Heart of Texas - Das Glück so nah

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Einsame Herzen - weites Land

Nach dem Tod ihres Vaters führt Elaine Frasier allein das Futtermittelgeschäft in der Kleinstadt Paradise. Die viele Arbeit lenkt sie von der Trauer um ihren Vater ab, und doch ist sie froh, dass sie Unterstützung hat. Besonders ihr bester Freund Glen Patterson ist ihr eine große Hilfe. Eines Abends brechen all die Trauer und Erschöpfung über Elaine herein. Zum Glück steht in diesem Moment ausgerechnet Glen unangekündigt vor ihrer Tür, und plötzlich ist sie sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich nur mit ihm befreundet sein will.


  • Erscheinungstag 25.01.2022
  • Bandnummer 2
  • ISBN / Artikelnummer 9783745752861
  • Seitenanzahl 208
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

Noch vor einem Monat war das hier ihr Elternhaus gewesen.

Elaine Frasier stand auf dem von Bäumen gesäumten Fußweg in dem texanischen Ort Promise und blickte starr auf das zweistöckige Haus mit dem Palisadenzaun. Das »Verkauft«-Schild sagte ihr, dass nichts mehr so sein würde wie früher. Ihr Vater war tot und ihre Mutter weggezogen.

In diesem Haus war sie geboren worden und aufgewachsen. Unzählige Male war sie über den Rasen im Vorgarten gelaufen und auf den Hickorybaum geklettert, um sich kopfüber von einem Ast baumeln zu lassen. Und auf der Veranda hatte sie ihren ersten Kuss bekommen.

Unzählige Male hatte ihr Vater sie auf den Verandastufen fotografiert. Als Baby auf dem Arm ihrer Mutter am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus in Brewster. Jedes Jahr zu Ostern in einem neuen Kleid und zu Halloween in einem neuen Kostüm, das ihre Mutter für sie genäht hatte. Ihr Vater hatte darauf bestanden, sie auf diesen Stufen abzulichten, als man sie mit achtzehn zur Rodeoprinzessin gekürt hatte. Damals hatte er gesagt, er würde sie dort auch in ihrem Hochzeitskleid fotografieren.

Doch ihr Vater konnte sie nicht mehr zum Altar führen.

Die Trauer, die sie jetzt überwältigte, kannte sie mittlerweile gut. Schon seit Wochen verspürte sie diesen Schmerz, schon seit ihr Vater im Krankenhaus gelegen hatte. Sie hatte nicht wahrhaben wollen, dass er tatsächlich todkrank war – die Väter anderer Leute konnten sterben, aber doch nicht ihr eigener. Er hatte noch so jung und vital gewirkt, dass sie sich geweigert hatte, das Unausweichliche zu akzeptieren, und deshalb traf sein Tod sie umso mehr.

Ihrer Mutter zuliebe musste Elaine jedoch stark sein. Genau wie ihr Vater war sie sehr energisch, selbstständig und dickköpfig, ihre Mutter Pam hingegen ziemlich emotional und zerbrechlich. Da sie es nicht geschafft hatte, sich um die Beerdigung und alles, was damit zusammenhing, zu kümmern, hatte Elaine die ganze Organisation übernehmen müssen.

Eine Woche nach der Beerdigung kam der größte Schock für Elaine, als Pam urplötzlich verkündete, sie würde nach Chicago zu ihrer Schwester ziehen. Unverzüglich hatte sie das Haus zum Verkauf ausgeschrieben, und schon ein paar Tage später war ein Käufer gefunden – dann war sie weg gewesen, bevor Elaine realisiert hatte, wie ihr geschah. Alles, was Pam nicht mitgenommen hatte, hatte Elaine bekommen. Dazu gehörte auch das familieneigene Futtermittelgeschäft, mit dem Pam nichts zu tun haben wollte. John hatte immer gewollt, dass seine Tochter es irgendwann einmal übernahm.

