Baccara Exklusiv Band 155

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SCHICKSALSNACHT IN ATLANTIC CITY
von CROSBY, SUSAN

Devlin nahm ihre Hand und küsste zart ihre Fingerspitzen … der Auftakt zu einer traumhaft leidenschaftlichen Nacht! Doch am nächsten Morgen reist er aus Atlantic City ab. An eine Wiederholung hatte er nicht gedacht, bis er Nicole vier Monate später am Lake Tahoe wiedersieht …

DREIßIG NÄCHTE UND EIN LEBEN
von CHILD, MAUREEN

Wenn Nathan es dreißig Tage lang in Hunter‘s Landing aushält, bekommt der Ort eine größere Geldspende, so steht es im Testament seines besten Freundes. Doch das Einzige, was ihn hier hält, ist die hübsche Bürgermeisterin. Aber geht es Keira nur ums Geld - oder auch um Liebe?

LIEBE IN GETRENNTEN BETTEN
von CELMER, MICHELLE

Zoe ist schwanger von ihrem Chef und ziemlich entsetzt. Sie hat sich nie eigene Kinder gewünscht. Nick dagegen ist begeistert und will sie sofort heiraten. Schließlich einigen sie sich auf einen Monat "Ehe auf Probe". Zoes einzige Bedingung: zusammen leben - getrennt schlafen ...

  • Erscheinungstag 02.06.2017
  • Bandnummer 0155
  • ISBN / Artikelnummer 9783733724221
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Crosby, Maureen Child, Michelle Celmer

BACCARA EXKLUSIV BAND 155

PROLOG

2. Januar, Sterling Palasthotel und Kasino

Atlantic City, New Jersey

Seit zwei Stunden schon saß Devlin Campbell an einem der Blackjack-Tische, doch er war mit seinen Gedanken nicht bei dem Spiel. Stattdessen musste er immer an den Brief denken, den er sich heute Morgen noch in aller Hast in die Manteltasche gesteckt hatte. Normalerweise ließ Devlin sich nicht leicht aus der Ruhe bringen, aber dieses Schriftstück eines Anwaltsbüros in Kalifornien hatte ihn schlicht umgehauen. Und da er den Brief nicht vergessen konnte, hatte er sich fest vorgenommen, ihn einfach zu ignorieren.

Er stürzte seinen vierten Scotch mit Wasser herunter und blickte zu der Frau hoch, die schweigend hinter ihm stand und ihm über die Schulter sah. Schon bevor er halb betrunken war, hatte sie ihm gut gefallen. Sie hatte langes hellbraunes glänzendes Haar, ihr Körper hatte die Kurven an den richtigen Stellen, aber ihr Lächeln wirkte aufgesetzt, denn die schönen blauen Augen blickten ernst. Seltsamerweise fühlte Devlin sich von ihrer Traurigkeit genauso angezogen wie von ihrem aufregenden Körper. Er wusste nicht, wie sie hieß, aber sie hatte ihm Glück gebracht, seit er sie vor gut einer Stunde das erste Mal erblickt hatte.

Er war mit ein paar Hundert Dollar im Minus, als er sie auf seinen Tisch zukommen sah. Sie blieb stehen und sprach mit einem Angestellten des Kasinos, der in eine andere Richtung wies. Sie folgte seiner Handbewegung kurz mit den Blicken, dann aber sah sie Devlin an und schien zu erstarren. Sie riss lediglich die Augen auf, und ein paar endlose Sekunden lang starrten die beiden sich an. Dann wurden die Karten wieder verteilt, und Devlin musste sich auf das Spiel konzentrieren. Er gewann.

Als er sich wieder nach der Frau umdrehte, war sie verschwunden. Doch plötzlich tauchte sie wieder neben ihm auf, und er legte ihr schnell die Hand auf den Arm.

„Warten Sie“, sagte er, leicht atemlos, weil die Berührung ihn wie ein Stromstoß durchfuhr. „Sie bringen mir Glück.“

Erstaunlicherweise blieb sie tatsächlich stehen. Und immer, wenn sie in der nächsten Stunde weitergehen wollte, bat er sie zu bleiben, mehr mit den Augen als mit Worten. Er nannte sie seine Glücksfee und hoffte, sie wenigstens einmal lächeln zu sehen. Aber sie blieb ernst, und die Traurigkeit in ihren Augen schien sich eher noch zu vertiefen.

Dennoch tat sie, was er wollte, auch als sich allmählich eine Traube von Menschen um sie sammelte, die neugierig war, wann seine Glückssträhne wohl abreißen würde. Devlin riskierte immer höhere Einsätze, die Sicherheitskräfte näherten sich unauffällig. Sie sahen Devlin sehr genau auf die Finger, aber es ging alles mit rechten Dingen zu. Momentan war Devlin egal, ob er gewann oder verlor. Er brachte gerade mal die nötige Konzentration auf, um dem Spiel überhaupt zu folgen.

Und dennoch gewann er unentwegt.

Devlin ließ die Eiswürfel in dem bereits wieder leeren Glas klingeln, setzte es dann ab, weil neu ausgeteilt wurde. Vorsichtig hob er die Kartenecken an. Ein Bube und eine Fünf, also fünfzehn Punkte. Jeder andere Spieler würde sich damit zufriedengeben, aber Devlin ging das Risiko ein und ließ sich noch eine Karte geben.

Eine Sechs. Damit hatte er 21 Punkte und wieder gewonnen. An manchen Abenden klappte eben einfach alles.

Um ihn herum wurde anerkennendes Gemurmel laut. Die Glücksfee beugte sich zu ihm herunter. „Ich muss jetzt wirklich gehen. Herzlichen Glückwunsch.“

Er drehte sich zu ihr um. „Ich möchte Sie zum Dinner einladen.“

Sie richtete sich auf. „Ich kann nicht“, sagte sie leise.

Dann entfernte sie sich von seinem Tisch. Er hätte sie mit Gewalt zurückhalten müssen, ein Gedanke, der ihm kurz kam. Aber dann sah er ihr nur hinterher, wie sie in der Menge verschwand. Was sie wohl für ein Mensch war? Was hatte sie erlebt, dass sie so traurig war? Und dieser Körper … ihm wurde heiß.

Das Spiel hatte seinen Reiz für ihn verloren. Er nahm seine Chips, ging zur Kasse und löste sie ein. Und nun? Er konnte schlecht nach Philadelphia fahren, nicht wenn er vier Scotch getrunken hatte.

Er sollte sich ein Zimmer nehmen, sich etwas zu essen kommen lassen und sich mit dem Brief beschäftigen, den Erinnerungen …

Er zögerte und war sich unsicher, was er tun sollte. Das war sehr ungewöhnlich für ihn, denn normalerweise entschloss er sich sehr schnell. Aber in diesem Fall spielten alte Gefühle eine Rolle, und bei allem, was mit Emotionen zu tun hatte, war Devlin Campbell unbehaglich zumute.

Verdammt, Hunter.

Schließlich ging er doch zum Empfang, ließ sich ein Zimmer im 25. Stock geben und steuerte auf die Fahrstühle zu. Als die Fahrstuhltür sich öffnete, riss er die Augen auf. Seine Glücksfee stand vor ihm und starrte ihn an.

Das ist kein Zufall, dachte er. Das ist Schicksal.

Da sie ebenso überrascht war wie er, rührte sie sich nicht. Und so stieg er schnell ein, drückte auf den Knopf, und die Türen schlossen sich.

Als er ihren tieftraurigen Blick auffing, wurde ihm ganz kalt. „Wer hat Ihnen das Herz gebrochen?“, fragte er weich.

Sofort traten ihr die Tränen in die Augen.

„Ich möchte es wieder kitten.“ Er trat auf sie zu, zog sie sanft in die Arme und drückte sie vorsichtig an sich. Erst wehrte sie sich, aber dann legte sie die Arme um ihn und drückte ihm das Gesicht gegen die Schulter. Ihr Körper bebte. Zärtlich strich er ihr mit den Lippen über die Schläfe.

Die Fahrstuhltür ging viel zu schnell wieder auf.

„Komm mit mir“, flüsterte er der jungen Frau ins Ohr. „Bleib bei mir heute Nacht.“

Sie trat einen Schritt zurück und nickte dann.

Er griff nach ihrer Hand. „Wie heißt du?“

„Nicole.“

„Ich bin Devlin.“

Hand in Hand gingen sie den Flur hinunter.

1. KAPITEL

1. Mai, Sterling Palasthotel und Kasino

Stateline, Nevada

Wo war seine Glücksfee, wenn er sie brauchte?

Devlin Campbell sah sich verärgert um. Das grelle Neonlicht und der unablässige Krach der Spielautomaten stellten seine Geduld auf eine harte Probe. Diesmal gewann er nicht beim Blackjack, nicht ein einziges Mal.

Anstatt sich auf die Karten zu konzentrieren, ertappte er sich dabei, wie er aufmerksam die Menschen musterte, die sich durch die Säle schoben. Dabei gab es wirklich keinen Grund, die Räume nach ihr abzusuchen … seiner Glücksfee. Nicole. Schließlich hatte er sie damals auf der anderen Seite des Kontinents getroffen. Sie waren wie zwei Schiffe in der Nacht gewesen, die Trost und Schutz gesucht und gefunden hatten, aus Gründen, die sie einander nie gestanden hatten. Devlin hatte so etwas wie mit Nicole noch nie erlebt, vorher nicht und danach auch nicht. Dabei war er zweimal nach Atlantic City in das Palasthotel zurückgekehrt, in der Hoffnung …

Er machte Jetlag dafür verantwortlich. Bei drei Stunden Zeitdifferenz zu Philadelphia hatte er bereits einen vollen Tag hinter sich. Außerdem machte sich jetzt bemerkbar, dass er im letzten Monat meist vierzehn Stunden am Tag gearbeitet hatte, um sich diese Auszeit leisten zu können.

Devlin beobachtete, wie der Dealer die Karten austeilte und dann vor sich selbst einen König hinlegte. Devlin hob vorsichtig seine Karten an. Eine Sieben und eine Fünf.

Weshalb war er überhaupt zum Kasino gefahren? Devlin wusste es selbst nicht mehr. Der Kühlschrank der Lodge, in der er den nächsten Monat verbringen sollte, war von der jungen, attraktiven Hausverwalterin Mary, die ihm den Schlüssel übergeben hatte, gut gefüllt worden. Er hätte sich eins der tiefgefrorenen Gerichte aufwärmen können und dann zu Bett gehen sollen.

„Machen Sie weiter, Sir?“ Der Dealer wartete auf Devlins Entscheidung.

„Weiter.“ Die dritte Karte war eine Dame. Wieder verloren. Das war ungewöhnlich für Devlin Campbell, der im Leben normalerweise das erreichte, was er sich vorgenommen hatte. Er sammelte die wenigen ihm verbliebenen Chips zusammen, steckte sie in die Tasche und stand auf. Er musste unbedingt etwas essen. Vorhin war ihm im Vorübergehen eine Sportsbar aufgefallen, dort konnte er sich bestimmt etwas bestellen. Danach würde er zur Lodge zurückfahren und die nächsten zwölf Stunden durchschlafen.

