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Zoe fiebert der Reise nach Jamaika entgegen. Die Gelegenheit, mit Bryan, den sie sehr liebt, über ihre gemeinsame Zukunft zu reden. Dass er ganz andere Vorstellungen hat, ist eine bittere Enttäuschung für Zoe. Bedeutet das die Trennung, obwohl ihr das Herz bricht, wenn sie nur daran denkt?
  • Erscheinungstag 06.05.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733777531
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Zoe ordnete nervös die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und sah auf die Uhr. Mr. Sinclair müsste jeden Moment kommen. Zoe atmete tief durch und blickte auf den geöffneten Ordner, der vor ihr auf dem Tisch lag. Warum bin ich nur so aufgeregt? fragte sie sich wiederholt. Dies war ein ganz gewöhnlicher Termin zwischen ihr als Vertrauenslehrerin und dem Vater eines Schülers, und sie war gut auf das Gespräch vorbereitet.

Den Unterlagen hatte sie entnommen, dass Bryan Sinclair allein erziehender Vater seines zwölfjährigens Sohnes Paul war. Von der Mutter des Jungen wusste sie allerdings nichts, da sie nirgendwo erwähnt wurde. Bryan Sinclair hatte eine Führungsposition in einem multinationalen Unternehmen und war vor kurzem von Argentinien nach Washington D.C. gezogen. Zufälligerweise hatte er ein Apartment in demselben Haus gemietet, in das auch Zoe vor kurzem gezogen war. Er wohnte im ersten und sie im zweiten Stock.

Zoe hatte die vergangenen sechs Jahre in Afrika verbracht, zwei in Tansania, ein Jahr in Mauritanien, drei in Kamerun, und war in diesem Sommer in die Staaten zurückgekehrt.

Bryan Sinclair sah blendend aus, war groß und kräftig gebaut, hatte blaue Augen und dichtes blondes Haar. Er strahlte Kraft und Selbstbewusstsein aus und war ein Mann, nach dem sich die Frauen umdrehten.

Zoe war Bryan zum ersten Mal an der Haustür begegnet und war sofort von ihm fasziniert gewesen. Sie konnte sich nicht erklären, was es war – vielleicht die berühmte Liebe auf den ersten Blick oder auch nur erotische Anziehungskraft – sie wusste es nicht. Auf jeden Fall war in diesen Sekunden irgendetwas passiert, das man mit logischem Denken nicht erklären konnte.

Und nun saß sie hier in ihrem kleinen Büro der Olympia International School und war so aufgeregt, dass ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Leider hatte sie eine unangenehme Sache mit Bryan Sinclair zu besprechen. Sein Sohn kam in der Schule überhaupt nicht zurecht. Er war erst seit vier Wochen hier, hatte aber bei sämtlichen Lehrern fast nur schlechte Zensuren eingeheimst, weil er sich weder am Unterricht beteiligte, noch seine Hausaufgaben machte. Zoe seufzte auf. Ihre undankbare Aufgabe bestand nun darin, Mr. Sinclair diese schlechte Nachricht mitzuteilen.

Um Punkt acht Uhr klopfte es an der Tür, und Bryan Sinclair betrat das Büro.

„Guten Morgen“, grüßte er höflich, und beim Klang seiner tiefen, männlichen Stimme überlief Zoe ein erregendes Prickeln.

Bryan Sinclair trug einen perfekt sitzenden Anzug, ein weißes Hemd, eine modische Krawatte und sah umwerfend gut aus.

Zoe erwiderte den Gruß und stand auf. Als er auf sie zutrat und ihr die Hand gab, fühlte sie sofort wieder das erregende Prickeln. Bryan duftete nach After Shave und Seife und hatte sicher gerade erst geduscht. Unwillkürlich stellte Zoe sich seinen muskulösen nackten Körper vor, auf den das Wasser niederprasselte …

Reiß dich zusammen! mahnte sie sich im Stillen. Was war nur los mit ihr? Normalerweise reagierte sie doch sonst nicht so auf einen Mann.

Bryan ließ ihre Hand los und setzte sich Zoe gegenüber auf einen Stuhl. Sie konnte sich ihre Reaktion einfach nicht erklären. Schließlich waren ihr schon oft attraktive Männer begegnet, doch noch nie hatte auch nur einer ihr Herz höher schlagen lassen. Bei Bryan Sinclair war alles anders. Dieser Mann brachte sie völlig aus der Fassung.

