Baccara Collection Band 454

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VERGISS MICH NICHT, MEIN SEXY COWBOY von MAISEY YATES
Ihr Erzfeind hat das Gedächtnis verloren! Kurzerhand macht Juniper ihrem Nachbarn Chance Carson weis, dass er als Rancharbeiter bei ihr angestellt ist. Da Chance ihre Fehde vergessen hat, kommen sie sich sehr nahe. Doch was, wenn der sexy Rancher seine Erinnerung zurückerlangt?

FALSCHER ZWILLING ZUR RECHTEN ZEIT von JANICE MAYNARD
Sich einen Abend lang als sein Zwillingsbruder ausgeben? Kein Problem für Joshua Banks. Doch aus dem Abendessen mit ihrer gemeinsamen Jugendfreundin Layla wird unverhofft mehr. Wie soll er Layla den Rollentausch bloß erklären, ohne sie gleich wieder zu verlieren?

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  • Erscheinungstag 24.01.2023
  • Bandnummer 454
  • ISBN / Artikelnummer 9783751516303
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Maisey Yates, Janice Maynard, Debbie Rawlins

BACCARA COLLECTION BAND 454

Die Familie Sohappy hatte ihre Wurzeln in Lone Rock. Sie reichten zurück in die Zeit, bevor die ersten europäischen Siedler nach Nordamerika kamen. Die Ranch war Teil ihres Familienerbes, das von Generation zu Generation, vom Vater zum Sohn weitergegeben wurde.

Die Ranch hat Überschwemmungen, Hungersnöte und die Gefahren des modernen Lebens überstanden.

Da Casper Sohappy keine Söhne hatte, an die er das Land vererben konnte, übergab er es 1955 seinem Schwiegersohn, dessen Familie genauso lange in Lone Rock lebte wie die Sohappys. Eines Abends ging der Schwiegersohn in die örtliche Bar, um etwas zu trinken. Die genauen Einzelheiten dieser Nacht kamen nie ans Tageslicht. Doch als er aufwachte, hatte er einen Kater – und in der Hand ein Stück Papier, auf dem stand, dass er das Stück Land zwischen der Sohappy-Ranch und der Evergreen-Ranch verloren und der Familie Carson wichtige Wasserrechte eingeräumt hatte.

Seitdem waren die Familien Sohappy und Carson verfeindet.

Als der Schwiegersohn starb, schwor sein Sohn, dass das Land nie wieder in die Hände von jemandem fallen würde, der nicht das Blut der Familie in sich trug.

Und er schwor, die Carsons für das, was sie getan hatten, bezahlen zu lassen.

Der Hass zwischen den Familien grub sich tiefer, als Wurzeln es je könnten.

1. KAPITEL

Chance Carson konnte sich über sein Leben nicht beklagen.

Nun, er könnte schon. Ein Mann konnte immer etwas finden, worüber er sich beschweren konnte, aber so etwas lag Chance nicht. Seiner Meinung nach war jeder Tag ein Geschenk. Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter, er ging zu Bett, wachte auf und machte alles noch einmal, und das war ein Triumph, egal wie man ihn maß.

Hinzu kam, dass er mit seinen Brüdern zusammenarbeiten oder nach Belieben an Rodeo-Wettbewerben teilnehmen konnte. Kurz, er hatte das Gefühl, einen Traum zu leben.

Dabei war es keine Selbstverständlichkeit, am Leben zu sein. Er wusste nur zu gut, wie schnell ein Leben viel zu früh zu Ende sein konnte. Es war eine andere Trauer als beim Tod eines älteren Menschen, und diese Ungerechtigkeit veränderte einen.

Er hatte versucht, diesen Veränderungen wenigstens etwas Gutes abzugewinnen.

„Du machst ein verdammt selbstzufriedenes Gesicht“, sagte sein Bruder Boone vom Rücken seines Pferdes aus.

Fünf der Brüder waren auf ihren Pferden draußen, auf der Suche nach Nachzüglern.

Ihre Familie besaß das meiste Land in Lone Rock, Oregon. Die Evergreen-Ranch befand sich seit Generationen im Familienbesitz, doch im Grunde hatte sie lange Zeit aus nichts anderem als nackter Erde bestanden – bis ihr Vater sein Vermögen im Rodeo und als Vorsitzender des Rodeo-Verbands gemacht hatte. Jetzt war es eine florierende Rinderfarm mit luxuriösen Häusern, die der Wildnis um sie herum einen Hauch von Zivilisation verliehen. Zu verdanken hatten sie diese Entwicklung dem Status und dem Erfolg der Familie als Rodeokönige. Sie nahmen gemeinsam an Wettkämpfen teil und arbeiteten gemeinsam. Und da die meisten von ihnen auf der Ranch wohnten, lebten sie auch praktisch zusammen.

Allerdings hätte das Rodeo die Familie auch fast einmal entzweit, denn ihre Schwester Callie war eine der ersten Frauen beim Saddle Bronc. Inzwischen bekam die Frauenmannschaft des Verbandes immer mehr Zulauf.

Chance war sehr dafür – solange es nicht seine kleine Schwester betraf.

Im Moment war keine Saison. Sie hingen alle auf der Ranch herum und verbrachten mehr Zeit miteinander als gewöhnlich. Flint, Jace, Kit, Boone und er, alle zusammen.

Wie damals als Kinder.

Fast.

Sophie war tot, und sie würde nie wieder zurückkommen. Es war ein Schmerz, mit dem er zu leben gelernt hatte. Trauer war schon seltsam. Die Leute sprachen von „darüber hinwegkommen“, aber er sah das nicht so. Man musste einfach lernen, damit zu leben. Lernen, dem Schmerz einen festen Platz zuzuweisen, damit man weiterhin atmen und mit ihm leben konnte.

Doch Chance konzentrierte sich auf das, was er hatte, nicht auf das, was er nicht hatte. Morgen musste er für ein paar Tage verreisen, um ein weiteres Stück Vieh zu kaufen.

„Ich bin zufrieden. Es ist ein weiterer schöner Tag in einer schönen Gegend.“

„Du bist ein Spinner“, sagte Flint.

„Meinetwegen, aber es bleibt dabei. Ich genieße einfach den Tag. Morgen breche ich auf und werde nicht hier sein.“

„Stimmt. Noch mehr Rinder“, sagte Jace, und versuchte vergebens, ein erfreutes Gesicht zu machen.

„Das ist nun mal unser Job“, sagte Chance.

„Klar“, sagte Boone.

„Wo bringen wir die Rinder eigentlich unter?“, fragte Boone.

„Du weißt schon, wo“, sagte Chance.

„Ich frage mich nur, wie lange es wohl dauern wird, bis mir eine der Sohappy-Schwestern ins Gesicht springt.“

„Boone“, sagte Chance. „Du weißt genau, dass Juniper und Shelby sich sofort auf uns stürzen werden.“

„Es geht um vier Fuß Grenzland“, sagte Boone. „Keine eineinhalb Meter.“

„Das macht nichts. Sie glaubt, dass unser Ur-Urgroßvater ihren Ur-Urgroßvater beim Pokern dazu gebracht hat, das Land zu verwetten, als er betrunken war. Sie macht mir jedes Mal Vorwürfe, wenn wir uns begegnen. Wir streiten uns schon seit drei Generationen, und Grandpa ist buchstäblich vor Wut darüber gestorben.“ Nicht, dass ihr Großvater ein besonders ehrenwerter Mann gewesen wäre, aber es ging ums Prinzip. „Ich werde den verdammten Zaun nicht versetzen. Und sie wird mich auch nicht dazu bringen, ihr etwas zu überschreiben – nur aufgrund irgendeiner Lügengeschichte, die in den Familien herumerzählt wird.“

„Nun ja, es geht immerhin um vier Fuß in die eine Richtung und etwa eine Meile in die andere“, gab Kit zu bedenken. „Dazu kommen Anschuldigungen wegen Sabotage, Viehdiebstahl und allerlei anderem Blödsinn.“

„Es ist mir egal, ob sie sich darüber aufregt, das ist nicht mein Problem. Wenn diese Frau rückwirkend beweisen will, dass ihr Ur-Urgroßvater nicht in der Lage war, das Land zu überschreiben, kann sie das gerne versuchen.“

Diese Frau?“, fragte Boone. „Ich dachte, wir reden über beide Sohappy-Schwestern. Komisch, dass es jetzt plötzlich nur um die eine geht.“

Chance war bei all dem nicht wohl in der Haut. Sein Bruder zog ihn gern damit auf, dass es zwischen ihm und Juniper mehr als nur Wut gab. Aber das stimmte nicht. Sicher, sie war schön. Beide Sohappy-Schwestern waren schön. Doch er hatte Juniper noch nie anders erlebt als mit einem finsteren Ausdruck im Gesicht. Zumindest, wenn sie ihn ansah.

Frauen liebten Chance. Und er liebte die Frauen, solange es zwanglos und rein körperlich blieb.

Aber Shelby und Juniper Sohappy liebten ihn nicht, vor allem Juniper nicht.

Verdammt, ja, sie war wunderschön. Lange schwarze Haare, Augen wie Bitterschokolade, goldbraune Haut, hohe Wangenknochen …

Aber ihre Persönlichkeit …

Seit ihrer Schulzeit war sie ein boshafter kleiner Skorpion, und er nannte sie nicht aus purer Gemeinheit so. Einmal hatte sie ihm einen Skorpion in den Rucksack gesteckt, als sie zehn und er zwölf war.

Sie hasste ihn, seit seine Familie nach Grandpas Tod auf die Ranch gezogen war. Zehn Jahre alt war er damals gewesen.

Sie hasste ihn, nur weil er ein Carson war.

Wer konnte es ihm da verübeln, wenn er ihr manche ihrer Provokationen mit gleicher Münze heimzahlte? Einmal hatte er sie bei einer Wohltätigkeitsauktion ersteigert und sie gezwungen, niedere Arbeiten auf der Ranch zu verrichten. Ganz im Ernst – wer könnte ihm das verübeln?

Nun, sie konnte es.

Fakt war, dass er es jederzeit wieder tun würde, obwohl die Fetzen nur so geflogen waren. Er liebte es, mit ihr zu streiten, auch wenn er ihr zur gleichen Zeit sagen wollte, sie solle ihn verdammt noch mal in Ruhe lassen und nie wiederkommen.

Es war wie eine Krankheit.

Wie die Versuchung, einem Mädchen in der zweiten Klasse an den Zöpfen zu ziehen.

