Eroberung in Kalifornien

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Was wahre Sehnsucht bedeutet, weiß Cullen O'Connell seit seiner letzten Reise nach Kalifornien. Im malerischen Universitätsstädtchen Berkeley an der Pazifikküste ist dem attraktiven Anwalt die schöne Marissa begegnet. In einer einzigen Liebesnacht hat die faszinierende Studentin sein Herz erobert wie keine Frau zuvor. Warum nur verschwand sie danach ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht ist? Als er sie schließlich aufspüren kann, erwartet ihn die Überraschung seines Lebens...
  • Erscheinungstag 07.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753504
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Sizilien, im Juli

Die Erinnerungen an die Frau und die heiße Liebesnacht, die er mit ihr verbracht hatte, verfolgten Cullen O’Connell Tag und Nacht.

Das passte ihm nicht. Was hatte sie in seinem Kopf zu suchen? Der Sex mit ihr war toll gewesen … na gut, unglaublich sogar, und doch eben nur Sex. Sie war intelligent und schön, aber er kannte sie praktisch nicht. Alles, was ihn mit ihr verband, war diese eine Nacht.

Es gab keinen Grund, über sie nachzudenken – schon gar nicht jetzt.

Er war hier in Italien, um mit seiner Familie die Hochzeit seiner Schwester zu feiern. Die letzten Tage waren äußerst angenehm gewesen. Sie hatten gut gegessen und getrunken, es sich gemütlich gemacht, viel geredet. In Gesellschaft seiner Brüder fühlte sich Cullen stets pudelwohl, und seine drei Schwestern waren eine gute Ergänzung. Und wenn dann noch seine Mutter und sein Stiefvater dazukamen, stellten die Familientreffen des O’Connell-Clans jede andere Party in den Schatten.

Die Umgebung, in der das Ganze stattfand, konnte man nur als idyllisch bezeichnen. Das Castello Lucchesi stand auf einer Klippe, von der aus man einen herrlichen Blick aufs Mittelmeer und auf den Vulkan Ätna hatte, über dessen Hänge sich rot glühende Feuerbänder zogen.

Der perfekte Rahmen für eine perfekte Feier. Cullens Lippen wurden schmal. Und warum war er dann so rastlos? Warum dachte er ständig an eine Frau, die er kaum kannte? Woher rührte dieser immer stärker werdende Drang, nach Boston zurückzukehren?

Hatte er vorerst genug von der Familie?

Möglich.

Cullen nahm seufzend seine Kragen- und Manschettenknöpfe heraus, krempelte die Ärmel seines weißen Smokinghemds über den braun gebrannten muskulösen Unterarmen hoch und schaute übers Meer. Den Frack hatte er bereits ausgezogen und über die Lehne eines zierlichen weißen Klappstuhls geworfen.

So etwas passierte ihm zum ersten Mal. Nun, irgendwann war immer das erste Mal.

Aber vielleicht hatte seine Nervosität ja auch etwas mit dem Grund seines Hierseins zu tun. Immerhin war es die dritte O’Connell-Hochzeit innerhalb von zwei Jahren. Zuerst hatte es seine Mutter erwischt, dann seinen Bruder Keir und jetzt auch noch seine Schwester Fallon, überlegte Cullen, während er die Wendeltreppe des mit Zinnen bewehrten Wachturms hinaufging. Von hier aus konnte man auf das Anwesen und das Meer hinausschauen.

Warum mussten Frauen bei Hochzeiten bloß immer heulen, während Männer der Drang packte davonzulaufen?

Immerhin, etwas ungewöhnlich war diese Hochzeit hier schon. Die schroff aufragende Klippe mit dem herrlichen Anwesen, das blaue Meer, der Vulkan …

Cullen lächelte.

Und dann dieses erste Footballspiel unten am Strand zum Beschnuppern … köstlich! Keirs schwangere Frau Cassie hatte die Mannschaften vom Spielfeldrand aus angefeuert, obwohl sie eigentlich immer nur zu den Frauen gehalten hatte, egal von welcher Mannschaft.

Und Meg hatte natürlich wieder mal geschummelt. Typisch.

