Flucht ins Land der Liebe

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Seit sich die Designerin Toni im Haus von Garrett vor Verbrechern versteckt, sieht sie das Leben von einer ganz neuen Seite. Immer hat sie geglaubt, dass sie auf das Großstadtfeeling nie verzichten könnte, doch mit diesem tollen Mann erlebt sie, wie schön es mitten in der kanadischen Wildnis sein kann. Toni würde sich gerne auf ganz besondere Weise bei ihm bedanken …
  • Erscheinungstag 24.03.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756048
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Das ist der größte Coup meiner Karriere!“, rief Toni Carlton lauthals aus. Sie kümmerte sich nicht um die Menschenmenge, die neben ihr den belebten Bürgersteig hinunterging. Am liebsten hätte sie in aller Öffentlichkeit einen Freudentanz aufgeführt.

„Lady, Sie sind einfach zum Anbeißen.“

Sie warf ihre roten Locken über die schmale Schulter und musterte die aufdringliche Person, die ihr die Worte ins Ohr geraunt hatte. Teurer, dreiteiliger Anzug. Der Mann schien hier fremd zu sein.

Groß, dunkel und ein Trottel. Verrückte gehörten eigentlich in die Zwangsjacke.

Er schien ihre Gedanken gelesen haben, denn er senkte den Kopf, klemmte seine edle Lederbrieftasche fest unter den Arm und hastete davon.

Sie entschied, dass Vancouver ihr trotzdem gefiel. Und Chinatown gefiel ihr sogar sehr gut. Und ganz besonders liebte sie Martin Ying, der sich gerade bereit erklärt hatte, für Madame Yeltsy’s, das exklusive Modehaus, dessen Einkäuferin sie war, eine neue Kollektion zu entwerfen. Es war das erste Mal, dass sie allein auf Geschäftsreise ging, und Madame Yeltsy erwartete immer Außergewöhnliches. Der Durchschnitt war nie gut genug.

Toni verlangsamte ihren Schritt und wandte sich dem Schaufenster zu, das sie aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Die bescheidene Vorderfront des Ladens stand im scharfen Kontrast zu den exotischen Schmuckstücken aus Jade, die im Fenster ausgestellt waren.

Sie waren handgefertigt und atemberaubend schön. Was für eine unglaubliche Ergänzung könnten sie zu der neuen Ying-Kollektion bilden!

Sie stürmte in den Laden. Ihre Augen mussten sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen.

Ein winziger Asiat stand hinter dem Ladentisch. Er sah nur ein wenig älter aus als sie, vielleicht Ende zwanzig. Angestrengt und konzentriert blickte er durch seine Juwelierlupe, sodass er sie zuerst gar nicht bemerkte.

Überrascht sah er sie an und legte das Schmuckstück zur Seite. „Geschlossen“, sagte er. „Schild vergessen. Geschlossen. Raus. Raus.“

Als Einkäuferin von Madame Yeltsy gehörte Toni nicht zu den Menschen, die sich leicht einschüchtern ließen. Überdies war sie in ihren hochhackigen Schuhen über einsachtzig groß. Wenn es darauf ankam, brauchte sie bloß mit ihren dichten Wimpern zu klimpern und jeder Mann las ihr ihre Wünsche von den Augen ab.

Geschlossen oder nicht geschlossen, sie wollte diesen Schmuck, und ganz besonders das Stück, das er gerade zu verstecken versuchte. Sie machte ein paar große Schritte auf dem gefliesten Fußboden, umklammerte seine Hand mit festem Griff und zog sie zurück auf den Ladentisch.

„Geschlossen“, wiederholte er schwach. Dennoch lächelte er. In seinen dunklen Augen schien ein Hoffnungsschimmer auf.

Ein Ring fiel ihm aus der Hand. Sie fing ihn auf, bevor er zugreifen konnte.

Sie stellte fest, dass er unmerklich zitterte.