Nur dass seine anderen Gefühle ihr gegenüber alles andere als kindisch waren.

„Das könnte heikel werden“, sagte Boone. „Sollten wir vielleicht eine Überwachungsanlage installieren?“

„Grandpa hat das nicht getan, und Dad auch nicht.“

„Yeah“, sagte Boone. „Grandpa hat auch kalt geduscht, weil er dachte, dass heißes Wasser einen Mann verweichlicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ›weil es schon immer so war‹ ein guter Grund ist, etwas zu tun.“

„Wie auch immer“, sagte Chance. „Juniper Sohappy und ihre schlechte Laune sind nicht mein Problem. Sie weiß genau, was sie tun muss, um es eskalieren zu lassen. Sie will um jeden Preis eine Familienfehde aufrechterhalten, in deren Mittelpunkt immer ich zu stehen scheine.“

Sie könnte sich mit jedem seiner Brüder streiten, aber das tat sie nie.

Es schien fast, als würde sie ihn gerne anschreien.

„Anschreien“ war vielleicht etwas übertrieben. Als sie sich im Supermarkt am Bierkühlschrank über den Weg gelaufen waren, wo jeder von ihnen ein paar Bier holte, hatte sie gezischt wie ein wildes Wiesel.

„Hast du eine Klette in der Hose, Juniper?“

„Nur eine Klette unter meinem Sattel, schon mein ganzes Leben. Und das bist du, Carson.“

Flint zuckte mit den Schultern. „Du willst vielleicht Juniper nicht zu deinem Problem machen, aber ich habe das Gefühl, dass sie das will.“

Chance feixte. „Das will ich sehen.“

„Das war ja klar.“

„Trinkst du später etwas mit uns?“, fragte Boone.

„Nein. Ich werde früh ins Bett gehen, damit ich gleich morgen früh aufbrechen kann.“

Sie beendeten ihre Arbeit, und seine Brüder machten sich auf den Heimweg. Einem spontanen Impuls folgend ritt Chance zu dem Teil ihres Landes, der an die Ranch der Familie Sohappy grenzte.

Und dann ging so ziemlich alles schief.

Erst übersah er die Klapperschlange, dann flippte sein Pferd aus und haute einfach ab, der dreckige Verräter. Und zu allem Überfluss schlug er bei seinem Sturz mit dem Kopf direkt auf einen Stein auf.

Natürlich regnete es.

Die Sicht war miserabel, und Juniper ahnte, dass ihr Telefon heute Abend keine Ruhe geben würde, egal, ob sie eingeteilt war oder nicht. Bei solchem Wetter kam es ständig zu Unfällen auf diesen windigen Landstraßen. Sie sollte heute Nacht keine Schicht übernehmen, sondern sich ausschlafen. Sie hatte bereits zwölf Stunden am Stück gearbeitet, und es gab nicht genug Energydrinks auf der Welt, um ihr über den toten Punkt hinwegzuhelfen.

Vielleicht hatte sie aber einfach auch nur schlechte Laune.

Das lag natürlich an diesem verdammten Chance Carson. Die Carsons im Allgemeinen waren einfach nervtötend, aber Chance trieb sie schon seit Jahren in den Wahnsinn. Sie war in der Schule zwei Jahrgänge unter ihm gewesen, aber das hatte gereicht, um sich häufig über den Weg zu laufen, und jedes Mal, wenn sie sich begegnet waren …

Und dann war da noch die alte Sache mit den Carsons.

Ihre Eltern sagten immer, sie würde auf die Sache mit der Grenzziehung überreagieren, aber es war ihr wichtig.

Junipers Großvater hasste die Carsons schon sein Leben lang, und er hatte ihr Geschichten davon erzählt, wie sie von Anfang an versucht hatten, die Familie Sohappy zu bestehlen. Vor allem die Geschichte, wie Chances Ur-Urgroßvater ihren Ur-Urgroßvater betrunken gemacht und dazu gebracht hatte, bei einem Kartenspiel einen Teil der Ranch zu verwetten. Laut der Legende hatte Chances Ur-Urgroßvater beim Spiel betrogen und so der Sohappy-Ranch ein wertvolles Stück Land abgenommen.

„Dein Vater liebt das Land nicht, nicht so wie du, und ich habe keinen Enkelsohn. Du bist die Erstgeborene deiner Generation. Die Ranch wird an dich gehen.“

„Aber Shelby wird heiraten. Könnte Chuck nicht …“

„Du weißt, was passiert ist, als die Ranch nicht in unserer direkten Linie vererbt wurde. Du musst es machen. Du musst für sie sorgen. Sie hegen und pflegen, als wäre es dein Kind.“

Also hat sie die Ranch übernommen und sich neue Ziele gesetzt. Eigentlich war es ganz einfach gewesen, ihre Träume wie den von einem Medizinstudium aufzugeben und so zu tun, als wären sie nie wirklich wichtig gewesen.

Stattdessen war sie in Lone Rock geblieben und hatte sich auf die Ranch und das Leben hier konzentriert. Als sie mit siebzehn beschloss, hierzubleiben, hatte sie ihre Vorstellungen von der Zukunft neu geordnet.

Ihre Wurzeln reichten tiefer als je zuvor.

Sie gehörte jetzt zu den Ranchern, hing im Thirsty Mule mit den Jungs ab und erzählte Geschichten. Sie hatte sich diesen Platz hart erarbeitet, konnte Kälber kastrieren und eine Herde treiben. Und sie konnte die meisten von ihnen unter den Tisch saufen.

Sie hatte sich ein Leben aufgebaut, auf das sie stolz war. Den Job als Sanitäterin hatte sie angenommen, um die Rechnungen zu bezahlen – und um den Drang nach einer medizinischen Tätigkeit zu stillen, den sie in ihrer Jugend verspürt hatte.

Und sie hatte Pläne, wie sie die Ranch lukrativer gestalten könnte.

Ein Pferdehof und Ferienwohnungen. Ihr gefielen alle Arbeiten auf der Ranch, doch Pferde waren ihre Leidenschaft. Wenn sie das Geschäft zum Laufen bringen könnte und zahlende Feriengäste kämen, bräuchte sie keinen zweiten Job mehr.

Im Moment brachte die Rancharbeit nichts ein, als wäre es ihr Hobby. Das Einzige, was ihre Familie besaß, war dieses Land. Alles andere kostete Geld und entstand allein durch die harte Arbeit, die sie leistete.

Ihr Vater hing nicht so sehr an dem Land wie sie. Es war ihm nicht egal, aber er konzentrierte sich mehr auf seine Karriere. Juniper dagegen war froh, dass sie sich für die Ranch entschieden hatte. Sie hatte herausgefunden, was sie mit der Ranch machen wollte, was sie begeisterte, was sie glücklich machte.

Es ging ihr einfach gut, und sie wollte nicht, dass sich irgendetwas änderte.

Du solltest vielleicht nicht darüber nachdenken, wenn du wütend und zornig bist und halb schläfst.

Vielleicht war das eine gute Idee.

Die unbefestigte Straße, die zu ihrer Hütte führte, hatte sich in Morast verwandelt, und sie war ziemlich genervt. Als sie um die Kurve bog und ihre Scheinwerfer die Gegend abtasteten, glaubte sie im ersten Moment, dass ihre Augen ihr vor lauter Gereiztheit und Erschöpfung etwas vorgaukelten.

Es sah aus wie eine Leiche, flach ausgestreckt, mitten auf dem Feld.

Aber das war unmöglich. Sie hielt den Truck an und starrte hinaus. Der Regen prasselte auf etwas, das ganz eindeutig eine menschliche Gestalt war, die dort auf dem Boden lag.

Aber wie war sie dorthin gekommen?

Sie schaute sich kurz um und versuchte, das Risiko einzuschätzen. Wenn etwas diese Person verwundet oder getötet hatte, wollte sie nicht die Nächste sein. Sie hatte nicht vor, als Beitrag in einer Real-Crime-Show zu enden. Aber sie sah nichts, und es brachte nichts, hier herumzusitzen und zu grübeln. Juniper stieg aus dem Truck und lief über das Feld. Ihr Herz schlug hart gegen ihr Brustbein.

Es war Chance.

Chance Carson.

Sie kniete sich hin, tastete nach dem Puls und spürte das leichte Pochen. Gott sei Dank. Er machte sie wahnsinnig, aber sie wollte nicht, dass er starb. Zumindest nicht an der Grenze zwischen dem Land der Carsons und der Sohappys. Das wäre mehr als unpassend.

Sie könnte jemanden anrufen, aber auf diesem Teil der Ranch gab es keinen Handyempfang. Sie untersuchte Chance kurz auf Wirbelsäulenverletzungen. Nichts. Aber er war bewusstlos. Wenigstens hatte sie medizinische Ausrüstung im Truck.

Was zum Teufel hatte er hier draußen überhaupt zu suchen? Was war passiert?

Egal.

Sie rannte zurück zur Straße und fuhr mit dem Truck aufs Feld, so nah wie möglich an ihn heran. Er wachte nicht auf.

Verdammt.

Hinten auf der Ladefläche hatte sie eine Trage. Mit großer Mühe rollte sie Chance darauf, schnallte ihn fest und zog ihn damit zum Truck. Er war sicher festgeschnallt, also hievte sie das Kopfende der Trage an die Heckklappe, hob das Ende an seinen Füßen hoch und schob ihn auf die Ladefläche des Trucks.

„Sorry“, sagte sie und schlug die Heckklappe zu. Tat es ihr wirklich leid? Sie war sich nicht sicher.

Nun, es tat ihr leid, dass er verletzt war.

Ihre Hütte war der nächstgelegene Ort, an dem sie ihn trocken und warm bekommen und untersuchen konnte. Sie war schließlich Sanitäterin, und er war nicht der erste Mensch mit einer Kopfverletzung, mit dem sie zu tun hatte.

Die Straße zur Hütte war holprig, und sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie über ein großes Schlagloch polterte. Sie wollte Chance Carson wirklich nicht umbringen. Er mochte das vielleicht denken, aber nicht einmal sie war so boshaft. Letzten Endes ging es bei ihrem Streit nur um Land, nicht um Menschenleben.

Obwohl es sich bisweilen so anfühlte. Dann sah sie das Land an und spürte, wie lebendig und frei es war – und sie mit ihm.

Aber es war Land, und er war ein menschliches Wesen.

Sie hatte gar nicht bemerkt, wie angespannt sie war, bis ihre kleine Hütte in Sicht kam und ihre Schultern sich auf einmal entspannten.

