Das Geheimnis des Italo-Docs

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Ihr letzter Freund hat sie im Stich gelassen, als sie ihn am nötigsten gebraucht hat. Seitdem ist Kinderärztin Jenna lieber allein. Ihr neuer Kollege Dr. Lorenzo Conti lässt ihr Herz schneller schlagen. Doch kann sie ihm vertrauen? Sie merkt: Irgendetwas verbirgt er vor ihr …
  • Erscheinungstag 30.06.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751507349
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Jenna Harris – Sie habe ich gesucht.“ Robert Jones, der Leiter der Abteilung für Kinderheilkunde, kam mit einem Mann auf Jenna zu, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. „Jenna, das ist Lorenzo Conti, unser neuer Assistenzarzt. Er steht kurz vor dem Ende seiner Facharztausbildung und ist heute mit Ihnen zusammen für die Erstuntersuchungen eingeteilt. Würden Sie ihm helfen, sich dort hineinzufinden?“

„Gerne.“ Jenna reichte Lorenzo die Hand. „Herzlich willkommen in der Abteilung für Kinderheilkunde des Muswell Hill Memorial Hospital, Dr. Conti.“

„Vielen Dank, Dr. Harris.“ Er lächelte. Sein Händedruck war angenehm fest. „Nennen Sie mich doch bitte Renzo.“

Seine Stimme mit dem leichten italienischen Akzent war wie geschmolzene Schokolade. Dazu noch seine ausdrucksvollen dunklen Augen, das Haar, das ihm lässig in die Stirn fiel, und das atemberaubende Lächeln – bestimmt lagen ihm unzählige Frauen zu Füßen. Erschrocken stellte Jenna fest, dass ihre Haut von der Berührung seiner Hand prickelte.

Das war natürlich völlig unangemessen. Schließlich war Lorenzo Conti ihr neuer Kollege, sie hatte ihn gerade erst kennengelernt, und womöglich hatte er eine Partnerin. Außerdem hatte Jenna sich geschworen, sich nach ihrer einjährigen Auszeit wieder voll und ganz auf ihre Karriere zu konzentrieren. Bis sie den Titel als Fachärztin für Kinderheilkunde führen durfte, hatte Jenna noch einen weiten Weg vor sich …

Nein, momentan wollte sie sich wirklich nicht auf eine neue Beziehung einlassen. Seit Danny ihre Entscheidung damals boykottiert hatte, und ihr sogar mit einem Ultimatum gekommen war, konnte sich Jenna ein gemeinsames Leben mit einem Mann kaum noch vorstellen!

Dabei hatte Jenna ihre Entscheidung keine Sekunde lang bereut, auch heute noch würde sie alles genauso machen wie damals. Was ihr aber noch immer zusetzte, war ihr schlechtes Urteilsvermögen, was Männer betraf. Warum war sie bloß auf Dannys Charme hereingefallen?

„Sehr erfreut, Renzo.“ Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie verwirrt sie war. „Ich heiße Jenna.“

„Hallo, Jenna.“ Er neigte leicht den Kopf.

Plötzlich schien es im Zimmer fünf Grad wärmer zu sein …

Jetzt reiß dich mal zusammen, dachte Jenna. Sei professionell und höflich, so wie immer gegenüber neuen Kollegen. Dass sie sich so heftig von Lorenzo Conti angezogen fühlte, würde sie einfach ignorieren müssen.

„In dieser Abteilung behandeln wir Kinder, die vom Hausarzt oder der Notaufnahme an uns verwiesen werden“, erklärte sie, während sie ihn zum Raum für die Erstuntersuchungen führte.

„Am London Victoria, wo ich früher gearbeitet habe, gab es ein ähnliches System.“

„Dann haben Sie sich vermutlich aus karrieretechnischen Gründen zu uns versetzen lassen?“

„So in etwa.“

Das war sicher nicht die ganze Geschichte, denn plötzlich nahm das Gesicht des neuen Arztes einen äußerst verschlossenen Ausdruck an!

