Alles für Elise

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Das prachtvolle Brautkleid trägt die elegante Anwältin Elise nur als Model auf einer Auktion. In Wirklichkeit hat sie Probleme mit Männern, besonders mit dem smarten Will. Einst war er ihr Geliebter. Jetzt hält sie ihn für gefühlskalt. Wie sehr sie sich irrt! Vor allen Leuten macht er ihr auf der Versteigerung einen Heiratsantrag!
  • Erscheinungstag 19.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757151
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Unglaublich erotisch, dachte Wil Larsen beim Anblick der klatschnassen Frau am Münztelefon, während er durch die Pfützen des Parkplatzes fuhr.

Vor zwei Monaten hatte sie bei ihm die Restaurierung von zwanzig Oldtimern in Auftrag gegeben. Wil hatte sie zwar oft verwünscht, aber nie mit ihr gesprochen. Die persönlichen Kontakte hatte er seinem Vater überlassen, der auch sein Geschäftspartner war.

Ihre Anwaltskanzlei kümmerte sich um die Versteigerung der Autos. Miss Christopher hatte seinen Vater mit ihren ständigen Forderungen manchmal fast zum Wahnsinn getrieben, und wäre der Auftrag nicht so groß gewesen, hätte Wil sie schon längst zum Teufel gejagt.

Jan, sein Vater, fand, dass sie bei den Details nur so penibel war, weil sie die seltenen Autos zu schätzen wusste. Wil hatte bisher seine weniger schmeichelhafte Meinung für sich behalten.

Ausgerechnet heute suchte sein Vater mit seinen zweiundsiebzig Jahren im Wolkenbruch auf einem Schrottplatz nach einem Ersatzteil. Miss Christopher verlangte nämlich ein Original, obwohl eine Kopie für den halben Preis und ein Zehntel der Mühe zu haben war! Nicht einmal der Wert des Wagens wäre durch die Kopie gesunken. Aber Elise Christopher musste natürlich ihren Kopf durchsetzen.

Allein schon bei dem Gedanken wurde Wil wütend. Sein Vater hatte bei dem Wetter nichts im Freien verloren, doch Jan hatte darauf bestanden. Darum war Wil nun hier. Ein Gutes hatte die Sache allerdings: Irgendjemand sollte Elise Christopher in die Schranken weisen, und er musste Dampf ablassen. Genau das hatte er vor.

Sie drückte sich unter das schmale Dach über dem Münztelefon und versuchte vergeblich, sich mit einem kleinen Schirm vor dem Regen zu schützen. Wasser tropfte aus ihrem Haar, und ihr dunkelblauer Trenchcoat hatte Schlammspritzer.

Wil kannte diesen Typ Frau. Oft genug hatte er sich ausgemalt, wie sie lässig und elegant in ihrem Büro in einem Hochhaus von Chicago saß, in seiner Werkstatt anrief und die nächste unsinnige Forderung stellte. Elise Christopher war nichts weiter als ein karrieregeiles, hochnäsiges Miststück.

Das lange Warten im Regen hatte höchstwahrscheinlich ihren Stolz verletzt. Die Vorstellung hätte Wil befriedigen sollen, tat es jedoch nicht. Während er sie durch die Windschutzscheibe noch einmal genau betrachtete, erregte ihn ihr Anblick. Vielleicht hatte es mit Rachegefühlen zu tun. Jedenfalls starrte er sie wie ein hormongeplagter Jugendlicher an.

Kopfschüttelnd wich er mit dem weißen Abschleppwagen einem Schlagloch aus. Auf alle Fälle war es schön, Elise Christopher in einer so misslichen Lage zu sehen. Sie ähnelte einer halb ertrunkenen Katze.

Zwei Meter vom Telefon entfernt hielt Wil an und rollte per Knopfdruck das Seitenfenster herunter. „Elise Christopher?“

Sie senkte den Schirm und sah ihn entsetzt an. Wil stockte der Atem. Diese Augen kannte er! Nur eine Frau auf der ganzen Welt hatte Augen, die ihn an das Meer im Winter erinnerten.

Er kämpfte gegen die aufkommende Panik an. „Elsa?“

Sie zuckte zusammen. „Wil?“

Elise dachte an blinde Flucht. Das konnte doch nicht Wil Larsen sein! Einen solchen Scherz durfte sich das Schicksal nicht mit ihr erlauben!

Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder, doch er war noch immer da. Unter seinem Blick bröckelten die schützenden Mauern, die sie im Lauf von zehn Jahren errichtet hatte. Einst hatte sie Wil Larsen heiß und innig geliebt, doch sie war über ihn hinweg. Ihr Leben war jetzt geordnet. Wieso musste ausgerechnet Wil Larsen sie abholen – und nicht sein Vater?

„Steigst du nun ein oder nicht?“, fragte er schroff.

Beinahe hätte Elise abgelehnt, doch aus dem Wagen strömte ihr eine geradezu unwiderstehliche Wärme entgegen. Bevor der Mut sie völlig verließ, kletterte sie auf den Sitz, schüttelte den Schirm aus und vermied es, Wil anzusehen. „Ich … danke, dass du mich abholst. Das Wetter ist schrecklich.“

„Du scheinst dich nicht sonderlich zu freuen, mich zu sehen.“

„Ich habe deinen Vater erwartet“, sagte sie mühsam beherrscht. „Tut mir leid, dass du bei diesem Regen herkommen musstest.“

„Nicht nur ich bin in diesem Unwetter unterwegs“, konterte er scharf. „Mein Vater sucht auf einem Schrottplatz einen Kühlerverschluss für die Diana.“

„Ich wollte doch nicht, dass er das heute erledigt“, erwiderte sie betroffen. „Stevenson hätte den Verschluss bis Montag zurückgehalten.“

„Seltsam, Dad hat es anders gesehen.“

Elise gefiel es gar nicht, dass Jan Larsen bei diesem Regen unterwegs war, weil ihm Nässe schon immer zugesetzt hatte. „Hätte ich mich doch deutlicher ausgedrückt! Ich wollte ihm nur sagen, dass ich ein Originalteil gefunden habe.“

„Es ist unsere Aufgabe, Ersatzteile aufzutreiben“, entgegnete Wil gereizt.

Elise schluckte. Auf keinen Fall wollte sie sich auf einen Streit einlassen. An dem Tag, an dem er sie aus seinem Leben warf, hatten sie bereits mehr als genug gestritten. „Ich bin zufällig darauf gestoßen. Jedenfalls wollte ich nicht, dass Jan heute hinfährt. Bei diesem Wetter sollte niemand unterwegs sein.“

„Besonders du nicht“, bemerkte er, während sie ihre nasse, beschmutzte Kleidung betrachtete.

Elise fröstelte. Je schneller sie ihren Wagen abschleppten, desto früher kam sie wieder von diesem unmöglichen, ärgerlichen Mann weg. „Alles wäre halb so schlimm, wenn der Markt geöffnet hätte.“ Sie warf einen Blick auf den geschlossenen Supermarkt. „Hätte ich gewusst, dass die Tochter des Besitzers an diesem Wochenende heiratet, hätte ich mir einen anderen Ort für eine Panne ausgesucht.“

Wil reagierte nicht auf den Scherz. Er verzog keine Miene. Seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war sein Gesicht härter geworden. Daran änderte auch das dichte blonde Haar nichts.

Er sah ihr in die Augen, und prompt fiel ihr der Schirm aus den kalten Händen. Bildete sie sich nur etwas ein, oder beschlugen die Fenster unter seinem Blick?

Instinktiv hielt sie den Terminkalender mit Jans Telefonnummer fester. Außer dem Schirm hatte sie aus dem Wagen nur diesen Kalender mitgenommen, als sie zum Münztelefon lief. Die Lederhülle hatte Wil ihr vor fast zwanzig Jahren zum Abschluss der Highschool geschenkt.

„Elise Christopher“, sagte er zornig. „Wolltet ihr es mir eigentlich weiter verschweigen?“

„Was denn?“

„Ist niemand auf die Idee gekommen, mir zu verraten, dass die Elise Christopher, die uns in den vergangenen acht Wochen zum Wahnsinn trieb, in Wahrheit Elsa Krestyanov ist, die das schon mal vor zehn Jahren mit mir gemacht hat?“

„Ich hatte keine Ahnung, dass du es nicht weißt.“

„Du hast nicht erwartet, dass ich es herausfinde, obwohl du meinen Vater mit eiligen Aufträgen eingedeckt hast?“

Sie strich das nasse Haar aus der Stirn. „Wil, ich … also, ich weiß wirklich nicht, wieso du dich einmischst.“

