Geheime Mission: Liebe

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Anyas neuer Job in dem neuen Forschungsunternehmen Legate erscheint ihr immer mysteriöser. Warum verfolgt der Geschäftsführer Roman Alexander jeden ihrer Schritte? Obwohl sie von seinen braunen Augen und seinem verführerischen Lächeln verzaubert ist, hat sie den Eindruck, dass er etwas vor ihr verbirgt…
  • Erscheinungstag 08.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753993
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Roman Alexander lief über den festen Sand des schmalen Strandes. Der Rücken seines schwarzen Overalls, den er stets beim Joggen trug, glänzte vor Feuchtigkeit, und seine dichten schwarzen Haare klebten an seiner Stirn. Er legte einen Schritt zu und kämpfte sich durch den dichten Nebel, der die Bucht von San Francisco einhüllte. Er wollte sich verausgaben. Training ohne Anstrengung nützte gar nichts. Um seine Kraft und Ausdauer zu stärken, zwang er sich, bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu gehen.

Er wechselte das Tempo erst, als er die siebenundachtzig Stufen der Wendeltreppe zu den Klippen hinauflief, bis zu denen sich das Grundstück der Legate Corporation erstreckte. Oben angekommen, betrat er den asphaltierten Pfad, der genau neun Komma zwei Kilometer lang war.

Am anderen Ende der sanft geschwungenen Wiesen konnte er die Silhouette des Hauptgebäudes erkennen, ein lang gestrecktes graues Haus, das vor mehr als hundertzwanzig Jahren auf diesem Grundstück mit Meerblick in einer der besten Lagen südlich von Oakland errichtet worden war. Als er seine Arbeit hier begonnen hatte, war ihm dieses Gebäude wie eine Burg vorgekommen. Legate war eine der größten Ideenschmieden des Landes. Ihr Motto lautete „Zum Wohl der Allgemeinheit“. Roman hatte daran geglaubt, damals jedenfalls. Mittlerweile erschienen ihm diese grauen Wände so bedrohlich wie die Wachtürme eines Gefängnisses.

Als er Haus Nummer vierzehn in der Nähe des Haupteingangs erreichte, verlangsamte er das Tempo und betrat das Gebäude. Dieser klobige, hässliche Kasten, der kaum mehr als eine Baracke war, sollte von Anfang an nur ein Provisorium sein. Morgen würden die Physiker und Biochemiker, die hier arbeiteten, endgültig in ein geräumiges, hochmodernes Labor einziehen, das näher am Hauptgebäude lag.

Im sterilen weißen Korridor, der Haus Nummer vierzehn in zwei Teile trennte, stapelten sich Kisten und Kartons. Die meisten Angestellten waren bereits umgezogen.

Roman öffnete die Tür zu einem Büro neben dem Biochemielabor. Wie erwartet war Jeremy Parrish noch intensiv in seine Arbeit vertieft. Romans bester Freund saß hinter seinem Schreibtisch und machte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit Notizen auf einen Spiralblock.

„Benutz doch dein Laptop“, schlug Roman vor.

„Ich muss es zuerst auf Papier sehen.“ Jeremy schrieb weiter, ohne aufzuschauen.

Mit einem schwungvollen Strich beendete er seine Aufzeichnungen. Jeremy schien krank zu sein. Seine Gesichtsfarbe war von einem kränklichen Weiß – wie der Bauch einer Forelle.

„Du arbeitest zu viel“, sagte Roman. „Du siehst verdammt schlecht aus.“

„Es ist nichts Schlimmes. Irgendein Grippevirus liegt in der Luft.“

Das war eine überraschend vage Aussage aus dem Munde eines promovierten Biochemikers, der sich täglich mit komplexen viralen und bakteriellen Infekten beschäftigte.

„Außerdem“, fuhr Jeremy fort, „will ich dieses Projekt schnell zu Ende bringen, damit ich zurück nach Denver kann.“

Sein Blick fiel auf eine Fotografie, die auf seinem übervollen Schreibtisch stand. Sie zeigte seine Frau Anya und ihren gemeinsamen vierjährigen Sohn. Roman nahm das Bild in die Hand. Das Kind war ein aufgewecktes Bürschchen, während die Frau schüchtern lächelte. Sie hatte langes, glattes, hellblondes Haar. Er hatte Anya immer bewundert. Sie wirkte zart und zerbrechlich, doch ihre lachenden blauen Augen blitzten vor Intelligenz und Witz. Hätte sie nicht seinen Freund geheiratet, hätte Roman vielleicht selbst um ihre Hand angehalten und seinem Ruf als begehrtester Junggeselle in der Bay Area ein Ende bereitet. „Du bist ein echter Glückspilz, Jeremy.“

„Das weiß ich. Ich hätte nie gedacht, dass ich Kinder haben könnte. Und der kleine Charlie …“ Ein Hustenanfall hinderte ihn am Weiterreden. „Dieser Junge ist die Sonne meines Lebens.“

Der kleine Charlie war die Hauptursache für Jeremys Bereitschaft gewesen, bei Legate an Spezialprojekten mitzuwirken. Denn erst die Experimente und Entdeckungen, die hier gemacht worden waren, hatten Anyas erfolgreiche In-vitro-Befruchtung ermöglicht.

