Die Winterbraut

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Schnell wie der Wind reitet Edmund de Graves durch die Dezembernacht. Er hat die Tochter seines Feindes entführt, denn niemals soll sie seinen Bruder heiraten! Zu spät erkennt er, wen er auf sein Pferd gezogen hat: die falsche Jungfrau – die alsbald süße Gefühle in ihm weckt …


  • Erscheinungstag 30.11.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783745753912
  • Seitenanzahl 119
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Prolog

S ie haben die gesegnete Jungfrau Maria geraubt!“

Die Leibeigenen von Woldingham schauten fassungslos dem Reiter nach, der sein Pferd mit donnernden Hufschlägen in Richtung des winterlichen Waldes galoppieren ließ. In der eisigen Kälte der Nacht verhallten allmählich die Hilferufe der Frau, die sich in seiner Gewalt befand. Dann auf einmal verstreute sich die versammelte Menge – einem Schwarm Stare auf dem Feld gleich – in alle Richtungen. Die meisten zogen sich rasch in ihre einfachen strohgedeckten Häuser zurück und hofften darauf, nicht mit der Katastrophe in Verbindung gebracht zu werden. Die wahrhaft Vorsichtigen scharten ihre Familie um sich und machten sich selbst auf den Weg in die Wälder.

Wer außer den de Graves würde schon ein solches Verbrechen begehen? Und wenn sich der Lord of Woldingham mit seinem alten Erzrivalen stritt, konnte man gar nicht vorsichtig genug sein, wollte man sich vor den Pfeilen und den Schwerthieben in Sicherheit bringen.

Es dauerte nur einige Augenblicke, dann standen der Priester und der Dorfschulze allein auf der vom Mond beschienenen Straße, die hinauf zur Burg führte – abgesehen von einem Esel, den man in der plötzlichen Aufregung zurückgelassen hatte und der mit gesenktem Kopf dastand und wartete. Sogar Josef hatte seinen geborgten Mantel zu Boden fallen lassen und war gegangen.

Die beiden Männer sahen sich in stummem Mitleid an, dann liefen sie in Richtung der nahe gelegenen Burg. Trotz der Festbeleuchtung, die durch schmale Fenster nach außen drang, und trotz des Freudenfeuers auf dem Burghof hob sich das Bauwerk von dem sternenübersäten Himmel wie ein unheilvoller Schemen ab.

Jemand musste Henry de Montelan, Lord of Woldingham, die Nachricht überbringen, dass seine Tochter seinem erbittertsten Feind in die Hände gefallen war.

Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!

Die Burgtore standen weit offen, da man auf die traditionelle Prozession wartete, die Maria und Josef zur Burg führen sollte, um dort am Heiligen Abend eine Unterkunft zu suchen. Im Gegensatz zur Schilderung in der Bibel, wonach sie überall abgewiesen wurden, wo sie Einlass begehrten, würde sich der Lord of Woldingham von seiner gütigen Seite zeigen und sie in seinen verschwenderisch eingerichteten Gemächern nächtigen lassen.

Das Schauspiel selbst war eine seit Generationen überlieferte Tradition, begründet durch den letzten de Montelan, der zu einem Kreuzzug aufgebrochen war. Zugleich war diese Gepflogenheit eng verbunden mit der Blutfehde zwischen Woldingham und dem nahe gelegenen Mountgrave Castle.

Die zwei Wachleute am Tor musterten die beiden heraneilenden Männer und hielten dann Ausschau nach der Prozession. Im Vorbeilaufen erfuhren sie vom Priester Pater Hubert und vom Dorfschulzen Cob Williamson, was sich Schreckliches zugetragen hatte, und waren sofort in Alarmbereitschaft.

So etwas bedeutete Ärger.

Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!

Die beiden Männer bahnten sich ihren Weg über den belebten Burghof, riefen den Umstehenden die unerfreuliche Neuigkeit zu, blieben aber nicht stehen, um sorgenvolle Fragen zu beantworten. Ein paar leicht angetrunkene Köche hielten erschrocken in ihrer Arbeit inne, Spanferkel und Ochsen am Spieß über den Flammen zu drehen, während der verschwitzte Bäcker fluchend seine Helfer zu sich rief, damit sie die Brote von den Tischen nahmen und in Körbe packten, um sie so leichter in Sicherheit zu bringen. Schon bald würde es auf dem Burghof von bewaffneten Männern und Pferden wimmeln.

Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!

Der Lärm der Feier im großen Saal drang ebenso wie der goldene Lichtschein durch die Schießscharten und das erwartungsvoll offen stehende Tor nach draußen. Die beiden Männer mühten sich ab, die Außentreppe zu bewältigen, und oben angekommen, mussten sie erst einmal stehen bleiben, um Luft zu holen. Im Saal sorgten große Feuer dafür, die winterliche Kälte zu vertreiben. Funken stiegen jedes Mal auf, wenn hier und da ein brennendes Scheit verrutschte, und der Rauch dieser Feuer vermischte sich mit dem der Fackeln entlang der Wände.

Überall saßen die vornehmen Damen und Herren von Woldingham und unterhielten sich angeregt mit Gästen, Rittern des Hauses und dem höheren Dienstpersonal. Eine Kinderschar, die von Kleinkindern bis zu Grünschnäbeln reichte, spielte ausgelassen unter den Tischen und rings um die Bänke, wo sie sich mit einer Hundemeute vergnügte.

Allmählich wurde man auf die beiden Neuankömmlinge aufmerksam, und erwartungsvolle Stille breitete sich aus.

Lord Henry de Montelan erhob sich trotz seines massigen Körpers elegant von seinem Stuhl, und seine rosigen Wangen ließen erkennen, wie gut er sich amüsierte. „Da seid Ihr ja endlich! Nun, dann sprecht Euren Text.“

Der Dorfschulze sah Pater Hubert an, woraufhin der Priester sich mit einem Nicken in seine Rolle fügte. Er trat einen Schritt vor. „Lord Henry, etwas Entsetzliches ist geschehen.“

Aus dem erwartungsvollen wurde ein entsetztes Schweigen. „Wie bitte?“, rief Lord Henry und verließ das Podest, um zu ihnen zu kommen. Auch seine vier strammen Söhne standen langsam auf; sie wirkten zwar ein wenig verwirrt, waren aber hellwach. Irgendwo knurrte ein Hund. „Was ist geschehen? Wo sind Maria und Josef? Wo ist meine Tochter?“

Der Priester sank auf die Knie. „Die de Graves haben sie entführt, Mylord.“

Einen Moment lang herrschte unheilvolle Stille, dann auf einmal heulte ein Mann auf. Sir Gamel, der draufgängerischste von Lord Henrys Söhnen, sprang mit einem Satz über den Tisch, hinter dem er gestanden hatte, und bleckte die Zähne. „Mein Schwert! Mein Schwert! Ich werde ihnen allen den Leib aufschlitzen! Zu den Pferden, wir üben Rache!“

Mit diesen Worten stürmte er zum Tor, dicht gefolgt von seinen Brüdern.

Mit einer einzigen Handbewegung bewirkte Lord Henry, dass seine vier Söhne in ihrem Tatendrang innehielten. Vermutlich war er der einzige Mann in ganz England, der die jungen Männer aufhalten konnte. Obwohl Lord Henrys Gesicht noch immer gerötet war, hatte dies nun nichts mehr mit seiner vormals guten Laune zu tun. „Aye, mein Sohn, wir werden Rache üben, und es wird Blut fließen. Doch wir werden nicht blindlings in eine Falle laufen!“, rief er mit volltönender Stimme. Sofort waren alle Männer im Saal aufgesprungen. „Rüstungen! Waffen! Gamel, Lambert und Reyner, ihr werdet sie jagen und Nicolette unversehrt zurückbringen. Unversehrt , vergesst das nicht! Harry“, wandte er sich nun an seinen ältesten Sohn, „du und ich, wir bleiben hier. Für alle Fälle.“

Harry nickte zustimmend, wenngleich seine Miene keinen Hehl aus seiner Enttäuschung machte.

