Gesehen, gemocht, geliebt … geheiratet! - Aufregendes Herzklopfen in 5 Romanen

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

HEUT WILL ICH DICH EROBERN von JESSICA HART
"Der Hauptpreis, eine Reise nach Afrika, geht an das Brautpaar mit der romantischsten Geschichte: Freya und Max!" Nun hat Freya ein Problem: Max weiß noch gar nicht, dass sie ein Paar sind. Doch der gut aussehende Bruder ihrer Freundin reagiert auf ihr Geständnis ganz anders als gedacht!

EIN ZARTER KUSS WECKT SÜSSE TRÄUME von REBECCA WINTERS
Herzklopfen, Begehren, Eifersucht – ein einziger Kuss hat zwischen Zak und Michelle alles verändert! Hat aus ihrer schon ewig währenden Freundschaft eine stürmische Affäre gemacht. Doch während Zak das neue erotische Knistern genießt, bringt es Michelle total durcheinander. Denn sie ist sieben Jahre älter als Zak und überzeugt, dass sie "vernünftig" bleiben muss. Wegen ihrer Familien, für die sie schließlich fast wie Geschwister sind. Und wegen ihrer Freundschaft, die womöglich zerbricht, wenn Zaks Liebe sich als Strohfeuer erweist. Aber Zak gibt nicht auf – und überrascht Michelle mit der Erfüllung eines gemeinsamen Traums ...

WENN VERLANGEN NEU ERWACHT von JACKIE MERRITT
Das Wohltätigkeitsfest im Cattleman’s Club hat eine stattliche Spende erbracht! Keith bietet an, sie jenem Heim zu übergeben, in dem seine Jugendliebe Andrea arbeitet. Doch das Wiedersehen wird brisant: Alte Verletzungen brechen wieder auf – und auch alte Leidenschaften …

SO VERLIEBT WIE DAMALS von BARBARA MCMAHON
In der Ferienhütte ihrer Schwägerin, in die Sara sich geflüchtet hat, um ihr Leben neu zu ordnen, ist sie allein – aber nicht halb so einsam wie in ihrer Ehe mit Alec, der sie über seine Arbeit einfach vergaß, kaum dass die herrlichen Flitterwochen vorüber waren. Und auch wenn sie Alec vermisst, ist sie doch alles andere als erfreut, als er sechs Monate nach der Trennung vor eben dieser Hütte auftaucht. Zumal er keineswegs ein Versöhnungsgespräch will, sondern einfach nur Urlaub machen möchte. Die Zeichen stehen auf Sturm, als Alec einzieht und die unfreiwillige Nähe sie zwingt, sich zu stellen: den Vorwürfen, den Enttäuschungen – und dem nie versiegten Verlangen ...

DIE SCHÖNE RIVALIN von MIRANDA LEE
Brooke will es einfach nicht glauben: Angeblich betrügt Leo sie! Jedenfalls sagen das seine Eltern. Und auch Brooke ist aufgefallen, wie rührend sich ihr Mann um Francesca, die schöne Witwe seines verstorbenen Bruders, kümmert, seit sie in Italien sind. Brooke kann es kaum erwarten, dass sie wieder nach Hause fliegen und dort so glücklich miteinander sind wie früher. Und wirklich überrascht Leo sie, kaum in Australien angekommen, pünktlich zum fünften Hochzeitstag mit einer zärtlichen Nacht in einem luxuriösen Hotel. Das Leben ist wieder wunderschön! Bis ein dramatischer Anruf Leo erreicht: Er muss zurück nach Italien, zurück zu Francesca ...


  • Erscheinungstag 29.12.2022
  • ISBN / Artikelnummer 9783751520973
  • Seitenanzahl 609
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

Heut will ich dich erobern erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung: Katja Berger, Jürgen Welte
Leitung: Miran Bilic (v. i. S. d. P.)
Produktion: Jennifer Galka
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2002 by Jessica Hart
Originaltitel: „The Honeymoon Prize“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 1548 - 2003 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Elke Schuller

Umschlagsmotive: GettyImages_GladiusStock

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783733716882

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook .

1. KAPITEL

„Ich fange demnächst ein Verhältnis an.“

Zufrieden stellte Freya fest, dass Pel auf dem Laufband neben ihr aus dem Rhythmus geriet und sein Tempo verringerte.

„Du machst was?“, hakte er nach.

Sie lächelte, erfreut über die Wirkung ihrer beiläufigen Bemerkung. „Du hast es gehört.“

„Mit wem?“

„Dan Freer“, antwortete sie wie nebenbei und geriet außer Atem. Als Neuling im Fitnesscenter meisterte sie noch nicht die Kunst, die Geräte zu benutzen, ohne sich sofort völlig zu verausgaben.

Beeindruckt sah Pel auf. „Dan Freer, das Ass unter den Fernsehreportern? Der mit der coolen Lederjacke?“

„Genau der.“

Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Wann hat es bei ihm gefunkt?“

„Noch gar nicht“, musste Freya zugeben. „Aber es wird schon klappen! Mir ist klar geworden, dass es höchste Zeit wird, mein Leben zu ändern. Du und Lucy behaupten das doch auch immer. Dan Freer zu verführen ist der erste Schritt.“

„Wieso willst du plötzlich dein Leben reformieren?“, fragte Pel verwundert.

Sie schaltete das Laufband auf Schritttempo, um sich besser unterhalten zu können. „Du weißt, dass ich nächste Woche Geburtstag habe“, erinnerte sie Pel. „Ich werde siebenundzwanzig. Nur noch drei Jahre, und ich bin dreißig! Was wird aus mir danach?“, fügte sie dramatisch hinzu.

„Eine Frau von einunddreißig Jahren? Das ist natürlich nur eine unbegründete Vermutung.“

Wie ein Kind streckte sie Pel die Zunge heraus. „Du weißt, was ich meine: Ab dreißig geht es unaufhaltsam auf die mittleren Jahre zu. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, trage ich einen Filzhut und kümmere mich um eine Horde Katzen. Vorher möchte ich mein Leben genießen! Ich bewege mich allerdings in ausgefahrenen Gleisen“, klagte sie. „Ich gehe nirgendwohin, ich tue nichts, und vor allem lerne ich keine Männer kennen.“

„Unsinn!“, widersprach Pel ihr. „Lucy und ich präsentieren dir ständig begehrenswerte Junggesellen.“

„Nenn mir nur einen!“

„Dominic. Der Immobilienmakler. Er ist ansehnlich, wohlhabend, und du hast ihm gefallen.“

„Wie viele Immobilienmakler namens Dominic kennst du, Pel? Der, den ich getroffen habe, war überhaupt nicht an mir interessiert!“

„O doch, das war er, allerdings hast du ihn nicht ermutigt. Weißt du, was dein Problem ist? Du deutest die Signale nie richtig.“

„Das sagt Lucy mir auch dauernd.“ Freya klang missmutig. „Außerdem war Dominic nicht mein Typ. Ein Immobilienmakler aus einem Londoner Vorort ist mir nicht aufregend genug. Ich bin es leid, immer nur brav zu Hause zu sitzen, ich möchte zur Abwechslung riskant leben. Deshalb ist Dan Freer der ideale Mann für mich.“

Zweifelnd sah Pel sie an. „Meinst du nicht, dass er ein zu großes Kaliber für dich ist?“

„Vielen Dank für das Kompliment!“, erwiderte sie ironisch.

„Immerhin ist er ständig im Fernsehen präsent und wirkt echt cool, Freya!“

„Ach, und ich bin nicht cool?“

Er betrachtete sie, wie sie sich, erhitzt und atemlos, auf dem Laufband abmühte. „Ich sage es nur äußerst ungern, meine Liebe, aber du bist nicht cool und wirst es niemals sein.“

Freya seufzte. „Ich weiß.“

„Du bist durchaus hübsch“, fügte Pel rasch hinzu. „Tatsächlich könntest du auffallend hübsch sein, wenn du dir mehr Mühe mit deinem Aussehen geben würdest.“

„Was glaubst du, warum ich mich hier im Fitnesscenter schinde?“, konterte sie.

„Schinden? Du bewegst dich im Tempo einer apathischen Schnecke vorwärts! Wenn du dein Leben wirklich ändern möchtest, musst du dich etwas mehr anstrengen.“

Leise murrend schaltete Freya die Geschwindigkeit des Laufbands auf die nächst höhere Stufe. Als Pel die Brauen hochzog, steigerte sie das Tempo widerstrebend um weitere drei Einheiten.

„Ich warne dich nur deshalb vor einer Beziehung mit Dan Freer, weil ich dich mag und nicht möchte, dass er dir Kummer macht“, kam Pel aufs frühere Thema zurück. „Du bist nicht so unempfindlich, wie du dich gern gibst. Unter deiner rauen Schale steckt ein richtig süßer Kern.“

„Um mir Kummer mit Männern zu ersparen, müsste ich sie meiden. Genau das habe ich in den vergangenen fünf Jahren getan und bin es endgültig leid“, erklärte Freya. „Mir ist klar, dass ich nicht darauf warten kann, dass der perfekte Mann an meine Tür klopft, nein, ich muss losziehen und ihn finden. Und weißt du was? Am Tag, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, mir einen Traummann zu suchen, erschien Dan Freer bei uns in der Redaktion! Wie vom Schicksal gesandt.“

Sie atmete tief durch und umfasste die Handgriffe fester, um nicht zu stolpern.

„Ach, Pel, Dan ist einfach hinreißend! Er hat dunkelbraune Augen, und wenn er mich ansieht, schmelze ich förmlich dahin. Meine Haut fängt zu prickeln an, sobald ich nur seine tiefe Stimme höre. Und er ist so charmant!“

„Er muss wirklich umwerfend sein!“ Pel hörte sich neidisch an.

„Ja, er ist unglaublich sexy! Außerdem intelligent, witzig und ein Abenteurer“, schwärmte Freya. „Er riskiert sein Leben in Krisengebieten, um die Zuschauer hier mit brisanten Storys zu versorgen. Verglichen mit ihm, wirken alle anderen Männer langweilig.“

„Oh, vielen Dank, meine Liebe.“

„Du zählst nicht, Pel.“ Wenn sie sich getraut hätte, die Handgriffe loszulassen, hätte sie eine wegwerfende Geste gemacht. „Dan ist noch dazu wirklich nett. Wenn er in der Redaktion anruft, fragt er mich immer, wie es mir geht und was ich mache – die anderen Journalisten meckern nur über ihre Spesenabrechnungen.“ Nun war sie so außer Atem, dass sie nur noch stockend sprechen konnte. „Dan interessiert sich für das, was ich … sage … Pel, können wir aufhören?“, bat sie flehentlich. „Ich kann mich beim Laufen nicht mit dir unterhalten.“

Normalerweise hätte Pel sie bestimmt gezwungen, das Programm zu beenden. Sie war sich jedoch sicher, dass er unbedingt wissen wollte, wie sie Dan Freer zu erobern gedachte.

Zwanzig Minuten später saßen sie tatsächlich frisch geduscht, zufrieden und – was sie betraf – erleichtert an der Bar des Fitnesscenters.

„Was hält Lucy von deiner Absicht, dir Dan Freer zu angeln?“, fragte Pel und reichte Freya einen Gin Tonic.

„Prinzipiell ist sie dafür, hat jedoch Bedenken wegen Dans Nachnamen. Sie findet, Freya Freer würde unmöglich klingen. Ich habe ihr versichert, ich sei überhaupt nicht daran interessiert, Dan zu heiraten, aber das hätte ich mir sparen können. Du weißt ja, wie Lucy ist: Seit sie voriges Jahr Steve geheiratet hat, will sie auch alle anderen unter die Haube bringen.“

„Freya Freer, Freya Freer … Es klingt tatsächlich albern“, stimmte Pel zu. „Als hätte man einen Sprachfehler.“

Gereizt stellte sie ihr Glas heftig auf den Tresen. „Es geht mir nicht ums Heiraten! Nicht um Verpflichtungen, Hypotheken und Kinder. Ich will nicht Liebe, sondern Sex. Eine hemmungslose, stürmische, leidenschaftliche Affäre möchte ich haben.“

„Wie willst du die in die Wege leiten, wenn du in London bist und Dan auf dem Balkan herumreist?“

„Dan kommt nächste Woche nach London zurück“, erwiderte Freya triumphierend. „Das hat er mir heute erzählt, als er in der Redaktion angerufen und eine Zeit lang mit mir geplaudert hat. Er arbeitet, wie du weißt, für einen amerikanischen Nachrichtensender und schreibt nur gelegentlich Artikel für den ‚Examiner‘, wenn er von seiner Firma als so genannter Feuerwehrmann zur Berichterstattung in ein Krisengebiet geschickt wird.“

Sie fuhr sich durchs hellbraune Haar und kam aufs eigentliche Thema zurück.

„Wie auch immer, er hat mir heute gesagt, dass er einen Job in der Londoner Filiale des Senders in Aussicht hat und – hör gut zu, Pel! – er hat ein Apartment ganz in der Nähe meiner derzeitigen Wohnung.“

„Das klingt vielversprechend. Da besteht die Chance, ihm im Supermarkt wie zufällig über den Weg zu laufen und Ähnliches.“

„Genau! Aber es kommt noch besser.“ Um die Spannung zu steigern, machte Freya eine Pause und trank einen Schluck. „Dan kommt bereits nächsten Donnerstag nach London. Rein zufällig habe ich erwähnt, dass ich dann Geburtstag habe.“

„Hat er gefragt, wie alt du wirst?“

„Nein, er hat ausgezeichnete Manieren“, teilte sie Pel herablassend mit. „Er hat mich gefragt, was ich an meinem Geburtstag vorhabe, und dann – wortwörtlich – gesagt, er sei überzeugt, ich würde stilvoll feiern.“

Pel lachte. „Du hast ihm nicht gesagt, dass wir ins Pub gehen und anschließend in ein kleines indisches Restaurant?“

„O nein! Ich habe behauptet, ich würde am Wochenende eine Cocktailparty geben, und …“ Sie geriet außer Atem. „Ich habe ihn einfach eingeladen, und er hat zugesagt.“

„Wie bitte?“

„Brillant, stimmt’s?“ Freya lächelte strahlend. „Außerdem lade ich meine Kollegen vom ‚Examiner‘ ein.“

„Freya!“

„Das muss ich doch! Sonst wird es zu offensichtlich, dass ich nur an ihm interessiert bin.“

„Freya, das kannst du dir nicht leisten! Du hast massive Schulden, man hat dir die Wohnung gekündigt, weil du die Miete nicht bezahlen konntest, und du hast einen schlecht bezahlten Job ohne Aufstiegsmöglichkeiten.“ Pel sprach nun im Tonfall einer besorgten Mutter. „Jeder andere hat sein Leben und seine Karriere im Griff, du hingegen scheinst damit zufrieden zu sein, einfach dahinzutreiben und dich von Monat zu Monat gerade eben über Wasser zu halten, ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden.“

„Pel, du schimpfst schlimmer als mein Vater“, beklagte Freya sich.

„Dein Vater ist ein vernünftiger Mann“, erwiderte er streng. „Hast du eine Ahnung, wie teuer eine Cocktailparty dich zu stehen kommt? Jedenfalls eine, die richtig Stil hat?“

„Genau darum geht es mir: Stil. Deshalb brauche ich deine Hilfe, Pel. Ich möchte mich Dan als mondäne Frau präsentieren, nicht als unscheinbare Bürogehilfin, die in der Redaktion die Anrufe entgegennimmt und die Post öffnet. Ich werde mir die Haare hochstecken und ein kleines Schwarzes tragen, und wenn er ins Zimmer kommt, sieht er als Erstes mich.“

Ihre grünen Augen blickten träumerisch, während sie sich die Szene ausmalte.

„Da stehe ich also, einen Cocktail in der Hand, und plaudere geistreich mit meinen eleganten Gästen. Oder …“ Sie überlegte kurz. „Oder wäre es besser, kühl und geheimnisvoll zu wirken? Was meinst du, Pel? Ich möchte Dan nicht den Eindruck vermitteln, ich sei schwer zu erobern.“

„Ehrlich gesagt, meine Liebe, kann ich mir nicht vorstellen, wie du das mit dem ‚kühl und geheimnisvoll‘ schaffen willst“, antwortete Pel unverblümt.

„Ich auch nicht“, stimmte Freya zu und seufzte.

Schon immer hatte sie sich gewünscht, lasziv und zugleich mondän zu wirken, aber es war hoffnungslos. Dazu musste man gertenschlank sein, und dass sie es war, konnte man nicht behaupten. Nein, sie sah einfach nett aus: Sie hatte große grüne Augen, die meist vertrauensvoll in die Welt blickten, und hellbraunes widerspenstiges Haar, das immer ein bisschen zerzaust wirkte, egal, wie sie es frisierte.

„Na gut, dann spiele ich eben die Fröhliche, die alle amüsiert. Bei seinem letzten Einsatz hatte Dan bestimmt nicht viel zu lachen.“ In Gedanken versunken fischte sie die Zitronenscheibe aus dem Glas und schob sie sich zwischen die Lippen, spuckte sie aber schnell wieder aus. „Ja, ich sehe die Szene genau vor mir, Pel: Dan Freer betritt das Zimmer. Ich stehe da, einen Cocktail in der Hand, umringt von meinen mondänen Freunden …“

„Ich reiße dich nur ungern aus diesem schönen Traum“, unterbrach er sie, „aber wo willst du bis zum nächsten Wochenende mondäne Freunde hernehmen?“

Freya machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ihr müsst eben alle so tun als ob. Man muss doch nur im Smoking oder schwarzen Kleid herumstehen und darf auf keinen Fall zu viel lächeln.“ Sie legte ihm bittend die Hand auf den Arm. „Du hilfst mir doch, die Party zu organisieren, oder?“

Man sah ihm an, dass er ihr die verrückte Idee am liebsten ausgeredet hätte, aber er ließ sich umstimmen. „Was genau soll ich denn machen?“

„Ich brauche vor allem einen Barkeeper. Du kennst dich doch mit Cocktails aus, und Marco könnte dir zur Hand gehen.“

„Na gut, ich tu’s.“ Pel seufzte, scheinbar resignierend, dabei liebte er Partys. „Dann habe ich wenigstens Gelegenheit, den berühmten Dan Freer aus der Nähe zu begutachten. Und jetzt machen wir eine Liste, was wir alles brauchen.“

Freya nahm einen Kuli und einen Umschlag aus der Handtasche und notierte, was er ihr ansagte, zum Beispiel „Cocktailgläser“ und „Kanapees“.

