Der Duke, der mich erlöste

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

"Du musst mit mir nach England kommen." Christian Seaton, Duke of Sutherland weiß genau, wie töricht sein Wunsch ist, die bezaubernde Französin Lisette beschützen zu wollen. Seine Leidenschaft für die schöne Unschuld kann ihn in tödliche Gefahr bringen. Denn Lisette hütet wertvolle Informationen, für die manche Männer morden würden! Um das zu verhindern, entführt er sie in dunkler Nacht und flieht mit ihr nach England. Längst ist das Herz des Duke of Sutherland in heißer Liebe zu ihr entbrannt. Doch wird Lisette ihm eine Chance geben, wenn sie seine wahre Identität erfährt?
  • Erscheinungstag 04.04.2017
  • Bandnummer 575
  • ISBN / Artikelnummer 9783733767990
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

August 1815, Paris, Frankreich

Wenn Sie sie auch nur anrühren, Monsieur, werden Sie Ihrem Schöpfer früher gegenübertreten, als Ihnen vielleicht lieb ist!“

Christian Seaton, der fünfzehnte Duke of Sutherland, musste seine gesamte Willenskraft aufbringen, um nicht sofort zu reagieren oder sich zu der Person umzudrehen, die soeben leise hinter ihm gesprochen hatte.

Nicht weil ihm die Drohung selbst etwas ausgemacht hätte; er genoss nicht zufällig den Ruf als einer der besten Schützen Englands, und es gab nur wenige Gentlemen, die ihn mit dem Schwert bezwingen konnten.

Auch machte er sich keine Sorgen über den Lauf der kleinen Pistole, die er gerade durch seine Kleidung hindurch an seinem Rücken spürte.

Oder dass es sich bei der Person, die ihm drohte, um eine Frau handelte, die – dem Klang ihrer Stimme nach zu urteilen – schon reiferen Alters war.

Ihm bereitete jedoch innere Unruhe, dass die Drohung mit starkem Akzent auf Englisch ausgesprochen worden war …

Als Agent für die britische Krone war Christian erst vor zwei Nächten in geheimer Mission mit einem Schiff aus England in Paris angekommen. Wie geplant, hatte er sich umgehend als Comte de Saint-Cloud in einem der prachtvolleren Häuser an der Seine niedergelassen. Dieser alte und erloschene Titel stammte von der französischen Familie seiner Mutter.

Seit seiner Ankunft hatte Christian stets darauf geachtet, keine andere Sprache als Französisch zu sprechen. Dank seiner grandmère mütterlicherseits konnte er von sich behaupten, es wie ein französischer Landsmann zu beherrschen.

Insbesondere im Fleur de Lis, einer lauten und gut besuchten Taverne in einem der weniger angesehenen Viertel von Paris, hatte er darauf geachtet, diese Fassade aufrechtzuerhalten.

Dass er jetzt auf Englisch angesprochen wurde, warf die Frage auf, ob seine Tarnung irgendwie enthüllt worden war.

Er verharrte in seiner behaglichen Haltung an einem Ecktisch in der geräuschvollen Schenke, während er der Frau antwortete. „Würden Sie das bitte wiederholen, Madame?“, fragte er in fließendem Französisch. „Ich kann Englisch ein bisschen verstehen, spreche es jedoch leider gar nicht.“

„Nein?“

„Non“, antwortete Christian in ruhigem Ton auf die verächtliche, spöttische Nachfrage, obwohl sich jenes Gefühl der Unruhe weiterhin in seinem Inneren ausbreitete. „Ich bin der Comte de Saint-Cloud – zu Ihren Diensten, Madame.“

Es entstand eine kurze Pause, so als ob die Frau überlegte, seine Behauptung anzufechten. „Mein Fehler, Comte“, murmelte sie schließlich, bevor sie ihre frühere Warnung auf Französisch wiederholte.

„Ah.“ Er nickte. „In diesem Fall muss ich gestehen, dass ich nicht weiß, wen Sie mit ‚sie‘ meinen.“

Hinter ihm war ein lautes Schnauben zu hören. „Spielen Sie keine Spielchen mit mir, Comte“, sagte sie ungehalten. „Seit Sie eingetreten sind, haben Sie nur Augen für Lisette gehabt.“

Lisette …

So hieß also die hübsche junge Frau, die die Tische am anderen Ende des überfüllten, lauten Raumes bediente.

Oh ja, Christian wusste genau, wen diese Frau mit ‚sie‘ meinte und welche der Bedienungen er nicht länger als ein oder zwei Minuten aus den Augen hatte lassen können, seitdem er vor einer Stunde die Taverne betreten hatte.

Zudem war er mit seinem Interesse nicht allein, denn er hatte wohl bemerkt, dass mehrere andere gutgekleidete Herren im Raum die junge Frau beobachteten, wenn auch nicht so unverhohlen wie er.

Der Grund für die Zurückhaltung der anderen Gentlemen war Christian jetzt klar geworden: Offenbar hüteten sie sich davor, ihre Bewunderung für die rothaarige Schönheit unverhohlen zu zeigen – aus Angst davor, dass ihnen eine Pistole in den Rücken gehalten werden könnte.

Er ließ den Blick noch einmal durch die Taverne zu der jungen Frau schweifen, die den ganzen Abend damit beschäftigt war, die grölenden Gäste mit Getränken zu versorgen. Sie hob sich von allen anderen Bedienungen ab, die Christian je gesehen hatte: Sie war zierlich und schlank und hatte schöne rote Locken, die größtenteils unter einer schwarzen Spitzenhaube versteckt waren. Auch war sie in ihrem langärmligen und hochgeschlossenen schwarzen Kleid weniger freizügig gekleidet als die anderen Bedienungen.

War das ein Trauerkleid …?

Warum die junge Frau auch immer Schwarz trug – es lenkte nicht im Geringsten von ihrer atemberaubenden Schönheit ab, sondern schien sie noch zu unterstreichen. Ihre Hände und ihr Hals waren zart; ihr herzförmiges Gesicht war so weiß und glatt wie Alabaster und wurde von riesigen blauen Augen mit langen Wimpern dominiert.