Als Jeremy erneut hustete, meinte Roman: „Das klingt aber gar nicht gut. Du solltest dich ein paar Tage schonen.“

„Ich traue meinen Ohren nicht.“ Jeremy grinste. „Schlägt Roman Alexander, der geschäftsführende Sklaventreiber, einem seiner Wissenschaftler tatsächlich vor, freizunehmen?“

Roman grinste zurück. So unbekümmert redeten nur wenige Leute mit ihm. Aber schließlich kannten sie sich seit der Zeit, als sie auf der Highschool im selben Laufteam gewesen waren.

„Jemand muss doch auf euch Schlauköpfe aufpassen“, meinte Roman. „Wenn ich nicht hin und wieder vorbeikommen und an deine Reagenzgläser klopfen würde, würdest du glatt das Essen vergessen.“

„Mit dem Projekt bin ich Ende der Woche fertig. Dann bleibe ich ein oder zwei Monate zu Hause.“

„Und wenn du schon heute fliegst?“, schlug Roman vor. „Deine Forschungsarbeit hat ja nicht unbedingt die oberste Priorität.“

„Das möchte ich jetzt aber überhört haben. Dieser antiseptische Wirkstoff verhindert Infektionen, insbesondere in den Behelfskliniken der Dritten Welt, wo …“

„Es ist doch nur Seife, Jeremy.“

„Na ja, vielleicht hast du recht. Ich sollte nach Denver fliegen und mich auskurieren.“ Er setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. „Sobald ich mit dieser letzten Berechnung fertig bin. Das dauert nicht länger als eine Stunde.“

Wenn Roman eine Frau wie Anya hätte, die auf ihn wartete, wäre er sofort gegangen. Mit einer Handbewegung verabschiedete er sich von seinem Freund. „Grüß Anya und Charlie von mir.“

„Mach’ ich.“

Roman verließ das Büro und bahnte sich einen Weg durch das Chaos im Korridor. Wenn dieser Umzug erst einmal beendet war, könnte er selbst ein paar freie Tage nehmen. Er brauchte eine Pause, und die attraktive Rechtsanwältin, mit der er ein paarmal ausgegangen war, hatte ihm durch die Blume zu verstehen gegeben, dass sie einem langen Ski-Wochenende in Squaw Valley ganz und gar nicht abgeneigt war.

Draußen hatte sich der Nebel kaum gelichtet. Die Aussicht auf einen weiteren feuchten, trüben Tag ließ die Vorstellung von sonnenbeschienenen Skipisten noch verlockender erscheinen.

Auf halber Strecke zum Hauptgebäude begann die Erde unter seinen Füßen zu zittern. Ein Erdbeben? Dann hörte er die Explosion.

Drei gigantische Stichflammen schossen aus Haus Nummer vierzehn, ehe es zusammenbrach. Glassplitter glitzerten in der Gluthitze. Zementbrocken schossen durch die Luft und bohrten sich in die Erde. Holz zerbarst in tausend Stücke.

Instinktiv machte Roman kehrt und rannte zum Labor zurück – zu der Tür, aus der er kurz zuvor gekommen war. Aber es gab keine Tür mehr. Und auch kein Gebäude. Nur eine Wand aus fauchenden Flammen. Er wollte näher treten, aber die Hitze trieb ihn zurück. Seine Augen brannten, und schwerer schwarzer Rauch drang in seine Lungen.

Er musste durch das Feuer und sich um die Wissenschaftler kümmern. Er durfte sie nicht sterben lassen. Er duckte sich und kroch näher.

Funken stieben durch die Luft und brannten Löcher in seinen Jogginganzug. Nichts und niemand konnte in diesem Inferno überleben, aber er musste trotzdem versuchen, hineinzugelangen.

Jemand zog ihn zurück. Roman konnte sich nicht dagegen wehren, denn ihm war schwindlig, weil er den säurehaltigen Rauch eingeatmet hatte. Er ließ sich auf den Boden fallen und starrte fassungslos in die Flammenwand.

Jeremy! Um Himmels willen! Das durfte doch nicht wahr sein!

1. KAPITEL

„Jeremy hat es so gewollt.“ Claudette Bouchards Stimme klang wie immer sehr gebieterisch.

„Ich weiß, Mutter.“ Anya Bouchard Parrish schaute unverwandt auf ihre verschränkten Hände, die ganz ruhig in ihrem Schoß lagen, obwohl ihr Herz wie verrückt raste.

„Es war sein Letzter Wille.“

Ihre Mutter lief im Vorstandsbüro der Legate Corporation hin und her. Claudette war eine zierliche, gepflegte Frau, die peinlich genau auf ihr Erscheinungsbild achtete. Von den Schuhen bis zum Band in ihrem Haar war ihre Kleidung farblich aufeinander abgestimmt.

Neben ihrer Mutter kam Anya sich immer linkisch vor. Sie schob sich eine verirrte Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht.

„Warum zögerst du?“, fragte Claudette streng.

Weil Anya immer noch nicht glauben konnte, dass ihr liebevoller, fürsorglicher Mann diese Vorkehrungen in seinem Testament getroffen hatte, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen. Warum hatte er das nicht mit ihr besprochen?

