Eine Sonate für Kathleen

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Noch eins möchte Schwester Cecily in ihrem erfüllten Leben erreichen: Ihr Schützling Kathleen, die am Beginn einer Karriere als Sängerin steht, und der Komponist Richard, der auch im Waisenhaus des Klosters aufwuchs, sollen ein Paar werden. Die erste Begegnung der beiden verläuft durchaus vielversprechend …
  • Erscheinungstag 23.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757250
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Beeil dich, Kathleen. Das Auto ist schon hier, und wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“

Kathleen Mavourney legte die Notenblätter, die sie gerade durchgesehen hatte, beiseite und nahm ihre Handtasche. Es war eine gewisse Autorität in Schwester Cecilys Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Die Worte der betagten Nonne hatten Kathleens Neugier wachgerufen.

„Wohin fahren wir?“

„Mach dir darüber keine Gedanken“, entgegnete Schwester Cecily bestimmt. Sie schob Kathleen vor sich her durch den Flur, der den Musiktrakt mit dem älteren Teil des Klosters verband.

Kathleen sagte nichts mehr. Die kleine Nonne wirkte aufgeregt. Ihr sonst so heiteres Gesicht war angespannt und lud nicht zu neugierigen Fragen ein. Das Geheimnis würde ohnehin bald gelüftet werden. Voller Erstaunen bemerkte Kathleen nun, dass Schwester Cecily sich bückte und den Violinkasten, der neben dem Eingang an der Wand lehnte, aufhob und mitnahm. Was Kathleen anfänglich nur ungewöhnlich vorgekommen war, schien jetzt ans Unfassbare zu grenzen.

„Wollen Sie irgendwo vorspielen, Schwester?“

Schwester Cecily reagierte auf Kathleens Frage nicht. Sie sah allerdings sehr entschlossen aus. Die alte Nonne öffnete die schwere Tür und drängte Kathleen hinaus. Diese vergaß beim Anblick des schwarzen Rolls Royce, der vor den Pforten des Klosters stand, jede weitere Frage.

Ein Chauffeur in eleganter Livree stand neben dem Wagen. Als er Schwester Cecily und Kathleen kommen sah, öffnete er schwungvoll die Wagentür und ließ keinen Zweifel daran, dass sie es waren, auf die er gewartet hatte.

Erst als sie im Wagen saßen und dieser sich in Bewegung setzte, erholte Kathleen sich von ihrer Verblüffung. Sie blickte die Nonne fragend an.

Schwester Cecily war keine sehr attraktive Frau. Sie war einen Kopf kleiner als Kathleen und von gedrungener Statur. Ihr rundes Gesicht wies trotz der sechzig Jahre kaum eine Falte auf. In den vergangenen Monaten war es ihr allerdings nicht besonders gut gegangen, und der trübe Blick ihrer sonst so strahlenden Augen hatte Kathleen sehr beunruhigt. Aber Schwester Cecily hatte nicht sagen wollen, was ihr fehlte. In diesem Augenblick nun waren ihre Wangen von einem rosigen Schimmer überzogen, und die grünen Augen hinter der Brille mit dem zarten Goldrand leuchteten vor Zufriedenheit.

Sie beugte sich vor und streichelte Kathleens Hand. „Es ist alles in Ordnung, mein Liebes. Ich wollte bislang nichts sagen, denn ich befürchtete, dass er vielleicht sein Wort nicht halten würde. Aber er hat es gehalten, und nun ist der Rest dir überlassen.“

„Schwester, Sie sprechen in Rätseln“, entgegnete Kathleen ratlos und schüttelte den Kopf. „Was bleibt mir überlassen? Und wem gehört dieses Auto? Und wohin …?“

Die Nonne lächelte geheimnisvoll. „Es hat alles mit Macht zu tun, Kathleen, mit Macht und Einfluss. Ich habe, wann immer es mir möglich war, den Samen gesät, aber heute … ja heute lasse ich meine Muskeln spielen.“

Die Vorstellung, dass Schwester Cecily ihre Muskeln spielen ließ, erheiterte Kathleen, aber bei den folgenden Worten der kleinen Nonne schwand dieses Gefühl der Belustigung schnell wieder.