„Was brauchen wir noch, Pel?“

„Viel Platz, meine Liebe. Wie steht es mit dem Apartment, in dem du zurzeit wohnst?“

„Es ist einfach perfekt für eine Party“, antwortete Freya begeistert. „Ein Loft in einem ehemaligen Warenspeicher – mit einem riesigen Wohnraum. Es ist ganz modern eingerichtet, alles aus glänzendem Holz und Edelstahl. Mir ist es ein bisschen zu kahl, aber der Blick auf die Stadt ist atemberaubend.“

„Klingt wirklich fabelhaft“, meinte Pel neidisch. „Wie kannst du dir die Wohnung überhaupt leisten?“

„Gar nicht. Ich habe sie nicht gemietet, sondern passe nur auf sie auf, bis der Besitzer zurückkommt.“

Pel pfiff anerkennend. „Wie hast du das gedeichselt?“

„Lucy hat es vermittelt. Das Apartment gehört ihrem älteren Bruder Max.“ Freya glaubte, ganz sachlich zu klingen, aber Pel wurde hellhörig.

„Ach ja?“, fragte er nur. Sein Tonfall bedeutete jedoch: Erzähl mir alles.

Sie wusste, dass Pel ihr keine Ruhe lassen würde, bevor sie seine Neugier nicht befriedigt hatte.

„Max ist Ingenieur. Er arbeitet für eine Hilfsorganisation und ist ständig unterwegs. Seine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Straßen und Bewässerungsanlagen zu planen und zu bauen.“ Wieder trank sie einen Schluck. „Zurzeit hat er in Afrika zu tun.“

„Wie lange?“, erkundigte Pel sich.

„Mindestens vier Monate. Es ist ideal“, fügte sie schnell hinzu, bevor er sich über die nur kurzfristige Lösung ihrer Wohnungsprobleme äußern konnte. „Max brauchte keinen Mieter zu finden, der das Apartment für die kurze Zeit übernahm, und ich kann mir in Ruhe etwas Neues suchen. Außerdem bin ich morgens in fünf Minuten in der Redaktion. Die Cocktailparty ist also gar keine Extravaganz“, erklärte sie und hoffte, Pel vom Thema Max abzulenken. „Ich verbrauche nur das Geld, das ich andernfalls gebraucht hätte, um mit Bus oder U-Bahn zur Arbeit zu fahren.“

Ihre Taktik funktionierte nicht. Ausnahmsweise ließ Pel sich nicht dazu verleiten, ihre unkonventionellen Sparmaßnahmen zu kritisieren.

„Ich hatte vergessen, dass Lucy einen älteren Bruder hat“, bemerkte er. „War er bei ihrer Hochzeit?“

„Ja.“ Freya hatte bei der Gelegenheit den ganzen Tag lang versucht, Max aus dem Weg zu gehen.

„Wie sieht er aus?“

Er verzieht keine Miene, presst meist streng die Lippen zusammen, und seine grauen Augen blicken fast immer herablassend, antwortete sie im Stillen. Sein Bild stand ihr klar vor dem inneren Auge.

„Unauffällig, beinah langweilig“, sagte sie laut. „Er hat Prinzipien und fühlt sich jedem moralisch überlegen, nur weil er in Entwicklungsländern Straßen baut.“

Pel lächelte wissend. „Ach, so steht es also!“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Du hattest mal was mit Max, stimmt’s?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Intuition“, erwiderte Pel selbstzufrieden. „Und die Tatsache, dass du ein komisches Gesicht machst, wenn du von ihm erzählst.“

Unwillkürlich presste sie die Hände an die Wangen. „Ich mache kein komisches Gesicht!“

„Doch, machst du.“ Mit zusammengekniffenen Augen blickte er in sein Glas wie eine Wahrsagerin in die Kristallkugel. „Ich sehe … eine junge Frau, die sich eines Mannes wegen zur Närrin macht.“

Missbilligend sah Freya ihn an. Manchmal war er wirklich unangenehm scharfsinnig. „Sehr witzig!“

„Ich habe recht, oder?“ Verschwörerisch neigte er sich zu ihr. „Freya, gesteh mir alles!“

Zögernd malte sie mit dem Finger Kreise auf den Tresen. Pel ließ, wie sie wusste, nicht locker, sobald er ein Geheimnis witterte.

„Du musst mir zuerst versprechen, niemand etwas zu verraten“, verlangte sie schließlich von ihm.

„Großes Ehrenwort!“

„Es war bei der Party von Lucys einundzwanzigstem Geburtstag“, begann Freya widerstrebend. „An dem Tag hatte ich mich mit Alan, meinem ersten Freund, verkracht und fühlte mich elend. Trotzdem wollte ich Lucy nicht enttäuschen und bin allein zu ihrer Geburtstagsparty gegangen. Es war ein grauenhafter Abend für mich!“

Sie schauderte bei der Erinnerung und trank einen großen Schluck.

„Ich musste so tun, als würde ich mich bestens amüsieren, dabei wäre ich am liebsten nach Hause gegangen, um mich auszuweinen. Damals hielt ich Alan für meine große Liebe und konnte mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.“

„Lass mich raten“, unterbrach Pel sie. „Du hast deinen Kummer in Alkohol ertränkt.“

Freya seufzte. „Wenn du ohnehin alles weißt, warum muss ich es dir erzählen?“

„Weil ich wissen möchte, wie der mysteriöse Max ins Bild passt. Erzähl weiter.“

„Max war natürlich auch auf der Party. Ich hatte ihn zwei, drei Jahre nicht mehr gesehen. Er war gerade aus Afrika zurückgekommen und sah ganz anders aus als früher.“

Obwohl es schon sechs Jahre her war, erinnerte sie sich genau an den Abend. Max war ihr größer und kräftiger vorgekommen als früher, und er sah, wie sie fand, älter aus als siebenundzwanzig Jahre. Da seine Haut tief gebräunt war, wirkten seine hellgrauen Augen noch auffallender. Ihr Herz hatte seltsamerweise einen Schlag lang ausgesetzt, als sie Max am anderen Ende des Raums entdeckt hatte.

„Max hat sich auch nicht amüsiert. Er konnte sich noch nie für Partys begeistern“, berichtete Freya weiter. „Gelegentlich hat er mich missbilligend angesehen – wie früher auch schon immer –, aber kein Wort mit mir geredet. Irgendwann ist er doch zu mir gekommen und hat gesagt, er würde mich nach Hause bringen, ich hätte schon genug getrunken.“

„Ach so! Er ist herrisch, stimmt’s?“

„So kann man es auch ausdrücken.“ Freya schnitt ein Gesicht. „Ohne auf meine Proteste zu achten, hat er mich, quasi mit Gewalt, in sein Auto verfrachtet.“

Pel neigte sich gespannt vor. „Und dann hat er dich zu verführen versucht?“

„Schlimmer!“

„Schlimmer? Meine Güte, Freya, was hat er getan?“

„Es geht nicht darum, was er getan hat, sondern was ich getan habe.“ Wieder presste sie die Hände gegen die Wangen, die sich heiß anfühlten. „Ich habe versucht, mit ihm zu flirten.“

„Und?“

„Und nichts. Max ist gegen Flirten absolut immun.“

Pel hatte offensichtlich eine dramatischere Enthüllung erwartet. „War das alles?“

„Nein. Ich habe zu weinen angefangen.“ Freya schauderte bei der Erinnerung. „Ich habe Max erzählt, wie sehr ich Alan liebte und dass mein Leben ruiniert sei. Es war eine klägliche Vorstellung!“

Mitfühlend sah Pel sie an. „Tränen? Oje! Und wie hat Max reagiert?“

„Er hat mich heulen lassen, während er mich nach Hause gefahren hat. Dann hat er mich ins Haus begleitet und mich gezwungen, literweise Wasser zu trinken, bis ich wieder halbwegs nüchtern war. Währenddessen hat er neben mir auf dem Sofa gesessen und mir von Afrika erzählt.“

Ihre grünen Augen blickten nun träumerisch.

„Da habe ich zum ersten Mal von Mbanazere gehört. Max hat mir ein kleines Hotel am Meer beschrieben, wo er am Strand unter Palmen gesessen und Krabbensandwiches gegessen hat. Es klang zauberhaft romantisch! Das muss mich irgendwie angesteckt haben. Anders kann ich es mir nicht erklären.“

„Was erklären?“

Freya schob das Glas hin und her. „Dass ich Max plötzlich unwiderstehlich fand. In einem Moment jammerte ich noch, dass Alan mich verlassen hatte, im nächsten habe ich mich Max an den Hals geworfen, obwohl ich ihn bis dahin überhaupt nicht attraktiv gefunden hatte. Plötzlich war ich von ihm wie besessen. Ich konnte wirklich nichts dagegen tun.“

Schaudernd dachte sie daran, wie sie versucht hatte, sich Max verführerisch zu nähern und dabei ungeschickt gegen ihn gesunken war. Wie er sich verspannte, als sie ihm heiser ins Ohr flüsterte, dass er ihr gefiel. Und wie er sie, nach kurzem Zögern, in die Arme genommen und an sich gepresst hatte.

„Ich muss wirklich völlig betrunken gewesen sein“, vermutete Freya und rutschte unbehaglich auf dem Barhocker herum.

„Jeder erlebt so peinliche Momente“, tröste Pel sie, als er ihre hochroten Wangen sah. „Ich erinnere mich, wie ich … nein, lassen wir das. Es hätte in deinem Fall viel schlimmer kommen können. Es ist ja nicht so, dass du mit ihm …“ Er verstummte kurz, als er ihren Ausdruck bemerkte. „Ach so! Du hast mit Max …“

Sie nickte.

„Und was ist passiert? Danach, meine ich“, beeilte Pel sich hinzuzufügen.

„Nichts.“ Freya drehte das Glas zwischen den Fingern. „Max konnte es kaum erwarten, mich allein zu lassen. Er sagte, es sei ein Fehler gewesen, und wir sollten besser so tun, als wäre nichts geschehen. Das war mir nur recht. Es war mir so peinlich, dass wir miteinander geschlafen hatten. Er hatte mich bis dahin immer wie eine kleine Schwester behandelt, deshalb kam es mir beinah wie Inzest vor.“

Pel lachte. „Unsinn!“

„Du hast ja keine Ahnung! Ständig hat er auf Lucy und mich herabgesehen und uns spöttisch kritisiert, bis ich mir wie ein richtiges Dummerchen vorgekommen bin. Deshalb habe ich auch nie für ihn geschwärmt, mal ganz abgesehen davon, dass er nicht unbedingt umwerfend aussieht. Na ja, er sieht nicht übel aus, aber er ist ein Spießer und Spaßverderber.“

„Trotzdem scheinst du deinen Spaß mit ihm gehabt zu haben“, meinte Pel herausfordernd. „Es war doch bestimmt fantastisch mit ihm, stimmt’s?“

„Nein! Ja … Ach, ich weiß nicht“, gestand Freya und seufzte. „Es war, als wären wir plötzlich in andere Wesen verzaubert, die in einer eigenen Welt existierten.“

„Das klingt wie die Verwirklichung eines erotischen Traums“, bemerkte Pel nachdenklich.

„Für mich war es kein Traum und für Max bestimmt auch nicht“, erwiderte sie scharf. „Es war ein einmaliger Ausrutscher, den ich am liebsten für immer aus dem Gedächtnis streichen würde. Das alles ist sechs Jahre her, und Max und ich haben seitdem fast kein Wort mehr gewechselt. Er hat das Ereignis offensichtlich vergessen“, fügte sie leicht bekümmert hinzu.

„Ist es dir nicht peinlich, in seinem Apartment zu leben?“, erkundigte Pel sich.

„Na ja … irgendwie schon. Aber Lucy war so begeistert von dem Arrangement, dass ich ihr nicht sagen wollte, warum ich Max nicht zu Dank verpflichtet sein möchte.“

„Lucy weiß nicht, dass du und Max …?“

„Stimmt.“ Freya strich mit der Fingerspitze über den Rand des Glases. „Es war mir zu kompliziert, es ihr zu erklären. Sie ist zwar meine beste Freundin …“

„Ich dachte, ich wäre das!“ Pel tat gespielt empört und verzog schmollend die Lippen.

„Ja, du zählst zu meinen liebsten Freunden“, beruhigte sie ihn. „Du bist übrigens der Erste, dem ich von der Sache mit Max erzählt habe. Und wenn du auch nur ein Sterbenswort davon verlauten lässt …“, sie sah ihn drohend an, „… dann ergreife ich Maßnahmen, nach denen du dich tatsächlich als meine beste Freundin bezeichnen kannst – und das mit Sopranstimme! Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

„Absolut klar“, erwiderte Pel und lachte. „Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Ich möchte auf keinen Fall im Frauenchor singen.“

„Können wir das Thema Max jetzt fallen lassen und wieder auf meine Cocktailparty zu sprechen kommen?“, schlug Freya vor. „Max ist Vergangenheit, die Zukunft gehört Dan Freer! Am besten bestellen wir noch einen Drink und widmen uns der Gästeliste.“

2. KAPITEL

Der Entschluss, Dan Freer zu verführen, erweist sich in der Praxis als gar nicht so einfach, überlegte Freya, während sie einen Cocktail trank und so tat, als würde sie sich amüsieren.

Sie wusste, dass sie gut aussah. Von Lucy ermutigt, hatte sie sich die Haare nicht nur schneiden, sondern auch blondieren lassen und sich ein gewagt kurzes rotes Kleid und fabelhaft schicke Schuhe gekauft. Ja, sie war so attraktiv wie nie zuvor – und besser würde sie nie aussehen, gestand sie sich selbstkritisch ein.

Die Party war richtig in Schwung. In der Küche standen bereits etliche leere Flaschen, und der Lärmpegel stieg. So weit war es ein Erfolg, nur mit Dan hatte es noch nicht geklappt.

Freya hatte sich ausgemalt, er würde hereinkommen und, wie magnetisch angezogen, zu ihr eilen und ihr nicht mehr von der Seite weichen. Spätestes um zwanzig Uhr würden die Gäste die Party verlassen, denn Pel hatte ihr versichert, dass Cocktailpartys nicht länger dauerten. Sie und Dan würden in ein intimes kleines Lokal zum Abendessen gehen und danach … aber das überließ sie Dan. Sie konnte sich ja nicht um alles kümmern.

Bisher kümmerte er sich jedoch überhaupt nicht um sie. Innerhalb von Minuten war er von ihren hübschesten Kolleginnen umlagert gewesen, die ihn mit allen Mitteln zu beeindrucken versuchten.

Freya wurde immer mutloser. Sie trank einen Schluck Martini und blickte zu Lucy neben sich. „Was meinst du?“

„Er ist perfekt! Genau der Mann, den du brauchst.“

Beide musterten Dan. Obwohl auf den Einladungen speziell angemerkt war, dass Abendkleidung erwünscht sei, trug er Jeans und sein allen bekanntes Markenzeichen: die abgewetzte Lederjacke. Trotzdem wirkte er nicht falsch angezogen, vielmehr unglaublich cool, und er strahlte einen lässigen Charme aus, der ihn noch anziehender machte. Er war muskulös, dunkelhaarig, hatte ein markantes Gesicht und lächelte strahlend.

„Er ist ziemlich attraktiv, stimmt’s?“, bemerkte Freya leise.

„Und der Preis für die Untertreibung des Jahres geht an … Freya King!“ Lucy klang wie eine Moderatorin bei der Verleihung des Oscar. „Lieber Himmel, Dan Freer als ‚ziemlich attraktiv‘ zu bezeichnen ist so, als würde man den Papst ‚ziemlich katholisch‘ nennen.“

Lucy fischte die Olive aus dem Martini und steckte sie in den Mund.

„Eins muss ich dir lassen, Freya: Du bist bei Männern wählerisch, hast aber Geschmack.“

„Freut mich, dass er dir gefällt, Lucy.“

„Wenn ich nicht mit Steve verheiratet wäre, würde ich sogar dich, meine beste Freundin, aus dem Weg schubsen, um zu Dan zu gelangen – was du, nebenbei bemerkt, endlich tun solltest“, fügte Lucy bedeutungsvoll hinzu. „Was stehst du noch hier herum? Los, erobere ihn.“

„Glaubst du wirklich, dass ich es kann?“, fragte Freya zweifelnd. Weshalb sollte ein Mann wie er ausgerechnet sie beachten? Er hatte alle Hände voll zu tun, sich ihre wesentlich attraktiveren Kolleginnen vom Hals zu halten.

„Natürlich kannst du“, ermutigte Lucy sie. „Du siehst fantastisch aus: das Kleid ist fabelhaft, und die Schuhe sind ein Hit. Wenn Dan dich nicht sexy findet, liegt es an ihm, nicht an dir. Und nun geh, und blende ihn mit deinem Aussehen und deinen geistreichen Bemerkungen. Bestimmt wird er dir noch vor Ende des Abends hingerissen zu Füßen sinken.“

Als Lucy ihr einen sanften Stoß gab, verkrampfte Freya sich wie ein furchtsames Kind. „Ich muss erst den Lippenstift auffrischen.“

„Die Mühe würde ich mir an deiner Stelle nicht machen“, empfahl Lucy ihr. „Beim Küssen geht er sowieso ab. Jetzt geh, und sichere dir Dan Freer.“

Freya nahm sich noch einen Martini und trank ihn in einem Zug aus, dann straffte sie die Schultern und ging zu der Gruppe beim Sofa.

Dan sieht wirklich hinreißend aus, dachte sie unwillkürlich. Wie hatte sie auf die absurde Idee kommen können, dass ein Mann wie er sie beachten würde?

Schon wollte sie sich abwenden, als Dan sie sah und sie zu sich winkte. „Eine tolle Party!“, lobte er und trat einen Schritt beiseite, um ihr Platz zu machen.

„Ja, wirklich großartig“, bestätigten ihre Kolleginnen, die wenig begeistert zu sein schienen, dass sie sich zu ihnen gesellte.