Erfreut hatte Christian dabei zugesehen, wie geschickt und fröhlich sie den greifenden Händen der Männer ausgewichen war, die ihre scheinbare Hilflosigkeit ausnutzen wollten, wenn sie Bierkrüge auf den Tischen abstellte.

Leider hatte Christian sie erst bemerkt, als er bereits Platz genommen hatte. Sein Tisch wurde von einer vollbusigen, koketten Brünetten bedient, weshalb sich bisher keine Gelegenheit ergeben hatte, mit der reizenden Lisette zu sprechen.

Christian hatte geplant, diesen Umstand vor Ende des Abends zu ändern. Eine Tändelei mit einer der Bedienungen im Fleur de Lis wäre ein idealer Vorwand, um die Gaststätte häufig aufzusuchen, ohne dass seine regelmäßigen Besuche Aufsehen erregen würden.

Müde zuckte er jetzt mit den Schultern – wieder ohne sich zu der Frau hinter ihm umzudrehen. „Die Damen, die hier arbeiten, sind alle sehr hübsch, Madame.“ Erneut führte er die Unterhaltung auf Französisch fort.

„Aber Sie haben nur Augen für eine“, erwiderte die Frau mit rauer Stimme in derselben Sprache.

„Man wird doch noch gucken dürfen, oder, Madame?“

„Einer wie Sie bleibt nicht lange beim Gucken“, erwiderte sie verächtlich.

Christian war durch und durch ein Gentleman, der in der englischen Gesellschaft für seinen Charme und sein ausgeglichenes Gemüt bekannt war. Tatsächlich hatte er lange an diesem Ruf gearbeitet. Das bedeutete jedoch nicht, dass er kein Temperament hatte – ganz im Gegenteil. Er hatte sich lediglich dazu entschieden, es nur denen zu offenbaren, die sich seiner würdig erwiesen hatten, und auch nur in Situationen, in denen er es für angebracht hielt.

Doch unabhängig davon, ob er sich mit dem Titel des französischen Comte de Saint-Cloud oder dem des englischen Duke of Sutherland vorstellte, war er unverkennbar ein Gentleman. Er würde den Beleidigungen und dem aufdringlichen Verhalten dieser Frau Einhalt gebieten. „Mir missfällt Ihre Bemerkung, Madame.“ Christians frostiger Ton hätte all jene, die ihn gut kannten, dazu veranlasst, sich in Acht zu nehmen.

Was auch immer die Frau, die hinter ihm stand, über ihn wusste – offenkundig hatte sie keine Ahnung von seinem Charakter.

Jedenfalls hoffte er das …

„Man muss Sie nur ansehen, die Art und Weise, wie Sie gekleidet sind, um zu wissen, dass Sie nichts als ein Lebemann und Schwerenöter sind. Coureur!“, fügte sie empört hinzu.

Anstatt Zweifel an seiner Identität als Comte de Saint-Cloud aufkommen zu lassen, erschien es ihm sicherer, die Frau in dem Glauben zu belassen, dass er ein „Schürzenjäger“ sei, doch er ärgerte sich über die Beleidigung. „Auf welcher Grundlage basiert diese Behauptung, Madame?“ Sein Ton war noch eisiger geworden.

„Auf der Grundlage, dass Sie meine … Nichte in der letzten Stunde mit Ihren Blicken ausgezogen haben, Monsieur!“, erklärte sie angewidert.

Ihre Nichte?

Das hübsche Mädchen, Lisette, war die Nichte der Frau, die gerade hinter ihm stand und ihm eine Pistole in den Rücken drückte? Das konnte nicht stimmen, es sei denn …

Es sei denn …?

Sich der Pistole an seinem Rücken gewahr, rutschte Christian vorsichtig vor. Mit bedächtigen Bewegungen wandte er sich langsam zu seiner Widersacherin um. Leicht zog er die Brauen hoch, als er im gleichen Augenblick erkannte, dass es sich um niemand Geringeren als Helene Rousseau, die Besitzerin dieser Pariser Taverne, handelte.

Diese Frau war nicht nur der Grund für seine geheime Reise nach Paris, sondern auch für seinen Besuch heute Abend im Fleur de Lis.

Helene Rousseau war die ältere Schwester von André Rousseau, einem französischen Spion, der ein Jahr lang als Hauslehrer eines jungen englischen Adeligen in England gelebt hatte.

In jenem Jahr hatte André Rousseau einen Kreis von verräterischen Verschwörern aufgebaut, der sich sowohl aus den Hausangestellten der englischen Aristokratie als auch ein paar hochrangigen Mitgliedern der Gesellschaft zusammensetzte. Ihr Ziel hatte darin bestanden, den englischen Prinzregenten und andere Führungspersönlichkeiten der Allianz zu ermorden. Sie wollten in diesen Ländern Unordnung und Verwirrung stiften, damit Napoleon nach seiner Flucht aus dem Gefängnis von Elba seinen Triumphzug nach Paris ungehindert antreten könnte.

Christian gehörte zu den Agenten der Krone, die das Mordkomplott gegen den König hatten vereiteln können. Davor hatte jedoch André Rousseau sein Leben auf der Straße vor eben dieser Taverne gelassen – getötet durch einen von Christians engsten Freunden.

Nun hielt sich Christian in Paris auf, weil vermutet wurde, dass Rousseaus Schwester nach dem Tode ihres Bruders die Führung der Widerstandsbewegung übernommen hatte. Sie und ihre Verbündeten waren immer noch entschlossen, die englische Regierung zu schwächen, indem sie mit den anderen Verschwörern in England zusammenarbeiteten. Dabei war ihnen jedes auch noch so unlautere Mittel recht, um den Korsen ein zweites Mal zu befreien.

Erst vor wenigen Tagen hatten Christian und einige seiner Freunde verhindert, dass die Information über den Tag und das Ziel der zweiten Inhaftierung von Napoleon ans Licht käme. Sie waren davon ausgegangen, dass ein zweiter Versuch geplant wurde, um dem Korsen zur Flucht zu verhelfen.