Am Ende waren dann alle lachend und prustend im Pool gelandet. Alle außer Stefano und Fallon, die sich unauffällig verdrückt hatten. Und Keir und Cassie hatten das Schauspiel vom Rand aus genossen.

Cullen lehnte sich über die steinerne Brüstung, die immer noch aufgeheizt war, obwohl die Sonne bereits unterging.

Die letzten Tage waren ein reines Vergnügen gewesen. Die Abende auch. Unmengen gutes Essen und vino und viel Zeit für Stefano, sie alle kennenzulernen, und umgekehrt natürlich. Es war richtig gut gewesen … wenn da nur nicht diese unwillkommenen Erinnerungsschübe gewesen wären. Diese Bilder, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten.

Marissa, die seinen Namen flüsterte. Die sich an ihn klammerte. Die sich unter ihm bewegte …

„Verdammt“, brummte Cullen. Wenn einem Mann nichts Besseres einfiel, als sich mit einer mehr als zwei Monate zurückliegenden Geschichte anzutörnen, musste es ganz schön traurig um ihn bestellt sein.

Vielleicht ließ es sich ja mit Erschöpfung erklären. Er war am Freitag geflogen, nach einer harten 60-Stunden-Woche, die er zwischen Kanzlei und Gerichtssaal verbracht hatte. Dazu kamen der Jetlag, die irrsinnige Hitze hier, die Aufregung wegen Fallons Autounfall und der Narben, die sie dabei davongetragen hatte. Er hatte also allen Grund, erschöpft zu sein.

Zumindest um seine Schwester brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen. Trotz ihrer Narben war Fallon schön wie eh und je und strahlte vor Glück, mit ihrem Bräutigam an ihrer Seite, der sie ganz unübersehbar liebte.

Und was diese Frau anlangte, die er kaum kannte – es gab keinen Grund, noch länger über sie nachzudenken. Er brauchte dringend eine Auszeit. Einfach mal raus aus der Tretmühle. Sein letzter Prozess lag hinter ihm, und wichtige Termine hatte er im Moment nicht. Statt nach Boston konnte er nach Nantucket fliegen, zum Segeln. Warum eigentlich nicht? Oder zum Wandern nach Vail, die Rockys waren im Sommer traumhaft. Er hatte dort schon immer mal wandern wollen, aber bisher hatte er es noch nicht geschafft. Gut, jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Er brauchte nur einen Rucksack zu packen und dann nichts wie ab.

Natürlich könnte er auch nach Madrid fliegen. Oder nach London. In London war er schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gewesen. Er könnte auch nach Maui fliegen oder auf die Virgin Islands. Er konnte fliegen, wohin er wollte.

Auch nach Berkeley.

Cullen stutzte. Nach Berkeley, Kalifornien? Wo er Examen gemacht hatte? Nun, Berkeley war zwar nicht übel, aber dass es ein beliebtes Ausflugsziel war, konnte man nun wirklich nicht behaupten.

Richtig, aber Marissa Perez ist dort.

Oh Mann, er brauchte wirklich dringend eine Luftveränderung. Natürlich war sie in Berkeley. Na und? Er hatte zwei Abende mit ihr verbracht … na schön, ein Wochenende.

Und er war eine Nacht oder zumindest den größten Teil davon mit ihr im Bett gewesen.

Vielleicht war es ja besser, die Bilder kommen zu lassen, statt sie mit aller Macht zu verdrängen. Vielleicht sollte er es zulassen, dass sie ihn mit sich fortspülten wie die Wellen da unten den Sand.

Marissa Perez war schlicht umwerfend gewesen.

Er hatte noch nie so sagenhaften Sex gehabt, und das wollte bei ihm etwas heißen. Wer versuchte, sich selbst etwas vorzumachen, war ein Idiot, aber Cullen war kein Idiot. Deshalb war er gern bereit zuzugeben, dass er schon mit vielen schönen, aufregenden Frauen im Bett gewesen war. Er hatte bei Frauen eben schon immer gute Karten gehabt.

Doch mit keiner war es so gewesen wie mit Marissa.

Cullen zog ein finsteres Gesicht und kehrte dem Meer den Rücken.

Außerhalb des Betts waren sie allerdings nicht so gut klargekommen.