„Er ist wunderschön“, bemerkte sie. Sie ließ den Ring in ihrer Handfläche hin und her gleiten und betrachtete ihn aus der Nähe. Es war eine ausgezeichnete Arbeit in Silber und Jade. Das Drachenmuster passte zum Anhänger der Halskette, die sie im Schaufenster entdeckt hatte. Selbst wenn sie noch hundert Jahre weitersuchen würde, würde sie keinen Schmuck finden, der so perfekt zur neuen Ying-Kollektion passen würde.

„Dieser Ring bringt Glück und Zufriedenheit“, sagte der Mann. Seine Stimme klang allerdings eher unglücklich. Sein Blick glitt zu ihrem nackten Ringfinger. „Ehemann. Babys.“

Madame Yeltsy schätzte es nicht, wenn diese Dinge den ersten Platz im Leben einer Frau einnahmen.

„Oh, mein Freund“, sagte Toni in einem Tonfall, auf den ihre Chefin stolz gewesen wäre, „haben Sie den Ring entworfen? Ich möchte ihn haben. Und noch mehr davon. Ich möchte …“

„Nein, nein“, rief er erschrocken aus. „Unverkäuflich.“

Sie betrachtete den unwilligen Händler. Kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er sah aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen.

Eine ungewöhnliche Reaktion. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie schon einmal einen Mann zum Schwitzen gebracht hatte. Er schien die ganze Zeit an ihrem linken Ohr vorbei auf die Straße zu blicken. Sie warf ebenfalls einen Blick über ihre Schulter. Eine dichte Menschenmenge drängte sich auf der Straße. Mitten in der Betriebsamkeit erregte plötzlich ein Ruhepunkt ihre Aufmerksamkeit. Drei Männer standen auf der anderen Straßenseite und beobachteten den Laden. Fielen sie auf, weil ihre Größe und ihr europäisches Aussehen sie von den anderen Menschen unterschied? Oder weil etwas Bedrohliches an ihnen war?

„Nehmen Sie den Ring“, sagte er bedächtig und schloss ihre Finger über dem Schmuckstück. „Gehen Sie jetzt.“

„Das kann ich nicht. Ich will mehrere kaufen. Und die Halskette …“

„Gehen Sie jetzt“, wiederholte er flüsternd. „Gehen Sie.“

„Ich verstehe nicht. Ich brauche …“

„Ihre Karte“, erwiderte er mit fester Stimme. Beinahe wirkte er wütend. „Kommen Sie später.“

Der Mann würde jeden Moment die Beherrschung verlieren. Also zog sie ihre Karte aus der Jackentasche, kritzelte den Namen ihres Hotels und die Zimmernummer darauf und legte sie auf den Tisch.

Er nickte. „Gehen Sie.“

Sie ließ den Ring liegen.

„Nehmen Sie“, befahl er.

Sie sah ihn an. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Irgendetwas stank hier gewaltig, so gewaltig, dass sie ihre Begeisterung über den gelungenen Coup mit der Ying-Kollektion für einen Moment vergaß.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie ruhig. „Was ist los?“

Aber was immer der Grund für seine Angst war, ihre Beharrlichkeit machte die Sache nur noch schlimmer. Sie spürte seine Not. Zutiefst verunsichert bedankte sie sich, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Laden.

Toni tauchte in der Menge unter und ließ sich ein paar hundert Meter treiben. Die belebte Straße übte eine unglaubliche Faszination auf sie aus, und sie wünschte, dass sie ihren Fotoapparat dabeigehabt hätte. Vielleicht sollte sie rasch in ihr Hotelzimmer zurückkehren und ihn holen, bevor die Sonne unterging.

Obwohl Madame Yeltsy über Hobbys nur den Kopf schüttelte und sie als überflüssige Spielerei bezeichnete, wusste Toni genau, dass ihre Leidenschaft für die Kunst und ihre Liebe zu schönen Bildern sie erst zur Einkäuferin der einflussreichen Yeltsy-Modekette gemacht hatte.

