Die geheimnisvolle Mitgift

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Würde Cassandra die geheimnisvolle Mitgift finden, die ihre Vorfahrin Margaret Verrere versteckt hat, dann wäre alle Not vorbei, und vor ihr und ihren Geschwistern würde eine gesicherte Zukunft liegen. Doch sie schafft es nicht, das schwierige Unterfangen allein zu bewältigen. Zum Glück weiß Cassandra, wen sie um Hilfe bitten könnte: Sir Philip Neville, dem seit einer kurzen romantischen Begegnung ihr Herz gehört. Der weltgewandte Philip findet Cassandras Ansinnen zwar abwegig, entschließt sich aber nach anfänglichem Zögern, sich an der Schatzsuche zu beteiligen. Denn der Lohn reizt ihn – nicht das Gold, nicht das Geld, sondern Cassandras Hand.
  • Erscheinungstag 18.01.2022
  • Bandnummer 60
  • ISBN / Artikelnummer 9783751511452
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich langsam, und ein Mann schlüpfte hinein. Das Licht der Kerze in seiner Hand durchdrang kaum die Dunkelheit, aber er konnte dennoch das Bett ausmachen und ging darauf zu.

Die Frau in dem Bett lag mit dem Rücken zu ihm, ihre weiblichen Kurven von Decken verhüllt. Er blieb leicht verunsichert stehen. Er hatte erwartet, dass sie wach wäre, ihn mit der leidenschaftlichen Bereitwilligkeit empfangen würde, die sie früher am Abend im Wintergarten gezeigt hatte. Er hielt die Kerze höher. Licht fiel auf ihr blassgoldenes Haar, das sich über Decken und Kissen breitete. Es war dieses goldblonde Haar gewesen, das heute Nachmittag seine Aufmerksamkeit erregt hatte, weit mehr als die Vollkommenheit ihrer Gesichtszüge.

Er stellte die Kerze ab und blies sie aus, schlüpfte aus seinen Schuhen und kroch über das Bett zu der Frau. Sie sagte nichts, und er fragte sich, ob sie tatsächlich schlief oder nur so tat. Es wäre sehr seltsam, wenn sie einfach eingeschlafen wäre, wo sie sich doch mit ihm für Mitternacht verabredet hatte. Vielleicht gab sie auch bloß zu schlafen vor, um irgendwie die Illusion von Unschuld aufrechtzuerhalten – oder sie dachte, er fände es erregend. Er musste zugeben, dass neben ihrem warmen, weichen Körper zu liegen, zu wissen, dass sie sich ihm so vollkommen auslieferte, etwas überaus Verführerisches hatte.

Er schmiegte sein Gesicht an die seidige Fülle ihres süß duftenden Haares, während er sie sanft in seine Arme zog. Verlangen erfasste ihn, plötzlich und heftig. Schwacher Rosenduft stieg ihm in die Nase. Er fand ihn wesentlich erregender als das schwerere Parfüm, das sie am Nachmittag getragen hatte. Er hob ihr Haar und drückte seine Lippen zart auf ihren Nacken.

Sie stieß ein kleines zitterndes Seufzen aus, und er lächelte. Er zog eine Spur aus Küssen über ihren Hals zu ihrem Kinn, fand ihr Ohr und begann zärtlich daran zu knabbern, die zarten Kurven mit seiner Zungenspitze nachzufahren, das Ohrläppchen zwischen seine Lippen zu nehmen. Seine Hand glitt zu den Decken und zog sie fort, enthüllte dabei ihre in ein einfaches weißes Baumwollnachthemd gekleidete Figur. Das züchtige Gewand überraschte ihn zunächst, aber mit einem Mal schien es ihm wesentlich verführerischer als jedes gewagtere es gewesen wäre. Fast hätte er gelacht. Er hätte nicht gedacht, dass die Kleine über so viel Einfühlungsvermögen oder Erfahrung verfügen würde. Nun war er froh, dass er seine Meinung geändert und Joannas Einladung schließlich doch noch angenommen hatte.

Seine Hände wanderten liebkosend über ihren Körper, während seine Lippen mit ihrem Ohr spielten. Er streichelte ihren Busen und ihre weiblich gerundeten Hüften durch den Stoff ihres Nachthemdes. Seine Finger strichen über ihre Schenkel, ihren Bauch. Ihm rauschte das Blut in den Adern, als er kleine Küsse von ihrem Ohr hinab über die weiche Haut ihres Halses hauchte, bis er von dem Stoff ihres Nachthemdes aufgehalten wurde. Ungeduldig öffnete er die obersten Bänder, sodass er es ihr über die Schulter ziehen konnte und dabei ein Stück verlockende Haut entblößte. Er betrachtete einen Augenblick lang die cremige Haut, die sich unter der Baumwolle verborgen hatte, und fühlte sein Begehren wachsen. Mit einem bebenden Finger strich er über das weiche Fleisch. Es war, als berührte man Rosenblätter, und das Gefühl sandte glühendes Verlangen direkt in seine Lenden. Er beugte sich vor und küsste ihre zarte Schulter.

Sein Atem beschleunigte sich, während er ihr Schlüsselbein und ihren Hals mit Küssen bedeckte. Er drängte sich an sie, sodass ihre Körper sich auf voller Länge berührten. Seine Hand glitt über ihren Bauch und schob sich dann zwischen ihre Schenkel. Ein leises Stöhnen entschlüpfte ihr, dann bewegten sich ihre Beine unruhig, öffneten sich für ihn. Ihm stockte der Atem, aufgewühlt von diesem Laut, aus Leidenschaft geboren. Er war sich jetzt sicher, dass sie wach war, auch wenn ihr leises Stöhnen der einzige Hinweis darauf war. Es lag etwas unendlich Erregendes in ihrer schweigsamen Bereitwilligkeit, in der Art und Weise, wie ihr Atem schnell und stoßweise ging, geradeso, als ob die Bedürfnisse ihres Körpers sie verrieten, es ihr unmöglich machten, Ruhe zu bewahren. Er streichelte sie rhythmisch zwischen den Beinen und wurde mit einem weiteren erstickten Stöhnen belohnt.

Mit geschlossenen Augen, in der blütenblattgleichen Weichheit ihrer Haut schwelgend, küsste er sie auf die Wange. Sie murmelte etwas Unverständliches, wandte sich ihm unwillkürlich zu, und ihre Lippen trafen sich. Ihr Mund war weich und warm, nachgiebig unter seinem, und öffnete sich seiner fragenden Zunge. Ihre Arme hoben sich und legten sich um seinen Nacken, als er den Kuss vertiefte. Sein Körper erbebte unter aufwallendem Verlangen.

Er zupfte an ihrem Nachthemd, schob es hoch, bis seine Finger auf das weiche Fleisch ihrer Schenkel trafen. Er liebkoste die zarte Haut und ließ dabei seine Hände immer höher gleiten, bis sie auf den feuchten Beweis ihrer Lust stießen, was seine eigene nur noch mehr steigerte. Seine Finger erreichten ihre empfindsamste Stelle. Sie zuckte zusammen, als er sie dort berührte, aber dann begann sie sich fordernd unter seinen Berührungen zu bewegen, und er streichelte sie weiter.

Verlangen überwältigte ihn. Er wollte sie schmecken, berühren – überall. Er wollte ihre Beine spreizen und dazwischen gleiten, tief in sie eindringen und sie beide zur Erfüllung bringen. Aber noch lieber wollte er diesen Augenblick in die Länge ziehen, ihren Körper erforschen, kosten und so viel Lust wie nur möglich aus dieser Vereinigung ziehen. Er hatte nichts von all dem erwartet, als er ihre Einladung angenommen hatte. Er hatte sie für eine leichtlebige Person gehalten und zunächst gar nicht vorgehabt, überhaupt in ihr Schlafzimmer zu gehen. Nur seine Schlaflosigkeit hatte ihn schließlich doch den Flur hinab zu Joannas Zimmer getrieben. Aber jetzt …

Jetzt, wo er sie berührte, ihren Duft einatmete, ihren Mund mit seinem nahm – da verspürte er nichts von der eher beiläufigen, wohlbekannten Leidenschaft, mit der er gerechnet hatte. Ihr Körper war wie Feuer unter seinem. Ihre Küsse und die Art und Weise, wie sie auf seine Berührung ansprach, die ungekünstelten Seufzer und das leise Stöhnen, all das ergab diese verführerische Mischung aus Leidenschaft und Unschuld, die ihn viel mehr fesselte, als es erfahrenere Zärtlichkeiten vermocht hätten. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal in den Armen einer Frau so rasch so erregt gewesen war, sich so durch und durch lebendig gefühlt hatte.

Sie wand sich unter ihm, während seine Finger ihren Zauber ausübten. Er fühlte sich, als müsste er jeden Augenblick explodieren. Sein Mund verließ den ihren und glitt über ihren Hals zu ihrer bloßen Brust. Seine Lippen strichen über ihren bebenden Busen. Sanft küsste er sie, und ihr Körper bog sich ihm ein Stück entgegen, so als ob sie um seinen Kuss bat. Gehorsam nahm er ihre Brustspitze in seinen heißen, feuchten Mund und begann behutsam daran zu saugen.

Sie stöhnte, und ihre Hüften bewegten sich unter seiner Hand. Plötzlich zuckte sie zusammen, schrie leise auf und schlug die Augen auf, und er erkannte zu seiner großen Befriedigung, dass er sie zum Höhepunkt gebracht hatte. Er hob den Kopf und lächelte sie an. Er sah die Verwirrung in ihren weit aufgerissenen Augen, aus denen sie ihn verständnislos anstarrte. Er sah wie das Entsetzen in ihnen wuchs. Und er sah mit dem Gefühl, als ob er über eine Klippe ins Nichts träte, dass das Mädchen, das unter ihm lag, nicht Joanna Moulton war.

