Baccara Gold Band 14

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WIE FEUER UND EIS
von MARGARET ALLISON

Meredith sitzt in einer Skihütte fest: mit verstauchtem Fuß - und ihrem Ex-Lover Josh Adams, der noch immer unverschämt sexy ist! In dieser stürmischen Nacht gibt es für sie nur Liebe und brennende Leidenschaft. Die kühlt allerdings nach Joshs schockierendem Geständnis merklich ab …

SO STARK UND SO ZÄRTLICH
von JENNIFER GREENE

"Trau dich, liebe mich", flüstert Steve ihr zu, doch Mary zögert. Wenn sie diese eiskalte Nacht in Alaska mit dem Tierforscher verbringt, wird sie ihr Herz an ihn verlieren. Aber morgen könnte alles wieder vorbei sein, wie schon einmal in Marys Leben …

HEUTE NACHT GEHÖRST DU MIR
von JACKIE MERRITT

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft Andrea ihre Begegnung mit Shep am Weihnachtsabend. Es ist, als ob sie ihn schon lange kennt, so vertraut sind ihr seine charmante Art, sein sexy Körper. Doch ehe sie nicht den letzten Willen ihrer Mutter erfüllt hat, bleibt ihr eigentlich keine Zeit für die Liebe …

  • Erscheinungstag 24.01.2020
  • Bandnummer 14
  • ISBN / Artikelnummer 9783733726867
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Margaret Allison, Jennifer Greene, Jackie Merritt

BACCARA GOLD BAND 14

1. KAPITEL

Bevor sie Josh Adams entdeckte, hatte Meredith die Weihnachtsparty ihrer Mutter für die gelungenste bisher gehalten. Raffinierte Eisskulpturen schmückten die weite Eingangshalle des Familiensitzes. Hunderte von Kerzen erhellten die Räume, säumten die gewundene Treppe und flackerten auf den Tischen. Man hatte Möbel beiseitegerückt, um Platz zu schaffen für mehrere Tannen, die mit goldenen Kugeln und künstlichen Eiszapfen behängt waren. Und wie üblich hatte sich die Prominenz von Aspen hier versammelt.

Meredith beobachtete, wie Josh zwischen den Gästen umherging, Hände schüttelte, lächelte. Seit zehn Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, doch er schien um keinen Tag gealtert zu sein. Er hatte noch dasselbe lockige braune Haar, die grauen Augen, das lässige Lächeln. Er wirkte wie immer, als hätte er sich nie nach Europa verabschiedet, als wäre es völlig normal, auf einer Party bei seiner Ex aufzutauchen, mit der man seit Jahren kein Wort gewechselt hatte.

Obwohl Ex ein großes Wort ist für eine einzige gemeinsame Nacht, sagte Meredith sich. Aber was für eine Nacht das war!

Meredith rief sich zur Ordnung. Sie musste sich zusammenreißen und durfte sich nicht von einer Teenagerschwärmerei beeinflussen lassen. Doch sie fragte sich, was Josh nach all der Zeit hier wollte. Er war mit ihrer jüngeren Schwester Carly befreundet gewesen, und die hatte schon seit Jahren nicht mehr von ihm gesprochen.

Meredith hatte gehört, dass Josh in Europa als Skilehrer für gut betuchte Kunden Karriere gemacht hatte.

Ich ignoriere ihn einfach, beschloss sie.

Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menge und versuchte, die perfekte Gastgeberin zu spielen. Es fiel ihr nicht leicht, da sie wegen Josh abgelenkt war. Zudem war sie es nicht gewohnt, denn sie verbrachte ihre Abende meistens am Schreibtisch über den neuesten Finanzdaten. Ihr Job als Geschäftsführerin von Cartwright Enterprises, einem der größten Konzerne des Landes, forderte viel von ihr. Das Unternehmen hatte vor einigen Jahren enorme Summen verloren, weil Merediths Stiefvater es fast in den Ruin getrieben hatte. Er war eine Spielernatur gewesen, hatte Millionen Dollar verschwendet und sich schließlich das Leben genommen. Der Kurs der Cartwright-Aktien war dramatisch gefallen, das Vermögen der Familie dahingeschwunden.

Während Meredith eine entfernte Bekannte mit dem obligaten Wangenkuss begrüßte, hielt sie verstohlen nach Josh Ausschau. Weshalb war er hier? Er war nicht eingeladen. Sein Name wäre ihr auf der Gästeliste aufgefallen.

Allerdings, hätte Carly ihn erst in letzter Minute eingeladen, hätte sie das wohl kaum jemandem mitgeteilt. Wozu auch? Carly hatte keine Ahnung von der bewussten Liebesnacht.

Meredith hatte damals den richtigen Moment verpasst, ihrer Schwester zu gestehen, dass sie den berüchtigtsten Frauenheld von Aspen verführt hatte. Es hätte Carly schockiert, da war sie sich sicher. Und ganz Aspen dazu. Die brave Streberin und der Frauenliebling … Es wusste ja niemand, dass sie sich schon immer für Josh interessiert und sein Geflirte auf Partys immer beobachtet hatte.

Hastig trank sie ein Glas Champagner. Was regte sie sich eigentlich auf? Seit jener Nacht hatte sie ihn weder gesehen noch gesprochen, denn kurz danach war er nach Europa gegangen, wo er vermutlich noch immer lebte.

Es lag an der Party, dass sie so nervös war, redete sie sich ein. Nur deshalb stand sie unter Hochspannung. Sie schaute auf die Uhr. Es war erst kurz vor elf, sie würde noch einige Stunden durchhalten müssen.

Meredith hatte für Gesellschaften dieser Art wenig übrig und konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal eine Party besucht hatte, die keinen geschäftlichen Hintergrund gehabt hatte. Ihr ganzes Leben drehte sich um die Arbeit. Die Zeit am College hatte sie über Büchern verbracht, und das hatte sich im Endeffekt ausgezahlt. Das Examen in Harvard hatte sie mit Auszeichnung bestanden, und anschließend war sie sofort in das Familienunternehmen in Denver, Colorado, eingetreten. Sie hatte sich hochgearbeitet und als ihr Stiefvater starb, wurde sie Geschäftsführerin. Als sie neunundzwanzig war, wählten die Aktionäre sie zur Generaldirektorin von Cartwright Enterprises. Seitdem opferte sie sich geradezu auf, um die Firma vor dem finanziellen Ruin zu bewahren.

Doch Ironie des Schicksals – nun war es nicht an ihr, das Unternehmen zu erhalten, sondern an Carly.

Obwohl Carly eine gehobene Position bei Cartwright Enterprises bekleidete, war sie nur selten in ihrem Büro zur Arbeit erschienen. Bei Männern dagegen hatte sie ein ausgesprochen glückliches Händchen.

Meredith hatte seit Langem ein Auge auf ein Produkt namens Dura-Snow geworfen, einen Kunstschnee, der auch noch bei Temperaturen über null Grad liegen blieb. Dura-Snow könnte den gesamten Skisport revolutionieren. Allerdings hatte sie wenig Hoffnung gehabt, ihrer Firma die Rechte dafür sichern zu können. Und in dieser Situation hatte Carlys Verlobung Meredith einen Vorsprung vor den Mitbewerbern verschafft, denn mit einem Schlag gab es verwandtschaftliche Beziehungen zu den Patentinhabern. Mit Dura-Snow könnte Cartwright Enterprises endlich wieder in ruhiges Fahrwasser gelangen. Als Meredith den Durans einen Exklusivvertrag für das Produkt anbot, hatten sie mit Begeisterung reagiert.

„Meredith“, wurde sie von ihrer Mutter angesprochen, „hast du Carly gesehen?“ Viera Cartwright zog missbilligend die Brauen hoch.

„Nein, warum? Hat sie etwas angestellt?“, erkundigte Meredith sich. Carly war zwar fast dreißig, doch ihre Mutter behandelte sie noch immer wie ein Kind. Carly hatte etwas Zartes und Verletzliches an sich, als brauchte sie ständig Schutz und Beistand.

„Ihr Freund Josh ist da.“

Merediths Puls beschleunigte sich.

„Du weißt doch“, fuhr ihre Mutter fort, denn sie missdeutete das Schweigen. „Euer ehemaliger Skilehrer.“

„Natürlich“, gab Meredith so beiläufig wie möglich zurück. „Ich habe ihn auch gesehen.“

„Und wer hat ihn eingeladen?“, forschte Viera besorgt nach.

„Spielt das eine Rolle?“

Viera biss sich auf die Unterlippe. „Carly sprach erst kürzlich von ihm.“

„Na und? Sie waren dicke Freunde.“

Dramatisch flüsterte Viera: „Sie wollte von mir wissen, ob ich meine Heirat jemals bereut habe.“

„Deine Heirat?“, fragte Meredith leise. „Weshalb das denn?“

„Sie sagte, sie bereue zutiefst, dass sie nie mit Josh Adams geschlafen habe.“

Meredith sog scharf die Luft ein. Ihre Schwester hatte sich in Josh Adams verguckt? „Aber sie heiratet in wenigen Wochen!“

„Meinst du, das wüsste ich nicht? Ich habe soeben für fünftausend Dollar weiße Orchideen bestellt.“

„Sie liebt Mark doch.“

„Selbstverständlich. Aber du kennst Carly. Und Mark ist bis Freitag verreist.“

Carly hatte unter den Männern von Aspen praktisch die freie Auswahl. Jeder kannte ihre rasch entflammbaren Gefühle, sie verliebte sich so leichten Herzens, wie andere ihren Haarschnitt wechselten. Doch in Mark Duran schien sie endlich den Mann ihrer Träume gefunden zu haben. Der gut aussehende, ernsthafte Chirurg hatte Carly zur Beständigkeit bekehrt. Zumindest hatte Meredith das gehofft.

„Wo ist sie denn?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht“, entgegnete Viera. „Und Josh sehe ich auch nirgends mehr.“

„Ich wüsste gern, was er hier will“, bemerkte Meredith nachdenklich. „Er lebt doch seit Jahren in Europa.“

„Ja, ein merkwürdiger Zufall“, bestätigte ihre Mutter sarkastisch.

„Wie meinst du das?“

Viera seufzte. „Ich hoffe nur, Carly hat nicht mit ihm Kontakt aufgenommen oder sonst eine Dummheit begangen.“

Meredith gab es auf, Carly zu suchen, und hielt Ausschau nach deren zukünftigen Schwiegereltern, den Ehrengästen der Party. Wäre nicht die Aussicht auf den Erwerb der Rechte an Dura-Snow gewesen, hätte Meredith die aufwendige Vorweihnachtsparty ihrer Mutter abgesagt. Schließlich besaßen sie nicht mehr die Mittel für einen derartig luxuriösen Lebensstil. Doch das hätte mit Sicherheit zu unschönen Spekulationen über ihre finanzielle Lage geführt. In der Hoffnung auf ein Ende ihrer Sorgen, hatte Meredith sich damit einverstanden erklärt, dass ihre Mutter den Gästen wieder einmal nur das Beste bot.

Jetzt könnte alles vergeblich gewesen sein. Und daran war Josh Adams schuld.

Zum ersten Mal wünschte Meredith, sie hätte ihrer Schwester die Wahrheit über jene Nacht in den Bergen gestanden. Wenn Carly wüsste, was dort passiert war, würde ihr vielleicht die Lust auf Josh vergehen.