Elaine straffte sich, denn es hatte keinen Sinn, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Mit dem Schlüssel in der Hand ging sie zum letzten Mal die fünf hölzernen Stufen hoch. Einen Moment stand sie da, dann zwang sie sich, die Tür aufzuschließen.

Im Flur standen zahlreiche aufeinandergestapelte Kartons. Sie hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was sich darin befand. Erinnerungen.

Über die konnte sie sich jetzt allerdings keine Gedanken machen. Sobald sie die Sachen zu dem Haus gebracht hatte, das sie für sich gemietet hatte, musste sie schleunigst ins Geschäft zurück. George Tucker, ihr Mitarbeiter, der schon für ihren Vater gearbeitet hatte, war zwar vertrauenswürdig und zuverlässig, aber sie trug nun die alleinige Verantwortung für Frasier Feed.

Das bedeutete auch, dass sie es sich nicht leisten konnte, richtig zu trauern. Im Juni kauften die Rancher aus der Umgebung nämlich besonders viel bei ihr, weil der Bedarf an Futter im Sommer immer größer war.

Als sie zum dritten Mal zu ihrem Pick-up ging, bedauerte Elaine, dass sie Glens Angebot, ihr zu helfen, abgelehnt hatte. Glen Patterson war wohl der beste Freund, den sie je gehabt hatte. Sie kannte ihn schon fast ihr ganzes Leben. Als Kinder hatten sie während der Schulzeit allerdings kaum etwas miteinander zu tun gehabt, weil Glen ein paar Jahre älter war als sie.

Die Pattersons kauften ihr Futter schon seit Jahren bei ihnen. Ihr Vater und Glens Dad hatten bereits auf der Highschool zusammen Fußball gespielt, und seit einigen Jahren kam Glen immer alleine zu ihnen, um Nachschub für seine Farm zu kaufen. Nachdem Elaine angefangen hatte, ganztags für ihren Vater zu arbeiten, hatte sie sich schließlich mit ihm angefreundet.

Sie war eine schlagfertige Person, und Glen hatte denselben Humor wie sie. Sie plauderten immer bei einer Tasse Kaffee – bei schönem Wetter draußen auf der Bank, sonst in ihrem Büro. Mit ihm konnte sie über alles reden. Sie schätzte seinen gesunden Menschenverstand und seine nüchterne Art, denn im Gegensatz zu ihm neigte sie dazu, sich viel zu viele Sorgen zu machen. Sein Lieblingsspruch war »Verwechsel Aktivität nicht mit Fortschritt«. Beinah glaubte sie, es Glen in diesem Moment sagen zu hören.

Sein letzter Besuch war schon über eine Woche her, und Elaine vermisste ihn. Er schaffte es stets, sie abzulenken und zum Lächeln zu bringen. Vielleicht konnte er sogar jetzt ihren Kummer lindern. Als er angeboten hatte, ihr beim Durchsehen der Kartons zu helfen, hatte sie jedoch abgelehnt. Früher oder später musste sie sich zwar mit diesen Erinnerungen auseinandersetzen, aber das tat sie lieber allein.

Kaum war Elaine im Geschäft angekommen, war dort auch schon die Hölle los. Sie hätte gern noch etwas Zeit für sich gehabt, doch andererseits war es vielleicht besser, wenn sie so viel um die Ohren hatte, weil sie dann weniger grübelte.

Es war fast zwei, als Elaine sich endlich für zehn Minuten in ihr Büro zurückziehen konnte, um sich zu sammeln und Mittagspause zu machen. Obwohl sie überhaupt keinen Appetit hatte, zwang sie sich, ein halbes Sandwich und einen Apfel zu essen. Als sie ihre Mailbox durchging, fand sie auch einen entgangenen Anruf von Glen. Es war ungewöhnlich, dass er tagsüber anrief, vor allem im Frühsommer, wenn er meistens bei der Herde war. Allein dass er an sie gedacht hatte, heiterte sie auf.

