Ein Gentleman für jede Jahreszeit (4-teilige Serie)

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EINEN VISCOUNT KÜSST MAN NICHT! von ELIZABETH BEACON


Seit Chloe ihn abgewiesen hat meidet Luke Winterley, Viscount Farenze, die Nähe der schönen Hausdame wie der Teufel das Weihwasser. Bis er ausgerechnet das Herrenhaus erbt, in dem sie angestellt ist! Eigentlich will er Chloe sofort entlassen – aber bei ihrem betörenden Anblick gerät sein Vorsatz gefährlich ins Wanken …

DAS SCHLOSS DER VERBOTENEN TRÄUME von ELIZABETH BEACON


Dieser selbstgefällige Marquess of Mantaigne will Dayspring Castle für sich beanspruchen und wagt es sogar, ihr einen Kuss zu rauben! Polly Trethayne ist empört. Schließlich war sie es, die das Schloss vor dem Verfall gerettet hat. Doch warum schlägt Pollys Herz in der Nähe des attraktiven Marquess bloß so schrecklich schnell?

DER LIEBESSCHWUR DES LORDS von ELIZABETH BEACON


Sir Gideon! Als die zarte Callie den stolzen Reiter erblickt, fällt sie in tiefe Ohnmacht – und kommt in seinen starken Armen wieder zu sich. Leidenschaftlich küsst Gideon sie, genau wie damals, als sie sich stürmisch liebten. Aber warum ist der adlige Verführer nach neun Jahren zurückgekehrt? Gibt er sie noch nicht verloren?

VERFÜHRT VON EINEM ABENTEURER von ELIZABETH BEACON


Was für ein attraktiver Gentleman: Rowena kann den Blick nicht von James Winterleys muskulöser Gestalt und den edlen Gesichtszügen abwenden. Auch wenn die junge Witwe nicht mehr an die große Liebe glaubt – eine Affäre mit dem verwegenen Abenteurer erscheint ihr höchst verlockend! Doch Rowena ahnt nicht, in welch brenzlige Situation James sie bringen wird …



  • Erscheinungstag 16.12.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512589
  • Seitenanzahl 640
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Elizabeth Beacon

Ein Gentleman für jede Jahreszeit (4-teilige Serie)

IMPRESSUM

Einen Viscount küsst man nicht! erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2014 by Elizabeth Beacon
Originaltitel: „The Viscount’s Frozen Heart“
erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL SAISON
Band 43 - 2017 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Eleni Nikolina

Umschlagsmotive: GettyImages_sandr2002, itakefotos4u

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733719395

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Luke Winterley, Viscount Farenze, war seiner Tochter beim Aussteigen behilflich und beobachtete, wie Eve das schöne Haus betrachtete, das sich an einen der sanften Hügel von Wiltshire schmiegte wie ein kostbares Juwel auf grünem Samt.

„Wenn ich mich doch nur erinnert hätte, dass Farenze Lodge so schön ist, dann hätte ich dich schon vor Langem dazu gedrängt, mich herzubringen, Papa. Ich weiß noch, als ich klein war, hat Tante Virginia mir eine Süßigkeit gegeben, nachdem ich die Treppe hinuntergefallen war und mir das Knie wehgetan habe, aber das ist auch fast alles, was ich noch weiß“, sagte sie.

Er unterdrückte seine Gewissensbisse und half zuerst Brandy Brown, Eves zierlicher, jedoch Respekt einflößender Zofe, aus der Kutsche, bevor er antwortete. Es stimmte, er hatte Eve von der Lodge ferngehalten, damit er so wenig Zeit wie möglich hier verbringen musste.

„Kein Wunder, dass du dieses weltbewegende Ereignis noch im Gedächtnis hast, aber … ja, es ist gewiss ein sehr schönes Haus“, erwiderte Luke mit einem zweiten Blick auf das elegante, im klassizistischen Stil erbaute Herrenhaus.

Er musste sich allerdings wappnen gegen das Gefühl der Leere, das ihn darin überkommen würde, ohne die kürzlich verstorbene Viscountess Farenze, die es zu einem Zuhause zu machen gewusst hatte. Es war jedoch seine Pflicht, Eve den Verlust ihrer Urgroßtante Virginia nicht noch schmerzlicher fühlen zu lassen, und das trotz seines eigenen Kummers und einer nie erfüllten Sehnsucht. Außerdem, je weniger irgendjemand über diese Sehnsucht wusste, und darüber, wie sehr sie ihn gerade unter diesem Dach überfiel, desto besser.

„Es kommt mir nicht annähernd so riesig vor wie damals“, fuhr Eve fort.

„Nein, es sollte auch niemals ein Palast, sondern ein Zuhause sein“, antwortete er leicht geistesabwesend. Zurzeit war es jedenfalls das Zuhause einer trauernden Dienerschaft und einer sehr unbequemen Haushälterin.

Der Gedanke, dass Mrs. Chloe Wheaton ihn in diesem Haus erwartete, ließ Luke fast laut aufstöhnen vor Unbehagen, aber er beherrschte sich und unterdrückte wieder sein schlechtes Gewissen darüber, dass er sie aus ihrem Zuhause fortschicken musste. Er konnte nicht unter demselben Dach wie Chloe Wheaton wohnen, und doch fühlte er gleichzeitig dieses heftige Bedürfnis, sie wiederzusehen, wenn auch nur, um herauszufinden, ob die zehn Jahre, die sie damit verbracht hatten, sich aus dem Weg zu gehen, sie ebenso mitgenommen hatten wie ihn.

„Virginia und Virgil liebten ihre Bequemlichkeit, aber ich bin sicher, sie hätte ihr Möglichstes gegeben, sich auch auf Darkmere Castle wohlzufühlen, wenn er es vorgezogen hätte, dort zu leben. Zum Glück war er immer sehr viel glücklicher in dem Heim, das sie sich hier zusammen geschaffen hatten“, erklärte er seiner Tochter.

Irgendwie musste er sich erneut von Mrs. Chloe Wheatons Anwesenheit ablenken, sonst würde es dazu kommen, dass er sie auch dieses Mal jenseits jeder Vernunft begehren würde. Sie war eine junge Witwe mit einer kleinen Tochter. Er hatte kein Recht, sich auf diese bohrende, unsinnige Weise nach ihr zu verzehren, wann immer sie sich in derselben Grafschaft, geschweige denn im selben Haus aufhielten.

„Ich erinnere mich nicht an deinen Onkel Virgil, Papa. Aber er sieht viel zu verwegen und zynisch aus auf jenem Porträt in der Galerie, um sich in jemanden verlieben zu können, so schön Tante Virginia auch gewesen sein mag vor sechzig Jahren.“

„Ja, aber das Porträt wurde gemalt, bevor sie sich kennenlernten, und Virginia war eine Frau von Charakter, nicht nur von seltener Schönheit. Sie waren einander so tief ergeben, wie ich es bei niemandem sonst erlebt habe, und ich bin sehr viel zynischer, als Virgil es je war“, meinte er mit einem traurigen Lächeln, denn in diesem Moment wurde ihm sehr deutlich bewusst, wie sehr beide ihm fehlten.

„Ich bin gar nicht so sicher, dass du so unromantisch bist, wie du glaubst, Papa. Aber es ist wirklich ein sehr schönes Haus, und man fühlt, dass es mit Liebe erfüllt war.“

„Ich weiß, was du meinst“, stimmte er düster zu.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger liebte er Darkmere Castle und die karge Schönheit der windgepeitschten Landschaft im Norden Englands, in der es lag, sah aber die Vorteile eines kleineren, moderneren Gebäudes, besonders an einem eisigkalten Januarnachmittag wie diesem. Er würde einen Teil des Jahres hier verbringen müssen, wenn er dafür sorgen wollte, dass Virgils und Virginias elegantes Zuhause gut erhalten blieb. Ein Blick auf die idyllische Hügellandschaft um ihn herum, und fast jeder würde ihn für einen Dummkopf oder Lügner halten, wenn er sagte, dass es sich um einen zweifelhaften Segen handelte. Ja, Mrs. Chloe Wheaton würde gehen müssen, wenn er hier wohnen sollte – um ihrer beider willen.

In ebendiesem Moment sah er, wie eine schlanke Frau ans Fenster von Virginias Schlafzimmer trat, gewiss um zu erkunden, wer angekommen war. Luke spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte, nur um dann umso schneller zu pochen, als die jugendliche Haushälterin von Farenze Lodge deutlich zusammenzuckte bei seinem Anblick. Sie begegnete seiner grimmigen Musterung mit leicht erhobenem Kinn und einer kühlen Gelassenheit, um die er sie nur beneiden konnte.

Er konnte kaum fluchen, solange Eve in der Nähe war, doch er konnte ebenfalls nicht verhindern, dass glühendes Verlangen durch seine Lenden schoss. Offenbar begehrte er diese verflixte Frau noch immer, und er konnte sie auch jetzt nicht haben.

Er ist hier, flüsterte ihr eine innere unvernünftige Stimme zu. Er ist endlich zu dir zurückgekehrt, raunte sie, und Chloe wünschte, sie könnte sie ein für alle Mal zum Schweigen bringen. Seit Virginia so krank geworden war, dass sie jede Hoffnung auf Genesung aufgaben, hatte der Gedanke an die Ankunft des Viscounts, der um seine geliebte Großtante trauerte, ihre Trostlosigkeit nur verstärkt.

Warum stand sie also da und starrte ihn an wie eine Närrin? Lord Farenze hob hochmütig die Augenbrauen, als wollte er fragen, welches Recht sie hatte, ihn anzusehen. Er war der Herr von Farenze Lodge und Darkmere Castle, und sie war lediglich die Haushälterin. Dennoch vermochte sie nicht den Blick von ihm zu nehmen, als könnte sie so einen inneren Durst löschen, den sie selbst sich nicht eingestehen wollte.

„Idiot“, schimpfte sie sich leise. Hatte sie sich nicht geschworen, nie wieder zu erzittern bei seinem Anblick?

Er wirkte herrisch, kraftvoll und widerborstig, wie immer. Dann sah sie, dass sein rabenschwarzes Haar kein bisschen Grau aufwies und zu lang für die herrschende Mode war, als er schwungvoll den Hut abnahm und spöttisch eine Verbeugung andeutete. Dunkle Brauen wölbten sich über klugen Augen, deren Farbe kein schlichtes Grau war, wie sie sich erinnerte. Sie waren genauso vielschichtig wie er – silbergrau und meist kühl, aber auch mit kleinen goldfarbenen und grünen Sprenkeln, die auf verborgene Leidenschaften hindeuteten. Sie fragte sich, ob solche Gefühle erstarben, wenn ein Mann nur lange genug leugnete, sie zu empfinden.

Chloe erinnerte sich an eine Zeit, da er sie beide fast ruiniert hätte mit seiner rasenden Begierde, und sie redete sich ein, lediglich vor Kälte zu erzittern, nicht weil sie sich an einen Luke Winterley erinnerte, der nichts mit dem kühlen Lord zu tun hatte, der jetzt auf dem Kiesweg vor dem Haus stand. Das vernarrte, zornige Mädchen von vor zehn Jahren sehnte sich mit aller Macht nach ihm, aber die reife Mrs. Wheaton erschauderte bei dem Gedanken, sie hätte dem Feuer und den falschen Versprechungen eines jüngeren, verletzlicheren Mannes nachgeben können, und wusste, dass es richtig gewesen war, ihn zurückzuweisen.

„Wer ist es, meine Liebe?“ Culdrose, die ältliche Zofe ihrer verstorbenen Herrin, sah von ihrem Stuhl neben Lady Virginias Bett auf.

„Lord Farenze, Cully“, antwortete Chloe mit einem Seufzer.

„Sehr schnell ist er gekommen. Aber warum nennen Sie ihn einen Idioten?“

„Sie haben ein gutes Gehör, Cully. Ich sprach nicht von Lord Farenze.“

„Ich mag ja weißes Haar haben, aber mein Verstand funktioniert noch. Seine Lordschaft ist ein gut aussehender Gentleman, wie jede Frau sehen kann. Sie wären eine Närrin, wenn Sie sich von ihm den Kopf verdrehen ließen.“

„Das werde ich gewiss nicht“, sagte Chloe leise, aber entschlossen. Sie würde ihn meiden wie die Pest und hoffte, dass er dasselbe tun würde.

Was war nur so besonders an dieser Frau, dass ihm ganz heiß wurde, schon wenn er sie nur aus der Ferne sah? Er wollte nicht daran erinnert werden, wie knapp sie damals einer Katastrophe entgangen waren. Hin und her gerissen zwischen widerstreitenden Gefühlen, über die er nicht nachdenken wollte, machte Luke sich klar, wie unakzeptabel es wäre, durch einen Skandal den Ruf einer anständigen Frau zu zerstören und die Aussichten ihrer kleinen Tochter zunichte zu machen.

Er war sechsunddreißig Jahre alt, kein grüner Junge, der während jeder wachen Minute an nichts anderes als Frauen und sein Verlangen nach ihnen dachte. Wenn sie ihren Blick so voller Verachtung von ihm abwenden konnte, würde er es schaffen zu vergessen, wie sehr er sie begehrte. Sie war eine der höheren Bediensteten, und er respektierte ihre Charakterstärke, obwohl gerade die eine Affäre verhinderte, die ihnen beide so viel Vergnügen hätte bereiten können.

„Ich frage mich, wie es ist, jemanden so tief zu lieben, wie Tante Virginia es getan hat“, überlegte Eve und riss Luke aus seinen Gedanken. Er runzelte die Stirn bei der Vorstellung, seine Tochter könnte die lächerlichen romantischen Ideen ihrer Mutter geerbt haben.

„Schmerzhaft und gefährlich, stelle ich mir vor“, antwortete er rau.

„Ich glaube eher, es muss wundervoll und aufregend sein, den richtigen Menschen zu lieben und von ihm wiedergeliebt zu werden, Papa.“

„Deine Mutter hätte dir zugestimmt, wieder und wieder.“ Er erschauderte. Pamela hatte sich öfter verliebt, als er zählen konnte, nachdem sie entdeckt hatte, dass ihr junger Gatte doch nicht der ideale Mann für sie war. Wie oft hatte er sich gefragt, wie ein liebevolles Kind wie seine Eve die Frucht einer so unglückseligen Ehe sein konnte.

„Bitte, wähle jemanden, der deiner wert ist, wenn du heiratest, Eve“, riet er ihr ernst. „Nimm nicht den erstbesten hohlköpfigen Beau, der sagt, er liebt dich, und am nächsten Tag einer anderen schöne Augen macht.“

„Ich bin doch nicht dumm, Papa, aber du wirst noch als einsamer, verbitterter alter Zyniker enden.“

„Zuerst möchte ich, dass du einen guten Mann findest, bevor ich mich nach einer geeigneten Frau umsehe.“

Eve verdrehte die Augen. „Geeignet?“, wiederholte sie ungläubig. „Tante Virginia hätte dich nicht gern so reden gehört. Es klingt, als wolltest du eine Frau in einem Warenhaus auswählen und sie dir an einem geeigneten Tag zur Kirche liefern lassen.“

„Du bist ein impertinentes kleines Ding, junge Dame, aber ich gebe zu, Virginia würde die Idee wirklich nicht gefallen.“ Das letzte Gespräch mit seiner Großtante kam ihm nur allzu deutlich wieder in den Sinn.

„Du hast diesen Hohlkopf Pamela nur geheiratet, weil dein Vater und deine Stiefmutter sie dir aufgezwungen haben“, hatte Virginia geschimpft, als er ihr eröffnete, dass er sich wieder verehelichen würde, sobald er Eve verheiratet hatte. „Wenn du eine ‚geeignete‘ junge Dame heiratest, verliebe dich wenigstens in deine Mätresse.“

Sie hatte geseufzt, als sie sein spöttisches Lächeln gesehen hatte. Dass er die Vorstellung lächerlich fand, die Frau zu lieben, die er lediglich heiratete, um einen Erben zu zeugen, war ihm wohl deutlich anzumerken gewesen.

„Nein“, hatte sie sich gleich darauf korrigiert. „Keine Frau verdient es, dich zu heiraten und mit ansehen zu müssen, wie du statt ihrer eine Kokotte liebst. Du bist ein so leidenschaftlicher Mann hinter der gleichgültigen Fassade, Luke. Noch eine Ehe wie die letzte wird dich zerstören. Und stell dir bitte nicht vor, du könntest ein zweites Mal das Glück haben, mit einem Hohlkopf ein so süßes Kind wie Eve zu zeugen. Kein Mann verdient es, so viel Glück zu haben.“

„Ich bin kein sehr liebenswerter Mann“, hatte er rau geantwortet. Die Begeisterung seiner Mätresse in seinem Bett bewies, dass er wohl ein recht guter Liebhaber war, aber Lust hatte nur wenig mit Liebe zu tun.

„Dann hassen deine Eve und ich dich wohl im Geheimen, was?“, hatte Virginia geschimpft. „Und deine Dienerschaft und Pächter verabscheuen dich wahrscheinlich auch, weil du sie so anständig behandelst wie kaum ein Gutsherr. Ach, Luke, du hast eine hirnlose kleine Närrin geheiratet, die ihr Leben damit verbracht hat, sich in jeden Schürzenjäger zu verlieben, der ihr über den Weg lief, obwohl sie einen guten, attraktiven Ehemann wie dich hatte. Aber das war nicht deine Schuld, mein Lieber. Dein Vater lag im Sterben und überredete dich, viel zu früh zu heiraten. Was für ein Glück, dass Pamela eine Tochter zur Welt brachte, bevor sie mit dem erstbesten Lebemann durchbrannte, der sie haben wollte.“

„Ich liebe Eve von ganzem Herzen, das weißt du.“

„Ja, ich weiß, und James wird dann irgendwann dein Erbe sein, sollte es nötig sein. Aber besser wäre es, du hättest selbst einen Sohn. Allerdings wird deine zweite Ehe eine noch größere Katastrophe werden als deine erste, wenn du lediglich eine ‚geeignete‘ Frau nehmen willst“, hatte sie ihn noch ernst gewarnt.

„Wenn ich glauben könnte, dass James die Belange der Winterleys mit derselben Hingabe erfüllen würde, die er für sein Zechen, die halsbrecherischen Kutschwettfahrten und Kartenspiele aufbringt, könnte er alles mit meinem Segen bekommen. Wenn ich meine Pächter in fähige Hände übergeben könnte, wenn ich vor meinen Schöpfer trete, gäbe es keinen Grund für mich zu heiraten.“

„Fähigere Hände, als du denkst. Aber James kann sein Leben nicht damit zubringen, darauf zu warten, in deine Fußstapfen zu treten. Er hat Besseres verdient.“

„Wirklich?“, hatte Luke barsch erwidert und sich gefragt, ob Virginia ahnte, wie groß die Kluft war, die zwischen ihm und seinem Halbbruder klaffte.

„Papa?“

„Ich hätte dich zu Hause lassen sollen, Eve. Virginia hat nicht gewollt, dass man um sie trauert, und ihre Bediensteten haben sie zu sehr geliebt, um weiterzumachen, als wäre nichts geschehen.“

„Das ist das Leben, kein hübsches Märchen, Papa“, tadelte seine Tochter ihn, als wäre sie die Erwachsene und er sechzehn Jahre alt.

„Dann machen wir uns am besten daran, uns an ein Haus zu gewöhnen, in dem Virginia uns nicht mehr willkommen heißen wird. Du hast ja darauf bestanden herzukommen.“

„Ja, das habe ich. Ich liebte sie auch, weißt du.“

„Und sie hat dich von dem Tag an vergöttert, als sie dich zum ersten Mal sah, meine kleine Eve. Keiner von uns konnte damals begreifen, warum eigentlich, da du geschrien hast wie am Spieß, weil du gezahnt hast. Virginia verbrachte jeden Sommer drei Monate in Darkmere, bis du alt genug warst, um mit ihr wegen der frischen Meeresluft nach Brighton zu fahren. Also musst du wissen, wie sehr sie dich geliebt hat, wenn man bedenkt, dass sie Brighton nicht ausstehen konnte.“

„Ich weiß“, sagte sie und sah einen Augenblick so todunglücklich aus, dass er sie am liebsten umarmt und direkt nach Darkmere zurückgeschickt hätte. Aber seine Tochter hatte recht, sie war fast erwachsen. Er musste sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen, selbst wenn es gegen seinen inneren Drang ging, sie vor allem zu schützen, das ihr wehtun könnte. „Warum kamen wir stattdessen nicht hierher, als ich klein war, Papa?“, fragte sie. „Du bleibst nie länger als ein paar Tage in Farenze Lodge, dabei scheinst du es fast ebenso zu lieben wie Darkmere.“

„Weil es einfacher so ist“, meinte er ausweichend.

Einfacher für ihn, weil er sonst in Gefahr käme, Chloe Wheaton doch noch zu seiner Geliebten zu machen, das Feuer zwischen ihnen zu schüren, bis sie nachgab. Aber als er vor Jahren von seinem Verlangen dazu getrieben wurde, es ihr vorzuschlagen, hatte die Dame einige sehr geharnischte Dinge zu erwidern gehabt. Es wäre nicht leicht gewesen, aber irgendetwas sagte ihm, dass es ihm am Ende doch gelungen wäre, sie zu überreden.

Wirklich, wie mochte es sein, zu lieben und geliebt zu werden? Unmöglich, im Grunde sogar unerträglich, und er liebte die Frau ja auch nicht, ebenso wenig wie sie ihn liebte. Er würde ein, zwei Jahre warten mit seiner „geeigneten“ Gemahlin, sobald für Eve gesorgt war. Eine hübsche, fügsame junge Witwe oder eine freundliche Dame, die man auf dem Heiratsmarkt übersehen hatte, wären genau das Richtige für ihn. Noch während er diesen vernünftigen Plan fasste, erschien das Bild von Chloe vor seinem inneren Auge, wie sie in jenem ersten Sommer gewesen war, und fast hätte er laut geflucht.

Damals war sie warmherzig und offen, unglaublich jung und atemberaubend schön gewesen. Chloe hatte Gefühle in ihm erweckt, die er mit seinen sechsundzwanzig Jahren längst vergessen geglaubt hatte. Luke runzelte die Stirn. Er hatte nicht gewollt, dass jenes hinreißende, feurige junge Geschöpf mit den rotgoldenen Locken ebenso eingeengt und enttäuscht endete wie er. Und doch ähnelte die Frau, die er eben am Fenster gesehen hatte, in nichts dem warmherzigen, unwiderstehlichen Mädchen, dem er damals auf einem Ausritt begegnet war.

