Historical Lords & Ladies Band 88

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MASKERADE UNTERM MISTELZWEIG von LOUISE ALLEN
Der Kammerdiener Lucas flirtet mit ihr? Schockierend! findet Lady Rowan. Andererseits: Er weiß ja nicht, wer sie wirklich ist, und hält sie für eine einfache Zofe. Doch auch Lucas hat ein Geheimnis, gibt vor, ein anderer zu sein. Und so beginnt eine zärtliche Weihnachtsscharade …

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  • Erscheinungstag 05.11.2021
  • Bandnummer 88
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502559
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Louise Allen, Christine Merrill

HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 88

1. KAPITEL

12. Dezember 1816

Deine Stiefmutter verlangt von dir, dass du einen Mörder heiratest?“ Lady Rowan Chilcourt starrte ihre Freundin an, die ganz blass geworden war. „Ich gehe zwei Jahre weg, und wenn ich wiederkomme, muss ich feststellen, dass du dich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lässt?“

„Zur Schlachtbank? Sag doch nicht so was, Rowan! Und was kann ich schon dagegen tun?“ Miss Penny Maylin wurde noch blasser, auch wenn das gar nicht möglich schien. „Wir wissen doch gar nicht, ob er ein Mörder ist – bestimmt ist er keiner –, aber was man sich so erzählt, ist schon beunruhigend, und Lord Danescroft – oh Rowan, wenn du ihn nur sehen könntest! Er ist so düster, ernst und furchtbar unheimlich.“

„Du musst dich weigern!“, erwiderte Rowan und begann so energisch auf und ab zu gehen, dass ihr Reisekleid aus Paris raschelte. Das war mal wieder typisch für Penny: Sie war die liebste, treuste Freundin, die man sich nur wünschen konnte, aber sie war auch schrecklich schüchtern und wagte es nicht, sich zur Wehr zu setzen, vor allem nicht gegen Lady Maylin. Und was Pennys Stiefmutter an Wohlerzogenheit abging, glich sie mit schierer tyrannischer Durchsetzungskraft aus.

„Ich kann ihn nicht abweisen, er hat mir noch keinen Antrag gemacht. Ich kenne ihn ja noch nicht mal, nicht von Angesicht zu Angesicht. Bisher habe ich ihn nur aus der Ferne gesehen, auf Gesellschaften. Lang geblieben ist er auch nicht. Und er redet nie mit den Leuten. Und er tanzt nicht“, fügte sie klagend hinzu. „Und er lächelt nie.“

„Ich habe damals vom Tod seiner Frau in der Zeitung gelesen.“ Rowan runzelte die Stirn und versuchte sich an das Gelesene zu erinnern. Das war während des glanzvollen Wiener Kongresses gewesen, wo sie für ihren Vater Lord Chilcourt die Rolle der Gastgeberin übernommen hatte, eine ereignisreiche Zeit voller Aufregungen, die etwas ganz anderes gewesen waren als die gesetzten, wohldosierten Vergnügungen, denen eine junge Dame von vierundzwanzig Lenzen in London nachgehen konnte. Die Nachrichten aus England schienen fremd und weit weg.

Trotzdem war Lady Danescrofts Tod ein sensationelles, skandalöses Rätsel gewesen; in den Berichten wurden nicht nur die schrecklichen Details ausgewalzt, wie der Butler sie am Fuß der Dienstbotentreppe gefunden hatte, mit gebrochenem Genick, sie waren auch voller verschleierter Andeutungen und Anspielungen. „Lebhaft“ sei Lady Danescroft gewesen, habe zur „Clique der jungen Leute“ gehört und sei berühmt gewesen für ihren „großen Freundeskreis“, der nicht nur aus Damen, sondern auch aus Herren bestanden habe.

Wie es schien, hatte der Earl of Danescroft weder bei der gerichtlichen Untersuchung der Todesursache noch bei der Beerdigung irgendein Gefühl gezeigt; er hatte sich geweigert, darüber zu spekulieren, was seine Frau wohl mitten in der Nacht auf der Dienstbotentreppe zu suchen gehabt hatte, und war im Lauf der Zeit angeblich immer einsilbiger und mürrischer geworden, wenn man ihn zu diesem Thema befragte.

„Sagen die Leute wirklich, er habe sie umgebracht?“, fragte Rowan. „In den Zeitungen gab es jede Menge Andeutungen, aber es wurde nicht berichtet, dass er offen beschuldigt oder gar angeklagt wurde.“

„Nicht direkt.“ Penny runzelte die Stirn. „Man findet es sehr merkwürdig, dass er nichts unternimmt, um die ganzen Gerüchte zu unterbinden. Er hat keine Trauer für sie getragen. Und …“, sie errötete, „… angeblich hat er seinen Kammerdiener gleich am Tag darauf entlassen. Der Kammerdiener soll sehr attraktiv gewesen sein.“

„Den Kammerdiener hat er doch wohl nicht auch noch umgebracht?“, fragte Rowan halb im Scherz.