Ein Ober mit einem Tablett voller Champagnerkelche kam vorbei. Rasch überschlug Meredith die Kosten: zwölf Gläser zu je zehn Dollar. Einhundertzwanzig Dollar allein auf diesem Tablett, und momentan waren etwa zwanzig solcher Tabletts in Umlauf. Ganz abgesehen von den Platten mit frischen Shrimps, Hummerschwänzen und raffinierten Desserts. Der Gedanke an die Kosten überwältigte sie schier. Hastig stellte Meredith ihr leeres Glas ab und nahm sich ein gefülltes. Sie trank es aus und wandte sich erneut ihrer Mutter zu.

„Wo sind denn die Durans?“, erkundigte sie sich.

Viera schaute zu der Galerie im ersten Stock hinauf. Meredith entdeckte die Durans dort, die sich von den übrigen Gästen abgesondert hatten. Ihren säuerlichen Mienen nach zu urteilen schienen sie die Party nicht gerade zu genießen.

„Ich kümmere mich um sie“, sagte Meredith und reichte ihrer Mutter das leere Glas. „Du suchst nach Carly.“

Meredith machte sich auf den Weg nach oben. Sie raffte den Rock ihres langen schwarzen Seidenkleides zusammen und eilte die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Hätte ich doch nur etwas Bequemeres angezogen, anstatt mich von Mutter und Carly zu diesem albernen Kleid überreden zu lassen, dachte sie dabei. In einem Hosenanzug hätte sie sich weit wohler gefühlt.

„Wayne … Cassie“, sagte Meredith leicht außer Atem, als sie bei den Durans ankam. „Ich habe gerade mit den Morrows über die Vorzüge von Dura-Snow gesprochen und …“

„Meredith“, unterbrach Wayne Duran sie. Er wies hinunter zur Tanzfläche. „Wer in aller Welt ist das?“

Meredith drehte sich um. In einer Ecke stand Carly, allerdings nicht allein.

Josh wirkte ebenso fasziniert von ihr wie sie von ihm.

„Oh“, machte Meredith und lachte gezwungen. „Der Mann da? Mit dem Carly tanzt? Das ist unser Skilehrer von früher. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er ist so etwas wie ein Bruder für uns.“

„So habe ich mit meiner Schwester niemals getanzt“, bemerkte Wayne.

Meredith lachte gekünstelt und kämpfte gegen die aufsteigende Panik an. „Josh lebt in Europa.“

„Aber jetzt ist er hier, nicht wahr?“, gab Wayne ungnädig zurück.

„Allerdings“, bestätigte Meredith. „Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss ihn unbedingt begrüßen.“

Wie konnte Carly ihr und sich selbst das antun? Wenn Mark erfuhr, dass sie mit diesem Frauenheld flirtete, könnte sonst was passieren.

Meredith holte tief Luft. Die beiden tanzten miteinander, mehr nicht.

In dem Moment drückte Carly Josh einen Kuss auf den Hals.

Meredith beschleunigte ihre Schritte. „Carly!“, rief sie und warf sich geradezu zwischen die beiden. „Meine Güte, hier bist du also. Deine zukünftigen Schwiegereltern suchen nach dir.“

Meredith sprach nur mit ihrer Schwester, an Josh schaute sie vorbei. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, aus Angst, ihre Gefühle zu verraten.

Am besten achte ich gar nicht auf ihn, befahl sie sich.

„Jetzt nicht“, erklärte Carly. Sie sprach nuschelig – ein Anzeichen dafür, dass sie bereits einiges getrunken hatte.

„Hallo, Meredith.“

Als Meredith Joshs Stimme vernahm, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie wappnete sich und redete sich ein, dass sie für diesen Mann, der sie vor Jahren zur Frau gemacht hatte, heute nichts mehr empfand. Es war eine Teenagerschwärmerei, die sie längst überwunden hatte.

„Hallo, Josh“, gab sie so locker wie möglich zurück und warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Dennoch musste sie ein Kichern unterdrücken. Joshs Nähe brachte ihr die Zeit in der Highschool allzu deutlich in Erinnerung. Sie fühlte sich wieder ein bisschen wie die langweilige Streberin, die sich mit dem begehrtesten Jungen der Stadt unterhielt.

Meredith blickte zur Galerie hoch. Die Durans verfolgten das Geschehen aufmerksam. Cassie Duran beugte sich in diesem Moment zu ihrem Mann hinüber und flüsterte ihm etwas zu, wobei sie missbilligend den Kopf schüttelte. Meredith wandte sich wieder Carly zu.

„Ich muss mit dir sprechen, Carly“, sagte sie streng.

„Jetzt nicht“, wiederholte Carly.

„Ich muss leider darauf bestehen.“ Meredith hakte ihre Schwester unter und bedachte Josh mit einem höflichen Lächeln. „Es war nett, dich wiederzusehen, Josh.“

„Wir treffen uns in zehn Minuten in der Gartenlaube“, sagte Carly zu Josh. Sie drehte sich zu Meredith um und schob deren Hand weg. „Was gibt es denn so Wichtiges, das nicht ein Weilchen warten kann?“

„Wir gehen nach oben“, erwiderte Meredith und zog Carly mit sich.

Viera fing sie jedoch an der Treppe ab und schob sie ins Arbeitszimmer. „Was soll das?“, fuhr sie Carly mit schriller Stimme an. „Als du neulich Josh erwähntest, nahm ich keineswegs an, dass etwas Ernstes dahintersteckt. Ich ahnte ja nicht, dass du dich mit ihm treffen wolltest, während dein Verlobter verreist ist.“

„Beruhige dich, Mutter. So war es nicht.“

„Wie war es dann?“, wollte Meredith wissen.

„Ich meine, Josh tauchte plötzlich aus heiterem Himmel auf. Ist das nicht lustig?“ Carly lehnte sich in ihrem Sessel zurück und lächelte selig vor sich hin.

„Hast du zu viel getrunken?“, erkundigte sich Meredith. Ihre Schwester trank sonst eher selten.

„Nur ein bisschen Champagner“, gestand Carly.

„Denk doch einmal an Mark, Carly“, ermahnte ihre Mutter sie. „Was wird er wohl sagen, wenn seine Eltern ihm berichten, dass du mit einem anderen Mann geflirtet hast?“

„Es war kein anderer Mann, sondern Josh.“ Mit ihren großen Augen sah Carly Meredith unschuldig an. „Erklär du es ihr, Meredith. Sag ihr, was für ein ungewöhnlicher Mann Josh ist.“

„Ich?“ Meredith schluckte. „Warum sollte ausgerechnet ich … also …“

„Ist ja auch egal.“ Carly spielte jetzt das verwöhnte Mädchen. „Es geht niemanden außer mir etwas an.“

„Das ist leider nicht so“, sagte Viera ruhig. „Wenn du Mark nicht heiratest …“

„… dann entgeht uns der kostbare Vertrag für Dura-Snow“, unterbrach Carly sie. „Schon gut, ich heirate ihn ja. Aber vorher darf ich mich wohl noch einmal austoben.“

„Carly!“ Viera schnappte nach Luft.

Meredith warf ihrer Mutter einen entsetzten Blick zu und hielt den Atem an. Das klang wirklich besorgniserregend. Ihre Schwester wollte mit Josh herumspielen? Der Mann, mit dem sie, Meredith, zum ersten Mal geschlafen hatte! Der einzige Mann, mit dem sie überhaupt je geschlafen hatte.

Sie musste ihrer Schwester sofort diese Geschichte erzählen. Allerdings – was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Das alles war lange her. Eine einzige Nacht. Wahrscheinlich erinnerte sich Josh gar nicht mehr daran.

„Es geht euch nichts an, ob ich …“ Carly stand auf. „Ob ich …“ Sie presste sich eine Hand vor den Mund und schluckte.

„Carly?“, fragte ihre Mutter. „Geht es dir nicht gut?“

„Ich … entschuldige.“ Eine Hand vor dem Mund, die andere auf ihrem Magen, lief Carly zur Toilette.

„Das ist eine Katastrophe“, sagte Viera. „Sie verpatzt sich ihre ganze Zukunft. Es ist der Fluch. Der Fluch der Cartwright-Frauen.“

Meredith wusste, worauf ihre Mutter anspielte. Die Cartwright-Frauen waren bekannt für ihre Missgriffe, was Ehemänner betraf. Meredith und Carly scherzten oft über die schwarzen Schafe in der Familie. Der Urgroßvater war in den Armen einer Geliebten gestorben, ebenso der Großvater. Vieras erster Mann, Merediths Vater, war ein berüchtigter Playboy gewesen. Auch er starb an einem Herzschlag – genau wie sein Vater und Großvater, im Bett einer Frau, die nicht seine Ehefrau war. Vieras zweiter Mann, Carlys Vater, war zwar kein Playboy, dafür aber ein Dieb. Er erleichterte das Unternehmen seiner Frau um Millionen und nahm sich dann das Leben, als der Aufsichtsrat die Sache aufgedeckt hatte.

„Sie liebt Mark, sie heiratet ihn bestimmt“, sagte Meredith. Die Vorstellung, ihre Schwester könnte sich von Mark trennen, war ihr unerträglich. Carly hatte sich für einen Mann entschieden, der ihrem Vater und Großvater nicht ähnelte. Mark war sanft, ernsthaft und irrsinnig in Carly verliebt.

„Vorsicht“, warnte ihre Mutter. „Du klingst wie eine Romantikerin. Du bist doch meine vernünftige Meredith, um dich brauche ich mir wenigstens keine Sorgen zu machen.“

„Weshalb denn nicht?“, fragte Meredith.

„Weil du nicht so bist wie deine Schwester, die sich alle naselang in einen anderen verliebt.“

„Sagst du das nur, weil ich mit keinem Mann zusammen bin?“

„Du warst doch noch nie liiert. Natürlich ist das vollkommen in Ordnung“, sagte Viera. „Du bist eben lieber allein, anstatt mit den verfügbaren Junggesellen auszugehen, die eindeutige Interessen verfolgen.“

„Welche Junggesellen meinst du?“

Es stimmte, Meredith hatte noch nie eine feste Beziehung gehabt, aber sie hatte nichts gegen Männer. Hin und wieder ging sie mit einem aus.

„Zum Beispiel Frank“, sagte ihre Mutter.

Frank war ein ortsansässiger Zahnarzt, mit dem Meredith mehrfach zum Essen ausgegangen war.

„Der interessiert mich nicht. Die Chemie stimmt einfach nicht.“

„Na bitte.“

„Ich gehe nicht mit jedem x-Beliebigen aus. Schließlich habe ich eine verantwortungsvolle Aufgabe.“

„Selbstverständlich, Liebes.“

Meredith hatte das deutliche Gefühl, dass ihre Mutter sie trotz ihrer Beteuerung nicht verstand. „Ich bin eine der wenigen Frauen, die einen Konzern leiten“, fügte sie hinzu.

„Selbstverständlich, Liebes“, wiederholte Viera.

„Und es ist ja nicht so, dass ich Männer ablehne. Ich bekomme nur selten Einladungen.“

„Weil du eine kluge Frau bist, Meredith“, erwiderte ihre Mutter. „Die meisten Frauen in deinem Alter hetzen sich für Mann und Kinder ab. Du brauchst dich nur um dich selbst zu kümmern.“

„Stimmt“, bestätigte Meredith ein wenig unsicher.