Irgendetwas Geheimnisvolles umgab ihn. Warum zog ein Mann mit seinem beruflichen Hintergrund in eine einfache Mietwohnung? Ein eigenes Haus oder eine luxuriöse Eigentumswohnung hätten eher zu seinem Status gepasst.

„Sie möchten über Pauls schulische Leistungen mit mir sprechen?“, kam Bryan sofort zur Sache und riss Zoe damit aus ihren Gedanken.

„Ja.“ Sie atmete tief durch. Irgendwie fiel es ihr schwer, sich in Bryans Gegenwart auf das Thema Paul zu konzentrieren.

Kurz vor Schulbeginn hatte Zoe Bryans Sohn einmal vor dem Haus getroffen und sich nett mit ihm unterhalten. Er war ein hübscher Junge, klein für sein Alter, mit lockigem braunem Haar und blaugrauen Augen, die zwar nicht so strahlten wie die seines Vaters, dafür aber sehr warm und auf rührende Weise verletzlich wirkten. Zoe hatte den Jungen sofort gern gehabt. Bei ihrem ersten Treffen war er freundlich und sehr aufgeschlossen gewesen, doch kaum in der Schule, hatte er sich plötzlich völlig in sich zurückgezogen.

„Paul ist ein liebenswerter und sehr intelligenter Junge, Mr. Sinclair“, begann Zoe schließlich und war froh, dass ihre Stimme dabei professionell und gelassen klang.

Bryan lächelte. „Das weiß ich.“

Zoe blickte auf den vor ihr liegenden Ordner. „Den Unterlagen zufolge lebten Sie die letzten fünf Jahre in Buenos Aires, wo Ihr Sohn die internationale Schule besuchte.“

„Richtig.“

„Ich kann mir vorstellen, dass der Umzug in die Staaten für Paul eine große Umstellung ist“, schnitt Zoe vorsichtig das Problem an. In ihrer Schule gab es viele Kinder aus verschiedenen Nationen, die durch den Beruf ihrer Eltern von einem Land ins andere zogen. Für diese Schüler war es oft nicht leicht, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

„Ja.“ Bryan runzelten leicht die Stirn. „Halten Sie das für ein Problem, Miss Langdon?“

„Ja, leider.“ Zoe sah ihm fest in die Augen und zwang sich, mit ihren Gedanken bei der Sache zu bleiben. „Um auf den Punkt zu kommen, Mr. Sinclair, Pauls Zwischenzeugnis weist schlechte Noten in sämtlichen Fächern auf. Er hat es mit nach Hause genommen und sollte es Ihnen zur Unterschrift vorlegen.“

„Ich habe kein Zeugnis gesehen.“

Das überraschte Zoe nicht. Paul hatte es wahrscheinlich für klüger gehalten, das Zeugnis seinem Vater vorzuenthalten. Zoe reichte ihm eine Kopie aus ihrem Ordner.

Bryan las und runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher, dass das alles stimmt?“

„Absolut. Ich habe mit seinen Lehrern gesprochen. Aus Pauls früheren Zeugnissen lässt sich ersehen, dass solche Noten bei ihm nicht normal sind. Er ist intelligent, hat keine Lernschwächen, und seine Zensuren waren früher ausgezeichnet.“

Bryan nickte. „Wo liegt also das Problem?“

„Paul gibt keine Hausaufgaben ab und lernt nicht, was er aufbekommt. Ich habe schon mit ihm gesprochen, doch er scheint nicht das geringste Interesse zu haben, etwas an seinem Verhalten zu ändern.“

„Er rebelliert, lehnt sich auf, das ist alles“, erwiderte Bryan gelassen.

„Nein, ich glaube, da steckt mehr dahinter, Mr. Sinclair“, widersprach Zoe entschieden. „Offen gesagt, mache ich mir Sorgen um Ihren Sohn.“

„Sorgen? Inwiefern?“

Er wirkt manchmal regelrecht depressiv, wollte Zoe schon sagen, unterließ es aber lieber. „Ich habe schon mehrmals versucht, mit ihm zu sprechen, aber es war nichts aus ihm herauszubekommen“, erwiderte sie stattdessen. „Im Gegenteil, er zog sich völlig vor mir zurück. Seinen Unterlagen zufolge soll er auf der Schule in Argentinien ganz anders gewesen sein. Eine solche Verschlossenheit entspricht nicht Pauls Natur. Wahrscheinlich bedrückt ihn etwas.“

Bryan sah Zoe fest in die Augen. „Ich glaube, Sie nehmen die Sache zu ernst, Miss Langdon. Paul ist erst vier Wochen hier. Finden Sie nicht auch, dass es noch ein bisschen früh ist, um derartige Schlüsse zu ziehen?“