1. KAPITEL

Nie zuvor in ihrem Leben hatte Cassandra derart überwältigendes Wohlbefinden empfunden, weder im Traum noch im Wachen. Gleich nach dem Einschlafen heute Nacht waren diese schweren, sinnlichen und farbenfrohen Träume gekommen. Irgendwie war ihr bewusst gewesen, dass sie träumte, und doch war es ihr unmöglich, aufzuwachen. Sie war durch ihr Haus gewandert – das alte Herrenhaus von Chesilworth, nicht das modernere, aber wesentlich ungemütlichere Haus ihrer Tante – und ihr war angenehm warm und froh zumute gewesen. Ihr Vater war noch am Leben und unten in seiner Bibliothek beschäftigt. Die Wände waren in einem warmen Buttergelb getüncht, und die Strahlen der Sonne malten darauf zarte Muster. Durch die offen stehende Tür konnte sie in eines der Schlafzimmer sehen, in dem auf dem Bett eine rubinrote Samtdecke lag. Kerzen verströmten sanftes Licht, lockten sie. Sie betrat das Zimmer, doch dann war sie auf einmal draußen in einer kühlen, leuchtend grünen Laube. Die Blätter der Hecken waren dunkel und wächsern, glatt unter ihren Fingern. Eine Brise strich über sie, hob ihre Haare und kitzelte sie zärtlich in ihrem Nacken. Sie erbebte vor Wonne. Die Sonne schien warm auf ihre Schultern, der sanfte Luftzug streichelte sie. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl.

Ein Windhauch strich liebkosend über Wangen und Hals. Mit einem Mal bemerkte sie, dass sie keine Kleider mehr trug, aber seltsamerweise schien sie das gar nicht zu stören. Sie liebte es, Sonne und Wind auf ihrer nackten Haut zu spüren. Dann war ein Mann bei ihr. Aber auch das störte sie nicht. Sie kannte ihn, auch wenn sie weder sein Gesicht sehen konnte, noch seinen Namen wusste. Er fasste sie an, und sie schien dahinzuschmelzen. Sie fühlte sich schwach und zittrig, während er sie mit Küssen übersäte. Seine Lippen pressten sich auf ihren Mund, öffneten ihn seiner suchenden Zunge, und sie zuckte unter einer erschütternden, unerwarteten Welle der Lust zusammen. Warme Feuchtigkeit bildete sich zwischen ihren Beinen, und sie presste sie aneinander, in dem Versuch, das schmerzhafte Sehnen zu befriedigen, das dort entstanden war.

Seine Küsse beglückten sie, so wie sie sie verzehrten. Sie klammerte sich in dem Sog der Leidenschaft an ihn. Seine Hände wanderten über ihren Körper nach unten, verschwanden zwischen ihren Beinen, wobei sie immer neue Lustwellen durch sie sandten. Sie stöhnte und bewegte ihre Hüften rastlos gegen seine Hand, suchend, obwohl sie nicht genau wusste, wonach. Dann auf einmal wurde sie von einem so heftigen Wohlgefühl erfasst, wie sie es noch nie erfahren hatte.

Cassandra erbebte und schlug die Augen auf. Sie war wach. Und ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte, beugte sich über sie, starrte ihr ins Gesicht.

Einen Augenblick lang sah sie ihn einfach an, sprachlos vor Verblüffung, ebenso fassungslos wie er. Als ihr benebelter Verstand wieder zu arbeiten begann, überkam sie eisige Furcht. Sie holte Luft, um zu schreien. Er erkannte ihre Absicht und legte ihr hastig seine Hand über den Mund, was sie in noch größere Furcht versetzte. Sie umklammerte sein Handgelenk, versuchte, seine Hand fortzuziehen, und kämpfte gleichzeitig darum, sich aufzusetzen. Er drückte sie kraftvoll in die Kissen zurück, doch sie holte mit ihrer Hand aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Er verzog das Gesicht vor Schmerz und bemühte sich, ihre Arme mit seiner freien Hand festzuhalten, aber sie schlug ihn mit ihrer anderen Hand, trat nach ihm, während sie sich unter ihm hervorzuwinden versuchte. Er warf sein ganzes Gewicht auf sie, sodass sie sich nicht mehr rühren konnte, und spürte jede feste Linie seines Körpers auf sich.

Er war viel kräftiger als sie, Cassandra gab jedoch nicht so leicht auf, und außerdem war sie im Vorteil, weil er ihr mit einer Hand den Mund zuhalten musste, damit sie nicht schrie. Sie ließ einen Hagel von Schlägen über ihn ergehen, traf ihn auf Kopf, Rücken, Hals und Schultern, strampelte mit den Beinen, in dem Versuch, mit einem ihrer Tritte Schaden anzurichten. Es kostete ihn einige Mühe, ihre Beine unter seinen einzuklemmen, während er ihre Handgelenke umklammerte und über ihrem Kopf in die Kissen drückte. Er bedeckte ihren Körper vollkommen mit dem seinen, presste sie mit seinem ganzen Gewicht in die Matratze. Cassandra konnte nicht umhin, seine Stärke, seine Männlichkeit, wahrzunehmen. Diese Stellung jagte ihr Angst ein, aber gleichzeitig war sie sich zu ihrer Verwirrung einer seltsamen erregenden Hitze bewusst, die durch ihre Adern rann und sich in ihrem Unterleib sammelte.

Sie wünschte sich, sie könnte klarer denken. Warum war ihr Kopf nur so bleiern? Und warum hatte ein Mann mit dem Einfluss und dem Reichtum von Sir Philip Neville es nötig, eine Frau bei einer Gesellschaft auf dem Land in ihrem Schlafzimmer zu überfallen?

Er atmete schwer, und Cassandra sah, wie sich Schweißtropfen an seinem Halsansatz bildeten, genau über dem geöffneten Knopf seines Hemdes. Sie zwang sich, wegzusehen und nicht mehr daran zu denken, wie die Ader unter der gebräunten Haut sichtbar bei jedem Schlag seines Herzens pulsierte.

„Schreien Sie nicht!“, flüsterte er dicht vor ihrem Gesicht. „Ich versichere Ihnen, ich will Ihnen nichts tun. Ich lasse Sie los, wenn Sie versprechen, nicht zu schreien.“

Sie sah in aus weit aufgerissenen Augen an und nickte. Er betrachtete sie noch eine Weile zweifelnd, dann zog er vorsichtig seine Hand fort, stückchenweise, immer gewärtig, sie wieder auf ihren Mund zu pressen, sollte sie Anstalten machen, zu schreien. Cassandra sagte nichts, blickte ihn nur unverwandt an.

Er entspannte sich ein wenig. „Ich schwöre, dass ich Ihnen nichts zuleide tun will. Ich werde dieses Zimmer verlassen. Ich werde Ihnen nichts antun. Verstehen Sie?“

„Natürlich verstehe ich das!“, zischte Cassandra halblaut zurück. „Ich bin schließlich kein Schwachkopf.“

Mit einem Stöhnen wälzte er sich zur Seite und setzte sich auf. „Verflucht! Was für ein Durcheinander.“ Er schaute sie stirnrunzelnd an. „Sie sind die Falsche.“

„Das will ich aber auch stark hoffen“, erwiderte Cassandra schneidend, während sie sich aufsetzte. „Oh, mein Kopf! Es fühlt sich an, als ob tausend Hämmer darin pochen.“ Warum war sie nur so erschlagen? Und warum war ihr innerlich so heiß und so seltsam kribbelig?

Sie schaute zu dem Mann, der mit überkreuzten Beinen neben ihr auf dem Bett saß. Sie vermutete, sie sollte verängstigt sein, aber als erst einmal der erste Schrecken vergangen war, als sie den Fremden als Sir Philip Neville erkannt hatte, war ihre Angst Verblüffung und Verwirrung gewichen.

Die in ihr nachhallenden Gefühle aus ihrem Traum beunruhigten sie, und so suchte sie Zuflucht im Sarkasmus. „In das Zimmer welcher jungen Dame planten Sie denn einzubrechen, wenn ich fragen darf?“

„Ich bin nicht eingebrochen“, gab er leicht gekränkt zurück. „Ich bin einer Einladung gefolgt.“

„Gewiss. Das hätte ich mir denken können“, bemerkte Cassandra trocken und hob eine Augenbraue. „Ich bin davon überzeugt, dass Sir Philip Neville eine nicht unerhebliche Anzahl von Einladungen in die Schlafzimmer von Damen erhält.“

Neville blickte sie einen Moment lang ausdruckslos an. „Sie sind eine höchst ungewöhnliche Frau.“

„Das hat man mir schon oft gesagt.“ Cassandra beging nicht den Fehler, seine Worte als Kompliment aufzufassen.

„Ich könnte mir vorstellen, dass in einer Situation wie dieser jede andere junge Dame mehr … außer sich wäre, als Sie es sind.“

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich das wäre?“, entgegnete Cassandra. „Ich vermag nicht zu erkennen, welchen Nutzen Sie davon hätten, wenn ich einen hysterischen Anfall bekäme.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es von Nutzen wäre. Es schiene mir nur … natürlicher.“

„Dann werde ich wohl eine unnatürliche Frau sein. Wenigstens deckt sich das mit dem, was meine Tante und meine Cousine mir ständig sagen. Sie behaupten, das wäre der Grund, warum ich keinen Ehemann gefunden habe. Aber ich neige eher dazu, unsere traurige finanzielle Lage für diesen Umstand verantwortlich zu machen, denn schließlich habe ich wesentlich seltsamere Frauen als mich heiraten sehen, solange sie nur einen reichen Vater hatten. Meinen Sie nicht auch?“

„Ich wage zu sagen, dass Sie damit nicht falschliegen.“ In Sir Philips Miene mischte sich Benommenheit mit Faszination. Er hatte noch nie zuvor eine Frau getroffen, die so freimütig und offen sprach. Tatsächlich war es schon eigenartig genug, mit einer Frau zu reden, ohne dass diese augenblicklich mit ihm zu flirten begann. Er hatte entdecken müssen, dass ein Einkommen von hunderttausend Pfund im Jahr ein wirksames Aphrodisiakum war.