Jenna beschloss, ihn auf keinen Fall mit Fragen zu bedrängen. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, Abstand zu wahren!

Also beschränkte sie sich auf ein höfliches Nicken und begann mit der ersten Vorstellung. „Das hier ist Schwester Laney, die heute Vormittag für die Ersteinschätzung zuständig ist. Laney, das ist Dr. Conti, unser neuer Senior-Assistenzarzt!“

„Bitte nennen Sie mich doch Renzo.“ Als er Laney die Hand gab und auch sie ganz durcheinander wirkte, fühlte Jenna sich ein wenig getröstet. Offensichtlich war sie nicht die Einzige, die den neuen Arzt ziemlich attraktiv fand …

Ihre erste Patientin war ein kleines Mädchen, das eine Apfelsine gegessen und sich einen Kern in die Nase gesteckt hatte.

„Ist es Ihnen recht, wenn ich hier übernehme, Renzo?“, fragte Jenna höflich.

„Natürlich, gerne.“

„Mrs. Peters, bitte kommen Sie mit. Ich werde Callie jetzt untersuchen.“ Lächelnd führte Jenna die junge Frau und ihre Tochter in eine der Behandlungsnischen.

Während Lorenzo Conti auf seinen ersten Patienten in diesem Krankenhaus wartete, lauschte er interessiert darauf, wie seine neue Kollegin ihr Untersuchungsgespräch führte. Es gefiel Renzo sehr, wie Jenna mit der Mutter des Mädchens redete. Sie erklärte alles auf geduldige, verständliche Weise und nahm so ihr und der kleinen Patientin die Angst. Auch die anderen im Team hatten einen guten Eindruck gemacht. Ja, sein Neubeginn am Muswell Hill Memorial Hospital war ganz sicher eine gute Entscheidung gewesen.

„Wir haben oft mit Kindern zu tun, die sich etwas in die Nase gesteckt haben“, erklang Jennas Stimme hinter dem Paravent. „Ich möchte nach Möglichkeit vermeiden, dass Callie unter Narkose operiert wird.“

Offenbar leuchtete sie nun mit einer Diagnostiklampe in die Nase des Mädchens. „Ich kann den Kern gut erkennen, aber weil er hart und rund ist, kann ich ihn nicht greifen. Callie ist noch zu klein, um sich kräftig genug die Nase zu putzen, also brauche ich Ihre Hilfe. In Ordnung?“

„Natürlich“, versicherte Mrs. Peters. „Was soll ich tun?“

„Ich werde Callie auf die Liege legen, mit dem Kopf auf dem Kissen, und dann das freie Nasenloch zuhalten. Wenn Sie ihr dann kräftig in den Mund pusten, sollte der Kern herauskommen. Das funktioniert nicht immer, und ich rate davon ab, so etwas eigenständig zu Hause zu versuchen“, warnte Jenna sie. „Aber wenn es funktioniert, ist keine OP nötig.“

Es entstand eine kurze Gesprächspause, während der Jenna die beschriebene Prozedur durchzuführen schien. „Super, es hat geklappt!“, hörte Renzo sie dann erfreut sagen. „Du warst sehr tapfer, Callie. Und danke für Ihre Unterstützung, Mrs. Peters.“

„Igitt, da sind Popel am Kern!“, rief das Mädchen.

Den Rest des Gesprächs bekam Renzo nicht mit, weil er nun selbst mit seiner ersten Patientin beschäftigt war. Aber bestimmt bekam Jennas kleine Patientin zur Belohnung für ihre Mitarbeit einen bunten Aufkleber und die Mutter ein aufmunterndes Lächeln. Genauso hätte er es auch gehandhabt.

