Bianca Extra Band 122

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EINE DOPPELDOSIS GLÜCK von TERI WILSON
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  • Erscheinungstag 02.05.2023
  • Bandnummer 122
  • ISBN / Artikelnummer 9783751516839
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Teri Wilson, Synithia Williams, Sabrina York, Shannon Stacey

BIANCA EXTRA BAND 122

1. KAPITEL

„Was soll das heißen, mein Kind bleibt zurück? Sie ist noch nicht mal vier!“ Ian Parsons spürte, dass er vor Ärger Kopfschmerzen bekam. Hochbegabte Kleinkinder? Sollte die Kita nicht vor allem Spaß machen?

„Ich glaube, Sie haben mich missverstanden.“ Marianne Foster, die Leiterin der Spring Forest Kindertagesstätte, blickte Ian von ihrer Seite des Schreibtischs aus gelassen an. Doch Ian fühlte sich trotzdem wie ein Teenager, der zum Direktor zitiert worden war, um von der Schule verwiesen zu werden.

„Wenn ich sage, dass Annie zurückbleibt, meine ich nicht schulisch. Ich meine in ihrer Entwicklung.“

Das klang natürlich gleich viel besser.

„In letzter Zeit hat sie sich sehr in sich zurückgezogen, und wenn sie spricht, dann nur in Babysprache.“ Die letzten beiden Wörter sprach Marianne flüsternd aus, als wären sie zu schrecklich, um sie laut zu sagen.

Ian rutschte auf seinem Stuhl herum. Er hatte das mit der Babysprache auch bemerkt. Aber war das wirklich so schlimm? Annie war erst dreieinhalb. Es war irgendwie niedlich. Und nach dem, was seine Zwillinge in ihren kurzen Leben schon durchgemacht hatten, war Babysprache oder Daumenlutschen doch wohl eine verständliche Reaktion.

In den ersten Monaten nach Serenas Tod hätte er sich oft genug am liebsten selbst wie ein Embryo auf dem Boden zusammengekrümmt. Er wusste nicht, inwiefern Babysprache seiner Tochter half – aber er war auch kein Psychologe, und er hatte nicht vor, irgendetwas zu unterbinden, das seine Tochter mit der Situation besser zurechtkommen ließ. Und darum ging es hier doch, oder? Bewältigungsstrategien. Ian hätte sich größere Sorgen gemacht, wenn Annie nach außen ihn gar keine Reaktion auf die Schwierigkeiten gezeigt hätte, mit denen ihre kleine Familie im letzten Jahr zu kämpfen gehabt hatte.

„Sie ist ja auch noch ein Baby“, erwiderte Ian und rückte seine Krawatte zurecht. „Ich werde sie gewiss nicht daran hindern, sich so auszudrücken, wie es für sie am tröstlichsten ist.“

Ganz genau, Ma’am. Ich bin ein verwitweter Vater von Zwillingsmädchen, der fünfzig Stunden in der Woche arbeitet und trotzdem noch Zeit findet, Elternratgeber zu lesen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Ohne sein Bücherregal voller Selbsthilfebücher hätte Ian keinen Schimmer, was er tun sollte. Und so richtig wusste er es, ehrlich gesagt, immer noch nicht.

Aber er versuchte es zumindest. Er gab sich Mühe, und er hatte genügend Bücher gelesen, um zu wissen, dass man Kinder bis zu vier Jahren mit dem Wort „Baby“ bezeichnen konnte.

Doch Marianne hob eine Augenbraue. „Ich will damit sagen, dass Ihre Tochter sich zurückentwickelt. Ehrlich gesagt ist das bei beiden der Fall. Gestern zum Beispiel hat Abby absichtlich einen Bauklotzturm umgestoßen, den ein anderes Kind gerade baute.“

„Und?“

„Und …“ Marianne stieß dramatisch den Atem aus. „… das andere Kind hat sich darüber ziemlich aufgeregt. Es gab Tränen.“

„Bei Ihnen klingt das, als wäre Abby ein kleiner Godzilla.“

Mariannes Augenbraue zuckte noch weiter nach oben. Wenn sie ihren Gesichtsausdruck nicht bald beherrschte, würde Ian die Geduld verlieren.

„Um auf Annie zurückzukommen …“, begann sie.

Zum Glück.

„Es scheint auch in ihrer Bewegungsfähigkeit einen Rückschritt zu geben.“

Ian blickte sie ausdruckslos an. Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, aber er wünschte sich, sie würde schneller reden und zum Punkt kommen – wenn es denn einen gab.

Er hatte nicht damit gerechnet, zur Leiterin bestellt zu werden, als er bei der Kita ankam, um seine Töchter abzuholen. Er wollte einfach nur nach Hause und etwas Normales tun. Etwas, das nicht angstbesetzt war, wie zum Beispiel Chicken Nuggets in Dinosaurierform zum Abendbrot servieren. Oder seinen Mädchen dabei zusehen, wie sie auf ihren pinkfarbenen Dreirädern in der Sackgasse in ihrem ruhigen, naturnahen Viertel Kingdom Creek herumkurvten.

„Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, dass Abby nicht mehr läuft, sondern wieder krabbelt?“, sagte Marianne und brachte damit seine Aufmerksamkeit wieder zum Thema zurück.

„Wie bitte?“, fragte er. „Nein.“

Das war doch nicht möglich. Es wäre ihm doch aufgefallen, wenn eine seiner Töchter wieder krabbelte. Sicher, Annie liebte es, so zu tun, als wäre sie ein Hund, und auf allen vieren zu gehen, aber war das nicht ein natürliches Spielverhalten für Kleinkinder? Schließlich gab es keine Hunde, die sich auf ihren Hinterläufen fortbewegten. Das wäre ihm auch verstörend erschienen – viel verstörender als eine Dreieinhalbjährige, die in Babysprache redete und gerne Hund spielte.

Marianne ignorierte seinen Einwand. So langsam glaubte Ian, dass die Leiterin dieser Kita eine Agenda verfolgte, und er wollte lieber gar nicht wissen, welche.

„Ich verstehe, dass die Dinge zu Hause schwierig waren. Es ist ganz normal, dass die Zwillinge darauf reagieren, aber wenn es nicht bald besser wird, müssen wir uns möglicherweise über Alternativen Gedanken machen.“

Ian erstarrte. „Sie denken nicht wirklich darüber nach, uns die Plätze zu kündigen, oder?“

Hatte die Frau den Verstand verloren? Es ging um Dreijährige. Und selbst, wenn Abby den Turm absichtlich zerstört hatte, war das noch lange kein Grund, die Zwillinge der Kita zu verweisen.

„Nein. Wir denken, dass Abby in der Gruppe immer noch gut klarkommt, aber es wäre gut, wenn Sie für Annie einen Platz finden könnten, wo sie die fachlich fundierte, individuelle Hilfe bekommt, die sie benötigt.“

„Sie wollen die Mädchen trennen? Auf gar keinen Fall.“

Ian umklammerte die Lehnen seines Stuhls so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.

Niemals. Abby und Annie hatten ihre Mutter verloren. Sie durften auf keinen Fall auch noch einander verlieren. Seine Zwillinge teilten alles. Sie würden niemals verstehen, warum sie in verschiedene Kitas gehen sollten.

Vermutlich drehte sich Serena gerade im Grab um. Ian hatte ihr auf dem Sterbebett versprochen, sein Bestes zu tun, um ihren Kindern eine glückliche Kindheit zu geben. Das hatte er geschworen. Und jetzt saß er hier, knapp ein Jahr nach Serenas Beerdigung, und war kurz davor, als Vater massiv zu scheitern.

Marianne verschränkte zierlich die Hände vor sich. Offenbar ließ Ians Ausbruch sie völlig kalt.

„Mr. Parsons, wir alle hier wollen nur das Beste für Annie, das versichere ich Ihnen.“

„Das Beste für sie ist es, sie nicht von ihrer Schwester zu trennen. Lieber nehme ich beide Mädchen aus dieser Kita.“

Ian stand auf. Dieses Gespräch führte zu nichts. Und wie um alles in der Welt sollte er das alles Elma erklären?

Seine Schwiegermutter meinte es gut, hatte aber wie die meisten Schwiegermütter sehr ausgeprägte Ansichten darüber, wie ihre Enkelinnen erzogen werden sollten. Seit Serenas Tod hatte sich das noch verstärkt. Wenn es nach ihr ginge, würden Annie und Abby an Wochentagen, wenn Ian arbeitete, bei ihr sein und im alten Kinderzimmer ihrer Mutter spielen. Serenas Kinderzimmer sah noch immer so aus wie damals, mit allen Rüschen und Spitzen. Nur das große Himmelbett hatte Elma durch zwei Einzelbetten für die Zwillinge ersetzt. Annie und Abbie fühlten sich dort wie zu Hause.