„Besonders jetzt in der Weihnachtszeit“, erklärte Viera. „Andere Frauen geben Partys und kaufen Geschenke. Dich belastet das alles nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass du sogar an Weihnachten ins Büro gehst, wie jeden Tag.“

Carly kam herein, schleppte sich zur Couch und legte sich hin. „Mir geht es so schlecht“, stöhnte sie.

„Zu viel Champagner, zu viele Männer“, meinte ihre Mutter trocken.

„Ja, richtig.“ Carly fuhr sich an die Stirn. „Josh wartet auf mich.“ An Meredith gewandt, bat sie: „Sag ihm, dass ich jetzt nicht kommen kann. Ich sehe ihn morgen. Er ist in der Gartenlaube.“

„Wieso ich?“ Meredith wollte nicht mit Josh allein sein. Es wäre ihr zu peinlich, falls er ihre Liebesnacht ansprechen würde. „Ich finde, du solltest zu ihm gehen“, sagte sie zu ihrer Mutter.

„Kommt nicht infrage“, wehrte Viera ab. „Ich gehe zu den Durans und versuche zu retten, was zu retten ist. Außerdem ist es mir gleichgültig, ob er die ganze Nacht da draußen wartet. Von mir aus können ihm sämtliche edlen Teile abfrieren.“

„Mutter!“, rief Carly. „Bitte, sag nichts mehr. In meinem Kopf dreht sich alles.“ Sie ergriff Merediths Hand. „Du tust es, ja?“

Es war Meredith schon immer schwergefallen, ihrer Schwester etwas abzuschlagen. „Okay“, antwortete sie, atmete tief durch und ging zur Tür. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Carly ihrer Mutter etwas zuflüsterte, doch als sie sich umdrehte, blickte Viera bekümmert vor sich hin, und Carly hatte die Augen geschlossen.

„Geh schon“, sagte Viera. „Und komm schnell wieder.“

Meredith verließ den Raum. Die Kehle war ihr eng vor Beklemmung. Es tat weh, wie ihre Mutter sie beschrieben hatte. Natürlich wollte ihre Mutter sie nicht verletzen, und es stimmte ja auch, sie ging so gut wie nie aus. Das würde sich vermutlich auch so schnell nicht ändern. Carly dagegen war immer von Verehrern umlagert.

Doch ihre Mutter lag falsch, wenn sie glaubte, dieser Zustand gefiele Meredith. Sie hatte nicht geplant, ewig das Mauerblümchen zu sein. Auf dem College hatte sie versucht, sich zu ändern und sich mehr wie Carly zu verhalten. Und so war die Sache mit Josh passiert.

Meredith wurde rot, als sie sich daran erinnerte. Schon auf der Highschool hatte sie heimlich für Josh geschwärmt. Er war ein paar Jahre älter als sie und ein begnadeter Skilehrer. Er hatte Rendezvous mit den begehrtesten, schönsten und charmantesten Mädchen – Mädchen wie ihre Schwester. Sie, Meredith, war groß und ungelenk, sie hatte braunes Haar, braune Augen und trug eine Brille. Sie war der Typ, mit dem Jungen sich auf Prüfungen vorbereiteten, anstatt sie zum Tanzen einzuladen.

Um Josh zu vergessen, war Meredith aus Colorado weggegangen, auf ein College an der Ostküste. Doch an ihrem nicht vorhandenen Liebesleben hatte das nichts geändert. Ihre Freundinnen, die außer Sex und Männer kaum ein anderes Thema kannten, nannten sie als „eiserne Jungfrau“.

„Es ist, als ob man in eiskaltes Wasser springt“, hatte eine von ihnen gemeint, als sie über ihre Erfahrungen mit Männern gesprochen hatten. „Zuerst ist es unangenehm, aber man gewöhnt sich daran.“

„Tu es einfach“, riet eine andere. „Stell dich nicht so an. Sonst glauben die Männer allmählich, dass mit dir etwas nicht stimmt.“

Aber Meredith wollte, dass ihr erstes Mal richtig schön wurde. Ihr erster Liebhaber sollte sanft und einfühlsam sein, erfahren und selbstsicher.

Im letzten Studienjahr schließlich hatte sie das Warten satt. Wenn sie jemals ihre Unschuld verlieren wollte, musste sie selbst aktiv werden. Doch es gab nur einen einzigen Mann, mit dem sie schlafen wollte – Josh.

Monatelang hatte sie sich auf die Verführung vorbereitet und versucht, sich in die Frau zu verwandeln, die ein Mann wie Josh attraktiv fand. Sie hatte Kontaktlinsen gekauft, einige Pfund abgenommen, ein perfektes Styling geprobt. Und sie hatte einen Plan entwickelt. In den Ferien zu Thanksgiving würde sie Josh als Skilehrer anheuern und mit ihm auf den Bear Mountain gehen. Es war eine Tagestour. Wie sie wusste, lag auf halber Höhe eine Hütte mit Vorräten für Skifahrer, die am Berg festsaßen. Sie würde vorgeben, sich den Knöchel verstaucht zu haben, damit sie in der Hütte Zuflucht suchen mussten.

Alles hatte tadellos geklappt.

Meredith hatte in einer romantischen, unvergesslichen Liebesnacht ihre Unschuld verloren. Doch obwohl sie eigentlich am Ziel ihrer Träume war, blieb ein Unbehagen zurück.

Am Morgen danach, als sie in Joshs Armen erwachte, kam die Reue. Was hatte sie getan? Sie hatte versucht, eine andere zu sein, um einen Mann ins Bett zu bekommen, der ihr niemals gehören würde. Voller Zorn auf sich gelobte sie insgeheim, sich nie wieder so für einen Mann zu erniedrigen.

Folglich war sie ins andere Extrem verfallen. Sie versagte sich jeglichen Flirt, legte wenig Wert auf Make-up und Frisuren. Sie war eben, was sie war – eine Frau in einer Führungsposition.

Meredith verließ das Haus durch den Hintereingang, um den Gästen aus dem Weg zu gehen. Sie griff nach dem voluminösen Daunenmantel, von dem ihre Schwester behauptete, sie sähe darin aus wie ein dicker Eskimo, zog die warmen Schneestiefel an und trat ins Freie.

Sie hielt sich meistens in Denver auf, wo Cartwright Enterprises seinen Firmensitz hatte. Doch an Abenden wie diesem liebte sie das Skiparadies Aspen. Es war eine herrliche Nacht, klar und frisch, der Himmel war mit Sternen übersät. Sie schaute hinüber zum Gartenpavillon, der von winzigen weißen Lampen erleuchtet war. Dort stand Josh, die Hände in den Taschen, und wartete.

Sie schluckte. Ich mache es kurz und schmerzlos, nahm sie sich vor. Ich sage ihm, dass Carly nicht kommen kann, und mache sofort kehrt. Keine lange Unterhaltung, das muss ich mir nicht antun.

„Meredith?“ Lächelnd kam Josh auf sie zu. „Das ist aber eine Überraschung.“

Meredith blieb außerhalb der Laube stehen und sagte: „Carly kann nicht kommen.“

„Nanu?“

„Ihr ist schlecht von all dem …“ Sie verstummte. Der Grund für die Übelkeit ihrer Schwester ging Josh nichts an. „Sie hat etwas Falsches gegessen.“

„Oh“, meinte er. „Hoffentlich war es nicht der Krabbendip. Davon habe ich selbst ziemlich viel probiert.“

„Nein“, sagte Meredith knapp und rührte sich nicht vom Fleck.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, wie?“, fuhr er fort.

„Genau.“ Plötzlich kam sie sich vor wie ein Schulmädchen, unsicher und gehemmt. Sie meinte sogar, ein belustigtes Zwinkern in seinen Augen zu bemerken.

Mit einem schrägen Lächeln fragte Josh: „Und wie geht es dir so, Prinzessin?“

Seine samtweiche Stimme bewirkte, dass Meredith sich nicht protestierte. Üblicherweise sträubte sich Meredith dagegen, so verniedlichend angeredet zu werden. Aber schließlich nannte sie auch niemand Schatz oder Baby. Solche Bezeichnungen passten nicht zu ihr.

„Danke, gut“, gab sie knapp zurück. Nervös fingerte sie am Kragen ihres Mantels. „Und dir?“

„Bestens.“

Es war schlimm. Meredith hatte wenig Sinn für belangloses Geplauder. Solange es nicht um Berufliches ging, fühlte sie sich so linkisch wie eh und je.

„Gut siehst du aus“, fügte Josh hinzu.

Meredith spürte, wie sie rot wurde. Deshalb fragte sie schnell: „Warum bist du hier?“

„Weil Carly mich um dieses Treffen gebeten hat.“

„Ich meine, warum bist du überhaupt zurückgekommen? Ich hörte, du lebst in Europa.“

Josh setzte sich auf die Bank im Pavillon. „Und ich hörte, du leitest Cartwright Enterprises.“

Meredith schaute in seine grauen Augen, und sofort stellte sich die Erinnerung ein. Sie sah den jungen Mann vor sich, der sie so intensiv berührt hatte, als sie sich ihm hingegeben hatte. In jener Nacht hatte sie erfahren, wie schön und aufregend Sex sein konnte. Die wenigen Küsse, die sie seitdem von anderen bekommen hatte, waren dagegen enttäuschend gewesen.

„Richtig“, sagte sie.

Nach der gemeinsamen Nacht hatte Josh sich ein paarmal telefonisch bei ihr gemeldet, doch sie hatte sich zu sehr geschämt, um ihm zu antworten. Allerdings hatte sie vorher gewusst, worauf sie sich einließ. Josh Adams blieb keiner Frau treu.

„Und wie läuft es so bei dir?“, forschte er mit seiner sexy Stimme weiter.

„Prima“, erwiderte sie. „Großartig.“ Es war eine Lüge, und alle außer Josh wussten das. Alle Welt kannte die Gerüchte, dass Cartwright Enterprises, einer der weltweit mächtigsten Konzerne, ums Überleben kämpfte. Bestünde nicht die Aussicht auf Dura-Snow, würden sie demnächst Konkurs anmelden müssen.

„Tatsächlich?“ Josh zog die Augenbrauen hoch.

Meredith fragte sich, ob er ihre Behauptung bezweifelte oder nur das Gespräch in Gang halten wollte.

„Und du“, sagte sie und betrat die Laube, „amüsierst dich sicherlich prächtig in Europa.“

„Mag sein. Allerdings fehlen mir oft gewisse Leute von zu Hause.“

Zum Beispiel Carly? „Du hast doch bestimmt neue Freunde gefunden.“ Meredith legte eine Hand an ihre pochende Schläfe. „Bist du verheiratet?“

Josh lachte. „Nein.“

„Findest du die Frage lustig?“

Er zögerte und sah sie intensiv an. „Noch immer dieselbe Meredith“, bemerkte er.

Meredith nahm an, das war nicht als Kompliment gemeint. Sie verschränkte die Arme vor ihrem Oberkörper. Nein, dachte sie, das wirkt verlegen. Sie nahm die Arme herunter und hielt sie steif an der Seite.

Josh lächelte erneut. „Und du?“

Sie schüttelte den Kopf. Ganz locker bleiben, sagte sie sich. Warum schaute er sie so durchdringend an? Sie räusperte sich. „Du arbeitest für ein großes Skihotel in der Schweiz.“

„Mehr oder weniger.“

Natürlich hielt er die Arbeit vermutlich in Grenzen. Sie kannte diesen Typ, er feierte am liebsten bei Tag und Nacht. Bestimmt verhielt er sich noch immer so wie damals und sparte seine Energie für die Frauen auf. Nur würde Josh jetzt Frauen haben, die halb so alt waren wie er.