Jenna gefiel ihm sehr, doch er würde dieser Anziehung nicht nachgeben. Denn er hatte auf schmerzliche Art und Weise gelernt, sein Herz nie wieder aufs Spiel zu setzen. Das letzte Mal hatte es ihn zu viel gekostet: seine Ehe, seine Tochter und seinen Glauben an die Liebe.

„Beim nächsten Patienten brauche ich Sie beide“, sagte Laney, als Jenna und Lorenzo fertig waren. „Billy Jackson ist drei Jahre alt. Vor einer Stunde ist er die Treppe runtergefallen und hat sich eine Platzwunde an der Stirn zugezogen.“

Dann wird die Wunde vermutlich so tief sein, dass sie genäht werden muss, dachte Lorenzo. Sonst hätte Laney nicht beide Ärzte hinzugebeten.

„Dann wollen wir uns mal um die Wunde kümmern, Billy“, sagte er lächelnd zu dem Jungen.

Ängstlich hielt der Kleine die Hand vor die Wunde. „Nein. Es tut weh!“

„Wir werden alles dafür tun, dass es bald nicht mehr wehtut, versprochen!“ Lorenzo hockte sich hin, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein. „Magst du Autos?“

Billy umklammerte die Hand seiner Mutter und nickte.

„Ich auch. Guck dir doch mal meine Autobilder an, während ich mir deinen Kopf ansehe, und sag mir, welches du am besten findest. Einverstanden?“

Wieder nickte der Junge.

„Super. Ich heiße übrigens Dr. Renzo, und das hier ist Dr. Jenna.“ Er zog einen Stapel Karten aus der Hosentasche und reichte sie Billy. „Alles in Ordnung, Mrs. Jackson?“, wandte er sich dann an die Mutter.

Sie rang sich ein Lächeln ab. „So mehr oder weniger. Es hat ziemlich stark geblutet, deswegen bin ich zuerst mit Billy in die Notaufnahme gegangen, und die haben uns dann hergeschickt.“

„Ja, Kopfverletzungen bluten immer stark. Oft wirkt es dadurch schlimmer, als es ist“, versuchte Lorenzo, sie zu beruhigen.

„Wissen Sie, wie Billy sich den Kopf gestoßen hat?“, erkundigte sich Jenna.

„Er ist gestolpert, als er die Treppe hinaufging, und dann mit dem Kopf aufgeschlagen“, berichtete Mrs. Jackson.

„Das passiert Kindern sehr oft“, tröstete Jenna die Frau. „War er bewusstlos? Wirkte er benommen oder wollte schlafen?“

„Nein, er hat sofort angefangen zu weinen.“

„Wahrscheinlich vor Schreck und vor Schmerz. Es ist gut, dass er nicht bewusstlos oder benommen war, denn dann hat er vermutlich keine Gehirnerschütterung. Sie haben sich bestimmt sehr erschreckt, aber wie Renzo schon sagte, wahrscheinlich ist es viel harmloser, als es aussieht. Möchten Sie sich zu Billy setzen, wenn wir uns jetzt um die Wunde kümmern und ihn untersuchen?“

Gemeinsam sahen Lorenzo und Jenna sich die Verletzung genauer an. Es war eine lange Schnittwunde, deren Ränder jedoch zum Glück regelmäßig waren. Dann untersuchten sie die Reaktion von Billys Pupillen auf Licht.

„Zum Glück hast du nur eine einfache Wunde und keine Gehirnerschütterung“, sagte Lorenzo. „Allerdings ist sie ziemlich groß, deswegen müssen wir sie nähen. Aber keine Sorge, das wird nicht wehtun. Wir benutzen nämlich eine Zaubersalbe, sodass du gar nichts spüren wirst. Und vorher wird Dr. Jenna dir helfen, ein bisschen Gas und Luft einzuatmen. So ein bisschen wie das, womit man bei Geburtstagsfeiern Ballons aufbläst.“

„Fliege ich dann weg?“, fragte Billy mit großen Augen.