Es behagte ihr gar nicht, ihn bewusstlos auf der Ladefläche des Trucks durch die Gegend zu fahren. Sie fuhr so nah an die Vordertür heran, wie sie konnte. Als sie die leblose Gestalt auf der Ladefläche sah, fühlte sie sich plötzlich erschöpft und verschwitzt.

Sie konnte ihn zur Vordertür bringen, aber das würde anstrengend werden. Entschlossen ließ sie die Schultern kreisen, dann packte sie das Ende der Trage. Sie tat ihr Bestes, um sie sanft auf den Boden abzusenken und ihn so aus dem Truck zu holen, wie sie ihn hineinbekommen hatte. Dann zog sie ihn samt Trage die Vordertreppe hinauf, langsam und methodisch, damit er nirgendwo anstieß.

Sie brachte ihn in das vordere Zimmer, nahm alle Kissen von der Couch und legte sie auf den Boden aus. Sie schnallte Chance von der Trage und rollte ihn auf die Kissen.

Er stöhnte.

Wenigstens gab er ein Lebenszeichen von sich.

Seine Kleidung war klatschnass, aber sie würde ihn nicht nackt ausziehen. O nein. Sie hatte ihre Grenzen, und Chance Carson nackt auszuziehen, würde eindeutig zu weit gehen.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals.

Träume waren nichts, in das man sich zu sehr hineinsteigern sollte. Auch wenn ihre Großmutter das garantiert anders sah. Aber das war egal, denn Juniper gab nichts auf Träume. Die Tatsache, dass sie ein oder zwei Mal davon geträumt hatte, wie es wäre, Chance Carson am Ende eines heftigen Streits die Kleider vom Leib zu reißen, war … nicht weiter wichtig. Sie hatte es sich nicht bewusst ausgemalt. Sie dachte auch nicht darüber nach oder so. Es war ihr Unterbewusstsein, das seine Leidenschaften durcheinanderbrachte. Das war alles. Sie öffnete eines seiner Augen und leuchtete ihm mit der Taschenlampe hinein, dann das andere.

„Du hast eine Gehirnerschütterung“, sagte sie. „Tut mir leid, mein Freund.“ Sie würde ihn beobachten müssen. Nun ja, irgendjemand würde es tun müssen.

Sie könnte ihn ins Krankenhaus bringen und … Plötzlich schoss eine harte, kräftige Hand in die Höhe und packte sie am Handgelenk. „Was ist hier los?“

Seine Stimme war rau und hart. Und sie war …

Entflammt.

Ihr Herz raste, ihre Haut brannte. Er hatte sie noch nie berührt. Hastig riss sie den Arm zurück, doch der Abdruck seiner Hand auf ihrer Haut blieb.

„Ich …“

„Wo bin ich?“

„Du bist bei mir zu Hause. Ich habe dich auf einem Feld gefunden. Kannst du mir sagen, was passiert ist?“

„Ich weiß nicht, was passiert ist“, sagte er.

„Okay. Du weißt also nicht, was passiert ist.“

„Sag ich doch“, sagte er.

„Egal, das ist nicht wichtig. Kannst du gut sehen?“ Sie bewegte ihren Zeigefinger von links nach rechts und beobachtete, ob er die Bewegung verfolgte. „Das scheint in Ordnung zu sein.“

„Ja“, stimmte er zu.

„Keine Doppelbilder?“

„Nein“, sagte er.

„Du bist definitiv mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen“, sagte sie.

„Stimmt“, sagte er.

„Ich versuche nur herauszufinden, wie ernst es ist.“

„Bist du Ärztin?“

„Nein. Ich bin Rettungssanitäterin …“ Das wusste Chance Carson doch. Jeder wusste es. „Weißt du, wer ich bin?“

„Nein. Sollte ich?“

Heiliger Strohsack. Chance Carson hatte keinen Schimmer, wer sie war.

„Juniper“, sagte sie langsam. „Juniper Sohappy.“

„Der Name sagt mir nichts. Tut mir leid.“

„Wie heißt du?“

Er runzelte die Stirn. „Äh … keine Ahnung.“

Er wusste seinen Namen nicht? Juniper konnte sich das nicht erklären. Er könnte natürlich lügen. Allerdings wüsste sie nicht, zu welchem Zweck, aber wie sollte man das bei einem Carson je wissen?

War nicht ihre ganze Familiengeschichte der Beweis dafür?

Falls er log, wollte sie ihm nicht die Genugtuung gönnen, darauf hereinzufallen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann bremste sie sich.

Wenn er log, könnte es ganz lustig sein, mitzuspielen und zu sehen, wie lange er brauchte, um sich zu offenbaren.

Und wenn er nicht log?

Sie dachte an die Demütigung, als er sie auf seinem Land hatte arbeiten lassen. An jede Beleidigung im Laufe der Jahre.

Sie würde ihn heute Nacht im Auge behalten, um sicherzugehen, dass er nicht zusammenklappte und an seiner Kopfverletzung starb. Dazu war sie mehr als qualifiziert. Sie wusste auch, dass, falls er wirklich unter einem vorübergehenden Gedächtnisverlust litt, dieser sich früher oder später von selbst legen würde. Dabei durfte man den Patienten allerdings nicht mit Fakten überhäufen, während sein Gehirn die Dinge ganz allein in Ordnung brachte.

Was würde es schaden, wenn sie ihm in der Zwischenzeit ein bisschen was beibrächte?

„Du weißt deinen Namen nicht mehr?“, drängte sie.

„Nein“, sagte er mit leerem Blick. Juniper musterte ihn prüfend, um zu sehen, ob er es ernst meinte. „Ich erinnere mich an gar nichts.“

2. KAPITEL

Das war das Allerschlimmste, und er hatte es nicht bemerkt, bis seine hübsche Retterin die Frage gestellt hatte.

„Wie heißt du?“

Er hatte keinen blassen Schimmer. Reflexartig griff er in seine Gesäßtasche und spürte, dass sich dort keine Brieftasche befand, und das bedeutete: kein Ausweis.

Das wusste er irgendwie.

„Du kannst dich nicht erinnern?“, fragte sie erneut.

Sie musterte ihn eindringlich aus dunklen Augen, doch er konnte ihren Blick nicht richtig deuten.

„Nein“, sagte er. Sein Kopf tat höllisch weh. Offenbar wusste er genug, um das zu wissen.

„Chance“, sagte sie. „Erinnerst du dich?“

„Chance?“, sagte er. „Das ist doch kein Name.“

„Doch“, sagte sie. „Es ist dein Name.“

„Oh.“ Er versuchte herauszufinden, ob der Name bei ihm irgendetwas auslöste, aber da klingelte nichts. Es erinnerte ihn an nichts. Da war nur eine große, weite Leere.

„Aber du kennst mich offensichtlich. Wer bin ich?“

„Du … du arbeitest für mich, auf meiner Ranch“, sagte sie.

Er ließ die Information sacken. „Okay.“

„Sagt dir das nichts?“

„Nein“, sagte er.

„Du bist … du bist ein Cowboy“, sagte sie. Das fühlte sich richtig an. Es hatte nicht geklingelt, aber es fühlte sich richtig an.

Er arbeitete also auf ihrer Ranch.

Er wusste zwar nicht, wer diese Frau war, aber sie war das Schönste, was er je gesehen hatte. Seltsam, denn im Moment wusste er nicht, was er schon alles gesehen hatte, aber das wusste er irgendwie.

Doch es war nicht nur ihre Schönheit, da war noch mehr. Er könnte schwören, dass er sie kannte und dass sie für ihn wichtig war. Dass sie einzigartig war, bedeutsam. Dass sie die Frau war, die seine Gedanken, seine Fantasien beschäftigte.

„Ich bin ein Rancharbeiter“, sagte er.

„Äh, ja, genau. Aber du hattest eine schwere Zeit, und …“

„Eine schwere Zeit?“

„Ich möchte dich lieber nicht belasten, Chance.“

„Okay … Äh … Wieso?“

„Du hast eine Kopfverletzung“, sagte sie langsam.

„Ja“, sagte er. Er fasste sich an den Hinterkopf und ertastete getrocknetes Blut.

„Ich glaube nicht, dass du genäht werden musst“, sagte sie. „Aber du hast eine ziemliche Beule.“

„Ich habe keine Ahnung, woher ich die habe. Wie funktioniert das mit dem Gedächtnis? Warum kann ich mich erinnern, wie man redet? Aber nicht daran, wer ich bin?“

„Kopfverletzungen sind kompliziert“, sagte sie. „So viel kann ich sagen. Ganz genau weiß ich es nicht, da noch nie jemandem mit einer Amnesie begegnet bin.“

„Es ist keine Amnesie.“

„Ich glaube schon.“

Eines jedoch wusste er in diesem Moment ganz sicher: Er gehörte nicht zu den Männern, die geistig nicht ganz auf der Höhe waren. Er war es auch nicht gewohnt, nicht die Kontrolle zu haben. Er war sicher, dass er das noch nie erlebt hatte, und es gefiel ihm auch nicht.

„Ich könnte dich ins Krankenhaus fahren.“

„Nein“, sagte er.

„Wieso nicht?“

„Ich will hier nicht weg. Ich bin nicht … ich werde schon nicht sterben.“

„Das nicht“, sagte sie, „aber du brauchst definitiv jemanden, der ein Auge auf dich hat. Du kannst nicht allein bleiben.“

Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf, und er fragte sich, ob zwischen ihm und Juniper etwas lief.

Die Vermutung lag nahe, wenn er bedachte, wie sie trotz seiner schlechten Verfassung Antworten aus ihm herausholte.

„Ich bleibe bei dir“, sagte sie.

„Wäre ich sonst allein?“

„Was du mit anderen Leuten treibst, geht mich nichts an, aber du wohnst mit niemandem zusammen.“

„Okay“, sagte er.

Sie waren also offenbar kein Paar. Waren sie es einmal gewesen? Hatte er sie berührt? Sie geküsst? Sie nackt in den Armen gehalten?

Allein bei dem Gedanken wurde ihm heiß.

Vielleicht lag es daran, dass sie seine Chefin war. Das war seltsam, denn er hatte nicht das Gefühl, dass er ein Mann war, der einen Chef hatte. Oder eine Chefin. Aber vermutlich war er im Moment nicht der beste Kandidat, um das beurteilen zu können.

Vielleicht hatte kein Mensch das Gefühl, dass er einen Chef haben sollte, aber die meisten Menschen hatten einen, weil es nicht anders ging.

„Du solltest vielleicht versuchen, wach zu bleiben“, sagte sie.