„Ich fühle mich geschmeichelt, dass du dich nach mir erkundigt hast“, sagte er.

„Das habe ich nicht“, gab sie gereizt zurück.

„Setz dich doch. Ich möchte mich ein wenig mit dir unterhalten.“

Meredith reagierte nicht. An Geplauder lag ihr nichts. „Du hast mir noch nicht gesagt, was dich nach Aspen geführt hat.“

„Geschäfte.“

Was für Geschäfte mochte ein Skilehrer betreiben? Vielleicht war er doch nicht nur wegen Carly gekommen. Die Vorstellung, Josh Adams sei hier, weil er Carly seine Liebe erklären wollte, war schlichtweg absurd. Carly war locker mit ihm befreundet gewesen, mehr nicht. Weshalb war er also hier?

„Meredith, ist alles in Ordnung mit dir?“

Sein Blick wirkte leicht besorgt, und Meredith musste lächeln. „Du wirst lachen, aber ich dachte einen Moment lang, du wärst wegen Carly gekommen.“

Josh blieb völlig ernst. „Das stimmt.“

Meredith wurde die Kehle eng. Nicht aus Eifersucht, sagte sie sich hastig. Sie konnte unmöglich eifersüchtig sein, weil Josh wegen ihrer Schwester nach Aspen gekommen war. Immerhin war er mit Carly befreundet. Sie dagegen hatte mit Josh … Nun, sie hatten nichts gemeinsam. „Sie heiratet demnächst“, erklärte sie.

„Ja, das weiß ich.“ Joshs Miene verfinsterte sich. „Ich wollte bloß …“

Meredith unterbrach ihn, denn sie deutete seine Reaktion als Bestätigung für ihre Befürchtung. „Lass sie in Ruhe!“, stieß sie schroff hervor.

„Wie bitte?“

„Carly ist glücklich mit Mark. Du wirst sie nur durcheinanderbringen.“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

Josh stand auf und kam auf sie zu. Meredith hielt seinem Blick stand.

„Ich denke, das weißt du genau.“ Sie sah, dass er verärgert war, doch sie konnte es nicht ändern. „Willst du Geld?“, fragte sie. „Ist es das?“

„Das nimmst du also an?“ Josh trat so dicht an Meredith heran, dass er sie fast berührte. Sein Blick schien in ihr tiefstes Innerstes zu dringen.

„Carly ist nicht mehr die reiche Erbin. Tatsache ist vielmehr, wenn sie nicht heiratet, ist sie womöglich bettelarm“, erklärte Meredith.

„Verstehe.“

Ich bin kein naives Schulmädchen mehr, sagte Meredith sich, sondern die Leiterin von Cartwright Enterprises. Sie würde nicht zulassen, dass irgendein Playboy ihre Zukunft zerstörte. „Wir haben uns also verstanden?“

„Ich habe dich sehr gut verstanden. Carly muss heiraten, um deine Haut zu retten.“

„Wie bitte?“

Josh blickte zum Haus hinüber, sein Atem bildete weiße Wölkchen in der eisigen Luft. „Ich bin gerührt, dass dir das Glück deiner Schwester so am Herzen liegt“, bemerkte er mit unüberhörbarem Sarkasmus.

„Sie liebt Mark.“

„Weshalb machst du dir dann Sorgen? Für einen alten Freund wird sie wohl etwas Zeit erübrigen dürfen.“

„Sie ist nun einmal … sie ist eben Carly. Und Mark könnte es missverstehen.“

„Ich gewinne langsam den Eindruck, dass sie wohl lieber nicht heiraten sollten.“

„Ich bitte dich als Freund: Fahr wieder weg.“

„Tut mir leid, Meredith. Als Freund kann ich genau das nicht tun.“

War dies der Mann ihrer Träume, mit dem sie alle anderen ständig verglichen hatte?

„Auch mir tut es leid.“ Meredith wollte gehen.

„Meredith.“

Sie blieb stehen, drehte sich jedoch nicht zu Josh um.

„Richte Carly bitte aus, dass ich sie morgen besuche.“

Einen Moment lang stand Meredith wie erstarrt da. Dann ging sie mit hoch erhobenem Haupt davon.

Wie konnte sie es wagen!

Josh saß auf der Bank und versuchte, sich zu fassen. Er kannte die Gerüchte. Meredith Cartwright bemühte sich angeblich so verzweifelt ihr Unternehmen zu retten, dass sie sogar bereit war, ihre Schwester dafür zu verkaufen. Leider schien es wahr zu sein. Meredith wollte Carly bewegen, Mark zu heiraten, damit sie die Rechte für Dura-Snow bekam.

Und sie glaubte, er, Josh, könnte den Vertrag gefährden. Auch das stimmte. Allerdings wollte er nichts von Carly.

Er wollte Dura-Snow.

Auch er war hinter den Rechten her, er hatte als einer der Ersten sein Interesse bekundet. Doch als Carly sich mit Mark verlobte, hatten die Durans ihm mitgeteilt, dass das Angebot von Cartwright Enterprises Vorrang hatte. Er hatte in der Presse von Merediths Absichten hinsichtlich Dura-Snow gelesen, und da war ihm klar geworden, dass die Durans nicht aufrichtig waren. Es lag auf der Hand: Die Durans wollten Meredith gegen ihn ausspielen, um den Preis in die Höhe zu treiben. Im Endeffekt wären er und Meredith die Verlierer. Also hatte er beschlossen, Meredith einen Handel vorzuschlagen. Sie sollten die Rechte an Dura-Snow gemeinsam erwerben.

Allerdings hatte Meredith in einem recht – er war heute Abend hier, um Carly zu sehen. Schließlich hatte er Meredith nach jener denkwürdigen Nacht nicht mehr gesprochen. Er hatte es mehrfach versucht, aber sie hatte seine Anrufe nicht erwidert. Er kannte ihren Ruf als hartnäckige, unabhängige Frau. Deshalb war er auf die Idee gekommen, Carly als Vermittlerin zwischen Europrize und Cartwright Enterprises einzusetzen.

Offensichtlich hatte Meredith keine Ahnung, was er beruflich machte. Sie hielt ihn nach wie vor für den unbekümmerten Burschen von damals. Bei dem Gedanken an seinen früheren Lebensstil musste Josh lächeln. Wie sehr er sich doch verändert hatte!

Leichtgefallen war es ihm nicht. Kurz nach jener denkwürdigen Nacht mit Meredith starb seine Tante. Zu seiner Überraschung erfuhr er, dass sie, eine bescheiden lebende Serviererin, fünfzigtausend Dollar gespart hatte. Die Anweisung in ihrem Testament lautete schlicht: Ich möchte stolz auf dich sein. Seine Freunde redeten ihm zu, das Geld für Reisen und Vergnügungen auszugeben und so weiterzuleben wie bisher. Er aber wollte das Geld, für das seine Tante hart gearbeitet hatte, nicht leichtfertig verschwenden. Das Erbe stellte für ihn eine Chance dar, sich auf seine wahren Stärken zu besinnen. Und er wollte den Menschen, der er bis dahin gewesen war, vergessen.

Er hatte trotz seines lockeren Lebenswandels einiges gelernt. Ohne diese Kenntnisse hätte er es nie gewagt, sich selbstständig zu machen. Seine Freunde staunten nicht schlecht über seine Fähigkeiten und die Geschicklichkeit, mit der er ein millionenschweres Unternehmen aufbaute, das ihn zu einem der reichsten Männer in Europa machte.

Seine Firma Europrize entwickelte interaktive Videospiele und verkaufte sie an einen großen Konzern. Doch das war erst der Anfang. Ein neuer Zweig seines Unternehmens erwarb und renovierte Skihotels. Er warf bereits Gewinne ab. Leider waren die Einkünfte saisonbedingt. Josh träumte davon, die Saison um zwei Monate zu verlängern, und wenn er der Einzige mit diesem Angebot wäre, würde sein Geschäft boomen.

Deshalb wollte er Dura-Snow. Er beobachtete die Firma der Durans schon länger. Schließlich hatte er ihnen ein Angebot gemacht, und sie zeigten sich interessiert. Wayne Duran erinnerte ihn allerdings unangenehm an einen gewissen Menschentyp – scheinbar freundlich, aber letztlich wenig vertrauenswürdig. Zwar hatte man ihm die Rechte zugesagt, aber er hatte nichts Schriftliches in der Hand. Es überraschte ihn denn auch nicht zu erfahren, dass sich ein weiterer Interessent eingeschaltet hatte.

Die Überraschung bestand darin, dass es sich um Cartwright Enterprises handelte. Ihm war nicht wohl dabei, gegen eine Familie zu bieten, die er seit Jahren gut kannte. Mit Carly war er einst befreundet gewesen, obgleich sie im Lauf der Zeit den Kontakt einschlafen ließen. Und Meredith … Seit jener Nacht hatte er sie nicht mehr gesprochen.

Unwillkürlich umklammerte Josh die Armlehnen der Sitzbank, als er an sie dachte. Meredith war anders als die anderen Frauen gewesen, die er kannte. Sie war still und lernbegierig, stets mit einem Buch vor der Nase. Während Carly jede Woche einen neuen Verehrer hatte, schien Meredith nie auszugehen.

Die meisten Mädchen ignorierten sie, und die Jungen taten es ihnen nach. Doch das geschah nicht aus Bosheit. Meredith hatte eine abweisende Art. Sie behandelte ihre Altersgenossen, als wäre sie eine Königin und die anderen Fußvolk. So gab man ihr den Spitznamen Prinzessin.

Doch sie war kein Snob, der sich für etwas Besseres hielt. Meredith mit ihrer nachlässigen Kleidung und den Laufmaschen in den Strümpfen legte einfach keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Sie war eine Intellektuelle.

Seit jeher war sie die Klügste von allen, und das war ihr bewusst. Trotzdem fand er sie schon immer sehr reizvoll. Später wurde ihm klar, dass er einiges mit ihr gemeinsam hatte. Sie hatte den Vater verloren und verstand sich nicht gut mit ihrem Stiefvater. Ihm, Josh, war es ähnlich ergangen. Seine Mutter war gestorben, als Josh noch ein Kind war, und sein Vater hatte kurz darauf ein blutjunges Mädchen geheiratet. Mit der jungen Stiefmutter kam er nicht klar. Dann ließ sein Vater sich scheiden und heiratete eine Frau, die noch schlimmer war. Die Spannungen wurden so unerträglich, dass die Schwester seiner Mutter ihn zu sich nahm.

Bei seiner Tante gefiel es ihm, aber sie war eben nicht seine Mutter. Im exklusiven Aspen galten Geld und Herkunft viel, und er hatte keines von beidem. Zwar wirkte er nicht wie ein Außenseiter, im Gegensatz zu Meredith, doch er fühlte sich so.

Eines Abends kam er von einer Party und stieß in der Bibliothek auf Meredith. Sie saß an einem Pult, in ein Buch vertieft. Sie hatte ihre Brille abgenommen, und das lange, lockige Haar – sonst streng zurückgebunden – fiel ihr offen auf die Schultern. In diesem Augenblick kam sie ihm wie die schönste Frau der Welt vor.