In den Informationen, die Christian zu Helene Rousseau vorlagen, war jedoch nirgendwo die Rede davon, dass sie eine Nichte hatte.

Ausgerechnet die schöne, junge Frau, die Christian in der letzten Stunde bewundert hatte …

War sie in Schwarz gekleidet, weil sie um ihren Vater, den französischen Spion André Rousseau, trauerte? Sofern Christian im Bilde war, hatte Helene Rousseau keine weiteren Geschwister.

Mit zusammengekniffenen Augen sah er die Französin an. Trug sie ebenfalls Schwarz aus Trauer um ihren verstorbenen Bruder? „Ich entschuldige mich, wenn ich Sie beleidigt habe, Madame.“ Er verbeugte sich höflich, als er aufstand. „Ich versichere Ihnen, dass das nicht meine Absicht war.“

Helene Rousseau war eine Frau von etwa vierzig Jahren. Im Gegensatz zu ihrer zierlichen, schlanken Nichte war sie groß und gut beleibt. Auch schimmerte in ihrem blonden Haar nur ein leichter Rotstich. Da sich Tante und Nichte überhaupt nicht ähnlich sahen, konnte Christian es sich im Grunde nicht vorwerfen, nicht schon früher die Verbindung zwischen den beiden erkannt zu haben.

Insbesondere da er gar keine Kenntnis davon gehabt hatte, dass André Rousseau eine Tochter hatte.

Harte blaue Augen sahen ihn verächtlich an, während die Tavernenbesitzerin die kleine Pistole weiterhin auf Christians breite Brust gerichtet hielt. „Ein Mann wie Sie würde sich nicht in einer bescheidenen Schenke wie dieser aufhalten, Monsieur, wenn Sie es nicht darauf abgesehen hätten, eines meiner Mädchen zu verderben.“

Christian ließ seine blonden Brauen nach oben schnellen. „Sicherlich obliegt es diesen ‚Mädchen‘ selbst zu entscheiden, ob sie meine Aufmerksamkeiten als Verderbnis … oder Vergnügen betrachten.“

„Nicht wenn Ihre Wahl auf Lisette fällt.“ Helene Rousseau sah ihn so herausfordernd und hochmütig wie eine Duchess an.

Christian schluckte seine Ungeduld angesichts der Unverschämtheit dieser Person hinunter, denn er wusste, dass es seinem Zweck nicht dienlich sein würde, wenn er sie weiter gegen sich aufbrachte. Durch seine Absicht, an diesem Abend lediglich als ein weiterer Gentleman auf der Suche nach Vergnügungen wahrgenommen zu werden, hatte er nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch den Zorn dieser Frau auf sich gezogen. Beides hätte er an diesem Punkt seiner Mission gerne vermieden. „Ich habe mich dafür entschuldigt, wenn ich Sie beleidigt habe …“

„Ich glaube, Claude braucht dich in der Küche, Helene“, unterbrach sie eine sanfte, leise Stimme.

Als Christian den Blick von Helene Rousseau zu der Person schweifen ließ, die soeben gesprochen hatte, stellte er fest, dass diese sanfte, leise Stimme niemand anderem als der schönen Lisette selbst gehörte …

Lisette hatte den gut aussehenden Herrn mit den lavendelblauen Augen bereits gesehen, als er die Taverne früher am Abend betreten hatte. Tatsächlich gehörte er zu jener Sorte Gentleman, von der jede Frau Notiz nehmen würde.

Er war außergewöhnlich groß und hatte zerzaustes, längeres blondes Haar. Der maßgeschneiderte schwarze Frackrock über den breiten, muskulösen Schultern stammte sicherlich vom besten Schneider in Paris. Auch die Pantalons waren perfekt auf seine langen, muskulösen Beine abgestimmt. In seinen hochpolierten, schwarzen Stiefeln hätte Lisette bestimmt ihr Gesicht sehen können, wenn sie es davorgehalten hätte.

Jedoch war es die harte, männliche Schönheit seines Gesichts, die ins Auge fiel. Er hatte eine glatte, hohe Stirn, markante Wangenknochen, eine lange, aristokratische Nase und einen sinnlich-verführerischen Mund, der weder zu schmal noch zu voll war. Sein Kinn war überraschend hart und ausdrucksstark.

Das bei Weitem faszinierendste Merkmal an diesem Mann waren allerdings seine Augen. Lisette glaubte nicht, dass sie je zuvor Augen von solch einem ungewöhnlichen Blauton gesehen hatte – umrahmt von dichten, geschwungenen Wimpern.

In der vergangenen Stunde hatte sie gespürt, wie diese Augen sie beobachteten, während sie damit beschäftigt gewesen war, die vielen, zunehmend betrunkenen Gäste zu bedienen …

Nur weil die Taverne an diesem Abend ungewöhnlich voll war, hatte Helene sie um Hilfe gebeten. Für gewöhnlich ließ die ältere Frau sie nicht einmal in die Nähe der Männer, die in diesem verrufenen Wirtshaus verkehrten.

Anfangs hatte Lisette es nicht gemerkt, dass Helene sich dem Herrn mit den lavendelblauen Augen genähert und mit ihm gesprochen hatte. Erst als sie seinen eindringlichen Blick nicht mehr auf sich spürte, schaute sie in seine Richtung und sah, wie die beiden sich unterhielten. Selbst vom anderen Ende der großen Taverne konnte Lisette wahrnehmen, wie angespannt die Atmosphäre zwischen Helene und dem Mann war. Vor Schreck riss sie die Augen auf, als der Herr sich bewegte und sie erkannte, dass Helene eine Pistole in der Hand hielt und damit auf die Brust des Gentlemans zielte.

Was genau der Herr getan haben sollte, das ein solches Vorgehen rechtfertigen mochte, konnte sich Lisette beim besten Willen nicht vorstellen. Soweit sie im Bilde war, hatte er sich weder ungehobelt noch ungebührlich verhalten, sondern lediglich still an seinem Tisch gesessen, ohne mit den anderen Gästen der Gaststube in Kontakt zu treten. Auch hatte er sich Brigitte nicht aufgedrängt, als sie ihm einen der besseren Weine des Wirtshauses servierte.