„Ich bin so müde“, sagte er. Es war merkwürdig, dieses Eingeständnis. Es war ehrlich, aber seine eigene Verletzlichkeit einzugestehen, passte nicht zu ihm. Was auch immer er für ein Mann war, er hatte mit so etwas nichts am Hut.

„Ich mache dir etwas zu essen“, sagte sie.

„Das möchte ich nicht“, sagte er.

„Ich möchte es aber, damit du so schnell wie möglich wieder aufrecht sitzen kannst“, sagte sie. „Du hast eine Gehirnerschütterung, und ich will nicht, dass du mir wegstirbst.“

„Kann ich dir bei irgendetwas helfen?“

„Nein. Ich mache Pfannenbrot, und dabei kann ich dich nicht gebrauchen.“

„Habe ich das schon mal gegessen? Ich kann mich nicht erinnern.“

„Wahrscheinlich hast du das“, sagte sie und stand auf. „Ich habe den Teig schon fertig.“ Sie nahm eine Schüssel aus dem Kühlschrank und deckte sie auf, dann holte sie einen großen Krug mit Öl aus dem Schrank unter ihrem Herd, nahm eine große Pfanne und gab das Öl hinein.

Während sie wartete, räumte sie im Zimmer herum und tat beschäftigt, nur, um ihn nicht ansehen zu müssen. Er wusste nicht, warum er das wusste, aber er wusste es.

Als das Öl heiß war, nahm sie kleine Teigkugeln aus der Schüssel, rollte sie schnell aus und legte sie in die Pfanne.

Als der Duft den Raum erfüllte, begann sein Magen zu knurren. Kurz darauf nahm sie den gebackenen Teig heraus, der nun golden glänzte. Sie stapelte die fertigen Kuchen auf einen Teller und streute etwas darüber, das wie Puderzucker aussah.

„Ich gebe dir keinen Alkohol“, sagte sie. „Nicht mit einer Kopfverletzung.“

„Ich weiß nicht einmal, ob ich Alkohol will.“ Aber er stellte fest, dass er sehr wohl wollte. War das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Gehörte er womöglich zu den Leuten, die sich beim Trinken nicht im Griff hatten? Vielleicht gehörte das zu den Problemen, von denen sie vorhin andeutungsweise gesprochen hatte.

Er wusste es nicht. Seit geschlagenen zwanzig Minuten hatte er keine Ahnung, wer er war und was mit ihm los war, und allmählich war er höllisch frustriert deswegen.

Es gab zu viele unbeantwortete Fragen. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn er irgendwann Junipers Hütte verließ und feststellen würde, dass er immer noch keine Antworten hatte.

„Hier“, sagte sie. „Ich gebe dir eine Brause.“

„Eine Brause?“

Sie grinste. „Eine Limonade. Mein Großvater hat es immer so genannt, ich glaube, seine Frau stammte aus dem Mittleren Westen.“

„Du weißt es nicht genau?“

„Über die Familie mütterlicherseits weiß ich nicht viel. Meine Großeltern väterlicherseits leben hier auf der Ranch. Sie sind seit fünfundsechzig Jahren zusammen.“

„Wow“, sagte er. „Das ist eine lange Zeit.“

„Nicht wahr? Meine Familie besitzt dieses Land seit Generationen.“

„Eine Familienranch?“

„Ja. Und sie ist uns sehr wichtig.“ Der Satz klang irgendwie bedeutsam, doch er konnte nicht sagen, warum.

„Arbeitest du auf der Ranch oder nur als Rettungssanitäterin?“

Sie lachte. „Nur als Rettungssanitäterin? Das lasse ich dir nur durchgehen, weil du dir den Kopf gestoßen hast.“

„Das meinte ich nicht. Ich meinte … wie findest du die Zeit dafür?“

„Du nimmst dir Zeit für das, was du tun musst. Um das zu tun, was du liebst. So läuft das. Man tut, was getan werden muss. Zumindest, wenn man irgendetwas taugt.“

„Und du tust, was getan werden muss“, sagte er. Es fiel ihm nicht schwer, sich das vorzustellen.

Sie brachte ihm eine Cola und einen Teller mit Pfannenbrot. „Kannst du dich aufsetzen?“, fragte sie.

Sie beugte sich vor, ergriff seine Hand und half ihm.

Möglicherweise sollte ihm das peinlich sein. Doch der einzige Gedanke, der ihm in diesem Moment durch den Kopf ging, war, wie überraschend weich ihre Hände waren. Dabei war sie eine Frau, die offensichtlich hart arbeitete. Er hatte nicht mit dieser überraschenden Sanftheit gerechnet.

Daran würde er sich erinnern. Würde er das? Oder würde er das alles vergessen, sobald ihm alles andere wieder einfiel? Er wusste es nicht, und es gab keine Möglichkeit, es herauszufinden. Besser also, er hörte auf, darüber nachzugrübeln.

„Wie lange arbeite ich schon hier?“

Was blieb ihm anderes übrig, als Fragen über sich selbst zu stellen?

„Eine ganze Weile“, sagte sie. „Acht Monate.“

„Und wo komme ich her?“

Sie schaute zur Seite. „Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Tut mir leid. Du hast nicht viel erzählt. Ich weiß nur, dass du eine ziemlich harte Zeit durchgemacht hast. Und wir … Nun, wir haben dir eine Menge zu tun gegeben, etwas, worauf du dich konzentrieren konntest. Eine Art Neuanfang.“

„Das ist nett von euch.“

„Ja.“

Wieso hatte er einen Neuanfang gebraucht? Das konnte alles Mögliche bedeuten, und das war verdammt beunruhigend. Er wusste nicht, was für ein Mensch er war. Ob er ein guter Mensch war. Ob er aufrichtig dankbar dafür war, was diese Familie für ihn getan hatte, oder ob er ein Betrüger war. Es war fast unmöglich, das in Erfahrung zu bringen, und das behagte ihm gar nicht. Diese Frau machte ihm Essen – verdammt köstliches Essen –, bot ihm zu trinken an und wollte die ganze Nacht mit ihm aufbleiben, und er wusste nicht einmal, wie seine Pläne in Bezug auf sie aussahen.

„Was ist mit dir?“

Er wollte mehr wissen. Und wenn er schon nichts Konkretes über sich selbst in Erfahrung bringen konnte, dann vielleicht etwas über die Frau, die ihm gegenübersaß.

Sie wirkte überrascht. Er fragte sich, ob sie sich schon einmal richtig unterhalten hatten. Ob er ihr jemals Fragen über sie selbst gestellt hatte. „Wie ich schon sagte, ich bin Rettungssanitäterin.“

„Wie bist du dazu gekommen?“

Ein kleines Lächeln durchzog ihr Gesicht, das Grübchen auf einer Seite ihrer Lippe reichte bis in ihre Wange. „Meine Schwester hatte sich verletzt, als wir Kinder waren. Wir haben draußen im Wald gespielt, und sie ist gestürzt und hat sich das Bein gebrochen. Ich wollte ihr helfen, aber ich wusste nicht, wie. Danach wollte ich eigentlich Medizin studieren und Ärztin werden, aber hier draußen werden dringend Leute gebraucht. Wir sind oft die Ersten am Ort des Geschehens, bis der Krankenwagen kommt. Im Umkreis von vierzig Meilen gibt es kein Krankenhaus.“

„Wow“, sagte er.

„Ich weiß nicht, ich weiß einfach gerne, wie man Dinge repariert. Vermutlich ist mir das sogar wichtiger, als dass ich wirklich den Menschen helfen will.“ Sie lachte. „Ich meine, ich helfe gerne Menschen, versteh mich nicht falsch. Aber ich wollte vor allem in der Lage sein, mir selbst zu helfen. Denn so abgeschieden, wie wir hier sind, können wir uns auf niemanden sonst verlassen. So wie jetzt. Ich habe hier keinen Handyempfang und kann nirgendwo anrufen. Wir müssten runter zum Haupthaus fahren, und das ist eine ziemliche Strecke. Also ist es sinnvoller, wenn ich dich hierbehalte – und weiß, was ich tun muss.“

„Es ist nichts Ernstes?“

Sie seufzte. „Das dachte ich jedenfalls – bis du dich an nichts mehr erinnern konntest. Jetzt mache ich mir ein wenig Sorgen. Aber soweit ich das beurteilen kann, geht es dir gut.“

„Was ist mit der Ranch?“

„Sie ist seit Generationen im Besitz meiner Familie. Meinem Vater ist sie nicht wichtig, aber für meinen Grandpa ist sie das Wichtigste, und für mich auch. Jemand muss die Fackel weitertragen, und das bin ich. Mein Vater ist Bauunternehmer, und er verdient genug Geld, um mich zu unterstützen. Aber er hat kein Interesse daran, die Ranch zu bewirtschaften. Mein Grandpa liebt die Ranch. Früher hatte er Pferde, aber damit ist es vorbei. Er kann sich nicht mehr so um die Dinge kümmern wie damals.“

In ihrer Stimme schwang Leidenschaft mit, und noch etwas, das auf tiefere Gefühle hindeutete, als sie ihm zeigte. Es reizte ihn, tiefer zu graben.

Er hatte keinen Grund, an sich selbst zu zweifeln, denn er wusste nichts über sich. Warum sollte er nicht alles über sie erfahren?

„Lebt dein Großvater noch auf der Ranch?“

„Ja. Er und meine Grandma leben im alten Ranchhaus.“

„Klingt traumhaft.“

„Es gibt da allerdings diese … Fehde“, sagte sie.

„Was für eine Fehde?“

„Zwischen uns und den Nachbarn. Sie sind … sie sind unehrlich. Betrüger. Sie machen schon ewig Ärger wegen der Grenze zwischen unseren Ländern. Aber das Land gehört uns. Vor vielen Jahren gehörte das ganze Land uns. Aber mein Ur-Ur-Großvater geriet in Schwierigkeiten und musste einen Teil davon abgeben. Es regt mich auf, dass die Carsons versuchen, uns noch mehr wegzunehmen. Mehr als das, was wir damals verloren haben.“

Sie sah ihn erwartungsvoll an, als wäre sie sehr gespannt, was er dazu sagen würde.