Jenna bemerkte seine Panik. „Nein, du bleibst neben deiner Mummy sitzen, versprochen.“

„Und vergiss nicht, dass du dir noch die Karten ansehen und mir erzählen musst, welches Autos dir am besten gefällt“, erinnerte Lorenzo den Kleinen.

Jenna verabreichte das Gas, und Lorenzo trug die betäubende Salbe auf. „Spürst du, dass ich deinen Kopf berühre?“, fragte er.

„Nein!“ Billy war verblüfft.

„Sehr gut. Und jetzt sieh dir mal die Autos an.“

Während der Junge sich die Karten ansah, vernähte Lorenzo seine Wunde mit sechs sauberen Stichen.

„Wir verwenden einen selbstauflösenden Faden“, sagte Jenna zu Billys Mutter. „Ich erkläre Ihnen jetzt, wie Sie die Wunde versorgen, und gebe Ihnen auch ein Merkblatt dazu mit. Sie müssen den Wundbereich zwei Tage lang trocken halten und können ihn danach kurz mit Wasser und Seife waschen und dann trockentupfen. Sollte sich die Wunde wieder öffnen oder Sie Rötungen, Schwellungen oder Wundsekret bemerken, dann kommen Sie bitte gleich mit Billy wieder.“

Mrs. Jackson bedankte sich erleichtert.

„Na, welches Auto findest du am besten, Billy?“, fragte Lorenzo, als der Junge sich alle Bilder angesehen hatte.

„Dieses hier.“ Der Junge hatte einen roten Sportwagen ausgesucht.

„Gute Entscheidung. Das mag ich auch am liebsten!“

„Weil es rot ist?“

„Nein, weil es ein italienischer Wagen ist“, entgegnete Lorenzo lächelnd.

Billy machte große Augen. „Hast du etwa so ein Auto?“

Lorenzo lachte leise. „Leider nicht. Vielleicht irgendwann mal!“ Er nahm einen Aufkleber mit dem Aufdruck „So tapfer war ich!“ aus der Tasche und gab ihn dem Jungen. „Hier, damit kannst du allen zeigen, wie tapfer du heute warst.“

„Danke.“ Der Junge gab ihm die Karten zurück.

„Bitte schön.“ Lächelnd wandte Lorenzo sich an Mrs. Jackson. „Bitte machen Sie sich keine allzu großen Sorgen. Jenna hat Ihnen ja schon erklärt, worauf Sie achten müssen. Aber wenn Sie irgendwelche Bedenken haben, kommen Sie einfach wieder her.“

„Ist gut. Danke, dass Sie sich um Billy gekümmert haben.“

„Gern geschehen.“

„Das war super“, sagte Jenna, als die beiden gegangen waren. „Sie lenken also kleine Jungen mit Autobildern ab!“

„Nicht nur Jungs, auch Mädchen“, erwiderte Lorenzo. „Ich habe aber auch ein Kartenset mit kleinen Hunden und Katzen, falls ein Kind sich nicht für Autos interessiert.“

Lächelnd blickte Jenna auf die Uhr. „Es ist fast Mittag. Sind Sie schon vergeben?“

Lorenzo war verblüfft. Wollte sie mit ihm ausgehen? Er hatte nichts dagegen, wenn Frauen die Initiative ergriffen, aber das ging ihm nun doch etwas zu schnell. Außerdem war er nicht auf eine Beziehung aus.

„Ich spreche nur vom Mittagessen“, fügte sie schnell hinzu. „Heute ist doch Ihr erster Tag bei uns. Wenn Sie also noch nichts vorhaben, kommen Sie doch mit mir in die Cafeteria, dann kann ich Ihnen alles zeigen.“

Sie wollte also kein Date, sondern zeigte sich einfach als nette Kollegin, die ihn am ersten Arbeitstag herumführen wollte. Darauf konnte Renzo sich einlassen. „Danke, sehr gern.“

„Danken Sie mir nicht zu früh“, warnte sie ihn.