„Nein! O Rowan, sei doch einmal ernst.“ Penny zog einen Vorhang vor, um das Schneegestöber draußen auszuschließen. „Ich bin mir sicher – na ja, beinahe sicher –, dass er kein Mörder ist. Meine Güte, er ist schließlich ein Earl! Aber er sieht aus, als quälten ihn dunkle Gedanken, er ist eine düstere Erscheinung, und es heißt, dass sein Töchterchen die ganze Zeit eingesperrt sei. Das arme kleine Ding.“ Sie setzte sich und legte sich ein Umschlagtuch um die Schultern. Rowan bemerkte, dass es seit mindestens einer Saison aus der Mode war und auch nicht aus dem Atelier einer führenden Modistin stammte. „Wie könnte ich einen solchen Mann heiraten?“

„Er klingt wie der Schurke aus einem Schauerroman. Allerdings muss ich zugeben, dass er eine sehr gute Partie für dich wäre.“ Rowan nahm ebenfalls Platz, und zwar um einiges anmutiger als ihre Freundin. „Verzeih mir, wenn ich ganz offen spreche, aber …“

„Ich gehöre zu den unwichtigen Maylins“, unterbrach Penny sie und nickte zustimmend. „Ich weiß. Wir haben zwar hervorragende Verbindungen, aber wir haben kein Geld – und auch keinen Ehrgeiz. Zumindest nicht“, fügte sie gewissenhaft hinzu, „bevor Papa sich wieder verheiratet hat.“

Schweigend ließen sie die Ambitionen von Pennys Stiefmutter Revue passieren. Wenn die zweite Lady Maylin sich erhofft hatte, dass die Ehe mit einem Verwandten des Duke of Farthinghoe sie in die obersten Kreise der Gesellschaft katapultieren würde, dann war sie gründlich desillusioniert worden. Was sie allerdings nicht davon abhielt, es immer und immer wieder zu probieren.

„Warum also sollte das Auge des Earls auf dich fallen?“

„Lord Danescrofts Großmutter ist meine Patentante. Anscheinend hat sie ihn davon überzeugt, dass er sich wieder verheiraten müsse, seiner mutterlosen Tochter zuliebe und um einen Erben zu bekommen.“

„Ja, aber du …“

„Ich weiß. Ich bin weder reich noch schön. Wenn ein Mann mich anspricht, laufe ich puterrot an, und hinter mir liegt eine katastrophale Saison“, zählte Penny mit gnadenloser Ehrlichkeit auf. „Wenn ich aussähe wie du, Rowan – wenn ich deinen Esprit hätte –, dann könnte ich es verstehen.“

„Sie wollen einen … Fußabtreter, weil ihn aus der vornehmen Gesellschaft keine andere will“, sagte Rowan grimmig. Es hatte keinen Sinn, Penny einzureden, sie sei eine Schönheit. Das war sie einfach nicht. Ihr Haar war mausbraun, ihre Figur war bestenfalls schmächtig zu nennen, und sie war so bescheiden, dass es ein Wunder war, wenn jemand sie überhaupt bemerkte. Außerdem war sie gutmütig, fürsorglich, eine treue Freundin und konnte wunderbar mit Kindern umgehen. All diese liebenswerten Eigenschaften spielten auf dem Heiratsmarkt natürlich nicht die geringste Rolle.

„Ja. Und eben weil ich so ein Fußabtreter bin, weiß ich, dass ich einwillige, wenn er um meine Hand anhält. Niemand wird mich unterstützen. Meine Patentante hat mir eine Einladung zur Hausgesellschaft in Tollesbury Court an Weihnachten besorgt. Er wird auch da sein und mir dort einen Antrag machen.“

„Und wenn er zu dem Schluss kommt, dass du nicht die Richtige bist?“, fragte Rowan. „Dich können sie ja so lange tyrannisieren, bis du Ja sagst, aber ihn doch sicher nicht? Ein Earl kann tun und lassen, was er will.“

„Meine Patentante sagt, sie habe schon mit ihm über mich gesprochen, und er meint, ich klinge äußerst passend. Sie sagt, er hat genug von all dem fürchterlichen Klatsch und will eine vernünftige junge Frau, die ihm nicht mit Szenen und hysterischen Anfällen kommt und sich um den Haushalt und das Kind kümmert.“ Penny seufzte. „Das klingt alles furchtbar trostlos; ich frage mich, warum er nicht stattdessen lieber eine erstklassige Gouvernante und eine Haushälterin anstellt.“