„Was heißt, ich mische mich ein?“

„Ich meine, zwischen deinem Vater und mir geht es um ein Geschäft, sonst nichts. Ich hatte einen Auftrag zu vergeben, und dein Vater ist dafür bestens geeignet. Er kümmert sich seit Jahren um die Wagen meines Klienten. Also lag es nahe, dass er die Oldtimer für die Versteigerung restauriert. Ich habe ihm gern den Auftrag erteilt, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass du dich einmischen könntest.“

„Großartig gedacht, Elsa.“ Er warf ihr einen scharfen Blick zu und fuhr an. „Wo ist der Wagen?“

„Die Richtung.“ Sie zeigte nach Süden. „Ungefähr zwei Kilometer.“

Wil stellte die Heizung höher und bog auf den verlassenen Highway ein. In den folgenden Sekunden waren nur der Ventilator und die Scheibenwischer zu hören.

Elise machte sich Vorwürfe, weil sie Jan Larsen angerufen hatte, um sie abzuschleppen. Sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass Wil am Wochenende an Jans Stelle in der Werkstatt sein könnte.

Sie zog die nassen Schuhe aus und genoss den warmen Luftstrom. Ja, sie hätte mit dieser Begegnung rechnen müssen. Zudem hatte sie Wils Wirkung auf sie unterschätzt. Zehn Jahre hätten eigentlich ausreichen sollen, doch sie reagierte noch immer auf ihn. Und da er das Lenkrad so fest hielt, dass sich seine Knöchel weiß abzeichneten, war er offenbar auch nicht gegen sie immun.

Das befriedigte sie zwar, doch es gefiel ihr nicht, wie er sie behandelte. Darüber ärgerte sie sich heute genau wie damals. Wieso lief ihr trotzdem beim Anblick seiner muskulösen Schenkel in der ölbefleckten Jeans ein wohliger Schauer über den Rücken?

Resigniert löste sie das Band und ließ das Haar frei fallen. Wil hatte sie hinter sich gelassen. Wenn sie den heutigen Tag überstand, konnte sie erneut mit diesem Teil ihres Lebens abschließen.

Wil gingen alle möglichen Dinge durch den Kopf, während er den Blick auf die Straße richtete. Sein Vater wusste bestimmt Bescheid, wer sie war, auch wenn er nicht mit ihr zusammengetroffen war. Jan wurde zwar älter, war jedoch geistig reger als die meisten Männer, die nur halb so alt wie er waren.

Sie spielte mit ihrem Haar. Wil bemühte sich so sehr, nicht hinzusehen, dass es ihm einen Ruck versetzte, als ihr Arm den seinen streifte.

Offenbar hatte sich nichts geändert. Wie früher bekam er schon bei einer leichten Berührung Herzklopfen. Keine andere Frau hatte jemals so stark auf ihn gewirkt. So war es schon gewesen, als er noch ein Jugendlicher war.

Jahrelang hatte er darauf gewartet, dass Elsa in ihm nicht mehr den besten Freund ihres älteren Bruder sah – einen Ersatz für Maks. Elsa war drei Jahre jünger als er. Deshalb hatte es bei ihr auch länger gedauert, bis aus der jugendlichen Schwärmerei tiefere Gefühle entstanden.

Nie würde er vergessen, wie sie mit zwanzig Jahren vom College heimkam. Er sollte mit dreiundzwanzig nach Boston zur Schule gehen. Sie saß auf dem Kotflügel seines Mustang und reichte ihm Werkzeug an.

Als sie ihm einen Schraubenschlüssel in die Hand drückte, blickte er hoch und war fasziniert, wie sie seine Hand betrachtete. Endlich richtete sie die Augen auf ihn – die Augen einer Frau, die begehrte.

Schon zu lange hatte er auf diesen Blick gewartet. Er musste Elsa um jeden Preis noch in dieser Nacht lieben, obwohl er ahnte, dass es für sie zu früh war.

Elsa war ihm so bereitwillig in die Arme gesunken, dass seine Schuldgefühle geringer wurden. Mit dem gleichen Verlangen wie er zerrte sie an seiner Kleidung, um endlich seine Haut zu fühlen und sie zu küssen. In dieser Nacht ließ sie alle seine Fantasien Wirklichkeit werden.

Jahrelang bezahlte er dafür, dass er in jener Nacht die Beherrschung verlor, ihr etwas von sich schenkte und dafür etwas von ihr erhielt. Er wollte sie heiraten und gestand ihr, dass er sie liebte.