„Ich bin Christian Beaumont, der Comte de Saint-Cloud, zu Ihren Diensten, Mademoiselle.“ Jener Gentleman verbeugte sich nun höflich vor ihr.

So als würde Helene nicht immer noch eine Pistole auf seine breite, ansehnliche Brust gerichtet halten!

„Lisette Duprée.“ Unvermittelt machte sie einen Knicks. Jetzt, da sie so nahe vor ihm stand, war sie außerstande, den Blick von seinen schönen, intensiven lavendelblauen Augen zu wenden.

Christian musste ein zufriedenes Grinsen unterdrücken, da Helene Rousseau es durch ihr Verhalten nun selbst herbeigeführt hatte, dass er und Lisette sich einander förmlich vorstellten. Dadurch würde es ihm zukünftig leichter fallen, sich der reizenden jungen Frau zu nähern und mit ihr zu sprechen.

Die Augen zusammengekniffen, drehte er sich zu der älteren Frau um. „Bitte lassen Sie sich von uns nicht aufhalten, wenn Sie in der Küche gebraucht werden, Madame.“

Helene Rousseau verzog den Mund zu einer dünnen Linie, während sie die Pistole in den Falten ihres Kleides verstaute. „Vergessen Sie nichts von dem, was ich Ihnen heute Abend gesagt habe, Mylord.“ Es war eine Warnung, keine Bitte.

Christian hegte in jedem Fall die Absicht, sich an jedes einzelne Wort dieser Frau zu erinnern – ihre Worte auseinanderzunehmen und zu analysieren, um den Bericht zu verfassen, mit dem er schließlich zurück nach England reisen würde.

Vor Kurzem war in England ein unschuldiges Kind entführt worden, um Informationen von der englischen Regierung zu erzwingen. Zudem hatte man eine junge, ebenfalls unschuldige Dame entführt und gepeinigt, um zu verhindern, dass bestimmte Informationen ans Tageslicht gerieten. Falls sich herausstellen sollte, dass Helene Rousseau hinter alldem steckte, dann war ihr Schicksal bereits besiegelt.

In diesem Fall würde die hübsche Lisette sowohl um ihre Tante als auch um ihren Vater trauern.

„Ich versichere Ihnen, Madame, dass mein Erinnerungsvermögen einwandfrei funktioniert“, sagte Christian leise zu Helene Rousseau.

Die ältere Frau sah ihn lange warnend an, bevor sie sich an Lisette wandte. Ihre grimmigen Gesichtszüge wurden etwas weicher, als sie die jüngere Frau ansah. „Bleib hier nicht stehen, Lisette. Die Kunden wollen bedient werden.“

„Wie du meinst, Helene.“ Folgsam schlug Lisette die Augen mit den rostbraunen Wimpern nieder, während ihre Tante Christian erneut einen warnenden Blick zuwarf, bevor sie sich mit raschelndem Rock entfernte – in Richtung Küche, wie zu hoffen war.

Christian fiel auf, dass Lisette die ältere Frau nicht mit tante, sondern mit ihrem Vornamen angesprochen hatte, was diese Beziehung noch geheimnisvoller erscheinen ließ. Obwohl sowohl André Rousseau vor seinem Tod als auch Helene Rousseau in den vergangenen Monaten beschattet worden waren, war nie die Rede von der wunderschönen Nichte gewesen.

„Würden Sie sich zu mir setzen, Mademoiselle?“ Christian schob einen Stuhl an seinem Tisch zurück.

Neugierig sah Lisette ihn an. „Ich bin zum Arbeiten hier, Comte, nicht zum Vergnügen.“ Doch selbst in ihrer Freizeit hätte sie eine Schenke wie diese niemals aufgesucht.

Bis vor wenigen Monaten hatte Lisette auf dem Land gelebt – fernab von allen Städten, von Paris ganz zu schweigen. Sie war erschüttert gewesen, als sie sich nach dem Tod des Paares, das sie neunzehn Jahre lang für ihre Eltern gehalten hatte, plötzlich in einem Lokal wie dieser Taverne wiederfand.

Sie hatte geglaubt, dass die Duprées ihre Eltern seien.

Die Wahrheit war erst am Tage ihrer Beerdigung ans Licht gekommen. Am späten Nachmittag war eine Kutsche vor ihrem Bauernhof vorgefahren, aus der eine große, hochmütige blonde Frau gestiegen war. Auf ihrem Gesicht hatte sich großer Abscheu gespiegelt, als sie vorsichtig über den Hof zum Haus gegangen war.

Die Nachricht, dass diese Frau ihre Mutter war, fühlte sich für Lisette noch erschütternder an als der Verlust des Paares, das sie für ihre Eltern gehalten hatte.

Helene Rousseau behauptete, Lisette sei im Säuglingsalter als Pflegekind zu den Duprées gekommen und dass sie jeden Monat Geld für ihren Unterhalt überwiesen habe.

Zuerst wollte Lisette ihr nicht glauben, da sie diese Frau bis zu jenem Tag nie gesehen hatte. Allerdings fand sie keinen Grund dafür, weshalb jemand solch eine falsche Behauptung äußern sollte. Lisette war nicht reich. Selbst der Bauernhof der Duprées war nicht an Lisette, sondern an ihren Neffen vererbt worden.

Der Grund dafür wurde mit der Ankunft von Helene Rousseau offensichtlich.

Die ältere Frau war darauf vorbereitet, dass Lisette ihr nicht glauben würde, und zeigte ihr monatlich verfasste Briefe, in denen die Duprées über Lisettes Gesundheit und Wohlergehen berichteten.

Da im vergangenen Monat kein Brief eingetroffen war, hatte Helene Rousseau Verdacht geschöpft und angenommen, dass etwas auf dem Bauernhof der Duprées vorgefallen sei. Ihre Nachforschungen hatten ergeben, dass das Ehepaar Duprée während eines Sturms gestorben war. Ein Baum war auf den Teil des Bauernhauses gestürzt, in dem die Schlafstube der Duprées lag.