Im Fernsehen wurde ein Baseballspiel übertragen. Seine Lieblingsmannschaft aus Philadelphia spielte gegen die San Francisco Giants. Devlin bestellte sich ein Bier und ließ sich die Karte geben. Groß war die Auswahl nicht. Er entschied sich für Hamburger und Pommes frites. Dann nahm er einen tiefen Zug von dem eiskalten Bier und musterte die anderen Gäste. Eine Frau ging auf den Ausgang zu, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Sie trug die Uniform der Sterling-Angestellten. War das nicht …?

Hastig stellte er das Bierglas ab und rutschte vom Barhocker. Sie war ungefähr sechs bis sieben Meter vor ihm und bewegte sich schnell. Das war doch … Dasselbe lange hellbraune Haar, diesmal zu einem Zopf geflochten. Derselbe atemberaubende Körper mit den langen Beinen, die sich ihm um die Hüften gelegt hatten …

„Nicole!“

Sie blieb stehen, drehte sich zu ihm um, sah ihn an, zögerte und beschleunigte dann ihre Schritte. Was sollte das denn? Wollte sie weglaufen? Warum? Er stellte doch keine Gefahr für sie dar, wusste noch nicht einmal, wie sie mit Nachnamen hieß. Das war nicht ungewöhnlich für ihn, denn normalerweise sah er die Frauen nie wieder, mit denen er einmal geschlafen hatte. Er wollte sich einfach nicht binden, egal, wie hübsch oder sexy die Frauen waren.

Mit einer Ausnahme. Mit Nicole wollte er unbedingt eine zweite Nacht verbringen, denn sie war ebenso leidenschaftlich im Bett gewesen wie er, zärtlich und fordernd zugleich, sodass er in der Nacht alles andere vergessen hatte.

Selbst den Brief.

Endlich hatte er sie eingeholt und fasste sie beim Ellbogen. Ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste stehen bleiben.

„Trainierst du für den Marathon?“, fragte er und blickte schnell auf ihr Namensschild. Nicole, Sacramento, California. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass sie bei Sterling angestellt war. Damals hatte sie keine Uniform getragen, sondern Jeans, einen dunklen Pullover und Stiefel mit hohen Absätzen, sodass sie fast so groß war wie er. Er hatte ihr die Stiefel ausgezogen, dann die Jeans, sodass die langen schlanken Beine zum Vorschein kamen …

„Oh … hallo!“, sagte sie. „Sie sind …“

„Devlin“, sagte er schnell. Hatte sie das etwa vergessen? „Januar? Atlantic City?“

Mit einer schnellen Bewegung zog sie sich das Jackett glatt und befreite sich dadurch von seinem Griff. Dabei fiel ihm auf, dass ihre Kurven noch üppiger waren, als er sie in Erinnerung hatte. Er musste mit ihr unbedingt noch einmal so eine Nacht erleben wie in Atlantic City.

„Ja, ich erinnere mich“, sagte sie langsam und lächelte kurz. Aber wie schon damals bei ihrem ersten Treffen blickten ihre Augen auch diesmal ernst.

Er wies auf ihr Namensschild. „Du arbeitest hier im Hotel?“

„Ja, ich bin Assistentin der Geschäftsführung.“

„Warst du damals schon beim Hotel angestellt, als wir uns im Januar begegneten?“

„Ja, als Empfangschefin. Ich war allerdings nicht im Dienst, als wir … an dem Abend. Ich habe mich dann später nach Tahoe versetzen lassen, vor zwei Monaten.“ Das kam eher zögernd, und sie sah Devlin dabei nicht an.

Die Frau faszinierte und reizte ihn zugleich. „Geh mit mir essen.“

„Ich bin im Dienst.“ Sie sah sich um, Panik im Blick, als erhoffe sie sich von irgendjemandem Rettung aus dieser Situation.

Sie konnte doch nicht vor ihm Angst haben, nicht nach der Nacht, die sie miteinander verbracht hatten. „Wann hast du Dienstschluss?“, fragte er.

Jetzt endlich sah sie ihn direkt an. Vielleicht war ihr klar, dass er nicht nachgeben würde. Aber auch sie würde sich nicht einschüchtern lassen, sagte ihr Blick. „Um neun.“

In weniger als einer Stunde. Bei dieser Aussicht war seine Müdigkeit plötzlich wie weggeblasen. „Ich warte auf dich.“

„Nein, bitte nicht.“ Sie machte einen Schritt zurück. „Ich muss jetzt gehen.“

Devlin blieb stehen und sah ihr hinterher. Dann ging er zum Tresen zurück, gerade als sein Essen serviert wurde.

Eins nach dem anderen. Erst das Essen, dann Nicole.

Sie würde ihm nicht entkommen. Er wusste, wo er sie finden konnte.

Nicole war nicht sicher, ob Devlin ihr nicht vielleicht einfach gefolgt war. Erst als sie hinter dem Empfangstresen stand, wagte sie sich umzublicken. Mit angehaltenem Atem suchte sie die Menschenmenge ab. Devlin war nicht dabei.

Schnell schlüpfte sie in ein leeres Büro, schloss die Tür und lehnte sich aufatmend gegen die Wand, die eine Hand auf den Mund gepresst, die andere gegen den Magen. Als ihr Herzschlag sich etwas beruhigt hatte, stieß sie sich von der Wand ab und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Weshalb war er hier?

Was sollte sie nur tun?

Eine Weile starrte sie vor sich hin, ohne etwas zu sehen. Dann seufzte sie leise auf und setzte sich vor den Computer. Unter dem Namen Devlin Campbell war kein Zimmer reserviert worden. Also war er nicht Gast hier. Noch nicht wenigstens. Warum war er gekommen? Wo wohnte er? Wie lange würde er bleiben?

Ann-Marie, eins der Mädchen vom Empfang, öffnete vorsichtig die Tür und steckte den Kopf ins Zimmer. „Ist was, Nicole?“

Ja, allerdings. Ich weiß nicht weiter. Ich habe Angst. „Nein, alles in Ordnung. Vielen Dank.“

„Du siehst aus, als sei dir ein Gespenst begegnet.“

Stimmt, Devlin Campbell hatte wie eine Erscheinung auf sie gewirkt, dabei war er nur zu sehr ein Mann aus Fleisch und Blut. Groß, dunkel und attraktiv. Er stammte aus einer alten Familie mit Geld, all das hatte sie über ihn herausgefunden, nach dieser unvergesslichen Nacht mit ihm. „Brauchst du was, Ann-Marie?“

Die junge Frau zog erschreckt den Kopf zurück, und Nicole stand auf und ging auf sie zu. Ann-Marie war dreiundzwanzig und noch in der Ausbildung. „Entschuldige meinen Tonfall. Mir geht es heute nicht so gut.“

Ann-Marie lächelte. „Schon gut. Vielleicht solltest du lieber nach Hause fahren.“

Doch Nicole war stolz darauf, dass sie bisher nicht eine einzige Stunde ihres Dienstes versäumt hatte. Außerdem konnte sie gar nicht gehen. Sie machte Vertretung für einen Kollegen, der erst eine Stunde später kommen konnte. Diese Dreiviertelstunde würde sie auch noch durchhalten. Unter normalen Umständen wäre sie längst zu Hause und Devlin nicht über den Weg gelaufen. War das auch Schicksal?

„Nicole?“

Sie warf Ann-Marie ein Lächeln zu. „Alles in Ordnung. Ich mache die Schicht zu Ende.“

Die rundliche Blonde nickte erleichtert und zog sich wieder hinter den Empfangstresen zurück. Nicole folgte ihr. Dienstagabend, da war normalerweise nicht viel los. Allerdings könnte es sein, dass Devlin doch noch ein Zimmer wollte, und so hielt sich Nicole in der Nähe des Empfangs auf. Ob er kommen würde?

Kurz vor neun tauchte er tatsächlich auf. Er wies auf eine Sitzgruppe, wo sie ungestört miteinander reden konnten. „Wenn du schon nicht mit mir zum Essen gehen willst, dann vielleicht auf einen Drink?“, fragte er.

Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und schüttelte den Kopf.

„Ich komme jeden Abend her, bis du Ja sagst.“

Jeden Abend? Wie lange …? „Bist du geschäftlich hier?“

„Das weiß ich selbst nicht so genau. Eigentlich bin ich zum Vergnügen hier, allerdings habe ich etwas andere Vorstellungen von Spaß. Ich bleibe einen Monat.“

Ein Monat! Nicole erschrak. In einem Monat war alles ganz anders. Was sollte sie nur tun? Was sollte sie ihm sagen? Und wann war der richtige Zeitpunkt?

„Kann ich dich nach Hause fahren?“, fragte er.

„Danke, ich habe mein Auto hier.“

„Dann bringe ich dich zum Auto.“ Das war kein Angebot, sondern ein Befehl.

Gegen Befehle war Nicole immer allergisch gewesen. „Ich muss erst noch etwas erledigen. Aber wir werden uns sicher wieder begegnen.“ Begreifen Sie doch endlich, Mr. Campbell, ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben. Sie stand auf und wandte sich um.

„Wovor hast du denn Angst, Nicole?“, rief er leise, aber doch so laut, dass Ann-Marie überrascht den Kopf hob und in ihre Richtung blickte.

Wütend drehte Nicole sich um. „Was willst du von mir?“, zischte sie ihm zu.

„War das nicht eine Wahnsinnsnacht, die wir damals in Atlantic City verbracht haben?“

Ach so, das war es. Er wollte wieder mit ihr ins Bett gehen. Was hatte sie denn erwartet? Dass er sich unsterblich in sie verliebt hatte? „Das ist vorbei. Gute Nacht.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging schnell wieder in das Büro, das hinter dem Empfang lag. Von da aus beobachtete sie Devlin, der sich erst unschlüssig umblickte, dann aber auf den Ausgang zum Parkplatz zuging.

Als er verschwunden war, verließ sie ihr Versteck wieder, gerade als Juan Torres winkend durch die Halle kam. „Ich bin dir ja so dankbar, dass du diese Stunde für mich übernommen hast“, sagte er strahlend. „Dafür hast du noch etwas gut bei mir.“

Auch Juan war Assistent der Geschäftsleitung und der netteste Mann, den man sich vorstellen konnte.

„Darauf komme ich sicher noch mal zurück. Bis morgen, Juan.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und winkte den anderen Kollegen zum Abschied zu. Endlich konnte sie nach Hause fahren. Sie musste unbedingt allein sein, um in Ruhe zu überlegen, was sie Devlin Campbell sagen konnte.

„Warte!“ Ann-Marie kam hinter ihr her. „Ich bringe dich zum Wagen.“

Nicole musste lächeln. Ann-Marie war fünf Jahre jünger als sie, aber sie hatte den dringenden Wunsch, Nicole zu bemuttern. „Dank dir, aber das ist nicht nötig. Es geht mir gut.“ Sie legte sich die Hand auf den Bauch. „Es geht uns gut.“

„Umso besser. Aber ich komme trotzdem mit. Ich muss sowieso in diese Richtung.“

Als sie die Tür zum Parkplatz erreicht hatten, trat Devlin plötzlich hinter einer Säule hervor. Er sah Nicole kühl an und starrte ihr dann ganz unmissverständlich auf ihren Bauch.

