Bleib doch für immer!

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Becca soll endlich ihren Traummann finden! Das wünschen sich zumindest ihre Brüder und arrangieren pausenlos Dates mit Heiratskandidaten. Bald sieht Becca nur noch eine kleine Lüge als Ausweg, um ihre Unabhängigkeit zurückzuerlangen: Sie mietet sich einen Ehemann. Sagenhaft attraktiv und charmant, spielt Gavin Callahan den Ehemann so perfekt, dass Becca bald den Tag fürchtet, an dem Gavin wieder aus ihrem Leben verschwindet …
  • Erscheinungstag 11.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757366
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Habe ich’s doch gewusst!“ Gavin Callahan richtete die Gabel auf seine Schwester Shana. „Ich hätte mir denken können, dass du mich nicht ohne Hintergedanken zum Mittagessen eingeladen hast.“

In dem kleinen Bistro im Zentrum von Sacramento herrschte Hochbetrieb. Lautes Stimmengewirr lag in der Luft. Gavin hatte seinen gemischten Salat mit Appetit verspeist – bis seine Schwester die Bombe platzen ließ.

„Hör mir doch erst mal zu, ehe du ablehnst.“ Shana schob sich eine goldblonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du brauchst doch nur so zu tun, als wärst du zwei Tage ihr Ehemann. Mehr nicht. Zwei kurze Tage in deinem Leben. Im Moment hast du doch ohnehin nichts zu tun. Du bist freigestellt von der Arbeit – und du bist ledig. Vielleicht macht es dir sogar Spaß.“

„Aber ich bin nicht interessiert. Auch wenn ich gerade nichts zu tun habe. Und was meine Freistellung angeht …“

„Bitte! Hast du damals nicht sogar einen Schauspielpreis in der Highschool gewonnen, weil du so überzeugend warst? Außerdem würdest du mir einen Riesengefallen tun. Denk nur mal an die Karrieremöglichkeiten, die ich deinetwegen in der Agentur bekommen könnte! Bitte, Gavin. Du wirst doch bestimmt einer alleinerziehenden Mutter eines Babys helfen wollen? Und deiner kleinen süßen Nichte …“

Shana klang so dramatisch, dass Gavin lachen musste. Zu Teenagerzeiten war ihr Verhältnis nie besonders gut gewesen. Erst vor Kurzem hatten sie sich nach mehr als zehn Jahren wiedergesehen. Inzwischen war sie neunundzwanzig und er fünf Jahre älter.

„Du weißt, was ich im vergangenen Jahr durchgemacht habe“, wiegelte er ab. „All diese Lügen, die man über mich erzählt hat … Und jetzt soll ich selbst welche erzählen? Außerdem habe ich Respekt vor der Ehe. Abgesehen davon: Wie stellst du dir das eigentlich vor, Ehemann zu spielen – selbst wenn es nur für zwei Tage ist?“

Shana griff nach seiner Hand. „Es hilft meiner Karriere wirklich auf die Sprünge“, wiederholte sie ernst. „Julia Swanson, meine Chefin, weiß sich keinen Rat mehr. Der Ruf ihrer Vermittlungsagentur steht auf dem Spiel.“ Das war zwar etwas übertrieben, aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel … „Und, wenn ich ihr jetzt einen Mann präsentieren kann, der den Job übernimmt, wird sie mich bei der nächsten Beförderung nicht übergehen. Gavin, ich brauche das Geld, um unabhängiger zu werden. Ich will auf eigenen Füßen stehen.“

„Und dafür lässt du dich jetzt schon auf emotionale Erpressung ein?“

„Hat es denn funktioniert?“, fragte sie erwartungsvoll. In ihren Augen lag ein spitzbübisches Funkeln.

Unwillkürlich musste er lachen. Um sie noch ein bisschen zappeln zu lassen, trank er einen Schluck Wasser. Schließlich antwortete er: „Na schön, ich werde mich also mit dieser Julia Swanson treffen und hören, was sie zu bieten hat.“

Shana sprang von ihrem Stuhl, rannte um den Tisch und umarmte ihren Bruder so heftig, dass ihm fast die Luft wegblieb.