Für Ians Geschmack ein bisschen zu sehr. Er wusste, wie sehr Elma ihre Tochter vermisste, doch das gab ihr nicht das Recht, sie durch seine Töchter zu ersetzen. Es waren schließlich seine Kinder, und er wollte sie selbst großziehen. Serena hatte sich eine normale und glückliche Kindheit für sie gewünscht. Und glückliche, ausgeglichene Kinder hatten Freunde. Deshalb hatte Ian die beiden in der Kita angemeldet, wo sie mit anderen Kindern in ihrem Alter spielen konnten.

Ein wenig Abstand von seiner Schwiegermutter konnte dabei auch nicht schaden. Es war schwer, ein guter Vater zu sein, wenn er sich von Elma ständig beobachtet fühlte.

Umso schwerer wog das hier. Es war ernst. Wenn Elma erfuhr, dass Annie aus der Kita flog, war Ian geliefert.

„Mr. Parsons, bitte setzen Sie sich. Wir versuchen doch nur zu helfen.“

Wieder lächelte Marianne, doch ihre Augen verrieten etwas anderes. Sie strotzten vor Mitleid.

Ian schaute weg. Weder wollte noch brauchte er Mitleid – nicht für sich, und ganz bestimmt nicht für seine Töchter.

Sie waren kleine Kämpferinnen – stark, süß und widerstandsfähig. Waren sie perfekt? Natürlich nicht. Welches Kind war das schon? Aber er würde immer alles daransetzen, dass sie sie selbst sein konnten. Zur Hölle mit jedem, der damit ein Problem hatte.

Ian richtete den Blick wieder auf die Kita-Leiterin. „Vielen Dank für Ihre Sorge, aber Sie liegen völlig daneben. Mit Annie ist nichts verkehrt, was nicht durch ein wenig Geduld und Verständnis gelöst werden könnte. Aber vielleicht war es mein Fehler, das in dieser Kita zu erwarten.“

Damit drehte er sich auf dem Absatz um. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte. Dieses Kapitel war für ihn abgeschlossen – und vielleicht auch für seine Mädchen.

Rachel Gray stand vor der Tür des Büros ihrer Chefin in der Spring Forest Kita und hielt eine Plastikwanne mit Buchstabenwürfeln an sich gedrückt, während sie überlegte, ob sie reingehen oder sich aus dem Staub machen sollte.

Als Rachel erfahren hatte, dass Marianne sie in ihrem Büro sehen wollte, hatte sie angenommen, dass es um ihre Arbeitspapiere ging. Das hatte sie so nervös gemacht, dass sie ganz vergessen hatte, die Spielsachen wegzustellen, die sie gerade aufgeräumt hatte, als sie gerufen worden war. Jetzt stand sie hier und hielt die Wanne mit Bauklötzen wie einen Schutzschild vor sich.

Aber vielleicht ging es gar nicht um ihre Bewerbung oder ihre Steuerkarte. Am Vormittag hatte Rachel erwähnt, dass Annie Parsons noch in sich gekehrter und stiller wirkte als sonst, und jetzt hatte Marianne offenbar gerade ein ernstes Gespräch mit dem Vater der Kleinen. Wollte sie, dass Rachel am Gespräch teilnahm, um sie zu unterstützen?

Nein, bestimmt nicht. Rachel wandte sich zum Gehen.

Sie arbeitete gerade mal zwei Wochen hier, und sie war nur eine Hilfskraft. Einem erregten Vater war sie gewiss nicht gewachsen. Schon bei dem Gedanken daran bekam sie Magenschmerzen.

Doch bevor Rachel sich verdrücken konnte, stürmte Ian Parsons aus Mariannes Büro und streifte dabei die Plastikwanne in Rachels Händen. Sie rutschte ihr weg und drehte sich in der Luft. Bauklötze verteilten sich in allen Richtungen. Eine Lawine von Buchstabenwürfeln.

„Ach du liebe Güte.“

Rachel hob erschrocken die Hände, während Ian Parsons knallrot wurde. „Es tut mir so leid.“

Sie ging in die Hocke und sammelte so viele Bauklötze ein, wie sie erreichen konnte. Warum musste ihr das Herz dabei nur bis zum Hals schlagen?

Er ist ein völlig Fremder. Du bist an einem öffentlichen Ort. Er kann dir nichts tun.

Ian ragte mit seinen eins fünfundachtzig wie ein Turm über ihr auf und strahlte pure Frustration aus.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“

Rachel schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut. Es war meine Schuld.“

Doch er hockte schon neben ihr, hob Bausteine auf und warf sie in die Wanne. Rachel hätte das lieber allein erledigt. Hauptsache, er ging und ließ sie allein. Doch so viel Glück hatte sie offensichtlich nicht.

„Ich nehme an, Sie haben mitbekommen, was da drin vor sich ging“, sagte er und machte eine Kopfbewegung zu Mariannes Bürotür hin.

Rachel hörte, dass er nicht mehr so aufgebracht klang. Sie blickte auf und sah ihn an.

„Es war nicht meine Absicht zu lauschen.“ Sie schluckte schwer. Er hatte eine sehr ungewöhnliche Augenfarbe – hellbraun mit goldenen Sprenkeln. Warm, wie Bernstein oder Honig. Eigentlich war er ganz attraktiv, doch Rachel mochte die Ader nicht, die wegen seines Ärgers an seiner Stirn hervortrat.

„Vermutlich konnte man auch hier draußen alles deutlich verstehen.“ Einer seiner Mundwinkel hob sich ein wenig.

„Nun ja, Sie waren ziemlich …“ Rachel räusperte sich. „… leidenschaftlich.“

Das klang besser als abwehrend und entrüstet, oder?

Warum sie versuchte, die Tatsachen schönzureden, wusste Rachel selbst nicht. Sie mochte Menschen nicht, die sich aufspielten und die Stimme erhoben. Schon gar nicht, wenn es Männer waren.

Doch dann hielt Ian Parsons in seinen Bewegungen inne und starrte nur auf die Bausteine in seiner Hand. Zwei rote „A“s waren in die Steine eingraviert.

Annie und Abby.

Er schluckte, und Rachel folgte der Bewegung seiner Kehle mit dem Blick. So langsam schien der Kampfgeist ihn zu verlassen und es blieb etwas anderes zurück. Etwas, das unmittelbarer und verletzlicher wirkte.

Rachel bewegte sich leise und legte die aufgehobenen Bausteine sanft in die Wanne. Ian in diesem persönlichen Moment so nah zu sein, fühlte sich übergriffiger an, als durch die geschlossene Tür seinem Streit mit Marianne zuzuhören.

Nachdem alle Steine wieder in der Wanne lagen, wartete sie kurz und nahm ihm dann sanft die beiden A-Klötze aus der Hand. Aus irgendeinem lächerlichen Grund hatte sie dabei einen Kloß im Hals.

Ians Blick blieb an der Stelle hängen, wo ihre Fingerspitzen seine Haut gestreift hatten, und er runzelte ein wenig die Stirn. Dann blinzelte er, hob die Wanne mit den Bauklötzen hoch und stand auf.

Auch Rachel richtete sich auf und streckte die Hände aus. Er schien jedoch nicht vorzuhaben, ihr die Wanne zu überreichen.

„Ich habe Sie hier noch nie gesehen“, sagte er.

„Ich bin neu.“ Sie verschränkte die Arme vor dem Bauch. Warum wusste sie nur nie, was sie mit ihren Händen anfangen sollte? „Ich heiße Rachel Gray. Ich habe vor zwei Wochen hier als pädagogische Hilfskraft in der Kita-Gruppe angefangen.“

„Kennen Sie meine Töchter?“ Er blickte sie so eindringlich an, dass ihr fast schwindelig wurde. „Abby und Annie Parsons? Sie sind in der Kita-Gruppe. Eineiige Zwillinge mit blonden Zöpfen, die meist schief sitzen.“

Rachel lächelte. „Ja, ich kenne Abby und Annie.“

„Und, was denken Sie?“

„Über die Zöpfe?“ Sie lachte leise auf. „Zu süß.“

Wieder deutete er ein Lächeln an. Wenn Rachel nicht gerade zufällig auf seinen Mund geschaut hätte, hätte sie es glatt übersehen.

Und warum schaute sie auf seinen Mund?

„Nein, nicht die Zöpfe. Wie denken Sie über ihr Verhalten? Sind Sie derselben Meinung wie die Leiterin?“

Seine plötzlich hochgezogenen Augenbrauen wirkten wie eine Herausforderung.

Herrje.

Rachel wollte sich auf keinen Fall in einen Streit einmischen, der mit ihr gar nichts zu tun hatte – zumal Ian gerade wutentbrannt aus Mariannes Büro gestürmt war und sie fast umgerannt hätte. Doch jetzt schien er sich ein wenig beruhigt zu haben. Als er die beiden A-Blöcke angestarrt hatte, hatte er eher traurig gewirkt.