„Weil die ihm keinen Erben schenken können“, erklärte Rowan ihr mit brutaler Offenheit. „Irgendwas kann mit ihm ja nicht stimmen, wenn seine Frau dazu getrieben wurde, sich seinen Kammerdiener zum Liebhaber zu nehmen. Vielleicht hat er sie geschlagen? Oder ihre Mitgift verprasst? Dein Vater würde dich doch sicher nicht zu der Ehe zwingen, wenn das der Fall wäre, oder?“

„Nein, würde er nicht. Aber er sagt, ich reagiere übertrieben ängstlich auf den rätselhaften Tod. Ich kann Papa einfach nicht begreiflich machen, dass mir vor Lord Danescroft regelrecht graut.“

„Also müssen wir etwas über den Earl herausfinden, was ihn diskreditiert. Dann hast du einen vernünftigen Grund, dich gegen die Ehe zu wehren, und auch dein Vater wird einsehen, dass sie deinem Glück im Wege steht.“ Schweigend starrten die beiden Freundinnen ins Feuer. Rowan griff nach einem gebutterten Teebrötchen und biss so heftig hinein, als hätte sie Seine Lordschaft vor sich. „Kommt deine Stiefmutter auch mit nach Tollesbury Court?“

„Nein. Meine Patentante sagt, dass sie Lord Danescroft bestimmt erzürnen würde, und so will sie mich lieber selbst begleiten. Sogar Papa musste dem zustimmen. Meine Stiefmutter war außer sich vor Wut.“

Rowan strich etwas Marmelade auf das Brötchen und ließ sich die Idee durch den Kopf gehen, die ihr urplötzlich gekommen war. „Wer ist gleich noch mal deine Patentante?“

„Lady Rolesby.“

„Hmm. Sie hat mich nicht mehr gesehen, seit ich mit Papa nach Wien gegangen bin. Vermutlich würde sie mich jetzt nicht wiedererkennen – das würde wohl niemand, wenn ich es mir recht überlege.“

„Nein“, stimmte Penny zu. „Du bist so gewachsen. Du warst schon immer hübsch, Rowan, aber jetzt bist du richtig schön. Aber was hat das damit zu tun?“

Rowan ignorierte das Kompliment; Penny hatte ihr Aussehen schon immer bewundert. „Nun, ich werde dich als deine Kammerzofe begleiten. Die Dienstboten wissen doch immer alles – ich werde all den Klatsch mitbekommen, Lord Danescroft ausspionieren und beweisen, dass er für dich wirklich nicht der Richtige ist.“

„Ach, Rowan!“ Penelopes reizloses Gesicht hellte sich merklich auf. „Würdest du das wirklich tun? Vermutlich gibt es über ihn gar nichts weiter herauszufinden, aber es wäre einfach wunderbar, wenn ich jemanden dabeihätte, dem ich mich anvertrauen könnte. Doch wie sehen deine Pläne für Weihnachten aus? Dein Vater wollte gewiss nicht, dass du allein nach Hause zurückkehrst!“

„Nein, Tante Moore erwartet mich in Yorkshire.“ Rowan verzog das Gesicht. „Ich schreibe ihr, dass ich zu einer Hausgesellschaft eingeladen wurde, bei der sich auch jede Menge passende junge Männer tummeln werden – sie wird entzückt sein. Wenn ich will, kann meine Handschrift ganz fürchterlich sein – sie wird leider nicht entziffern können, wohin wir gehen.“

„Ich soll in zehn Tagen aufbrechen. Meinst du, die Zeit reicht dir?“

„Um zu lernen, wie man Kammerzofe spielt? Das glaube ich ganz bestimmt. So schwer kann das doch nicht sein.“

„Miss Maylin? Das kann doch nicht dein Ernst sein – kennst du die Mutter?“ Lucas Dacre, Viscount Stoneley, legte die in Stiefeln steckenden Beine übereinander und sah seinen Freund fragend an. „Sie ist das vulgärste, raffinierteste Geschöpf, das man sich nur denken kann.“

„Soweit ich weiß, ist sie die Stiefmutter. Aber woher kennst du sie? Du bist doch gerade erst seit zehn Tagen wieder im Land.“ Der Earl of Danescroft hob eine Augenbraue. Das ist der größte Gefühlsausbruch, den er sich geleistet hat, seit er mir vor drei Tagen die Hand geschüttelt hat, dachte Lucas. Er behielt seine ausdruckslose Miene bei und verbarg seine Besorgnis über die Veränderung, die er an seinem Freund wahrgenommen hatte. Zum letzten Mal hatte er ihn vor fünf Jahren gesehen; damals war er sein Trauzeuge gewesen und hatte auf seiner Hochzeit getanzt.

Jetzt war Will hager und ernst geworden, sein einst so ausdrucksstarker Blick war verschlossen, und alle Lebensfreude schien von ihm gewichen, was allerdings nicht verwunderlich war: Lucas hatte einige Stunden in seinem Club verbracht und in alten Zeitungen geschmökert, um sich mit dem Skandal vertraut zu machen, über den Will offenkundig nicht sprechen wollte.