„Geh nur schon vor“, sagte sie zu Ann-Marie, die ratlos zwischen ihr und Devlin hin- und hersah.

„Bist du sicher? Ich meine …“

„Ist okay. Wir sehen uns morgen.“ Nicole schob Ann-Marie durch die Tür und blickte dann Devlin abwartend an.

Dicht trat er an sie heran. „Ist es meins?“

2. KAPITEL

Devlin sah Nicole gespannt an. Warum antwortete sie nicht? Wenn es tatsächlich sein Kind war, warum zögerte sie dann so lange? Er musterte sie langsam von oben bis unten. Seltsam, dass ihm das nicht gleich aufgefallen war. Aber als er eben gesehen hatte, wie sie die Hand auf eine kleine Wölbung legte, die im Januar noch nicht da gewesen war, hatte er nachgerechnet. Vier Monate. Seine ältere Schwester war im fünften Monat schwanger, da sah man schon ein wenig mehr.

Vielleicht war das gar nicht sein Kind, und seine Vermutung war falsch. Hatte sie vielleicht deshalb seine Einladung zum Dinner und zum Drink abgelehnt, weil sie von einem anderen Mann schwanger war? Hatte sie diesen Mann im Januar mit ihm betrogen?

„Hast du mir hinterherspioniert?“

„Ich habe auf dich gewartet, um mich zu überzeugen, dass du sicher zu deinem Auto kommst.“

„Danke, aber bisher habe ich damit nie Probleme gehabt.“

„Du weichst mir aus. Willst du meine Frage nicht beantworten?“

„Selbstverständlich ist es deins.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihn abwartend an.

Selbstverständlich? Der Lärm des Kasinos trat plötzlich vollkommen in den Hintergrund, so schockiert war er von ihrer Eröffnung. Aber konnte er ihr glauben?

„Du hast dir mit deiner Antwort viel Zeit gelassen, zu viel.“

„Aber nicht, weil ich dich angelogen habe.“

„Das nicht, doch du hast mir etwas verschwiegen.“

Sie atmete tief durch und schien sich etwas zu entspannen. „Ich wollte es dir nicht hier sagen, bei all dem Krach und den vielen Leuten.“

„Du hättest es mir schon vor Monaten sagen sollen.“

„Ich weiß.“ Sie sah sich hastig um. „Bitte, Devlin, nicht hier. Ich arbeite hier. Jeden Moment kann einer meiner Kollegen vorbeikommen.“

„Gut. Dann lass uns gehen.“ Er umfasste ihren Ellbogen und wollte sie mit sich ziehen, aber sie machte sich mit einem Ruck frei.

„Ich gehe nirgendwo mit dir hin!“

„Aber wir müssen doch über vieles reden.“

„Ja, das stimmt. Aber nicht heute Abend. Wir können uns morgen zusammensetzen.“

Das war eine Möglichkeit. Andererseits wollte er vermeiden, dass sie Zeit hatte, sich etwas zurechtzulegen. Er wollte die ungeschönte Version der Geschichte hören. „Warum hast du mich nicht informiert? Ich war doch Gast in eurem Hotel. Also konntest du ohne Schwierigkeiten meinen Namen und meine Adresse herausbekommen.“

„Ich werde dir morgen alles in allen Einzelheiten erzählen.“

Leider konnte er sie nicht gewaltsam entführen, obgleich er kurz mit dem Gedanken spielte. Aber bei dem Aufgebot von Sicherheitsbeamten würde er nicht weit kommen. „Du wirst die Stadt nicht verlassen?“

„Nein, das verspreche ich dir.“

„Kann ich mich darauf verlassen?“

„Ja. Du weißt doch, wo ich arbeite. Ich kann dir gar nicht entkommen.“

„Wie heißt du mit Nachnamen?“

„Price.“

Das war die blanke Ironie. Denn er musste einen Preis dafür zahlen, dass er mit einer Fremden ins Bett gegangen war, ohne zu verhüten. Wie hatte er nur so blöd sein können. Er zog eine Visitenkarte aus der Brusttasche, schrieb die Adresse und die Telefonnummer der Lodge auf, in der er wohnte, und gab sie ihr. „Hier. Da kannst du mich finden. Soll ich dir sagen, wie du hinkommst?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Jeder hier kennt die Lodge. Gehört sie dir?“

„Nein. Wann kann ich ungefähr mit dir rechnen?“

„Zwölf Uhr mittags fängt meine Schicht an. Wie wäre es mit elf?“

„Sagen wir, halb elf.“

„Gut. Bis dann.“

Er drückte die Tür auf und folgte Nicole auf den Parkplatz.

„Ich brauche keinen Geleitschutz“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

„Ganz schön hart im Nehmen, was?“

Sie ging nicht auf die Bemerkung ein. Schweigend gingen sie zu ihrem Auto, einem Subaru, der nicht mehr ganz neu war.

Er wartete, bis sie den Motor angelassen hatte. Dann bedeutete er ihr mit Gesten, das Fenster herunterzulassen. Sie runzelte verärgert die Stirn, tat jedoch, was er wollte.

„Hast du einen Freund?“, fragte er.

„Du meinst, einen festen Freund? Eine Beziehung?“

Er nickte.

„Nein.“

Hattest du einen festen Freund?“

„Im Januar?“

Tat sie mit Absicht so begriffsstutzig? Wahrscheinlich. Sicher wollte sie ihn ärgern, und das war ihr auch gelungen. Wenn er der Vater ihres Kindes war und sie sich nicht mit ihm in Verbindung gesetzt hatte, obgleich sie genau wusste, wie er hieß und wo er zu erreichen war, dann hatte er allen Grund, misstrauisch und verärgert zu sein.

Er beantwortete ihre letzte Frage nicht, warf ihr aber einen Blick zu, der deutlich machte, was er davon hielt.

„Ich hatte … davor … keinen festen Freund“, sagte sie, den Blick starr nach vorn gerichtet. Die Hände umkrampften das Steuerrad. „Und danach auch nicht.“

Sie sah ihn nicht an, und Devlin wurde sofort wieder misstrauisch. Er traute Menschen nicht, die ihm nicht in die Augen sahen, wenn sie mit ihm sprachen. Durch seine Tätigkeit als Banker hatte er gelernt, Menschen intuitiv einzuschätzen. Ein wesentliches Mittel war die Körpersprache. Und was Nicoles Körper ihm sagte, gefiel ihm ganz und gar nicht.

Er trat einen Schritt zurück. „Bis morgen dann.“

Ohne ein weiteres Wort fuhr sie aus der Parklücke heraus und davon.

Er sah ihr lange hinterher. Dass er nach Tahoe gekommen war, hatte mit einem Versprechen zu tun, das er vor zehn Jahren gegeben hatte. Er hatte sich fest vorgenommen, sein Leben zu ändern, und wollte diesen Monat dazu nutzen, herauszufinden, was er wirklich wollte.

Nun hatte sein Leben eine dramatische Wendung genommen, ohne dass er etwas daran ändern konnte.

Das war kein guter Anfang.

Um Mitternacht hüllte Nicole sich in ihre Bettdecke und trat auf die Veranda. Sie blickte auf das Thermometer, das an einem der Pfosten angeschraubt war. Knapp über null. Wahrscheinlich waren die Straßen morgen früh vereist. Ihr Atem stand wie eine weiße Wolke vor ihr, aber die kühle klare Luft tat ihr gut. Seit sie vor zwei Monaten hierhergezogen war, hatte sie das Wetter, das am Lake Tahoe herrschte, lieben gelernt.

Nicole setzte sich auf ihre Hollywoodschaukel und schwang sanft hin und her. Die Haken, an denen die Schaukel aufgehängt war, quietschten leise im Rhythmus der Bewegung.

Sie hatte immer gewusst, dass dieser Tag irgendwann unweigerlich kommen würde. Von Anfang an hatte sie die Absicht gehabt, Devlin von seiner Vaterschaft zu informieren, allerdings erst nach der Geburt des Kindes. Dann konnte auch gleich der DNA-Test gemacht werden, auf den Devlin sicher bestehen würde.

Im Grunde konnte sie verstehen, dass er ihr misstraute. Sie waren sich als Fremde begegnet, hatten eine Nacht zusammen verbracht und waren als Fremde wieder auseinandergegangen. Sie war bereitwillig mit ihm ins Bett gegangen, ohne dass sie vorher den Versuch unternommen hatten, sich kennenzulernen. Der Sex war fantastisch gewesen, direkt und wild. Sie hatten sich geliebt, ohne zur Besinnung zu kommen, und das war genau das, was sie in jener Nacht gebraucht hatte. Und selbst ohne das Kind, das in ihr wuchs, hätte sie diese Nacht mit Devlin nie vergessen. Sie hatte mehr als einmal in seinen Armen geweint, und er hatte sie nur an sich gedrückt, ohne sie zu fragen, warum. Und hatte sie wieder und wieder genommen.

Am Morgen war sie nicht einfach verschwunden, sondern hatte ihn geweckt und ihm gedankt. Dann hatte sie ihm einen Abschiedskuss gegeben. Das war das Ende einer Nacht, die sie beide ohne Bedauern genossen hatten. Es war klar, dass sie sich nie wiedersehen würden.

Doch dann war alles anders gekommen.

Nicole schloss die Augen, während sie sich sanft hin und her wiegte. Sie musste an den Augenblick denken, genau zwei Monate nach dieser unglaublichen Nacht mit Devlin, als ihr eins klar wurde. Nicht der Kummer, der sie nie losließ, war schuld daran, dass sie sich so elend fühlte, sondern die Tatsache, dass sie schwanger war. Jetzt, im vierten Monat, war die morgendliche Übelkeit verschwunden, und sie fühlte sich wieder gesund und kräftig.

Sie zitterte. Ob vor Kälte oder weil ihr die Aussprache mit Devlin bevorstand, konnte sie nicht sagen. Sie musste unbedingt schlafen. Hoffentlich konnte sie jetzt einschlafen. In der letzten Stunde hatte sie sich nur rastlos im Bett hin und her gewälzt.

Als sie aufstand, sah sie, dass ein Wagen ihre Straße entlangkam. Er näherte sich stetig ihrem Haus und kam dann die Einfahrt hoch. Nicole setzte sich wieder auf die Schaukel. Glücklicherweise hatte sie das Licht auf der Veranda nicht angeschaltet.

Die Fahrertür öffnete sich, und ein Mann stieg aus. Devlin. Nicole hielt den Atem an. Wie hatte er sie gefunden? Ob er jetzt wohl an ihre Tür hämmern würde, um sie aufzuwecken?

Offenbar nicht. Er stand da und sah sich um. Dann verschwand er um die eine Hausecke, sodass Nicole ihn nicht mehr sehen konnte, dann tauchte er wieder auf. Seltsam, was hatte er vor?

Sie liebte ihr kleines Häuschen. Es war nicht sehr groß, aber es war gemütlich und gehörte ihr, das heißt, in neunundzwanzig Jahren und elf Monaten würde es ihr gehören.