„Zu Weihnachten?“, fragte der junge Reyner, erst sechzehn, aber schon fast so groß wie seine Brüder. „Sie rauben am Heiligen Abend die Jungfrau Maria?“

„Den de Graves“, grollte sein Vater, „ist nichts zu schändlich.“

Innerhalb weniger Augenblicke legte sich eine kämpferische Stimmung über den ganzen Saal, während sich der Lord, sein ältester Sohn und der Waffenmeister in eine Diskussion über ihre Vorgehensweise vertieften. Pater Hubert und Cob beglückwünschten sich insgeheim, dass es für sie ohne Konsequenzen geblieben war, die schreckliche Nachricht zu überbringen, und verließen den Saal, nicht jedoch ohne zuvor noch ein großes Stück Fleisch und einige Brotlaibe mit auf den Weg zu bekommen, da den Anwesenden die Lust am Feiern vergangen war. Für die armen Dorfbewohner kam die Gabe dagegen einem kleinen Festmahl gleich.

„Eine schöne Bescherung“, brachte Cob hervor, den Mund voll mit saftigem Fleisch.

„An Weihnachten! An einem heiligen Feiertag! Was für gottlose Männer! Einfach nur gottlos.“

„Wollen wir hoffen, dass der armen Lady Nicolette nichts zustößt, Pater. Um unser aller Wohl.“

„Wie wahr, wie wahr.“ Dann warf der Priester seinem Freund einen nachdenklichen Blick zu. „Aber wisst Ihr, Cob, ich hätte schwören können, ich sah Lady Nicolette auf der Galerie des großen Saals, wie sie nach unten spähte.“

Verdutzt hielt der Dorfschulze inne. „Was sagt Ihr da? Nein, Pater, da müsst Ihr Euch irren. Wie sollte das möglich sein?“

„Nun, was wäre denn, wenn eine andere Dame die Rolle der Jungfrau gespielt hat? Ich fand es jedenfalls ein wenig seltsam, dass Lady Nicolette die ganze Zeit über kein Wort mit mir sprach und sich unter ihrem Mantel praktisch versteckte.“

Cob schluckte einen Happen Fleisch. „Aber es ist eine Tradition , Pater. Eine heilige Tradition. Die jüngste Jungfrau im heiratsfähigen Alter in der Familie des Lords übernimmt die Rolle der Jungfrau. Und indem …“

„… indem sie im Saal von Woldingham willkommen geheißen wird, anstatt sie fortzuschicken, um in einem Stall zu nächtigen, ist jedem für das kommende Jahr Gottes Segen sicher. Ja, ja. Das, was geschehen ist, macht einen schon nachdenklich, nicht wahr?“

„Es bereitet einem schreckliche Angst! Was soll aus uns allen werden, wenn die Tradition auf eine solche Weise verspottet wird?“

„Und was soll aus denen werden, die darin verstrickt sind, wenn alles bekannt wird?“, überlegte der Priester leise.

Er dachte dabei nicht an die Bauern oder an die Männer, die in den Kampf ziehen wollten, sondern an jene jungen Frauen, die an diesem gefährlichen Täuschungsmanöver beteiligt waren.

Und er dachte an deren Beweggründe, die sie zu dieser Täuschung veranlasst haben mochten.

Pater Hubert bekreuzigte sich und begann zu beten.

1. KAPITEL

J o an of Hawes war froh um das dicke Polster vor ihrem Bauch, da es zumindest die härtesten Stöße bei diesem Ritt abfederte. Bäuchlings lag sie vor ihrem Entführer quer über dem Pferd, wobei ihr Kopf nach unten hing. Sie hatte es längst aufgegeben, um Hilfe zu schreien, denn inzwischen tat ihr davon der Hals zu weh. Ihr Entführer behandelte sie wie einen Stoffballen und ignorierte sie fast völlig, abgesehen lediglich von seiner starken Hand an ihrem Gürtel, mit der er verhindern wollte, dass sie von seinem Reittier rutschte oder sich gar absichtlich fallen ließ.

Obwohl sie von Wut und Angst zugleich erfüllt war, empfand sie Dankbarkeit für diesen sicheren Griff. Immerhin ritten sie im Galopp über einen Waldweg, und sie wollte ganz sicher nicht durch einen Sturz vom Pferd ums Leben kommen. Aber wer hatte sie von dem Esel gezerrt? Und warum? Und weshalb gerade jetzt, wo doch klar sein musste, dass diese Tat nur schreckliche Folgen nach sich ziehen würde?