Seit zehn Jahren versuchte er, darüber hinwegzukommen, als hätte es nie etwas bedeutet.

Endlich sah er die Umrisse eines Wagens auf dem Highway. „Ist es der?“

Elise nickte. „Ja.“

Er wendete und brachte den Abschleppwagen in Stellung. „Soll ich versuchen, ihn hier zu reparieren, oder soll ich ihn abschleppen?“

„Ich glaube nicht, dass du hier etwas machen kannst. Wahrscheinlich ist die Benzinpumpe kaputt. Außerdem solltest du bei diesem Unwetter nicht im Freien arbeiten. Schleppen wir den Wagen an einen trockenen Ort.“

„Gut.“ Wil stieg aus und konnte endlich wieder frei atmen. Auch sein Herz schlug normal.

Elise blieb im Wagen sitzen. Wenn Wil ihren Wagen in die Werkstatt seines Vaters schleppte, konnte sie Parker anrufen und sich abholen lassen. Mit etwas Glück war dieser Albtraum in einer Stunde vorüber.

Sie fand ein sauberes Handtuch hinter seinem Sitz und trocknete damit ihr Haar, bis Wil durchnässt wieder einstieg.

„Du fährst einen teuren Wagen“, stellte er fest.

Sie hörte deutlich den verächtlichen Ton in seiner Stimme. „Er gehört nicht mir, sondern meinem Verlobten.“

„Aha.“ Er betrachtete ihre linke Hand.

„Wil“, sagte sie nervös. „Ich will nicht darüber reden.“

Er warf ihr einen eisigen Blick zu. „Du bist mit einem Mann verlobt, der einen Sportwagen für achtzigtausend Dollar fährt. Du trägst einen protzigen Verlobungsring, und du hast mich in den letzten zwei Monaten hintergangen. Offenbar hast du dich in den vergangenen zehn Jahren nicht geändert.“

„Ich weiß nicht, worüber du dich aufregst, Wil“, entgegnete sie gereizt. „Und ich höre mir das auch nicht weiter an. Ich habe niemanden hintergangen.“ Er bremste so plötzlich, dass sie nach vorne geschleudert wurde. „Was soll das?“

Er steuerte den Abschleppwagen an den Straßenrand und hielt an. „Dann können wir das gleich hier und jetzt klären, Elsa – oder Elise.“ Als sie nicht antwortete, beugte er sich weiter zu ihr. „Ich weiß nicht, worauf du aus bist oder welches Spiel mein Vater treibt …“

„Gar kein Spiel.“

„Ich mag es jedenfalls nicht, wenn man mich belügt, und manipulieren lasse ich mich schon gar nicht.“

„Wovon sprichst du?“

„Wenn mein Vater vielleicht der Ansicht war, dass es sich um eine gute Idee handelt …“

„Hör auf“, verlangte sie. „Ich weiß nicht, was du denkst, aber dein Vater hat mit nichts etwas zu tun.“

„Wieso erklärst du es mir dann nicht?“

„Weil ich keinen Sinn darin sehe, wenn wir wieder streiten.“

„Wir fahren erst weiter, wenn du mir verrätst, was du hier machst.“

Sie drehte sich zu ihrem Wagen um. „Du weißt, was ich hier mache.“

„Hör mit den Haarspaltereien auf, Elsa.“

„Wil …“

„Ich will wissen, wieso du plötzlich wieder in unserem Leben auftauchst, nachdem du uns zehn Jahre lang vollkommen ignoriert hast.“

Sein zorniger Vorwurf traf sie überraschend. „Ich tauche auf? So war das überhaupt nicht.“

„Nein? Wann hast du das letzte Mal mit deinen Eltern gesprochen?“

„Wil …“

„Weißt du überhaupt, dass deine Mutter im Winter auf Glatteis ausgerutscht ist und sich die Hüfte gebrochen hat? Nein, nicht wahr?“

„Doch. Nikki hat es mir erzählt.“

Wil ging nicht auf die Erwähnung ihres Bruders ein. „Weißt du, dass das Geschäft deines Vaters so schnell expandiert, dass er jemanden einstellen musste? Hast du zufällig auch gehört, dass die Nachbarschaft anlässlich Nicks Beförderung zum Detective eine Party gegeben hat, bei der du natürlich gefehlt hast? Und vielleicht warst du ja so damit beschäftigt, dich zu verloben, dass es dir entgangen ist, dass deine Eltern ihren fünfundvierzigsten Hochzeitstag gefeiert haben.“