„Ich lasse dich heute vorsingen. Du wirst ‚L’Absence‘ von Berlioz vortragen, und ich werde dich dazu auf der Violine begleiten, so wie wir es immer wieder geübt haben. Heute wird man dir endlich zuhören, wie du es verdienst.“

Kathleens Kehle war wie zugeschnürt. Sie sah entsetzt auf die Nonne und den Geigenkasten. Dann schüttelte sie abwehrend den Kopf. Sie war zu geschockt und zu unglücklich, um auf die schreckliche Tatsache hinzuweisen, die jedes Vorsingen von vornherein sinnlos machte. Außerdem wusste Schwester Cecily davon. Sie wusste es genauso gut wie Kathleen. Wie konnte sie sich jetzt so blind darüber hinwegsetzen?

„Kathleen, ich kann dich nichts mehr lehren. Du bist inzwischen so gut, dass ich dir nichts mehr beibringen kann.“ In Schwester Cecilys Worten lag unendliche Erschöpfung. Zwar leuchteten ihre grünen Augen entschlossen, aber gleichzeitig schimmerte eine gewisse Verzweiflung durch.

Die Nonne nahm Kathleens Hand und drückte sie fest. „Dies ist die einzige Chance, die ich dir geben kann, damit du das Leben führen kannst, das dir zusteht. Du musst diese Gelegenheit beim Schopf packen, denn du wirst keine zweite haben.“

Kathleen schluckte und versuchte, nicht auf das Stechen in ihrem Herzen zu achten. „Schwester, Sie wissen, dass dieser Traum sich nicht erfüllen kann. Sie waren immer so gütig zu mir. Sie haben mich unterrichtet. Aber Sie wissen auch, was man mir gesagt hat. Es hat keinen Sinn …“

„Es hat sehr wohl einen Sinn“, widersprach die Nonne. „Kathleen Mavourney, du darfst niemals aufgeben. Ich habe mein ganzes Leben lang nach Vollkommenheit gestrebt und mich nie mit weniger zufriedengegeben. Begnüge also auch du dich nicht mit weniger. Es gibt noch viel für dich zu lernen, und du musst lernen. Und sei es nur, um dir selbst sagen zu können, dass du dein Bestes gegeben hast, dass du ständig das Ziel verfolgst, vollkommen zu sein.“

Die Stimme von Schwester Cecily veränderte sich. Die Nonne sprach nicht mehr wie eine strenge Lehrerin zu Kathleen, sondern wie eine Freundin. „Unter all den Schülern, die ich im Lauf meines Lebens hatte, gab es nur wenige mit einer herausragenden Begabung. Du bist eine von ihnen. Enttäusche mich nicht, Kathleen Mavourney, zerstöre nicht das Vertrauen, das ich in dich setze.“

Bei diesen bewegenden Worten schossen Kathleen Tränen in die Augen, die sie nur verbergen konnte, indem sie den Kopf abwandte und halb blind aus dem Fenster sah. Ihre eigene Enttäuschung bereitete ihr ohnehin ständigen Kummer, aber sie tat ihr Bestes, um damit fertig zu werden.

Kathleen gab im Kloster selbst Musikstunden. Nur dadurch, dass sie unterrichtete, war sie in der Lage, sich den Nonnen für alles, was diese nach dem furchtbaren Unfall für sie getan hatten, erkenntlich zu zeigen. Darüber hinaus war es für sie sehr wichtig, in Schwester Cecilys Nähe zu bleiben, vielleicht weil diese der einzige Mensch war, der wirklich an Kathleen glaubte.