Die Entdeckung, dass Belle mit dem Herzen und der Ehre ihres Ehemanns ebenso sorglos umgegangen war wie mit seinem Geld, war für ihn nicht überraschend gewesen. Er hatte versucht, Will zu warnen, als er bemerkte, dass sein Freund dabei war, sich in sie zu verlieben. Das hatte zu dem einzigen Streit geführt, den sie je miteinander gehabt hatten, und ab diesem Zeitpunkt hatte er Ruhe gegeben. Ein „Hab ich dir’s doch gesagt“ wäre jetzt auch nicht sehr hilfreich.

„Gestern Abend war ich auf einem Empfang bei Fotheringham. Furchtbar langweilig, aber ich hatte Mama versprochen, bei ihnen vorbeizuschauen, wenn ich in London bin. Lady Maylin war so auffällig – nichts als lila Satin, Federn und Geschmacklosigkeit –, dass ich mich erkundigt habe, wer das ist. Dann habe ich ein Gespräch mitbekommen, das sie mit ihren Freundinnen führte. Was für eine prima Partie sie doch für ihre liebe Penelope an Land gezogen habe. So reich, so vornehm. Daraufhin habe ich das Weite gesucht – wenn ich gewusst hätte, dass sie von dir redet, hätte ich mich noch ein bisschen länger hinter dem Farn versteckt.“

Der Earl verzog das Gesicht. „Meine Großmutter hat mir versichert, dass sie nicht nach Tollesbury eingeladen ist.“

„Deine Großmutter – entschuldige, dass ich das so krass formuliere – muss übergeschnappt sein, wenn sie glaubt, dass eine Tochter aus diesem Haus für dich die Richtige sein könnte.“ Oder dich verdienen würde, dachte Lucas bitter. Will brauchte eine Frau, die ihn liebte, nicht irgendein habgieriges Nichts, das alte Jungfer genug war, um den Skandal im Gegenzug für Reichtum und einen Titel zu schlucken.

„Man hat mir versichert, dass Miss Maylin ganz anders ist als ihre Stiefmutter. Außerdem kann sie anscheinend gut mit Kindern umgehen. Louisa braucht eine Mutter.“ Will hätte auch eine Gouvernante beschreiben können – seine Stimme war ausdruckslos und bar jeden Gefühls.

Lucas wurde allmählich zornig. Dies war der Freund, der früher dauernd gelacht hatte, der Mann, der ihm so oft aus der Patsche geholfen hatte, dass er es gar nicht zählen konnte. Sein bester Freund – der Bruder, den er nie gehabt hatte –, und er hatte eine Frau verdient, die ihn liebte, die ihm den Frohsinn wiederbrachte. Eine Frau, die sein Herz aus der Erstarrung löste.

„Und wenn sich herausstellt, dass sie doch nicht so ist, wie sie dir beschrieben wurde?“, fragte er harsch.

„Dann würde ich ihr eben keinen Heiratsantrag machen.“ Will schien überrascht, dass sein Freund diese Frage überhaupt stellte. „Mit einer Frau, die Louisa keine gute Mutter sein würde, könnte ich nie einen Hausstand gründen.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber es besteht keinerlei Grund zur Beunruhigung: Ich vertraue auf das Urteil meiner Großmutter.“

„Ich begleite dich.“ Verdammt, alles, woran er denken kann, ist, ob seine neue Frau eine gute Mutter für seine Tochter wäre. Was ist denn mit ihm los? Ist er beim letzten Mal nicht schon genug verletzt worden?

„Aber du bist nicht eingeladen.“ Doch dann zuckte Will mit den Schultern. „Nun ja, sicher ist es für dich ein Leichtes, dir eine Einladung zu sichern. Du hast dich zwar ewige Zeiten in der Karibik aufgehalten, aber vergessen hat dich sicher keiner. Und vermutlich wird es auch niemanden überraschen, dich zu sehen, nachdem du jetzt den Titel geerbt hast.“

„Hoffentlich haben sie mich so weit vergessen, dass sie mich nicht erkennen. Zumindest solange sie mich irgendwo sehen, wo sie mich nicht vermuten würden.“ Lucas lächelte und bog die Finger durch. Er stellte sich vor, wie er sie um Miss Maylins gierige kleine Kehle legte, aber er behielt einen leichtherzigen Tonfall bei. „Ich begleite dich als dein Kammerdiener, Will – Dienstboten kennen die schmutzigen Geheimnisse ihrer Herrschaft und sind bestimmt nur zu gern bereit, darüber zu klatschen. Nach ein paar Tagen werde ich genau wissen, was deine Miss Maylin so zu verbergen hat, glaub mir. Und wenn Perrott mir sein Rezept für Stiefelwichse anvertraut, kriegst du auch noch anständig geputzte Stiefel.“

Zehn Tage später

Es war wichtig, seinen Platz zu kennen. Miss Maylins Kammerzofe, eine junge Frau, die sich Daisy Lawrence nannte, stand inmitten der schäbigen Reisetaschen und des alten Schrankkoffers, aus dem das Gepäck ihrer Herrin bestand, und presste die lederne Schmuckschatulle an sich. Vor ihr überwachten die Kammerzofen von Lady Meredith Hughes und der Ehrenwerten Miss Geraldine Mather bereits die Lakaien bei der Arbeit, die das eindrucksvolle Gepäck mit gebührendem Respekt die Treppe hinauf zu den Gästezimmern trugen.