Keine Frage, die Lady sah verdammt gut aus. Sie war aufregend. Und zu allem Überfluss auch noch intelligent. Aber sie war auch so stachlig wie die Kakteen, die hier in Sizilien am Straßenrand wuchsen, und so düster wie der vor dem Meer aufragende Ätna. Er hatte sich in ihrer Gegenwart dauernd irgendwie unbehaglich gefühlt.

Hielt man ihr die Tür auf, strafte sie einen mit einem Blick, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie durchaus in der Lage war, dies selbst zu tun. Wollte man ihr im Restaurant einen Stuhl herausziehen, kam sie einem zuvor. Versuchte man behutsam, den Konversationsrahmen etwas auszuweiten, kam sie sofort auf ihr eigentliches Thema zurück. Und versäumte es dabei nie, einen daran zu erinnern, dass sie nicht freiwillig hier war, sondern von ihrem Professor den Auftrag erhalten hatte.

Cullen presste die Lippen zusammen.

Trotzdem hatte es zwischen ihnen sofort gefunkt – oder vielleicht gerade deswegen. Am Samstagabend hatte sie sich im Auto vor seinem Hotel hölzern von ihm verabschiedet. Anschließend war ein knisterndes Schweigen entstanden, und dann hatte sie ihn angeschaut, während er schon die Hände nach ihr ausgestreckt … und alles zwischen ihnen verändert hatte, indem er mit ihr ins Bett gegangen war.

Von diesem Moment an war Schluss gewesen mit dem intellektuellen Geschwafel über Schadensersatzrechte und Präzedenzfälle. Aber auch mit ihrem trotzigen Beharren auf Unabhängigkeit. Das hatte es während dieser langen leidenschaftlichen Liebesnacht nicht gegeben. Stattdessen war sie in seinen Armen dahingeschmolzen, hatte wie im Fieber geflüstert und lustvoll aufgeschrien, als er sie berührt und von ihr gekostet hatte und schließlich in sie eingedrungen war …

„Ich warne dich, Bruderherz. Ich kann nämlich Gedanken lesen.“

Als Cullen nach unten schaute, sah er Sean die Treppe heraufkommen. Er atmete tief durch, verdrängte die Bilder aus seinem Kopf und lächelte seinen jüngeren Bruder an.

„Wirklich erbärmlich, dass du immer nur an das eine denken kannst“, sagte er träge.

„Die Frage ist nur, woran denkst du, Cull? Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen muss sie absolut umwerfend sein.“

„Er“, korrigierte Cullen mit unbewegter Miene. „Ich habe den Vulkan bewundert.“

„Dass ich nicht lache – obwohl er wirklich umwerfend ist. Aber so glitzernde Augen beim Anblick eines Vulkans bekommt höchstens ein Geologe.“

„Wenn schon, dann ein Vulkanologe. Aber bist du deshalb gekommen? Um den Vulkan zu bewundern?“

„Ich habe mich verzogen. Vier weibliche Wesen, die in ihre Taschentücher schluchzen, waren einfach zu viel für mich.“

„Frauen“, gab Cullen grinsend zurück.

„Darauf sollten wir anstoßen.“

„Eigentlich schon, aber dazu müssten wir erst wieder nach unten gehen.“

„Müssten wir nicht.“

Sean zog triumphierend zwei Flaschen aus seinen Hosentaschen. Cullen griff sich ans Herz.

„Ich fasse es nicht.“

„Kannst du ruhig.“

„Ist das Bier? Echtes Bier?“

„Besser. Ale. Irisches Ale. Hier, greif zu, bevor ich es mir anders überlege und beide austrinke.“

Cullen nahm die Flasche, die Sean ihm hinhielt. „Falls ich jemals etwas Schlechtes über dich gesagt haben sollte, nehme ich es hiermit zurück.“ Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Na gut, vielleicht nicht alles, aber fast. Ein Mann, der es schafft, bei einer sizilianischen Hochzeit irisches Ale aufzutreiben, kann so schlecht nicht sein.“

Die Brüder grinsten sich an, bevor sie sich einen langen genüsslichen Schluck genehmigten. Gleich darauf räusperte sich Sean.

