Designer-Schmuck zu kaufen.

Deshalb, und nur deshalb, hatte sie sich heute auf die gefährlichen High Heels gewagt und diese horrende Summe für den Friseur ausgegeben, anstatt sie in Golddraht für die neuen Ohrringe zu investieren, die sie in einer der letzten Nächte entworfen hatte. So setzte sie all ihre Hoffnungen auf das heutige Gespräch mit dem Besitzer der L’Orangerie. Und was hatte es ihr gebracht?

Gar nichts, gestand Maria sich frustriert ein und humpelte den Bürgersteig entlang, während sich der Eisregen in dichtes Schneegestöber verwandelte. Das hässliche Wetter und die Tatsache, dass es ein Freitagnachmittag war, hatte die Menschen dazu getrieben, ihre Büros früher als normal zu verlassen, trotzdem war immer noch ein reger Betrieb auf den Straßen. Aber dies war eben Manhattan.

Und weil dies hier Manhattan war, interessierte sich auch niemand für sie oder ihren Laufstil. Trotzdem kam Maria sich ziemlich lächerlich vor.

Immer noch besser, als wenn es vor ihrem Meeting in der L’Orangerie passiert wäre, versuchte sie sich zu trösten. Obwohl … das hätte auch nichts geändert. Der Chef-Einkäufer war wenigstens so höflich gewesen, es bei der Lunch-Einladung zu belassen. Allerdings auch professionell und aufrichtig genug, ihr schon vorher zu sagen, dass er ihre Schmuck-Kollektion nicht nehmen würde.

„Ich mag Ihre Arbeit, Miss Santos“, hatte er ihr versichert. „Sehr sogar, aber Ihr Name sagt meinen Kunden so gar nichts. Vielleicht, wenn Sie erst etwas mehr Referenzen …?“

Mehr Referenzen? Maria schnaubte empört, während sie sich mit gesenktem Kopf um die nächste Ecke kämpfte. Wie viele brauchte sie denn noch, um endlich ernst genommen und anerkannt zu werden? Nach dem Gewinn des Caligari-Preises hatte sie schon an Tiffany, Harry Winston und Barney’s verkauft! Und genau das hatte sie ihrem Lunch-Partner auch mitgeteilt. Und der sagte, er wisse das, doch im Vergleich zu Paloma Picasso oder Elsa Peretti sei ihr Name in gewissen Kreisen eben doch nicht so geläufig, n’est-ce pas?

An diesem Punkt musste sie sich geschlagen geben.

Gut, vielleicht hatte sie nicht die Menge an Kostbarkeiten in ihrem Musterkoffer, und ihre Kunden buchten nicht gleich ganze Anzeigenseiten in der New York Times und teuren Hochglanzmagazinen. Was aber noch lange nicht hieß, dass sie keinen Namen hatte!

Nur musste sie einen Weg finden, ihre Entwürfe an die richtige Adresse zu verkaufen. Außerdem waren die Schmuckstücke, die sie designed hatte, auf jeden Fall beeindruckender und echter, als der aufgesetzte französische Akzent ihres Verhandlungspartners, der seine Brooklyner Herkunft nicht wirklich übertünchen konnte. Fast hätte Maria ihm das auch gesagt. Glücklicherweise hatte sich ihre Vernunft eingeschaltet und ihr geraten, etwas von ihrem Caesar’s Salad zu kosten und zu schweigen.

Sie konnte es sich nicht leisten, einen Schmuckeinkäufer seines Formates zu beleidigen. Die Welt, in die Maria sich unbedingt Eintritt verschaffen wollte, war sehr klein und lebte sozusagen von Klatsch und Tratsch.

Außerdem hatte der Mann ja recht.

Bei ihren bisherigen Verkäufen hatten stets auch Glück und Zufall Pate gestanden. Wer weiß, ob das so bleiben würde und sie überhaupt je wieder ein Stück veräußern konnte. Den Aristo-Auftrag in den Sand gesetzt zu haben war jedenfalls ein enormer Rückschlag!

Was wäre das für eine Referenz, hätte sie ihrer Visitenkarte eine dezente Zeile hinzufügen können, die besagte … unter anderem tätig für Ihre Majestäten, König Aegeus und Königin Tia von Aristo …

Doch diese Chance hatte sie vertan.

Oder, besser gesagt, die hatte ihr ein Mann genommen, der sie zunächst verführt und dann wie eine Zwanzig-Dollar-Hure aus seinem Bett vertrieben hatte!

„Hör sofort auf damit!“, schimpfte sie laut mit sich selbst. Was hatte es für einen Sinn, immer wieder nach hinten zu schauen?

Als Maria endlich vor ihrem Haus stand, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Natürlich war es nicht ihr Haus, sondern das Gebäude, in dem sie lebte und arbeitete. Sie hatte hier ein Loft gemietet, das ihr wenig Komfort zum Wohnen, aber viel Platz zum Arbeiten bot. Wenn sie überhaupt weiterarbeiten konnte!

Tatsache war, dass ihr die Schulden langsam über den Kopf wuchsen. Die Miete war unglaublich hoch, und die Materialkosten für ihre Designerstücke nicht weniger. Dazu beschäftigte sie noch einen Angestellten, Joaquin, den sie wöchentlich auszahlte.

Und ein passendes Geschenk für eine Königin zu entwerfen, hatte nicht nur Stunden über Stunden gekostet, sondern an Material bereits in der Entwurfsphase einen Batzen Geld verschlungen.

Maria hatte lange überlegt und dann alles auf eine Karte gesetzt. Sie nahm einen Kredit auf, um Miete, Rechnungen und alles andere bezahlen zu können, schob alle laufenden Projekte zur Seite und konzentrierte sich nur auf das Schmuckstück für den Wettbewerb, an dem nur die Besten der Besten teilnahmen.

Alles umsonst!

Dabei war sie eine der Finalistinnen gewesen. Die letzten sechs wurden nach Aristo eingeladen, wo der Gewinner in einer feierlichen Zeremonie bekannt gegeben werden sollte. Und dann verspielte sie die einmalige Chance auf die Lorbeeren in einer einzigen Nacht! Nur wenige Stunden waren es gewesen, in denen all ihre Träume und Hoffnungen ausgelöscht wurden, und sie bis aufs Blut gedemütigt zurückblieb.

Doch wenn Maria sich gegenüber ehrlich war, trug nicht der Mann, der sie verführte, sondern ganz allein sie die Schuld daran. Zur Hölle mit Liebesgeflüster im Kerzenschein! Prinz Alexandros hatte ihr nur bewiesen, was sie instinktiv schon lange wusste. Alles, was Männer von Frauen wollten, war Sex. Und dass ausgerechnet sie diese kalte Wahrheit vergessen und einem Moment der Schwäche nachgegeben hatte, war unverzeihlich.

Sobald ein Mann dich erst mal in seinem Bett hat, bist du für ihn nicht länger interessant. Sein Eroberertrieb ist gestillt, ebenso wie seine körperliche Begierde, dachte Maria nicht zum ersten Mal.

Und wenn dann auch noch etwas Unvorhergesehenes passierte, wie in diesem Fall der Umstand, dass er ein Prinz und sie eine Finalistin im Wettbewerb um das Geburtstagsgeschenk seine Mutter war, dann avancierte plötzlich sie zur heimtückischen Verführerin, während er sich in der Rolle des unschuldigen Opfers sah!

Marias Vater hatte ihrer Mutter die Schuld gegeben, und Prinz Alexandros ihr …

„Verdammte Schuhe!“, schimpfte Maria, klimperte die aufsteigenden Tränen weg, bückte sich und nahm ihren verunglückten Schuh und seinen Gefährten einfach in die Hand, ehe sie auf Nylonstrümpfen versuchte, die letzten Meter des vereisten und inzwischen überschneiten Gehwegs zu bewältigen.

Als sie endlich die Haustür erreichte, wurde die von innen aufgerissen, und Maria wäre fast mit Joaquin zusammengestoßen. Er strahlte sie an, wurde aber schlagartig ernst, als sein Blick auf ihre bloßen Füße fiel.

„Maria? ¿Quál es la materia? ¿Por qué está usted descalzo en este tiempo?“

Maria zwang sich zu einem Lächeln. „Alles in Ordnung, Joaquin. Ich habe nur einen Absatz verloren, das ist alles“, versuchte sie ihn zu beruhigen und trat an ihm vorbei ins Haus. „Ich dachte, du wärst schon längst weg.“

Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss. Ohne sich umzuschauen, marschierte sie die Treppe hoch, Joaquin folgte ihr dicht auf den Fersen. Es gab zwar auch einen Aufzug im Haus, doch der war so oft außer Betrieb, dass Maria lieber gleich zu Fuß ging.

„Ich bin immer noch hier, wie du sehen kannst. Ich habe auf dich gewartet, in der Hoffnung auf frohe Botschaften.“

Maria nickte nur, ohne etwas zu sagen. Als sie das dritte Stockwerk erreichten, öffnete sie die Tür zum Loft und humpelte über das alte abgenutzte Parkett in Richtung der großen Fenster, die fast bis zum Boden reichten. Unterwegs ließ sie ihre Tasche auf einen Hocker und die nassen Schuhe einfach zu Boden fallen.

Vor der Fensterfront, hinter der unablässig dicke weiße Flocken vom Himmel fielen, wandte sie sich müde um. „Das ist sehr nett von dir.“

„Es ist nicht gut gelaufen“, stellte er mit einer Spur Resignation in der Stimme fest.

Maria seufzte und ließ den durchweichten Mantel von den Schultern gleiten. Sie hätte jetzt lügen können, doch dafür kannten Joaquin und sie sich zu lange und zu gut. Immerhin waren sie als Nachbarskinder in einem der maroden Häuser inmitten der Bronx aufgewachsen, einem Platz, an den die wenigsten Menschen dachten, wenn sie von New York sprachen. Joaquin und seine Familie stammten aus Puerto Rico, und er ersetzte Maria den Bruder, den sie nie hatte. Inzwischen arbeitete er über fünf Jahre für sie.

„Maria …?“, hakte er sanft nach, und sie seufzte erneut.

„Es hat nicht geklappt.“

„Oh, das tut mir sehr leid. Was ist passiert? Ich dachte, diese Franzosen hätten Geschmack.“

Maria schnaubte. „Er ist ja nicht einmal Franzose! Außerdem behauptet er, meine Entwürfe zu mögen, aber …“

„Aber?“

„Ach, ich soll mich wieder bei ihm melden, sobald mein Name bekannter ist.“

„Wenn es so weit ist, brauchst du ihn nicht mehr.“

Maria lachte. „Gut, dass du verheiratet bist, sonst könnte ich noch auf schräge Ideen kommen“, zog sie ihn auf und erntete dafür ein breites Grinsen. Es war so etwas wie ein alter Witz zwischen ihnen, und beide wussten sie, dass es keinerlei Bedeutung hatte. Ebenso wie Joaquins Frau es wusste, die Marias beste Freundin war.

„Ich werde es Sela mit deinen besten Grüßen ausrichten“, versprach er todernst.

„Und sag ihr auch, wie sehr ich mich auf das Dinner Samstagabend freue.“

„Das werde ich“, versicherte Joaquin und schob die Hände in die Taschen seines Parkas. „Ich habe die neuen Wachsabdrücke auf der Werkbank liegen lassen.“

„Danke.“

„FedEx hat die bestellten Opale geliefert. Sie liegen im Safe.“

„Nochmals vielen Dank.“

Joaquin zögerte. „Da ist noch ein Brief von der Bank gekommen … ein Einschreiben.“

„Das war doch zu erwarten!“, gab Maria scharf zurück, riss sich aber sofort wieder zusammen. „Entschuldige“, murmelte sie reuig und legte leicht eine Hand auf Joaquins Arm. „Schlechte Nachrichten sind noch lange kein Grund, den Überbringer zu killen, oder?“, versuchte sie es mit Galgenhumor.

„Vielleicht änderst du deine Meinung noch, wenn ich dir sage, dass deine Mutter angerufen hat.“ Das kam im gleichen scherzhaften Ton, doch beide wussten sie, dass einem Anruf von Luz Santos immer ein unangenehmer Beigeschmack anhaftete. Das Leben von Marias Mutter war nicht gut gelaufen, wofür sie allein ihre Tochter verantwortlich machte. Sie zu bekommen, hatte angeblich ihre Träume zerstört und ihre Pläne vernichtet, wie immer diese auch ausgesehen haben mochten.

Nicht, dass sie es bereute, Maria zur Welt gebracht zu haben. O nein! Für ihr einziges Kind hatte sie jedes Opfer auf sich genommen. Wenn das undankbare Mädchen nur endlich aufhören wollte, mit Flitterkram herumzuspielen und sich einen anständigen Job suchen würde!

„Hat sie gesagt, worum es geht?“

„Ihr Rücken bringt sie um, sie hat eine Magenverstimmung, und der Arzt ist ihr keine große Hilfe“, zählte Joaquin lakonisch auf. „Ach ja, und Mrs. Ferraras Tochter hat promoviert.“

Maria nickte. „Natürlich.“

„Ebenso wie deine Cousine Angela …“

„Nicht schon wieder!“

„Doch.“

Plötzlich war ihr alles zu viel. Der vertane Tag, die bittere Enttäuschung, die Mahnung der Bank, die beginnende Grippe und dann noch der Anruf ihrer Mutter. Ohne dass sie es wollte, entschlüpfte Maria ein kleiner Klagelaut. Sofort zog Joaquin sie an sich.

„Hör zu, Maria. Ich habe eine Idee. Du kommst einfach mit mir nach Hause. Du weißt, wie sehr Sela sich freuen würde, dich zu sehen. Es gibt heute Chili zum Abendbrot. Wann hast du überhaupt das letzte Mal etwas derart Köstliches gegessen, hmm?“

Maria machte sich los, lächelte wässrig und zupfte Joaquins Schal zurecht, den sie mit ihren Tränen benetzt hatte.

„Geh nach Hause zu deiner Frau“, sagte sie sanft.

„Wenn es irgendetwas gibt, womit Sela und ich dir helfen …“

„Ich weiß.“

„Hättest du nur diesen Wettbewerb gewonnen! Ich kann immer noch nicht verstehen, warum …“

„Lass gut sein“, stoppte sie ihn mit rauer Stimme. Sie wusste warum, aber das konnte sie selbst einem so guten Freund wie Joaquin nicht anvertrauen. „Du wirst schon sehen, alles wird gut …“

„De su boca al oído di Dios!“

Von ihrem Mund in Gottes Ohr, das brachte Maria erneut zum Lächeln. „Geh endlich heim, mi amigo.“ „Sela wird mit mir schimpfen, wenn sie hört, in was für einem Zustand ich dich hier allein gelassen habe.“ „Sag Sela, dass ich sie liebe, aber immer noch dein Boss bin. Und jetzt ab mit dir.“ Joaquin grinste. „Ja, Boss“, gab er zackig zurück und küsste sie auf die Stirn.

Sie schaute ihm nach, als er das Loft verließ. Die Tür fiel hinter ihm zu, und Maria schauderte. Es war bitter kalt in dem riesigen Raum. Weder die hohe Decke noch die einfach verglaste Fensterfront oder der altersschwache Radiator trugen dazu bei, aus diesem Eiskeller ein kuscheliges Heim werden zu lassen.

Maria hatte das Gefühl, ein Luftzug streife sie, und als sie zum Fenster schaute, sah sie, dass dort ganz langsam fantasievolle Eisblumen wuchsen. Sie hauchte die zarten Gebilde an und rieb mit dem Zeigefinger ein Guckloch frei …

Was hatte denn dieser protzige Schlitten vor ihrer Haustür zu suchen? Eine riesige dunkle Limousine. So gut kannte sie sich in Automarken zwar nicht aus, aber in Lower Manhattan waren Marken wie Rolls-Royce oder Mercedes eher weniger vertreten.

Sie schüttelte langsam den Kopf.

Wahrscheinlich wieder mal ein Immobilienmakler, der das Terrain sondieren will, dachte sie bei sich. Die tauchten nämlich so regelmäßig wie die Ratten in dieser Straße auf. Ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Gegend bald zu teuer für Leute wie sie sein würde.

Als Geste ihrer Frustration streckte Maria dem fremden Luxusgefährt die Zunge raus und zog sich dann mit einem nervösen Kichern vom Fenster zurück. Ob es möglich war, dass sie langsam überschnappte? Wie auch immer. Auf eine geheimnisvolle Weise hatte diese kleine Albernheit richtig befreiend gewirkt.

Alex, der im Fond der Bentley-Limousine saß und zu den schwach beleuchteten Fenstern emporstarrte, blinzelte überrascht.

Hatte diese Santos-Frau ihm etwa gerade die Zunge herausgestreckt? Unsinn! Warum sollte sie das tun? Sie konnte ihn ganz sicher nicht einmal sehen. Es war dunkel, und die Fenster der Limousine schwarz getönt.

Wahrscheinlich nur eine Täuschung oder Spiegelung. Kein Wunder, bei der Kälte und dem Schneefall! Allerdings war der nicht so dicht, dass er den rührenden Abschied zwischen ihr und ihrem Liebhaber verborgen hätte. Nicht, dass es ihn etwas anging!

Mehr als fünf bis zehn Minuten gedachte Alex dieser undankbaren Mission nicht zu widmen. Er würde jetzt hinaufgehen, erklären, warum er hier war, ihr mitteilen, dass der Auftrag doch an sie ging, und das war dann das endgültige Aus.

Er tat es einzig und allein für seine Mutter. Dafür konnte er auch vorübergehend seine Wut und Kränkung vergessen.

Alex wünschte nur, er hätte die kleine romantische Szene nicht mit ansehen müssen. Es hatte gereicht, seinen Pulsschlag in die Höhe schnellen zu lassen und ihm ein heftiges Ziehen in den Lenden beschert. Ein verschneiter Freitagabend … ein Liebhaber, so voller Sehnsucht, dass er die Frau seines Herzens bereits unten an der Haustür abfing … und wieder mit ihr hinaufging, sie zärtlich begrüßte, mit ihr redete, sie küsste …

Und wieder ging.

Alex schob die Brauen zusammen. Was war das nur für ein Mann? Freiwillig hinaus in die kalte Nacht zu gehen, anstatt sich an der Hitze dieser Frau zu wärmen. Und was seine zärtlichen, eher behutsamen Gesten betraf … kannte dieser seltsame Mann Maria Santos denn so wenig, dass er nicht wusste, wie wild und fordernd sie im Bett war?

Selbst jetzt noch erinnerte Alex sich an jene Nacht, als sei es gestern gewesen.

Ihr Duft … wilde Lilien, wie sie hinter seinem Haus an den Hängen der Klippen hoch über dem Meer blühten. Und ihre Haut, warm und samtig unter seinen suchenden Händen. Ihr wild gelocktes Haar, das ihn an der Nase kitzelte … der weiche Mund, hingebungsvoll unter seinem.

Und dann ihre kleinen, spitzen Schreie, als sie nicht genug von ihm bekommen konnte. Und … verdammt! Wohin hatte er sich von seinen erotischen Fantasien entführen lassen? Sein Körper war angespannt und brannte vor Verlangen.

Alex ließ die Scheibe herunter und atmete tief die kalte, feuchte Abendluft ein. Wenn er schon an jene Nacht dachte, dann sollte er sich nicht an ihren betörenden Körper in ihren Armen erinnern, sondern lieber daran, wie und warum sie dort gelandet war.

Es war eben kein Zufall, sondern pure Berechnung gewesen, als sie, mit dem aufgeschlagenen Reiseführer in der Hand, scheinbar unsicher vor der Front seines Bürohauses in Ellos stand.

Sie war ihm sofort aufgefallen, aber misstrauisch war er da noch nicht gewesen.

Schlank, zierlich und wunderschön, mit ihrer dunklen Lockenmähne, die durch eine einfache goldene Spange aus dem herzförmigen Gesicht gehalten wurde, hatte sie im schwindenden Licht des Tages ein Bild abgegeben, das kein Mann so schnell vergessen würde.

Alex war nach dem Verlassen des Bürogebäudes wie gebannt stehengeblieben und hatte sie einfach nur angestarrt. Auf der zierlichen Nasenspitze balancierte sie eine schmale Lesebrille, was in seinen Augen ihren Charme nur erhöhte.

Amerikanerin, dachte er, eine Touristin, und ohne Frage völlig verloren, wenn er ihr nicht seine Hilfe anbot …

Und da er kein festes Ziel hatte, sagte er sich, okay, warum nicht, und schlenderte auf sie zu. „Verzeihung, brauchen Sie vielleicht meine Hilfe?“, fragte er mit genau der richtigen Mischung aus Bereitwilligkeit und Zurückhaltung. Sie schaute von dem Reiseführer auf und musterte ihn kritisch über den Rand ihrer Brille hinweg.

Ihr leichtes Zögern und die spürbare Skepsis verrieten in seinen Augen eine gute, sogar etwas altmodische Erziehung, die er ebenfalls sehr anziehend fand.

„Nun … ja, vielen Dank. Die kann ich tatsächlich gebrauchen. Wenn Sie mir vielleicht sagen könnten … ich suche das Argus. Es ist ein Restaurant, oder besser Café. Mein Reiseführer behauptet, dass es exakt hier steht.“ Sie wies mit dem Finger auf den Boden zu ihren Füßen. „Der Hotelportier hat das Gleiche behauptet, aber …“

„Da ist es nicht“, ergänzte Alex schmunzelnd. „Und das schon über ein Jahr nicht mehr.“

Ihre Enttäuschung war nicht zu übersehen. „Oh … ich verstehe. Na ja, trotzdem vielen Dank.“ Sie nahm die Brille ab und schaute ihn offen an. Die großen, unschuldigen Augen waren weder haselnussbraun noch smaragdgrün, sondern irgendetwas dazwischen. Je nach Lichteinfall und Stimmung schien die Farbe zu variieren.

Doch Maria Santos war keineswegs unschuldig! Sie wusste genau, was sie tat. Auch ihre Reaktion auf seinen Vorschlag, sie als kleine Entschädigung für ihre sichtbare Enttäuschung in ein anderes Restaurant einzuladen, war ein Meisterwerk von Schauspielkunst gewesen.

„Ist es denn …?“ Sie zögerte. „Ich meine, ist dieses andere Restaurant …?“

„So gut wie das Argus?“, ergänzte Alex lächelnd. Er hatte nicht die leiseste Idee, da er nie in diesem ominösen Argus gewesen war. Soweit er sich erinnerte, war es eher ein kleines Café oder Bistro für einen schnellen Snack gewesen.

„So günstig.“ Leichte Röte überzog ihre Wangen. „Mein Reiseführer sagt …“

„Darüber zerbrechen Sie sich mal nicht ihr hübsches Köpfchen.“

Das Restaurant, das Alex vorgeschlagen hatte, war sehr exklusiv und ebenso teuer. Er würde sie zum Dinner einladen und die Rechnung bezahlen, einfach nur, um Gesellschaft beim Essen zu haben, ein wenig zu reden und um ein guter Botschafter seines Landes zu sein. Allerdings schien ihn die fremde Schönheit zu seiner großen Überraschung nicht zu erkennen. Und das, obwohl er als ebenso große Touristenattraktion galt wie die weißen Sandstrände, der mondäne Jachthafen und das Casino.

Ein weiterer Trick, wie er heute wusste.

Sie protestierte mädchenhaft, dass sie sich nicht einfach von ihm aushalten lassen könne, doch es gelang ihm, ihre Bedenken auszuräumen. Nach dem Dinner, als sie die Seepromenade entlangspazierten, hatte er sie unter duftenden Pinien geküsst. Und als er seine Hand unter ihr Seiden-Shirt schob, seufzte sie gegen seine fordernden Lippen. Daraufhin legte er einen Arm um ihre schmale Taille und dirigierte sie, immer noch küssend, durch die inzwischen leeren Straßen zu seinem Apartment … in sein Bett, wo sie sich willig in seine Arme schmiegte und ihm ins Ohr flüsterte, dass sie so etwas noch nie zuvor getan habe …

Ihre kleinen Seufzer … die spitzen Schreie … die wilde Lust. Das alles war so real, dass ihm jetzt noch ganz heiß wurde.