Die beiden waren nach ihr eingetroffen, aber auch in Tollesbury Court entsprach die Rangfolge der Dienstboten der ihrer Herrschaft, wie überall in der vornehmen Welt: Diener höherrangiger Herren erhielten den Vortritt. Miss Penelope Maylin stand gesellschaftlich auf einer der untersten Stufen, was bedeutete, dass ihre Kammerzofe geduldig abwarten musste, bis die ranghöheren Dienstboten versorgt waren.

In den beiden Kaminen, die sich am anderen Ende der riesigen, gefliesten Halle gegenüberlagen, loderten Feuer. In jedem hätte man einen Ochsen braten können, dachte Daisy, aber in der Ecke, in der sie stand, hätte der Koch beruhigt seine Sahnedesserts und sein Eis lagern können, ohne befürchten zu müssen, dass sie schmolzen. Ihre Zehen in den Halbstiefelchen aus Stoff waren eiskalt, und sie konnte nur dankbar sein, dass sie nicht an Frostbeulen litt. Noch nicht.

Vor den Kaminen wurden die Gäste von den Gastgebern begrüßt und an den Butler weitergeleitet, der Lakaien herbeirief, die sie hinauf aufs Zimmer geleiten sollten. Das alles dauerte geraume Zeit, sodass sich zwischen den beiden Kaminen immer mehr Leute drängten, Mäntel und Muffs ablegten und miteinander plauderten. Auch dort trat die Rangfolge klar zutage. Miss Maylin stand unbehaglich nahe am Feuer; sie war zu schüchtern, um sich um eine ausladende ältere Dame herumzuzwängen, die fest entschlossen schien, ihren Gastgebern so nah wie möglich zu sein.

Penny – Miss Penelope, korrigierte Daisy sich – verging schier vor Hitze, während sie halb erfror. Wenn das so weiterging, würde sie nicht rechtzeitig nach oben gelangen, um irgendetwas auszupacken, ehe Miss Penelope ins Zimmer kam und es sie nach frischer Kleidung und einer Tasse Tee verlangte. Außerdem stachen sie ihre Haarnadeln, von der ungewohnt straffen Frisur schmerzte ihr der Kopf, und sie brauchte ihren Tee genauso dringend wie ihre Herrin. Aber bestimmt kam diese als Nächste dran: Die beiden Frauen verschwanden gerade nach oben, ohne der bescheidenen jungen Frau noch einen Blick zu gönnen.

An der Eingangstür regte sich etwas, neuerlich pfiff die Zugluft eiskalt um Daisys Knöchel, und dann kamen die Lakaien mit weiterem Gepäck herein. Glänzendem, teurem Gepäck. Jede Menge davon. Verflixt. Zornglühend trat sie zur Seite, um alle sechs Lakaien vorbeigehen zu lassen. Und hinter ihnen kam ein Kerl geschlendert, in dem Daisy mühelos einen überaus hochgestellten Kammerdiener erkannte.

Er war groß, dunkel, sehr schlank, und er bewegte sich nicht wie ein Mann, der sein Leben damit zubrachte, Stiefel zu putzen und Krawattentücher zu binden, sondern eher wie jemand, der im Sattel zu Hause war. Seine Miene war ernst, seine regelmäßigen Züge wirkten durchaus ansprechend. Wenn einem dieser Typ Mann gefällt, befand sie mit einem kritischen Blick. Dann entdeckte er sie. Daisy runzelte die Stirn, als sie die tiefblauen Augen auf sich gerichtet sah, die sie auf gründliche, sehr männliche Weise von oben bis unten musterten. Was für ein impertinenter Lümmel! Sie hatte schon die Lippen geöffnet, um diesen Rüffel laut auszusprechen, doch im letzten Moment fiel ihr ein, wo sie sich befand und als wer sie auftrat.

Hastig schloss sie den Mund und biss sich dabei schmerzhaft auf die Zunge. Mit tränenden Augen wartete sie in zornigem Schweigen, dass der Kammerdiener an ihr vorbeiging. Und dann blinzelte er ihr zu. Nichts regte sich in seinem Gesicht bis auf das eine Augenlid, und umgehend verschwand er die Treppe hinauf, wobei er mit seinen langen Beinen zwei Stufen auf einmal nahm.