„Ich habe keine Schlüsse gezogen, sondern lediglich gesagt, dass Paul meiner Meinung nach Probleme hat. Und je früher wir wissen, worum es sich handelt, desto besser können wir dagegen angehen.“

Bryan seufzte. Offensichtlich wurde er allmählich ungeduldig. „Wir sind gerade erst hierher gezogen, Miss Langdon. Paul braucht Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Verhalten ist meiner Ansicht nach völlig normal.“

Zoe teilte Bryans Meinung nicht. Sie war fest überzeugt, dass bei Paul mehr dahinter steckte als nur Anpassungsschwierigkeiten an eine neue Schule und Umgebung. Dass Bryan die Sache so locker nahm, konnte Zoe nicht verstehen. Allem Anschein nach wollte er nicht einsehen, dass sein Sohn ein ernsthaftes Problem hatte. „Hat er denn irgendetwas über die Schule erzählt?“, fragte sie schließlich.

„Nur dass die in Argentinien besser und die Lehrer netter gewesen seien.“ Bryan lächelte. „Ansonsten sei alles okay, behauptet er zumindest.“

Nichts ist okay, dachte Zoe, die Bryans gelassene Haltung allmählich ärgerte. Es war nicht normal, wenn ein intelligenter und lebhafter Junge wie Paul sich plötzlich völlig in sich zurückzog, nichts für die Schule tat und sich für nichts mehr begeistern konnte.

„Haben Sie denn mit Paul über seine schulischen Leistungen gesprochen?“

„Er sagte, er habe nirgendwo Probleme, und ich nahm an, dass das stimmt. Ich musste Paul noch nie ermahnen, seine Hausaufgaben zu machen. In dieser Beziehung war er schon immer sehr selbstständig und verantwortungsbewusst.“

„Aber jetzt ist er es nicht mehr.“

„Sieht ganz so aus.“

Es sieht nicht nur so aus, es ist auch so, dachte Zoe ärgerlich. Wie kann einem Vater nur entgehen, dass sein Sohn nie Schularbeiten macht?

„Er gibt seine Hausaufgaben jedenfalls nicht ab“, erklärte Zoe so ruhig wie möglich. „Und er beteiligt sich nicht am Unterricht. Nicht einmal Basketball interessiert ihn mehr. Und in seinen Akten steht, dass Paul ein sehr guter Spieler ist.“

„Stimmt“, bestätigte Bryan. „Und ich bin sicher, dass er wieder damit anfangen wird, wenn er erst einmal begriffen hat, dass er sich mit seinem Verhalten nur selbst schadet. Dann klemmt er sich ordentlich dahinter und holt alles wieder auf.“

Mit dieser Antwort wollte sich Zoe jedoch nicht zufrieden geben. „Dürfte ich Ihnen noch einige Fragen stellen?“, beharrte sie.

Bryan blickte auf die Armbanduhr. „Tut mir Leid, aber ich habe keine Zeit mehr.“

Erneut stieg Ärger in Zoe auf. Sie kannte genügend Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder hatten oder einfach kein Interesse an deren Leben. Auch wenn sie die Einstellung dieser Eltern noch so sehr missbilligte, an dieser Stelle hörte ihre Kompetenz auf. Als Vertrauenslehrerin war es ihre Pflicht zu helfen, soweit sie konnte, aber sie wusste, dass sie sich gefühlsmäßig nicht zu sehr in ihre Arbeit einbinden durfte. Warum die Sache mit Paul ihr so zu Herzen ging, verstand sie selbst nicht recht.

Zoe atmete tief durch und sah Bryan direkt an. „Nur noch eine Frage, Mr. Sinclair. Könnte es vielleicht sein, dass Paul zu Hause Probleme hat, die ihm zu schaffen machen?“

„Nein, da gibt es keine Probleme, Miss Langdon.“ Bryan hatte ganz ruhig gesprochen, doch Zoe spürte deutlich die versteckte Feindseligkeit, die in den Worten lag. Misch dich nicht in meine Angelegenheiten, wollte er ihr damit indirekt sagen.

Doch Zoe ließ sich nicht beirren, sie musste wissen, was Paul bedrückte. „War Paul denn damit einverstanden, in die Staaten zurückzugehen?“

Bryan zuckte die Schultern. „Es blieb ihm nichts anderes übrig.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage, Mr. Sinclair. Wollte Paul Argentinien verlassen?“

„Nein, und ich denke, deshalb stellt er sich jetzt auch so quer. Aber ich glaube nicht, dass dieser Zustand allzu lange anhalten wird. Paul wird bald neue Freunde finden, und dann sieht wieder alles anders aus.“

Hoffentlich hast du Recht, dachte Zoe und nickte, doch sie glaubte nicht daran.