Elise hatte nicht die Absicht, sich diese Vorwürfe anzuhören. „Du weißt gar nicht, wovon du redest. Ich kann nicht glauben, dass du nicht mit meinen Eltern und deinem Vater darüber gesprochen hast.“

„Was sollten die mir schon sagen, was ich noch nicht weiß?“

„Du weißt gar nichts. Du hast dir nur alles selbst zusammengereimt.“

„Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Du warst nie bereit, dir meine Seite der Geschichte anzuhören. Darum habe ich einfach aufgegeben.“

„Deine Seite?“, fragte er ungläubig.

Als es zu dem Zerwürfnis mit ihrem Vater kam, hatte auch Wil sich von ihr abgewandt. Damals hatte es sie unerträglich geschmerzt, weil sie Wil liebte. Doch seither waren zehn Jahre vergangen, in denen sie sich damit abgefunden hatte. „Für wen hältst du dich eigentlich?“

„Ich bin der Mann, dem du einmal sehr viel bedeutet hast. Ich bin einer von den Menschen, die du zurückgelassen hast, weil du nicht länger Elsa Krestyanov sein wolltest, das russische Mädchen.“

Sein Zorn hatte im Lauf der Zeit nicht nachgelassen. Schon damals hatte er ihr nicht zugehört, und jetzt tat er es auch nicht.

„Du hast viele Urteile über mich gefällt“, rechtfertigte sich Elise. „Ziemlich vorschnell und falsch, aber mir fehlt die Kraft, um sie zu widerlegen.“

Er beugte sich so weit zu ihr, dass sie Herzklopfen bekam. „Dann wollen wir eines klarstellen. Ich weiß nicht, wieso du meinen Vater in diese Sache hineingezogen hast, aber du hast viele Menschen verletzt. Menschen, an denen mir etwas liegt. Bei unserem letzten Zusammentreffen habe ich mir vom Sex den Verstand benebeln lassen. Das passiert mir kein zweites Mal.“

„Du hast natürlich den völligen Durchblick, nicht wahr?“, fragte sie mit unsicherer Stimme. Um keinen Preis der Welt durfte sie vor ihm in Tränen ausbrechen.

„Ich weiß nur, dass du großen Schaden angerichtet hast. Damals war ich machtlos, aber heute sieht es anders aus.“

„Ich habe gar nichts getan“, wehrte sie ab.

„Und ob“, behauptete er zornig.

Elise hatte sich lediglich ein besseres Leben gewünscht und jene Sicherheit, die ihren Eltern fehlte. Damals hatte sie geglaubt, Wil würde wie sie denken. Als sie jedoch aus ihrer Familie ausgeschlossen wurde, hatte er sich sofort gegen sie gestellt. Was war bloß aus ihrer einst so großen Liebe geworden?

Seufzend blickte sie aus dem Fenster. „Schlepp den Wagen ab“, bat sie. „Mehr möchte ich nicht von dir.“

Eine Stunde später schloss Wil die Motorhaube des schwarzen Jaguars und sah Elise über den Wagen hinweg an. „Ja, es ist die Benzinpumpe.“

„Und du hast keine vorrätig?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf.

Jan war bei ihrem Eintreffen bereits wieder in der Werkstatt gewesen und hatte Elise mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. Fast zehn Minuten hatte er sich begeistert mit ihr unterhalten, bevor er sich zurückzog. Jetzt kam er aus dem Büro. Sein blondes Haar wurde zwar schütter, aber er besaß noch immer jugendlichen Schwung.

„Du kannst den Schaden nicht beheben, Wilem?“, fragte er. Jan Larsen hatte seinen schwedischen Akzent nicht verloren, obwohl er schon lange in Illinois lebte.

„Nein, Dad. Mir fehlt das Ersatzteil.“

„Wir lange wird es denn dauern, eine Pumpe zu besorgen?“, fragte Elise.

Edsel, der fette Kater, der sich in der Werkstatt eingenistet hatte, tauchte aus dem alten Reifen auf, seinem Lieblingsplatz. Neiderfüllt sah Wil zu, wie das Tier um Elises Beine strich. Überrascht hob sie den Kater hoch und kraulte ihn zwischen den Ohren. Edsel schmiegte sich an ihre Brüste.