Ein lautes Geräusch ließ sie einen Blick über die Schulter werfen. Die drei Männer, die sie auf der anderen Seite beobachtet hatte, überquerten die Straße und betraten hastig den Laden, den sie soeben verlassen hatte.

Einen Augenblick später hörte sie lautes Geschrei. Einer der Männer stürzte auf die Straße und ließ seinen Blick aufgeregt auf und ab schweifen.

Intuitiv erkannte sie, dass er nach ihr suchte. Der kalte und regungslose Ausdruck auf seinem Gesicht erfüllte sie mit einer düsteren Vorahnung. Der kleine Ladenbesitzer trat jammernd und klagend auf die Straße. Ein großer Schlägertyp hielt ihn fest im Griff. Der Ladenbesitzer suchte mit den Augen die Straße ab, hob seine Hand und zeigte genau auf sie!

Alle drei Männer standen jetzt auf dem Bürgersteig und richteten ihre dunklen Augen bedrohlich auf sie. Während der Schlägertyp den Besitzer immer noch umklammert hielt, bahnten die anderen beiden sich ihren Weg durch die dichte Menschenmenge direkt auf sie zu.

Sie reagierte panisch.

Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie gejagt wurde. Was um Himmels willen hatte sie in diese Lage gebracht, und wie sollte sie da wieder herauskommen?

Es wäre dumm, einfach davonzurennen. Sie trug sieben Zentimeter hohe Absätze und einen engen Rock.

Sie musste sie überlisten. Das war schließlich ihre Spezialität.

Zuerst duckte sie sich. Wenn man gejagt wird, macht es wenig Sinn, alle anderen fast um Haupteslänge zu überragen. Verdeckt vom Schleier der Menge dachte sie angestrengt nach. Ihr blieben nur Sekunden.

Sie hatte sich neben einem Wagen zusammengekauert und erhob sich ein wenig, um einen Blick durch die Scheibe zu werfen. Auf dem Rücksitz war ein Kindersitz angebracht. Ein verlassener Teddybär lehnte mit einem Ohr gegen den Sitz, als ob er betrunken wäre.

Sie dachte keine Sekunde nach, als sie den Türgriff anfasste.

Die Autotür öffnete sich leise.

Sie glitt hinein, kauerte sich auf den Boden und bedauerte kurz, dass sie gerade ihren neuen grauen Rock ruinierte. Leise zog sie die Tür hinter sich zu. Auf dem Boden lag eine wunderschöne Patchwork-Decke.

Sie zog die Decke augenblicklich über ihren Körper.

Draußen kamen ihre Verfolger immer näher. Sie konnte hören, was sie sich zuriefen.

„Verflucht, sie hatte doch nur eine Sekunde Vorsprung!“

„Sie ist eine aufgedonnerte Amazone, also werden wir sie schon finden!“

Unter anderen Umständen hätte sie ihn beim Wort genommen und ihm bewiesen, was es hieß, sie eine Amazone zu nennen.

Es schien, als würden die Männer direkt neben dem Wagen stehen. Sie nahm allen Mut zusammen, zog die Decke dicht über den Kopf, hob ihn an und lugte nach draußen. Ihr Herz raste.

Dann blieb es stehen. Der riesige Schlägertyp stand nur wenige Zentimeter vom Wagen entfernt.

Aber offensichtlich dachte er nicht daran, hineinzusehen.

Sein Gesicht war verzerrt vor Wut. Schließlich setzte er sich wieder in Bewegung. Erleichtert seufzte sie auf.

Fünf Minuten würde sie warten. Besser, wenn sie jetzt auf die Uhr sah und die Zeit stoppte, denn fünf Minuten dauerten manchmal eine kleine Ewigkeit. Fünf Minuten würde sie warten, sich dann vorsichtig aufsetzen und sich umsehen. Wenn die Luft rein war, würde sie ins Hotel zurücklaufen und die Polizei rufen.