Seit seine Eltern in die Stadt gezogen waren und eine Bed-and-Breakfast-Pension eröffnet hatten, führte er die Ranch zusammen mit seinem älteren Bruder Cal. Da sie fast alles selbst machten und nur bei Bedarf Saisonarbeiter beschäftigten, konnten sie sich bisher in den schwarzen Zahlen halten. Vor einigen Jahren hatten sie außerdem begonnen, ihre Rinder mit denen von Grady Weston zu kreuzen.

Das Bürotelefon klingelte, und Elaine nahm ab. »Frasier Feed.«

»Gut, dass ich dich erwische, Elaine. Hier ist Richard Weston.«

Sie hatte zwar Glen erwartet, freute sich aber trotzdem. Vor Kurzem war Richard nach sechsjähriger Abwesenheit nach Promise zurückgekehrt, und sie war ein paarmal mit ihm ausgegangen, bevor sich der Zustand ihres Vaters verschlechtert hatte.

»Wie geht es dir?«, erkundigte sich Richard besorgt.

»Gut«, erwiderte sie automatisch. Vielleicht ist Glen der Einzige, mit dem ich über meinen Schmerz reden könnte, überlegte sie. Doch es war noch zu früh. Jetzt musste sie erst einmal den Alltag bewältigen.

»Ich habe in den letzten Wochen oft an dich gedacht.«

»Das weiß ich wirklich zu schätzen, Richard.« Sie war damals noch zur Schule gegangen, als er Promise verlassen hatte, und Elaine war wie alle Mädchen in ihrer Klasse in Richard verliebt gewesen. Noch immer war er der attraktivste Mann der Stadt, und im Gegensatz zu den anderen Ranchern wirkte er richtig weltgewandt. Zur Beerdigung ihres Vaters hatte er ein großes Blumenarrangement geschickt, das Anlass zu einigem Klatsch gewesen war. Sie war sehr gerührt gewesen, dass er an sie gedacht hatte.

»Ich habe deine Dankeskarte bekommen«, sagte Richard. »Die Blumen waren das Mindeste, was ich tun konnte.«

»Mom und ich wissen das wirklich zu schätzen.«

»Ich würde gern mehr für dich tun«, erklärte er sanft. »Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an.«

»Das werde ich.« Insgeheim bezweifelte sie allerdings, dass sie von seinem Angebot Gebrauch machen würde, denn sie musste erst allein mit ihrer Trauer fertigwerden. Ihr Vater war genauso gewesen.

»Weißt du, Elaine«, fuhr Richard fort. »Ich glaube, es würde dir guttun, mal rauszukommen.«

Ein Date? Das kam gerade wirklich nicht infrage. Dazu war sie noch nicht bereit, und außerdem hatte sie so viel zu erledigen. Elaine wollte gerade widersprechen, als er weitersprach:

»Nell Bishop gibt am Freitagabend eine Geburtstagsparty für Ruth und hat alle eingeladen. Hättest du Lust, mit mir hinzugehen?«

Elaine zögerte.

»Du musst unbedingt mal abschalten«, fügte er eindringlich hinzu.

Sie war auch zu der Party eingeladen und war zwar überhaupt nicht in der Stimmung für eine Feier, doch Nell war eine gute Freundin und Kundin von ihr, deshalb hatte sie wohl keine Wahl.

»Ich werde aber nicht lange bleiben«, meinte sie schließlich.

»Kein Problem«, versicherte er schnell. »Ich habe sowieso nur zugesagt, weil ich mit dir hingehen wollte.«

»Das ist lieb von dir, Richard!«

»Hey, so bin ich nun mal.«

»Wenn es dir wirklich nichts ausmacht, früh zu gehen, würde ich dich gern begleiten.« Elaine hatte Ruth Bishop schon immer gerngehabt. Ruth und Nell hatten sich gegenseitig beigestanden, um Jakes Tod zu verkraften. Nell hatte ihre große Liebe verloren und Ruth ihren Sohn. Für Nell war es sehr schwer gewesen, die Ranch über Wasser zu halten, und Ruth hatte ihr nach Kräften geholfen. Offenbar wollte Nell sich mit dieser Party bei ihrer Schwiegermutter bedanken.

