Bianca Extra Band 63

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GEFANGEN ZWISCHEN PFLICHT UND VERLANGEN von JUDY DUARTE
Nur allmählich kehrt nach dem Unfall sein Gedächtnis zurück. Doch eines weiß Joe Wilcox sofort: Die bezaubernde Chloe, die ihn gesund pflegt, ist die Frau, auf die er sein Leben lang gewartet hat. Aber er darf sie nicht lieben, denn diese Liebe ist ein Verrat an seinem Ehrenkodex …

MEIN HERZ GEHÖRT FÜR IMMER DIR von MARIE FERRARELLA
Sein Elternhaus verkaufen und endlich alles hinter sich lassen - so sieht Keith O´Connells Plan aus. Bis er die hinreißende Maklerin Kenzie Bradshaw trifft. Sie lässt Erinnerungen an glückliche Zeiten aufleben und löst Gefühle in ihm aus, die er sich seitdem verboten hat …

EIN BLICK IN DEINE BLAUEN AUGEN von SUSAN CROSBY
Ein Blick in Mitchs blaue Augen, und Annie ist verloren. Der sexy Cowboy erobert ihr Herz im Sturm - und das ihres kleinen Sohnes. Doch Mitch verbirgt etwas vor ihr. Sie kennt noch nicht mal seinen Nachnamen. Wie kann sie einen Mann lieben, der Geheimnisse vor ihr hat?

KALTER SCHNEE UND HEIßE KÜSSE von TRACY MADISON
Wen er liebt, den stürzt er ins Unglück, das weiß Liam Daly genau. Daher lebt er zurückgezogen in einer einsamen Berghütte. Bis die bezaubernde Meredith in sein Leben schneit. Er verliebt sich Hals über Kopf - und schickt sie trotzdem fort. Aber ihre Begegnung bleibt nicht ohne Folgen …


  • Erscheinungstag 23.10.2018
  • Bandnummer 0063
  • ISBN / Artikelnummer 9783733733636
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Judy Duarte, Marie Ferrarella, Susan Crosby, Tracy Madison

BIANCA EXTRA BAND 63

JUDY DUARTE

Gefangen zwischen Pflicht und Verlangen

Sie will ihn nur gesund pflegen, doch dann verliebt sich Chloe Hals über Kopf in den Marine, der sein Gedächtnis verloren hat. Aber wer ist der sexy Fremde – und warum hat er einen Brief für sie bei sich?

MARIE FERRARELLA

Mein Herz gehört für immer dir

Seit der Schulzeit ist Kenzie in ihn verliebt, doch damals ging Keith einfach fort! Jetzt ist er zurück und noch genauso unwiderstehlich wie früher. Kann sie diesmal sein Herz für immer erobern?

SUSAN CROSBY

Ein Blick in deine blauen Augen

Die Frau braucht dringend Hilfe! Cowboy Mitch zögert nicht, als die hinreißende Annie ihm einen Job anbietet. Schon bald prickelt es heftig zwischen ihnen. Aber Annie ahnt nicht, wer er wirklich ist …

TRACY MADISON

Kalter Schnee und heiße Küsse

Liam ist der Richtige für Meredith! Und ihre Affäre blieb nicht ohne Folgen … Alles könnte perfekt sein – doch Meredith hat Grund zu fürchten, dass ihr Traummann nur aus Pflichtgefühl bei ihr bleibt …

1. KAPITEL

Brighton Valley in Texas war der letzte Ort auf Erden, in den Joe Wilcox je wieder einen Fuß setzen wollte. Er hatte jedoch versprochen, einen Brief für einen Freund abzuliefern, und eines konnte man mit absoluter Sicherheit über ihn sagen: Er hielt stets Wort.

Also packte er im Militärstützpunkt Camp Pendelton ein paar Habseligkeiten, nahm sich einen Mietwagen und verließ Kalifornien. In El Paso legte er einen Zwischenstopp ein und setzte die Fahrt am nächsten Morgen fort.

Neunhundert Meilen später traf er erschöpft und hungrig in Brighton Valley ein und checkte in ein billiges, aber sauberes Motel namens Night Owl ein. Sobald er sein Zimmer betrat, verstaute er seine zwei Seesäcke unter dem Bett, denn der Kleiderschrank war für ihn ein unsicherer Ort, seit er als Kind seine Wertgegenstände vor seinem Onkel versteckt hatte, dem häufig das Geld für Zigaretten oder Whisky ausgegangen war.

Eigentlich hatte Joe diese Gewohnheit schon vor Jahren abgelegt, doch die Rückkehr in die Kleinstadt rief seltsame Erinnerungen wach und brachte ihn ein wenig aus dem Gleichgewicht.

Als Nächstes nahm er eine lange heiße Dusche, schlüpfte in bequeme, abgetragene Jeans und ein schwarzes Sweatshirt, und machte sich auf den Weg zum Stagecoach Inn auf der anderen Seite des Highways.

Trotz der jahreszeitlich bedingten Kälte, die in der Luft lag, hätte ihm ein kühles Blondes gut gemundet, aber Drinks oder Zerstreuung standen nicht auf seiner Agenda. Er hatte eine Mission zu erfüllen. Er musste einer kaltherzigen Kellnerin namens Chloe Dawson einen Brief von Dave Cummings übergeben, dem sie das Herz gebrochen hatte.

Als Joe am Straßenrand auf eine Lücke im dichten Verkehr wartete, zog er das Foto von Chloe heraus und musterte es im Licht der Straßenlaternen. Der grobkörnige Schnappschuss ließ platinblonde lange Locken und eine umwerfende Figur erkennen.

Während der Stationierung in Afghanistan hatte Dave von nichts anderem als von dieser Frau und seinen Träumen für eine gemeinsame Zukunft mit ihr gesprochen. Als Einzelkind bei liebevollen Eltern aufgewachsen, hatte er sich ein ähnlich glückliches Leben für sich selbst erhofft.

Joe hatte ihn ein wenig beneidet. Denn er selbst hatte keine Angehörigen – zumindest keine, an denen ihm etwas lag – und sich folglich nie ein idyllisches Familienleben auszumalen gewagt.

Es war ihm ein Rätsel, was eine attraktive Frau wie Chloe an einem großherzigen, aber naiven verwöhnten Weichling wie Dave finden mochte.

Sensibel wie er war, hatte Dave der unerwartete Tod seines Vaters schwer getroffen. Dass bei seiner Mutter neun Monate später Krebs diagnostiziert worden war, hatte ihn völlig am Boden zerstört.

Offensichtlich hatte diese Chloe seinen angegriffenen, verletzlichen Zustand zu ihren Gunsten zu nutzen verstanden. Sie hatte sich bei seiner verwitweten Mutter auf der Ranch eingenistet, und er hatte sich bei seinem nächsten Heimaturlaub im letzten Sommer Hals über Kopf in sie verliebt.

Als Mrs. Cummings ihrem Leiden erlegen war, hatte Chloe versprochen, sich um die Ranch zu kümmern und auf Daves Heimkehr zu warten. Im Gegenzug hatte er ihr das Blaue vom Himmel verhießen.

Allein der Traum, sie gleich nach Beendigung seines Auslandseinsatzes zu heiraten und mit ihr eine Schar Kinder aufzuziehen, hatte ihn aufrecht gehalten. Sie hingegen erträumte sich ein ganz anderes Leben, eines ohne Dave. Und das Schicksal hatte ihr diesen Wunsch erfüllt.

Endlich gelang es Joe, die Straße zu überqueren. Seine Stiefel knirschten auf dem Kies, als er über den Parkplatz zum Eingang des Stagecoach Inn ging, dessen Schaufenster mit bunt blinkender Weihnachtsbeleuchtung lockte.

Soweit er wusste, kellnerte Chloe in der Spelunke. Und Dave hatte nächtelang in den vom Krieg erschütterten Wüsten von Afghanistan wach gelegen und sich gesorgt, dass irgendein ungehobelter Cowboy sie abschleppen könnte.

Ist das passiert? Hat sie jemanden gefunden, der besser aussieht oder reicher ist?

Der Grund, aus dem sie Dave das Herz gebrochen hatte, war eigentlich unwichtig. Ihr kaltes rücksichtsloses Handeln, das allein zählte.

Vor lauter Kummer über ihren Abschiedsbrief hatte Dave sich in eine selbstmörderische Kampfhandlung gestürzt und dadurch fast sein Leben verloren.

Joe war ihm zu Hilfe geeilt und ebenfalls verwundet worden. Und all das wegen dieser verdammten Kellnerin! Hätte sie mit der Trennung nicht bis zu seiner Heimkehr warten können?

Als er die heruntergekommene Kneipe betrat, schlugen ihm Countrymusik und Gelächter entgegen. Für einen Moment blieb er in der Tür stehen, um seine Sinne an das düstere Interieur, an den Geruch von Alkohol und Rauch, an den Krach aus der Jukebox und den Lärm des Stimmengewirrs zu gewöhnen.

Schließlich ging er über die zerkratzten Holzdielen zum Tresen und fragte den Barkeeper: „Kennen Sie eine Chloe Dawson?“

„Ja. Die hat mal hier gearbeitet.“

„Wieso jetzt nicht mehr?“

„Sie hat gekündigt.“

„Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“

„Keine Ahnung, wo sie steckt.“

Das glaubte Joe keine Sekunde. Aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass sie noch immer auf der Cummings-Ranch lebte. Warum auch nicht? Seines Wissens hatte Dave ihr den Besitz testamentarisch hinterlassen.

Wusste sie das bereits? Dave war zum Zeitpunkt seines Todes bereits aus dem Militär entlassen gewesen, sodass man sie vielleicht nicht benachrichtigt hatte. Wie lange mag es dauern, bis eine Nachricht aus der Welt da draußen ein Kaff wie dieses erreicht?

Während der Barkeeper am anderen Ende der Theke Getränke servierte, setzte Joe sich auf einen Barhocker. Es war schon zu spät, um noch an diesem Abend auf die Ranch hinauszufahren. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen, und er war erschöpft.

Der Barkeeper kehrte zurück. „Was darf’s sein?“

Joe war sich nicht sicher. Etwas Starkes, das ihm half, abzuschalten und Schlaf zu finden? Oder etwas Leichtes, um den Straßenstaub hinunterzuspülen, den er während der Fahrt von El Paso geschluckt hatte? „Ich nehme ein Corona.“

„Kann ich Ihren Ausweis sehen?“

Mit sechsundzwanzig, nach acht Jahren beim Militär und erst seit wenigen Monaten zurück in den Staaten, war Joe es nicht gewohnt, auf Volljährigkeit überprüft zu werden. Aber er griff in die Hosentasche – und fand nichts. Wo zum Teufel …?

Er musste seine Brieftasche auf dem Nachttisch liegen gelassen haben, neben seinem Handy und dem Zimmerschlüssel. Er hatte nichts weiter bei sich als Daves Brief und das Foto. Beides nützte ihm momentan wenig. „Ich bin gegenüber im Night Owl abgestiegen. Offensichtlich habe ich meine Brieftasche dort liegen lassen.“

„Tut mir leid, Kumpel. Mein Vorgänger wurde gefeuert, weil er einem Minderjährigen Alkohol serviert hat. Ich muss jeden überprüfen, der jünger als dreißig aussieht.“

„Ich verstehe. Ich muss sowieso mein Geld holen. Halten Sie das Bier für mich kalt. Ich bin gleich wieder da.“ Joe glitt vom Hocker und lief zur Tür hinaus.

Auf dem Weg über den Parkplatz taumelte ein Betrunkener an ihm vorbei zu einem Pick-up Silverado.

„Sie wollen doch wohl nicht mehr fahren, oder?“, fragte Joe.

„Was geht’s dich an? Nerv mich nicht!“

Eine Frau kam aus der Kneipe und rief: „Larry, warte! Ich hab’ doch gesagt, dass ich fahre. Ich gehe bloß schnell bezahlen.“

Erleichtert wandte Joe sich ab und ging weiter zum Highway. Er war sich nicht mehr sicher, ob er in die Kneipe zurückkehren wollte. Denn der Betrunkene erinnerte ihn an all die Nächte, in denen sein Onkel Ramon lallend nach Hause getorkelt war und die Fäuste gegen seine Frau und jeden erhoben hatte, der ihm in die Quere gekommen war.

Auch Dave war nach der Entlassung bei den Marines dem Alkohol verfallen. Allein durch die Vorstellung, als Folge seiner schweren Verwundung körperlich versehrt durchs Leben gehen zu müssen, war der ohnehin emotional gestörte Mann in eine tiefe Depression versunken, aus der er nicht mehr herausgefunden hatte.

Aufgrund seiner Schussverletzung gehörte auch Joe nicht mehr dem Marine Corps an, aber er hatte seine Enttäuschung weitgehend überwunden und sich um Dave gekümmert – in der festen Absicht, ihm aus dem Tief zu helfen.

Doch eines Abends, an einem absoluten Nullpunkt angelangt, hatte Dave eine überhöhte Dosis seines verordneten Schmerzmittels mit Neunzigprozentigem hinuntergespült und damit seinen Kummer für immer beendet.

Der Gerichtsmediziner hatte den Tod als Unfall deklariert, als unbeabsichtigte Überdosis. Joe war da allerdings anderer Meinung und sehr versucht, den Sachverhalt prüfen zu lassen.