„Ich habe noch nichts versprochen“, wehrte er ab.

„Julia kann jeden zu allem überreden.“ Zufrieden setzte sie sich wieder hin. „Um eins hast du einen Termin mit ihr. Iss schnell auf.“

„Du hast schon einen Termin vereinbart? Da warst du dir deiner Sache ja wohl ziemlich sicher.“ Er machte der Kellnerin ein Zeichen, dass er zahlen wollte.

„Optimismus ist mein zweiter Vorname“, witzelte sie. „Ihr Büro liegt im zweiten Stock in dem Gebäude auf der anderen Straßenseite. Ich komme mit dir.“

„Ist nicht nötig. Das schaffe ich schon allein.“

Sie zog die Nase kraus. „Ruf mich an, wenn du dich entschieden hast – egal wie, okay?“

„Du erfährst es als Erste.“ Gemeinsam verließen sie das Bistro. Shana zeigte auf das Bürohaus. „Mach dir nicht zu viel Hoffnung“, warnte er sie, während er sie zum Abschied umarmte.

Gavin schlenderte zum Büro der Vermittlungsagentur „Stets zu Diensten“, für die Shana seit einigen Monaten arbeitete. Sie hatte ihm erzählt, dass einige ihrer Kunden sie spöttisch „Frauen zur Miete“ nannten. In seinem Fall war es eher „Männer zur Miete“, überlegte er.

„Miss Swanson wird Sie gleich empfangen“, erklärte ihm die attraktive brünette Empfangsdame, nachdem er das geschmackvoll eingerichtete Büro betreten hatte. „Bitte nehmen Sie doch solange Platz.“

Gavin war zu nervös, um sich hinzusetzen. Stattdessen trat er ans Fenster und schaute hinunter auf die belebte Geschäftsstraße. Solche Situationen mochte er eigentlich überhaupt nicht. Er tat es nur Shana zu Gefallen. Wenn es ihrer Karriere half …

„Guten Tag, Gavin“, klang eine sanfte Stimme an sein Ohr. „Ich bin Julia Swanson. Kommen Sie doch bitte herein.“

Er hätte nicht sagen können, wie alt sie war. Mit ihrem leicht gewellten aschblonden Haar, dem graugrünen Kleid und den hohen Absätzen, dank derer sie fast so groß war wie er mit seinen ein Meter neunzig, wirkte sie sehr elegant. Er folgte ihr ins Büro. Auf der Wand hinter ihrem Mahagonischreibtisch hing das Firmenlogo mit dem in schlichten Goldbuchstaben geprägten Motto: Wenn Sie Wert auf persönliche Zuwendung legen … Alles in Julia Swansons Firma strahlte Noblesse und Diskretion aus – ganz wie ihre Besitzerin.

„Bitte nehmen Sie Platz“, forderte sie ihn auf, während sie sich an ihren Schreibtisch setzte.

„Danke.“ Sein Blick fiel auf das Panoramafenster. „Ich vergesse immer, dass auch Sacramento eine tolle Skyline hat. Wenn man in San Francisco lebt …“

„Ich liebe diese Stadt. Sie ist zwar groß, aber dennoch angenehm überschaubar.“ Julia öffnete eine Akte auf ihrem Schreibtisch. „Ihre Schwester hat nicht übertrieben.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich hören möchte, was Sie damit meinen. Schließlich kenne ich meine Schwester.“

Julia lächelte. „Sie hat Sie als groß, blond und gut aussehend beschrieben. Als ‚Surfertypen‘.“

„Surfertyp?“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Wahrscheinlich wollte sie sich nur dafür rächen, dass ich sie als Kind immer Goldlöckchen genannt habe.“

„Mir ist klar, dass ein Mann in Ihrer Position normalerweise keinen temporären Job annimmt“, fuhr Julia fort. „Die Bezahlung ist zwar nicht schlecht, aber ich vermute, das spielt für Sie keine Rolle. Ich sage Ihnen ganz offen, dass Sie mir mit Ihrer Zusage einen großen Gefallen tun würden …“

„Den hätten Sie aber auch verdient“, unterbrach Gavin sie.