Es war ein Zugunglück gewesen, bei dem Kathleens Eltern ums Leben gekommen und Kathleens Traum, der beste Opernsopran zu werden, der je auf der Bühne gestanden hatte, zunichtegemacht worden war. Trotz vieler Operationen und des Wunders, wieder gehen zu können, hatten die schweren Verletzungen an Kathleens Knien zur Folge, dass ihre Beine niemals stark genug sein würden, um sie für die Dauer einer ganzen Opernaufführung zu tragen. Kathleen hatte sich damit abgefunden, aber sie brachte es nicht über sich, mit dem Singen aufzuhören.

Es war wundervoll zu hören, wie sich die eigene Stimme entwickelte, die höchsten Töne erreichte und hielt, wie sie die verschiedenen Tonnuancen und die schwierigsten Tonsätze beherrschte. Die Freude über jeden Fortschritt und ihr eigenes Streben nach Vollkommenheit ließen Kathleen sehr gut verstehen, was Schwester Cecily gemeint hatte, als sie über die Verpflichtung, nicht aufzugeben, sprach.

Die wunderbare kleine Nonne hatte Kathleens Drang zu singen unterstützt, hatte sie gelenkt und sie dazu gebracht, immer tiefer und tiefer in sich hineinzuhören, um schließlich diesen Klang, diese Tongebung und diese Gefühlsintensität zu erreichen. Sie hatte Kathleens Freude über die Vervollkommnung ihrer Stimme geteilt. Aber so weit zu gehen, ein Vorsingen zu arrangieren … Schwester Cecily musste doch wissen, dass dies absolut unsinnig war.

Viele der älteren Nonnen des Klosters waren in ihrem Glauben und ihrer Geisteshaltung sehr weltabgewandt. Von Schwester Cecily hatte Kathleen stets geglaubt, sie sei anders. Doch jetzt schien es ihr, als hätten die idealistischen Vorstellungen der Nonne jeden Sinn für die Realität verdrängt. Und die Realität war nun einmal, dass selbst ein erfolgreiches Vorsingen nichts an Kathleens Gesundheitszustand ändern würde.

So sehr es sie auch schmerzte, zwang sie sich, noch einmal darauf hinzuweisen. „Schwester, ich weiß, Sie meinen es gut. Aber haben Sie dieser Person gegenüber meine Beine erwähnt?“

„Kathleen!“ Schwester Cecily klang erbittert. „Deine Beine dürfen in diesem Fall keine Rolle spielen.“

„Wie können meine Beine dabei keine Rolle spielen?“, rief Kathleen außer sich. „Sie wissen doch, ein Stipendium oder irgendeine andere Studienförderung wird nur unter der Voraussetzung bewilligt, dass die Aussicht auf eine spätere Karriere gewährleistet ist und es sich auszahlt, anderenfalls muss das Geld zurückgegeben werden.“

„Es wird sich auszahlen. Es muss sich auszahlen“, erwiderte die kleine Nonne entschieden.

„Schwester! Um Himmels willen! Ich habe nicht das körperliche Stehvermögen, um eine ganze Opernaufführung durchzuhalten. Sie wissen, ich kann nicht einmal zehn Minuten ohne Beschwerden stehen, geschweige denn so lange, wie es in diesem Beruf erforderlich ist.“

„Vielleicht nicht“, entgegnete Schwester Cecily gelassen. Ein geheimnisvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber bitte, hör auf mit dem pessimistischen Gerede. Irgendetwas wird bei dem Vorsingen schon herauskommen.“

Kathleen wusste, dass dies nicht stimmte, es war aussichtslos. Bis vor Kurzem hatte sie die leise Hoffnung gehegt, eines Tages Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen machen zu können, aber ihr war inzwischen klar geworden, dass die Leute nur bekannte Künstler hören wollten, die sich bereits auf der Bühne einen Namen gemacht hatten. Als völlig Unbekannte hatte sie für die Plattenfirmen keinen kommerziellen Wert, ganz gleich wie gut ihre Stimme war oder wie gut sie ein Lied interpretieren konnte.

Es hatte jedoch keinen Sinn, sich jetzt zu streiten. Die Vorbereitungen waren bereits zu weit gediehen, um abzusagen. Sie würde vorsingen, und sei es auch nur, um Schwester Cecily einen Gefallen zu tun. Aber sie war sich sicher, dass alle Beteiligten dadurch in peinliche Verlegenheit gebracht werden würden.