Sie hörte, dass Devlin näher kam, trockenes Laub und Piniennadeln knisterten unter seinen Schuhen. Jetzt stand er unten an der Treppe. Er hatte die Hände in die Jacketttaschen gesteckt und trat auf die unterste Stufe.

„Suchst du jemanden?“, fragte Nicole. Wahrscheinlich hätte er sie sowieso bald entdeckt.

Er fluchte leise, und sie musste lächeln. Diesmal hatte sie ihn erschreckt.

„Was tust du hier draußen?“ Er kam die Stufen hoch. „Es ist eiskalt.“

Einen kurzen Augenblick lang wünschte sie sich, sie säße nicht da in ihrem Flanellpyjama, dem abgetragenen Bademantel und den unförmigen Hausschuhen. „Woher hast du meine Adresse?“

„Aus dem Internet. Übrigens hätte ich nicht geklopft oder geklingelt. Ich wollte nur sehen, wo du wohnst.“

Ohne dass sie ihn dazu aufgefordert hatte, setzte er sich auf die Schaukel neben sie. „Konntest du nicht schlafen?“

Sie schüttelte den Kopf. Ihr war kalt bis ins Mark, aber das würde sie ihm gegenüber nicht eingestehen. Denn ihr Körper reagierte sofort auf Devlins Nähe. Erinnerungen wurden wach, wärmten sie, erregten sie …

Er sah sie entschlossen an und kam dann etwas näher. „Lass mich mit reinkommen.“

Das Wörtchen „bitte“ schien in seinem Wortschatz nicht vorhanden zu sein. „Wir reden morgen, so wie wir es abgemacht haben“, sagte sie.

„Du kannst nicht schlafen, und ich kann nicht schlafen. Warum wollen wir uns nicht jetzt unterhalten?“

„Weil wir beide übermüdet sind. Da sagt man leicht etwas, was man nicht so meint.“

„So etwas passiert mir nicht.“

„Dann musst du geradezu übermenschliche Fähigkeiten haben.“

Auf diese Bemerkung ging er nicht ein. „Du zitterst ja. Das kann nicht gut sein für das Baby.“

„Keine Sorge. Ich tue nichts, was dem Baby schaden könnte. Möchtest du eine heiße Schokolade?“

Sie musste ihm zugutehalten, dass er nicht süffisant lächelte, sondern ernst blieb, aufstand und ihr die Hand reichte, die sie sogleich ergriff. Wie warm seine Hand war.

Nicole war fast fertig mit der Einrichtung des Hauses. Ihre Möbel hatte sie teils vom Flohmarkt, teils in irgendwelchen Trödelläden gefunden. Sie hatte sie abgeschliffen, die Wände gestrichen und Gardinen genäht. Lediglich das Kinderzimmer war noch nicht fertig.

Vom vorderen Hauseingang aus betrat man das Wohnzimmer mit der Essecke und der offenen Küche. Nicole legte ihre Bettdecke über einen Stuhl, zog den Gürtel des Bademantels fester und ging in die Küche.

„Darf ich mich mal umsehen?“, fragte Devlin und warf sein Jackett auf die Bettdecke.

„Nur zu.“ Sie war froh, dass er sich etwas von ihr entfernte. Ihr Bett war zwar nicht gemacht, aber das sollte ihn nicht weiter stören.

„Gehört dir das Haus?“, fragte er nur wenig später und lehnte sich gegen den Kühlschrank.

„Ja, ich habe es gekauft.“

„Es ist klein, zu klein für ein Kind.“

„Wie viel Platz braucht denn ein Kind?“

„Auf alle Fälle mehr als dies hier.“

„Da bin ich vollkommen anderer Meinung.“

Er wollte etwas erwidern, hielt sich dann aber zurück. „Es ist sehr rustikal“, fing er nach einer Weile wieder an.

Sie musste grinsen. Offenbar musste er sich sehr zusammennehmen, um nicht mit dem herauszuplatzen, was er wirklich sagen wollte. Er schien bemüht, jeden Streit zu vermeiden.

„Was hast du erwartet, Devlin? Es ist ein Holzhaus im Wald. Rustikal passt zur Umgebung.“ Sie holte zwei Kaffeebecher aus dem Hängeschrank. „Im Winter kommt regelmäßig ein Schneepflug, um die Straße zu räumen, und ich habe einen Kamin und einen Generator, falls mal der Strom ausfällt. Das reicht vollkommen.“ Und es gehört mir. Sie goss die heiße Schokolade in die Becher und reichte Devlin den einen. Ihren Becher hielt sie fest mit beiden Händen umfasst und genoss die Wärme. Hätte sie Devlin bloß nicht hereingelassen. Sie war einfach zu müde, um sich mit ihm auseinanderzusetzen, und das wusste er.

„Wusstest du, wer ich bin?“ Er blickte sie prüfend an.

„Ja. Ich habe dich gegoogelt.“ Sie nahm einen Schluck und betrachtete ihn über den Rand des Kaffeebechers hinweg.

„Wann?“

„An dem Morgen, nachdem ich deine Suite verlassen hatte.“

„Nicht vorher?“

Sie zog unwillig die Augenbrauen zusammen. „Vorher? Wie kommst du denn darauf? Vorher stand ich hinter dir am Blackjack-Tisch. Und davor war ich auf dem Weg zu meinem Chef und war nur stehen geblieben, um mit einem Kollegen zu sprechen. Dann fielst du mir auf, und ich wollte dir ein paar Minuten zusehen. Doch du wolltest mich nicht mehr gehen lassen.“

„Du hast mir Glück gebracht.“

„Ich weiß, das hast du gesagt. Wieso willst du wissen, ob ich schon vorher wusste, wer du bist? Meinst du etwa, ich hätte dich erkannt und mich absichtlich an dich gehängt?“

„Und? War es so?“

„Nein, und das gilt für beide Fragen. Woher sollte ich wissen, wer du bist? Du bist doch keine Berühmtheit, oder? Und selbst wenn mir dein Name auf der Liste der Voranmeldungen für die Kasinobenutzung aufgefallen wäre, was nicht der Fall war, du hast das Zimmer ja erst fest gebucht, nachdem ich längst den Blackjack-Tisch verlassen hatte.“ Je länger sie über seine Verdächtigungen nachdachte, desto wütender wurde sie. Was bildete er sich ein? „Und die Begegnung im Fahrstuhl habe ich nun wirklich nicht bewusst herbeiführen können. Es gibt zwölf Fahrstühle. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich gerade mit dem unten ankam, vor dem du standst, war wahrhaftig sehr gering.“

„Ich …“

„Dass du nicht glauben willst, das Kind sei von dir, verstehe ich total“, fuhr sie schnell fort. „Aber du scheinst ein intelligenter und logisch denkender Mensch zu sein. Da muss dir doch klar sein, dass ich unsere Begegnung nicht habe planen können.“ Sie lächelte und hoffte, damit seine Laune etwas aufzuhellen.

Aber Devlin blieb misstrauisch und blickte sie unter zusammengezogenen Brauen finster an. „Es wäre ja schließlich nicht das erste Mal, dass eine Frau einem Mann ein Kind unterschiebt, das nicht seins ist.“

Nicole presste kurz die Lippen zusammen. Sie war am Ende ihrer Geduld. „Heutzutage lässt sich so etwas sehr einfach durch einen DNA-Test feststellen.“

„Warum hast du mich dann nicht gleich informiert?“ Er setzte den Becher wieder ab, ohne einen Schluck getrunken zu haben. „Wenn dir klar war, dass du es beweisen konntest, dann hättest du doch gleich damit herausrücken können.“

„Ich habe es versucht. Ich war sogar bei deinem Haus.“

„Wann war das?“

„Einen Tag nachdem ich definitiv wusste, dass ich schwanger bin. Am nächsten Tag wollte ich nach Tahoe umziehen.“

„Und? War ich nicht zu Hause?“

„Doch. Du kamst kurz nach mir.“ Sie hatte vor seinem großen Stadthaus geparkt. Dass es in der teuersten Gegend lag, hatte ihre Befürchtungen nur bestätigt. Nämlich dass er reich war und zur High Society gehörte. „Aber du warst nicht allein.“

Die Frau an seiner Seite hatte ein kurzes enges Kleid getragen und Schuhe mit sehr hohen Absätzen. Nicole hatte beobachtet, wie Devlin ihr sein Jackett um die Schultern gelegt und sie geküsst hatte, bevor sie Arm in Arm die Stufen zum Eingang hinaufgegangen und im Haus verschwunden waren.

„Ich habe viele Stunden gewartet und schließlich beschlossen, dass es wohl nicht sein sollte. Wahrscheinlich würdest du sowieso denken, ich sei nur hinter deinem Geld her und wolle dich erpressen. Deshalb wollte ich lieber warten … Ich dachte natürlich, du hättest eine feste Freundin. So sah es zumindest für mich aus. Deshalb wollte ich erst einmal umziehen, mich ein wenig einleben und …“

„Aber du wohnst hier doch schon zwei Monate.“

Sie nickte.

Er beugte sich vor und stützte sich auf den Oberschenkeln ab. „Was willst du von mir?“

Sie lehnte sich zurück. Immerhin hatte er nicht abgestritten, eine feste Freundin zu haben. „Nichts.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Da kann ich dich nur zitieren. Ich bin hart im Nehmen.“ Wütend stand sie auf. Sie war zu müde, um sich mit ihm zu streiten. „Du musst jetzt gehen.“

Ohne Widerrede erhob auch er sich, nahm sein Jackett und ging zur Tür. Er hatte bereits den Türknauf in der Hand, als er sich noch einmal umdrehte. „Warum hast du das getan, Nicole?“

„Was genau?“

„Warum bist du denn mit mir aufs Zimmer gegangen? Du schienst sehr unglücklich über irgendetwas zu sein. Zumindest hast du geweint.“

Sie schloss kurz die Augen, weil die Erinnerungen sie mit Macht überfielen. Dann sah sie ihn an. „Ja, ich war unglücklich, und mit dir zusammen zu sein hat mich abgelenkt und irgendwie getröstet. Aber auch du warst in jener Nacht über irgendetwas wütend.“

Er nickte kaum wahrnehmbar. „Stimmt. Deshalb habe ich auch vergessen zu verhüten. Normalerweise benutze ich immer Kondome. Irgendwie ging ich davon aus, du nimmst die Pille. Aber natürlich hätte ich dich fragen sollen.“

„Ich kann die Pille nicht vertragen. Und das hätte ich dir sagen sollen. Ich weiß auch nicht, warum ich das nicht tat. In der Nacht war ich wohl ziemlich durcheinander. Aber du sollst wissen, dass ich es nicht bereue.“ Sie legte sich mit einer zärtlichen Geste die Hand auf den Bauch. Wie sehr liebte sie das Kind bereits! „Glaub mir, ich erwarte nichts von dir.“

Aber erhoffen durfte sie sich doch etwas, oder? In jener Nacht hatte sie das tiefe Empfinden gehabt, etwas Besonderes sei zwischen ihnen vorhanden. Eine Verbindung, die sie nicht einmal näher beschreiben konnte. Ja, eine unbestimmte Hoffnung konnte sie nicht leugnen.