Erstaunt sah sie ihn an.

„Wissen Sie, Shana ist regelrecht aufgeblüht, seitdem sie für Sie arbeitet“, erklärte er. „Dixie, meine andere Schwester, findet das auch. Wir sind Ihnen beide sehr dankbar dafür. Und das ist der Grund, warum ich hier bin.“

„Vielen Dank. Ja, Shana ist sehr ambitioniert und sehr flexibel. Das ist bei unserer Arbeit manchmal sogar noch wichtiger. Wie würden Sie sich beschreiben, Gavin?“

„Man sagt, ich arbeite rund um die Uhr. Aber das stimmt nicht. Bestenfalls achtzehn Stunden pro Tag. Und Anpassungsfähigkeit ist in meinem Job gefragt. Bei meiner Arbeit muss ich sehr flexibel sein.“ Er zögerte kurz. „Sie wissen, dass ich nur hier bin, weil Shana mich darum gebeten hat? Die Aufgabe selbst interessiert mich nicht besonders – vor allem das Lügen widerstrebt mir. Ich bezweifle, dass ich gut darin bin.“

Julia änderte ihre Sitzposition und warf ihm ein Lächeln zu. Wieder fragte er sich, wie alt sie sein mochte. Dreißig? Vierzig? Es war unmöglich zu sagen.

„Nun ja, ich hatte auch gewisse Zweifel – obwohl Ihre Schwester Sie mir wärmstens empfohlen hat. Im Internet habe ich eine Menge über Sie herausgefunden.“

Er wartete darauf, dass sie weitersprach, doch sie ließ ihre Bemerkung eine Weile in der Luft hängen.

„Den Test habe ich wohl bestanden, nehme ich an. Sonst säße ich ja jetzt kaum vor Ihnen.“

„Der einzige dunkle Fleck in Ihrer Biografie war dieses juristische Problem, aber das ist ja inzwischen gelöst, wie ich gesehen habe. Ich brauche allerdings eine Erlaubnis, Ihre finanziellen Verhältnisse überprüfen zu lassen, bevor ich Sie meiner Klientin empfehle. Es gehört zum Charakterprofil, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Mein ‚juristisches Problem‘“, wiederholte er. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis der Gedanke daran ihm keinen Stich ins Herz mehr versetzte? „Gelöst ja, aber nicht vergessen. Haben Sie denn auch Ihre Klientin überprüft? Ich möchte sichergehen, dass sie nicht möglicherweise mein Entgegenkommen ausnutzt – wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Julia lächelte amüsiert. „Ja, wir haben sie auf Herz und Nieren geprüft. Sie hat den Test in jeder Hinsicht bestanden, bis auf …“

Er wartete, bis er ihr Schweigen nicht länger ertragen konnte. „Bis auf was?“

„Ich versuche gerade, die richtigen Worte zu finden. Sie befindet sich in einer etwas prekären Situation, doch das dürfte wohl nur vorübergehend sein. Ich schätze Sie als jemanden mit großer Menschenkenntnis ein. Warum treffen Sie sich nicht mit ihr und bilden sich selbst ein Urteil?“

Interessant, dass Julia die Situation ihrer Klientin als „prekär“ beschrieb. Was mochte das bedeuten? „Und wenn ich diesen … Auftrag nicht annehme?“

„Uns bleiben neun Tage. Dann werde ich weitersuchen müssen. Irgendjemand findet sich immer. Vielleicht nicht unbedingt ein Mann, der die Anforderungen so gut erfüllt wie Sie, aber das wäre ja dann nicht Ihr Problem, nicht wahr?“

Oh, sie war wirklich gut. Appellierte an sein Gewissen – ein äußerst geschickter Schachzug. Kein Wunder, dass sie so erfolgreich war.

„Gut, ich werde mich mit ihr unterhalten.“ Mehr würde er nicht versprechen.