Bryan stand auf. „Bei allem Respekt, Miss Langdon, finden Sie Ihre Sorge nicht etwas übertrieben? Paul ist erst seit vier Wochen hier, das ist wirklich keine lange Zeit.“

Bryans unbekümmerte Haltung und vor allem sein selbstsicherer Tonfall ärgerten Zoe, doch sie wusste, dass es keinen Sinn hätte, sich mit ihm zu streiten. Paul konnte nur durch Zusammenarbeit und nicht durch Streit mit seinem Vater geholfen werden.

„Hoffentlich behalten Sie Recht“, erwiderte sie gezwungen höflich und stand ebenfalls auf. „Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, rufen Sie mich einfach an, einverstanden?“

„Vielen Dank.“

„Er sah ihr in die Augen und lächelte zu Zoes Erstaunen plötzlich amüsiert. „Sollten wir nicht ein bisschen weniger förmlich miteinander umgehen, Miss Langdon? Schließlich sind wir ja Nachbarn. Nennen Sie mich einfach Bryan.“

Zoe erwiderte sein Lächeln. „Ja, da haben Sie wohl Recht. Ich heiße Zoe.“

Er nickte und sah sie eindringlich an. „Bis bald, Zoe.“

Nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen hatte, setzte Zoe sich wieder hin und atmete tief durch. Ich mag diesen Mann nicht, dachte sie. Sein arrogantes Auftreten, seine Augen, die Art, wie er mich ansieht, sein Lächeln, all das gefällt mir nicht.

Oh doch, und ob es dir gefällt, meldete sich da plötzlich eine innere Stimme, und Zoe stützte seufzend den Kopf in die Hände. Was um Himmels willen war nur los mit ihr?

2. KAPITEL

Zoe musste noch den ganzen Tag an Bryan denken, und jedes Mal, wenn sie seine blauen Augen im Geiste vor sich sah, verspürte sie ein erregendes Kribbeln im Bauch. Doch dann war da noch ein anderes Gefühl, ein negatives, das sich einfach nicht verdrängen ließ. Bryan schien sich nicht für die Probleme seines Sohnes zu interessieren. Er weigerte sich sogar, ernsthaft darüber zu reden.

Zoe wusste, dass es schwierig werden würde, mit diesem Mann zusammenzuarbeiten, doch sie war entschlossen, Paul zu helfen. Zum einen hielt sie das für ihre Pflicht, und zum anderen mochte sie Paul sehr. Der Junge strahlte eine Verletztlichkeit aus, die Zoe zu Herzen ging.

Das Mittagessen nahm Zoe mit einigen Lehrerkollegen und der geschwätzigen Schulsekretärin Ann ein. Die hatte Bryan am Morgen Zoes Büro verlassen sehen. Sie wusste, wer er war, kannte seine Adresse und musste das nun natürlich sofort allen erzählen. Nach den Akten, meinte Ann, komme Bryan Sinclair aus einer wohlhabenden Familie, die das internationale Unternehmen besaß, für das er arbeitete. Er habe große Projekte in verschiedenen Ländern der Welt durchgeführt, das letzte in Argentinien, wie sie in einem Fachmagazin gelesen habe. Außerdem sei er vor Jahren einmal verheiratet gewesen, was jedoch mit seiner Frau geschehen sei, das wisse niemand.

Weiterhin brachte Ann die Frage auf, warum ein Mann wie Bryan Sinclair nur in einer Mietwohnung, sei es auch eine noch so schöne, lebte. Hätte Zoe nicht unverschämtes Glück, mit einem derart gut aussehenden Mann zufälligerweise unter einem Dach zu wohnen? Man stelle sich nur die Möglichkeiten vor!

„Bist du schon mal in seiner Wohnung gewesen?“, fragte Ann Zoe neugierig, die die ganze Zeit über geschwiegen hatte. Zoe verneinte und bot ihren Kollegen noch Kaffee an. Ihr war es unangenehm, über Bryan Sinclair zu reden, obwohl sie, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, genauso neugierig war wie Ann.