Irgendwo existierte eine Lebensversicherung, die niemandem nützte, wenn der Tod als Selbstmord eingestuft wurde. Als Begünstigte war vermutlich Chloe Dawson eingetragen, der Dave seinen gesamten Besitz wie die Ranch in Brighton Valley hinterlassen hatte.

Wie kann eine so herzlose Frau nur so viel Glück haben? Kopfschüttelnd wollte Joe gerade die Straße überqueren, da wurde direkt hinter ihm ein Auto gestartet. Er blickte über die Schulter zurück und beobachtete, wie der Silverado nicht rückwärts aus der Parklücke fuhr, sondern mit aufheulendem Motor und Kies sprühenden Reifen vorwärts über den Kantstein schoss.

Es blieb keine Gelegenheit zum Ausweichen.

Und ich dachte, der Tag könnte nicht schlimmer werden. Das war Joes letzter Gedanke, bevor er von dem Truck erfasst und in die Luft geschleudert wurde.

Der Anruf vom Brighton Valley Medical Center kam mitten in der Nacht. Mit pochendem Herzen umklammerte Chloe Dawson den Hörer, als sie gebeten wurde, ins Krankenhaus zu kommen und das Opfer eines Unfalls mit Fahrerflucht zu identifizieren, bei dem es sich mutmaßlich um David Cummings handelte.

„Ist er … tot?“, wisperte sie.

„Nein, aber bewusstlos.“

„Ich komme sofort.“

Hastig schlüpfte sie in Jeans und Sweater, lief aus dem Haus und fuhr in die Stadt. Mit feuchten Händen bediente sie Lenkrad und Schalthebel, mit zitternden Beinen die Pedale.

Zwanzig Minuten später erreichte sie die Klinik und fragte an der Rezeption nach Dr. Betsy Nielson.

Chloe hatte die Notaufnahme schon häufig aufgesucht – mit Daves Mutter Teresa und auch mit Bewohnern des Pflegeheims Sheltering Arms, in dem sie bis vor Kurzem als Pflegekraft gearbeitet hatte. Daher war sie sehr gut mit der ausgezeichneten Ärztin bekannt, und es machte ihr ein wenig Mut, dass Dave unter so hervorragender Obhut stand.

Schon nach wenigen Minuten erschien Betsy im Wartebereich. „Danke, dass du so schnell gekommen bist, Chloe.“

„Keine Ursache. Ich bin froh, dass du mich verständigt hast. Wie geht es ihm?“

„Er ist jetzt bei Bewusstsein, aber ich fürchte, das nützt nicht viel. Er hat Amnesie und keine Ausweispapiere bei sich.“

„Und du glaubst, dass es Dave ist?“

„Ich bin ihm nie begegnet und habe deshalb keine Ahnung, wie er aussieht. Der Patient ist Mitte bis Ende zwanzig und hat das Wappen der Marines auf dem linken Bizeps tätowiert.“

Chloe hatte seit Monaten nichts von Dave gehört. Nicht, seit sie ihm klipp und klar geschrieben hatte, dass ein paar gemeinsame Mahlzeiten in der Krankenhaus-Cafeteria von ihrer Seite aus nicht auf einen Gang zum Altar hinausliefen. Es war ihr sehr schwergefallen, ihm wehtun zu müssen, zumal er so weit weg von zu Hause war. Doch in seinen Briefen aus Afghanistan war mehr und mehr von Hochzeitsplänen die Rede gewesen. Deshalb hatte sie klarstellen müssen, dass sie lediglich mit ihm befreundet sein wollte.

„Wie schlimm ist er verletzt?“, erkundigte sie sich nun. „Wird er wieder gesund?“

„Er hat Prellungen, Schnittwunden und Abschürfungen. Seine schlimmste Verletzung scheint eine Gehirnerschütterung zu sein.“

„Wo ist es passiert?“

„Auf dem Highway vor dem Stagecoach Inn.“

Chloe hatte eine Zeit lang in der Kneipe gearbeitet – in der Hoffnung, sich genügend Geld zu verdienen, um gleich nach Daves Heimkehr ihre Ausbildung zur Krankenschwester fortzusetzen. Doch sie scheute Konfrontationen und hatte daher gekündigt, weil ihr zu fortgeschrittener Stunde immer wieder ungehobelte Gäste zu nahe getreten waren.

„Hat ihn irgendwer im Stagecoach Inn gesehen? Dave hat eigentlich nie getrunken.“ War er auf der Suche nach ihr in die Kneipe gegangen? Da ihr letzter Brief an ihn zurückgekommen war, wusste er womöglich noch nicht von ihrer Kündigung.

„Das weiß ich nicht. Die Untersuchungen laufen noch. Anscheinend war er zu Fuß unterwegs. Eine Zeugin hat quietschende Reifen und einen Aufprall gehört, aber nur noch die Rücklichter eines Fahrzeugs gesehen. Da er keine Papiere bei sich hat, ist der einzige Hinweis auf seine Identität ein Brief, den er bei sich hatte.“

„Was für ein Brief?“

„Von Dave Cummings, an dich adressiert. Deswegen habe ich dich gebeten, ihn zu identifizieren.“

„Kann ich ihn jetzt gleich sehen?“

„Natürlich. Komm mit.“

Betsy führte Chloe durch ein Wirrwarr an Korridoren zu einem kleinen Raum direkt neben dem Schwesternzimmer. „Da ist er.“

Sobald Chloe den Mann im Bett erblickte, blieb sie abrupt stehen und registrierte die Details. Dunkles kurzes Haar. Olivfarbener Teint. Markantes Kinn. Geschlossene Augen. Attraktives Gesicht mit Kratzern. „Tut mir leid, Betsy, das ist nicht Dave Cummings.“

„Weißt du denn, wer er ist?“

„Ich habe ihn noch nie gesehen.“ Sonst würde ich mich mit Sicherheit an ihn erinnern. Selbst schlafend und mit Prellungen übersät, hätte dieser umwerfende Mann einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Der Klang der Stimmen weckte ihn. Als er die Augen aufschlug, stockte Chloe der Atem, denn sie waren von einem ungewöhnlich strahlenden Himmelblau.

Er fixierte sie mit einem verwirrten Blick. „Wer sind Sie?“

„Chloe Dawson. Sie hatten einen an mich adressierten Brief bei sich. Kennen Sie Dave Cummings?“

„Ich müsste ihn kennen, da der Brief von ihm stammt.“ Er hob eine Hand und massierte sich die Schläfen. „Aber der Name sagt mir nichts.“

„Vielleicht sind Sie mit ihm befreundet. Ich würde ihn ja fragen, aber ich weiß nicht, wie ich ihn erreichen kann. Als ich das letzte Mal von ihm gehört habe, war er in Afghanistan stationiert. Inzwischen könnte er wieder in den Staaten sein.“

Der attraktive Marine wandte sich an seine Ärztin. „Anscheinend hat mein Gehirn durch den Unfall gelitten, und das Schmerzmittel, das mir die Schwester verabreicht hat, macht verdammt müde.“

„Das ist gut so“, sagte Betsy. „Vielleicht wachen Sie morgen früh erfrischt auf und erinnern sich, wer Sie sind und was Sie in Brighton Valley machen.“

„Ich würde den Brief gern sehen“, sagte Chloe. „Ich habe seit Monaten nichts von Dave gehört und mache mir Sorgen um ihn.“

„Ich habe ihn nicht. Die Sanitäter haben mir nur davon erzählt. Soweit ich weiß, benutzt Sheriff Hollister ihn für seine Nachforschungen.“

„Meint er etwa, dass der Brief einen Anhaltspunkt auf den flüchtigen Fahrer gibt? Das ergibt doch keinen Sinn.“

„Wahrscheinlich war es ein zufälliger Unfall. Aber er will ein kriminelles Motiv ausschließen.“

Chloe versteifte sich. Geht es um ein Verbrechen? Ist dieser unbekannte Marine in illegale Machenschaften verwickelt?

Betsy legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ich bin überzeugt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Sheriff Hollister war früher Detective in Houston und geht daher besonders gründlich vor. Er befragt mögliche Zeugen und die Angestellten der umliegenden Geschäfte. Wahrscheinlich hat er den Fall schon morgen früh geklärt.“

Das hoffte Chloe. Der arme Mann konnte ihr nur leidtun – verletzt, allein und verwirrt, wie er war. „Falls der Brief keinen Aufschluss auf seine Identität gibt, erfahren wir vielleicht, wo wir Dave finden können. Der müsste Licht auf das Problem werfen können.“

„Ich nehme an, dass ich das Problem bin, das Sie zu lösen versuchen“, warf der Marine ein. „Das wirkt ein bisschen verstörend.“

„Das wollte ich nicht implizieren.“ Chloe rückte näher zum Bett. „Außerdem hätte ich gedacht, dass Sie der Sache auf den Grund gehen möchten.“

„Allerdings.“ Der Unbekannte seufzte schwer. „Woher kennen Sie diesen Dave Cummings?“

„Ich bin eine Freundin der Familie. Ich wohne auf seiner Ranch und hüte das Haus, bis er zurückkommt.“

„Entschuldige mich bitte“, warf Betsy ein. „Ich kümmere mich jetzt um die Papiere, die für einen stationären Aufenthalt nötig sind.“

„Okay. Nimm bitte meine Kontaktdaten in diese Papiere auf. Da er vermutlich ein Freund von Dave ist, möchte ich über seinen Zustand informiert bleiben.“

Betsy wandte sich an ihren Patienten. „Hätten Sie etwas dagegen?“

„Solange sie nicht als nächste Angehörige aufgelistet wird, bin ich einverstanden.“

Verständnislos fragte Chloe: „Warum hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mit Ihnen verwandt wäre?“

Er grinste schelmisch. „Weil Sie so verdammt hübsch sind. Wären wir blutsverwandt, müsste ich Ihnen die Verehrer vom Leib halten, anstatt mich ganz nach oben auf die Liste zu kämpfen.“

„Ach ja?“, murmelte sie verlegen. Der unbekannte Soldat ist nicht nur attraktiv, sondern dazu ein Charmeur. Insgeheim suchte sie an seiner Hand nach einem Ehering und atmete auf, als sie keinen fand.

Dabei war es eigentlich egal, ob er vergeben war. Sie hatte schon genug am Hals, auch ohne sich den Stress einer Romanze anzutun. Wichtig war er ihr nur, weil er die einzige Verbindung zu Dave darstellte.

Und solange der nicht nach Hause kommt und die Ranch übernimmt, hänge ich in der Luft und kann meine Zukunftspläne nicht verwirklichen.

2. KAPITEL

Der Vorarbeiter der Ranch, Tomas Hernandez, hatte gerade Feierabend gemacht, als Chloes Handy klingelte. Sie erkannte die Nummer vom Brighton Valley Medical Center und nahm das Gespräch an.

„Hier ist Betsy Nielson. Joseph Wilcox ist in stabiler Verfassung und kann entlassen werden.“

„Wovon sprichst du?“

„Von dem Unfallopfer, das du gestern Nacht aufgesucht hast.“

„Hat er sein Gedächtnis wieder?“

„Leider nicht. Aber Sheriff Hollister hat in Erfahrung gebracht, dass er ein gewisser Joseph Wilcox aus Kalifornien ist, der gestern Abend in das Motel Night Owl eingecheckt hat. In dem Zimmer wurden Ausweispapiere und Leihwagenschlüssel gefunden. Allerdings weiß man sonst nichts über seine Person oder den Grund seines Aufenthalts hier in Texas.“

Chloe erinnerte sich, dass Dave einen Kameraden namens Joe erwähnt hatte. Der Nachname war ihr allerdings nicht bekannt.

Betsy fuhr fort: „Offensichtlich ist er beim Militär gelistet, aber es wird eine Weile dauern, nähere Informationen zu erhalten. Und wie gesagt, er ist körperlich stabil. Daher habe ich keinen Grund mehr, ihn länger hier zu behalten.“

„Das Krankenhaus wird ihn doch wohl nicht auf die Straße setzen! Er hat kein Gedächtnis, keine Unterkunft und niemanden, der sich um ihn kümmert.“

„Deswegen rufe ich dich ja an. Da du deine Personalien als Notfallkontakt hinterlassen hast, hoffe ich, dass wir ihn in deine Obhut entlassen können. Falls du die Verantwortung lieber nicht übernehmen willst, kann ich das allerdings verstehen.“

Chloe wollte nicht Nein sagen. Schließlich fühlte sie sich berufen, anderen zu helfen. Trotzdem zögerte sie, denn sie wohnte allein in dem Ranchhaus, und der Mann war ein Fremder. Andererseits wusste sie, dass er zumindest früher einmal bei den Marines gedient hatte und anscheinend ein Freund von Dave war. Warum sonst war er im Besitz eines an sie adressierten Briefes? „Um welche Uhrzeit soll er denn entlassen werden?“

„Eigentlich sofort.“

Sie ging zur Hintertür und nahm eine dicke Jacke gegen die Winterkälte vom Haken. „Ich bin schon unterwegs.“

„Großartig! Er ist in Zimmer Nummer 327 im dritten Stock. Ich mache inzwischen seine Entlassungspapiere fertig.“

Kurz darauf stieg Chloe in den klapprigen grünen Pick-up und drehte den Zündschlüssel. Der uralte Motor sprang bereitwillig an. Er war genauso zuverlässig wie sie selbst.