„Ein Mann, der etwas auf sich hält, lässt eine Frau nicht im Stich, die ein Kind von ihm erwartet“, sagte er schroff.

„Irgendwie werden wir uns schon einigen, Devlin. Aber nicht heute Nacht. Ich bin todmüde.“

Er nickte. „Okay. Wir sehen uns dann um halb elf.“ Er öffnete die Tür und zog sie schnell wieder hinter sich zu.

Als Nicole sein Auto wegfahren hörte, schüttete sie den Inhalt seines Bechers in den Ausguss und trank dann in kleinen Schlucken ihre Schokolade. Devlin war ein kühler Typ, gefühllos und praktisch, so ganz anders als in der Nacht vor vier Monaten. Damals war er leidenschaftlich gewesen und war ganz aus sich herausgegangen. Noch nie war sie sexuell so befriedigt worden. Heute Nacht hatte er sich ihr als kalter, berechnender Geschäftsmann gezeigt. Das passte zu dem, was sie über ihn im Internet herausgefunden hatte. Seiner Familie gehörten verschiedene Banken in Philadelphia und Umgebung.

Er war also nicht nur reich, sondern auch sehr konservativ erzogen worden. Der Sohn einer solchen Familie würde sich nie mit einer Frau wie ihr einlassen, es sei denn auf ein anonymes Sexabenteuer.

Wie er das wohl seinen Eltern erklären würde? Falls er es tat. Vielleicht bot er ihr Geld an, dafür dass sie den Vater ihres Kindes verschwieg. Schweigegeld sozusagen. So lief das doch normalerweise in seiner Welt ab, oder?

Am nächsten Vormittag um Punkt halb elf bog Nicole in die Einfahrt zur Lodge ein. Nachdem Devlin weggefahren war, war sie schnell ins Bett gegangen und hatte auch sehr gut geschlafen. Erst um neun war sie erfrischt aufgewacht und fühlte sich jetzt gut in der Lage, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Wie jeder hier in dem kleinen Ort Hunter’s Landing war sie sehr erpicht darauf gewesen, die Lodge einmal von innen zu sehen. Mit gut 900 qm Wohnfläche war dieses Haus, das aus Holz und Stein erbaut war, etwas ganz Besonderes in der Gemeinde und war schon während der Bauzeit von fast einem Jahr von den Einwohnern bestaunt worden. Es gehörte einer Non-Profit-Organisation in Los Angeles, der Hunter-Palmer-Stiftung, und die Lokalzeitung hatte häufiger darüber berichtet. Allerdings hatte man über die Stiftung selbst nicht viel herausbekommen können. Doch als das Haus fertig war und lediglich ein einzelner Mann im März und dann ein zweiter im April in der Lodge gewohnt hatte, war das Interesse an dem Objekt wieder abgeflaut.

Und nun wohnte Devlin hier, wieder für einen Monat, wie er gesagt hatte. Als was hatte er die Reise bezeichnet? Im Grunde soll ich hier zum Vergnügen sein, allerdings ist das nicht unbedingt meine Vorstellung von Vergnügen. Was meinte er damit?

Nicole stieg die Stufen zu der großen Eichentür empor. Sie hob die Hand, um zu klingeln, aber Devlin öffnete bereits die Tür. Wie er da so im Eingang stand, in Jeans, kariertem Hemd und Lederstiefeln, wirkte er durchaus wie der Herr des Hauses. Aber es war weniger seine Kleidung, die diesen Eindruck erweckte, als seine aufrechte Haltung und sein natürliches Selbstbewusstsein.

Am liebsten hätte sie sich in seine Arme geschmiegt, so wie damals vor vier Monaten im Fahrstuhl, aber sie nahm sich zusammen. „Guten Morgen.“

„Hast du gut geschlafen?“, fragte er und machte einen Schritt zur Seite, damit sie eintreten konnte.

„Ja, danke. Sehr gut.“ Sie blieb vor einer großen Holztreppe stehen, die sich in zwei Richtungen nach oben hin verzweigte. „Und du?“

„Nein.“ Nebeneinander gingen sie durch die große Eingangshalle. „Hast du etwas gegessen?“, fragte er. „Möchtest du einen Kaffee?“

„Danke, ich habe gefrühstückt, und Kaffee trinke ich nicht mehr.“

Ob sie ihn bitten konnte, ihr das Haus zu zeigen? Wer weiß, vielleicht würde sie nie mehr die Gelegenheit haben. Doch dann stand sie im Wohnzimmer, und der Blick aus den großen Fenstern verschlug ihr die Sprache. Der See, eingerahmt von Bäumen, schien direkt vor ihr zu liegen. Viele Boote waren bereits auf dem Wasser, auch der kleine Raddampfer für die Touristen. Damit wollte sie unbedingt auch mal eine Tour machen.

„Setz dich“, sagte Devlin.

In dem riesigen steinernen Kamin hatte er bereits Feuer gemacht, und Nicole setzte sich in einen dunkelroten Ledersessel, der neben dem Kamin stand. Devlin war stehen geblieben, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte ins Feuer. Sie schwieg und wartete, wurde aber mit jeder Sekunde nervöser. Wer war der wirkliche Devlin? Der fürsorgliche und leidenschaftliche Mann aus Atlantic City, in dessen Armen sie geweint hatte? Oder dieser kalte Mann mit dem stählernen Blick?

„Tut mir leid, dass du nicht gut hast schlafen können“, sagte sie schließlich und legte die Hände in den Schoß. Der Rock kniff in der Taille. Unter der Jacke versuchte sie unauffällig, den Knopf zu öffnen.

Plötzlich sah er sie an. „Was ist denn?“

„Nichts.“

Er hob fragend die Augenbrauen.

Sie seufzte leise. „Mein Rock ist zu eng. Ich versuche, den Knopf zu öffnen. Zufrieden?“

„Du behinderst deine Blutzirkulation. Das ist schlecht für das Baby.“

„Himmel noch mal! Dem Baby passiert schon nichts. Im Übrigen bekomme ich heute die Arbeitskleidung des Hotels für Schwangere.“

Er musterte sie aufmerksam, und sofort verschränkte sie ihrerseits die Arme vor der Brust.

„Ich komme gleich wieder“, sagte er und verließ den Raum.

Erst als sie erleichtert ausatmete, wurde ihr bewusst, dass sie sich von ihm einschüchtern ließ. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Er war doch nur ein ganz normaler Mann aus Fleisch und Blut.

Aber was für ein Mann.

Sie hatte noch Wochen nach ihrer gemeinsamen Nacht von ihm geträumt und hatte sich auffallend häufig in dem Raum mit den Blackjack-Tischen aufgehalten, immer in der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Jede Einzelheit stand ihr noch klar vor Augen. Sein nackter Körper. Der herbe Duft seiner glatten gebräunten Haut. Seine Hände. Sein Mund, mit dem er unglaubliche Dinge tun konnte. Er hatte all ihre Sinne geweckt, und sie hatte sich ihm auf eine Art und Weise hingegeben, die sie sich selbst nie zugetraut hätte. In jener Nacht war es nur darum gegangen, Befriedigung zu finden – und alles zu vergessen. Und sie hatte den Eindruck, dass das auch sein Wunsch gewesen war.

Abrupt stand Nicole auf. Vielleicht war es besser, wenn auch sie stand. Wenn sie saß und zu ihm hochsehen musste, war er im Vorteil. Sie trat an das große Panoramafenster. Auf den Bergen lag noch Schnee, aber weiter unten im Tal war er bereits weggetaut. Zum Schwimmen war der See zu kalt, aber von hier oben sah er sehr einladend aus.

Devlin war lautlos hereingekommen, trat jetzt neben Nicole und reichte ihr ein Stück Papier. „Ich möchte, dass du das ausfüllst.“

Es gab keinen Briefkopf, der ihr verraten hätte, worum es sich handelte, sondern nur Fragen nach ihrem Namen, ihrer Adresse, ihrem Geburtsdatum, außerdem nach ihrer Sozialversicherungsnummer und ihren persönlichen Umständen. Das Ganze sah aus wie ein Kreditantrag.

„Was soll das?“, fragte sie.

„Mein Anwalt möchte Erkundigungen einziehen.“

„Über mich?“

„Ja.“

„So, dein Anwalt möchte das?“ Beinahe hätte sie laut losgelacht. Es war einfach absurd. Sicher, sein Anwalt hatte ihm den Fragebogen gegeben, aber es war natürlich Devlin, der Näheres über sie wissen wollte.

„Wenn wir heiraten“, sagte er kühl, „muss ich wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

Die Schrift verschwamm ihr vor den Augen. Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Wer hat denn etwas von Heiraten gesagt?“

„Mein Kind wird nicht unehelich geboren.“

„Dann bist du also der Meinung, dass es dein Kind ist?“

„Ja.“ Das kam fast ohne Zögern.

„Warum auf einmal?“

„Aus dem gleichen Grund, aus dem ich mit dir geschlafen habe.“

„Und der wäre?“

Er sah zur Seite. „Wenn ich das nur wüsste! Instinkt vielleicht. Schicksal.“ Er blickte sie wieder an. „Sei doch vernünftig, Nicole. Der DNA-Test wird beweisen, dass ich der Vater bin. Ich bereite nur schon alles für unsere Verbindung vor, damit es später keine unnötigen Verzögerungen gibt.“

Wie romantisch. Das tat weh. Das war genau die Art von Heiratsantrag, von der jede Frau träumte. „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter“, stieß sie schließlich hervor.

Er lächelte kurz. „Manchmal habe ich aber doch den Eindruck.“

Na ja, sie hatte natürlich nicht erwartet, dass er begeistert von der Aussicht war, Vater zu werden. „Dann möchte ich dich doch bitten, auch einen dieser Fragebögen auszufüllen. Für meinen Anwalt.“

Seine Mundwinkel zuckten. Machte er sich über sie lustig? Bewunderte er, dass sie nicht klein beigab? War er genervt? Sie konnte sein Mienenspiel nicht deuten.

„Das ist nur gerecht“, sagte er schließlich.

„Ich bringe dir den Fragebogen morgen ausgefüllt zurück. Dann hast du deinen ja wahrscheinlich auch fertig.“

„Ich kann beim Hotel vorbeikommen, wenn du heute Dienstschluss hast. Dann können wir die Papiere austauschen.“

„Das ist zu früh. Ich fülle den Fragebogen erst heute Abend zu Hause aus.“

„Aber du machst doch auch Mittagspause, oder nicht?“

„Während meiner Mittagspause esse ich, lege die Füße hoch und versuche, mich zu entspannen. Das ist gut für das Baby.“ Sie lachte in sich hinein. Dagegen konnte er nichts sagen.