Um vier Uhr nachmittags schloss Zoe ihr Büro ab und ging durch den schönen Park nach Hause. Die Luft war angenehm warm, und es duftete herrlich nach Chrysanthemen und anderen Spätsommerblumen. Zoe hatte seit Jahren keinen Herbst mehr zu Hause erlebt und deshalb fast vergessen, wie schön die Pflanzen und Bäume in dieser Jahreszeit waren.

Einen Wagen hatte sie sich noch nicht zugelegt, da sie bis jetzt ganz gut ohne zurechtgekommen war. Zur Schule konnte sie zu Fuß gehen, und für längere Strecken benutzte sie die Metro oder ein Taxi. Vielleicht werde ich mir im Frühling ein Auto kaufen, überlegte Zoe, um damit aufs Land hinauszufahren.

Sie ging noch rasch in eine Bäckerei, um frisches Brot zu kaufen. Vor ihr stand eine junge Frau mit einem Baby im Arm und blickte sehnsüchtig auf den Apfelstrudel. Als Zoe in das winzige Kindergesichtchen sah, spürte sie plötzlich überwältigende Sehnsucht. Sie wünschte sich auch ein Kind, das sie im Arm halten und lieben konnte. Und dazu wünsche ich mir einen Mann, den ich genauso lieben kann, dachte Zoe, während sie das letzte Stück nach Hause ging. Sie war neunundzwanzig, da war es völlig normal, sich nach solchen Dingen zu sehnen. Manchmal wurde sie von dem Wunsch, ihre Liebe zu verschenken, so überwältigt, dass sie es kaum aushielt und sich entsetzlich einsam fühlte. Du bist verrückt, sagte sie sich dann jedoch immer wieder und verdrängte die trüben Gedanken.

Zu Hause öffnete Zoe den Briefkasten und sah ihre Post durch. Ein Brief von Nick war dabei. Zoe rannte die Treppen hinauf, weil sie es kaum erwarten konnte, ihn zu lesen. In ihrer Wohnung kochte sie schnell Tee, tauschte das Kostüm, das sie im Büro getragen hatte, gegen bequeme Jeans und ein T-Shirt und ließ sich schließlich mit Nicks Brief aufs Sofa sinken.

Nick war Naturwissenschaftslehrer an einem Internat in Kamerun, an dem auch Zoe drei Jahre lang gearbeitet hatte. Er schrieb von Leuten, die Zoe kannte, von dem Paar, das sich bei einem Eingeborenenstamm trauen ließ, von Schülern und Lehrern, mit denen Zoe zu tun gehabt hatte, und schließlich, was mit dem weiblichen spanischen Kulturattaché geschehen war, in den er, Nick, sich verliebt hatte.

Liebe Zoe, meine spanische Prinzessin hat mich wegen eines anderen verlassen, kannst Du Dir das vorstellen? ‚Wie konnte sie ihm das nur antun?‘ wirst Du Dich jetzt fragen. Nun, ich glaube, sie wollte einen Prinzen haben, und ich bin eben nur ein ganz einfacher Kerl aus New Jersey. Das hat mich ganz schön umgehauen, kann ich Dir sagen. Jetzt sitze ich hier allein herum und bin ganz krank vor Einsamkeit. Warum bist Du bloß fortgegangen, Zoe? Du warst meine beste Freundin. Gerade jetzt könnte ich Deinen Trost gebrauchen.

Die Abende verbringe ich allein, es sei denn, Jacob kommt mit Palmwein vorbei, und wir reden über die Maniokernte und die Geheimnisse des weiblichen Wesens. Ich trinke viel zu viel und rede jede Menge dummes Zeug, was ich dann am nächsten Morgen natürlich bitter bereue.

Ach Zoe, ich sehne mich so sehr nach Deinen unwiderstehlichen Kokosnussschokoladenkeksen und nach unseren guten Gesprächen. Aber immer, wenn ich an Deinem Haus vorbeikomme in der Hoffnung auf ein Wunder, werde ich enttäuscht.

Wir vermissen Dich alle sehr. Dich, Dein gemütliches Heim und die Freundschaft und Wärme, die wir bei Dir genossen haben. Weißt Du, ich frage mich oft, warum ich immer noch hier bin, in dieser gottverlassenen staubigen kleinen Stadt in Afrika. Wahrscheinlich, weil es mir gefällt.

Ich hoffe, Du bist glücklich in Deiner neuen Wohnung in Washington. Ich habe mir schon oft vorgestellt, wie sie wohl aussehen mag: eine Menge Pflanzen, hübsche, mit Blümchen verzierte Teetassen, ein warmes Feuer im Kamin für kalte Nächte und der verlockende Duft eines Deiner leckeren selbst gebackenen Kuchen im Ofen.

Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du das findest, was Du suchst, Zoe. Ich kann mir gut vorstellen, wie Du auf dem Sofa sitzt, mit einem gut aussehenden Mann an der Seite und einem Baby auf dem Schoß, das Deine schönen braunen Augen und Dein warmes Lächeln hat.

Manchmal frage ich mich, ob ich wohl den Rest meines Lebens hier in Afrika verbringen und dabei immer mehr zu einem verrückten Exzentriker werde.

Zoe lachte laut. Nick war ja schon ein Exzentriker. Er war vierzig, ewiger Junggeselle und hatte schon in vielen Ländern der Erde gelebt, an Schulen gelehrt oder verschiedene andere Arbeiten verrichtet, die ihn fasziniert hatten.

Und sie, Zoe, wäre beinahe auch geworden wie er, bis sie eines Nachts einen Traum gehabt hatte, bei dem ihr klar geworden war, dass sie ihr Leben ändern musste.

Zoe goss sich noch eine Tasse Tee ein und trank ihn langsam aus, während sie Nicks Brief zu Ende las. Armer Nick, dachte sie, bist ganz allein in einer kleinen Stadt in Afrika.

Und ich bin ganz allein in einer großen Stadt in Amerika. Zoe verzog das Gesicht. „Komm, hör auf damit“, schalt sie sich laut. „Du hast doch alles, was du wolltest.“

Zoe legte den Brief auf den Tisch, ging ans Fenster und sah gedankenversunken hinaus auf die Allee. Bryan Sinclairs metallicblauer Saab stand nicht auf dem Parkplatz vor dem Haus. Warum achte ich eigentlich immer darauf, ob sein Wagen dasteht oder nicht? fragte sie sich. Um diese Zeit war Bryan gewöhnlich noch nicht zu Hause. Mrs. García, seine Haushälterin, kümmerte sich um Paul, bis sein Vater von der Arbeit kam. Zoe versuchte, sich vorzustellen, wie es wohl in seiner Wohnung aussehen mochte. Bestimmt hatte er nur teure Möbel, aber in welchem Stil, das wusste sie nicht. Schließlich kannte sie den Mann ja kaum. Doch sein Gesicht, sein blondes Haar, die blauen Augen, dieses Bild sah sie nur allzu deutlich vor sich. Und jedes Mal, wenn sie an Bryan dachte, erschauerte sie.

Zoe zwang sich, an etwas anderes zu denken. Zufrieden ließ sie den Blick durch ihr Wohnzimmer schweifen. Sie hatte die Wohnung ganz allein eingerichtet und war stolz auf das Resultat. Alles, die Bilder, die handgewebten Wandteppiche, die Holzskulpturen und die Möbel waren aufeinander abgestimmt und bildeten eine perfekte Einheit. Die Wohnung wirkte einladend und warm, sie war ein richtiges Nest, in das man sich nach einem anstrengenden Arbeitstag gern zurückzog.

Ja, sie, Zoe, würde hier glücklich werden. Washington war eine aufregende Stadt mit allen kulturellen Einrichtungen, die man sich vorstellen konnte – Theater, Konzerte, Vorlesungen, Seminare –, hier gab es alles, was Zoe in den letzten Jahren so vermisst hatte.

Sie legte eine Cassette mit Reggaemusik auf und bereitete einen grünen Salat mit Avocados und Schafskäse zu. Dann setzte sie sich an den Tisch, genoss den Salat mit knusprigem Brot und trank ein Glas Wein dazu. Es schmeckte köstlich.

Während Zoe aß, schweiften ihre Gedanken zurück nach Afrika, und plötzlich fühlte sie sich wieder einsam. Ja, in Afrika hatte sie Freunde gehabt, die sie oft zum Essen oder einfach nur auf ein Glas Wein besucht hatten. Zoe vermisste die Unterhaltung, das Lachen und die Wärme, die ihr die Freunde geschenkt hatten. Tränen traten ihr plötzlich in die Augen, und sie wischte sie ärgerlich fort. Sie hatte gar keinen Grund, traurig zu sein und in Selbstmitleid zu zerfließen. Neue Freunde zu finden brauchte eben seine Zeit.

Da klingelte das Telefon, und Zoe nahm den Hörer ab.

„Hi, ich bin’s, Maxie“, meldete sich eine temperamentvolle Stimme am anderen Ende der Leitung. Maxie wohnte auch im selben Haus, in einer großen schönen Wohnung, die sie mit ihrem Mann, einigen exotischen Vögeln und einer Boa Constrictor teilte. Maxie hatte eine rote Mähne, eine sexy Stimme, eine atemberaubende Figur und trug die schrillsten Klamotten, die Zoe je gesehen hatte.