Sie sah auf und schaute über den Schreibtisch, an dem Fredrick Slater, Gründer und Geschäftsführer der Legate Corporation, saß. Die zerfurchte Miene unter seiner stahlgrauen Mähne wurde weich, als er sie mitfühlend betrachtete – ein Ausdruck, der ihr nur zu vertraut war. Anya war eine zweiunddreißigjährige Witwe mit einem fünf Jahre alten Sohn. Alle hatten Mitleid mit ihr, und niemand konnte ihren Kummer lindern.

„Anya“, fuhr ihre Mutter ungeduldig fort. „Wir versuchen doch nur, das Richtige zu tun – um Charlies willen.“

Das Richtige? Ein bitterer Seufzer erstarb in ihrer Kehle. Nichts war mehr richtig, seitdem Jeremy vor acht Monaten in Haus Nummer vierzehn auf diesem Grundstück getötet worden war. Sie hätte Slater für diese Tragödie, die vier Wissenschaftler und zwei Wartungsmonteure das Leben gekostet hatte, verantwortlich machen können. Aber Nachforschungen zur Unglücksursache hatten ergeben, dass es ein Unfall gewesen war, den ein Leck in der Gasleitung verursacht hatte.

Unwillkürlich tauchte vor ihrem inneren Auge das Bild des Flammeninfernos auf, die zerstörerische Wucht der Explosion – eine Vorstellung, die sie bis in ihre Albträume verfolgte. Romans Beschreibungen waren zu deutlich gewesen, aber sie hatte ihn ja gebeten, ihr alles zu erzählen. Sie musste über jede Einzelheit Bescheid wissen, um diese entsetzliche, unvorstellbare Katastrophe verstehen zu können.

Sie atmete tief durch. Manchmal wog ihr Verlust so schwer wie ein Anker, der sie in die Tiefe zog. Anya wusste nicht, wie sie diese letzten Monate ohne Romans unermüdliche Unterstützung überstanden hätte.

Vor acht Monaten hatte er den Sarg mit Jeremys Überresten nach Denver begleitet. Obwohl Roman sehr eingespannt war, hatte er Urlaub genommen und war mehrere Wochen in Denver geblieben. Sie konnte sich an seiner Schulter ausweinen, und er hatte sich auch viel Zeit für Charlie genommen.

Sie fand es seltsam, dass Roman sich nicht bei ihr gemeldet hatte, als sie und Charlie am vergangenen Abend angekommen waren. Ein Dienstwagen von Legate hatte sie am Flughafen von Oakland erwartet.

Sie sah Slater an und fragte: „Wo ist Roman?“

„Es gab einen Notfall in L.A., der seine sofortige Anwesenheit erforderlich machte“, erwiderte er.

„Kommt er denn heute zurück?“

„Sehr wahrscheinlich.“ Slater beugte sich über den Schreibtisch und legte die Fingerspitzen gegeneinander. „Haben Sie sonst noch Fragen, Anya?“

„Ja.“ Sie erhob sich aus dem Ledersessel vor seinem Schreibtisch und trat an das hohe Fenster, von dem aus man das Anwesen überblicken konnte. Der Oktober hatte den saftigen Rasen ausgedünnt, und das Laub begann sich zu verfärben. Obwohl sie das Wasser in der Bucht hinter der baumbestandenen Landschaft nicht sehen konnte, hing Feuchtigkeit in der Luft und schuf geheimnisvolle Nebelschwaden.

Direkt unterhalb des Fensters befand sich ein Irrgarten aus Hecken. Dort zog ihr kleiner Sohn Charlie die Frau, die dazu abgestellt war, auf ihn Acht zu geben, durch die verschlungenen Pfade hin zum Marmorbrunnen in der Mitte des Labyrinths. An jeder Biegung blieb Charlie nur kurz stehen, um zu überlegen, welcher Weg der richtige sein konnte. Er machte ein paar Fehler, aber niemals zwei Mal den gleichen.

Ein zärtliches Lächeln umspielte Anyas Lippen, und ihr Herz füllte sich mit Stolz. Ihr Sohn war außergewöhnlich klug; sein IQ kam nahe an den eines Genies heran. Nicht dass seine Intelligenz eine Überraschung gewesen wäre. Jeremy war sehr klug gewesen. Anyas Mutter hatte einen Doktortitel in Medizin und Geisteswissenschaften, und ihr Vater war Physiker – ebenso brillant wie verantwortungslos, denn er hatte sie und ihre Mutter vor Anyas drittem Geburtstag verlassen.

Claudette trat nervös hinter sie. „Lass uns keine Zeit mehr verlieren. Unterzeichne die Dokumente.“

Dickköpfig sah Anya weiter aus dem Fenster. Bei dieser wichtigen Entscheidung wollte sie sich nicht drängen lassen. „Halten Sie mich bitte nicht für undankbar, Mr. Slater. Ihr Angebot ist sehr großzügig, und ich bin davon überzeugt, dass Sie nur das Beste wollen.“

„Es ist nicht ganz uneigennützig“, gestand er. „Wenn Charlie hier von unseren Lehrern erzogen wird, könnte Ihr Sohn einer der brillantesten Köpfe dieses Jahrhunderts werden.“

„Aber hat er auch die Möglichkeit, ein Kind zu sein?“

Ihre Mutter gab einen verächtlichen Laut von sich. Claudette hatte nie viel auf die kleinen Freuden der Kindheit gegeben. „Unsinn.“

„Für mich ist es wichtig.“ Anya wandte sich vom Fenster ab und sah ihre Mutter an. „Kinder müssen auch einmal einen Nachmittag im Gras liegen und den Wolken nachschauen können. Sich schmutzig machen. Baseball spielen.“

„Wir bieten Möglichkeiten für außerschulische Aktivitäten“, sagte Slater. „Die Reitställe und den Swimmingpool haben Sie ja bereits gesehen.“

„Ja.“

„Und wenn Sie möchten, dass Charlie den Wolken nachschaut – warum nicht? Um seine Freizeitgestaltung kümmern Sie sich. Sie sind ja immer noch seine Mutter.“

„Und wie sieht es mit Spielkameraden aus?“, wollte Anya wissen.