„Danke. Freut mich, Dan, dass du die Zeit gefunden hast, herzukommen.“ Lieber Himmel, ich klinge so formell, dass meine Mutter stolz auf mich wäre, dachte Freya ironisch.

„Und ich freue mich, hier zu sein!“ Anerkennend musterte er ihre Beine. „Ich hätte dich vorhin fast nicht erkannt.“

„Ach nein?“ Sie lächelte nervös. Wenn du so weitermachst, besteht keine Chance, ihn mit deinem Esprit und deiner schillernden Persönlichkeit zu beeindrucken, sagte sie sich streng.

„Ja, schön, dich zu sehen – und dann auch noch so ungewohnt viel von dir. Du hast tolle Beine“, meinte er bewundernd.

„Ehrlich? Die habe ich schon seit Jahren.“

Er lachte. „Du solltest sie nicht immer verstecken. Wenn du am Schreibtisch sitzt, siehst du so brav aus.“ Er senkte die Stimme und sah ihr, Freya, tief in die Augen. „Bisher hatte ich dich als tugendhaftes Mädchen eingeschätzt, heute siehst du richtig frivol aus.“

Lieber Himmel, wie reagiert man bloß auf eine derartige Bemerkung, dachte Freya alarmiert. Lautes Lachen war nicht das Richtige. Sollte sie scheu lächeln? Oder kokett?

Und wie machte man das? Sie probierte irgendein Lächeln und hoffte, es würde zumindest nicht lüstern wirken.

Ihre Kolleginnen ließen sie und Dan plötzlich wie auf Kommando allein.

Freya wollte sich auch zurückziehen, aber er fasste sie bei der Hand.

„Nein, geh nicht“, bat er. „Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich mit dir zu unterhalten.“

Und was jetzt? fragte Freya sich. Seine Hand zu drücken würde bestimmt aufdringlich wirken, aber wenn sie ihre weiterhin schlaff in seinem Griff ließ, würde er womöglich glauben, sie sei nicht an ihm interessiert. Was man alles bedenken musste, wenn man einen Mann zu erobern versuchte! Vielleicht wäre es auf lange Sicht doch einfacher, sich mit Abenden vor dem Fernseher zu begnügen?

„Tanz mit mir“, forderte Dan sie leise auf.

„Ja … einverstanden.“

„Heute ist mein Glückstag.“ Lächelnd zog er sie in die Arme und schmiegte die Wange an ihre.

„Wirklich?“ Ein Prickeln überlief sie, als er die Hand über ihren Rücken gleiten ließ.

„Ja, wirklich“, bestätigte Dan zufrieden. „Ich habe einen neuen Job, und bei dir kommen neue, ungeahnte Vorzüge zum Vorschein. Was braucht es mehr zum Glück?“

„Du hast einen neuen Job?“, wiederholte Freya und ging bewusst nicht auf die Bemerkung über ihre ungeahnten Vorzüge ein.

„Ja. Du, Freya, schmiegst dich an den neuen Auslandskorrespondenten von News Live Network. Aufgabenbereich: Afrika.“

„Afrika?“

„Ja, ein ganzer Kontinent, nur für mich allein!“ Dan lächelte selbstgefällig.

„Musst du ihn nicht mit dem einen oder anderen Einheimischen teilen?“, fragte sie unüberlegt.

Oh, da bin ich ins Fettnäpfchen getreten, tadelte sie sich sofort. Männer schätzten laut Lucy keine Kritik, keine bissigen Kommentare oder auch nur die leiseste Andeutung, dass man sie nicht hundertprozentig perfekt fand.

„Ich dachte, du hättest hier in London einen Job in Aussicht“, fügte Freya schnell hinzu.

„Das hatte ich auch gedacht, aber der jetzige Job wurde mir überraschend angeboten. Ich wollte schon immer Auslandskorrespondent werden, und nun bin ich einer – noch dazu für ganz Afrika.“

„Das klingt großartig“, sagte sie pflichtschuldig. „Wo wirst du leben?“

„In Usutu. Das ist die Hauptstadt von Mbanazere.“

„Ich weiß“, erwiderte sie. Max hatte ihr damals von der alten arabischen Festung erzählt und dem Markt, auf dem es nach Kokos und Gewürznelken duftete …

„Entschuldige. Ich vergesse ständig, dass du als Sekretärin im Auslandsressort arbeitest. Usutu ist zum einen so günstig gelegen, dass man von dort alle afrikanischen Staaten problemlos erreicht. Zum anderen ist die gesamte Region im Umbruch begriffen. Wahrscheinlich wird sie der nächste Krisenherd. Darauf zähle ich jedenfalls. Dann habe ich genug Material für meine Berichte, und mein Job wäre auf Dauer gesichert.“

„Verstehe.“ Freya überlegte, dass die Bevölkerung Mbanazeres im Fall eines Umsturzes andere Sorgen haben würde, als Reportern vom Schlage Dan Freers den Job zu sichern.

Dan war von ihrer knappen Antwort keineswegs entmutigt, sondern erklärte umfassend die politische Lage in Afrika und beschrieb die Schwierigkeiten und Risiken, mit denen ein Reporter konfrontiert war. Freya hörte nicht mehr genau hin, denn diese Masche kannte sie: Die meisten Reporter taten so, als würden sie bei jedem Auftrag ihr Leben aufs Spiel setzen.

„Du klingst, als könntest du es kaum erwarten, in Afrika zu leben“, bemerkte sie schließlich. Wenn sie gewusst hätte, dass Dan gerade genug Zeit haben würde, um einen Martini zu trinken, bevor er nach Afrika aufbrach, hätte sie sich die Ausgaben für die Party sparen können.

Freya seufzte insgeheim. Es war typisch: Da machte sie sich die Mühe und unternahm endlich etwas, um sich den Mann ihrer Träume zu angeln, und er verließ umgehend das Land.

„Seltsamerweise habe ich im Moment überhaupt keine Lust, London zu verlassen“, flüsterte Dan ihr ins Ohr.

Sein Atem streifte ihren Hals, und sie erschauerte. „Wann reist du ab?“

„Erst in vier Wochen“, antwortete Dan bedeutungsvoll. „In einem Monat kann viel geschehen. Stimmt’s, Freya?“

Vielleicht brauche ich meine Mission noch nicht als gescheitert anzusehen, dachte sie. Dan hielt sie in den Armen und flüsterte ihr einschmeichelnd ins Ohr. Wie viel Ermutigung brauchte sie denn noch?

Es war ja nicht so, dass sie eine dauerhafte Beziehung mit ihm haben wollte! Nein, sie wünschte sich eine aufregend stürmische, leidenschaftliche Affäre – ohne Diskussionen, wer morgens das Bad zuerst benutzen durfte und wer an der Reihe war, die Spülmaschine einzuräumen.

Freya gestand sich ein, dass ihr ein Monat voller intensiver Gefühle mehr als genügen würde. Danach konnte sie Dan leichten Herzens verabschieden und sich aufs Sofa zurückziehen. Falls Pel und Lucy ihr später wieder einzureden versuchten, sie müsse mehr aus ihrem Leben machen, konnte sie darauf verweisen, dass sie immerhin eine Romanze mit niemand Geringerem als Dan Freer gehabt hatte.

Sie musste ihm nur klarmachen, dass sie zu einer Romanze mit ihm bereit war, und einen günstigeren Moment als den gegenwärtigen gab es nicht.

Freya legte Dan die Hände um den Nacken und lächelte verführerisch. „Ja, in einem Monat kann viel geschehen – wenn man es möchte.“

„Ich denke mal, dass ich es durchaus möchte“, erwiderte Dan. „Weißt du, dass du eine ziemliche Überraschung bist?“

„Eine nette Überraschung, hoffe ich.“ Lieber Himmel, ist das eine kitschige Bemerkung, dachte sie kritisch, aber Dan schien nichts gegen Klischees zu haben.

„Eine sehr nette – und eine faszinierende. So faszinierend, dass ich vermutlich einige Ermittlungen durchführen werde, am besten im Schutz der Dunkelheit, um die wahre Freya King zu entdecken“, flüsterte er bedeutungsvoll.

Es passierte tatsächlich: Sie, Freya King, flirtete mit Dan Freer. Er presste sie an sich und ließ die Lippen über ihren Hals gleiten! Eigentlich hätte sie begeistert sein müssen, fühlte sich jedoch seltsam unbeeindruckt.

Es ging alles zu glatt. Dan klang, als würde er aus einem Drehbuch zitieren. Bestimmt schlug er als Nächstes vor, irgendwohin zu gehen, wo sie allein wären.

„Wie wäre es, wenn wir von hier verschwinden?“, flüsterte Dan. „Und uns ein ruhiges Plätzchen suchen, wo wir ungestört sind?“

Entspann dich endlich, ermahnte Freya sich streng. Ihr Wunsch ging in Erfüllung: Sie stand am Beginn einer Affäre mit einem unglaublich attraktiven Mann. Später einmal würde sie, Freya King, behaupten können, dass auch sie das Leben in vollen Zügen genossen habe. In ungefähr dreißig Jahren, wenn sie alt und grau war und sich wegen ihres Gewichts keine Sorgen mehr zu machen brauchte, würde sie dunkle Andeutungen auf ein gebrochenes Herz machen und …

Lieber Himmel, was tat sie bloß? Sie malte sich aus, wie sie mit über fünfzig sein würde, statt die Gegenwart zu genießen!

„Als Gastgeberin kann ich nicht einfach verschwinden“, erwiderte Freya ausweichend und wünschte, sie würde sich nicht so vorkommen, als spielte sie bloß eine Rolle in einem Film – und das nicht einmal besonders gut.

„Vielleicht gehen alle bald nach Hause“, sagte Dan hoffnungsvoll.

Das hielt sie, wie sie ihre Freunde kannte, für unwahrscheinlich, erwiderte jedoch, dass sie es ebenfalls hoffe. Sie nahm ihren Mut zusammen und schmiegte sich an Dan. Als er sie auf die Wange küsste, durchflutete Wärme sie.

Endlich! Das war das richtige Gefühl. Freya hob den Kopf, und in dem Moment, bevor sich ihre und Dans Lippen trafen, spürte sie, wie jemand sie am Arm packte. Es konnte nur Lucy sein.

„Lass uns in Ruhe, Lucy!“

„Es ist wichtig!“

„Das hoffe ich in deinem Interesse!“ Widerstrebend löste sie sich von Dan, der wegen der Störung verständlicherweise gereizt wirkte. „Was gibt es denn?“

„Ich glaube, die Party ist vorbei“, erklärte Lucy und schnitt ein Gesicht, während sie zur Tür wies.

Dort stand, eine arg mitgenommene Reisetasche neben sich, ein Mann, der eine Kakihose und ein zerknittertes Hemd trug. Finster runzelte er die Stirn, was geradezu einschüchternd wirkte, da er dichte dunkle Brauen hatte. Er sah sehr müde aus. Und sehr wütend.

Freyas Herz schien vor Schreck einen Schlag lang auszusetzen. „Max!“, rief sie entsetzt.

Freya hielt sich am Rahmen der Küchentür fest und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den Mann, der gerade den Wasserkessel aufsetzte.

„Max! Du bist es tatsächlich“, bemerkte sie bedrückt. „Ich dachte, ich hätte vielleicht nur schlecht geträumt.“

„Guten Morgen, Freya. Ich freue mich auch, dich zu sehen“, erwiderte er ironisch.

„Mir ist sterbenselend“, erklärte sie schlicht.

„Hier!“ Er reichte ihr ein Glas Wasser und zwei Schmerztabletten. „Gleich gibt es Tee.“

Freya schluckte die Tabletten und setzte sich schwerfällig hin. Dann verschränkte sie die Arme auf der Tischplatte und legte den Kopf darauf, in dem sich das abspielte, was Pel anschaulich als „Hammerwerfen in der Gedächtnishalle“ bezeichnete.

„Du hast, wie ich sehe, noch immer nicht gelernt, mit Alkohol vernünftig umzugehen“, bemerkte Max und betrachtete sie missbilligend.

„Normalerweise trinke ich nicht zu viel“, verteidigte sie sich schwach. Seit sie sich auf der Feier zu Lucys einundzwanzigstem Geburtstag so blamiert hatte, achtete sie darauf, Alkohol nur mäßig zu konsumieren. „Gestern Abend war ich allerdings nervös“, fügte sie hinzu. „Vermutlich habe ich mehr Cocktails gekippt, als mir bewusst war.“

„Weshalb warst du nervös?“

Behutsam hob Freya den Kopf und stützte die Stirn in die Hand. Dass sie beabsichtigt hatte, Dan Freer zu verführen, konnte sie Max auf keinen Fall erklären.

„Das spielt keine Rolle.“ Sie fuhr zusammen, als der Kessel zu pfeifen begann. „Wenn ich gewusst hätte, dass du nach Hause kommst, wäre ich jedenfalls noch nervöser gewesen. Warum hast du mich nicht von deiner Heimreise informiert?“

„Ich musste Mbanazere überstürzt verlassen und hatte zum Anrufen keine Gelegenheit mehr“, antwortete Max. „Erst von Heathrow aus habe ich hier angerufen, aber es hat niemand abgehoben. Ich dachte, du seist ausgegangen. Woher hätte ich wissen sollen, dass bei dem Partylärm keiner das Telefon gehört hat? Nicht einmal die Nachbarn“, fügte er sarkastisch hinzu. „Die hatten wegen des Radaus übrigens schon die Polizei angerufen, was meine Laune nicht unbedingt verbesserte.“

„Ich kann mich an gestern Nacht nur undeutlich erinnern“, gestand Freya. „Natürlich erinnere ich mich an deine Ankunft, und daran, dass Lucy zu streiten anfing. Irgendwie ging es um Betttücher, oder? Habe ich dir das Bett noch bezogen?“

„Du hast es versucht. Allerdings bist du ständig gestolpert, hast die Kissen fallen lassen und bist schließlich aufs Bett gesunken. Dabei bin ich durchaus in der Lage, mein Bett ohne Hilfe zu beziehen“, fügte Max trocken hinzu. „Anscheinend wolltest du die perfekte Gastgeberin spielen, um wettzumachen, wie entsetzt du über mein Erscheinen warst. Du wolltest unbedingt mit ins Gästezimmer gehen und hast dich dort mehrmals für das Durcheinander entschuldigt.“

„Du meine Güte, es tut mir ja so leid, dass …“

„Ja, genau das hast du gestern ständig gesagt.“ Max verzog keine Miene, aber sein Blick verriet Belustigung. „Schließlich habe ich mich gefragt, ob du mich sogar ins Bett stecken und mir die Decke glatt ziehen wolltest.“

Hoffentlich habe ich nicht wieder versucht, Max zu verführen, dachte Freya entsetzt. Verschwommen erinnerte sie sich daran, wie er sich das Hemd aufgeknöpft hatte. War das in der vergangenen Nacht gewesen oder vor sechs Jahren?

„Ich hoffe, ich bin nicht zu weit gegangen“, bemerkte sie nervös.

„Jedenfalls nicht bis zum Äußersten“, beruhigte er sie. „Allerdings musste ich mir das Hemd ausziehen, um dich loszuwerden.“

„Dass der Trick funktioniert, ist kein Wunder“, erwiderte Freya pikiert und stellte verärgert fest, dass Max nun noch belustigter aussah.

„Er hat erst nach einer Weile funktioniert! Zuerst hast du nur dagestanden und mich starr angesehen. Ich dachte schon, ich müsste mich völlig ausziehen, doch dann ist bei dir der Groschen gefallen und du hast dich, heftig errötend, zurückgezogen.“

Gratuliere, Freya: mondän und kultiviert vom ersten Moment der Party an bis zum bitteren Ende, sagte sie sich ironisch.

„Wenn ich nicht so müde gewesen wäre, hätte ich deinen Ausdruck komisch gefunden.“ Max lächelte. „Du warst völlig verwirrt.“

„Freut mich, dass ich zu deiner Erheiterung beigetragen habe“, konterte sie gekränkt.

„Wenig amüsiert war ich allerdings, als ich mir später ein Glas Wasser holen wollte und dich tief schlafend auf dem Sofa im Wohnzimmer entdeckte. Da ich dich nicht wecken konnte, habe ich dich in dein Zimmer getragen und, wie ich zugebe, unsanft aufs Bett fallen lassen. Ich war einfach am Ende meiner Kraft“, fügte er entschuldigend hinzu.

Nun kam sie sich nicht nur ausgesprochen idiotisch, sondern auch übergewichtig vor. Vage erinnerte sie sich, dass sie irgendwann aufgewacht war und sich das Kleid abgestreift hatte. Er hatte sie demnach nicht ausgezogen und in der Unterwäsche gesehen.

Max goss den Tee auf, während Freya den Kopf wieder auf den Tisch legte. Der Morgen, der mit dem schlimmsten Kater ihres Lebens so schlecht begonnen hatte, wurde nicht besser. Am liebsten hätte sie die Zeit zurückgedreht – bis zu dem Punkt, an dem sie noch nie etwas von Cocktails gehört hatte.

Max füllte einen Becher mit Tee und gab mehrere Löffel Zucker dazu, dann stellte er ihn neben Freya auf den Tisch. Sie öffnete die Augen.

„Trink das“, empfahl Max ihr. „Es wird dir gut tun.“

Sie hatte nicht genug Energie, um zu widersprechen, und der Tee half tatsächlich. Max beseitigte mittlerweile die Unordnung in der Küche.

„Ich räume gleich auf“, bot Freya halbherzig an.

Er betrachtete sie flüchtig. „Ich möchte nicht warten, bis du dazu in der Lage bist. Außerdem schaffe ich nur ein bisschen Platz, um mir Frühstück zu machen. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Frühstück!“ Allein beim Gedanken daran wurde ihr elend.

„Ich habe mich gestern nicht mit Cocktails abgefüllt, und zum letzten Mal habe ich im Flugzeug gegessen, irgendwo über der Sahara.“

Bestürzt beobachtete Freya, wie er den Kühlschrank öffnete. Max’ Ausdruck sagte ihr deutlich, was er von den Vorräten hielt. Immerhin fand er eine offene Packung mit Speckscheiben, die sich an den Rändern schon aufrollten, und einen Karton mit Eiern. Hoffentlich war das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen. Es hätte ihr gerade noch gefehlt, dass Max sich eine Infektion mit Salmonellen zuzog und sie schuld daran war.