Dieser Gedanke deprimierte Kathleen zutiefst. Das Auto gehörte mit Sicherheit einer hochstehenden Persönlichkeit an der Spitze der Musikwelt, und Schwester Cecilys Andeutungen nach, musste es sich um einen Mann handeln. Um einen mächtigen, einflussreichen Mann. Kathleen wand sich innerlich bei der Vorstellung, einer so wichtigen Persönlichkeit gegenübertreten zu müssen. Sie würde lediglich seine kostbare Zeit verschwenden, ganz gleich, ob er nun von ihrer Stimme beeindruckt war oder nicht.

Der Mann hatte wahrscheinlich gar kein Interesse daran, sie zu hören. Allem Anschein nach hatte Schwester Cecily ihm diesen Gefallen förmlich abgerungen, denn sie war ja nicht einmal sicher gewesen, ob er sein Versprechen halten würde.

Kathleen sank noch mehr in sich zusammen. Sie wollte weder vor ihm noch für ihn singen. Sie wollte nicht wissen, was er zu sagen hatte. Sie wollte seine Kritik nicht hören, die er zweifellos äußern würde, denn sie war schließlich erst einundzwanzig Jahre alt und besaß noch keine Erfahrungen.

Kathleen zupfte nervös an ihrem braunen Rock. Als sie sich dessen bewusst wurde, strich sie glättend über den derben Tweedstoff. Dabei verzog sie die Lippen zu einem gequälten Lächeln. Dies war vermutlich ihre erste und letzte Chance, irgendwo vorzusingen, und sie war nicht einmal passend dafür angezogen. Ihre Füße steckten in flachen, orthopädischen Schuhen, dazu trug sie dicke Stützstrümpfe. Der braune Tweedrock und der grobe, beigefarbene Pullover wirkten trotz Kathleens schlanker Figur nicht besonders schmeichelhaft, und selbst die aufsehenerregende Fülle ihres leuchtend roten Haares – das einzig Farbige ihrer ganzen Erscheinung – war zu einem strengen französischen Knoten hochgesteckt. Wie fast immer hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, sich zu schminken.

Nicht, dass ihre zarte, weiche Haut ein Make-up nötig hatte, aber heute hätte etwas Farbe ihrem blassen Gesicht gut getan. Ein geschickt aufgetragener Lippenstift hätte Kathleens auffallend üppigen Mund etwas schmaler wirken lassen, etwas braune Mascara auf den dichten rotgoldenen Wimpern hätte ihre lebendigen blauen Augen bestimmt noch strahlender erscheinen lassen, und eine Betonung ihrer Augenbrauen …

Wenn Schwester Cecily ihr nur früher etwas gesagt hätte. Doch die kleine Nonne hatte an Kathleens Aussehen nie etwas auszusetzen. Sie kam gar nicht auf die Idee, dass Kathleen sich gern zurechtgemacht hätte. Weibliche Eitelkeit gehörte nicht in ihre Welt und war in ihren Augen völlig überflüssig. Eine Singprobe war eine Singprobe. Nur die Stimme zählte. Natürlich hat sie recht, dachte Kathleen, nur, in meinem Fall, ist die Stimme nicht ausschlaggebend. Ich habe das Pech, für einen solchen Beruf nicht gesund genug zu sein.

Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs, aber Kathleen versuchte gar nicht mehr herauszufinden, wohin sie fuhren. Es spielte ohnehin keine Rolle. Ihre Neugier wurde erst wieder geweckt, als der Wagen in London in Richtung Westend fuhr. Vor dem Theater, in dem im vergangenen Jahr Richard Lancasters Musical gespielt worden war, hielt er.

Erstaunt wandte Kathleen sich an Schwester Cecily. „Warum halten wir hier?“

In den grünen Augen der Nonne blitzte ein missionarischer Eifer, den Kathleen weder verstehen noch einordnen konnte.