Gewisse Vorbehalte hegte sie schon dagegen, einen Wildfremden bei sich aufzunehmen. Doch sie verdrängte die Bedenken und rief sich in Erinnerung, wie sie damals, als sie auf der Straße gesessen hatte, von Daves Mutter Teresa Cummings mit offenen Armen auf der Rocking C Ranch aufgenommen worden war. So gesehen ist es meine Art, mich zu revanchieren, wenn ich diesen Joseph Wilcox aufnehme.

Außerdem hätte Teresa den verwundeten Marine ohne Zögern unter ihre Fittiche genommen. Zeitlebens hatte sie auf der Rocking C eine offene Tür für Streuner gehabt, ob nun vierbeinige oder zweibeinige. Und Chloe wollte die Ranch in Teresas Sinn fortführen. Das bedeutete, das Opfer eines Autounfalls mit Fahrerflucht, das sich nicht an seinen eigenen Namen erinnerte, dort genesen zu lassen.

Als sie die Klinik erreichte, war es dunkel geworden. Sie betrat die Lobby, die mit blinkenden Lichtern und einem riesigen Weihnachtsbaum geschmückt war, und nahm den Aufzug in den dritten Stock.

Auf der Station herrschte hektische Betriebsamkeit, die sie an die Schichtwechsel im Pflegeheim Sheltering Arms erinnerte. Leider gehörte sie nicht mehr zur Belegschaft – dank des Verwalters, der sie, statt einer unfähigen Stationsschwester entlassen hatte.

Die Tür zu Zimmer 327 stand offen. Chloe trat ein, blieb jedoch abrupt stehen, als sie den verwundeten Mann in abgerissener Jeans und mit nacktem Oberkörper beim Bett stehen sah. Fasziniert beobachtete sie, wie seine Muskeln spielten, während er ein zerrissenes schwarzes Sweatshirt anzuziehen versuchte, das er offensichtlich bei dem Unfall getragen hatte. „Soll ich …? Ich meine, ich könnte …“

Er sah über die Schulter. Seine verblüffend tiefblauen Augen hielten ihren Blick gefangen und enthüllten etwas Verletzliches in den Tiefen. „Danke, ich schaffe das schon.“

Von einigen Kratzern auf dem attraktiven Gesicht und einem Verband an der linken Hand abgesehen, sah er stark und gesund aus. Man merkte ihm kaum an, dass er in der vergangenen Nacht auf einer Trage eingeliefert worden war.

Vielleicht hätte ich mir ein paar Minuten nehmen sollen, um mich frisch zu machen und umzuziehen, dachte Chloe unwillkürlich. Nicht, dass sie schmutzig oder ungepflegt aussah. Nur dass … Ach, vergiss es! Du hast keine Zeit, dich mädchenhaften romantischen Anwandlungen hinzugeben.

„Ich will mich nicht aufdrängen, aber mit dem Verband und so dachte ich …“ Sie verstummte und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich hätte nicht einfach so hier hereinschneien sollen. Aber … Nun, Sie sind Joseph Wilcox, richtig?“

„So steht es da drinnen.“ Er deutete zu einem Stapel Papiere auf dem Nachttisch.

Doch sie behielt den Fokus auf seinen breiten Schultern und den dunklen Härchen, die seinen muskulösen Oberkörper zierten. „Erinnern Sie sich an mich?“

„Sie waren gestern Abend bei mir, um mich zu identifizieren. Chloe Dawson, richtig?“

Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Ja, das bin ich. Schön, dass Sie es nicht vergessen haben.“

„Seien Sie nicht allzu optimistisch. Vor dem Unfall ist immer noch alles ein großer schwarzer Fleck in meinem Kopf. Meine Erinnerung reicht bloß bis zur Fahrt im Krankenwagen zurück. Davon abgesehen steht Ihr Name in den Papieren.“

„Hat Dr. Nielson Ihnen gesagt, dass ich Sie abholen komme?“

„Ja. Als sie mein Entlassungsformular abgezeichnet hat. Sie konnte es nicht erwarten, nach Hause zu ihrem Neugeborenen zu kommen. Was ich ihr nicht verdenken kann.“

Er mag also Kinder? Demnach ist er wohl einer von den Guten und ich muss keine Angst davor haben, mit ihm allein im Haus zu sein. „Haben Sie Kinder?“

Er hob den Blick gen Himmel, als müsste er dort nach einer Antwort suchen. „Keine Ahnung. Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Ich kann es ihr nicht verdenken, dass sie so schnell wie möglich weg von hier will. Krankenhäuser sind mir nicht geheuer.“

Wenn ich ihn mit Fragen bombardiere, stoße ich vielleicht auf einen Auslöser, der sein verlorenes Gedächtnis zurückbringt. „Waren Sie schon mal im Krankenhaus?“

„Das weiß ich auch nicht. Vermutlich war ich es und es hat mir nicht gefallen.“

„Wieso?“

„Weil auch ich es nicht erwarten kann, hier rauszukommen.“ Inzwischen war es ihm gelungen, das Sweatshirt anzuziehen. „Sind Sie bereit?“

„Sicher.“

Er schnappte sich eine weiße Plastiktüte vom Stuhl neben dem Bett und stürmte zur Tür hinaus.

Ihre staubigen Cowboystiefel klickten laut auf den hochglänzenden Fliesen im Korridor, während sie versuchte, mit seinem forschen Schritt mitzuhalten.

„Warten Sie!“, rief Chloe, als er den Fahrstuhl erreichte. „Mir ist klar, dass Sie schleunigst abhauen möchten, aber Dr. Nielson hat Sie in meine Obhut entlassen. Also lassen wir es langsam angehen. Steht in den Entlassungspapieren etwas, das ich erfahren sollte, bevor wir hier verduften?“

„Entschuldigung.“ Er reichte ihr das oberste Blatt von dem Stapel. „Hören Sie, Miss Dawson …“

Als sie seinem Blick begegnete – vielmehr, als seine umwerfend blauen Augen ihren Blick gefangen nahmen –, schlug ihr Magen Purzelbäume.

Joe lächelte sie an. „Miss ist doch zutreffend, oder?“

Will er wissen, ob ich Single bin? Oder ist er bloß höflich? Bei der Arbeit im Stagecoach Inn hatte sie sich daran gewöhnt, von Männern – alten wie jungen, betrunkenen wie nüchternen – angebaggert zu werden. Und sie war für gewöhnlich von der schnellen Sorte, wenn es darum ging, Desinteresse zu bekunden.

Doch ausnahmsweise machte sie Zugeständnisse, weil dieser sexy Marine sicherlich noch immer schockiert über den Unfall und das verlorene Gedächtnis war. „Stimmt, aber sagen Sie lieber Chloe.“

„In Ordnung. Danke, dass Sie mich abholen, Chloe. Und nennen Sie mich bitte Joe – obwohl ich möglicherweise nicht darauf reagieren werde.“

„Das kann ich verstehen. Wenn Sie nicht wissen, wer Sie sind, ist Ihnen der Name vermutlich nicht vertraut.“

„Das ist das Problem. Der Name kommt mir irgendwie nicht richtig vor. Vielleicht liegt es an der Gehirnerschütterung.“ Er seufzte resigniert. „Wie auch immer, Sie müssen sich nicht wirklich verantwortlich für mich fühlen. Ich habe hier auf Sie gewartet, weil Dr. Nielson ein netter Mensch zu sein scheint und ich ihr keine Scherereien mit ihren Vorgesetzten machen will. Sie können mich einfach beim nächsten Obdachlosenasyl oder bei der Heilsarmee absetzen. Dann komme ich schon klar.“ Und damit wandte er sich ab und stürmte weiter in Richtung Ausgang.

„Joe!“

Beim Klang seines Namens – oder vielleicht auch nur ihrer Stimme – drehte er sich um.

„Waren Sie jemals in einem Obdachlosenasyl oder bei der Heilsarmee?“

„Das weiß ich nicht.“

Dafür, dass er so gut wie nichts von sich selbst wusste, setzte er äußerst zielstrebig einen Stiefel vor den anderen und tat so, als wäre alles in bester Ordnung.

„Waren Sie schon mal in Brighton Valley?“

„Das weiß ich nicht.“

Sie fragte sich, ob er es allmählich leid wurde, wie eine kaputte Schallplatte zu klingen. „Hier gibt es kein Obdachlosenasyl und keine Heilsarmee. Wir haben eine Gemeindekirche, die Bedürftigen Unterkunft im Keller gewährt, aber der Pastor ist um diese Uhrzeit gewöhnlich schon zu Hause. Also bezweifle ich, dass dort noch geöffnet ist.“

„Dann nehme ich Ihr Angebot an, mich für ein oder zwei Tage aufzunehmen – oder bis mein Gedächtnis zurückkehrt. Vielen Dank.“

„Keine Ursache. Dave und seine Familie hätten dasselbe getan.“

Eine steile Falte entstand zwischen seinen Brauen, als ob er ganz tief in der Datenbank in seinem Kopf kramte, nur um sie leer vorzufinden. Dann nickte er und ging weiter.

Chloe folgte ihm in den Fahrstuhl. Seine Finger verharrten über dem Schaltbrett, also drückte sie den Knopf für das Erdgeschoss. Erneut sagte sie sich, dass es richtig war, ihn mit nach Hause zu nehmen. Schließlich konnte sie ihn schlecht auf der Straße herumirren lassen, wenn er nicht einmal einen einfachen Fahrstuhl zu bedienen verstand.

Er blickte sie an, und der leere Ausdruck in seinen Augen rührte sie. Wurde ihm die Bedeutung seiner Lage jetzt erst richtig bewusst?

„Macht es Ihnen wirklich nichts aus, wenn ich mich bei Ihnen einquartiere?“, erkundigte er sich.

„Natürlich nicht. Sie sind schließlich ein Freund von Dave. Ich tue nur, was er und seine Mutter für jeden ihrer Freunde getan hätten.“

„Ich werde versuchen, mich für die Unannehmlichkeiten zu revanchieren – sobald ich herausfinde, wer ich bin und wozu ich gut bin.“

„Der Dosierung an Schmerzmitteln nach zu urteilen, die Dr. Nielson Ihnen verordnet hat, glaube ich nicht, dass Sie in den nächsten Tagen zu irgendetwas gut sein werden. Also konzentrieren wir uns erst mal darauf, dass Sie gesund werden. Auf geht’s!“

Sie durchquerten die weihnachtlich dekorierte Lobby und ließen die schmachtende Stimme von Bing Crosby hinter sich, der von einer weißen Weihnacht träumte.

Abgesehen von dem Klicken ihrer Absätze auf dem staubigen Asphalt herrschte Stille, während sie zum Parkplatz gingen.

Dort blieb Joe stehen und blickte sich um. „Ich weiß nicht, wo wir sind oder was hier in der Nähe ist. Aber die Ärztin hat gesagt, dass ich die Medizin zum Essen nehmen soll, und seltsamerweise habe ich Heißhunger auf mexikanische Gerichte. Ist hier irgendwo ein Lokal, in dem ich menudo oder albondigas bekomme?“

Die spanischen Ausdrücke gingen ihm so leicht von der Zunge, als wäre es seine Muttersprache. Das überraschte Chloe, denn Wilcox war kein mexikanischer Nachname.

Vielleicht ist er gar nicht der, für den wir ihn halten. Dieser Verdacht war eigentlich Grund zur Beunruhigung, doch das Tattoo des United States Marine Corps auf seinem Arm beruhigte sie zum Teil. „Wir können bei Tía Juana einkehren. Das liegt auf dem Weg.“

„Großartig. Danke. Nebenbei bemerkt, würde ich gern für das Essen bezahlen, aber ich muss es Ihnen leider schuldig bleiben. Der Sheriff hat mir meine Brieftasche wider Erwarten nicht ins Krankenhaus gebracht.“

„Schon gut“, versicherte Chloe. „Nebenbei bemerkt, tut es mir leid.“

„Was? Dass ich kein Bargeld habe? Das ist mein kleinstes Problem.“

„Ich weiß. Und es muss furchtbar frustrierend für Sie sein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Sie durchmachen.“ Aber zum Glück für ihn hat sich das Blatt gewendet.

Joe Wilcox hatte nun Chloe Dawson an seiner Seite, und da sie derzeit niemanden sonst zu bemuttern hatte, war sie fest entschlossen, all ihre liebevolle Fürsorge auf ihn zu fokussieren.

Bei der Ankunft auf der Ranch fühlte Joe sich total erschöpft. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, im Tía Juana die würzige mexikanische Suppe auszulöffeln und ein paar Bissen der quesadilla zu essen. Danach hatte er die Medikamente mit einem Glas Eistee hinuntergespült.

„Ich bringe Sie am besten gleich ins Gästezimmer“, schlug Chloe vor.

Er folgte ihr aus der Küche durch ein gemütliches Wohnzimmer mit steinernem Kamin und an einem Aufgang vorbei, der in den zweiten Stock führte. Er fragte sich, wo sie schlafen mochte. Doch er hütete sich, danach zu fragen. Sie sollte nicht glauben, dass er zweifelhafte Absichten hatte – obwohl sie eine verdammt hübsche Frau war.