Urplötzlich brachte der Reiter sein Pferd zum Stehen, sodass sie glaubte, durch die Luft geschleudert zu werden, dann packte er sie und hob sie hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder. Noch bevor sie vor Schreck aufschreien konnte, drehte er sie um, bis sie vor ihm rittlings auf dem Pferderücken saß, ganz benommen von der plötzlichen Bewegung. Als sich der Schwindel gelegt hatte, waren sie längst schon wieder unterwegs, und von dem Reiter hatte sie nichts weiter gesehen als einen Schatten, der unter einer Kapuze verborgen zu sein schien. Nun aber machte sie in der Dunkelheit ringsum weitere Reiter aus, die den Eindruck erweckten, als würden sie sich unglaublich schnell und mit teuflischem Geschick zwischen den winterlich kahlen Bäumen hindurchbewegen. Zuvor waren sie lautlos ins Dorf eingefallen, so wie ein Schwarm schwarzer Falken, die vom Himmel herabstießen …

„Heilige Maria, rette mich“, flüsterte sie. War sie etwa von den Mächten der Finsternis geholt worden?

Sie drehte sich um und versuchte zu ergründen, ob ihr Entführer ein menschliches Antlitz hatte, doch sie sah nichts als tiefes Schwarz. Ein Schauer des Entsetzens lief ihr über den Rücken, aber dann gewann der gesunde Menschenverstand die Oberhand. Er strahlte Wärme aus wie jeder Mensch, und er roch ganz wie ein Mann – nach Schweiß, Wolle und Pferd. Sie konnte nun auch erkennen, dass seine Kapuze weit nach vorn gezogen war, um sein Gesicht in einen tiefen Schatten zu tauchen. Was sie von seiner Haut sehen konnte, wirkte irgendwie dunkel. Er musste ein gewöhnlicher Verbrecher sein.

Dann aber fielen ihr noch mehr Dinge auf. Dieses Pferd trug keinen Sattel, und der Mann, der sie an sich gedrückt hielt, hatte kein Kettenhemd an. Zaumzeug und Zügel bestanden nur aus Stricken. Es waren also keine Teufel aus den Tiefen der Hölle, sondern Männer ohne Harnisch oder rasselndes Kettenhemd. Kein Wunder, dass es schien, als seien sie aus dem Nichts aufgetaucht.

Das konnten nur die de Graves sein, die Erzfeinde ihres Onkels, die diese Gelegenheit genutzt hatten, um die heiligste Zeremonie der de Montelans zu stören. Gleichzeitig verspürte sie aber auch Bewunderung, wie diese Entführung geplant und durchgeführt worden war. Es gefiel ihr, wenn ein Plan so hervorragend in die Tat umgesetzt wurde.

Aber warum nur mussten sie sich ausgerechnet dieses Jahr dafür aussuchen, wenn all dies zu so schrecklichen Verwicklungen führen würde? Ihre Cousine sollte eigentlich die Jungfrau spielen, und niemand durfte davon erfahren, dass sie mit Joan getauscht hatte.

Vielleicht würden diese Männer sie ja bald wieder freilassen. Sie hatten die Zeremonie gestört und damit ihr Ziel erreicht, also gab es keinen Grund, sie noch länger festzuhalten. Wenn sie sie gehen ließen, würde sie es dann zurück zur Burg schaffen, bevor jemand Nicolette entdeckte? Wahrscheinlich schon. Sofern sie jetzt sofort zurückkehren konnte.

„Sir“, sagte sie.

Als er nicht reagierte, brüllte sie: „Sir!“

Wieder nahm er von ihr keine Notiz, sondern konzentrierte sich auf den dunklen Weg vor ihnen. Das Pferd galoppierte unermüdlich weiter, sodass sie sich immer mehr von der Burg entfernten. Abrupt riss Joan ihren Arm nach hinten und rammte dem Mann hinter ihr den Ellbogen in den Leib.