„Richard Lancaster hat dies zur Bedingung gemacht, bevor er auf meinen Wunsch einging. Der Ort ist nicht perfekt, aber wir werden uns damit abfinden müssen“, erklärte Schwester Cecily.

Fassungslosigkeit und Entsetzen raubten Kathleen fast die Sprache. „Richard Lancaster wird mich anhören?“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe.

„Ja“, kam gelassen die Antwort.

Der Chauffeur war ausgestiegen und um den Wagen herumgegangen, um die Tür für Schwester Cecily zu öffnen. Tiefe Verwirrung ergriff Kathleen. Dann protestierte sie heftig.

„Aber weshalb sollte er daran interessiert sein, mich zu hören? Es ist nicht seine Musikrichtung. Er schreibt völlig anders. Ich könnte das gar nicht singen. Ich will es auch gar nicht. Es ist … seine Musik und ich passen überhaupt nicht zusammen. Und außerdem … ich meine … es ist nur …“ Verwirrt schwieg sie.

Wieder nahm Schwester Cecily Kathleens Hand und drückte sie, um sie zu beruhigen. „Gottes Wege scheinen uns oft etwas seltsam, und manchmal helfe ich auch etwas nach. Nach vierzig Jahren im Kloster habe ich dies begriffen: Wenn du willst, dass etwas Bestimmtes geschieht, musst du etwas dafür tun. Man darf sich nicht immer darauf verlassen, dass die Dinge sich von allein zum Besten wenden. Heute gebe ich dem Geschehen nur einen kleinen Schubs. Vertraue mir, Kathleen, und widersprich mir nicht. Einer deiner größten Fehler ist, dass du ständig glaubst, widersprechen zu müssen. Hab Vertrauen, mein Liebes. Singe so, wie ich es dich gelehrt habe. Mehr musst du nicht wissen. Die Dinge werden sich so entwickeln, wie sie sollen.“

Die Wagentür wurde geöffnet, und Schwester Cecily stieg aus.

Kathleen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. In ihrem Kopf herrschte absolutes Chaos, und ihr Herz hämmerte wie verrückt. Diese Singprobe hatte doch gar keinen Sinn. Ihre Art zu singen konnte Mr. Lancaster unmöglich gefallen. Und was würde er schon davon verstehen? Sicher, er war einer der führenden Musical-Komponisten, aber seine Arbeit hatte nichts mit klassischer Musik zu tun. Seine Musik war sehr modern, witzig und geistreich, aber Kathleen hielt sie gleichzeitig für leer und oberflächlich. Es war eindeutig nicht die Musik, für die sie sich begeistern konnte.

Kathleen hatte keine Zeit mehr, über diese absurde Situation nachzudenken. Am Theatereingang wurden sie von einem Mann begrüßt, der sich ihnen als Intendant vorstellte. Er geleitete sie durch eine Reihe von Korridoren, die alle hinter die Bühne führten. Dabei würdigte er Kathleen keines Blickes, sondern wandte seine ganze Aufmerksamkeit Schwester Cecily und ihrem Geigenkasten zu, den sie fest in der Hand hielt.

„Mr. Lancaster hat das Orchester schon eine Stunde vor dem Matineebeginn herbestellt, um Sie zu begleiten. Die Musiker werden alles spielen, was Sie wünschen, Schwester.“

„Das werden sie nicht“, gab Schwester Cecily entschieden zurück.

„Schwester, die Musiker sind mit allen Stücken von Mr. Lancaster vertraut. Ich versichere Ihnen …“

„Kathleen wird nichts von Richard Lancaster singen“, erklärte die Nonne unerbittlich.