„Hi“, grüßte Zoe freundlich.

Als sie an einem brütend heißen Tag im August hier eingezogen war, hatte Maxie ihr kalte Limonade, die Benutzung ihres Telefons und einen Blick auf ihre Schlange angeboten. Maxie und ihr Mann Derek führten ein sehr exklusives internationales Kunstgeschäft und reisten häufig in andere Länder, um dort interessante Dinge einzukaufen.

„Am Samstag geben wir wie jedes Jahr unsere Spätsommerparty“, erklärte Maxie vergnügt. „Ich würde mich freuen, wenn du auch kämst.“

Zoe spürte sofort wieder Leben in sich. Eine Party! Menschen, Unterhaltung!

„Oh, natürlich komme ich!“, sagte sie begeistert zu. „Soll ich etwas mitbringen?“

„Nein, nein, brauchst du nicht. Ich habe einen Partyservice beauftragt. Weißt du, es werden eine Menge Leute kommen, und für die alle zu kochen, wäre mir zu viel Arbeit. Und wie geht’s dir? Hast du dich inzwischen eingelebt?“

„Die Schule und die Kollegen sind okay, aber an die amerikanischen Verhältnisse, wie zum Beispiel übervolle Supermärkte und funktionierende Telefone, muss ich mich erst wieder gewöhnen.“

Maxie lachte mit ihrer rauchigen Stimme fröhlich auf. „Auf meiner Party wirst du bestimmt Gleichgesinnte treffen. Es kommen viele Globetrotter und Typen aus allen möglichen Ländern.“

„Klingt interessant. Was soll ich anziehen?“

„Was du willst. Die Leute werden Jeans tragen, Saris, Dashikis oder Anzug mit Krawatte, also ist es wirklich ganz egal, für was du dich entscheidest.“

„Als du sagtest, es käme ein Partyservice, befürchtete ich schon, ich müsste ein superelegantes Abendkleid anziehen.“

„Oh bitte, verschon mich damit!“ Maxie lachte. „Also dann bis Samstag um acht, ich freu mich schon.“

Zoe legte auf, und ihre Traurigkeit war mit einem Mal wie weggeblasen. Fröhlich aß sie ihren Salat zu Ende und überlegte, was sie nun tun sollte. Einen Kuchen backen! Einen leckeren Schokoladenkuchen mit Nüssen. Den würde sie morgen in die Schule mitnehmen und ins Lehrerzimmer stellen.

Als Zoe die Zutaten zusammenstellte, merkte sie, dass ihr zwei Eier fehlten. Der Laden an der Ecke war noch offen. Sie griff nach ihrem Geldbeutel, eilte die Treppen hinunter, riss die Haustür auf und wäre beinahe mit Bryan Sinclair zusammengestoßen, hätte er nicht rechtzeitig gebremst. Zoes Herz schlug schneller, als sie ihm in die strahlenden Augen sah. Wie der Sommerhimmel, ging es ihr unwillkürlich durch den Sinn. Offensichtlich kam er gerade von der Arbeit, denn er hatte einen Aktenkoffer in der Hand und trug noch den gleichen Anzug, den er schon heute Morgen angehabt hatte.

„Hallo“, grüßte er freundlich und lächelte.

Da wurde Zoe erst bewusst, dass sie ihn die ganze Zeit nur starr angesehen hatte. „Ich … ich wollte gerade Eier kaufen gehen“, erwiderte sie verlegen.

Seine Augen blitzten amüsiert. „Hoffentlich bekommen Sie noch welche. Wenn nicht, könnte ich Ihnen aushelfen. Oder warten Sie mal … eigentlich könnte ich sie Ihnen doch gleich geben, dann sparen Sie sich den Weg.“

„Vielen Dank, aber ich bin sicher, in dem Laden drüben an der Ecke werde ich welche bekommen. Außerdem tut mir ein bisschen Bewegung ganz gut.“ Sie eilte an Bryan vorbei und hörte noch, wie die Tür hinter ihm zufiel. Zoes Herz klopfte wild. Was war nur los mit ihr? Sie reagierte doch sonst nicht so auf einen Mann. Außerdem mochte sie Bryan Sinclair nicht einmal, oder etwa doch?