„Um zu unseren augenblicklichen Schwierigkeiten zurückzukehren“, fuhr Cassandra streng fort, „warum sind Sie eigentlich in meinem Zimmer und nicht in dem der Dame, die Sie eingeladen hat?“

Neville verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Ich muss mich verlaufen haben.“ Er drehte sich um, und zündete die Kerze an, die er vorhin auf der Nachtkonsole abgestellt hatte. Dann holte er einen Zettel aus seiner Tasche, entfaltete ihn und las ihn nochmals. „Obwohl ich nicht ganz verstehe, wie. Es steht hier ganz deutlich – die fünfte Tür auf der rechten Seiten von der Treppe aus gesehen. Ist das hier nicht die fünfte Tür?“

Cassandra dachte einen Moment lang nach. „Doch.“ Neugierig kniete sie sich hinter ihn und spähte ihm über die Schulter auf die Nachricht. Sie keuchte auf, als sie die unleserliche, kritzelige Handschrift und die verschlungenen Initialen unten auf dem Blatt erkannte. „Meine Güte, das ist ja Joannas Schrift.“

Neville wandte sich um und starrte sie an, während er geistesabwesend den Zettel zerknüllte. „Verzeihung, Madam. Das ist vertrauliche Korrespondenz.“

„Hm. Ich halte es für weniger vertraulich, wenn man bedenkt, dass Sie sie in meinem Bett sitzend lesen.“

„Es würde den Ruf der Dame rettungslos ruinieren, wenn das hier bekannt würde“, erwiderte er grimmig.

„Im Moment sollten wir uns vielleicht mehr um meinen Ruf sorgen, wo Sie doch in meinem Schlafzimmer sind.“

„Ich gehe davon aus, Madam, dass Sie über ausreichend Verstand verfügen, nicht überall zu verbreiten, dass in Ihrem Zimmer ein Mann war, und da ich nicht Absicht habe, diese Tatsache zu enthüllen, denke ich, wird Ihr Ruf wohl sicher sein.“

„Selbstverständlich bin ich vernünftig genug, darüber Stillschweigen zu bewahren“, erklärte Cassandra, die sich an seiner, wie sie fand, ziemlich übertriebenen Sorge um Joannas Ruf störte. „Diejenige, wegen der Sie sich Gedanken machen müssen, ist Joanna, da sie doch augenscheinlich so strohdumm ist, dass sie Sie zu dem falschen Zimmer schickt.“

Sie beugte sich vor und nahm ihm den zu einem Ball zerknüllten Zettel aus der Hand, strich ihn glatt und hielt ihn ans Licht, um besser lesen zu können. „Ah, ja. Ich sehe schon. Sie schreibt gar nicht ‚fünfte Tür‘, sondern ‚vierte‘. Sehen Sie? Es liegt nur an ihrer schrecklichen Handschrift, und sie hat vier mit ‚f‘ und nicht mit ‚v‘ geschrieben. Ich fürchte, Sie war noch nie eine Leuchte in Rechtschreibung. Ich kann verstehen, wie Ihnen der Fehler unterlaufen konnte – besonders, wenn man bedenkt, dass Ihr Verstand zweifellos von Ihrer … äh Ungeduld getrübt war. Und schließlich verfüge ich über ein wenig mehr Erfahrung im Entziffern ihrer Briefe.“

„Dann ist es wirklich schade, dass ich mich nicht zuerst mit Ihnen besprochen habe“, erklärte Neville in ätzendem Ton, „aber, wissen Sie, zu dem Zeitpunkt war mir nicht klar, dass ich einen Übersetzer brauchen würde.“

„Das ist doch kein Grund, empfindlich zu sein“, stellte Cassandra fest. „Und Sie müssen sich keine Sorgen um Ihren, äh, den Ruf der Dame zu machen. Ich werde gewiss meiner Familie keine Schande machen und herumerzählen, dass Joanna sich mit Männern in ihrem Schlafzimmer verabredet. Sie ist meine Cousine, müssen Sie wissen.“

„Ihre Cousine?“ Neville musterte ihr Gesicht im Kerzenlicht. „Das ist aber seltsam. Ich kann mich nicht entsinnen, Sie mit ihr gesehen zu haben.“

„Das geschieht häufiger.“ Cassandra sagte das beiläufig. Sie war daran gewöhnt, von ihrer schönen, koketten Cousine in den Schatten gestellt zu werden. Joanna zog mit ihrem goldblonden Haar und ihren großen blauen Augen gewöhnlich alle Männerblicke auf sich.

Cassandra dagegen, im reifen Alter von siebenundzwanzig, wusste gut, dass sie eine alte Jungfer war, die noch nie von Männern umschwärmt worden war. Sie hatte während ihrer Saison keinen einzigen Verehrer zu fesseln vermocht, und ihr Vater hatte sich keine zweite Saison für sie leisten können. Sie war ohnehin davon überzeugt, dass auch beliebig viele Saisons ihr keinen Ehekandidaten bescheren würden. Zum einen verstand sie nichts von der feinen Kunst des Flirtens und verspürte auch nicht das geringste Interesse, daran etwas zu ändern. Zum anderen war sie zwar nicht ausgesprochen hässlich, ihren Zügen jedoch fehlte die gleichmäßige Vollkommenheit wahrer Schönheit. Ihre Wangenknochen waren zu hoch, ihr Kinn war zu fest, ihr Mund viel zu breit, um dem gängigen Ideal einer Rosenknospe auch nur nahezukommen. Sogar ihre Augen, die sie für ihren vorteilhaftesten Zug hielt, waren von einem ruhigen Grau anstatt eines seelenvollen Brauns oder leuchtenden Blaus, und sie setzte sie auch nicht geschickt ein, sondern sah alle Welt geradeheraus an, was auf Männer nicht unbedingt anziehend wirkte.

So hatte sie sich also von der vornehmen Welt nach einem Jahr zurückgezogen, nicht allzu enttäuscht über ihren Misserfolg. Sie hatte die Saison aus Pflichtbewusstsein ihrer Familie gegenüber mitgemacht, denn sie brauchten, wie immer, verzweifelt Geld. Sie war bereit gewesen, die Zähne zusammenzubeißen und Ja zu sagen, wenn ein passender Mann um ihre Hand angehalten hätte. Aber sie hatte während ihres Debüts keinen Mann getroffen, den sie etwas anderes als langweilig hätte nennen können, sodass sie, ehrlich gesagt, mehr als froh war, unverlobt und ohne Aussicht, es jemals zu sein, an den Busen ihrer Familie nach Chesilworth zurückzukehren. Erleichtert hatte sie ihre alten Kleider angelegt, ihr Haar zu dem gewohnten Knoten aufgesteckt und sich wieder der Führung des väterlichen Haushaltes angenommen, der sich nach ihrer Abwesenheit in einem bedauerlichen Zustand befand. Es erfüllte sie mit Zufriedenheit, ihre jüngeren Geschwister aufzuziehen oder mit ihrem Vater anregende Gespräche zu führen, und sollte etwas in ihrem Leben fehlen – außer Geld – so vermisste sie es nicht, oder untersagte es sich. Bei Gesellschaften setzte sie sich lieber zu den Matronen, die den Possen der Jugend mit wachsamem Auge zusahen, als zu den kichernden jungen Mädchen, deren Gespräche sie belanglos fand. In den letzten Jahren war sie sogar dazu übergegangen, ein Häubchen zu tragen, als Ausdruck ihres Status als alte Jungfer. Es passte ihr recht gut, dass Männerblicke gleichgültig über sie hinwegglitten. Schließlich war es wesentlich zermürbender, inhaltslose Konversation zu machen.

Dennoch … sie konnte das Gefühl von Verletztheit nicht ganz unterdrücken, das sie bei dem Gedanken verspürte, dass Sir Philip sie noch nicht einmal bemerkt hatte, als er keinen Meter von ihr entfernt gestanden und sich mit Tante Ardis und Joanna unterhalten hatte.

„Sie waren anderweitig beschäftigt“, erwiderte sie leicht gekränkt.

„Vermutlich.“ Er wandte sich um und musterte sie. Es war ihm ein Rätsel, wie er dieses Geschöpf mit den riesigen Augen und dem wallenden, glänzenden Haar und … äh, anderen hervorstechenden Eigenschaften hatte übersehen können. Sein Blick fiel auf ihren Oberkörper, wo ihr immer noch offenes Nachthemd über ihre Schulter und den Arm hinab geglitten war und dabei eine hoch angesetzte, feste weiße Brust mit einer zartrosa Spitze enthüllt hatte. Selbst wenn sie angezogen und ihr Haar ordentlich aufgesteckt gewesen war, wie hatte er sie nur übersehen können?

Cassandra folgte der Richtung seines Blickes, sah an sich hinab und bemerkte entsetzt, dass ihre Brust entblößt war. Sie wurde über und über rot, zog sich ihr Nachthemd wieder über die Schulter und begann es zuzubinden, wobei sie es vermied, ihn anzusehen. Das hier war das Schlimmste, was ihr jemals zugestoßen war! Wie konnte sie ihm je wieder in die Augen schauen? Außer dem, was der Ausschnitt eines Abendkleides unbedeckt ließ, hatte noch kein Mann ihren Körper gesehen – und jetzt hatte dieser Mann, dieser Fremde betrachtet, was nur für ihren Ehemann bestimmt gewesen war. Viel schlimmer – warum war ihr Nachthemd überhaupt halb aufgeknöpft? Sie musste an die wilden, wirbelnden Gefühle aus ihrem Traum denken, die seltsame Hitze in ihrem Bauch. Was war geschehen? War es gar nicht ihr Traumliebhaber gewesen, sondern ein echter Mann, der sie wirklich berührte? War dieser Mann da für das ungezügelte Lustgefühl verantwortlich, das sie letztendlich geweckt hatte?