Wil räusperte sich. „Die Pumpe ist vielleicht schwer zu bekommen. Ich kann den Wagen in die Stadt in eine Vertragswerkstatt schleppen, oder ich kann mir die Pumpe schicken lassen. So oder so dauert es wahrscheinlich drei Tage.“

„Nun gut, Parker holt mich ab.“ Sie streichelte Edsel. „Sicher will er den Wagen zur Reparatur hier lassen.“ Sie betrachtete den Stutz aus dem Jahr 1928. „Sofern ihr Zeit habt.“

Jan nickte. „Ja, natürlich haben wir Zeit. Gar kein Problem. Wir reinigen gerade den Motor vom Stutz. Mit dem Suiza können wir erst anfangen, wenn ich noch einige Teile aufgetrieben habe. Zwischendurch können wir den Wagen deines Freundes reparieren. Einverstanden?“

Elise vermied es, Wil anzusehen. „Einverstanden. Danke, Jan.“

„Wir helfen gern“, versicherte Jan.

Wil ging zu dem Stutz, griff nach einem Schraubenschlüssel und beugte sich unter der offenen Motorhaube über den berühmten Achtzylinder-Reihenmotor.

Elise setzte Edsel auf den Boden und zog ihren Trenchcoat an. „Ruf mich bitte am Montag oder Dienstag an, wenn es möglich ist, Jan. Ich brauche Angaben für diese Ersatzteile. Der ganze Papierkram ist zwar lästig, aber ich muss Mr. Philpott über die Fortschritte informieren.“

„Wie kommt eine Anwältin wie du an eine solche Versteigerung?“, fragte Jan lachend.

„Wenn eine Mitarbeiterin von Philpott, Philpott und Drake endlich Partnerin werden will, erledigt sie alles, was Roger Philpott ihr aufhalst. Dann wehrt sie sich auch nicht, wenn es um die Liquidation von Chester Collinghams Nachlass geht.“

Jan warf Wil einen vielsagenden Blick zu und klopfte ihr auf den Rücken. „Ich möchte mich noch einmal bei dir dafür bedanken, dass du wegen der Wagen an uns gedacht hast. Hoffentlich war bisher alles zu deiner Zufriedenheit.“

Wil tat, als würde er sich nur für den Stutz interessieren.

„Das war es“, versicherte Elise. „Ich …“ Sie verstummte erleichtert, als ein Wagen vorfuhr und Parker in die Werkstatt fuhr.

Er stieg aus und kam sofort zu ihr. „Elise, Darling, ist alles in Ordnung? Ich bin so schnell gekommen, wie ich nur konnte.“

„Mir geht es gut, Parker“, versicherte sie. „Ich bin müde und durchnässt, aber ansonsten ist alles bestens.“

„Es tut mir ja so leid“, beteuerte er. „Ich hätte dir das Handy überlassen sollen.“

„Du konntest die Panne nicht vorhersehen. Ich bin nur froh, dass du so rasch kommen konntest.“ Entgegen sonstiger Gewohnheit legte sie die Arme um ihn und lehnte sich an ihn. Parker mochte es nicht, Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen, doch im Moment brauchte sie ihn als Stütze.

Er wehrte sie nicht ab, sondern streckte Jan die Hand hin. „Sie sind bestimmt Jan Larsen.“

„Ja“, erwiderte Jan und drückte ihm die Hand.

„Ich bin Parker Conrad, Elises Verlobter. Sie hat mir viel von Ihnen erzählt.“

„Hat sie das?“, fragte Jan.

„Diese Versteigerung macht sie noch wahnsinnig“, fuhr Parker fort. „Mehr als ein Mal hat sie mir versichert, wie froh sie ist, dass Sie die Wagen restaurieren. Wenigstens darum braucht sie sich nicht mehr zu kümmern.“

„Freut mich zu hören“, erwiderte Jan. „Wir erledigen diese Arbeit gern.“

Elise griff nach Parkers Hand. „Deine Eltern warten bestimmt schon auf uns.“

Er küsste ihre Hand. „Natürlich. Du bist sicher erschöpft. Sie können meinen Wagen reparieren?“, fragte er Jan freundlich.

„Kein Problem“, versicherte Jan. „Mein Sohn Wilem bestellt das Ersatzteil.“

Parker lächelte Wil an. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Wil murmelte etwas Unverständliches.