„Ist was? Du bist schon die ganze Zeit so verdächtig still. Beschäftigt dich irgendwas?“

Cullen schaute seinen Bruder an. Ja, dachte er. Ich wüsste gern, warum zum Teufel ich ständig an eine Frau denken muss, mit der ich nur ein einziges Mal geschlafen habe, und das schon vor Wochen …

„Allerdings“, sagte er mit einem schnell aufblitzenden Lächeln. „Ich wüsste gern, woher du dieses Ale hast und ob wir uns wohl noch zwei Flaschen organisieren könnten.“

Sean lachte, genau wie erwartet. Dann unterhielten sie sich über andere Themen, zum Beispiel darüber, wie verrückt es war, Keir an der Seite seiner schwangeren Frau zu sehen.

„Wer hätte das je gedacht?“, sagte Sean. „Der große Bruder faselt mit verzücktem Gesichtsausdruck von Babys … Ist das immer so, wenn ein Mann heiratet? Wird er dann ein anderer?“

„Möglich … Ganz schön deprimierend. Aber fällt uns eigentlich nichts Besseres ein, als vom Heiraten und Kinderkriegen zu reden?“ Cullen schüttelte sich. „Ich schlage vor, wir sehen mal nach, was sich in Sachen Ale machen lässt“, sagte er, und plötzlich war Marissa Perez nur noch eine sehr ferne Erinnerung.

Stunden später, im Flugzeug überm Atlantik, wandte sich Cullen zu der Stewardess um, die sich im luxuriösen Halbdunkel des Erste-Klasse-Abteils zu ihm herüberbeugte.

„Für mich nichts, danke“, sagte er.

„Kein Abendessen, keine Nachspeise? Kann ich Ihnen vielleicht irgendetwas anderes bringen?“

Cullen schüttelte den Kopf. „Ich komme eben von einer Hochzeit.“

Die Stewardess lächelte. „Na, das erklärt alles. Darf es dann vielleicht ein kaltes Mineralwasser sein?“

„Klingt perfekt.“

In Wahrheit wollte er gar nichts, auch kein Wasser, aber die Stewardess meinte es gut, und er wollte sie loswerden. Nachdem sie das Wasser gebracht hatte, trank er pflichtschuldig einen Schluck, dann knipste er das Licht über seinem Sitz aus, stellte seinen Sitz zurück und schloss die Augen.

Sean und ihm war es tatsächlich gelungen, noch ein zweites Ale für jeden aufzutreiben. Damit hatten sie sich in ein ruhiges Eckchen gesetzt. Dabei war das, was Cullen ursprünglich beschäftigt hatte, fast vollständig in den Hintergrund getreten. Später hatten sie sich wieder in den Trubel gestürzt und waren noch einmal im Pool gelandet. Sie hatten sich trockene Sachen angezogen, sich noch einmal gemeinsam auf der Terrasse versammelt und noch ein bisschen geredet, bis es für ihn Zeit geworden war aufzubrechen. Wie sich herausgestellt hatte, war Cullen der Einzige, der seinen Rückflug bereits für diesen Tag gebucht hatte.

Schon auf dem Weg zum Flughafen hatte er wieder angefangen, darüber nachzudenken, wo er ein paar Tage ausspannen könnte.

Aber warum wollte er das überhaupt?

Er war doch herrlich entspannt, oder? Er flog gern nachts. So eingehüllt in die Dunkelheit zwischen Himmel und Erde fühlte man sich wie in einem Kokon.

Genauso wie damals, nachdem er mit Marissa geschlafen hatte. Er hatte sie in seinen Armen gehalten, ihr Körper warm und weich an seinem. Wenig später jedoch hatte sie sich versteift und versucht, sich von ihm zu lösen.

„Ich muss gehen“, hatte sie gesagt, aber er hatte sie erneut an sich gezogen und geküsst und gestreichelt, bis sie ihren Widerstand aufgegeben …

„Verdammt“, sagte er leise.

Cullen riss die Augen auf. Er schob seinen Sitz zurück in die Ausgangsposition, verschränkte die Arme und starrte hinaus ins Dunkel.

Behauptete er immer noch, dass er sich entspannt fühlte?