Julia reichte ihm zwei Formulare. Das eine berechtigte sie zur Überprüfung seiner finanziellen Verhältnisse, auf dem anderen standen bereits ein Name – Rebecca Sheridan – und eine Adresse. „Ich rufe Sie auf dem Handy an, falls es Probleme beim Finanzcheck geben sollte. Ansonsten wird sie Sie um sechs Uhr bei sich zu Hause erwarten. Ich werde Ihren Besuch ankündigen. Es wäre nett, wenn Sie mich nach dem Gespräch anrufen könnten.“

„Selbstverständlich.“

Zum Abschied reichten sie sich die Hand. Beim Blick in ihre Augen fragte Gavin sich, wie wohl ihr Privatleben aussah. Sie trug keinen Ehering. Auf ihrem Schreibtisch standen keine Familienfotos, wie er es bei Frauen so oft gesehen hatte, die sich mit Bildern ihres Mannes und ihrer Kinder umgaben …

„Vielen Dank, Gavin. Shana hat einen Bonus verdient.“

„Ich habe noch nicht zugestimmt.“

Julia lächelte flüchtig. „Noch nicht.“

Gavin verließ das Büro. Er wartete nicht auf den Aufzug, sondern nahm die Treppe. Als er in den milden Aprilnachmittag hinaustrat, holte er tief Luft. Zum ersten Mal seit … seit einem Jahr, wenn er ehrlich sich selbst gegenüber war, hatte er das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Seine Gedanken kreisten nicht ständig um dasselbe quälende Thema.

Eigentlich hatte er das seiner Schwester zu verdanken. Eines Tages, beschloss er, würde er es ihr sagen.

Becca Sheridan war wieder einmal spät dran. Wie alle ihre Kollegen kam sie selten vor sieben Uhr aus dem Büro. Heute hatte sie um sechs eine Verabredung. Bis zu ihrer Eigentumswohnung in der Innenstadt musste sie eine Viertelstunde laufen. Sie wollte noch etwas aufräumen, ehe der Kandidat eintraf. Wie hieß er noch gleich? Gavin. Gavin Callahan.

Ein hübscher Name. Klang irgendwie professionell.

Suki Takeda steckte den Kopf in ihr Büro. „Bist du aufgeregt?“

„Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich mich auf dieses Spiel eingelassen habe.“

„Denk an deinen Seelenfrieden. Wenn es klappt, lassen dich deine Brüder endlich in Ruhe.“

„Sofern ich sie davon überzeugen kann, dass es etwas Ernstes ist.“ Becca griff nach ihrer Handtasche. „Du kennst sie doch. Sie sind grundsätzlich misstrauisch.“

„Wenn du Eric erst einmal überzeugt hast, glauben dir auch die anderen drei.“ Sukis Pferdeschwanz hüpfte auf und ab, als sie sich rasch umsah, ehe sie in verschwörerischem Tonfall weitersprach. „Auf jeden Fall war es besser, sich an eine Vermittlungsagentur zu wenden, als einen der Jungs im Büro zu fragen.“

„Das wäre zu riskant gewesen. So ist es eine rein geschäftliche Angelegenheit ohne jegliche Verpflichtung. Und ohne Nebenwirkungen.“

„Ruf mich an, wenn er wieder weg ist.“ Suki zeigte mit dem Finger auf Becca. „Sonst stehe ich heute Abend vor deiner Tür. Ich finde ja, ihr hättet euch besser in einem Coffeeshop getroffen.“

„Ich weiß. Aber die Agentur prüft jeden auf Herz und Nieren. Wird schon schiefgehen.“ Im Hinausgehen umarmte sie ihre beste Freundin. „Drück mir die Daumen.“

„Viel Glück.“

Sukis fröhliche Stimme hallte ihr noch in den Ohren nach, als sie auf dem Weg nach draußen an den anderen Büros vorbeilief. Craig spielte mit einem Basketball – wie immer, wenn er nachdenken musste, wie er behauptete. Jacob und Morgan recherchierten online. Chip, der Geschäftsführer, spielte vermutlich eine Partie Tischtennis im Aufenthaltsraum.