Er fluchte unterdrückt.

„Sir?“, meldete sich sein Fahrer dezent, doch Alex ignorierte ihn, öffnete schwungvoll die Tür des Bentleys und trat hinaus in die Nacht.

Lügen! Alles Lügen, wie er am Morgen erfahren musste, als er seine Hand ausstreckte und das Bett neben sich leer fand. Er dachte, sie sei im Bad. Doch dort war sie nicht. Dann hörte er ihre Stimme, wie eine sanfte Meeresbrise. Ob sie telefonierte? Mit wem?

Aus einem seltsamen Instinkt heraus nahm er den Hörer von dem Apparat, der neben ihm auf dem Nachttisch stand, ans Ohr.

Ja, hörte er sie mit einem leisen Lachen sagen. Ja, Joaquin, ich glaube, ich habe eine reelle Chance, den Auftrag für die Fertigung des Colliers zum Geburtstag der Königin zu bekommen … die Konkurrenz ist wirklich groß, aber ich habe ein gutes Gefühl.

Sie wandte sich um, als er die Küche betrat, und ihre Wangen färbten sich tiefrot.

„Du bist wach“, stellte sie tonlos und mit einem schüchternen Lächeln fest.

Alex nahm ihr den Hörer aus der Hand und legte einfach auf. Dann schwang er sie auf die Arme, trug sie zurück in sein Bett und nahm sie mit einer Wildheit und Leidenschaft, die durch seine namenlose Wut genährt wurde. Danach befahl er ihr, sich anzuziehen und zu verschwinden. Und sich nicht die Mühe zu machen, später etwa im Palast aufzutauchen.

„Deine Chancen, die du selbst so hoch einschätzt, den Auftrag für das Collier meiner Mutter zu bekommen, sind ungefähr so groß wie die eines Schneeballs in der Hölle!“, hatte er ihr noch mit auf den Weg gegeben.

Alex überquerte die Straße.

Das alles lag fast zwei Monate zurück, doch die Wunde, die sie seinem Stolz geschlagen hatte, schmerzte noch immer und wollte sich einfach nicht schließen. Offenbar bedurfte es einer ganz besonderen Behandlung.

Alex wischte sich die nassen Flocken aus der Stirn. Seine Vorhersage war nicht länger eine Metapher. Hier war er, der Schnee, und in wenigen Minuten würde Maria Santos von ihm eine persönliche Einführung in die Hölle erhalten. Und er würde sie damit aus seinem Kopf und Leben verbannen. Für immer.

3. KAPITEL

Maria seufzte, schälte sich aus ihrer klammen Kostümjacke, warf sie achtlos auf einen Stuhl und griff automatisch zum Telefon, um ihre Mutter zurückzurufen. Doch dann zögerte sie.

Warum tat sie sich das an? Einer zehnminütigen Tirade über allerlei Wehwehchen zu lauschen, gefolgt von einer Gardinenpredigt, weil sie den falschen Beruf hatte und nicht so erfolgreich war, wie sonst wer.

Also, raus aus den nassen Sachen, rein ins heiße Badewasser und ab in die Küche, um einen Happen zu essen. Dann konnte sie immer noch anrufen.

Maria hob ihre lädierten Schuhe vom Boden auf, schnitt eine Grimasse und warf sie spontan in den großen Mülleimer neben ihrer Werkbank. Umwerfend chic, aber total unpraktisch, lautete ihr abschließendes Urteil.

Langsam öffnete sie den Rock, lief quer durch ihr Loft zu der Ecke, die sie als ihr Schlafzimmer deklariert hatte, und ließ ihn dort zu Boden fallen. BH und Strumpfhose folgten. Nachdem sie ihr Haar aus der eleganten Spange befreit hatte, beugte sie sich nach vorn und versuchte, die inzwischen heillos zerzausten, feuchten Locken zu ordnen. Anschließend warf sie die haselnussbraune Löwenmähne mit einem Ruck nach hinten und schlüpfte in ein verblichenes Kuschel-Shirt, das ihr bis zu den Knien reichte.

„Dinnerzeit, meine Schöne!“, versuchte sie sich selbst zu ermuntern, obwohl sich ihr Magen beim Gedanken an Essen unangenehm bemerkbar machte. Aber das war nichts Neues. Seit über einer Woche fühlte sie sich immer leicht angeschlagen und hatte mit Übelkeitsanfällen zu kämpfen. Keine große Überraschung, wenn die halbe Stadt mit Grippe daniederlag! Doch, da sie bis zum Ende des Monats noch etwa ein halbes Dutzend Schmuckstücke fertigstellen musste, konnte sie sich momentan keine Krankheit leisten. Ihre Kunden verließen sich auf sie, und Maria brauchte das Geld dringender denn je.

Entschlossen marschierte sie zum Kühlschrank hinüber. Was sollte sie essen? Eine Suppe? Spiegeleier? Gegrillten Käse? Oder sich einfach etwas von Lo Ming, dem Chinesen um die Ecke liefern lassen?

Es läutete an der Tür.

Maria runzelte die Stirn. Wer würde auf die Idee kommen, sie um diese Zeit zu besuchen? Ob Joaquin etwas vergessen hatte?

Es schellte erneut. Maria zwang sich zu einem Lächeln und ging zur Tür, um zu öffnen. „Ernsthaft, Joaquin, du …“

Ihre Stimme verebbte. Vor ihr stand Alexandros Karedes. Schneeflocken schmolzen auf seiner Lederjacke und glitzerten auf dem lackschwarzen Haar wie Diamanten. Maria fühlte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

„Guten Abend, Miss Santos.“

Seine Stimme war genau so, wie Maria sie in Erinnerung hatte. Tief und rau. Jetzt klang sie kalt. So eisig wie an jenem schrecklichen Morgen, den sie nie vergessen würde. Als er ihr die furchtbarsten Dinge vorgeworfen und sie mit den hässlichsten Namen tituliert hatte …

„Willst du mich denn gar nicht hereinbitten?“

Maria rang um Fassung. Das letzte Mal, als sie voreinander standen, waren sie auf seinem Terrain gewesen. Dies war ihr Zuhause.

„An der Tür unten ist ein Schild angebracht“, informierte sie ihren Besucher kühl. „Darauf steht: KeinZutritt für Landstreicher und Hausierer.

„Sehr amüsant …“

„Was wollen Sie von mir, Prinz Alexandros?“

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, und Maria, selber ein Opfer seiner Arroganz und Bösartigkeit, stellte frustriert fest, dass sie trotzdem nicht immun gegenüber seinen äußerlichen Qualitäten war.

„Warum so formell, Maria? Bei unserem letzten Treffen warst du sehr viel zugänglicher, wenn ich mich richtig erinnere.“

Sie wusste, dass er sie mit seinen Worten absichtlich verletzen wollte und spürte heiße Röte in ihre Wangen steigen. Dagegen konnte sie leider nichts tun, aber auf verbale Machtspielchen brauchte sie sich nicht mit ihm einzulassen.

„Ich frage Sie zum letzten Mal, Eure Hoheit, was wollen Sie hier?“

„Bitte mich herein, und ich werde dich aufklären.“

„Ich habe nicht die leiseste Absicht, Sie in meine Wohnung zu bitten. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, oder verschwinden Sie. Sie haben die Wahl, so wie ich, wenn ich Ihnen einfach die Tür vor der Nase zuschlage.“

Alex lachte amüsiert auf. Während er lässig und schon halb im Loft gegen den Türrahmen gelehnt stand, musterte er Marias zierliche Gestalt in dem übergroßen Shirt.

„Darauf würde ich nicht wetten.“

Sie auch nicht. Er war groß, athletisch gebaut und gut durchtrainiert. Sie erinnerte sich an seinen starken Körper mit einer Intensität, die ihr Blut plötzlich schneller durch die Adern rauschen ließ.

Sein Lachen verebbte. „Hör zu, ich bin nicht um die halbe Welt geflogen, um mich hier an der Tür abspeisen zu lassen“, erklärte er kühl. „Und ich gehe nicht, ehe ich meine Mission erfüllt habe. Also schlage ich vor, du hörst auf, dich wie ein verzogenes Kind zu benehmen, und lässt mich endlich rein.“

Verzogenes Kind? Das dachte er also von ihr? Dieser Mistkerl, der sie verführt und stundenlang geliebt hatte, nur um ihr später vorzuwerfen, sie hätte ihren Körper aus Profitgier verkauft?

Obwohl … mit Liebe hatte das absolut nichts zu tun gehabt. Nur mit Sex.

Je schneller sie ihn loswurde, umso besser. Maria trat einen Schritt zurück. „Sie haben fünf Minuten.“

Alex schlenderte an ihr vorbei und blieb in der Mitte des Lofts stehen. Maria, die ihm gefolgt war, baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. Er lächelte sarkastisch und nahm die gleiche Haltung ein. Entnervt schaute sie auf die große Bahnhofsuhr, die an der Wand rechts hinter ihm hing.

„Vier Minuten und vierzig Sekunden“, stellte sie eisig fest. „Sie verschwenden kostbare Zeit, Eure Hoheit.

„Was ich zu sagen habe, dauert länger als fünf Minuten.“

„Dann werden Sie schnell lernen müssen, sich kurz zu fassen.

Ist die Zeit um, rufe ich die Polizei.“

Mit einer blitzschnellen Bewegung streckte er die Hand aus, umfasste Marias Arm und zog sie so dicht an sich heran, dass sie die goldenen Fünkchen in den tiefbraunen Augen sehen konnte. „Wage es, und ich werde jedem Pressegeier die Story auftischen, wie die junge, hoffnungsvolle Schmuckdesignerin Maria Santos versucht hat, an einen Fünfhunderttausend-Dollar-Auftrag zu kommen, indem sie einen Prinzen verführt hat.“

Das reichte! Mit einem Ruck entwand sie ihm ihren Arm. „Versuch nicht, mich mit albernen Lügen einschüchtern zu wollen!“, zischte sie ihn an. „Du könntest dir eine derart negative Presse doch gar nicht leisten!“

„Ich habe früh lernen müssen, mit jeder Art von Presse zu leben, Miss Santos. Das gehört zu meinem Leben. Außerdem bin ich der rechtschaffene und zutiefst entsetzte Verführte, der deinen perfiden Plan aufgedeckt und dich natürlich sofort gefeuert hat.“ Er lächelte dünn. „Die Meute wird dich bei lebendigem Leib verspeisen. Und was glaubst du, werden deine Handvoll integre Kunden dazu sagen, die du irgendwie geschafft hast zu übertölpeln?“

„!Usted es un cochon!“, fauchte sie. „!Un cochon malnacido!“

„Das denke ich nicht. Denn wenn ich wirklich das Schwein wäre, für das du mich hältst, dann hätte ich dir schon damals auf den Kopf zugesagt, was ich von dir halte, anstatt dich nur aus meinem Apartment zu schmeißen.“

Marias Wangen brannten. Spanisch sprach der Schuft also auch!

„Du hast es mir gesagt!“, schnappte sie. „Und jetzt ist es mir ein Vergnügen, mich dafür zu revanchieren. In drei Minuten rufe ich die Cops. Das Theater mit der Presse nehme ich gern in Kauf, wenn ich dich dadurch endlich loswerde!“

„Was ist nur dein Problem, Maria? Hast du vielleicht Angst, dass dein Liebhaber noch einmal zurückkommt?“

„Mein …?“

„Ja, dein Liebhaber. Wie hast du ihn an jenem Morgen noch genannt? Joaquin?“

Joaquin! Der Gedanke war so absurd, dass sie fast laut gelacht hätte, aber das würde sie mehr Energie kosten, als ihr noch zur Verfügung stand. Außerdem war sie Alex keine Rechenschaft schuldig.

„Joaquin geht dich nichts an.“

„Da hast du natürlich recht.“ Er schlenderte zum Fenster und schaute auf seine Limousine hinunter, die in einer Parklücke auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wartete. „Aber mir war zufällig ein Logensitz vergönnt, von dem aus ich euer rührendes Tête-à-Tête beobachten konnte. Da kannst du mir eine natürliche Neugier kaum verübeln, oder?“

Maria wurde heißkalt. Der große Luxusschlitten, es war seiner! „Du hast da draußen im Wagen gesessen und mich ausspioniert?“, fragte sie fassungslos.

„Vielleicht solltest du die Anschaffung von Vorhängen erwägen.“

„Du … du …“ Sie wies mit dem Finger in Richtung Tür. „Raus aus meiner Wohnung! Sofort!“

Alex bewegte sich keinen Millimeter. Stattdessen schob er die Hände in die Taschen und musterte seine unfreiwillige Gastgeberin von Kopf bis Fuß. Ihr Outfit sah wirklich nicht danach aus, als hätte sie ihren Liebhaber noch an diesem Abend zurückerwartet. Nicht in einem verblichenen Riesen-Shirt, das ihm von der Größe her auf jeden Fall besser gepasst hätte. Ihre Füße waren nackt, die Haare ein wilder Lockenwust.

Sein Magen zog sich zusammen. Genauso hatten ihre dunklen Locken in der Hitze jener Nacht ausgesehen … eine seidige Masse lustiger Kringel, und in seinem Bademantel hatte sie ebenso verloren und unschuldig gewirkt wie in diesem unaussprechlichen Kleidungsstück, das sie jetzt trug. Und ebenso sexy.

Diese glatte leicht olivenfarbene Haut, die kleinen, hoch angesetzten Brüste, die schmale Wespentaille und die überraschend weibliche Rundung ihrer Hüften. Selbst ihr herzförmiges Gesicht war sexy, mit den leuchtenden Augen und der kecken Nase. Kein Make-up, nicht einmal Lippenstift auf dem weichen Mund, der von seinen Küssen geschwollen war …

Sie wirkte so … wie nannten es die Franzosen? Déshabillé. Als wenn sie gerade aus dem Bett gekommen wäre.

Und zwar aus seinem! Die Erinnerung war lebendig genug, um seine mühsam unterdrückte Begierde wie ein Buschfeuer auflodern zu lassen. Er wollte sie immer noch! Es war ihr Anblick in dem alten Sweatshirt, der ihn dazu gebracht hatte, es sich endlich einzugestehen. Welcher Mann gab schon gerne zu, sich nach einer Frau zu verzehren, die ihn nur benutzt hatte?

Ein Idiot!, sagte Alex sich bitter. Aber das musste ja nicht so bleiben. Er würde den Spieß einfach umdrehen und es dieser kleinen Hexe in gleicher Münze heimzahlen. Und am besten direkt hier, in ihrem eigenen Bett. Er würde sie dazu bringen, vor Lust zu stöhnen und diese spitzen kleinen Schreie auszustoßen, und dann, wenn sie ihn an flehen würde, sie nicht aus seinen Armen zu lassen, würde er ihr ein zweites und letztes Mal befehlen, ihre Sachen zu packen …

„Ihre fünf Minuten sind um“, verkündete Maria in ultimativem Ton.

Alex schaute in ihr wütendes Gesicht und lächelte.

„Findest du das etwa noch lustig?“, fuhr sie ihn an.

„In der Tat.“

Ihr Blick umwölkte sich. „Ich zähle jetzt bis zehn. Es ist deine letzte Chance. Wenn du bis zehn nicht aus der Tür bist …“

Safir & Fils droht der Bankrott.“

„W…as?“, fragte Maria verblüfft.

„Safir & Fils“, wiederholte er ungeduldig. Da Maria immer noch nicht reagierte, schnalzte Alex verächtlich mit der Zunge. „Kommen Sie, Miss Santos, versuchen Sie jetzt nicht, mir weismachen zu wollen, dass Ihnen der Name Ihrer französischen Konkurrenz plötzlich entfallen ist, nachdem Sie sogar mit vollem Einsatz Ihres wundervollen Körpers um den Auftrag gekämpft haben …“ Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Marias Hand flog hoch, aber Alex war schneller und fing sie auf halbem Weg zu seinem Gesicht ein. „Versuch nie wieder, mich zu schlagen!“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Du würdest es bereuen.“

„Lass mich los!“

„Hast du mich verstanden?“

„Du … du widerlicher …“

Alex lachte. „Gib es auf, agapi mou. Immer noch die Unschuld zu mimen, bringt nichts. Und hör auf, mich zu beschimpfen. Muss ich dich daran erinnern, dass ich ein Prinz bin?“

Noch während er es aussprach, krümmte sich Alex innerlich. Zur Hölle! Er hörte sich ja schon an wie sein Vater! Diese Frau trieb ihn in den Wahnsinn! Je eher er sie aus seinem Kopf und Leben verbannte, desto besser!

„Hast du wirklich gedacht, du könntest so einfach davonkommen, nach dem, was du mir angetan hast, Maria? Mir heiße Leidenschaft vorzuspielen, während du eiskalt auf den Auftrag spekulierst, den meine Eltern zu vergeben hatten?“

Er machte eine Pause, während sie sich mit Blicken duellierten.

Worauf wartet er?, überlegte Maria. Doch nicht etwa auf eine Antwort? Egal, was sie sagte, er würde ihr nicht glauben. Nicht damals … und jetzt ebenso wenig.

Für sie war er in jener Nacht nicht Prinz Alexandros, der Sohn von König Aegeus und Königin Tia, gewesen, sondern einfach ein Mann. Unglaublich attraktiv, betörend charmant, höllisch sexy und mitreißend leidenschaftlich. Ihre ganze Welt war plötzlich reduziert auf seine warmen Hände, den sensiblen, festen Mund, seinen starken Körper und die unglaublichen Dinge, die er mit ihrem Körper anstellte.

Alles andere hatte sie vergessen. Wo sie herkam, weshalb sie in Aristo war und dass sie noch nie auf diese Weise mit einem Mann …

Seine wahre Identität erfuhr sie erst am nächsten Morgen, als er sie aus seinem Apartment warf.

„Was ist los, Liebling? Zerbrichst du dir dein schönes Köpfchen nach einer Antwort, die mich zufriedenstellen könnte? Gib dir keine Mühe. Mir fällt nur eins ein, was mich für die erlittene Schmach entschädigen könnte, und du weißt auch genau, was das ist, nicht war, agapi mou?“

Es stand in seinen Augen, doch Maria wollte es trotzdem nicht wahrhaben. Instinktiv wich sie vor ihm zurück.

Alex, der sie scharf beobachtete, konnte eine Ader an ihrem Hals pulsieren sehen. Sehr gut, dachte er kalt, sie hatte also verstanden. Und diesmal war er im Vorteil.

„Raus!“

Es war kaum mehr als ein Wispern, das er mit einem zynischen Lächeln ignorierte.

„Hast du mich nicht gehört? Ich sagte raus!“

„Hast du mich nicht gehört?“, konterte er gelassen. „Ich sagte Safir & Fils wird es bald nicht mehr geben.“

„Erwartest du etwa, dass ich um sie weine?“, fragte sie bissig.

„Sie werden das Collier für den Geburtstag meiner Mutter nicht herstellen können.“

Ihr Lächeln war kalt. „Halt auf dem Weg zum Flughafen bei Wal-Mart an und kauf ihr etwas Hübsches.“

„Du findest das offenbar witzig, Maria, aber ich meine es todernst. Der siebte März ist ein immens wichtiges Datum. Mein Vater hat ihn zum nationalen Feiertag erklärt.“

Wieder dieses Lächeln. Offenbar hatte sie sich von ihrem Schock erholt. Aber das würde er gleich ändern!

„Es wird einen prächtigen Ball geben, an dem Aristokraten und Würdenträger aus aller Welt teilnehmen werden.“

„Nun, wenn du bei Wal-Mart nichts Passendes finden solltest, kannst du immer noch …“

„Der König und die Königin haben sich dazu entschieden, dir den Auftrag zu überlassen.“

Maria stutzte. Jetzt war sie wirklich sprachlos.

„Mir …?“, fragte sie nach einer Pause.

„Dir.“ Um seinen Mund zuckte es. „Trotz meiner Androhung habe ich dein kleines Spielchen gegenüber meinen Eltern nicht aufgedeckt. Das war auch nicht nötig, weil mein Vater sich bereits im Vorfeld für den französischen Juwelier entschieden hatte. Der Entwurf gefiel ihm einfach besser.“

Maria biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszujubeln. Die Blöße wollte sie sich ihm gegenüber nicht geben. „Wie nett …“, murmelte sie, „… Zweitbeste.“

„Sarkasmus steht dir nicht.“ Warum erwähnen, dass seine Mutter ihren Entwurf von Anfang an favorisiert hatte? „Wir beide wissen doch, dass es für eine Frau wie dich die Chance deines Lebens ist.“

„Für eine Frau wie mich“, echote sie tonlos. „Was soll das bedeuten?“

„Dass du eine gemachte Frau sein wirst … hinterher. Was sonst?“

Maria wusste, er meinte etwas anderes, aber das war ihr im Moment egal. Er hatte ja recht. Ihre Aufträge würden sich verdoppeln … ach was, verdreifachen oder mehr! Tiffany würde ihr sicher ein Schaufenster zur Verfügung stellen, ebenso wie Barney’s. Jedes Magazin der Welt würde bei ihr anklopfen, Interviews und Fotos machen wollen. Vogue, Fair, Allure, Elle, Marie Claire …

Und der Pseudo-Franzose von heute würde vor ihr auf den Knien rutschen und sie bitten, Schmuck für die L’Orangerie zu designen.

Wenn nur der Hof von Aristo nicht ausgerechnet den Prinzen geschickt hätte, um ihr die frohe Botschaft zu übermitteln!

„Man hat mich beauftragt, dir die Nachricht zu überbringen …“, erklärte Alex, als hätte er ihre Gedanken gelesen, „… um sicherzugehen, dass du die außerordentliche Bedeutung dieses Auftrags auch wirklich erfasst.“

„Du meinst, dein Vater dachte, deine königliche Präsenz würde mich entsprechend beeindrucken“, korrigierte Maria mit süßem Lächeln.

Als Alex daraufhin anerkennend grinste, schwand das Lächeln. „Nur schade, dass er dich offensichtlich nicht so gut kennt, wie ich.“

Plötzlich hatte er dieses Katz- und Mausspiel satt. Ohnehin hatte er nie besonderen Gefallen an Wettkämpfen oder Racheaktionen gehabt, weder im geschäftlichen Bereich, noch privat.

„Wie lautet deine Antwort?“, fragte er brüsk und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. „Meine Privatmaschine steht startbereit am Flughafen. Ich möchte noch heute Abend zurückfliegen.“

Maria schluckte. Himmel, war dieser Mann arrogant! Wenn sie ihm doch nur hätte sagen können, dass er sich sein Angebot sonst wohin … aber das konnte sie sich auf keinen Fall leisten.

„Okay … einverstanden. Ich akzeptiere den Auftrag.“

Er nickte kurz und fasste in die Brusttasche seiner schwarzen Lederjacke. „Hier ist der Vertrag …“

„Es gibt eine Reihe von Bedingungen“, sagte Maria und nahm das Dokument entgegen.

„In der Tat. Das konkrete Datum der Fertigstellung, eine Absprache, welche Details du an die Presse weitergeben darfst und welche nicht …“

„Erstens“, unterbrach Maria ihn ungerührt. „Ich arbeite allein. Sollte ich einen Assistenten brauchen, suche ich ihn mir selbst aus.“

„Moment, wenn hier einer Bedingungen stellt …“

„Zweitens, ich werde einiges an neuem Arbeitsmaterial und Werkzeug brauchen. Die Kosten übernimmt Aristo.“

„Sie können sich glücklich schätzen, den Auftrag überhaupt bekommen zu haben, Miss Santos!“ Sein hoheitsvoller Ton schien sie nicht zu beeindrucken.