Sie sah zu ihm hoch, immer noch rot. Es war ihr peinlich, aber Cassandra Verrere war niemand, der vor der Wahrheit zurückschreckte. „Was ist geschehen? Hier, heute Nacht, meine ich. Ich … ich fühle mich so merkwürdig. Ich habe geträumt, nun, seltsame Dinge, dass ich … War das wirklich? Was haben Sie getan – und was habe ich getan?“

Sir Philip zögerte, dann beugte er sich vor und nahm sanft ihre Hand. „Sie haben nichts getan, das versichere ich Ihnen. Ich bin in Ihr Zimmer gekommen, in dem Glauben, Sie wären eine andere. Sie befanden sich in einem aufregenden Traum. Ich … Sie haben sich umher geworfen. Davon ausgehend, dass Sie Joanna wären, ging ich zu Ihnen und umfasste ihre Arme. Ich versuchte, Sie aufzuwecken, aber Sie schliefen zu fest. Ich … habe Sie geküsst. Und dann sind Sie aufgewacht. Da habe ich gemerkt, dass Sie nicht Miss Moulton sind.“

„Und das ist alles?“

Seine Augenbrauen hoben sich. „Ja, selbstverständlich. Was sonst könnte da noch gewesen sein?“

Cassandra seufzte erleichtert auf. „Nichts. Es war nur sonderbar. Es fühlte sich an, als ob ich halb wach war, aber nicht richtig aufwachen konnte.“

„Zweifellos war es für Sie ein anstrengender Tag.“

„Hm.“ Cassandra wusste nur zu gut, dass er keineswegs körperlich anstrengend gewesen war. Aber die Geselligkeit, die eine so große Anzahl von Gästen mit sich brachte, war reichlich ermüdend. Trotzdem … „Ich denke, es wäre besser, wenn Sie jetzt gingen.“

„Ja. Sie haben recht.“ Er erhob sich und ging zur Tür. Cassandra folgte ihm. Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. „Danke.“

„Bitte sehr“, erwiderte sie unwillkürlich, dann fügte sie hinzu: „Wofür eigentlich?“

„Dafür, dass Sie eine so besonnene, vernünftige junge Frau sind. Es gibt gewiss nicht viele, die so wie Sie reagiert hätten.“

„Oh.“ Sie nickte und sagte sachlich: „Ich fürchte, ich bin nicht sonderlich empfindsam.“

Er griff nach der Türklinke, aber Cassandra hielt ihn zurück. „Nein. Sie sollten mich zuerst überprüfen lassen, ob jemand auf dem Flur ist.“

„Natürlich.“ Er nickte und trat zurück.

Cassandra öffnete die Tür einen Spalt und spähte hinaus. Sie keuchte auf und fuhr zurück, schloss hastig die Tür. Aus weit aufgerissenen Augen sah sie Sir Philip an.

„Was ist denn?“ Er machte Anstalten, zur Tür zu gehen, aber sie hob abwehrend die Hand.

„Nicht“, warnte sie. „Psst. Meine Tante!“

Ohne nachzudenken griff sie hinter sich und drehte den Schlüssel im Schloss um. Das Letzte, was sie wollte, war, dass Tante Ardis in ihr Zimmer platzte.

„Was tut sie hier?“, flüsterte er.

„Keine Ahnung. Könnte sie Sie dabei beobachtet haben, wie Sie in mein Zimmer gegangen sind? Wenn sie klopft, werden Sie sich verstecken müssen.“ Sie blickte nachdenklich zum Fenster. „Ich frage mich, ob Sie nicht aus dem Fenster klettern könnten.“

„Wir befinden uns im zweiten Stock“, erinnerte er sie.

„Es könnte doch ein Spalier da sein oder ein Baum.“

Er hob spöttisch eine Augenbraue. „Sie scheinen mir mit einer Notlage wie dieser verdächtig vertraut.“

„Jetzt machen Sie sich aber nicht lächerlich.“

Ihre Diskussion wurde in genau dem Moment von einem lauten Klopfen unterbrochen, indes nicht an Cassandras Tür, sondern an der danebenliegenden. Dennoch fuhr Cassandra erschreckt zusammen, entspannte sich jedoch gleich darauf wieder. „Gott sei Dank. Sie will in Joannas Zimmer.“

„Joanna!“, rief Tante Ardis mit durchdringender Stimme. „Öffne die Tür. Hier ist deine Mutter! Öffne die Tür augenblicklich, hörst du!“

„Hat Ihre Tante es sich zur Gewohnheit gemacht, andere Leute zu nächtlicher Stunde auf diese Art und Weise aufzuwecken?“

Cassandra schüttelte verwirrt den Kopf. „Nein. Ich verstehe auch nicht, was über sie gekommen ist. Sie geht gewöhnlich gegen zehn Uhr zu Bett.“

„Joanna!“

Cassandra drehte entschlossen den Schlüssel um und öffnete ihre Tür einen Spalt, um zu ihrer Tante hinaus zu spähen. Tante Ardis war eine große Frau mit einem gewaltigen Busen, der sich wie der Bug eines Schiffes vor ihr wölbte, wenn sie ein Korsett trug. Das tat er auch jetzt, trotz der Tatsache, dass sie mit einem roten Morgenrock bekleidet war und ihre Füße in Hausschuhen steckten. Sie bemerkte auch, dass das Haar ihrer Tante immer noch aufgesteckt war, anstatt offen über ihrem Rücken zu hängen. Cassandra runzelte die Stirn und fragte sich, was geschehen sein konnte, dass ihre Tante in dieser Aufmachung hier erschien.

„Joanna! Mach auf, sage ich. Wer ist da bei dir? Ich habe Stimmen gehört.“

„Stimmen!“, wiederholte Cassandra flüsternd und blickte hinter sich zu Sir Philip. „Oh, Himmel, glauben Sie, sie könnte uns gehört haben?“

Neville schüttelte den Kopf. Cassandra musste zugeben, dass das unwahrscheinlich war, bedachte man, dass das Zimmer ihrer Tante auf der anderen Seite neben Joannas lag.

In dem Augenblick wurde Joannas Tür aufgerissen. „Psst! Es ist zu früh! Er ist doch noch gar nicht hier!“, hörte man Cassandras Cousine zischen.

Tante Ardis stand mit offenem Mund da und starrte ihre Tochter entsetzt an. Den ganzen Flur entlang wurden Türen geöffnet und Köpfe herausgestreckt, die Gesichter der so gestörten Hausgäste wiesen die ganze Palette von verschlafen über erstaunt bis neugierig auf.

„Was geht hier vor?“, erkundigte sich Colonel Rivingston mit lauter Stimme, der in dem Raum gegenüber von Joannas untergebracht war. „Was soll die ganze Aufregung?“

„Äh.“ Tante Ardis klappte ihren Mund auf und zu, wie ein Fisch der auf dem Trockenen gelandet war.

„Es tut mir so leid“, schaltete sich Joanna mit einem reizenden Lächeln ein. „Bitte verzeihen Sie meiner Mutter. Sie hat sich bloß, äh … bloß um mich …“

„Gesorgt!“ Tante Ardis hatte die Sprache wieder gefunden. „So war es. Ich habe mich um sie gesorgt. Ich hörte Joanna im Schlaf rufen. Sie muss schlecht geträumt haben.“

„Ja, genau“, stimmte Joanna hastig zu. „Ein Albtraum. Ich hatte einen Albtraum.“

Cassandra schloss ihre Tür behutsam und wandte sich verwirrt zu Sir Philip um. „Wie seltsam. Warum haben sie …“ Sie brach ab, als sie seine angewiderte Miene bemerkte. „Was ist denn?“

„Ich begreife jetzt.“ Seine Worte klangen hart, sein Mund war zu einer verächtlichen Linie zusammengepresst. „Es hat mich erstaunt, als sich Miss Moulton mir heute Nachmittag praktisch an den Hals geworfen hat. Vorher hatte sie sich wie die übliche, geziert flirtende Jungfrau benommen, und dann verwandelte sie sich mit einem Mal in eine tollkühne Frau von Welt.“ Er entsann sich wieder seiner Verwunderung, als sie ihn an diesem Nachmittag im Wintergarten dreimal „versehentlich“ gestreift, ihm verführerische Blicke zugeworfen hatte und des langen, viel versprechenden Kusses hinter der Palme, während sie ihm das Briefchen zusteckte.

„Ich verstehe nicht. Wovon sprechen Sie?“

„Von dem Plan Ihrer Cousine und Ihrer Tante. Sie schrieb mir, dass ich heute Nacht um Mitternacht in ihr Zimmer kommen sollte. Sie erweckte bewusst in mir den Eindruck, dass auch vollkommen unehrenhafte Aufmerksamkeiten überaus willkommen wären. Und ihre Mutter hatte die Anweisung, nachdem ich das Zimmer betreten hatte, mit ihrem Geschrei die anderen Gäste zu wecken.“

Cassandra starrte ihn an. „Sie meinen, sie hat Sie in ihr Zimmer gelockt, damit ihre Mutter Sie beide in einer kompromittierenden Situation erwischt? Aber warum? Warum sollte sie ihren Ruf ruinieren wollen?“

Ein kleines Lächeln umspielte Nevilles Lippen. Ihr Unvermögen, den Plan zu durchschauen, den ihre Verwandten ersonnen hatten, sprach Bände von der ihr eigenen Ehrenhaftigkeit. „Mein liebes Mädchen, ich denke, ihr zerstörter Ruf war ihr egal, solange sie dadurch nur Reichtum und einen alten Namen gewönne. Ihr Ruf wäre ohnehin nicht in Gefahr gewesen, da unverzüglich ihre Verlobung mit mir bekannt gegeben worden wäre.“

Cassandra schnappte nach Luft. „Sie wollen sagen … sie wollten Sie dazu zwingen, Joanna zu heiraten? Das kann ich nicht glauben!“ Aber sie konnte es doch; es bedurfte nur einiger kurzer Überlegungen, sie zu überzeugen. Warum sonst hätte ihre Tante so laut an Joannas Tür geklopft, außer um interessierte Zeugen herbeizulocken? Warum sonst sollte ihre Tante, die sonst früh zu Bett ging, um Mitternacht noch auf sein – und immer noch ihr Korsett angehabt und die Haare aufgesteckt haben? Sie wusste, dass man sie sehen würde, und hatte es nicht über sich gebracht, sich wirklich für die Nacht zurechtzumachen.