Er fragte sie nach ihrer Meinung, mehr nicht. Was für eine Verhaltenstherapeutin für Kinder wäre sie, wenn sie nicht versuchen würde, ihm zu helfen? Natürlich wusste er nicht, dass sie eine Kindertherapeutin war, aber dennoch …

„Ehrlich gesagt verstehe ich, worauf Marianne hinauswill. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass Annie der Gruppe verwiesen werden sollte, aber ich habe auch einen Rückschritt in ihrer Entwicklung beobachtet, der mir Sorgen macht.“ Sie stockte, um Atem zu holen. So winzig Ian Parsons’ Lächeln gewesen war, jetzt war es gänzlich verschwunden. „Das meiste davon scheinen Verhaltensweisen zur Selbstberuhigung zu sein, wie zum Beispiel das Vor- und Zurückschaukeln beim Vorlesen oder das Daumenlutschen. Einige Kinder gewöhnen sich das mit der Zeit selbst ab, aber andere nicht.“

„Und Sie denken, dass Annie zur zweiten Gruppe gehört“, sagte Ian barsch.

Rachel zwang sich, die Schultern durchzudrücken und ihn direkt anzublicken. „Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber gedacht.“

Sie atmete tief durch. „Mr. Parsons, es spielt keine Rolle, was ich denke. Was zählt, ist nur, wie wir damit umgehen.“

Wir.

Rachel hatte „wir“ gesagt, als wären sie, ihre Chefin und dieser ungeduldige, aufgebrachte Mann eine Art Team – was sie eindeutig nicht waren. Und das war auch gut so. Sie war sich nicht sicher, ob sie zu einem Team gehören wollte, das auch Ian Parsons umfasste.

Aber sie machte sich Sorgen um seine Tochter, ob er das glaubte oder nicht. Also sprach sie weiter, selbst wenn sie das Gefühl hatte, plötzlich vor einer Mauer zu stehen.

Eine Mauer mit wunderschönen, gefühlvollen Augen und einer erstaunlich ausgeprägten Kinnlinie, aber eben eine Mauer.

Hör doch auf, an sein Aussehen zu denken. Sein athletischer Körperbau und sein Jähzorn sind das Problem seiner Frau, nicht deins.

„Es gibt Möglichkeiten, Annie zu helfen, ihr Schneckenhaus zu verlassen, und ihr Strategien an die Hand zu geben, mit den Dingen fertigzuwerden, die sie offenbar belasten und dieses Verhalten hervorrufen. Ich habe schon mit Kindern gearbeitet, die diese Art von Problemen hatten.“ Sie hob das Kinn. „Ich denke, ich kann helfen.“

Kühl und nicht besonders überzeugt blickte er sie an. „Ach ja?“

„Allerdings“ sagte sie und streckte erneut die Arme aus, um ihm die Plastikwanne abzunehmen. Und vielleicht ein wenig von der Last, die er entweder nicht tragen konnte oder wollte.

Er überreichte ihr die Wanne, ließ aber nicht durchblicken, ob er ihr Angebot ernst nahm.

Rachel hätte erleichtert sein müssen, doch stattdessen spürte sie unvernünftigerweise einen Anflug von Enttäuschung.

Was tat sie nur? Sie war nach Spring Forest gekommen, weil sie Ruhe und Frieden suchte. Ein nettes, normales Leben. Ein sicheres Leben. Zumindest zeitweise, bis sie wusste, wie es weitergehen sollte. Und jetzt war sie dabei, sich erneut in die Höhle eines Löwen zu begeben. Freiwillig.

Doch der Löwe hatte andere Ideen.

„Bei allem Respekt, ich denke, dass ich meine Töchter und ‚die Dinge, die sie offenbar belasten‘, besser kenne als sie“, stieß er hervor.

Er unterließ es, die Wörter, mit denen er sie nachäffte, in angedeutete Anführungszeichen zu setzen, aber das war auch nicht nötig. Sie hörte seine Verachtung auch so.

„Einen schönen Tag noch, Miss Gray“, sagte er und stapfte dann davon.

Und Rachel wünschte sich, sie könnte die Wanne mit den Bauklötzen noch einmal ausleeren – diesmal direkt über seinen störrischen Kopf.

2. KAPITEL

Ians Fantasie, die Kinder mit ihren Dreirädern herumfahren zu lassen und ihnen dann Dinosaurier zum Abendessen zu servieren, löste sich in Luft auf, sobald er mit dem Minivan in die schattige Sackgasse des Kingdom Creek Circle einbog.

Auf der Einfahrt stand Elmas Auto, und sie saß nicht hinter dem Steuer. Was bedeutete, dass sie ihren Notfallschlüssel benutzt hatte, um sich ganz ohne Not selbst ins Haus zu lassen. Na toll.

Er parkte neben dem Wagen seiner Schwiegermutter, stellte den Motor ab und versuchte, dem Drang zu widerstehen, den Kopf wiederholt aufs Lenkrad zu knallen.

„Gammy hier“, sagte Abby, deutete auf Elmas Auto und trommelte mit den Füßen gegen den Vordersitz.

„Richtig. Ist das nicht schön?“ Ian blickte im Rückspiegel zu Annie. „Nicht wahr, Süße?“

Ihr Blick traf seinen, und sie lächelte leicht, aber sie sagte nichts.

Ians Herz war schwer, als er aus dem Auto stieg. Und gleichzeitig schalt er sich einen Idioten, weil das Geschwätz einer überreagierenden Kita-Leiterin ihm so zu schaffen machte. Würde das jetzt so bleiben? Würde er alles, was seine Töchter taten oder sagten, analysieren?

Nein. Ruckartig öffnete er die hintere Tür. Nein, das würde er nicht tun. Abby und Annie ging es gut, genau, wie er es Marianne und dieser neugierigen Hilfskraft Rachel Gray gesagt hatte.

„Gam-my, Gam-my“, sang Abby in einer süßen Singsang-Stimme, während er sie aus dem Kindersitz befreite. Wieder blickte er hoffnungsvoll zu Annie hinüber, doch sie stimmte nicht ein.

Schuldgefühle machten sich in ihm breit, als er Annie auf den Arm nahm und auf den Scheitel küsste.

„Schon gut, Kleines. Stille Wasser sind tief und so.“

Annie blickte aus ihren großen blauen Augen zu ihm auf und runzelte leicht die Stirn, während Abby zur Haustür vorauslief.

„Alles gut“, sagte er leise und drückte Annie an sich. „Es ist alles gut.“

Doch selbst er hörte den leicht zweifelnden Unterton in seiner Stimme, und er hasste sich dafür.

„Ich habe einen Thunfisch-Auflauf und zwei Sorten überbackene Nudeln gemacht.“

Elma begrüßte Ian mit ihren drei Gerichten, sobald er durch die Tür war. „Was wollt ihr heute essen? Die anderen beiden kann ich für die nächsten Tage in den Kühlschrank stellen.“

„Gammy!“ Abby umschlang eines von Elmas Beinen.

Elma strahlte. „Hallo, meine Süße. Ja, Gammy ist jetzt da.“

Ian setzte Annie ab, um die Schüsseln entgegenzunehmen und in die Küche zu bringen. Unwillkürlich nahm er wahr, dass Annies Begrüßung für ihre Großmutter weitaus weniger begeistert war.

„Wie war das?“ Elma hielt eine Hand an ihr Ohr. „Hast du gesagt, dass ich zum Essen bleiben soll?“

Annie hatte nichts dergleichen gesagt. Im Gegenteil, sie hatte kein einziges Wort gesprochen, seit er nach dem Gespräch mit Rachel Gray in den Gruppenraum der Kita gestürmt war, sich zu einem Lächeln gezwungen und seine Kinder mitgenommen hatte.

Jetzt spürte er Annies Schweigen fast körperlich. Er versuchte sich zu erinnern, ob sie immer schon so still gewesen war, wenn er sie abholte, und er es nur nicht bemerkt hatte. Abby war von Anfang an eine Plaudertasche gewesen. Konnte es sein, dass ihr ständiges Gebrabbel alles andere übertönte, sodass er gar nicht bemerkt hatte, dass es ein echtes Problem gab?

„Bleib, Gammy! Bleib!“ Abby hüpfte mit fliegenden Zöpfen auf und ab.

Schließlich stimmte Annie ein, wenn auch weniger laut. Sie nahm Abby an die Hand, und die beiden rannten um Elma herum, die sehr zufrieden aussah.

Ian schenkte sie ein triumphierendes Lächeln. „Die Mädchen wollen, dass ich bleibe. Soll ich?“

Hatte er eine Wahl?

„Natürlich, Elma. Wir würden uns sehr freuen, wenn du mit uns isst.“

Er unterdrückte ein Seufzen und ging in die Küche, um endlich die Schüsseln und Auflaufformen abzustellen.

Ich muss ihr den Notfallschlüssel wieder abnehmen.

„Ich decke den Tisch“, sagte Elma, als sie sich in Richtung Esszimmer an ihm vorbeidrängte.

Ian und die Mädchen aßen zu dritt nie im Esszimmer. Er hatte den polierten Mahagonitisch schon nicht sonderlich gemocht, als Serena ihn in einem Antiquitätenladen in Raleigh entdeckt hatte, kurz nachdem sie das Haus in Kingdom Creek gekauft hatten.