„Nun, das klingt für mich nach einem ziemlichen Blödsinn. Warum versuchen sie, euch das Land wegzunehmen?“

„Sie sind gierig“, sagte sie. „Sie können nie genug bekommen. Mit den Ur-Ur-Großvätern hat es angefangen. Als sie meinen zum Trinken mitnahmen und ihn dazu brachten, ihnen einen Teil des Landes zu überschreiben. Es ist furchtbar, wenn etwas, das einem so viel bedeutet, von einem Haufen Idioten missbraucht wird, denen die Viehzucht nicht einmal wirklich im Blut liegt.“

„Sie sind keine richtigen Viehzüchter?“

Ihre Lippen kräuselten sich. „Sie sind Schausteller. Rodeo-Cowboys. Meine Vorfahren glaubten nicht an den Besitz von Land. Aber die Regeln haben sich geändert, und jetzt müssen wir nach diesen Regeln leben. Dass einem immer mehr weggenommen wird, ist …“

„Das ist unanständig“, sagte er.

Land war wichtig, das wusste er. Er spürte es in seinem Blut, in seinen Knochen, eine unumstößliche Gewissheit. Er wusste nicht, warum er es so tief empfand, aber er fühlte es.

Dieses Gefühl der Zugehörigkeit war real, und es war wichtig.

„Das finde ich auch.“

Sie setzte sich zu ihm und nahm sich ein Stück Pfannenbrot vom Teller.

„Das ist mein Lieblingsessen“, sagte sie und nahm einen Bissen. „Das ist das Familienrezept meiner Grandma. Sie zog hierher, um mit meinem Grandpa zusammen zu sein. Ihre Eltern waren fuchsteufelswild, weil sie schon mit achtzehn geheiratet hat. Mit achtzehn! Das ist doch echt krass.“

„Ist es das?“

Sie verzog das Gesicht. „Findest du nicht?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie ich über die Ehe denke“, sagte er.

Im Moment konnte er die Vorteile klar erkennen. Man konnte sich mit einer Frau in einer gemütlichen Hütte verkriechen, sie konnte einem Essen kochen und sich zu einem auf den Boden setzen und mit einem reden. Er kannte nichts außer diesem Moment mit Juniper, und es fühlte sich irgendwie wichtig an, sehr real. Er konnte sich vorstellen, von jetzt an jeden Tag hier zu verbringen.

Das lag vermutlich an der Amnesie. Möglicherweise wollte er sich überhaupt nicht binden. Oder war er verheiratet? Hatte er vielleicht irgendwo Frau und Kinder?

Die Vorstellung beunruhigte ihn.

„Vielleicht sollte ich dich zum Haupthaus fahren.“

„Nein“, sagte er.

Irgendetwas an der Vorstellung, seine Realität zu erweitern, fühlte sich nicht richtig an. Nicht in diesem Moment.

„Warum nicht?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß gar nichts, und der Gedanke, mich unter Leute zu begeben ist mir nicht ganz geheuer.“

„Okay“, sagte sie. „Dann bleibe ich bei dir.“

3. KAPITEL

Juniper kam sich vor wie ein Idiot. Nun, das schwankte, aber im Moment fühlte sie sich so. Deshalb hatte sie angeboten, ihn wenigstens zu ihren Eltern zu bringen. Die konnten ihr vielleicht helfen, die Situation in den Griff zu bekommen.

Aber er hatte nein gesagt, und dabei hatte sie es belassen.

Sie dachte an die Zeit, als er bei einer High-School-Auktion ihre Dienste ersteigert hatte und sie auf seiner Ranch hatte arbeiten lassen. Sie war daran gewöhnt, Ställe auszumisten und dergleichen, aber sein Land zu bearbeiten, war ihr zuwider, und das wusste er.

Und jetzt saß sie hier und kochte die Rezepte ihrer Grandma für ihn und erzählte ihm Dinge, obwohl sie wusste, dass sie es besser lassen sollte.

Aber er war immer noch Chance.

Er hatte sich in den letzten zwanzig Jahren ihr gegenüber wie ein Ekel verhalten, was also war falsch daran, sich ein wenig zu revanchieren, während sie sich um ihn kümmerte?

Immerhin hatte sie ihn gerettet.

Außerdem hielt sie es wirklich für besser, ihm nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Zumindest glaubte sie, das irgendwo einmal aufgeschnappt zu haben. Sie hatte ihm seinen Namen genannt und von den Carsons gesprochen, aber nichts schien seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Das beunruhigte sie, genau wie sein wilder Blick, als sie vorgeschlagen hatte, ihn zum Haupthaus zu bringen. Es blieb dabei, dass sie nicht wusste, was mit ihm geschehen war, und er wusste es auch nicht.

Dieser Gedanke ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Lauerte dort draußen Gefahr? Wahrscheinlich war er vom Pferd gefallen, aber soweit sie wusste, konnte auch etwas anderes dahinterstecken.

Wie auch immer, es konnte nicht schaden, ihn über Nacht hierzubehalten, damit er sich ausruhen konnte.

Sie glaubte nicht, dass er durch seine Verletzung langfristig Schaden nehmen könnte. Andernfalls hätte sie ihn sofort ins Krankenhaus gebracht. Sie wusste genug über Kopfverletzungen, um die Lage einschätzen zu können, und die Tatsache, dass er aufrecht saß und sich mit ihr unterhielt, war ein gutes Zeichen. Er sprach klar und zusammenhängend, nicht verwaschen. Seine Augenbewegungen waren zielgerichtet, und der Augapfel wies keine sichtbaren Einblutungen oder Ähnliches auf. Chance schien vollkommen klar zu sein – bis auf die Tatsache, dass er nicht wusste, wer er war.

„Danke“, sagte er und nahm sich ein weiteres Stück Pfannenbrot.

Und ihr Herz tat etwas Merkwürdiges.

Chance Carson war noch nie in ihrem Leben nett zu ihr gewesen. Und jetzt war er … Nun, er war sehr nett.

Und er sah zerzaust und unheimlich gut aus. Ob sie ihm helfen sollte, seine nassen Sachen auszuziehen?

Lieber nicht. Das war vermutlich eine ganz schlechte Idee.

Sie musste aufhören, ihn sich ohne seine Kleider vorzustellen.

Sie sah ihn an, und ihr Herz tat erneut etwas sehr Merkwürdiges, und das gab ihr zu denken. Eine gewisse körperliche Reaktion auf Chance war nicht völlig überraschend. Er war ein gut aussehender Mann, und dass es ihr auffiel, war unvermeidlich. Aber sie durfte nicht vergessen, dass er ihr Feind war.

Gestärkt atmete sie tief durch und nahm ein weiteres Stück Gebäck.

„Wusstest du schon immer, dass du hierbleiben wolltest?“, fragte er.

Warum stellte er ihr bloß so viele Fragen?

Versuchte er, sich zu orientieren? Das konnte sie verstehen.

Was sie dagegen nicht verstand, war, warum sie seine Fragen beantwortete.

„Ja, ich denke schon. Ich habe meinen Großeltern immer sehr nahegestanden, und das Land bedeutet ihnen alles. Aber es ist schwer, als Rancher gut zu leben, vor allem, wenn man nicht viel Kapital hat, um zu investieren. Ich möchte einen Pferdehof mit Zimmervermietung aufbauen. Damit lässt sich Geld verdienen.“

„Geld ist dir also wichtig?“

Er stellte die Frage ganz ernsthaft, ohne einen Hintergedanken. Wie auch? Er konnte sich an nichts erinnern und war nicht mehr als ein großer, schöner Kerl. Aber er war ein Mann, der nicht verstand, wie die Welt funktionierte.

„Es ist nicht so sehr das Geld, sondern die Vorstellung, Erfolg zu haben. Meinen Grandpa stolz zu machen. Ich habe einige meiner Träume geopfert und gelernt, die Ranch zu meinem Traum zu machen.“ Warum erzählte sie ihm das? Verdammt, sie hätte sich wer weiß was ausdenken können, und er hätte den Unterschied nie bemerkt. Selbst wenn er sich wieder an alles erinnerte, würde er nicht wissen, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hatte. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gewusst, wer Chance Carson war, aber sie kannten sich nicht.

„Weil dein Vater nicht in der Lage war, die Ranch zu führen?“

„Ich weiß nicht, ob er nicht in der Lage dazu war. Es hat ihn einfach nicht interessiert. Aber sie gehört uns. Sie ist unser Erbe.“

„Und das ist dir wichtig“, sagte er.

„Ja.“ Doch sie verschwieg, dass ihr vor allem ihr Großvater wichtig war.

Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben, und sie wusste nie, ob sie genug getan hatte, um ihn stolz zu machen. Sie hatte ihr Bestes gegeben, um eine würdige Erbin zu sein. Das erste Mädchen, das die Verantwortung für die Bewirtschaftung des Landes erbte, diejenige, die das Sagen hatte. Sie hatte Pläne, und sie wollte, dass er sie billigte und stolz auf sie war.

Doch er war inzwischen über neunzig, sie hatte also nicht unbegrenzt Zeit.

„Ich liebe ihn einfach“, sagte sie.

„Deinen Grandpa?“

Sie merkte, dass ihre letzte Bemerkung ziemlich zusammenhangslos gewesen war. Aber er hatte es trotzdem verstanden.

„Ja“, sagte sie. „Ich liebe Grandpa über alles. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Er hat mir das Reiten beigebracht. Er lehrte mich alles, was es über diesen Ort zu wissen gibt. Was wir hier anbauen können. Wie frei man sich in der Mitte von Nirgendwo fühlen kann, wenn niemand da ist, mit dem man reden kann. Nur die Erde und die Bäume und der Himmel. Wie du einfach du sein kannst.“

„Und hier wohnst du?“, fragte er nach einer Weile, als niemand etwas sagte.

„Ja, und zwar mietfrei. Alles, was ich verdiene, geht direkt in die Ranch. Ich repariere seit zwei Jahren dasselbe Paar Stiefel, damit ich kein Geld ausgeben muss, das ich anders brauchen kann.“

„Das nenne ich Engagement.“

„Wenn es dein Erbe ist, machst du es einfach.“

Sie hatte nicht vorgehabt, ihm das alles zu erzählen. Unter normalen Umständen hätte sie gar nicht mit ihm gesprochen. Niemals hätte sie ihm auch nur einen Funken Aufrichtigkeit entgegengebracht. Sie gähnte.

Er sah sie an … besorgt.

„Wird dir das nicht zu viel?“

„Ich werde dich vom Sterben abhalten.“

„Wow. Nett von dir. Aber ich glaube nicht, dass ich sterben werde.“

„Das glaube ich auch nicht. Sonst hätte ich schon längst deinen Arsch ins Krankenhaus geschleift.“

„Ich will nicht ins Krankenhaus“, sagte er.