„Darum war ich auch so benommen …“, überlegte Cassandra laut. „Tante Ardis muss heute Abend Laudanum in meine Milch getan haben. Ich hätte es mir denken können, dass sie etwas im Schilde führte, als sie mit dem Glas warmer Milch hier auftauchte. Sie weiß, wie leicht mein Schlaf ist und wie schwer es mir oft fällt, einzuschlafen. Sie wollte sichergehen, dass ich wirklich tief schlief, sodass ich nicht die Ursache verdächtiger Geräusche erforschen konnte – zum Beispiel das leise Schließen einer Tür.“

„Da haben Sie zweifellos recht. Es ist nur mein Glück, dass Miss Moultons Handschrift so unleserlich ist, oder Sie hätten mich als Verwandten aufgenötigt bekommen.“

„Oh.“ Cassandra legte beide Hände an ihre brennenden Wangen. Sie wusste nicht genau, ob Scham oder Wut in ihr überwogen. Wie hatten ihre Tante und Cousine sich nur schändlich aufführen können? Irgendwie erweckte die Vorstellung, wie Joanna versuchte, diesen Mann hier zur Ehe zu zwingen, in Cassandra den Wunsch, ihre Cousine zu ohrfeigen. „Ich schäme mich so. Sir Philip, ich entschuldige mich hiermit für meine Familie. Ich begreife nicht, wie sie auf so eine Idee verfallen konnten.“

„Ich habe entdeckt, dass die Aussicht auf Reichtum die meisten Menschen zu dem verrücktesten Handeln veranlasst.“

„Das ist keine Entschuldigung für … für einen solchen Mangel an Prinzipien. Es tut mir leid, schrecklich leid.“ Ihre Augen glänzten vor Tränen der Wut und Scham. „Sie müssen uns für abscheulich halten.“

Er lächelte sie an, nahm ihre Hand, beugte sich galant darüber und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. „Meine liebe Dame, ich halte sie keineswegs für abscheulich. Tatsächlich geben Sie mir beinahe den Glauben an die Menschheit wieder.“

Die Berührung seiner Lippen auf ihrer Haut sandte einen ungewohnten Schauer über Cassandras Rücken, erinnerte sie erneut an das Herzklopfen, die Erregung, mit der sie erwacht war. Dieses merkwürdig schmelzende Gefühl in ihrem Bauch war immer noch nicht ganz vergangen. Sie schluckte und wandte sich ab.

„Ich … äh, ich werde mal nachsehen, ob alle wieder in ihren Zimmern sind.“ Sie öffnete die Tür ein Stück und spähte hinaus. Als sie niemanden sah, streckte sie ihren Kopf hinaus und sah den Flur hinab.

Sie drehte sich zu Sir Philip um. „Da ist niemand mehr.“

Er nickte. „Dann sollte ich besser gehen.“ Er lächelte und verbeugte sich noch einmal. „Danke für den überaus interessanten Abend, Miss Moulton.“

„Oh, ich bin …“ Cassandra brach ab. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, ihn darüber aufzuklären, dass Ihr Name nicht Moulton war. „Es tut mir leid, was meine Tante und meine Cousine getan haben.“

„Und ich entschuldige mich für mein … äußerst unritterliches Benehmen.“

Cassandra fühlte, wie ihr wieder die Röte in die Wangen stieg. Sie wandte sich ab und sah noch einmal in den Flur, trat dann beiseite, um Sir Philip vorbeizulassen. Sie schloss die Tür hinter ihm und wartete ein paar angespannte Augenblicke auf den Klang von Stimmen, ein Zeichen dafür, dass man ihn gesehen hatte. Nichts. Sie riskierte noch einmal einen Blick auf den Flur und stellte fest, dass er leer war. Sir Philip war fort.

Sie drückte die Tür ins Schloss und ließ sich seufzend dagegen sinken. Oh Gott! Warum hatte das nur geschehen müssen? Ausgerechnet heute Nacht und ausgerechnet mit Sir Philip Neville.

Cassandra ging zu ihrem Bett und setzte sich. Sie hatte so sorgfältig ihren Plan geschmiedet, ihre Tante mit List und Tücke dazu gebracht, sie zu der Hausgesellschaft mitzunehmen, nachdem sie erfahren hatte, dass Sir Philip Neville unter den Gästen sein würde. Es hatte nur mehrerer sorgsam platzierter Hinweise auf die Unbequemlichkeit, die die Beaufsichtigung eines so lebhaften jungen Mädchens wie Joanna bei den verschiedenen anstrengenden, bei Hausgesellschaften üblichen Unternehmungen mit sich brächte, bedurft, bis die Trägheit ihrer Tante Oberhand gewonnen und zu dem gewünschten Ergebnis geführt hatte. Dann hatte sich Cassandra nur noch überreden lassen müssen, Tante und Cousine zu begleiten, um für Joanna die Anstandsdame zu spielen, wann immer diese Pflicht ihrer Tante zu viel würde.

Es war eine ausgezeichnete Vorstellung von mir, dachte sie nicht ohne einen gewissen Stolz. Besonders, wenn man berücksichtigte, wie sehr es ihrer offenen Wesensart zuwiderlief, sich zu verstellen. Und jetzt waren all ihre Mühen vermutlich vergebens gewesen. Wie konnte sie Sir Philip jemals wieder gegenübertreten, wo sie wusste, was Joanna versucht hatte, ihm anzutun? Und sich selber nur zu gut daran erinnerte, in was für einer intimen Situation Sir Philip und sie selbst sich getroffen hatten.

Hitze breitete sich in ihr bei dem bloßen Gedanken an die Sachen, die sie geträumt hatte, aus – die tiefen, leidenschaftlichen Küsse, die sinnlichen Liebkosungen. War all das wirklich geschehen? War es ihrem betäubten Verstand nur wie ein Traum erschienen? Sie schüttelte verzweifelt den Kopf, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Sie würde es nicht überleben, wenn sie sich in Sir Philips Armen wirklich so wie in ihrem Traum gewunden und gestöhnt hatte. Er hatte ihr versichert, dass nichts geschehen war, aber vielleicht war er nur ritterlich gewesen.

Sie ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen, während sie sich unwillkürlich über ihren Körper strich, als sie sich an die pulsierende Hitze erinnerte, die sie in ihrem Traum überwältigt hatte … die heftige Explosion von Lust, die sie schließlich aus ihrem Schlaf gerissen hatte. Was war das gewesen? Dieser Gefühlsaufruhr, der sie schwach und mit einem sanften Pochen zwischen den Beinen zurückgelassen hatte? Nichts, was sie in ihrem bisherigen Leben empfunden hatte, kam diesem Gefühl auch nur nahe.

War sie eine wollüstige Frau? Die Vorstellung erschien ihr lächerlich. Sie hatte nicht oft mit Männern zu tun. Sie wusste nicht, wie sie mit ihnen reden sollte. Die Geradlinigkeit, mit der sie immer zu ihrem Vater gesprochen hatte, schien junge Männer hastig das Weite suchen zu lassen. Tante Ardis hatte ihr erklärt, dass junge Mädchen sich nicht über solche langweiligen Themen wie Geschichte oder Politik unterhielten und noch viel weniger ihre – noch dazu allzu oft äußerst radikalen – Ansichten dazu zum Besten gaben. Von jungen Damen, so hatte Tante Ardis ihr auseinandergesetzt, erwartete man, dass sie kicherten oder flirteten, ihr Gesicht hinter ihrem Fächer verbargen und ihre Augen sprechen ließen. Cassandra war das äußerst idiotisch vorgekommen, und es fiel ihr schwer sich vorzustellen, wie ein Mann wissen konnte, ob er eine Frau liebte oder es sogar aushalten würde, mit ihr verheiratet zu sein, wenn er nur ihr Gekicher kannte und nie mehr als Belanglosigkeiten mit ihr ausgetauscht hatte.

Natürlich hatte sie keinen Verehrer gehabt, wohingegen die flirtende Joanna, die noch nie in ihrem Leben ein vernünftiges Wort von sich gegeben hatte, bei jedem gesellschaftlichen Anlass von ihnen umschwärmt wurde. Das bewies vermutlich die Richtigkeit von Tante Ardis’ Rat. Cassandra hatte entdeckt, dass sie weder romantisch genug veranlagt war, noch genug Interesse an Männern hatte, den Dummkopf zu spielen, nur um sich einen zu angeln. Wenn Tante Ardis recht hat, dachte Cassandra, dann sind die meisten Männer zu große Narren, als dass ich mit einem von ihnen mein Leben teilen möchte. Angesichts eines so unromantischen, praktischen Wesens fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, dass sie auch nur einen Hauch Wollüstigkeit besaß. Sollte es dennoch so sein, dann war der Traum von vorhin das erste Anzeichen dafür, das sie an sich hatte entdecken können.

Alles Unsinn, sagte sie sich und setzte sich auf. Sir Philip hatte nicht versucht, sie zu beschützen, als er ihr versichert hatte, nichts wäre geschehen. Er hatte lediglich die Wahrheit gesagt. Vollkommen verrückt, etwas anderes zu denken. Gewiss hatte er nichts anderes getan, als in ihr Bett zu kommen, davon ausgehend, dass sie Joanna war. Dann hatte er ihr Gesicht gesehen und bemerkt, dass sie es nicht war. Er würde sie nicht minutenlang geküsst und liebkost haben, bevor ihm auffiel, dass er sie gar nicht kannte.

Cassandra seufzte erleichtert auf. Ihre Fantasie war mit ihr durchgegangen. Die seltsamen Empfindungen gehörten zweifelsohne zu dem seltsamen Traum, den sie dem Laudanum ihrer Tante zuschrieb. Daher alleine rührten diese Gefühle – sie waren nicht wirklich gewesen, sondern hatten nur in ihrem Kopf existiert.