Doch nachdem er nach der Beerdigung seiner Frau mit all den vorgekochten Gerichten vollgestellt gewesen war, die die Nachbarn vorbeigebracht hatten, konnte er ihn nicht mehr ausstehen.

Er stellte die Schüsseln auf die Arbeitsplatte.

„Die Mädchen waschen sich die Hände. Ich habe es ihnen beigebracht, weißt du. Sie lieben diesen kleinen Giraffentritt, den ich ihnen gekauft habe, damit sie ans Waschbecken kommen“, sagte Elma, als sie in die Küche kam. Dann blickte sie ihn prüfend an. „Du siehst schrecklich müde aus, Ian.“

Du hast ja keine Ahnung.

„Soll ich nach dem Essen noch bleiben und die Mädchen baden, damit du dich etwas ausruhen kannst?“, fragte sie und öffnete einen Küchenschrank, um zwei Porzellanteller und die beiden Plastikteller der Mädchen herauszuholen.

„Das schaffe ich schon“, sagte er.

„Sicher? Es macht mir nichts aus.“

Ians Kopfschmerz verstärkte sich. Er hatte wirklich Mitgefühl für Elma. Serena war ein Einzelkind gewesen, der ganze Stolz ihrer Eltern. Ihr Vater war gestorben, als sie auf dem College war. Danach war Serena für Elma ihr Ein und Alles gewesen.

Und dann waren die Zwillinge auf die Welt gekommen. Elma war von Anfang an in sie vernarrt gewesen, doch jetzt schien sie sie mehr und mehr vereinnahmen zu wollen. Vom Verstand her wusste Ian natürlich, dass es einfach ihr Weg war, mit dem Verlust ihrer geliebten Tochter umzugehen.

Doch es war schwer für ihn, ihre Einmischung nicht persönlich zu nehmen – als ob sie es ihm nicht zutraue, sich selbst um seine Töchter zu kümmern. Und in diesem Punkt war er umso empfindlicher, weil er eben selbst manchmal an sich zweifelte. Auch wenn er sich noch so große Mühe gab, er hatte das Gefühl, nicht genug zu tun.

Immer mal wieder hatte er das beunruhigende Gefühl, dass Elma ihm die Kinder wegnehmen wollte, dass sie heimlich dachte, sie wären bei ihr besser aufgehoben als bei ihm. Und manchmal, in seinen schlimmsten Stunden, stimmte er ihr da sogar zu.

An Tagen wie diesem zum Beispiel.

„Ich sagte, dass ich es schaffe“, wiederholte er ein wenig zu schroff. Ein wenig zu laut.

Elma schnaubte, und Ian sank in sich zusammen.

Er musste wirklich damit aufhören, Menschen so anzufahren. Früher war Ian niemals unhöflich gewesen. Aber in letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer, sein Temperament zu zügeln, wenn es um die kleinen Probleme des Lebens ging. Wenn etwas Größeres passierte – wie Annies drohender Verweis aus der Kita –, wurde ihm alles zu viel.

Du musst nicht alles allein machen. Jemand hat gerade versucht, dir zu helfen.

Rachel Gray hatte ihn furchtlos angeblickt und ihm das Kostbarste angeboten, das es gab – Hoffnung. Doch er hatte sie ausgelacht.

„Tut mir leid“, sagte er leise. „Es war ein langer Tag, und ich freue mich darauf, die Kinder zu baden und fürs Bett fertig zu machen. Vielleicht ein andermal.“

„Ich verstehe“, sagte Elma in einem Tonfall, der zeigte, dass sie gar nichts verstand. „Wir sollten wohl besser den Auflauf für heute in den Ofen stellen. Die Zwillinge haben sicher Hunger.“

Sie streckte die Hand aus, um den Ofen einzuschalten. „Der Thunfisch hat das meiste Protein, aber die Kinder hatten diese Woche bestimmt schon ein paar Mal Fischstäbchen.“

Richtig. Warum kam ihm das plötzlich wie ein Verbrechen vor?

„Sie lieben die überbackenen Nudeln mit Hühnchen“, bemerkte Elma.

Ian hasste dieses Gericht. Die Zwillinge mochten es tatsächlich, doch sie machten immer eine große Schweinerei, wenn sie es aßen. Doch er hatte schon wegen des Badens ein Machtwort gesprochen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass er Elmas Wünschen besser nicht zu oft widersprach.

„Dann also Nudelauflauf mit Hühnchen.“ Er lächelte, doch es war nicht echt.

Als er den Auflauf in den Ofen schob, fragte er sich unwillkürlich, was es wohl bei Rachel Gray zum Abendessen gab. Keine Ahnung warum, aber er hatte das Gefühl, sie würde Chicken Nuggets in Dinosaurierform mögen … Solange sie es nicht in seiner Gesellschaft tun musste. Und dafür konnte er nur sich selbst die Schuld geben.

Rachel gähnte, als sie am nächsten Morgen mit ihrem alten Fahrrad zur Spring Forest Kindertagesstätte radelte. Zum Glück lag die Kita nicht zu weit von dem Aparthotel entfernt, in dem sie zurzeit wohnte. Ihr Budget war zu klein für ein Auto, und bis jetzt reichte ihr bescheidenes Gehalt von der Kita auch nicht dafür aus, aus dem Hotel, das Langzeitmieten anbot, in ein kleines Haus oder auch nur eine eigene Wohnung zu ziehen.

Nicht, dass sie sich beklagen wollte. Sie liebte ihr neues Leben in Spring Forest. Verglichen mit ihrem alten Leben in Virginia war das in North Carolina ein Kinderspiel.

Doch heute Morgen war sie nicht in Bestform. Sie hatte in der letzten Nacht kaum ein Auge zugetan, und wenn sie doch kurz eingedöst war, war Ian Parsons in ihren Träumen herumgespukt. Düster. Melancholisch. Furcht einflößend. Und viel zu attraktiv.

Rachel stieg vom Rad und schloss es mit einer Kette an dem Fahrradständer vor der Kita an. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, dass in dieser ruhigen Kleinstadt jemand das Rad stehlen würde, aber den Fehler, zu naiv und vertrauensselig zu sein, würde sie nicht noch einmal machen. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, lieber zu vorsichtig zu sein.

Was vermutlich der Grund dafür war, dass alle Alarmglocken in ihr läuteten, als sie sich umdrehte und ausgerechnet Ian auf sie zukommen sah. Seine süßen Zwillinge waren bei ihm.

Seine Erscheinung hatte an sich nichts Bedrohliches an sich. Er trug einen Anzug mit einem weißen Hemd und eine Seidenkrawatte, die aussah, als wäre sie teuer gewesen. Doch sein etwas zerzaustes Haar und ein kleiner Fleck Rasierschaum neben seinem Ohr ließen ihn zugänglicher wirken, geradezu jungenhaft, und ihr Herzschlag beschleunigte sich ein wenig.

Oder vielleicht lag das auch an Annie und Abby, die Ian an jeder Hand hielt und die in ihrer freien Hand kleine Wildblumensträuße umklammerten, die frisch gepflückt aussahen. Sie trugen dieselben Blumenkleidchen, und ihre Zöpfe waren wie immer etwas schief.

Die Mädchen waren wirklich zu süß. Jeder würde bei ihrem Anblick Herzklopfen bekommen. Ian war da nur Beiwerk.

Ja, red dir das nur schön ein.

Rachel wandte sich ab, um zu verbergen, dass sie rot geworden war, und fummelte an ihrem Fahrradschloss herum. Wenn sie das lange genug machte, ließ sich vielleicht der erneuten Begegnung mit dem reizbarsten Vater der Kita aus dem Weg gehen. Möglich war alles, oder? Bis gestern hatte sie schließlich jegliche Interaktion mit dem Mann komplett vermieden.

Doch nach ein paar Sekunden räusperte sich hinter ihr jemand. Ein sehr männliches Räuspern, gefolgt von einer rauen Stimme, die sie innerlich vibrieren ließ.

„Guten Morgen, Miss Gray.“

So viel also zu dem Versuch, sich unsichtbar zu machen.

Sie drückte die Schultern durch und drehte sich um. Die Mädchen waren fort. Vor ihr stand nur er mit seiner schicken Krawatte, dem kleinen Fleck Rasierschaum und den beiden Wildblumensträußen – einem in jeder Hand.

„Guten Morgen, Mr. Parsons“, erwiderte sie, so kühl sie konnte. „Ich habe Sie gar nicht gesehen.“

Er hob eine Augenbraue. „Nein? Nicht mal, als Sie mich direkt angeblickt und sich dann umgedreht haben, um Ihr Rad anzuschließen?“ Er blickte zweifelnd zu dem Schloss. „Zum zweiten Mal.“

Erwischt. „Man kann nicht zu vorsichtig sein“, sagte sie und versuchte, sich auf seine Krawatte oder die bunten Sträuße zu konzentrieren. Hauptsache, sie blickte nicht in seine bernsteinfarbenen Augen.