Sie sah auf und lächelte ihn an, was bei ihr selten vorkam. Er fühlte sich ermutigt, ein Gespräch zu beginnen, und plötzlich war sie wie ausgewechselt. Stundenlang unterhielten sie sich über Gott und die Welt. Er hatte sofort einen Draht zu ihr und fühlte sich verstanden.

Dann wollte ein Freund etwas von ihm. Zwar versprach Meredith, auf ihn zu warten, aber als er zurückkam, war sie gegangen. Danach hatte er unausgesetzt an sie gedacht, begierig, sie wiederzusehen. Am nächsten Tag fand er sich schon früh an der Bergstation ein, wo er mit Meredith für eine geplante Skitour auf den Lost Mountain trainieren sollte. Doch seine Vorfreude wurde stark gedämpft. Sie erschien in unförmiger Skikleidung, die ihre Figur vollständig verbarg, die schönen Augen versteckte sie hinter dicken farbigen Brillengläsern. Und sie tat, als wäre nichts gewesen. Der Zauber des vergangenen Abends war verflogen. Offenbar hatte sie kein Interesse an ihm.

Er hatte damals versucht, nicht mehr an sie zu denken, und es gelang ihm auch teilweise. Gewiss, sobald ihr Name fiel, reizte ihn die Vorstellung, was alles hätte passieren können, aber das war alles.

In den folgenden fünf Jahren gab es kaum Berührungspunkte zwischen ihnen. Bis zu jenem Wochenende an Thanksgiving, an dem Meredith vom College nach Haus kam und aussah, als wäre sie auf einer Schönheitsfarm gewesen. Seine Freunde, die sich bisher kaum um sie gekümmert hatten, staunten nicht schlecht. Doch Meredith hatte nur ihn im Sinn.

Sie engagierte ihn als Skiführer. Als Ziel hatte sie den Bear Mountain gewählt, eine der schwierigsten Pisten in Aspen, abgelegen und nur mit dem Helikopter zu erreichen – eine kostspielige Tour. Auf halber Höhe lag eine Hütte, in der man im Notfall Unterschlupf fand.

Er hatte Meredith schon zuvor Privatunterricht gegeben, aber der hatte nie eine Übernachtung eingeschlossen. Und obwohl er sich des Öfteren mit verliebten Skihasen in heiklen Situationen befunden hatte, erwartete er von Meredith nichts dergleichen.

Auch dann noch nicht, als sie sich einen Knöchel verstauchte und darauf bestand, zu der Hütte zu gehen. Natürlich merkte er, dass sie nur leicht verletzt war, aber er kam ihrem Wunsch mit Vergnügen nach. Auf dem Weg zur Hütte stützte er sie und genoss ihre Nähe. Sie bat ihn, nicht gleich Hilfe anzufordern, und noch immer argwöhnte er nichts. Er war bereits so von ihr bezaubert, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Als er ihr in der Hütte gegenübersaß, wusste er kaum, was er sagen sollte. Er fand, dass er einer so intelligenten, gebildeten Frau wie Meredith nichts zu bieten hatte. Zum ersten Mal merkte er, dass ihm eine Frau wirklich etwas bedeutete.

Zum Glück schien sie seine Verlegenheit nicht zu bemerken. Sie war locker und gut gelaunt, entgegenkommend und zum Flirten aufgelegt. Er verlor jegliches Zeitgefühl, und ehe er sich’s versah, war es zu spät, Hilfe zu holen. Sie hatten keine Wahl, sie mussten in der Hütte übernachten. Während er beobachtete, wie Meredith herumhumpelte, merkte er, dass die Verletzung nur vorgeschoben war. Aus welchem Grund auch immer, sie wollte mit ihm allein sein, ebenso wie er mit ihr.

Als Meredith sich dann neben ihn setzte, gab es für ihn kein Halten mehr. Er tat das, wovon er seit dem Abend in der Bibliothek geträumt hatte: Er küsste sie.

Meredith überraschte ihn mit ihrer Leidenschaft, ihrer hemmungslosen Reaktion. Er war vollkommen hingerissen von ihr und merkte nicht, dass sie noch unberührt war, bis es zu spät war. Sofort zog er sich zurück, er wollte ihr nicht wehtun. Aber sie ermutigte ihn, und so machte er weiter, allerdings viel sanfter.

Das Bewusstsein, dass er ihr erster Liebhaber war, steigerte sein Verlangen nur noch mehr. Er wollte sie ganz für sich haben, sie sollte für immer bei ihm bleiben. Sie sollte nur ihm gehören – für alle Zeit.

Aber als der Morgen graute, waren diese ungewohnt heftigen Gefühle ein wenig abgekühlt. Stattdessen empfand er Unbehagen und hatte das Bedürfnis, allein zu sein. Im Grunde wollte er frei und ungebunden bleiben.

Er war froh, dass Merediths Knöchel wie durch ein Wunder geheilt war. Nach einem ungemütlichen Frühstück mit verlegenen Ansätzen zu einer Unterhaltung fuhren sie schweigend ab. Als sie sich an der Talstation trennten, versprach er das, was er jeder Frau nach einer Liebesnacht sagte: „Ich rufe dich an.“

Josh brauchte ein paar Tage, doch dann rief er tatsächlich an und war leicht verstimmt, als Meredith nicht zurückrief. Da er auch in den folgenden Tagen nichts von ihr hörte, wandelte sich seine Verärgerung in Unruhe, ja sogar Bestürzung. Schließlich gab er die Hoffnung auf, aber es schmerzte, dass sie nicht dasselbe empfunden hatte wie er.

Die bittere, unabweisbare Wahrheit war: Sie wollte nichts von ihm wissen. „Sie denkt, sie wäre zu gut für mich“, erklärte er seiner Tante.

Die Tante nahm kein Blatt vor den Mund. „Ist sie ja auch.“

So weh die Worte auch taten, er wusste, dass es stimmte. Wie hatte er sich einbilden können, jemanden wie Meredith für sich gewinnen zu können? Er war ein ungebildeter Nichtsnutz, der sich nur fürs Skifahren und für Frauen interessierte.

„Jedenfalls jetzt“, fügte seine Tante hinzu. „Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht beweist du ihr irgendwann das Gegenteil.“

Die Nacht mit Meredith wurde für ihn zum Wendepunkt. Er begann, über sich nachzudenken. Als seine Tante starb und ihm das Geld hinterließ, besaß er die Mittel, sein Leben zu ändern.

Oft stellte er sich in den letzten Jahren vor, wie es wäre, Meredith wiederzusehen. Er musste sich eingestehen, dass ihr Anblick an diesem Abend ihm den Atem verschlagen hatte. Damals war sie ein ungelenkes, junges Mädchen gewesen, nun war sie eine Frau, elegant, selbstsicher und strahlend schön. Doch soweit er gehört hatte, galt sie als eine der unerbittlichsten Geschäftsfrauen überhaupt.

Offensichtlich war sie so gnadenlos, dass sie sogar das Glück ihrer Schwester für die Rettung von Cartwright Enterprises aufs Spiel setzte. Obwohl er bezweifelte, dass Carly sich manipulieren ließ, kamen ihm die Vertragsverhandlungen verdächtig vor. Er traute den Durans nicht und hatte nicht die Absicht, sich mit Meredith auf einen Wettkampf im Bieten einzulassen. Der Preis für die Rechte würde unrealistisch in die Höhe getrieben werden. Doch wenn er die Meredith Cartwright, die er heute kennengelernt hatte, richtig beurteilte, würde sie nicht auf vernünftige Argumente hören.

Also musste er seinen Plan weiterverfolgen und versuchen, Meredith über Carly zu erreichen. Carly war zwar nicht so gerissen wie Meredith, doch hartnäckig und energisch. Er würde ihr die Situation erläutern und sie als Vermittlerin einsetzen. Er würde ihr auch klarmachen, dass sie Mark nicht heiraten musste. Wenn Meredith einverstanden wäre, könnten sie die Rechte gemeinsam kaufen und gemeinsam nutzen.

Wieder musste er daran denken, dass Meredith ihm Geld geboten hatte, damit er Carly in Ruhe ließ. Wie kam sie nur auf die Idee, er sei wegen einer Frau zurückgekommen, mit der er seit Jahren kein Wort gewechselt hatte? Außerdem hatte Carly ihn in sexueller Hinsicht nie gereizt. Für ihn war sie nicht mehr als die weniger eindrucksvolle Version ihrer großen Schwester. Nie würde er Carly ansehen können, ohne sich daran zu erinnern, wie in der Nacht mit Meredith seine Träume wahr geworden waren.

Josh erhob sich von der Bank und ging nachdenklich auf und ab. Zu der Party würde er nicht zurückkehren, aber er würde wiederkommen. Meredith konnte ihn weder einschüchtern noch manipulieren. Offensichtlich wusste sie es noch nicht, aber inzwischen war er ihr ebenbürtig.

2. KAPITEL

Der Tisch im Esszimmer bot vierzig Gästen Platz. Meredith und ihre Mutter saßen an den Tafelenden, Carly saß an einer Längsseite.

Meredith mochte weder den Tisch noch den Raum. Beides fand sie zu protzig, doch ihre Mutter hatte ihr Leben lang in diesem Zimmer diniert. Es gab zwar keine Dienerschaft mehr, die das Kaminfeuer in Gang hielt und servierte, aber Viera bestand darauf, dass der gemeinsame Morgenkaffee stets unter dem zentnerschweren Kandelaber eingenommen wurde.

Meredith hörte mit halbem Ohr dem Bericht ihrer Mutter zu, die sich darüber beklagte, dass während der Party einer der Weihnachtsbäume umgefallen war.

„Dabei sagte ich den Männern beim Aufstellen ausdrücklich, dass der Baum nicht richtig im Ständer stand, aber sie wollten nicht hören.“ Viera seufzte theatralisch und wandte sich wieder der Zeitung zu, die vor ihr ausgebreitet lag. „Verlässliche Männer sind so selten.“

„Apropos Männer“, warf Carly ein und sah Meredith vorwurfsvoll an. „Warum muss man dir jede Neuigkeit aus der Nase ziehen?“

„Wovon redest du?“ Meredith nahm einen Schluck Kaffee.

„Was ist mit Josh? Hast du mit ihm gesprochen?“

„Ja.“

„Und?“, fragte Viera und schaute Meredith über ihre Lesebrille hinweg an.

„Nichts.“ Meredith zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Carly und Viera wechselten einen Blick. „Du warst ziemlich lange weg“, bemerkte Viera. „Ich habe dich den ganzen Abend nicht mehr gesehen.“

„Ich war nicht mit Josh zusammen.“ Meredith setzte ihre Tasse ab. „Ich bin ins Bett gegangen.“

„Was will er in Aspen?“, erkundigte sich Carly.

„Das weiß ich nicht. Ich vermute, er ist deinetwegen hier.“ Als sie das sagte, verspürte Meredith einen Stich in ihrem Herzen. Ich muss meine Eifersucht ignorieren, sagte sie sich, dann vergeht sie.

„Meinetwegen?“, fragte Carly.

„Ja. Er sagte, er möchte dich sehen. Er will dich heute besuchen.“

„Echt?“ Carly lächelte und seufzte verträumt. „Er sah umwerfend aus, findest du nicht?“

„Ist mir nicht aufgefallen“, erwiderte Meredith kühl.

„Er hat das gewisse Etwas. Diese glühende Erotik, dieses Charisma …“

„Glühende Erotik?“, wiederholte Meredith.