Keiner fragte, warum sie so früh ging. Alle konnten sich ihre Dienstzeiten einteilen, wie es ihnen passte. Hauptsache, am Ende des Tages war die Arbeit erledigt. Hitzige Diskussionen gab es nur über berufliche Probleme und Herausforderungen, die zu bewältigen waren.

Zu dieser Stunde waren die Straßen noch sehr belebt. Becca konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal so früh nach Hause gegangen war. Sie hoffte, dass ihre Verabredung sich verspätete, damit sie sich noch ein bisschen erholen konnte …

Andererseits würde es nicht für ihn sprechen, wenn er sich gleich beim ersten Treffen verspätete.

In der Lobby des schicken Apartmenthauses entschied sie sich spontan, bis zum dritten Stock zu laufen, anstatt den Aufzug zu nehmen. Als sie in den Korridor einbog, der zu ihrer Wohnung führte, sah sie bereits den Mann neben ihrer Tür.

Ihr Herz machte einen Sprung. Den Satz hatte sie schon oft gelesen, aber noch nie am eigenen Leib erfahren. Jetzt wusste sie, wie sich so etwas anfühlte. Der Mann sah verdammt gut aus – war schlank, groß und hatte blondes Haar, das ihm lockig bis in den Nacken fiel. Die Hände hatte er lässig in die Taschen gesteckt.

Seine Augen waren grün. Sein Blick war offen und ehrlich. Außerdem hatte er strahlend weiße Zähne. Das alles bemerkte sie beim Näherkommen.

Sie hatte das große Los gezogen!

Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Gavin Callahan?“

„Richtig! Rebecca Sheridan?“ Sein Blick war so bewundernd, dass er ihr das Gefühl vermittelte, sie sei die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte.

„Alle nennen mich Becca. Entschuldigen Sie meine Verspätung.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. Als er sie ergriff, durchfuhr es sie wie ein Blitz.

Wenn das bloß keine Probleme gab!

„Ich bin ein bisschen früh dran“, entschuldigte er sich und ließ ihre Hand los. Das Prickeln auf ihrer Haut hielt an.

„Kommen Sie rein.“ Sie schloss die Tür auf und betrat die Wohnung. Leider war sie unordentlicher, als sie in Erinnerung hatte. „Entschuldigen Sie das Chaos. Ich bin erst gestern Nacht aus Chicago zurückgekommen. Ich war eine Woche unterwegs.“ Sein Blick fiel auf den Koffer, der mitten im Zimmer stand. Zum Chaos trugen auch Magazine und Zeitungen bei, die auf Stühlen und Tischen verstreut lagen, sowie die Umzugskisten, die sich an den Wänden und in den Ecken stapelten.

„Ich brauche unbedingt eine Putzfrau“, erklärte sie mit einem zerknirschten Lächeln. „Möchten Sie etwas trinken?“

„Ein Wasser, gern.“

Sie schaute in den Kühlschrank. „Es gibt auch Eistee.“ Bevor sie am Morgen zur Arbeit gegangen war, hatte sie eingekauft. „Außerdem Käse und Cracker. Möchten Sie etwas essen? Ich habe einen Mordshunger.“ Sie redete wie ein Wasserfall. Auf einmal war ihr die Situation ziemlich peinlich. Wie sollte sie ihm bloß erklären, was sie von ihm wollte?