Das Pferd machte im gleichen Moment einen Fehltritt, als ihr Entführer ein leises Ächzen ausstieß. „Hört auf damit“, war jedoch das Einzige, was er dazu sagte.

Dann ritten sie auch schon weiter. Da Joan sich mit Männern auskannte, wusste sie, dass sie erst dann anhalten würden, wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen hielt. Sollte doch der Teufel seine Zehen verfaulen lassen! Sie überlegte, ob sie sich vom Pferd fallen lassen sollte, aber sie trug sich nicht mit Selbstmordgedanken, sondern war nur verängstigt und verärgert zugleich.

Was war das nur für ein törichtes Vorhaben, sie zu verschleppen! Andererseits war die ganze blutrünstige Fehde zwischen den Familien de Graves und de Montelan nichts anderes als rundweg töricht. Über Generationen hinweg hatte sie zahllose Menschenleben gekostet, und der ganze Landstrich war deswegen gespalten – und alles nur wegen eines Stücks Stoff, das man während des ersten Kreuzzugs mit nach Jerusalem genommen hatte.

In den Wochen seit ihrer Ankunft in Woldingham hatte sie von ihrer Cousine Nicolette, der sie eine Gefährtin sein sollte, alles über die verruchte, ehrlose Familie de Graves erfahren. Angeblich trugen die de Graves die Schuld an allem – angefangen beim Diebstahl des Banners bis hin zu einem Fluch, mit dem im letzten August die Schafe von Woldingham belegt worden waren. Vielleicht trafen diese Geschichten ja zu, aber Joan war davon nicht so ganz überzeugt, was vor allem mit dem gegenwärtigen Oberhaupt der Familie de Graves zu tun hatte.

Nicht, dass sie dem berühmten Edmund de Graves je begegnet wäre, aber ganz England hatte vom Goldenen Löwen gehört – schön wie St. Michael, tapfer wie St. George, Beschützer der Schwachen, Verteidiger des Rechts, Richter über alle, die Böses taten … Man erzählte sich Legenden über ihn, Troubadoure lobpreisten ihn in ihren Liedern.

Der Goldene Löwe war der Sohn des ebenso berühmten Silbernen Löwen – Remi de Graves, ein mächtiger Krieger und der Berater des Königs. Lord Edmund war von klein auf von den besten Lehrern und Kriegern unterrichtet worden, darunter auch der fast schon mythische Almar de Font, ein bekannter Held aus eigenem Recht. Mit sechzehn Jahren hatte der Goldene Löwe bei einem schillernden Turnier den Sieg davongetragen, mit siebzehn kämpfte er wahrhaft meisterlich im Krieg gegen Frankreich. Mit achtzehn hob er ganz allein ein Nest von Gesetzlosen aus, die die Gegend rund um eines seiner Anwesen in Angst und Schrecken versetzt hatten.

Es war durchaus möglich, dass ein de Graves vor vielen Generationen einem de Montelan das Banner abspenstig gemacht hatte, aber der Goldene Löwe konnte mit solchen Rivalitäten und Rachegelüsten wohl kaum etwas zu tun haben.

Wenn de Graves aber nicht der Hintermann war, in wessen Hände war sie dann geraten?

Wieder brachte der Mann sein Pferd abrupt zum Stehen, wobei er sich gegen ihren Rücken drückte. Wer immer ihr Entführer war, es handelte sich bei ihm um einen exzellenten Reiter, da er dieses feurige, kraftvolle und ungestüme Tier allein mit dem Seil und dem Druck seiner Schenkel beherrschte.

„Ruhig, Thor“, murmelte der Mann und beugte sich über Joan hinweg nach vorn, um den Hals des Pferdes zu tätscheln. Dabei presste er seine muskulöse Brust so fest gegen sie, dass sie das Gefühl hatte, zerquetscht zu werden, und daher schwach protestierte.

Er setzte sich aufrecht hin. „Verzeiht mir, Lady.“

„Nun, Sir“, gab sie zurück, bereit, mit ihm zu diskutieren, damit er sie endlich freiließ. Doch er erwiderte, sie solle warten, und wandte sich den anderen dunklen Reitern zu, die sich um ihn scharten. Jeder Atemhauch stieg als kleine weiße Wolke in der kalten Nachtluft auf.