„Außerdem möchte ich auch wissen, bei welchem Arzt du bist. Adresse und Telefonnummer. Wann ist dein nächster Termin?“

„In drei Wochen. Ich war erst letzte Woche da.“

„Ich möchte, dass du noch für diese Woche einen Termin mit ihm für uns beide vereinbarst.“

„Mit ihr. Ich habe eine Frauenärztin.“ Jetzt erst wurde ihr klar, warum sie bisher gezögert hatte, ihm von der Vaterschaft zu erzählen. Sie hatte geahnt, dass er sexistisch und bestimmend war und daran gewöhnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzten. Aber nicht Nicole Price. „Wenn wir uns besser kennen, werde ich für uns beide einen Termin machen.“

„Dann gehe ich ohne dich. Ich habe eine Menge Fragen.“

„Die wird dir meine Ärztin nicht ohne mein Einverständnis beantworten.“

„Warum nicht? Jede vernünftige Person wird nichts dagegen haben, dem Vater des Kindes alles zu sagen, was er wissen will.“

Jetzt war Nicole mit ihrer Geduld am Ende. Sie hatte sich wirklich um Verständnis bemüht, aber das ging zu weit. „Ich bringe dir den Fragebogen morgen vorbei, auf dem Weg zur Arbeit.“ Ohne ihn anzusehen, wandte sie sich um und ging durch die große Eingangshalle zur Tür. Auf halbem Wege wandte sie sich noch einmal um. „Wenn du mich wirklich kennenlernen willst, Devlin, dann kann ich dir einen guten Rat geben.“ Ihre Stimme klang schneidend. „Versuch doch einfach, mit mir zu sprechen. Ich meine, mit mir, nicht zu mir!“ Mit diesen Worten öffnete sie sie Tür und verließ das Haus. Glücklicherweise würde sie eine halbe Stunde unterwegs sein, bis sie beim Hotel ankam, hatte also genug Zeit, sich zu beruhigen.

Ihr war klar, dass auch Devlin Zeit brauchte. Sie hatte sich in den letzten Monaten mit der Tatsache, dass sie schwanger war, abfinden können und freute sich jetzt auf das Kind. So würde es auch ihm gehen.

Zumindest hoffte sie das.

Devlin sah Nicoles Wagen hinterher. Obgleich sie nicht mit quietschenden Reifen losgefahren war, sondern mit normaler Geschwindigkeit, wusste er, dass sie wütend war. Das konnte er ihr nicht einmal übel nehmen. Normalerweise reagierte er vernünftig und sachlich. Nicole gegenüber hatte er sich allerdings ziemlich schäbig benommen. Aber er war auch noch nie Vater geworden, und das von einer Frau, mit der er nur eine einzige heiße Nacht verbracht hatte.

Er ließ sich in den dunkelroten Sessel fallen, in dem sie vorher gesessen hatte, und verschränkte die Hände im Nacken. Obgleich er todmüde war, konnte er nicht schlafen. Zu viel ging ihm durch den Kopf.

Als ihm klar geworden war, dass er diese dreißig Tage hier in der Lodge verbringen musste, hatte er sich vorgenommen, die Zeit zu nutzen. Er wollte sich endlich darüber klar werden, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Er hatte daran gedacht, aus dem Familienunternehmen auszusteigen. Dass seine Karriere stagnierte, weil er bereits alles erreicht hatte, was er in diesem Unternehmen erreichen konnte, wurde ihm erst bewusst, als er im Januar den Brief erhielt. Dieser Brief verpflichtete ihn, den Monat Mai am Lake Tahoe zu verbringen, und verschaffte ihm so ungewollt die Zeit, über sein eigenes Leben nachzudenken.

Er wusste nur eins, er wollte in Zukunft sein eigener Boss sein. Er hatte die Bank seines Vaters und seines Großvaters sehr erfolgreich geführt. Die Gewinne in den letzten Jahren übertrafen alle Erwartungen. Aber jetzt sehnte er sich nach persönlichem Erfolg, nicht nur finanziell, sondern auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Aber wie konnte er jetzt an sich denken, wenn da ein Kind war, für das er sorgen musste?

Und eine Frau.

So weit war er mit seinen Überlegungen schon in der letzten schlaflosen Nacht gekommen. Nicole würde ihn heiraten, selbst wenn sein Anwalt ihm riet, doch bis nach der Geburt zu warten. In diesem Punkt ließ Devlin nicht mit sich diskutieren.

Vielleicht war er ein Narr. Vielleicht war er altmodisch und unflexibel, aber ein paar Wertvorstellungen waren zu tief in ihm verankert, als dass er sie einfach ignorieren konnte. Dazu gehörte auch, dass sein Kind nicht unehelich geboren werden sollte.

Manchmal empfand Devlin es als sehr bedrückend, dass er in so einer konservativen Umgebung leben musste, beruflich und auch privat. Aber von jemandem, dem man sein Geld anvertraute, erwartete man, dass er Risiken nur insoweit eingehen würde, wie er sie verantworten konnte.

Bei seinen Investitionen hatte er bisher unglaubliches Geschick bewiesen, selbst wenn er durch den Aufsichtsrat immer wieder in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wurde. Auch das war für ihn ein Grund, sich endlich von all diesen Zwängen freizumachen und auf eigenen Füßen zu stehen.

Devlin stieg die zwei Treppen zu dem großen Raum im Dachboden empor. Als er gestern Nacht durch das Haus wanderte, weil er nicht schlafen konnte, hatte er dieses Loft entdeckt, das als perfektes Büro eingerichtet war. An das Schwarze Brett aus Kork waren Fotos geheftet, die von einer Zeit erzählten, als sein Leben noch bunt und sorglos war. Seine Eltern erwarteten zwar von ihm, dass er auf dem College Kontakte knüpfte, die ihm auch später nützlich waren. Aber davon abgesehen hatten sie ihm vollkommen freie Hand gelassen. Das änderte sich allerdings dramatisch nach dem Examen.

In der Nacht war ihm so vieles durch den Kopf gegangen, dass er die Bilder kaum angesehen hatte. Jetzt betrachtete er sie genauer und musste gestehen, dass er nicht mehr viel von seinen damaligen Freunden wusste. Er erinnerte sich, dass sie sich alle sehr gut verstanden hatten, aber wer war sein bester Freund gewesen? Wahrscheinlich Hunter. Vielleicht auch Ryan?

Aber um sich darüber Gedanken zu machen, war noch später Zeit. Er schickte eine E-Mail an seinen Anwalt und wies ihn an, das Formular, das Nicole von ihm erhalten sollte, auszufüllen und ihm wieder zuzufaxen. Dann goss er sich in der Küche eine Tasse Kaffee ein und setzte sich auf die Terrasse, die direkt auf den See hinausging. In der Sonne ließ es sich auch schon zu dieser Jahreszeit aushalten.

Hier würde er es schon einen Monat aushalten können. Er hatte sich vorgenommen, über sein Leben nachzudenken, aber auch Urlaub zu machen, vielleicht hin und wieder sogar zu spielen. Allerdings hatte er nicht mit Nicole gerechnet.

In den letzten Monaten hatte er häufiger an sie gedacht und sich gewünscht, etwas mehr über sie zu erfahren. Offenbar war sie, genau wie er, nur zu Besuch in Atlantic City gewesen. Während ihrer gemeinsamen Nacht hätte er zwar die Gelegenheit gehabt, sich ihre Brieftasche genauer anzusehen, aber er hatte es nicht getan. Immerhin hatten sie ein stillschweigendes Übereinkommen getroffen, dass sie nur diese Nacht miteinander teilen wollten. Beide hatten instinktiv gespürt, dass sie einander in jener Nacht brauchten.

Später hatte er immer wieder an ihren verführerischen Körper denken müssen und ihre vollen weichen Lippen. Sie hatte ihn begehrt und hatte nicht gezögert, ihm das sehr deutlich zu zeigen. Doch sie hatte nicht nur genommen, sondern auch gegeben, sich ihm in einer Art und Weise hingegeben, von der er später immer wieder träumte. Sie war die ideale Partnerin gewesen, im sexuellen, körperlichen Sinn.

Warum sie wohl geweint hatte? Das hatte er sich schon damals gefragt, war aber davon überzeugt gewesen, dass sie es sagen würde, wenn ihr danach zumute war. Aber sie hatte es nicht gesagt. Damals nicht und jetzt auch nicht.

Es musste schon etwas sehr Schwerwiegendes gewesen sein, sonst hätte sie bestimmt darauf bestanden, dass er verhütete. Denn sie schien einen sehr klaren Verstand zu haben.

Auf ihn traf das Gleiche zu. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass er nicht an Verhütung dachte? Es musste Hunters Brief gewesen sein, der ihn so durcheinandergebracht hatte.

Er hätte an dem Tag lieber zu Hause bleiben und sich betrinken sollen.

3. KAPITEL

Kurz vor acht, also kurz vor Ende ihrer Schicht, blickte Nicole hoch und sah Devlin, der an einem Pfeiler lehnte und sie beobachtete. Sie fuhr leicht zusammen, obgleich sie nicht eigentlich überrascht war. Denn sie hatte bereits vermutet, dass er um diese Zeit hier auftauchen würde.

Deshalb machte sie auch gar nicht erst den Versuch, ihm aus dem Weg zu gehen, sondern nahm ihre Handtasche und trat direkt auf ihn zu. „Hast du ein bisschen geschlafen?“, fragte sie.

„Ja. Wie fühlst du dich?“

„Gut. Bist du wieder gekommen, um mich bis zu meinem Auto zu begleiten?“

„Richtig geraten.“

„Und mir nach Hause zu folgen?“ Irgendwie tröstete sie dieser Gedanke, wenn sie auch nicht wusste, warum. Seit sie ihn am Vormittag verlassen hatte, war sie sehr viel ruhiger geworden. Sie hatte eingesehen, dass sie beide in einem Boot saßen und voneinander abhängig waren. Außerdem war es eigentlich ganz angenehm, nicht mehr mit allem allein dazustehen.

„In Zukunft möchte ich dich immer zur Arbeit fahren und wieder nach Haus bringen“, sagte er in einem Ton, der keine Widerrede duldete.

Wenn sie auf diese Weise mehr Zeit miteinander verbrachten, dann gab es vielleicht doch Hoffnung, dass sie …? „Das ist nicht nötig“, sagte sie.

„Ich weiß. Aber vielleicht ist es dir trotzdem recht.“

Konnte er Gedanken lesen? Schon vor vier Monaten hatte sie erstaunt festgestellt, dass er erahnen konnte, was sie wollte. „Darüber können wir später sprechen.“

„Wollen wir irgendwo eine Kleinigkeit essen?“, fragte er freundlich.

„Danke, ich habe keinen Hunger.“

„Dann kannst du mir Gesellschaft leisten, während ich etwas esse.“

Sie blieb stehen und sah ihn erstaunt an. „Was soll das, Devlin?“

„Ich mache Konversation. Damit wir uns besser kennenlernen.“

Da sie diejenige war, die bemängelt hatte, dass sie sich kaum kannten, konnte sie diesen Vorschlag schlecht ablehnen. Das wusste er ganz genau. „Einverstanden. Aber nicht hier.“

„Gut. Wo dann?“

„Es gibt ein kleines Café in einem anderen Kasino, wo man auch etwas zu essen bekommt.“

„Wir können mit meinem Wagen fahren und holen dein Auto später ab.“

„Lass uns zu Fuß gehen. Es ist nicht weit.“

Er half ihr in den Mantel, wobei er darauf achtete, ihre Haare nicht einzuklemmen. Dann legte er ihr den Arm kurz um die Taille, und sie spürte seine körperliche Nähe genauso deutlich wie damals in Atlantic City. Damals hatte ihr diese Nähe Trost gespendet.