Ich hatte schon immer eine Schwäche für Blondinen … Beruhte dieser Gedanke auf einer Erinnerung? Wenn ja, war sie nicht sonderlich hilfreich.

Wie auch immer, Chloes platinblondes Haar fiel ihr in glänzenden Locken auf den Rücken und er war sehr versucht, es zu befühlen.

Doch er behielt die Hände bei sich. Auf keinen Fall wollte er Grenzen überschreiten, noch bevor er zehn Minuten allein mit ihr verbracht hatte. Außerdem war er alles andere als in Topform.

Chloe zeigte ihm ein Badezimmer und ging weiter. „Ich würde Ihnen ja gern Daves Zimmer geben, aber er könnte unverhofft auftauchen. Deshalb müssen Sie mit dem Gästezimmer vorliebnehmen.“

„Mir würde die Couch im Wohnzimmer reichen. Ich brauche nur ein Kissen und eine Decke.“

„Da wird uns hier was Besseres geboten.“

„Wieso uns?“

„Ich bin auch nur Gast hier.“ Sie öffnete eine Tür und machte Licht in einem kleinen Zimmer mit Doppelbett, Nachttisch und Kommode. „Soll ich Ihnen einen Pyjama bringen? In Daves Zimmer müsste sich so was finden lassen.“

Irgendetwas sagte ihm, dass er lieber nackt schlief, doch das erwähnte er vorsichtshalber nicht. „Nein, danke. Meine Boxershorts reichen.“

„Okay.“ Sie nagte an der Unterlippe, als ob sie etwas beunruhigte.

„Garantiert penne ich ein, sobald ich mich hinlege“, versicherte er, „und schlafe durch bis morgen früh.“

„Gut.“ Sie lächelte ihn flüchtig an. „Es bewirkt bestimmt Wunder, wenn Sie sich richtig ausschlafen.“

Zwischen ihnen herrschte eine spürbare Anspannung, doch Joe war zu erschöpft, um sich darüber Gedanken zu machen oder sich auch nur daran zu stören.

„Dann lasse ich Sie jetzt allein. Wir sehen uns morgen früh.“

„Vielen Dank.“

„Sehr gern.“ Sie zögerte einen Moment, als würde sie noch immer mit etwas ringen.

Zuneigung vielleicht? Nun, das wäre Pech. So sehr es ihm vielleicht vor seinem Unfall gefallen hätte, war er nun in seinem verwirrten und erschöpften Zustand nur darauf aus, ins Bett zu gehen – und zwar allein.

Allerdings heißt das noch lange nicht, dass ich morgen noch genauso darüber denke …

In Anbetracht der Umstände hatte Joe recht gut geschlafen. Doch jetzt, wo die Morgensonne in das Gästezimmer schien, streckte er stöhnend sein linkes Knie aus, das höllisch schmerzte. Eine hässliche Narbe deutete auf eine ältere Verletzung hin.

Er hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war. Er hasste es, nichts über sich selbst zu wissen – weder wer er war, oder woher er kam, noch wohin er wollte.

Schritte ertönten im Flur. Er drehte sich zur Tür um und erblickte die hübsche Blondine mit einem Stapel Kleidung.

„Guten Morgen“, wünschte Chloe. „Wie fühlen Sie sich?“

„Ganz gut. Gestern Abend beim Einschlafen habe ich mir vorgenommen, heute total normal und mit intaktem Gedächtnis aufzuwachen.“

„Und?“

„Mein Kopf fühlt sich nicht mehr ganz so schlimm an. Aber mein Gedächtnis? Immer noch nada.“

„Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee? Vielleicht löst ein Koffeinstoß irgendetwas aus.“

Der Anblick seiner hübschen Betreuerin, die in einem engen schwarzen Sweater aufreizend am Türrahmen lehnte, rüttelte ihn hinreichend wach. Doch auf einen entsprechenden Kommentar verzichtete er lieber. „Gern. Kaffee klingt super.“

„Wie mögen Sie ihn?“

„Schwarz.“ Dass er auf Anhieb eine Antwort parat hatte, gab Joe Anlass zu der Hoffnung, dass sein Gedächtnis über kurz oder lang zurückkehren würde. Hoffentlich beeilte es sich. Die Amnesie ging ihm gewaltig auf die Nerven.

„Wie steht’s mit Bacon und Eiern? Ich kann Ihnen auch Haferbrei oder Pfannkuchen machen.“

Nichts davon reizte ihn sonderlich. „Ich schließe mich Ihnen einfach ein.“

„Fettarmer griechischer Joghurt mit Banane? Das bezweifle ich.“

Ein Grinsen zuckte um seine Lippen. „Wären Pfannkuchen mit Bacon zu viel Mühe?“

Chloe schenkte ihm ein sonniges Lächeln. „Keineswegs. Soll ich es Ihnen hier servieren?“

Von einer hübschen Blondine im Bett gefüttert zu werden, war eine äußerst reizvolle Vorstellung und eröffnete interessante Möglichkeiten. Doch sie sollte ihn nicht für invalid halten. „Nein, danke. Ich komme in die Küche.“

Sie legte den Kleiderstapel auf die Kommode. „Ich habe Ihnen etwas zum Anziehen mitgebracht. Hosen und Hemden von Dave. Im Badezimmer liegen frische Handtücher.“

„Danke.“

„Wollen Sie zuerst essen?“

„Wenn Sie nichts dagegen haben. Ich will meine Medizin nehmen und soll es nicht auf nüchternen Magen tun.“

„Alles klar. Ich habe das Frühstück ruckzuck auf dem Tisch.“

Chloe stand am Herd, mit dem Rücken zur Tür. Ihr langes blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Sie hatte Joe nicht kommen gehört, sodass er unbemerkt ihren Anblick genießen konnte. Doch irgendetwas warnte ihn davor, sich in romantischen Träumen zu verlieren, solange er nicht wusste, wer er war und ob irgendwo eine Familie auf ihn wartete. „Hier riecht es verdammt gut.“

Sie drehte sich um und sah ihn in Jeans und T-Shirt von Dave in der Tür stehen. Die Kleidungsstücke stellten die einzige Übereinstimmung zwischen den beiden Männern dar. Im Gegensatz zum hageren blonden Dave war Joe dunkelhaarig und kräftig gebaut.

„Kann ich helfen?“, bot er an.

„Nein, danke. Kommen Sie einfach rein und setzen Sie sich.“

Während er einen Küchenstuhl beim Erkerfenster wählte, das auf die Weiden hinausblickte, brachte sie ihm einen Becher Kaffee an den Tisch.

Joe dankte ihr und nahm einen Schluck. „Ich weiß wirklich sehr zu schätzen, dass Sie mir vorübergehend Unterkunft gewähren, aber mir gefällt es nicht, Ihnen zusätzliche Arbeit zu machen.“

„Das ist kein Problem.“

„Trotzdem würde ich mich gern nützlich machen.“

Da der Rancharbeiter, der Tomas für gewöhnlich zur Hand ging, gerade auf Urlaub bei seiner Familie in Mexiko weilte, gab es reichlich zu tun. „Das ist sehr nett von Ihnen und vielleicht komme ich darauf zurück – sobald Sie wieder fit genug sind.“

Er lächelte. Es zauberte Grübchen in seine Wangen und ein Funkeln in seine umwerfenden blauen Augen, und es brachte Chloe aus dem Konzept.

„Ich fange heute noch an.“

„Warten wir lieber bis morgen. Mir ist wohler, wenn Sie sich noch ein bisschen schonen.“

„Dann muss ich wohl hier im Haus herumlungern. Aber ich verspreche, Ihnen nicht in die Quere zu kommen und keine Unruhe zu stiften.“

Irgendetwas sagt mir, dass jegliche Unruhe, die aufkommen könnte, von mir selbst ausgehen würde. „Ich bin sicher, dass Sie mir keine Umstände machen werden. Und ehrlich gesagt ist es ganz nett für mich, jemanden um mich zu haben, mit dem ich hin und wieder reden kann.“ Das große alte Ranchhaus wirkte gelegentlich recht einsam, vor allem abends.

„Sie sind also auch Gast hier?“, fragte Joe.

Sie nickte, wandte sich dem Herd zu und wendete die Pfannkuchen.

„Und was machen Sie so, wenn Sie nicht gerade Verletzte pflegen?“

„Momentan bin ich arbeitslos, was eigentlich ganz gelegen kommt. Tomas, der Vormann, ist knapp an Arbeitskräften, sodass ich ihm aushelfe.“

„Und was arbeiten Sie normalerweise?“

„Ich war bis vor Kurzem in einem Pflegeheim in der Stadt tätig und möchte ab dem nächsten Semester wieder die Schwesternschule in Wexler besuchen.“

„Das ist ja cool! Ich habe meine eigene Florence Nightingale, die mich gesund pflegt.“

Sie drehte sich zu ihm um und schmunzelte. „Pflegerin war immer mein Traumberuf.“ Seit ihrer willkürlichen Entlassung aus dem Sheltering Arms fragte sie sich allerdings, ob sie ihr Herz an einen falschen Traum gehängt hatte.

Wäre Teresa noch am Leben, hätte sie mir geraten, ganz anders mit der Situation umzugehen – den Administrator zur Rede zu stellen und notfalls gerichtlich gegen die Kündigung vorzugehen. Aber Chloe lag es nicht, hohe Wellen zu schlagen. Also hatte sie klein beigegeben und den Job sausen lassen.

Sie spielte mit dem Gedanken, Joe die Sache anzuvertrauen, und entschied sich dagegen. Was wusste sie schon über ihn?

Sicher, sie fühlte sich zu ihm hingezogen – was vermutlich nur daran lag, dass er verletzt war und Krankenpflege eine Herzensangelegenheit für sie war. Allerdings berührte er nicht nur ihre fürsorgliche Ader. Er hatte etwas an sich, das sie auf einer ganz anderen Ebene anzog.

Doch hinter ihr lag bereits eine gescheiterte Beziehung, die auf einer Fehleinschätzung beruhte. Seitdem traute sie ihrem Urteilsvermögen in puncto Männer nicht mehr.

Und solange ich Joes Anziehungskraft widerstehe, müssten wir blendend miteinander auskommen …

3. KAPITEL

Um zehn Uhr morgens hatte Chloe bereits zwei Maschinen Wäsche gewaschen, gründlich den Herd gereinigt und das große Erkerfenster geputzt. Sie liebte es, beim Morgenkaffee auf den Hof und die Weiden zu schauen. Deswegen war es ihr wichtig, die Scheiben makellos sauber zu halten.

Sie bemühte sich, bei der Hausarbeit möglichst wenig Lärm zu machen, denn gleich nach dem Frühstück war Joe wegen eines Schwindelanfalls für ein Nickerchen ins Gästezimmer zurückgekehrt.

Sie war froh, dass er sich noch schonte. Da sie als einziges Mädchen mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen war, wusste sie, wie starrsinnig manche Männer waren, und wie schwer es ihnen fiel, Schwäche einzugestehen.

Als Nächstes kam der Fußboden an die Reihe. Während sie Eimer und Wischmopp aus der Abstellkammer holte, dachte sie an Dave. Sie hatte seit Monaten nichts von ihm gehört und fragte sich, wo er stecken mochte und warum er ihr durch eine dritte Person einen Brief geschickt hatte.

Vor einigen Wochen hatte sie ihm geschrieben, doch am vergangenen Montag war der Umschlag ungeöffnet auf die Ranch zurückgekommen – vom Militär an Daves Adresse auf der Ranch weitergeleitet. Das führte sie zu der Annahme, dass sein Einsatz beendet war.

Warum meldet er sich dann nicht und kommt nicht nach Hause? Auch wenn sie seine übertriebene Zuneigung als unangenehm empfand, mochte sie ihn gern und freute sich auf seine Rückkehr aus dem Krieg.

Sie wusste nicht genau, warum er ihr derart zugetan war. Vermutlich war es die Kombination aus Stress, Kriegsneurose und dem Verlust der Eltern, die ihn zu viel in ihre Beziehung hineindeuten ließ.

Er hatte sich mehr und mehr in seine Fantasien hineingesteigert, von gemeinsamen Kindern geträumt und ihnen sogar Namen gegeben. Schließlich war ihr nichts anderes übrig geblieben, als den Sachverhalt unmissverständlich klarzustellen.

Natürlich müsste Chloe die Ranch verlassen, sobald er wieder nach Hause kam. Sie wollte nicht riskieren, dass er weiterhin von einer gemeinsamen Zukunft träumte. Andererseits hoffte sie, dass er ihre Beziehung realistischer einstufte, wenn er wieder in Brighton Valley weilte.

„Einen Penny für Ihre Gedanken.“

Erschrocken wirbelte sie zu Joe herum, der in der Küchentür stand. Obwohl er ziemlich mitgenommen aussah, wirkte er sehr sexy. Sie schob ihre Überlegungen beiseite und zwang sich zu lächeln. „Meine Gedanken sind nicht viel wert.“

„Wie auch immer. Es tut mir leid, dass ich meine Hilfe angeboten und dann schlappgemacht habe.“

„Das macht nichts. Zu gegebener Zeit wird sich genug Arbeit für Sie finden. Es ist besser, wenn Sie es langsam angehen lassen.“

Sie musterte seine breite Brust, das unrasierte Gesicht und die leuchtend blauen Augen, die sie zu durchbohren schienen. Ihr fiel auf, dass er sie ebenso gründlich unter die Lupe nahm wie sie ihn. Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und wünschte, sie hätte sich stylisher zurechtgemacht.