Der Leiter des Theaters blickte sie entsetzt an und schüttelte den Kopf. „Ich glaube kaum, dass ihm das gefallen wird, Schwester.“

„Junger Mann …“ Der Intendant war mindestens vierzig Jahre alt und gut zwei Köpfe größer als Schwester Cecily, aber unter dem durchdringenden Blick und der unerschütterlichen Autorität der kleinen Nonne fühlte er sich wie ein winziges Insekt. „Junger Mann, wenn dieses Vorsingen nur glatt und gefällig sein soll, dann hat es seinen Sinn verfehlt. Wenn Richard nicht mehr innere Größe besitzt, dann pfeife ich auf ihn. Ich habe mir ohnehin nie viel aus ihm gemacht, er war nie ein guter Schüler. Das meine ich nicht böse. Im Allgemeinen unterrichte ich lieber Jungen als Mädchen, denn sie sind leichter zu handhaben.“

Schwester Cecilys Worte lösten bei dem Intendanten ähnliche Verwirrung aus wie bei Kathleen. Er schloss den Mund und sagte kein Wort mehr, bis sie vor dem Vorhang an der Bühnenrampe standen. Die Musiker waren bereits vollzählig im Orchestergraben versammelt und stimmten ihre Instrumente. Der Intendant ging auf den Dirigenten zu und wechselte einige Worte mit ihm.

Schwester Cecily nahm ihre Violine aus dem Kasten und beachtete niemanden. Kathleen hatte das Gefühl, ihr Herz würde langsam von einem Schraubstock zerquetscht. Sie stand auf der Bühne eines richtigen Theaters und blickte auf unzählige Reihen leerer Stühle. Wahrscheinlich war dies das erste und letzte Mal in ihrem Leben, dass sie eine derartige Position innehatte, aber es war nicht die Situation, von der sie geträumt hatte.

In einer Stunde würden all die leeren Sitze von Leuten eingenommen werden, die in der Samstags-Matinee Richard Lancasters letztes Erfolgsmusical hören wollten. Leute, die leichte Unterhaltungsmusik bevorzugten und kein Interesse an klassischen Kompositionen hatten. Dies war wirklich nicht der richtige Platz für Kathleen. Von Richard Lancaster war auch noch nichts zu sehen. Zwar wusste sie nicht, wie er aussah, aber im Zuschauerraum war kein einziger Platz besetzt.

„Madame, welche Musik wünschen Sie zu hören?“, rief der Dirigent zu Schwester Cecily hinauf.

„Gar keine“, entgegnete die Nonne kühl. „Ich werde das Lied ‚L’Absence‘ aus Berlioz’ ‚Nuit d’été‘ spielen.“

Alle Geräusche aus dem Orchestergraben verstummten, Augenbrauen wurden hochgezogen, Köpfe geschüttelt. Der Dirigent machte eine hilflose Geste zu den Musikern, drehte sich dann um und blickte zur mittleren Loge hinauf.

„Es sieht so aus, als würden wir nicht gebraucht. Was sollen wir jetzt tun, Richard?“

Im Hintergrund der Loge entdeckte Kathleen einen dunklen Schatten, bei dem es sich möglicherweise um den Angesprochenen handelte. Ein Gedanke ging ihr nicht aus dem Kopf: Richard Lancaster hatte Schwester Cecily diesen Gefallen getan, weil er früher einmal ihr Schüler gewesen war. Doch Kathleen konnte sich noch immer nicht erklären, welche Bedeutung diese frühere Verbindung für sie selbst haben könnte.

Nach kurzem, angespannten Schweigen antwortete eine tiefe Stimme aus dem Dunkel. „Setzt euch hin und hört zu. Ihr könnt dabei vielleicht noch etwas lernen.“ Dann wechselte der Tonfall, und Kathleen glaubte, Resignation herauszuhören. „Und wenn das nicht der Fall sein sollte, werdet ihr zumindest mit Sicherheit in den Genuss eines einmalig virtuosen Violinspiels kommen.“

Kathleen war erleichtert, als sie merkte, welche Hochachtung Mr. Lancaster vor der Nonne hatte, und dass er von seinem Orchester die gleiche Anerkennung erwartete.