„Wie Sie wissen, nehmen fünf weitere Kinder an unserem Programm teil“, antwortete Slater.

Diese Kinder waren zwischen vier und sieben Jahre alt und auf Herz und Nieren geprüft worden, ehe sie in das Legate-Programm aufgenommen wurden. Alle hatten IQs, die an den eines Genies heranreichten.

„Was gibt es da noch zu überlegen?“, schaltete ihre Mutter sich ein. „In Denver müsstest du wahrscheinlich wieder arbeiten, und Charlie würde seine Zeit in einer Kindertagesstätte verschwenden. Denk an deinen Sohn, Anya. An meinen Enkel. Gönne ihm die Chance einer exzellenten Ausbildung.“

Das Abkommen schien irgendwie nicht richtig zu sein. Selbst wenn Anya die Obhut über ihren Sohn behielte, würde Legate sich doch um alles andere kümmern. Sie würden seine Ausbildung übernehmen und ihnen ein Haus zur Verfügung stellen. Anya bekäme sogar ein Stipendium. Warum eigentlich? Weil sie seine Mutter war? Die Vorstellung passte ihr überhaupt nicht.

„Und was ist mit meinem Leben?“, erkundigte sie sich. „Was würde geschehen, wenn ich wieder heiraten möchte?“

„Hast du den Vertrag nicht gelesen?“, fragte ihre Mutter. „Das ist keine lebenslängliche Verpflichtung. Wann immer du die Vereinbarung aufkündigen willst, erstattest du Legate die entstandenen Kosten und gehst.“

„Ich weiß“, erwiderte Anya. Sie hatte diesen Passus immer wieder gelesen, und er schien ihr nur fair. Dank der Lebensversicherungen ihres Mannes hatte sie genügend Geld, um alle Schulden, die möglicherweise durch Legate entstanden, mühelos zurückzahlen zu können.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter versuchte Slater es mit sanfter Überredungskunst. „Vergangene Nacht haben Sie in dem Cottage verbracht, in dem Sie und Charlie wohnen würden. Sie stimmen mir sicher zu, dass es auch noch groß genug für einen Ehemann wäre. Tatsächlich hat Jeremy es sogar selbst ausgesucht.“

Offenbar hatte Jeremy seinem Sohn diese Chance nicht vorenthalten wollen. Wie konnte Anya da Nein sagen?

Slater fuhr fort. „Wenn Sie noch einmal heiraten und weitere Kinder bekommen, werden wir uns um ein größeres Haus kümmern.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass Anya noch ein Kind bekommen würde, war äußerst gering. Ohne die Methode zur künstlichen Befruchtung, die Legate entwickelt hatte, wäre sie niemals schwanger geworden.

Ihre Mutter hatte recht. Warum sollte sie sich um Dinge sorgen, die möglicherweise nie eintrafen? Im Moment war nur wichtig, für Charlie das Beste zu wählen.

Sie ging zum Schreibtisch und nahm den Füllfederhalter zur Hand. Noch einmal überflog sie die eng beschriebenen Seiten. Sie hatte sie so oft gelesen, dass sie den Text schon auswendig kannte. Warum zögerte sie also mit ihrer Unterschrift?

„Oder fragen Sie sich, wie Sie die Zeit verbringen sollen, wenn Charlie in der Schule ist?“, forschte Slater.

Der Gedanke war ihr auch schon gekommen. „Vielleicht finde ich in der Gegend eine Stelle als Lehrerin.“

„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?“, fragte er mit einem wohlwollenden Lächeln. „Ich habe von Ihren sprachlichen Fähigkeiten gehört.“

Anya beherrschte einige ausgefallene Sprachen und hatte schon früher als Übersetzerin gearbeitet. „Haben Sie etwa einen Job für mich?“

„Legate ist ein international tätiges Unternehmen. Wir brauchen immer Übersetzer.“

„Einverstanden.“

Sie würde eine Arbeit haben. Charlie hätte Spielkameraden und käme in den Genuss einer fantastischen Ausbildung. Das Gebiet bot ungeahnte Freizeitmöglichkeiten. Das Cottage war gemütlich. Alles schien zu schön, um wahr zu sein.

Entschlossen schraubte Anya die Kappe des Füllerfederhalters ab und unterzeichnete das Original sowie die beiden Kopien.

Roman steuerte seinen silbernen Mercedes über die geschwungene Auffahrt, die zur Legate-Zentrale führte, und parkte ihn in der Nähe des Haupteingangs. Auf der Fahrt vom Flughafen war seine gedrückte Stimmung nicht besser geworden. Rasch lief er über den gepflasterten Weg. Es konnte kein Zufall sein, dass es genau zu dem Zeitpunkt, als Anya und Charlie in San Francisco eintrafen, einen Notfall in Los Angeles gab. Slater hatte ihn nur erfunden, um Roman von Anya fern zu halten.