»Ich hole dich gegen sechs ab«, schlug Richard vor.

»Super, vielen Dank.« Sie plauderten noch einen Moment, und als Elaine schließlich auflegte, stellte sie fest, dass sie sich richtig auf den Abend freute. Es würde ihr guttun, mal wieder zu lachen, und mit Richard hatte man immer viel Spaß.

***

Glen Patterson und sein Bruder ritten in der prallen Sonne und trieben ihre Herde auf eine weiter entfernte Weide. Zusammen mit zwei Aushilfscowboys hatten sie die fast vierhundert Rinder vorher geimpft. Die Herde zu impfen gehörte nicht gerade zu Glens Lieblingsaufgaben. Trotzdem war es immer noch besser, als die Kühe und Färsen auf Anzeichen für eine Trächtigkeit zu untersuchen.

Glen nahm seinen Stetson ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. Fast den ganzen Tag lang hatte er an Elaine gedacht. Er hätte an diesem Morgen trotzdem zum Haus ihrer Eltern fahren sollen, denn sie hätte Hilfe gebrauchen können, egal, was sie gesagt hatte. Die Frau war nur so verdammt stur! Seiner Ansicht nach hatte sie sein Angebot vor allem aus Stolz abgelehnt. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass sie ihren Kummer nicht vor ihm verbergen musste und ruhig Hilfe annehmen konnte. Allerdings wusste er, dass das zu nichts führen würde, und so war ihm nichts anderes übrig geblieben, als ihre Entscheidung zu akzeptieren.

»Ich reite jetzt zurück«, sagte er zu seinem Bruder. Sie hatten die Weide erreicht, und die Rinder verteilten sich nun.

Cal ließ die Nachzügler nicht aus den Augen. »Fährst du in die Stadt?«

»Das hatte ich eigentlich vor«, erwiderte Glen widerstrebend. Dass sein Bruder seine Gedanken lesen konnte, war ihm manchmal richtig unheimlich. Und es ging ihm auf die Nerven!

Ein Lächeln umspielte Cals Mundwinkel. »Du willst Elaine besuchen, stimmt’s?«

»Und wenn schon.« Sein Bruder hatte nie verstanden, dass Glen und Elaine lediglich gute Freunde waren. Allerdings hatte Cal auch ein gespaltenes Verhältnis zu Frauen. Wenn eine Frau Glen in aller Öffentlichkeit so bloßgestellt hätte, wie Jennifer Healy es mit seinem Bruder getan hatte, wäre er vermutlich auch nicht so gut auf das andere Geschlecht zu sprechen gewesen. Trotzdem ärgerte er sich manchmal über Cals Einstellung.

»Ihr beide solltet euch über einiges klar werden«, verkündete Cal, als würde der Altersunterschied von zwei Jahren ihm unermessliche Weisheit verleihen.

»Was meinst du damit?«

»Zwischen euch läuft was.«

»Stimmt«, bestätigte Glen, was seinen Bruder zu überraschen schien. »Wir sind Freunde. Ist das so schwer zu verstehen?« Glen wusste nicht, was mit Cal und vielen seiner anderen Freunde los war. Selbst Grady Weston, sein ältester Freund, dachte offenbar, dass Elaine und ihn mehr verband als nur Freundschaft.

Tatsache war, dass sie in vier Jahren nicht einmal Händchen gehalten hatten. Er fühlte sich in Elaines Gesellschaft wohl und sie sich in seiner. Falls sich mehr daraus entwickelte, würde es eine der besten Freundschaften zerstören, die er je gehabt hatte. Elaine sah das genauso. Sie hatten zwar nie darüber gesprochen, aber dazu gab es auch keinen Grund. Es war eine stillschweigende Übereinkunft.