Zu ihrer eigenen Verwunderung und Verärgerung wartete Joan tatsächlich ab, was nun geschehen würde. Sie musterte das halbe Dutzend Männer um sie herum und suchte nach Hinweisen auf ihre Zugehörigkeit. Keiner von ihnen trug irgendeine Art von Abzeichen, und vor der in silbernes Mondlicht getauchten Waldlandschaft wirkten sie so stumm wie Schatten. Die einzigen Geräusche verursachten die Pferde, die leise schnaubten und hin und wieder mit einem Huf über den Boden scharrten.

„Alles in Ordnung“, sagte Joans Entführer schließlich, und ohne eine Erwiderung ritten die anderen in alle Himmelsrichtungen davon, wobei sie ausgetretene Pfade mieden und stattdessen mit dem Wald verschmolzen.

Diese Perfektion deutete darauf hin, dass der große Lord Edmund seine Hand im Spiel hatte, doch sie wollte nicht glauben, er könnte sich zu etwas so Kleinlichem hinreißen lassen.

Es mussten einige seiner Männer sein, die sich ohne sein Wissen einen Spaß erlaubten. Ihr war zu Ohren gekommen, dass es gerade die bewaffneten Krieger und die Gefolgsleute der beiden Familien waren, die für den meisten Ärger sorgten.

Worauf es im Moment aber nur ankam, war ihre Freilassung, damit sie nach Woldingham zurückkehren konnte.

„Kommt Ihr von den de Graves?“, flüsterte sie ihm zu, als er mit seinem Pferd ebenfalls den Pfad verließ, aber eine andere Richtung einschlug als die übrigen Männer.

Wieder beugte er sich über sie, diesmal jedoch, um sie vor dem dornigen Zweig einer Stechpalme zu beschützen, den er mit einer Hand zur Seite drückte.

„Natürlich. Ihr seid in Sicherheit, Lady. Keine Angst.“

In Sicherheit . Was für eine eigenartige Bemerkung, noch dazu eine gänzlich unzutreffende. Joan hatte sich noch nie in ihrem Leben so wenig in Sicherheit gefühlt wie in diesem Moment, was aber nicht durch den Mann hinter ihr bedingt war. Sie und Nicolette hatten geplant, die Plätze zu tauschen, sobald Maria und Josef in die Burg eingelassen worden waren. Doch je mehr Zeit verstrich, umso wahrscheinlicher wurde es, dass man Nicolette entdeckte. Onkel Henry würde glauben, sie hätten ihm einen kindischen Streich spielen wollen, und würde außer sich vor Wut sein. Wenn er aber erst einmal den wahren Grund dafür kannte … Joan wollte sich gar nicht erst ausmalen, wie sehr er dann wohl vor Wut rasen würde.

Sie musste zurück auf die Burg.

„Lasst mich gehen“, drängte sie. „Ihr habt Euer Ziel erreicht.“

„Tatsächlich?“

„Ja, natürli…“

Er legte seine große, schwielige Hand auf ihren Mund, dann hörte sie, was er vor ihr schon wahrgenommen hatte. Aus weiter Ferne erklang das Geheul der Hunde, die ihrem Onkel gehörten.

„In der kalten Winterluft werden Geräusche weiter getragen als sonst“, hauchte er ihr zu. „Versucht, nicht zu reden.“

Dann nahm er seine Hand weg, und sie ritten weiter, kamen aber wegen des unwegsamen Geländes nur langsam voran. Versucht, nicht zu reden? Wie sollte sie ihn zur Vernunft bringen, wenn sie nicht sprechen durfte? Dennoch verfiel Joan in Schweigen. Welchen Sinn hätte es schon gehabt, mit diesem Mann über ihre Freilassung zu diskutieren? Wie sollte sie jetzt noch unbemerkt zurück in die Burg gelangen, wenn ihr Onkel schon die Spürhunde auf ihre Fährte angesetzt hatte?