„Vorsichtig? So nennen wir das?“

„Ja“, erwiderte Rachel steif.

Was war verkehrt daran, vorsichtig zu sein? Sie hatte in ihrem Leben bereits genug Fehler gemacht. Vorsichtig war ihr neues Lieblingswort.

„Ich dachte schon, Sie wollten mir aus dem Weg gehen“, sagte Ian mit einem einseitigen Schulterzucken. „Nicht, dass ich es Ihnen verdenken könnte.“

Seine Offenheit überraschte sie, und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Weder wollte sie ihm seine Schroffheit vom Vortag so rasch verzeihen, noch wollte sie dieses unangenehme Gespräch wieder aufnehmen. Zwei Mal hatte sie jetzt beobachtet, wie sich seine Stimmung innerhalb von Sekunden veränderte. Auf keinen Fall würde sie dieser neuen, charmanten Version von Ian Parsons vertrauen.

Ach, jetzt hältst du diesen reizbaren Vater also für charmant?

„Die sind für Sie.“ Er streckte ihr einen der Sträuße hin. „Ich weiß, die sind nichts Besonderes. Die Mädchen haben mir heute früh geholfen, sie zu pflücken.“

Rachel gab sich große Mühe, unbeeindruckt zu wirken, doch innerlich schmolz sie dahin. Der Gedanke, dass Ian Parsons und seine Zwillinge am frühen Morgen Blumen für sie pflückten, war einfach zu süß.

„Danke. Sie sind wunderschön.“

Sie nahm den Strauß entgegen, und sofort stieg ihr der verführerische Duft von rosa Wandelröschen und violetten Glockenblumen in die Nase.

Wann hatte ihr das letzte Mal jemand Blumen geschenkt? Sie konnte sich nicht erinnern.

„Der andere Strauß ist für Ihre Chefin“, sagte Ian seufzend. „Ich fürchte aber fast, dass er nicht ausreichen wird, sie davon zu überzeugen, Annie nicht der Kita zu verweisen. Aber versuchen kann ich es ja mal.“

„Ich bin sicher, dass Marianne der Strauß gefällt“, sagte Rachel, womit sie Ians andere Sorge geschickt umging.

Denk dran, es geht dich nichts an. Das hat Ian dir ja schon deutlich gesagt.

Doch dann blickte er sie eindringlich an, und sein Gesichtsausdruck wurde weicher und weniger verschlossen. „Gestern haben Sie gesagt, dass Sie Annie helfen könnten?“

Rachel wusste, dass das der Moment war, wo sie besser den Kopf schüttelte und wegging. Doch das konnte sie einfach nicht. Nicht, wenn ein Kind Hilfe brauchte – Hilfe, die sie ihm geben konnte.

„Ja, das habe ich gesagt. Ich frage mich nur, wo wir stehen. Gestern waren Sie …“

„Gestern war ich ein Idiot“, beendete er ihren Satz. „Und dann sind wir nach Hause gefahren, und mir wurde plötzlich bewusst, dass Annie den ganzen Abend kaum einen Ton gesagt hat.“

Rachel war nicht überrascht. Leider.

„Ich kann gar nicht fassen, dass mir das nicht früher aufgefallen ist. Abby war schon immer die Kontaktfreudigere, aber jetzt scheint Annie sich geradezu hinter ihr zu verstecken. Sie spielen gern ein Spiel, wo sie so tun, als wären sie das Lieblingstier der anderen. Schon ewig, ich weiß gar nicht mehr, wann das angefangen hat. Abby ist immer eine Katze und Annie immer ein Hund. Doch gestern Abend fiel mir auf, dass Annie nicht mal mehr bellt. Das ist schlimm, oder? Kleinkinder sollten reden. Und Hunde sollten bellen.“

Rachel nickte. „Offenbar stellen Sie dieselben Dinge fest, die uns auch schon in der Kita aufgefallen sind. Natürlich sollte man das nicht ignorieren, aber es ist auch kein Weltuntergang. So etwas passiert bei Zwillingen oft. Manchmal übernimmt ein Zwilling das Reden und die Kontaktaufnahme mit anderen, und der schüchterne Zwilling lässt das zu – besonders, wenn er emotionale Probleme hat.“

Er nickte. „Ich denke, das ist es, was gerade passiert. Und Sie sind sicher, dass es kein Weltuntergang ist? Man kann das wieder hinkriegen, ohne Annie aus der Kita zu nehmen und von ihrer Schwester zu trennen? Denn ich sage Ihnen, wenn Abby und Annie getrennt werden, wird das ein Weltuntergang sein. Für beide.“

Rachel nickte. „Ich verstehe. Aber ich denke, dass eine Einzelbetreuung von Annie außerhalb der Gruppe wichtig wäre. Im Moment lässt sie Abby alles für sie tun. Ich könnte Ihnen ein paar Übungen zeigen, die Sie und Ihre Frau zu Hause mit Annie machen könnten.“

Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich, und er stieß langsam den Atem aus. „Wow, Sie sind wirklich neu hier, oder?“

Rachel blinzelte. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Meine Frau ist gestorben. Die Mädchen und ich sind alleine.“

„Oh.“ Rachels Hals wurde eng. Warum hatte sie das nicht geahnt? „Das tut mir sehr leid.“

„Danke, aber ehrlich gesagt brauche ich nicht Ihr Mitleid, Miss Gray. Ich brauche Hilfe für meine Tochter.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und bemühte sich, jede Spur von Mitleid aus ihrem Gesichtsausdruck zu verbannen, wenn das auch vermutlich vergeblich war. Rachel hatte ihre Mutter verloren, als sie noch ein Baby war. Sie fühlte mehr mit Abby und Annie, als Ian auch nur ahnen konnte.

„Könnten Sie das für mich tun? Ich bezahle Sie auch großzügig.“

Ian trat auf sie zu, und erneut fiel Rachel die Spur Rasierschaum ins Auge. Der Impuls, die Hand auszustrecken und ihn wegzuwischen, war fast übermächtig.

„Können Sie uns helfen?“

Sag Nein. Hier ist die Katastrophe doch vorprogrammiert. Du musst endlich mal an dich selbst denken, statt dich mit den Problemen anderer zu beschäftigen. Du musst dich um dich selbst kümmern, mehr als je zuvor.

Rachel lächelte und betrachtete die Blumen in ihrer Hand.

„Ja, natürlich helfe ich Ihnen.“

3. KAPITEL

Um genau halb sieben klingelte es an diesem Abend bei Ian an der Tür – die ausgemachte Zeit für Rachels Besuch. Er hatte gerade genug Zeit gehabt, die Kinder von der Kita abzuholen, sie zu baden und umzuziehen und eine Pizza zu bestellen, bevor er seine Krawatte lockerte und zur Tür ging.

Das hier war eine Art Geschäftstreffen. Ein wichtiges Treffen. Aber sie mussten ja trotzdem was essen, und Rachel vermutlich auch.

Er hatte vergessen, wie das Leben ohne Kinder war. Rachel musste bei der Zubereitung des Abendessens nicht gleichzeitig zwei Kleinkinder betreuen. Also hatte sie nach der Arbeit vielleicht schon Zeit gehabt, in Ruhe etwas zu essen,

Und warum denkst du plötzlich über Rachel Grays Essgewohnheiten nach?

Ian atmete tief durch. Er war nervös und wusste nicht mal genau warum.

Natürlich, weil er sich Sorgen um Annie machte – das war die einzige vernünftige Erklärung. Warum sonst hätte er das Gefühl haben sollen, seinen eigenen Herzschlag zu hören?

Er öffnete die Tür, und die Enttäuschung, die ihn überkam, als er Elma vor sich stehen sah, deutete darauf hin, dass seine Nervosität vielleicht doch nicht nur Annie geschuldet war.

„Elma. Du bringst Abendessen.“ Er blickte auf die Auflaufform, die sie hielt, und seufzte. „Schon wieder.“

„Natürlich. Es macht mir nichts aus, dir zur Hand zu gehen. Wirklich nicht. Ich weiß, wie viel du um die Ohren hast. Und wie du siehst, habe ich nicht meinen Schlüssel benutzt.“

Bildete er sich das nur ein, oder wirkte ihr Lächeln ein wenig unterkühlt?

„Wie du es dir erbeten hast, habe ich an der Tür geklingelt, als wäre ich eine Fremde.“

Also keine Einbildung.

Vielleicht hätte er sie nicht auf den Schlüssel ansprechen sollen. Aber nachdem er gegen seinen Willen einen Teller Nudelauflauf gegessen und um sein Recht gekämpft hatte, seine Kinder selbst ins Bett zu bringen, hatte er es schließlich nicht mehr ausgehalten und sie gebeten, sich nicht mehr selbst ins Haus zu lassen. Immerhin hatte er sie nicht gebeten, ihm den Schlüssel auszuhändigen.

„Du bist doch keine Fremde für uns, Elma“, sagte er und machte die Tür weit auf.

Mit Tränen in den Augen ging sie an ihm vorbei.