„Hm … gern.“ Er trat an die Bar, die die Küche vom Wohn-Ess – Bereich trennte und ebenfalls voller Papiere und Zettel lag. „Sind Sie gerade eingezogen?“

„Vor fünf Monaten.“ Sie riss die Plastikfolie vom Käseteller. „Wissen Sie, ich habe kaum Freizeit. Ich lebe fast mehr im Büro als hier. Ein Arbeitstag von zwölf Stunden ist für mich fast normal.“

„Was machen Sie denn beruflich?“

„Ich bin Geschäftsführerin von Umbrella Masters GmbH. Wir entwickeln Cloud-Computing-Technologien.“

„Das sagt mir überhaupt nichts.“

Die Antwort hatte sie schon oft gehört. Deshalb hatte sie eine Erklärung parat, die selbst Laien verstanden. „Wir stellen Kunden, die keine ausreichenden Rechnerkapazitäten haben, eben diese Kapazitäten auf Mietbasis zur Verfügung“, erklärte sie, während sie Tee in zwei Gläser goss. „Mithilfe der Cloud, also der Wolke, wie das genannt wird, kann der Nutzer das Netzwerk eines dritten Anbieters je nach Bedarf mieten, ohne es selbst anschaffen zu müssen. So spart er Zeit, Geld und Speicherkapazitäten. Die Branche steckt noch in den Anfängen, aber die Resonanz wird immer größer.“

„Macht es Ihnen Spaß?“

„Sehr sogar.“ Ich bin nur jeden Abend schrecklich groggy. „Ich habe die Firma mitgegründet. Es ist toll, etwas zu erschaffen und zu erleben, wie es wächst und gedeiht.“

„Und was haben Sie in Chicago gemacht?“

Sie verteilte ein paar Käsechips auf einen Teller und stellte diesen auf die Küchentheke. „Mit einem neuen Anbieter einen Vertrag ausgehandelt.“

„Erfolgreich?“ Er nahm die beiden Teller, während sie mit den Gläsern vorausging, die sie auf den Couchtisch stellte, ehe sie sich aufs Sofa fallen ließ.

„Sehr sogar. Ach, ich habe die Weintrauben vergessen.“

„Bleiben Sie sitzen, ich hole sie schon. Wenn Sie nichts dagegen haben?“

„Ganz und gar nicht, danke. Sie müssen noch gewaschen werden.“

„Und wie feiern Sie einen solchen Erfolg?“, rief er aus der Küche. Über das Rauschen des Wassers klang seine Stimme ganz weit entfernt.

„Vielleicht mit einem Urlaub.“ Sie kuschelte sich in die Kissen und gähnte. Auf einmal war sie schrecklich müde. Könnte sie doch ihre Augen schließen … nur für eine Minute. „Wegen der Firma habe ich seit Jahren keine Ferien mehr gemacht. Hawaii wäre schön …“

Als Gavin mit den Weintrauben ins Wohnzimmer zurückkehrte, lag ihr Kopf auf der Sofalehne.

Er stellte den Teller ab und trat näher, doch sie rührte sich nicht. Sie schlief tief und fest. Wie erschöpft musste sie sein, dass sie in Gegenwart eines Fremden einnickte? Aber er konnte es nachempfinden. Schließlich war er selbst oft so hundemüde, dass er fast im Stehen eingeschlafen wäre. Jetzt widerstand er der Versuchung, ihr die seidige braune Haarsträhne aus dem Gesicht zu schieben.

Und nun?

Er brachte die Teller zurück in die Küche und stellte sie auf die Theke, nachdem er zuvor einige der Papiere zur Seite geschoben hatte. Während er ein paar Bissen aß, kam er sich wie ein Eindringling vor. Schließlich stellte er die Teller in den Kühlschrank und überlegte, wie er die Zeit totschlagen sollte. Die Zeitschriften waren keine Lösung. Wirtschafts- und Computermagazine langweilten ihn zu Tode.

Er zog sein Handy hervor und spielte „Flight Control“, aber Beccas Gegenwart lenkte ihn zu sehr ab, als dass er sich auf das Spiel konzentrieren konnte. Die Arme hatte sie um ihren schlanken Körper gelegt, als sei ihr kalt. Vielleicht brauchte sie eine Decke.

Vorsichtig schlich er durch die Wohnung und zögerte, ehe er einen Blick durch die nächste offene Tür warf. Sie führte in ein Gästezimmer, das ebenfalls mit Umzugskartons vollgestopft war. Hinter der zweiten Tür lag das Schlafzimmer. Es war zwar nicht unordentlich, aber kaum möbliert. Auf dem Bett lag kein Bettzeug, nicht einmal eine Decke. Im Schrank und in der Kommode wollte er nicht nachschauen – das hätte ihr wohl kaum gefallen.