„Drittens. Ich arbeite nicht, wenn mir jemand dabei über die Schulter schaut. Mit anderen Worten, ich präsentiere mein Werk gern regelmäßig, um die Fortschritte begutachten zu lassen. Aber nur dem König und der Königin. Niemandem sonst.“

Auf Alex’ Wange zuckte ein Muskel. „Ist das Letzte etwa gegen mich gerichtet?“

„Viertens …“

Er hörte ihr gar nicht mehr zu. Was dachte diese Frau eigentlich, wer sie war?

Er gehörte nicht zur alten Schule und verlangte weder, dass man sich vor ihm verbeugte oder in einen Hofknicks versank, zumindest nicht außerhalb formeller Auftritte bei Hof. Doch er war es gewohnt, dass man ihm Respekt zollte, als Prinz und als Mann.

„Sollten alle Bedingungen akzeptiert werden, unterzeichne ich.“

Alex antwortete nicht, sondern musterte sie mit einem undurchdringlichen Ausdruck in den dunklen Augen.

Er war ohne ein festes Konzept hergeflogen und wollte die unglückselige Mission, auf die ihn seine Eltern geschickt hatten, nur hinter sich bringen. Dann hatten ihn Wut und Frust dazu verführt, Maria Santos hier in ihrem Bett nehmen zu wollen. Zugegebenermaßen ein absurder Plan, den er auch gleich wieder aufgegeben hatte, weil so etwas einfach nicht seine Art war.

Und was tat dieses undankbare Weib? Sie stellte Bedingungen! Was fiel ihr ein, ihn wie einen unmündigen Jungen oder Lakai zu behandeln?

„Hören Sie mir überhaupt zu, Eure Hoheit?“

Alex hob den Blick, und in seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke. „Ich höre.“

„Nach heute Abend will ich mit dir nichts mehr zu tun haben, ist das klar?“

Heiße Wut ballte sich in seinem Innern zusammen. Am liebsten hätte er diese anmaßende Hexe an sich gerissen und geschüttelt … geküsst, ihren Widerstand überwunden, ihr dieses lächerliche Shirt vom Körper gerissen und …

Alex trat einen Schritt vor und sah Angst in ihren Augen aufflackern.

Dazu hast du auch allen Grund, Darling, dachte er grimmig. In diesem Moment läutete das Telefon, und Maria griff nach dem Hörer wie nach einem Rettungsring.

„Hallo?“ Sie lauschte und räusperte sich, weil ihre Stimme zu versagen drohte. „Ja, sí, ich weiß. Auch das weiß ich. Tut mir leid, dass du so lange auf meinen Rückruf warten musstest.“ Ihr Blick flog zu Alex, dann wandte Maria ihm den Rücken zu, als würde ihr das mehr Privatsphäre geben. „Können wir das nicht ein andermal diskutieren?“

Ihr ungebetener Besucher ging um sie herum und stellte sich so hin, dass er ihren Gesichtsausdruck beobachten konnte. Hatte dieser Mann denn gar kein Taktgefühl? Was dachte er, mit wem sie telefonierte? Etwa Joaquin?

Fast hätte sie aufgelacht, denn die weinerliche Stimme am anderen Ende der Leitung gehörte ihrer Mutter, und was die zu sagen hatte, war immer dasselbe.

„Lass mich dir nur noch schnell eine gute Neuigkeit mitteilen“, unterbrach Maria ihre Litanei über ihre Cousine Angela und deren Spitzenjob in einer Versicherungsfirma. „Du erinnerst dich noch an das Angebot, ein Geburtstags-Collier für Königin Tia von Aristo zu designen? Ich habe den Auftrag bekommen!“

Sie wartete, obwohl sie eigentlich gar nicht wusste, worauf. Luz war nicht der Typ, vor Freude zu kreischen, nur weil ihre einzige Tochter die Chance ihres Lebens bekam.

„Du?“ Das klang so zweifelnd und ungläubig, dass Maria für einen Moment gequält die Augen schloss. Auch, wenn sie wusste, dass sie von ihrer Mutter absolut nichts zu erwarten hatte, schaffte die es doch immer wieder, sie zu verletzen. Eigentlich müsste sie nach all den Jahren längst immun sein.

„Ich dachte, dir ist der Auftrag durch die Lappen gegangen, weil du einfach nicht gut genug warst.“

„Ja, so sah es zunächst aus …“, erklärte Maria mit rauer Stimme. „Aber die Dinge haben sich geändert. Es gab ein Problem mit dem Gewinner, und …“

„Na, egal. Hauptsache, du hast den Deal an Land gezogen. Jetzt pass aber auf, dass du nicht wieder alles ruinierst. Nimm dir ein Beispiel an deiner Cousine Angela. Die hat ein kluges Köpfchen auf den Schultern.“

„Ja, ich weiß“, pflichtete Maria erschöpft bei. „Es ist schon spät. Lass uns morgen weiterreden.“

Ein tiefer Seufzer drang an ihr Ohr. „So Gott will, dass ich morgen überhaupt noch da bin. Und bitte, Maria, versuch jetzt nicht wieder, mit vorzumachen, die Ärzte haben recht, wenn sie behaupten, ich hätte eine Gesundheit wie ein Pferd. Was wissen die schon!“

Darauf gab es keine adäquate Antwort.

„Gute Nacht“, murmelte Maria. „Ich liebe …“ Zu spät. Luz hatte, wie meistens, einfach aufgelegt.

Himmel noch mal! Sie kannte ihre Mutter seit annähernd achtundzwanzig Jahren! Wie brachte es diese Frau nur fertig, sie mit ihren perfiden Giftpfeilen immer noch treffen zu können?

„Na, war er etwa gar nicht interessiert an deiner charmanten Liebesbezeugung?“, fragte Alex gedehnt und brachte damit das Fass zum Überlaufen.

„Lass uns zum Ende kommen!“, forderte Maria kalt.

„Nichts lieber als das.“ Mit einem dünnen Lächeln hielt er ihr einen goldenen Stift entgegen. „Unterzeichne den Vertrag.“

Das ging ihr dann doch zu schnell. „Akzeptierst du meine Bedingungen?“, fragte sie voller Misstrauen.

Plötzlich war er bei ihr, umfasste ihre Schultern und schüttelte sie ziemlich unsanft. „Schluss mit den Spielchen! Du brauchst diesen Auftrag, weil du sonst am Boden liegst. Zumindest finanziell. Und versuche nicht, meine Intelligenz zu beleidigen, indem du es leugnest! Unterschreib endlich, Maria!“

Ihr Herz raste, die Unterlippe zitterte. Und für den Bruchteil einer Sekunde hasste Alex sich selbst. Was war nur mit ihm los? Hatte er es je nötig gehabt, eine Frau mit Androhung von Gewalt zu überreden. Obwohl, er wollte ihr ja gar keine Gewalt antun, sondern …

„Unterschreib!“

Maria nahm den Stift, legte das inzwischen ziemlich knitterige Dokument auf die Werkbank, strich es glatt und setzte ihre Unterschrift an die Stelle, auf die er mit dem Finger zeigte. Dann hob sie den Kopf und schaute Alex direkt in die Augen.

„Und was die Bedingungen betrifft …“, informierte er sie kalt, „… die erfährst du jetzt. Und diesmal sprechen wir nur noch von meinen.“

Maria hatte das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen würde sich auftun. „Erstens. Du bekommst die Schmuck-Werkstatt deiner Träume, aber nicht hier, sondern in Aristo.“

„Bist du übergeschnappt? Ich werde doch nicht …!“

„Ich hoffe, dein Pass ist in Ordnung …“

„Ja, natürlich, aber …“

„Weil wir noch heute Abend reisen werden.“

„Du kannst doch nicht von mir erwarten …“ Jeden weiteren Protest erstickte er mit seinen heißen Lippen. Alex küsste sie, als habe er jedes Recht dazu … und als hätte sie nur darauf gewartet.

„Zweitens …“, murmelte er heiser gegen ihre Kehle, „… wirst du mein Bett wärmen, bis dein Job in Aristo erledigt ist.“

„Nein!“ Mit einem heftigen Ruck machte sie sich frei und versuchte, die Verzauberung abzuschütteln, die sie für einen Moment ihrer Urteilskraft beraubt hatte.

„Vielleicht hättest du doch besser das Kleingedruckte gelesen.“

„Ich werde niemals …“

„Oh, doch … du wirst. Sonst tue ich, was ich bereits hätte tun sollen, nachdem du das erste Mal das Bett mit mir geteilt hast. Ich erzähle der Königin von unserem kleinen Abenteuer. Und damit wäre der Auftrag passé.“

„Ist das die Art, wie Sie Ihre Frauen erobern, Eure Hoheit? Durch Erpressung?“

In seinen dunklen Augen blitzte es warnend auf. Und bevor sie aus seiner Reichweite fliehen konnte, spürte sie erneut seine fordernden Lippen auf ihren, seine Hand in ihren Locken, und mit einem leisen Seufzer ergab sie sich seinen wilden Liebkosungen.

Trotz ihrer Wut und ihres Hasses auf diesen Mann passierte es schon wieder! Die gefährliche Spirale heißen Begehrens zog sie unwiderstehlich in einen Strudel der Gefühle, aus dem es kein Entrinnen gab. Alles, was jetzt noch zählte, war sein muskulöser Körper so dicht an ihrem … der berauschend maskuline Duft …

Himmel! Sie begehrte ihn! Immer noch … egal, was es sie kostete.

4. KAPITEL

Maria hatte das Gefühl, vor Lust verbrennen zu müssen.

So war es auch in jener Nacht in Aristo gewesen. Als Alex sie geküsst hatte, war es, als zünde er damit eine Lunte an, die ein Feuer entfachte, das niemand löschen konnte als er selbst, mit seinen Händen und seinem wundervollen, starken Körper.

Bis dahin hatte sie derart blumige Beschreibungen immer für billige Klischees gehalten, wie man sie in Hollywood-Schnulzen oder Liebesromanen verwendete. Doch als Alex sie in die Arme nahm, erfuhr sie am eigenen Leib, dass die Berührung eines Mannes die Welt auf den Kopf stellen und alles ändern konnte, was man je gedacht oder woran man jemals geglaubt hatte.

Ein Kuss, eine Berührung … und irgendetwas geschah mit einem, was man nicht verstand, nicht verhindern konnte … und noch viel weniger akzeptieren.

Maria öffnete die Augen, stemmte ihre Arme gegen Alex’ muskulöse Brust, doch er machte keine Anstalten, sie freizugeben, sondern wollte erneut ihre Lippen erobern.

„Nein, Alex! Verdammt, lass mich gehen!“

Sekundenlang schien ihr Protest gar nicht zu ihm durchzudringen. Er war so verloren in der verlockenden Süße, nach der er sich seit Wochen schmerzlich gesehnt hatte, dass er nichts anderes wahrnahm. Doch da Maria anhaltend mit den Fäusten auf ihn einhämmerte, kam die Botschaft schließlich an.

Alex versteifte sich, gab sie frei und trat einen Schritt zurück. „Pack deine Sachen“, befahl er heiser.

„Wie bitte?“ Sie konnte nicht glauben, dass es sein Ernst war. „Du marschierst hier so einfach in meine Wohnung und eröffnest mir, dass ich deine … deine Sexsklavin werden soll!“

„Meine Geliebte“, korrigierte er steif und verwünschte sich innerlich. Wie hatte er nur so tief sinken können?

„Und du glaubst, das macht es besser? Raus hier, aber sofort!“

Alex seufzte. „Lass dir doch mal was Neues einfallen, agapi mou. Was ist mit dem Vertrag, den du eben unterzeichnet hast?“

„Versuchst du schon wieder, mir zu drohen?“

„Ich möchte dich nur warnen. Du hast damit zugestimmt, das Geburtstagsgeschenk der Königin bis zum achtundzwanzigsten Februar zu fertigen und … dich meines Wohlwollens zu erfreuen.“

„Wohlwollen? Freuen?“ Ihre Stimme überschlug sich fast. Maria wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Der Prinz musste übergeschnappt sein, eine andere Erklärung gab es nicht für ein derart absurdes Verhalten.

„Verträge sind dazu da, gebrochen zu werden!“

Alex hob die dunklen Brauen. „Darf ich dich auf Paragraph drei aufmerksam machen?“

Maria seufzte. Warum konnte er nicht einfach akzeptieren, dass er hoch gepokert und verloren hatte. Widerwillig griff sie nach dem Dokument und suchte die erwähnte Passage: Nichterfüllung der gestellten Bedingungen im ersten Teil des abgeschlossenen Vertrages … und bezüglich der angehängten Klausel, hat zu Folge, das der Unterzeichnete regresspflichtig gemacht wird und alle entstandenen Kosten …

Grundgütiger! Das konnte doch unmöglich rechtskräftig sein? „Das ist krank!“, stellte Maria mit Entschiedenheit fest. „Lies weiter“, forderte Alex sie sanft auf.

… alle entstandenen Kosten, die gestellten Waren und bereits geleisteten Dienste betreffend, in voller Höhe zu erstatten.

„Was für Waren und Dienste?“

„Hast du schon vergessen, dass wir gleich zusammen nach Aristo fliegen? Und dann natürlich die Werkzeuge und Einrichtung für dein neues Schmuck-Atelier …“ Er redete weiter und weiter, und am Schluss stand eine Summe, die Maria derart schockierte, dass sie in ein hysterisches Kichern ausbrach.

„Das kein Witz, Maria!“

„Dir muss doch bewusst sein, dass ich einen Betrag in dieser Höhe in meinem ganzen Leben nicht aufbringen könnte.“

„Dann würde ich an deiner Stelle peinlichst darauf achten, den unterschriebenen Vertrag Punkt für Punkt zu erfüllen.“ Gespannt auf ihre Reaktion, ließ Alex sie keine Sekunde aus den Augen, doch Maria schien ihm gar nicht zuzuhören.

„Ich würde alles verlieren …“, sagte sie mehr zu sich selbst. „Das Loft. Meine Kunden. Und Joaquin, der vom Start an …“

„Das Wohlergehen deines Geliebten ist nicht mein Problem.“

„Joaquin ist nicht mein Geliebter!“, fauchte Maria und warf ihm den Vertrag vor die Füße. „Er arbeitet für mich.“

Alex bückte sich und hob das Dokument auf. „Wie auch immer, das Einzige, was mich interessiert, ist der Vertrag. Wirst du ihn nun erfüllen oder nicht?“

Maria verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und starrte ihn wütend an. Sie wusste nicht, wen sie mehr hasste, ihn oder sich. Wie hatte sie sich nur auf diesen Mann einlassen können?

„Kennst du eigentlich gar keine Skrupel?“

Alex lachte. „Das fragst ausgerechnet du mich? Komm schon, agapi mou, was ist ein Monat? So schlecht hat es dir in meinem Bett doch gar nicht gefallen, wenn du ehrlich bist.“

„Nur um eines klarzustellen, Eure Hoheit“, versuchte sie, wenigstens den letzten kläglichen Rest ihres verletzten Stolzes zu retten. „In Ihr Bett zu kommen, ist eine Sache, aber aktiv an dem teilzunehmen, was dort passiert, eine ganz andere.“

Ein spontanes Lächeln überzog sein Gesicht. „Soll das eine Herausforderung sein?“

„Eine Feststellung!“

„Herausforderung akzeptiert“, erklärte er grinsend, beugte sich vor und küsste sie auf den Mund.

Ich fühle gar nichts!, versuchte Maria, sich einzureden und wünschte sehnlichst, es wäre so.

Was, um Himmels willen, sammelte diese Frau da nur zusammen? Wollte sie etwa ihre gesamte Habe mitnehmen? Berge von Jeans, T-Shirts, Sweatshirts, Sneakers, Sandalen und … zur Hölle, noch eine weitere Jeans!

Alex schaute auf seine Uhr, klopfte mit dem Finger aufs Zifferblatt und fluchte leise. Funktionierte das verflixte Ding überhaupt? War es tatsächlich erst fünf Minuten her, dass Maria auf dem Absatz kehrtgemacht und den Koffer aus irgendeiner Ecke des Lofts hervorgezaubert hatte, um zu packen?

Das Loft. Ihr Loft! Unwillkürlich verzog Alex die Lippen. Er hatte schon andere Lofts in Manhattan gesehen. Hohe Decken, riesige Fensterfronten, raue Ziegelwände und auf Hochglanz polierte Holzböden. Interieur aus Skandinavien, um die Großzügigkeit und Weite des Raumes mit Minimalismus zu unterstreichen.

In Marias Behausung war sogar noch zu erkennen, was für Maschinen hier einst standen. Raw Space nannten die New Yorker so etwas und ließen es klingen, als sei das eine Auszeichnung. Wahrscheinlich, um zu implizieren, dass man aus dem Vorhandenen etwas Spektakuläres machen könne.

Davon schien Maria noch nie etwas gehört zu haben. Die rohen Wände waren einfach nur schlecht verputzte Mauern, die Fenster offensichtlich nicht isoliert, der dunkle fleckige Holzboden eine Zumutung und die Decken … okay, die waren sehr hoch und gewölbt, allerdings mit einem Wirrwarr an Rohren, Leitungen und irgendwelchen Absauganlagen versehen.

Und Möbel? Fehlanzeige, wenn man von einer Reihe alter Werktische absah, einigen offenen Regalen, jeder Menge Kisten, einem Paravant, der sonst was verbarg, und ganz hinten, am weitesten entfernt vom Eingang und direkt neben einer Tür, die vermutlich zu einem Bad führte … Marias Bett!

Ein akkurat gemachtes, aufgeräumt wirkendes Bett. Ein Doppelbett!

Alex presste die Lippen zum schmalen Strich zusammen.

Sein Bett, oder bedachte man die Anzahl seiner Wohnsitze, seine Betten, waren alle King Size. Eine Notwendigkeit für einen Junggesellen, hatten seine Brüder ihm erklärt. Ausreichend großzügig, um einem Mann und einer Frau in heißen Liebesstunden eine komfortable Lustwiese zu bieten.

Aber ein Doppelbett mochte auch seine Vorteile haben. So bekamen Marias Liebhaber möglicherweise eher ihre dringend benötigte Ruhe zwischen den einzelnen Liebesintermezzi. Anders als er, wenn er an die Nacht vor zwei Monaten zurückdachte.

Da war sie, als er befriedigt und erschöpft auf der Seite lag, dicht an ihn herangerückt, hatte ihren warmen Rücken fest an seine Brust geschmiegt, sodass ihre seidigen braunen Locken seine Nase kitzelten.

Natürlich war in solch einer Situation an Schlaf nicht einmal mehr zu denken gewesen!

Himmel!

Abrupt wandte er sich um und schaute weiter zu, wie Maria packte und packte …

Warum hatte diese Frau nur so eine Macht über ihn? Das gefiel ihm nicht. Es war ungewohnt und … ja, beängstigend. „Verdammt, das reicht!“, platzte Alex plötzlich unbeherrscht heraus.

„Wie bitte?“

„Du hast genug eingepackt, um gleich nach Aristo auswandern zu können!“, warf er ihr vor. „Hast du vergessen, dass mein Land keine Wüste und kein Urwald ist? Wir haben durchaus Läden, in denen du kaufen kannst, was dir noch fehlen sollte.“

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts, dachte Maria. In Ellos gab es fast ausschließlich Luxusläden, die der Fifth Avenue alle Ehre gemacht hätten. Unglücklicherweise waren allerdings auch die Preise auf dem gleichen Niveau. Vor Abschluss ihrer Auftragsarbeit würde sie derartige Shopping-Tempel kaum betreten können. Ein neues Outfit, und sie wäre für den Rest ihres Lebens verschuldet.

Als Alex zu ihr herüberkam und einfach den Koffer zuklappte, holte sie empört Luft. „Was soll das? Ich bin noch nicht fertig!“

„Und ob! Du könntest jetzt schon den halben Hofstaat einkleiden.“

Maria kochte innerlich. Nach einem kleinen Disput mit sich selbst verzichtete sie klugerweise darauf, sich mit Alex auf einen Ringkampf einzulassen, den sie ohnehin nicht gewinnen konnte. Sie wagte einen kleinen Blick aus den Augenwinkeln.

Die schwarze Lederjacke schien seinen athletischen Körperbau nur noch zu betonen, und die geschmeidigen, zielgerichteten Bewegungen erinnerten sie an …

Abrupt wandte Maria sich ab, zog eine abgewetzte Segeltuchtasche aus einem der Regale und begann stumm, ihr Werkzeug einzuräumen.

„Und was soll das werden?“

„Na, was denkst du?“, fragte sie bissig zurück. „Wie soll ich ohne mein Werkzeug arbeiten können? Wir werden uns ja wohl kaum Tag und Nacht der zweiten Passage dieses verdammten Vertrages widmen können, oder?“

Das war unter der Gürtellinie. Und weit unter ihrem Niveau!

Offensichtlich holte allein des Prinzen Gegenwart das Schlimmste aus ihr heraus. Die einzige sichtbare Reaktion auf ihren Ausfall zeigte sich in Alex’ Gesichtsfarbe, die noch um einige Nuancen dunkler geworden war. Und in dem gefährlichen Funkeln seiner wundervollen dunklen Augen.

„Ich habe versprochen, dir in Aristo ein komplettes Atelier einzurichten.“

„Ich brauche meine gewohnten Werkzeuge, von denen ich genau weiß, wie ich sie einsetzen muss, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Aber da du noch nie dein Geld mit eigener Hände Arbeit verdienen musstest, wirst du es ohnehin nicht verstehen. Also nimm einfach mein Wort dafür.“

Sein Blick verdüsterte sich noch mehr. Was war er eigentlich in ihren Augen? Ein königlicher Dilettant? Automatisch dachte er an die Reaktion seines Vaters, als er zum ersten Mal mit seiner Idee auf ihn zukam, modernes, wirtschaftliches Know-how und Wachstum in seiner Heimat zu etablieren und auszubauen.

„Was könntest du nach Aristo bringen, was dort nicht längst vorhanden ist“, hatte König Aegeus mit seinem gewohnt imperialistischen Charme gefragt.

Ein Casino, zum Beispiel. Einen neuen Industriehafen, um die riesigen Cargo-Schiffe aufnehmen zu können. Eine Kolonie extravaganter Luxusvillen als Zweit-, Dritt-, Viert- oder sogar Fünft-Wohnsitz für die Multimillionäre dieser Welt an der Nordküste der Insel, mit Blick über die Bucht von Apollonia …

Alex hatte es sogar fertiggebracht, einige der Superreichen abzuwerben, die bereits in das neue Urlaubs-Resort auf Calista investieren wollten. Der Nachbarinsel, die einst, zusammen mit Aristo, das Königreich Adamas bildete, bis sein Großvater, König Christos, es geteilt hatte.

Und Maria glaubte, er hätte noch keinen Tag in seinem Leben gearbeitet …?

Ständig pendelte er zwischen seinen Büros in New York und Ellos hin und her, flog alle Hauptstädte der Welt an, um mit ausgekochten Businessleuten zähe Verhandlungen zu führen. Aber für Maria Santos war das alles nur das exklusive Hobby eines verwöhnten, schwerreichen Prinzen!

Am liebsten hätte er sie so lange geschüttelt, bis dieses selbstgefällige Lächeln von ihren Lippen verschwand.

„Mantel!“, kommandierte er. „Schuhe! Und beeil dich, sonst werfe ich dich über meine Schulter und trage dich die Treppen hinunter in den Wagen, so wie du bist.“

Das war kein Scherz, und sie wusste es.

Also zog sich Maria, die inzwischen Jeans und ihren Lieblings-Kuschelpullover trug, warme Socken und klobige Kurzstiefel an, die sie sich in dem Winter gegönnt hatte, als sie fast zum Skilaufen gefahren war. Dann schlüpfte sie in ihren warmen, aber ziemlich hässlichen Parka, den sie vor zwei Jahren auf einem Flohmarkt ergattert hatte, bändigte ihre wilden Locken mit einem Haargummi und marschierte zur Tür.

Sollte seine Hoheit ruhig sehen, was für einen Bettwärmer er sich da eingehandelt hatte!