Und was sollte sie der Polizei erzählen?

„Eins nach dem anderen“, befahl sie sich.

Sie unterdrückte einen Aufschrei, als sich plötzlich jemand an der vorderen Tür zu schaffen machte.

Sie hatten sie entdeckt!

Sofort steckte sie den Kopf wieder unter die Decke.

Klick. Die Tür wurde geöffnet.

Hau ab, so schnell du kannst. Nein, warte. Ihre Gedanken überschlugen sich förmlich.

Eine Tasche flog auf den hinteren Sitz, eine zweite folgte ihr. Die Federn des Fahrersitzes quietschten leise, als ob sie von einem schweren Gewicht zusammengedrückt wurden. Ein köstlicher Duft breitete sich im Wagen aus – nach Sonnenschein und Rasierwasser. Ein Duft, der durch und durch männlich war.

Was hatte sie getan? War sie vom Regen in die Traufe geraten? Er könnte ein Serienmörder sein. Oder ein Vergewaltiger, ein …

Beruhige dich, befahl sie sich. Sieh dir den Kindersitz an. Und den Teddybären. Vorn ist ein Daddy eingestiegen, der nach einem harten Arbeitstag zu Frau und Kind nach Hause fährt. Ein Serienkiller würde nicht so … himmlisch duften.

Der Wagen sprang an.

Erleichtert stellte sie fest, dass ihr die Flucht besser gelungen war als sie es sich je hätte träumen lassen. Der Daddy vorn auf dem Fahrersitz würde sie sicher in irgendeine Vorstadt kutschieren. Wenn er ausgestiegen und in seinem Haus verschwunden war, konnte sie den Rückweg antreten. Sie würde ein Telefon finden, ein Taxi rufen und wäre in kürzester Zeit zurück in ihrem Hotelzimmer. Ein Anruf bei der Polizei, und mit ein bisschen Glück konnte sie noch am Abend zurück nach San Diego fliegen.

Glück. Sollte der Ring ihr nicht Glück bringen?

Der Wagen reihte sich langsam in den Verkehr ein.

Ein kräftiger Kerl, dachte sie bei sich, der Anzug ein klein bisschen zerknittert. Mit Brille. Ein paar Haare waren über eine kahle Stelle gekämmt.

Er drehte das Radio an. Eine traurige Stimme sang ein Lied von einem abtrünnigen Pferd und einer bösen Frau. Wie abwesend summte er mit.

Seine Stimme verlieh ihr das Gefühl von Sicherheit. Es war ganz sicher die Stimme eines Vaters. Schön und tief und ruhig.

Sie stellte fest, dass ihr Herz langsamer und gleichmäßiger schlug. Vergeblich versuchte sie, sich vorzustellen, wo sie gerade waren. Selbst wenn sie die Stadt gekannt hätte, wäre es ihr nicht gelungen.

Die Minuten vergingen. Sie sah auf die Uhr und erinnerte sich, dass ihr jede Minute wie eine Stunde erscheinen musste. Nachdem tatsächlich eine ganze Stunde vergangen war, wurde sie nervös.

In großen Städten konnte man leicht im Verkehr stecken bleiben. Aber wo lebte er eigentlich? Was sollte sie tun? Plötzlich hinter dem Rücksitz auftauchen und Buuh schreien? Buuh, Überraschung! Es hätte den sicheren Tod für beide bedeutet.

Sie dachte eine halbe Stunde lang nach. Dann würde sie eben Plan B befolgen müssen. Nur, dass es leider keinen zweiten Plan gab.

Sie war erschöpft. Ihre Schultern verkrampften sich jedes Mal, wenn der Wagen an einer Ampel stoppte und wieder anfuhr.

Es war verdammt unbequem, hinten im Wagen auf dem engen Fußboden eingeklemmt zu sein.