Sir Philip würde nicht annehmen, dass sie wollüstig war. Ganz im Gegenteil, er hatte gesagt, dass er ihre Aufrichtigkeit schätzte. Sie hatte keinen Grund, seine Gesellschaft zu meiden. Und es gab nichts daran zu rütteln, dass sie ihn sprechen musste. Die Zukunft ihrer ganzen Familie hing davon ab, dass er ihrem Plan zustimmte. Das Benehmen ihrer Cousine war höchst ärgerlich und peinlich, gewiss, aber Cassandra sagte sich, dass sie darüber hinwegsehen müsse. Sie hatte an ihre Brüder und deren Zukunft zu denken. Es war unabdingbar, an das Erbe ihrer Familie zu kommen, und nur Sir Philip konnte ihr dabei behilflich sein. Sie durfte sich nicht von ein paar Gewissensbissen von ihrem Plan abbringen lassen. Sie musste morgen mit Sir Philip reden.

Cassandra nickte entschieden, bekräftigend, als ob sie mit jemand anderem eine Auseinandersetzung darüber geführt hätte. Dann glitt sie unter ihre Decken, blies die Kerze aus. Sie fühlte sich wieder mehr wie sie selbst. Und morgen würde sie ihren Plan weiterverfolgen.

2. KAPITEL

Sir Philip Neville schlenderte durch den von der Morgensonne beschienenen Rosengarten, ohne dem süßen Duft oder den schweren, farbenprächtigen Blüten weiter Beachtung zu schenken. Seine Gedanken kreisten um die junge Frau, die er letzte Nacht auf so außergewöhnliche Art und Weise kennengelernt hatte. Er hatte heute früh viel an sie denken müssen – in der Tat auch den größeren Teil der vergangenen Nacht, nachdem er sich in sein Zimmer zurückgestohlen hatte. Kaum zu glauben, dass sie mit den intriganten Moultons verwandt war!

Er fiel ihm schwer, irgendwelche Ähnlichkeiten in den Zügen der Cousinen zu erkennen. Andere würden wahrscheinlich sagen, dass Joanna die Hübschere wäre; ehrlicherweise musste er einräumen, dass er ihnen vor letzter Nacht vermutlich zugestimmt hätte. Joannas leuchtend blaue Augen und ihr rosiger Schmollmund entsprachen viel eher dem gängigen Schönheitsideal als die ausdrucksvollen grauen Augen und der großzügig geschnittene Mund ihrer Cousine. Aber wenn er an den sahnigen Teint und die energische Linie ihrer Wangen und ihres Kinns dachte, dann verschwammen Joannas lieblichere Züge vor seinem geistigen Auge. Und diese glänzende Masse blassgoldener Haare – wie hatte er diese Haare nur übersehen können?

Diese Frage hatte ihn stundenlang beschäftigt. Er weigerte sich zu glauben, von Joannas Schönheit so geblendet gewesen zu sein, dass er für alles andere taub und blind gewesen wäre. Joanna war ein hübscher kleiner Wildfang, sicher, und ihre unverschämten Blicke und ihr verheißungsvolles Lächeln hatten seine Lust geweckt, aber sie hatte ihm nicht den Kopf verdreht. Trotz ihrer unverblümten Einladung hatte er ursprünglich nicht vorgehabt, sie aufzusuchen. Er fand ihr Geschwätz langweilig, genau wie das der allermeisten Frauen, besonders das der jungen Damen der Gesellschaft, die ihm in der Hoffnung auf eine Ehe nachstellten. Und er war nicht davon überzeugt gewesen, dass die kurze Lust, die ihm ihr Körper schenken würde, die Mühe wert gewesen wäre, ihr die süßen Versprechungen zu machen, die sie erwartete, und noch viel weniger, sich ihr endloses Geplapper anhören zu müssen über ihre Frisur oder Kleider oder was für Belanglosigkeiten ihr sonst noch in den Sinn kamen.

Gott sei Dank war er dennoch gegangen, andernfalls hätte er nicht die Bekanntschaft der anderen Miss Moulton gemacht. Ihre Cousine fand er weitaus interessanter als die reizende Joanna. Er rief sich noch einmal den Moment ins Gedächtnis zurück, als ihre Gastgeberin ihn Mrs. Moulton und ihrer Tochter vorgestellt hatte. Er entsann sich vage einer anderen Frau, etwas abseits von Joanna und ihrer Mutter stehend. Ihm war der flüchtige Eindruck einer Frau mittleren Alters geblieben, die leicht von ihm abgewandt aus dem Fenster geschaut hatte. Das konnte doch nicht Joannas Cousine gewesen sein!

Er versuchte sich zu erinnern, warum er den Eindruck gehabt hatte, dass sie keine junge Frau war. Ihre Kleider waren schlicht und dunkel gewesen, und er meinte sich zu entsinnen, dass sie so ein scheußliches Häubchen auf dem Kopf gehabt hatte. Ja, genau! Ihre hoch gewachsene, schlanke Figur war in dunkle Kleider gehüllt gewesen, die durch nichts auffielen als ihren Mangel an modischem Schick, und ihre wundervollen Haare mussten von der altjüngferlichen Haube verdeckt gewesen sein. Er fragte sich, warum sie ihren größten Vorzug so versteckt hatte. Seine Schwester, das wusste er, würde alles darum geben, so dichtes blassblondes Haar ihr Eigen zu nennen.

Sir Philip konnte beinahe die seidige Weichheit ihres Haares spüren, wie es durch seine Finger glitt, und unterdrückte ein Stöhnen. Er erinnerte sich an den Geschmack ihres Mundes, an ihre zarte Haut unter seinen streichelnden Händen, an die Lust, die er ihr bereitet hatte. Philip lächelte. Das war eine Frau, die wahrhaft und ohne Verstellung Lust aus seinen Händen erfahren hatte, da war er sich sicher.

Gewiss, andere Frauen hatten gelächelt und gestöhnt und sich unter seinen Küssen und Zärtlichkeiten gewunden, scheinbar in Leidenschaft entbrannt. Aber bei seinen Mätressen war er nie ganz davon überzeugt gewesen, dass ihr Verlangen und ihre Erfüllung echt waren, und nicht nur vorgetäuscht, um ihm zu schmeicheln, damit er sie weiter aushielt.

Sir Philip war in jungen Jahren in den Besitz von viel Geld gekommen, als er von seinem Großvater mütterlicherseits ein beachtliches Vermögen geerbt hatte. Der Tod seines Vaters ein paar Jahre später hatte seinen Reichtum noch vermehrt. Wenn sein Titel auch nur der eines Baronets war, konnten die Nevilles doch auf einen der ältesten und blaublütigsten Stammbäume mit unzähligen Verbindungen zu Dukes, Earls und Viscounts verweisen. Die Kombination von großem Reichtum und einem angesehenen Namen hatten ihn schon früh zu einem begehrten Junggesellen gemacht – von adeligen Mamas, die auf der Suche nach einem Ehemann für ihre Töchter waren, über gewöhnliche Damen der Nacht bis zu eleganten Schauspielerinnen oder Balletttänzerinnen, die bereit waren, ohne Aussicht auf eine Ehe in sein Bett zu kommen, waren alle hinter ihm her gewesen. Er hatte gelernt, seine Anziehungskraft auf sie zynisch zu betrachten, noch bevor er zwanzig geworden war.

Im Allgemeinen zog Sir Philip die ehrlicheren Geschäftsvereinbarungen mit einer ausgehaltenen Mätresse dem gezierten Flirten der wohlerzogenen jungen Mädchen vor, die alle miteinander genauso mit ihren Wimpern geklimpert und ihm zugelächelt und an seinen Lippen gehangen haben würden, wenn er ein schielender, stotternder Narr gewesen wäre, solange ihnen nur der Name Neville und das dazugehörige Vermögen als Preis gewinkt hätte.

Doch sogar bei seinen eleganten Mätressen war ihm stets bewusst gewesen, dass sie sich ihren Lebensunterhalt verdienten, indem sie ihm zu Gefallen waren, weshalb er ihren Liebeserklärungen keinen Glauben hatte schenken können.

Aber letzte Nacht war nichts vorgetäuscht oder gekünstelt gewesen. Die junge Frau hatte unbewusst auf seine Zärtlichkeit reagiert, unwillkürlich und ohne Verstellung. Eine so aufrichtig empfundene Leidenschaft schien ihm überaus anziehend. In der Tat erregte ihn auch jetzt der bloße Gedanke daran.

Er blieb stehen und sah sich zum Haus um, in der Hoffnung, dort irgendwo Miss Moulton zu entdecken. Wie er schon den ganzen Morgen lang Ausschau nach ihr gehalten hatte. Er wollte wieder mit ihr reden, ihre warme, angenehme Stimme hören, frei von jenem affektierten Gehabe, für das die meisten jungen Mädchen seiner Bekanntschaft so anfällig waren. Er wollte sie im hellen Tageslicht betrachten, sich vergewissern, dass ihre Haut wirklich so cremig und ihre Augen so leuchtend waren, wie sie ihm letzte Nacht erschienen waren. Bisher allerdings hatte sich die junge Dame zu seiner Enttäuschung nicht blicken lassen.

Er fragte sich, ob sie einfach eine Langschläferin war oder ob er sie nicht besser im Haus suchen gehen sollte. Es wäre immerhin möglich, dass sie eines jener zarten Geschöpfe war, die sich niemals an die frische Luft wagten.