Diesmal empfand sie etwas ganz anderes.

Er machte Smalltalk, während sie nebeneinander hergingen, fragte, wie sie den Tag verbracht hatte, und hörte aufmerksam zu, wenn sie erzählte. Irgendetwas Ungewöhnliches passierte bei ihrer Arbeit eigentlich fast jeden Tag.

„Spielst du auch?“, fragte er.

„Nein.“

„Wie bist du eigentlich nach Atlantic City gekommen?“

Beide hatten die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt, und Nicole war froh, dass Devlin nicht versuchte, sie zu berühren.

Lügnerin. Sie sehnte sich nach seiner Berührung.

„Meine beste Freundin aus der Highschool und ich hatten damals nach der Schule beschlossen, ein halbes Jahr lang durchs Land zu reisen. In Atlantic City ging uns das Geld aus, also suchten wir uns dort Jobs. Und dann bin ich einfach geblieben.“

„Hätten deine Eltern dir nicht das Geld für den Heimflug geschickt?“

Offenbar war das für ihn das Selbstverständlichste von der Welt. Das war sicher typisch für ihn und seine Familie. „Ich liebte meine Unabhängigkeit.“

„Ach so.“

„Außerdem gefiel mir die Stadt. Mein Job war okay, und ich fand ein Apartment, das ich mit zwei anderen Mädchen teilte. Nach ein paar Jahren bekam ich eine Stellung bei Sterling. Dort ging es mir gut. Diese ganzen Erfahrungen waren wichtig für mich. Denn ich bin sehr behütet aufgewachsen.“

„Waren deine Eltern nicht enttäuscht, dass du nicht aufs College gehen wolltest?“

„Wahrscheinlich, aber sie haben das nie so deutlich gesagt. Wie war es bei dir? Wo bist du zur Uni gegangen?“

„In Harvard.“

Harvard, die Eliteuniversität. Natürlich. Die Kluft zwischen ihnen wurde breiter. Das Einzige, was sie verband, war das Kind.

Und der Sex. Aber das war auch alles.

„Warum bist du denn nach Tahoe gekommen?“, fragte sie, als er ihr die Tür aufhielt. Sie wies auf ein paar Tische, die zu dem kleinen Café gehörten.

„Das hat mit einem Versprechen zu tun, das ich während meiner Collegezeit gab.“

Nicole und Devlin gingen zum Tresen und sahen sich die Kuchenauswahl an. Eine duftige Schokoladentorte sah sehr verführerisch aus, aber Nicole beherrschte sich. Sie hatte sich vorgenommen, sich während der Schwangerschaft nicht zu sehr gehen zu lassen. „Ich möchte eine heiße Schokolade“, sagte sie zu der Frau hinter dem Tresen.

„Und ich einen Kaffee und ein Stück von dem da.“ Devlin zeigte auf die himmlische Schokoladentorte.

Na, wunderbar. Nun musste sie ihm gegenübersitzen und zusehen, wie er diese Sünde von einem Kuchen verspeiste.

Sie setzten sich an einen kleinen Tisch in der Ecke. Sobald sie saßen, zog Devlin zwei Kuchengabeln aus der Tasche und reichte Nicole eine. Dabei lächelte er in sich hinein, als wisse er genau, dass sie nicht ablehnen würde.

Womit er recht hatte. Ein oder zwei Bissen konnten doch nichts schaden. Oder ein Viertel des Stücks. Vielleicht auch die Hälfte, dachte sie nach dem ersten Bissen.

Sie warf einen Blick auf Devlin, der sie todernst ansah. „Die Torte ist wirklich gut“, sagte er und hob seine Gabel an, als wolle er Nicole zuprosten. „Erinnert mich an den Kuchen, den wir in Atlantic City hatten.“

Stimmt, das hatte sie vollkommen vergessen. Mitten in der Nacht hatte er ganz spontan den Zimmerservice angerufen und Sandwiches und ein Stück Schokaladentorte bestellt. Sie schwärmte für Schokoladenkuchen und hatte fast das ganze Stück allein aufgegessen, wobei sie immer wieder leise und genüsslich aufgeseufzt hatte. Das hatte ihn so angetörnt, dass er den Finger tief in die Sahne tauchte und eine weiße Spur zwischen ihren Brüsten, über den Bauch und tiefer zog, die er danach mit der Zunge verfolgte …

Sie sah ihn an. Sein Blick verriet ihr, dass auch er daran dachte. Zweifellos hatte er den Kuchen ausgewählt, um sie an die damalige Situation zu erinnern.

Sie nahm einen Schluck von ihrer heißen Schokolade. „Was für ein Versprechen war das?“

Ihren schnellen Themenwechsel quittierte er mit einem kurzen Lächeln. „In meinem ersten Collegejahr lernte ich Hunter Palmer kennen. Hunter steckte voll der verrücktesten Ideen und hatte eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen konnte. Bald gehörte ich zu seinen engsten Freunden. Wir waren sieben und unzertrennlich.“ Er trank seinen Kaffee in kleinen Schlucken und sah dabei in die Ferne, ohne etwas zu sehen.

„Hunter muss ein sehr besonderer Mensch sein“, sagte sie.

„Ja. Ich hatte auch vorher schon Freunde, aber nie sechs Menschen, auf die ich mich vollkommen verlassen konnte. Wir nannten uns die Sieben Samurai. Nach einer sehr feucht-fröhlichen Nacht, es muss im letzten Collegejahr gewesen sein, versprachen wir uns, betrunken, wie wir waren, in zehn Jahren eine Lodge am Ufer des Lake Tahoe zu bauen. Jeder von uns sollte dort einen Monat allein verbringen. Danach wollten wir uns alle dort treffen und unsere Freundschaft und das feiern, was wir bis dahin im Leben ereicht hatten. Hunter hatte sich wahrscheinlich wegen der Namensgleichheit für Hunter’s Landing entschieden. Fand er wohl witzig.“

„Aber warum einen ganzen Monat?“

„Wir gingen davon aus, dass jeder von uns nach zehn Jahren eine Auszeit brauchte, um in sich zu gehen und festzustellen, was er bisher erreicht hatte und was er in Zukunft tun wollte. Ein Monat schien uns dafür gerade die richtige Zeitspanne zu sein. Wir waren zweiundzwanzig und hatten hochtrabende Pläne für unsere Zukunft.“

„Dann wirst du also in diesem Monat ausführlich über dein Leben nachdenken?“

„Das habe ich vor.“

„Und die Lodge gehört euch allen gemeinsam?“

„Nein. Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht mehr an diese Abmachung gedacht. Nach dem Examen hatte ich kaum noch Kontakt zu den anderen Samurai.“

„Warum denn nicht? Dafür gibt es doch bestimmt Gründe.“

„Hunter ist tot.“

Das klang ganz sachlich, aber Nicole sah, dass Devlin seinen Kaffeebecher fester umfasste und die Lippen leicht zusammenpresste. „Oh. Ist es sehr plötzlich passiert?“, fragte sie.

„Er hatte Krebs, der zu spät erkannt wurde.“

„Das war sicher hart für dich.“

Er nickte.

„Und die Lodge?“

„Die ließ er noch bauen, weil er wollte, dass wir unser Versprechen halten, auch wenn er selbst nicht mehr dabei sein konnte. Er hat eine Stiftung ins Leben gerufen, und sein Testament sieht vor, dass die Lodge später in deren Besitz übergeht und zu einem Erholungsheim für Krebskranke umgebaut wird. Außerdem gehen zwanzig Millionen Dollar an die Stadt, um das Heim bewirtschaften zu können. Die einzige Bedingung ist, dass wir sechs je einen Monat hier verbringen, so wie wir es vor zehn Jahren versprochen haben.“

Wahnsinn. Zwanzig Millionen gingen einfach so an die Stadt. Dazu die Lodge, die sicher Millionen gekostet hatte. „Das ist viel Geld.“

„Hunter stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie. Die Palmers haben eine Reihe von pharmazeutischen Unternehmen. Der Name ist dir sicher schon mal aufgefallen.“

Nicole genoss es, mit Devlin eine ganz normale Unterhaltung zu führen. Sie lehnte sich zurück. Die Torte und die heiße Schokolade hatten ihr gutgetan. „Aber warum habt ihr andern euch nicht weiter getroffen, wenn ihr doch so eng befreundet wart? So ein tragisches Ereignis lässt einen doch sicher noch näher zusammenrücken.“

„Ich weiß auch nicht. Wir wussten wahrscheinlich alle nicht so richtig, wie wir damit umgehen sollten. Außerdem haben wir uns auf unsere Karrieren konzentriert.“

„Dann hast du keine Ahnung, ob sie verheiratet sind, ob sie Kinder haben oder was sie beruflich tun?“

„Nachdem ich im Januar den Brief von Hunters Nachlassverwalter bekommen hatte, habe ich über das Internet alles Mögliche über sie herausfinden können. Offenbar sind sie alle beruflich sehr erfolgreich.“

Januar. Sie blickte Devlin ernst in die Augen. „Du hast den Brief im Januar bekommen?“

„Ja.“

„Vielleicht sogar an dem Tag, an dem wir uns begegneten?“

Er legte seine Hand auf ihre. „Was die Nacht betrifft … ich glaube …“

„Oh, hallo!“

Nicole hatte sich so sehr auf Devlin konzentriert, dass sie Ann-Marie nicht bemerkt hatte, die jetzt an ihren Tisch trat.

Ann-Marie streckte Devlin die Hand hin. „Ich bin Ann-Marie. Nicole und ich arbeiten zusammen.“

Devlin stand auf und nahm ihre Hand. „Ich erinnere mich. Ich habe Sie gestern Abend gesehen.“

Nicole fiel auf, dass er sich selbst nicht vorstellte. Sie blickte auf ihre Uhr. „Himmel, ist es schon spät!“ Sie stand auf und sah Devlin an. „Wir müssen dringend los.“ Dann warf sie Ann-Marie ein Lächeln zu. „Bis morgen!“

„Ist es dir peinlich, mit mir gesehen zu werden?“, fragte Devlin wenig später und hielt ihr die schwere Außentür auf.

Es war kälter geworden, und der Wind hatte aufgefrischt. Nicole schlug den Kragen hoch. „Nein, natürlich nicht. Ich möchte mir nur meine Privatsphäre bewahren. Ann-Marie vermutet wahrscheinlich, dass du der Vater meines Kindes bist. Bisher wissen die Kollegen ziemlich wenig von mir.“

„Wirklich? Warum denn das?“

Sie hielt den Kragen vorn fest zusammen und wünschte, sie hätte ihre warme Mütze nicht im Auto liegen gelassen. Ihre Ohren waren eiskalt. „Ich bin doch erst zwei Monate hier und habe meine freien Tage meist mit meinem Vater verbracht. Deshalb habe ich bisher auch noch keine Freundschaften schließen können.“

„Wo wohnt denn dein Vater?“

„In Sacramento. Dort bin ich aufgewachsen.“ Ein eisiger Windstoß traf sie, und sie verkroch sich nur noch tiefer in ihren Mantelkragen.