Natürlich musste er Respekt vor Schwester Cecily haben, sonst hätte er niemals seine Einwilligung zu dieser Singprobe gegeben, die im Grunde nichts als eine Gefälligkeit war. Vielleicht fiel es ihm jedoch nur schwer, seiner ehemaligen Lehrerin einen Wunsch abzuschlagen. Wie auch immer, es erleichterte Kathleen die Situation keineswegs.

Der Intendant bot Kathleen ein Mikrofon an, aber Schwester Cecily winkte sofort ab. Jetzt wurde ein Scheinwerfer eingeschaltet, dessen Licht Kathleen blendete und störte. Sie fühlte sich dadurch dem in der Dunkelheit verborgenen, sie beobachtenden Mann noch mehr ausgeliefert. Jeder Muskel ihres Körpers schien erstarrt zu sein. Es war alles so beschämend, so sinnlos, so demütigend.

Im Theater wurde es still. Alle verharrten in erwartungsvollem Schweigen. Doch was hatte das schon zu bedeuten? Es stand nichts auf dem Spiel, niemandes Meinung zählte … außer Schwester Cecilys. Kathleen wollte nur für sie singen und das Vertrauen, das die Nonne in sie hatte, nicht enttäuschen.

Und Richard Lancaster? Er war für Kathleen nur ein Name, ein Schatten in der Dunkelheit, niemand, der ihr nahe stand, niemand, dessen Kritik sie verletzen könnte oder dessen Beifall ihr etwas bedeutete. Er war so weit entfernt von ihr … genau wie das geliebte Wesen in dem Lied, das sie jetzt singen würde … so weit entfernt, dass nicht die geringste Aussicht bestand, eine Antwort zu erhalten.

Unter Schwester Cecilys meisterhafter Bogenführung erklang die Einleitung des Liedes. Kathleen holte tief Luft und entlockte ihren Stimmbändern den reinen, silbernen Ton, den sie gelernt hatte. Und er strömte aus ihr heraus – dieser klare, schmerzerfüllte Ruf, gefolgt von einem zarten Echo, der Schmerz eines liebenden Herzens in verzweifelter Leere und Einsamkeit.

Reviens, reviens … komm zurück, komm zurück

Ma bien aimée … meine Geliebte

Wieder und wieder sandte Kathleens Stimme diesen flehentlichen Ruf hinaus in die Dunkelheit, bis die letzte Strophe den dumpfen, verzweifelten Ton der Niederlage erforderte. Und Kathleen wusste, wie sie dies zu singen hatte. Sie fühlte es mit jeder Faser ihres Seins.

Die letzte Note verklang – schwebend, hoffnungslos, unerwidert … in tödlichem Schweigen.

Niemand rührte sich, niemand applaudierte. Irgendjemand im Orchestergraben seufzte leise. Doch egal, welches Gefühl dahinter stand, Kathleen bedeutete es nichts.

Sie hatte getan, worum Schwester Cecily sie gebeten hatte, und sie hatte ihr Bestes gegeben. Was nun geschah, hatte keine Bedeutung für ihr weiteres Leben. Selbst Richard Lancasters Meinung war für sie unwichtig, obwohl jeder in diesem Raum gerade darauf zu warten schien.

Doch alle warteten vergeblich, von Richard Lancaster kam keine Reaktion. Es folgten lange Minuten gespannten Schweigens, bis der scharfe Befehl aus der Dunkelheit ertönte: „Das Orchester ist bis zu Beginn der Matinee entlassen. Geleiten Sie Schwester Cecily und ihren Schützling in mein Büro.“

Die Scheinwerfer wurden ausgeschaltet, und der Intendant erschien an Kathleens Seite. Im Orchestergraben herrschte jetzt Bewegung, einige gedämpfte Gesprächsfetzen drangen zur Bühne hinauf. Schwester Cecily packte in aller Ruhe ihre Violine ein und ging zu Kathleen hinüber. Dabei umspielte ein zufriedenes Lächeln ihren Mund.