In seinem Blick lag eine merkwürdige Angst, und sie wollte mehr hören.

Sie kniff die Augen zusammen. „Erinnerst du dich an irgendetwas aus dem Krankenhaus?“

Er runzelte die Stirn. „Hm. Es fühlt sich einfach an wie ein Ort, an dem ich nicht sein möchte. Keine Ahnung, warum. Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nicht, ob ich ein guter oder schlechter Mensch bin. Ich weiß nicht, ob ich auf der Flucht vor dem Gesetz bin oder vor der Mafia. Oder vor einer Ehefrau.“

„In den letzten acht Monaten warst du jedenfalls nicht auf der Flucht“, sagte sie.

Heute Nacht würde sie sich um ihn kümmern, aber länger würde sie ihn nicht hierbehalten. Morgen früh musste er irgendwo anders hin. Aber vielleicht war ihm dann schon alles wieder eingefallen.

Sein Blick wurde verschleiert. „Ich habe nur das Gefühl, dass ich es sein könnte.“

Sie beließ es dabei. Sie wusste schließlich, dass Chance nicht auf der Flucht war. Nicht richtig jedenfalls. Trotzdem machte es sie stutzig, denn von einigen Dingen schien er sehr überzeugt zu sein. Steckte womöglich ein Körnchen Wahrheit darin? Oder glaubte er nur an seine eigenen Lügen? Hatten Amnesiepatienten überhaupt solche vagen Erinnerungen an ihr früheres Leben?

„Nun“, sagte sie. „Das kann ich nicht beurteilen.“

„Ich habe das vage Gefühl, irgendetwas zu wissen.“

„Oh, ein unerwarteter Silberstreifen?“ Sie gähnte.

„Wollen wir schlafen?“, fragte er. „Wir können einen Wecker stellen, damit du nach mir sehen und dich vergewissern kannst, dass ich nicht tot bin.“

„Gute Idee.“ Sie war hundemüde. Sie war schon am Ende ihrer Schicht erschöpft gewesen, und jetzt war es schon fast ein Uhr. „Ich hole ein paar Schlafsäcke.“

Sie ging in den Flur, holte zwei Schlafsäcke aus dem Schrank und breitete sie im Wohnzimmer auf dem Boden aus. Chance schien zu Kräften gekommen zu sein, aber mit einem Mal wurde ihr klar, wie kalt ihm sein musste.

„Ich schwöre, dass das kein Trick ist, um dich nackt zu sehen“, sagte sie und zuckte leicht zusammen. „Aber bevor wir es uns gemütlich machen, müssen wir dich aus den nassen Klamotten rausholen.“

Sein Gesichtsausdruck verblüffte sie. Charmant und frech zugleich. Als ob es ihm nichts ausmachen würde, wenn sie versuchte, ihn nackt zu sehen.

„Hast du eine Decke für mich?“

„Ja“, sagte sie. „Geh nach hinten in mein Zimmer. Zieh dich aus, dann kann ich deine Sachen waschen und trocknen.“

„Das ist furchtbar nett von dir.“

„Was bringt es, dich vor einer Kopfverletzung zu retten, um dich dann an Unterkühlung sterben zu lassen?“

„Das ist fein beobachtet.“

Sie ging zum Dielenschrank, holte eine große Wolldecke und warf sie in Chance’ Richtung. „Darin kannst du dich einwickeln.“

„Danke.“

Er ging in ihr Schlafzimmer, und sie lief unruhig auf und ab. Und als er wieder herauskam, hielt er seine Kleidung in der Hand und war in die Decke eingewickelt, die ein beunruhigendes Maß an männlichen Schultern und Brust enthüllte.

„Tut mir leid, dass ich keine Männerkleidung habe.“ Sie ging zu der Waschmaschine und stopfte seine Kleidung hinein, ohne sie zu genau zu untersuchen. Sie wollte nicht einmal daran denken, dass sie gerade Chance Carsons Unterwäsche in der Hand hielt.

„Erstaunlich, dass du nicht noch irgendwo ein Paar Herrenjeans herumliegen hast.“

„So eine Frau bin ich nicht.“

„Zu anständig, um einen Mann mit nach Hause zu nehmen?“

„Zu freiheitsliebend, als dass ich eine Jeans von einem Kerl hier herumliegen hätte. Sobald sein Hintern aus meinem Bett raus ist, sollte besser jede Spur von ihm verschwunden sein. Wenn nicht, werfe ich sie einfach auf den Feuerhaufen.“

Das stimmte. Als Erbin der Ranch hatte sie beschlossen, auch alle damit verbundenen Vorteile zu übernehmen. Sie hatte nicht vor, zu heiraten oder eine Familie zu gründen. Es war ihr egal, was andere von ihr dachten, sie wollte leben wie die Cowboys. Wenn sie also Sex wollte, bekam sie ihn. Sie hatte keine Beziehungen. Sie machte, was sie wollte, und das gefiel ihr. Okay, man könnte sagen, dass sie auch tat, was ihr Großvater wollte und was ihre Verpflichtungen gegenüber der Ranch ihr abverlangten.

Die Zukunft der Ranch lag im Pferdehof. Damit hätte sie die Möglichkeit, ihrem Großvater zu zeigen, dass sie auf dem richtigen Weg war. Es würde ihr die Chance geben, ihr Versprechen einzulösen, und es würde sie ausfüllen. Ihr Großvater hatte sie immer unterstützt, doch über viele Menschen urteilte er hart. Sie wusste, was es bedeutete, ihn zu enttäuschen, und das wollte sie auf keinen Fall.

Erst, nachdem sie die Ranch übernommen hatte, hatte sie festgestellt, wie schwer es war, ihr Versprechen zu halten. Je älter sie wurde, desto mehr haderte sie damit, wie eng sie an das Versprechen gebunden war. Veränderung war die Lösung. Sie musste diesem Stück Land ihren eigenen Stempel aufdrücken.

Der Anblick nackter Schultern lenkte sie ab, und sie vergaß, warum sie überhaupt an ihren Großvater dachte.

„Wow“, sagte er, „Respekt!“

„Du erinnerst dich an nichts. Woher willst du wissen, ob du das respektieren solltest oder nicht?“

Er lachte. „Ein gutes Argument. Aber ich habe das Gefühl, dass ich ein Mann bin, der sich holt, was er will, wenn ihm danach ist.“

Ihre Blicke trafen sich. Sie waren ein klein wenig zu heiß, und Juniper wandte den Kopf rasch ab. Ihr Herz raste.

„Hast du einen Satz Spielkarten?“, fragte er.

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Nie im Leben. Aber was hast du gegen eine Runde Go Fish?“

„Wow.“

Sie ging noch einmal zum Schrank und durchwühlte ihn, bis sie ein ungeöffnetes Päckchen Spielkarten fand. Sie warf es Chance zu, und er zerriss das Zellophan auf der Außenseite, zog die Karten heraus und mischte sie geschickt.

„Du weißt, wie man Karten mischt“, stellte sie fest.

„Offensichtlich. Und ich weiß, wie man Go Fish spielt.“

„Das ist merkwürdig“, sagte sie.

„Du sagst es.“

Er teilte die Karten aus, und sie setzte sich ihm gegenüber. Als er seine eigenen Karten hochhielt, rutschte die Decke bis zur Taille hinunter und enthüllte seine ganze Brust.

Du liebe Güte.

Wenn ihr jemand gesagt hätte, dass sie eines Tages mit einem splitternackten Chance Carson in ihrem Haus sitzen würde, hätte sie denjenigen für verrückt erklärt. Anschließend wäre sie in ihr Zimmer gegangen und hätte geweint, weil es sie heißer gemacht hätte, als sie es je zugeben würde.

Genau das war das Problem. Chance hatte sie immer heißer gemacht, als sie zugeben wollte.

In der ersten Runde Go Fish schlug er sie vernichtend, was ihr die Laune verdarb. Das durfte sie allerdings nicht zu deutlich zeigen, schließlich wusste er nicht, dass sie Feinde waren. Sie musste sich zusammenreißen.

Doch als er sie auch in der dritten Runde besiegte, warf sie ihre Karten hin. „Ich glaube, du schummelst.“

„Wie kommst du denn darauf?“

Mit funkelnden Augen sah er sie an, und sein Lächeln verriet, dass er noch nie in seinem Leben betrogen hatte. Das konnte er sich zumindest einreden, solange er keine Erinnerungen hatte.

Keinen Ballast. Was für ein Geschenk das für einen Mann wie ihn sein musste!

„Du bist sauer“, sagte er.

„Bin ich nicht.“

„Ein bisschen schon.“

„Nein.“

„Komm schon, hol deine Karten. Du hast verloren und einen Rappel bekommen.“

Die Karten lagen in seinem Schoß, und er glaubte offenbar nicht, dass sie sie holen würde. Was bedeutete, dass sie es unbedingt tun musste.

Sie leckte sich über die Lippen, dann beugte sie sich vor, doch irgendwo unterwegs vergaß sie, warum sie das tat. Wollte sie ihren Mut beweisen oder wollte sie verführerisch sein?

Verführerisch zu sein gehörte eindeutig nicht zu ihren Stärken. Sie verfolgte beim Sex eher einen geradlinigen Ansatz. Sie brauchte kein Tamtam und kein Durcheinander. Sie hatte nie das Bedürfnis, sich zu verkleiden oder zu versuchen, etwas zu sein, das sie nicht war. Doch jetzt biss sie sich auf die Lippe und sah zu ihm auf. Langsam nahm sie eine Karte von seinem Schoß. Das Feuer in seinen Augen flackerte auf.

Hastig schnappte sie sich die restlichen Karten und ließ sich zurückfallen, als sie merkte, dass sie zu weit gegangen war.

„Vielleicht sollten wir das Spiel an dieser Stelle beenden.“

„Ich bin ziemlich erschöpft“, sagte er.

„Ich stecke noch kurz deine Sachen in den Trockner.“

„Es macht mir nichts aus, nackt zu schlafen“, sagte er achselzuckend.

Ihr Gesicht wurde heiß, als wäre sie eine unerfahrene Jungfrau. Sie stand auf, um seine Kleidung in den Trockner zu stopfen, und als sie zurückkehrte, lag er schon im Schlafsack.

In ihrem Schlafsack, splitterfasernackt. In ihr blitzte kurz der Gedanke auf, wie es wohl wäre, sich zu ihm zu legen.

„Wir hauen uns besser aufs Ohr“, sagte sie und kroch in den zweiten Schlafsack. „Ich stelle den Wecker, um mich zu vergewissern, dass es dir gut geht.“

„Ich fühle mich sehr gut aufgehoben“, sagte er und grinste sie an.