Er stellte die Pfanne auf den Herd und begann, Teller und Gläser in den Geschirrspüler zu räumen.

Beim Klirren des Bestecks und dem Klappern der Teller hatte Freya das Gefühl, man würde ihr einen Bohrer durch den Kopf treiben.

„Worüber hast du gestern mit Lucy gestritten?“, fragte sie, um sich abzulenken.

„Sie hat mit mir gestritten“, verbesserte Max sie. „Weil ich so egoistisch war, hier zu bleiben, anstatt mit ihr und Steve ans andere Ende Londons zu fahren und bei ihr zu übernachten.“ Er blickte sich spöttisch zu ihr um. „Anscheinend sollte ich dir das Apartment überlassen – und diesem Journalisten, der mit dir auf Tuchfühlung war, als ich eintraf. Tut mir leid, wenn ich dir die Pläne verdorben habe. Nach drei Tagen Reise stand dein Liebesleben allerdings nicht ganz oben auf meiner Liste wichtiger Dinge.“

„Woher weißt du, dass Dan Journalist ist?“, erkundigte Freya sich ausdruckslos.

„Er hatte die Nerven, sich mir vorzustellen, während du und Lucy herumgeflattert seid wie aufgescheuchte Hühner und versucht habt, die Gäste zum Aufbruch zu drängen.“ Max füllte Spülpulver in die Maschine und schloss sie mit einem Krachen, das Freya zusammenfahren ließ. „Er hat mir erzählt, dass er für eine Fernsehgesellschaft arbeitet, von der ich noch nie gehört habe. Außerdem wollte er, dass ich ihm alles über den Putsch berichte, damit er eine Story darüber verfassen kann.“

„Welchen Putsch?“, erkundigte Freya sich verständnislos.

„Du erinnerst dich tatsächlich an nichts mehr, oder?“ Max schüttelte den Kopf und legte zwei Scheiben Speck in die Pfanne. „Für eine Sekretärin in der Auslandsredaktion einer angesehenen Zeitung bist du außerdem erstaunlich schlecht informiert. In der Region gärt es seit Wochen, und nun hat ein Staatsstreich stattgefunden. Ich hatte angenommen, du wüsstest es und würdest täglich mit meiner Rückkehr rechnen.“

„In letzter Zeit hatte ich anderes im Kopf“, sagte sie ausweichend, denn sie wollte nicht zugeben, dass sie nicht einmal wusste, von welcher Region Max sprach.

„Schwätzer in abgewetzten Lederjacken?“, hakte er nach.

Das verdiente keine Erwiderung! Sie sah ihn kalt an. „Was genau ist passiert?“

„Ich wollte dort ein Projekt durchführen, habe es aber leider nicht beenden können, sondern bin gerade noch rechtzeitig nach Usutu zurückgekommen.“

„Usutu?“ Überrascht richtete Freya sich auf und vergoss dabei etwas Tee.

„Das ist die Hauptstadt von Mbanazere“, erklärte Max ungeduldig. „Wenigstens das weißt du, oder?“

„Natürlich.“ Sie hielt sich den schmerzenden Kopf und hatte das Gefühl, alles schon einmal genauso erlebt zu haben. Max kam aus Afrika zurück, und sofort blamierte sie sich in seinen Augen … die wie damals in dem sonnengebräunten Gesicht noch heller wirkten. Sechs Jahre waren vergangen, aber nichts hatte sich geändert.

„Ich wusste allerdings nicht, dass du in Mbanazere warst“, fügte Freya hinzu. „So ein Zufall! Erst gestern habe ich viel über Usutu gehört.“

„Vermutlich von deinem Freund, der so dickfellig wie ein Nashorn ist“, bemerkte Max scharf. „Er weiß erschreckend wenig über das Land, in das er demnächst als Korrespondent geschickt wird. Das habe ich an den dümmlichen Fragen gemerkt, mit denen er mich belästigt hat, während die Gäste endlich aufbrachen und du jedem noch einen letzten Martini aufdrängen wolltest.“

Verlegen sah Freya ihn an.

„Ich konnte seine Neugier allerdings nicht befriedigen, weil ich im Hinterland war, als die Regierung in Usutu gestürzt wurde“, fügte Max hinzu. „Erst als ich in die Stadt zurückkam, habe ich davon erfahren. Überall herrschte Aufruhr, in den Straßen patrouillierten schwer bewaffnete Soldaten. Man hat mich umgehend in ein Flugzeug verfrachtet – und hier bin ich nun.“

3. KAPITEL

Ja, da war Max nun. Freya staunte, wie vertraut er ihr erschien. Ihr kam es so vor, als hätte sie ihm schon tausend Mal beim Zubereiten des Frühstücks zugesehen. Wieso fand sie die Situation nicht absurd? Sie saß im Bademantel am Tisch, hatte einen fürchterlichen Kater und sprach mit Max über die politische Lage in Afrika – trotzdem fühlte es sich irgendwie … richtig an.

Freya konnte sich gut vorstellen, wie Max inmitten eines um ihn her tobenden Aufruhrs ruhig die Lage sondierte und Entscheidungen traf. Er war so gelassen und kompetent, dass es ihr manchmal auf die Nerven ging, aber falls sie jemals von einer Revolte überrascht werden sollte, hätte sie niemand lieber an ihrer Seite als Max.

„Hättest du nicht in Usutu bleiben können?“, fragte sie und rührte nachdenklich im Tee.

„Wozu? Um allen im Weg zu sein?“ Max drehte die Speckscheiben in der Pfanne um. „Da ich kein Arzt bin, hätte ich mich nicht nützlich machen können. Nein, es war das Vernünftigste, nach England zurückzukommen. Hier kann ich Geld für das Projekt auftreiben, und sobald sich die Lage in Mbanazere beruhigt hat, gehe ich dorthin zurück.“

Das Vernünftigste zu tun war typisch für ihn. Nur einmal hatte er dieses Prinzip nicht befolgt – nach Lucys Geburtstag. Bei der Erinnerung errötete Freya.

„Wie lange kann es dauern?“, erkundigte sie sich rasch.

„Schwer zu sagen.“ Max zuckte die Schultern. „Einen Monat, sechs Wochen? Vielleicht auch länger.“

„Mindestens einen Monat?“, hakte sie bestürzt nach und sah sich bedauernd um. „Dann muss ich schleunigst eine andere Wohnung finden.“

„Kannst du bis dahin irgendwo unterkommen?“, fragte er nach einer kurzen Pause.

„Ja, bei einem Freund.“ Sie dachte an Pel.

„Etwa diesem Journalisten, an den du dich gestern geschmiegt hast?“ Max’ Ausdruck verfinsterte sich.

„Bei Dan? Nein, den kenne ich doch kaum.“

„Darauf wäre ich nie gekommen!“, bemerkte Max spöttisch.

„Na ja, vielleicht könnte ich ihn doch bitten, mich aufzunehmen“, überlegte Freya laut. Wenn sie Dan noch für sich gewinnen wollte, war es vielleicht kein schlechter Schachzug, bei ihm einzuziehen. Es würde bestimmt die Beziehung festigen.

Welche Beziehung? fragte eine innere Stimme sie, der sie recht geben musste. Dan hatte am Abend zuvor zwar durchaus Interesse an ihr gezeigt, aber sie konnte doch nicht mit ihren Siebensachen bei ihm aufkreuzen, nur weil er nach einigen Cocktails mit ihr geflirtet hatte!

„Nicht nötig, ihn zu bitten.“ Gereizt schob Max die Speckscheiben in der Pfanne hin und her. „Du kannst weiterhin hier wohnen.“

„Und was ist mit dir?“

„Das Apartment ist groß genug. Vermutlich bleibe ich ohnehin nur einige Wochen hier, und ich werde bestimmt nicht oft zu Hause sein.“ Er zögerte kurz, bevor er weitersprach. „Lucy sagte, du hättest finanzielle Probleme. Deshalb war ich einverstanden, dir das Apartment zu überlassen, während ich in Afrika zu tun hatte.“

Freya war betroffen. „Mir hat sie erzählt, du hättest dringend jemand gesucht, der die Wohnung hütet.“

„Stimmt es, dass du knapp bei Kasse bist?“

Sie zuckte die Schultern. „Du weißt ja, wie das ist“, erwiderte sie bewusst beiläufig. „Zur Zeit habe ich die eine oder andere finanzielle Verpflichtung.“

„Welche? Du musst keine Hypothek abbezahlen, du hast keine Kinder, kein Auto – nicht einmal einen Hund!“

„Aber eine Kreditkarte“, erwiderte sie kleinlaut. Immer wieder ließ sie sich zu unüberlegten Käufen hinreißen, seit sie nichts weiter zu tun brauchte, als die Karte zu überreichen.

Max fand das nicht komisch. „Meinst du nicht auch, dass du deine finanzielle Situation bereinigen solltest?“ Er schlug zwei Eier in die Pfanne.

„Jetzt klingst du genau wie mein Vater“, warf Freya ihm gekränkt vor. „Oder Pel. Ich versuche zurzeit, alles ins Reine zu bringen. Deshalb war ich froh, als Lucy mir sagte, ich könne hier mietfrei wohnen und mich im Gegenzug um das Apartment kümmern.“

Schweigend wandte er nochmals die Speckscheiben um.

Sie ahnte, woran er jetzt dachte: wie das Wohnzimmer momentan aussah. „Ich habe mich wirklich darum gekümmert“, verteidigte sie sich. „Jetzt herrscht natürlich ein fürchterliches Durcheinander, aber das ist in null Komma nichts beseitigt. Ich verspreche es. Normalerweise sieht es hier nicht so aus.“

„Gut, ich glaube dir.“ Max legte die Spiegeleier und den Speck auf einen Teller, den er auf den Tisch stellte.

Rasch wandte Freya den Blick ab. Sie konnte Essen im Moment nicht einmal ansehen.

Max nahm sich eine Scheibe Toast und strich Butter darauf. „Unter den gegebenen Umständen halte ich es für das Beste, wenn wir beide in der Wohnung bleiben. Ich will nicht, dass Lucy mir in den Ohren liegt, ich hätte dich auf die Straße gesetzt. Natürlich liegt die Entscheidung bei dir. Wenn du lieber ausziehen möchtest, habe ich volles Verständnis dafür.“

„O nein“, erwiderte Freya schnell. „Ich würde wirklich gern bleiben, nur … Würdest du es nicht ein bisschen peinlich finden?“

„Was denn?“

„Dass wir zusammenleben, das heißt, wir würden ja nicht zusammenleben im üblichen Sinn, aber …“ Wieder verstummte sie mitten im Satz und war sich Max’ kühlen Blicks überdeutlich bewusst. Sie rieb sich die Augen und wünschte, sie hätte sich das Gesicht gewaschen und die Haare gekämmt, bevor sie sich ihm zeigte.

„Ach so, du denkst, ich könnte die Finger nicht von dir lassen, richtig?“ Er klang amüsiert.

Freya hob den Kopf und funkelte Max an. „Es wäre ja nicht das erste Mal, oder?“

„Ach, das ist des Pudels Kern“, bemerkte er nach kurzem Zögern und widmete sich so gelassen seinem Frühstück, als würden sie nichts Wichtigeres diskutieren als das Wetter. „Du möchtest wissen, ob es mir peinlich wäre, die Wohnung mit dir zu teilen, weil wir einmal miteinander geschlafen haben“, fasste er zusammen.

„Nein, na ja … doch.“ Errötend drehte sie den Teebecher hin und her. Wie schaffte Max es nur immer wieder, dass sie sich wie eine Närrin vorkam?

„Freya, das war vor Jahren“, fügte er hinzu. „Wir waren uns damals einig, es als Ausrutscher anzusehen, der nur passiert ist, weil wir beide nicht mehr klar denken konnten. Soweit ich mich erinnere, warst du diejenige, die darauf bestanden hat, es würde nichts bedeuten. Wenn es damals nicht wichtig war, weshalb sollte es das jetzt sein? Wir haben doch nicht die vergangenen fünf Jahre damit verbracht, ständig an den Vorfall zu denken, oder?“

Es ist sechs Jahre her, und sprich für dich, nicht für uns beide, erwiderte sie im Stillen. Laut sagte sie: „Ein schlichtes Nein hätte als Antwort auf meine Frage genügt, ob dir das Zusammenleben mit mir nicht peinlich ist. Wozu die Vergangenheit aufrühren?“

„Macht es dir zu schaffen, dass wir mal miteinander geschlafen haben?“

„Natürlich nicht!“

„Dann bereitet es weder dir noch mir Kopfzerbrechen“, bemerkte er energisch.

Am liebsten hätte sie ihn mit der Gabel attackiert. „Schon gut, schon gut, du hast deinen Standpunkt überzeugend klargemacht.“ Sie rieb sich die schmerzende Stirn.

„Ehrlich gesagt wundert es mich, dass du dich an die Nacht damals überhaupt erinnerst, Freya.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte sie aufgebracht.

„Du warst sehr müde und … verstört.“

„Warum sagst du nicht geradeheraus, dass ich sturzbetrunken war?“, fuhr sie ihn an.

„Das warst du außerdem“, stimmte er spöttisch zu. „Ich wollte allerdings darauf hinaus, dass du wegen des Streits mit deinem damaligen Freund verstört warst. Du hast mir vorgejammert, wie sehr du ihn liebst und dass du ohne ihn nicht leben könntest. Da habe ich natürlich angenommen, dass unser Zusammensein dir nicht viel bedeutet hat. Du hast es später auch nie mehr erwähnt. Und immer, wenn ich dich seitdem wieder gesehen habe, was selten genug war, warst du von Männern umringt. Deshalb habe ich angenommen, du hättest die Nacht mit mir vergessen.“

Moment mal, welche Männer? hätte Freya am liebsten gefragt. Lucy zufolge merkte sie zwar nie, wenn sich jemand für sie interessierte, aber es wäre sogar ihr aufgefallen, wenn Männer sich in Scharen um sie gedrängt hätten – außer am kalten Büfett natürlich.

„Ich war …“, begann sie, überlegte es sich aber anders. Max brauchte nicht zu wissen, dass ihr seit damals kein Mann ernsthaft etwas bedeutet hatte. Das würde womöglich so klingen, als hätte sie Max nie vergessen – was natürlich lächerlich war! Sollte er ruhig glauben, sie hätte so viele Verehrer gehabt, dass ihr keine Zeit geblieben war, an ihn zu denken. Wenn er annahm, sie sei begehrt, tat das ihrem Selbstbewusstsein gut, das ansonsten unter seiner Missbilligung und seinen spöttischen Bemerkungen zu leiden hatte.

„Ach ja, jetzt fällt mir ein, wen du meinst“, sagte sie und hoffte es würde so klingen, als hätte sie überlegen müssen, wer von ihren ungezählten Verehrern sie jeweils zu den Anlässen begleitet hatte, bei denen sie und Max sich getroffen hatten.

Er stand auf und schob eine Scheibe Brot in den Toaster. „Gut, somit haben wir geklärt, dass uns das Zusammenleben nicht peinlich ist, was nicht heißt, dass es auch reibungslos verlaufen wird.“

„Wieso?“ Freya war froh, dass er das Thema wechselte.

„Du bist vielleicht glücklich, auf einer Müllkippe zu leben, ich bevorzuge Ordnung in meiner Umgebung.“

Ordnung! Ein für Max typischer Begriff, wie „vernünftig“ oder „logisch“. Freya war versucht zu behaupten, dass fanatischer Ordnungssinn Symptom eines unbewussten Minderwertigkeitskomplexes sei, hielt sich aber zurück, als ihr einfiel, dass sie Max besser nicht verärgerte, wenn sie nicht hinausgeworfen werden wollte.

„Gestern Abend fand hier eine Party statt“, erinnerte sie ihn. „Ordentliche Partys gibt es nicht.“

„Wurde auch im Schlafzimmer gefeiert? Dort sieht es so aus, als hätte man den gesamten Bestand einer Boutique auf dem Boden verstreut.“

„Ich war mir nicht sicher, ob ich das rote Kleid anziehen sollte oder etwas anderes, und dann wurde mir die Zeit knapp“, erklärte Freya hoheitsvoll.

„Freya, in deinem Zimmer kannst du tun und lassen, was du willst. Ich schlage jedoch vor, dass wir einige Regeln für die Bereiche Küche, Bad und Wohnzimmer aufstellen.“

„O ja!“, stimmte sie ironisch zu. „Stellen wir einen Plan auf, wer was wann macht. Melde mich freiwillig zum Einkaufen, Sir!“

Max betrachtete sie voll Abneigung, während er das Brot aus dem Toaster nahm. „Wenn du unbedingt kindisch sein willst …“ Das Telefon klingelte, und er hob ab. „Ja … Wer?“ Er runzelte die Stirn. „Einen Moment. Für dich.“ Er reichte Freya den Hörer und verzog den Mund. „Dan Freer.“

„Hallo, Dan! Nett, dass du anrufst.“

Dan bedankte sich nochmals für die Einladung zu der gelungenen Party und fragte Freya dann beiläufig, ob sie schon die Zeitung gelesen habe.

„Nein, ich hatte noch keine Gelegenheit“, antwortete sie diplomatisch, obwohl die richtige Antwort gelautet hätte: Ich konnte mich noch nicht dazu aufraffen, eine zu kaufen.

„Ich habe meinen Artikel in der neuesten Ausgabe untergebracht und wollte mich bei deinem Vermieter für die Informationen über Usutu bedanken. Wie heißt er doch gleich?“

„Er heißt Max. Max Thornton“, antwortete sie zögernd. Es war ihr peinlich, dass Max mitbekam, wie sie über ihn redeten.

„Richte ihm schöne Grüße von mir aus.“

„Okay“, stimmte sie zu, obwohl sie nicht daran dachte, es zu tun. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Max reagieren würde, wenn sie ihm ausgerechnet Grüße von Dan Freer übermittelte.