Irgendwie war es ihm gelungen, sie nicht anzusprechen und weitergehen zu lassen. Nein, er war zu verbittert und in seiner Seele zu sehr verletzt für eine junge Dame, die gewiss romantische Träume hegte, die er niemals würde erfüllen können. Jedenfalls hatte er sich das gesagt, nachdem er kurz in ihre herrlichen veilchenblauen Augen geblickt hatte. Weiterzureiten – fort von ihr –, war mit das Schwierigste gewesen, was er je hatte tun müssen. Aber seine Illusionen über sie wurden noch früher enttäuscht als bei Pamela.

Nur zwei Stunden später hatte er herausgefunden, dass das Mädchen Virginias neue Gesellschafterin und Haushälterin war, auf dem Rückweg von einem Besuch bei ihrer kleinen Tochter bei deren Kindermädchen. Mrs. Chloe Wheaton behauptete, eine Witwe und zweiundzwanzig Jahre alt zu sein, wenn sie auch nicht älter als achtzehn wirkte. Virginia hatte ihn beruhigt, dass sie sich der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Geschichte bewusst war und dem Mädchen auch nicht glaubte, aber sich schon seit Jahren nicht mehr so gut amüsiert hätte wie jetzt mit diesem frischen jungen Geschöpf. Was hätte er also mit dieser Lügnerin, dieser angeblichen Witwe, tun sollen, wenn Virginia tatsächlich endlich wieder lebhaft und zufrieden war wie zu den Tagen, da ihr geliebter Virgil noch lebte?

Mrs. Wheatons zornige Zurückweisung seiner carte blanche vor zehn Jahren hallte noch immer in seinen Ohren wider, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie ihn einen arroganten, abstoßenden Wüstling geschimpft hatte. Falls sie dieselbe innere Anspannung spürte wie er, wann immer er sie wiedersah, dann hatte sie jedenfalls gelernt, es sehr gut zu verbergen. Sie heute so erschöpft und so kummervoll wiederzusehen, machte sie in gewisser Weise zu einer Seelenverwandten, aber er wollte nichts mit Mrs. Chloe Wheaton gemeinsam haben.

Luke schüttelte seufzend den Kopf. Er konnte von Glück sagen, dass sein langer Reitmantel die heftige Reaktion seines Körpers verbarg, der seinen strengen Befehl, die verführerische Haushälterin nicht zu begehren, einfach ignorierte. Verärgert wandte er den Blick von dem Fenster ab und schimpfte sich insgeheim einen vollkommenen Idioten.

2. KAPITEL

Wer war das, Papa?“, fragte Eve.

„Wen meinst du?“, wich er ihr aus.

„Die Dame am Fenster.“

„Ein Hausmädchen, das auf die Ankunft der Trauergäste achtet?“

„Sie sah eher wie die Haushälterin aus, wenn sie auch sehr jung scheint für eine so verantwortungsvolle Aufgabe.“

„Das ist sie auch“, meinte er grimmig. „Sie muss noch im Schulzimmer gewesen sein, als sie Wheaton kennenlernte.“

„Wer ist denn Wheaton? Die Januarluft scheint deinen Verstand verwirrt zu haben, statt ihn zu schärfen, wie du behauptet hast, bevor du vorausgeritten bist.“

„Ich dachte, du und Bran habt genügend Pläne zu schmieden, wie ihr die Zeit hier verbringen wollt. Sehr wahrscheinlich habt ihr auch meine Zeit schon verplant.“

„Verleumdung, wir schmieden keine Pläne hinter deinem Rücken, oder, Bran?“, fragte Eve ihr früheres Kindermädchen und ihre jetzige Zofe.

„Und selbst wenn, würden wir uns niemals anmaßen, über Ihre Zeit zu verfügen, Mylord. Wir können nicht ahnen, womit Sie sie verbringen möchten“, erwiderte Brandy Brown, Eves zierliche Zofe. Ihr durchdringender Blick zeigte Luke, dass ihr nicht entgangen war, wie er und Chloe Wheaton sich angesehen hatten, selbst wenn es seiner unschuldigen Tochter nicht aufgefallen war.

„Nun, hier werdet ihr jedenfalls genügend Gesellschaft haben, um euch die Zeit angenehm vertreiben zu können“, meinte er nur, während sie die flachen Stufen hinaufgingen.

Er seufzte bei dem Gedanken an seine Großtante und dass er sie nie wiedersehen würde und tröstete sich bedrückt mit dem Gedanken, dass die nächsten wenigen Tage vorübergehen und das Leben seinen Lauf nehmen würde. Er musste nur Geduld zeigen.

„Miss Winterley begleitet Seine Lordschaft“, sagte Chloe, als sie sich vom Fenster abwandte.

„Master Luke ist sehr fürsorglich, ein sehr guter Vater und ein guter Mann, was seine Stiefmutter auch sagen mag“, stellte Culdrose fest.

„Ich vermute, er nimmt sie kaum wahr“, meinte Chloe geistesabwesend.

Sie selbst hatte aufgrund seiner Fürsorge für seine Großtante zehn Jahre lang sein Misstrauen ertragen müssen. Wahrscheinlich wunderte er sich, dass sie sich nicht schon längst mit Lady Virginias Schmuck oder dem Haushaltsgeld davongemacht hatte.

„Diese Frau hat dem armen Jungen das Leben zur Hölle gemacht. Ich verstehe bis heute nicht, warum sein Vater sie damals geheiratet hat. Oakham hat mit eigenen Ohren gehört, wie sie ihren Sohn James anwies, Mr. Luke möglichst schlechtzumachen, jetzt da die Familie eingetroffen ist, um ‚den alten Besen ins Grab zu legen‘, wie die intrigante Hexe es nannte. Lady Virginia hätte sie nicht über die Schwelle gelassen, das sage ich Ihnen. Aber Master Luke war schon immer weichherziger, als gut für ihn ist. Zweifellos hat er ihr erlaubt zu bleiben.“

„Mrs. Winterley wird sich doch gewiss benehmen, jetzt da Seine Lordschaft eingetroffen ist, was immer sie zu ihrem Sohn sagt. Sie scheint eine wahre Ehrfurcht vor Lord Farenze zu haben, und wie ich höre, hat er die Kontrolle über ihre Finanzen.“

„Dann hoffe ich, er kürzt ihr eines Tages erheblich das Nadelgeld. Sie hätte nichts anderes verdient.“

„Ich möchte keinen weiteren Aufruhr oder böses Blut, Cully, also tun Sie ihr nichts in die Suppe, wovon ihr übel werden könnte. Dann verschiebt sie ihre Abreise und bleibt nur noch länger. Nein, halten wir diese Woche noch durch, dann werden die meisten Trauergäste fort sein.“ Chloe wollte lieber nicht daran denken, wo sie bis dahin sein würde.

„Nun gut“, gab Culdrose widerwillig nach. „Aber es ist schon schwer, Schweigen zu bewahren, wo wir Ihre Ladyschaft doch so sehr liebten. Ich will nicht, dass man sie schlechtmacht, jetzt da sie nicht mehr da ist, um sich zu verteidigen.“

„Niemand wird so etwas wagen, noch dazu bei ihrer Beerdigung. Es wäre respektlos und herzlos.“

Culdrose schnaubte laut. „Und doch habe ich die Frau gestern im Boudoir Ihrer Ladyschaft herumschnüffeln sehen. Mrs. Winterley hat in ihren Briefen und persönlichen Sachen herumgestöbert, als hätte sie das Recht dazu. Gott sei Dank, dass wir Lady Virginias Wertsachen in der Truhe weggeschlossen haben, nachdem Oakham diese unverschämte Miss Carbottle dabei erwischt hat, wie sie die Diamantbrosche Ihrer Ladyschaft als Andenken behalten wollte. Andenken, dass ich nicht lache! Sie ist nicht besser als eine diebische Elster.“

„Sie hat wirklich die Angewohnheit, alles Hübsche, Glänzende an sich zu nehmen, das herumliegt. Ihre Schwester bringt jedoch immer alles zurück, und so bin ich froh, dass Sie ihr die Verlegenheit erspart haben. Jetzt muss ich hinuntergehen und Miss Winterley begrüßen. Sie ist nun die neue Hausherrin. Versprechen Sie mir aber, dass Sie die Dinge zwischen Mrs. Winterley und der Dienerschaft nicht schlimmer machen werden, als sie sowieso schon sind, Cully.“

„Sie wissen, dass ich den Mund halten kann, wenn es nötig ist. Dass Miss Eve jetzt allerdings die Herrin sein wird, bis Seine Lordschaft sich wieder verheiratet, wird Mrs. Winterley alles andere als erfreuen. Denken Sie an meine Worte.“

„Werde ich“, sagte Chloe und ging hinunter, um ihren Pflichten nachzugehen.

Es war dumm von ihr, sich so niedergeschlagen zu fühlen bei dem Gedanken daran, dass Lord Farenze wieder heiraten würde. Was er jedoch tun musste, um einen Erben zu zeugen. Ebenso wenig mochte sie daran denken, wohin sie gehen würde, sobald alle Gäste fort waren. Lord Farenze würde sie nicht in seinem Haushalt haben wollen, und sie konnte auch dann nicht bleiben, wenn er sie darum bitten sollte. Vorher musste sie allerdings noch die letzten Pflichten ihrer armen Herrin gegenüber erfüllen.

Luke gab dem wartenden Lakaien ein Zeichen, die Tür vor dem eisigen Winterwind zu schließen. Was hätte er darum gegeben, jetzt Virginia wie sonst immer rufen zu hören, er solle gefälligst endlich die Tür hinter ihm schließen, wenn er nicht wollte, dass sie sich im kalten Sturmwind den Tod holte.

„Danke, Oakham“, sagte er, als er feststellte, dass der Butler bereits einige Sessel vor das prasselnde Kaminfeuer gestellt hatte und Eve und Bran einen heißen Glühwein gegen die Kälte überreichte. „Ich würde Ihnen einen guten Tag wünschen, aber wir beide wissen, wie unmöglich das heute ist.“

„In der Tat, Mylord“, antwortete der ältliche Diener, betrübt den Kopf schüttelnd.

In der Stille, die seinen Worten folgte, hörte Luke das leise Rascheln von Röcken. Mrs. Wheaton hatte offenbar beschlossen, sich ihm zu stellen. Selbst in ihrer bis zum Hals zugeknöpften Trauerkleidung sah sie betörend schön aus, aber aus der Nähe erschien sie ihm sogar noch abgespannter. Seltsam zärtliche Gefühle, sehr viel gefährlicher als das größte Verlangen, überkamen ihn plötzlich, und Luke wünschte sich inniger denn je, sie wäre Hunderte von Meilen weit fort.

„Guten Tag, Mrs. Wheaton“, begrüßte er sie hölzern. „Führen Sie bitte meine Tochter und ihre Zofe in ihre Zimmer und sorgen Sie dafür, dass das Gepäck nach oben gebracht wird.“

„Guten Tag, Mylord. Miss Winterley“, antwortete sie und deutete einen nicht ganz respektvollen Knicks an.

„Guten Tag, Mrs. Wheaton“, antwortete Eve mit einem Lächeln, das die dickköpfige Frau ein wenig zu beschwichtigen schien. „Ich habe so viel von Ihnen gehört. Großtante Virginia hat ständig über die drolligen Sprüche und Streiche Ihrer kleinen Tochter geredet. Jetzt, da sie bereits zur Schule geht, muss sie ein äußerst aufgewecktes, lebhaftes Mädchen sein.“

„Mit aufgeweckt und lebhaft meint man für gewöhnlich einen kleinen Teufel, der so viel Unfug treibt, wie er nur kann. Wenn das Mädchen auch nur ein wenig so ist wie Sie in ihrem Alter, Miss Eve, besitzt Mrs. Wheaton mein Mitgefühl“, bemerkte Bran trocken.

Luke kam zu dem Schluss, dass Bran Mrs. Wheaton aus irgendeinem Grund gern mochte, und die ehemalige Kinderfrau war für seine Eve wie eine Mutter. Er war dem zierlichen Drachen unendlich dankbar, denn Bran hatte seine Tochter mit ihrer Liebe überschüttet, nachdem sie ihren Mann und bald nach der Geburt auch ihr eigenes Kind verloren hatte. Dennoch wünschte er, sie würde Mrs. Wheaton, so wie sonst jedem anderen Diener auch, ihr übliches Misstrauen entgegenbringen. Das hätte ihm noch gefehlt, dass seine Familie und die Wheatons sich näherkamen. Wenn sie Eve allerdings von ihrer Trauer ablenkte, würde er es wohl dulden müssen.

„Meine Verity kann es kaum erwarten, Sie kennenzulernen, Miss Winterley. Lady Virginia hat ihr viele exotische Geschichten über das Schloss erzählt, in dem Sie leben, und über die Plünderer an der Grenze nach Schottland, die einst darum kämpften. Da meine Tochter ihre Lehrer davon überzeugt hat, dass ich sie zu Hause brauche, wird sie kommen, sobald eine Kutsche frei ist, um sie abzuholen“, sagte Chloe lächelnd.

Ihr Gesichtsausdruck wurde weich, ihre veilchenblauen Augen leuchteten glücklich, als sie von ihrem einzigen Kind sprach. Luke ließ den Blick einen Moment auf einer rotgoldenen Locke verweilen, die der mit einem schwarzen Band eingefassten Haube entkommen war. Ohne die störende Kopfbedeckung würden ihre Locken wahrscheinlich den langen, schlanken Hals und die weißen Schultern berühren – wenn sie ein Kleid tragen würde, das weit genug ausgeschnitten war, um ihre weiblichen Reize zur Geltung zu bringen … Hastig rief er sich zur Ordnung. Die Frau war wirklich eine wandelnde Versuchung, und er täte besser daran, sich nicht in sinnlichen Träumereien zu verlieren, sondern der Wirklichkeit ins Antlitz zu sehen.

„Wahrscheinlich hat sie recht“, beharrte Eve gerade, und Luke fragte sich, wer recht hatte und womit. „Papa wollte mich bis nach Tante Virginias Beerdigung in Northumberland lassen, aber so hätte sie mir nur noch schmerzlicher gefehlt. Ihre Tochter hat eine sehr gute Freundin verloren, Mrs. Wheaton.“

„Und Sie sind eine kluge junge Dame, Miss Winterley.“

„Oh, das bezweifle ich. Aber bitte nennen Sie mich doch Eve, Ma’am.“

„Das kann ich kaum tun, wenn Sie darauf bestehen, mich Ma’am zu nennen. Außerdem gehört es sich nicht für eine Haushälterin, Sie mit Ihrem Vornamen anzusprechen.“

„Wollen Sie es dann wenigstens tun, wenn wir allein sind? Ich finde, wir ziehen uns gleich auf unsere Zimmer zurück und bitten um Tee, meinen Sie nicht auch? Wir müssen darüber reden, was in den nächsten Tagen alles erledigt werden muss, und da wäre es mir lieber, wenn Sie nicht ständig Miss Winterley zu mir sagten.“

Luke hörte seine bemerkenswerte Tochter zu dem auffordern, was er sich nicht traute – Chloe Wheaton nach oben mitnehmen, um sich bei einer Tasse Tee mit ihr zu unterhalten. Unwillkürlich seufzte er leise.

„Ich habe die Karaffen in der Bibliothek auffüllen lassen, Mylord, könnte Ihnen aber auch von dem besten Wein Ihrer Ladyschaft auf Ihr Zimmer bringen. Mir scheint, Mr. Sleeford und sein Schwiegervater befinden sich im Augenblick im Billardzimmer.“

Luke bedankte sich für die subtile Warnung und bat um ein Glas Portwein auf seinem Zimmer. Dann stieg er die elegante Treppe hinauf und begab sich in die Suite, die Virginia ihm als zukünftigen Herrn des Hauses zugeteilt hatte, gleich ein Jahr nachdem Großonkel Virgil gestorben war. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass Mrs. Wheaton in Erwartung seiner Ankunft dafür gesorgt hatte, dass in allen drei Räumen Feuer in den Kaminen entzündet worden war.

Er war dankbar für die Wärme und Zuflucht, die seine Zimmer ihm heute versprachen. Bei so vielen Menschen, die sich zur Beerdigung seiner Tante einfanden, musste er jeden friedlichen Moment auskosten, den er in den nächsten Tagen finden konnte.

Während sie an ihrem Tee nippten und die Aufgaben für die nächsten Tage besprachen, fragte Chloe sich, warum Miss Evelina Winterley in den zehn Jahren, die sie selbst hier verbracht hatte, kein einziges Mal zu Besuch gekommen war. Lord Farenze und seine Tochter hatten sich in Begleitung von Lady Virginia mehrere Wochen im Sommer nach Brighton oder Ramsgate begeben, aber seine Aufenthalte in Farenze Lodge waren jeweils so flüchtig gewesen, dass er meist nicht einmal über Nacht geblieben war, geschweige denn lange genug, um seine Tochter mitzubringen. Heißer Zorn durchfuhr Chloe, als ihr bewusst wurde, dass sie der Grund dafür gewesen war, dass er Eve von hier ferngehalten hatte.

Gewiss, als sie damals als Haushälterin und Gesellschafterin Lady Virginias hergekommen war, noch dazu mit einem Baby und ohne Ehemann, hatte es in der Nachbarschaft entrüstetes Geflüster gegeben. Wenn sie nur wüssten, dachte sie bedrückt, und wieder drohte sie von ihrem Kummer überwältigt zu werden. Sie kämpfte dagegen an, indem sie ihren Zorn auf den neuen Herrn des Hauses schürte. Es mochte ja sein, dass sie bald diesen Ort verlassen musste, aber sie gedachte, es mit stolz erhobenem Haupt zu tun.

„Lady Virginia sagte, ich würde Sie gernhaben, sollte ich Sie jemals kennenlernen, Mrs. Wheaton, und ich habe das Gefühl, Sie schon ein wenig zu kennen“, sagte Eve Winterley, während sie die Tasse ihrer Zofe ein zweites Mal nachfüllte.

Die Vertrautheit zwischen Herrin und Dienerin fiel Chloe angenehm auf. Widerwillig musste sie zugeben, dass es für Lord Farenze sprach, dass er ein solches Verhältnis zwischen seiner Tochter und deren Zofe zuließ. Hastig bemühte sie sich, ihn wenigstens für einige selige Momente zu vergessen.

„Ich freue mich auch sehr, Sie kennenzulernen, Miss Winterley, wenn auch zu einem so traurigen Anlass.“

„Ihnen wird Lady Virginia ebenso sehr fehlen wie uns. Schließlich waren Sie so lange ihre Freundin und Gesellschafterin“, sagte Eve aufrichtig. „Obwohl es hier so schön ist, hat Papa dieses Haus niemals beansprucht. Er sagte immer, die Lodge sei Tante Virginias Zuhause, und wollte nicht, dass sie nach Onkel Virgils Tod auszieht. Es ist doch sehr hübsch, nicht wahr?“, fragte Eve mit einer Unschuldsmiene, der Chloe nicht ganz traute.

„Wunderhübsch“, stimmte sie vorsichtig zu.

„Kein Wunder, dass Tante Virginia das Haus nicht verlassen wollte, wenn ich auch glaube, dass Papa sich große Sorgen um sie machte, als man sich zuflüsterte, sie sei nach Onkel Virgils Tod nahe daran gewesen, den Verstand zu verlieren vor Kummer. Nicht wahr, Bran?“

„In der Tat.“

„Papa fragte sich, ob er sie nicht lieber zu uns nach Darkmere holen sollte, aber sie mag das Schloss nicht, und sie weigerte sich, einen Fuß in unseren Landsitz in Kent zu setzen, wo seine Stiefmutter im Witwenhaus wohnt. Natürlich konnte er sie nicht hinauswerfen, also ließ er das Thema fallen.“

„Tante Virginia fand Haslett Hall in Kent alt und düster, und sie sagte, die meisten Kamine würden rauchen, also bezweifle ich, dass sie gern dort gelebt hätte, selbst wenn das Witwenhaus leer gestanden hätte“, sagte Chloe und hoffte, dass man ihr ihre Abneigung gegen Mrs. Winterley nicht anhören konnte. Sie würde ebenfalls äußerst ungern in unmittelbarer Nachbarschaft der Dame wohnen.

Da Mrs. Winterley widerwillig im Witwenhaus von Haslett Hall lebte, statt im modernen, eleganten Londoner Stadthaus, war sie der Meinung, dass ihr Stiefsohn ihr etwas schuldete – aus einem Grund, der niemandem außer ihr klar war. Tante Virginia hatte Haslett Hall jedenfalls gemieden wie die Pest.

„Papa hat mehrere Schornsteine neu bauen lassen, als er den Besitz übernahm, also bezweifle ich, dass sie noch rauchen. Er lässt außerdem nicht zu, dass kleine Schornsteinfegerjungen hochklettern, in keinem unserer Häuser. Die Gefahr, dass sie in den engen Schloten stecken bleiben und ersticken, ist zu groß.“ Eve sah, wie ihre ehemalige Kinderfrau traurig nickte.

„Mein kleiner Bruder wurde Schornsteine hochgejagt, als er kaum gehen konnte, und hat seinen zehnten Geburtstag nicht erlebt. Seine Lordschaft ist ein guter Mensch“, sagte Mrs. Brandy Brown entschieden.

Eve Winterley stimmte ihr zu. Chloe senkte den Kopf und spürte die erwartungsvollen Blicke der beiden.

„Wenn er solch fürchterliche Praktiken bekämpft, muss er das wohl sein“, bemerkte sie taktvoll und versuchte vorzugeben, dass er ihr nicht mehr bedeutete als jeder andere gute Mensch.

Lügnerin, wurde sie von einer inneren, sehr viel ehrlicheren, Stimme getadelt, aber Chloe versprach sich, irgendwie würde sie es schaffen, dass er ihr wirklich nichts mehr bedeutete. Vor zehn Jahren hatte sie sich mit jeder Faser ihres Herzens nach dem verbitterten, schroffen Lord Farenze gesehnt. Doch mit achtzehn Jahren war sie selbst kaum mehr als ein trotziges, enttäuschtes Kind gewesen. Nur die Tatsache, dass ihre kleine Tochter von ihr abhängig war, hatte sie gezwungen, erwachsen zu werden und zu erkennen, dass sie nicht haben konnte, was sie begehrte, wenn sie nicht die Selbstachtung verlieren wollte.