Einige gerahmte Fotografien auf der Kommode erregten seine Neugier. Die größte war schon etwas älter und zeigte ein Hochzeitspaar – ihre Eltern? Auf einem kleineren Schnappschuss war die etwa fünfjährige Becca mit der Frau von dem Hochzeitsfoto zu sehen. Auf einem jüngeren Foto saß Becca in einem roten Ferrari-Cabrio, die Arme ausgelassen nach oben gereckt. Ob das ihr Wagen war? Unwahrscheinlich – bei dem Preis. Er entdeckte noch weitere Fotos betrachtete sie aber nicht genauer, weil er nicht zu neugierig sein wollte.

Allem Anschein nach war sie eine erfolgreiche Frau, die ein komfortables Leben führte – und zudem noch eine fürsorgliche Familie hatte. Aber auch eine Frau, die offenbar von ihrer Arbeit aufgefressen wurde und nicht einmal Zeit fand, ihre Wohnung gemütlich einzurichten. Das Apartment war das reinste Chaos.

Eigentlich gar nicht sein Ding. Er bevorzugte Frauen, die ihr Leben im Griff hatten.

Und Frauen, die ehrlich waren.

Stattdessen hatte sie sich in irgendeinen Schlamassel hineinmanövriert, aus dem sie nur herauszukommen glaubte, indem sie anderen Menschen eine Komödie vorspielte. Und er sollte ihr dabei helfen.

Am liebsten wäre er sofort gegangen, aber er beschloss zu warten, bis sie wieder aufwachte. Seine Geduld wurde auf eine ziemlich harte Probe gestellt, denn sie schlief mehr als eine Stunde. Irgendwann tauchte ein farbenprächtiger Sonnenuntergang ihr Wohnzimmer mit den deckenhohen Fenstern in rosarotes Licht. Er wollte gerade auf den Balkon treten, um die überwältigende Aussicht zu genießen, als sie die Augen öffnete. Sie rappelte sich auf und sah ihn verwirrt an.

„Hungrig?“, fragte er. Die Situation war ihr sichtlich peinlich. „Ich habe schon etwas gegessen“, erklärte er, während er die Teller und einen Eistee vor sie auf den Couchtisch stellte.

Unentschlossen betrachtete sie das Essen. Die Röte wich allmählich aus ihrem Gesicht. Dann erzählte er ihr, zu welchem Entschluss er gekommen war, während sie geschlafen hatte.

„Tut mir leid, aber ich kann diesen Auftrag nicht übernehmen. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“

Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür.

2. KAPITEL

„Warten Sie! Bitte!“ Becca hatte das Gefühl, einen Hieb in den Magen bekommen zu haben. Sie sprang auf, um Gavin aufzuhalten. Er lehnte den Job ab, obwohl sie noch nicht einmal über die Einzelheiten gesprochen hatten? „Wir haben uns doch noch gar nicht unterhalten“, flehte sie.

„Ich weiß genug. Mir ist klar geworden, dass ich die Rolle eines liebenden Ehemanns nicht spielen kann. Tut mir leid. Außerdem …“, er blickte vielsagend durchs Zimmer, „… haben Sie offensichtlich ganz andere Probleme.“

Seine abrupte Entscheidung hatte sie aus dem Konzept gebracht. Ebenso sein entschiedener Tonfall. „Wenn Sie schon mal hier sind, können Sie mich doch wenigstens anhören.“

Nach kurzem Zögern erwiderte er: „Na gut. Sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben. Ich werde meine Meinung zwar nicht ändern, aber bitte – ich bin ganz Ohr.“

Er setzte sich ans Ende des Sofas und legte die Arme über die Rückenlehne. Wie er so dasaß, den Fuß lässig auf ein Knie gelegt, sah er aus, als sei er mit sich und der Welt vollkommen im Reinen. Beneidenswert!