»Elaine und ich haben eine Abmachung«, erklärte Glen also. »Genau wie wir beide nie über Bitter End sprechen.«

Cal kniff die Augen zusammen. Nur wenige Familien in Promise wussten von der Geisterstadt in den Bergen, und kaum jemand redete je davon. Einmal, als Teenager, hatten Cal, Glen und Grady beschlossen, die Stadt zu suchen. Für sie war es ein Abenteuer, etwas, womit sie vor ihren Freunden angeben konnten. Sie hatten Wochen gebraucht, bis sie sie tatsächlich entdeckt hatten, und die Atmosphäre dort war so unheimlich gewesen, dass sie nie wieder dorthin zurückgekehrt waren.

»Was hat Bitter End mit Elaine zu tun?«, fragte Cal.

»Nichts. Ich meine nur, dass wir beide nicht über das und Elaine und ich nicht über unsere Beziehung reden, weil keiner von uns an einer Romanze interessiert ist. Warum ist das so schwer zu begreifen?«

»Na gut.« Cal schnaufte verächtlich. »Glaub, was du willst, und ich werde so tun, als würde ich nicht merken, was los ist.«

Nun verlor Glen die Geduld. »Ja, mach das, großer Bruder. Wir sehen uns dann heute Abend.« Er hatte es eilig. Elaine mochte so tun, als wäre es nichts Besonderes, ihr Elternhaus auszuräumen, doch er wusste es besser.

»Wann auch immer«, erwiderte Cal ohne großes Interesse.

Glen trieb Moonshine zu einem langsamen Galopp an und ritt auf das Ranchhaus zu. Eines Tages würde Cal die richtige Frau finden, und dann würde er den Mund halten. Seiner Meinung nach hatte Cal Glück im Unglück gehabt, denn Jennifer Healy war wirklich nichts Besonderes gewesen. Nur leider sah sein großer Bruder das anders.

Als Glen wieder an Elaine dachte, lächelte er. Fast konnte er sie lachen hören. Genau das war es, was sie jetzt brauchte – einen Grund zum Lachen. Sie hatte ihre Gefühle viel zu lange für sich behalten.

Er beschloss, erst zu duschen, anschließend etwas zu essen und sich dann auf den Weg zu machen. Sollte Cal doch ruhig fernsehen – Glen hatte etwas Besseres vor. Etwas viel Besseres.

***

Sein Mund war wie ausgetrocknet, als Grady Weston das Ranchhaus betrat, und deswegen ging er gleich zum Kühlschrank. Seine Schwester Savannah machte jeden Nachmittag einen Krug Eistee für ihn und Laredo. Er nahm den Krug aus dem Kühlschrank und trank gleich daraus.

»Grady!« Savannah kam mit einem Arm voll frisch geschnittener Rosen herein, deren intensiver Duft sofort den Raum erfüllte. Sein alter Hund Rocket folgte ihr auf wackeligen Beinen.

Nachdem Grady noch einen Schluck getrunken hatte, stellte er den Krug auf den Küchentresen und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Wo ist Richard?«, fragte er, denn er hatte keine Lust, sich einen Vortrag über seine schlechten Manieren anzuhören.

Okay, er hätte sich ein Glas nehmen können, aber er war müde und durstig, verdammt! Und als er nun aus dem Fenster sah und feststellte, dass sein Pick-up nicht in der Auffahrt stand, wurde er auch noch wütend. Sollte sich herausstellen, dass sein Taugenichts von einem Bruder damit weggefahren war, konnte der sich auf etwas gefasst machen.

»Ich … weiß nicht, wo er ist.« Savannah senkte den Blick, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie eine Vermutung hatte, es aber nicht sagen wollte.

»Er hat den Wagen genommen, stimmt’s?«

Sie zuckte die Schultern und nickte schließlich.