„Er wirkt so lebendig und hat eine enorme Ausstrahlung.“

Meredith dachte an Joshs Augen, seine tiefen Blicke. Ihre Schwester hatte recht. Josh war aufregend und hatte eine beeindruckende männliche Ausstrahlung.

„Und wie gut er riecht. So erdig und männlich.“

Meredith erinnerte sich gut daran, wie sie in Joshs Armen aufgewacht war, eingehüllt in seinen Duft. Seltsam, dass ihre Schwester etwas so Intimes von Josh wusste – fast wie eine Geliebte.

„Und wie gelassen und selbstsicher er ist.“

„Hast du etwas von Mark gehört?“, warf Meredith ein.

„Kann sein“, sagte Carly.

„Wieso, kann sein?“, fragte Viera. „Hast du, oder hast du nicht?“

„Das ist doch ganz egal. Ich denke nur noch an Josh.“

Meredith beugte sich vor. Hatte sie sich verhört? Spielte ihre überhitzte Fantasie ihr einen Streich?

Ihre Mutter warf Carly einen strengen Blick zu. „Zu eurer Hochzeit kommen vierhundert Gäste. Du solltest nicht an Josh denken, sondern an deinen zukünftigen Mann.“

„Ich muss aber ständig an Josh denken.“ Carly wich dem Blick ihrer Mutter aus. „Ich muss ihn sehen.“

„Was würde Mark sagen, wenn er dich hören könnte?“, rief Viera entsetzt aus.

Carly zuckte die Achseln. „Er würde dasselbe denken wie ich. Wenn mich ein anderer Mann so sehr beschäftigt, sollten wir vielleicht nicht heiraten.“

„So etwas Verrücktes habe ich noch nie gehört!“

„Mutter“, begann Meredith in besänftigendem Ton.

„Wenn ich dir schon gleichgültig bin“, fuhr Viera erregt fort, „denk wenigstens an deine Schwester. Was wird aus dem Vertrag mit den Durans, wenn du ihren Sohn sitzen lässt? Meredith stünde womöglich auf der Straße.“

Als bekannt geworden war, dass Cartwright Enterprises die Rechte an Dura-Snow kaufen wollte, waren die Aktienkurse gestiegen. Sollte der Vertrag nicht zustande kommen, würde der Konzern wohl überleben, aber Meredith wäre nicht mehr lange Geschäftsführerin.

„Du hast ja recht, Mutter.“ Carly seufzte. „Was ist nur in mich gefahren?“

Meredith war sprachlos. Sie konnte nicht glauben, dass Carly ihre Beziehung zu Mark dermaßen auf die leichte Schulter nahm. Die beiden waren glücklich miteinander. Oft hatte sie sich gewünscht, selbst ein solches Glück zu erleben.

Carly verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Es ist unser Fluch“, jammerte sie. „Da habe ich endlich einen anständigen Mann gefunden, den ich liebe, der mich liebt, und alles geht in die Brüche wegen Josh.“

Vielleicht hat sie recht, dachte Meredith. Es mag an der unseligen Neigung der Cartwright-Frauen liegen, sich stets mit Männern ins Unglück zu stürzen.

Carly richtete ihren tränenfeuchten Blick auf Meredith und sagte: „Nur du kannst mir helfen.“

„Ich?“ Meredith war verdutzt. „Was kann ich denn tun?“

„Halte Josh von mir fern.“ Erneut schlug Carly sich die Hände vors Gesicht. Ihr langes Haar verhüllte ihre Züge.

Meredith dachte daran, dass sie Josh Geld geboten hatte, damit er Carly in Ruhe ließ. Seine Reaktion war überdeutlich gewesen. Sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Du musst es ihm schon selbst sagen, wenn du ihn nicht sehen willst.“

„Unmöglich. Wenn ich erst mit ihm allein bin … dann …“

„Dann macht ihr da weiter, wo ihr aufgehört habt?“, warf Viera ein.

Mit angehaltenem Atem wartete Meredith auf die Antwort ihrer Schwester. Sie hatte stets angenommen, dass zwischen Josh und Carly nichts vorgefallen war. Andererseits – hätte Carly es ihr gesagt, wenn etwas gewesen wäre?

„Wo wir aufgehört haben?“, wiederholte Carly verdutzt. „Wir hatten nicht mal ein Date. Josh schien mir immer irgendwie eine Nummer zu groß. Ich kannte viele Mädchen, die er unglücklich gemacht hat.“

Erleichtert atmete Meredith aus. Zumindest hatte Carly nicht mit ihm geschlafen.

„Und das ist der Mann, mit dem du nicht allein zu sein wagst?“, fragte Viera bedächtig, als könnte sie es nicht ganz fassen.

Erneut warf Carly Meredith einen flehenden Blick zu. „Lenk ihn ab, Meredith. Nur bis Mark wieder da ist.“

„Wie denn?“

„Nimm bei ihm Skiunterricht. Mach mit ihm eine Tour auf den Bear Mountain. Das dauert mindestens einen Tag. Bis dahin ist Mark zurück, und ich bin in Sicherheit.“

„Das möchte ich dir aber auch geraten haben“, warf Viera ein. „Wir erwarten fünfhundert Gäste zur Hochzeit.“

Meredith zog die Augenbrauen hoch. „Eben waren es noch vierhundert.“

„Es werden immer mehr, als man denkt“, verteidigte sich Viera. „Es ist schließlich das Ereignis der Saison.“

Meredith schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht.“ Sie seufzte. „Wenn Carly so unsicher ist, sollte sie vielleicht …“ Die Rechte an Dura-Snow zu verlieren, war schlimm. Noch schlimmer aber war der Gedanke, ihre Schwester in eine unglückliche Ehe zu treiben. Entschlossen sprach sie es aus: „Vielleicht soll diese Ehe nicht sein.“

„O doch“, stellte Carly fest.

„Wie das?“

„Ich brauche nur Hilfe, um dem Fluch zu entgehen.“

Zweifelnd wandte Meredith ein: „Und wenn du nach der Hochzeit nun ähnliche Gefühle hast?“

„Das werde ich nicht. Ich habe das nur bei Josh. Ich glaube, er könnte jede Frau auf dumme Gedanken bringen.“

Dem konnte Meredith nicht widersprechen.

„Gefühle sind manchmal eben unlogisch, Meredith“, bemerkte ihre Mutter.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Der Ton hallte beinah drohend durch das leere Haus. Carly stand auf und trat ans Fenster. Dann kam sie hastig zurück und umklammerte Merediths Arm. „Es ist Josh“, rief sie. „Geh mit ihm auf den Bear Mountain. Bitte!“

Meredith wollte Josh auf keinen Fall wiedersehen und auch keine Skitour mit ihm unternehmen. „Ich muss arbeiten. Ich will heute nach New York fliegen.“

Viera erhob sich ebenfalls. „Wenn deine Schwester mit Josh gesehen wird, hast du bald keine Arbeit mehr.“

„Nur für ein, zwei Tage. Bis Mark zurück ist.“

„Carly …“, begann Meredith.

Carly schnitt ihr das Wort ab. „Tu es nicht für mich, sondern für …“

„… dein Vaterland?“, warf Viera trocken ein.

„Für dein Unternehmen, wollte ich sagen“, fuhr Carly fort. „Oder was dir sonst wichtig ist.“

Meredith zögerte.

„Nur einen Tag, Meredith“, flehte Carly. „Bitte!“

„Also gut.“ Meredith stand auf. „Für einen Tag.“ Sie verließ den Raum mit dem Gefühl, soeben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Diese Entscheidung konnte nur katastrophale Folgen haben.

Josh stand mit dem Rücken zur Tür und genoss die Aussicht auf die Berge. Manchmal sehnte er sich zurück nach der sorglosen Zeit, als er den ganzen Tag auf Skiern zubringen konnte. Er hatte sich extrem gewandelt, vom Skifreak zum Großunternehmer. Es muss doch einen sinnvollen Mittelweg geben, dachte er.

Die Tür wurde geöffnet, und er drehte sich in der Erwartung um, jemanden vom Personal zu sehen. Doch vor ihm stand Meredith. Das dichte dunkle Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Ihre Kleidung war lässig, ein eng anliegender Rollkragenpulli und Jeans. Beides saß perfekt, wie er sofort feststellte. Aus dem unsicheren Mädchen war ein stolzer Schwan geworden, und sie wusste es und genoss es.

Josh registrierte, dass ihm heiß wurde.

Meredith nickte ihm zu.

Josh war stolz auf seine Menschenkenntnis, die ihn noch nie im Stich gelassen hatte. Und nun sagte ihm sein Instinkt, dass Meredith ihm etwas höchst Interessantes mitteilen würde.

Meredith sah ihn an und lächelte. „Komm doch herein. Carly wartet schon auf dich.“

Aus einem der Zimmer hörte man Carly keuchen. „Mir ist übel, Meredith!“, rief sie.

„Stell dich nicht an, es ist nur Josh. Er will bloß Hallo sagen.“ Zu Josh gewandt, sagte Meredith: „Sie ist bestimmt in der Lage, einen alten Freund zu begrüßen.“

In dem Moment stürmte Carly an ihnen vorbei, die Hände auf ihren Mund gepresst. Viera folgte dicht hinter ihr.

„Ich fürchte, sie hat sich eine Magen- und Darminfektion eingefangen“, erklärte Mrs. Cartwright. Sie hielt kurz inne, um Josh ihr berühmtes strahlendes Lächeln zu schenken. „Hallo, Josh. Carly kann sich momentan nicht mit alten Freunden unterhalten, fürchte ich. Du musst mit Meredith vorlieb nehmen.“

Viera nickte ihrer Tochter zu. „Bitte Josh doch herein. Im Esszimmer steht noch Kaffee.“ Damit folgte sie Carly die Treppe hinauf.

„Was war das denn?“, fragte Josh.

Meredith zuckte mit den Schultern. Sie musste ein Lächeln unterdrücken. „Carly geht es wohl doch nicht so gut.“

Sie musterte ihn nachdenklich, und Josh hatte den Eindruck, sie überlegte, was sie mit ihm anfangen sollte. „Vielleicht sollte ich später wiederkommen“, sagte er deshalb. Er fragte sich, ob dies ein Trick war, um ihn daran zu hindern, mit Carly über ihre Heirat zu sprechen.

Nein, er hatte Carly selbst gesehen. Sie fühlte sich eindeutig nicht wohl. Dennoch reizte es ihn, Meredith ein wenig aufzuziehen. Wenn sie glaubte, er wäre nur gekommen, um ihre Schwester zu verführen, dann hatte sie es nicht anders verdient.

„Du weißt ja“, sagte er bedeutungsschwer. „Ich möchte sie unbedingt sehen.“

„Natürlich“, gab Meredith zurück.

Falls sie sich ärgerte, ließ sie es sich nicht anmerken. Beiläufig setzte Josh hinzu: „Vielleicht morgen. Ich bin den ganzen Tag frei.“

„Du hast nichts zu tun?“, hakte Meredith nach.

„Absolut nichts.“

Meredith zögerte und schaute zur Treppe, als würde sie erwarten, jeden Moment Carly dort zu sehen. „Das ist gut.“

„So?“

„Ich hatte gehofft, dass du Zeit hast.“

„Wofür?“ Am Abend zuvor wollte sie ihn noch aus der Stadt vertreiben.