Ob sie den Vertrag schon unterschrieben hatte? Roman hatte keine Möglichkeit gehabt, sie vor den Risiken zu warnen – nicht ohne seine Tarnung zu lüften und seine Ermittlungen zu gefährden.

Er betrat das luxuriöse Foyer des Hauptgebäudes und ging zu dem wuchtigen Schreibtisch, hinter dem Jane Coopersmith residierte – vermutlich die einzige Empfangsdame weit und breit mit einem fotografischen Gedächtnis.

„Hallo, Jane.“

Sie sah ihn durch ihre riesigen Brillengläser an und nickte ihm kurz zu. „Roman.“

Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie einen Stapel Zettel, auf die sie Nachrichten für ihn notiert hatte. Ganz oben lag eine von Dr. Neville, dem Leiter der Psychiatrieabteilung von Legate. Das Wort „Dringend“ war dreimal unterstrichen. Pech. Neville würde warten müssen.

„Wo sind Mrs. Parrish und ihr Sohn?“

Ohne einen Blick auf ihre Notizen zu werfen, erwiderte sie: „In den Ställen.“

Jane gehörte nicht zu den redseligen Menschen, aber ihr entging nichts, und sie behielt mehr als ein Computer. Roman machte allerdings nicht den Fehler, sie wie eine Maschine zu behandeln. Sein Lächeln war unwiderstehlich. „Sie wissen aber auch wirklich über alles Bescheid, Jane. Was wäre dieser Laden nur ohne Sie?“

Sie taute ein wenig auf. „Chaos.“

Er verließ das Gebäude durch den Hintereingang und kam am Speisesaal vorbei, wo gerade die Reste eines Büfetts abgeräumt wurden.

Immer, wenn er auf dem Betriebsgelände war, hatte Roman das Gefühl, beobachtet zu werden. Wie bei allen Mitarbeitern wurde sein Telefon abgehört und sein Computer überwacht. Verglichen mit Legate waren die Sicherheitsvorkehrungen im Pentagon nicht der Rede wert. Die Maßnahmen waren natürlich notwendig; bei Legate wurden viele Geheimprojekte für die amerikanische Regierung sowie Staaten in aller Welt entwickelt. Aber sie existierten vor allem deshalb, weil Slater über alles im Bilde sein wollte. Über jeden Vorgang und jede Begebenheit wurde ihm Bericht erstattet. Man konnte nicht einmal niesen, ohne dass Slater davon erfuhr.

Im Dienst war Roman daher besonders wachsam. Für ihn war es wichtig, den Eindruck eines loyalen Angestellten zu machen. Was sein Leben nicht gerade erleichterte.

Er hatte sich zwar mit Anya in Verbindung gesetzt, aber nicht offen und ehrlich über den Vertrag mit ihr sprechen können. Doch selbst dann hätte er den Beweis, dass Legate Unrechtmäßiges im Schilde führte, schuldig bleiben müssen. Vordergründig bot der Vertrag Charlie die besten Möglichkeiten. Aber eine innere Stimme sagte Roman, dass Anya besser nicht hier wäre.

Auf dem Weg zu den Ställen kam er am Irrgarten vorbei. Dann entdeckte er sie. Lachend ritt sie auf einem Apfelschimmel an einer Baumreihe vorbei, und der Wind wehte durch ihr langes blondes Haar. Seit Jeremys Tod hatte er sie noch nie so gelöst gesehen.

Sie ritt in leichtem Trab und hielt Charlie, der vor ihr auf dem Sattel saß, fest umschlungen. Mutter und Sohn gaben ein prächtiges Bild ab. Die Haare des Jungen waren von einem dunkleren Blond, und seine Augen waren grau, aber er war ganz eindeutig ein Teil von ihr. Roman spürte das dringende Verlangen, beide in die Arme zu nehmen und von hier wegzubringen – weit weg von all diesen verfluchten Intrigen.

Sie sah ihn und winkte ihm zu. Als sie näher kamen, sprang Charlie im Sattel auf und ab und plapperte begeistert drauflos. „Hallo, Roman. Ich lerne gerade Reiten. Das Pferd heißt Peggy, das ist die Kurzform für Pegasus, aber es kann gar nicht fliegen.“

Anya brachte die Stute neben ihm zum Stehen. Das kleine Palominopferd war gut trainiert und wurde bestens gepflegt. Alles bei Legate war vom Feinsten.

Charlie rutschte vom Sattel und ließ sich in Romans Arme fallen. „Spiel Hubschrauber mit mir“, bat er.

Roman wirbelte ihn ein paarmal im Kreis herum, ehe er ihn auf die Füße stellte.

Charlie kicherte, weil ihm schwindlig war. Dann sagte er: „Wir werden hier wohnen.“

„Wirklich?“

„Ich lerne, meinen eigenen Hubschrauber zu bauen, und auch andere Sachen. Und dann …“

Während Charlie weiterplapperte, schaute Roman zu Anya hinauf. Das Licht des Himmels spiegelte sich in ihren atemberaubend blauen Augen. Der anstrengende Ritt hatte ihre Wangen gerötet. Sie saß aufrecht im Sattel, und ihre langen Beine ließen sie noch größer erscheinen.