Sie hörte ein Auto kommen und spähte aus dem Fenster auf den Hof. „Der Sheriff kommt.“

„Ich bin Shane Hollister und leite die Ermittlungen im Zusammenhang mit Ihrem Unfall.“

Aus irgendeinem Grund erweckte die Begegnung mit dem uniformierten Gesetzeshüter einen Anflug von Unbehagen bei Joe. Verdammt! Habe ich Grund, mich schuldig zu fühlen? Er verdrängte die Beklommenheit. „Hallo, Sheriff.“

„Schön, Sie auf den Beinen zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

„Nicht schlecht. Aber ich kann mich immer noch an nichts erinnern, falls Sie das meinen.“

„Tja, vielleicht kann ich helfen.“ Der Sheriff reichte ihm eine Brieftasche. „Die wollte ich Ihnen schon im Krankenhaus geben, aber ich habe Sie verpasst.“

„Kein Problem.“ Joe klappte die Brieftasche auf und holte den Führerschein heraus, der ein Foto von ihm selbst enthielt und bestätigte, dass sein Name Joseph Wilcox lautete. Als Adresse war der Stützpunkt Camp Pendleton angegeben.

Hollister zog einen kleinen Notizblock aus der Brusttasche und blätterte darin, bevor er eröffnete: „Wir haben einen Treffer mit Ihrer Militärlaufbahn gelandet. Sie wurden vor ein paar Monaten verletzungsbedingt aus dem Marine Corps entlassen.“

Demnach ist die Adresse im Führerschein nicht mehr gültig, dachte Joe.

„Das Militär rückt keine näheren Informationen heraus, aber ich habe einen Kumpel beim Houston NCIS, der für mich nachforscht.“

„NCIS?“, fragte Chloe.

Naval Criminal Investigative Service. Das ist die Strafverfolgungsbehörde, die für die Navy wie für das Marine Corps zuständig ist. Ich hoffe, dass wir im Laufe der Woche mehr von meinem Freund erfahren.“

„Weiß man schon, ob Joe zusammen mit Dave gedient hat? Oder wo Dave steckt?“

„Nein. Vielleicht kann mein Kontaktmann das in Erfahrung bringen.“ Hollister wandte sich wieder an Joe. „Sie sind kurz nach Ihrem achtzehnten Geburtstag in die Marines eingetreten. Bei Ihrer Entlassung waren sie Staff Sergeant. Demnach haben Sie einen geradezu kometenhaften Aufstieg hingelegt.“

Joe seufzte. „Das ist schön zu wissen. Leider kann ich mich so gar nicht an diesen kometenhaften Aufstieg erinnern.“

Chloe rückte zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dr. Nielson hat gesagt, dass Sie Geduld haben sollen. Ihr Mann hatte vor ein paar Jahren auch Amnesie. Sein Gedächtnis ist allmählich im Laufe einiger Wochen zurückgekommen.“

„Das kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Geduld war noch nie meine Stärke.“

Sie drückte seine Schulter. „Ich würde sagen, das ist eine gute Neuigkeit.“

Mit gerunzelter Stirn blickte er sie an. „Inwiefern?“

„Da Sie das so spontan und überzeugt über sich sagen, muss es wohl eine Erinnerung sein.“

Er empfand dieses Detail nicht als sonderlich hilfreich und wandte sich wieder an den Sheriff. „Haben Sie noch etwas über die Person herausgefunden, die mich angefahren hat?“

„Aus den Reifenspuren schließen wir, dass der Täter vom Parkplatz über den Bordstein gerast ist. Meine Deputys befragen alle Gäste, die an dem Abend anwesend waren, und untersuchen deren Autos auf Lackschäden – sofern es sich um Einheimische handelt. Außerdem prüfen wir die Kreditkartenabrechnungen, falls es jemand war, der auf der Durchreise in die Bar eingekehrt ist.“

„Danke für Ihre Bemühungen.“

„Keine Ursache. Das ist mein Job.“ Der Sheriff steckte seinen Notizblock ein und stand auf. „Aber Sie sollten in Betracht ziehen, dass es vielleicht kein Unfall war.“

Die Vorstellung, dass jemand da draußen es auf ihn abgesehen haben könnte, schlug Joe gewaltig auf den Magen.

Mit verstörter Miene ließ Chloe die Hand von seiner Schulter sinken. „Wieso sagen Sie das?“

„Es gibt keine Bremsspuren. Also hat der Fahrer Sie entweder übersehen oder direkt auf Sie gezielt. Ich will Sie nicht in Angst und Schrecken versetzen und keine Verschwörungstheorien entwickeln, aber wir wissen immer noch sehr wenig über Sie. Ich kann die Tatsache nicht außer Acht lassen, dass Sie jemandem in dieser Stadt nicht willkommen sind.“

Eigentlich hatte ich mir eine Art Rettungsinsel vom Sheriff erhofft. Stattdessen wirft er bloß noch mehr Sorgen, Ängste und Fragen auf. Der letzte Rest an festem Boden, den Joe unter den Füßen gespürt hatte, wurde ihm total entrissen. Nun fühlte er sich völlig allein in einem kleinen Ruderboot auf rauer See – ohne Kompass, ohne Ruder, ohne Land in Sicht.

„Was sollen wir also tun?“, wollte Chloe wissen.

Wir? Er durfte keine Hilfe von ihr erwarten. Sie hatte bereits sehr viel für ihn getan. Trotzdem, die Vorstellung, in dem Boot jemanden an seiner Seite zu wissen, munterte ihn ein wenig auf.

„Ich schlage vor, dass Mr. Wilcox vorläufig untertaucht“, antwortete Hollister. „Am Besten bleibt er hier auf der Ranch, während wir weitere Ermittlungen anstellen.“

„Ich hatte gehofft, dass jemand in der Stadt ihn erkennt und uns verraten kann, wer er ist und warum er hier ist“, wandte sie ein.

Joe war gleichermaßen um ihre wie um seine eigene Sicherheit besorgt. Bisher hatte sie sich als Verbündete in seiner derangierten Welt erwiesen, und er wollte sie auf keinen Fall in Gefahr bringen. Weil nicht abzusehen war, welche Komplikationen seine Anwesenheit hervorrufen konnte, überlegte er: „Vielleicht ist es besser, wenn ich ausziehe.“

Sie legte ihm die Hand wieder auf die Schulter. Diesmal schickten ihre Fingerspitzen einen Anflug von Wärme durch seine Adern. Sie begegnete seinem Blick und rührte an etwas tief in seinem Innern. „Wohin denn?“

Woher zum Teufel soll ich das wissen? Fahrig strich er sich durchs Haar. Er war fest entschlossen, sich etwas einfallen zu lassen, bevor diese wundervolle Fremde ihm den durcheinandergeratenen Kopf noch mehr verdrehte.

„Es muss frustrierend sein, nicht zu wissen, wer Sie sind oder warum Sie hier sind“, bemerkte der Sheriff. „Aber vom Standpunkt der Sicherheit aus halte ich es für wichtiger, zuerst dem Unfall auf den Grund zu gehen und dann erst das Gedächtnisproblem anzugehen.“

Es war durchaus verständlich, dass den Gesetzeshüter vorrangig interessierte, ob in seiner idyllischen Kleinstadt womöglich ein Verbrechen begangen worden war. Und so hilfreich es auch sein mochte, dass er sich über seine Pflicht hinaus um Joes Privatleben kümmerte, handelte es sich nicht nur um ein kleines „Gedächtnisproblem“. Es war ein ausgewachsener Identitätsverlust, ein Kontrollverlust über das gesamte Leben.

Was, wenn ich genau in dieser Sekunde woanders sein müsste? Was, wenn jemand mich dringend braucht und ich nicht da bin? Was, wenn eine Ehefrau auf mich wartet? Joes Magen verkrampfte sich. Er atmete tief durch und fragte: „Sheriff, wissen Sie zufällig, ob in meiner Militärakte etwas von einer Ehefrau oder Kindern steht?“

„Es sind keinerlei Unterhaltsberechtigte vermerkt. Deshalb gehe ich davon aus, dass Sie Single sind.“

Er atmete auf. Zumindest hatte er keine eingetragene Familie, die sich um ihn sorgte. Doch damit war er noch lange nicht aus dem Schneider. Womöglich gab es jemand anderen, der ihn brauchte.

„Also gut“, sagte Chloe. „Ich behalte Mr. Wilcox hier auf der Ranch, bis Sie Ihre Ermittlungen abschließen.“

„In Ordnung. Ich melde mich, sobald ich weitere Informationen habe.“

„Vielen Dank“, murmelte Joe zerstreut. Ihm schossen so viele wirre Gedanken durch den Kopf, dass er sich beinahe so konfus fühlte wie in dem Moment, als er in der Notaufnahme zu sich gekommen war.

Sie begleitete den Sheriff hinaus. Während die beiden zum Streifenwagen schlenderten, fühlte Joe sich wie ein Kind, das von den Erwachsenen zurückgelassen wurde, damit sie sich ungestört unterhalten konnten.

Warum wollte sie unter vier Augen mit dem Cop reden? Um ihm zu vermitteln, welche Ängste und Bedenken es in ihr auslöste, mit einem Fremden unter einem Dach zu wohnen? Wenn sie wirklich Angst vor mir hat, muss ich gehen – ganz egal, was der Sheriff empfiehlt.

Doch leider hatte Joe keine Ahnung, wo er hin sollte. Erst einmal ging er in die Küche, um den Fußboden zu wischen. Er wollte sich nützlich im Haus und auf der Ranch machen, damit Chloe ihn nicht als Last ansah.

Außerdem war er neugierig, was da draußen vor sich ging. Während er Wasser in den Eimer fließen ließ, blickte er aus dem großen Küchenfenster zum Streifenwagen.

Der Sheriff öffnete die Fahrertür, nahm etwas vom Beifahrersitz und reichte Chloe einen Umschlag.

Ist das Daves Brief? Dafür, dass sie angeblich nur eine „Freundin der Familie“ ist, liegt ihr der Kerl sehr am Herzen. Obwohl Joe durchaus bewusst war, dass er keinerlei Anspruch auf seine private „Florence Nightingale“ hatte, konnte er ein unbehagliches Bauchgefühl nicht abschütteln. Ebenso wenig wie die stechende Eifersucht, die ihn befiel und ihn drängte, bei Chloe einen speziellen Fall von Amnesie auszulösen und sie vergessen zu machen, was sie für Dave Cummings empfand.

Chloe erkannte Daves schwungvolle Handschrift auf Anhieb. Sie war sehr versucht, den Brief an Ort und Stelle zu lesen, doch sie starrte nur auf den zerknitterten, fleckigen Umschlag. Offensichtlich hatte ihn jemand eine ganze Weile mit sich herumgetragen – entweder Dave oder Joe. Vielleicht auch beide. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass Sie ihn im Zuge Ihrer Ermittlungen öffnen würden.“

„Ich darf einen verschlossenen Umschlag nicht ohne Ermächtigung öffnen, und da der Brief an Sie gerichtet ist, bestand für mich kein Grund, eine entsprechende Vollmacht einzuholen“, erklärte Sheriff Hollister. Er reichte ihr eine Visitenkarte. „Falls Sie darin irgendwelche Hinweise finden, die mich in meinen Ermittlungen im Fall Wilcox weiterbringen könnten, lassen Sie es mich bitte wissen.“

„Natürlich.“

Er stieg in den Streifenwagen. „Alles, was ich bisher über Wilcox in Erfahrung gebracht habe, deutet darauf hin, dass er gesetzestreu ist. Sollte sich Grund zu der Annahme ergeben, dass dem nicht so ist, rufen Sie mich bitte an.“

„In Ordnung. Danke.“ Sie steckte den Brief in die Gesäßtasche ihrer Jeans und beobachtete, wie der Streifenwagen davonfuhr.

Chloe wäre am liebsten in ihr Zimmer gestürmt, um den Brief zu lesen und endlich zu erfahren, wo Dave steckte, und wieso er das Schreiben einem Dritten überlassen hatte. Doch sie zügelte ihre Neugier, um Joe nicht noch länger allein im Haus zu lassen.

Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück – und fand es leer vor. Vermutlich war ihr Hausgast wieder ins Bett gegangen. Das wundert mich nicht. Kopfverletzungen können kräftezehrend sein.

Sie hörte ein Geräusch aus der Küche und ging nachsehen. Es hätte sie nicht überrascht, wenn er sich etwas zu essen zubereitet hätte. Stattdessen wischte er den Fußboden.

„Was machen Sie denn da?“

Er hielt inne und stützte sich auf den Moppstiel. „Ich mache mich nützlich und verdiene mir meinen Unterhalt.“

„Das ist nicht nötig.“

„Doch. Ich nehme nicht gern Almosen …“, seine Stimme verklang; eine Falte erschien zwischen seinen Brauen. „Entgegen.“

Chloe hatte den Eindruck, dass ihm eine Erinnerung gekommen war. Doch sie traute sich nicht zu fragen, nachdem sie diesen Schluss mehrmals voreilig gezogen hatte.