„Es spielt keine Rolle, was Richard dazu sagt, vergiss das nicht, Kathleen. Du kannst wirklich stolz auf dich sein, denn du hast so gesungen, wie es der Begabung, die Gott dir verliehen hat, entsprach.“

„Danke, Schwester“, flüsterte Kathleen. Bei dem Gedanken, Richard Lancaster in wenigen Minuten tatsächlich gegenüberzustehen, versagte ihr fast die Kräfte. Dort oben in der Dunkelheit war er ihr schattenhaft und unwirklich erschienen. Seine Stimme hingegen war Wirklichkeit gewesen, und Kathleen spürte, dass sie dem Mann, der sich hinter dieser Stimme verbarg, lieber nicht begegnen wollte.

Schwester Cecily seufzte müde. „Das, was ich dir eben gesagt habe, ist mehr, als ich von Richard sagen kann … trotz seines großen Erfolges. Ich hoffe und bete …“ Sie atmete tief durch und streichelte Kathleens Hand. „Aber es besteht eine Chance. Es muss eine Chance geben. Überlass nur alles mir, mein Liebes, denn das hat mit der Macht zu tun, von der ich sprach. Du sagst am besten überhaupt nichts.“

Der Intendant, der immer noch neben Kathleen stand, räusperte sich und berührte leicht ihren arm, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Wenn sie mir bitte folgen wollen, meine Damen.“

2. KAPITEL

Kathleen bemerkte die neugierigen Blicke der Bühnenarbeiter, als sie wieder durch die verzweigten Korridore des Theaters gingen. Niemand – auch nicht der Intendant – verlor auch nur ein Wort über ihren Gesang. Kathleen hatte volles Verständnis dafür. Schließlich hatte sicher niemand erwartet, dass sie einem Mann, der in einem völlig anderen Genre arbeitete, ausgerechnet ein Lied von Hector Berlioz vortragen würde. Wahrscheinlich waren alle darüber verwundert und verstanden nicht, was hier vorging und wie es dazu gekommen war. Kathleen verstand es ja selbst nicht. Die einzige Person, die hierauf eine Antwort geben konnte, war Schwester Cecily, doch sie schwieg.

Kathleen kämpfte gegen das Unbehagen an, dass das bevorstehende Gespräch mit Richard Lancaster in ihr auslöste. Sie hatte keine Ahnung, was Schwester Cecily sich davon versprach, und im Grunde wollte sie es auch gar nicht wissen. Das Reden über Macht hatte Kathleen sehr verunsichert, und sie befürchtete, in peinliche Verlegenheit gebracht zu werden.

Das Büro, in das sie geführt wurden, war weder aufsehenerregend noch Furcht einflößend. Es war mit einem großen Büroschreibtisch und mehreren Stühlen ausgestattet. An der Längswand standen einige Aktenschränke, die übrigen Wände wurden von prall gefüllten Bücherregalen verdeckt. Neben dem Schreibtisch befand sich ein kleiner Schrank, in dem Kathleen die üblichen Getränke musterte, die aber heute bestimmt nicht benötigt wurden.

Der Intendant bat sie, Platz zu nehmen, und zog sich anschließend diskret zurück. Kathleen setzte sich auf den Stuhl, der am weitesten vom Schreibtisch entfernt stand. Schwester Cecily blieb vor den Bücherregalen stehen und studierte eingehend die Buchrücken. Sie hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und wirkte genauso angespannt wie Kathleen.

Inzwischen hatte Richard Lancaster fast unhörbar das Büro betreten. Kathleen hatte den Eindruck, er füllte den ganzen Raum aus. Es ging so viel Vitalität und Energie von ihm aus, dass die Luft zu vibrieren schien.

Autor

Emma Darcy
Emma Darcy ist das Pseudonym des Autoren-Ehepaars Frank und Wendy Brennan. Gemeinsam haben die beiden über 100 Romane geschrieben, die insgesamt mehr als 60 Millionen Mal verkauft wurden. Frank und Wendy lernten sich in ihrer Heimat Australien kennen. Wendy studierte dort Englisch und Französisch, kurzzeitig interessierte sie sich sogar für...
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