Doch der Gedanke an Nicolette ließ sie einen weiteren Versuch unternehmen. Vielleicht interessierten sich die Hunde ja gar nicht für ihre Fährte. „Lasst mich absitzen“, flüsterte sie. „Dann könnt Ihr weiterreiten.“

„Wir reiten bereits weiter“, erwiderte er mit einem amüsierten Unterton.

„Ihr seid allein. Ihr könnt Euch nicht gegen sie wehren. Und die Hunde …“

„Die haben etliche Fährten, denen sie folgen können. Zu schweigen fällt Euch offensichtlich schwer, nicht wahr, Lady Nicolette?“

Bevor Joan sich darüber im Klaren war, ob sie ihm sagen sollte, dass sie nicht Nicolette war, redete er bereits weiter: „Und hier ist wie geplant das Wasser, das unsere Fährte verwischen wird.“

Es handelte sich um einen flachen Flusslauf, dessen Wasser laut plätschernd die Steine im Flussbett umspülte. Das Pferd befolgte die minimalen Signale, die der Reiter ihm mit seinem Muskelspiel gab, und trottete durch das Wasser.

Noch ein kluger Zug dieses Mannes. „Was wollt Ihr von mir?“, fragte sie ihn. „Warum lasst Ihr mich nicht wieder gehen?“

„Könnt Ihr Euch das nicht vorstellen?“

Was sollte sie sich denn vorstellen? Ihr Plan war es doch wohl gewesen, die Zeremonie zu stören. Was sollte da sonst noch sein?

Dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn der Plan damit noch nicht erfüllt war? Was, wenn aus der brodelnden Fehde ein Höllenfeuer werden sollte? Es gab einige in Woldingham, die sich für einen Krieg aussprachen, darunter auch ihr Cousin Gamel. Vielleicht gab es auf Mountgrave Castle Männer, die genauso dachten. Männer, die Öl ins Feuer gießen wollten.

Die Zeremonie zu stören, entsprach nur einem Spritzer Öl, eine Entführung einem Becher voll. Aber einer Frau Gewalt anzutun … der einzigen Tochter von Lord Henry Gewalt anzutun … das war so, als würde man ein ganzes Fass Öl in die Flammen schütten, das eine Feuersbrunst entfachte, die nur mit dem Blut einer ganzen Familie gelöscht werden konnte.

Und wenn es nicht die Tochter war, sondern ihre Cousine Joan, dann entsprach das immerhin noch einem Kelch voll Öl, der für eine ausreichend wütende Flamme genügte.

Joan schickte ein Stoßgebet an die Jungfrau Maria, die Beschützerin aller Jungfrauen, und versuchte verzweifelt, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden.

Gegenwehr? Nein, das war lächerlich.

Vom Pferd springen und davonlaufen? Er würde sie nach wenigen Augenblicken eingeholt haben.

Sollte sie ihn vom Pferd stoßen und davonreiten? Ein für Gefechte ausgebildetes Pferd würde sich von ihr keine Befehle geben lassen, und Joan hätte ebenso versuchen können, die Hügel zu beiden Seiten des Flusses aus dem Weg zu schieben, wenn sie glaubte, sie könnte diesen Mann vom Pferd werfen!

Vor Hilflosigkeit und Panik begann sie am ganzen Leib zu zittern.

„Ist Euch kalt?“, fragte er. „Wir werden bald eine Zuflucht erreicht haben.“

„Wo? Was? Wohin bringt Ihr mich?“ Ihre Stimme wurde so schrill, dass er fluchend abermals seine Hand auf ihren Mund legte.

„Zu einer Höhle“, erklärte er und klang gereizt. „Sie ist so ausgestattet, dass sich eine Dame dort wohlfühlt. Und nun seid ruhig, bis wir dort angekommen sind.“

Da seine Hand nach wie vor auf ihrem Mund lag, blieb ihr ohnehin keine andere Wahl. Dennoch ließ ihre Angst zumindest ein wenig nach. Während sie sich nach hinten gegen den Reiter lehnte und das Pferd einem Pfad aus dem Fluss folgte, auf dem vermutlich sonst Schafe durch den Wald getrieben wurden, musste sie über den gereizten Tonfall des Mannes nachdenken. Würde ein Mann, der darauf aus war, einer Frau Gewalt anzutun oder sie gar zu ermorden, so reden wie er?