„Zumindest glaube ich das“, fügte er an.

„Dr. Nielson hat gesagt, dass Sie locker bleiben sollen.“

„Ich weiß, aber irgendetwas sagt mir, dass es mir nicht liegt, untätig herumzusitzen und abzuwarten, bis etwas passiert. Sobald ich hier fertig bin, gehe ich in die Stallungen. Dann können Sie in Ruhe den Brief lesen.“

Verwundert zog sie die Augenbrauen hoch.

„Ich habe zufällig gesehen, wie Sie ihn von Hollister bekommen haben.“

Unwillkürlich befühlte sie die Hosentasche und vergewisserte sich, dass der Umschlag noch immer da war.

„Ich an Ihrer Stelle könnte es nicht abwarten, ihn zu lesen.“ Er grinste. „Vielleicht steht ja da drin, dass Joe Wilcox ein Verrückter ist, den Sie nicht in Ihre Nähe lassen sollten.“

Sie wusste, dass er darauf brannte, einen Hinweis auf den Grund seiner Anwesenheit in Brighton Valley zu erhalten. Trotzdem wollte sie allein sein, wenn sie las, was immer Dave ihr nicht von Angesicht zu Angesicht anvertrauen wollte. Sie befürchtete, dass sie seine Gefühle verletzt hatte – trotz ihrer Bemühungen, ihm die Wahrheit schonend beizubringen. Und sie bedauerte die Distanz, die durch ihre Aufrichtigkeit zwischen ihnen entstanden war.

„Danke für Ihr Verständnis“, sagte sie. „Ich lasse Sie wissen, falls etwas über Sie drinsteht.“

Joe nickte und fuhr fort, den Fußboden zu wischen. Als er fertig war, trug er den Eimer durch die Waschküche ins Freie.

Chloe ging ins Wohnzimmer, setzte sich in einen Sessel und zog den Umschlag aus der Tasche. Sie öffnete ihn und fand darin ein einzelnes Blatt Papier.

Chloe,

dass Du diesen Brief liest, bedeutet, dass Joe Dich ausfindig gemacht und ihn Dir persönlich übergeben hat.

Ich kann Dir nicht genug danken für alles, was Du für meine Mutter in ihren letzten Tagen getan hast, und es tut mir leid, dass meine Liebe und Dankbarkeit Dir Unbehagen bereitet haben. Dass meine Gefühle nicht erwidert werden, bedeutet jedoch nicht, dass ich sie weniger tief empfinde.

Ich kann mir keinen Ort vorstellen, an dem ich lieber wäre als bei Dir. Wenn Dir jedoch nichts an dem liegt, was zwischen uns sein könnte, dann werde ich Dich nie wieder belästigen.

Leb wohl.

Dave

Sie las die Nachricht immer und immer wieder und fragte sich, warum Dave sich nicht persönlich bei ihr meldete. Und warum hatte er ihr den Brief durch einen Boten aushändigen lassen, anstatt ihn einfach per Post zu schicken?

Schließlich fokussierte Chloe sich auf das mysteriöse Schlusswort. … Wenn Dir jedoch nichts an dem liegt, was zwischen uns sein könnte, dann werde ich Dich nie wieder belästigen. Leb wohl …

Er hatte einen Hang zu Melodramatik, weshalb sie nicht wusste, wie ernst sie die Formulierung nehmen sollte.

Was ist, wenn er sich damit für immer verabschieden will? Was ist, wenn er …? Oh Gott! Was ist, wenn ich irgendwie Schuld daran bin?

4. KAPITEL

Der Geruch nach Leder und Stroh erregte nicht nur Joes Sinnesorgane. Er blieb mitten im Stall stehen, musterte das Zaumzeug an den Wänden und wunderte sich über das Gefühl der Vertrautheit, das ihn überkam. War ich schon mal hier? Oder ist es bloß der Geruch, der mir bekannt vorkommt?

Ein Pferd wieherte.

Er ging weiter und trat an die Box einer Appaloosa-Stute. „Hallo. Wie geht’s?“

Sie warf den Kopf zurück und schnaubte.

Er streckte eine Hand aus und tätschelte ihren Hals. Er wusste nicht, wie lange er dort stand, mit der Stute redete und eine Art Freundschaft zu ihr aufbaute. Sicherlich lange genug für Chloe, um in aller Ruhe den Brief zu lesen.

Trotzdem blieb er im Stall und versuchte, das Gefühl der Vertrautheit zu ergründen. Leider ohne Erfolg.

Hinter ihm ertönten Schritte. Er blickte über die Schulter und sah einen stämmigen Cowboy mittleren Alters auf sich zukommen.

Als sich ihre Blicke begegneten, sagte der Mann: „Ich bin Tomas Hernandez, der Vorarbeiter. Sie müssen Joe Wilcox sein.“

Aus irgendeinem Grund klang der Name noch immer unpassend. Doch Joe schüttelte das Unbehagen ab und reichte dem Mann die Hand. „Stimmt.“

„Schön, Sie auf den Beinen zu sehen. Ich habe von dem Unfall gehört. Anscheinend hatten Sie großes Glück.“

Den Eindruck habe ich weniger. Joe fühlte sich verloren und verstört. Doch er wollte nicht jammern. „Ich schätze, ich hätte es schlimmer treffen können.“

Hernandez nickte. „Stimmt. Sie könnten immer noch im Krankenhaus liegen.“

Oder im Grab. „Die Frau Doktor hat gesagt, dass ich mich schonen soll, aber mir fällt die Decke auf den Kopf. Falls Sie irgendwelche Arbeiten für mich haben, dann sagen Sie es. Ich möchte auf jede mögliche Weise helfen.“

„Chloe hat gesagt, dass Sie sich erst mal erholen müssen und vorläufig nicht zur Verfügung stehen.“

Sie haben also über mich gesprochen. Nun, das war vermutlich verständlich. Doch Joe wollte für niemanden eine Last oder ein Problem sein. „Ich schätze, ich schone mich heute noch. Aber ab morgen packe ich mit an.“

„Das freut mich zu hören. Mir fehlt ein Rancharbeiter, also gibt es für uns beide genug zu tun.“

Schweigen trat ein, dehnte sich aus. Die beiden Männer begutachteten einander, wie um zu entscheiden, ob sie Freunde oder Feinde werden sollten.

Schließlich deutete Joe mit dem Kopf zu der Stute. „Ein hübsches Tier.“

„Stimmt. Das ist Lola. Sie hat eine erstklassige Abstammung und wird bald fohlen. Bis dahin halte ich sie im Stall.“

Noch immer konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass er schon einmal auf dieser Ranch gewesen war. Und in dieser Scheune. „Arbeiten Sie schon lange hier?“

„Ungefähr vier Jahre.“ Hernandez hob seinen Cowboyhut und enthüllte einen schütteren Haarschopf. „Kommenden Februar werden es fünf.“

„Dann kennen Sie mich vielleicht?“, fragte Joe hoffnungsvoll.

„Ich fürchte, nein.“

„Ich dachte, Dave hätte mich vielleicht mal hierher mitgenommen.“

„Nicht, dass ich wüsste.“

Die Hoffnung verflog. Vielleicht war er auf einer anderen Ranch aufgewachsen. Aber wo? Erneut sah er sich im Stall um. Warum nur hatte er dieses Déjà-vu-Erlebnis? Spielte sein erschüttertes Gehirn ihm einen Streich? Möglicherweise. „Wann ist Dave in die Marines eingetreten?“

„Vor etwa dreieinhalb Jahren. Nach einem riesigen Streit mit seinem Vater. Er hat sich verpflichtet, um ihn zu ärgern.“

„Worüber haben sie denn gestritten?“

„Über praktisch alles. Beim letzten Mal war es besonders schlimm. Trotzdem bin ich sicher, dass es Dave hinterher leidgetan hat.“

„Sie meinen, dass er zu den Marines gegangen ist?“

„Hauptsächlich, dass er überhaupt von zu Hause weggegangen ist. Kurz danach ist sein Vater an einem Herzinfarkt gestorben und Dave gibt sich wohl die Schuld daran. Als er das letzte Mal zum Begräbnis seiner Mutter hier war, hat er mir gesagt, dass er bald nach Hause kommt und nie wieder weggeht. Er hat mich gebeten, mich bis dahin um die Ranch zu kümmern. Aber jetzt hat er sich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gemeldet.“

Nun brannte Joe noch mehr darauf zu erfahren, was in dem Brief stehen mochte. Nachdenklich strich er sich über das stoppelige Kinn. Die Dusche, die er nach dem Frühstück hatte nehmen wollen, war längst überfällig. „Ich gehe wieder ins Haus. Wenn Sie mir eine Liste mit den Aufgaben machen, die ich erledigen kann, fange ich gleich morgen früh damit an.“

„In Ordnung.“

Joe tätschelte Lola noch einmal den Hals und kehrte ins Haus zurück. Im Wohnzimmer musterte er die Ledermöbel, das eingebaute Bücherregal an der rückwärtigen Wand, den steinernen Kamin mit den zahlreichen Fotos auf dem Sims. Eine Aufnahme von einem blonden Marine in Uniform stach ihm besonders ins Auge. Er nahm den Messingrahmen zur Hand und musterte das lächelnde Gesicht. Wie gern hätte er es wiedererkannt! Leider war es nicht der Fall.

„Das ist Dave“, verkündete Chloe hinter ihm.

Er drehte sich zu ihr um. Sobald sich ihre Blicke begegneten, spürte er eine weit heftigere Regung als die Sinnesempfindung, die der Geruch von Leder und Heu in der Scheune ausgelöst hatte.

„Kommt er Ihnen bekannt vor?“

„Nein. Leider nicht.“ Er stellte den Rahmen zurück auf den Kamin.

„Sie kennen ihn aber eindeutig. In seinem Brief steht ausdrücklich, dass er Sie gebeten hat, ihn mir zu bringen.“

„Ist das alles, was er zu sagen hat?“

„Über Sie? Ja, das ist alles.“

Was mochte Dave sonst noch geschrieben haben? Offensichtlich handelte es sich um persönliche Dinge, die sie nicht weitergeben wollte. Joe sah ein, dass er kein Recht hatte, danach zu fragen, obwohl seine Neugier immer mehr wuchs. Ebenso wie sein Interesse daran, wie Chloe tickte – ein Interesse, das in eine ausgewachsene Zuneigung auszuarten drohte, wenn er es zuließ.

Und vielleicht auch sowieso. Er fand sie faszinierend, selbst mit strengem Pferdeschwanz und ohne Make-up. Sie war nicht einmal schick gekleidet, trug nur verwaschene Jeans und einen leichten blauen Sweater. Doch nicht einmal die unscheinbare Aufmachung verbarg ihre natürliche Schönheit. Allein der Blick aus ihren bernsteinfarbenen Augen, die ihn fixierten, weckte seine Libido.

Sie trat zu ihm an den Kamin und griff nach dem Bild, das er gerade auf den Sims zurückgestellt hatte. Ihr schwacher Duft nach Limonenblüten erregte mehr als nur sein Interesse.

Einen Moment lang musterte sie den Marine auf dem Foto. Währenddessen betrachtete Joe ihr Gesicht – die zarten Züge, die dichten dunklen Wimpern, die vollen weichen Lippen …

„Nachdem Dave zum Militär gegangen und sein Vater verstorben war, musste seine Mutter die Ranch allein führen.“ Nach einem letzten Blick auf das Foto stellte Chloe es zurück auf den Sims. „Als sie krank wurde, habe ich ihr geholfen, so gut ich konnte. Zuerst hatte ich keine Ahnung von Rancharbeit, aber ich lerne von Tag zu Tag dazu.“

„Sie wollen also hier warten, bis Dave nach Hause kommt?“

Sie nagte zögerlich an der Unterlippe, zuckte dann mit der linken Schulter und nickte. „Teresa hat mir ein Zuhause gegeben, als ich keine Unterkunft hatte. Deshalb habe ich mich ihr verpflichtet gefühlt und ihr versprochen, so lange zu bleiben und mich um die Ranch zu kümmern, bis er zurückkommt.“

Fühlt sie sich Teresas Sohn auch verpflichtet? Erneut wurde Joe von Neugier gepackt. Da war so vieles, was Chloe ungesagt ließ. So vieles, was er über sie wissen wollte. „Und woher kommen Sie?“

Sie lächelte wehmütig. „Von überall und nirgends.“

Er lehnte sich an den Kamin, verschränkte die Arme vor der Brust und grinste sie an. „Es gefällt Ihnen also nicht, an einen Ort gebunden zu sein?“

„Das ist es nicht. Meine Eltern sind beide beim Militär. Deshalb sind wir in meiner Kindheit oft umgezogen und ich musste häufig die Schule wechseln. Jetzt, wo ich auf mich selbst gestellt bin, möchte ich mich häuslich niederlassen und Stabilität in mein Leben bringen.“

„Sehen Sie Ihre Angehörigen oft?“

„Eigentlich habe ich Weihnachten immer mit ihnen verbracht. Aber letztes Jahr war das nicht möglich, weil sie auf Hawaii stationiert waren. Und es sieht ganz so aus, als ob ich in diesem Jahr hier in Brighton Valley bleiben muss.“

Er hatte den Eindruck, dass sie nicht glücklich darüber war. Deshalb murmelte er: „Das ist schade.“

„Was machen Sie …“ Sie verstummte und errötete. „Entschuldigung. Ich wollte Sie nach Ihrer Familie und Ihren Weihnachtstraditionen fragen.“

„Schon gut. Ich wünschte, ich hätte eine Antwort für Sie.“

Chloe legte ihm eine Hand auf den Arm. Er musterte die zarten Finger, die ihn innerlich erwärmten. Dann sah er ihr in die Augen und verlor sich beinahe in ihrem betörenden Blick.