Chloe seufzte, weil noch immer ebenso heißes Begehren sie ergriff wie beim ersten Mal, als sie dem Viscount begegnet war. Aber was sie empfand, änderte nichts. Sie musste ihm aus dem Weg gehen und jedes unzüchtige Gefühl unterdrücken, das noch von damals geblieben war. Nur noch wenige Tage, dann würde sie für immer frei von ihm sein.

Doch jetzt machte ihr diese verflixte Müdigkeit zu schaffen, die sie nach all der Arbeit im Zusammenhang mit Lady Virginias Trauerfeier erfasst hatte. Sie drohte, sie von verbotenen Dingen träumen zu lassen, wenn sie nicht aufpasste. Als Erstes würden sie Gedanken an die Chloe quälen, die sie hätte sein sollen – wenn das Leben freundlicher zu ihr gewesen wäre. Eine bezaubernde, verführerische Dame, die die leidenschaftliche Ergebenheit des schroffen Lord Farenze gewinnen und behalten könnte und mit ihm ein glückliches Leben führen würde. Dann stellte sie sich vor, wie er ihr mit zärtlichen Worten beichtete, wie verzweifelt er sich nach ihr sehnte.

Entsetzt riss sie sich aus ihrem Tagtraum und stellte ihre leere Teetasse auf den Tisch, bevor sie ihr aus der schlaffen Hand fiel. Lieber Himmel, hatte sie womöglich irgendetwas von ihren Gedanken laut ausgesprochen? Doch sie begegnete eher mitfühlenden Blicken als schockierten, also konnte sie wohl erleichtert aufatmen.

„Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, Mrs. Wheaton, wenn ich sage, dass Sie unbedingt ein Nickerchen machen sollten“, bemerkte Mrs. Brown.

Chloe erbebte bei der Vorstellung eines von Albträumen geplagten kurzen Schläfchens, wie sie sie schon so häufig gehabt hatte, seit ihre geliebte Herrin gestorben war. „Sie müssen wissen, wie lange eine Frau ohne Schlaf durchhalten kann, mit Ihrer Erfahrung aus der Zeit, als Miss Evelina noch ein Baby war, Mrs. Brown“, erwiderte sie, statt zuzugeben, dass aufwühlende Erinnerungen sie in ihren Träumen heimsuchten und sie es deswegen bei Weitem vorzog, ihrem einsamen Bett auszuweichen.

„Oh ja, mein armes kleines Mädchen weinte manchmal so sehr, als hätte ihm etwas das Herz gebrochen, bis ich kurz davor war, ebenfalls in Tränen auszubrechen“, meinte die alte Kinderfrau mit einem liebevollen Blick auf Eve. „Seine Lordschaft nahm sie dann meistens auf die Arme und trug sie durch das Moor, bis sie endlich eingeschlafen war. Und ich wartete zu Hause und beruhigte mich mit dem Gedanken, dass er die Pfade auf seinem Besitz so gut kannte wie seine Westentasche. Aber Sie mussten mit allen Problemen, die in einem großen Haushalt nun einmal auftreten, und mit Ihren eigenen ganz allein fertig werden. Wie es aussieht, haben Sie sich all die Jahre wacker geschlagen, doch jetzt sind wir hier, also können Sie sich wenigstens eine Ruhepause erlauben, wenn Sie eine brauchen“, sagte Bran mit entwaffnender Ernsthaftigkeit, sodass Chloe sich zu fragen begann, ob es nicht doch wundervoll wäre, für kurze Zeit ihre Lasten abzulegen.

„Das müssen Sie wirklich, Mrs. Wheaton“, fiel auch Eve mit einer Entschiedenheit ein, die an ihren Vater erinnerte. „Mir ist überhaupt nicht nach schlafen zumute, nachdem wir stundenlang in einer stickigen Kutsche eingesperrt waren, ohne etwas anderes tun zu können, als vor uns hinzudösen. Was meinst du, Bran?“

Ein bequemes Bett stand in dem winzigen Raum gleich neben dem Ankleidezimmer, offenbar für eine Zofe gedacht, falls ihre Herrin sie in ihrer Nähe haben wollte. Eve warf einen vielsagenden Blick darauf, und Bran nickte zustimmend. Es schien wie für ein Nickerchen gemacht zu sein.

„Und ich denke, wir wickeln uns in unsere Mäntel und gehen ein wenig in dem hübschen Garten spazieren, den ich vorhin vom Fenster auf dem Treppenabsatz gesehen habe. Keiner wird Sie stören, denn ich werde die Hausmädchen bitten, mit dem Auspacken unseres Gepäcks zu warten, bis wir zurückkommen, Mrs. Wheaton. Bran und ich können dann alles selbst einräumen. Ich bin recht pedantisch, wenn es um meine Sachen geht.“

„Das stimmt, Mrs. Wheaton“, bestätigte Bran eher stolz als resigniert, und Chloe spürte plötzlich, wie die Müdigkeit immer schwerer auf ihr zu lasten begann. Vielleicht konnte sie es riskieren, sich dieses eine Mal ihren Träumen zu stellen.

„Sie wecken mich doch aber auf, sobald Sie zurückkommen?“, fragte sie, vor Müdigkeit nuschelnd, nicht mehr fähig, dagegen anzukämpfen. Lord Farenze war hier, und sie wollte lieber schlafen, als ständig an ihn zu denken.

„Wenn Sie weiterschlafen können, während diese kleine Dame mich herumkommandiert, sind Sie eine robustere Frau als ich“, sagte Bran und folgte ihrer jungen Herrin aus dem Raum.

Chloe schaffte es gerade noch, aus den Schuhen zu schlüpfen, ihr Kleid aufzuhaken und es auszuziehen. Kaum hatte sie sich hingelegt, schlief sie auch schon ein.

„Sie hat so gut wie möglich durchgehalten, bis Hilfe kam, wenn Sie mich fragen“, sagte Bran leise, nachdem sie das Haus verlassen hatten und offen reden konnten.

„Arme, tapfere Dame“, antwortete Eve.

„Ja, ich vermute auch, dass sie eine Dame ist“, sagte Bran nachdenklich. Sie glaubte nicht, dass es ein schönes Märchen gewesen sein konnte, dass eine Dame dazu zwang, die Haushälterin zu spielen. Selbst falls eine Liebesgeschichte mit Rosengirlanden und Feenstaub begann, endete sie nach ihrer Erfahrung leider meistens ganz anders.

3. KAPITEL

Luke wartete, bis sein Kammerdiener mit der Hilfe eines Lakaien so vorsichtig sein Gepäck nach oben brachte, als handelte es sich um die Kronjuwelen. Erst dann verließ er den Salon seiner Suite und begab sich nach unten. Gereizt fragte er sich, warum er eigentlich einen so peinlich genauen Kammerdiener beschäftigte. Schließlich war er alt genug, um sich selbst anzukleiden, und er konnte auch sein Krawattentuch ordentlich genug binden, ohne sich zu blamieren. In etwa einem Jahr würde er eine respektable Erscheinung bieten müssen, zum einen für Eves Einführung in die Gesellschaft, zum anderen für seine Suche nach einer Frau. Im Augenblick wollte er allerdings nicht daran denken und würde nichts lieber tun, als einen schönen, langen Ausritt zu unternehmen, um seine schlechte Laune zu bekämpfen. Aber Reichtum, Einfluss und ein Adelstitel bedeuteten nun einmal auch Verpflichtungen, und so unterdrückte er den Wunsch zu fliehen.

Aus dem Empfangssalon hörte er die schrille Stimme seiner Stiefmutter, und brummige Männerstimmen drangen aus dem Billardzimmer, und so versuchte er, in der Bibliothek etwas Ruhe zu finden. Virginias Patensohn, der Marquess of Mantaigne, hatte es sich in einem bequemen Sessel neben dem Kamin gemütlich gemacht, aber Luke seufzte dennoch erleichtert auf. Die zynische, leicht lebensüberdrüssige Aura, die Tom wie eine Rüstung anlegte, machte aus irgendeinem seltsamen Grund die meisten Frauen verrückt vor Verlangen nach ihm, aber für Luke war er gute Gesellschaft und ein loyaler Freund.

„Tom, du Halunke“, sagte er aufrichtig lächelnd und schüttelte ihm herzlich die Hand. „Wann bist du angekommen?“

„Heute Morgen. Du musst eigentlich meinen Reisestaub geschluckt haben.“

„Du musstest lediglich aus Derbyshire anreisen, und dort gibt es eher Schlamm als Staub.“

„Wie unaufmerksam von mir“, meinte Tom lässig.

„Sag mir bitte, wer gekommen ist, um unsere Trauer zu erleichtern, und wie lange, glaubst du, bin ich gezwungen, sie zu beherbergen, sei so freundlich.“

„Wer immer dir gesagt hat, dass ich ein freundlicher Mensch bin, muss eindeutig seiner Illusionen beraubt werden.“

„Ich schenke der Meinung der Leute keine Aufmerksamkeit, wenn es um meine wahren Freunde geht, das weißt du“, sagte Luke und nahm lächelnd das Glas ausgezeichneten Burgunderweins an, das sein Freund ihm eingeschenkt hatte.

Etwas entspannter nach der besänftigenden Wirkung des Weins und Toms scharfsinniger, knapper Zusammenfassung der versammelten Gäste, überließ Luke ihn seiner Einsamkeit und begab sich nach oben, um sich zu vergewissern, dass Eve und Bran sich nach der Anstrengung ihrer langen Reise gut ausgeruht hatten.

Noch ganz schlaftrunken, gelang es Chloe dennoch, die schweren Lider aufzuschlagen und sich zu fragen, wie lange sie geschlafen hatte. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war, und musste sich zwingen, wach zu bleiben, obwohl der Schlaf sie noch immer lockte. Virginia hätte sie gedrängt, aufzustehen und sich der Welt zu stellen, also blinzelte sie ein paarmal und gab sich Mühe, ihre Müdigkeit abzuschütteln.

Aber sogar eine Haushälterin durfte es sich einmal erlauben, sich genüsslich zu rekeln. Chloe gähnte und streckte die Beine unter dem Laken und dann die Arme in die Luft. Sie schüttelte den Kopf, sodass die viel zu langen rotblonden Locken ihr zerzaust auf die Schultern fielen.

„Bran?“, hörte sie eine tiefe Männerstimme auf der anderen Seite der leicht geöffneten Tür rufen. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, nur um dann umso schneller zu pochen. „Sie können nicht schlafen. Vor nur fünf Minuten habe ich Sie im Garten gesehen. Wo ist Eve, und warum verstellt das Gepäck noch immer das ganze Schlafzimmer?“

Würde sie nicht in ihrem Unterkleid und mit offenem Haar im Bett sitzen, könnte sie ihm eine kurze Antwort geben, damit er wieder ging. Aber würde das wirklich helfen? Wenn sie wach genug klang, würde er doch sicher das Zimmer verlassen, statt das Risiko einzugehen, mitten am Nachmittag in einem Schlafzimmer in der Gesellschaft der Haushälterin entdeckt zu werden.

„Mrs. Brown ist kurz mit Ihrer Tochter Luft schöpfen gegangen, Lord Farenze“, brachte sie hervor.

Kurze Stille folgte. Chloe spürte fast, wie er zusammenzuckte, als er so unerwartet ihre Stimme vernahm. Nur leider hörte sie ihn nicht weggehen. Aber wollte sie es überhaupt? Wie gewöhnlich erwachte auch jetzt wieder die rebellische Seite in ihr, aber sie wehrte sich tapfer gegen sie. Sie wollte, dass er ging. Entschlossen setzte sie sich auf und hielt den Atem an in der Hoffnung, dass er das Zimmer umgehend verließ. Die seltsame Stille auf der anderen Seite der Tür zeigte ihr allerdings, dass er noch da war.

„Warum zum Henker packen Sie Eves Sachen aus, wenn es eins der Mädchen tun könnte?“

Noch benommen vom Schlaf, wollte ihr nicht schnell genug eine Antwort einfallen, und schon knurrte er: „Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“ Aber sie glaubte, einen Hauch von Belustigung in seiner Stimme zu hören.

Unmöglich. Lord Farenze und Mrs. Wheaton konnten nicht miteinander lachen. Es gab keine Vertrautheit zwischen ihnen und würde es auch nie geben. Sie musste es sich eingebildet haben. So wie sie sich in ihrer Sehnsucht Dinge vorstellte, die gefährlich waren – wie es sein mochte, nach einer Liebesnacht in seinem Bett zu schlafen und sich von ihm wecken zu lassen, wie es ein Liebhaber tun würde, zärtlich und schließlich wieder leidenschaftlich.

„Nein, mit meiner Sprache ist alles in Ordnung“, brachte sie hastig hervor.

„Dann kommen Sie heraus und sprechen Sie direkt mit mir. Ich weigere mich, mit jemanden eine Konversation zu führen, den ich nicht sehen kann.“

„Ich bin heute wirklich zu sehr beschäftigt, Mylord“, sagte sie mit steigender Panik, da sie hörte, wie er sich der Tür näherte. Jeden Augenblick könnte er hereinkommen und sie in diesem skandalösen Aufzug vorfinden.

„Zweifellos, aber da ich jetzt hier der Herr bin, müssen Sie sich sowieso früher oder später mit mir abgeben. Es ist besser, wir bringen es hinter uns und besprechen die Pläne für die nächsten Tage. Wir müssen versuchen, so gut wie möglich miteinander auszukommen, statt die Dienerschaft während der ganzen Woche mit widersprüchlichen Befehlen zu verwirren.“

Es hörte sich so an, als würde er dieses Gespräch ebenso ungern führen wie sie, warum konnte er es also nicht wenigstens aufschieben, bis er sich von der Reise erholt und sie sich wieder angezogen hatte, ihr verflixtes Haar unter dem Häubchen versteckt und die ungezähmte Chloe in sich, die sich nichts lieber wünschte, als ihn hereinzubitten, ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen?

„Gut, Mylord, ich komme zu Ihnen nach unten, sobald ich hier fertig bin“, sagte sie unsicher. Atemlos vor Angst und innerer Erregung, saß sie regungslos auf dem Bett – und stieß einen leisen Schreckenslaut aus, als er schließlich doch die Geduld verlor und die Tür aufstieß.

Er kam in den kleinen Raum gestürzt und blieb dann jäh stehen, als hätte ihn eine böse Hexe versteinert. Chloe sah, mit welch heißem Verlangen er sie anstarrte. Wie hatte sie sich nur vormachen können, die heiße Sehnsucht, die damals zwischen ihnen aufgeflammt war, gäbe es nicht mehr?

Sie war unter seinem intensiven Blick erstarrt und brachte nicht einmal die Geistesgegenwart auf, weiter unter das Laken zu rutschen, um zu verbergen, wie leicht bekleidet sie war. In diesem Moment sah er aus wie einer der Räuberbarone, die seine mächtige Familie gegründet hatten. So beherrschend war seine Gegenwart, dass es ihr schwerfiel zu atmen. Wie eine sehr elegant gekleidete Statue eines Kriegerfürsten, meldete sich die Stimme der lästigen, schamlosen Chloe wieder zu Wort. Wenn er doch nur nicht so regungslos dastünde … und etwas weniger Kleidung am Leib hätte. „Sei still!“, flüsterte sie und hielt sich sofort die Hand vor den Mund. Sie konnte nicht fassen, dass sie sich mit ihrer inneren Stimme unterhielt, während er im selben Raum war. War sie womöglich wirklich kurz davor, den Verstand zu verlieren?

„Ich habe kein Wort gesagt“, brachte er heiser hervor.

„Nicht Sie.“

„Haben Sie einen Liebhaber unter dem Bett versteckt?“, fuhr er sie an. Mit durchdringendem Blick betrachtete er ihre hochroten Wangen, die verschleierten Augen und die langen rotgoldenen Locken, die wirr ihr Gesicht umrahmten.

„Nicht Platz genug“, fuhr er leiser fort, mit offensichtlicher Zufriedenheit nach einem Blick auf das schmale, niedrige Bett. „Keine zweite Tür, durch die ein Feigling hätte fliehen können, und der Schrank ist nicht groß genug.“

„Ich habe keinen Liebhaber“, empörte sie sich.

Er hob die Augenbrauen, und ein herausforderndes Lächeln, für das sie ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, ließ ihn so hinreißend aussehen, dass ihr stattdessen der Atem stockte.

„Jeder Mann, der Sie so sehen könnte, würde Ihr Sklave sein. Sie brauchen es nur zu sagen, und wir können uns sofort in meine Suite am Ende des Korridors zurückziehen“, bot er ihr nur halb im Scherz an.

„Niemals, niemals, niemals!“, fuhr sie ihn an, die Schultern gestrafft und das Kinn stolz erhoben.

Er konnte nicht wissen, dass sie sich nach seiner Berührung verzehrte. Vor zehn Jahren hatte sie ihm zornig an den Kopf geworfen, dass sie lieber sterben würde, als seine Geliebte zu werden. Jetzt stand er vor ihr und ließ den Blick seiner faszinierenden grauen Augen über ihren Körper gleiten, als hätte sie sich absichtlich hier hingelegt, damit er sich an ihrem Anblick erfreuen konnte. Er begehrte sie und machte keinen Hehl daraus. Sein Verlangen nach ihr war genauso echt wie die Hitze, die sie plötzlich zwischen ihren Schenkeln spürte. Unwillkürlich presste sie sie unter dem Laken zusammen, bereute es aber sofort, denn die Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf ihre aufgerichteten Brustknospen, die sich unter dem dünnen Stoff ihrer Chemise deutlich abzeichneten.

„Oh, kommen Sie, Ma’am“, meinte er rau. „Seit zehn Jahren warten wir schon darauf, endlich unser Begehren nacheinander zu befriedigen. Früher oder später werden wir es tun.“

„Nein, das tun wir nicht und das werden wir nicht“, widersprach sie ihm so empört sie konnte in ihrem halbnackten Zustand.

Leider konnte sie nicht das Laken von sich werfen und davonlaufen, denn wohin sollte sie laufen, ohne den halben Haushalt zu schockieren und womöglich sogar einige Gäste.

„Ich mag ja ein Narr sein, Mrs. Wheaton, aber doch wohl nicht närrisch genug, um vorzugeben, die Leidenschaft, die wir füreinander empfinden, könnte uns nicht zerstören. Sie würde sich vielleicht als weniger schädlich erweisen, wenn wir sie uns wenigstens eingestehen“, sagte er düster.

Fast hätte Chloe ihre Gedanken laut ausgesprochen: Warum probieren wir es nicht? Wieder ihre verruchte Seite, die sie zur Unvorsichtigkeit verlocken wollte. War das nicht genau die Art von Bemerkungen, die sie und ihre Zwillingsschwester Daphne in ihren jungen Jahren in Schwierigkeiten gebracht hatten? Wie konnte sie nur hier sitzen und ihren neuen Herrn mit sehnsüchtigen Blicken ansehen? Wenn sie nur vorsichtig genug war, konnten sie wieder dazu übergehen, einander zu meiden, bis sie das Haus verließ.

„Für Sie wäre sie nicht schädlich“, erwiderte sie gereizt und verschränkte die nackten Arme vor der Brust.

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte er leise. Sein Blick ruhte jetzt voller Verlangen auf ihrem entblößten Brustansatz. In ihrem Versuch, ihre Brustspitzen zu verbergen, hatte sie nur noch mehr seine Aufmerksamkeit auf ihren Busen gezogen. „Ich habe schon immer gewusst, dass Sie einmal mein Untergang sein könnten.“ Er sah aus, als wäre er kurz davor, zu ihr ins Bett zu steigen und sie zu verführen, bis sie schrie vor Lust – und das in einem Haus voller Gäste, die jeden Moment auf sie aufmerksam werden könnten.

„Nein, niemals!“, brachte sie heiser hervor, obwohl die Hitze in ihrem Körper sie Lügen strafte. Luke war hier, und nicht in einem Traum, aus dem sie erwacht war, wie so oft in den ersten Tagen, Wochen und Jahren, nachdem er Farenze Lodge verlassen hatte, als wäre der Teufel hinter ihm her. Bis heute hatte sie geglaubt, ihr unangebrachtes Verlangen für diesen Mann überwunden zu haben. Doch jetzt musste sie sich eingestehen, dass sie sich getäuscht hatte.

„Wenn die Dinge anders stünden, könnte ich Sie mit einem einzigen Kuss dazu bringen, das zurückzunehmen, und das wissen Sie“, sagte er grimmig.

„Aber die Dinge sind nun einmal, wie sie sind, nicht wahr?“, flüsterte sie, und ihr Ton verriet, wie groß ihr Bedauern über all die Jahre war, da sie sich nach ihm gesehnt hatte. „Bitte lassen Sie mich in Ruhe, Mylord. Ich hätte mich nicht ausruhen sollen, wenn es doch so viel zu tun gibt. Aber ich verspreche, dass es nicht wieder vorkommen wird.“

„Unsinn“, sagte er barsch. „Als ich Sie heute das erste Mal sah, dachte ich, Sie könnten jeden Moment in Ohnmacht fallen. Sie sind zu dünn und scheinen seit Wochen nicht richtig gegessen oder geschlafen zu haben.“

„Ich kann nicht schlafen, und das Essen bleibt mir manchmal richtiggehend im Hals stecken“, gab sie zu.

„Wenn Sie so weitermachen, werden Sie noch krank. Sich selbst können Sie das ja antun, aber denken Sie doch, wie erschrocken Ihre Tochter sein wird, wenn sie Sie in diesem Zustand sieht. Sie hat gewiss schon genug damit zu tun, über Virginias Verlust hinwegzukommen. Ich weiß, sie standen sich sehr nahe.“

„Ja, sie war untröstlich“, sagte Chloe kummervoll. Verity hatte bitterlich in ihren Armen geschluchzt, als sie von Lady Virginias Tod erfuhr.

„Essen Sie also etwas!“, befahl er.

„Das tue ich, regelmäßig.“

„Dann essen Sie mehr und schlafen Sie heute Nacht aus, statt in den Fluren herumzuirren wie ein Geist, dass der arme Nachtwächter glauben muss, es spukt.“

Sein Ton war brüsk, aber Chloe sah aufrichtige Sorge in seinen Augen. Seine fast widerwillige Freundlichkeit berührte sie auf eine Weise, die sie sich nicht erlauben durfte. Verlegen rieb sie sich die Augen, schob eine lästige Locke hinter das Ohr und versuchte, ihn nicht anzustarren, als könnte sie ihn lieben, wenn die Dinge nur anders wären.