Gerade hatte ihr ein Kammerdiener zugeblinzelt. Ein Kammerdiener! Es war einfach empörend. Und das war erst der Anfang. Sie hatte gute Lust …

„Ist das alles?“ Neben ihr war ein großer Lakai in Livree aufgetaucht. „Wo sind Ihre Sachen?“ Sie wies auf zwei schäbige Reisetaschen. Verächtlich verzog er die Lippen. „Na schön. Jim, bring die hier rauf ins Zimmer der Miss im Nordturm, wir nehmen die anderen. Aus irgendeinem Grund“, fügte er über die Schulter weg hinzu, „hat Ihre Herrin die Rosa Suite bekommen. Sehr hübsch, die Suite. Kommt mir allerdings ein bisschen komisch vor – das ist eine der besten Suiten hier, und sie ist doch niemand Besonderes, oder? Na ja, sicher gibt es dafür einen Grund.“

Allerdings, dachte Daisy grimmig und folgte ihm. Aber eine rosa Suite reichte nicht aus, um die arme Penny in die Falle zu locken, nicht, wenn sie etwas zu sagen hatte. Impertinente höher gestellte Dienstboten und Frostbeulen mussten ertragen werden. Die ganze Sache war ihre eigene Idee gewesen, aber sie wusste, wer der eigentliche Verantwortliche war. O ja. Der Earl of Danescroft würde es noch bitter bereuen, Miss Maylin als eine bequeme, dankbare Ehefrau erwählt zu haben.

2. KAPITEL

Rowan, das alles wird entsetzlich werden!“ Penelope warf sich auf das Sofa und tastete blindlings nach einem Taschentuch. Ihre Wangen waren hochrot vom lodernden Kaminfeuer, und ihre Augen schimmerten verdächtig feucht. „Lord Danescroft ist hier, und er ist sogar noch verschlossener, als ich befürchtet hatte.“

„Du musst Daisy zu mir sagen“, erinnerte Rowan sie und warf einen Blick zur Tür. Sie war fest verschlossen. „Oder mich sogar mit dem Nachnamen ansprechen, wenn du eingebildet tun willst. Wann ist der Earl denn angekommen?“

„Kurz bevor du nach oben gegangen bist. Ich habe dich am anderen Ende der Halle warten sehen, und dann haben sie deine Sachen nach den seinen nach oben gebracht.“ Penny schnäuzte sich und betrachtete die rosaroten Vorhänge und die vergoldeten Möbel. „Was für ein schönes Zimmer. Was meinst du, haben die einen Fehler gemacht, als sie mich hier untergebracht haben?“

„Nein, ich glaube, dieser Raum passt genau für eine junge Dame, der ein Earl einen Heiratsantrag machen soll“, erwiderte Rowan, worauf Penny leise aufkeuchte. Sie räumte das letzte Paar Seidenstrümpfe ihrer Freundin in eine Schublade und machte sich daran, die weißen Baumwollunterröcke aus dem Schrankkoffer zu nehmen. „Seine Lordschaft habe ich nicht gesehen, aber seinen Kammerdiener, ein ganz impertinenter Kerl. Er hat mir zugezwinkert.“

Das zumindest entlockte Penny ein Lächeln. „Nun, du siehst auch sehr hübsch aus. Diese strenge Frisur steht dir. Hier, lass mich helfen; du solltest mich nicht bedienen.“ Sie wandte sich einer Reisetasche zu, doch Rowan schob Penny zu ihrem Sessel zurück.

„Nein, du musst dich wie eine Dame verhalten und vergessen, wer ich bin. Wenn jemand irgendwelche unpassenden Vertraulichkeiten mitbekommt …“ Es klopfte, und dann ging die Tür auf. „Ah, der Tee. Stellen Sie ihn bitte hierher.“ Rowan deutete auf den Tisch neben Pennys Sessel und wartete, bis das Mädchen sich mit einem Knicks zurückzog. „Siehst du – man weiß nie, wann irgendwer hereinschneit. Die haben ja schon Augen gemacht, als ich zwei Tassen verlangt habe.“ Sie goss ein, reichte Penny ihren Tee, ließ sich auf einen gepolsterten Schemel sinken und trank einen Schluck. „Himmlisch.“

Penny sah auch nach der zweiten Tasse Tee noch ganz elend aus. „Leg dich hin und ruh dich aus“, befahl Rowan, „während ich deine Abendsachen ausschüttele und deine Tageskleidung wegräume.“

Bis Penny schließlich ausgekleidet im Bett lag, das einfachere der beiden Abendkleider ausgepackt und aufgehängt und die restlichen Accessoires bereitgelegt worden waren, empfand Rowan beträchtliches Mitgefühl mit ihrer eigenen Kammerzofe, der unermüdlichen Alice Loveday. Sie war es gewohnt, dass immer alles zur Hand war, wenn sie es brauchte; zu erraten, was Penny wohl würde brauchen können, erforderte weitaus mehr Mühe.