Ihre Mutter hatte sie immer gelehrt, noch in der trostlosesten Lage etwas Positives zu entdecken. Jetzt fühlte sie sich trostlos. Sie wurde von einem fremden Mann an einen völlig unbekannten Ort gefahren. Das Leben war ihr plötzlich außer Kontrolle geraten.

Aber sie war der Gefahr entkommen. Sie zitterte bei dem Gedanken an die Männer, die den kleinen Ladenbesitzer in ihre Gewalt gebracht hatten. Sie hatte entkommen können.

Dafür musste sie dankbar sein.

Und dafür, dass sie nicht niesen musste. Oder auf die Toilette.

Außerdem hätte sie durchaus in einem noch kleineren Wagen landen können.

Oh, ihre Mutter hatte ihr wichtige Dinge beigebracht. Sie spürte, wie ihre verkrampften Muskeln sich langsam entspannten. Der Duft ihres Chauffeurs und seine tiefe Stimme, die immer noch leise vor sich hin summte, nahmen sie nach und nach gefangen.

Lieber Gott, flehte sie, lass mich nicht einschlafen. Lass uns schnellstens irgendwo ankommen.

Sie durfte auf gar keinen Fall einschlafen. Absolut nicht … Das Letzte, was sie gerade noch hören konnte, war die Stimme des Ansagers im Radio. „Und jetzt, Garth Brooks mit Ungehörte Gebete.“

Garret Boyd widerstand dem Impuls zu hupen, als eine rote Limousine ihm den Weg abschnitt. Es war der Kindersitz hinten in der Limousine, der ihn davon abhielt.

Er wusste genau, wie sehr kleine Kinder einen Erwachsenen durcheinander bringen können. Die verwirrte Mutter, die in der Limousine durch die Gegend raste, war sicher unterwegs zur Kinderkrippe.

Genau wie er. Wenn man davon absah, dass seine Kinderkrippe neunzig Autominuten außerhalb der Stadt lag und eigentlich gar keine offizielle Kinderkrippe war. Offiziell nutzte er nur die Gutmütigkeit seiner Nachbarin aus.

Hoffentlich würde das auch so bleiben, denn seine Mission in Vancouver war kläglich gescheitert.

Er war in die Stadt gefahren, um sich mit Mrs. Ching wegen der Stelle als Kindermädchen zu treffen. Abgesehen von den sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten am Telefon mochte er sie. Sie klang liebenswert und freundlich und alt.

Sie war liebenswert und freundlich und alt. Ihre Wohnung, die über einem Laden im geschäftigen Chinatown lag, war einwandfrei sauber.

Die Sache zerschlug sich, als sie ihre Enkelin vorstellte. Lily trug eine Lederjacke und einen kurzen Lederrock. Durch die Nase hatte sie eine Sicherheitsnadel gestochen. Das Handgelenk zierte eine Metallkette.

Glücklicherweise verzog auch sie entsetzt das Gesicht, als ihre Großmutter ihr ermunternd zunickte und sie als Bewerberin um den Posten als Kindermädchen vorstellte.

Der nachfolgende Streit zwischen Großmutter und Enkelin fand zwar auf Chinesisch statt, aber er konnte sich ausrechnen, worum es ging. Er verschwand stillschweigend, als Lily ihrer Großmutter plötzlich auf Englisch erklärte, wo sie sich Eliza hinstecken könnte.

Eliza. Der Ort, aus dem er stammte. So klein, dass er sicher gepasst hätte.

Eliza. Ein kleines Bergdörfchen mitten im Nichts. Ganz im hinteren Winkel des Garibaldi-Wildparks gelegen. Um nach Eliza zu kommen, musste man mehr als hundert Meilen über die gewundene, kurvenreiche Küstenstraße von Vancouver aus in nordöstlicher Richtung fahren. Ein versteckter, abgelegener Ort, der von erfahrenen Bergsteigern und Kletterern als Geheimtipp gehandelt wurde.