Lisette musste nur drei Briefe der Duprées an Helene Rousseau lesen, um zu wissen, dass die ältere Frau die Wahrheit sagte. Sie war tatsächlich die uneheliche Tochter dieser Frau.

Die darauffolgenden Ereignisse erschienen Lisette immer noch wie ein Traum – oder waren sie nicht vielmehr als Albtraum zu bezeichnen?

Ihre Habseligkeiten waren alle schnell in einer Truhe verstaut worden. Helene Rousseau war die Vorstellung zuwider, auch nur eine einzige Nacht auf dem Bauernhof zu verbringen. Lisette wurde in die Kutsche verfrachtet, bevor sie zusammen mit der ihr fremden Frau die Nacht hindurch nach Paris fuhr.

Hatte Helene Rousseau den Anblick und die Geräusche des Hofs als unerträglich empfunden, so fühlte sich Lisette während ihrer frühmorgendlichen Fahrt durch die Straßen von Paris wie betäubt von dem Lärm und Schmutz der Stadt.

Händler waren bereits auf den Beinen und verkauften ihre Waren zwischen Menschen, die betrunken in den Eingangstüren von Geschäften und in Seitenstraßen lagen. Mehrere allzu stark geschminkte und leicht bekleidete Damen schlichen in den Gassen umher, als die Kutsche vorbeifuhr.

Die Taverne von Helene Rousseau rief bei Lisette noch größere Bestürzung hervor, da sie in einem der ärmeren Stadtteile lag und die entsprechende Kundschaft anzog.

Lisette war es alles andere als schwergefallen, sich von der Schankstube fernzuhalten. Die meiste Zeit war sie in der Kammer, die Helene ihr zugewiesen hatte, geblieben. Selbst nach all den Wochen konnte Lisette in der älteren Frau immer noch nicht mehr sehen als die Person, die sie zur Welt gebracht und im Säuglingsalter in die Obhut fremder Menschen gegeben hatte. Nach Lisettes Auffassung war das Geld, das für ihren Unterhalt geflossen war, nicht mit Liebe gleichzusetzen. Helene Rousseau empfand für sie lediglich eine gewisse Verantwortung, hatte jedoch in all den Jahren kein einziges Mal versucht, ihre Tochter zu sehen oder mit ihr zu reden.

Wenn Lisette die Wahl gehabt hätte, wäre sie niemals mit Helene Rousseau nach Paris gekommen. Ihr blieb jedoch keine andere Wahl. Wie auch? Sie verfügte über kein eigenes Geld, ihre Pflegeeltern waren beide tot, und der Neffe der Duprées hatte bereits angekündigt, dass sie nicht weiterhin auf dem Hof geduldet werden würde, wenn er erst mit seiner Frau und seiner Großfamilie dorthin gezogen wäre.

Schon nach wenigen Tagen nach ihrer Ankunft in Paris hatte Lisette angefangen, die Stadt voller Inbrunst zu hassen. Es roch übel, und es war schmutzig. In Bezug auf die Menschen, denen sie gelegentlich auf der Straße oder in der Taverne begegnete, verhielt es sich nicht besser. Helene Rousseau erwies sich als kalte, distanzierte Frau, mit der Lisette außer ihrer Geburt nichts gemein hatte.

Zudem herrschte immer noch große Unzufriedenheit unter den Parisern, die erst einen König, dann einen Kaiser, dann wieder einen König und dann erneut einen Kaiser bekommen hatten, bevor jener Kaiser wieder abgesetzt worden und ihr König wieder auf den Thron gesetzt worden war.

Solche Dinge hatten Lisette während ihres Lebens auf dem Hof der Duprées nicht berührt. Dort war einzig und allein wichtig gewesen, dass die Tiere versorgt waren und dass jedes Jahr die Saat ausgelegt und die Ernte eingefahren wurde.

Politische Machenschaften schienen in Paris hingegen an der Tagesordnung zu sein. Hier klagten sich Nachbarn gegenseitig an, was häufig schlimme Folgen nach sich zog.

Außerdem hegte Lisette den starken Verdacht, dass in einer der Privatstuben über der Taverne Versammlungen stattfanden, auf denen leidenschaftlich über die politische Unzufriedenheit diskutiert wurde. Versammlungen, bei denen Helene Rousseau federführend war …

„Darf ich Sie dann vielleicht zu einem späten Abendessen bei mir zu Hause einladen, nachdem Ihre Arbeit für heute erledigt ist …?“

Lisette weitete vor Entrüstung die Augen, als sie den gut aussehenden Gentleman anschaute. Er sah keineswegs wie ein Mann aus, der an einen Ort wie diese niedere Schenke gehörte oder gar eine der Bedienungen zu sich zum Abendessen einladen würde.

Zweifellos war er einer jener Herren, vor denen die Duprées sie gewarnt hatten, als sie sechzehn Jahre alt geworden war und eine weibliche Figur bekommen hatte. Herren, denen es gleichgültig war, ob sie eine Unschuldige entehrten und anschließend fröhlich ihrer Wege gingen.

„Ich befürchte, das wird nicht möglich sein, Monsieur le Comte …“ Sie unterbrach sich, als der Comte mit den lavendelblauen Augen vortrat, um sie am Gehen zu hindern. „Ich muss wieder zurück zu meiner Arbeit, Monsieur“, beharrte sie mit fester Stimme.

Christian wollte nicht, dass Lisette zurück zu ihrer Arbeit ging. Tatsächlich stellte er jetzt fest, dass es ihm ganz und gar nicht behagte, dass die schöne junge Frau in einem Wirtshaus wie diesem arbeitete.