»Das habe ich mir gedacht«, knurrte er unwirsch. Vor sechs Jahren hatte Richard das Geld gestohlen, das ihre Eltern ihnen hinterlassen hatten, und war damit verschwunden. Savannah und Grady hatten mit dem Tod ihrer Eltern, den Erbschaftssteuern und allen rechtlichen Problemen allein fertigwerden müssen, während Richard das ganze Erbe verprasst hatte. Vor ein paar Monaten war er dann plötzlich wiederaufgetaucht, ohne Job und ohne einen Cent in der Tasche. Angeblich hatte er eine Bleibe gebraucht, bis der Scheck über seine Abfindung eintraf. Savannah glaubte Richard diese Geschichte, aber Grady würde ihm so schnell nicht wieder vertrauen.

Er hätte ihn gleich rausgeschmissen, wenn seine gutherzige Schwester nicht gewesen wäre. Er hatte einige Male die Gelegenheit dazu gehabt, zum Beispiel als Richard eine Party auf seine Kosten gegeben hatte. Allerdings wollte er glauben, dass Richard sich verändert hatte, selbst wenn alles dagegen sprach. Da Grady der Älteste von ihnen war, fühlte er sich verantwortlich. Er wollte das Andenken seiner Eltern in Ehren halten und die Ranch nicht verlieren.

Ihre Mutter hatte Richard nach Strich und Faden verwöhnt, denn er war ihr Liebling gewesen. Auch wenn sie zu seinem Egoismus beigetragen hatte, so hätte sie von Grady erwartet, dass er Richard wieder bei sich aufnahm. Sogar jetzt, sechs Jahre nach ihrem Tod, buhlte er noch um ihre Anerkennung.

»Wo ist er diesmal hingefahren?«, fragte er. Am meisten ärgerte er sich über sich selbst. Richard verstand es hervorragend, andere zu manipulieren, denn er war charmant und wortgewandt. Grady hingegen war oft kurz angebunden und wurde schnell laut. Er wünschte, er hätte auch nur annähernd so viel Erfolg bei Frauen wie Richard, doch er war zu alt und zu dickköpfig, um sich noch zu ändern.

Savannah schüttelte langsam den Kopf.

»Heißt das, du weißt nicht, wohin er gefahren ist, oder du willst es mir nicht sagen?«

»Beides.«

Trotz seines Zorns musste er lächeln, dann setzte er sich an den Tisch. »Wahrscheinlich hätte ich ihm die Schlüssel sowieso gegeben, wenn er mich gefragt hätte.«

»Ich … habe ihm die Schlüssel zwar nicht gegeben, ihm aber gesagt, wo sie sind.«

Savannah nahm ihm gegenüber Platz. Dabei fiel ihm auf, wie schön sie war. Noch vor wenigen Monaten war sie für ihn lediglich Savannah, seine gutherzige kleine Schwester, gewesen. Eine Frau, die nie vorschnell urteilte und ein großes Herz hatte, die mit ihrem ruhigen Leben immer zufrieden gewesen war.

Dann hatte sie sich eines Tages aus heiterem Himmel verändert. Nein, korrigierte sich Grady, sie war immer stark gewesen, doch er hatte diese Eigenschaften nicht bemerkt oder zu schätzen gewusst. Sie hatte angefangen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, und ihm klargemacht, dass sie mehr vom Leben erwartete, als er dachte. Der Grund dafür war Laredo Smith gewesen, ein Herumtreiber, der plötzlich in ihr Leben getreten war. Ein Cowboy. Ein Geschenk des Himmels. Er und Grady waren jetzt Geschäftspartner, und Savannah und Laredo hatten vor einigen Wochen im kleinen Kreis in Savannahs Rosengarten geheiratet. Bald würden sie sich ein eigenes Haus bauen und Kinder bekommen. Grady freute sich schon darauf, Kinder auf der Ranch zu haben.

»Wann ist er weggefahren?« Müde rieb Grady sich das Kinn. Die Probleme mit Richard schienen immer mehr zu werden. Der angekündigte Scheck war auch noch nicht eingetroffen – vermutlich hatte Richard überhaupt keine Abfindung bekommen. Allerdings hatte er es irgendwie geschafft, Grady fünfhundert Dollar zurückzuzahlen.