„Ich muss aussehen wie eine Vogelscheuche“, sagte sie unbedacht.

Er sah sie leicht amüsiert an, und einen Moment wünschte Chloe, sie könnte sich in seinem Blick verlieren. „Sie wissen doch, dass Sie wunderschön sind“, erwiderte er trocken.

Hastig schüttelte sie den Kopf, obwohl ihr ganz warm wurde, weil er sie anziehend fand.

„Aber Sie sind trotzdem zu dünn“, fuhr er streng fort, „und Sie haben Schatten unter den Augen, um die eine Heldin eines Schauerromans Sie beneiden würde.“

„Nun, sie kann sie gern haben“, meinte sie, und das Lächeln um seinen faszinierenden Mund vertiefte sich.

Wie vor zehn Jahren fühlten sie sich auch jetzt wieder stark zueinander hingezogen. Chloe spürte, dass sie kurz davor waren, sich von ihren Gefühlen hinreißen zu lassen. Es war gleichzeitig entsetzlich und wundervoll, wie die Vorstellung, wieder mit ihm vereint zu sein.

Er streckte langsam die Hand aus, als könnte er die Schatten unter ihren Augen fortwischen. Chloe fühlte fast die Berührung, bevor sie geschah. Ihr stockte der Atem, so hoffnungsvoll erwartete sie ihn, doch genauso war sie entsetzt darüber, wie sehr sie sich danach sehnte. Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen und sah, dass er zögerte – ein starker Mann, der gegen etwas ankämpfte, das, wie er sehr wohl wusste, falsch war. Chloe sah Neugier und Ungeduld in seinem Blick, aber im nächsten Moment war er wieder er selbst – unnahbar, selbstbewusst und kühl.

„Eve und Bran kommen“, warnte er sie heiser.

Sie nickte. Offenbar hatte das Schicksal beschlossen, sie vor ihrer Narrheit zu retten, ob sie es wollten oder nicht.

„Geben Sie vor, dass ich nie hereingekommen bin. Tun Sie so, als wären Sie in dem Moment aufgewacht, in dem sie fragen, was ich hier zu suchen habe“, flüsterte er.

4. KAPITEL

Wieder sprachlos, konnte Chloe nur nicken, vergrub dann das Gesicht in den Kissen und zog die Decke über ihre Schultern. Wenigstens hatte sie jetzt ein wenig Zeit, sich wieder zu fassen.

Er war bereits aus dem Zimmer gegangen und dabei, die Tür zu schließen. Niemand würde je erfahren, dass er sie im Bett ertappt hatte – die Lider schwer vom Schlaf und vor Verlangen nach ihm. Jetzt hörte sie Miss Winterley mit recht lauter Stimme ihre Überraschung über die Anwesenheit ihres Vaters ausdrücken. Zweifellos um mich zu warnen, dachte Chloe, damit ich mich nicht verrate. Sie errötete schuldbewusst. Sie spürte Luke Winterleys Anwesenheit, als würde er noch immer neben ihr stehen und sie mit seiner Nähe verwirren. Lieber Himmel, er war Miss Winterleys Vater!

„Du hast mein Buch weggenommen“, antwortete er nicht sehr überzeugend auf die Frage seiner Tochter.

„Und es gibt keins in Tante Virginias für ihre Vollständigkeit berühmte Bibliothek?“, wunderte sich Eve. Es klang, als wüsste sie, dass ihr Vater über die Haushälterin gestolpert war, die am falschen Ort und zu einer völlig unpassenden Zeit ein Nickerchen gehalten hatte. Aber wie könnte sie es wissen?

„Nicht das Buch, das ich las, bevor du es mir gestohlen hast“, erwiderte er mürrisch.

„Jetzt lese ich es, also würdest du es mir stehlen. Da du doch den Gastgeber für so viele Leute spielen musst, wie kannst du überhaupt nach Zerstreuung suchen wollen? Und das so sehr, dass du in mein Schlafzimmer einbrichst, wenn ich nicht da bin.“

„Ich wusste nicht, dass ich Zerstreuung so nötig hatte“, verteidigte er sich finster. „Und ich werde ja wohl das Zimmer meiner Tochter betreten dürfen, ohne vorher einen Termin ausmachen zu müssen.“

„Sei nicht brummig“, sagte Eve, und Chloe hörte ihre Röcke rascheln, als sie wahrscheinlich zu ihm ging, um ihn zu umarmen.

Es war falsch von ihr, Eve um diese Vertrautheit mit ihrem Vater zu beneiden, darum dass es ihr so leichtfiel, seine gewohnte Zurückhaltung zu durchbrechen.

„Ich werde es versuchen, mein Liebling, aber in den nächsten Tagen wird es viel Grund für mich geben, mich zu ärgern.“

„Gewiss“, sagte Mrs. Brown, die offenbar ebenfalls hereingekommen war. „Sie werden die Geduld eines Heiligen brauchen, bis die Aasgeier endlich fort sind.“

„Es sind nicht alle Aasgeier, Bran“, protestierte Eve.

„Wir kennen sie nicht gut genug, um das zu wissen, mein Lämmchen“, sagte ihre Zofe trocken, und Chloe erkannte, dass man sich um Eve Winterley keine Sorgen zu machen brauchte mit einer so Respekt einflößenden Beschützerin an ihrer Seite – und einem Vater, der ganz offensichtlich durchs Feuer gehen würde für sie.

„Ich kenne Lord Mantaigne und Großonkel Giles sehr gut, und selbst Onkel James ist nicht so ruppig und sarkastisch, wie er einmal war. Tante Virginia hat immer versucht, ihn zu einem stetigeren Leben zu überreden, also wird er ja vielleicht ihr zuliebe ein neues Kapitel aufschlagen.“

„Ja, und ich bin der Kaiser von China“, glaubte Chloe Lord Farenze murmeln zu hören. Sie fragte sich, was es war, das die beiden Halbbrüder derart entzweite. Obwohl sie sich so ähnlich sahen, konnten zwei Brüder sich kaum kühler gegenüberstehen.

„Nein, du bist ein fürchterlicher Griesgram, Papa. Warum hast du die Anwesenheit deines Bruders noch nicht genutzt, um wieder einmal mit ihm zu streiten, frage ich mich. Wenn du jetzt damit anfängst, könnte Onkel James immer mehr in Zorn geraten und dich zum Duell fordern, sobald Tante Virginias Beerdigung vorüber ist.“

„Vielen Dank, kleine Hexe. Die Klatschbasen haben schon genug Material zum Lästern, ohne dass auch noch ein Krawall in der Familie ausbricht. Ich glaube, ich hätte dir doch nicht erlauben sollen, Tom Jones zu lesen. Es scheint dich auf seltsame Gedanken zu bringen.“

„Ich verstehe nicht, warum man so abfällig über Mr. Fieldings ausgezeichnetes Buch spricht.“

Chloe hörte seine Schritte. Er wandte sich zum Gehen. Wie konnte sie nur erleichtert sein, dass sie seine aufwühlende Stimme nicht mehr zu hören brauchte, und sich gleichzeitig wünschen, er würde bleiben?

„Lass dich jedenfalls nicht damit erwischen. Ich möchte nicht, dass man dich für leichtfertig hält.“

„Mach dir keine Sorgen. In den nächsten Wochen werde ich so brav sein, dass du mich kaum wiedererkennen wirst.“

Chloe hörte nur ein leises Brummen, dann wies Eve ihre Zofe an, die Tür zu schließen, bevor sie hastig in das kleine Schlafzimmer trat, in dem Chloe im Bett saß, zutiefst verlegen und verwirrt.

„Das war knapp“, meinte Eve spitzbübisch lächelnd.

„Wir hätten abschließen sollen“, sagte Bran. „Man stelle sich nur vor, wenn Seine Lordschaft Sie hier vorgefunden hätte, Mrs. Wheaton.“

„Ja, man stelle sich nur vor“, wiederhole Chloe, erschauderte und stand verlegen auf, um sich anzuziehen.

„Ich helfe Ihnen“, bot Bran an. Chloe schlüpfte in ihr Kleid und versuchte gleichzeitig, ihre widerspenstigen Locken zu bändigen. „Knöpfen Sie Ihr Kleid zu, und ich frisiere Ihr Haar. Obwohl es eine Schande ist, es unter diesem albernen Häubchen zu verstecken, so schön, wie es ist. Was würden die meisten Frauen darum geben, so herrliches, volles Haar zu haben.“

„Es ist wild und widerspenstig, und die Menschen bekommen einen ganz falschen Eindruck von mir, wenn ich es offen lasse. Ich bin fast dreißig Jahre alt und eine respektable Witwe, keine naive Debütantin.“

„Nun, Sie sehen jedenfalls nicht älter aus als eine“, meinte Bran lächelnd.

„Ich kann es mir nicht leisten zu träumen“, antwortete Chloe leise.

„Keiner kann das, aber das hindert uns nicht daran, es dennoch zu tun, oder?“

„Wovon träumen Sie, Mrs. Brown?“

„Von einem guten Mann für meine kleine Eve, der sie lieben wird, wie sie ist, und nicht versuchen wird, sie zu ändern.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand so etwas würde tun wollen.“

„Nein, Ma’am? Dann konnten Sie sich bisher sehr glücklich schätzen.“

„Vielleicht stimmt das“, gab Chloe zu und erbebte bei dem Gedanken, auf wie viele Arten ein Mann seine Frau nach seinen Wünschen formen könnte.

„Seine Lordschaft jedenfalls ist ein Mann, der einer Frau erlauben würde, sie selbst zu sein, und der sie dafür sogar noch mehr lieben würde, Sie verstehen?“, sagte Bran, sobald sie damit fertig war, die widerspenstige Mähne zu einem ordentlichen Knoten aufzustecken. Dann betrachtete sie missbilligend das Häubchen, bevor sie es seufzend auf Chloes Haar setzte.

„Er macht nicht den Eindruck eines Mannes, der auf der Suche nach Liebe ist“, wandte Chloe ein.

„Nun, da ist auf der einen Seite das, was ein Mann behauptet zu wollen, und dann das, was er wirklich will. Meist treffen sich diese beiden Dinge nicht, bis die richtige Frau kommt.“

„Ich glaube nicht, dass ich ganz verstehe, was Sie sagen wollen, und da in weniger als einer Stunde Dinner serviert wird, haben wir beide keine Zeit, uns weiter darüber zu unterhalten“, meinte Chloe nach einem letzten Blick in den Spiegel, um sicherzugehen, dass sie wieder korrekt aussah.

„Wie Sie wollen. Wir werden wohl nie einer Meinung sein, was Seine Lordschaft angeht.“

„Vielleicht nicht“, erwiderte Chloe geistesabwesend, befestigte ihren Schlüsselbund wieder an dem Gürtel und eilte nach einem atemlosen Dankeschön aus dem Zimmer.

Luke begab sich nach unten in sein Arbeitszimmer, wütend auf sich, weil er immer noch bebte vor Verlangen. Was aber natürlich nichts bedeutete, außer dass er müde und es einfach nur zu lange her war, seit er seine Geliebte zuletzt besucht hatte. Er hatte sich viel abverlangt auf dieser Reise und war erschöpft und weniger Herr seiner männlichen Gelüste als gewöhnlich. Zum Glück war es nicht zu einer nicht wiedergutzumachenden Katastrophe gekommen.

Er stieß einen weiteren Fluch aus, so schmerzhaft war seine Erregung beim bloßen Gedanken an Chloe Wheaton und wie sie sich im Bett aufsetzte und ihn ansah, als würde er die Antwort auf all ihre Wünsche sein. Doch dann war sie endgültig erwacht und hatte sich erinnert, wer er war, wer sie war.

Ohne sich erklären zu können, weshalb, hatte er irgendwie gespürt, dass sie dort sein musste, als er die leicht geöffnete Tür zum Nebenzimmer gesehen hatte und Eves Gepäck noch immer auf dem Aubusson-Teppich. Wahrscheinlich hatte Eve die Diener angewiesen, es dort stehen zu lassen, um Chloe Wheaton nicht zu stören, während sie und Bran einen Spaziergang machten. Er wünschte nur, sie hätten Chloe nicht erlaubt, sich ins Bett zu legen – etwas, das er sich zu seinem Bedauern nicht erlauben konnte.

Eve hatte ein großes Herz, und es sah ihr ähnlich, ihre eigene Bequemlichkeit für eine Frau zu opfern, die sie kaum kannte, nur weil sie so erschöpft aussah. Wie sollte er nicht stolz sein auf eine solche Tochter? Eve hatte anständig gehandelt, aber jetzt wünschte er sich, er könnte nach oben laufen, sich die dickköpfige Mrs. Wheaton über die Schulter werfen – und das tun, was er schon so lange mit ihr tun wollte.

Wenn er Farenze Lodge nicht weitere zehn Jahre fernbleiben wollte, als würde er es hassen, musste sie gehen. Aber er musste eine Stellung für sie finden, wo ihre Fähigkeiten geschätzt würden und nicht ihre allzu aufregende Figur und ihre faszinierenden veilchenblauen Augen. Benötigten Klöster den Wert eine Haushälterin? Luke ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten bei dem Gedanken, sie könnte von dem Gatten ihrer neuen Herrin begehrlich angestarrt werden oder von ihrem schlaksigen Tölpel von einem Sohn. Er beschloss, Mrs. Wheatons nächsten Arbeitgeber für eine Weile streng im Auge zu behalten.

Ja, er hätte seiner Ahnung trauen sollen, aber seine Neugier oder etwas Gefährlicheres als das hatte ihn dazu gebracht, die Tür doch aufzustoßen. Und nachdem er Chloe erst gesehen hatte, war es ihm ebenso wenig möglich gewesen, wieder zu gehen, wie er mit dem Atmen hätte aufhören können. Selbst jetzt war ihm, als würde ihr Duft noch die Luft erfüllen – eine Mischung aus Lavendel, Zimt und Nelke, die seine Sinne betäubt und ihn in Versuchung geführt hatte, ihren anmutigen Hals zu küssen, um zu sehen, ob sie ebenso exotisch schmeckte, wie sie duftete.

Zum Teufel, er hatte sie gar nicht geküsst, und hatte doch noch immer den Geschmack von ihr auf der Zunge. Ein gequältes Stöhnen entfuhr ihm. Nach zehn Jahren, in denen er ihr aus dem Weg gegangen war, begehrte er sie immer noch, sehr viel mehr noch als am ersten Tag, und jetzt waren sie beide reifer und vielleicht eher bereit, sich in Versuchung führen zu lassen.

Das zierliche kleine Ding von damals war in jeder Hinsicht eine heißblütige Frau geworden, und er hatte sich geirrt, was den Körper unter ihrem züchtigen Haushälterinnen-Kleid anging. Chloe glich in nichts mehr dem dünnen Mädchen, das sie einst gewesen war. Gewiss, sie war schlank, und wohl auch ein wenig zu schlank, da sie vor Kummer kaum aß und kaum schlief. Aber ihr Körper wies sehr weibliche, aufregende Rundungen auf, und ihre Haut sah so seidenweich und vollkommen aus, dass er sich vorstellen konnte, wie ihre vollen Brüste sich in seinen Handflächen anfühlen würden. Leise stöhnend hielt er die Hände hoch, als könnte er so seine Gedanken verhindern.

Denn irgendwie musste er Chloe widerstehen. Luke seufzte schwer. Ganze zehn Jahre lang hatte er alles getan, um ihr fernzubleiben. Er hatte die Verzweiflung in ihren Augen gelesen und die Sehnsucht nach der Liebe, die Virginia ihr und ihrer Tochter, zwei obdachlosen Geschöpfen, großzügig entgegenbrachte. Also hatte er sich ihre Zurückweisung zu Herzen genommen.

Von da an hatte er dafür gesorgt, dass Virginia und Eve in Brighton zusammen sein konnten, wo sie jedes Jahr ihren Urlaub verbrachten. Er hatte sogar im Frühling mehrere Wochen in London ertragen, wo sie Eis im Gunter’s essen und den Zoo besuchen konnten, und das alles obwohl Darkmere gerade im Frühling besonders schön war.

Er vermutete, Virginia hatte immer geahnt, warum er Farenze Lodge mied, doch sie sprach ihn nie darauf an, weil sie ebenso wie auch er gewusst hatte, dass die Aufmerksamkeiten eines Lord Farenze eine einfache Haushälterin nur ruinieren konnten. Die Gesellschaft würde ihn auslachen und Chloe verhöhnen, falls er versuchen sollte, aus ihr mehr als seine Geliebte zu machen.

„Da bist du ja“, bemerkte Tom, der an der Tür erschien, und Luke begrüßte die Ablenkung. Oder?

„Dir kann man nicht entkommen, was?“

„Ich kann auch wieder gehen, bis du besserer Laune bist, wenn du willst, aber ich dachte, geteiltes Leid ist halbes Leid.“

„Ach, zum Henker, ich leide nicht.“

„Du machst jedenfalls ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.“

Luke hörte auf, auf und ab zu laufen wie ein General vor einer Schlacht, und nahm zum zweiten Mal heute ein gefülltes Glas von Tom an. Er trank einen Schluck von dem ausgezeichneten Cognac, den Virginia nur wenigen Bevorzugten angeboten hatte, und fühlte sich schon ein wenig besser.

„Sie fehlt mir so sehr, Tom“, gestand er schließlich nur eines der Dinge, die ihn bekümmerten.

„Wie könntest du auch anders. Ich nehme an, Virginia rettete dich vor deiner nicht sehr zärtlichen Familie, wann immer sie konnte. Mich jedenfalls hat sie vor einem lieblosen Vormund gerettet, als ich noch ein Junge war, um den sich sonst keiner Gedanken machte.“

„Das stimmt. Und sie nahm ständig Kinder und sonstige Streuner unter ihre Fittiche. So ein Jammer, dass ihr und Virgil keine Kinder vergönnt waren. Sie wäre eine wundervolle Mutter gewesen.“

„Und das von einem Mann, der jetzt keinen Titel trüge, wenn sie einen Sohn gehabt hätten. Du bist entweder ein Heiliger oder ein Lügner, Luke, mein Freund.“

„Weder noch. Du weißt ebenso gut wie ich, dass ein Titel einen Menschen nicht glücklich machen kann.“

„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte Tom gleichgültig, was nur verständlich war, da er seit seinem fünften Lebensjahr den Titel eines Marquess trug.

„Nun, ich weiß es aber“, fuhr Luke fort. „Mein Titel hat mir keine Freude gebracht.“

„Weil du kaum noch welche in dir hattest, als du den Titel geerbt hast, Luke“, warf Tom weise ein.

Luke fragte sich, ob es sich irgendjemand außer Mantaigne erlauben konnte, solche Dinge zu sagen, ohne zum Duell gefordert zu werden. „Und du, der du dich nicht erinnern kannst, je ohne Titel gewesen zu sein, schäumst wohl über vor Glück?“

„Das wäre zu viel gesagt, aber ich sehe auch nicht ein, warum ich mit düsterer Miene durch die Gegend gehen soll. Virginia hätte nicht gewollt, dass wir vor Kummer verzweifeln.“

„Du hast recht. Nach Virgils Tod war es, als hätte sie einen Teil ihrer selbst verloren. Sie hat sich nie wirklich von seinem Verlust erholt.“

„Ja, und falls es einen Himmel gibt, dann sind sie dort wieder vereint. Vielleicht gibt es doch die wahre Liebe“, meinte Tom mit einem schiefen Lächeln.

„Nein, die Liebe ist für uns Übrige nicht mehr als ein Märchen“, erwiderte Luke heftig, als müsste er sich verteidigen. Aber was ging es ihn an, er empfand gewiss keine Liebe für Chloe Wheaton.

„Das Seltsame mit den Märchen ist aber, dass viele Leute an sie glauben“, sagte Tom und sah ihn so durchdringend an, dass Luke unruhig wurde.

Wollte Tom ihn warnen, dass er sich an Mrs. Chloe Wheaton nicht die Finger verbrennen sollte? Er konnte sich nichts Unwahrscheinlicheres vorstellen, als dass die überaus kritische Haushälterin sich je in ihn verlieben würde. Dann erinnerte er sich daran, wie hilflos und verwundbar sie in dem schmalen Bett ausgesehen hatte, und war sich nicht mehr so sicher.

„Nun, ich nicht“, sagte er leise.

„Dabei scheinst du direkt den Seiten eines Schauerromans entstiegen zu sein, so ähnlich siehst du dem Ideal eines heldenhaften Schurken, von dem die hohlköpfigen jungen Mädchen heutzutage so schwärmen.“

„Was redest du da? Ich fürchte, du hast ein wenig zu tief ins Glas geschaut, mein Bester“, sagte Luke ungläubig.

„Nein, aber dir ist es wirklich nicht bewusst, was?“

„Was soll mir bewusst sein?“

„Dass deine langen dunklen Locken, deine düstere Miene und abweisende Art die reizenden Debütantinnen dieses Jahr verrückt machen werden vor Verlangen nach dir.“

Luke erblasste schon bei der Vorstellung. „Aber warum? Ich bin alt genug, um ihr Vater zu sein.“

„Wer weiß schon, was in den hohlen Köpfchen dieser Mädchen vor sich geht. Jedenfalls wirst du für sie und ihre ehrgeizigen Mamas ein gefundenes Fressen sein, wenn du es wagst, dich in London ohne eine Viscountess an der Seite blicken zu lassen.“

„Darum wollte ich mir eigentlich erst Sorgen machen, nachdem Eve sicher verheiratet ist.“

„Lass Eve einen Mann finden, wenn sie dazu bereit ist, Luke. Das bist du ihr schuldig, nachdem sie all diese Jahre ein Leben mit einem Einsiedler wie dir ertragen musste.“

Luke schüttelte den Kopf, fragte sich aber doch, ob Tom womöglich recht hatte. Er selbst konnte nichts Attraktives an einer finsteren Miene und rabenschwarzem Haar finden, das er nur deswegen so lang trug, weil er nicht daran dachte, ständig den Friseur aufzusuchen. Was seine Züge anging, war er nur froh, dass Eve die markante Nase der Winterleys nicht geerbt hatte. Falls ihm irgendwann der anerkennende Blick einer Frau aufgefallen war, hatte er ihn stets auf seinen Reichtum und Titel zurückgeführt. Die Ehe mit Pamela Verdoyne hatte ihn von jeder Eitelkeit geheilt.