Wie sollte sie das beurteilen können? Sie hatte zwar etliche Brüder und kannte sich recht gut mit den Denk- und Verhaltensweisen von Männern aus, doch sie wusste nichts darüber, wie sie reagierten, wenn es um einen Krieg oder eine Blutfehde ging. Der Gedanke an ihre Brüder und damit an ihre Familie ließ ihr Tränen in die Augen steigen.

Wieder war sie in Schwierigkeiten geraten. Das jedenfalls würden sie zu ihr sagen, sollte sie dieses Grauen hier überleben. Ihre Brüder würden sich umgehend auf den Weg machen, um den Mann zu töten, der Schande über sie gebracht hatte, doch davon hätte sie letztlich auch nichts mehr. Jeder würde sagen, es sei ihre eigene Schuld, und wie üblich hätten die anderen damit recht.

Als Joan in Pelze gehüllt in Woldingham angekommen war, da hoffte sie auf neue Abenteuer. Sie musste jedoch feststellen, dass ihre Cousine Nicolette eine schwächliche, weinerliche Person war. Offenbar war das auch der Grund, weshalb man sie auf die Burg geholt hatte – um ihr Gesellschaft zu leisten und dafür zu sorgen, dass sich ihre Laune besserte. Von ihrer Tante Ellen erfuhr sie, Nicolette sei liebeskrank und müsse bewacht werden, damit sie nicht mit dem betreffenden Mann durchbrannte. Auf keinen Fall durfte sie in ihrer Laune bestärkt werden.

„Deine Eltern berichten, du seist eine vernünftige junge Frau, Joan, die nicht zu Dummheiten neigt.“

Joan fühlte sich in dem Moment, als sie diese Worte zu hören bekam, nicht besonders vernünftig, da sie beim Anblick von Woldingham überwältigt und sprachlos war – von der Größe des Anwesens und der Anzahl der Bediensteten ebenso wie von den glitzernden Kostbarkeiten, die es zu sehen gab, wohin sie auch schaute. Zwar murmelte sie eine zustimmende Bemerkung – schließlich hatte sie ihrer Mutter versprochen, sich gut zu benehmen –, dennoch wagte sie es, eine Frage zu stellen: „Wen liebt Cousine Nicolette, Tante?“

„Das ist nicht wichtig. Er ist völlig unpassend für sie. Wirklich völlig unpassend.“

Joan konnte sich nicht vorstellen, wie Nicolette so dumm sein konnte zu glauben, sie sei in einen besitzlosen Ritter oder einen Troubadour verliebt, und sie war mehr als glücklich darüber, ihr dabei zu helfen, diesen Irrglauben zu überwinden. Sie selbst war fest davon überzeugt, dass sich die Liebe auf ein vernünftiges, passendes Ziel hin dirigieren ließ.

Nicolette schien sich über Joans Gegenwart und die Ablenkung zu freuen, die sie ihr bot, und nach kurzer Zeit wandelte sie sich zu einer lebendigen, charmanten Freundin – auch wenn sie hin und wieder unglücklich seufzte. Joan ihrerseits genoss den Reichtum und die Bequemlichkeiten, die Woldingham zu bieten hatte, und Gleiches galt für die zahlreichen gut aussehenden jungen Männer, die ihr Interesse an Nicolette bekundeten. Sie hatte für sich zwar längst entschieden, dass ein älterer, vernünftigerer Mann für sie als Ehemann besser geeignet war, dennoch gab es nichts dagegen einzuwenden, von höflichen jungen Burschen umschwärmt zu werden. Auch wenn Nicolette sich erkennbar von keinem von ihnen in Versuchung geführt fühlte, hatte Joan gehofft, die Vorfreude auf das Weihnachtsfest würde ihre Seufzer für eine Weile verstummen lassen.

Je näher aber die Feiertage rückten, umso nachdenklicher und schwermütiger wurde Nicolette. Ihre Eltern waren zwar in Sorge um sie, da sie ihre Tochter über alles liebten, doch sie ließen kein Einlenken erkennen. Dieser Mann musste wahrhaftig völlig unpassend für Nicolette sein.

Autor

Jo Beverley
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