Er wirkte so vollkommen unbekümmert. Juniper stellte fest, dass es das war, was sie an Chance Carson am meisten störte – ob mit oder ohne Erinnerung.

Er machte sie unglaublich wütend, doch sie war sich nicht sicher, ob sie ihn jemals im selben Maße in Rage bringen könnte. Sie streckte die Hand aus und berührte seine Stirn. „Ich will nur sichergehen“, flüsterte sie. Sein Kiefer spannte sich an, die blauen Augen funkelten. Sie konnte sich gut vorstellen, was da unten im Schlafsack vor sich ging. Prompt fühlte sie sich viel besser. Vielleicht machte sie ihm ja doch mehr zu schaffen, als sie dachte.

Und warum genau hast du das Bedürfnis, das zu beweisen?

Sie hatte absolut keine Ahnung. Aber das spielte keine Rolle, denn morgen früh würde der ganze Spuk vorbei sein. Sie könnte ihn auf seine Ranch zurückschicken und alles einfach vergessen: dass sie jemals zusammen Karten gespielt haben, während er nackt war; dass sie jemals dem Impuls nachgegeben hatte, mit ihm zu flirten.

Vergessen, dass sie sich jemals erlaubt hatte, die Anziehung, die sie für Chance Carson empfand, anzuerkennen.

Genau. Morgen früh würde alles wieder in Ordnung kommen.

4. KAPITEL

Als er am nächsten Morgen aufwachte, öffnete er die Augen und fühlte sich auf ungewisse Art unwohl. Es dauerte ganze dreißig Sekunden, bis ihm der Grund dafür klar wurde. Er wusste nicht, wer er war.

Chance.

Der Name hallte in seinem Kopf wider, als er aufstand, seine Kleidung aus dem Trockner holte und sich anzog.

Sein Name war Chance, aber er sagte ihm nicht wirklich etwas. Er schloss die Augen und versuchte, sich etwas vorzustellen … irgendetwas. Aber alles, was er sehen konnte, waren die dunklen Augen der Frau, die sich letzte Nacht um ihn gekümmert hatte und über ihn wachte.

Als er die Augen öffnete und sich umsah, lag sie da. Ihr dunkles Haar war ihr ins Gesicht gefallen, ihre schönen Züge waren verdeckt.

Ihm war schwindlig, und sein Kopf tat höllisch weh. Vielleicht gehörte das bei einer Gehirnerschütterung mit Amnesie einfach dazu – aber woher sollte er das wissen?

Aber er kannte diesen Ort. Er kannte diese Frau. Und daran hielt er sich fest.

Er war ein Rancharbeiter. Er ging zur Tür und öffnete sie, schaute aus der Hütte, verblüfft über den Anblick, der sich ihm bot. Die kleine Hütte schien in die Flanke eines Berges gebaut worden zu sein und bot einen wunderschönen Ausblick. Die Kiefern wuchsen hoch und stolz in die Höhe, vor einer Bergkette in der Ferne konnte er eine Ebene erkennen, flache, felsige Ausläufer und Ablagerungen von porös aussehendem Gestein.

Es fühlte sich vertraut an, als sei er hier zuhause. Stammte er ursprünglich von hier? Oder hatte er sich nur an diesen Ort gewöhnt, weil er hier lebte? Doch das Gefühl von Vertrautheit reichte zu tief, als dass er erst vor Kurzem hierhergezogen sein könnte.

Er ging die Veranda hinunter, näher an den Berg, und atmete tief ein.

Die Luft in seinen Lungen fühlte sich richtig an, auf eine Weise, die er weder begreifen noch erklären konnte.

Er sah sich um. Nach etwas, das er tun konnte. Vielleicht würde er sich wieder mehr wie er selbst fühlen, wenn er sich seinen Aufgaben widmete. Er wusste nicht, warum, aber er glaubte nicht, dass er ein Faulpelz war.

Er hatte das Gefühl, dass er sich für ein Leben mit körperlicher Arbeit entschieden hatte. Dass es etwas war, das ihn ansprach und ihm das Gefühl gab, bei sich zu sein. Er entdeckte einen Holzstapel, große alte Rundhölzer, und daneben lag eine Axt.

Er könnte Holz hacken. Er fragte sich nicht, ob er es überhaupt konnte. Bevor er einen Gedanken daran verschwenden konnte, setzte sich sein Körper in Bewegung. Er stellte einen Klotz hochkant auf einen größeren und ergriff die Axt.

Mit einer einzigen fließenden Bewegung spaltete er den Klotz.

Es war ganz einfach. Die Bewegungen waren vertraut, und er hatte recht gehabt. Die Arbeit gab ihm das Gefühl, etwas geschafft zu haben, und das wiederum gab ihm das Gefühl, er selbst zu sein. Auch wenn er sich an nichts erinnern konnte, auch wenn er nicht wusste, wer er war oder was es praktisch bedeutete – in diesem Moment war er er selbst, und das allein zählte.

Er fing an, sich durch den Holzvorrat zu arbeiten, bis seine Schultern und Arme höllisch brannten. Er bekam kaum noch Luft, aber neben ihm türmte sich ein großer Haufen Feuerholz.

„Hey.“

Er blickte auf und entdeckte Juniper. Sie trug dieselbe Kleidung wie am Abend zuvor, ihr dunkles Haar war wild und zerzaust. Er wollte gar nicht mehr über sein Leben außerhalb dieses Ortes wissen. Sie erweckte in ihm den Wunsch, hierzubleiben.

„Was treibst du da?“

„Ich hacke Holz“, sagte er.

„Hältst du es für eine gute Idee?“

„Du bist die Rettungssanitäterin. Du kannst mir bestimmt sagen, ob es eine gute Idee ist oder nicht.“

„Ich glaube nicht“, sagte sie. „Hey …“

„Es hat mir gutgetan“, unterbrach er sie.

„Wirklich?“

„Ja. Ich fühlte mich ein bisschen mehr wie ich selbst, wer auch immer das sein mag.“

„Hör zu“, sagte sie. „Ich muss dich woanders hinbringen. Deine Erinnerung ist noch nicht zurückgekehrt, und …“

„Nein“, sagte er. „Weißt du, was man gegen Amnesie tun kann?“

Sie sah zu Boden. „Soweit ich weiß, wartet man, bis sie von allein verschwindet.“

„Dann lass uns hier warten, bis sie verschwindet.“ Sie wirkte unschlüssig. „Ich weiß zwar nichts über mich, aber ich weiß, dass ich hier nicht weg will. Ich weiß nicht, warum, aber es könnte wichtig sein.“

„Chance“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich bin keine Ärztin. Ich bin Rettungssanitäterin, und du …“

„Ich will nicht“, sagte er mit hartem Ton.

Er hatte keine Ahnung, warum er so sicher war, dass er hier bei ihr bleiben musste. Die ganze Welt war ihm fremd, er musste alles neu kennenlernen, aber er wusste, dass er an diesem Ort – und mit ihr – anfangen musste.

„Hast du Aufgaben für mich zu erledigen? Kann ich mich hier nützlich machen?“

Sie zögerte. „Äh, ja klar“, sagte sie. „Das Holz ist ja schon gehackt. Danke. Und jetzt … Ich bin gerade dabei, eine der Scheunen zu reparieren.“

„Dann lass mich dir dabei helfen.“

„Chance …“

„Ich bin ein Mann, der weiß, was er will,“ sagte er. „Auch wenn ich kein Mann bin, der weiß, wer er ist. Aber ich glaube, ich mag es nicht, wenn man mir sagt, was ich tun soll.“

Sie seufzte. „Im Moment bist du vor allem ein sehr sturer Mann ohne Gedächtnis.“

„Ich habe die dumpfe Ahnung, dass ich sehr stur sein kann“, sagte er.

Sie biss sich auf die Lippe, als ob sie etwas sagen wollte. Wieder einmal fragte er sich, in was für einer Beziehung sie genau zu ihm stand. Er schien stärker auf sie zu reagieren, als zwischen einem Angestellten und seiner Chefin üblich war. Hatte er sich vielleicht schon immer zu ihr hingezogen gefühlt, und dieses Gefühl wurde jetzt dadurch verstärkt, dass er sich nicht mehr an ihre Rollen erinnern konnte?

„Ich muss mich fertig machen“, sagte sie. „Und du brauchst neue Kleidung.“

„Wäre nicht schlecht“, sagte er.

„Warum gehst du nicht so lange rein und duschst? Ich bin gleich wieder da mit allem, was du brauchst.“

Auf dem Weg zu Shelby verfluchte Juniper sich selbst. Shelby würde stinksauer auf sie sein, wenn sie erfuhr, was ihre Schwester von ihr wollte.

Chance wollte bleiben. Es war eine Sache, sein totes Gewicht reinzuschleppen, als er bewusstlos war, aber eine ganz andere, seinen großen, muskulösen Körper mit Gewalt aus ihrem Haus zu zerren, wenn er nicht freiwillig verschwinden wollte.

Was, wenn seine Familie sich Sorgen machte? Aber es gab unzählige Carsons, und sie schienen zu kommen und zu gehen, wie sie wollten. Juniper hatte keine Ahnung, wie oft sie miteinander sprachen.

Chance hatte weder ein Telefon noch eine Brieftasche oder sonst etwas bei sich gehabt.

Du könntest ihm einfach die Wahrheit sagen.

Nein, das konnte sie nicht. Es könnte ihm schaden. Als würde man einen Schlafwandler aufwecken.

Außerdem wüsste er dann, dass du lügst, und alles Schöne, das letzte Nacht passiert ist, würde verschwinden.

Darum ging es nicht.

Es ging nur um seine Probleme mit dem Gedächtnis.

„Hey“, sagte sie, als sie an die Tür klopfte.

Shelby hatte kinnlanges Haar, rundere Augen als Juniper und mehr Falten. Sie war jünger, hatte aber ein paar harte Jahre hinter sich. Auch eine bessere Feuchtigkeitscreme hätte die Spuren ihres Schmerzes kaum verbergen können.

„Darf ich reinkommen?“

„Warum?“

Juniper lächelte strahlend. „Darf ich nicht einfach meine Schwester besuchen?“

„Das darfst du“, sagte Shelby und musterte sie aus schmalen Augen. „Tust du aber sonst auch nicht so früh morgens.“

„Ich muss mir ein paar Klamotten leihen.“

„Ich bin zehn Zentimeter kleiner als du, Juniper.“

Ihr schlechtes Gewissen regte sich. „Nicht von dir. Ich muss mir ein paar von Chucks Klamotten leihen.“ Ihre Stimme wurde weicher, als sie von ihrem verstorbenen Schwager sprach.