„Ich werde nicht zulassen, dass Eve eine Stiefmutter wie die meine bekommt“, sagte er erschaudernd.

„Das liegt ganz in deiner Hand“, meinte Tom achselzuckend.

„Was soll das eigentlich? Willst du mich zum Heiraten überreden? Mir scheint, Virginia, du und meine süße, ränkevolle Eve steckt unter einer Decke.“

„Nicht, weil wir uns abgesprochen hätten, aber alle drei können wir uns ja nicht irren.“

„Oh doch, ihr irrt euch sogar gewaltig.“

Tom hob lediglich die Augenbrauen und schenkte sich dann seelenruhig nach.

„Hat Virginia dich hierzu angestiftet?“, fragte Luke nach einen Augenblick Schweigen misstrauisch.

„Glaubst du nicht, dass ich eine eigene Meinung habe und genügend Verstand, um zu sehen, was du einfach nicht sehen willst? Wäre sie nicht tot, würde ich sie liebend gern mit meinen bloßen Händen erwürgen, diese verzogene Hexe, die du so voreilig geheiratet hast, Luke. Sie heiratete dich wegen deiner guten Aussichten und wies dich dann zurück, weil sie Leidenschaft mit Liebe verwechselte. Als wärst du schuld an ihrer Eitelkeit, Dummheit und Querköpfigkeit.“

„Ich hätte nie zustimmen dürfen, sie zu heiraten“, sagte Luke achselzuckend. Er erinnerte sich an die vielen erbitterten Auseinandersetzungen während seiner Ehe und schenkte sich erst einmal ein zweites Glas Cognac ein, ohne sich richtig bewusst geworden zu sein, dass er das erste bereits geleert hatte.

„Deinen Vater und deine böse Stiefmutter trifft die Schuld daran, weil sie einen vernarrten jungen Mann zu einer solch erbärmlichen Heirat gedrängt haben. Jetzt bist du jedoch kein Junge mehr, und du brauchst eine Frau, mein Freund, sogar sehr dringend. Es sei denn, es macht dir nichts aus, in den Londoner Ballsälen auf Schritt und Tritt von einer ruchlosen Meute heiratswütiger Frauen verfolgt zu werden.“

„Solltest du dich nicht um deine eigenen Probleme in dieser Hinsicht kümmern? Immerhin bist du der letzte Banburgh und musst für die Nachfolge sorgen. Ich habe einen jüngeren Bruder.“

„Die Banburghs können von mir aus zum Teufel gehen. Aber für James ist es nicht gut, ständig im Ungewissen zu sein. Er weiß nie, ob er dein Erbe sein wird oder nicht, da du noch einen Sohn zeugen könntest. James ist gelangweilt und unruhig und sehr wahrscheinlich einsam. Wer weiß, wozu er sich noch versteigen wird, wenn wir nicht aufpassen.“

„Du weißt sehr gut, dass er sich mir niemals anvertrauen würde.“ Luke gestand sich ein, wie sehr es ihn schmerzte, dass sein Halbbruder ihn hasste.

„Als ihr jünger wart, wäre er dir liebend gern gefolgt wie ein junger Hund.“

Luke schnaubte spöttisch bei der Vorstellung, der elegante, weltmännische James Winterley könnte irgendjemandem sklavisch folgen, geschweige denn seinem verachteten, verhassten älteren Bruder. „Dieser Apfel ist nicht besonders weit vom Baum gefallen“, sagte er grimmig, aber dass er eine solch nichtssagende Floskel benutzte, ließ ihn plötzlich überlegen, ob er nicht doch voreingenommen war, wenn es um James ging.

„Du hältst sein Los für so viel besser als deins?“, fragte Tom ungeduldig.

„Was ich auch denke, lass uns ein anderes Mal damit anfangen, James zu bemitleiden, denn seine Mutter liebt ihn und hasst mich.“

„Warte nicht damit, bis es zu spät ist“, warnte Tom ihn in einem Ton, dass Luke sich fragte, ob sein Freund nicht mehr über James’ Machenschaften wusste, als er zugab. „Ich gehe nach oben, um mich umzukleiden und die Stunde bis zum Dinner irgendwie zu vertrödeln. Wer weiß, vielleicht werden wir gegen jede Wahrscheinlichkeit doch noch einen angenehmen, friedlichen Abend verbringen“, fügte er hinzu, bevor er aus dem Raum schlenderte.

„Unter diesem Dach ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering“, meinte Luke mürrisch und leerte sein Glas, bevor auch er nach oben ging.

5. KAPITEL

Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, als Luke die elegante Treppe hinaufging. Er klingelte nach einem Diener und teilte ihm mit, dass er zu baden wünsche. Schon wenige Minuten später wurde das heiße Wasser hereingetragen. In diesem Haushalt lief alles reibungslos, kein Grund also, Mrs. Chloe Wheaton auf der Stelle zu kündigen und seiner Qual ein Ende zu setzen. Als er sich wohlig aufseufzend in den Badezuber sinken ließ, erschienen jedoch sofort Bilder dieser verflixten Frau vor seinem inneren Auge.

Warum gerade sie? Warum begehrte er ausgerechnet Chloe Wheaton, wann immer er sie sah? Sie war eine schöne Frau – trotz der schlichten Kleider und der albernen Haube –, aber er war schon vielen schönen Frauen begegnet, einige von ihnen sogar Diamanten reinsten Wassers. Doch keine andere Frau auf dieser Welt konnte ihn mit einem einzigen misstrauischen Blick so in Erregung versetzen, und wie sehr wünschte er, es wäre anders.

Wenn es doch nur der Gedanke daran wäre, sie zu seiner Geliebten zu machen, der ihn so aufwühlte, der ihn vor unerfülltem Verlangen wahre Qualen erleiden ließ. Aber es war mehr als das. Chloe hatte etwas Einzigartiges an sich, das er selbst nach zehn Jahren nicht vergessen konnte. Er musste an einen schicksalhaften Tag denken in jenem Sommer, als er im Wäldchen hinter dem Herrenhaus zufällig auf sie und ihr kleines Mädchen gestoßen war. Von einer verborgenen Stelle aus hatte er zugesehen, wie Chloe mit Verity gespielt hatte.

Schließlich hatte die Hitze die Kleine erschöpft, und Chloe hatte sie in den Arm genommen und sie leise in den Schlaf gesungen. Luke wusste noch genau, wie groß seine Sehnsucht nach solcher Liebe und Zärtlichkeit für Chloes und seine Kinder geworden war. Kinder, die sie in die Welt setzen könnten, wenn nur alles anders wäre.

Doch Wheaton hatte sie geheiratet, da war sie kaum mehr als ein Schulmädchen gewesen. Zumindest hatte sie das berichtet.

Gerade hatte er sich abwenden wollen, da schien die Junisonne ihr ins Gesicht und ließ kurz die Tränen auf ihren Wangen schimmern. Selbst jetzt noch empfand Luke die Betroffenheit, die ihn erfasst hatte. Damals hatte er seinen Wunsch, zu ihr zu eilen und sie in die Arme zu nehmen, so heftig unterdrücken müssen, die Hände so kräftig zu Fäusten geballt, dass er sich die Nägel ins Fleisch gebohrt hatte.

Schon am folgenden Tag war er abgereist und jeder Gedanke, sie zu seiner Geliebten zu machen, zunächst einmal vergessen. Er konnte ihr das nicht antun, weder ihr noch der kleinen Verity oder einem Kind, das er vielleicht mit ihr zeugen würde. Es wäre kein respektables Leben gewesen, und das wollte er ihr nicht antun.

Zum Henker, er würde nicht zulassen, dass seine Gelüste ihn beherrschten. Doch als er sich seine verstorbene Frau vorstellte, wie sie ihn beschimpfte, um seine Besessenheit von Chloe zu unterdrücken, war sein einziger Gedanke, Chloe könnte in diesem Moment nackt und willig in dem großen Bett nebenan auf ihn warten, und allein diese Vorstellung ließ ihn hart werden.

Chloe brauchte nur in der Nähe zu sein, und schon begehrte er sie. Vom ersten Augenblick an, als er sie am Fenster von Virginias Schlafzimmer entdeckt hatte, war es ihm nur mühsam möglich gewesen, seine Erregung vor der Welt zu verbergen. Hatte er denn in seiner Ehe nichts gelernt?

Seine Reaktion auf Pamelas Weigerung, ihn in ihr Bett zu lassen, kaum dass sie von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrt waren, erinnerte ihn daran, wie leicht es war, eine Frau zu begehren, ohne sie auch nur gern zu haben. Er empfand wieder dieselbe Verachtung für sich und seine Frau bei dem Gedanken an die raue Art, wie er sie genommen hatte, bis sie vor Lust geschrien und um mehr gebettelt hatte – so wie sie es nie bei seinem zärtlichen Liebesspiel getan hatte. Damals hatte er sich selbst nicht verstehen können.

Ihre Ehe hatte mehr schlecht als recht weitere sechs Monate lang angedauert. Während dieser Zeit war Pamelas Verhalten immer unbeständiger geworden und sein Abscheu für sie gewachsen. Wie ähnlich es ihr doch sah, ihm gerade an dem Tag, als sie ihn verließ, zu verkünden, dass sie ein Kind erwartete. An seinem zwanzigsten Geburtstag erreichte ihn ein Brief von der Adresse ihrer Schwester in London, in dem Pamela ihm mitteilte, dass sie von einer Tochter entbunden worden war und er besser kommen und das Kind abholen sollte. Bis zum heutigen Tag konnte Luke sich nicht erinnern, wie die Reise verlaufen war. Und nur Eve, das einzige völlig unschuldige Wesen in dieser Angelegenheit, hatte seinen Zorn durchbrechen können.

„Du kannst das brüllende Gör gern haben!“, hatte seine Frau geschrien, als er an ihr vorbei zur Dachkammer hinaufeilen wollte, sobald der Butler ihm gesagt hatte, wohin seine Tochter verbannt worden war, weil sie zu laut geweint hatte.

Pamela war ihm nachgerannt. „Ich bin bei der Niederkunft fast gestorben und will den Balg nie wieder sehen.“

„Wahre Mutterliebe“, hatte er gehöhnt.

„Einen Abkömmling von dir könnte ich niemals lieben. Nicht dass ich sicher bin, dass sie wirklich von dir ist. Du bist nicht der einzige Winterley, der brünstig ist wie ein Hengst“, hatte sie selbstgefällig hinzugefügt.

Worauf er so laut vor Zorn aufgebrüllt hatte, dass das Baby erwacht war und ein wütendes Kindermädchen aus der Dachkammer gelaufen kam. „Wenn Sie auch nur einen Funken Mitgefühl in Ihren schwarzen Herzen finden können, sind Sie jetzt still“, hatte die zierliche Frau sie beide angefahren.

Erstaunt, so von einer winzigen Person ausgeschimpft zu werden, die ihm gerade eben bis zur Brust reichte, hatte er lächeln müssen. Sie machte den Eindruck einer klugen Frau, die in ihrem Leben viel Elend gesehen hatte.

„Wessen Kind ist sie dann?“, hatte er Pamela mit leiserer Stimme gefragt, da das aufgebrachte Kindermädchen ihm noch immer den Weg ins Zimmer versperrte.

„Oh, eine Winterley ist sie gewiss, deswegen kann ich sie wahrscheinlich auch nicht in meiner Nähe ertragen.“

„Dann ist es meine Tochter.“

„Es gibt noch andere Aasgeier, die in deinem Stammbaum hocken und hoffen, dass ihre Saat dir die Familienehre vor der langen Nase wegschnappen wird, Luke Winterley.“

Nicht der unwahrscheinliche Gedanke, sein bereits kränkelnder Vater könnte das Kind gezeugt haben, traf Luke wie ein Messerstich ins Herz. Vielmehr dämmerte ihm eine fürchterliche Möglichkeit, während er in Gedanken einen Namen nach dem anderen von der Liste der männlichen Angehörigen strich. Seine Stiefmutter konnte nicht ertragen, dass er den Farenze-Titel erben würde, und hatte stets ihr Bestes gegeben, ihn und seinen Halbbruder James gegeneinander aufzuhetzen. Dennoch hatte Luke bisher angenommen, dass ihn und seinen Bruder wenigstens eine leicht ruppige Zuneigung verband – bis zu jenem Augenblick.

Würde selbst Pamela so tief sinken und einen siebzehnjährigen Jungen verführen, hatte er sich gefragt? Ja, hatte er mit einer Bitterkeit geschlossen, die ihn zu ersticken drohte. Ihm war klar geworden, dass sie alles tun würde, um sich an ihm dafür zu rächen, dass er sie geheiratet hatte, ohne sie sklavisch zu lieben – und dabei jede Minute genießen. Damals war er jung genug gewesen, um bis ins Innerste getroffen zu sein und es keinen Augenblick länger in ihrer Gegenwart auszuhalten.

„Nehmen Sie das Kind mit. Wir gehen“, hatte er die zierliche Kinderfrau angewiesen, die offenbar auch als Amme fungierte.

„Nicht bevor ich sicher sein kann, dass sie bei Ihnen besser aufgehoben ist als bei einer Lumpensammlerin“, hatte sie schroff entgegnet, war aber kurz darauf an der Tür erschienen, Eve in ein abgetragenes Schultertuch gewickelt, das ihr selbst gehören musste, da Pamela ihr gewiss keins ihrer eigenen gegeben hätte.

„Warum habe ich nicht selbst an diese Möglichkeit gedacht?“, hatte Pamela niederträchtig erwidert.

„Wie kannst du so schreckliche Dinge über dein eigenes Kind sagen?“, hatte ihre Schwester, Lady Derneley, die sich im Hintergrund gehalten hatte, schwach protestierend eingeworfen.

„Lieber würde ich ein Frettchen beherbergen als dieses brüllende Ding. Hat James mich auch nur ein einziges Mal besucht, während ich fett war wie eine Kuh, weil einer von diesen beiden mich geschwängert hat? Er hat mir ewige Liebe geschworen, als er mich hinter dem Rücken seines Bruders verführt hat, und sieh doch selbst, wie lange seine Liebe angehalten hat. Sie ist an allem schuld, daran dass ich meine Figur verloren habe und dass der liebe Blasedon verschwunden ist, weil er ihr Geschrei nicht länger ertragen konnte. Ich will sie nie wiedersehen! Sie kann zusammen mit ihm hier zum Teufel gehen, je eher desto besser.“

Lady Derneley war kreidebleich geworden.

„Zum Teufel mit dir, du widernatürliches Miststück“, hatte Luke sie angeschrien.

„Zum Teufel mit Ihnen beiden.“ Trotz des Geschreis hatte sich die zierliche Kinderfrau Gehör verschafft. „Denken Sie ein einziges Mal nicht nur an sich, sondern an das unschuldige Geschöpf hier, das niemandem etwas Böses getan hat. Sir, bringen Sie uns weg von hier, bevor das arme Ding vor Kälte oder Hunger stirbt oder diese Dame hier es ermordet, während ich schlafe, ob Sie nun der Vater sind oder nicht.“

In diesem Moment hatte Luke den Fehler begangen, das winzige Geschöpf in den dünnen Armen des Kindermädchens anzusehen, und erkannt, dass es recht hatte. Er streckte einen Finger aus, ohne zu überlegen, was er damit zu erreichen versuchte. Und da öffnete Eve weit die Augen, hörte auf zu weinen und schien sich auf ihn zu konzentrieren, als hätte sie seit dem Tag ihrer Geburt auf ihn gewartet. Sie machte ihn zu ihrem Vater, wie die Wahrheit auch aussehen mochte, als sie seinen Finger umschloss und sich weigerte, ihn loszulassen.

Irgendwie gelang es ihm, sich zu fassen und Pamela davon zu überzeugen, dass er ihr den Unterhalt stoppen und eine Scheidung erwirken würde, wenn sich herumsprechen sollte, dass Eve vielleicht nicht seine Tochter war. Die Reise zurück nach Darkmere mit Eve und der Kinderfrau Brandy Brown war ein Albtraum, an den er nur mit Schaudern zurückdenken konnte, aber sie überlebten sie irgendwie, und Eve wuchs auf ohne die Gegenwart einer Mutter, die sie dafür hasste, dass sie eine Winterley war.

Später zwang er sich, nicht auf die Neuigkeiten zu achten, die von Pamelas Eskapaden mit diversen Liebhabern in jenen Teilen Europas berichteten, die nicht vom Krieg mit Frankreich betroffen waren. Es war ihm gleichgültig, dass sie sein Geld mit ihrem jeweils neuesten Gespielen verprasste. Und als er drei Jahre danach von ihrem Tod erfuhr, war er nicht in der Lage, Trauer um sie zu heucheln.

Als Viscount Farenze mochte er zwar einen harten, hochmütigen Eindruck machen, aber als Vater liebte er Eve von ganzem Herzen. Niemand in seinem Leben war ihm wichtiger und gab ihm größere Freude als sie. Ganz gewiss nicht seine aufregende Haushälterin. Entschlossen, das in den nächsten Tagen nicht zu vergessen, machte er sich daran, sich zum Dinner umzuziehen.

Chloe war gerade dabei, mit der Köchin über die von Mrs. Winterley gewünschte stattliche Anzahl an Gängen zu sprechen, und stimmte ihr zu, dass jetzt nicht der Anlass für solchen Überfluss war. Das Geräusch einer vorfahrenden Kutsche ließ sie überrascht innehalten. Gleich darauf trat der Stallmeister ein und bat sie, kurz nach draußen zu kommen. Hastig folgte sie ihm in den Hof.

„Verity, mein Liebling!“, rief sie überglücklich. Ihre Tochter kletterte gerade aus der Chaise und blinzelte im Licht der Lampe, die der Stalljunge hochhielt.

„Oh Mama, ich bin so froh, dich zu sehen“, sagte sie mit einem zittrigen Lächeln, bei dem Chloe fast in Tränen ausgebrochen wäre. Aber sie riss sich zusammen und drückte ihr Mädchen stattdessen so fest an sich, als wären sie seit Monaten getrennt gewesen.

„Aber wie ist es möglich?“, fragte Chloe, als Lord Farenzes Kutscher ihr zum Gruß zunickte.

„Seine Lordschaft hat es angeordnet, sobald er hörte, dass die kleine Miss hier es kaum erwarten konnte, nach Hause zu kommen“, erklärte Birtkin.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar“, sagte sie herzlich.

„Sie sollten Seiner Lordschaft danken, Ma’am, ich habe nichts damit zu tun“, erwiderte er.

„Aber Sie und Ihre Reitknechte waren es, die durch die Dämmerung und dann im Dunkeln gefahren sind, und das Verity zuliebe. Also bin ich Ihnen dankbar, ob es Ihnen gefällt oder nicht.“

„Wir haben nur unsere Pflicht getan, Ma’am.“

„Ich werde aufhören, mich zu bedanken, da es Sie in Verlegenheit bringt, aber ich werde die Köchin bitten, Ihnen ein reichhaltiges Dinner zu servieren. Sie und Ihre Männer brauchen kräftige Speisen nach einer solchen Fahrt.“

„Vielen Dank, Ma’am. Wir werden uns nur noch um die Pferde kümmern und uns frisch machen, bevor wir hereinkommen.“

„Tun Sie das“, sagte Chloe freundlich und führte Verity ins Haus.

Sie konnte sich erlauben, sich einige Minuten freizunehmen, da Oakham das Servieren der Gerichte beim Dinner beaufsichtigen würde, während die Köchin hinter den Kulissen für kulinarische Köstlichkeiten sorgen würde.

„Eigentlich sollte ich dich schelten, dass du deine Lehrerinnen bedrängt hast, dich herkommen zu lassen. Ich wollte dir all das doch ersparen. Aber ich bin viel zu froh, dich bei mir zu haben.“ Sie brachte Verity sofort nach oben, da sie ahnte, wie erschöpft die Kleine sein musste. „Jetzt bist du da und musst sofort zu Bett.“

„Oh Mama, warum denn? Ich bin überhaupt nicht müde.“

„Ja, das kommt dir sicher so vor, aber in diesem Punkt wirst du mir meinen Willen lassen müssen, da du in allem anderen deinen durchgesetzt hast.“

Wie schwierig es doch war, dieses dickköpfige, kluge kleine Mädchen nicht zu verziehen, und wie recht Virginia gehabt hatte, Verity auf Miss Thibetts sehr gute Schule zu schicken. Ihre Tochter musste Selbstdisziplin lernen und alle anderen Fertigkeiten, die Miss Thibett für eine moderne junge Frau für unerlässlich hielt. Chloe und ihre Schwester hatten niemals eine Gouvernante gehabt, und wohin hatte ihr Mangel an guter Erziehung sie gebracht!

Veritys Zimmer befand sich in dem Flügel, den Lord und Lady Farenze in der Hoffnung auf eigene Kinder gebaut hatten. Später hatten sie ihn dann für die Kinder anderer Leute benutzt – für Verity sowie für Lord Mantaigne, Lord Farenze, den jetzigen Herren des Hauses, und dessen Halbbruder James, als sie Jungen gewesen waren. Seit der Erkrankung ihrer Herrin hatte sie in Rufweite von Lady Virginia geschlafen. Jetzt wollte sie nicht in die Nähe ihrer Tochter umziehen, damit Verity nicht hörte, wie sie schreiend aus ihren entsetzlichen Albträumen aufschreckte, die sie wieder plagten.

Chloe unterdrückte ein Seufzen. Wie sollte sie sich auch entspannen am Abend vor Virginias Beerdigung und mit dem Wissen, dass Lord Farenze unter demselben Dach schlief?

„Ich schlafe immer noch im Eckzimmer neben Lady Virginias Suite. Du wirst dich doch erinnern, wo du mich finden kannst, falls du aufwachst und mich brauchst, nicht wahr, mein Liebling?“, fragte sie, während sie Verity beim Entkleiden half.

„Sehr gut sogar, Mama, aber ich werde dich nicht brauchen.“ Sie hob gehorsam die Ärmchen, damit Chloe ihr das Nachthemd über den Kopf ziehen konnte. „Ich bin so froh, wieder zu Hause zu sein, dass ich wunderbar schlafen werde. Darf ich wirklich mein Abendessen im Bett zu mir nehmen?“

„Ich wäre sehr verletzt, wenn du es nicht tun würdest. Ich musste die Köchin dazu überreden, es für dich zu richten. Sie hat im Augenblick sehr viel zu tun, weißt du.“

Sie löste Veritys goldblonde Zöpfe und bürstete behutsam die widerspenstigen Locken, während ihre Tochter sich hungrig über die Hühnersuppe, ein leckeres Sandwich und Pudding hermachte, die ein schüchternes Küchenmädchen auf einem Tablett gebracht hatte.