Das war idiotisch. Mehr als idiotisch. Es war sinnlos. Was hatte Marissa in seinem Kopf verloren? Er hatte seit jener Nacht nichts mehr von ihr gehört. Sie hatte sich irgendwann im Morgengrauen davongestohlen und war auch später nicht aufgetaucht, um ihn zum Flughafen zu fahren. Und als er versucht hatte, sie unter der Nummer anzurufen, die sie ihm gegeben hatte, hatte sie nicht abgenommen. Weder an diesem Morgen noch später, obwohl er es mehrmals versucht hatte.

Immer hatte sich nur ihr Anrufbeantworter gemeldet.

Sie haben die Nummer von Marissa Perez gewählt. Bitte hinterlassen Sie eine kurze Nachricht, ich rufe so schnell wie möglich zurück.

Seine letzte Nachricht war kurz und knapp gewesen, sehr knapp.

„Hier ist Cullen O’Connell“, hatte er gesagt. „Falls du mich sprechen willst, meine Nummer hast du ja.“

Sie hatte sich nicht gemeldet. Ihr Schweigen sprach Bände. Sie waren zusammen im Bett gewesen, es hatte Spaß gemacht, aber das war alles. Ende der Geschichte. Ein Rückspiel gab es nicht.

Na gut, ihm konnte es nur recht sein. Das Problem mit den meisten Frauen war doch, dass man sie nicht mehr loswurde, selbst wenn man ihnen geduldig erklärte, dass mehr nicht drin war.

Cullen, hier ist Amy. Nicht dass ich vergessen hätte, was du gesagt hast, ich dachte einfach nur …

Hallo, Cullen, ich bin’s, Jill. Bloß noch mal zu dem, was du vorgestern Nacht gesagt hast …

Marissa Perez’ selbstverständlicher Umgang mit Sex war bewundernswert. Eine männliche Herangehensweise. Sie nahm sich, was sie wollte, und verweigerte sich dem, was sie nicht wollte. Dagegen hatte er nichts. Gar nichts.

Was hätte er auch dagegen haben sollen?

Selbst wenn sie seit der Nacht mit ihm mit einem Dutzend Männern geschlafen hätte, wäre es ihm egal. Auch bei ihm hatte es inzwischen mehrere Frauen gegeben. Okay, er war zwar mit keiner Frau im Bett gewesen, na und? Kein Wunder, er hatte ja schließlich wie ein Wahnsinniger geschuftet. Außerdem war gegen eine kurze Phase der Enthaltsamkeit nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Weil das Vergnügen hinterher nur umso größer war.

Morgen würde er die tolle Blondine anrufen, die er letzte Woche bei der Cocktailparty kennengelernt hatte. Oder diese rothaarige Anwältin von Dunham und Busch mit dem breiten Lächeln, die so verrückt nach ihm war.

Auf jeden Fall würde er seine Rückkehr mit einer Frau feiern, die sich glücklich schätzte, seine Anrufe entgegennehmen zu dürfen. Und er würde mit ihr schlafen, bis er Marissa Perez ein für alle Mal aus seinem Gedächtnis verbannt hatte.

2. KAPITEL

Boston, Massachusetts, September

Das Ende des Sommers kam immer schneller als erwartet.

Eben noch stöhnte die Stadt unter der Hitze, und die Red Sox wurden von ihren Fans im Fenway Park zum Teufel gejagt. Doch ehe man es sich versah, türmte sich schon schmutzig grauer Schnee am Straßenrand, und die World Series waren nur noch eine ferne Erinnerung, während es die Red Sox nicht mal in die Verlängerung geschafft hatten.

Cullen kam aus der Dusche, trocknete sich ab und stieg in eine kurze alte Jeans.

Nicht dass sich irgendetwas davon bereits ereignet hätte.

Es war das Labor-Day-Wochenende, das inoffizielle Ende des Sommers, während der Kalender den Herbst erst in drei Wochen einläutete. Der Winter lag noch in weiter Ferne, und so gab es immerhin die leise Möglichkeit, dass Boston aufsteigen konnte wie Phönix aus der Asche und wenigstens die Division Championship gewann.

Langsam schlenderte er in die Küche und schaffte es, gerade noch rechtzeitig zum Ende der Lokalnachrichten den Fernseher einzuschalten. Die Sox hatten gestern ein schwieriges Spiel verloren, allerdings bestand nicht viel Hoffnung, dass sie es heute besser machen würden, vermutete der Sportnachrichtensprecher düster.