„Warum nicht? Ist das Essen nicht gut?“

„Das meine ich nicht. Wissen Sie was, ich lade Sie ein, ich möchte nämlich einen Antrag stellen!“

Plötzlich gingen Lorenzo lauter völlig unangemessene Gedanken durch den Kopf. Die lebhafte Jenna Harris war bildschön mit ihrem blonden Lockenschopf, den sie zum Pferdeschwanz gebunden trug, den großen blauen Augen und dem hübschen Lächeln. Auch ihr freundlicher, mitfühlender Umgang mit den kleinen Patienten und deren Eltern gefiel ihm sehr.

Aber nach allem, was er mit Georgia und Florence erlebt hatte, wollte er sich auf keinen Fall wieder verlieben und sein Herz mit Füßen treten lassen. Bei seinem Neubeginn wollte er sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren und nicht auf sein Privatleben.

„Einen Antrag?“, wiederholte er wachsam.

„Ich erkläre es Ihnen beim Mittagessen. Wollen wir uns nach dem nächsten Patienten wieder hier treffen und dann zusammen losgehen?“

„Okay.“

In der Cafeteria entschied Lorenzo sich für ein Sandwich, dazu etwas Obst und Kaffee. Jenna tat es ihm nach.

„Sie müssen mich wirklich nicht einladen“, sagte er, als sie an der Kasse anstanden und Jenna bereits das Portemonnaie zückte.

„Doch, muss ich. Ich will nämlich, dass Sie sich mir verpflichtet fühlen.“

Renzo hob die Brauen. Wollte sie ihn etwa manipulieren, so wie Georgia?

Nein, im Gegensatz zu Georgia war Jenna offen und direkt. Er würde versuchen, sich ihr Anliegen unvoreingenommen anzuhören, bevor er sich eine Meinung bildete.

„Also, was hat es mit diesem Antrag auf sich?“, fragte er, sobald sie saßen.

Jenna sah ihn mit großen Augen an. „Moment, zuerst kommen doch diese ganzen Höflichkeiten, oder? Die Fragen danach, wo man seine Ausbildung gemacht und warum man sich für Kinderheilkunde entschieden hat, ob die Familie in der Nähe wohnt und so weiter.“

Lorenzo zuckte mit den Schultern. „Also gut. Ich habe meine Ausbildung in London gemacht. Für Kinderheilkunde habe ich mich entschieden, weil mir die Arbeit in dieser Abteilung immer am besten gefallen hat. Meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester wohnen alle in East London. Allerdings überlegen meine Eltern, ob sie zurück an den Gardasee ziehen, wenn mein Vater in den Ruhestand geht. Ich bin Single und nicht auf der Suche nach einer Beziehung.“

Lange hatte er geglaubt, Georgia und er würden eine glückliche Ehe führen. Und so hatte er zwei Jahre lang eine Lüge gelebt, bis sie ihm schließlich die Wahrheit über Florence gebeichtet hatte. Diesen schmerzlichen Teil seiner Vergangenheit hielt er jedoch tief in seinem Innern verschlossen.

Schnell wandte er sich an Jenna. „Und Sie?“

„Ich habe meine Ausbildung hier im Muswell Hill gemacht und mich aus denselben Gründen für Kinderheilkunde entschieden wie Sie. Ich mag Kinder und finde es sehr erfüllend, ihnen zu helfen. Meine Eltern und meine Schwester wohnen in London, etwa eine halbe Stunde von mir entfernt. Und ich bin ebenfalls Single und nicht auf der Suche nach einer Beziehung.“ Lächelnd fügte sie hinzu: „Wir können also Freunde sein.“

„Ist das etwa der Antrag, von dem Sie gesprochen haben?“, fragte Renzo erstaunt.