Es war ein ärmliches, verkommenes Lokal. Soeben hatte er beobachtet, wie ein Mann seine Hand in den tiefen Ausschnitt einer Schankkellnerin gesteckt hatte, bevor er die Brust herauszog und die rosafarbene Knospe umspielte und küsste. In einer anderen schattigen Ecke der Taverne konnte er ein weiteres Paar ausmachen. Die Röcke der Frau waren bis zu ihrer Taille hochgeschoben. Die Breeches des Mannes waren geöffnet, während die beiden Unzucht trieben – für all jene sichtbar, die zuschauen wollten.

Trotz all der Sünden, die Christian begangen hatte, wollte er dieses abscheuliche Schauspiel gewiss nicht mit ansehen.

Langsam erschien ihm die gesamte Atmosphäre dieser Taverne als allzu anrüchig und bedrückend.

Diese zierliche Frau gehörte jedenfalls nicht an diesen Ort – wie auch immer ihr Verwandtschaftsgrad zur Besitzerin aussah.

Mit den Fingern umgriff er sanft Lisettes dünnen Arm. „Ich werde ab Mitternacht draußen in meiner Kutsche auf Sie warten …“

„Ich kann nicht, Monsieur.“ In ihren Augen stand Entsetzen. „Weder heute Nacht noch sonst irgendwann.“

„Ich will Ihnen nichts tun, Lisette.“ Christian seufzte verdrossen, da sie ihm offensichtlich misstraute. „Sie müssen doch wissen, dass Sie nicht hierhin gehören.“

Tränen sammelten sich nun in diesen einzigartigen blauen Augen. „Ich kann nirgendwo sonst hingehen, Monsieur.“

Ein junges Mädchen in Not zu retten, gehörte nicht zu Christians Auftrag. Seine Vorgesetzten in der Regierung hätten wohl gesagt, dass mit seinem Aufenthalt hier etwas vollkommen Gegensätzliches bezweckt wurde. Insbesondere da es sich bei der besagten Dame um die Nichte der Frau handelte, die er im Auge behalten sollte. Wahrscheinlich war sie auch noch die Tochter des Aufrührers André Rousseau.

Widerwillig ließ er ihren Arm los. „Für den Fall, dass Sie Ihre Meinung ändern sollten, werde ich trotzdem ab Mitternacht draußen in meiner Kutsche auf Sie warten …“

„Ich kann nicht, Monsieur.“ Verstohlen schaute sie in Richtung Küche, als die Tür aufschwang und Helene Rousseau zurück in die geräuschvolle Schankstube trat. Sie kniff ihre klugen Augen zusammen, als sie sah, dass sich Christian und Lisette immer noch unterhielten. „Ich muss los.“ Hastig entfernte Lisette sich ein paar Schritte von ihm. „In Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen, Monsieur, kommen Sie nicht wieder“, fügte sie flüsternd hinzu.

Als Christian ein paar Minuten später in seiner Kutsche saß und zurück zu seinem Haus an der Seine fuhr, dachte er über diese Warnung nach. Er konnte nur zu einem Schluss kommen.

Dass die hübsche Lisette Angst vor ihrer Tante hatte …

2. KAPITEL

Lisette verrichtete den Rest ihrer Arbeit in einem Zustand der Benommenheit, nachdem der Comte wenige Minuten nach ihrem abrupt beendeten Gespräch gegangen war.

Sie hoffte, dass er die Taverne wegen ihrer Warnung verlassen hatte.

Auch wenn er nicht den Eindruck erweckte, dass er leicht Angst bekommen würde.

Sie hingegen fürchtete sich.

Die Sorge des Comte de Saint-Cloud bezüglich ihres Wohlergehens an diesem Ort voller Trunkenbolde und Dirnen war vollkommen berechtigt – so sehr Helene sich auch bemühte, sie zu beschützen.

Aber was konnte der Comte ihr außer einem Abendessen und zweifellos einer Verführung in seinem Haus bieten? Zwar war er vermögender und höher gestellt als die üblichen Gäste im Fleur de Lis, doch ihm war nicht mehr zu trauen als den anderen Männern, die hierher kamen. Sie wollten ihr alle die Unschuld rauben und warteten nur auf eine Gelegenheit, in der Helene nicht gerade ein Auge auf sie hatte.

Der Comte würde es vielleicht würdevoller und zweifellos in einer angenehmeren Umgebung tun, doch er würde sich das nehmen wollen, was Lisette nicht bereit war zu geben. Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, würde er sich anschließend zu den Leuten seines Ranges gesellen und die junge Frau, die er verführt und entehrt hatte, vollkommen vergessen.

Allein die Tatsache, dass er eine Taverne wie diese überhaupt aufgesucht hatte, war verdächtig. Gewiss ließ es darauf schließen, dass er eine Frau suchte, mit der er die Nacht verbringen konnte. Am nächsten Morgen würde er keine weitere Verwendung für sie haben und sie sicherlich von einem seiner Diener zur Tür begleiten lassen.

Lisette wusste, dass dies der einzig mögliche Grund dafür war, dass ein edler und adeliger Herr auch nur einen Fuß in diese verkommene Taverne setzte.

Doch für eine kurze Weile – vielleicht eine Minute – hatte sich etwas in ihrer Brust geregt: die Versuchung, seine Einladung zum späten Abendessen anzunehmen. Denn sie hoffte, dass er sie von diesem anrüchigen Lokal, das sie von ganzem Herzen hasste, wegbringen würde.

„Du kannst jetzt damit aufhören, dem Comte hinterherzutrauern“, sagte Helene mehrere Stunden später in gedehntem Ton, nachdem sie den letzten ihrer betrunkenen Gäste aus der Taverne hinauskomplimentiert hatte. Entschieden schloss sie die Tür. „Er wird nicht wiederkommen.“

Lisette sah die ältere, zufrieden wirkende Frau musternd an. „Wie kannst du dir so sicher sein …?“

Ihre harten blauen Augen blitzten warnend. „Stell meine … Methoden nicht in Frage, Lisette.“

Ihre Beunruhigung nahm nun noch mehr zu. „Ich bin mir sicher, dass Monsieur le Comte nichts Böses im Schilde führte, als er vorhin mit mir sprach.“

„Ich denke, es ist höchste Zeit, dass du dich in deine Schlafstube zurückziehst, Lisette“, erwiderte Helene abwehrend. „Du warst heute Abend eine große Hilfe, aber ich glaube nicht, dass wir das wiederholen werden.“

„Aber …“

„Geh jetzt ins Bett, Lisette“, sagte die ältere Frau voller Ungeduld, als ein leises Klopfen an der geschlossenen Hintertür der Taverne zu hören war.