„Zu Weihnachten kriege ich Heimweh“, gestand sie ein. „Meine Mutter fährt immer ganz groß auf. Wahrscheinlich will sie mir und meinen Brüdern damit ein Gefühl von einem richtigen Zuhause und Stabilität im Leben geben. Allerdings sitze ich in diesem Jahr hier fest. Und Sie anscheinend auch. Also werden wir uns wohl damit abfinden und ein bodenständiges Fest im Landhausstil für uns beide arrangieren müssen. So können wir einander vielleicht helfen, brandneue Erinnerungen zu schaffen.“

Er zögerte, ohne zu wissen, warum. Vielleicht lag es daran, dass sein Kopf noch immer unter den Unfallfolgen litt – und dass sie ihre Hand zurückgezogen und ihm die Wärme ihrer Berührung entzogen hatte.

Obwohl mehrere Gründe dafür sprachen, ihren Vorschlag abzulehnen, willigte er ein, weil sie ihn forschend und geradezu flehend anblickte.

Denn wenn ich es mir recht überlege, gefällt mir die Idee, neue Erinnerungen mit Chloe zu schaffen.

Mit einem Stapel frisch gewaschener Handtücher auf dem Arm drehte Chloe den Knauf der Badezimmertür. Ein seltsames Klicken ertönte, doch die Tür ging auf, entließ eine Dampfwolke in den Flur – und enthüllte Joe.

Er stand am Waschtisch, das Gesicht mit Rasierschaum bedeckt, der Körper nackt bis auf ein schmales weißes Handtuch um die Hüften.

Ihre Wangen wurden heiß. „Oh! Es tut mir leid. Ich …“

„Schon gut.“

Es ist gar nicht gut. Es braucht nur einen winzigen Ruck an dem Handtuch, um … Chloe kam zur Besinnung und zügelte ihre sinnlichen Gedanken. „Sie haben die Tür nicht abgeschlossen.“

„Eigentlich doch. Anscheinend funktioniert das Schloss nicht.“

Tja, nun … Sie konnte dem Schloss die Schuld geben oder dem Mann im Mond oder sonst wem, aber das kühlte nicht ihre brennenden Wangen. Und es verbarg nicht den attraktiven Mann, der einen umwerfenden Anblick bot.

Sie schluckte schwer. Es war ihr unmöglich, klar zu denken, geschweige denn zu sprechen. Also nickte sie nur, machte auf dem Absatz kehrt und schloss die Tür.

Während sie die Handtücher zum Wäscheschrank im Flur trug, kämpfte sie gegen den Drang, nach draußen zu entfliehen und sich mit irgendwelchen Arbeiten im Hof abzulenken. Doch was hätte das genützt? Irgendwann musste sie ins Haus zurückkehren. Also konnte sie sich auch gleich mit der peinlichen Situation auseinandersetzen.

Mit Joe unter einem Dach zu wohnen und zu wissen, dass er nur zwei Türen von ihrem Zimmer entfernt schlief, brachte sie auf abwegige Gedanken.

Sie seufzte tief. Der ursprüngliche Anflug von körperlicher Anziehung hatte sich inzwischen beträchtlich verstärkt und rief Unbehagen hervor.

Chloe verstaute die Handtücher und ging in die Küche. Es war bald Mittag und somit Zeit, sich um das Essen zu kümmern. Sie entschied sich für Thunfischsalat und hoffte, dass es Joes Geschmack entsprach.

Sie holte Mayonnaise, Cornichons und Sellerie aus dem Kühlschrank. Dann suchte sie in der Speisekammer nach einer Dose Thunfisch.

„Das Badezimmer ist jetzt frei“, verkündete Joe hinter ihr.

Langsam drehte sie sich zu ihm um. Als sie in sein frisch rasiertes Gesicht und die auffallend blauen Augen blickte, stockte ihr der Atem, klopfte ihr Herz, brannten ihre Wangen erneut. „Es tut mir leid, dass ich einfach so ins Badezimmer geplatzt bin“, murmelte sie. „Ich hätte bedenken müssen, dass Sie da drinnen sein könnten.“

„Wie gesagt, es ist nichts weiter dabei. Ich war ja bedeckt.“

Aber auch nur knapp.

Zum Glück war er nun angezogen, wenn auch in Daves Sachen. Die Hose war um mehrere Zentimeter zu kurz; das T-Shirt spannte sich über seiner breiten Brust und ließ ausgeprägte Muskelstränge erkennen.

„Ich verspreche, dass ich nächstes Mal anklopfe.“

Joe schmunzelte. „Und ich setze ‚Badezimmertürschloss reparieren‘ ganz oben auf meine To-do-Liste.“

„Gute Idee.“ Sie warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu, drehte ihm den Rücken zu und machte sich erneut auf die Suche nach dem Thunfisch.

Nun, da sie den attraktiven Marine so gut wie nackt gesehen hatte, konnte eine Schlossreparatur ihr Problem nur halbwegs lösen. Denn sein Anblick mit nichts als einem Lächeln auf dem Gesicht und einem spärlichen Handtuch um die Hüften hatte sich ihr ins Gedächtnis eingeprägt.

Und diese atemberaubende Erinnerung werde ich in absehbarer Zeit nicht vergessen.

Insgeheim genoss Joe das Unbehagen, das Chloe deutlich anzusehen war. Seit sie ins Badezimmer geplatzt war, mied sie jeden Blickkontakt mit ihm.

Während des Mittagessens war er mehrmals versucht gewesen, sie damit aufzuziehen, hatte sich letztendlich aber dagegen entschieden. Es war besser, zumindest vorerst keine erotischen Anwandlungen heraufzubeschwören.

Als sie nach der Mahlzeit aufstand und die leeren Teller abräumte, fragte sie: „Brauchen Sie etwas aus der Stadt?“

Passende Klamotten könnten nicht schaden. Aber er wollte ihr nicht noch mehr zur Last fallen. „Mir fällt nichts ein. Warum?“

„Ich will zwei gute Bekannte im Pflegeheim besuchen und ein paar Besorgungen machen. Da der Sheriff nicht möchte, dass Sie sich in der Öffentlichkeit zeigen, dachte ich mir, dass ich Ihnen alles mitbringen kann, was Sie brauchen.“

„Ich komme mit dem aus, was da ist.“ Joe hoffte nur, dass er und Dave tatsächlich befreundet waren. Andernfalls könnte es unangenehm werden, wenn der Typ nach Hause kommt, mich in seinem Haus antrifft und feststellt, dass ich seine Klamotten trage und sein Rasierzeug benutze.

„Nun gut. Wenn ich zurückkomme, mache ich das Dinner.“

„Kann ich irgendetwas für Sie tun, während Sie weg sind?“

„Wenn Sie Tomas zufällig sehen, dann bitten Sie ihn doch, die Plastikboxen mit der Weihnachtsdekoration zu bringen. Ich glaube, Teresa bewahrt sie im Schuppen auf.“

„Die kann ich doch für Sie holen.“

„Nein. Mir ist es lieber, wenn Sie sich heute noch ausruhen“, wehrte Chloe ab. „Es wird noch reichlich für Sie zu tun geben, wenn Sie sich wieder fit fühlen. Das können Sie mir glauben.“

„Ich fühle mich schon viel besser.“

„Wirklich? Warum nehmen Sie dann immer noch Schmerzmittel?“

„Okay, ich bin noch nicht wieder in Topform. Aber es geht mir eindeutig besser.“

„Das glaube ich gern. Trotzdem ist es mir lieber, wenn Tomas mir die Sachen bringt. Zum einen weiß er, wo sie sich befinden, und zum anderen möchte ich mir Sie für wichtigere Dinge aufheben.“

„Wie zum Beispiel?“

Sie errötete wieder einmal.

Diesmal konnte er nicht widerstehen nachzuhaken: „Was ist mit Ihnen los?“

„Wieso?“

„Ihre Wangen glühen und Sie gucken überall hin, nur nicht zu mir. Sind Sie dermaßen aufgewühlt, weil Sie zu mir ins Badezimmer geplatzt sind?“

„Natürlich nicht. Das hat mich kein bisschen berührt.“

Joe glaubte ihr nicht. Und es schmeichelte ihm, dass es sie derart unruhig gemacht hatte, ihn halb nackt zu sehen. Noch mehr wollte er sie allerdings nicht in Verlegenheit bringen. „Solche Dinge passieren nun mal. Das muss Ihnen nicht peinlich sein.“

„Ist es auch nicht.“ Chloe richtete sich auf und reckte das Kinn vor. „Das ist der Fluch, blond und hellhäutig zu sein. Ich errötete ständig, und meistens ohne ersichtlichen Grund. Da ist nichts weiter dabei.“

„Das freut mich zu hören“, versicherte er ihr, auch wenn er ihr nicht abnahm, dass sie immun gegen ihn war. Wie auch immer, es war schön zu wissen, dass man ihr jede Gefühlsregung so leicht ansah.

Unvermittelt kam ihm ein verlockendes Bild in den Sinn. Ihr kurvenreicher, heller Körper auf seinem Bett ausgestreckt, die Haut ganz rosig von seinen Liebkosungen, die Haare auf dem Kissen ausgebreitet, die Augen glühend vor Leidenschaft …

„Nun dann, wenn Sie wirklich nichts brauchen, mache ich mich jetzt auf den Weg. Ruhen Sie sich aus.“

Ihre Stimme beendete abrupt seinen erotischen Tagtraum. Er bezweifelte, dass er zur Ruhe kommen konnte, solange ihn derart aufreizende Visionen plagten. Davon abgesehen hatte er eine ganz andere Beschäftigung im Sinn. „Ach, übrigens habe ich den Computer im Arbeitszimmer gesehen. Ist es okay, wenn ich den benutze?“

Chloe sah ihn mit großen Augen an. „Erinnern Sie sich denn, wie das geht?“

Meinen Fantasien nach zu urteilen, erinnere ich mich auch, wie man mit einer wundervollen Frau schläft. Joe verzichtete wohlweislich darauf, diesen Gedanken laut auszusprechen. „Ich besitze immer noch sämtliche Fertigkeiten. Das Einzige, was ich vergessen habe, ist die Vergangenheit.“

„Wozu wollen Sie den Computer denn benutzen?“

„Ich will nach Hinweisen auf meine Identität suchen.“

„Gute Idee. Ich logge Sie ein. Wenn ich nach Hause komme, können Sie mir vielleicht neue Erkenntnisse anvertrauen.“

Sicher, das mach ich, sobald Sie mir den Brief anvertrauen. Erneut sah er davon ab, den Gedanken mitzuteilen, und lächelte nur schweigend.

Im Arbeitszimmer schaltete Chloe ein altes Desktopgerät ein, das aussah, als wollte es jeden Moment den Geist aufgeben.

Obwohl es keinen Grund zu der Annahme gab, dass Joe ein Computergenie sein könnte, wusste er, dass dieses Modell hoffnungslos veraltet war. Er konnte sich nicht erinnern, Fachkenntnisse in Technologie oder Elektronik erworben zu haben, aber im Krankenhaus war ihm aufgefallen, dass das Pflegepersonal moderne Geekon-Laptops benutzte. Der Markenname hatte bei ihm eine Saite zum Klingen gebracht und ein Gefühl der Vertrautheit ausgelöst.

Seine sexy „Florence Nightingale“ überzeugte sich, dass er mit dem Computer umzugehen verstand, und nahm ihm das Versprechen ab, sich nach höchstens einer Stunde hinzulegen. Daraufhin ließ sie ihn allein im Arbeitszimmer nach Hinweisen suchen, von denen er nicht wusste, wie oder wo er sie finden sollte.

Draußen sprang der Motor eines alten Pick-ups an und ließ Joe wissen, dass er für eine Weile auf sich allein gestellt war. Er gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erhielt 82.000 Treffer. Also engte er die Suche ein. Trotzdem fand er nichts Brauchbares.

Aber so leicht gab er nicht auf. Er tippte Dave Cummings, Brighton Valley und Rocking C Ranch ein.

Unter anderem stieß er auf einen Artikel über den Brighton Valley Highschool Music Club mit einem Foto von Dave und den anderen Bandmitgliedern.

Im weiteren Verlauf entdeckte Joe Nachrufe für Mr. Cummings und seine Frau. Beim Lesen wurde ihm das Herz ganz schwer. Den Grund dafür konnte er sich beim besten Willen nicht erklären. Vielleicht lag es daran, dass die beiden relativ jung gestorben waren.