„Na toll“, brummte Cullen, während er sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holte.

Nach den Sportnachrichten kam der Wetterbericht. Heiß und schwül, verkündete der Wetterguru mit seinem üblichen Gute-Laune-Gesicht. Es war Samstagvormittag zehn Uhr, die Sonne knallte von einem gnadenlos blauen Himmel, während das Thermometer bereits einunddreißig Grad im Schatten anzeigte. Und so sollte es mindestens bis Montag weitergehen.

„Das perfekte Wetter für ein perfektes langes Wochenende“, prophezeite der Wettermann so stolz, als ob er es höchstpersönlich arrangiert hätte.

Cullen zog ein finsteres Gesicht und schaltete den Fernseher aus.

„Was soll daran perfekt sein?“, brummte er. Es war ein ganz normales Wochenende, nur länger und heißer als die meisten anderen. Lang und heiß und …

Und was machte er noch hier?

Am Labor-Day-Wochenende blieb niemand, aber auch wirklich niemand in Boston. Gestern Abend auf dem Heimweg aus der Kanzlei waren ihm schon endlose stadtauswärts rollende Blechlawinen entgegengekommen. Sämtliche Bewohner der Stadt schienen entschlossen, noch einen letzten Zipfel des Sommers zu erhaschen.

Eigentlich sollte er unter ihnen sein.

Cullen trank noch einen Schluck Wasser. An Möglichkeiten mangelte es ihm wahrlich nicht.

Zum Beispiel könnte er nach Las Vegas fahren, wo die O’Connells wie üblich die letzte große Party des Sommers feierten. Oder zu Keir und Cassie nach Connecticut, die eine Grillfete veranstalteten, weil Cassie wegen ihrer Schwangerschaft nicht mehr fliegen konnte. Darüber hinaus hatte er Einladungen für Partys in den Hamptons, in Cape Cod, Marthas Vineyard und einem halben Dutzend anderer Orte, außerdem lockten sein Haus und sein Boot in Nantucket.

Und was machte er? Er dümpelte schlecht gelaunt im heißen, schwülen Boston herum, einfach nur, weil er sich nicht aufraffen konnte, irgendetwas zu unternehmen.

Na ja, außer vielleicht nach Berkeley zu fliegen …

Berkeley? Vielleicht, um das Labor-Day-Wochenende auf dem Campus zu verbringen?

Cullen schnaubte, trank das Wasser aus und stellte die leere Flasche auf die Spüle.

Ging das schon wieder los? War das nicht derselbe verrückte Gedanke, der ihm im Juli auf dem Rückflug von Fallons Hochzeit im Kopf herumgespukt war? Und heute war er noch genauso verrückt wie damals. Wenn man die Absicht hatte, ein paar nette Tage in Kalifornien zu verbringen, fuhr man an die Westküste, nach San Francisco oder Malibu. Vielleicht nach Big Sur.

Aber doch nicht nach Berkeley! Warum auch? Dort gab es nur Schüler und Studenten, Demonstranten und Demonstrationen, Gutmenschen und notorische Schwarzseher. Vielleicht war es ja diese Dynamik gewesen, die ihn als Studenten angezogen hatte, aber diese Zeit lag seit zehn Jahren hinter ihm. Er war älter geworden. Hatte sich verändert. Heute gehörte für ihn zu einer gelungenen Party mehr als Pizza aus der Pappschachtel und billiger Rotwein. Und mit Ausnahme von zwei Juraprofessoren hatte er in Berkeley keine Freunde mehr.

Okay. Da wäre noch Marissa Perez. Aber die konnte er kaum als Freundin bezeichnen. Sie war eine Bekannte. In Wahrheit „kannte“ er sie jedoch überhaupt nicht, auch wenn er sie im biblischen Sinn „erkannt“ hatte. Immerhin war es doch so, dass man eine Frau, mit der man einmal geschlafen hatte, deshalb noch lange nicht kannte.

Schon gar nicht, wenn sich diese Frau noch vor Morgengrauen unbemerkt aus dem Staub machte und man selbst mit dem mulmigen Gefühl zurückblieb, dass man eine Nacht hinter sich hatte, die man sein Leben lang nicht würde vergessen können.