Zum Glück setzte Savannah sich nicht mehr für ihn ein und war seinetwegen genauso beunruhigt wie Grady. Trotzdem brachten es beide nicht übers Herz, Richard endgültig hinauszuwerfen, zumal er wenigstens halbherzig versuchte, sich auf der Ranch nützlich zu machen.

»Ungefähr um drei.«

»Er ist nicht in die Stadt gefahren, stimmt’s?«

Savannah zögerte, bevor sie antwortete. »Ich glaube nicht, aber er hat mir nicht gesagt, wohin er wollte.«

»Ich hätte heute Nachmittag Hilfe gebrauchen können«, erklärte Grady leise.

Doch Richard hatte sich noch nie zum Rancher geeignet, was seinen Worten zufolge auch der Grund gewesen war, warum er mit dem Geld durchgebrannt war. Da er keinen Anspruch auf die Ranch erhob, wäre es sein Erbe gewesen, wie er behauptete.

»Er wirkt ziemlich beschäftigt«, sagte Savannah. Keiner von ihnen wusste, was Richard die ganze Zeit machte, denn oft verschwand er einfach und tauchte erst nach einigen Stunden wieder auf.

»Ich habe gehört, wie er mit Elaine telefoniert hat«, fuhr sie fort. »Er hat sie zu Ruths Geburtstagsparty eingeladen.«

Grady war nicht entgangen, dass Richard sich für Elaine interessierte, und er hoffte, dass Richards Interesse nicht vielmehr Elaines Geschäft galt.

»Sie weiß es nicht, oder?«, fragte Savannah.

Er schüttelte den Kopf. Nur wenige Leute in Promise wussten davon, dass Richard sie an dem Tag, als sie ihre Eltern beerdigt hatten, bestohlen hatte. Erst nach sechs Jahren, als er selbst Hilfe gebraucht hatte, war er wieder aufgetaucht.

Grady fluchte leise und wartete auf eine Strafpredigt. Savannah sagte jedoch nichts, denn im nächsten Moment wurde die Fliegentür geöffnet, und Laredo betrat die Küche. Beide tauschten einen zärtlichen Blick, während Laredo sich ein Glas Eistee einschenkte. Nachdem er es in wenigen Zügen geleert hatte, stellte er es weg und zog Savannah an sich.

Noch nie zuvor hatte Grady zwei Menschen gesehen, die sich mehr liebten als die beiden. Für ihn war es ein fast schmerzlicher Anblick, weil es ihn daran erinnerte, wie einsam er selbst war. Er wusste, dass er kein besonders einfacher Mensch war, und bezweifelte, dass sich je eine Frau in ihn verlieben würde. Trotzdem wünschte er sich, genauso glücklich zu werden wie Savannah und Laredo.

Noch nie zuvor hatte er sich einsam gefühlt oder ans Heiraten gedacht. Außerdem hatte er bisher keine Zeit gehabt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn er hatte die letzten sechs Jahre geschuftet, um die Ranch aus den Schulden herauszubringen. Wenn in diesem Jahr alles gut ging, würden sie wieder in die schwarzen Zahlen kommen.

»Caroline kommt später vorbei«, sagte Savannah leise.

Grady war nicht sicher, an wen ihre Worte gerichtet waren. Caroline Daniels war Savannahs beste Freundin und die Postmeisterin in Promise. Er kam einfach nicht mit ihr klar, fürchtete aber, dass Savannah ihn immer noch mit ihr verkuppeln wollte. In letzter Zeit hatten die beiden oft zusammengesessen und Entwürfe für Savannahs und Laredos Haus entwickelt. Deshalb war auch Maggie, Carolines fünfjährige Tochter, häufig bei ihnen gewesen. Da er die Kleine vor Kurzem durch seine Grimmigkeit verschreckt hatte, ging sie ihm jetzt leider meistens aus dem Weg. Umso mehr ärgerte es ihn, dass Maggie seinen Bruder, diesen Charmeur, ins Herz geschlossen hatte und ihm praktisch aus der Hand fraß.