„Nun ja, ich mache mir eben Sorgen. Großeltern haben vor dem Gesetz keinerlei Rechte. Wusstest du das? Überhaupt keine. Du könntest einfach deine Sachen packen und mit Abby und Annie ans andere Ende des Landes ziehen. Sogar ans andere Ende der Welt. Und ich könnte nichts dagegen machen. Was würde dann aus mir? Du und die Zwillinge seid die einzige Familie, die ich noch habe, Ian. Darüber denkst du vermutlich nicht oft nach.“

Oh doch, ständig. Es blieb ihm ja gar nichts anderes übrig, da Elma ihn dauernd daran erinnerte.

„Niemand zieht hier weg, Elma, das verspreche ich dir.“

„Na, das beruhigt mich etwas. Serena würde nicht wollen …“

Elma unterbrach sich unvermittelt, als sie über Ians Schulter nach draußen blickte. „Hallo, junge Frau. Können wir Ihnen irgendwie helfen?“

Ian wandte sich um und sah Rachel durch den Vorgarten kommen.

„Hi.“ Sie blickte Ian zögernd an. „Ist das immer noch ein guter Zeitpunkt für unseren Termin?“

Termin. Das war ein neutrales, harmloses Wort. Doch bei der Art, wie Elma die Augen aufriss und den Kopf zurückwarf, hätte man denken können, Rachel hätte „Date“ oder gar „wilde Affäre“ gesagt.

„Ich wusste nicht, dass du heute Abend was vorhast“, sagte Elma und fügte dann halblaut hinzu: „Wobei ich jetzt allerdings verstehe, warum du plötzlich mit dem Schlüssel angefangen hast …“

Rachels rosé geschminkter Mund verzog sich leicht. Wieso um alles in der Welt fiel ihm ihre Lippenstiftfarbe auf? Süß und schimmernd, wie eine pinkfarbene Nelke.

„Schlüssel?“, fragte sie.

Nun sag doch was.

Der Abend entwickelte sich bereits zur Katastrophe, und Rachel hatte noch nicht mal das Haus betreten.

„Rachel, bitte kommen Sie rein. Die Mädchen werden sich freuen, Sie zu sehen.“

Ian bat sie mit einer Handbewegung ins Haus, während Elma ihn geradezu schockiert anstarrte, weil sie seiner Meinung nach sein Date seinen Töchtern vorstellte.

Nicht, dass das hier irgendetwas mit einem Date zu tun hatte, aber trotzdem … Wäre es so schrecklich, wenn er wieder mit jemandem ausgehen wollte? Sollte er zum Mönch werden, nur weil er verwitwet war?

Er blickte zu Elma hinüber. Ja. Ja, genau das erwarte ich, sagte ihr Blick.

„Elma, das ist Rachel Gray. Sie arbeitet in Abbys und Annies Kita, und sie ist heute Abend hier, um mit den Mädchen ein paar zusätzliche Übungen zu machen. Rachel, das ist die Großmutter der beiden, Elma Miller.“

Rachel streckte Elma lächelnd die Hand hin. „Oh, es freut mich so, Sie kennenzulernen, Mrs. Miller.“

Elma schüttelte Rachels Hand so kurz wie nur möglich, während sie sie abschätzig anblickte.

„Sie sind Erzieherin?“

Rachel hob eine Schulter. „Eine pädagogische Hilfskraft. Ich weiß nicht, ob Mr. Parsons es Ihnen gegenüber erwähnt hat, aber Annie hat in der Kita ein paar kleine Schwierigkeiten, und ich denke, ich kann ihr helfen.“

„Oh.“ Elmas Haltung entspannte sich ein wenig. „Na gut. Ich hoffe, Sie haben Hunger. Ich habe Enchiladas gemacht.“

„Da ich nicht wusste, dass du kommst, Elma, hatte ich vorhin Pizza bestellt“, sagte Ian, als der Lieferservice vor der Einfahrt hielt. Das waren ihm definitiv zu viele Dinge auf einmal. Er bekam langsam Kopfschmerzen. Wie anstrengend es doch war, ein Leben außerhalb von Arbeit und Kindern zu führen!

Elma hob die Augenbrauen und blickte fragend in Rachels Richtung.

„Enchiladas klingen toll“, sagte Rachel. „Warum essen wir nicht beides?“

Cleveres Mädchen.

Ian beschlich das Gefühl, sie könnte genau die richtige Person sein, um ihm mit Annie und Abby zu helfen. Vielleicht sogar mit Elma.

„Olé“, sagte er.

„Bellissimo“, erwiderte Rachel, und dann trafen sich ihre Blicke für einen winzigen Moment.

Gerade lang genug, dass Ian einen winzigen Funken von etwas spürte. Es war so lange her, dass er ein ähnliches Gefühl gehabt hatte, dass er es nicht mal benennen konnte.

Dann räusperte sich Rachel und senkte den Blick, und Ian fiel wieder ein, dass er ein verwitweter Vater war. Von Zwillingen. Und dass eine übergriffige Schwiegermutter ihn gerade mit Argusaugen überwachte und dabei ein Gesicht machte, als wünsche sie sich, er möge an einer Enchilada ersticken, damit sie endlich Abby und Annie allein großziehen konnte.

Mit gerunzelter Stirn blickte Elma von Ian zu Rachel und wieder zurück, und dann marschierte sie in die Küche, die Auflaufform wie eine Trophäe vor sich hertragend. Ian wandte sich zu Rachel und formte mit den Lippen ein lautloses „sorry“. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Elma sich heute Abend zu ihnen gesellen würde. Ungebeten, wie immer.

Rachel runzelte die Stirn, als hätte sie keine Ahnung, wofür er sich entschuldigte.

Eine halbe Stunde später, als sie alle fünf im Esszimmer saßen, wurde es ihr vielleicht klarer.

„Ich weiß einfach nicht, ob es mir gefällt, dass eine Fremde ins Haus kommt und Zeit mit meinen Enkelinnen verbringt“, sagte Elma und bedachte Rachel über den Tisch hinweg mit einem abschätzigen Blick.

Die Zwillinge saßen rechts und links von Rachel, darauf hatten sie bestanden. Sie waren so fasziniert davon, eine ihrer Erzieherinnen außerhalb der Schule zu sehen – und noch dazu in ihrem eigenen Haus –, dass sie sich kaum aufs Essen konzentrieren konnten.

„Rachel, äh, Miss Gray ist keine Fremde. Sie sieht Abby und Annie jeden Tag in der Kita.“

Elma stieß den Atem aus. Einen Augenblick lang befürchtete Ian, sie würde wieder einen ihrer Monologe darüber anfangen, dass die Zwillinge noch zu klein waren, um in eine Kita zu gehen, aber dankenswerterweise überlegte sie es sich anders.

„Und Sie sind eine pädagogische Hilfskraft?“, fragte Elma mit schmalen Augen.

Rachel legte ihr Pizzastück auf den Teller zurück und wischte sich die Fingerspitzen an der Serviette auf ihrem Schoß ab. „Ja, das bin ich. Aber vielleicht beruhigt es Sie etwas, dass ich als diplomierte Verhaltenstherapeutin für Kinder gearbeitet habe, bevor ich aus Virginia hierherzog. Ich warte derzeit darauf, dass der Bundesstaat mein Diplom anerkennt, damit ich auch hier in North Carolina offiziell arbeiten kann.“

Das hatte Ian nicht gewusst, aber es erklärte natürlich eine Menge.

„Die Arbeit in der Kita ist die erstbeste, die ich gefunden haben.“ Rachel hob eine Schulter. „Für den Moment ist sie gut genug.“

„Miss Rachel meine Freundin“, sagte Abby und blickte Rachel verliebt an.

Ian blickte unwillkürlich zu Annie hinüber. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte sie ihrer Schwester beigepflichtet. Jetzt saß sie schweigend da und starrte auf ihren Teller.

„Das stimmt, Süße“, sagte er mit belegter Stimme. „Sie ist deine Freundin und auch die deiner Schwester.“

Damit schien sich Elma zufriedenzugeben, zumindest im Augenblick. Nachdem sie gegessen und den Tisch abgeräumt hatten, machte sie sich aus dem Staub, und Ian konnte endlich aufatmen.

Fürs Erste.

„Tut mir leid wegen Elma.“

Es war das Erste, was Ian sagte, als er die Treppe hinunterkam, nachdem er Annie und Abby ins Bett gebracht hatte.

Es war auch das dritte Mal, dass er sich für das übergriffige Verhalten seiner Schwiegermutter entschuldigte.

Vielleicht sogar das vierte. Rachel hatte den Überblick verloren.

„Schon gut. Wirklich.“ Rachel lachte leise.

Sie hielt es für das Beste, so leise wie möglich zu sein, damit die Zwillinge einschlafen konnten. Doch zu flüstern fühlte sich auf unangebrachte Weise intim an, also räusperte sie sich und gab sich Mühe, geschäftsmäßig zu klingen. Professionell. Deshalb war sie schließlich hier.

Nicht wahr?