Jenna lachte. „Nein! Aber unser Team hier auf der Station versteht sich sehr gut. Wir unternehmen viel zusammen: Wir gehen Pizza essen und zum Bowling, ins Kino, machen im Sommer am Strand Picknick, und so weiter. Ein bisschen wie in einer großen Familie. Oft sind Partner und Kinder dabei. Es ist wirklich schön!“

Eine Familie hatte Renzo auch mal gehabt – und verloren. Wie sehr sie ihm fehlte! Zumindest hatte er ja seine italienische Großfamilie, die ihn liebte. Da war es doch fast anmaßend, sich noch mehr zu wünschen.

Er gab sich einen Ruck. Von seiner Vergangenheit wusste Jenna nichts, und das war auch besser so. Sie hatte ihm sicher nur zeigen wollen, dass er in einem tollen Team gelandet war. „Klingt super“, sagte er.

Sie hob ihren Kaffeebecher. „Dann willkommen im Team. Es wird Ihnen bestimmt so gut gefallen wie mir.“

Das hoffte Renzo auch. „Und was war jetzt mit Ihrem geheimnisvollen Antrag?“

„Ich bin Mitglied im Fundraising-Ausschuss unserer Station. Samstag in einer Woche veranstalten wir einen sechsstündigen Tanzmarathon, damit wir mit dem Erlös aus den Einnahmen neues Spielzeug für die Station anschaffen können. Alle Teilnehmer zahlen einen bestimmten Beitrag, und man kann die Tänzer dann sponsern: entweder mit einem Pauschalbetrag oder pro Stunde, die sie auf der Tanzfläche bleiben.“

Jetzt verstand er. „Und Sie wollen mich als Tänzer dabeihaben?“

„Ja, bitte – falls Sie keinen Dienst haben.“

Das konnte sie natürlich leicht überprüfen. Außerdem wollteRenzo seine neue Stelle nicht mit einer Lüge antreten. Von Unehrlichkeit und Lügen hatte er wirklich genug.

„Nein, da habe ich frei.“

„Sehr schön!“, sagte Jenna lächelnd. „Bestimmt machen Sie das mit links. Italienische Männer sind doch alle Supertänzer, oder?“

„Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich habe zwei linke Füße.“

„Macht nichts, das geht der Hälfte der anderen Teilnehmer genauso. Es ist auch völlig egal, wie gut oder schlecht Sie tanzen, solange Sie Spenden für neues Spielzeug beschaffen. Es wird bestimmt toll!“

Lorenzo sah sie skeptisch an, doch Jennas Begeisterung blieb ungetrübt.

„Und Sie können Maybe Baby erleben! Das ist die Krankenhaus-Band, die auch oft bei Hochzeiten und zu anderen besonderen Anlässen spielt“, erklärte Jenna. „Die Hälfte der Bandmitglieder arbeitet auf der Entbindungsstation – Anton, der Gitarrist, und Gilly, die Bassistin. Aus unserer Abteilung sind Keely und Martin dabei, die Sängerin und der Schlagzeuger. Sie sind alle super!“

„Und die Band spielt dann sechs Stunden lang?“

„Wahrscheinlich nur drei Stunden. Nathan von der Notaufnahme arbeitet auch als DJ und wird die restlichen drei Stunden bestreiten“, sagte sie. „Der Tanzmarathon findet in der Turnhalle einer Schule hier im Viertel statt, ein hiesiger Pub wird eine Bar betreiben und uns die Erlöse überlassen, und ein paar Eltern von Kindern, die wir hier behandelt haben, werden sich ums Essen kümmern. Außerdem haben einige Geschäfte vor Ort großzügig Preise für die Tombola gespendet.“

Lorenzo hatte das Gefühl, dass Jenna ihren eigenen Beitrag erheblich herunterspielte. Ganz bestimmt hatte sie sich sehr engagiert. „Ich bin gerne bereit, jemanden zu sponsern, am Eingang die Eintrittskarten zu kontrollieren oder die Lotterie zu organisieren. Aber tanzen werde ich nicht.“

„Oh, wie schade, dabei wird es bestimmt total Spaß machen!“, erwiderte sie. „Aber das Angebot, einen Stand zu betreiben, nehme ich gerne an. Danke!“

„Werden Sie denn tanzen?“ Plötzlich war Renzo neugierig.