„So, jetzt sind endlich alle Knoten heraus“, sagte Chloe und flocht das dichte blonde Haar wieder zu einem Zopf, ein Ritual, das sie plötzlich lebhaft an eine Zeit erinnerte, in der sie dasselbe für ihre Schwester getan hatte, als die in Veritys Alter gewesen war.

„Ich hab dich sehr lieb, Mama“, versicherte Verity ihr schläfrig. „Lady Virginia wird mir immer fehlen, aber du bist meine Mutter und ich werde nicht erlauben, dass du mich verlässt“, fuhr sie so ernsthaft fort, dass Chloe ahnte, wie sehr Virginias Verlust sie getroffen hatte.

„Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als bei dir zu sein, solange du mich brauchst, und dir eine Last zu sein, wenn ich alt und grau bin, mein Schatz“, sagte sie scherzhaft und zog eine komische Grimasse. „Aber jetzt ist es Zeit, dass du zu Bett gehst, und ich muss dafür sorgen, dass alles bereit ist, wenn die Familie und ihre Gäste sich ebenfalls zurückziehen wollen.“

„Gute Nacht, Mama“, murmelte Verity müde, als Chloe sie zudeckte und das Nachtlicht überprüfte.

„Gute Nacht, mein Liebling“, sagte sie leise. Verity war bereits eingeschlafen.

Chloe nahm das Tablett und ihren Kerzenleuchter und erlaubte sich einen Augenblick, ihr schlafendes Kind zu betrachten, bevor sie zu ihren Pflichten zurückkehrte. Das war der wahre Zweck ihres Lebens. Veritys Ankunft kam gerade rechtzeitig, um sie daran zu erinnern, warum sie hier als Haushälterin arbeitete und später bei einem anderen Arbeitgeber, so lange Verity sie brauchte. Später würde sie vielleicht in der Lage sein, sich das Cottage am Meer zu leisten, das sie sich selbst versprochen hatte. Selbst Haushälterinnen, die eine Tochter großziehen mussten, brauchten einen Traum, um die harte Wirklichkeit zu vergessen.

„Ich möchte Ihnen danken, Lord Farenze“, hörte er sie mit kühler Stimme sagen, als er nach dem Dinner in der Stille seiner Bibliothek Zuflucht suchen wollte.

„Ach, wirklich? Das bezweifle ich“, erwiderte er ungnädig.

„Sie halten mich für so ungezogen, Ihnen nicht einmal ein schlichtes Dankeschön zu sagen, nachdem Sie meine Tochter haben herbringen lassen?“, fragte Chloe Wheaton, aber er bildete sich gewiss nur ein, dass sie leicht verletzt klang. Immerhin sprach sie leise hier im Gang, wo jeder sie belauschen könnte.

„Ich habe nichts gegen Ihre Manieren, sondern gegen Ihren Stolz, Madam“, antwortete er knapp, selbst ganz erschrocken über seine Unfreundlichkeit, wenn er sich auch aus irgendeinem Grund unfähig sah, damit aufzuhören.

„Sie glauben, eine Haushälterin habe kein Recht auf ihren Stolz, Mylord?“

„Ich glaube, Sie besitzen eindeutig zu viel davon, Recht hin, Recht her.“

„Wie revolutionär von mir“, meinte sie ausdruckslos und wandte sich zum Gehen, vermutlich, um nichts zu sagen, was sie bedauern würde.

„Warten Sie. Es tut mir leid. Das war sehr ungehörig von mir, und jetzt schulde ich Ihnen noch eine Entschuldigung.“ Er nahm ihre Hand, um sie aufzuhalten, und ein Schauer überlief ihn bei der bloßen Berührung ihres nackten Handgelenks.

„Sie schulden mir nichts“, sagte Chloe steif, entwand ihm ihre Hand und ging hoch erhobenen Hauptes davon, als könnte sie sich nichts Abstoßenderes als seine Berührung vorstellen.

Luke betrat die Bibliothek und starrte finster ins Kaminfeuer. Warum musste sie immer dann auftauchen, wenn er glaubte, sich wieder gefasst zu haben, nur um ihn aufs Neue aus dem Gleichgewicht zu bringen? Es kostete ihn schließlich nichts, Virginias Kutscher zu bitten, die Tochter der Haushälterin nach Hause zu bringen.

Er knurrte unwirsch, als ein Klopfen ihn in seinen Gedanken störte. Es war sein eigener Kutscher. „Was wollen Sie, Josiah?“

„Ich dachte nur, Sie sollten es wissen, Mylord“, erwiderte der Mann gleichmütig.

„Was soll ich wissen?“

„Ich habe die Kutsche nach Bath und zurück gefahren.“

Luke fluchte, wie er es nie vor einer Dame gewagt hätte, aber er fühlte sich nicht besser danach. „Warum, zum Henker? Ich habe Binns beauftragt, weil Sie den ganzen Weg von Northumberland gefahren sind.“

„Er sieht nicht sehr gut im Dunkeln“, gab Josiah unbehaglich zu, und Luke fragte sich, ob der alte Kutscher selbst bei Tage noch gut sehen konnte. Aber er spürte, dass Josiah noch etwas auf dem Herzen lag.

„Höchste Zeit, dass ich ihn in den Ruhestand schicke. Er muss an die siebzig Jahre alt sein“, sagte er. „In jedem Fall hätte ich die Kutsche besser morgen früh schicken sollen, und zwar mit Ihnen. Dann hätten Sie nicht im Dunkeln fahren müssen, und es hätte auch für die kleine Verity keinen Unterschied gemacht.“

„Die Kleine war so glücklich, dass man sie nicht vergessen hatte, dass ich zweimal im Dunkeln gefahren wäre, nur um sie so strahlen zu sehen vor Freude. Aber deswegen wollte ich Sie nicht sprechen, Mylord.“

Da er im Begriff stand, die Kleine aus dem Zuhause zu verbannen, auf das sie sich so gefreut hatte, machte ihm sein Gewissen zu schaffen, und so fragte er ziemlich schroff: „Weswegen also?“

„Wir wurden verfolgt“, sagte Josiah ruhig.

„Von wem, und warum zum Teufel sollte Sie irgendjemand verfolgen?“

„Das weiß ich nicht, Mylord. Er tauchte erst auf, kurz nachdem wir Bath verlassen hatten, und blieb den ganzen Weg hinter uns.“

„Warum haben Sie ihn nicht zur Rede gestellt?“

„Weil er nie nahe genug kam, um mir zu antworten oder eventuell gezielt auf uns schießen zu können. Ich fuhr so schnell, wie ich es nur wagen konnte, und Miss Verity hielt es für einen großen Spaß, dass wir so dahinpreschten, als wäre uns der Teufel auf den Fersen.“

„Sie hat keinen Funken Angst gehabt?“

„Für jeden Schabernack zu haben, wenn Sie mich fragen“, meinte Josiah voller Zuneigung. Luke war nur froh, dass Eve fünf oder sechs Jahre älter war als die kleine Verity Weaton, sonst würden die beiden die Gegend unsicher machen mit ihren Streichen.

„Haben Sie dann bitte ein Auge auf sie in den nächsten paar Tagen, Josh. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass jemand sich hier herumtreibt. Sehr wahrscheinlich gilt sein Groll eher mir als einem Kind, aber es schadet nichts, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, dass es in Sicherheit ist.“

„Denken Sie, sie ist wie Miss Eve, als sie in ihrem Alter war, Mylord?“

„Klingt jedenfalls so. Sie wissen genauso gut wie ich, was für Ärger sich ein unbesonnenes Mädchen einhandeln kann, wenn man es zu oft sich selbst überlässt.“

„Nun ja, so sind Mädchen nun mal“, meinte der Kutscher grinsend. „Ich werde auf sie aufpassen, wenn sie nach draußen geht, oder schicke Seth, wenn ich zu tun habe. Wenn sie im Haus ist, wäre es aber viel praktischer, wenn Sie auf sie aufpassen würden, Mylord.“

„Dennoch wüsste ich gern, wer unser neugieriger Fremder ist“, sagte Luke. Wenigstens gab ihm diese Frage für den Rest des Abends zu denken, und er musste nicht ständig darüber nachgrübeln, wie er durch die folgenden Tage und Wochen kommen sollte, ohne dass er und Mrs. Chloe Wheaton sich in ernsthafte Schwierigkeiten brachten.

6. KAPITEL

Als das Haus endlich zur Ruhe gekommen war, machte Chloe sich schwermütig auf den Weg, um Culdrose bei der Totenwache abzulösen. Sie wappnete sich, um so wach wie möglich auszusehen. Auf keinen Fall wollte sie die ältliche Zofe wissen lassen, wie unendlich müde sie sich in Wirklichkeit fühlte, selbst nach ihrem unangebrachten Nickerchen am Nachmittag.

Sie erschauderte bei dem Gedanken, was sie verraten haben mochte in jenen unbedachten Momenten, da sie Lord Farenze in die faszinierenden grauen Augen geblickt hatte wie ein vernarrtes Schulmädchen. Ein seltsamer Glücksrausch hatte sie erfasst, ihre verruchte innere Stimme hatte ihr zugeflüstert, sie solle aufhören, sich zu wehren, und ihrem Verlangen endlich nachgeben. Doch er war ein Viscount und sie seine Haushälterin, und in nur wenigen Wochen würden sie getrennte Wege gehen und sich nie wiedersehen.

Der Gedanke an eine solche Zukunft machte ihre Schritte noch mühsamer. Die Vorstellung, dass so viele leere Jahre vor ihr lagen, in denen sie ihn nicht einmal gelegentlich zu sehen bekommen würde, schnürte ihr die Kehle zu. Vor der Tür blieb sie kurz stehen, um eine angemessen ernste Miene aufzusetzen, bevor sie Cullys klugem Blick begegnen würde, und trat ein.

„Ah, da sind Sie, meine Liebe. Es ist nicht nötig, dass Sie heute Nacht bei Ihrer Ladyschaft verbringen“, sagte Cully mit einem Blick zur anderen Seite des Bettes, wo der neue Herr des Hauses saß. „Master Luke lässt nicht zu, dass jemand anders bei ihr wacht.“

„Nein“, bestätigte er mit fester Stimme, die keinen Zweifel daran ließ, dass es keinen Zweck hatte, mit ihm zu streiten.

„Und recht hat er“, stimmte Cully zu. „Sie müssen schlafen, Mrs. Wheaton, daran führt kein Weg vorbei. Nach so vielen Anstrengungen und so viel Arbeit in der letzten Zeit werden Sie uns noch zusammenbrechen, meine Liebe. Und Ihr kleines Mädchen ist jetzt zu Hause. Sie möchten doch nicht, dass es noch größeren Kummer ausstehen muss als sowieso schon.“

„Jawohl, gehen Sie zu Bett“, knurrte Lord Farenze aus dem Schatten, in dem er saß.

„Nun gut“, sagte Chloe, da sie vor Culdrose keinen Streit mit Seiner Lordschaft vom Zaun brechen konnte. Also wandte sie sich zum Gehen, bevor sie der Versuchung nachgab, es doch noch zu tun.

„Sorg dafür, dass sie einen deiner bitteren Kräutertees trinkt, Cully, und wirklich schläft“, hörte Chloe ihn noch sagen, als sie zur Tür ging. „Es sähe der verflixten Frau ähnlich, sich hereinzustehlen, falls ich einschlafe, und deinen Platz einzunehmen, um bei ihrer nächsten Stellung zu prahlen, sie hätte Tag und Nacht bei ihrer Herrin gewacht.“

Als ob sie je so berechnend sein könnte. Hochmütiger, gefühlloser Schuft. Er wollte einfach nicht glauben, dass sie die wundervolle Lady Virginia von Herzen geliebt hatte. Immer suchte er nach einem niederen Beweggrund bei ihr, als könnte er ihr nichts Gutes zutrauen.

„Na, na, Master Luke, Sie sind sehr ungerecht. Das Mädchen hat Ihre Ladyschaft sehr geliebt und hätte fast alles für sie getan.“

„Außer von hier wegzugehen“, grollte er gerade laut genug, dass Chloe ihn hörte, bevor sie die Tür schloss.

Sie zuckte zusammen, betroffen über die Tatsache, dass er sie nicht hier haben wollte. Absichtlich geräuschvoll entfernte sie sich von der Tür, um ihn wissen zu lassen, dass er ruhig sagen konnte, was er wollte, da es ihr völlig gleichgültig war.

In ihrem Zimmer angekommen, wünschte sie, sie wäre sehr viel weiter von dem Raum entfernt, in dem Lord Farenze neben seiner Großtante wachte. Um in Rufweite ihrer Herrin zu sein, hatte Chloe dieses kleine Eckzimmer benutzt. Es war praktisch gewesen, in der Nähe von Lady Virginias eleganter Zimmerflucht zu schlafen – bis jetzt.

Selbst wenn Verity nicht gekommen wäre, die sie nicht in ihrem Schlaf stören durfte, wäre es jetzt zu spät, in ein anderes Zimmer zu ziehen. Also gähnte Chloe herzhaft und hoffte gegen jede Wahrscheinlichkeit, dass heute keine Träume sie quälen würden.

Es klopfte, und Cully öffnete leicht die Tür. „Sind Sie noch angezogen, meine Liebe?“

„Kommen Sie herein, Cully“, antwortete Chloe lächelnd.

„Seine Lordschaft möchte, dass Sie das hier trinken, und ich soll bleiben, bis Sie es getan haben“, sagte ihre alte Freundin streng.

Chloe schnupperte an dem Becher, den Cully ihr hinhielt, und entdeckte einen Hauch von Kamille, eine Spur von Zimt und etwas Honig, um allem etwas Süße zu verleihen. Sie kam zu dem Schluss, dass es nicht schaden konnte, ein solch mildes Gebräu zu sich zu nehmen, wenn es auch wohl kaum helfen würde, sie heute Nacht ruhig schlafen zu lassen.

„Nun gut“, meinte sie resignierend nach einem Blick auf Cullys entschlossene Miene. Im Augenblick fühlte sie sich einem Streit mit der alten Zofe nicht gewachsen.

„Ich bleibe hier sitzen, bis Sie ausgetrunken haben, dann gehe ich auch zu Bett. Mylady würde uns ebenfalls raten, vernünftig zu sein.“

„Ich weiß, aber Ihnen brauche ich nicht zu sagen, wie schwierig es ist, in Momenten wie diesen vernünftig zu sein“, erwiderte Chloe seufzend und ließ den Becher nach einigen Schlucken sinken, was ihr ein Stirnrunzeln einbrachte. „Wenn ich schneller trinke, verschlucke ich mich noch daran“, verteidigte sie sich.

„Gut, meine Liebe. Aber Seine Lordschaft hat recht. Sie sehen aus, als könnte ein etwas kräftigerer Windstoß Sie umwehen.“

„Freundlich von ihm“, sagte Chloe kläglich.

„Er ist wirklich ein freundlicher Mann, mein Kind, wenn Sie es doch nur einsehen wollten. Sie beide bringen leider aus irgendwelchen Gründen das Schlimmste im anderen zum Vorschein, aber Master Luke war ein so gutherziger, ritterlicher Junge, bevor jenes dumme Mädchen ihm zusetzte und ihn verhöhnte, bis er kaum noch wusste, wie ihm geschah.“

„Er ist wohl kaum noch ein Junge und auch nicht sehr ritterlich.“

„Nein, er ist jetzt ein Mann, und noch dazu ein sehr stattlicher.“

Chloe misstraute dem unschuldigen Blick der alten Frau. Cully kannte sie ein wenig zu gut nach zehn Jahren unter demselben Dach. Wenn sie also wusste, wie sehr sie sich zu Seiner Lordschaft hingezogen fühlte, wer sonst mochte etwas ahnen?

Sie schüttelte den Kopf, wie um den beunruhigenden Gedanken zu verscheuchen, und trank den Rest von Cullys Tee. Es kam ihr vor, als wäre sie wieder ein Kind, als die alte Zofe ihr streng hochgestecktes Haar löste und sanft zu bürsten begann. Doch die Bewegungen beruhigten sie fast noch mehr, als es der Tee bisher vermocht hatte.

„Besser so?“, fragte Cully und bürstete die schweren Locken, bis sie wie rötlich leuchtendes Gold schimmerten.

„Oh ja“, gestand Chloe tief aufseufzend. „Sie machen Ihre Arbeit sehr gut, Cully“, sagte sie leise.

Cully begann das Haar zu einem lockeren Zopf zu flechten. „Und Sie haben wunderschönes Haar, Mrs. Chloe“, erwiderte die alte Zofe in recht strengem Ton. „Was würde manche Dame nicht dafür tun, diese Haarfarbe zu haben. Es ist so seidig und voll, dass sie grün werden würden vor Neid. Sie sollten es nicht in einem so festen Knoten verstecken. Kein Wunder, dass Sie Kopfschmerzen haben.“

„Wenn ich es nicht so fest hochstecke, löst es sich und fällt mir über den Rücken.“

„Umso besser, wenn Sie mich fragen“, glaubte sie Cully murmeln zu hören. Doch als sie zu ihr aufsah, begegnete sie im Spiegel der Frisierkommode nur ihrem völlig unschuldigen Blick. „So, jetzt sind Sie so weit und können zu Bett gehen. Dass Sie mir aber nicht aufstehen, bevor Sie ganz ausgeruht sind! Martha Lange ist sehr wohl in der Lage, Frühstück zu machen, ohne dass Sie neben ihr stehen und ihr sagen, wie sie die Eier pochieren soll.“

„Ja, Miss Culdrose, Ma’am“, meinte Chloe ein wenig spöttisch. Cully riet ihr, nicht zu naseweis zu sein, wünschte ihr würdevoll eine geruhsame Nacht und machte sich auf den Weg zu ihrem eigenen Bett, wo auch sie zum ersten Mal nach Wochen die ganze Nacht durchzuschlafen gedachte.

Zu Beginn war es ein wundervoller Traum. Chloe rührte sich mit einem zufriedenen Seufzer unter dem Laken. Luke war bei ihr, küsste sie und tat all jene Dinge, nach denen sie sich zehn Jahre lang so gesehnt hatte. Sie hatte ihn damals fortgeschickt und ihm gesagt, sie könne sich nichts Demütigenderes vorstellen, als seine Geliebte zu werden, doch sie hatte gelogen. In ihren Träumen war er ihr Luke, nicht Lord Farenze, und er küsste sie mit alles verzehrender Glut.

Sie wand sich genüsslich und stöhnte dann leise protestierend auf, als die Wirklichkeit sich für einen Moment in ihre Gedanken einschlich und sie wusste, dass die Hände, die verlangend über ihre erhitzte Haut strichen, ihre eigenen waren und nicht die starken Hände, nach deren Berührung sie sich sehnte.

Chloe wollte ihn in diesem Moment und hier in ihrem Bett haben. Selbst im Traum errötete sie bei der Vorstellung, wie leidenschaftlich er sie in Besitz nehmen würde. Wieder war ihr, als wäre er wirklich bei ihr und würde sie überall mit heißen Küssen bedecken und sie an Stellen so berühren, dass sie keuchen musste vor Lust.

In ihrem Traum gehörte er ihr, so wie sie ihm gehörte, warum sollte sie also in die kalte, unfreundliche Wirklichkeit zurückkehren? Viel schöner war es, ihrer Sehnsucht nachzugeben, die heißen Gefühle, die sie erfassten, bis zur Neige auszukosten und die Finsternis der Nacht für immer zu vertreiben. Er ist hier! Die Worte schienen geflüstert worden zu sein, als wäre er wirklich bei ihr und genau wie ein Liebhaber. Doch von wem?

Gerade als ihr imaginärer Liebhaber sich über sie beugte, um ihren Mund mit seinem zu verschließen und sie mit seinem starken, erregten Körper endgültig zu besitzen, hörte Chloe eine geisterhafte Stimme aufgeregt flüstern: „Nein, nein, lass nicht zu, dass er dich nimmt. Liebe nie einen Mann, Chloe! Sieh, wohin es mich gebracht hat. Vertreibe ihn aus deinem Herzen, lass ihn nie deinen Leib nehmen und lasse es niemals, niemals zu, dass du dich in ihn verliebst“, schloss die Stimme mit einem herzzerreißenden Klagelaut. Ein heftiger Schmerz zerriss ihr das Herz, und der Luke ihres Traums löste sich in Nichts auf.

Chloe befand sich plötzlich in der kalten, windgepeitschten Ruine eines Hauses hoch oben im Moor, wo niemand hinging. Und wenn doch jemand es tat, eilte er hastig zurück und bekreuzigte sich, als wäre er dem Leibhaftigen begegnet. Das Laken auf ihrer Haut fühlte sich jetzt kalt und klamm an, und Chloe stöhnte verängstigt, während erschreckende Bilder vor ihrem inneren Auge vorbeihuschten.

Sie sah Blut, sehr viel Blut und fing an zu wimmern. Die nicht enden wollende Tragik jener Zeit und jenes gottverlassenen Ortes drohte sie zu ersticken. So sehr sie auch versuchte, die Blutlache aufzuwischen, es ging über ihre Kraft, und Bilder einer zerbrechlichen jungen Frau drängten sich in den Vordergrund. Sie lag bleich und kalt auf dem schmalen Bett, während der letzte Hauch von Leben und Liebe dieses fürchterliche Haus verließ, verdrängt von tiefem Leid, das es wie eine schwarze Gewitterwolke einhüllte.

Dann durchlebte sie den darauffolgenden Dezembertag, der Wind schlug wild und unerbittlich gegen das winzige Fenster, bis selbst die starken Läden erzitterten und vor der Wucht des Sturms nachzugeben drohten. Die damals noch so junge Chloe weinte und lauschte entsetzt dem Regen, der so hart gegen die Scheibe peitschte, als wollte er jedes Leben an diesem Ort ertränken – an einem Ort, wo nur Wind und Regen herrschen sollten und der Mensch nichts zu suchen hatte.