„Und nun …“ Dan senkte verführerisch die Stimme. „Wo waren wir gestern stehen geblieben, als wir so rüde unterbrochen wurden? Möchtest du mit mir zu Mittag essen – und wir machen danach weiter wie gehabt?“

Freya wandte Max den Rücken zu. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mittags schon etwas essen kann. Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin ein bisschen verkatert.“

Im Hintergrund lachte Max leise. „Ein bisschen nennt sie das!“

„Und wie wäre es mit Abendessen?“, fragte Dan einschmeichelnd.

„Sag ihm, dass du erst in ungefähr einer Woche wieder fit zum Ausgehen bist“, rief Max dazwischen.

„Was war das?“, fragte Dan.

„Nichts!“ Sie wandte sich kurz Max zu und funkelte ihn an. „Abendessen wäre wunderbar.“

„Großartig. Ich hole dich ab. Ist dir halb acht recht?“

„Ja. Ich freue mich schon darauf. Bis dann!“ Sie schloss die Augen, nachdem sie aufgelegt hatte. Heute war ihr wirklich nicht nach Ausgehen und Flirten zumute.

Warum nur hatte sie sich von Pel und Lucy einreden lassen, ihr Leben zu ändern? Sie war doch zufrieden gewesen, zu Hause zu sitzen und zu hoffen, dass der Richtige eines Tages einfach an der Tür stehen würde. Wenn ihre Freunde ihr nicht eine stürmische Affäre förmlich verordnet hätten, hätte sie sich niemals Dan Freer in den Kopf gesetzt, sie hätte keine Party gegeben – und sie hätte jetzt nicht diesen grässlichen Kater!

Statt sich einen gemütlichen Sonntag vor dem Fernseher zu machen, musste sie sich die Haare waschen, sich schminken und etwas zum Anziehen suchen, das auf dezente Weise verführerisch war. Und wenn Dan sie dann abholte, musste sie munter und amüsant sein – ach ja, und sie durfte nicht vergessen, über seine Witze zu lachen.

Seufzend barg Freya den Kopf wieder in den Armen. Nein, es wurde ihr einfach zu viel.

„Wenn du nicht mit ihm ausgehen möchtest, warum hast du es ihm nicht gesagt?“, fragte Max feindselig.

„Ich habe nur Kopfweh, das ist alles. Heute Abend geht es mir wieder gut. Ich sage doch keine Verabredung mit Dan Freer ab!“

„Was ist so unwiderstehlich an ihm?“

„Mal sehen: Er ist anständig, alleinstehend und attraktiv. Außerdem ist er sehr sexy, intelligent, witzig und einfühlsam.“ Max sah völlig unbeeindruckt aus, deshalb fügte sie hinzu: „Er ist einfach großartig, man hat Spaß mit ihm, er besitzt das gewisse Etwas … Muss ich noch weitermachen?“

„Lieber nicht, mir ist jetzt schon schlecht“, erwiderte Max zynisch.

„Und er ist wirklich nett“, fügte Freya, ihn nicht beachtend, hinzu. „Die meisten Reporter wollen sich nur über ihre Spesen beklagen, aber Dan ist anders. Egal, von wo aus er anruft, er zeigt immer Interesse. Wir haben schon viele nette Gespräche geführt. Ich kann es nicht erklären, aber es ist, als bestünde zwischen uns eine Verbindung.“

„Ja, die nennt man Satellitentelefon.“ Max lachte spöttisch.

„Ich hätte mir denken können, dass du mich nicht verstehst.“

„Wie recht du hast! Ich verstehe wirklich nicht, wie eine halbwegs intelligente Frau sich für einen Mann begeistern kann, der nichts zu bieten hat als attraktives Aussehen und einen gewissen oberflächlichen Charme. Den furchtlosen Berichterstatter spielt er doch nur, dieser Wichtigtuer! Ein Mann wie er nutzt dich aus und lässt dich fallen, sobald er keine Verwendung mehr für dich hat.“

„Erstaunlich!“ Freya tat so, als wäre sie beeindruckt. „Das alles weißt du, nachdem du dich dreißig Sekunden mit ihm befasst hast?“

„Ja. In Afrika begegne ich ständig Reportern seines Schlags. Sie bilden sich ein, sie würden die Lage durchschauen, nachdem sie in dubiosen Bars mit einigen alten Schluckspechten geplaudert haben. Sie sind lediglich an ‚Kontakten‘ und ‚Storys‘ interessiert, sie fragen nicht, was sie für dich tun können, sondern nur, was du für sie tun kannst.“

Angewidert verzog er das Gesicht, und sein Blick war ernst.

„Männer wie Dan Freer sind nur an einem interessiert: an sich. Ich glaube, du solltest vorsichtig sein, wenn du dich mit ihm einlässt.“

„Ich bin es leid, ständig vorsichtig zu sein“, erwiderte Freya. „Zur Abwechslung möchte ich riskant leben! Die meisten Männer, die ich kenne, sind nett, aber schrecklich normal. Dan ist anders. Ich spüre, dass wir eine ganz besondere Beziehung haben könnten.“

„Freya, du glaubst doch nicht, dass Dan ehrlich an dir interessiert ist, oder?“

„Er hat mich zum Essen eingeladen. Bestimmt hätte er das nicht getan, wenn er nicht an mir interessiert wäre, oder?“

„Er will etwas von dir“, sagte Max ausdruckslos.

„Und was? Ich bin doch nicht die Geliebte eines Ministers, die ihm Staatsgeheimnisse verraten könnte!“

Gelassen goss er sich noch Tee ein. „Wirf mir später bitte niemals vor, ich hätte dich nicht gewarnt, Freya!“

„Lucys Bruder wirkt ein bisschen abweisend, stimmt’s?“, fragte Pel.

Freya hatte sich mit ihm im Fitnesscenter verabredet, um mit hartem Training die letzten Nachwirkungen des Katers zu bekämpfen. Nun saßen sie Seite an Seite auf Hometrainern und besprachen ausführlich die Party.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dich jahrelang vor Sehnsucht nach ihm verzehrt hast“, fügte er hinzu.

„Das habe ich nicht getan“, protestierte sie empört.

„Für mich klang es so“, erwiderte er herausfordernd. „Als hätte keiner deiner Bekannten bisher Max das Wasser reichen können.“

„Unsinn!“

Pel lächelte breit. „Wie ist es, wenn man mit dem Mann seiner Träume lebt?“

„Grässlich! Max räumt die ganze Zeit auf. Er ist wie besessen davon, Verschlüsse wieder auf Gläser zu schrauben und mich dumm dastehen zu lassen.“

„Wie das?“

„Ich weiß auch nicht, wie er es macht, aber er tut es“, antwortete Freya schmollend. „Vielleicht liegt es daran, wie er mich ansieht – und an seinen sarkastischen Bemerkungen.“

„Wenn es so schlimm ist, zieh für eine Weile zu mir und Marco.“

Freya war gerührt, dass Pel ihr dieses Angebot machte, denn sein Haus war sehr klein, eigentlich nur für eine Person gedacht, und zu dritt würde es eng werden.

„Das ist wirklich lieb von dir, Pel, aber ich komme schon klar. Max fährt nach Afrika, sobald er kann. Es hätte nicht viel Sinn, wenn ich in der Zwischenzeit ausziehe. Ich weiß auch nicht, warum ich das tun sollte“, fügte sie trotzig hinzu. „Es ist ja nicht meine Schuld, dass in Mbanazere ein Putsch stattgefunden hat, oder?“

„Denk einfach nicht länger an Max“, empfahl Pel ihr. „Wie ist denn das Date mit Dan gestern Abend gelaufen?“

„Ach … gut.“

„Gut? Was ist denn das für eine Antwort? Wir sprechen von dem Mann, der Millionen Frauen veranlasst, den Fernseher einzuschalten und sich Berichte über die politische Lage in Ländern anzusehen, von denen sie vorher nie gehört hatten. Demjenigen, für den jede Frau auf deiner Party ihr letztes Hemd ausgezogen hätte, wenn er sie nur angelächelt hätte. Und du nennst ein Date mit ihm lediglich ‚gut‘?“

Freya setzte sich bequemer hin. Sie wollte, nein, sie konnte nicht erklären, warum der Abend so unbefriedigend verlaufen war. Dan hatte sie abgeholt, sich zuerst jedoch ausschließlich Max gewidmet und ihm Fragen zur aktuellen Lage in Mbanazere gestellt. Womöglich hat Dan mich nur eingeladen, um Kontakt zu Max zu bekommen, dachte sie.

Max vermutete anscheinend dasselbe, wie sein spöttischer Blick bewies, als sie und Dan endlich aufbrachen.

Im Restaurant tat sie ihr Bestes, um sich zu beweisen, dass sie Dan mehr bedeutete als nur eine nützliche Kontaktperson. Im Verlauf des Abends ertappte sie sich jedoch immer öfter dabei, wie sie nach Ausflüchten suchte, um früh nach Hause gehen zu können.

Dabei gab es Tausende, nein, sogar Millionen von Frauen, die gern mit ihr getauscht hätten. Sie hätte im siebenten Himmel schweben müssen, anstatt verstohlen auf die Uhr zu blicken, sie hätte enttäuscht statt erleichtert sein sollen, als Dan sie zum Abschied nur flüchtig auf die Wange küsste. Das Seltsamste war, dass ihn ihre Zurückhaltung anscheinend faszinierte. Er hatte versprochen, sie anzurufen, aber die Aussicht begeisterte sie nicht.

„Ich weiß auch nicht, warum ich keinen Enthusiasmus aufbringen konnte, Pel“, gestand Freya nun und blickte seufzend auf die Uhr, ob die Trainingszeit nicht endlich um wäre. „Vermutlich lag es daran, dass ich müde und noch immer ein bisschen verkatert war und … ach, ich weiß nicht! Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt Sinn hat, weil Dan doch in weniger als drei Wochen nach Afrika geht.“

„Na und? Fahr ihm einfach nach“, schlug Pel vor.

„Eine Reise nach Afrika kann ich mir ja auch problemlos vom Taschengeld leisten“, erwiderte sie ironisch.

„Du müsstest nur den Flug bezahlen, weil du die ganze Zeit mit Dan verbringen und so das Geld für ein Hotelzimmer sparen würdest.“

„Ich kann ihm nicht nach Mbanazere nachreisen, wenn dort gerade eine Rebellion im Gang ist. Außerdem würde er glauben, ich laufe ihm nach.“

Pel machte eine wegwerfende Geste. „Bis du nach Afrika kommst, ist der Staatsstreich vorbei. Du kannst in Usutu auftauchen, Dan überraschen und behaupten, es sei ein Zufall. Sag, du hättest die Reise bei einem Preisausschreiben gewonnen.“

Er erwärmte sich zusehends für das Thema.

„Soviel ich gehört habe, ist die Küste im Norden von Usutu momentan total gefragt bei Leuten, die auf einsame Strände statt Nachtleben stehen. Das ist absolut nicht mein Ding, aber du bist doch für Romantik, oder? Wenn du es nicht schaffst, aus der Kombination Dan Freer, einsamer Strand und Mondlicht etwas zu machen, will ich mit dir nichts mehr zu tun haben.“

Freya wollte die Idee als lächerlich abtun, überlegte es sich jedoch anders. Vielleicht hatte Pel recht. Seit Max ihr Jahre zuvor von Mbanazere erzählt hatte, hatte sie sich insgeheim danach gesehnt, dieses Land zu besuchen. Natürlich würde sie nicht Dans wegen dorthin reisen, aber er bot einen ausgezeichneten Vorwand.

Dann stand sie auch nicht unter Druck, die Affäre innerhalb der folgenden drei Wochen absolvieren zu müssen, noch dazu unter Lucys und Pels unermüdlicher Anteilnahme. Bestimmt würden die beiden über jeden kleinen Fortschritt auf dem Laufenden gehalten werden wollen.

Freya trat, in Gedanken versunken, kräftig in die Pedale. Ja, allein nach Afrika zu reisen klang nach riskanter Lebensweise. Wenn sie dort Dan traf und sich aus der Begegnung mehr entwickelte, umso besser. Wenn nicht, konnte sie zurückkommen und den alten Trott wieder aufnehmen in dem Bewusstsein, wenigstens einmal das Unübliche getan zu haben.

Als sie merkte, wie ihre Gedanken immer mehr von der Affäre mit Dan abschweiften, riss Freya sich zusammen. Nein, so ging das nicht! Wenn ihr an einem tollen Mann wie Dan nichts lag, konnte sie gleich ins Kloster gehen!

Ja, ich will ihn, redete sie sich ein. Sie wünschte nur, sie hätte nicht damit geprahlt, sie würde ihr Leben ändern. Plötzlich kam ihr die Eroberung Dans wie eine leidige Aufgabe vor, die sie erledigen musste, nur um sich zu beweisen, dass sie es schaffte – nicht weil sie in ihn verliebt war.

In Afrika war dann bestimmt alles anders! Wenn sie Hand in Hand mit Dan einen im Mondlicht gleißenden Strand entlangspazierte, mussten doch romantische Gefühle aufkommen!

„Ich könnte mich ja mal wegen Flügen nach Usutu erkundigen“, überlegte Freya laut.

„Und du solltest gleich morgen deinen Urlaub beantragen“, riet Pel ihr. „Das Timing muss perfekt sein. Wenn du bei Dan auftauchst, bevor er noch Zeit hatte, seine Koffer auszupacken, fühlt er sich bedrängt. Wenn er jedoch zwei, drei Wochen dort gewesen und der Reiz des Neuen verflogen ist, wird er sich über den Besuch einer Bekannten freuen, weil er noch keine neuen Freunde gefunden hat.“

„Pel, ich kann mir einen Flug so bald nicht leisten“, wandte sie ein. „Ich habe mein Konto bereits wegen der Party überzogen.“

„Uns fällt schon was ein. Es gibt genug Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Erst vor kurzem habe ich einen Beutel Kartoffeln gekauft, auf den ein Preisausschreiben mit einem Hauptgewinn von einer Million Pfund aufgedruckt war.“

„Hast du den ersten Preis gewonnen?“

„Nein, aber einer ist immer der Glückliche. Warum nicht du?“

„Gut, dann kaufe ich mir auf dem Heimweg gleich einige Lose“, versprach Freya nachgiebig.

Der erste Glücksfall bestand darin, dass Dan am folgenden Tag zu ihr ins Büro kam.

„Hallo!“, begrüßte er sie und lehnte sich an den Schreibtisch.

„Jeremy ist in einer Besprechung“, informierte sie Dan. Zu ihr wollte er bestimmt nicht. Bei dem Abendessen mit ihm hatte sie sich nicht als geistreiche Begleiterin erwiesen, und er hatte sich ganz sicher mit ihr gelangweilt.

„Hast du am Freitagabend schon etwas vor?“, erkundigte er sich und betrachtete sie anerkennend.

„Nichts Besonderes“, erwiderte Freya und opferte damit kurz entschlossen eine Verabredung mit Pel und Marco. Diesmal werde ich die Gelegenheit beim Schopf packen, schwor sie sich. Sie würde nicht alles verderben, indem sie müde und abweisend war und sich frühzeitig entschuldigte!

„Ich möchte meinen neuen Job als Korrespondent endlich gebührend feiern“, erklärte Dan. „Um neun Uhr im Copacabana. Sag, dass du kommst!“

Das Copacabana war die neueste Bar, die in der Gegend um die Fleet Street eröffnet hatte. An Freitagabenden war sie immer gesteckt voll, man verstand sein eigenes Wort nicht, und Sitzplätze waren Mangelware. Nicht der ideale Ort für ein Rendezvous! Allerdings zählte jetzt nur, dass Dan sie ein zweites Mal eingeladen hatte – und diesmal würde sie ihn wissen lassen, dass sie an ihm interessiert war.

Sie lächelte verführerisch, wobei sie sich albern vorkam, aber es schien zu funktionieren, denn Dans Augen begannen zu funkeln, und sein Lächeln wurde breiter.

Na bitte, es ist ganz einfach, wenn man weiß, wie es geht, dachte Freya zufrieden und nahm die Einladung an.

Lucy war begeistert, als Freya sie anrief und ihr von dem Date berichtete.

„Das rote Kleid kannst du nicht noch mal anziehen. Das wäre zu auffallend – und eine lange Hose darfst du auch nicht tragen!“ Lucy konzentrierte sich sofort auf die praktischen Fragen. „Ich leihe dir einen kurzen Rock. Es hätte keinen Sinn, wenn du deine besten Seiten versteckst.“

„Ich dachte, meine Persönlichkeit sei mein besonderer Vorzug“, warf Freya wie nebenbei ein.

Lucy ließ sich auf diese unsinnige Bemerkung nicht ein. „Freya, sei bitte nicht schwierig! Mit etwas Glück wird es die Nacht der Nächte, deshalb musst du vorbereitet sein: perfekt gepflegt von den Haar- bis in die Zehenspitzen.“

Freya schrieb sich jeden Schritt des von Lucy verordneten Pflegeprogramms auf. Schon bald summte ihr der Kopf vor Anweisungen über Schmirgeln, Wachsen und Polieren, und sie kam sich allmählich wie ein Gebrauchtwagen vor, den man aufmöbelte, damit er den Blick eines möglichen Käufers auf sich zog.

„Ich habe nicht genug Zeit für das Programm“, protestierte sie schließlich, als sie „Körperpeeling“ notierte. „Bis ich damit durch bin, ist der nächste Freitag längst vorbei.“

„Jammer nicht!“, befahl Lucy. „Du wirst noch froh sein, dass ich dich zu diesen Anstrengungen gezwungen habe: wenn Dan dich ins Schlafzimmer trägt, dich auf das Bett mit den schwarzen Satinlaken gleiten lässt und flüstert: ‚Wie wunderschön du bist, Freya!‘ Stimmt’s?“

Freya versuchte, sich die Szene vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Max hatte behauptet, er sei völlig erschöpft gewesen, nachdem er sie das kurze Stück vom Sofa ins Bett geschleppt hatte. Nein, Dan würde eine Frau ihres Formats bestimmt keinen Meter weit tragen.