„Auf jeden Fall. Zum Joggen oder ins Fitnessstudio würde man mich nie kriegen, weil mich das überhaupt nicht anspricht. Aber ich gehe mehrmals in der Woche zu verschiedenen Tanzkursen! Und am Wochenende gehe ich mit dem Hund meiner Nachbarn spazieren“, erzählte sie. „So halte ich mich fit!“

Renzo wusste, dass er es darauf beruhen lassen sollte. Er hatte definitiv nicht vor, anderen Menschen privates Interesse entgegenzubringen! Trotzdem hörte er sich fragen: „Was für Tanzkurse machen Sie denn?“

„Dienstags gehe ich zum Salsa, donnerstags sind dann lateinamerikanische Tänze dran. Für Standardtänze wie Walzer und Foxtrott fehlt mir leider die Eleganz, aber dafür liebe ich Samba und Cha-Cha-Cha.“

Also die fröhlichen, lebhaften Tänze. Das passte sehr gut, so wie er Jenna Harris bisher kennengelernt hatte. „War der Tanzmarathon Ihre Idee?“

„Ertappt.“ Sie zog in gespielter Erschrockenheit die Augenbrauen hoch und fügte hinzu: „Aber alle anderen im Ausschuss fanden die Idee auch super, sonst würden wir das auch nicht durchziehen.“

„Okay. Wie gesagt, ich übernehme gerne einen Stand.“ Und dann hörte er sich plötzlich sagen: „Beim Aufbauen kann ich natürlich auch behilflich sein.“

„Danke.“ Sie lächelte ihn an. „Und vielleicht kann ich Sie ja auch zu einem Tanz überreden.“

„Vielleicht. Ich will lieber nichts versprechen.“

„Alles klar.“ Ihr breiter werdendes Lächeln zeigte ihm, dass sie auf jeden Fall versuchen würde, ihn zu überreden.

Doch damit würde sie keinen Erfolg haben. Renzo war fest entschlossen, professionelle Distanz zu wahren. Zugegeben, Jenna war attraktiv und sehr sympathisch, aber er würde auf keinen Fall sein Herz noch einmal aufs Spiel setzen. Sie waren Arbeitskollegen, weiter nichts.

„Danke für das Mittagessen“, sagt er schnell.

„Gern geschehen. Danke, dass Sie mithelfen werden“, erwiderte Jenna. „Wären Sie schon vor einem Monat hier gewesen, hätten Sie mit ihrem Lächeln und ein paar Worten Italienisch garantiert bereits Unsummen an Spendengeldern aufgebracht.“ Plötzlich kniff sie die Augen zusammen und sah ihn an. „Haben Sie zufällig eine gute Allgemeinbildung?“

„Ich würde sagen, sie ist ganz in Ordnung.“

„Da Sie höflich sind, vermute ich, dass Sie nicht angeben wollen und deshalb untertreiben. Sehr gut. Ich verpflichte Sie hiermit für das Quizteam unserer Abteilung.“

Lorenzo schüttelte amüsiert den Kopf. „Sie machen mir Angst! Dieses liebe, süße Lächeln, dazu die blauen Augen und die Unschuldsmiene – und in Wirklichkeit haben Sie alle schon eingeteilt und ihnen eine Zustimmung entlockt, bevor sie eine Sekunde Zeit zum Nachdenken hatten.“

„Tja, ich bin ziemlich durchtrieben“, gab sie völlig ungerührt zu. „Könnte ich Billard spielen, würde ich reihenweise ahnungslose Gegner über den Tisch ziehen und ohne Ende Geld verdienen. Dann gäbe es im ganzen Land keine besser ausgestattete Kinderstation als unsere.“