Mit einer eleganten Bewegung stieg sie ab. Während sie mit einer Hand die Zügel hielt, umarmte sie Roman mit einem Arm, was er als sehr unbefriedigend empfand. Er hätte gern ihren Körper an seinem gespürt, die Rundungen ihrer Schulter und ihre geschwungene Hüfte gestreichelt.

„Ich habe mich entschieden“, sagte sie. „Ich habe den Vertrag unterschrieben.“

Er nickte und hätte ihr gerne gesagt, das Richtige getan zu haben. „Du hattest keine andere Möglichkeit.“

„Und ich werde hier als Übersetzerin arbeiten. Das bedeutet wohl, dass du mein Boss bist.“

Eine interessante Wendung. Slater musste gewusst haben, dass Anya sich ohne Beschäftigung gelangweilt hätte. Und wenn sie hier arbeitete, hatte Legate sie sogar noch besser unter Kontrolle. „Ich sollte dich darauf hinweisen, dass ich sehr viel verlange.“

„Kein Problem.“ Ihre Nase kräuselte sich, als sie lächelte. „Ich bin ja auch sehr gut.“

Charlie hüpfte ungeduldig hin und her. „Setz mich sofort wieder auf Peggy. Ich will noch ein bisschen reiten.“

„Meine Güte, Charlie“, schalt Anya ihn. „Selbst Cowboys sind höflicher.“

„Bitte, Roman“, flehte er. „Ich will weiterreiten.“

Er hob den Jungen in den Sattel, ergriff die Zügel und führte die Stute zurück zu den Stallungen. Über seine Schultern warf er einen Blick zu den Satellitenschüsseln an einem Nebengebäude. Jedes Wort ihrer Unterhaltung wurde aufgenommen, und möglicherweise wurden sie aus allen Richtungen von Kameras überwacht.

Anya schlenderte neben ihm her. „Die Bedingungen sind wirklich perfekt. Ich weiß gar nicht, warum ich so lange mit meiner Unterschrift gezögert habe.“

„Der Umzug von Denver hierher ist ein ziemlicher Einschnitt.“

„Na ja, ich bin schon ziemlich oft umgezogen. Ich war auf vier, nein fünf verschiedenen High Schools. Wir mussten dorthin gehen, wo Mutters Beratertätigkeit uns hinführte.“

„Wie geht es Claudette denn?“ Roman mochte Anyas Mutter nicht. Sie war kalt wie ein Eisberg – das genaue Gegenteil ihrer gefühlsbetonten Tochter.

„Mutter hat ein Haus auf der anderen Seite der Bay gemietet. Ich glaube, sie will eine Weile in San Francisco bleiben.“

„Um in deiner und Charlies Nähe zu sein.“

„Merkwürdig, nicht?“ Ihr Lachen klang ein wenig gezwungen. „Wo Claudette doch gar nicht der fürsorgliche Typ ist.“

„Keine Oma, die Plätzchen backt?“

„Überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass sie jemals Märchen vorgelesen hat – ganz zu schweigen davon, an eins zu glauben.“

„Aber du tust es.“

„Ja.“ Sie warf den Kopf nach hinten und schüttelte ihre Haare. Im Licht der Sonne erschienen sie platinblond. „Ich glaube an Märchen. Egal, was passiert, es gibt immer ein Happy End.“

Obwohl sie beiläufig klang, hörte er eine Entschlossenheit aus ihren Worten. Sie war bereit, für ihr Happy End zu kämpfen.

„Vielleicht ist es ja hier“, meinte sie. „Vielleicht finde ich bei Legate, wonach ich mein ganzes Leben lang gesucht habe.“

Dazu sagte er lieber nichts, um sie nicht zu enttäuschen. Zu vieles deutete in die entgegengesetzte Richtung. Was Märchen anbetraf, so war Legate eher das Königreich des Bösen, in dem ein Ungeheuer namens Slater herrschte. „Ich habe gehört, dass du ein Cottage hier auf dem Gelände bekommst?“

„Es ist wunderschön. Vollmöbliert.“ Anya schaute ihn an, als erwarte sie eine Antwort, die er nicht geben konnte. „Ich finde es immer noch seltsam, dass Jeremy mir nie etwas von diesem Plan erzählt hat. Er hatte alle Einzelheiten in seinem Testament festgelegt.“

Roman war sich nicht einmal sicher, ob Jeremys Testament überhaupt gültig war. Die Rechtsabteilung von Legate hatte es aufgesetzt. „Mit mir hat er auch nie darüber gesprochen.“

„Seltsam“, wiederholte sie. „Ich meine, schließlich haben wir zwei Wochen darüber diskutiert, welches Sofa wir kaufen sollten. Und dann trifft er diese Vereinbarung, die unser ganzes Leben verändert, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren.“

„Manchmal hat er sich eben ganz spontan entschieden.“

„Das stimmt“, pflichtete sie ihm bei. „Das neue Testament war nur wenige Wochen vor seinem Tod datiert. Wahrscheinlich wollte er mit mir darüber reden, wenn er nach Denver zurückkehren würde.“

Wenn sie über Jeremy sprach, bekamen ihre Augen einen wehmütigen Ausdruck und ihre Schultern sanken herab. Sie trauerte immer noch, und Roman bekümmerte es, sie leiden zu sehen. Ihr Ehemann hätte nicht sterben dürfen. Wenn Roman cleverer gewesen wäre, hätte er die Katastrophe vielleicht verhindern können.