Während er noch dastand und die Terrasse mit den Augen absuchte, hörte er auf dem kiesbestreuten Weg hinter sich Schritte und eine Frauenstimme, die sagte: „Ah! Sir Philip. So treffen wir uns wieder.“

Es war ihre Stimme. Er drehte sich rasch zu ihr um. Sie war hoch gewachsen und hielt sich aufrecht, ohne sich der Tatsache bewusst zu sein oder darum zu kümmern, dass sie die meisten Männer überragte. Sie besaß eine schlanke Gestalt mit hoch angesetzten, verlockend vollen Brüste, doch leider war sie in ein Kleid aus braunem Bombassin gehüllt, das man eher an einer Gouvernante als an Ardis Moultons Nichte erwartet hätte. Ihr Haar war unter einem Strohhut verborgen, dessen breite Krempe ihr Gesicht in Schatten hüllte.

Er machte einen Schritt nach vorne, seine Lippen zu einem erfreuten Lächeln verzogen. Er sah sie an, bemerkte den großzügig geschwungenen Mund, die ausdrucksvollen, klugen grauen Augen unter zart gebogenen dunklen Brauen. Ihre Gesichtszüge waren zu ausgeprägt, um sie als echte Schönheit gelten zu lassen, aber ihm schien sie unwahrscheinlich anziehend. Ein Gesicht wie das ihre vergaß man nicht so leicht, und er erkannte schuldbewusst, dass er sie gestern tatsächlich nicht wirklich angeschaut hatte, denn dieses Gesicht hätte er nicht vergessen. Er wünschte, dass sie nicht diesen Hut aufhätte, sodass er ihr Haar im Sonnenlicht sehen könnte. Es juckte ihn in den Fingern, ihn ihr abzunehmen.

„Miss Moulton, was für eine freudige Überraschung. Ich fürchte mein Morgenspaziergang ist gewöhnlich eine langweilige Angelegenheit, aber Sie werden ihn sicher durch Ihre Anwesenheit beleben. Wollen Sie ein Stück mit mir gehen …?“ Er bot ihr den Arm.

Cassandra nahm ihn mit einem Lächeln. Sie hoffte bloß, dass ihre geröteten Wangen sie nicht verrieten. Sie hatte Sir Philip erst vor ein paar Minuten im Garten erspäht, wo sie hin und her gegangen war, um all ihren Mut zusammenzunehmen und ihn anzusprechen. Als sie sich ihm dann schließlich genähert und er sich zu ihr umgedreht und sie angelächelt hatte, da hatte ihr Herz einen höchst ungewohnten Satz gemacht, und ihr war plötzlich die Luft weggeblieben. Sie hatte noch nie zuvor so etwas in Gegenwart eines Mannes empfunden, genauso wenig wie sie je das dümmliche Bedürfnis verspürt hatte, einen Mann grundlos anzugrinsen, was sie, wie sie fürchtete, gerade tat. Es lag gewiss daran, dass sie so lange gezögert hatte, ihn anzusprechen.

Sie bemühte sich, nicht weiter zu beachten, wie heftig ihr Herz in ihrer Brust pochte, während sie unter einem weinberankten Bogen hindurch aus dem Rosengarten in den Park gingen. „Mein Name ist nicht Moulton“, begann sie.

„Ich bitte um Verzeihung. Ich hatte gedacht, da der Name ihrer Tante Moulton ist …“

„Selbstverständlich. Nur ist sie die Frau des Bruders meiner Mutter.“

„Verstehe. Dann sind Sie mir gegenüber im Vorteil, fürchte ich. Wie lautet Ihr Name?“

Ihr Mut ließ sie im letzten Moment im Stich und so antwortete sie bloß: „Cassandra.“

„Cassandra!“ Seine Augen funkelten belustigt, und sie bemerkte, dass sie im Sonnenlicht eher golden als braun aussahen. „Ein ziemlich unheilschwangerer Name für ein Kind, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht dachten Mama und Papa, dass er mir seherische Fähigkeiten bescheren würde. Papa steckte damals in seiner griechischen Periode, sodass ich vermutlich froh sein sollte, dass sie mich nicht Persephone oder Elektra genannt haben.“

„Hm. Das stimmt.“ Er schien von der Vorstellung faszinert.

„Meine Geschwister rufen mich einfach Cassie. Das ist nicht so übel.“

„Keines von beiden ist übel. Das habe ich auch gar nicht sagen wollen. Cassandra ist ein hübscher Name. Es ist bloß …“

„Ich weiß. Die Art Name, mit dem die meisten Leute nicht unbedingt ein unschuldiges Kind belasten würden.“

Er lächelte leise. „Das hätte ich vielleicht anders ausgedrückt.“

„Bloß weil Sie höflich sind.“

„Und war Ihr Vater auch noch in seiner griechischen Periode, als Ihre Geschwister geboren wurden?“, erkundigte er sich.

Cassandra konnte nicht anders, sie musste lachen, ein Lachen, das Sir Philip augenblicklich verzauberte. „Sie meinen, haben sie Namen wie Ajax, Agamemnon und Demeter?“

„Genau.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Meine Schwester heißt Olivia. Ist zwar noch nahe dran, aber der Name stammt aus dem Lateinischen, denke ich. Als die Zwillinge geboren wurden, hatte er diese Phase hinter sich gelassen, denn sie heißen Crispin und Hartley, was – wenn auch nicht gerade Ned oder Tom – doch immerhin nicht klassische Namen sind.“

„Nein, beides richtig britische Namen.“

Sie näherten sich dem Irrgarten, und Cassandra deutete darauf. „Wollen wir in den Irrgarten gehen? Ich habe ihn gestern erforscht und den richtigen Weg entdeckt. In der Mitte gibt es einen reizenden Springbrunnen.“

Sir Philip stellte sich vor, wie es wäre, mit Cassandra allein über die von hohen Hecken umschlossenen Wege zu schlendern, und Hitze schoss in seine Lenden. „Ja“, antwortete er ein wenig heiser. Er räusperte sich. „Das hört sich wunderbar an.“

„Es ist nett – auch wenn das Labyrinth nicht sonderlich kompliziert ist. Unser alter Irrgarten zu Hause war schrecklich verzwickt. Sogar wir selbst haben uns immer wieder darin verlaufen. Einmal, als Hartley und Crispin noch kleiner waren, gingen sie hinein, und wir brauchten Stunden, um herauszufinden, wo sie waren. Papa drohte, das Labyrinth ganz zu schließen, aber wir konnten ihn dazu überreden, bloß den Eingang zu versperren, bis die Jungs älter waren.“

Sie ließ unerwähnt, dass der einst gepflegte Irrgarten inzwischen viele Jahre lang vernachlässigt worden war; die sorgfältig gestutzten Hecken waren an vielen Stellen zusammengewachsen, und auf den Wegen wucherte Unkraut. Sie hatten einfach nicht mehr genug Geld für einen Gärtner gehabt.

„Wo liegt Ihr Zuhause?“

„In den Cotswolds, in der Nähe von Fairbourne. Genau genommen leben wir seit Vaters Tod bei Tante Ardis. Sie wohnt nicht weit von unserem alten Haus, aber wir vermissen es trotzdem.“ Sie lächelte und schob ihr Kinn entschlossen vor. „Aber unsere Lebensumstände werden sich demnächst ändern, und dann werden wir wieder nach Hause können.“

Sie betraten den Irrgarten und folgten dem gewundenen Weg. Hier bewegte sich kein Lüftchen, und es war still, nur ab und zu zwitscherte ein Vogel. Umschlossen von den hohen, sattgrün belaubten Wänden schien es fast, als hätten sie sich in eine andere Welt begeben. Sie gingen schweigend, beide unwillig, die Stille zu stören.

Als sie schon tief im Labyrinth waren, holte Cassandra hörbar Luft und sah Sir Philip mit ernster Miene an. „Ich habe Ihnen noch nicht meinen Nachnamen gesagt.“

„Nein, das haben Sie nicht.“ Ihm war es aufgefallen, und er hatte sich gewundert. Jetzt wuchs seine Neugier noch weiter.

„Nun, wie schon gesagt, bin ich keine Moulton. Das war der Mädchenname meiner Mutter. Mein Name ist Verrere.“

Er blieb jäh stehen und sah sie überrascht an. In seinen Augen erschien ein wachsamer Ausdruck, und er bemerkte leise: „Ah, eine treulose Verrere.“

Cassandra stemmte die Hände in die Hüften und starrte zurück. „Ein gewissenloser Neville“, entgegnete sie.

Einige Augenblicke lang standen sie einfach da und blickten einander an. Schließlich ging Sir Philip wieder weiter und sagte bloß: „Und was könnte eine Verrere von einem Neville wollen?“

Cassandra suchte nach den richtigen Worten. Sie hatte monatelang auf diesen Moment gewartet. Es war vermutlich die einzige Chance, die sie bekommen würde, und deshalb war es unabdingbar, dass sie es richtig machte.

„Ich weiß, dass unsere Familien jetzt schon seit vielen Jahren, nun …“

„Verfeindet sind?“, schlug er vor.

Verfeindet scheint mir ein ziemlich starkes Wort, um das Verhältnis der beiden Familien zu beschreiben“, wandte Cassandra ein. „Es ist inzwischen mehr als hundert Jahre her, seit ein Neville und ein Verrere das letzte Mal versucht haben, einander umzubringen.“

„Hm. Zweifellos eine erhebliche Verbesserung.“

Es hatte eine Zeit gegeben, da beide Familien stets bereit gewesen waren, die Degen zu ziehen. Jede Bemerkung eines Neville über einen Verrere war als tödliche Beleidigung aufgefasst worden und umgekehrt. Über die Jahre war die tiefe Feindschaft dann verblasst – beide Familien hatten sich darauf beschränkt, zu versuchen die anderen bei jeder Gelegenheit auszustechen, egal ob es um Bälle, Kutschen oder Rennpferde ging. Irgendwann war dann auch dieser Groll verebbt, sodass Gastgeberinnen wieder Nevilles und Verreres zu demselben Anlass einladen konnten, ohne fürchten zu müssen, dass keiner von beiden jemals wieder ein Wort mit ihr wechseln würde.