„Oh“, sagte Shelby und ihre Miene wurde für einen Moment leer, bevor sie plötzlich aufleuchtete. „Warum? Hast du einen nackten Kerl bei dir zu Hause?“

Juniper verdrehte die Augen. „Äh. Ja.“

„Und er hat nichts anzuziehen?“ Shelby grinste. „Willst du dir einen Tag freinehmen?“

Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Denn natürlich dachte ihre Schwester sofort daran. „Ich habe zu tun. Ich kann nicht den ganzen Tag faulenzen.“

„Von Faulenzen war gar nicht die Rede.“

„Das ist mir klar“, sagte Juniper.

„Warum hat er keine Kleidung zum Wechseln dabei?“

Juniper stieß einen verärgerten Seufzer aus. „Es ist kompliziert. Sei einfach so nett und gib mir etwas, das ein Mann tragen kann.“

„Na gut.“ Shelby trat von der Tür zurück und ließ Juniper in das kleine, gemütliche Haus, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hatten. Später hatte ihr Vater das weitläufige, moderne Haus erbaut, in dem ihre Eltern jetzt lebten.

Shelby führte sie ins Schlafzimmer, und Juniper fühlte sich unvermittelt beklommen. Alles war noch genauso, wie es gewesen war. Chucks Kleidung hing immer noch im Kleiderschrank.

„Du musst mir nichts leihen, wenn …“

„Es wird ohnehin Zeit, dass ich das Zeug loswerde“, sagte sie. „Es ist egal, ob die Sachen hier hängen oder nicht. Er ist tot und wird nicht zurückkommen. Ich werde keine Séance mit seinem Lieblingshemd machen, um ihn dazu zu bringen, aus dem Jenseits Hallo zu sagen.“

„Ich weiß. Aber falls du seine Sachen behalten willst oder keinen anderen Mann darin haben willst …“

„Das ist deine Sache. Wenn ich einen Sexpartner hätte, der Kleidung braucht, fände ich das seltsam. Ich würde das nicht tun.“ Allein die Tatsache, dass ihr Zimmer genauso aussah wie früher, mit dem Hochzeitsfoto auf dem Nachttisch und einem Schrank voll mit Chucks Kleidung, verriet Juniper, dass das nicht passieren würde. Hier würde so schnell kein Mann vorbeikommen.

„Ich weiß aber nicht, wann ich sie dir zurückbringen kann.“

„Ich gebe dir einfach eine schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd. Ich kann die Sachen ohnehin nicht voneinander unterscheiden. Die sehen alle gleich aus. Der Mann hatte keinen Sinn für Mode.“

Er war auch ein ganzes Stück kleiner gewesen als Chance, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Außerdem wollte sie nicht erwähnen, dass es Chance Carson war, der die Kleidung brauchte. Besser, ihre Schwester glaubte, sie hätte einen Kerl für einen One-Night-Stand aufgegabelt.

„Du machst doch nicht mit Jamie rum, oder?“, fragte sie.

„Was?“ Der hübsche blonde Mann, mit dem sie sich oft eine Schicht teilte, hatte einen Freund, aber das wusste ihre Schwester nicht.

„Nein, es ist nicht Jamie. Mach dir keine Gedanken.“

„Ich kann nicht anders. Ich mache mir einfach Sorgen um dich. Du bist meine einzige Schwester, und du bist in letzter Zeit ziemlich launisch.“

„Ich bin nicht launisch“, sagte Juniper.

„Doch, bist du“, sagte Shelby. „Du bist ein launisches Biest.“

„Hey, du bist die Kleine. Ich sollte mich um dich sorgen. Außerdem bist du auch nicht gerade ein leuchtendes Beispiel an Ausgeglichenheit.“

„Stimmt.“ Shelby zuckte mit den Schultern. „Aber ich habe eine Ausrede.“

„Klar, jetzt spielst du wieder die Trauerkarte aus.“ Galgenhumor war der einzige Weg, damit umzugehen, den Juniper und Shelby gefunden hatten.

Shelby grinste. „Irgendeinen Nutzen muss die Sache doch für mich haben.“

Juniper glaubte nicht, dass die Kleidung Chance gut stehen würde.

Nicht, dass sie eine Expertin für seinen Körper wäre. Nein, du hast dich nie nach ihm umgesehen. Nur manchmal. Gelegentlich. Ab und zu. Ständig. Seit du dreizehn Jahre alt warst.

Sie wünschte, sie wäre immun gegen Chance, sein Aussehen und seine Blicke.

Vor allem wünschte sie, dass sie nie angefangen hätte, dieses Spielchen mit ihm zu spielen.

Aber vielleicht hatte es ja etwas Gutes.

Vielleicht würde er begreifen, warum das Land so wichtig für sie war. Ohne den ganzen Ballast seiner eigenen Familie, ohne dieses lächerliche männliche Ego, das sich im Laufe ihrer Fehde in ihm festgesetzt hat. Ohne diesen ganzen blödsinnigen Zwist.

Vielleicht würde das nach dieser Geschichte weniger werden.

Gestern Abend wirkte er so … menschlich. Das hatte irgendetwas mit ihr gemacht, und das gefiel ihr nicht.

Aber früher oder später würde er sich natürlich wieder erinnern, und dann … Daran wollte sie lieber nicht denken. Er mochte sie bis dahin vielleicht ein wenig besser kennengelernt haben, aber …

„Was machst du denn für ein Gesicht?“, fragte Shelby.

„Was ist mit meinem Gesicht?“

Ihre Lippen bogen sich nach oben. „Dein Besucher muss im Bett etwas ganz Besonderes sein.“

Unbehaglich wechselte Juniper ihre Position. „Wie kommst du denn darauf?“

„Weil du ganz weggetreten bist.“

Juniper schnaubte. „Wegen eines Mannes? Vergiss es!“

Das stimmte. Sie hatte ein paar Freunde gehabt, aber es war nie etwas Ernstes gewesen. Es hatte ihr auch nie das Herz gebrochen, wenn es zu Ende gegangen war. Sie hatte die Männer weder in ihrem Leben noch in ihrem Bett vermisst.

Sex war ihr nicht so wichtig. Sie hatte andere Dinge, um die sie sich kümmern und auf die sie sich konzentrieren musste.

Ihre Schwester dagegen hatte Chuck über alles geliebt, er war ihr Traumprinz gewesen. Gleichzeitig hatte sie sich immer dafür interessiert, wie Juniper es fertigbrachte, mehr als einen Partner zu haben.

Doch für Juniper war Sex nichts anderes als ein unbestimmtes Jucken, das durch gelegentliches Kratzen wieder verschwand. Und sie hatte schon oft festgestellt, dass das Gekratze am Ende nichts Besonderes war.

Alles nur, um ein winziges Feuerwerk zu veranstalten. Und dann sollte sie auch noch so tun, als wäre es ein episches Feuerwerk gewesen.

Obwohl … so, wie Chance sie ablenkte, könnte am Ende vielleicht doch so etwas wie ein Feuerwerk auf sie warten. Fairerweise musste sie sagen, dass es nicht Chance selbst war, der sie so sehr ablenkte, sondern die Tatsache, dass sie ihn anlog. Und dass er eine Amnesie hatte.

Genau. Das war’s.

„Willst du noch einen Kaffee trinken?“, fragte Shelby.

„Ich muss zurück. Mit den Klamotten.“

Shelby sah ein wenig enttäuscht aus, und Juniper lud sich diese Enttäuschung direkt auf ihren Berg aus Schuldgefühlen.

Aber Chance war ohne Ersatzkleidung in ihrem Haus, und darum musste sie sich kümmern.

„Also, danke.“

Sie eilte hinaus in den Wagen und fuhr zurück zur Hütte.

Als sie ins Haus trat, öffnete sich gerade die Badezimmertür, und Chance kam nur mit einem Handtuch bekleidet heraus.

Juniper klappte die Kinnlade herunter. Wenn einer der Männer, mit denen sie zusammen gewesen war, so ausgesehen hätte …

Sein Körper war unglaublich, das war ihr gestern Abend schon aufgefallen. Streng genommen hatte sie es schon vor langer Zeit bemerkt, aber er raubte ihr immer noch den Atem. Breite Schultern, eine gut definierte muskulöse Brust, eine schmale Taille und Bauchmuskeln, auf denen ihre Großmutter Käse für Enchiladas hätte reiben können.

„Entschuldigung“, sagte er. „Ich wollte dich nicht überfallen.“

Er glitzerte.

Das war nicht fair.

„Schon gut“, sagte sie. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und hielt ihm die Kleidung hin. Sie hatte das Gefühl, die Hitze seines Körpers förmlich spüren zu können.

Er verschwand erneut im Bad, und Juniper stand da und hörte ihr eigenes Herz in den Ohren klopfen.

Als er wieder auftauchte, trug er eine schwarze Jeans, die zwei Zentimeter zu kurz war.

„Zum Glück gibt es Stiefel“, sagte er.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Sie gehörte meinem Schwager. Er war nicht so groß wie du.“

War?

„Mein Schwager, Chuck, starb vor zwei Jahren bei einem Autounfall. Meine Schwester war am Boden zerstört. Sie hat ihn sehr geliebt.“

„Das ist traurig“, sagte er. Er sagte lange Zeit nichts mehr. „Irgendwie erstaunlich, den einen Lieblingsmenschen zu haben. Selbst wenn er es nur für kurze Zeit ist.“

Sie starrte ihn an und fragte sich, ob er immer so war, oder ob es nur an dieser ganzen absurden Situation …

Die Chance verflog.

Aber Chance war noch da. Vielleicht kannte sie ihn nur nicht.

Du wolltest ihn dazu bringen, dich zu mögen, nicht umgekehrt.

Sie räusperte sich. „Ja. Ich glaube, sie hätte für nichts auf der Welt tauschen wollen. Es ist einfach nur traurig.“

„Du bist Rettungssanitäterin“, sagte er. „Wurdest du zum Unfallort gerufen?“

Autor

Maisey Yates
Schon von klein auf wusste Maisey Yates ganz genau, was sie einmal werden wollte: Autorin.
Sobald sie mit einem Stift umgehen und ihre erste Worte zu Papier bringen konnte, wurde sie von der Leidenschaft fürs Schreiben gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen.

Von da an konnte nichts und niemand...
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