Heute, am ersten Februar, konnte man in Vancouver schon den herannahenden Frühling spüren. Blumen zeigten die ersten Knospen und das Gras wurde wieder grün. Eliza lag dagegen noch ganz eingehüllt in ein eisiges, winterliches Weiß. Noch mindestens einen Monat lang würde es schneien. Es gab keinen besseren Ort, um eine Bergrettungsschule zu führen.

Aber niemand wollte dort leben.

Im Radio sang Garth Brooks von ungehörten Gebeten.

„Was du nicht sagst“, seufzte Garret. Seit drei Monaten suchte er verzweifelt nach einem Kindermädchen.

Seit sechs Monaten war er allein erziehend.

Es war tatsächlich erst sechs Monate her, seit jener nächtliche Anruf sein Leben für immer verändert hatte.

Sein Zwillingsbruder und seine Schwägerin waren bei einem Flugzeugabsturz im dichten Nebel vor der Küste von Vancouver ums Leben gekommen. Von einem Augenblick auf den anderen war seine zauberhafte Nichte Angelica ganz allein auf der Welt. Genau wie er. Und aus unerklärlichen Gründen hatten sein Bruder und seine Schwägerin ihn zum Vormund ihrer kleinen Tochter ernannt.

Ihn. Garret Boyd. Weltbekannter Experte in Bergwacht und Rettungsexpeditionen.

Garret Boyd, den Leiter von mehr als tausend erfolgreichen Rettungsaktionen.

Garret Boyd. Hoffnungslos ungeeignet für Kindererziehung.

Ruhig und unerschütterlich in jeder kritischen Situation. Außer in der eigenen.

Aber irgendwie würden sie es schon hinkriegen. Er und seine kleine Nichte, die ihm so unglaublich ähnlich sah.

Auf unerklärliche Weise war es dem süßen Mädchen gelungen, sein Herz im Sturm zu erobern. Ihre spontanen Einfälle, ihr kindliches Geplapper, die verzweifelten Rufe nach ihrer Mutter in der Nacht regten in ihm Gefühle, die ihm vorher unbekannt gewesen waren.

Als sie in sein Leben trat, hielt er sich zunächst für einen Vormund, der entschied, was gut für sie war. Und der ein liebevolles Elternpaar für sie finden würde.

Aber schon nach einer Woche stellte er erstaunt fest, dass er niemals jemanden finden würde, der Angelica so sehr lieben konnte wie er.

Und so musste er dazulernen. Über Tränen. Und Teddybären. Über Haut, die so empfindlich war, dass er spezielles Waschpulver kaufen musste. Über Makkaroni und Käse, die auch von knapp fünfjährigen Kindern für essbar gehalten wurden.

Diesen Monat sollte er ihre Haare zu einem französischen Zopf flechten. Wie auf dem Bild ihrer Mutter. Er seufzte. Seine Hände, die sonst mühelos mindestens ein Dutzend komplizierter Knoten binden konnten, hatten ihr eine recht exotische Frisur auf den Kopf gezaubert.

Dieser unvermittelte Sturz in die Vaterschaft war eine größere Herausforderung als einen verunglückten Skifahrer am Abgrund des Hanges, mitten im Schneesturm, vom Hubschrauber aus zu bergen. Und in weniger als vierundzwanzig Stunden würde ein intensives viertägiges Rettungstraining beginnen.

Zuerst hatte er Angelica in die Bergwacht mitgenommen. Jedes Mal, wenn er ohne sie das Haus verlassen wollte, hatte sie einen hysterischen Anfall bekommen. Weil der Verlust ihrer Eltern erst kurze Zeit zurücklag und er seine Arbeit nicht vernachlässigen durfte, hatte er ausnahmsweise die Regeln gebrochen. Sie hatte es in vollen Zügen genossen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Mutig stapfte sie hinter ihm her, wenn er den Diamond Head hinaufstieg. Dann und wann ließ sie sich von den Mitgliedern des Rettungsteams ein Stück weit tragen. Glücklicherweise war es August gewesen und eine einfache Bergung, falls es so etwas überhaupt gab.