Parker schien nichts von der zwischen ihnen herrschenden Spannung zu merken. „Elise ist großartig zurechtgekommen. Sie versteht von Autos viel mehr als ich.“

„Ja, ich war von ihr schon immer sehr beeindruckt“, meinte Jan.

Wil konzentrierte sich auf den Motor des Stutz, bis Parkers Wagen endlich die Garage verlassen hatte.

2. KAPITEL

„Verdammt!“, fluchte Wil, als er sich zum dritten Mal die Knöchel an der neuen Benzinpumpe stieß. Edsel warf ihm einen wissenden Blick zu.

Sein Vater reichte ihm ein Handtuch. „Lass mich das machen, bevor du dir noch die Hand brichst.“

„Ich breche mir nicht die Hand.“

„Dann vielleicht die Pumpe.“

„Sehr witzig, Dad.“

Jan betrachtete ihn amüsiert. „Seit Freitag bist du brummig wie ein Bär. Das hängt doch nicht zufällig mit Elise zusammen?“

„Unsinn“, gab Wil wortkarg zurück und hoffte, mit der knappen Antwort diese Unterhaltung beendet zu haben. Er hätte seinen Vater jedoch besser kennen müssen.

„Das habe ich auch nicht angenommen.“ Jan griff nach einem Schraubenschlüssel. „Du lässt dich von keiner Frau so sehr aus dem Gleichgewicht bringen.“ Er streckte sich auf dem Rollbrett aus und schob sich unter den Wagen. „Ist doch schön, dass sie wieder aufgetaucht ist, nicht wahr? Du magst sie noch immer.“

„Wie Zahnschmerzen.“ Wil fluchte laut, sodass Edsel aufhörte, sich die Pfote zu lecken, und die Augen schläfrig auf ihn richtete.

„Stimmt nicht“, behauptete Jan, unter dem Wagen liegend. „Du magst sie und hast sie schon immer gemocht. Sie bringt deinen Tagesablauf durcheinander.“

„Das stimmt allerdings. Sie stört mich.“

„Tut dir gut. Ich kenne dich.“

„Hör auf, Dad“, verlangte Wil. „Die Sache zwischen Elsa und mir ist längst vorbei. Wir haben uns beide verändert, und sie ist nicht mein Typ.“

„Von wegen!“

„Eine Lady aus den vornehmen Kreisen von Chicago ist jedenfalls nicht mein Typ. Das habe ich schon mal ausprobiert.“

„Celine.“ Jan hatte den Namen der Ex-Verlobten seines Sohnes schon immer wie ein Schimpfwort ausgesprochen. „Die war ein Baccaruda.“

„Barrakuda“, verbesserte Wil seinen Vater. „Wie der Wagen.“

„Meinetwegen.“ Jan rollte unter dem Jaguar hervor. „Elise ist jedenfalls nicht wie Celine.“

„Und wie kommst du darauf?“

„Sie wusste schließlich, dass es die Benzinpumpe war, oder?“

„Ich raube dir ungern deine Illusionen, aber nur weil eine Frau sich mit Autos auskennt, heißt das noch lange nicht, dass sie auch Klasse besitzt.“

„Früher hast du anders über sie gedacht.“

„Jeder Achtzehnjährige würde auf ein hübsches Mädchen hereinfallen, das über Motoren Bescheid weiß.“

„Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Celine zusammen mit dir den Kopf unter eine Motorhaube stecken würde.“

Jetzt musste Wil lachen. „Celines Vorstellung von Schwerstarbeit war ein Hotel mit einem schlechten Zimmerservice.“

„Du magst dieses Mädchen“, behauptete Jan und rollte wieder unter den Wagen.

„Ich habe seit zehn Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen.“ Wil säuberte sein Werkzeug. „Und sie hat sich auch nicht über das Wiedersehen gefreut.“

„Du warst überrascht, nichts weiter.“

„Dad.“ Wil schnitt endlich das Thema an, dem er bisher ausgewichen war. „Warum hast du mir nicht verraten, dass Elise Christopher in Wahrheit Elsa ist?“

Erst nach einer Weile kam Jan unter dem Wagen hervor. „Ich wusste nicht, was du dazu sagen würdest. Der Auftrag ist enorm, Wilem, und Elise zahlt sehr gut und pünktlich.“

„Ich hätte den Auftrag auch nicht abgelehnt.“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Die Spannung zwischen euch beiden konnte man mit Händen greifen, oder etwa nicht?“

„Doch.“

Autor

Neesa Hart
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