Auf jeden Fall, sagte sie sich, als ihr Blick wieder an Ians markantem Kinn hängen blieb. Und an der Stelle, wo er am Morgen den kleinen Fleck Rasierschaum gehabt hatte. Ihre Fingerspitzen kribbelten, als ob ihr verrückter Gedanke, ihn wegzuwischen, zu einer echten Erinnerung geworden war und sie noch immer spürte, wie warm sich seine Haut unter ihren Fingerspitzen anfühlte.

„Wie lange ist es her, dass Ihre Frau gestorben ist?“, hörte sie sich fragen.

Am liebsten hätte sie sich sofort erschrocken die Hand vor den Mund gehalten, doch das hätte nicht sehr professionell gewirkt, also versuchte sie ihre Worte zurückzunehmen.

„Tut mir leid, ich wollte nicht neugierig sein. Es kommt mir nur so vor, als wäre es schwer für Elma, sich damit abzufinden.“

Ian schüttelte den Kopf. „Schon gut. Sie haben absolut recht. Es fällt ihr definitiv schwer. Genau wie Annie, nehme ich an.“

Rachel nickte. „Trauer braucht Zeit.“

„Es ist fast ein Jahr her“, sagte Ian so leise und rau, dass es Rachel eine Gänsehaut verursachte.

Was tat sie hier? Diese Familie brauchte Zeit und Raum zum Heilen. Vielleicht hatte Elma recht. Rachel war ein Eindringling, und ihre Anwesenheit verursachte mehr Drama, als dass sie half.

„Sie sind in diesen Dingen großartig, wissen Sie das?“, sagte Ian und machte eine Kopfbewegung zum Obergeschoss hin. „Die Mädchen reagieren bereits positiv auf Ihre Anwesenheit. Abby wirkte heute Abend viel ruhiger.“

Erleichtert seufzte Rachel auf. Vielleicht war sie hier doch nicht so fehl am Platze, wie sie dachte.

„Wenn ein Zwilling sich auffällig benimmt, dann meist, um die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu lenken. Abby spürt vermutlich, dass Annie sich in sich zurückziehen will, und tut unbewusst ihr Bestes, um ihr das zu ermöglichen.“

Ian schenkte ihr ein seltenes Lächeln. „Und Sie haben es geschafft, Annie nach dem Essen ein wenig aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken.“

Rachel nickte. „Weshalb Abby sich dann weniger gezwungen fühlte, die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.“

Nachdem Elma nach Hause gefahren war, hatten Ian, Rachel und die Mädchen etwas Zeit im Spielzimmer der Mädchen verbracht. Es lag im Obergeschoss, neben ihrem Schlafzimmer, und bot alles, was sich zwei kleine Mädchen wünschen konnten. Es gab Plüschtiere, Steckenpferde, Teddybären und Minions, einen Tisch und Teegeschirr für Teepartys, einen Maltisch, eine Spielküche und in der Mitte ein rosa Spielzelt aus feiner Gaze, das mit weichen Kissen und kuscheligen Decken bestückt war. Leuchtsterne hingen an der Decke, und eine Drehlaterne warf bewegte Schatten von Karussellpferden an die Wände.

Es war das hübscheste Spielzimmer, das Rachel je gesehen hatte. Am Anfang hatte Abby ihr alles gezeigt und dabei unablässig geschnattert, während Annie ihnen schweigend gefolgt war. Um Annie einzubeziehen, hatte Rachel vorgeschlagen, dass sie zu viert ein Spiel spielten. Sie hatte in dem Stapel von Puzzeln und Bilderbüchern auf einem der weißen Bücherregale Candy Land entdeckt, das sie als Kind selbst gern gespielt hatte.

Während Rachel, Ian, Annie und Abby ihre Spielsteine vom Pfefferminzhügel durch die Lutscherwälder auf den gefürchteten Sirupsumpf zubewegten, begann Annie sich langsam zu entspannen. Als Ian zuerst das Candy Castle erreichte und sich zum Sieger erklärte, war das süße kleine Mädchen auf Rachels Schoß gekrabbelt.

„Das lag nicht nur an mir. Annies Verhalten nach dem Essen heute Abend hatte genauso viel mit Ihnen zu tun“, sagte Rachel, um Ian zu verdeutlichen, dass er an den winzigen Fortschritten, die sie heute erzielt hatten, genauso einen Anteil trug.

„Das Beste, was man als Elternteil tun kann, um einem Kind zu helfen, Schüchternheit zu überwinden, ist, ein gutes Beispiel zu geben. Sie sind Annies wichtigstes Vorbild. Wenn sie sieht, dass Sie sich anderen gegenüber offen und freundlich verhalten, dann fühlt sich Annie wohler dabei, es selbst auch so zu machen.“

Ian atmete ein und blickte Rachel an. Lange und eindringlich.

War sie zu weit gegangen? Es war offensichtlich, dass Ian nicht oft Gäste hatte. Elmas überraschte Reaktion bei Rachels Ankunft hatte ihr so gut wie alles über Ians Sozialleben verraten. Er hatte keins.

Nicht, dass Rachel ihn deshalb verurteilte. Sie selbst war auch nicht gerade eine Partylöwin. Aus gutem Grund.

„Was muss ich tun, damit Sie Ihre Stelle in der Kita aufgeben und ganztags mit Annie und Abby arbeiten?“, sagte er schließlich.

Moment.

Wie bitte?

Rachel war sich nicht sicher, was sie von ihm erwartet hatte, aber das ganz bestimmt nicht. „Sie möchten, dass ich meinen Job aufgebe?“

„Ich denke, Marianne hatte vielleicht recht. Die Spring Forest Kita ist nicht der beste Ort für die Mädchen – jedenfalls nicht im Moment. Sie brauchen eine Pause. Jemanden, der sich allein um sie kümmert. Sie müssen den Tag mit jemandem verbringen, der weiß, was sie durchmachen, der zudem weiß, wie er ihnen helfen kann.“

Er blickte sie so eindringlich an, dass sie fast vergaß zu atmen.

„Jemanden wie Sie“, fügte er hinzu.

„Aber …“ Sie schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall. Sie konnte nicht einfach kündigen und für Ian Parsons arbeiten.

Dann wäre er ihr Chef.

„Was immer Ihnen die Kita zahlt, ich zahle das Doppelte“, sagte er. „Selbst, wenn Sie nur so lange bleiben, bis Ihr Diplom anerkannt wird.“

Rachel lachte. „Das ist ein guter Witz.“

„Ich scherze nicht“, sagte er ungerührt.

Na dann …

Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt. Sie dachte nicht ernsthaft darüber nach, sein Angebot anzunehmen, oder? Ihr Job in der Kita war nicht gerade eine Herausforderung und die Bezahlung nicht gerade üppig, aber er war sicher und beständig. Er gab ihr das, was sie sich am meisten wünschte – Sicherheit. Das konnte sie nicht aufgeben für einen temperamentvollen Mann, der es sich vielleicht schnell anders überlegte und ihr beim kleinsten Zwischenfall kündigte.

Das doppelte Gehalt war allerdings verlockend. Damit konnte sie aus dem Langzeithotel ausziehen und sich etwas Netteres suchen. Vielleicht konnte sie sich sogar ein bisschen was auf die Seite legen.

Und sie liebte die Mädchen. Das war ein großer Faktor. Sie waren ihr wichtig, jetzt noch mehr als zuvor. Sonst wäre sie ja heute Abend gar nicht erst hergekommen.

Rachel schluckte: „Kann ich Sie was fragen?“

„Natürlich.“ Ian verschränkte die Arme vor der Brust, was nicht gerade offen wirkte.

Dennoch stellte sie ihre Frage. „Warum ich?“

„Weil Sie, wie ich schon sagte, sehr gut darin sind. Die Mädchen vergöttern Sie ganz offensichtlich, und Sie wissen, was Sie tun. Ich habe ja gerade schon die Veränderung gesehen, die nur ein paar Stunden in Ihrer Gegenwart in den Zwillingen bewirkt haben. Wenn Sie ihnen helfen, könnten sie womöglich bald wieder in die Kita gehen. Ich weiß es einfach. Und …“

Er hielt inne.

Zu ihrer Schande musste sie gestehen, dass sie an seinen Lippen hing. „Und?“

„Und Sie haben augenscheinlich kein Problem damit, es mir zu sagen, wenn ich etwas falsch mache.“ Er lachte leise. „Auf gute Art, konstruktive Art – anders als Elmas Art.“

Sie spürte, wie sie knallrot wurde. „Ich habe nie gesagt, dass Sie etwas falsch machen.“

„Ich bin ziemlich sicher, dass Sie mir durch die Blume zu verstehen gegeben haben, dass ich wie ein Einsiedler lebe.“ Plötzlich wirkte er verlegen. „Und womöglich haben Sie recht. Ich habe einfach nie darüber nachgedacht, dass ich damit meinen Kindern ein schlechtes Vorbild bin.“

Etwas zittrig atmete Rachel ein. Warum musste er jetzt plötzlich so gefühlvoll und selbstreflektiert werden? Das machte ihn ja geradezu charmant – hin und wieder zumindest. Wie heute früh mit den Blumen. Der bunte Strauß stand in einem Einmachglas auf dem winzigen Tisch in ihrem kleinen Raum in dem Langzeithotel, ein fröhlicher Tupfen an einem sonst deprimierenden Ort. Jedes Mal, wenn ihr Blick darauf fiel, musste sie unwillkürlich lächeln.