Verdammt, so was Idiotisches. Warum vergeudete er seine Zeit, indem er an eine Frau dachte, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte und wahrscheinlich nie wiedersehen würde? Dabei fiel ihm ein Kollege ein. Jack war ein begnadeter Angler, aber er redete ständig von dem einen Fisch, der ihm vom Angelhaken gesprungen war. Offenbar war er selbst nicht besser. Die traurige Geschichte von Cullen O’Connell und der einen Frau, die ihm durch die Lappen gegangen war.

Cullen schaute in den Kühlschrank, aber außer zwei Flaschen Mineralwasser, einem halb vollen Karton Orangensaft und einem verschimmelten Etwas, das entfernt an ein Stück Käse erinnerte, war da nichts. Er verzog angewidert das Gesicht und beförderte das Etwas mit spitzen Fingern in den Müll.

Frühstück konnte er sich abschminken.

Aber vielleicht war das ja gut so. Er würde sich T-Shirt und Turnschuhe anziehen, zum Deli an der Ecke joggen und sich irgendetwas holen. Das würde seinen laut knurrenden Magen besänftigen und gleichzeitig die Erinnerungen an Marissa Perez verscheuchen.

Genau so würde er es machen. Bald.

Cullen öffnete die Terrassentür und trat hinaus in die morgendliche Hitze. Der kleine Garten lag still da. Sogar die Vögel schienen die Stadt verlassen zu haben.

Bevor er sich auf den Weg zum Deli machte, wollte er dieses verfluchte Wochenende noch einmal in seiner Erinnerung Revue passieren lassen, und zwar nicht nur jene Nacht, sondern das Wochenende insgesamt. Eine gute Portion gesunder Menschenverstand würde diesem Wahnsinn bestimmt ein schnelles Ende machen. Leise aufseufzend ließ er sich in einen Liegestuhl fallen, schloss die Augen und hielt sein Gesicht in die Sonne.

Ian Hutchins, sein ehemaliger Professor, hatte ihn eingeladen, vor seinen Studenten einen Vortrag zu halten. Cullen, damals bis über beide Ohren in Arbeit, war nicht gerade begeistert gewesen, doch da er Hutchins mochte und schätzte, hatte er die Einladung nicht ausschlagen wollen.

Eine Woche vor dem vereinbarten Termin hatte sich Hutchins noch einmal gemeldet, um die letzten offenen Fragen zu klären. Dabei hatte er erwähnt, dass Cullen am Flughafen abgeholt und während seiner Anwesenheit auf dem Campus von einem Studenten betreut werden würde.

Auch diese Aussicht erfüllte Cullen mit wenig Begeisterung, weil er sich noch zu gut daran erinnerte, dass dies ein Job war, vor dem sich zu seiner Zeit fast jeder Student zu drücken versucht hatte. Und als er dann auch noch hörte, dass es sich nicht um einen Studenten, sondern eine Studentin handelte, hätte er fast laut aufgestöhnt.

„Marissa Perez ist eine meiner besten Studentinnen“, informierte ihn Ian. „Ich bin sicher, dass Sie sich in ihrer Gesellschaft wohlfühlen werden.“

„Bestimmt“, gab Cullen höflich zurück.

Was hätte er sonst sagen sollen? Bestimmt nicht die Wahrheit, obwohl er jetzt schon zu wissen glaubte, was ihn erwartete. Die Perez würde hoch aufgeschossen und mager sein, mit langen ungekämmten Haaren, auf der Nase eine Brille mit dicken Gläsern. Sie würde ein unförmiges schwarzes Kostüm tragen und klobige schwarze Schuhe an den Füßen. Und weil sie ihn unbedingt beeindrucken wollte, würde sie reden wie ein Buch, oder aber sie war vor Ehrfurcht stumm wie ein Fisch.

Falsch, falsch, ganz falsch.

Die junge Frau, die ihn an jenem Freitagabend in der Ankunftshalle mit einem diskreten Schild in der Hand erwartete, glich in nichts dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Zumindest nicht in den entscheidenden Punkten. Groß, ja, das war sie. Und lange Haare hatte sie auch. Und ja, sie trug ein schwarzes Kostüm und schwarze Schuhe.