Sie hatte es genossen, aber er spürte deutlich, dass seine Konzentration nachließ, sobald sie dabei war. Einerseits musste er immer auf sie achten, während er sich andererseits hundertprozentig seiner Aufgabe zuwenden sollte.

Aber es war auch Angelica gewesen, die ihm gesagt hatte, dass er anhalten sollte. Sie sagte, dass sie ein leises Geräusch im Wind vernommen hätte.

Er hatte nichts gehört. Niemand hatte irgendetwas gehört.

Aber sie war von seinen Armen geklettert und losgerannt.

Er war sehr verärgert. Bis er bemerkte, dass sie direkt zu einer Höhle lief, in die der schwer verletzte Bergsteiger sich mit letzten Kräften geschleppt hatte. Er war dem Tode nahe und kaum in der Lage, einen Ton von sich zu geben.

Als er sie fragte, wie sie den Bergsteiger gefunden hätte, zuckte sie nur die Schultern. „Weiß nicht. Ich hab was gehört.“

Durch eine glückliche Fügung des Schicksals war sie zur Heldin der Rettung geworden. Aber während der anstrengenden viertägigen Schulung würde er sich nicht auf dieses Glück verlassen können. Sie gehörte ganz sicher nicht zu der Sorte Kinder, die vier Schultage lang still auf der hintersten Bank sitzen können und sich zufrieden mit ihrem Malblock beschäftigen.

Sie hatte ihm den Namen Unkie gegeben, ein wenig schmeichelhafter Name, der ihm aber sofort gefiel, nachdem er ihr einmal über die Lippen gekommen war. Nach kurzer Zeit hörte er ihn mindestens hundert Mal täglich. Er würde ihn sehr viel weniger hören, wenn er Unterricht in Bergrettung gab.

Candy würde ihm helfen.

Seine gutmütige Nachbarin. Unglücklicherweise interessierte sie sich nicht nur rein nachbarlich für ihn. Inzwischen nutzte sie seinen dringenden Bedarf an Kinderbetreuung schamlos aus, um sich in seine Privatangelegenheiten einzumischen.

Aber er hätte es auch schlechter treffen können. Candy war allein erziehende Mutter von zwei lebhaften Vorschulkindern. Ihre Annäherungsversuche waren im Grunde harmlos und zeugten von einer gewissen Schwerfälligkeit. Warum sich Gedanken machen, so lange ihre Konversation auf die täglichen Soaps beschränkt blieb, die sie über ihre riesige Satellitenschüssel ins Haus geliefert bekam?

Offensichtlich mochte sie Eliza und hatte nicht die Absicht, irgendwo anders hinzuziehen. Mit Angelicas Haaren kam sie gut zurecht, französische Zöpfe waren kein Problem für sie. Und sie konnte phantastische Zaubereien mit Dosentunfisch und Cornflakes anstellen.

Er war dreißig Jahre alt. Sein Job nahm ihn voll und ganz in Beschlag. Ans Heiraten hatte er noch nie gedacht.

Er gehörte zu diesen Bergen. Er verstand sie, wie nur ein Mann verstehen konnte. In all ihrer Einsamkeit und majestätischen Größe. Er lauschte den Erzählungen ihrer geheimnisvollen Welt wie dem Geflüster einer hinreißenden Geliebten. Er brauchte keine andere.

Aber Angelica brauchte etwas anderes.

Eine Mutter.

Für einen Augenblick stellte er sich vor, jeden Abend zu Candy nach Hause zu kommen. Mit jeder Faser seines Körpers rebellierte er. Undenkbar. Noch nicht einmal aus Liebe zu Angelica.