Wie sehr sie jetzt Luke brauchte, aber er war nicht da. Denn sie war in eine Zeit zurückgekehrt, in der es keinen Luke gab, der sie in Versuchung brachte. Später ließ der Sturm nach, und statt des Aufruhrs vor dem Haus, herrschte jetzt Aufruhr in ihrem Innern, der ihr keine Ruhe lassen wollte. Ein Jammern und Wimmern machte sich bemerkbar – das Kind, das sie versucht hatte zu vergessen, weigerte sich, sich trösten zu lassen oder zu schlafen. Sein Schreien wurde immer lauter und lauter, bis es alles war, was die arme Chloe wahrnahm. Sie wünschte sich in den Momenten, es möge auch sterben, damit es nur damit aufhörte! Doch Chloe, die erwachsene Frau, wollte das Mädchen, das sie damals gewesen war, schütteln, damit sie ihren selbstsüchtigen Kummer vergaß.

„Nein, nimm sie nicht mit dir!“, schrie sie und erwachte, im Bett auffahrend, zitternd und schluchzend. Die Schrecken ihres Albtraums hielten sie noch immer in seinem Griff, und sie fing an, sich zu wiegen, als könnte sie sich so wieder in die Gegenwart zurückbringen und sich klarmachen, dass es nur ein Traum war.

„Was ist geschehen? Wer hat Sie erschreckt?“ Jemand betrat ihr Zimmer, doch Chloe konnte nicht sprechen, um ihm zu versichern, dass es ihr gut ging. „Was zum Henker ist los?“, stieß Lord Farenze hervor.

Er schloss die Tür hinter sich, stellte seinen Kerzenleuchter auf den Tisch und starrte bestürzt die zitternde Frau an, die seinen Blick mit all dem Grauen ihres Traums erwiderte.

Tief im Innern wusste sie, dass sie sich unmöglich benahm, aber die Angst ließ sie nicht los, ihr Herz klopfte noch immer wild, und sie atmete schnell, als wäre sie gerade eine Meile gelaufen.

Luke lauschte einen Moment, ob er nicht der Einzige war, der Chloes Schrei gehört hatte. Aber offenbar waren seine Tochter und Bran zu erschöpft von ihrer Reise, um leicht zu erwachen, und außer ihnen befand sich niemand in Hörweite.

„Ein Traum“, brachte sie schließlich mühsam hervor.

„So etwas ist mir noch nie begegnet, nicht einmal bei Eves schlimmsten Albträumen“, sagte er und tat, was er vom ersten Augenblick hatte tun wollen, als sie ihn voller Entsetzen angestarrt hatte – er nahm sie in die Arme, obwohl es bedeutete, das Schicksal herauszufordern.

„Weinen Sie sich aus“, ermutigte er sie.

Eve war sechs Jahre alt gewesen, als ein Dummkopf ihr die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter verraten hatte, die bei einem Kutschunfall ums Leben gekommen war. Luke war froh, dass Eve schon sehr lange keinen ihrer Albträume gehabt hatte und jetzt jede Nacht friedlich durchschlief.

Einen Augenblick erstarrte Chloe in seinen Armen, doch dann seufzte sie tief auf und schmiegte sich mit einem kleinen Schluchzen dichter an ihn, den sie an seiner Schulter zu ersticken suchte, als dürfte sie sich nicht erlauben, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Kein weiblicher Tränenausbruch hätte ihn so tief berühren können wie diese tapfere kleine Geste. Er spürte das Zucken ihrer schmalen Schultern, und unwillkürlich strich er ihr tröstend über den Rücken. Chloe erstarrte wieder, als ihr wohl einfiel, wer er war, doch dann schien es ihr nicht möglich zu sein, sich den Trost seiner Nähe zu verwehren. Dieses eine Mal wollte sie anscheinend ihrem Bedürfnis nach menschlicher Hilfe nachgeben. Sie schmiegte sich so fest an ihn, den Kopf an seine Schulter gelehnt, dass er ihren Körper durch die Stofflagen, die sie voneinander trennten, hindurch spüren konnte.

Ihr Duft weckte seine Sinne, eine Locke ihres herrlichen Haars berührte seine Wange. Chloe erschrak, und er sammelte sich rechtzeitig genug, um zu erkennen, dass es Januar war und sie fror, da das Feuer im Kamin erloschen war. Behutsam wickelte er sie in eine Decke, versprach leise, sie nicht allein zu lassen, und ging zum Kamin hinüber, wo er mit seiner Kerze das Holz anzündete. Morgen würde er ein ernstes Wort mit ihr sprechen müssen. Wie kam es, dass ihr Zimmer eiskalt war, wenn in jedem anderen Zimmer auf diesem Stockwerk ein warmes Feuer brannte?

Sobald die Flammen knisterten, kehrte Luke ans Bett zurück und hob Chloe zusammen mit ihrer Decke hoch. Es sagte sehr viel über ihre Verfassung, dass sie es ihm erlaubte und noch immer mit vor Angst weit aufgerissenen Augen vor sich hinblickte. Luke trug sie zu einem altmodischen Sessel, der offenbar aus dem Schlafzimmer einer wichtigeren Person verbannt worden war. Du könntest genauso gut in einer Abstellkammer schlafen, Chloe Wheaton, schimpfte Luke insgeheim mit der noch immer zitternden Frau in seinen Armen und setzte sich dann mit ihr in den Sessel.

Obwohl sie kurz halbherzig den Kopf schüttelte, wollte sie offensichtlich nicht, dass er sie allein ließ. Sie steckte die Fußspitzen in die Seitenritze des Sessels, um sie zu wärmen, und es fühlte sich intimer an als eine Woche voller Leidenschaft im Bett einer seiner Mätressen. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Sie sieht in dir nicht den Mann, sondern einen Menschen, der ihr Trost spenden kann. Jeder wäre ihr jetzt willkommen.

„Wenn Sie sich weigern, sich auszuweinen, dann sagen Sie mir wenigstens, was Ihnen solche Angst gemacht hat“, drängte er sie, doch er spürte, wie sie sich widerwillig in seinen Armen wand. Dabei rieben sich ihre verführerischen Rundungen an ihm, und Luke musste die Zähne zusammenbeißen, als sein Körper sofort heftig darauf reagierte. Er konnte nur hoffen, dass sie noch zu verängstigt war, um es zu bemerken. „Nein? Dann werde ich versuchen, mir selbst einen Reim zu machen, ja?“, schlug er sanft vor, und sie zuckte leicht zusammen.

„Ich vermute, meine Ankunft hat Sie aus dem inneren Gleichgewicht gebracht“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Bin ich zu eitel, wenn ich glaube, dass ich der Grund für Ihren lebhaften Traum war?“

Obwohl sie heftig den Kopf schüttelte, wusste er, dass er recht gehabt hatte. Obwohl sie sich in einer Nacht vor zehn Jahren, die eine Liebesnacht hätte werden können, geschworen hatten, sich nie wieder zu küssen, konnten sie nicht leugnen, dass sie sich noch immer heftig zueinander hingezogen fühlten.

„Oh doch, Madam. Sie werden erst recht davon träumen, wenn Sie sich diese Gefühle zwischen uns nicht wenigstens bei Tag eingestehen. Meine Anwesenheit erklärt, warum Sie den Albtraum hatten, aber nicht, warum Sie so geschrien haben und dann aussahen, als wäre der Teufel hinter Ihnen her.“

7. KAPITEL

Jetzt war es also endlich so weit. Ihre uneingestandene Leidenschaft füreinander war offen ausgesprochen worden. Luke wartete auf Chloes Antwort, war aber insgeheim erleichtert, sich endlich eingestanden zu haben, dass sie ihm wichtiger war als jede andere Frau.

„Ich habe jede Nacht Albträume, seit Virginia gestorben ist“, sagte sie leise.

„Warum?“

Die Gründe dafür, dass sie damals ganz allein und mit einem Baby im Arm bei seiner Großtante um Arbeit ersucht hatte, mussten sogar schmerzlicher sein, als er gedacht hatte. Luke ballte fast die Hände zu Fäusten bei dem Gedanken an den Schuft, der Chloe geschwängert und sie dann im Stich gelassen hatte. Vor zehn Jahren hatte er sich gesagt, dass es besser wäre, nichts über sie zu wissen. Sein Gewissen hatte ihn geplagt, weil er drauf und dran gewesen war, die respektable Existenz, die sie aufzubauen versuchte, zu zerstören und sie in noch größere Schwierigkeiten zu bringen als selbst jener Schuft, der für ihre missliche Lage verantwortlich war.

„Glauben Sie, Sie sind der Einzige, der die Liebe für unheilvoll hält?“, fragte sie ihn heftig, aber ihm entging nicht, dass sie ihm auswich.

„Ich dachte, Sie vergötterten Ihren Draufgänger von Mann und trauern um jede Minute, die Sie ohne ihn leben müssen? Das haben Sie mir jedenfalls gesagt, als Sie meine unehrenhaften Vorschläge zurückwiesen.“

„Und Sie haben mir geglaubt?“

„Sie klangen sehr überzeugend.“

„Selbstverständlich. Ihr Vorschlag war unehrenhaft.“

„Sie erwarteten doch wohl nicht von mir, Ihnen die Ehe anzutragen?“, fragte er unbedacht.

Sie zuckte zusammen. „Nein“, sagte sie schließlich seufzend, setzte sich auf und blickte ins Kaminfeuer. „An dem Tag, als Verity geboren wurde, habe ich gelernt, von niemandem etwas zu erwarten. Es war niemand mehr da, den es kümmerte, was mit uns geschah.“

„Dann lebt Veritys Vater nicht mehr?“, fragte er sanft.

„Verity hat nur mich.“

Dieses Eingeständnis klang düster, und Luke unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer, weil es so schwer war, etwas aus ihr herauszubekommen. „Konnte weder seine noch Ihre Familie helfen?“

„Nein“, sagte sie so finster, dass es deutlich wurde, wie sehr diese Tatsache selbst jetzt noch schmerzte.

Luke spürte, welcher Sturm der Gefühle in ihrem Inneren tobte und den sie verbarg, als hinge davon ihr Leben ab. Doch in diesem Moment schien sie nahe davor zu sein, sich ihm mitzuteilen, und zu seiner eigenen Verblüffung wünschte er sich plötzlich nichts so sehr, wie ihr die schwere Last von den Schultern zu nehmen.

„Haben Sie sie denn gefragt?“

„Damals nicht.“

„Wollten sie Ihnen nicht helfen?“

„Hilft man einem Paar, das durchgebrannt ist?“ Ihre Antwort klang so wohl einstudiert, dass Luke sicher war, sie verheimlichte ihm noch etwas.

„Sie würden sich jetzt vielleicht darüber freuen, ihre Enkelin kennenzulernen.“

„Ich gehe lieber barfuß durch ganz England oder bettle auf der Straße, bevor ich sie auch nur in Veritys Nähe lasse.“

Es sah so aus, als wären unverzeihliche Dinge gesagt oder getan worden, als Chloe noch so jung, allein und verletzlich gewesen war. Zornig fragte er sich, wie diese Eltern ihre junge Tochter so hart behandeln konnten, dass sie sie nie wiedersehen wollte. Sein Gewissen rief ihm in Erinnerung, dass er sich ihr gegenüber auch nicht besonders anständig verhalten hatte. Immerhin war er so egoistisch gewesen, einer blutjungen Witwe mit Baby eine carte blanche anzubieten.

Die Erkenntnis, dass Chloe ihm viel bedeutete, während Pamela ihm selbst vor ihrer Heirat gleichgültig gewesen war, traf ihn mit ungeahnter Heftigkeit. Es kam ihm vor, als wäre der wahre Luke Winterley aus einer Art Winterschlaf erwacht. Doch es war ein so überwältigendes Gefühl, dass er sich wünschte, es würde wieder einschlafen.

„Ich sage ja nicht, dass Sie Ihre Eltern aufsuchen sollen“, brachte er mühsam hervor.

„Ich würde es unter keinen Umständen tun“, entgegnete sie hitzig.

„Niemals könnte ich wollen, dass Sie etwas gegen Ihren Willen tun. Dafür empfinden wir zu viel füreinander, ob Sie es nun wahrhaben wollen oder nicht.“ Und als sie nicht antwortete: „Ich habe immer noch die Absicht herauszubekommen, warum Sie diese Stellung annehmen mussten, um sich und Ihre Tochter vom Armenhaus fernzuhalten.“

„Da Sie das also wussten, wie konnten Sie auch nur einen Moment in Erwägung ziehen, mich wie ein Spielzeug zu benutzen?“

Es verletzte ihn, dass sie so gering von ihm denken konnte. „Wir reden über Sie und Ihre Tochter und nicht über meine vielen und mannigfaltigen Mängel.“

„Sie haben recht. Bitte gehen Sie zu Bett, Mylord, und erlauben Sie mir, ein letztes Mal bei Lady Virginia zu wachen. Sie müssen ausgeruht sein als engster Verwandter bei der Beerdigung Ihrer Großtante. Ich selbst habe genug geschlafen und möchte heute Nacht keinen weiteren Albtraum erleben.“

Luke wollte leugnen, das geringste Bedürfnis nach Schlaf zu haben, aber stattdessen entfuhr ihm ein Gähnen. „Ich bin kein Kind, Mrs. Wheaton“, fügte er dennoch hinzu.

„Nein, Sie sind ein dickköpfiger Mann, der so schnell er konnte hergefahren ist, um rechtzeitig zu der Beerdigung seiner Großtante zu kommen. Aber wie Sie Ihren zahlreichen Verpflichtungen während der nächsten Tage nachkommen wollen, wenn Sie die ganze Zeit über kaum die Augen aufhalten können, ist mir ein Rätsel. Allerdings bin ich nur die Haushälterin, wer bin ich also, Ihnen zu sagen, kein Narr zu sein?“

„Das hält Sie doch sonst nicht zurück“, meinte er verärgert.

„Ach, legen Sie sich einfach zu Bett, Mylord. Sie sind es Lady Virginia schuldig, hellwach zu sein und ihre Trauerfeier bewusst wahrzunehmen.“

Luke sah ein, wie recht sie hatte, konnte aber nicht jene Menschen vergessen, die unter seinem Dach lebten und die zu beschützen seine Pflicht war. Die Vorstellung, seine Haushälterin Totenwache halten zu lassen, wenn er es doch war, der die Menschen, für die er Verantwortung trug, beschützen musste, gab ihm außerdem das Gefühl, weniger Mann zu sein, so dumm dieser Gedanke auch sein mochte.

Es machte ihm aber auch Sorge, wie sehr ihre Albträume sie quälen mussten, wenn sie es trotz ihrer Erschöpfung vorzog, wach zu bleiben. Wie gern würde er ihr seinen Trost anbieten und ihre Ängste vertreiben, damit sie ruhig schlafen konnte und nicht mit jenen dunklen Schatten unter ihren bemerkenswerten Augen aufwachte. Wie verrückt von ihm, gerührt zu sein, weil sie sich über seine Müdigkeit Gedanken machte. Allerdings hatte sie ihm gleichzeitig einen ihrer vernichtenden Blicke zugeworfen, als hätte er ihr erneut einen unzüchtigen Antrag gemacht.

„Wie kann ich Sie eine meiner Pflichten übernehmen lassen?“

„Eine einfache Dienerin wie mich, nicht wahr?“, erwiderte sie gereizt.

„Nein, weil Sie mehr für meine Tante getan haben, als irgendjemand das Recht gehabt hat, von Ihnen zu verlangen.“ Er war sehr erschöpft, aber ihm war bewusst, dass sie ihn loszuwerden versuchte, bevor die Leidenschaft zwischen ihnen wieder aufflackerte. In mancher Hinsicht verstand er sie so gut, dass es fast wehtat, in anderer allerdings war sie für ihn noch immer ein ebenso großes Rätsel wie am ersten Tag, als er erfuhr, dass sie die Gesellschafterin und Haushälterin seiner Großtante war, und eine ganze Welt für ihn zusammenbrach.

„Wenn Sie eine Stunde bei ihr wachen wollen, lege ich mich so lange auf das Bett in Onkel Virgils Zimmer und lasse für alle Fälle die Verbindungstür offen. Seit seinem Tod war es verschlossen. So werden Sie wenigstens nicht allein sein, und ich fühle mich etwas mehr wie ein Mann.“

Sie schien nicht überzeugt zu sein, aber schließlich nickte sie doch. „Ich habe Lady Virginia viel zu sehr geliebt, um Angst zu haben, jetzt da sie endlich mit ihrem Virgil vereint ist. Ich werde sie bis an mein Lebensende vermissen, allerdings verstehe ich, dass sie gewiss nicht länger ohne ihn leben wollte als unbedingt nötig. Also gehen Sie jetzt bitte, Mylord, während ich mich anziehe.“

„Sehr wohl, Mylady“, meinte er mit einer Verbeugung, wie er sie auch vor einer ihm gleichgestellten Dame gemacht hätte.

„Ärgerlicher Mann“, murmelte Chloe leise, als er hinausging, um im Gang auf sie zu warten.

In dem dunklen Korridor kämpfte Luke mit sehr beunruhigenden Gefühlen. Es störte ihn, dass er so viel für diese eigenwillige Frau empfand. Jahrelang hatte er versucht, nur seine Tochter in sein Herz zu lassen, doch es schien ihm misslungen zu sein.

„Was tun Sie hier?“, fragte sie flüsternd, als sie aus ihrem Zimmer kam und fast gegen ihn gerannt wäre.

„Auf Sie warten“, sagte er sanft.

Sie senkte flüchtig den Blick, der Leuchter in ihrer Hand bebte ein wenig, alles Zeichen, die Luke verrieten, dass er nicht der Einzige war, der mit seinen Gefühlen kämpfte. Er zwang sich, sich seine Freude darüber nicht anmerken zu lassen.

„Nun, tun Sie das nicht“, fuhr sie ihn an.

Er sah sie mit all der Leidenschaft an, die er nur mit Mühe im Zaum hielt, und Chloe gab nicht vor, ihn nicht zu verstehen. „Verity ist zehn Jahre alt, Mylord, und hat ein Recht auf meine ganze Aufmerksamkeit. Ich werde mir keinen Liebhaber nehmen, wenn es bedeuten könnte, dass meine Tochter darunter leiden müsste. Sie verschwenden also Ihre Zeit und Energie, die Sie für Ihre Verpflichtungen brauchen werden.“

„Ich bin hier, um Sie in Virginias Zimmer zu begleiten, wo Sie mir einen Gefallen tun werden, den ich nicht annehmen sollte, so müde wie Sie sind.“

„Ich habe keine lange Reise aus Northumberland hinter mir, noch dazu im tiefsten Winter.“

„Und ich war nicht hier, um mich während ihrer letzten Krankheit um Virginia zu kümmern. Wenn wir allerdings nicht wollen, dass man uns bei unserem Stelldichein erwischt und zwingt zu heiraten, Mrs. Wheaton, verlassen wir besser diesen zugigen Gang und kümmern uns um alles, was getan werden muss.“

Er musste daran denken, was Virginia wohl davon gehalten hätte, dass sie hier wie ein unglückliches Liebespaar standen, das nicht bereit war, sich zu trennen. Seine geliebte, aber aufreizende Großtante hätte ohne Zögern ihre Hochzeit geplant. Virginia war für gewöhnlich gegen eine Mesalliance, und die Beziehung zwischen einem Viscount und einer Haushälterin konnte kaum anders genannt werden, sein Gefühl sagte ihm jedoch, dass sie in diesem Fall entzückt gewesen wäre. Hatte Virginia etwas über Chloe Wheaton gewusst, das er nicht wusste?

„Ich setze mich jetzt zu meiner geliebten Freundin, und Sie gehen schlafen, Mylord, und damit hat es sich“, sagte Chloe streng und ging ihm schon voraus, während er verwirrt folgte und ausnahmsweise einmal tat, wie ihm befohlen wurde.

Der nächste Morgen dämmerte kalt und klar. Der Himmel leuchtete im wundervollen Blau einer Glockenblume. Chloe trocknete sich das Haar neben dem Feuer, das auf Anordnung Lord Farenzes in ihrem Zimmer angezündet worden war. Obwohl sie es genossen hatte, redete sie sich ein, dass sie das Bad nicht wirklich gebraucht hatte, das er für sie hatte herrichten lassen, nachdem sie, die halbe Nacht vor sich hin nickend, in einem bequemen Sessel im Zimmer der verstorbenen Lady Virginia verbracht hatte. Doch das Bad hatte ihr gutgetan und sie mit neuem Leben erfüllt.

Es erschien ihr falsch, sich ausgerechnet heute so lebendig zu fühlen, und sie blickte aus dem Fenster auf die idyllische Landschaft und wünschte, Virginia wäre hier, um sich an ihr zu erfreuen. Ihr war, als könnte sie Virginia reden hören.

Trauern Sie nicht um mich, Chloe. Nach so vielen Jahren ohne meinen geliebten Virgil, werden wir endlich für immer vereint sein.

Ungeduldig befestigte sie die letzte noch leicht feuchte Strähne in dem Knoten, steckte aber nicht so viele Haarnadeln wie sonst hinein, sodass die Frisur etwas lockerer saß. Heute würde sie auf das strenge Häubchen verzichten, das sie sonst immer trug, und sich auf ein mit Spitze gesäumtes Batisttuch beschränken, das selbst vor Virginias strengen Augen Gnade gefunden hatte.

Mrs. Winterley würde ihr gewiss einen missbilligenden Blick schenken, dafür dass eine Haushälterin es wagte, sich wie eine Dame zu kleiden, aber Chloe schuldete Virginia einen letzten Blick auf das unbeschwerte Mädchen, das sie einst gewesen war. Sobald sie ihre neue Stellung antrat, würde sie ja wieder vernünftig und gefasst sein müssen wie immer.

Leise ging sie die Treppe hinunter, wenn sie sich auch fragte, wozu sie auf Zehenspitzen ging. Lord Farenze war bereits auf und benahm sich auf seine gewohnt herrische Weise, Miss Eve Winterley war ebenfalls schon unten, und Verity hatte sie gebeten, ihr einen Ausritt mit den Stallknechten zu erlauben, bevor die Gäste aufwachen und so etwas an diesem ernsten Tag unangemessen finden könnten.

„Komm aber bitte über die Hintertreppe zurück, mein Liebes. Die Stiefmama Seiner Lordschaft wird es kaum billigen, wenn du heute durch die Gegend galoppierst“, hatte Chloe sie jedoch ermahnt.