Wieder lächelte Meredith, allerdings ziemlich aufgesetzt, wie für ein Foto. „Möchtest du hereinkommen?“

„Okay.“

„Kann ich dir einen Kaffee anbieten? Obwohl“, setzte sie verschwörerisch hinzu, „er ist dünn und nur noch lauwarm.“

„Nein, danke.“ Josh folgte ihr ins Esszimmer, wobei er ausgiebig den Schwung ihrer Hüften betrachtete. „Aber es klingt verführerisch.“

Meredith bot ihm einen Stuhl an und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

Josh bemerkte die ungewöhnliche Stille, er kam sich vor wie in einem Museum. Aufmerksam blickte er sich um. Das Haus wirkte tatsächlich wie ein leicht angestaubtes Museum – ein Ort zum Bewundern, nicht zum Wohlfühlen.

Meredith lächelte. Ihre Nervosität hatte sich verflüchtigt, sie war wieder Herr der Lage. Wieso auch nicht, sagte er sich, schließlich ist sie in diesem Palast aufgewachsen.

„Ich möchte mich für gestern entschuldigen. Das war … eine Zumutung.“

„Ja“, sagte Josh.

„Es war alles so komisch. Ich glaube, ich hatte zu viel Champagner getrunken.“

Komisch in der Tat, dachte Josh. Aber sie hatte kein bisschen beschwipst gewirkt. Vermutlich verlor Meredith Cartwright höchst selten die Kontrolle über ihr Verhalten. Doch das erklärte auch nicht, weshalb sie ihn so sehr als Bedrohung für die Hochzeit ihrer Schwester empfand, dass sie ihm Geld für sein Verschwinden anbot.

„Jedenfalls …“, Meredith machte eine Pause und sah ihm in die Augen, „… habe ich mich gefragt, ob du noch Unterricht gibst.“

„Worin?“ Josh meinte, Meredith leicht erröten zu sehen.

„Ich meine, ob du mir Skiunterricht geben würdest. Ich möchte einen Skiurlaub machen, aber ich bin ziemlich aus der Übung.“

Er zögerte etwas. War das ihr Ernst? „Du möchtest mit mir Ski fahren?“

Sie nickte.

Wusste sie wirklich nicht, wer er war? Hielt sie ihn noch immer für den nichtsnutzigen Skilehrer von damals?

„Meredith“, begann er. „Ich bin nicht …“

Ein Handy auf dem Tisch begann zu läuten.

„Entschuldige“, sagte Meredith und griff nach dem Apparat.

Verwirrt beobachte Josh, wie sie telefonierte. Ob das Ganze ein abgekartetes Spiel war? Vielleicht wusste sie, dass auch er hinter Dura-Snow her war, und wollte ihm auf diese Weise ein Geständnis entlocken.

„Wiederholen Sie das bitte.“

Josh bemerkte, dass Meredith blass geworden war. Offenbar bekam sie schlechte Nachrichten.

„Ich dachte, es wäre uns sicher. Was soll das heißen, die Durans ziehen noch andere Angebote in Betracht?“

Jetzt geht das Rennen also los, dachte Josh. Er hatte den Durans ans Herz gelegt, Meredith über den neuen Interessenten zu unterrichten. Das hatten sie nun offenbar getan.

„Bringen Sie in Erfahrung, wer der andere ist. Egal, wie viel er bietet, er wird Dura-Snow nicht bekommen“, sagte Meredith kühl. „Nur über meine Leiche.“ Eine Weile hörte sie ihrem Gesprächspartner zu. „Wie nett von den Durans.“ Ihre Stimme war kalt wie Eis. „Wir verhandeln unter keinen Umständen. Ich will dieses Produkt, und ich werde es bekommen.“ Sie klappte das Handy zu.

Also keine Verhandlungen, dachte Josh. Sie war noch immer so stur, wie sie schön war. Aber durch ihre Arroganz würde sie Dura-Snow verlieren. „Probleme?“, fragte er.

„Damit werde ich locker fertig.“ Sofort konzentrierte Meredith sich wieder auf Josh. „Ich dachte, wir könnten morgen auf den Bear Mountain gehen.“

„Auf den Bear Mountain?“ Was ging hier vor? Josh war sichtlich überrascht.

Meredith deutet seine Reaktion als Widerstreben und setzte rasch hinzu: „Das Tageshonorar für Spitzentrainer liegt bei fünfhundert Dollar. Ich biete dir sechs.“

„Sechshundert Dollar?“, wiederholte er. „Damit ich mit dir auf den Bear Mountain gehe – noch einmal?“

Meredith wandte den Blick ab.

Sie erinnert sich genau, dachte Josh. Was hat sie also vor? Ist dies ein taktisches Manöver? Oder soll es eine Wiedergutmachung für ihr rüdes Verhalten vor zehn Jahren werden? Oder aber sie fühlt sich einsam. Denkt sie, sie könnte menschliche Nähe kaufen?

„Ich war seit unserer gemeinsamen Tour nicht mehr oben.“ Meredith suchte Joshs Blick. „Aber wenn du dich nicht traust …“

Plötzlich war es Josh egal, welches Spiel Meredith im Sinn hatte. „Abgemacht.“

3. KAPITEL

„Ich halte es nach wie vor für keine gute Idee“, sagte Meredith zum wiederholten Mal zu ihrer Mutter, während sie ihren Rucksack für die Tour mit Josh packte.

„Es ist die einzige Idee. Du musst Josh von Carly ablenken. Was wäre, wenn Mark erfahren müsste, dass sie kurz vor der Hochzeit mit einem berüchtigten Playboy herumzieht?“

„Ich freue mich kein bisschen darauf“, bemerkte Meredith. Wenn ich es mir nur fest einrede, dachte sie, glaube ich das am Ende selbst.

„Du solltest es aber genießen, Meredith. Schließlich sieht er gut aus, ist charmant und Single.“

„Es ist keine Vergnügungstour“, widersprach Meredith. Doch unwillkürlich stand ihr ihre erste Tour auf den Bear Mountain vor Augen. Sie dachte daran, wie es war, als Josh sie geküsst hatte, wie er ihre Lippen mit seinen berührt hatte, wie er sie an sich gezogen hatte …

„Meredith?“

Meredith schluckte und schloss den Rucksack. Was zwischen ihr und Josh war, spielte keine Rolle mehr. Er war wegen Carly zurückgekommen.

Natürlich machte sie ihm daraus keinen Vorwurf. Carly war hübsch und charmant. Sie selbst hatte sich nie für hübsch gehalten, und obwohl sie versuchte freundlich zu sein, hielten viele sie für hochnäsig. Andere Menschen waren ihr durchaus wichtig, sie fühlte sich nur auf Partys nicht wohl. Und sie hatte nie gelernt, belanglos zu plaudern. Als Jugendliche hatte sie wenige Freunde gehabt und sich lieber hinter Büchern verschanzt.

Sie lernte eifriger und schneller als die anderen. Aber es war sie teuer zu stehen gekommen. Wer wollte schon mit einer Streberin befreundet sein? Wer wollte mit einer Frau ausgehen, die als unnahbar galt?

„Ich weiß nicht, Mom“, sagte Meredith. „Müssen wir wirklich zu so extremen Mitteln greifen?“

„Was ist daran extrem? Du tust Carly nur einen kleinen Gefallen“, argumentierte ihre Mutter.

Meredith schaute aus dem Fenster. In der Ferne war der Bear Mountain zu sehen.

„Okay“, gab sie schließlich nach. Was konnte schon an einem einzigen Tag passieren?

Ein paar Stunden später stand Meredith in dicken Wintersachen neben ihrem Wagen am Helikopterlandeplatz und wartete auf Josh.

Die meisten Topmanager, die sie kannte, ließen sich in Limousinen chauffieren, sie hielt das für Verschwendung. Sie fuhr Taxi oder ihren eigenen Wagen.

Chauffeure und Luxuslimousinen waren nicht die einzigen Einsparungen, die sie bei Cartwright Enterprises vorgenommen hatte. In ihrem Bestreben, Kosten zu reduzieren, hatte sie fast alle Sondervergütungen für Manager gestrichen. Diese Maßnahmen hatten die Arbeitsmoral gestärkt, und der Aufsichtsrat war zuversichtlich.

Meredith war zwar mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren worden, doch das beeinträchtigte nicht ihre Arbeitsmoral. Man kannte sie als pragmatische Chefin, die nichts von ihren Mitarbeitern forderte, was sie nicht selbst zu leisten bereit war.

„Steigen Sie doch ein, da haben Sie es wärmer“, schlug der Pilot vor und wies auf seinen Helikopter. „Mr. Adams ist bestimmt bald da.“

Meredith sah auf die Uhr und stellte fest, dass sie seit einer knappen Stunde wartete. Allerdings wunderte sie sich nicht, dass Josh sie warten ließ. Sie vermutete, dass er das mit Absicht tat. Bei dem Anruf, mit dem er die Tour bestätigte, war er kühl und kurz angebunden gewesen, als wäre ihm das Ganze lästig. Sie hatte sich zusammenreißen müssen, um nicht abzusagen.

Ob er mich ärgern will? dachte sie, während sie in den Hubschrauber kletterte. Vielleicht hat er auch nur nicht auf die Zeit geachtet. Josh ließ sich ja so leicht ablenken – von einer hübschen Frau zum Beispiel.

Womöglich lag er noch im Bett, in leidenschaftlicher Umarmung mit einer Frau.

Die Vorstellung versetzte ihr einen Stich. Schließlich war Josh der einzige Mann, mit dem sie je geschlafen hatte. Was für ein Trauerspiel. Mit zweiunddreißig war sie nur mit einem Mann im Bett gewesen.

Zudem war ihr Mangel an erotischen Erfahrungen ungewollt. Sicher, sie hatte sich seit jeher von ihren Altersgenossinnen unterschieden. Wenn die kleinen Mädchen Vater, Mutter, Kind spielten oder Liebesbriefe an Jungen schrieben, las sie Bücher, die für ihr Alter als viel zu anspruchsvoll galten. Natürlich hatte sie den Wunsch, eines Tages zu heiraten, nur waren immer andere Dinge wichtiger gewesen. Und wenn sie ihre Mutter betrachtete, erschien ihr die Ehe nicht unbedingt als Tor zum Glück.

Sie mied Männer nicht direkt, hin und wieder ging sie auch mal aus. Doch sie war so beschäftigt, dass sie nur für einen besonderen Mann mehr Zeit erübrigt hätte. Und so jemand war ihr bisher nicht begegnet.

Meredith zog den Kragen ihrer Jacke hoch und sagte sich, dass Josh vielleicht gar nicht kommen würde. Sie fühlte sich elend, der Verzweiflung nahe, und ihr wurde bewusst, dass sie sich insgeheim auf die Tour gefreut hatte. Warum nur? Hoffte sie etwa, ihr Abenteuer von damals ließe sich wiederholen? Wollte sie das überhaupt?

Auf einmal erblickte sie einen schmutzigen blauen Jeep, aus dessen offenem Dach Skier ragten. Jeder andere fände es zu kalt, um mit offenem Verdeck zu fahren. Nicht so Josh. Er trug nicht einmal eine Mütze. Meredith hatte den Eindruck, ihr Verdacht war richtig. Josh wirkte, als käme er geradewegs aus dem Bett. Das braune Haar war zerzaust, und er hatte einen Dreitagebart. Bekleidet war er mit einer schwarzen Skijacke, Jeans und Bergstiefeln. Jetzt schob er die Sonnenbrille hoch und lächelte ihr zu.