„Du willst doch sinnlich und strahlend aussehen, oder?“, fügte Lucy hinzu. „Persönlichkeit ist ja schön und gut, aber wenn deine Haut rau wie ein Reibeisen ist und Dan sich beim Streicheln die Hände zerkratzt, wird er dich in Usutu nicht unbedingt mit offenen Armen willkommen heißen. Richtig?“

„Sehr richtig!“, stimmte Freya betroffen zu. Dan war mit Sicherheit an schlanke, geschmeidige Frauen mit seidiger Haut gewöhnt, die außerdem in sämtlichen erotischen Raffinessen bewandert waren. Um ihn verführen zu können, musste sie tatsächlich das Beste aus sich machen.

„Ich besorge mir gleich auf dem Weg ins Fitnesscenter einen Massagehandschuh“, versprach sie.

Dan hatte sie zwar nur zu einem Drink eingeladen, aber es war, wie Lucy richtig sagte, auf jeden Fall besser, allzeit bereit zu sein.

4. KAPITEL

Am Ende der Woche war Freya völlig erschöpft, weil sie jeden Tag im Fitnesscenter fieberhaft trainiert hatte, um ihren Körper zu straffen. Hinzu kam, dass sie jeden Morgen doppelt so lange wie üblich brauchte, um sich fertigzumachen: Sie bearbeitete sich mit einer trockenen Bürste, bevor sie unter die Dusche ging. Dort rubbelte sie sich mit einem Massagehandschuh so kräftig ab, dass sie oft schmerzlich stöhnte, und dann trug sie eine spezielle Körperlotion auf.

Erst danach widmete sie sich Gesicht und Haaren. Sie musste eine Stunde früher aufstehen, um die gesamte Prozedur zu absolvieren.

Am Freitag eilte Freya von der Arbeit nach Hause, um sich bis abends den letzten Schliff zu geben. Als Erstes lackierte sie sich, im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzend, sorgfältig die Nägel. Nebenbei las sie einen Artikel in ‚Cosmopolitan‘ über erotische Techniken, die sinnliche Höhepunkte garantierten, was angeblich sogar wissenschaftlich bewiesen worden war.

Wie das? überlegte Freya und versuchte, sich die detaillierten Anweisungen zu merken. Dan sollte nicht denken, dass sie unerfahren sei! Hoffentlich verzichtete er wenigstens auf die eher akrobatischen Positionen, denn trotz ihrer Stunden im Fitnesscenter war sie dafür bestimmt nicht gelenkig genug.

Unwillkürlich dachte sie an die eine Nacht mit Max und ließ das Magazin sinken. Damals hatte sie keine Tipps aus ‚Cosmopolitan‘ gebraucht. Max’ feste Hände, sein muskulöser Körper und die warmen Lippen hatten genügt. Ihr stockte der Atem, als sie sich erinnerte, wie erregt sie gewesen war und wie unerklärlich leidenschaftlich sie auf seine Liebkosungen reagiert hatte.

Freya schloss die Augen. Die Erinnerungen waren so lebendig, dass es erst sechs Minuten statt sechs Jahre her zu sein schien! Warum war es so erregend gewesen? Vielleicht, weil es völlig unerwartet geschehen war?

Manchmal fragte sie sich, wie sich ihre Beziehung zu Max entwickelt hätte, wenn er damals in England geblieben wäre. Vielleicht hätten sie sich ineinander verliebt? Und ob es dann jetzt auch noch so wäre, dass allein schon seine Lippen und Hände auf ihrer Haut dasselbe erregende Prickeln, das heftige Begehren und …

„Du bist, wie ich sehe, sehr beschäftigt.“

Sie öffnete die Augen und setzte sich rasch auf, als sie die kühle, ironische Stimme hörte. Das Magazin glitt zu Boden, und sie verschmierte den noch feuchten Nagellack, als sie es aufzufangen versuchte.

„Da, sieh mal, was du angerichtet hast!“, warf Freya Max vor, um sich nicht anmerken zu lassen, wie verwirrt sie war. Ihr Herz klopfte wie rasend.

„Es tut mir leid, wenn ich unabsichtlich Ursache eines so tragischen Zwischenfalls war“, erwiderte er sarkastisch.

„Jetzt kann ich noch mal von vorn mit Lackieren anfangen, dabei gehe ich in einer Stunde aus!“, beklagte sie sich.

Seine Miene verfinsterte sich. „Mit deinem Journalisten?“

„Ja.“

„Ach, das erklärt, warum du in der vergangenen Woche so intensiv an deiner Verschönerung gearbeitet hast“, bemerkte er boshaft.

Freya war überrascht, dass es Max aufgefallen war. Sie hatten sich nur selten gesehen, weil er das Apartment morgens meist vor ihr verließ und erst spät nach Hause kam. Die Abende verbrachte er mit dem Abfassen von Berichten.

Herausfordernd hob sie das Kinn. „Ich möchte für Dan besonders gut aussehen.“

Er lachte anzüglich, während er sich bückte, um das Magazin aufzuheben. Zu spät bemerkte sie, dass es offen dalag, aufgeschlagen bei dem Artikel, den sie gerade gelesen hatte.

„Ach, holst du dir noch schnell einige Tipps?“ Max warf ihr einen spöttischen Blick zu.

Errötend nahm sie ihm das Magazin weg. „O nein! Dan braucht keine guten Ratschläge in diesem speziellen Bereich.“

„Ach, deshalb hast du so verträumt lächelnd dagesessen?“

Freya schluckte trocken, als ihr beschämt einfiel, woran sie tatsächlich gedacht hatte. „Was meinst du denn?“, konterte sie und war dankbar, dass er nicht Gedanken lesen konnte, auch wenn er manchmal unheimlich scharfsinnig war.

Er verzog die Lippen und musterte missbilligend den Couchtisch, auf dem ein Durcheinander von Nagellack, Wattebäuschen und sonstigen Utensilien für die Maniküre herrschte.

„Ich hoffe, du räumst das noch weg, bevor du zu deinem Rendezvous gehst, Freya.“

„Natürlich. Soll ich es alphabetisch ablegen oder nach dem Kaufdatum geordnet?“

„Das ist mir egal, Hauptsache du lässt es nicht hier!“ Finster betrachtete Max sie. „Gestern habe ich eine Stunde gebraucht, um das Wohnzimmer aufzuräumen. Und bitte, leg die Sachen auch nicht in die Küche! Da habe ich drei Lippenstifte und eine Tube gefunden, bei der ich gar nicht erst wissen will, was sie enthält. Warum musst du immer alles herumliegen lassen?“

„Weil ich, im Gegensatz zu dir, nicht alles zwanghaft unter Kontrolle haben möchte“, erwiderte Freya. „Ich kann mir denken, was ein Psychoanalytiker dazu sagen würde, dass du ständig alles in Schachteln steckst und wegschließt.“

„Es ist nicht zwanghaft, ein gewisses Maß an Ordnung zu halten“, hielt er kurz angebunden dagegen. „Ohne Organisation schafft man nichts.“

„Man kann doch nicht alles im Leben organisieren!“ Sie schüttelte den Kopf. „Menschen wie du haben deswegen so wenig Spaß, weil sie vor lauter Organisation keine Zeit haben, sich zu vergnügen.“

„Knietief in Müll zu waten entspricht nicht meiner Vorstellung von Vergnügen“, konterte Max gereizt. „Außerdem kann ich durchaus Spaß haben.“

„Zum Beispiel, indem du an einem Freitagabend auch zu Hause noch arbeitest?“

„Heute tue ich das nicht, sondern gehe aus.“

„Ach ja?“ Freya war seltsam bestürzt. „Mit wem?“

„Mit einer Bekannten“, antwortete er wenig informativ. „Sie kommt zuerst zu einem Drink her, deshalb liegt mir sehr viel daran, dass dein Krimskrams nicht überall herumliegt.“

Seltsam verärgert stand Freya auf. „Keine Panik, Max, es wird nicht den kleinsten Hinweis auf meine Anwesenheit geben. Ich sorge dafür, dass die Wohnung völlig steril wirkt, bevor deine Bekannte eintrifft.“

„Kommst du heute noch einmal her?“, erkundigte er sich nach einer kleinen Pause zögernd.

Offensichtlich wollte er sichergehen, dass sie nicht im Weg war, wenn er seine „Bekannte“ später mit nach Hause nahm. Mir kann das egal sein, weil ich, mit etwas Glück, die Nacht mit Dan verbringe, sagte sie sich.

„Wahrscheinlich nicht“, antwortete Freya und zuckte, ganz Frau von Welt, lässig die Schultern. „Es hängt davon ab, was Dan noch vorhat.“

Sie ging in ihr Zimmer, um sich anzuziehen und zu schminken. Kritisch musterte sie das Ergebnis im Spiegel. Der kurze schwarze Rock, den Lucy ihr geliehen hatte, passte ausgezeichnet zu dem pfauenblauen Top mit den kurzen Ärmeln und dem weiten Ausschnitt, der dazu tendierte, verführerisch ein Stück über die Schultern zu gleiten. Jedenfalls hoffte sie, dass Dan es verführerisch fand. Die neuen hochhackigen Schuhe sahen auch zu dem Outfit hervorragend aus. Nun fehlten nur noch Ohrringe. So, fertig!

Freya fuhr sich durchs Haar, das duftig ihr Gesicht umrahmte, straffte die Schultern und zog den Bauch ein. Ja, sie sah blendend aus!

Unwillkürlich fragte sie sich, wie Max’ Freundin aussehen mochte. Ganz bestimmt war sie ernsthaft und vernünftig, sicherlich höchst intelligent, aber, was das Äußere betraf, ein bisschen hausbacken.

Sie, Freya, hatte bisher ebenfalls hausbacken gewirkt, aber damit war endlich Schluss. Jetzt ging sie mit Dan Freer aus und war eine Frau von Welt!

Äußerst zufrieden mit sich, nahm sie die Handtasche und ging ins Wohnzimmer, um Max und seine Freundin zu beeindrucken. Ihre Selbstzufriedenheit verflüchtigte sich augenblicklich.

Die Frau, die neben Max auf dem Sofa saß, war alles andere als hausbacken und sah auch nicht so aus, als würde sie sich von jemand wie ihr, Freya, beeindrucken lassen.

Schweigend betrachteten die beiden jungen Frauen einander. Max’ Freundin war schätzungsweise Anfang dreißig und machte einen äußerst selbstsicheren Eindruck. Sie hatte ein zartes Gesicht und hellbraunes Haar, das sie locker aufgesteckt trug. Ihr weich fließendes Kleid mit Folkloremuster hätte an einer anderen Frau vielleicht langweilig gewirkt, aber da sie groß und sehr schlank war, sah sie richtiggehend elegant aus.

Freya sank der Mut. Diese Frau war ganz sicher selbstbewusst, dazu engagiert und geradlinig – eine der Frauen, die Make-up prinzipiell verschmähten und eigenhändig Brot backten. Außerdem wirkte sie tatsächlich sehr intelligent. Kurz gesagt: Sie war das genaue Gegenteil von ihr, Freya!

Der Gedanke war niederschmetternd. Freya wünschte unwillkürlich, sie würde keinen extrem kurzen Rock tragen, denn damit kam sie sich nun wie ein Flittchen vor – noch dazu ein üppiges. Für einen Rückzug war es jedoch zu spät. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als völlig gelassen zu tun.

„Hallo!“, grüßte sie zaghaft.

„Guten Abend!“ Die junge Frau lächelte freundlich.

Max füllte gerade Wein in zwei Gläser. Er sah auf und betrachtete missbilligend Freyas Aufmachung. „Ach, da bist du ja“, bemerkte er ausdruckslos und wandte sich seiner Bekannten zu. „Das ist Lucys Freundin, von der ich dir erzählt habe.“

Lucys Freundin? wiederholte Freya im Stillen empört. Ihr wäre beinah lieber gewesen, er hätte sie als „die Nervensäge, die bei mir wohnt“ vorgestellt. Das hätte zumindest weniger distanziert geklungen!

„Freya, darf ich dich mit Kate bekannt machen?“, fügte er höflich hinzu.

Kate? Ein Frau wie sie konnte tatsächlich nur Kate heißen!

„Freya? Was für ein wunderschöner Name! Sind Sie nach der nordischen Göttin benannt?“

„Nein, nicht direkt, sondern nach meiner Tante“, erwiderte Freya, völlig verblüfft, dass Kate so herzlich zu ihr war.

„Freya ist auf dem Weg zu einer Verabredung“, erklärte Max und warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu.

Dass er sie unbedingt loswerden wollte, weckte ihren Widerspruchsgeist. Sie setzte sich Kate gegenüber auf das zweite Sofa. „Ach, ich hab’ s nicht eilig.“

„Möchtest du etwa auch ein Glas Wein?“, fragte Max kühl.

„Ja, gern. Danke!“ Freya lächelte ihn strahlend an und sah ihm nach, als er aufstand und zum Schrank ging, um noch ein Glas zu holen. Man merkte ihm deutlich an, wie verärgert er war, weil sie sein nicht ernst gemeintes Angebot angenommen hatte.

Was findet eine Frau wie Kate an ihm? überlegte sie gekränkt. Er war weder attraktiv noch charmant, nur ein ganz normaler Mann – mal abgesehen davon, dass er ungewöhnlich zurückhaltend und unnahbar war!

Außer damals vor sechs Jahren, als sie miteinander geschlafen hatten … Rasch verdrängte Freya den Gedanken und errötete, als ihr die erotischen Fantasien einfielen, denen sie erst vor kurzem nachgehangen hatte. Warum hatte sie nicht von einem faszinierenderen Mann geträumt? Von Dan zum Beispiel!

Insgeheim seufzend wandte sie sich Kate wieder zu. „Woher kennen Sie Max?“ Es sollte beiläufig klingen, klang jedoch beinah vorwurfsvoll – um nicht zu sagen fast eifersüchtig.

„Wir arbeiten zusammen.“

Ach, wahrscheinlich seine Sekretärin! „Und was genau machen Sie, Kate?“

„Ich bin Ingenieurin.“

Na wunderbar, da brauche ich mich ja nicht wie ein Dummerchen zu fühlen, dachte Freya ironisch und wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Die Meisten, denen ich das sage, sind zunächst sprachlos“, bemerkte Kate verständnisvoll. „Max und ich haben uns in Tansania kennengelernt, als wir dort an einem Bewässerungsprojekt gearbeitet haben. Zurzeit bin ich in der Zentrale unserer Hilfsorganisation hier in London beschäftigt, und es gefällt mir sehr gut. Ich arbeite sehr gern mit Max zusammen, weil er so anregend ist – wie Sie ja genauso gut wie ich wissen“, fügte sie hinzu.

„Mir fallen auf Anhieb viele Wörter ein, um Max zu beschreiben, aber ‚anregend‘ ist keins von ihnen“, erwiderte Freya ätzend.

„Wahrscheinlich liegt es daran, dass Sie noch nie mit ihm zusammengearbeitet haben.“

„Richtig. Unsere einzige Zusammenarbeit besteht darin, dass er mich ständig zum Aufräumen und alle fünf Minuten zum Staubsaugen abkommandiert.“ Missmutig sah sie zu Max auf, der mit dem Glas zurückkam.

„Ihr beide scheint euch wirklich gut zu kennen“, meinte Kate amüsiert.

„Zu gut“, sagte Max unfreundlich. Er goss Wein ins Glas und reichte es Freya.

„Er ersetzt mir den älteren Bruder, den das Schicksal mir erspart … ich meine natürlich vorenthalten hat“, erklärte sie, scheinbar treuherzig. „Man braucht als junges Mädchen doch jemand, der einem seelischen Rückhalt gibt – indem er ständig spottet, kritisiert und einen bei jeder sich bietenden Gelegenheit dumm dastehen lässt.“

„Freya besitzt eine ungezügelte Fantasie“, bemerkte Max boshaft.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Diese Unterstellung ist der beste Beweis, dass ich dich richtig charakterisiert habe.“

Nun schwiegen alle verlegen.

„Max hat mir erzählt, dass Sie für ihn die Wohnung gehütet haben, während er in Mbanazere war.“ Taktvoll wechselte Kate das Thema.

Warum muss er ihr meine Anwesenheit in seinem Apartment überhaupt erklären? dachte Freya aufgebracht. War Kate seine Geliebte? Das ließ sich schwer sagen. Die beiden saßen dicht nebeneinander, aber ohne sich zu berühren, und schienen sich sehr wohl zu fühlen. Ja, Kate war genau die Frau, die Max zu schätzen wusste: attraktiv, intelligent und alles andere als oberflächlich oder leichtfertig!

Plötzlich war Freya deprimiert. Sie hätte gleich ins Copacabana gehen sollen, statt aus Trotz noch hier zu bleiben und sich nun wie das fünfte Rad am Wagen zu fühlen.

„Und was machen Sie, Freya?“

„Ich arbeite für eine Zeitung – den ‚Examiner‘“, antwortete sie und wappnete sich gegen eine herablassende Bemerkung. Jemand wie Kate stand den Medien bestimmt kritisch gegenüber.

Diese sah jedoch interessiert aus. „Ach, Sie sind Journalistin?“

Nein, ich bin nur die Tippse, hätte Freya beinah geantwortet, aber ihr fiel eine bessere Formulierung ein. „Nein, ich arbeite im Auslandsressort. Als eine Art Mittlerin zwischen den Reportern und dem Chefredakteur“, fügte sie großspurig hinzu, obwohl ihre Arbeit hauptsächlich darin bestand, die Telefonverbindungen zu vermitteln.

„Das klingt richtig aufregend“, meinte Kate.

Freya dachte an ihre üblichen Arbeitstage, an denen sie hauptsächlich die Post öffnete und körbeweise Presseaussendungen wegwarf. Manchmal ließ man sie Spesenabrechnungen bearbeiten, und wenn ein Verrückter bis zu ihr an den Schreibtisch vordrang und ihr eine verschrobene Verschwörungstheorie präsentierte, konnte sie den Tag im Kalender rot markieren.

„Ja, es ist wirklich faszinierend“, log sie.

„Max, hast du Freya schon gefragt, ob sie uns vielleicht Kontakte vermitteln kann? Wir versuchen verzweifelt, Geld für unsere Organisation ‚Wege für Afrika‘ aufzutreiben“, erklärte Kate, sich wieder Freya zuwendend. „Meine Aufgabe ist es, sozusagen Werbung für uns zu machen und Geldgeber zu gewinnen, was nicht leicht ist. Ständig schicke ich Presseaussendungen los, aber nichts tut sich.“

„Ja, weil die Medien nicht an erfolgreichen Kleinprojekten interessiert sind, sondern nur an Skandalen“, meinte Max verächtlich.