Lisette verkniff sich ihre nächste Bemerkung. Durch das diskrete Klopfen an der Tür wusste sie, dass Helene heute Nacht wieder eine Versammlung plante.

Geheime Treffen mit Männern und vielleicht auch Frauen, die nicht wollten, dass gesehen wurde, wie sie die Taverne betraten, oder dass sie in Kontakt mit Helene Rousseau standen. Oder vielleicht auch beides. Das Fleur de Lis und seine Kundschaft war sicherlich nichts für Zartbesaitete oder für jene Mitglieder der Gesellschaft, die eigentlich nichts von der Existenz Helene Rousseaus wissen sollten – geschweige denn, ihr spät in der Nacht Besuche abstatten sollten.

Nichts von alldem half, um Lisettes Sorge um den Comte de Saint-Cloud zu mindern.

In den vergangenen Wochen hatte sie gelernt, dass Helene eine mächtige Frau in den dunklen Gassen von Paris war. Sie kannte die meisten – wenn nicht sogar alle – Diebe und Mörder, die sich hier herumtrieben. In dieser Welt wäre es für die ältere Frau ein Leichtes, im Austausch gegen Silber Hilfe von einer dieser zwielichtigen Personen zu erhalten, um sicherzustellen, dass der Comte de Saint-Cloud nicht zurückkehren würde.

Dass er nicht zurückkehren könnte.

„Gewiss, Helene.“ Sie machte einen Knicks, bevor sie eine brennende Kerze ergriff und die Treppe hoch zu ihrer Stube eilte. Ruhelos ging sie in dem kleinen Raum auf und ab, während sie versuchte zu entscheiden, was als Nächstes zu tun war.

Sie konnte es einfach nicht zulassen, dass dem Comte de Saint-Cloud etwas passierte, nur weil er es gewagt hatte, mit ihr zu sprechen.

Vor wenigen Minuten hatte sie ein leises Stimmengewirr im Flur gehört, woraufhin eine Tür geschlossen wurde. Das bedeutete, dass Helene vorerst mit ihren nächtlichen Besuchern beschäftigt sein würde. Wenn Lisette sich sehr leise verhielt, könnte sie durch den Flur und die Treppe hinunterhuschen und im Erdgeschoss hinten in der Taverne ein Fenster offen stehen lassen, durch das sie nach ihrer Rückkehr wieder hineinklettern könnte und dann …

Und dann was?

Der Comte hatte gesagt, dass sein Haus am Fluss lag, doch allein bei dem Gedanken, nachts allein unterwegs in den Straßen von Paris zu sein, erschauderte sie vor Angst. Waren die Straßen tagsüber bereits unsicher für eine Frau ohne Begleitung, so wäre Lisette nachts ein gefundenes Fressen für ganz andere Zeitgenossen als nur Diebe und Dirnen.

Und der Comte de Saint-Cloud?

Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu ihm zurück. Wie entschlossen Helene gewirkt hatte, als sie sagte, er werde nicht zurückkommen. Sicherlich konnte diese Überzeugung nur eines bedeuten. Lisette wollte nicht den Fehler begehen, Helene zu unterschätzen. Viele von den harten, abgestumpften Männern, die in der Schenke verkehrten, waren unübersehbar Feuer und Flamme für die Besitzerin des Fleur de Lis.

Lisette konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass sich die lavendelblauen Augen des gut aussehenden Comte für immer schließen würden.

Auch konnte sie nicht weiterhin wie ein Feigling in ihrer Schlafstube bleiben, während Helenes Halunken vielleicht bereits kurz davor standen, einen Mord zu begehen.

Lisette streckte den Rücken durch und beschloss, nicht länger zu zögern, bevor sie ihre schwarze Haube aufsetzte und sich ihren schwarzen Umhang überwarf. Das war ihre Trauerkleidung, die sie trug wegen eines Onkels, den sie nie getroffen hatte. Leise öffnete sie die Tür ihrer Schlafstube und lugte hinaus, um sich zu vergewissern, dass der Flur leer war. Dann verließ sie langsam den Raum und schlich die Treppe hinunter. Mit ein bisschen Glück würde sie das Haus des Comte finden, ihn warnen und zur Taverne zurückkehren, bevor Helene etwas davon mitbekommen hätte.

Falls nicht …

Lisette wollte lieber nicht daran denken, was geschehen könnte, wenn ihre Warnung an Monsieur le Comte zu spät kommen sollte.

Oder wie wütend Helene sein würde, wenn Lisette es nicht zur Taverne zurück schaffen sollte, bevor von ihrer Abwesenheit Notiz genommen wurde.

Christian stand im Schatten eines Türeingangs, der weit genug vom Fleur de Lis entfernt war, um nicht bemerkt zu werden, doch nahe genug, um das Dutzend Herren und die beiden Damen zu sehen, die in der vergangenen halben Stunde durch die Hintertür in das Lokal eingetreten waren.

Er hegte keinerlei Zweifel an dem Grund für ihren geheimen Besuch und wusste, dass er zufällig eines der Geheimtreffen von Helene Rousseau und ihrer Mitverschwörer beobachtet hatte.

Zufällig, weil Christian heute Abend nicht wegen Helene Rousseau zurück zur Taverne gekommen war.

Nachdem er das Wirtshaus zuvor verlassen hatte, war er kurz zu seinem Haus an der Seine gefahren. In seinem Schlafgemach hatte er sich dunkle Kleidung angelegt und war anschließend sofort wieder aufgebrochen. Seinem Kutscher hatte er befohlen, mit der Kutsche ein paar Straßen entfernt vom Fleur de Lis zu warten, bevor er sich in seinen schwarzen Umhang gehüllt auf leisen Sohlen durch die übelriechenden, dreckigen Gassen zum Türeingang schräg gegenüber der Taverne begeben hatte.