Zwecklos, ihn reizen zu wollen. Ihr zweifelhafter Aufzug entlockte ihm nicht einmal ein Blinzeln. Stattdessen dirigierte Alex sie zügig aus dem Loft und die Treppe hinunter. Der Schnee fiel immer noch in dicken Flocken vom Himmel und verwandelte die eher triste, graue Straße in eine Märchenkulisse.

Doch Maria konnte dem zauberhaften Anblick nichts abgewinnen. Als sie auf die Limousine zugingen, öffnete sich die Fahrertür, und ein livrierter Chauffeur stieg aus. Vor seinem Boss blieb er stehen, schlug die Hacken zusammen und legte eine Hand an die Mütze.

Maria schnaubte leise. Alex ignorierte sie.

„Henry …“

Erneut klackten die Hacken. Alex hätte seinen Chauffeur am liebsten angewiesen, das endlich zu unterlassen, aber es hatte schon in den Jahren zuvor keine Wirkung gezeigt. Offensichtlich gehörte Henry zur alten Schule und hatte ein großes Faible für alles Königliche.

Maria offensichtlich nicht.

Henry streckte die Hände nach dem Gepäck aus, doch Alex bremste ihn. „Das kann ich selbst im Kofferraum verstauen“, erklärte er brüsk. „Kümmern Sie sich um Miss Santos.“

Erneutes Zusammenschlagen der Hacken, dann öffnete Henry zuvorkommend die rückwärtige Beifahrertür und verbeugte sich leicht, als Maria in den Fond kletterte.

Die Tür schloss sich mit einem sanften Plopp, wie es wohl bei Luxuslimousinen üblich war, die so viel wie ein normales Einfamilienhaus kosteten. Als sie sich in die weichen Sitze fallen ließ, stieg der angenehme Geruch von kostbarem Leder auf.

Das Einzige, was ihr Vergnügen an so viel Komfort und Annehmlichkeit schmälerte, war Alex, der die andere Tür aufriss und sich viel zu dicht neben sie setzte.

„Zum Flughafen.“

Der Wagen fuhr sanft und fast lautlos an, und erst in diesem Moment wurde Maria bewusst, was sie gerade im Begriff war zu tun.

„Warte! Halt … stopp!“, rief sie panisch aus.

Der Bentley hielt an, und Alex wandte sich ihr ungeduldig zu. „Was immer du vergessen haben solltest, kann bleiben wo es ist.“ „Nein, du verstehst nicht! Ich … ich kann nicht mit dir kommen …“

„Das hatten wir doch bereits hinter uns!“

„Aber die Leute … ich kann nicht einfach weg, ohne mich zu verabschieden.“

„Die Leute!“ Alex lachte rau auf. „Du meinst deinen Freund Joaquin, oder?“

Sollte er doch denken, was er wollte!

„Wirst du ihm denn auch die intimen Details unseres Arrangements verraten, agapi mou?“, fragte er zynisch.

„Davon wird niemand etwas erfahren“, gab sie gepresst und mit einem drohenden Unterton zurück.

Alex starrte sie eine volle Minute von der Seite an, dann fluchte er leise. „Wie lautet die Adresse?“

„Warum?“

„Henry ist ein ausgezeichneter Chauffeur, er hat nur einen Fehler …“, erklärte Alex mit einem gezwungenen Lächeln. „Ohne Adresse kann er den Zielort einfach nicht anfahren. Das kann niemand.“

„Oh …“ Maria errötete. „Das ist wirklich nicht nötig. Ich kann die U-Bahn nehmen, und später treffen wir uns dann am Flughafen.“

„Die Adresse“, forderte Alex kalt.

„Eins, sieben, vier … Grandview Avenue. Das ist in der Bronx.“ Ihre Röte vertiefte sich noch mehr, aber nicht aus dem Grund, der ihren Begleiter dazu veranlasste, erneut lautlos in sich hineinzufluchen.

„Die Bronx?“, fragte Henry über die Schulter nach hinten.

„Die Bronx“, bestätigte sein Boss grimmig.

Alex beobachtete Marias Gesichtsausdruck, während der Wagen durch die verschneiten Straßen rollte. Sie saß zusammengekauert in der Ecke, so weit wie möglich von ihm entfernt und starrte durch die Frontscheibe in die Scheinwerfer der wenigen Fahrzeuge, die ihnen entgegenkamen. Der unablässig fallende Schnee hatte die Straßen so gut wie leergefegt. Alles wirkte wie ein Wintermärchen.

Ihre Wangen waren jetzt totenblass, und sie zitterte. Ob sie fror?

Unmöglich! Die Limousine war beheizt, und in dem Monstrum von Parka hätte sie eher schwitzen müssen. Also war sie nervös. Oder ängstlich. Weil sie zugestimmt hatte, mit ihm zu kommen? Okay, zugestimmt hatte sie eigentlich nicht … er hatte sie gezwungen.

Wie auch immer! Wahrscheinlich bereitete es ihr einfach Kopfschmerzen, wie sie ihrem Liebhaber erklären sollte, dass sie New York noch heute Abend mit einem anderen Mann verließ. Sein Mund verhärtete sich. Zur Hölle! In einer Woche würde ihr Lover nicht mehr als Geschichte sein! Sobald sie an Bord seines Privatjets waren, würde er ihr dieses ganze unmögliche Zeug vom Körper reißen und ihr jede Erinnerung an diesen Joaquin austreiben! Und dann …

„Es ist das Gebäude da vorn.“ Nur mit Mühe fand Alex in die Realität zurück. Er blickte aus dem Fenster und wurde sich mit einem Mal der ärmlichen Gegend bewusst. Da half auch der frisch gefallene Schnee nicht viel.

„Dies hier, Miss?“

… ja, danke. Ich bin gleich zurück.“ Es war das erste Mal, dass er Maria in ihrer Muttersprache reden hörte.

„Warte im Wagen, Henry“, stoppte er seinen Chauffeur, der gerade aussteigen wollte, um Maria die Tür zu öffnen. „Ich kümmere mich um Miss Santos.“

Ein eisiger Hauch wehte in die Limousine, als er die Wagentür aufstieß und ausstieg. Marias Herz setzte einen Schlag aus. Dieser arrogante Mensch hatte doch wohl nicht vor, mit ihr zu kommen? Wie konnte er es wagen?

„Danke“, sagte sie steif, als Alex ihr kurz darauf beim Aussteigen helfen wollte. „Ich komme allein zurecht.“

„Sei nicht albern, glyka mou. Es ist spät, und die Straßen sind verlassen. Welcher Gentleman würde eine Dame sich hier selbst überlassen?“

Maria lehnte sich in den Ledersitz zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, was ihr wegen des wattierten Parkas nicht leichtfiel. „Gentleman!“, schnaubte sie empört. „Ausgerechnet du!“

Alex warf ihr einen warnenden Blick zu und schaute dann zu Henry nach vorn, der sich offensichtlich blind und taub stellte.

„So wirst du nicht mit mir reden, Maria!“, zischte Alex unterdrückt. „Vergiss nicht, wen du vor dir hast.“

„Oh, das weiß ich nur zu genau!“ Ihre Stimme klang plötzlich erstaunlich frisch und kräftig. „Du bist …“

„Kein Wort mehr! Steig endlich aus!“

Maria presste die Lippen zusammen, kletterte aus der Limousine und ging hocherhobenen Hauptes an dem Prinzen vorbei. Dabei setzte sie in ihren dicken Boots mühelos einen Fuß vor den anderen, während Alex ihr ziemlich unelegant in seinen handgenähten Leder-Mokassins folgte, die nach zwei Schritten komplett durchnässt waren.

Großartig! Da würde er gleich in durchgeweichten Schuhen vor ihrem Liebhaber stehen, und eine verdammte Witzfigur abgeben!

Pan agia mou!

Was war das nur für ein unmöglicher Ort für ein Liebesnest? Das Schloss der Eingangstür war offensichtlich aufgebrochen, der dunkle Flur roch nach Mäusen und saurer Milch, und was vom Putz noch an den Wänden war, strotzte vor zweideutigen Graffitis. Es gab sogar einen Fahrstuhl, aber den ignorierte Maria und eilte zielstrebig auf die Treppe zu.

„Fünfter Stock“, sagte sie brüsk, ohne nach hinten zu schauen, und ab da hatte Alex alle Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. „Hier lebt er also?“, fragte er ungläubig, als sie vor einer zerkratzten Tür standen.

Maria kniff die Lippen zusammen. Warum musste er sie zwingen, ihm Einblick in diesen schmerzhaften Teil ihres Lebens zu geben?

„Antworte mir! Wie kann dein Liebhaber nur von dir verlangen, dass du ihn hier besuchst?“ Die Tür vor ihnen schwang auf, und verärgert über die Störung wandte sich Alex der schattenhaften Gestalt im dunklen Eingang zu. „Was, zur Hölle, wollen Sie?“

Die Gestalt trat vor ins dämmrige Treppenhaus und blinzelte verwirrt von einem zum anderen. Es war eine Frau. Klein, dunkelhaarig und bis zum Hals in einen verschossenen Bademantel gewickelt.

„Maria?“

Sí, Mama. Ich bin es.“

5. KAPITEL

Ich bin es, Mama, hatte Maria gesagt. Und dann sagte niemand mehr irgendetwas.

Für eine Ewigkeit? Oder waren es nur Sekunden? Alex war sich nicht sicher. Das Einzige, was ihm im Kopf herumging, war die Erkenntnis, dass er einen schweren Fehler gemacht und Maria bloßgestellt hatte!

Das Ergebnis war unschwer an ihrer Körperhaltung abzulesen. Diese bedrückende Umgebung, und die Frau, die ihrer Tochter nicht im Geringsten entgegenkam, waren private Dinge, in die sie ihm auf keinen Fall hatte Einblick gewähren wollen.

Na und?, sagte er sich, war das nicht genau seine Absicht gewesen? Maria Santos für die Schmach bezahlen zu lassen, die sie ihm angetan hatte?

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie spät es ist, Maria?“, fragte ihre Mutter, die sich als Erste erholt hatte. „Ich war schon halb im Bett.“

Er spürte, wie Maria neben ihm zusammenzuckte. „Entschuldige, Mama, ich hätte vorher anrufen sollen.“

„Und wer ist das da? Warum bringst du einen fremden Mann in meine Wohnung?“

„Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Santos“, ergriff Alex das Wort. „Das ist allein mein Fehler. Ich befürchte, wegen der Dringlichkeit der Situation ist mir die vorgerückte Stunde nicht bewusst gewesen.“

„Und Sie sind …?“

„Alexandros Karedes. Prinz Alexandros Karedes.“

Luz Santos’ dünn gezupfte Brauen zogen sich skeptisch zusammen. „Prinz?“

„Aus dem Königreich Aristo. Vielleicht haben Sie schon davon gehört“, murmelte er in falscher Bescheidenheit, obwohl er sicher war, diese Frau kannte seinen Namen. Es gab kein Magazin und keine Fernsehsendung, wo es um die Schönen und Reichen ging, in denen Plätze wie Monaco, Dubai oder Aristo nicht immer wieder erwähnt wurden.

„Und Sie kennen meine Tochter?“ „In der Tat. Maria und ich werden sogar die nächsten Wochen miteinander verbringen.“

Seine Begleiterin maß ihn mit einem Blick, der dazu gedacht war, ihn in Stein zu verwandeln. „Der Prinz meint damit, wir werden zusammenarbeiten“, präzisierte sie.

„Maria entwirft das Geburtstagsgeschenk für meine Mutter.“

„Meint er damit diesen Auftrag, den du vorhin am Telefon erwähnt hast?“, vergewisserte sich Luz, und ihre Tochter nickte ergeben.

„Sí, Mama.“

Also war es nicht dieser Joaquin gewesen, dem sie versucht hatte, eine Liebeserklärung via Telefon zu machen, stellte Alex zufrieden fest und lächelte automatisch. Das schien Marias Mutter zu besänftigen.

„Kommt schon rein“, murrte sie. „Wir müssen ja nicht die Nachbarn aufwecken.“

Die kleine Diele war kaum erleuchtet und führte über zwei Stufen in ein Wohnzimmer, das früher vielleicht mal als elegant hätte bezeichnet werden können. Jetzt wirkte es ziemlich verwohnt, muffig und bedrückend.

Luz dirigierte ihre Gäste zu einem Zweiersofa aus Kunstleder und nahm selbst in einem schäbigen Fernsehsessel Platz. Da Maria immer noch wie erstarrt schien, ergriff Alex die Initiative und setzte ihre Mutter mit knappen Worten von den Ereignissen des heutigen Tages und den Plänen für die nächsten Wochen in Kenntnis.

Zunächst sagte Luz gar nichts dazu, dann warf sie in einer theatralischen Geste die Hände in die Luft. „Nun gut, wenn es meinem einzigen Kind nichts auszumachen scheint, ihre schwer kranke Mutter so einfach sich selbst zu überlassen …“

„Dir geht es ausgezeichnet“, unterbrach Maria sie hastig. „Die Ärzte sagen …“

„Was wissen die schon!“, wehrte Luz verächtlich ab. „Wir müssen einfach beten und hoffen, dass alles gut ausgeht …“ Ihre Stimme zitterte gefährlich, und Maria konnte einen Seufzer nicht länger unterdrücken.

„Mama, können wir darüber nicht ein anderes Mal …“

„Haben Sie Kinder, Prinz Alexandros?“

„Ich bin nicht verheiratet, Mrs. Santos.“

„Nun, wenn Sie es wären, würden Sie meine Besorgnis als Mutter verstehen können. Marias Cousine Angela …“

„Mutter, bitte! Der Prinz interessiert sich nicht für Angela.“

Trotzig schüttelte Luz Santos ihr schwarzes Haar. „Aber Angela ist ein sehr interessantes, wundervolles Mädchen. Sie hat einen fantastischen Posten in einer Versicherungsfirma und hat mehr als einmal angeboten, einen Vorstellungstermin für Maria zu vermitteln. Aber dieses unvernünftige Geschöpf lebt lieber in Hirngespinsten, als darüber nachzudenken, wie sie …“

„Wir verfolgen einfach unterschiedliche Ziele, Mama. Angela wollte so schnell wie möglich anfangen zu arbeiten, und ich habe ein College besucht.“

„Und hingeschmissen.“

„Ich habe nur gewechselt“, korrigierte Maria erschöpft. „Auf das Fashion Institute of Technology.“ Diesmal schwang so etwas wie Stolz in ihren Worten mit.

Luz schnaubte missbilligend. „Und wozu? Nur um zwei weitere Jahre mit Zeichnen, Werken und der Herstellung von überflüssigem Flitterkram zu vergeuden. Während Angela …“

Zur Hölle mit Angela!, dachte Alex, dem langsam der Geduldsfaden platzte. Er umfasste Marias verkrampfte Finger und drückte sie beschwichtigend. „Maria, ich glaube, wir dürfen deiner Mutter nicht länger die Wahrheit vorenthalten.“

Augenblicklich bohrten sich ihre Nägel in seine Handfläche und ihre grünbraunen Augen suchten seine in einem wilden Blick. „Alex, bitte …!“

„Ich bewundere deine Bescheidenheit und Zurückhaltung, glyka mou“, versicherte er geschmeidig. „Aber warum sollte deine Mutter nicht die Details des Vertrages erfahren?“

Maria stieß zischend den angehaltenen Atem aus, und Luz zuckte desinteressiert mit den Schultern. „Die kenne ich bereits“, behauptete sie. „Meine Tochter hatte den Wettbewerb verloren und ist nur aufgerückt, weil der echte Sieger verhindert war.“

„Sie sagen das so leicht hin, als handele es sich um eine Art Preisausschreiben. Tatsache ist, dass mein Vater, König Aegeus, die fünfzig besten Juweliere der Welt persönlich angeschrieben hat, um sie aufzufordern, ein einzigartiges Schmuckstück zu entwerfen, das in wenigen Wochen im Fokus der gesamten Weltöffentlichkeit stehen wird. Die Vorentscheidungen haben fähige Spezialisten getroffen, doch die letzte Entscheidung behielten sich der König und die Königin selbst vor.“

Er machte eine wirkungsvolle Pause und stellte mit Genugtuung fest, dass inzwischen beide Frauen atemlos lauschten.

„Mein Vater fällte das endgültige Urteil, und traf damit durchaus eine exzellente Wahl, aber das Geburtstagskind selbst hat von der ersten Sekunde an den Entwurf Ihrer Tochter favorisiert.“

Maria drückte seine Hand so fest, dass Alex fast aufgestöhnt hätte. „Ist das wahr?“, flüsterte sie schüchtern.

„Absolut“, raunte er ebenso leise und wandte sich dann wieder Luz zu. „Dieses Collier wird in jedem Hochglanzmagazin der Welt abgebildet und übers Fernsehen via Satellit auf allen Kontinenten zu sehen sein. Neben den Königskronen von Aristo und Adamas, die zu den bekanntesten Kronjuwelen der Welt gehören.“

Endlich schien Luz zu begreifen und schaute ihre Tochter an, als sähe sie sie heute zum ersten Mal. „Dann nutze diese einmalige Chance, mi hija.“

„Sí, Mama.“

„Verpatz sie bloß nicht, so viel Glück hat man nur ein Mal im Leben.“

Alex musterte Marias Profil, sah ihr angestrengtes Lächeln, das wie festgefroren auf den Lippen lag, und verwünschte innerlich die hartherzige Frau, die ihnen gegenübersaß und nicht das kleinste Wort des Lobes für ihre begabte Tochter übrig hatte.

Wie sein Vater, der in erster Linie König war und blieb. Doch wenigstens seine Mutter hatte es trotz ihrer mannigfaltigen Pflichten geschafft, bei den wichtigsten Sportevents oder Schulaufführungen stets in der ersten Reihe zu sitzen und ihm mit leuchtenden Augen frenetischen Beifall zu spenden …

„Das hat weniger mit Glück, als mit dem außerordentlichen Talent Ihrer begabten Tochter zu tun“, knurrte Alex und erntete dafür einen erstaunten und einen missbilligenden Blick. Abrupt erhob er sich von dem unbequemen Sofa, ohne Marias Hand loszulassen. „Es ist Zeit zu gehen“, sagte er brüsk.

Es hatte aufgehört zu schneien. Die Straße war frei, und als Maria in der Ferne ein Räumfahrzeug mit blinkenden Lichtern verschwinden sah, wusste sie auch, warum.

Henry sprang eifrig aus dem Bentley, lief um die Limousine herum und öffnete beflissen die hintere Tür. Maria stieg ein, Alex folgte ihr.

„Wohin, Sir?“

Alex hob kurz die Hand. Was war das für ein Geräusch? Weinte Maria etwa? Irritiert zog er sein Black Berry aus der Tasche und schaute aufs Display. Eine neue Textnachricht von seinem Piloten: Startbahnen freigegeben, Abflug kann wie geplant erfolgen.

„Zum Flughafen“, befahl er knapp und lehnte sich zurück.

Der elegante Wagen setzte sich in Bewegung. Maria gab keinen Ton von sich und starrte blicklos aus dem Fenster. Sollte sie wirklich eben geweint haben, hatte sie inzwischen damit aufgehört.

Alex räusperte sich. „Ich habe vergessen, deiner Mutter meine Telefonnummer dazulassen. Meine Sekretärin wird sie als Erstes morgen früh anrufen. Gibt es vielleicht noch jemanden, dem du eine Nachricht hinterlassen willst?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nicht einmal …“ Lass es, du Idiot!, mahnte Alex sich. Doch er musste es aussprechen. Es war wie der unwiderstehliche Drang einen schmerzenden Zahn zu berühren, selbst wenn dadurch alles nur schlimmer wurde. „Nicht einmal deinen Freund, Joaquin?“

Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie zu ihm herum. „Ja, er ist mein Freund!“, fauchte Maria. „Egal, wie du darüber denkst! Ich habe mein eigenes Handy, also … danke, wenn ich jemandem etwas sagen will, kann ich es auch ohne deine Hilfe.“

„Deshalb brauchst du mir doch nicht gleich an die Kehle zu gehen“, sagte er steif. „Ich habe mich nur gewundert …“

„Hör zu, Eure Hoheit, du hast heute Abend eine einzige nette Geste gezeigt, als du mich vor meiner Mutter verteidigt hast, und dafür danke ich dir. Aber verdirb es nicht gleich wieder!“

„Ich habe dich nicht verteidigt, sondern nur die Wahrheit gesagt“, korrigierte er umständlich, als fühlte er sich bei einem Anflug von Schwäche ertappt. Dann wurde seine Miene weich. „Es stimmt wirklich, dass meiner Mutter dein Entwurf von allen am besten gefallen hat … mir übrigens auch.“

Maria blinzelte und wandte ihm ihr Gesicht zu. „Warum sagst du mir das erst jetzt?“ Er schaute sie an und sah die geschwollenen Lider. Sie hatte also doch geweint! Alex fühlte sich plötzlich schuldbewusst, und das war ein Gefühl, das er gar nicht schätzte.

„Ich halte nicht viel von Vorschusslorbeeren“, behauptete er.

Maria lachte leise. „Der geborene Diplomat! Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich annehmen, dass du …“ Sie brach ab und wurde mit einem Mal leichenblass.

„Maria?“

„Sag deinem Chauffeur, er soll anhalten …“

„Was ist los?“

„Ich … ich muss …“

Alex ließ die Trennscheibe zum Fahrer herunter und befahl Henry, den Wagen an die Seite zu lenken. Sobald der Wagen zum Stehen kam, öffnete er die Tür, und Maria kletterte rücksichtslos über ihn hinweg auf die Straße. Er folgte ihr auf dem Fuß und umfasste ihre Schultern, als sie sich wie im Krampf nach vorn beugte und zu würgen begann.

„Geh weg …“, keuchte sie. „Ich will nicht …“

Ein erneuter Brechreiz hinderte sie daran, weiterzusprechen. Alex spürte die Wucht des Krampfes unter seinen Händen und fasste noch energischer zu. Als es vorbei war, richtete sie sich auf und sank nach hinten gegen seine breite Brust. Sie zitterte am ganzen Körper.

„Maria …?“, fragte er sanft. „Alles in Ordnung?“

Sie nickte. „Alles okay.“

Er sah, dass es nicht so war. Ihre Stimme klang schwach und seltsam hohl. Alex fluchte unterdrückt und drehte sie sanft zu sich um. Sie wehrte sich nicht, hielt aber den Kopf gesenkt.

„Was ist passiert?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich eine beginnende Grippe. Die hat momentan fast jeder.“

Sie wirkte so zerbrechlich und verloren in ihrem Monstrum von Parka. Alex zog ein Taschentuch hervor und hielt es ihr hin.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich würde es nur ruinieren.“

„Verdammt, Maria!“, knurrte er, umfasste ihr Kinn und hob das Gesicht an. Dann tupfte er ihre Lippen behutsam mit dem blütenweißen Leinen ab. Sie zitterte immer noch.

Ohne weitere Umstände hob Alex sie auf die Arme. „Nein …“, protestierte sie schwach, doch das ignorierte er und beugte sich stattdessen mit seiner süßen Last ins Wageninnere.

„Stell die Heizung höher“, befahl er Henry und setzte Maria auf den weichen Lederpolstern ab. „Und dann fahr ins nächstgelegene Krankenhaus.“

„Nein!“, wehrte sich Maria diesmal noch viel vehementer gegen seine Bevormundung. „Ich brauche keinen Arzt! Mir war nur ein wenig übel. Um Himmels willen! Ein kleiner Grippeanflug ist doch noch kein Grund zur Panik!“

„Du siehst aus, als isst du viel zu wenig“, stellte Alex kritisch fest.

„Mir geht es gut“, beharrte sie. „Ich muss nicht verhätschelt werden!“

Um Alex’ ausdrucksvollen Mund zuckte es. „Okay, ich habe verstanden. Keine Hätschelei. Henry …?“

„Sir?“

„Zum Flughafen.“ Dann öffnete Alex ein verstecktes Fach in der Mahagoniverkleidung, das Maria bisher noch gar nicht aufgefallen war, und nahm etwas heraus. Eine Flasche Wasser und eine große Leinenserviette.