Er glaubte, dass die Explosion in Haus vierzehn ein Anschlag gewesen war, aber er konnte sich kein Motiv vorstellen. Warum sollte Slater vier seiner Wissenschaftler töten? Sie waren loyale und fleißige Angestellte. Warum mussten sie sterben? Nachdem er sich acht Monate lang mit den diversen globalen Projekten beschäftigt hatte, an denen die Wissenschaftler arbeiteten, hatte Roman die Antwort auf diese Frage noch immer nicht gefunden.

„Schön, dich zu sehen“, sagte Anya unvermittelt.

„Gleichfalls“, erwiderte er. „Du hast zugenommen.“

„Wie bitte?“

„Das war ein Kompliment.“ Nach Jeremys Tod war sie ein Strich im Gelände gewesen, nicht fähig, etwas zu essen. „Du siehst gesund aus.“

„Gesund? Wie eine preisgekrönte Kuh?“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Wenn das deine Standard-Anmache ist, wirst du wohl immer Junggeselle bleiben.“

„Das hat überhaupt nichts mit Anmache zu tun.“

„Warum eigentlich nicht? Immerhin bin ich eine allein stehende Frau. Deinem Ruf nach zu urteilen, müsstest du mich doch um den Finger wickeln können.“

„Du bist keine gewöhnliche Frau.“ Sie gehörte einem anderen Mann. Selbst nach Jeremys Tod war sie noch immer mit der Erinnerung an ihn verheiratet.

Hoch auf dem Pferd rief Charlie seiner Mutter zu: „Sieh mal, Mommy, ich reite freihändig.“

„Halt dich am Sattelknauf fest“, befahl sie. „Oder du steigst sofort ab.“

„Ich möchte schneller reiten. Bitte.“

„Du sitzt zum ersten Mal auf einem Pferd“, sagte sie. „Sei vorsichtig.“

„Na gut, Mom.“

Sie konzentrierte sich wieder auf Roman und das unterbrochene Gespräch. „Okay, Junggeselle Nummer eins, mach mir ein wirkliches Kompliment. Ich könnte eins gebrauchen.“

Jahrelang hatte er an Anya nicht als eine Frau gedacht, die zu haben war. Aber nun hatte sie darum gebeten.

Er erlaubte seinen unausgesprochenen Wünschen, die Oberhand zu gewinnen. Seit ihrer ersten Begegnung waren ihm diese Gedanken im Kopf herumgegangen, und er hatte sie in die hinterste Ecke verbannt.

Mit einem sehnsüchtigen Blick betrachtete er ihr herzförmiges Gesicht. Seine Stimme wurde zu einem verführerischen Murmeln, als er weitersprach. „Wenn ich dich hier so im Sonnenlicht sehe, Wind in deinem Haar, deine Lippen weich wie Rosenblätter, dann weiß ich, was ein Wunder ist. Dein Anblick ist etwas ganz Kostbares. Ich werde ihn immer in meinem Herzen tragen.“

„Oh.“ Ihr stockte der Atem.

Er genoss die Wirkung, die seine Worte auf sie hatten, und nutzte die Gunst des Augenblicks, indem er ihre Hand ergriff, sie zu seinem Mund führte und einen Kuss auf ihre Finger hauchte. „Du berührst mein Herz.“

„Wow. Du bist echt gut.“ Sie entzog ihm ihre Hand und fächelte sich Luft damit zu. „Kein Wunder, dass sich Tausende von Frauen nach dir verzehren.“

Er wandte den Blick ab und setzte seinen Weg fort. Obwohl ihr Flirt nur ein Spiel war, meinte er jedes Wort ernst. Er wollte sie berühren, sie küssen, mit ihr schlafen.

Sie näherten sich den Ställen, wo Anyas Mutter und Fredrick Slater auf sie warteten. Slaters Anblick wirkte auf Roman wie eine kalte Dusche. Seine romantischen Gefühle erstarben auf der Stelle, und er gab sich betont lässig.

„Da sind sie ja“, sagte Anya. „Claudette und Slater. Sehen sie nicht fast aus wie ein Paar?“

Beide standen sich in nichts nach, was ihre scharfe Intelligenz und ihren rücksichtslosen Ehrgeiz anging – fast wie Macbeth und Lady Macbeth.

„Roman, tue ich das Richtige mit diesem Vertrag?“

„Mach dir darüber keine Sorgen.“ Er würde nicht zulassen, dass ihr oder Charlie etwas zustieße.

Als sie die Ställe erreichten, zog Slater ihn sofort beiseite. „Haben Sie das Problem in Los Angeles gelöst?“

„Es gab keins“, erwiderte Roman. „Es war ein schlichtes Missverständnis.“

„Ich nehme an, Anya hat Ihnen erzählt, dass sie und Charlie hier wohnen werden.“

„Ja.“ Er setzte seine Sonnenbrille auf, weil er befürchtete, dass sein Blick feindlich sein könnte.