„Sie ist eine alte Schreckschraube, und Seine Lordschaft wird nicht auf sie hören“, hatte Verity zuversichtlich behauptet.

Chloe fragte sich, wie es Luke Winterley in so kurzer Zeit gelungen war, einen so guten Eindruck auf ihre Tochter zu machen. In gewisser Weise fühlte sie sich immer weiter in die Ecke gedrängt. Die Dienerschaft vergötterte ihn, die Stallburschen wussten sich Geschichten über seine großartigen Reitkünste zu erzählen, und jetzt schien sogar Verity ihn ebenfalls zu bewundern. Was für ein Mann er wohl geworden wäre, wenn er nicht so früh eine katastrophale Ehe eingegangen wäre? Wahrscheinlich ein glücklicher, dachte sie niedergeschlagen.

Sie wickelte sich in den alten Umhang, der hinter der Tür hing, die zum Garten führte, streifte Handschuhe über und trat in den kühlen Tag hinaus, um dem Haus und ihren Pflichten wenigstens für einige kostbare Momente zu entkommen. Wie unwürdig von ihr, die Vorstellung von einem glücklich verheirateten Lord Farenze bedrückend zu finden, statt ihm für seine nächste Ehe mehr Glück zu wünschen.

„Verflixter Mann“, murmelte sie leise vor sich hin, während sie durch den Garten ging. „Warum bringt er mich nur so aus dem Gleichgewicht?“, fragte sie die Statue irgendeines griechischen Gottes, die inmitten kahler Büsche stand. „Jahrelang gibt er vor, dass ich gar nicht existiere, und jetzt ist er da, und ich verschwende schon wieder meine Zeit damit, von ihm zu träumen.“

Der steinerne Gott blickte auf den Park hinaus, als würden die unbelaubten Winterbäume größeren Sinn für ihn ergeben als sie, und Chloe unterdrückte den kindischen Wunsch, ihn gegen sein steinernes Schienbein zu treten.

„Männer!“, fuhr sie ihn an. „Immer müsst ihr die Frauen mit euren albernen Argumenten ärgern, mit eurer angeblichen Logik und eurem dummen Verlangen. Und dann wischt ihr uns beiseite wie ein lästiges Insekt und geht einfach weiter. Stellt sich der eigenwillige Dummkopf vor, ich könnte weitermachen, als wäre nichts geschehen? Als hätte ich nicht im Bett gesessen und ihn angestarrt wie ein verliebtes Schulmädchen, und als hätte er mich nicht vor meinen Albträumen gerettet? Aber du bist ja auch nur ein Mann, stimmt’s? Oder du wärst einer, wenn du echt wärst. Dann würdest du uns genauso in den Wahnsinn treiben, nur um dann das Land zu durchstreifen, um unschuldige Tiere zu erschießen und dein armes Pferd bis zur Erschöpfung anzutreiben.“

„Sehr wahrscheinlich, wenn er nicht aus Stein wäre“, hörte sie Luke Winterleys tiefe Stimme viel zu dicht hinter sich. Chloe weigerte sich, ihn anzusehen, damit er nicht merkte, wie heftig sie errötete. Ausgerechnet er musste sie dabei ertappen, wie sie mit einer Steinstatue redete!

„Sie sollten noch schlafen“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Zum Glück nicht, sonst wäre das wirklich der seltsamste Traum, den ich je gehabt habe.“ Er lächelte amüsiert.

Ein so heftiger Wunsch überkam sie, sich ihm in die Arme zu werfen und ihn zu küssen, dass sie sich abrupt abwandte und den nächsten Pfad einschlug, nur um ihm nicht zu nahe zu kommen.

„Was tun Sie?“ Er folgte ihr und hielt sie fest, bevor sie direkt in einen Blumenkübel hineinlief, den die Gärtner gegen die winterliche Kälte in Sackleinen gewickelt hatten.

„Ich zähle bis hundert“, stieß sie knapp hervor.

„Zählt man nicht immer bis zehn?“

„Bei Ihnen reicht das nicht.“

„Oh, bin ich also so übel?“

„Schlimmer!“

Sie durfte sich nicht zu ihm umdrehen, obwohl er so angenehm lachte. Sie weigerte sich, sich von ihm zu besserer Laune verführen zu lassen. Es war sicherer. „Lassen Sie mich los, Mylord.“

„Nein, Sie sind viel zu oft allein“, erwiderte er ungeduldig, als wäre es ihre Schuld, dass man von einer Haushälterin erwartete, Zurückhaltung zu wahren.

„Haben Sie keine Angst“, fuhr er leise fort. „Ich bin damals gegangen, um uns beide nicht in Gefahr zu bringen, und habe auch heute nicht die Absicht, Sie auszunutzen.“

„Ich bin sicher, Sie sind ein sehr ehrenhafter Mann, Mylord.“

„Nein, aber ich kämpfe gegen meine Schwächen an, so gut ich kann. Und daran sollten Sie denken, bevor Sie mich ein weiteres Mal provozieren, Madam.“

Ich habe Sie provoziert?“

„Jawohl. Dabei sollten Sie über genügend Verstand verfügen, um zu begreifen, dass Sie in meiner Nähe in akuter Gefahr schweben, Mrs. Wheaton. Und doch scheinen Sie entschlossen zu sein, mich herauszufordern.“

„Aber Sie sind derjenige, der ein großes Haus besitzt, riesige Gärten und ein weitläufiges Anwesen, auf dem es ein Leichtes ist, mir aus dem Weg zu gehen. Ich verstehe nicht, wie Sie mich tadeln können, weil ich einen kurzen Spaziergang in Rufweite des Hauses unternehmen wollte. An Ihrer Stelle würde ich meine Freiheit benutzen und einfach gehen.“

„Ach, und dass Sie genau vor dem Fenster eines Raums vorbeischlendern, in dem ich zu arbeiten pflege, wie Sie sehr wohl wissen, soll mich also nicht stören? Habe ich Sie nicht gewarnt, das könnte geschehen, wenn Sie mich reizen, statt mir auszuweichen, als hätte ich die Pest?“, sagte er heiser und riss sie in seine Arme.

„Lassen Sie mich los, Sie Unhold“, protestierte sie, aber da senkte er den Kopf und sah sie halb zornig, halb verlangend an – und spiegelte genau ihre eigenen Gefühle wider.

„Halten Sie mich auf!“, befahl er ihr rau und war ihr so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte.

8. KAPITEL

Chloe wusste, er würde sie loslassen, wenn sie es verlangen oder auch nur vor ihm zurückzucken würde. Doch sie brachte kein Wort heraus und schaffte es auch nicht zurückzuweichen. Sein Kuss war sanft wie eine Bitte, und sie wartete darauf, dass ihm einfiel, wen er küsste – seine Haushälterin –, und sich entsetzt von ihr löste. Als sie Luft holen musste, gab er sie gerade genug frei, damit sie nicht erstickte, aber seine Lippen waren ihren immer noch sehr nahe, als könnte er sich nicht von ihr trennen, nicht genug von ihr bekommen. Eine nie gekannte Hitze erfüllte ihren Körper, sobald er wieder ihren Mund zu erforschen begann.

Heißes Verlangen, das sie zehn lange Jahre versucht hatte zu unterdrücken, bahnte sich endlich einen Weg. Chloe schmiegte sich an ihn und erwiderte seine verzehrenden Küsse, obwohl ihre innere Stimme sie entsetzt zu warnen versuchte. Dass seine Hände auf ihrer Taille leicht zu zittern schienen, nahm ihr die letzten Zweifel. Sie war sich zutiefst seiner schmalen Hüften, die er an sie presste, bewusst und wie stark er erregt war.

Fasziniert von der Hitze, die von ihm ausging, und trotz der Januarkälte und des traurigen Tags, spürte Chloe, wie ihr ganzer Leib unter seinen Berührungen zu wundervollem Leben erwachte. Viel zu lange – seit jenem wundervollen Kuss vor zehn Jahren – hatten sie in einer Art Winterschlaf gelegen. Am liebsten hätte sie die Handschuhe abgestreift, um diesen außergewöhnlichen Mann mit bloßen Fingern zu fühlen. Stattdessen gab sie sich damit zufrieden, über seine Wange zu streichen. Schockiert von ihrer Kühnheit, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und legte die Hände auf seine breiten Schultern, um ihm so nah wie möglich zu kommen. In diesen wenigen Minuten gehörte er ihr und sie ihm.

Der Stoff seines Gehrocks war kühl von der kalten Morgenluft, doch dort, wo ihre Körper sich trafen, drang keine Kälte hin. Als hätten sie einen Weg gefunden, den Winter zu vertreiben. Wer hätte gedacht, dass eine so große Hitze zwischen dem schroffen Lord Farenze und seiner sonst so beherrschten Haushälterin bestehen könnte?

Er glitt mit den Händen von ihrer Taille nach oben, um ihre Brüste zu umfassen, und ihr Herz setzte einen Schlag aus in ihrer Erregung. Sie stöhnte leise und schloss kurz die Augen.

Völlig verblüfft von dem Verlangen, das sie erfasste, wich sie leicht zurück, um ihn ansehen zu können, um die heiße Leidenschaft in seinen grauen Augen zu entdecken, die sie nur allzu sehr erwiderte. Vor ihr stand endlich der wahre Luke Winterley, der sinnliche Mann hinter Lord Farenzes kühler Fassade und zurückhaltendem Ruf. Sie empfand viel zu viel für diesen Mann, und sie öffnete schon den Mund, um Fragen zu stellen, die keiner von ihnen beantworten konnte, als das Geräusch von Pferdegetrappel sie aus ihrer verzauberten Traumwelt herausriss. Hastig befreite sie sich aus Lord Farenzes Umarmung, doch in ihren Augen stand alles, was sie für ihn fühlte.

„Ich kann nicht“, keuchte sie. „Keiner von uns“, fügte sie bedrückt hinzu und lief dann schnell auf die Ställe zu und zu ihrer geliebten Tochter, bevor Luke sie aufhalten konnte.

„Ich bin ganz Ihrer Meinung, Mrs. Wheaton“, sagte er leise. „Was haben Sie dieses Mal nur mit mir angestellt, meine rätselhafte kleine Hexe?“

Jetzt machte es keinen Sinn, sich hinzusetzen und die Beileidsbriefe zu beantworten. Er würde an nichts anderes denken können als an den Kuss, den er Virginias Schützling gegeben hatte – und den sie mit einer solchen Leidenschaft erwidert hatte, dass er vergessen hatte, wo er war und wer sie waren. Auch jetzt konnte sein Herz sich nicht beruhigen, und er war hart vor Verlangen. Doch Chloe war Virginias Haushälterin, eine Frau, die der Welt auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein würde, wenn er ihren guten Ruf zerstörte. Ganz besonders da sie bereits einmal unvorsichtig gewählt hatte und von ihrem Mann mit einem Kind allein gelassen worden war, als sie selbst noch fast ein Kind gewesen war.

Nein, es durfte keine weiteren unpassenden Begegnungen mit der schönen Haushälterin geben, und er musste sich endlich ganz auf den traurigen, ernsten Anlass konzentrieren, der ihn hergebracht hatte.

Wenn es nach ihm ginge, würden sie Virginias langes Leben feiern und die Tatsache, dass sie mit ihrem geliebten Virgil vereint war, statt ihr Hinscheiden zu beklagen, nach dem sie sich in der letzten Zeit eher gesehnt hatte. Aber er musste seine Rolle als engster Verwandter erfüllen – all jenen zuliebe, die zu ihm als dem Haupt der Familie und Herrn des Hauses aufsahen und Trost suchten.

Sein Onkel hatte seiner Frau das Haus nur auf Lebenszeit überlassen, sodass es jetzt endgültig in seinen Besitz übergegangen war. Als Virgil damals gestorben war, hatte Luke zu viel damit zu tun gehabt, sich um Eve zu kümmern und das Chaos zu ignorieren, das Pamela auf dem Kontinent verursachte, und so hatte er den Inhalt des Testaments nicht bewusst wahrgenommen. In einem seiner letzten Gespräche mit Virginia hatte er versucht, Virgils Entscheidung nachzuvollziehen, wenn auch ohne großen Erfolg.

„Warum ich?“, hatte er gefragt. „James würde sich vielleicht ändern, wenn er ein eigenes Gut hätte. Du hast selbst gesagt, er muss das Gefühl haben, sein eigener Herr zu sein.“

„Überlass mir die Sorge um James“, hatte sie nur geheimnisvoll erwidert. „Du bist der einzige Mann, den Virgil hier haben wollte, Luke. Du liebst und verstehst das Gut genauso wie wir, also genieße es als eine Art Urlaub von diesem grimmigen Kasten, in dem du den größten Teil des Jahres lebst. Und so kannst du dich mit deiner Frau hierher zurückziehen, wenn sie Darkmere nicht mehr ertragen kann.“

„Ich habe keine Frau, und das wird sich nicht ändern, bis Eve geheiratet hat.“ Er hatte sie finster angesehen, um ihr zu zeigen, dass er es ernst meinte und nicht die Absicht hatte, sich von ihr mit irgendeiner hoffnungsvollen jungen Dame verkuppeln zu lassen.

„Eines Tages wirst du deinen Panzer ablegen und lernen müssen, wieder glücklich zu sein, mein Lieber“, hatte sie nur mit einem Lächeln geantwortet.

Und jetzt schien die ganze Welt sich gegen ihn verschworen zu haben. Virginia, Eve und sogar Tom Banburgh glaubten offenbar, dass er aus einem sehr viel romantischeren Grund heiraten sollte als aus reiner Zweckmäßigkeit. Natürlich hatte keiner von ihnen recht. Oder?

„Da sind Sie ja, Mylord.“ Josiah Birtkins Bassstimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Scheint so“, antwortete er so freundlich er konnte.

„Dachte, Sie sollten es wissen“, fuhr Josiah bedeutsam fort.

„Was sollte ich wissen?“

„Cross sagt, sie sind verfolgt worden, als er und die kleine Verity von ihrem Ausritt zurückkamen.“

„Warum in aller Welt sollte jemand ein Schulmädchen verfolgen?“, wunderte sich Luke.

„Ich weiß nicht, Mylord.“

„Haben Sie eine Idee, wer es war?“

„Nein, Sir. Er hielt großen Abstand. Am Anfang glaubte Cross, er hätte es sich nur eingebildet.“

Luke runzelte besorgt die Stirn. „Es ergibt keinen Sinn“, meinte er, und Josiah zuckte die Achseln, als ob nicht viel von dem, was seine Mitmenschen taten, Sinn ergäbe. „Wo ist er jetzt?“, fragte Luke, entschlossen, eine Erklärung von dem Schurken zu verlangen.

„Ritt davon, als sie die Pferdekoppel erreichten, und da er so weit entfernt war, dachte niemand daran, ihn zur Rede zu stellen.“

„Aber Sie haben ihn aus der Nähe gesehen, hoffe ich.“

„Nein, er war zu weit weg, als Cross ihn erwähnte, hatte sich den Hut in die Stirn gezogen und ein Tuch über dem Mund.“

„Es ist ein kalter Tag, und ein Reisender könnte so versuchen, sich gegen den Wind zu schützen, nehme ich an.“

Aber warum sollte jemand ein Schulmädchen bis nach Farenze Lodge folgen wollen, wenn einige Erkundigungen ihm verraten hätten, dass ihre Mutter lediglich die Haushälterin hier war? Und warum sollte Verity Wheatons Aufenthaltsort für irgendjemanden außer ihrer Mutter von Bedeutung sein? Noch dazu nach so vielen Jahren, da niemand außerhalb des Haushalts sich je für sie interessiert hatte?

„Sein Pferd schien allerdings von einem Araberhengst abzustammen, Mylord. Wenn der Mann nicht wie ein Farmer gekleidet gewesen wäre, würde ich ihn für einen Gentleman halten.“

„Halten Sie Ausschau nach ihm, Josiah, und ich werde die Wache nachts verdoppeln. Falls Miss Wheatons oder meine Tochter wieder ausreiten sollten, müssen Sie oder Seth bei ihnen sein. Und seien Sie bewaffnet – für alle Fälle. Ich möchte außerdem, dass Sie diskret sind. Je weniger Leute davon wissen, desto besser. Es soll niemand in Panik geraten, und der Mann darf nicht verschreckt werden, bevor wir wissen, was er im Schilde führt.“

„Sie können sich darauf verlassen, dass ich den Mund halten werde“, sagte Josiah ein wenig verschnupft.

„Aber ja, das weiß ich natürlich“, beschwichtigte Luke ihn und schickte ihn mit dem Auftrag zu den Ställen zurück, gerade an einem Tag wie heute auf jeden zu achten, der das Gut betrat und verließ.

Er war unruhig. Er kannte Verity Wheaton zwar nicht, da er sie nur einige Male zu Gesicht bekommen hatte. Sie hatte genau wie ihre Mutter sehr auffallendes Haar, nur blonder als Chloes, und ihre Augen waren von einem helleren Blau. Aber beide waren zierlich und anmutig und hatten die gleiche herzförmige Gesichtsform. Wahrscheinlich hatten sie auch die gleiche Intelligenz gemeinsam, so wie die Dickköpfigkeit und den Stolz. Er seufzte unwillkürlich. Eve schien sie sehr gern zu haben, und Chloe vergötterte sie natürlich, wie sollte er also nicht wütend sein auf jeden Mann, der versuchte, das Kind zu belästigen oder ihm gar zu schaden?

Luke nahm sich vor, Chloe früher nach Veritys Vater auszufragen, als ihm lieb war. Bis dahin vertraute er auf Josiahs scharfe Augen und Eves Gesellschaft sowie natürlich seine eigene Wachsamkeit, um das Kind zu beschützen. Chloe musste sich schließlich um sein Haus kümmern und schien kaum Zeit zu haben, um etwas zu sich zu nehmen, geschweige denn nachts friedlich zu schlafen.

Wenige Stunden später beendeten Chloe und die Hausmädchen ihre Arbeit, zogen sich Handschuhe an und legten sich Schultertücher um, um sich auf die Dachbalustrade zu begeben, von wo sie den Trauerzug verfolgten, der sich seinen Weg bis zur Kirche entlangschlängelte – dem Ort, wo der fünfte Viscount Farenze begraben lag. Die düstere Prozession entzog sich ihrem Blick und kam wieder in Sicht, während sie fortschritt, und Chloe wünschte so sehr, sie könnte an dem Gottesdienst teilnehmen. Doch sie war die Haushälterin und musste das Haus für die durchfrorenen und betrübten Trauergäste vorbereiten, also senkte sie den Kopf, betete den dreiundzwanzigsten Psalm und das Vaterunser in Erinnerung an ihre geliebte Herrin und wünschte Ihrer Ladyschaft aus tiefstem Herzen eine gute Reise.

Mit Tränen in den Augen sahen alle zu, wie die Pferde ausgeschirrt wurden, damit die männlichen Diener und Gutsarbeiter den finsteren Wagen selbst den Rest des Wegs ziehen konnten. Chloe hätte fast ebenso rückhaltlos geschluchzt wie die Hausmädchen in ihrer Liebe und Ergebenheit für eine wundervolle Frau. Doch stattdessen atmete sie tief durch, verteilte schneeweiße Taschentücher an jene, die ihre vergessen hatten, und drückte Verity fest an sich, während sie sich ein letztes Mal von Lady Virginia verabschiedeten.

Sie blieben im kühlen Wintersonnenschein stehen, während Lady Virginia neben ihrem geliebten Virgil beigesetzt wurde und bis am Ende die nächsten Verwandten und Freunde die Kirche verließen. Erst jetzt wies Chloe die Dienerschaft an, nach unten zu gehen und alles für die Rückkehr der Trauergemeinde vorzubereiten.

„Ich bin froh, dass Lady Virginia nichts von einem großen förmlichen Getue bei ihrem Tod hören wollte. Sie fehlt Miss Eve viel zu sehr, als dass meine Kleine die Gastgeberin für die halbe Grafschaft spielen könnte. Sie stand Ihrer Ladyschaft immer so nahe“, bemerkte Bran zu Chloe, als beide mehrere Stunden später beim Tee in Chloes Räumen saßen.

„Sie hat sich sehr gut angestellt, aber sie ist zu jung, um heute noch sehr viel mehr Formalitäten ertragen zu können, und Lady Virginias wahre Freunde wissen das. Sie sind alle so früh, wie der Anstand es zuließ, gegangen, und da waren natürlich auch alle übrigen gezwungen, ihrem Beispiel zu folgen.“ Chloe legte die schmerzenden Füße auf einen Schemel und genoss das Kaminfeuer, das man für sie angezündet hatte. „Ich dachte allerdings, Lady Bunting und der Squire und seine Frau würden niemals gehen.“

„Und ich fragte mich, ob jene verflixte Mrs. Winterley jemals aufhören würde zu essen“, sagte Bran trocken.

„Aber Bran, ‚in einem gut geführten Haushalt gäbe es mehr Zucker im Kuchen und weniger Salz im Käsegebäck‘“, imitierte Chloe die Stiefmutter Seiner Lordschaft. „Was Mrs. Winterley allerdings nicht davon abgehalten hat, riesige Mengen von beidem zu verdrücken, während sie jedem, der zuhören wollte, versicherte, wie groß ihr Kummer sei.“

„Fette alte Heuchlerin“, sagte Bran giftig, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen.

„Ich kann nicht widersprechen, obwohl ich weiß, dass ich es tun sollte“, erwiderte Chloe und genoss die angenehme Wärme, wohl wissend, dass sie bald wieder aufstehen musste, da noch viel Arbeit auf sie wartete. „Sie üben einen schlechten Einfluss auf mich aus, Bran“, sagte sie.

„Irgendjemand muss es ja tun“, behauptete ihre neue Freundin. „Es ist höchste Zeit, dass Sie wieder anfangen zu leben, junge Dame“, fuhr sie fort, als könnte sie Chloe ins Herz blicken und alle bitteren Erinnerungen sehen, denen sie sich nicht stellen wollte.

„Dasselbe könnte ich über Sie sagen.“

Autor

Elizabeth Beacon
Das ganze Leben lang war Elizabeth Beacon auf der Suche nach einer Tätigkeit, in der sie ihre Leidenschaft für Geschichte und Romane vereinbaren konnte. Letztendlich wurde sie fündig. Doch zunächst entwickelte sie eine verbotenen Liebe zu Georgette Heyer`s wundervollen Regency Liebesromanen, welche sie während der naturwissenschaftlichen Schulstunden heimlich las. Dies...
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