Langsam beugte er sich vor und begann behutsam, ihr Gesicht mir der angefeuchteten Serviette zu reinigen. In seinen dunklen Augen stand Mitleid, aber auch noch etwas anderes, das sie nicht identifizieren konnte.

Auf jeden Fall fühlte es sich himmlisch an, derart umsorgt zu werden. Sobald er fertig war, nickte Alex ihr zu, und Maria murmelte einen kaum verständlichen Dank.

Als Nächstes zog Alex eine Flasche Brandy und ein Glas hervor, das er zwei Finger breit füllte. „Trink.“

Maria wollte zunächst protestieren, besann sich dann aber anders und tat wie geheißen. „Und jetzt lehn deinen Kopf an meine Schulter und schließ die

Augen“, ordnete er an, nachdem er ihr das leere Glas abgenommen hatte. Ein kurzes Blickduell, und er hatte gewonnen.

Als der Bentley anhielt, musterte Alex die noch immer tief und fest schlafende Maria, und sein Herz zog sich zusammen. Das schmale Gesicht war immer noch furchtbar bleich, und unter den langen gebogenen Wimpern, die auf den hohen Wangenknochen ruhten, ahnte er die dunklen Schatten mehr, als dass er sie sehen konnte. Dafür waren die Wimpern einfach zu dicht.

Sobald Henry die Wagentür geöffnet hatte, hob Alex die dunkelhaarige Schöne hoch und trug sie an Bord des Privatjets. Behutsam setzte er sie in seiner Schlafkabine auf der Bettkante ab und zog ihr Parka und Stiefel aus.

Ihre Augenlider flatterten, blieben aber gesenkt. „Alexandros …?“, murmelte sie.

So hatte er sich ihr damals vorgestellt, und so hatte sie ihn während ihres leidenschaftlichen Liebesspiels in jener Nacht genannt …

„Oder Alex, wenn dir das lieber ist“, murmelte er mit rauer Stimme. „Wach auf.“

Aber das tat sie nicht, sondern sank in die weichen Kissen. Während auch er sich endlich von seinen nassen Sachen befreite, betrachtete Alex ihr herzförmiges Gesicht. Selbst im Schlaf sah sie schrecklich erschöpft aus … und wunderschön.

Er legte sich neben sie, griff nach der Kaschmirdecke am Fußende und zog sie über sie beide. Maria seufzte leise und rückte an ihn heran. Was blieb ihm anderes übrig, als sie sanft an sich zu ziehen und ihren Lockenkopf auf seine Schulter zu betten?

6. KAPITEL

Das erste, oder besser, das einzige Mal, dass sie nach Aristo gekommen war, unterschied sich massiv von den überwältigenden Eindrücken, die momentan auf Maria einstürmten. Damals war es Anfang Dezember gewesen, der Beginn des mediterranen Winters.

Zusammen mit den anderen Passagieren war sie nach dem langen Flug wie in Trance durch den Terminal zum Gepäckkarussell gelaufen, um irgendwann ihre Reisetasche abzufangen und nach draußen zu schleppen, wo sie sich ein Taxi nahm.

Im Gefolge des Prinzen anzureisen war etwas ganz anderes. Alex’ Privatjet ging auf einer eigenen Landebahn, abseits des Hauptterminals, herunter. Zwei Männer schoben eine rollbare Gangway heran, der Flugkapitän und sein Copilot nahmen beidseitig der geöffneten Tür Aufstellung und salutierten zackig, als Alex an ihnen vorbei die Stufen hinunterschritt. Hinter ihnen vollführte Thalia, die private Stewardess, einen kleinen Hofknicks und lächelte Maria schüchtern zu.

„Genießen Sie Ihren Aufenthalt, Miss.“

Alex legte einen Arm um Marias Taille. „Ich werde persönlich dafür Sorge tragen, dass Miss Santos jede einzelne Minute genießt“, versprach er mit einem maliziösen Unterton, worauf Maria heftig errötete.

Als sie am Morgen aufgewacht war, wusste sie zunächst nicht, wo sie sich befand. Doch sobald es ihr bewusst wurde und sie den Abdruck eines Kopfes auf dem Kissen neben sich sah, glaubte sie, vor Scham vergehen zu müssen. Und dieses Gefühl verstärkte sich noch um ein Vielfaches, nachdem eine nette Stewardess in die Kabine kam und ihr mitteilte, dass Prinz Alexandros nebenan mit dem Frühstück auf sie warte.

„Ihren Koffer habe ich ans Fußende des Bettes gestellt, ihre Kleidung hängt frisch gebügelt im benachbarten Kabinett, und die Toilettensachen liegen im Bad bereit.“

Kaum hatte Thalia sie verlassen, flüchtete Maria sich ins Bad, weil sie ganz plötzlich wieder diese quälende Übelkeit verspürte. Als sie fünf Minuten später schweißnass und vor Erschöpfung zitternd in den Spiegel schaute, erschrak sie vor ihrem eigenen Anblick.

Sie war leichenblass, mit dunklen Rändern unter den Augen, in denen helle Panik stand. Worauf hatte sie sich nur eingelassen? Es war die Selbstverständlichkeit, mit der überall auf ihre Anwesenheit reagiert wurde, die ihr mit einem Mal die Ungeheuerlichkeit ihrer Situation deutlich machte. Niemand schien ein Problem damit zu haben, sie als Geliebte des Prinzen zu sehen!

Außer ihr selbst. Aber sie war eben noch nie eine Geliebte gewesen. Bis zu der Nacht mit Alex hatte sie überhaupt keine sexuellen Kontakte zu irgendeinem Mann gehabt, auch wenn er ihr das nicht glaubte.

Vielleicht war es sogar besser so. Die Demütigung war so schon kaum zu ertragen. Aber ihm gegenüber noch Schwäche und Unsicherheit erkennen lassen? Das würde seine Rachegelüste sicher nur verstärken.

Maria verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, schob das Kinn vor und lächelte ihrem Spiegelbild ermutigend zu. Sie hatte sich ihr Leben lang durchkämpfen müssen, und auch diese Schmach würde sie überleben. Aber nicht als Opfer!

Als sie zehn Minuten später die benachbarte Kabine betrat, wo Alex sie an einem üppig gedeckten Frühstückstisch erwartete, trug Maria einen hellgrauen Seidenrolli zu engen schwarzen Jeans, und an den Füßen ebenfalls graue leichte Wildlederstiefeletten. Das frisch gewaschene Haar bauschte sich, immer noch etwas feucht, wie eine duftige Wolke um ihr schmales Gesicht.

„Guten Morgen“, brachte er mit rauer Stimme hervor und erhob sich von seinem Platz, um ihren Stuhl zurückzuschieben. „Wie geht es dir?“

„Besser … tut mir leid, wegen letzter Nacht.“

„Dass du eingerollt wie ein kleines Kätzchen in meinen Armen geschlafen hast?“ Auf seinen Lippen lag ein herausforderndes Lächeln, das sie ignorierte. „Ich habe extra versucht, dich nicht zu stören, als ich aufgestanden bin.“

„Hat die Stewardess nicht gesagt, wir würden bald landen?“, versuchte Maria mit geröteten Wangen abzulenken. „Ich freue mich schon darauf …“

„Macht es dich etwa verlegen, dass wir letzte Nacht zusammen geschlafen haben, agapi mou?“

„Wir haben nur zusammen in einem Bett gelegen!“, korrigierte sie brüsk. „Ich bin sicher, du kennst den Unterschied sehr gut. Außerdem versuche ich nur, ein bisschen Smalltalk zu machen. Das ist es doch, was ein Mann von seiner Geliebten erwartet. Dass sie ihn unterhält … und zwar nicht nur im Bett, oder täusche ich mich?“

Jetzt fühlte Alex verräterische Hitze in seine Wangen steigen und hätte am liebsten laut und herzhaft geflucht. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, diese neue, kühle, viel zu distanzierte Maria einfach in die Arme zu reißen und zu küssen, bis sie wieder heiser seinen Namen flüsterte, oder ihr in gleicher Münze heimzuzahlen und ihr die Pflichten einer königlichen Geliebten noch einmal explizit zu erklären, und zwar in allen Details!

Inzwischen hatten sie das Flughafengebäude durch einen Nebeneingang betreten und auf der anderen Seite wieder verlassen. Wie Maria schnell feststellte, war die Luft viel kühler als beim letzten Mal.

Als Alex sah, dass sie zitterte, zog er sofort seine schwere Lederjacke aus und legte sie ihr um die Schultern.

„Danke, nicht nötig“, wehrte sie ab und wollte zur Seite treten, doch der Prinz griff nach dem aufgestellten Jackenkragen, zog ihn vor ihrem Kinn zusammen und dann Maria ganz dicht an sich heran.

„Oh, doch, agapimeni“, raunte er ihr ins Ohr. „Hast du nicht eben noch behauptet, die höchste Tugend einer Geliebten sei Gefügigkeit?“

„Ich sagte …“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippe. „Noch bin ich nicht Ihre Geliebte, Eure Hoheit!“, erinnerte sie ihn nach einer kleinen Pause.

„Du wirst es aber bald sein, Maria … sehr bald sogar“, erwiderte er und beobachtete aufmerksam ihr angespanntes Gesicht.

„Danke für die Warnung, mein edler Prinz“, gab sie anscheinend gelassen zurück. „Es kann sehr hilfreich sein, auf etwas Unangenehmes vorbereitet zu sein.“

Zu ihrer großen Überraschung legte Alex den Kopf in den Nacken und lachte in echter Erheiterung. „Nett formuliert … aber was für eine traurige kleine Lüge.“ Das Lächeln verschwand. „Sag es mir noch einmal, wenn ich dich ausgezogen habe … wenn du nackt in meinen Armen liegst, und ich deinen heißen Körper mit meinen Lippen liebkose …“

Maria spürte zu ihrem Entsetzen, wie sich ihre Brustspitzen verhärteten und in ihrem Innern ein Verlangen aufflammte, das sie kaum beherrschen konnte. Alex schien den Effekt seiner Worte richtig einschätzen zu können. Sie sah sein triumphierendes Lächeln aufblitzen, und in der nächsten Sekunde spürte sie bereits seinen Mund auf ihrem. Hungrig und besitzergreifend. Doch ehe sie noch reagieren konnte, hatte er sich schon wieder zurückgezogen.

„Steig in den Wagen, agapi mou“, befahl er knapp. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Die Limousine bewegte sich lautlos durch die Straßen von Ellos. Wenn möglich, war sie noch größer und luxuriöser als die in New York, ebenso wie der Chauffeur, dessen steife Haltung Maria von der ersten Sekunde an eingeschüchtert hatte. Ob er auch wusste, dass sie …?

Alex hatte ständig das Handy am Ohr und führte Telefonate in seiner Muttersprache, sodass sie etwas Muße hatte, sich die Gegend anzuschauen. Maria erkannte die Straße und das Bürogebäude, vor dem sie sich das erste Mal begegnet waren. Dann das romantische Restaurant, in das er sie ausgeführt hatte, wenig später den kleinen Park, wo er sie geküsst hatte …

Sein Apartment war nur wenige Straßen davon entfernt. Es blieb ihr also nicht mehr viel Zeit, bis …

Unerwartet steuerte der Chauffeur den Rolls Royce die Brücke zum Highway hoch, der, wie Maria unschwer den Hinweisschildern auf Englisch und Griechisch entnehmen konnte, zu den Stränden im Nordosten der Insel und zur Bucht von Apollonia führte.

Strände? Bucht? Sie war ein typisches Stadtkind. Volle Straßen und Motorenlärm waren ihre natürliche Geräuschkulisse. Nicht sanfter Wellenschlag irgendwo in der Einöde.

„Fahren wir nicht in dein Apartment?“, fragte sie spontan, als Alex sein Handy einsteckte. Bereute es aber bereits in der nächsten Sekunde.

„So war es geplant, aber ich habe meine Meinung geändert. Ich bringe dich an einen Platz, der dir unter Garantie gefallen wird.“

Maria wollte protestieren … aber wogegen? Ihre größte Angst war bis eben gewesen, mit Alex in dem Apartment allein zu sein, wo sie die berauschendste und im Nachhinein schrecklichste Nacht ihres Lebens verbracht hatte. Deshalb ersparte sie sich eine Antwort. Doch ihr Herz klopfte in einem nervösen Stakkato, während sich die Fahrt immer länger auszudehnen schien.

Sie erreichten die Bucht, und die Straße, die der Wagen nach Verlassen des Highways einschlug, schlängelte sich jetzt in engen Serpentinen die steile Küste empor. Der Blick über die bizzaren Kliffs hinunter zum schneeweißen Sandstrand war einfach atemberaubend. Von dort aus erstreckte sich die azurblaue See bis zum Horizont.

„Ist das die Bucht von Apollonia?“

Alex nickte. „Benannt nach dem Gott Apollo. Vergil soll schon vor zweitausend Jahren ein Poem über diesen Ort verfasst haben.“

„Vergil?“ Maria runzelte die Stirn. „War der nicht Römer?“

„Aristo und die Schwesterinsel Calista waren zu Beginn Teil des griechischen Reiches, das später von den Römern erobert und regiert wurde. Kennst du dich mit den Dichtern der Antike aus?“

Maria versteifte sich. „Ich hatte vielleicht nicht deine Privatschulen und Nachhilfelehrer, Alexandros, aber die New Yorker Schulen haben mir trotzdem eine ausgezeichnete Bildung vermittelt.“

„Ich wollte damit nicht sagen …“

„Doch, genau das! Du weißt gar nichts über mich, hast aber keine Hemmungen, ständig falsche Schlüsse zu ziehen.“

„Dasselbe könnte ich dir vorwerfen, glyka mou.“

„Willst du behaupten, du warst nicht auf Privatschulen und hast Extraförderung genossen?“

„Nein, ich meine … das stimmt schon, aber ich muss gestehen, bei mir ist kaum etwas von dem hängen geblieben, was mit Latein zu tun hatte, und es überrascht mich einfach, dass es dir nicht ebenso ergangen ist.“ Er grinste jungenhaft, und das verwandelte ihn im Sekundenbruchteil vom arroganten, dominanten Prinzen in den umwerfend charmanten, ungezwungenen Mann, den sie vor zwei Monaten kennengelernt hatte.

„Wie auch immer … jedenfalls beschreibt Vergil die Bucht als magischen Ort, an dem das Meer wirkt wie ein funkelnder Saphir.“

Maria seufzte leise. „Er hat recht, obwohl ich bisher niemals einen derart prächtigen Diamanten gesehen habe. Und wenn, dann würde ich als Fassung vierundzwanzigkarätiges Gold wählen, um die Kraft der Sonne zu symbolisieren“, fuhr sie träumerisch fort. „Und den Stein zwischen zwei kleine, perfekte Opale setzen, um die Schwesterinseln Aristo und Calista zu repräsentieren.“

„Das sind sie nicht mehr“, wandte Alex nüchtern ein. „Das vereinigte Königreich von Adamas ist nur noch eine sentimentale Erinnerung, bis zu einer möglichen Widervereinigung.“

„Ist es das, was sich die Menschen hier wünschen?“

„Es ist das, was König Christos hoffte, dass es passieren würde, als er eine der Inseln seiner Tochter Anya überließ, und die andere meinem Vater, König Aegeus.“

„Hat er deshalb auch den berühmten Stefani-Diamanten in zwei Hälften geteilt?“

Alex hob die Brauen. „Ich sehe, du hast deine Hausaufgaben gemacht.“

„Glaubst du, ich hätte den Entwurf für das Collier deiner Mutter aus dem Nichts gezaubert?“, fragte sie pikiert. „Ich weiß zum Beispiel, dass er der größte rosa Diamant war, der je in den Minen von Calista gefunden wurde, und wohl aus der Zeit von Richard Löwenherz stammt. Man setzte ihn ins Zentrum der Krone von Adamas, erst im Jahr neunzehnhundertvierundsiebzig wurde er geteilt. Aber warum erzähle ich dir das, wenn du es besser als ich wissen müsstest?“

Die Lady ist wirklich voller Überraschungen, dachte Alex und räusperte sich.

„Was wirst du mit dem Geld tun, das dir dieser Auftrag einbringt?“, fragte er spontan.

„Was ich damit tun werde?“

„Ja, es reicht sicher, um den perfekten Saphir und die passenden Diamanten …“

Ihr Auflachen klang seltsam hohl und angestrengt. „Du meinst wohl, es könnte reichen, um eine Anzahlung für mein Loft zu tätigen, ein paar neue Werkzeuge zu kaufen, alte Rechnungen zu bezahlen und meiner Mutter etwas mehr zukommen lassen zu können. Sie vielleicht sogar zu überreden, in eine bessere Gegend zu ziehen.“

„Du unterstützt deine Mutter?“

Maria zuckte mit den Schultern. „Sie arbeitet nicht.“

„Könnte sie aber bestimmt, wenn …“

„Sie selbst sieht das anders, und ich schulde ihr viel. Immerhin hat sie sich für mich aufgeopfert.“

„Das glaubst du doch nicht wirklich?“ In seiner Stimme schwang neben Skepsis auch eine Spur Ärger mit.

„Darum geht es nicht“, erwiderte sie steif. „Aber das kann jemand, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren ist, wohl kaum verstehen, Eure Hoheit.“

„Das ist unfair.“

„Wirklich? Du tauchst einfach aus dem Nichts vor meiner Tür auf und hältst mir quasi den besagten goldenen Löffel vor die Nase …“

„Ist das so schlimm?“, wandte er lächelnd ein.

„… nur um mich in der nächsten Sekunde damit zu konfrontieren, dass der Weg, ihn zu gewinnen, nur durch dein Bett führt.“

Das Lächeln auf Alex’ Gesicht war wie weggewischt. „Versuchst du etwa, dich aus unserer Vereinbarung zu stehlen? Nicht ich habe die Spielregeln aufgestellt, agapi mou. Schon vergessen, dass du es warst, die mich zuerst in die Falle gelockt hat? Jetzt bin ich dran.“

„Du würdest die Wahrheit nicht erkennen, wenn man dich drauf stoßen würde“, murmelte Maria verächtlich. „Es gab keine Falle. Du hast mich verführt.“

„Ungefähr so, wie ein Küken den Fuchs, willst du sagen?“, konterte Alex zynisch. „Aber das muss man dir lassen“, sprach er gleich weiter, ohne auf Marias Reaktion zu warten. „Du warst wirklich gut. Ich habe dir die schüchterne Madame Unschuld, verloren in den Straßen einer fremden Stadt, wirklich abgenommen.“

„Du mieser …“

„Nun mal langsam.“ Seine Stimme hatte jetzt einen stählernen Klang. „Du wusstest genau, wer ich war, und wolltest mich ausnutzen. Und jetzt drehe ich den Spieß einfach um …“

Er beugte sich vor und küsste sie. Mit einer Selbstverständlichkeit und einem Hunger, der keinen Zweifel daran ließ, wie es weitergehen würde. Maria hasste ihn dafür … und ihren verräterischen Körper, der sich seinen suchenden Händen direkt entgegenzustemmen schien. Wenn er sie jetzt fragen würde …

Alex’ Handy klingelte.

Er fluchte unterdrückt und zog mit einer ungeduldigen Geste das Handy aus seiner Tasche.

„Alexandros, bist du das?“ Sein Vater!

„Ja, ich bin’s“, murmelte er ergeben und räusperte sich, als er merkte, wie heiser seine Stimme klang. Und dann redete Aegeus, und redete und redete, und Alex hörte zu. Ja, sagte er schließlich. Ja, ist gut.

Die ganze Zeit über ließ er Maria keine Sekunde aus den Augen. So, wie sie ihn anschaute … wie ihre weichen Lippen …

Sobald das Gespräch zu Ende war, würden sie da weiter machen, wo sie eben aufgehört hatten. Er wusste es, und sie wusste es auch. Das konnte er sehen, fühlen.

Die Limousine passierte gerade das zweiflügelige, weit geöffnete Sicherheitstor und rollte einen gewundenen Weg unter hohen Pinien entlang, der auf einem Kiesrondell vor einem prachtvollen Architektenhaus aus Glas und Zedernholz endete.

Alex steckte das Handy wieder ein und fluchte unterdrückt.

„Wo sind wir hier?“, fragte Maria vorsichtig.

„Blaubarts Schloss“, erwiderte er trocken. „Mein Heim, Maria. Meine Haushälterin erwartet dich. Geh einfach hinein und schau nach, ob alles nach deinen Wünschen ist.“

„Ich verstehe nicht …“

„Es hat eine Planänderung gegeben. Ich muss noch etwas erledigen und werde erst am späten Nachmittag zurück sein. Sechs Uhr. Wir haben eine Verabredung zum Dinner. Ich möchte nicht warten müssen.“

Die Kommandos prasselten wie Steingeschosse aus einer Schleuder auf sie ein. Maria reckte ihr Kinn vor. „Ersparen Sie mir derartige Spielchen, Eure Hoheit “, verlangte sie kühl, „… indem Sie ein Date vortäuschen, um dem Ganzen einen romantischen Anstrich zu verleihen.“

Um Alex Mundwinkel zuckte es. „Hast du es so eilig, ins Bett zu kommen, glyka mou? Aber keine Angst, die Einladung meiner Eltern zum Dinner ist nur ein letzter, kleiner Aufschub, bevor wir beide genau dort landen werden …“

7. KAPITEL

Alex’ Fahrer stellte Marias Koffer ab, salutierte kurz und eilte zurück zur Limousine.

Warten Sie!, hätte Sie ihm am liebsten hinterhergerufen, aber was hätte ihr das gebracht. Es hatte schon etwas Einschüchterndes, so einfach vor der Tür eines Anwesens ausgesetzt zu werden, wie sie es nur von den Fotos in teuren Immobilien-Hochglanzmagazinen kannte. Aber zurück in den Wagen zu dem Mann zu flüchten, der sie eben geküsst und damit völlig aus der Fassung gebracht hatte, war auch keine Alternative.

In diesem Moment schwang die Haustür auf, und im Rahmen stand eine Frau, die von Kopf bis Fuß in strenges Schwarz gekleidet war.

Das musste die Haushälterin sein. Was mochte die wohl von ihr denken? Marias Herz sank.

Die Frau deutete einen Knicks an und lächelte ihr so herzlich zu, dass Maria sie fast umarmt hätte.

Kalimera. Onomázome Athenia.“

„Ich spreche leider kein Griechisch …“

„Verzeihung. Herzlich willkommen, Madam. Ich bin Athenia.

Der Prinz hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass Sie alles bekommen, was Sie sich wünschen.“

Ob er für all seine Geliebten dieselben Anordnungen hinterließ?

„Danke.“

Athenia klatschte in die Hände, worauf ein Diener erschien, der Maria mit einer Verbeugung begrüßte und ihren Koffer an sich nahm.

„Bitte nicht!“, protestierte Maria mit einem verlegenen Lachen. „Vor mir muss sich niemand verbeugen. Ich bin keine Prinzessin oder so etwas.“

„Sie sind Gast des Prinzen und die Lady, die ein wundervolles Geburtstagsgeschenk für unsere geliebte Königin kreieren wird“, erklärte Athenia freundlich. „Wir fühlen uns durch Ihre Anwesenheit geehrt. Wollen Sie mir bitte folgen?“

„Danke“, sagte Maria mit belegter Stimme und trat hinter der Haushälterin in die kühle, weitläufige Eingangshalle. Ein schneller Rundumblick sagte ihr, dass niemand auf die Idee kommen würde, dieses Meisterwerk an moderner Architektur mit Blaubarts Schloss zu verwechseln.