„Meinst du, dass es heute noch schneien wird?“ Devlin blickte prüfend in den Himmel.

„Ich habe die Wettervorhersage nicht gehört. Aber für Mai wäre es nicht ganz ungewöhnlich.“

„Läufst du Ski?“

„Nein. Du?“

„Ich stehe eher auf Snowboarden.“

Nicole warf ihm einen schnellen Blick von der Seite her zu. Irgendwie war er einfach zu nett. So freundlich, so unterhaltsam. Wollte er sie einlullen, bevor er die Bombe platzen ließ? Was hatte er vor? Er war der Vater ihres Kindes, das war etwas, das sie auf ewig verband. Aber das bedeutete nicht, dass er über sie zu bestimmen hatte.

„Was ist los mit dir?“, fragte er, als sie schließlich ihren Wagen erreicht hatten.

„Wieso?“ Aber sie wusste genau, weshalb er fragte. Denn er merkte, dass er sie nervös machte, sogar wenn er freundlich und zuvorkommend war. Besonders dann.

„Seit Ann-Marie aufgetaucht ist, bist du ganz anders.“

„Tatsächlich?“ Sie schloss hastig den Wagen auf und sehnte sich danach, die Heizung aufzudrehen. „Mir war nur kalt.“

Eine alberne Erklärung, das wusste sie selbst, denn Ann-Marie hatte sie in dem warmen Café überrascht.

Doch Devlin ging nicht darauf ein. „Fahr nicht los, bevor du meinen Wagen im Rückspiegel siehst“, sagte er nur.

„Der Wagen soll sich sowieso erst einmal warm laufen“, sagte sie, knallte die Tür zu und beendete damit das Gespräch.

Knapp fünfzehn Minuten später bogen sie in ihre Einfahrt ein. Nicole parkte vor der Garage. Als sie zu ihrer Haustür kam, wartete Devlin schon auf sie.

„Du siehst, alles ist ruhig und sicher“, sagte sie. „Gute Nacht.“

„Lass mich mit reinkommen.“

„Das war wirklich ein sehr angenehmes …“ Sie stockte, weil sie nicht wusste, wie sie ihr Treffen nennen sollte.

„Date. Wir hatten ein Date.“

„Ja? Wenn du meinst. Wie auch immer, es war nett. Dabei wollen wir es belassen.“ Sie steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch.

„Willst du wirklich, dass wir uns hier draußen darüber unterhalten?“ Er wies auf das Thermometer. „Es sind null Grad.“

„Nein, ich möchte mich weder hier draußen noch sonst wo mit dir darüber unterhalten. Ich möchte, dass du jetzt gehst.“

„Lass mich mit reinkommen.“

„Warum denn?“

Er griff einfach an ihr vorbei nach dem Schlüssel, drehte ihn im Schloss herum und öffnete die Tür.

Sie rührte sich nicht. „Wenn du meinst, mich einschüchtern zu können, hast du dich geirrt.“

„Du zitterst ja vor Kälte.“

Im Grunde wollte sie, dass er mit ins Haus kam, denn sie wollte unbedingt wissen, was er sagen wollte, als Ann-Marie dazwischenplatzte. Was die Nacht betrifft, so hatte sein Satz angefangen. Was war mit der Nacht?

Aber sie wollte nicht nachgeben, nachdem sie einmal Nein gesagt hatte.

Doch dann legte er ihr die Hände auf den Rücken und schob sie sanft vorwärts. Durch den dicken Mantel konnte sie die Wärme nicht spüren, aber die Erinnerung an seine geschickten Finger war sofort wieder da. Wie er sie mit den Fingern gereizt und erregt hatte … Mit wie vielen Frauen er wohl seit Januar im Bett war?

„Ich mach schon mal Feuer“, sagte er. „Du kannst dir inzwischen etwas Warmes und Bequemes anziehen.“

Das hatte sie auch vorgehabt. Sie hatte eine weiche Fleecehose mit einem passenden Oberteil, was weich und kuschelig war, aber nicht wie ein Schlafanzug aussah. Aber weil er ihr vorschlug, ja geradezu befahl, sich umzuziehen, beschloss sie, so zu bleiben, wie sie war. Sie zog den Mantel aus und hängte ihn an einen Haken neben der Eingangstür. Dann nahm sie ihm den Mantel ab und hängte ihn daneben. „Danke, aber ich möchte mich nicht umziehen.“

Er sah sie mit einer Miene an, die er schon häufiger aufgesetzt hatte, nachsichtig und überheblich zugleich. Sie musste sich zusammennehmen, um nicht darauf zu reagieren. Stattdessen stellte sie den Heizungsthermostat hoch und ließ sich dann auf das Sofa fallen, während er sich vor den Kamin kniete. Sie machte sehr selten Feuer, denn das Holz war teuer, und sie hasste es, den Kamin hinterher sauber zu machen.

„Dein Anrufbeantworter blinkt“, sagte er plötzlich.

„Ich weiß. Der kann warten.“

„Verbirgst du etwas vor mir, Nicole?“

Sie runzelte die Stirn. „Wie kommst du denn auf die Idee? Weil ich in deinem Beisein nicht meinen Anrufbeantworter abhören will?“ Das war einfach lächerlich. Sie hatte nichts zu verbergen, aber sollte sie sich von ihm zwingen lassen, das zu beweisen?

Schließlich stand sie auf und ging zum Telefon. Vielleicht war es wichtiger, dass er ihr vertraute und wusste, dass sie zu ihrem Wort stand. Wichtiger vielleicht, als dass sie auf Biegen und Brechen bewies, dass sie sich von ihm nicht herumkommandieren ließ.

Sie drückte auf den Knopf. „Hallo, Nicki. Ich dachte, du seist schon zu Hause. Ruf mich an, wenn du da bist. Du weißt, dass ich mir leicht Sorgen mache. Bis dann!“

Der Anruf war um halb neun gekommen, einer Zeit, zu der sie normalerweise zu Hause war. „Das war’s“, sagte sie zu Devlin. „Zufrieden?“

„Wer ist das?“

Das geht dich gar nichts an. „Mark, ein alter Freund.“

„Ein … richtiger … Freund?“

„Ja, als wir Teenager waren. Er wohnte nebenan. Aber seitdem ich vor zehn Jahren wegzog, sind wir nur noch gute alte Freunde.“ Sie setzte sich wieder auf die Couch und beobachtete, wie Devlin durch sanftes Blasen die erste kleine Flamme am Leben erhielt.

„Wie seid ihr wieder in Kontakt gekommen?“

„Das ist doch ganz egal. Und um auch gleich deine nächste Frage zu beantworten: Nein, er empfindet für mich nichts anderes als echte Freundschaft.“

Ein paar Sekunden sagte er nichts. Dann: „In der Innentasche meines Mantels ist das Formular, das ich für dich ausfüllen sollte. Du kannst es dir gern ansehen.“

Leise seufzend stand Nicole nun wieder auf und zog das Stück Papier aus der Tasche. Devlin Gilmore Campbell. „Gilmore?“, fragte sie.

„Der Mädchenname meiner Mutter.“

Am dreiundzwanzigsten September hatte er Geburtstag. Dann wurde er zweiunddreißig. Sie sah hoch, ihre Wangen waren leicht gerötet. „Der Stichtag für das Baby ist an deinem Geburtstag.“

„Ich habe mir gedacht, dass das irgendwie um das Datum herum sein muss.“ Das Reisig hatte endlich Feuer gefangen. Devlin legte ein paar schmale Scheite nach. „Das arme Baby. Ich hoffe, er kommt etwas früher oder etwas später. Es macht keinen Spaß, mit seinem Vater zusammen Geburtstag zu haben.“

„Er?“

Er grinste … endlich. Sie hatte schon befürchtet, er habe vergessen, wie man lächelt.

„Ach, das hab ich nur so gesagt …“, sagte er. „Man kann das Geschlecht eines Kindes ja durch eine Ultraschallaufnahme herausfinden. Die wird wohl in wenigen Wochen gemacht, oder?“

„Ich möchte gar nicht wissen, ob es ein Junge oder Mädchen ist.“

„Warum nicht?“

„Ich will mich überraschen lassen. Außerdem kann man sich auf diese Ultraschallaufnahmen nicht immer verlassen. Ich möchte nicht die ganze Zeit mit einem Mädchen rechnen und dann doch einen Jungen bekommen.“

Dazu sagte Devlin nichts, was wahrscheinlich bedeutete, dass er auf dieses Thema noch zurückkommen wollte. Sie vertiefte sich wieder in den Fragebogen. Devlin war gesund und seine finanzielle Situation mehr als zufriedenstellend. Sein Stadthaus war ungefähr zwei Millionen wert, außerdem besaß er noch eine ganze Menge Land, das mindestens so viel wert war, wahrscheinlich sehr viel mehr sogar.

Nicole wurde der Mund trocken. Sie war davon ausgegangen, dass er vermögend war, aber nicht in dieser Größenordnung. Ihr war sehr unbehaglich zumute, denn dadurch wurde die Kluft zwischen ihnen immer breiter. Ihre Lebenssituationen waren einfach zu verschieden. „Warum hast du so viele Grundstücke?“, fragte sie schließlich leise.

„Das schützt bei einer Inflation. Außerdem kann man da schnell mit guten Wertsteigerungen rechnen. Ich habe eine Nase für die richtigen Grundstücke.“

„Das geht aber nur, wenn man erst einmal das Geld hat, um zu investieren.“

„Und risikofreudig ist.“

Jetzt hatten auch die Holzscheite Feuer gefangen, und Devlin setzte sich zu Nicole auf das Sofa. „Du kannst deinem Anwalt sagen, dass er sich mit meinem in Verbindung setzen soll, falls er noch Fragen hat.“

„Falls sie noch Fragen hat.“

Er lächelte. „Natürlich, sie!“ Dann wurde er wieder ernst. „Du musst dann noch einen Ehevertrag unterschreiben. Die Anwälte können sich um die Einzelheiten kümmern.“

Jetzt wurde auch Nicole wieder ernst. „Ich möchte, dass du an dem Leben deines Kindes teilnimmst, und ich nehme gern eine gewisse finanzielle Unterstützung an, weil das alles einfacher macht. Es wäre gut, wenn ich nicht einen zweiten Job annehmen müsste, um das Kind durchzubringen. Aber wir wissen beide doch ganz genau, dass eine Heirat nicht infrage kommt.“

„Im Gegenteil, eine Heirat ist die einzige Lösung.“

Sie schwieg. Auch wenn sie ihm wieder und wieder versichern würde, dass es heutzutage kein Makel mehr war, unehelich geboren zu sein, er würde an seinen alten Moralvorstellungen festhalten. In seiner Welt heiratete man, bevor das Kind kam.

Autor

Susan Crosby
Susan Crosby fing mit dem Schreiben zeitgenössischer Liebesromane an, um sich selbst und ihre damals noch kleinen Kinder zu unterhalten. Als die Kinder alt genug für die Schule waren ging sie zurück ans College um ihren Bachelor in Englisch zu machen. Anschließend feilte sie an ihrer Karriere als Autorin, ein...
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