Abgesehen von einer Kerze, die in einer der Schlafstuben im Obergeschoss brannte, war es in der Schenke dunkel. Aufgrund der Silhouette einer zierlichen Person, die hinter den Vorhängen des Fensters auf und ab ging, vermutete er, dass es sich um die Schlafstube der reizenden Lisette handelte.

Als auch diese Kerze wenige Minuten später gelöscht wurde, lag die Taverne vollkommen im Dunkeln.

In Christian stieg ein Gefühl der Enttäuschung hoch.

Natürlich war seine Hoffnung, dass Lisette ihre Meinung ändern und sich auf ein spätes Abendessen mit ihm treffen würde, übersteigert gewesen. Sie kannte ihn nicht. Auch war sie ihm nicht wie eine junge Dame vorgekommen, die sich mitten in der Nacht aus dem Hause ihrer Tante stahl, um allein mit einem Gentleman zu Abend zu essen – und zwar ohne die Tante mit den Adleraugen, die ihre Beschützerin mimte.

Natürlich hatte alles nur vorgetäuscht gewesen sein können – sowohl die unschuldige Erscheinung als auch die Tränen in ihren riesigen blauen Augen, als sie ihm gesagt hatte, dass sie nirgendwo sonst hingehen könne. Das alles waren vielleicht nur die raffinierten Winkelzüge einer unschuldig aussehenden Dirne, die nach einem reichen Begleiter Ausschau hielt. Christian wäre sicherlich nicht der erste Gentleman, der auf eine Täuschung dieser Art hereinfiel.

Dennoch haftete Lisette Duprée etwas Aufrichtiges an. Vielleicht war das ein Hinweis darauf, dass sie tatsächlich unschuldig war.

Womöglich gab es in ganz Paris keinen größeren Narren als ihn, weil er so viel über diese Frau nachdachte. Helene Rousseaus zuvor ausgesprochene Warnung, dass er sich von ihrer Nichte fernhalten solle, könnte auch eine List sein, die genau das Gegenteilige bezwecken sollte: sein Interesse zu wecken und dauerhaft zu halten.

Auch musste er jenen verstörenden Moment, als Helene Rousseau auf Englisch zu ihm gesprochen hatte, in seine Überlegungen miteinbeziehen. Vielleicht war das ein Test gewesen, um zu sehen, ob er darauf eingehen würde. Oder wusste sie womöglich bereits, dass er nicht der Comte de Saint-Cloud war?

In diesem Fall wäre Christians Aufenthalt in Paris reine Zeitverschwendung, und er würde am Ende mit nichts dastehen – außer vielleicht einer scharfen Klinge im Rücken, wenn er am wenigsten damit rechnete.

Dies stellte für Christian noch größeren Anlass dar, sich mit dem Treffen zu befassen, das gerade in der Taverne stattfand. Er musste die Identität der Anwesenden herausfinden.

Anstatt sich weiterhin der Vorstellung hinzugeben, wie Lisette jetzt wohl in ihrem Bett aussah …

Trug sie ein sittsames Nachtkleid oder schlief sie nackt?

Waren die Knospen ihrer Brüste rosafarben oder von einem dunkleren Pflaumenrot?

Und waren die Locken zwischen ihren Schenkeln genauso feurig rot wie ihre Haare …?

„Monsieur le Comte …?“

Angesichts der verlockenden Bilder, denen Christian gerade nachhing, wäre es untertrieben gewesen, zu behaupten, dass er überrascht war, als er Lisettes sanfte, heisere Stimme neben sich vernahm.

Er war so tief in seine Gedanken über diese schöne junge Frau versunken gewesen, dass er nicht einmal bemerkt hatte, wie sie die Taverne verlassen und sich ihm genähert hatte. Wer sich so unaufmerksam verhielt, konnte schnell getötet werden.

Christian nahm sich zusammen, als er sich zu ihr umdrehte und feststellte, dass sie zumindest – genau wie er – dunkle Kleidung trug. Die Haube unter der Kapuze ihres Umhangs bedeckte ihr rötliches Haar. „Es freut mich, dass Sie Ihre Meinung geändert haben und mir beim Abendessen Gesellschaft leisten wollen, Mademoiselle“, erwiderte er charmant lächelnd.

„Wir können nicht hierbleiben, Monsieur. Wir könnten jeden Moment entdeckt werden“, antwortete sie in dringlichem Ton.

„Nein, natürlich nicht“, sagte Christian, während er ihren Arm ergriff. Jetzt musste er zwar seinen Plan aufgeben, die Identität der Personen herauszufinden, die sich soeben in der Taverne versammelt hatten, doch dafür hatte er die nächstbeste Informationsquelle: Helene Rousseaus Nichte. „Meine Kutsche wartet auf uns …“

„Oh nein, Monsieur. Ich kann nicht mit Ihnen kommen. Ich möchte nur …“

„Still!“, warnte Christian sie scharf, als er sie in seine Arme zog und sie tiefer in den schattigen Türeingang schob. Gerade waren mehrere Personen im Begriff, die Taverne zu verlassen.

„Monsieur!“, wehrte sich Lisette entrüstet.

„Still …“

„Monsieur, ich muss protestieren …“

Christian fiel nur eine Art und Weise ein, wie er es vermeiden konnte, dass sie durch ihre lauthalsen Beschwerden die Aufmerksamkeit der anderen auf sie lenkte.

Autor

Carole Mortimer
Zu den produktivsten und bekanntesten Autoren von Romanzen zählt die Britin Carole Mortimer. Im Alter von 18 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Liebesroman, inzwischen gibt es über 150 Romane von der Autorin. Der Stil der Autorin ist unverkennbar, er zeichnet sich durch brillante Charaktere sowie romantisch verwobene Geschichten aus. Weltweit...
Mehr erfahren

Entdecken Sie weitere Bände der Serie

In den Fängen der Dukes - unzähmbare Leidenschaft