„Darf ich Ihnen vielleicht einen erfrischenden Drink anbieten? Oder etwas zu essen? Ich weiß, dass Sie eine lange, ermüdende Reise hinter sich haben.“

Allein die Erwähnung von Essen ließ Marias Magen krampfen. „Nein, danke“, sagte sie hastig. „Ich bin nicht hungrig.“ „Soll ich Sie gleich zu Ihrem Zimmer bringen, oder möchten Sie vielleicht vorher noch Ihr Atelier sehen?“

„Mein Atelier?“, echote Maria verblüfft. „Ist das denn hier?“

Jeder Aufschub, bevor sie die Höhle des Löwen betreten musste, erschien ihr mehr als verlockend.

Athenia nickte lächelnd. „Ich hoffe, es gefällt Ihnen. Der Prinz hat uns zwar genaue Anordnungen zukommen lassen, doch die Zeit war ziemlich knapp bemessen.“

Eine besondere Spezialität des Prinzen!, dachte Maria zynisch. Was mochte er für Befehle ausgegeben haben? Eine Werkbank im Keller aufzustellen? Für ausreichend Licht zu sorgen, damit sie auch in der Nacht arbeiten konnte, wenn sie gerade nicht in seinem Bett gebraucht wurde?

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen …?“

Maria nickte und schloss sich der Griechin bereitwillig an. Sie durchquerten einige große, lichtdurchflutete Räume mit hohen Decken. Die äußeren Wände waren komplett verglast. Der typische Lifestyle der Reichen und Schönen, dachte sie spöttisch, kam aber nicht umhin, die perfekten Linien und das ebenso klassische wie moderne Design des Hauses zu bewundern.

Maria versuchte, nicht zu auffällig zu starren, während sie Athenia durch eine hohe, gläserne Schiebetür auf eine ausladende Zedernholzterrasse folgte. Sie wurde zur Hälfte durch einen spektakulären Pool begrenzt, der so angelegt war, das er in das azurblaue Meer überzugehen schien.

Wie es aussah, verfügten alle Zimmer entweder über einen Balkon oder eine eigene Terrasse. Vom Haus weg führte ein kleiner Pfad durch einen üppig blühenden Garten, und als sie unversehens vor einer kleinen Pinienschonung standen, stieß Maria einen überraschten Laut aus. Unter den Bäumen stand eine perfekte Miniatur des Haupthauses. Holz, Glas … die gleichen klassischen Linien, eine Pinienholzterrasse, von der aus man über den feinen weißen Sand direkt zum Meer gelangte.

„Normalerweise wird es als Gästehaus genutzt“, erklärte Athenia. „Jetzt ist es Ihr Atelier. Wir haben uns große Mühe gegeben, aber wenn etwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit ist …“

Nicht zu ihrer Zufriedenheit? Fast hätte Maria laut aufgelacht.

Das Gästehaus bestand aus drei Räumen. Einem Schlafzimmer, einem luxuriösen Marmorbad und dem Hauptraum. Durch die verglaste Front und zusätzliche Oberlichter in der hohen Decke wirkte er ohnehin wie ein Künstleratelier, und ausgestattet mit mehreren Arbeitstischen aus massivem Holz, jeder Menge Regalen und Bänken und noch mehr Werkzeug entsprach er so sehr ihren geheimsten Träumen, dass ihr Herz vor Aufregung im Hals klopfte.

Und dann die kleinen Schränke und Kommoden, die dazu verlockten, Türen zu öffnen und Schubladen herauszuziehen, um sich die Schätze anzuschauen, die sie möglicherweise enthielten. Wahrscheinlich Material für ihren großen Auftrag …

Auf einem eleganten Tablett sah Maria etwas blitzen, das augenblicklich ihre Aufmerksamkeit erregte.

„Soll ich Sie allein lassen, Miss?“, fragte Athenia mit einem verständnisvollen Lächeln.

„Ja, bitte …“, murmelte Maria abwesend und streckte die Hand nach dem Tablett aus. Ausgebreitet auf schwarzem Satin, lag eine kleine feine Sammlung jener weißen und rosafarbenen Diamanten, die sie so sorgfältig in ihrem Exposé zu dem gezeichneten Entwurf des Colliers beschrieben hatte. Jeder für sich in einem winzigen Futteral.

Sie glitzerten so stark, als seien sie lebendig.

Sorgfältig ausgewählte weiße Diamanten aus einer Mine im kanadischen Yukon, wodurch man nicht Gefahr lief, Steine zu verwenden, die mit blutigen Konflikten in Zusammenhang standen. Und dazu zwei außerordentliche rosa Diamanten, die so exquisit waren, dass sie nur aus der berühmten Mine von Calista stammen konnten.

Behutsam nahm Maria sie aus ihren Kästchen. Sie würde nur einen von ihnen als Zentrum des Colliers verwenden. In ihrer Entwurfsbeschreibung hatte sie darauf hingewiesen, dass kein Diamant dem anderen gleiche und immer unterschiedliche Farbnuancen habe. Offensichtlich hatte König Aegeus das als Vorschlag aufgefasst, ihr die Möglichkeit der Wahl zu geben.

Jeder für sich hatte mindestens vierzig Karat, wie es ihr Wunsch gewesen war.

Marias Vorstellung nach war das nämlich die Mindestgröße, um das Collier neben dem berühmten Stefani-Diamant bestehen lassen zu können, von dem behauptet wurde, sein Gewicht betrage etwa hundertneunzig Karat. Das würde bedeuten, dass er noch größer als der berühmte Daryaye-Noor gewesen sein musste, den man vor Hunderten von Jahren in einer indischen Mine gefunden hatte und der bis heute als einer der größten Diamanten der Welt galt.

Also betrug das Gewicht des halben Stefani-Diamanten, so wie er heute die Krone von Aristo zierte, immer noch etwa achtzig bis neunzig Karat, je nachdem, wie viel Material bei der Teilung verloren ging.

Maria betrachtete atemlos die beiden rosa Ovale in ihrer Hand. Für ein ungeübtes Auge mochten sie völlig identisch erscheinen, doch sie bewunderte das unterschiedliche Farbenspiel in jedem einzelnen der kleinen Natur-Kunstwerke.

Die einzige Chance, den richtigen Stein für das Collier auszuwählen, war, ihn neben den Diamanten in der Krone zu halten. Man hatte sie zwar mit etlichen Fotos eingedeckt, aber nach Marias Auffassung konnte kein Foto der Welt die Seele eines Diamanten wiedergeben. Geboren unter extremem Druck und unvorstellbarer Hitze, verborgen in der Erdkruste seit Millionen von Jahren, besaß jeder eine eigene Charakteristik, der sie unbedingt gerecht werden wollte.

Aber ehe sie sich noch weiter in ihr Lieblingsthema vertiefte, wollte Maria wenigsten Joaquin und Sela wissen lassen, dass es ihr gut ging. Sie benutzte dazu ihr Handy, und als sich niemand meldete, hinterließ sie eine Nachricht auf der Sprach-Mailbox. Natürlich ohne die Zusatzklausel des Prinzen im Vertrag zu erwähnen!

„Ich bin sehr glücklich“, sagte sie, während sie sich noch einmal umschaute. Und in dieser Sekunde entsprach das sogar der Wahrheit. Ihr standen das wundervollste Atelier, das beste Werkzeug und die kostbarsten Materialien zur Verfügung …

Maria nahm an einem der Arbeitstische Platz, zog Papier und Stifte zu sich heran und begann zu skizzieren. An ihrem Entwurf würde sie nichts ändern … außer, jetzt, nachdem sie die zu verarbeitenden Diamanten gesehen hatte, könnte man vielleicht an der einen Seite den Grat der Goldfassung vielleicht um eine Winzigkeit erhöhen und auf der anderen …

Irgendwann streckte Maria ihre verspannten Glieder, schaute versonnen durch die Glasfront nach draußen und stellte erstaunt fest, dass die Sonne bereits tief am Himmel stand. Wie spät mochte es inzwischen sein? Sie gähnte. Einmal … zweimal und nach einer Pause ein drittes Mal.

In letzter Zeit war sie häufig müde. Kein Wunder, die ständige Nachtarbeit der letzten Wochen forderte offensichtlich ihren Tribut. Und da sie glaubte, den Auftrag aus Aristo verloren zu haben, musste sie sich noch mehr anstrengen, ihr Minuskonto auszugleichen.

Nach einem weiteren herzhaften Gähnen schob Maria den Skizzenblock von sich und ließ den Kopf auf die gefalteten Arme sinken. Nur für ein paar Sekunden, dachte sie verschwommen, und dann wurde es auch schon dunkel um sie.

Jetlag!, lautete Alex’ Diagnose. Anders konnte er sich seinen angeschlagenen Zustand nicht erklären.

Im Grunde genommen war es eigentlich eine Zumutung von seinem Vater, ausgerechnet jetzt dieses angeblich so wichtige Meeting anzusetzen. Aber das war eben seine Art. König Aegeus befahl, und der Rest hatte zu folgen. In diesem Fall Alex und seine beiden Brüder. Diskussion überflüssig.

Dabei ging es um nichts anderes als einen weiteren Gebäudekomplex in Ellos, dessen Planung schon vor Monaten abgeschlossen war. Außerdem kümmerte sich Alex’ Firma bereits um die Durchführung des Projekts, da ihm seit über acht Jahren die Kontrolle über jegliche weitere Bebauung von Aristo oblag.

So war die angesetzte Besprechung wohl nichts weiter, als eine Erinnerung daran, dass Aegeus immer noch Aegeus war. Als wenn das irgendjemand vergessen könnte!

„… zwanzig Stockwerke, Alexandros“, riss ihn die Stimme seines Vaters aus der Versunkenheit. „Warum nicht dreißig?“

Während Alex sich in die Realität zurückkämpfte, spürte er unter dem Konferenztisch den Tritt seines jüngeren Bruders Andreas gegen sein Schienbein, und als er daraufhin hochschaute, begegnete er dem warnend amüsierten Blick seines älteren Bruders Sebastian, der ihm gegenübersaß.

„Hast du mir nicht erzählt, dass der Architekt zwanzig Stockwerke für die perfekte Größenordnung hält, um die optische Staffelung der Bebauung in dieser Region nicht zu gefährden?“

„Genau“, bekräftigte jetzt Andreas. „Damit aus jeder Richtung noch der volle Ausblick auf den Jachthafen gewährleistet ist, nicht wahr?“

„Das ist korrekt“, bestätigte Alex.

Du schuldest uns was!, besagte das breite Grinsen seiner Brüder. Jetzt musste auch Alex schmunzeln. So war es immer zwischen ihnen gewesen. Ohne große Worte hatten sie einander geholfen, zwischen den steifen Ritualen und Regeln bei Hof zu überleben.

Als er zu seinem Vater hinübersah, beschlich Alex plötzlich ein seltsames Gefühl. Aegeus schaute grimmig drein, wie meistens, doch unter der gewohnten Königsmaske, wie sie es als Kinder genannt hatten, wirkte er unendlich müde und erschöpft.

„Alles in Ordnung mit dir, Vater?“

„Bestens“, kam es prompt zurück. „Auf jeden Fall gut genug, um noch ein paar weitere Dinge zu klären. Was ist mit dieser Frau?“

„Verzeihung …?“

„Na, die Santos-Frau“, präzisierte Aegeus ungeduldig. „Wie ist sie?“

„Ihr Name ist Maria“, sagte Alex steif. „Und ich nahm an, hier geht es ausschließlich um den geplanten Gebäudekomplex.“ „Das ist ja nun geklärt“, entschied sein Vater kategorisch.

„Also …?“

„Sie ist … talentiert.“

„Das setze ich natürlich voraus. Aber ich würde gerne wissen, wen ich heute Abend zu Gast habe. Sie wird doch hoffentlich in der Lage sein, eine einigermaßen intelligente Konversation zu führen, oder ist sie eines dieser übrig gebliebenen Blumenkinder, die ständig barfüßig herumlaufen?“

Sebastian ließ ein trockenes Hüsteln hören, und Andreas räusperte sich umständlich. Alex bedachte die beiden mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß.

„Sie ist eine Schmuck-Designerin, Vater“, sagte er gezwungen. „Eine New Yorkerin. Ich bin sicher, du wirst sie ebenso interessant wie anregend finden.“

„Ich nehme an, du hast sie im Grand Hotel untergebracht?“

„Nein …“ Alex zögerte. „Ich … äh, ich dachte, es ist besser, sie wohnt in meiner Villa in Apollonia.“

Sein Vater starrte ihn an. Ebenso wie seine Brüder. Verdammt!, dachte Alex, als er eine unangenehme Hitze in sein Gesicht aufsteigen fühlte.

„Wegen der Sicherheit“, erklärte er hastig. „Sie arbeitet immerhin mit Diamanten, die ein Vermögen wert sind.“

Sein Vater schob die Brauen zusammen. „Seit wann haben die im Grand Hotel Probleme mit der Sicherheit?“, wollte er wissen.

„Haben sie natürlich nicht, ich dachte nur … wegen der vielen Touristen …“

„Touristen, die mehrere Tausend Euro pro Nacht für ein Zimmer ausgeben, willst du doch nicht ernsthaft des Diebstahls verdächtigen wollen, Alexandros?“ Aegeus Stimme troff vor Sarkasmus. Im Raum war es plötzlich totenstill.

Dann meldeten sich Sebastian und Andreas gleichzeitig zu Wort.

„Da kann man sich nie ganz sicher sein …“

„Erinnere dich bloß an den Vorfall in … wo war das noch gleich, Alex?“

„Genau“, bestätigte der Angesprochene geistesgegenwärtig. „Bei mir habe ich das alles besser im Griff. Die elektronischen Tore, Überwachungskameras, Security-Personal … Außerdem habe ich Miss Santos das Gästehaus als Atelier eingerichtet.“

Aegeus nickte. „Kein schlechter Gedanke. Und sehr großzügig von dir.“

Ein Kompliment! Äußerst rar und leider nur die Reaktion auf eine Lüge. Alex schaute heimlich auf seine Uhr.

Wo Maria sich wohl gerade aufhielt? Ob sie noch ihr zukünftiges Arbeitsreich begutachtete oder bereits in seinem Bett lag und auf ihn wartete?

„Alexandros, hörst du mir überhaupt zu? Ich sagte …“

„Verzeihung, Vater.“ Mit einem Ruck schob Alex seinen Stuhl zurück und stand auf. „Aber ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen und muss jetzt gehen.“

Aegeus war wie vom Donner gerührt. „Du willst was?“

„Ich sagte, ich muss …“

„Ich bin nicht taub, mein Sohn, aber wir sind noch nicht am Ende unserer Diskussion.“

„Die haben wir schon vor Monaten beendet“, erinnerte Alex ihn brüsk.

Aegeus musterte seinen Zweitältesten mit deutlichem Missfallen. „Mir gefällt dein Ton nicht.“

„Entschuldige, Vater, aber ich bin ziemlich erschöpft. In weniger als … vierundzwanzig Stunden bin ich nach New York und wieder zurückgeflogen. Vielleicht können wir unser Gespräch einfach auf morgen verschieben.“

Aegeus schwieg einen Moment verbissen, dann nickte er. „Einverstanden.“ Er erhob sich von seinem Stuhl, Sebastian und Andreas taten es ihm nach. „Aber kommt nicht zu spät zum Dinner. Das gilt für euch alle. Alex, und du teilst Miss Santos mit, dass deine Mutter und ich uns freuen, sie heute noch kennenzulernen.“

Alex nickte und strebte in Richtung Tür, wurde aber noch einmal von seinem Vater zurückgerufen.

„Alex?“

„Ja, Vater?“ Was für eine ungewohnte Ansprache …

„Meine Vorbehalte gegen diese Frau resultieren hauptsächlich aus ihrem sehr jugendlichen Alter und einer damit möglicherweise verbundenen Unerfahrenheit. Du hast sie ja inzwischen persönlich getroffen. Wie wirkt sie auf dich?“

Unglaublich anziehend, unmoralisch und so begehrenswert, dass ich es kaum abwarten kann, zu ihr zu kommen …

„Wie ich bereits sagte, sehr interessant“, erwiderte Alex ruhig und eilte davon, ohne eine weitere Reaktion seines Vaters abzuwarten.

Die Rückfahrt nach Apollonia schien sich unendlich in die Länge zu ziehen, obwohl er seinen Ferrari nicht schonte.

Wo würde sie auf ihn warten? Er hatte gesagt, sie solle um sechs fertig sein. Jetzt war es fünf. Vielleicht war sie noch im Bad? Oder zog sie sich gerade an, während die Sonne durch die Fenster ihre samtene nackte Haut beschien …

Alex’ Schuljungenfantasien zerplatzten wie Seifenblasen, als ihm seine Haushälterin mitteilte, Miss Santos halte sich immer noch im Gästehaus, in ihrem neuen Atelier, auf.

Ihr neues Atelier!, dachte er verstimmt. Eigentlich hätte er es wissen müssen. Die einzige aufrichtige Leidenschaft, die er an Maria bisher hatte entdecken können, galt ihrer Arbeit. Das erfüllte ihn plötzlich mit einer Wut, die er selbst nicht verstand.

Sie sollte in seinem Haus sein! Seinem Schlafzimmer … oder, noch präziser, in seinem Bett! Oder sich wenigstens fertig angezogen fürs Dinner bereithalten, wie er es von ihr verlangt hatte.

„Maria!“, rief Alex mit scharfer Stimme, sobald er die Tür geöffnet hatte. „Maria, ich habe dir doch gesagt …“

Sie schlief. Tief und fest. Den Kopf auf die verschränkten Arme gebettet, das vom Schlaf gerötete Gesicht halb verborgen hinter einem Wust dunkler Locken. Unter den langen Wimpern sah er immer noch die dunklen Schatten der Erschöpfung.

Meinetwegen!, dachte er in einem Aufwallen von Schuldbewusstsein. Wie ein Tornado hatte er ihr Leben durcheinandergewirbelt, hatte sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und durch die halbe Welt geschleppt. Nicht, dass sie etwa eine pfleglichere Behandlung verdient hätte! Trotzdem …

„Maria …“, flüsterte er und strich ihr zärtlich die Locken aus der heißen Stirn. Und als sie leise seufzte, küsste er sie auf die verlockend weichen Lippen. Ihre Wimpern flatterten, und Alex küsste sie schnell noch einmal. Woher sollte er wissen, in welcher Laune sie war, wenn Maria die Augen erst ganz geöffnet hatte?

„Alexandros …?“, wisperte sie gegen seinen Mund.

Er war verloren! Sein Name! Sie sprach ihn aus wie niemand sonst. Es war wie ein Streicheln. Behutsam hob er sie auf die Arme, trug sie ins angrenzende Schlafzimmer hinüber und bettete Maria auf der weichen Matratze.

„Ja, agapi mou, sag meinen Namen …“

Sie tat es. Wieder und immer wieder … nur unterbrochen von seinen hungrigen Küssen. Sie war so weich und anschmiegsam. Er konnte ihren aufgeregten Herzschlag an seinem fühlen. Ihre Haut unter dem dünnen Pullover war so unglaublich zart und …

Es klopfte. „Eure Hoheit?“ Athenias Stimme klang entschuldigend. „Ihre Mutter ist am Telefon. Sie bittet Sie und Miss Santos, ein wenig früher zu kommen.“

Alex presste frustriert seine Stirn gegen Marias. „Ist in Ordnung“, rief er zurück. „Richten Sie der Königin aus, wir kommen, so schnell wir können.“ Dann lauschte er, bis er sicher sein konnte, dass die Haushälterin gegangen war, und richtete sich widerstrebend auf. „Wir werden das hier später beenden und …“

Maria wartete gar nicht erst ab, bis er fertig war, sondern schlüpfte unter ihm weg und sprang förmlich auf die Füße.

„Eine weitere Alternative, neben der Erpressung, wie du an deine Frauen kommst?“, fragte sie zynisch. „Indem du sie einfach im Schlaf überfällst?“

Ihre Stimme bebte vor Empörung. Nicht einmal so sehr über ihn, sondern über ihre eigene fatale Schwäche, sobald es um den Prinzen ging. Aber das konnte Alex natürlich nicht wissen. Auch er bebte, und zwar am ganzen Körper … aus unerfülltem Verlangen.

„Du weißt, dass du Unsinn redest!“, knurrte er.

„Ich weiß nur, dass ich wach wurde und deine Hände überall auf meinem Körper spürte!“

„Kleine Lügnerin“, sagte er überraschend sanft. Maria wandte ihm den Rücken zu, doch er legte ihr die Hand auf die Schulter und drehte sie zu sich herum. „Was ist nur mit dir los, agapi mou? Gefällt es dir nicht, dass die Karten diesmal anders verteilt sind? Dass du diesmal nicht diejenige bist, die alles kontrolliert und im Griff hat?“

„Schon gut!“, fauchte sie ihn an. „Ich gebe also zu, dass du … dass ich auf dich reagiert habe, obwohl ich es nicht wollte!“, fügte sie hastig hinzu. „Bist du jetzt zufrieden?“

Alex lachte spöttisch auf. „Um mich zufriedenzustellen, braucht es dann doch etwas mehr, Liebling.“

„Wie … wie kannst du nur …?“

Eine berechtigte Frage, dachte Alex mit einem bitteren Geschmack im Mund, denn genau das hatte er sich auch gerade gefragt. Es war überhaupt nicht seine Art, unwillige Frauen in sein Bett zu zwingen, und genau das war ihr Problem. Obwohl Maria immer wieder vehement bestritt, etwas für ihn zu empfinden, schmolz sie in seinen Armen regelrecht dahin, sobald er sie nur berührte.

Spielte sie nur mit ihm? Benutzte sie ihn schon wieder, während er sich einbildete, Oberwasser zu haben?

Alex richtete sich auf und fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes, schwarzes Haar. Er war bisher immer stolz auf seinen wachen, unbestechlichen Verstand gewesen. Und auf seine Selbstdisziplin. Doch seit er diese Frau …

„Ich schlage vor, wir gehen ins Haupthaus hinüber“, sagte er brüsk. „Eines der Mädchen hat bereits deine Sachen ausgepackt. Du hast …“, er schaute auf seine Uhr. „… exakt zwanzig Minuten, um dich frisch zu machen und umzuziehen.“

„Und wo hat deine ergebene Sklavin mein Gepäck untergebracht?“, fragte Maria mit glimmendem Blick und trotzig vorgeschobenem Kinn.

Thee mou! Diese Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn! Am liebsten hätte er sie einfach übers Knie gelegt … oder ihr die Kleider vom Leib gerissen und ihr gezeigt, wer hier das Sagen hatte!

„Da, wo sie hingehören!“, schnappte er unbeherrscht. „In meinem Zimmer! Hast du etwa vergessen, dass wir eine Abmachung haben?“

Maria seufzte resigniert auf. „Wie könnte ich etwas vergessen, das ganz sicher der größte Fehler meines Lebens ist?“, fragte sie heiser, doch der Prinz lachte nur …

8. KAPITEL

Was trug man zu einem Dinner im Kreis der königlichen Familie?

Auf jeden Fall nichts von dem, was Maria eingepackt hatte, das wurde ihr sehr schnell klar, nachdem sie Athenia in Alex’ Schlafzimmer gefolgt war.

Schlafzimmer? Konnte man einen Raum überhaupt so bezeichnen, der größer war als ihr gesamtes Loft? Polierter Holzboden, handgeknüpfte Teppiche, eine Decke, die einer Kathedrale zur Ehre gereicht hätte. Hinter der voll verglasten Wand die weitläufige Terrasse, zu der man auch vom Wohnraum aus Zugang hatte.

Und ein Bett! Mitten im Raum, auf einer Plattform, unter gewölbten Oberlichtern, durch die nachts die Sterne leuchteten. Auf der schweren schwarzen Seidendecke eine Anzahl blendend weißer Kissen, drapiert wie ein Bühnenbild.

„Ihre Sachen finden Sie im Ankleidezimmer.“

Maria zuckte zusammen. „Ich … danke“, sagte sie an Athenia gewandt.

„Es ist alles gebügelt und hoffentlich zu Ihrer Zufriedenheit.“

„Danke.“ Offenbar war es das einzige Wort, das sie noch herausbrachte.