Was vermutlich der Grund dafür war, dass sie jetzt kurz davorstand, zu diesem verrückten Angebot Ja zu sagen.

Aber konnte sie wirklich für ihn arbeiten?

„Wo wohnen Sie?“, fragte Ian, als könnte er ihre Gedanken lesen. „Ich weiß, dass Sie zur Kita mit dem Fahrrad fahren. Wäre es ein Problem für Sie, die Strecke hierher zwei Mal täglich zurückzulegen?“

Womöglich. Ians Haus lag am Stadtrand. Eine so lange Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen, war möglich, aber nicht ideal. Und wenn das Wetter schlechter wurde, würde es eine Zumutung werden. An den wenigen Regentagen, die es seit ihrem Arbeitsantritt hier gegeben hatte, hatten Kolleginnen sie mitgenommen. Wenn sie für Ian arbeitete, ging das natürlich nicht.

„Ich frage nur, weil ich ein Gästehaus habe“, fuhr er fort. „Es hat einen eigenen Eingang, also hätten Sie Privatsphäre. Und ganz ehrlich, wenn Sie hier wohnen würden, würden Sie mir einen großen Gefallen tun, zumindest, wenn eine etwas flexible Arbeitszeit für Sie okay wäre. Wenn Sie hier bei den Mädchen wären, müsste ich keinen Babysitter suchen oder Elma anrufen, wenn ich Überstunden machen muss.“

„Ich wohne in dem Langzeithotel in der Innenstadt. Das Gästehaus klingt …“ Rachel schluckte. Wunderbar. Wie ein wahr gewordener Traum. Wer würde nicht lieber im ruhigen Kingdom Creek wohnen statt in einer billigen Absteige?

„… sehr großzügig. Aber das kann ich wirklich nicht annehmen.“

„Und wenn ich Ihnen das Dreifache biete – plus mietfreiem Wohnen?“ Ian lächelte gewinnend, als wüsste er nicht, dass er sie gerade zu etwas überreden wollte, dem sie zwiespältig gegenüberstand.

Sie lachte. „Ich würde sagen, dass Sie verrückt sind.“

„Also sagen Sie besser Ja, bevor ich mein Angebot vervierfache.“

Er zuckte die Achseln.

So eine manipulative Verhandlung hätte ihr normalerweise Unbehagen bereitet. Aber diesmal nicht. Warum nur?

Weil du bereits weißt, dass du zusagen wirst. Es ist ein unglaublich gutes Angebot. Und noch wichtiger, die Kinder dieses Mannes liegen dir am Herzen.

Gefühle hin oder her, sie wäre dumm gewesen, wenn sie den Job nicht angenommen hätte. Es war nur logisch, dass sie zusagte. Solange sie nicht vergaß, dass es nur vorübergehend war. Sie durfte nicht zulassen, dass ihr die Zwillinge zu sehr ans Herz wuchsen oder Ian. Sonst würde es schrecklich wehtun, wenn es Zeit war, weiterzuziehen. Und natürlich war nicht vorherzusehen, wie lange sie überhaupt hierbleiben konnte.

Also nickte sie schließlich und sagte: „Na gut. Meine Antwort ist Ja, aber wirklich nur, bis mein Diplom anerkannt wird.“

„Also haben wir einen Deal?“ Ians Lächeln war so jungenhaft und echt, dass Rachel ganz schwummerig wurde.

Hör auf damit. Das hier ist ein geschäftliches Arrangement, mehr nicht.

Rachel nickte. „Haben wir. Einen zeitlich begrenzten Deal.“

Doch dann schüttelten sie sich die Hände, und ein ganz und gar nicht geschäftlicher Schauer überlief sie, als Ian ihre Hand in seine nahm. Sie lächelte und tat so, als bemerke sie es nicht. Vor ihrem inneren Auge sah sie Bauklötze durch die Gegend fliegen, ganz wie bei ihrer ersten Begegnung mit Ian.

Doch diesmal bildeten sie eine unmissverständliche Botschaft.

S-C-H-W-I-E-R-I-G-K-E-I-T-E-N.

4. KAPITEL

Die nächsten drei Tage vergingen wie im Fluge. Am Morgen, nachdem Ian ihr den Job angeboten hatte, kündigte Rachel in der Kita, und Marianne stellte sie großzügigerweise zum Ende der Woche frei, sodass sie zum Wochenende bei Ian einziehen konnte.

Rachel war gleichzeitig dankbar und nervös. Sie freute sich darauf, mit Abby und Annie zu arbeiten, aber wenn sie in der Kita so leicht zu ersetzen war, dann würde sie den Job dort vermutlich nicht zurückhaben können, wenn ihre Arbeit für Ian sich zur totalen Katastrophe entwickelte.

Sie musste einfach ins kalte Wasser springen.

Alles oder nichts.

Der Gedanke war so beunruhigend, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt, als sie am Samstagvormittag auf dem schmalen Weg stand, der neben Ians villenartigem Haus in den Garten führte.

„Wow.“ Rachel machte große Augen.

Sie gab sich Mühe, nicht zu beeindruckt zu wirken, als sie das süße kleine Häuschen sah, dass hinter dem Haupthaus stand, und wie eine Miniaturversion davon wirkte. Es war hellgelb gestrichen und hatte ein Satteldach, genau wie das große Haus, in dem Ian und seine Töchter wohnten.

„Es ist ein umgebautes Kutscherhaus. Und drinnen ist es nicht so schick, wie es von außen wirkt, glauben Sie mir. Es hat nicht mal dreißig Quadratmeter. Das macht es vermutlich zu so einem Tiny House, wie sie jetzt groß in Mode sind. Gibt’s da nicht so eine TV-Serie?“

Rachel warf ihm einen Seitenblick zu. „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich hätte nicht gedacht, dass Sie solche Sendungen schauen.“

Er hob eine Augenbraue. „Schauen Sie das denn?“

„Ständig.“ Rachel liebte die Sendungen, in denen Menschen ein neues Haus suchten, vor allem, wenn sie ins Ausland zogen. Sie gaben ihr das Gefühl, dass Neuanfänge nicht nur möglich waren, sondern sogar wunderbar sein konnten, selbst wenn ihr eigener Neuanfang nicht so glamourös gewesen war.

Bis jetzt jedenfalls.

„Dann verstehen Sie ja, was ich daran mag“, erwiderte Ian.

Natürlich tat sie das. Bei den Sendungen ging es um erfüllte Wünsche. Was wieder mal zeigte, dass man Menschen nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen sollte. Auf den ersten Blick schien Ian alles zu haben, was man brauchte. Dennoch hatte er Träume und Wünsche – genau wie sie.

Rachel fragte sich, wie die aussahen, doch sie wagte nicht zu fragen.

„Sind Sie sicher, dass Elma das in Ordnung findet?“, fragte sie stattdessen.

Denn irgendetwas sagte ihr, dass Ians Schwiegermutter ihre Seele verkaufen würde, um so nah bei ihren Enkeln zu wohnen.

„Machen Sie sich keine Sorgen wegen Elma“, erwiderte er, doch sein Kiefer verkrampfte sich ein wenig.

Offenbar machte er sich durchaus Sorgen wegen Elma.

Doch das ging Rachel nichts an. Sie war hier nur angestellt, keine Freundin. Und ganz gewiss gehörte sie nicht zur Familie. Das durfte sie nie vergessen.

Du darfst die Mädchen nicht zu sehr ins Herz schließen.

„Elma ist seit gestern mit ihrem Antiquitäten-Club auf einem Ausflug. Sie sind nach Nashville gefahren.“ Ian runzelte die Stirn. „Vermutlich möchte sie mir beweisen, wie dringend wir sie hier brauchen.“

„Das heißt, Sie haben ihr noch gar nicht erzählt, dass Sie mich angestellt haben?“

„Nein, noch nicht. Wenn sie von ihrem Ausflug zurück ist, gehe ich mit ihr essen und werde ihr erklären, was mit den Mädchen los ist und wie viel Sie für sie tun können. Das wird schon.“

„Und da sind Sie sich ganz sicher?“

„Absolut.“ Ian nickte bekräftigend, was Rachel als Hinweis nahm, dass das Thema für ihn abgeschlossen war.

Sehr schön. Auf keinen ...

Autor

Teri Wilson
Teri Wilson ist bekannt für ihre herzerwärmenden Romances mit Figuren, die oft auch eine kleines bisschen liebenswerte Schrulligkeit an den Tag legen. Die beliebte Autorin hat bereits am RITA Award teilgenommen und wurde als USA Today Bestselling Author ausgezeichnet.
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