Als sie endlich fertig war, sah sie auf die Uhr – ihr blieb noch Zeit genug, Pennys Tageskleidung wegzuräumen, in ihr Zimmer hinaufzugehen, ihre eigene bescheidene Garderobe auszupacken und sich umzuziehen, bevor sie wieder nach unten kam, um Penny bei der Abendtoilette zu helfen.

„Ach, verflixt!“

„Was?“ Penny fuhr mit weit aufgerissenen Augen im Bett auf.

„Schau dir den Saum deiner Pelisse an! Lauter Schlammflecken! Und deine Stiefeletten.“

„Das ist beim Aussteigen passiert“, entschuldigte sich ihre Freundin. „Eine Steinplatte hat unter meinem Fuß gewackelt, dabei ist aus einer Pfütze Wasser aufgespritzt.“

„Ach, na ja. Dann ist jetzt eben die Zeit gekommen, in die Dienstbotenwelt hinabzusteigen“, sagte Rowan, die sich weitaus zuversichtlicher gab, als sie sich fühlte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass ihr die intensiven Studien, die sie mit Miss Loveday in den Dienstbotenquartieren der Maylins betrieben hatte, bei den komplexen Verhältnissen auf Tollesbury Court wohl kaum helfen würden. Auch ihre eigenen Erfahrungen waren wenig relevant. Der Posten ihres Vaters als Diplomat brachte es mit sich, dass sie einen Majordomus hatten, der sich um alle Details des Haushalts kümmerte. Außer dem letzten Wort bei der Auswahl der Speisen, der Blumenarrangements und der Vorhänge blieb Rowan nicht viel zu tun.

„Ich gehe jetzt nach unten und suche den Jungen, der die Schuhe putzt. Bin gleich wieder da.“ Zum Glück erinnerte sie sich daran, die Hintertreppe zu nehmen, und dann trat sie leicht benommen von den engen Windungen ins organisierte Chaos im Untergeschoss. Nachdem sie ein paar Minuten lang ignoriert worden war, baute Rowan sich entschlossen vor einem Lakaien auf, der zwei gefüllte Blumenvasen in der Hand hielt. „Wo finde ich den Schuhputzer?“, erkundigte sie sich energisch.

„Da hinten – hinter der Speisekammer links“, erwiderte er und blies Farnwedel von seinem Mund weg.

Nach einigem Umherirren entdeckte sie die Speisekammer und danach den Schuhputzer in seinem Kämmerchen, wie er keuchend ein Paar hohe Stiefel wichste. „Die hier gehören Miss Maylin aus der rosa Suite“, sagte sie energisch und reichte ihm die verschmutzten Schuhe. „Wo ist der Reinigungsraum?“

Diesmal fand sie sich leichter zurecht, da sie mit den Räumlichkeiten schon ein wenig vertraut war. Glücklicherweise war der Raum leer, und so konnte Rowan die Lampendochte höher drehen und sich die vielen Reihen mit geheimnisvollen Bürsten und Ledern vornehmen, bis sie etwas fand, was geeignet schien, den Schlamm zu entfernen, ohne dabei das Gewebe zu beschädigen.

Die Tische waren gepolstert und mit grünem Fries bezogen. Sie suchte sich einen aus, legte die Pelisse darauf aus und machte sich über den Saum her. Mit dieser Ausrüstung wäre sie bestimmt im Handumdrehen fertig.

Lucas schlenderte durch die Gänge, Wills hirschlederne Breeches über dem Arm, und freute sich an all der schmeichelhaften Aufmerksamkeit, die ihm die Dienstboten schenkten. Stellung war alles, das galt im Dienstbotentrakt genauso wie in den herrschaftlichen Räumen, und die Earlswürde seines Dienstherren färbte unweigerlich auf ihn ab. Es amüsierte ihn, dass er als Dienstbote plötzlich einen höheren Rang einnahm als in seiner eigenen Welt, und er verlieh seinem Auftreten eine Spur liebenswürdiger Herablassung. Wenn er seine Kollegen dazu verleiten wollte, über ihre Dienstherren im Allgemeinen und Miss Maylin im Besonderen zu klatschen, musste er einen guten Eindruck machen: hochfahrend genug, um Antworten auf seine Fragen fordern zu können, gleichzeitig so leutselig, dass er die anderen nicht gegen sich aufbrachte.

Ein freches Hausmädchen mit Grübchen führte ihn in den Reinigungsraum und eilte dann hüftschwingend und mit einem aufreizenden Blick davon. Er lächelte noch, als er den Raum betrat und sah, dass sich bereits jemand darin aufhielt.