Die Haushälterin lächelte höflich und zog sich zurück. Maria wartete einige Sekunden, dann lehnte sie sich an die geschlossene Tür und atmete ein paarmal tief durch. Ihr blieben nur zwanzig Minuten, und ehrlich gesagt, hatte sie noch nie länger gebraucht, um sich für eine Verabredung fertig zu machen. Aber da hatte sie ja auch gewusst, was sie anziehen würde!

Zwanglos, hatte Alex gesagt. Während Maria ihre perfekt gebügelten Jeans, Sweatshirts und Blusen betrachtete, fühlte sie ein hysterisches Kichern in sich aufsteigen.

Das Läuten des Telefons rettete sie. Maria schaute sich suchend um. Wo mochte es nur sein? Da, ein flaches weißes Teil an der Wand. Es klingelte erneut.

Maria nahm ab. „Hallo?“

„Du hast noch zwölf Minuten, glyka mou.“

„Alexandros?“

„Ich mag es, wenn du mich so nennst.“ Seine Stimme klang heiser, und wie stets fühlte Maria heiße Schauer über ihren Rücken rinnen. „Du bist noch nicht angezogen.“

„Alexandros …?“ Aufgeschreckt schaute sie um sich. „Wo bist du?“

Er lachte leise. „Keine Angst, ich kann dich nicht sehen, doch ich weiß genau, was du gerade tust. Du stehst in der Mitte des Raumes und versuchst, nicht auf das Bett zu starren, habe ich recht?“

„Falsch“, erwiderte Maria voller Genugtuung und betrachtete grimmig ihre allzu lässige Garderobe.

Wieder dieses leise, wissende Lachen. „Probier das smaragdgrüne Kleid und die schwarzen hochhackigen Riemchensandaletten“, schlug er vor. „Und bevor du mir an den Kopf wirfst, dass du weder tot noch lebendig die Kleider einer anderen Frau anziehst … beides ist eben erst von der Chanel-Boutique in Ellos geliefert worden. Leider konnte ich deine Größe nur schätzen, aber ich hoffe, alles passt … auch die intimeren Teile …“

Maria fühlte siedende Röte in ihr Gesicht steigen und hängte das Telefon mit einem Knall ein. Wie konnte er nur wagen …?

Wütend schaute sie um sich.

Da hing das avisierte Kleid. Und davor, auf dem weichen Teppich, standen die Schuhe. Beides einfach hinreißend und genau das, was sie selbst für eine derartige Gelegenheit gekauft hätte. Und was in der lackschwarzen Tüte stecken mochte, wollte sie lieber gar nicht erst wissen …

Auf keinen Fall würde sie die Sachen tragen! Dann schon lieber etwas aus ihrer eigenen Kol lektion. Vielleicht eine weiße Bluse zur schwarzen Jeans?

Ausreichend für ein Dinner in einem etwas schickeren Restaurant in New York, aber in einem Palast, zu dem wohl wichtigsten Business-Meeting ihre Lebens?

„Ich hasse dich, Alexandros!“, zischte Maria aus vollem Herzen und musste sich widerstrebend eingestehen, dass die erste Runde an ihn ging.

In Windeseile duschte sie sich und versuchte auszublenden, dass der herbfrische Seifenduft sie an Alex erinnerte. Beim Shampoo erging es ihr ähnlich. Aber was war das schon gegen das Gefühl, als sie den schwarzen Spitzen-BH, das winzige Höschen und die halterlosen Seidenstrümpfe überstreifte?

Mit brennenden Wangen zog Maria sich fertig an und schaute fast ängstlich in den Spiegel. Konnte dieses mondäne Zauberwesen tatsächlich sie sein?

Kein Zweifel! Denn an der wilden Haarfülle änderten weder das schicke Kleid noch die eleganten High-Heels etwas. Versuchsweise raffte sie ihre dunklen Locken am Hinterkopf zusammen, begutachtete sich kritisch von allen Seiten und nickte zufrieden. Das war besser!

Nachdem Maria ihr Haar mit einem Clip gebändigt hatte, schaute sie auf die Uhr. Lieber Himmel! Ihr blieb nur noch eine Minute. Hastig wählte sie aus ihrer mitgeführten Schmuckschatulle ein schlichtes, zur Kordel gewundenes Band aus feinsten, geschmeidigen Goldgliedern, in deren Mitte ein polierter Bernstein eingeknotet war.

Perfekt! Noch schlichte goldene Stecker für die Ohren. Hatte sie irgendetwas vergessen? Ah, ja … eine Spur Mascara, um die Wimpern zu betonen und ein Hauch goldenes Lipgloss, passend zum Bernstein.

Ein abschließender Blick in den Spiegel, ein aufmunternder Luftkuss für die schöne Fremde und dann aber nichts wie los. Rasch schnappte Maria sich die schicke schwarze Abendtasche, die auch noch zu ihrer neuen Ausstattung gehörte, und eilte zur Tür.

Alex stand davor und wartete auf sie.

Umwerfend war ein zu schwacher Ausdruck, um ihn zu beschreiben. Spektakulär kam der Sache schon näher. Sag irgendwas!, versuchte Maria sich zu motivieren, doch ihre Zunge schien wie gelähmt.

Alex trug zur schwarzen Hose einen lässigen grauen Blazer, über einem schwarzen Hemd, das am Hals offen stand. Und keine Socken in den handgenähten ledernen Mokassins. Wie er so lässig mit verschränkten Armen und gekreuzten Knöcheln im Türrahmen lehnte, gab er ein verführerisches Bild ab.

Titel: Er wartet auf sein Date. Nur, dass sie beide kein Date hatten …

Er sagte kein Wort, sondern ließ nur seinen Blick in quälender Langsamkeit an Maria herunterwandern, wobei sie das alarmierende Gefühl beschlich, das smaragdgrüne Seidenkleid sei womöglich durchsichtig. Doch das war unmöglich! Trotzdem war es so, als versenge er mit seinem eindringlichen Blick ihre zarte Haut.

Und dann lächelte er. Es war ein träges, sehr männliches Lächeln, das ihren Pulsschlag in ungeahnte Höhen trieb.

„Fast perfekt“, lautete sein Urteil. „Bis auf eines …“ Er streckte die Hand aus, nahm den Clip aus ihrem Haar und lockerte es auf, bis es in schöner Fülle über die Schultern herabfiel. „Perfekt!“

Maria konnte sich gerade noch davon abhalten, das Kompliment zurückzugeben.

„Wollen wir?“

Sie nickte stumm und rauschte wortlos an ihm vorbei.

Sein Wagen erinnerte Maria an eine geschmeidige, schnurrende Wildkatze. Schwarz und gefährlich. Ein Maserati, Lamborghini oder Ferrari …

Sicher war sie sich nicht, außer in einem Punkt: Alex fuhr sehr schnell. Viel zu schnell! Mit der Souveränität eines Mannes, der sich in einem derartigen Geschoss ausgesprochen wohl und zu Hause fühlte. Maria versuchte, nicht beeindruckt zu sein.

„Irgendwas nicht in Ordnung?“

Seine raue Stimme irritierte sie, ebenso wie sein intensiver Blick. Wieder beschlich sie das Gefühl, ihr Kleid sei durchsichtig. Hoffentlich nicht! Denn wie hätte sie ihm den feinen Schweißfilm zwischen ihren Brüsten und die erwartungsvoll aufgestellten Brustspitzen erklären sollen?

„Maria?“

Ich will dich …

„Hast du Angst vor dem Dinner?“

Nicht vor dem Dinner! Vor dir … oder besser, vor mir selbst …

„Das ist nicht nötig. Wir werden quasi nur im engsten Familienkreis sein.“

Dinner! Der König und die Königin von Aristo!

„Im engsten Familienkreis?“, echote sie schwach.

„Ja, mein älterer Bruder, Sebastian, mein jüngerer Bruder Andreas und meine Schwester Katarina. Allerdings nennt sie jeder nur Kitty. Die einzige, die fehlt, ist meine Schwester Lissa. Sie lebt in Paris.“

„So viele Menschen?“

Alex lachte. „Versuch mir nicht weiszumachen, du bist nervös, weil du mit Königs an einem Tisch sitzt!“, scherzte er. „Das hat dich bei unserem ersten Treffen ja auch nicht gehindert …“

„Zum letzten Mal, Eure Hoheit!“, fuhr Maria gereizt auf. „Damals hatte ich keinen blassen Schimmer, wer du warst!“

„Richtig! Wir haben uns ja ganz zufällig auf der Straße getroffen, und als ich vorschlug, Sex zu haben, hast du gedacht: Hey, ich habe gerade nicht Besseres zu tun, also … warum nicht …?

So war es nicht gewesen, und das wusste er selbst. Doch welcher Teufel ihn ritt, sie schon wieder in dieser Art zu demütigen, vermochte sich Alex beim besten Willen nicht zu erklären. Aber konnte sie denn wirklich so unschuldig sein, wie sie es behauptete? Wer hatte denn jetzt wen verführt?

„Weißt du was, Alex?“, sagte Maria mit schwankender Stimme. „Du bist ein echter Mistkerl!“

Sie hatte recht. Was immer zwischen ihnen vorgefallen war, es hatte nichts mit dem heutigen Abend zu tun. Dabei ging es einzig und allein um die Vorbereitungen zum sechzigsten Geburtstag seiner geliebten Mutter.

„Okay, fangen wir einfach noch mal ganz von vorn an“, schlug er vor.

Maria hielt die Lippen fest zusammengepresst und starrte blicklos aus der Frontscheibe.

Alex seufzte resigniert. „Ich muss dir von meiner Familie erzählen, damit du vorbereitet bist, glyka mou“, versuchte er, zur Abwechslung einen leichten Ton anzuschlagen. „Wie sonst solltest du den Anblick Sebastians überstehen, der an die zwei Meter groß ist und über hundert Kilo wiegt? Oder wissen, dass Andreas im Guinnessbuch der Rekorde als schlechtester Fußballer des Jahres rangiert?“

„Wie bitte?“ Sie wandte sich ihm zu, wie er es heimlich gehofft hatte.

Alex grinste. „Keine Panik. Wir ziehen Andreas immer noch mit dem schwärzesten Tag seines Lebens auf, an dem er sechs bombensichere Pässe versemmelt hat. Natürlich erwähnt dabei keiner, dass er zu dem Zeitpunkt knapp sechs Jahre alt war. Und was Sebastian betrifft …“ Das Grinsen wurde breiter. „Bis auf die Tatsache, dass er überall, außer auf seinem Rücken und den Fingerknöcheln, langsam seine Haare verliert, ist er ein recht gut aussehender Bursche. Selbstverständlich nicht so attraktiv wie ich …“

Das war auch unmöglich, wie Maria sich natürlich nur insgeheim eingestand.

Alex machte Witze. Sie wusste es, fühlte sich aber schon viel entspannter als noch vor wenigen Minuten. Entschlossen lehnte sie sich in den weichen Ledersitz zurück, faltete die Hände im Schoß und sagte sich, dass sie auch diesen Abend überstehen würde … und die Nacht. Was blieb ihr sonst auch für eine Wahl?

Der Ferrari stoppte vor den hohen Gittertoren außerhalb des Palastgeländes. Ein uniformierter Soldat trat aus einem halb offenen Wachhäuschen und salutierte zackig.

„Eure königliche Hoheit.“

„Stavros!“, rief Alex erfreut aus. „Schön, dich wieder auf deinem Posten zu sehen. Ist der Knöchel okay?“

„Bestens, Sir. Und Ihre Schulter?“

„Geht so. Hast du dich schon zu den nächsten Spielen angemeldet?“

Stavros grinste breit. „Und ob, Sir. Wie steht’s mit Ihnen?“

„Versuch, mich da rauszuhalten!“

Ein weiteres Grinsen, ein weiterer Salut, dann öffneten sich die Tore, und sie rollten langsam eine prachtvolle Allee entlang, bevor sie vor den breiten Marmorstufen des Palastes anhielten.

„Ihr kennt einander?“, fragte Maria.

„Seit Ewigkeiten. Wir waren schon zusammen im Kindergarten.“ Er lächelte über Marias erstaunte Miene. „In dem einen Punkt hat meine Mutter es geschafft, ihre fortschrittlichen Ideen gegen meinen konservativen Vater durchzusetzen.“

Ehe er weitersprechen konnte, wurde die Fahrertür von einem Diener in Livree geöffnet, ein zweiter half Maria beim Aussteigen. Am Kopf der imposanten Marmortreppe schwang die massive hohe Doppelflügeltür auf, und zu Marias Überraschung erschienen König Aegeus und Königin Tia auf der Schwelle.

Alex lächelte. „Sie haben mich extra angewiesen, dich durch den Haupteingang und die große Halle in den Palast zu bringen. Wir sind zwar nicht so formell wie viele andere Königshäuser, aber dass sie extra gekommen sind, um dich persönlich zu empfangen, ist schon eine große Ehre.“

Er bot ihr seinen Arm, und als Maria einen Sekundenbruchteil zögerte, hob er die Brauen. „Komm schon, glyka mou“, raunte er leise. „Und lächle, sonst denken meine Eltern, du hasst mich. Und das stimmt nicht, wie wir beide sehr wohl wissen, oder?“

„Falsch“, erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln und legte ihre Hand leicht auf seinen Arm. „Aber damit muss ich ja nicht deine Eltern belasten.“

„… und so hat Alex mich davon überzeugt, dass es meine königliche Pflicht sei, mich ins Butlerquartier zu schleichen, um herauszufinden, welche Geschenke unsere Eltern uns zu Weihnachten gekauft hatten“, erklärte Kitty lachend. „Eigentlich war es nur ein großer Raum, in dem die Vorräte während unserer Ferien in Kionia untergebracht waren … Oh, da gibt es einen fantastischen Sandstrand, und vom Haus aus schaut man über die Straße des Poseidon, die uns von Calista trennt. Das Ferienhaus selbst ist sehr groß, alt und wunderschön. Es liegt etwas abgelegen, sodass ich dort ganz leger rumlaufen …“

„Schlampig, wolltest du wohl sagen“, meldete sich Aegeus kühl. „Warum langweilst du unseren Gast mit alten Geschichten?“

Am Tisch war es plötzlich totenstill, und Kittys hübsches rundes Gesicht lief langsam scharlachrot an. „Verzeihung, Miss Santos.“

„Oh, bitte! Sie müssen sich doch nicht bei mir entschuldigen!“, protestierte Maria und legte ihre Hand auf die der Prinzessin. „Ich liebe solche Geschichten. Meine eigene Kindheit war längst nicht so vergnüglich. Keine Brüder. Keine Schwestern.“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass alle Augen auf sie gerichtet waren, und dass sie Kittys Hand umfasst hielt, so wie die ihrer besten Freundin Sela, wenn die etwas Aufregendes zu erzählen hatte. Rasch zog sie ihre Finger zurück.

„Ich meine … dies ist doch so ein netter Abend, und Sie alle waren so … so …“

„Es war uns ein außerordentliches Vergnügen, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Miss Santos“, sagte die Königin freundlich.

„Bitte, wollen Sie mich nicht einfach Maria nennen?“

„Maria.“ Tia lächelte. „Ich hoffe, Sie haben vor, unsere schöne Insel in den nächsten Wochen näher kennenzulernen.“

Maria schaute kurz zu Alex hinüber, der seelenruhig seinen Kaffee trank. „Wenn ich die Zeit dafür finde.“

„Ich kann es immer noch kaum fassen, dass eine so junge Frau in der Lage ist, einen derart fantastisches Schmuckstück zu designen wie mein Collier“, staunte Tia. „Ich hörte, mein Sohn hat Ihnen in seinem Haus eine eigene Werkstatt eingerichtet?“

„Ja.“ Diesmal wagte Maria es nicht, Alex anzuschauen.

„Und, ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?“

Warum lügen? „Sehr sogar, Eure Hoheit! Sie ist sogar kompletter und viel schöner eingerichtet als meine eigene in New York.“

„Gut.“ Das kam von König Aegeus. „Wenn Sie noch etwas benötigen sollten …“

Es war eine Floskel, mehr nicht. Doch derartige Gepflogenheiten waren Maria fremd.

„Ich hätte tatsächlich noch einige Wünsche“, erklärte sie eifrig. „Soweit ich weiß, befahl König Christos, den Stefani-Diamanten, der ehemals das Herzstück der Krone von Adamas bildete, in zwei Hälften zu teilen.“

Man hätte eine Stecknadel im Raum fallen hören können.

„Ich wüsste nicht, was die Geschichte von Adamas mit Ihrem Auftrag zu tun hat“, erklärte Aegeus steif.

„Oh, eine Menge sogar. Sie zu kennen und zu begreifen, versetzt mich erst in die Lage, das perfekte Collier zu kreieren.“

„Unsinn! Das tun Gold und Juwelen! Und nicht alte Geschichten über den Stefani-Diamanten.“

Erneut Schweigen. Dann fühlte Maria unterm Tisch Alex’ Finger, die ihre umfassten.

„Maria ist Künstlerin, Vater. Ihre herausragenden Kreationen repräsentieren, in einem gewissen Sinne, Lebenskraft und Lebensfreude. In diesem Fall steht das Collier sowohl für Mutters besonderen Ehrentag wie für die Treue und Anhänglichkeit der Bevölkerung zu unserer Familie. Und Maria versucht nur, den richtigen Geist unseres Königreiches einzufangen und widerzuspiegeln, habe ich recht?“

„Ja …“, bestätigte sie rau, völlig fasziniert, dass er mit wenigen Worten umriss, was sie den meisten ihrer Klienten immer vergeblich zu vermitteln versucht hatte.

„Nun, unsere Geschichte ist nicht besonders kompliziert“, mischte sich jetzt Sebastian ein. „Das Königreich von Adamas datiert zurück auf die alten Griechen und Römer.“

„Ja, das hat mir Alex schon erzählt.“

„Aristo war die Insel, von der aus das Königreich regiert wurde. Durch die Handelsbeziehungen zu Griechenland, der Türkei und Ägypten gelangte das Land zu großem Reichtum“, erzählte Andreas. „Calista hatte und hat immer noch seine Diamantminen. Besonders die rosa Diamanten, die von dort stammen, sind sehr rar und kostbar. Aber das wissen Sie natürlich.“

Alex drückte bestätigend ihre Hand. „Und die Karedes – also unsere Familie – sahnten die großen Gewinne ab, indem sie Diamanten auch nach Übersee verschifften. Wie du dir leicht vorstellen kannst, waren die Calistans darüber nicht besonders glücklich. Mein Großvater …“

„König Christos“, ergänzte Maria.

„Genau der, versuchte zu schlichten, hatte aber damit keinen Erfolg. Also verfügte er, dass nach seinem Tod Aristo von meinem Vater regiert werden solle, und Calista von der Schwester meines Vaters, Anya.“

„Und die Bevölkerung hat das akzeptiert?“

„Was hätte sie sonst tun sollen?“, fragte Sebastian. „Trotzdem hat Christos bis zum Ende auf ein Wunder gehofft. Vergeblich. Die beiden Inselreiche wurden getrennt, der berühmte Stefani-Diamant geteilt. Aber von Anfang an war sein Wunsch, dass beide Teile eines Tages wieder vereint werden würden, ebenso wie die benachbarten Inseln. Ein neues Adamas. Wir nennen es Christos’s Vermächtnis.“

Kitty nickte. „Allerdings ist es bis jetzt noch nicht geschehen.“

„Das muss eine sehr schwere Zeit für alle gewesen sein.“ Maria schaute König Aegeus an. „Besonders für Sie und Ihre Schwester, Sir.“

„Das liegt alles weit in der Vergangenheit“, wehrte Aegeus brüsk ab. „Und ich sehe auch keinen Anlass, Familieninterna mit einer Fremden zu besprechen.“ Gereizt zerknüllte er seine Leinenserviette und warf sie auf den Tisch. „Sie sind hier, um ein Collier für meine Frau zu fertigen, Miss Santos, und nicht, um unsere Geschichte aufzuarbeiten.“

„Einen Moment …“, wollte Alex sich einschalten, doch Maria war schneller und sprach zuerst.

„Mein einziges Interesse liegt darin, das Collier als Ihr Geschenk, Eure Majestät, so perfekt und bedeutsam wie möglich werden zu lassen.“ Sie hörte sich gefasst an, doch Alex entging weder das vorgeschobene Kinn noch das Funkeln in Marias wundervollen grünbraunen Augen. „Es tut mir nur leid, dass Sie es anders zu sehen scheinen.“

Alex biss sich auf die Unterlippe und vermied es, seine Brüder anzuschauen.

Seine Maria mochte vielleicht ein wenig nervös wegen des Dinners in königlicher Gesellschaft gewesen sein, aber Aegeus die Stirn zu bieten, der schon viel härtere Kaliber mit einem Wimpernzucken zu Boden gerungen hatte, bereitete ihr offensichtlich nicht die geringste Schwierigkeit.

Und der musterte sie grimmig, als wäre er sich nicht sicher, ob er gerade beleidigt worden war oder nicht. Schließlich nickte er, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Damit war das Dinner beendet.

„Möglicherweise habe ich etwas überreagiert, Miss Santos“, brummte er. „Natürlich ist es auch mein Wunsch, der Königin ein perfektes Geschenk zu überreichen. Und wenn Sie jetzt keine weiteren Forderungen an mich …“

„Tatsächlich habe ich noch eine“, formulierte Maria vorsichtig. „Die wichtigste.“

„In der Tat“, kommentierte Aegeus mit eisiger Stimme.

Inzwischen hatten sich alle erhoben, und so entschlossen Maria auch wirkte, Alex sah sehr wohl, wie sie zitterte. Spontan trat er dichter neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter. Zuerst versteifte sie sich, dann entspannten sich ihre Muskeln, und sie lehnte sich leicht an ihn.

„Aber es ist keine Forderung, sondern eine Bitte …“ Maria holte tief Luft. „Ich möchte die Krone von Aristo sehen.“

„Die haben Sie bereits gesehen“, wies sie der König kalt ab. „Man hat Ihnen sogar mehrere Aufnahmen zugeschickt, soweit ich weiß.“

„Aber Fotografien können niemals die Realität ersetzen, Eure Majestät.“

„Unmöglich! Aus Sicherheitsgründen befindet sich die Krone in der königlichen Schatzkammer.“

„Aber dort kann man sie doch rausholen, Vater“, mischte sich Alex ruhig ein.

„Dazu besteht keine Notwendigkeit!“

„Oh, doch, Sir!“, sagte Maria schnell. „Ich will mir ganz sicher sein, dass der Diamant, der den Mittelpunkt des Colliers bilden soll, auch wirklich die richtige Schattierung hat. Sie selbst waren doch so großzügig, mir zwei zur Auswahl zu überlassen.“

„Ich kann Sie nur nochmals auf die Fotos verweisen, Miss Santos. Sie haben eine hervorragende Qualität und …“

„Nicht, wenn es um die Authentizität der Farben geht“, warf Maria ein. „Außerdem muss ich die verfügbare Hälfte des Stefani-Diamanten berühren.“

Das kam so entschieden heraus, dass Maria von allen Seiten erstaunte bis betroffene Blicke erntete.

Sie errötete. „Steine haben ihre eigene Weise, zu denen zu sprechen, die mit ihnen arbeiten, Sir. Ich weiß, das hört sich seltsam an, aber …“

„Seltsam?“ Aegeus schnaubte. „Ich hatte wohl doch recht mit meiner Befürchtung, dass diese junge Frau ein übrig gebliebenes Blumenkind ist und keine Juwelierin.“

„Maria ist weder das eine noch das andere“, erwiderte Alex kalt. „Sie ist Künstlerin. Und wir können sehr glücklich sein, dass sie zugestimmt hat, das Collier zu kreieren.“ Er ließ seinen Vater nicht aus den Augen. „Ich denke, du solltest dich bei ihr entschuldigen.“

Das Gesicht von König Aegeus verfärbte sich puterrot. Eine Ewigkeit sprach niemand ein Wort. Dann räusperte sich die Königin dezent, stand auf, trat neben ihren Mann und legte eine schmale Hand auf seinen Arm.