„Ein Kindermädchen“, sagte er laut vor sich hin und schickte einen flehenden Blick zum Himmel. „Nur eine kleine Hilfe.“

Als er den Highway schon verlassen hatte und nur noch zehn Minuten von Eliza entfernt war, hörte er ein Geräusch auf dem Rücksitz. Er war sich nicht ganz sicher, was es war. Vielleicht ein Atemstoß. Das Rascheln von Kleidung.

Mehr als andere Männer verließ er sich auf seinen Instinkt, und jetzt sträubten sich ihm die Nackenhaare.

Auf der Rückbank lag jemand!

Schlagartig wurde es ihm bewusst, und er fragte sich, warum er es erst jetzt bemerkte. Aber er ließ sich nichts anmerken, fuhr zügig weiter und kontrollierte die Sicherung der hinteren Wagentüren im Spiegel. Beide waren unverschlossen.

Er verfluchte seine Dummheit. In Eliza verschloss niemand seinen Wagen. Daher hatte er in Vancouver nur die Fahrertür abgeschlossen.

Und jetzt beförderte er einen ungebetenen Passagier.

Eines würde er ganz sicher nicht tun. Er würde keinen bewaffneten Psychopathen nach Eliza bringen, vor Candys Haus parken und Angelica und Candys Kinder in Gefahr bringen.

Im Bruchteil einer Sekunde traf er eine Entscheidung.

Er lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen und hielt an, stellte aber den Motor nicht ab.

Dann zog er sein Taschenmesser aus seiner Jeans. Mit einer plötzlichen Drehung warf er sich nach hinten, griff nach der Decke und zog sie von der Person, die sich am Boden des Wagens versteckt hielt.

Der Schreck fuhr ihm in die Glieder.

Eine wunderschöne Frau mit großen grünen Augen und wilden roten Locken starrte ihn angstvoll an.

Natürlich war es hinten im Wagen sehr dunkel. Vielleicht täuschte er sich auch. Er knipste das Licht an. Erleichtert seufzte er auf und verstaute das Taschenmesser wieder in seiner Jeans.

Das angstvolle Entsetzen wich aus ihrem Blick.

„Ich nehme an, dass Sie nicht das Kindermädchen sind?“, fragte er trocken. Er hatte schließlich nur um eine kleine Hilfe gebeten. Sie lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Klein konnte sie also nicht sein. Im Gegenteil, sie schien sich irgendwie zwischen den Sitzen verkeilt zu haben. Schließlich reichte er ihr die Hand und half ihr auf den Sitz neben sich.

Ihr enger grauer Rock rutschte nach oben und gab ein schlankes langes Bein frei. Sie bemerkte seinen Blick und schob den Rock nach unten.

„Ein Kindermädchen?“, fragte sie mit schwacher Stimme. „Wie Mary Poppins?“

„Hm“, erwiderte er.

„Que sera, sera?“, summte sie hoffnungsvoll.

„Das ist Doris Day.“

„Verdammt“, sagte sie.

Obwohl er keine Erfahrung in solchen Dingen besaß, wusste er, dass ihr Rock und ihr Blazer sehr teuer gewesen waren. Die Seidenbluse, die ein wenig schmutzig geworden war, betonte ihre üppigen Kurven. Ihr Make-up wirkte dezent und geschmackvoll.

Sie war kein Hippie, der sich auf dem Rücksitz seines Wagens ein kleines Nickerchen gegönnt hatte. Sie war eine Dame, die sich in Schwierigkeiten befand.

Seine Spezialität. Rettungen.

„Wer sind Sie, und was machen Sie in meinem Wagen?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Na, dann fangen Sie mal an“, erwiderte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wo sind wir?“, fragte sie und sah erschrocken in die Dunkelheit hinaus.

„Wie wäre es, wenn Sie zuerst meine Fragen beantworten?“

„Können wir die ganze Fragerei vielleicht auf später verschieben? Nachdem …“

„Nach was?“

Autor

Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel.
Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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