„Bei dem Gedanken scheint sie sich nicht so recht wohl zu fühlen“, fuhr Slater fort. „Das ist nicht gut für Charlies Eingewöhnung. Er sollte das Gefühl haben, dass Legate sein Zuhause ist. Das muss seine Mutter ihm unbedingt vermitteln.“

„Wer sagt das?“

„Dr. Neville, der Psychiater.“

„Ich habe eine dringende Nachricht von ihm“, sagte Roman.

„Ja, ich weiß.“

Slater hatte die Hände auf den Rücken gelegt. Mit seinem grauen Haar und in seinem Tweedanzug sah er wie ein Schlossherr aus, der einen Spaziergang über seinen prächtigen Besitz machte.

Roman machte größere Schritte. Er war gut zehn Zentimeter größer und wollte Slater dazu bringen, mit ihm mitzuhalten.

Aber der ältere Mann schien seine Absicht zu spüren und blieb stehen. Mit einem durchdringenden Blick musterte er ihn von Kopf bis Fuß. Slater wollte etwas von ihm. „Zwischen Ihnen und Charlies Mutter besteht ein besonderes Verhältnis.“

„Ich kenne Anya seit Jahren.“

„Sie hat ihren Sohn sehr gut erzogen. Neville sagte, es sei wichtig, dass Charlie bis jetzt bei seiner Mutter zu Hause war.“

„Und was ist jetzt?“

„Jetzt beginnt der Unterricht. Sein Horizont muss sich erweitern.“

Slater klang, als rede er von einem Experiment. Roman versuchte, ebenso unbeteiligt zu klingen. „Was genau haben Sie eigentlich mit Charlie vor?“

„Seine Intelligenz zu fördern. Und ihn gleichzeitig in seiner Persönlichkeit zu stärken. Zu viele unserer Genies kapseln sich von der Gesellschaft ab. Charlie wird sich auf vielen Gebieten ausgezeichnet bewähren – theoretisch, schöpferisch, sogar politisch. Vielleicht wird er sogar Präsident der Vereinigten Staaten.“

Glaubte Slater tatsächlich, dass er sich seinen eigenen Präsidenten heranzüchten konnte, indem er die entsprechenden Gene für die Intelligenz heraussonderte und ihn mit Unterricht bombardierte? Das klang wie der Plan eines wahnsinnigen Frankensteins aus dem 21. Jahrhundert.

„Dieser Junge“, sagte Slater, „wird mein Vermächtnis sein.“

Sein Vermächtnis? Slater war doch weder der Vater noch der Großvater des Jungen.

„Ich brauche Ihre Unterstützung, Roman.“

„Inwiefern?“

„Während Charlie sich an das Programm gewöhnt, möchte ich, dass seine Mutter glücklich ist. Sie soll das Gefühl haben, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sorgen Sie dafür.“

„Könnten Sie sich etwas genauer ausdrücken?“

„Sie braucht einen Mann“, sagte Slater.

Roman traute seinen Ohren nicht. Dieser listige alte Bastard verlangte von ihm genau das, was er sich selbst schon seit Jahren gewünscht hatte: Er sollte Anyas Liebhaber werden.

2. KAPITEL

Um sieben Uhr an diesem Abend traf Roman sich mit Maureen, einer umwerfend aussehenden Frau mit flammend rotem Haar. In ihren engen Jeans und ihrer transparenten Bluse war sie schärfer als ein Glas Peperoni. Nicht, dass sie ihm etwas bedeutet hätte. Maureen war kein Date, sondern seine Kontaktperson zur CIA, Agentin für Spezialeinsätze.

Sie hatten sich in einem einfachen Restaurant in Oakland verabredet. Aber sie wollten nichts essen. Nach einer kurzen Begrüßung gingen sie zu ihrem Wagen, der am dunklen Ende des Parkplatzes stand.

Maureen setzte sich hinters Steuer und stellte das Autoradio an. Statt Musik hörte man nur einen summenden Ton.

„Dieses Störgeräusch macht alle Wanzen oder Richtmikrofone unbrauchbar.“

„Hört sich gut an“, meinte er.

„Du weißt, dass ich Geheimagenten-Spielzeug liebe.“

Seit einem Jahr standen sie miteinander in Verbindung. Roman hatte erfahren, dass Legate in Manipulationen von Auslandskonten für einen zukünftigen zentralen amerikanischen Staat verwickelt war, und eine Spezialabteilung der CIA kontaktiert. Daraufhin wurde ihm Maureen zugeteilt. Die attraktive Frau konnte ohne weiteres für eine Freundin durchgehen. Das war ihre Tarnung.

„Was gibt’s?“, fragte sie.

„Ich mache mir Sorgen um zwei unschuldige Menschen, die jetzt bei Legate wohnen. Anya Bouchard Parrish und ihr Sohn Charlie.“

„Die Frau deines getöteten Freundes?“

Autor

Cassie Miles
Cassie Miles, USA-TODAY-Bestseller-Autorin, lebt in Colorado. Nachdem sie zwei Töchter großgezogen und tonnenweise Käse-Makkaroni für ihre Familie gekocht hat, versucht sie inzwischen, bei ihren kulinarischen Bemühungen etwas abenteuerlustig zu sein. Sie hat festgestellt, dass mit Wein fast alles besser schmeckt. Wenn sie sich nicht gerade spannende Handlungen für Mills&Boon-Bücher ausdenkt,...
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