„Aegeus … Alexandros. Bitte, verderbt mir doch nicht die Vorfreude auf mein wundervolles Geburtstagsgeschenk. Stell dir nur vor, Aegeus, die ganze Welt wird zuschauen, wenn du mir das Collier überreichst. Und schon deshalb sollte es wirklich so perfekt werden, wie Miss Santos es nur fertig bringt, denkst du nicht? Und natürlich sollte es zu der Krone von Aristo passen, die du an diesem Abend tragen wirst.“

Schweigen. Auf Alex’ Wange zuckte ein Muskel. Dann nickte er.

„Mutter hat recht. Tut mir leid, wenn ich ein wenig rüde war, aber Marias Talent wird dazu beitragen, dass die ganze Welt über Aristo sprechen wird, über die berühmte Krone und das dazu passende Collier.“

Der König stand immer noch starr wie eine Statue. Dann, wenn auch widerstrebend, neigte er zustimmend den Kopf.

„Ich werde die nötigen Vorbereitungen treffen, Miss Santos. Sie werden die Krone mit dem Stefani-Diamanten fünf Minuten für sich haben. Fünf Minuten und keine Sekunde länger! Ist das klar?“

Maria machte sich von Alex’ Arm frei und sank in einen tiefen Hofknicks. „Klar. Danke, Sir, Sie werden Ihre Entscheidung nicht bereuen.“

Aegeus schaute sie an, und Maria hatte den Eindruck, ein dunkler Schatten husche über sein Gesicht. „Ich hoffe nicht …“, murmelte er und zog sich zurück.

Die Rückfahrt zu Alex’ Haus verlief schweigend.

Das Tor schwang auf, der Ferrari schnurrte die lange Auffahrt entlang. Als sie das Haus erreichten, stellte Alex den Motor aus, sprang aus dem Wagen und lief auf die andere Seite. Schwungvoll öffnete er die Beifahrertür und dachte bei sich, was für eine erstaunliche Frau Maria Santos war.

Strahlend, talentiert und mutig.

Und schön. Unglaublich schön im silbernen Schein des Mondes.

Wie würde sie wohl in seinem Bett aussehen? Nackt … hingegeben, voller Leidenschaft …

„Wir sind zu Hause“, sagte er sanft.

Maria nickte und ergriff seine ausgestreckte Hand. „Aber möglicherweise schickt mich dein Vater gleich morgen in die Staaten zurück.“

Alex lächelte. „Keine Gefahr, er sitzt in der Falle. Meine Mutter ist eine sehr kluge Frau. Es reichte völlig, ihn daran zu erinnern, dass die ganze Welt Zeuge der Geburtstagsfeierlichkeiten in Aristo sein wird.“

„Versuch bloß nicht, so zu tun, als hätte ich mich nicht absolut idiotisch verhalten!“

„Ich würde es eher mutig nennen.“

Maria stöhnte auf. „Ich weiß wirklich nicht, was in mich gefahren ist. Es war nur …“

„Es war nichts weiter als deine natürliche Leidenschaft, die du so standhaft zu verstecken und zu leugnen versuchst, agapi mou.“

„Ich verstecke gar nichts! Und ich …“

„Du bist sehr gut darin, weißt du? Bis jemand vorbeikommt, der dein Blut zum Sieden bringt.“ Alex öffnete die Haustür, drehte sich zu Maria um und wickelte sich eine seidige braune Locke um den Finger. „Heute war es das lächerliche Benehmen eines Königs.“

„Nein! Ich war nur …“

„Und deine Ergebenheit an Kunst und Perfektion“, erklärte er weiter, ohne ihren Einwand zu beachten.

„Das … das ist sehr nett von dir, so etwas zu sagen. Aber meinetwegen haben sich alle schrecklich unwohl gefühlt …“

„Und ich, agapimeni …“, führte Alex sozusagen als Krönung hinzu. „Ich lasse dein Blut wie glühende Lava durch die Adern fließen, ebenso, wie du das meine …

Er beugte sich vor und küsste sie. Es war ein sanfter, freundlicher Kuss. „Maria …“, sagte er leise, „… Maria.“

Und als sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und sich an ihn schmiegte, küsste er sie noch einmal. Diesmal mit einem Feuer und einer Leidenschaft, die sie bis ins Innerste aufrührte. Dann schob er sie sanft von sich.

„Es ist spät“, sagte er rau. „Zu spät für derartige Diskussionen. Findest du allein den Weg ins Schlafzimmer?“

„Aber ich … du hast doch verlangt …“

„Ich weiß“, unterbrach er sie heiser, stieß einen unterdrückten Fluch aus und küsste sie erneut voller Verlangen. „Ich bin wahrlich kein Heiliger, Maria“, flüsterte er gegen ihren Mund, „… aber wie es aussieht, scheine ich auch nicht der Mistkerl zu sein, wie wir beide es dachten.“

Ein erstickter Laut entrang sich ihrer Kehle. „Ich verstehe dich nicht, Alexandros! Was willst du von mir?“

Er schüttelte nur den Kopf und ließ sie einfach stehen. Alex wusste nicht, was er von ihr wollte. Genau das war sein Problem.

9. KAPITEL

Was tat ein Mann, der offenbar Gefahr lief, seinen Verstand zu verlieren?

Anders konnte Alex sich sein Verhalten nicht erklären. Denn zum Märtyrer hatte er noch nie getaugt. Entweder verdiente er eine Medaille für seine selbstauferlegte Zurückhaltung, oder er musste doch mal seinen Kopf untersuchen lassen!

Was für eine Vorstellung … in diesem Moment die Frau in seinen Armen zu halten, die er extra zu diesem Zweck über den Ozean hierhergebracht hatte, anstatt vor Frustration und unerfüllter Begierde innerlich zu verbrennen!

Maria war für ihn bereit gewesen. Daran hatte er nicht den leisesten Zweifel.

Und er war gegangen!

„Idiot!“, haderte Alex mit sich selbst und kickte einen Stein zur Seite, während er durch den dunklen Garten lief. Als er zurückschaute, sah er das Licht im Schlafzimmer brennen. Aber jetzt umzukehren wäre ein Zeichen von Schwäche.

Was blieb ihm also für eine Alternative? Er war erregt. Und er brauchte Sex.

Kein Problem, dafür gab es probate Lösungen. Zum Beispiel sein Adressverzeichnis im Handy, mit dem er locker ein halbes Dutzend der schönsten Frauen erreichen könnte, die alle nur zu bereit wären, ihn heute Nacht noch zu empfangen.

Aber er wollte Maria, und keine andere! Und trotzdem war er gegangen …

Alex kickte noch einen Stein aus dem Weg, machte kehrt und lief zu seinem Ferrari zurück. Er ließ den Motor aufröhren, als er durch das eiserne Tor fuhr, und raste in halsbrecherischer Geschwindigkeit die gewundene Küstenstraße entlang, womit er die wenigen Autofahrer, die um diese Zeit noch unterwegs waren, ziemlich verstörte. Die Haarnadelkurven nahm er auf seine ganz spezielle Weise, indem er kurz vorher hart auf die Bremse ging und im Scheitelpunkt der Kurve ebenso hart wieder aufs Gaspedal stieg, sodass das Heck des Sportwagens regelrecht um die Ecke schleuderte.

Vielleicht würde der dadurch verursachte Nervenkitzel den wütenden Hunger stillen, der sein Blut zum Sieden brachte.

Es funktionierte nicht.

Zwei Stunden später rollte der Ferrari auf die Einfahrt und kam vor dem Haus zum Stehen. Alex war erschöpft, und Maria immer noch in seinem Kopf und seinem Blut. Jetzt gab es nur noch eines, was er tun konnte, um den unerträglichen Druck loszuwerden.

Er musste sie haben! Wollte sie nackt sehen … unter sich spüren … hören, wie sie seinen Namen flüsterte, auf diese unnachahmliche Art …

Seine Hände krampften sich ums Steuer, und mit einem unterdrückten Aufstöhnen presste er die Stirn dagegen. Nach einigen quälenden Minuten stieg er aus dem Wagen und betrat das Haus.

Alles war ruhig. Dunkel.

Vor der Tür zu seinem Schlafzimmer blieb er stehen und versuchte, seinen Herzschlag zu kontrollieren. Doch der wurde stattdessen immer heftiger, und mit einem lautlosen Fluch auf den Lippen drückte Alex behutsam die Klinke herunter, immer noch hin- und hergerissen zwischen Lust und Scham über seine Schwäche.

Er war nun mal kein edler Ritter in schimmernder Rüstung, sondern ein Mann aus Fleisch und Blut, der extrem privilegiert aufgewachsen und gewohnt war, sich zu nehmen, wonach ihn verlangte!

Die Tür schwang leise auf, und Alex hielt die Luft an. Nach wenigen Sekunden fiel ihm auf, dass er auch niemand anderen atmen hörte. Sofort langte er nach dem Schalter neben der Tür und ließ das Licht aufflammen.

Maria war nicht da! Das smaragdgrüne Seidenkleid lag zerknittert über einem Stuhl, die hochhackigen Sandalen daneben auf dem Boden. Und das breite Bett war unberührt!

Ärger und Frustration schwanden und machten nagender Angst Platz. Wo war Maria? Warum war sie gegangen? Und wohin? Etwa, um einen Nachtspaziergang am Strand zu unternehmen?

Alex schüttelte den Kopf. So dumm konnte sie doch nicht sein! Sie kannte sich weder in dem weitläufigen Garten aus, noch wusste sie, dass einige der Wege, die in Richtung Strand führten, direkt hinter dem dunklen Piniengürtel vor einem Kliff endeten.

Abrupt wandte er sich um und wollte schon in Richtung Strand laufen, da kam ihm ein Gedanke. Das Gästehaus!

Während er durch den dunklen Garten lief, machte seine Besorgnis wieder einer Wut Platz, die noch heißer war als zuvor. Dachte sie etwa, ihm auf diese Art entkommen zu können? Als er stürmisch das Haus betrat, fiel ihm ein kaum wahrnehmbarer Lichtschein hinter der Glastür zum Atelier auf. Alex fluchte unterdrückt, stoppte und schob die transparente Doppeltür auf.

„Verdammt, Maria …!“, entfuhr es ihm, doch als er ihr Gesicht sah, erstarb jedes weitere Wort auf seinen Lippen.

Mit hochgezogenen Knien saß sie zusammenkauert auf dem Fenstersitz, nur beleuchtet vom flackernden Schein einer Kerze. In ihren Jeans und dem übergroßen Sweatshirt wirkte sie wie ein Kind. Als sie seine wütende Stimme hörte, schwang sie herum. Das Gesicht war schrecklich blass, und in den umschatteten Augen glitzerten Tränen.

„Tut mir leid …“, flüsterte sie kaum hörbar. „Das alles tut mir furchtbar leid, Alexandros. Ich hätte nie hierherkommen dürfen. Ich weiß, dass ich zugestimmt und den Vertrag sogar unterzeichnet habe, aber ich kann nicht. Ich kann es einfach nicht tun …“

Mit wenigen Schritten überbrückte er die Entfernung zwischen ihnen und zog Maria in seine Arme.

„Nein! Bitte nicht …“, weinte sie auf und versuchte, freizukommen.

Er ignorierte das und wisperte ihr etwas auf Griechisch ins Ohr, was sie nicht verstand, aber das sich so anhörte, als wolle man ein kleines, verängstigtes Kind trösten. Immer wieder strich Alex ihr zärtlich über die wirren Locken und wiegte sie hin und her, bis sie leise zu weinen anfing.

„Ich … ich weiß, ich habe zugestimmt, deine … Geliebte zu werden“, brachte Maria stockend hervor. „Aber ich kann es nicht tun … selbst wenn ich deswegen den Auftrag verliere. Ich kann nicht …“

„Nein, natürlich nicht“, versuchte Alex, sie zu beschwichtigen, setzte sich und zog Maria auf seinen Schoß. „Schhh … glyka mou, ich werde dir nichts tun. Ich könnte dir nie wehtun. Bitte, hör auf zu weinen.“

„Ich … ich wusste damals wirklich nicht, wer du warst, Alexandros … das schwöre ich! Ich bin mit dir gegangen, weil … ich kann es mir selbst nicht erklären. Ich habe so etwas noch nie getan …“ Zitternd holte sie Luft und setzte sich so, dass sie ihm direkt in die Augen schauen konnte. „Ich weiß, du wirst mir nicht glauben … aber ich habe zuvor … ich war vorher noch nie mit einem Mann in dieser Art zusammen …“

Thee mou!

Diese anrührende Beichte führte dazu, dass er sich jetzt erst recht wie ein Mistkerl fühlte! Und gleichzeitig machte sein Herz einen Freudensprung. Er glaubte ihr, denn ganz tief in seinem Innern wusste er es bereits die ganze Zeit über.

Seine süße Maria hatte ihm ihre Unschuld geschenkt!

Zur Hölle! Er hatte sie ihr geraubt!

Und natürlich hatte sie nicht die leiseste Ahnung gehabt, wer er in Wirklichkeit war!

Warum hatte er ihr nicht glauben wollen, sondern einfach auf stur geschaltet und sie nach den Frauen beurteilt, die ihn mit ihren Lügen zu manipulieren versucht hatten? Angefangen mit dem griechischen Mädchen, als er noch ein verletzbarer Junge gewesen war.

Bei ihr war er so sicher gewesen, dass sie ihn liebte. Als sie zitterte, weinte und ihn beschuldigte, ihre Jungfräulichkeit geraubt zu haben, wollte er sie sofort heiraten. Bis er hörte, wie sie sich, zusammen mit ihren Freundinnen, über seine unglaubliche Naivität und Dummheit lustig machte …

Oder die italienische Debütantin, die damit drohte, sich eher umbringen als in Sünde leben zu wollen. Ein furchtbarer Plan, von dem sie sich nur durch einen Ehering an ihrem Finger würde abbringen lassen. Hinterher stellte sich heraus, dass sie bereits mit der Hälfte aller in Europa zur Verfügung stehenden Prinzen geschlafen hatte!

Ganz zu schweigen von dem deutschen Supermodel, das behauptete, er habe sie geschwängert. Inzwischen weiser geworden, forderte er einen Vaterschaftstest und hörte nie wieder etwas von ihr.

Doch Maria war anders! Sie … sie war eben … Maria! Süß und klug und tapfer.

Und er hatte sie durch die Hölle gehen lassen!

„Ich werde jemand finden, der meinen Platz einnehmen und ein ebenso wundervolles Schmuckstück kreieren kann wie jenes, das ich …“ Sie schluckte. „Ich würde ihm sogar meinen Entwurf zur Verfügung stellen … zumindest das schulde ich deiner Mutter, aber …“

Alex stoppte die Redeflut mit einem sanften Kuss. „Du schuldest niemandem etwas, agapi mou. Und warum sollte jemand anders deinen Platz einnehmen?“ Zärtlich strich er ihr eine widerspenstige Locke aus der Stirn. „Dich kann niemand ersetzen. Wie dein Design bist auch du einmalig.“

„Aber ich habe dir doch erklärt …“

„Maria.“ Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. „Hiermit entlasse ich dich aus dem verdammten Vertrag“, sagte er rau. „Du wirst in Aristo bleiben und das wundervollste Collier schaffen, das die Welt je gesehen hat. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dich nicht zu begehren, kardia mou. Sogar so sehr, dass es wehtut. Aber ich will nichts von dir, was du mir nicht freiwillig zu geben bereit bist. Ich habe es mir einmal genommen, und das werde ich mir selbst nie verzeihen …“

Seine Stimme schwankte bedenklich, und Maria legte spontan einen Finger über seine Lippen.

„Ich habe mich dir in jener Nacht freiwillig hingegeben, Alexandros“, stellte sie richtig. „Ich wollte dich … unbedingt!“ Sie lächelte verlegen und barg ihren Kopf an seiner Brust. „Und ich will dich jetzt …“, flüsterte sie so leise, dass er glaubte, sich verhört zu haben.

Das konnte nicht sein! Er musste sich auf jeden Fall verhört haben! Oder seine lebhafte Fantasie spielte ihm mal wieder einen bösen Streich …

„Maria … ist dir überhaupt bewusst, was du da eben gesagt hast?“

Sie lachte schüchtern. „Ich weiß sehr genau, was ich gesagt habe. Deshalb kann ich ja auch nicht bleiben. Ich will dich, egal, was du über mich denkst. Ist das nicht schrecklich? Das zuzugeben, raubt mir noch das letzte bisschen Stolz, das mir geblieben ist …“

„Schhh …“ Wieder küsste er sie.

„Aber es stimmt! Wenn ich etwas mehr Stolz hätte, wäre ich nie mit dir nach Aristo gekommen und hätte schon gar nicht zugestimmt, mit dir zu schlafen. Weil … wenn ich ehrlich bin, war es nicht nur der Auftrag, der mich gereizt hat … sondern du …“

Diesmal fiel sein Kuss besonders heiß aus. Dabei hatte er nur freundlich sein wollen, doch als sich ihre Lippen unter seinen teilten, war es um Alex geschehen. Sehnsucht, Angst, Schuldgefühle und Begehren mischten sich zu einem Sturm der Gefühle, den er kaum noch kontrollieren konnte.

„Bist du dir auch ganz sicher, agapi mou?“, raunte er heiser.

„In meinem ganzen Leben war ich mir noch nie so sicher …“

Alex stöhnte dumpf auf, schwang sie auf seine Arme und trug sie durch die Dunkelheit ins Schlafzimmer und zum Bett.

Dieses Bett war ganz anders als seines. Es war schmaler, schlichter, aus Jahrhunderte altem Olivenholz gefertigt und mit weißem grobem Leinen, wie es im Nachbarort nach alter Tradition gewebt wurde, zugedeckt. Und doch … oder gerade deswegen hatte es eine besondere, natürliche Schönheit.

Genau wie Maria, dachte Alex, als er sie behutsam auf die weichen Kissen legte, nachdem er mit einer Hand die Leinendecke zurückgeschlagen hatte. Auch sie besaß diese Stärke und Eleganz.

„Alexandros …“, seufzte sie leise und reckte ihm die Arme entgegen.

Es erinnerte ihn an damals, und doch war es jetzt ganz anders. In jener Nacht ging es um Sex, und heute …?

Sehr langsam und bedächtig begann er, sie zu entkleiden. Ohne Hast, jeden Zentimeter freigelegter, samtener Haut mit allen Sinnen genießend. Als er feststellte, dass sie unter ihrer Jeans gar nichts anhatte, schoss sein Puls noch weiter in die Höhe.

Sie war umwerfend, wunderschön und unglaublich weiblich!

Das ist es!, dachte Alex, als er ihren Körper liebkoste und sich jeder herausfordernden Rundung mit Hingabe widmete. Darauf habe ich die vergangenen zwei Monate gewartet – wie ein Gefangener auf seine Befreiung. Angefeuert von ihren kleinen Seufzern und spitzen Schreien, als er sich dem Zentrum der Lust näherte, verlor er sich in einem Strudel der Lust, wie er ihn nie zuvor erlebt hatte.

Glyka mou. Schau mich an, wenn wir eins werden …“

Sie öffnete die Augen, und ihre Blicke begegneten sich. Alex verschränkte seine Hände mit ihren, und im gleichen Rhythmus gelangten sie zum Gipfel der Ekstase.

„Maria …“, raunte er, als sie später erschöpft, aber befriedigt, in die Realität zurückkehrten, „… jetzt gehörst du endlich ganz mir.“

Für einen Moment fühlte es sich an, als stehe die Welt still.

Alex starker Körper lag schwer auf ihrem, das Gesicht verborgen in ihrer Halsbeuge. Ihre Herzen rasten noch immer, die Haut war schweißnass von ihrer Leidenschaft. Die leichte Nachtbrise, die durch die geöffneten Terrassentüren hereinwehte, ließ Maria frösteln. Doch als Alex sich von ihr lösen wollte, schlang sie die Arme um ihn und hielt ihn fest.

„Nicht gehen“, murmelte sie.

„Niemals!“, beteuerte er lächelnd und reckte sich nur kurz, um die Decke am Fußende greifen zu können. Dann rollte er sich auf die Seite, zog Maria dicht an sich heran und wickelte sie beide warm ein.

„Alles in Ordnung mit dir?“

„Hmm, ja.“ Er konnte ihr Lächeln spüren.

„Vergib mir, agapi mou.“

„Wofür?“

„Dass ich dich beim ersten Mal nicht so geliebt habe.“

Sie schüttelte den Kopf. „Mein erstes Mal war wundervoll …“

„Danke, glyka mou.“ Ein typisch männliches Lächeln hellte sein Gesicht auf. Eine Mischung aus Stolz, Genugtuung und Selbstzufriedenheit. „Aber du warst Jungfrau. Ich hätte vorsichtiger mit dir umgehen müssen.“

„Du wusstest es doch nicht.“

„Ich hätte es wissen müssen.“ Er schmiegte sein Gesicht in ihre Hand und küsste dann zärtlich die Innenfläche. „Du hattest etwas so … Reines, Unschuldiges an dir. Die Art, wie du mich geküsst und auf mich reagiert hast … ich habe diese kostbaren Momente wohl hundert Mal an meinem inneren Auge vorüberziehen lassen“, gestand er heiser. „Wie du errötet bist, als ich dich auszog, und dass du dich mir so vertrauensvoll hingegeben hast … und wie ich alles mit meinen Anklagen und Beleidigungen ruiniert habe“, fügte er voller Selbstanklage hinzu.

Rasch legte Maria ihm einen Finger über den Mund. „Hat nicht mal ein kluger Kopf gesagt, man solle die Vergangenheit besser ruhen lassen?“

Alex küsste die rosa Fingerspitze. „Kannst du mir vergeben, agapi mou?“

„Was denn?“, fragte sie mit weichem Lächeln. „Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst, Alexandros.“

Sein Blick verdunkelte sich. „Ich liebe es, wenn du meinen Namen sagst.“

„Alexandros …“, wisperte sie. „Alexandros … Alexandros …“

Und wieder versank die Welt um sie herum in einem Strudel von Zärtlichkeit und Begehren.

Kurz bevor die Sonne aufging und das Gras noch nass vom Tau war, zogen sie sich an und gingen Hand in Hand hinüber zum Haupthaus.

„Und wenn uns jemand so sieht?“, flüsterte Maria, als sie leise hineinschlüpften.

„Wer sollte das sein?“, raunte er zurück.

„Na, der Koch, Athenia oder einer der anderen Bediensteten.“

Leise lachend zog Alex sie an sich und küsste Maria mitten auf den Mund. „Allesamt Musterbeispiele an Diskretion. Ich schwöre!“ Schwungvoll nahm er Maria auf die Arme und trug sie in sein Schlafzimmer.

Natürlich! Marias Lächeln schwand. Sie hatten sicher genügend Erfahrung auf diesem Sektor! Denn dass sie die erste Frau in Alex’ Bett war, versuchte sie sich gar nicht erst vorzumachen.

„Nein“, sagte er fest, als er Maria auf die Füße stellte.

„Was nein?“, fragte sie verwirrt.

„Keine anderen Frauen“, sagte Alex, als habe er ihre Gedanken gelesen. „Nicht hier.“ Er konnte sehen, dass sie ebenso überrascht wie erfreut war. „Was bedeutet … wir beide haben die einmalige Gelegenheit, diese komfortable Lustwiese gemeinsam einzuweihen. Was hältst du davon, glyka mou?“ Als er sah, wie sie errötete, lachte Alex und zog sie erneut an sich. „Champagner, Kerzen, Rosenblätter … na, wie hört sich das für dich an?“

Ob er spürte, wie ihr Herz raste? „Wundervoll, aber dauert es nicht viel zu lange, all diese Dinge zu besorgen …?“

Es war, als ginge ein Ruck durch seinen starken Körper. „Maria …“, flüsterte er heiser. „Thee mou … Maria!“

Diesmal schafften sie es nicht einmal bis zum Bett.

Autor

Marion Lennox
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