Dass Grady sich ständig mit Caroline stritt, war wohl hauptsächlich seine Schuld. Er bewunderte Menschen, die aus ihrer Meinung keinen Hehl machten, doch sie tat es für seinen Geschmack etwas zu oft.

»Gehst du auch zu Ruths Geburtstagsparty?«, erkundigte sich Savannah.

Grady zögerte einen Moment, bevor er antwortete. »Ich glaube nicht.«

Das hatte sie offenbar nicht hören wollen. »Und warum nicht?«

Er war es nicht gewohnt, Rechenschaft abzulegen, doch in diesem Moment blieb ihm wohl nichts anderes übrig.

»Brauche ich dafür einen Grund?«

»Laredo und ich gehen hin.« Sie legte Laredo die Arme um die Taille. »Ruth ist ein Schatz, und es ist Nell echt wichtig, dass viele Leute kommen.«

»Cal geht auch nicht hin«, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen.

»Genau das meine ich ja«, erklärte sie. »Wenn du nicht aufpasst, endest du noch genauso wie er.«

»Und was stimmt mit Cal nicht?«, fragte er, obwohl er wusste, was sie meinte. Grady fand Cals abneigende Haltung gegenüber Frauen etwas übertrieben, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, es zuzugeben.

»Nichts, was die richtige Frau nicht beheben könnte.«

»Savannah möchte, dass du mit Caroline hingehst«, warf Laredo ein. Er redete nicht viel, doch wenn er es tat, kam er gleich zur Sache.

»Ich soll was?« Grady tat so, als würde er schlecht hören.

Savannah fand es offenbar nicht komisch. »Gibt es ein Problem mit Caroline?« Ihre Augen funkelten kampflustig.

»Na ja …«

»Du kannst dich glücklich schätzen, wenn eine Frau wie sie dich irgendwohin begleitet!«

»Oh ja, natürlich«, erwiderte er sarkastisch.

»Grady!«

Er lachte und hob resigniert die Hände. »Caroline ist in Ordnung. Wir sind nur in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung, und das weißt du auch, Savannah. Ich mag sie, aber ich kann mir nicht vorstellen, mit ihr auszugehen.«

»Wegen Maggie?«, erkundigte sich Savannah.

»Nein«, versicherte er, da er wusste, wie nahe sie und Maggie sich standen.

»Savannah dachte, wir könnten zu viert zu Ruths Party gehen«, erklärte Laredo.

»Caroline und ich?« Grady beugte sich vor und klopfte sich übertrieben belustigt auf die Schenkel. »Caroline und ich mit euch beiden?« Das wurde ja immer besser. Die beiden Turteltauben und er … mit Caroline. Wirklich eine tolle Idee! Sie beide konnten ja kaum ein Wort miteinander wechseln, ohne aneinanderzugeraten. »Ihr macht hoffentlich Witze.«

»Offenbar nicht«, ließ sich eine kühle Stimme von der Hintertür her vernehmen.

Grady erstarrte. Caroline Daniels hatte mit ihrer Tochter Maggie die Küche betreten, und es war offensichtlich, dass sie alles gehört hatte.

2. Kapitel

Als Elaine das kleine Haus betrat, das sie gemietet hatte, fiel ihr Blick auf die Kartons, die aufeinandergestapelt an der hinteren Wand im Wohnzimmer standen. Am liebsten wollte sie sie außer Sichtweite bringen und die Sachen ihres Vaters dann aussortieren, wenn sie sich dieser Aufgabe gewachsen fühlte.

Doch sie wollte es auch nicht aufschieben, denn schließlich hatte ihr Vater ihr beigebracht, niemals etwas hinauszuzögern. Außerdem würde sie ohnehin ständig daran denken müssen.

Autor

Debbie Macomber

Debbie Macomber...

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