Meine Güte – wie mochte sie wohl aussehen, nachdem sie auf der Couch eingeschlafen war? Ihre Haare, ihre Bluse … „Würde es Ihnen ausmachen, ein paar Minuten zu warten?“

Irritiert schaute er sie an. Schließlich nickte er ergeben.

Becca stürzte ins Schlafzimmer, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Er würde den Job nicht annehmen. Dabei wäre er genau der Richtige dafür. Ob sie ihn nicht doch überreden konnte … nur für zwei Tage?

Sie beschloss, einen letzten Versuch zu starten. Immerhin war sie für ihre Hartnäckigkeit bekannt. Und normalerweise machte sie auch niemandem etwas vor. Mit dieser Kombination war sie bisher ganz gut durchs Leben gekommen. Was hatte sie schon zu verlieren?

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und verschwand im Bad. Ein paar Minuten später kam sie ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ihr Haar gekämmt und ein wenig Lippenstift aufgelegt. Jetzt sah sie wenigstens nicht mehr so erschöpft aus. Aufmunternd lächelte sie Gavin an, als sie sich neben ihn setzte. In der Hand hielt sie einen Fotorahmen.

„Das sind meine Brüder“, erklärte sie und zeigte ihm das Bild. „Eric, Sam, Trent und Jeff. Eric ist der Älteste. Er ist neununddreißig. Ich bin die Jüngste. Ich bin dreißig.“ Sie stellte die Fotografie auf den Couchtisch, sodass Gavin sie sehen konnte. „Sie kommen übernächsten Samstag nach Sacramento, um meine Hochzeit nachzufeiern.“

„Die gar nicht stattgefunden hat.“

„Stimmt. Aber sie sollen glauben, dass ich geheiratet habe.“

„Warum?“

„Weil Eric …“, sie zeigte mit dem Finger auf ihn, „… erst heiratet, wenn ich es getan habe. Ich glaube sogar, alle vier warten darauf, dass ich als Erste heirate.“

„Das ist doch lächerlich.“

„So sind sie nun mal. Ich weiß, dass es komisch klingt. Eric möchte auch heiraten und Kinder haben.“

„Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?“

„Sehen Sie, er fühlt sich für mich verantwortlich – und zwar so lange, wie ich noch nicht unter der Haube bin.“

„Sie wissen doch wohl, wie hoffnungslos antiquiert das klingt?“

„Natürlich. Aber unsere Situation ist ziemlich ungewöhnlich. Meine Eltern starben, als ich dreizehn war. Meine Brüder haben mich großgezogen – sozusagen in Gruppenarbeit. Eric war der Patriarch, und er hatte stets das letzte Wort.“ Sie fuhr mit dem Finger über das Glas. „Sie lieben mich, das weiß ich mit Bestimmtheit.“

„Aber?“

„Aber sie haben mich auch mit dieser Liebe erstickt. Vor allem Eric. Er war überfürsorglich. Klar, es gibt schlimmere Dinge im Leben. In vieler Hinsicht war ich ein Glückskind.“

„Wohnen die vier in der Nähe?“

„Nein. Sie sind übers ganze Land verstreut, aber sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, wenn es um mich geht. Es passt ihnen überhaupt nicht, dass ich allein in der Großstadt wohne. Und seitdem ich dreißig bin, ist ihr Wunsch, mich zu verheiraten, noch stärker geworden. Sind Ihre Eltern auch so?“

„Ich glaube, ihnen ist das ziemlich egal. Obwohl mein Vater sich wohl wünscht, dass der Name Callahan erhalten bleibt.“

„Wie alt sind Sie denn?“, wollte sie wissen.

Autor

Susan Crosby
Susan Crosby fing mit dem Schreiben zeitgenössischer Liebesromane an, um sich selbst und ihre damals noch kleinen Kinder zu unterhalten. Als die Kinder alt genug für die Schule waren ging sie zurück ans College um ihren Bachelor in Englisch zu machen. Anschließend feilte sie an ihrer Karriere als Autorin, ein...
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