Damit endeten die Ähnlichkeiten aber auch schon.

Das glänzende rabenschwarze Haar hatte sie hochgesteckt oder es zumindest versucht, aber viele Strähnen waren entkommen und rahmten ein Gesicht von klassischer Schönheit ein. Hellgraue Augen, ausgeprägte Wangenknochen, ein üppiger Mund.

Perfekt. Und als sein Blick weiter abwärts wanderte, wurde das Gesamtbild nur noch vollkommener.

Groß war sie. Aber nicht mager. Keinesfalls. Der klassische Schnitt der Kostümjacke konnte die weichen Konturen ihres Körpers nicht verbergen. Ihre Brüste waren hoch, die Taille schlank, die Hüften sanft gerundet, und nicht einmal die scheußlichen schwarzen Halbschuhe schafften es, diesen atemberaubend langen Beinen etwas von ihrer Eleganz zu nehmen.

Cullen schoss das Blut in die Lenden. Gleich darauf verspürte er einen leisen Stich des Bedauerns. Die Lady war ein Augenschmaus, aber sie hätte genauso gut eine Vogelscheuche sein können. Weil es ungeschriebene Regeln gab, denen man sich zu beugen hatte. Seiner Meinung nach jedenfalls. Ihm würde es nie einfallen, bei einer Gelegenheit wie dieser den Versuch zu unternehmen, eine Studentin zu verführen, ebenso wie er grundsätzlich darauf achtete, Berufs- und Privatleben sorgfältig voneinander zu trennen.

Trotzdem hatte die Vorstellung, in den nächsten zwei Tagen von einer so anziehenden Frau herumchauffiert zu werden, ganz unbestreitbar ihren Reiz.

„Ms. Perez?“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.

„Ms. Perez“, erwiderte sie höflich.

Als sie ihm die Hand gab, spürte er es bis in die Zehenspitzen. RDS, schoss es ihm durch den Kopf. Das war die Erklärung, die er und seine Brüder sich darüber zurechtgelegt hatten, was passierte, wenn man eine atemberaubende Frau traf. Reißverschlussdenken-Syndrom. Das Aufblitzen in ihren Augen verriet ihm, dass sich bei ihr etwas Ähnliches abgespielt hatte.

Aber vielleicht auch nicht. Weil ihr Gesicht gleich darauf wieder vollkommen ausdruckslos war.

„Willkommen in Berkeley, Mr. O’Connell.“

Und genauso förmlich war es weitergegangen. Sie hatte ihn in sein Hotel gebracht, mit ihm in dem überfüllten Hotelrestaurant zu Abend gegessen, wobei sie höflich, aber unpersönlich Konversation gemacht hatten. Nach dem Essen hatte sie ihn zum Aufzug begleitet und ihm eine gute Nacht gewünscht.

Am nächsten Morgen Punkt acht war sie wieder zur Stelle, um ihn durch die Gegend zu chauffieren. Sie war freundlich, aber absolut unpersönlich, doch als er ihr mittags die Tür zum Restaurant aufhielt – dass ihr das nicht passte, konnte er ihr ansehen –, bekam er in dem Moment, in dem sich zufällig ihre Hände berührten, erneut einen Stromschlag.

Wieder schoss ihm das Blut in die Lenden. Er war geschockt. Diesmal aber war er ganz sicher, dass die Berührung auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen war, auch wenn sie schon eine Sekunde später wieder dieses höflich distanzierte Gesicht aufsetzte.

Während sie bei der Kellnerin bestellte, dachte er darüber nach, wie er sie dazu bringen könnte, ihre Maske fallen zu lassen.

Wenig später hatte er es.

„Verfolgen Sie zufällig den Prozess Sullivan gegen Horowitz in Chicago?“, fragte er, als ihr Salat serviert wurde.

Autor

Sandra Marton
Sandra Marton träumte schon immer davon, Autorin zu werden. Als junges Mädchen schrieb sie Gedichte, während ihres Literaturstudiums verfasste sie erste Kurzgeschichten. „Doch dann kam mir das Leben dazwischen“, erzählt sie. „Ich lernte diesen wundervollen Mann kennen. Wir heirateten, gründeten eine Familie und zogen aufs Land. Irgendwann begann ich, mich...
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