Er fand erstaunlich viele Beiträge über Brighton Valley und las eine gute Viertelstunde in der Online-Zeitung.

Der einzige Artikel, der ihm bedeutsam erschien, handelte von Clay Jenkins, dem Begründer und Superhirn des Computerherstellers Geekon Enterprises. Er war im nahegelegenen Wexler zur Schule gegangen, doch die Stadt Brighton Valley erhob Anspruch auf ihn als ihren Sohn, und dorthin war er kürzlich zurückgekehrt.

Während Joe das Gesicht des Multimillionärs betrachtete, beschlich ihn erneut ein Gefühl der Vertrautheit. Warum war dem so? Kannte er den Mann? Sie schienen in etwa gleichaltrig zu sein. Letztendlich kam er zu dem Schluss, dass dessen Popularität ihm das Gefühl des Wiedererkennens nur vorgaukelte.

Er blickte auf die antike kleine Messinguhr auf dem Bücherregal. Das versprochene Nachmittagsschläfchen war längst überfällig. Doch er wollte noch einen Suchlauf starten.

Er gab Chloe Dawson ein. Da sie nach eigenen Angaben in ihrer Kindheit häufig umgezogen war, wusste er nicht, aus welchem Ort sie stammte. Doch ein Foto vom Abschlussball einer kleinen Schule bei Fort Hood in Texas zeigte eine Ballkönigin, die auffallend der wundervollen Frau ähnelte, die bereit war, einen armen, unbekannten Ex-Marine gesund zu pflegen.

Sie stand neben einem hübschen Jungen, der genau wie sie eine Schärpe und eine Krone trug, einen Blumenstrauß in der Hand hielt und glücklich lachte.

Sie war von einer hübschen Teenagerin zu einer überwältigenden Schönheit geworden – selbst in verwaschenen Jeans und Sweater statt in schickem Ballkleid.

Deswegen war es schwer nachvollziehbar, dass sie sich zu einem kleinen dürren Musikfreak wie Dave hingezogen fühlte. Auch wenn er mit den Jahren herangereift und kräftiger geworden war, passte irgendetwas nicht zusammen.

Vielleicht unterhielten die beiden keine intime Beziehung und waren wirklich nur gute Freunde. Aber warum bleibt sie dann auf der Ranch und arbeitet sich krumm für den Typen, der nicht einmal die Zeit findet, anzurufen oder sich anderweitig zu melden?

Eine weitere Frage drängte sich auf: Warum hatte Dave einen Kumpel mit der Mission beauftragt, der wundervollen Miss Dawson einen Brief auszuhändigen, obwohl ein Anruf oder ein Einschreiben dasselbe Resultat erzielt hätte – nur auf einfacherem Wege?

Wie gern hätte Joe diesen Brief in die Finger bekommen, um herauszufinden, was so wichtig war, dass es ihn nach Brighton Valley verschlagen hatte. Andererseits fürchtete er herauszufinden, dass er die Frau seines Freundes begehrte.

Das Pflegeheim Sheltering Arms lag nur zwei Blocks entfernt vom Ärztezentrum und direkt neben einem Apartmentkomplex für betreutes Wohnen.

Das Personal war überwiegend bemüht, eine behagliche Atmosphäre zu schaffen und sich nach Kräften um die betagten Bewohner zu kümmern.

Chloe hatte die Einrichtung seit ihrer Entlassung nicht mehr aufgesucht. Noch immer drängte es sie, sich fernzuhalten, aber einige Bewohner waren ihr sehr ans Herz gewachsen, und die wollte sie nicht vernachlässigen.

Zu ihnen gehörte Sam Darnell, ein ehemaliger Rancher. Seine Frau Nellie war im vergangenen Winter gestorben. Vor lauter Kummer hatte er kaum noch gegessen, war immer schwächer geworden und schließlich in das Pflegeheim gezogen.

Chloe war seinem Zimmer zugeteilt worden. Zwischen den beiden hatte sich eine besondere Beziehung entwickelt, zumal er sie an ihren verstorbenen Urgroßvater erinnerte. Dank ihrer Fürsorge war er körperlich wie seelisch recht gut genesen.

Seit ihrer Kündigung schrieb sie ihm regelmäßig, doch das konnte einen Besuch nicht ersetzen. Deshalb hatte sie ihr Unbehagen verdrängt und sich auf den Weg zu ihm gemacht.

Während sie gemächlich die Lobby durchquerte, genoss sie die festliche Atmosphäre, die eine üppig geschmückte Silbertanne und leise Weihnachtsmusik hervorzauberten. Der Fahrstuhl brachte sie in den dritten Stock hinauf.

Merrilee Turner, eine der Pflegekräfte, begrüßte Chloe mit einem herzlichen Lächeln. „Hey, du! Schön, dich zu sehen. Wie läuft’s bei dir?“

„Danke, gut. Ich will Mr. Darnell besuchen. Wie geht es ihm?“

„Unverändert. Er freut sich immer sehr, wenn eine Karte von dir kommt.“

Chloe blickte den Korridor hinauf und hinunter. Sie hoffte, Sarah Poston nicht zu begegnen, denn zwischen ihnen herrschte böses Blut, seit sie deren unprofessionelles Verhalten der Verwaltung gemeldet und sich dafür die Entlassung eingehandelt hatte.

Erleichtert, die Stationsschwester nicht zu sehen, verkündete sie: „Ich habe ihm einen kleinen Weihnachtsbaum und einen Blaubeermuffin mitgebracht.“

„Da wird er sich bestimmt freuen.“

„Das denke ich auch.“ Sie ging zu Sams Zimmer. Schon aus einiger Entfernung hörte sie den Fernseher. „Ist jemand zu Hause?“, fragte sie und trat ein.

Der grauhaarige Cowboy löste den Blick vom Bildschirm und grinste breit, als er Chloe erkannte. „Sieh an, wen haben wir denn da? Wenn das nicht mein liebstes Mädchen ist! Was gibt’s Neues?“

Sie berichtete ihm von Joes Unfall, seiner Amnesie und seinem Aufenthalt bei ihr auf der Rocking C.

Er runzelte die zerfurchte Stirn und hob mahnend einen arthritischen Finger. „Ihn bei dir wohnen zu lassen, ist sehr dumm. Du weißt doch nichts von ihm.“

„Ich weiß, dass er bei den Marines gedient hat, reich belobigt wurde und ein Freund von Dave ist.“

Sam schüttelte den Kopf. „Er ist und bleibt trotzdem ein Mann und du bist eine sehr reizvolle Frau. Außerdem musst du an deinen Ruf denken.“

„Ich bin überzeugt, dass Joe nach Hause zurückkehrt, wo immer das sein mag, sobald er sein Gedächtnis zurückgewinnt. Also ist die Gefahr sehr gering, dass die Leute über mich reden.“

„Hoffentlich hast du recht.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile über dieses und jenes. Dann gab Chloe ihm einen Blaubeermuffin, den er sich für später aufbewahrte, und verabschiedete sich mit dem Versprechen: „Ich komme nächste Woche wieder.“

„Das hoffe ich.“

„Du kannst darauf zählen.“

Sie umarmte ihn zum Abschied und ging weiter zu Ethel Furman. Die zerbrechliche, silberhaarige Dame lag schlummernd im Bett. Sie hatte keine Angehörigen und bekam höchst selten Besuch – trotz vierzigjähriger Lehrertätigkeit in Brighton Valley.

Chloe klopfte an den Türrahmen. „Guten Tag.“

Ethel schlug die Augen auf und rief erfreut: „Was für eine nette Überraschung! Wie geht es dir, Liebes?“

„Danke, gut. Und dir?“

„Ich kann mich nicht beklagen. Außer, dass ich eine neue Brille brauche. Mein Augenlicht ist nicht mehr das, was es mal war, und ich vermisse es, lesen zu können.“

„Hast du das jemandem gesagt?“

„Ja, aber das hat nichts genützt. Die sind alle zu beschäftigt, um sich um eine alte Frau zu kümmern.“

Chloe griff nach Ethels Hand. Ihr fiel auf, wie zerbrechlich das Handgelenk wirkte – und dass es nackt war. „Was ist mit deinem Allergikerarmband?“

„Der Verschluss ist kaputt. Ich habe es Sarah gesagt. Sie hat versprochen, dass sie es reparieren lässt oder ein neues für mich bestellt.“

„Wie lange ist es denn schon kaputt?“

„Eine Woche oder vielleicht auch zwei. Mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal war.“

Und Sarahs ist anscheinend auch nicht besser. „Ich werde mit Merrilee reden“, versprach Chloe. Denn in ihren Augen waren die Hilfskräfte oft verlässlicher und verantwortungsbewusster als die Stationsschwester.

Sie gab Ethel den letzten Muffin und verabschiedete sich. Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnete ihr die Frau, die sie zu umgehen gehofft hatte.

„Ich glaub’, mich laust der Affe!“, stichelte Sarah. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich hier noch mal blicken lässt.“

„Warum nicht? Ich habe Freunde hier.“

Sarah schnaubte verächtlich und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Apropos – was ist mit Ethels Allergikerarmband?“

„Das ist bestellt.“

„Vielleicht solltest du ihr ein provisorisches …“

„Das ist nicht nötig. Die Allergie ist in ihrer Akte vermerkt.“

„Mag sein, aber das Armband dient als Erinnerung, damit niemandem ein Fehler unterlaufen kann.“

„Und deswegen habe ich ihr ein neues bestellt.“

„Ich habe gehört, dass Sam Darnell seit einiger Zeit nicht gut isst.“

„Wir können ihn schließlich nicht gegen seinen Willen zwingen und haben außerdem keine Zeit, ihn zu füttern. Wir geben ihm gesunde Nahrung. Wenn ihm die nicht schmeckt, ist es nicht meine Schuld. Seine Familie kann ihm ja etwas anderes bringen.“

„Sam hat keine Kinder und sein Neffe lebt in Los Angeles. Seit Nellie tot ist, hat er niemanden in der Nähe. Vielleicht könnte sich jemand zu den Mahlzeiten zu ihm setzen und …“

„Er ist nicht der einzige Patient auf diesem Flur.“

Chloe atmete tief durch. Die Versuchung, erneut Meldung bei der Verwaltung zu machen, war groß. Da es jedoch beim letzten Mal nichts genützt hatte, sah sie lieber davon ab. Schließlich war sie nur als Hilfskraft ausgebildet – auch wenn sie sich qualifizierter fühlte als die Stationsschwester.

5. KAPITEL

Die Sonne ging bereits unter, als Chloe auf der Ranch eintraf. Sobald sie das Haus betrat, wehte ihr das würzige Aroma von Tomaten, Fleisch und Cumin entgegen. Das wunderte sie, denn die Vorratskammer war ziemlich leer.

Sie spähte ins Wohnzimmer und sah mehrere Plastikbehälter neben dem Kamin stehen. Gut. Er hat an den Weihnachtsschmuck gedacht. Wenn sie über die Feiertage schon nicht nach Hause fahren konnte, wollte sie zumindest eine festliche Atmosphäre schaffen – nach dem Vorbild ihrer Mutter.

Egal, wo Captain Louella Dawson auch gerade stationiert sein mochte, sie machte das Weihnachtsfest stets zu einem besonderen Ereignis und bewahrte akribisch die Familientraditionen, zu denen das Backen von Cranberry-Scones zählte.

Zugegeben, ihre Leistungen als Sanitäterin waren löblicher als ihre Kochkünste, doch das hielt sie nicht davon ab, Jahr für Jahr dieses Teegebäck nach einem uralten überlieferten Familienrezept herzustellen.

In der vergangenen Woche hatte Chloe erfahren, dass ihre Brüder die Feiertage im Schoß der Familie verbringen wollten. Sie selbst konnte sich den Flug nach Fort Drum in New York leider nicht leisten. Ihre Eltern hätten zwar die Reisekosten übernommen, doch sie wollte beweisen, dass sie durchaus fähig war, ihr Leben allein auf die Reihe zu bringen. Auch wenn das bedeutet, in der wundervollsten Zeit des Jahres allein zu sein. Tja, vielleicht nicht ganz allein …

„Ich bin wieder da!“, rief sie.

„In der Küche!“, antwortete Joe.

Sie folgte seiner Stimme und dem köstlichen Aroma und fand ihn am Herd. „Sie können offensichtlich kochen. Vielleicht haben Sie ja in der Kantine gearbeitet, als sie beim Militär waren.“

Grinsend drehte er sich zu ihr um. „Marines nennen es Messe.“

„An einiges wie militärische Fachausdrücke scheinen Sie sich ja zu erinnern. Gehört das Kochen auch dazu?“

Er zuckte die Schultern. „Ich schätze, das ist eher Allgemeinwissen.“

„Jedenfalls riecht es köstlich. Was machen Sie denn da?“

„Ich wurstle nur so herum.“

Autor

Susan Crosby
Susan Crosby fing mit dem Schreiben zeitgenössischer Liebesromane an, um sich selbst und ihre damals noch kleinen Kinder zu unterhalten. Als die Kinder alt genug für die Schule waren ging sie zurück ans College um ihren Bachelor in Englisch zu machen. Anschließend feilte sie an ihrer Karriere als Autorin, ein...
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Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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