Cassandra hatte den Verdacht, dass die heftige Rivalität vor allem deshalb eingeschlafen war, weil den Verreres langsam das Geld ausging, während der Reichtum der Nevilles sich wie gewohnt mehrte. Den Verreres war es schlicht und einfach unmöglich geworden, weiter mitzuhalten. Da sie die Nevilles nicht mehr länger in Punkto Besitztümer oder Bälle übertreffen konnten, blieb ihnen lediglich ihr Titel und der höhere Rang von Chesilworth, um auf die Nevilles herabzublicken. Eigentlich hatten sich die Verreres zu Lebzeiten ihres Vater gänzlich vom gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Ihr Großvater hatte schon lange zuvor das Londoner Stadthaus verkaufen müssen, um Schulden zu bezahlen, und die Ausgaben für angemessene Kleidung und die Miete eines Hauses für die Saison lag jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten. Ihr Vater war ohnehin ein Gelehrter gewesen, der nur zu gerne auf die jährliche Londoner Saison verzichtete. Er hatte stets lieber das wenige Geld, das er besaß, für Bücher und Kunst ausgegeben.

„Ich vertraue darauf, dass Sie nicht so engstirnig sind, mir meinen Namen zum Vorwurf zu machen“, fuhr Cassandra fort und warf Sir Philip einen herausfordernden Blick zu.

Seine Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln. „Als Kind wurde mir immer damit gedroht, dass, wenn ich nicht brav wäre, die Verreres mich holen kommen würden. Wie auch immer, ich gehe davon aus, dass ich in der Lage sein werde, gegen diese eine besondere Verrere zu bestehen.“

„Ich bin hier, um Sie um Hilfe zu bitten, und nicht, um Sie zum Kampf zu fordern.“

Seine Brauen hoben sich. „Meine Hilfe? Eine Verrere, die einen Neville um Hilfe bittet?“

Cassandra runzelte die Stirn. „Planen Sie, weiter so schwierig zu sein? Das ist lächerlich. Ich bin ausdrücklich Ihretwegen zu dieser Gesellschaft gekommen, um mit Ihnen zu reden, aber ich sehe schon, dass das reine Zeitverschwendung war, wenn Sie nicht bereit sind, Ihre kleinlichen Vorurteile lange genug fallen zu lassen, um mich anzuhören.“

Er konnte nicht anders, er musste einfach bei ihrer scharfen Zurechtweisung grinsen. „Verzeihen Sie, Miss Verrere.“ Er setzte wieder eine ernste Miene auf. „Da meine Leichtfertigkeit Ihnen so missfällt, werde mich bemühen, von nun an den angemessenen Ernst zu zeigen. Dennoch muss ich Ihnen mitteilen, dass ich es von einer Verrere etwas gewagt finde, auch nur daran zu denken, mich um Hilfe zu bitten, ganz davon zu schweigen, anzunehmen, dass ich bereit wäre, diese Hilfe zu gewähren.“

„Na ja, über Ihre Hilfsbereitschaft kann ich selbstverständlich nichts wissen. Aber ich baue darauf, dass Sie genügend Vernunft besitzen, um zu erkennen, wie vorteilhaft die Sache für beide Seiten wäre.“

„Ich fürchte, ich kann Ihnen bereits jetzt schon nicht mehr folgen. Was wäre vorteilhaft?“

„Das will ich Ihnen doch gerade erläutern. Ah, hier sind wir in der Mitte angekommen. Ist das nicht ein friedvoller Ort? Warum setzen wir uns nicht dort auf die Bank, während ich Ihnen alles erkläre?“

„Unbedingt.“

Neville wischte in einer ritterlichen Geste mit seinem Taschentuch die Bank ab, und sie ließen sich nieder. Eine Weile lang musterten sie einander prüfend, dann begann Cassandra. „Ich suche nach der Spanischen Mitgift.“

Neville starrte sie verständnislos an. „Der was?“

Cassandra zog die Brauen zusammen. „Sie müssen doch davon gehört haben. Das ist schließlich der Grund für die Zwietracht zwischen unseren Familien.“

Gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatten die Nevilles und Verreres beschlossen, ihre Familien durch eine Heirat zu verbinden. Ein Ehevertrag zwischen Sir Edric Neville und der Tochter von Richard Verrere, Lord Chesilworth, wurde ausgehandelt. Die Tochter hieß Margaret, und sie hatte es vorgezogen, statt Sir Edric zu heiraten, sich am Abend vor ihrer Eheschließung aus dem Haus der Nevilles zu stehlen und mit dem Mann, dem ihr Herz gehörte, davonzulaufen. Es hatte einen gewaltigen Skandal gegeben, der durch die Tatsache gekrönt wurde, dass die stattliche Mitgift der Braut ebenfalls verschwunden war. Der Vorfall hatte die Familien für die folgenden zweihundert Jahre entzweit.

„Sie meinen Black Maggies Mitgift?“, entfuhr es Sir Philip.

Sie schaute ihn missbilligend an. „Wenn Sie Margaret Verrere meinen, dann ja, es ist ihre Mitgift, von der ich spreche. Eine Sammlung von spanischen Kleinodien, die Colin Verrere im späten sechzehnten Jahrhundert zusammengetragen hatte.“

Philip schnaubte. „Zusammengeklaut, wollen Sie sagen. Colin Verrere war mit Leib und Seele Pirat.“

„Er besaß einen Freibeuterbrief, der ihm von Königin Elizabeth persönlich ausgestellt worden war“, entgegnete Cassandra hitzig. „Er war ein Patriot, und ein so ausgezeichneter Seemann wie Krieger.“

„Legalisierte Piraterie. Ich wage zu bezweifeln, dass die spanischen Seeleute, die er tötete, den Unterschied zu schätzen wussten.“

„Es war Krieg“, erinnerte ihn Cassandra kühl. „Spanien war zu jener Zeit unser Feind, und jeder Schaden, der dem spanischen Handel zugefügt wurde, war ein Sieg für England und die Königin.“

„Ja, und wie passend war es, dass sich durch seine ‚Vaterlandsliebe‘ Lord Chesilworths Taschen so reich füllten.“

Cassandra sah ihn verärgert an. „Es bereitet mir Schwierigkeiten, nachzuvollziehen, wie ein Engländer Sympathie für ein Land entwickeln kann, das versucht hat, sein eigenes zu erobern.“

Philip zuckte die Schultern. „Ich habe keine besondere Vorliebe für Spanien, Miss Verrere. Wie auch immer, ich glaube daran, das Kind beim Namen zu nennen, anstatt ganz gewöhnliche Habgier mit Vaterlandsliebe zu bemänteln.“

Sie sah ihn einen Augenblick lang prüfend an. „Ehrlich gesagt, denke ich, genießen Sie es lediglich, schwierig zu sein.“

Ihre Worte entlockten ihm ein leises Lachen. „Vielleicht haben Sie recht.“ Er machte eine Pause, dann fügte er hinzu: „Das ist aber sowieso egal. Es gibt keine Mitgift. Das ist nur eine Legende.“

„Eine Legende! Selbstverständlich ist es keine Legende. Die Spanische Mitgift gibt es wirklich. Warum sonst sollte Ihr Neville-Vorfahr die Angelegenheit so hartnäckig sowohl vor Gericht als auch außerhalb verfolgt haben? Warum beharrte er wohl sonst darauf, dass die Mitgift rechtmäßig ihm zustand, wenn es in Wirklichkeit gar keine gab?“

„Oh, ich gebe gern zu, dass Chesilworth ein paar Juwelen und andere Kostbarkeiten besaß, die sein Vater von spanischen Schiffen geraubt hatte, aber deren Größe und Wert sind im Laufe der Jahre weit über die tatsächlichen Ausmaße hinaus übertrieben worden. Wer kann schon sagen, ob die Mitgift wirklich so wertvoll war, und wer kann schon sagen, ob Chesilworth die Mitgift wirklich seiner Tochter mitgegeben hat? Es könnte ein ausgefeilter Plan gewesen sein, Sir Edric zu übervorteilen.“

„Ach was! Papperlapapp!“, sagte Cassandra unverblümt, und Farbe schoss ihr in die Wangen. „Ich habe in den Verrere-Rechnungsbüchern die Liste gelesen, die aufgezeichnet wurde, als die Truhe auf Margarets Wagenzug verladen wurde. Ungefasste Smaragde und Rubine aus Südamerika, Goldmünzen, Goldschmuck, Smaragdohrringe – und das schönste und kostbarste Stück des Schatzes – ein massiv goldener Leopard von exquisiter Arbeit, mit Smaragdaugen und einem Halsband aus Rubinen.“

Cassandras Augen glänzten, als sie an die unbezahlbare Statue dachte. „Es war ebenso ein Kunstwerk, wie es unvorstellbar wertvoll war. Es war das Kronjuwel in Colin Verreres Sammlung spanischer Schätze.“

Falls der Schatz tatsächlich verladen und mit Margaret Verrere nach Haverly House geschickt wurde“, erklärte Sir Philip entschieden, „dann hat die Schwarze Maggie die Mitgift mitgenommen, als sie fortlief. Sir Edric hatte sie ganz offensichtlich jedenfalls nicht, denn sonst hätte er nicht Chesilworth deswegen verfolgt, und Chesilworth behauptete steif und fest, dass er sie nicht mehr hätte. Also log entweder Chesilworth, oder die Schwarze Maggie hat sie mitgenommen, damit es ihr und ihrem Liebsten leichter wäre, ein neues Leben in den Kolonien zu beginnen.“

„Würden Sie bitte aufhören, sie so zu nennen? Margaret Verrere war keine Diebin, und sie hat die Spanische Mitgift nicht genommen. Sie hat sie auf dem Neville-Besitz zurückgelassen, als sie durchbrannte.“

Autor

Candace Camp

Bereits seit über 20 Jahren schreibt die US-amerikanische Autorin Candace Camp Romane. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Romances unter Pseudonymen. Insgesamt sind bisher 43 Liebesromane unter vier Namen von Candace Camp erschienen. Ihren ersten Roman schrieb sie unter dem Pseudonym Lisa Gregory, er wurde im Jahr 1978 veröffentlicht. Weitere Pseudonyme sind...

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