Renzo musste lachen. Jennas Mischung aus Charme, Wärme und Unverfrorenheit war einfach unwiderstehlich. Er würde sich sehr anstrengen müssen, um auf Distanz zu bleiben und immer daran zu denken, dass sie Arbeitskollegen waren. Hoffentlich würde ihm dabei das Durchhaltevermögen helfen, das ihn auch schon durch die schweren Monate nach seiner gescheiterten Ehe gebracht hatte …

„Sie werden mit Ihrem Tanzmarathon garantiert einen Haufen Geld machen – und danach mit dem armen Spielzeuggeschäft hart verhandeln.“

„Allerdings.“ Sie lächelte frech. „Noch mal vielen Dank, dass Sie mir beim Aufbauen helfen, einen Stand eine Weile betreuen und bei einem Tanz mitmachen. Sehr nett von Ihnen!“

Lorenzo war sich ziemlich sicher, dass er den erwähnten Tanz nicht zugesagt hatte. Ebenso sicher war er sich aber, dass Jenna darauf beharren würde.

„Gut“, stimmte er zu und erhob sich. „Kommen Sie mit zur Station?“

Renzo wollte so schnell wie möglich wieder zu seinen Patienten. Während des Gesprächs mit seiner sympathischen neuen Kollegin waren nämlich höchst verwirrende Gefühle in ihm aufgestiegen, und für diese gab es nur ein Gegenmittel: Arbeit!

2. KAPITEL

„Oh, das riecht aber lecker!“ Jenna ging in die Küche und umarmte ihre Zwillingsschwester. „Ist das etwa deine berühmte Lasagne da im Ofen, Lu?“

„Ja.“ Lucy erwiderte die Umarmung. „In zwanzig Minuten ist sie fertig. Nimm dir doch schon mal ein Glas Wein. Will ist im Wohnzimmer und liest. Wie war dein Tag?“

„Ganz gut.“ Jenna schenkte sich Wein ein. „Der neue Senior-Assistenzarzt hat heute seine Stelle angetreten. Robert hat mich gebeten, ihn auf der Station herumzuführen.“

Lucy lächelte. „Natürlich. Du bist ja auch ein Naturtalent darin, Menschen unter die Fittiche zu nehmen.“

„Weil ich von der besten Grundschullehrerin aller Zeiten lernen konnte“, erwiderte Jenna und hob ihr Glas. „Und wie war dein Tag?“

„Gut. Ava hat den ganzen Tag fröhlich vor sich hin geplappert.“

„Sie kommt eben ganz nach ihrer Tante.“

„Streng genommen …“, begann Lucy, doch Jenna unterbrach sie.

„Ich bin ihre Tante“, wiederholte sie eindringlich. „Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen, Lu. Ava ist deine und Wills Tochter. Ich habe dir nur ein paar Monate lang meine Gebärmutter geliehen. Und das hättest du für mich andersherum genauso getan.“

„Ja, stimmt.“ Lucy biss sich auf die Lippe. „Aber die Eizelle stammte auch von dir.“

„Da wir eineiige Zwillinge sind, sind unsere Eizellen identisch“, erinnerte Jenna sie. „Ich sehe es so, dass Ava deine leibliche Tochter ist. Auch rechtlich betrachtet ist sie das.“

Abgesehen von einer einzigen Ausnahme, waren alle Freunde und die gesamte Familie in Bezug auf die Leihmutterschaft absolut hilfsbereit und liebevoll gewesen. Trotzdem hatte Lucy immer wieder Schuldgefühle, wie Jenna wusste. Und meistens kamen ihre Zweifel dann wieder hoch, wenn jemand sich unsensibel zum Thema Leihmutterschaft geäußert hatte.

Autor

Kate Hardy
Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert?
Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
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