„Freya kennt bestimmt einige Journalisten“, sagte Kate gelassen.

„Einen kennt sie sogar sehr gut. Stimmt’s, Freya?“, fragte er spöttisch.

Sie achtete nicht auf ihn, sondern richtete das Wort an Kate. „Ja, ich kenne einen Reporter, der demnächst nach Afrika geht. Er könnte an Ihrem Projekt interessiert sein. Gelegentlich schreibt er Artikel für uns, aber eigentlich ist er Auslandskorrespondent eines amerikanischen Nachrichtensenders, in dem er über Ihre Arbeit ausführlich berichten könnte.“

„Darauf können wir verzichten“, mischte Max sich gereizt ein. „Uns geht es um ein vertieftes Verständnis für Entwicklungshilfe.“

„Wie können die Menschen hier das entfalten, wenn ihnen die grundlegenden Informationen fehlen?“, hielt Freya dagegen. „Und zu deren Vermittlung braucht man die Medien. Das kannst du nicht leugnen, oder?“

„Nein, das kann ich nicht. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass dein spezieller Freund viel Interesse an der Förderung unserer Projekte hat. Er ist doch ausschließlich daran interessiert, seine Karriere zu fördern.“

„Und wie heißt er?“, fragte Kate rasch, bevor sich die Meinungsverschiedenheit zu einem handfesten Streit entwickelte.

„Dan Freer.“

„Oh, Sie sind mit Dan Freer eng befreundet?“ Kate klang beeindruckt. „Den habe ich im Fernsehen gesehen. Er ist unglaublich attraktiv, stimmt’s?“

„O ja, ich kann das bestätigen.“ Freya fand Kate von Minute zu Minute sympathischer. „Und was sagst du, Max?“

„Ich habe noch keinen Gedanken an Dan Freers Aussehen verschwendet“, antwortete er vernichtend.

Lachend gab Kate ihm einen sanften Stoß. „Eifersüchtig, Max?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Er lächelte und strich ihr übers Haar.

Freya beobachtete die beiden, und ihr wurde seltsam schwer ums Herz. Sie waren offensichtlich sehr vertraut miteinander, und wenn Eifersucht ein Thema war – wenn auch nur scherzend angesprochen –, ließ das nur den einen Schluss zu: Die beiden waren tatsächlich ein Paar.

Rasch trank sie ihr Glas leer und stand auf. Hier störte sie nur. „Ich muss jetzt gehen“, verkündete sie ausdruckslos. „Einen schönen Abend noch!“

Max saß am Tisch und las die Zeitung, als Freya am folgenden Morgen in die Küche ging, um sich Tee zu machen. Sie hatte gehofft, Max wäre nicht da, aber keine ihrer Hoffnungen wurde zurzeit erfüllt.

„Ach, du bist hier, Freya?“ Er sah auf, einen unergründlichen Ausdruck in den Augen. „Ich hätte gedacht, du würdest noch mit deinem Lover die hundert heißesten Erotiktipps des ‚Cosmopolitan‘ ausprobieren.“

Sie biss kurz die Zähne zusammen. Auf boshafte Bemerkungen konnte sie in ihrer momentanen Stimmung gut verzichten. Am Abend zuvor war sie so selbstbewusst zu der Verabredung gegangen, und es war eine einzige Blamage gewesen. Eine reife Leistung, da ich schon so viele peinliche Abende erlebt habe, dachte sie erbittert.

Kurz nach neun war sie ins Copacabana gekommen, gemeinsam mit allen anderen aus der Redaktion, die ebenfalls mit Dan seine Berufung zum Auslandskorrespondenten feiern wollten. Es gab keine traute Zweisamkeit, keine Verführungsszene, keine schwarzen Satinlaken, denn sie war nur eine von vielen.

Und jeder sieht mir an, wie viel Mühe ich mir mit meinem Aussehen gegeben habe, dachte Freya peinlich berührt. Auch einige der anderen jungen Frauen waren viel zu elegant angezogen. Vermutlich hatte Dan jeder von ihnen den Eindruck vermittelt, er wolle mit ihr allein feiern.

Für sie, Freya, war es jedoch schlimmer als für die anderen, da sie sich selten derartig „aufdonnerte“, wie sie es im Stillen nannte. Man hatte ihr so mitleidige Blicke zugeworfen, dass sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen hätte.

Zu allem Übel hatte sie Max gegenüber auch noch selbstsicher behauptet, Dan würde die Nacht mir ihr verbringen wollen. Dan war durchaus nett und charmant, ließ die Hand über ihren Rücken gleiten und sagte, wie großartig sie aussehe – und machte es bei jeder anderen Frau genauso.

Kein Wort, dass er nach der Party mit ihr allein sein wollte!

Der Abend nahm scheinbar kein Ende. Freya unterhielt sich angeregt mit jedem außer Dan, um alle glauben zu lassen, dass ihr nichts an ihm lag. Kurz spielte sie mit dem Gedanken zu behaupten, sie sei nur deswegen so elegant angezogen, weil sie anschließend noch eine Verabredung habe. Dann würde sie allerdings früher gehen müssen – aber wohin? Nicht ins Apartment zu Max und Kate! Den Anblick, wie die beiden eng umschlungen auf dem Sofa saßen, ersparte sie sich lieber.

Als sie es schließlich für sicher hielt, nach Hause zu gehen, war es, wie sie erleichtert feststellte, dunkel im Apartment. Auf Zehenspitzen ging sie an Max’ Zimmertür vorbei und fragte sich, ob er und Kate in seinem Zimmer waren. Man hörte nichts, aber das hatte nicht unbedingt etwas zu sagen. Vielleicht waren die beiden, sich in den Armen haltend, eingeschlafen, nachdem sie sich leidenschaftlich geliebt hatten.

Ein deprimierender Gedanke! Seufzend ging Freya ins Bett.

Am folgenden Morgen war Kate jedenfalls nicht da, und ob sie die Nacht hier verbracht hatte, wollte Freya zwar gern wissen, traute sich jedoch nicht zu fragen. Das hätte womöglich so gewirkt, als wäre es ihr nicht völlig gleichgültig, wo Kate schlief!

Freya füllte den Kessel und stellte ihn auf. Während sie darauf wartete, dass das Wasser zu kochen begann, betrachtete sie Max unauffällig und suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen einer Nacht ungehemmter Leidenschaft.

Er sah so ungerührt wie immer aus, die festen Lippen wirkten streng. Hatte er sie in der vergangenen Nacht Kate auf den Mund gepresst und sie hingebungsvoll geküsst? Freya fröstelte plötzlich.

„Dan und ich haben eine richtige Beziehung“, behauptete sie als verspätete Erwiderung auf Max’ spöttischen Kommentar. „Es geht um mehr als nur Sex.“

„Tatsächlich?“ Er blätterte eine Seite um. „Worum denn? Dans einnehmende Persönlichkeit?“

Freya hob das Kinn. „Nein, um Liebe.“ Es war das Einzige, was ihr spontan einfiel.

„Liebe? Dass ich nicht lache!“

„Was verstehst du denn davon?“, konterte sie aufgebracht.

„Mehr als du, falls du glaubst, dass Dan Freer auch nur einen Gedanken an dich verschwendet, sobald er in Usutu aus dem Flugzeug steigt.“

„Da irrst du dich, Max! Dan hat mich eingeladen, ihn zu besuchen.“

Das war nicht einmal gelogen. Dan hatte ihr – und allen anderen Kollegen im Copacabana – gesagt, sie sollten sich bei ihm melden, wenn sie jemals nach Mbanazere kämen. Die Strände dort seien herrlich, hatte er hinzugefügt. Das konnte man doch als Einladung auslegen, oder?

Max lachte verächtlich und widmete sich wieder der Zeitung. „Du solltest dich mit deinem Besuch beeilen“, empfahl er. „In Usutu gibt es nur eine kleine englische ‚Kolonie‘, und ich kenne mindestens drei Frauen, die sich um Dan reißen werden, sobald sie ihn sehen.“

„Ich vertraue Dan“, behauptete Freya trotzig.

„Dann bist du eine Närrin!“, erwiderte Max und sah sie eindringlich an.

Am späten Vormittag traf Freya sich mit Lucy, um ihr über das Fiasko der Verabredung mit Dan zu berichten. Anschließend beklagte sie sich bitter, dass Max ihr ständig dreinredete und alles tat, damit sie sich wie die Närrin vorkam, für die er sie hielt.

„Lass dich von Max nicht aus dem Konzept bringen. Er ist ein richtiger Spießer“, meinte seine Schwester wenig liebevoll. „Wahrscheinlich hält er nichts von Sex vor der Ehe.“

„Das glaube ich nicht“, widersprach Freya. „Er hat eine sehr attraktive Freundin.“

Lucy wurde sofort hellhörig. „Ach, wirklich?“

„Ja. Sie heißt Kate und ist Ingenieurin.“

„Das klingt ziemlich einschüchternd.“ Lucy schnitt ein Gesicht. „Ich muss Mom fragen, ob sie Kate kennt. Max hatte vor zwei Jahren in Tansania eine Lebensgefährtin. Mom hat ihn ja damals besucht. Sie fand die junge Frau sehr nett und hoffte wohl, dass er sie heiratet. Ob das Kate war?“

„Wahrscheinlich ja.“ Freya wurde seltsam schwer ums Herz. „Sie hat erwähnt, dass sie mal in Tansania war.“

„Hoffentlich irrst du dich“, meinte Lucy bedrückt. „Eine kluge Schwägerin würde mir Angst einjagen. Ich hatte immer gehofft, Max heiratet mal jemand wie dich.“

„Kurz gesagt: ein Dummerchen?“ Freya rang sich ein Lächeln ab.

„Nein, du Dummerchen!“ Ihre Freundin blickte kurz vielsagend zur Decke. „Du weißt genau, dass ich das nicht sagen wollte. Ich meinte vielmehr eine Frau, die ihn aufmuntert und ihn ein bisschen zusammenstaucht, wenn er zu herrisch wird. Du kennst ja meinen Bruder.“

Plötzlich drängten sich Freya verschiedene Erinnerungen auf. Max, wie er auf sie und Lucy herabblickte, als sie noch kichernde Schulmädchen waren. Der Blick aus seinen hellgrauen Augen, der jedes Mal ihr Herz schneller schlagen ließ. Max, der nach Lucys Geburtstagsparty auf dem Sofa saß und von Afrika erzählte. Der sie anschließend in die Arme nahm und die Lippen über ihren Hals gleiten ließ.

Max, der aus dem Zimmer ging und sie allein ließ …

Sie rührte den Cappuccino um und blickte konzentriert in die Tasse. „Ich glaube, er ist mit Kate sehr glücklich.“

„Na ja, wenn er sie wirklich liebt, muss ich mich mit ihr als Schwägerin abfinden.“ Lucy seufzte leise. „Und jetzt vergiss Max! Was sollen wir nur mit dir und Dan machen?“

„Gar nichts, weil er sich nichts aus mir macht.“ Ich bin ständig allein, dachte Freya niedergeschlagen. Alle anderen hatten Partner, nur sie nicht.

„Du wirfst immer gleich die Flinte ins Korn“, tadelte Lucy sie. „Na gut, er hat dich nicht mit nach Hause genommen, aber ist er mit einer anderen weggegangen?“

„Nein.“

„Na bitte! Wahrscheinlich wollte er nur höflich sein. Er konnte sich ja nicht nur um dich kümmern, wenn er so viele Kollegen eingeladen hatte, oder?“

„Vermutlich nicht.“ Freya fand das Argument nicht völlig überzeugend.

„Als ich ihn auf deiner Party gesehen habe, war er eindeutig an dir interessiert, Freya. Außerdem hat er dich am nächsten Tag zum Essen eingeladen. Du musst dafür sorgen, dass du mit ihm allein bist.“ Lucy runzelte die Stirn. „Pels Idee ist gar nicht schlecht. Zurzeit hat Dan den Kopf mit anderen Dingen voll, aber wenn du ihn in Afrika besuchst, gibt es nicht so viele Ablenkungen.“

„Wahrscheinlich wird er sofort von den Frauen gekapert, die Max erwähnt hat.“ Freya blieb pessimistisch.

„Ach, was weiß Max denn schon?“ Verächtlich schnippte Lucy mit den Fingern. „Du stellst alle ausgewanderten Engländerinnen bestimmt in den Schatten. Die haben doch von der Sonne ganz runzelige Haut.“

„Ich werde auch Runzeln haben, bevor ich genug Geld für einen Flug nach Afrika gespart habe.“ Freya seufzte. „Ich habe mich im Internet informiert. Mbanazere hat noch keinen Tourismus, deshalb gibt es keine direkten Flüge nach Usutu, geschweige denn Charterflüge. Einen Linienflug kann ich mir unmöglich leisten. Ich verschwende ein Vermögen auf Lotterielose, aber nicht eine einzige meiner Zahlen ist bisher gezogen worden. Das ist bestimmt ein Rekord.“

„Ich habe in einer Zeitschrift ein Preisausschreiben gesehen, bei dem man Reisen gewinnen kann. Aber in welcher?“ Nachdenklich trank Lucy den Kaffee aus und nahm die Handtasche. „Komm mit, Freya. Wir sehen mal nach.“

Die beiden gingen in den nächsten Zeitschriftenladen und blätterten in den Magazinen. Lucy fand das Preisausschreiben, bei dem Städteflüge zu gewinnen waren, allerdings keinen nach Usutu.

Sie suchten weiter und entdeckten als Preise so brauchbare Dinge wie einen Rasenmäher, einen Motorroller und sogar eine Hypothek, doch das alles nutzte ihnen nichts.

„Ein Motorroller wäre nicht übel“, meinte Freya nachdenklich.

„Wie wäre es damit?“ Lucy hielt ihr eine Zeitschrift namens ‚Traumhochzeit‘ hin. „Hier steht: Gewinnen Sie eine Hochzeitsreise ans Ziel Ihrer Träume. Das könnte genau das Richtige für dich sein, Freya!“

„Korrigier mich bitte, falls ich mich irre, aber ich dachte immer, eine Hochzeitsreise wird von zwei Menschen gemacht, die gerade geheiratet haben?“

„Ich wette, die überprüfen gar nicht, ob man wirklich verheiratet ist“, vermutete Lucy optimistisch.

„Trotzdem könnten sie sich wundern, dass ich für die Flitterwochen nur ein Ticket und im Hotel ein Einzelzimmer möchte.“ Freya seufzte. „Das klingt wie ein Sinnbild für mein Leben.“

„Ach, das brauchst du denen doch nicht zu sagen. Du nimmst beide Tickets, und falls jemand fragt, behauptest du, die Hochzeit sei im letzten Moment abgesagt worden. Das Fehlen des Bräutigams lässt sich relativ leicht erklären. Wie hingegen willst du überzeugend begründen, dass du ausgerechnet in Mbanazere Flitterwochen machen möchtest? Es ist nicht gerade der Inbegriff eines romantischen Ziels, oder?“

„Wieso nicht?“, erwiderte Freya, ohne zu überlegen. „Warmer Wind, der in den Palmen säuselt, es duftet nach Kokos und Gewürznelken, man schläft unter einem Moskitonetz …“ Sie verstummte, als ihr auffiel, dass ihre Freundin sie fragend ansah.

„Woher hast du denn diese Informationen, Freya?“

Dass die von Max stammten, wollte sie nicht zugeben. „Ach, wahrscheinlich hat Dan es mal erwähnt.“

„Da du mich überzeugt hast, dass Mbanazere ein geeignetes Ziel ist, wirst du auch die Zuständigen bei ‚Traumhochzeit‘ überzeugen.“ Lucy drückte ihr das Magazin in die Hand. „Na los, kauf es!“

5. KAPITEL

Die Zeitschrift an sich gepresst, reihte Freya sich in der Schlange vor der Kasse ein. Sie malte sich aus, wie es wäre, wenn es eine Hochzeitspolizei geben würde, die nur beim Vorweisen eines Verlobungsrings gestattete, Zeitschriften zum Thema Hochzeit zu kaufen. Ich müsste mich wieder mit ‚Cosmopolitan‘ begnügen, weil ich weder verlobt bin noch Aussicht auf eine Verlobung besteht, dachte sie.

Die freundliche Kassiererin mittleren Alters strahlte sie an, als sie das Magazin sah. „Sie wollen heiraten, meine Liebe?“

Freya errötete. „Nein, das ist … für eine Freundin“, erklärte sie so verlegen, als hätte man sie beim Kauf eines Pornoheftes ertappt. Dann konnte sie es beinah nicht erwarten, sich von Lucy zu verabschieden und mit der U-Bahn nach Hause zu fahren. Unterwegs wollte sie die Zeitschrift lesen, aber erst drei Stationen vor ihrer wurde endlich ein Sitzplatz frei. Sie setzte sich und begann, die Seiten umzublättern, wobei sie möglichst unbeeindruckt auszusehen versuchte.

Der erste Artikel stellte die Frage: „Sind Sie eine sexy Braut?“

Nein, gar keine, hätte Freya antworten müssen. Diesen Test konnte sie schon mal nicht ausfüllen. Unwillkürlich seufzte sie leise und blickte rasch auf. Das Paar ihr gegenüber lächelte. Oder lachten sie sie insgeheim aus?

Freya steckte errötend das Magazin weg. Es war wohl doch besser, es erst zu lesen, wenn sie allein war.

Auf dem Weg von der U-Bahn nach Hause ging sie in einen Supermarkt, wo sie, ohne zu überlegen, Schokoladenkekse und Essiggurken neben Salat und fettarmem Joghurt in den Korb packte. Wenn sie sich ein geheimes Vergnügen gönnte, dann konnte sie das auch gleich richtig tun.

Sie war die Diät ohnehin leid, denn weder diese noch die vielen Stunden im Fitnessstudio hatten sie ihrem Ziel näher gebracht, eine Traumfigur und einen Traummann zu bekommen. Ja, es war Schwerarbeit, sein Leben zu ändern!