Ein kalter Luftstrom traf sie, als er die Tür öffnete. Joshs Rucksack landete auf ihrem Schoß.

„Kannst du den bitte nach hinten werfen?“, bat er.

Meredith öffnete ihren Sitzgurt und schob den Rucksack nach hinten zu ihrem eigenen.

„Ist etwas?“, erkundigte Josh sich, schaute ihr in die Augen und sprang in den Helikopter.

„Was soll sein? Ich habe bloß fast eine Stunde auf dich gewartet.“ Ihre Stimme klang unwillkürlich schrill. Verflixt, dachte sie, ich wollte doch gelassen bleiben. Jetzt höre ich mich schon an wie eine eifersüchtige Freundin.

„Tut mir leid. Mir ist etwas Geschäftliches dazwischengekommen.“

„War sie hübsch?“, fragte Meredith, ohne zu überlegen.

„Was sagtest du?“

Meredith blickte Josh in die Augen und dachte, dass er vor wenigen Minuten noch eine andere angeschaut hatte. Er sah so verteufelt gut aus. Mit dem Stoppelbart und dem zerwühlten Haar wirkte er verwegen und sexy. „Nichts, nichts“, versicherte sie hastig.

„Also dann.“ Munter rief er dem Piloten zu: „Auf geht’s!“

Als der Helikopter abhob, würde ihr flau im Magen. Sie konnte nicht entscheiden, ob es am Fliegen lag oder an der Aussicht auf das Kommende. Sie ließ sich auf einen Mann ein, den sie kaum kannte und den sie seit Jahren nicht gesehen hatte. Einen Mann, der ihr erster Liebhaber gewesen war.

„Woran denkst du gerade?“, wollte Josh wissen.

Meredith klappte ihr Handy auf. „An meine Arbeit.“

Josh kramte eine Tüte mit Karotten hervor und bot ihr eine an. Meredith schüttelte den Kopf und wandte sich mit ihrem Handy ab. Sie wählte die Nummer ihres Büros. Fast musste sie schreien, um das Knattern der Rotoren zu übertönen. „Was gibt’s Neues?“

Ihr Assistent berichtete, dass sie sich alle Mühe gegeben hatten, aber sie konnten den anderen Bieter für Dura-Snow nicht ausfindig machen.

Meredith vergaß, dass sie mit Josh zusammen und hoch in der Luft war, so sehr konzentrierte sie sich auf das anstehende Problem. „Weshalb denn nicht?“, forschte sie ungeduldig nach. Sie wollte ihren Assistenten nicht kritisieren, fragte sich aber, ob sie nicht mehr herausbekommen hätte.

„Sie müssen unbedingt in Erfahrung bringen, wer es ist“, rief sie und klappte das Handy zu.

„Probleme?“, fragte Josh. Er stopfte die leere Tüte in die Tasche und zog seine Handschuhe an.

„Damit werde ich schon fertig.“

„Ich bin ein guter Zuhörer“, bemerkte er. „Wenn du dich aussprechen möchtest …“

„Nein, danke“, erwiderte sie rasch. „Das interessiert dich bestimmt nicht.“

„Du würdest dich wundern, was mich alles interessiert. Außerdem habe ich das Wort Schnee aufgeschnappt.“

„Josh“, sagte sie schroff. „Es handelt sich um ein Produkt, nicht um den Wetterbericht.“

Er hob eine Augenbraue, und Meredith meinte, den Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht zu erkennen. Erneut drehte sie sich weg und klappte ihr Handy auf. Sie schaute aus dem Fenster. Der Helikopter überflog soeben eine Felswand. Vor ihnen lag nun der Bear Mountain, gewaltig und drohend.

Was tat sie hier eigentlich?

In diesem Moment hätte sie sich ohrfeigen können. Warum hatte sie sich auf diesen Unsinn eingelassen? Wäre es nicht einfacher gewesen, Carly aus der Schusslinie zu schaffen? Oder sie einfach im Schrankzimmer einzuschließen? Wieso musste sie, Meredith, in Begleitung eines playboyhaften Skilehrers hier in der Luft umherschaukeln?

Der Helikopter sackte in ein Luftloch, und Meredith prallte gegen Joshs Schulter. Er legte schützend einen Arm um sie. Wieder machte der Helikopter einen Satz. Meredith presste ihre Hände auf den Bauch. Sie hatte Angst, ihr könnte schlecht werden.

„Ruhig durchatmen“, riet Josh. „Nimm den Kopf zwischen die Knie.“

Unter anderen Umständen hätte die Vorstellung, sich neben einem gut aussehenden Mann zu übergeben, Meredith das Blut in den Kopf getrieben, doch jetzt war ihr das egal.

Josh massierte ihr den Rücken und sagte: „Gleich sind wir da, Prinzessin. Sei tapfer.“

Der Hubschrauber landete mit einem leichten Aufprall, und Meredith befürchtete, er würde glatt über die Kante schlittern. Josh hielt sie fest umschlungen, bis der Helikopter stand.

„Es ist ziemlich stürmisch“, bemerkte der Pilot von vorn. „Tut mir leid wegen des Geschaukels.“

Meredith schaffte es, den Kopf zu heben und zu erwidern: „Macht nichts.“

„Möchtest du umkehren?“, erkundigte sich Josh. „Du siehst elend aus.“

„Nein“, sagte sie entschieden. Der Vorschlag klang zwar verlockend, aber noch so einen unruhigen Flug würde sie momentan nicht aushalten. Außerdem wollte sie jetzt nicht kneifen.

„Alle Achtung.“ Josh klopfte ihr kameradschaftlich auf den Rücken. „Du bist aus dem richtigen Holz geschnitzt.“

Er sprang aus dem Helikopter und streckte ihr die Hand hin, um ihr herunterzuhelfen.

Meredith wehrte ab. „Das kann ich allein.“

Achselzuckend griff Josh nach seinem Rucksack.

Sofort bereute Meredith, dass sie seine Hilfe abgelehnt hatte. Weshalb gab sie sich stets so unabhängig? Vorsichtig kletterte sie hinaus. Josh hatte bereits seine Skier geschultert und ging los.

„Vergiss deine Sachen nicht“, rief er ihr zu.

Meredith drehte sich zum Helikopter um. Ihre Skier waren hinten verstaut, zusammen mit ihrem Rucksack. Sie würde noch einmal hinaufsteigen müssen.

Der Pilot konnte ihr nicht helfen, er musste am Steuer bleiben für den Fall, dass ein Windstoß kam. Plötzlich wurde ihr alles zu viel, sie wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Was war nur mit ihr los?

„Meredith.“ Josh stand plötzlich neben ihr. „Wenn du dich nicht stark genug fühlst, sollten wir wirklich umkehren.“

„Nein.“ Entnervt hob sie die Hände. „Mir geht es prima, in ein paar Minuten bin ich wieder fit.“

„Mir musst du nichts beweisen.“

„Das ist es nicht.“ Wütend sah sie ihn an. Sie war kein schwaches junges Ding – zwar keine Athletin, aber auch keine Memme.

Ohne ein weiteres Wort zwängte Josh sich an ihr vorbei und lud ihre Ausrüstung aus. Dann packte er ihr den Rucksack auf die Schultern.

„Danke“, sagte sie.

„Gehen wir.“

Josh trug Merediths Skier und Stiefel. Dazu nahm er seine eigenen Sachen. Als sie weit genug entfernt waren, gab er dem Piloten das Zeichen zum Start.

Meredith sah dem Helikopter nach, bis er hinter dem Berg verschwunden war. Plötzlich herrschte gespannte Stille. Sie standen auf dem Plateau an der Bergflanke, umgeben von schneebedeckten Gipfeln.

„Eindrucksvoll, nicht?“, meinte Josh. „Als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt.“

Meredith wich seinem Blick aus. Der Gedanke hatte nichts Tröstliches. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und klappte es auf, um nach aufgezeichneten Anrufen zu schauen.

„Meredith“, sagte Josh streng, „du solltest jetzt deine Skier anlegen.“

„Gleich.“

Sie wählte ihr Büro an und sprach mit einem Assistenten. Nachdem sie ein paar interne Angelegenheiten geklärt hatte, klappte sie das Handy zu und schob es in den Rucksack. Das kurze Gespräch gab ihr Sicherheit und die Gewissheit, dass sie nicht mehr die naive junge Frau war, die vor Jahren diese Pisten in Angriff genommen hatte.

Josh stand vor ihr. Seine kriegerisch gekreuzten Arme zeigten, dass ihm das Warten nicht behagte.

Egal, dachte sie, er hat mich auch warten lassen.

„Während der Abfahrt hast du vermutlich keinen Empfang“, bemerkte er. „Vielleicht ist es ganz gut, wenn du für eine Weile nicht an die Arbeit denkst.“

„Es wird nicht zu vermeiden sein“, erwiderte sie. „Ich stecke mitten in wichtigen Verhandlungen.“

„Warum bist du dann hier?“

„Weil … nun …“ Sie stockte. Wie sollte sie ihm erklären, dass er die Verhandlungen gefährdete?

„Meredith“, begann Josh leise. „Langsam frage ich mich, ob du nicht nur einen Vorwand gesucht hast, um noch einmal mit mir allein zu sein.“

Meredith warf den Kopf in den Nacken und lachte. Es klang gekünstelt. „Wirklich nicht.“

„Bestimmt?“

Wie konnte sie ihn nur vom Gegenteil überzeugen? „Mein momentaner Freund ist ein hervorragender Skiläufer.“ Die Lüge ging ihr glatt über die Lippen. „Wir wollen nächste Woche Urlaub machen, und ich fürchte, ich habe meine Fähigkeiten etwas übertrieben. Ich wollte eigentlich einen Crashkurs buchen, aber dann bin ich nicht mehr dazu gekommen.“

„Verstehe.“ Sein Blick war kühl. „Warum hast du gestern nichts von dem Skiurlaub gesagt?“

„Hätte das etwas geändert?“ Bleib ganz ruhig, befahl sie sich. „Außerdem geht es dich nichts an. Du bist mein Skilehrer, nicht mein Psychoberater.“ Oder mein Liebhaber, dachte sie. Dieses Mal hast du eine Schülerin, die deinem Charme widerstehen kann.

Josh beugte sich vor, auf die Skistöcke gestützt. „Wo liegt also das Problem?“

„Was meinst du damit?“

Er wies auf ihre Füße. Sie hatte weder die Stiefel angezogen noch die Skier angeschnallt. Meredith beeilte sich, beides nachzuholen. Dann richtete sie sich auf und trat neben Josh.

„Ich fahre ein Stück voraus“, erklärte er. „Du wartest hier, bis ich dir Bescheid gebe, dass du nachkommen kannst. Okay?“

Sie nickte und setzte ihre Skibrille auf.

Josh fuhr los. Meredith sah, dass er gut war. Er bewegte sich locker und elegant. Obwohl es bei ihm so leicht aussah, wusste sie, dass eine Abfahrt im Tiefschnee viel Kraft erforderte. Ein Stück weiter unten hielt er an und winkte ihr, damit sie in seiner Spur folgte.

Ihre Skier versanken fast im Pulverschnee. Meredith schluckte. Hatte sie sich womöglich zu viel zugetraut? Der Bear Mountain war ein schwieriges Gelände. Früher war sie gut in Form gewesen, doch nun war sie ziemlich aus der Übung.

Es half alles nichts. Der Helikopter war weg, sie musste den Berg hinunter.

Autor

Jackie Merritt
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