Bryan beobachtete sie. Es war seltsam, aber Zoe konnte seine Blicke förmlich spüren. Sie nippte an ihrem Wein und sah unauffällig zu ihm hinüber. Er unterhielt sich gerade mit einem ganz in Weiß gekleideten Araber und einer Frau in einem Bunnykostüm. Es waren tatsächlich die unterschiedlichsten Typen da: ein Mann in einem Dashiki, zwei Frauen in Saris und einige andere in exotisch bedruckten T-Shirts. Die anderen trugen mehr oder weniger übliche Partykleidung, wie auch Bryan, der in dunkler Hose und blauem Seidenhemd gekommen war.

Zoe trug ein kurzes, schwarzes schulterfreies Cocktailkleid, das sie in diesem Sommer in Rom gekauft hatte, wo sie ihre Mutter besucht hatte, bevor sie in die Staaten zurückgekehrt war. Es war sehr sexy, und Zoe kam sich ein bisschen nackt darin vor, obwohl das Kleid nur ihre Figur betonte, jedoch nicht mehr freigab, als der gute Geschmack erlaubte. Wahrscheinlich bin ich es nach den Jahren in Afrika nur nicht mehr gewöhnt, solche Kleider zu tragen, dachte Zoe.

Zuerst war sie überrascht gewesen, Bryan hier zu treffen, doch dann war ihr eingefallen, dass er ja genauso Maxies Nachbar war, wie sie, Zoe, selbst. In diesem Moment verabschiedete er sich von dem Araber und dem Bunny und kam direkt auf sie zu.

„Sie sehen irgendwie verloren aus“, meinte er und lächelte.

Zoe lächelte zögernd zurück. „Ich kenne hier ja niemanden. Vielleicht sollte ich mich am besten ins Getümmel stürzen und mit jemandem, der interessant aussieht, ein Gespräch anfangen.“

Bryan blickte sich um. „Wen finden Sie denn interessant genug?“

„Den Scheich dort drüben, mit dem Sie sich gerade unterhalten haben. Den kann ich mir so richtig auf einem Kamel in der Wüste vorstellen.“

Bryan trank einen Schluck aus seinem Glas. „Finden Sie das denn romantisch?“

„Romantisch nicht unbedingt, aber interessant.“

„Nun, ich fürchte, da muss ich Sie doch enttäuschen. Der Mann stammt aus Texas. Er hat nur einige Jahre bei einer Ölgesellschaft in Saudiarabien gearbeitet und tritt seitdem bei jeder Party in diesem Kostüm auf. Er hat noch nie in seinem Leben auf einem Kamel gesessen und ist ansonsten furchtbar langweilig.“

Zoe seufzte auf. „Also gut, wer ist denn dann interessant?“

„Die kleine alte Lady da drüben“, antwortete Bryan spontan. „Die mit den orthopädischen Schuhen.“ Er lächelte, als er zu besagter Dame hinübersah.

„Aha. Und was ist an ihr so interessant?“

„Sie ist schon auf einem Kamel geritten.“

Zoe lachte laut, und Bryan stimmte mit ein.

„Sie arbeitet für eine Hilfsorganisation im Sudan“, erklärte er. „Im Moment hat sie gerade Urlaub.“

„Ach, Sie wollen mich doch nur auf den Arm nehmen.“ Zoe sah zu der Frau hinüber. Die war sehr klein, hatte graues Haar und war mindestens siebzig – auf den ersten Blick eine ganz normale alte Dame. Als Zoe sie jedoch eingehender betrachtete, stellte sie fest, dass sie alles andere als alt und tatterig wirkte. Sie schien außerordentlich temperamentvoll zu sein, lachte vergnügt und unterhielt sich angeregt mit verschiedenen Gästen.

„Sie scheint gerade sehr beschäftigt zu sein“, sagte Zoe und lächelte, „aber später werde ich mich noch mit ihr unterhalten. Übrigens, ich habe gehört, dass Sie auch in Venezuela gearbeitet haben. Hat es Ihnen dort gefallen?“

Ein dunkler Schatten huschte über Bryans Gesicht. Oder bildete sie, Zoe, sich das nur ein?

„Nicht besonders“, antwortete er kühl. „Wer hat Ihnen davon erzählt?“

Autor

Karen Van Der Zee
Karen van der Zee wuchs in Holland auf und begann schon früh mit dem Schreiben. Als junges Mädchen lebte sie ganz in der Welt ihrer Träume, verschlang ein Buch nach dem anderen und erfand zudem eigene Geschichten, die sie in Schulheften aufschrieb und liebevoll illustrierte. Leider entdeckten ihre Brüder eines...
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