Freya legte den Salat zurück ins Regal und ging zur Tiefkühltruhe, um sich einen Becher Eiscreme zu holen. Wenn sie schon sündigte – nur an diesem Tag – dann richtig!

Sie überlegte, ob sie Karamelleis oder das mit Schokoladenstücken nehmen sollte, und griff schon nach beiden Bechern, als jemand ihren Ellbogen sanft umfasste.

„Freya!“, sagte eine tiefe Stimme, die klang, als würde der Sprecher lächeln.

Freya wandte sich um und war sich überdeutlich bewusst, dass sie nicht geschminkt war und bequeme anstatt elegante Sachen anhatte. „Hallo, Dan!“

„Gestern hatte ich gar keine Gelegenheit, mich richtig mit dir zu unterhalten. Ich habe dich aber beobachtet.“ Er lächelte verhalten. „Du sahst aus, als würdest du dich amüsieren.“

Erstaunt sah sie ihn an und fragte sich, ob er das ironisch meinte, aber anscheinend war es ihm ernst.

„Ich wurde direkt eifersüchtig“, fügte er hinzu. „Weil du dich mit jedem vergnügt hast außer mit mir. Du hast mich doch nicht absichtlich vernachlässigt, oder?“

Darauf gab es nur eine Antwort. „Nein!“

„Du hast heute Abend bestimmt schon etwas vor, oder?“ Dan lächelte umwerfend charmant. „Ich muss zu einer Buchpräsentation, und es würde mehr Spaß machen, wenn mich jemand begleitet. Wenn du mich begleitest, Freya!“

Sie zögerte und fragte sich, wie viele andere er wohl schon gebeten hatte, ihm den Abend zu verschönern.

„Anschließend könnten wir essen gehen“, fügte er einschmeichelnd hinzu. „Nur wir beide.“

Die Einladung konnte sie unmöglich ausschlagen. Sie verabredeten sich für sieben Uhr abends. Dan wollte sie abholen – es war also ein richtiges Date.

Max war, wie Freya erleichtert feststellte, nicht zu Hause. Sie machte es sich mit einem Becher Tee und der Zeitschrift auf dem Boden vor dem Sofa gemütlich und öffnete die Schachtel mit Schokoladenkeksen, um zu feiern, dass ihr das Glück endlich zu lachen schien.

Ja, jetzt habe ich einen wirklichen Anreiz, die Reise zu gewinnen, dachte Freya, als ihr einfiel, wie bewundernd Dan sie angesehen hatte.

Sie begann, das Preisausschreiben zu suchen, und war fasziniert von den vielen Tipps zu jedem nur erdenklichen Aspekt einer Hochzeit. Bisher war ihr nicht klar gewesen, wie kompliziert es war, eine zu organisieren. Nun blätterte sie die Seiten langsamer um. Oh, hier war ein wirklich hinreißendes Brautkleid abgebildet: aus elfenbeinfarbener Seide und Chiffon, reich mit Perlen bestickt.

Ich hätte nichts dagegen, in diesem Kleid durch die Kirche zum Altar zu schreiten, dachte Freya und schloss die Augen, während sie sich die Szene genauer ausmalte: Ihr Vater sah unglaublich stolz auf sie aus, ihre Mutter saß in der ersten Reihe und vergoss dezent einige Tränen. Zwei Brautjungfern folgten ihr … vielleicht auch zwei kleine Pagen? Nein, auf die verzichtete sie. Und vorn am Altar wartete, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen … Max.

Nein, doch nicht Max! verbesserte Freya sich rasch, verärgert, weil sie nicht einmal ihre Tagträume richtig im Griff hatte. Es würde natürlich Dan sein, der sich umwandte und sie erwartungsvoll anlächelte.

Sich die Zeremonie vorzustellen würde zu lange dauern, deshalb ging Freya gleich zum nächsten Programmpunkt über: dem Hochzeitsempfang. Wäre es besser, den in einem Hotel auszurichten oder lieber in einem Festzelt im Garten? Es gab einige zauberhafte Hotels auf dem Land, in denen man feiern konnte, aber sie entschloss sich dann doch für ein Festzelt. Es war typisch britisch und würde Dans amerikanischen Angehörigen bestimmt gefallen.

Sie genoss es richtig, diese fantastischen Pläne zu schmieden. Entspannt lehnte sie sich ans Sofa und aß noch einen Keks, während sie die Hochzeitstorte, den Schleier und den Blumenschmuck fürs Festzelt aussuchte. Dann wählte sie ein elegantes Ensemble für die Brautmutter aus und widmete sich dem größten Problem – wen sollte sie alles einladen?

Als sie hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde, schrak sie aus dem Tagtraum hoch und schob rasch die Zeitschrift unters Sofa.

Max kam, eine prall gefüllte Aktentasche in der Hand, ins Wohnzimmer. Er sah müde und schlecht gelaunt aus.

Seltsam, Max ist bei weitem nicht so attraktiv wie Dan, trotzdem bin ich mir seiner überdeutlich bewusst, sobald ich im selben Raum mit ihm bin, dachte Freya. Vielleicht lag es daran, dass sie ihn nicht mochte?

Er nahm Unterlagen aus der Tasche und blickte kurz auf. „Was machst du da?“

„Nichts“, antwortete sie ein bisschen zu schnell. „Ich denke nur nach.“

„Gratuliere! Und wie fühlt es sich an?“

Sie ließ sich von der Bemerkung nicht provozieren, sondern fragte: „Was sind das für Papiere?“

„Wir wollen bei der Europäischen Kommission Zuschüsse für den Bau einer Straße in Mbanazere beantragen. Kate und ich haben in der vergangenen Woche an einem Bericht über das Projekt gearbeitet. Er muss am Montag eingereicht werden, und bis dahin muss ich die Zahlen nochmals prüfen.“ Max blickte Freya fragend an. „Ich möchte das heute noch erledigen, damit ich morgen die endgültige Fassung des Berichts schreiben kann. Wolltest du heute am Tisch arbeiten?“

„Nein, Max, ich gehe aus. Dan hat mich zu einer Buchpräsentation und anschließend zum Essen eingeladen.“ Es war herrlich, das so beiläufig zu erwähnen, vor allem nachdem Max morgens so ätzende Kommentare abgegeben hatte! Trotzdem konnte sie jetzt großzügig sein. „Möchtest du Tee?“, fragte sie und stand auf.

Das Angebot schien ihn zu überraschen. „Ja, gern“, antwortete er nach kurzem Zögern.

Ja, so muss man mit Max umgehen, dachte Freya selbstgefällig. Wenn man seine sarkastischen Bemerkungen nicht beachtete und stattdessen höflich und nett blieb, fühlte zur Abwechslung er sich unbehaglich.

Der Tag, der alles andere als vielversprechend angefangen hatte, entwickelte sich noch gut: eine Traumhochzeit – im wahrsten Sinn des Wortes –, die Entdeckung, wie sie über Max die Oberhand gewinnen konnte, und eine Verabredung mit Dan. Nicht zu vergessen den Becher Eiscreme, auf den sie sich auch noch freuen konnte!

Freya machte Tee und legte Kekse auf einen Teller, ja, sie dachte sogar daran, die Milch in einen kleinen Krug zu gießen. Wie eine perfekte Hausfrau! Mit dem beladenen Tablett ging sie ins Wohnzimmer zurück und stellte bestürzt fest, dass Max sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte. Und darunter lag das Magazin ‚Traumhochzeit‘!

Sie stellte das Tablett auf den Couchtisch und vermied es, nervös auf die Ecke des Magazins zu blicken, die unter dem Sofa hervorsah. Wenigstens konnte Max es aus seiner Position nicht sehen.

„Kommt Kate heute her?“, fragte Freya, um ihn abzulenken, während sie Tee in die Becher goss.

„Nein, sie hat in der vergangenen Woche genug geleistet und sich eine Pause redlich verdient.“ Max stellte den Becher in bequemer Reichweite auf den Fußboden.

Sie hielt den Atem an und hoffte inständig, dass Max die Zeitschrift nicht entdeckte. Als sie schon glaubte, die Gefahr sei vorüber, streifte seine Hand die Seiten.

„Was ist denn das?“ Ohne großes Interesse zog er das Magazin hervor.

„Nur etwas, das ich gelesen habe.“ Schnell wollte Freya es ihm abnehmen, aber er drehte es um und las den Titel.

„,Traumhochzeit‘?“, fragte Max ungläubig. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Warum nicht?“ Sie errötete.

Er schüttelte den Kopf, während er verächtlich einige Seiten umblätterte. „Ich kann mit deiner Beziehung zu Dan nicht Schritt halten, Freya. Gestern noch hast du dir erotische Tipps aus ‚Cosmopolitan‘ geholt, heute planst du bereits deine Hochzeit.“

Freya hob das Kinn. „So geht es nun mal, wenn man den Richtigen gefunden hat!“

Max setzte sich aufrecht hin. „Sag bloß, dass Dan dir einen Heiratsantrag gemacht hat!“

„Nicht direkt.“

„Wie dann?“ Max klang spöttisch. „Entweder hat er dich gebeten, seine Frau zu werden, oder er hat es nicht.“

„Ich wollte sagen, dass Dan und ich unsere Beziehung für etwas ganz Besonderes halten“, erklärte sie hochtrabend.

Ungläubig verzog er das Gesicht. „Na ja, dann kaufe ich lieber noch nicht den Toaster als Hochzeitsgeschenk. Dan Freer scheint mir kein Mann zu sein, der sich etwas aus Verpflichtungen macht.“

„Ich kenne ihn ja wohl besser als du!“, erwiderte sie trotzig. Das Gefühl, über Max die Oberhand zu behalten, hatte nicht lang gedauert. Nun saß er sozusagen wieder am längeren Hebel. „Und wenn du jetzt genug gespottet hast, hätte ich gern die Zeitschrift. Ich habe sie noch nicht fertig gelesen.“

Sie nahm ihm das Magazin ab und setzte sich auf das zweite Sofa. Es wäre ja noch schöner, wenn sie sich jetzt in ihr Zimmer zurückzog! Sie konnte lesen, was sie wollte und wo sie wollte. Falls es Max nicht passte, war es sein Pech.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Journalisten bedauern könnte.“ Max streckte sich wieder auf dem Sofa aus. „Dan Freer besitzt jedoch mein tiefstes Mitgefühl. Er glaubt, erst in Afrika erwarten ihn Gefahren wie verirrte Gewehrkugeln und korrupte Politiker, dabei lauert die größte Bedrohung für ihn hier in London. Hoffentlich weiß er, dass man heiratswütigen Frauen besser nicht in die Quere kommt.“

Freya versuchte, ihn nicht zu beachten, aber leider hatte er ihr mit seinen sarkastischen Bemerkungen den Spaß an der Zeitschrift verdorben. Eigentlich hatte sie sich die ja nur wegen des Preisausschreibens gekauft! Am besten kümmerte sie sich endlich darum. Wo war es denn? Suchend blätterte sie vor und zurück. Sie hatte noch nie den einfachsten Weg gewählt, im Inhaltsverzeichnis nachzusehen, und wollte mit der Gewohnheit auch jetzt nicht brechen.

Endlich fand sie den gesuchten Artikel, umrahmt von Hochglanzfotos, die Sonnenuntergänge und Palmen, Wildparks und romantische Städte zeigten.

‚Traumhochzeit‘ bietet Ihnen die Chance, die Hochzeitsreise zu gewinnen, von der Sie immer geträumt haben – egal, wann und wo! Sollen es die Malediven sein? Venedig? Eine Insel in der Karibik? Sie brauchen nur zu wählen. Den glücklichen Gewinnern winken Flugtickets ans Ziel Ihrer Wünsche und zwei Wochen Unterkunft in der schönsten Suite eines Luxushotels. Sie brauchen nur die drei Fragen richtig zu beantworten und uns kurz etwas über sich und Ihren Verlobten zu erzählen. Nennen Sie uns bitte außerdem die Gründe, warum Sie glauben, dass Ihnen an Ihrem Traumziel der perfekte Start ins Eheleben gelingen wird.

Das klang zu schön, um wahr zu sein. Bestimmt war ein Haken an der Sache. Freya las den Artikel nochmals, fand aber keine Fußangeln. Sie brauchte wirklich nur einige Fragen zu beantworten und einen Verlobten zu erfinden, und das würde ihr nicht schwerfallen. Sich etwas auszudenken war für sie noch nie ein Problem gewesen, sie hatte wesentlich mehr Schwierigkeiten, sich mit trockenen Fakten abzufinden.

Es war natürlich ein bisschen problematisch, zu begründen, warum der Bräutigam auf die Flitterwochen dankend verzichtete, aber bestimmt fiel ihr auch dazu etwas ein.

Die Fragen waren ein Kinderspiel. Freya kreuzte die richtigen Antworten an und widmete sich der alles entscheidenden Frage: Wie machte sie plausibel, dass sie unbedingt nach Mbanazere wollte? Sie konnte ja schlecht schreiben, dass sie dem Bruder ihrer besten Freundin beweisen wollte, dass ein attraktiver Mann sich wirklich für sie interessierte. Nein, sie musste sich etwas Romantischeres ausdenken.

Nachdenklich biss sie auf den Bleistift, aber es fiel ihr nichts ein. Na gut, auf den Punkt würde sie später zurückkommen. Als Nächstes waren die persönlichen Angaben gefragt: Name, Alter, Beruf. Rasch füllte sie die entsprechenden Rubriken aus und zögerte dann bei der Spalte, in der sie den Namen ihres Verlobten eintragen sollte.

Kurz war sie versucht, Dans Namen zu schreiben, ließ es aber lieber. Dan Freer war vielen bekannt, und was, wenn jemand von ‚Traumhochzeit‘ ihn anrief und ihm zur Verlobung gratulierte? Nein, das würde alles zu kompliziert machen. Vielleicht sollte sie einen Namen erfinden?

Unwillkürlich seufzte Freya, völlig unschlüssig, was die beste Lösung wäre.

„Hoffentlich stehen in deiner Zeitschrift auch Tipps, was man gegen das so genannte ‚Scheinhochzeitssyndrom‘ tun kann“, meinte Max boshaft. „Die könntest du dringend brauchen.“

Plötzlich hatte Freya eine geniale Idee und schrieb lächelnd in die Spalte „Verlobter“: Max Thornton, dreiunddreißig Jahre, Ingenieur.

„Dein Freund Max mag mich nicht, Freya“, bemerkte Dan, eher belustigt als gekränkt, während er ihr die Tür seines schnittigen Sportwagens öffnete.

„Ach, Max mag niemanden“, erklärte Freya missmutig. Außer Kate, fügte sie im Stillen hinzu.

Als Dan sie abholen kam, hatte sie befürchtet, Max würde ihre vermeintlichen Hochzeitspläne erwähnen. Das hatte er zwar nicht getan, war aber so sarkastisch und unfreundlich gewesen, dass sie wütend geworden war – so wütend, dass sie den Umschlag mit den Unterlagen für das Preisausschreiben mitgenommen und vor dem Haus in einen Briefkasten gesteckt hatte, ohne nochmals zu überlegen, ob es ratsam sei. Hoffentlich gewann sie den ersten Preis! Max würde es verabscheuen, in der Zeitschrift als ihr liebender Verlobter porträtiert zu werden, und das würde ihm recht geschehen.

„Tut mir leid, dass er so unhöflich zu dir war“, entschuldigte Freya sich bei Dan.

„Wahrscheinlich ist er eifersüchtig, weil ich heute Abend mit dir ausgehe.“ Er hakte sie unter. „Ich an seiner Stelle wäre es. Du siehst fantastisch aus.“

Im Verlauf des Abends machte Dan ihr immer wieder Komplimente, und das war etwas völlig Neues für sie. Manchmal wollte sie sich schon umdrehen, um festzustellen, mit wem er redete.

Zuerst besuchten sie die Präsentation des Erstlingsromans eines Autors, von dem sie noch nie gehört hatte, der jedoch ziemlich berühmt zu sein schien, denn unter den Anwesenden entdeckte sie einige Prominente. Lucy wäre begeistert gewesen, aber sie, Freya, fühlte sich fehl am Platz und wurde nervös, weil so viele gertenschlanke Frauen Dans Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchten.

Autor

Jessica Hart

Bisher hat die britische Autorin Jessica Hart insgesamt 60 Romances veröffentlicht. Mit ihren romantischen Romanen gewann sie bereits den US-amerikanischen RITA Award sowie in Großbritannien den RoNa Award.

Ihren Abschluss in Französisch machte sie an der University of Edinburgh in Schottland. Seitdem reiste sie durch zahlreiche Länder, da...

Mehr erfahren
Rebecca Winters

Rebecca Winters und ihre Familie leben in Salt Lake City, Utah. Mit 17 kam Rebecca auf ein Schweizer Internat, wo sie französisch lernte und viele nette Mädchen traf. Ihre Liebe zu Sprachen behielt sie bei und studierte an der Universität in Utah Französisch, Spanisch und Geschichte und später sogar Arabisch.

...

Mehr erfahren
Jackie Merritt
Seit 1988 ihre erste Romance veröffentlicht wurde, schreibt Jackie Merritt hauptberuflich. Sie ist fest davon überzeugt, dass jeder, der ein bisschen Kenntnis von Sprache und Grammatik hat, ein Buch verfassen kann. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sehr viel Disziplin aufbringen kann. Die ersten Seiten sind leicht – bis zum...
Mehr erfahren
Barbara McMahon
Barbara McMahon wuchs in einer Kleinstadt in Virginia auf. Ihr großer Traum war es, zu reisen und die Welt kennenzulernen. Nach ihrem College-Abschluss wurde sie zunächst Stewardess und verbrachte einige Jahre damit, die exotischsten Länder zu erforschen. Um sich später möglichst genau an diese Reisen erinnern zu können, schreib Barbara...
Mehr erfahren
Miranda Lee
Miranda Lee und ihre drei älteren Geschwister wuchsen in Port Macquarie auf, einem beliebten Badeort in New South Wales, Australien. Ihr Vater war Dorfschullehrer und ihre Mutter eine sehr talentierte Schneiderin. Als Miranda zehn war, zog die Familie nach Gosford, in die Nähe von Sydney.

Miranda ging auf eine Klosterschule. Später...
Mehr erfahren