Die junge Frau kehrte ihm den Rücken zu und beugte sich über das Kleidungsstück auf dem Tisch. Ihr Anblick verscheuchte jede Erinnerung an das Hausmädchen: Sie war schlank und wohlgeformt, und ihre Figur wurde durch die schlichte schwarze Dienstbotentracht noch betont. Sie hatte ihn nicht hereinkommen hören.

Energisch bürstete sie das Kleidungsstück aus und murmelte dabei leise vor sich hin. Lucas hatte den Verdacht, dass es sich um Flüche handelte, denn sie wirkte mehr als ein wenig erhitzt und verärgert. Ihr honigbraunes Haar war geflochten und zu einem Knoten aufgesteckt, doch die Frisur hatte sich zu lösen begonnen. Winzige Löckchen ringelten sich in ihrem feuchten Nacken. Er trat näher, die Matte auf dem Fußboden dämpfte seine Schritte.

„Verflixt und verflucht und zugenäht …“

Es war ein sehr hübscher Nacken. Er war wie gebannt von diesem Nacken, der zarten weißen Haut, dem feinen Schweißfilm. Wie es wohl wäre, wenn er sie bisse? Natürlich nur ganz, ganz sanft.

„Ach, zur Hölle!“ Sie knallte die Bürste auf den Tisch und richtete sich so schnell auf, dass sie einen Schritt nach hinten tun musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren – und rumpelte direkt in Lucas hinein. „Oh! Was um alles in der Welt machen Sie denn da?“

„Autsch!“ Der Schmerzensschrei stammte von ihm. Sie mochte ja zart und schlank sein, doch die Wucht, mit der ihr Schädel gegen seine Nase gefahren war, war beträchtlich. Lucas mochte seine Nase. Seiner Meinung nach stellte sie einen seiner Pluspunkte dar; es wäre betrüblich, sie sich von einer zornigen Zofe brechen zu lassen.

„Machen Sie mir keine Vorwürfe“, fuhr sie herzlos fort, ohne sich um seinen Schmerz zu kümmern. Wütend funkelte sie ihn an. „Es ist allein Ihre Schuld. Was schleichen Sie sich auch so an mich an.“ Ihre Augen waren von einer reizenden grünbraunen Färbung, ihre Brauen geschwungen, und ihre Nase war klein und gerade. Im Augenblick reckte sie sie arrogant in die Luft. Er senkte die Hand, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass seine eigene Nase keinen bleibenden Schaden davongetragen hatte. Dadurch bekam sie sein Gesicht zu sehen, und ihre Miene wurde noch strenger. „Sie schon wieder! Ich hätte es mir denken können. Sie Wüstling!“

Wüstling? „Sind Sie eine Zofe?“ Natürlich war sie das. Er erinnerte sich wieder an sie – das attraktive Mädchen mit der finsteren Miene und den schäbigen Taschen. Er hatte ihr zugezwinkert. Offenbar ein Fehler.

„Natürlich bin ich das!“

„Nun, Sie hören sich aber nicht so an“, erwiderte er offen, legte die Breeches auf einen anderen Tisch und griff nach einer Bürste. Sie sprach deutlich akzentuiert, und sie klang selbstsicher und kultiviert, auch wenn man das von ihrer Flucherei eingangs nicht behaupten konnte.

„Ich bin im Haus eines Gentleman aufgewachsen“, erklärte sie, hob das Kleidungsstück hoch, das sie bearbeitet hatte, und schüttelte es aus. „Und durfte am Unterricht der jungen Damen teilnehmen. Nicht dass Sie das etwas anginge. Von einer Kammerzofe erwartet man eine gewisse Wohlerzogenheit.“

„Wohlerzogen sind Sie aber nicht.“ Lucas schrubbte an einem Fleck am Knie herum. „Sie klingen eher wie eine Herzoginwitwe bei Almack’s.“

„Es war ein äußerst vornehmer Haushalt.“ Sie strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und hielt den Saum des Kleidungsstücks ans Licht. Anscheinend handelte es sich um eine altmodisch geschnittene graubraune Pelisse. „Das ist doch kein Schlamm! Ich halte es eher für Klebstoff.“

„Lassen Sie mal sehen.“ Lucas streckte die Hand nach der Pelisse aus. Er hatte keine Ahnung, wie man hartnäckige Flecken aus Damenkleidern entfernte – bei Wills Breeches hatte er unwillkürlich dieselbe Methode gewählt, die er auch bei einem schlammbespritzten Pferd angewandt hätte –, aber er wollte das Gespräch noch ein wenig ausdehnen. „Versuchen Sie es mal mit dieser feinen Bürste, mit den dünnen Borsten.“

„Danke.“ Misstrauisch nahm sie die Bürste von ihm entgegen und verschanzte sich hinter ihrem Tisch, offenkundig, um ihn besser im Auge behalten zu können. „Warum haben Sie sich so an mich herangeschlichen?“

„Habe ich doch gar nicht“, widersprach er und setzte eine unschuldige Miene auf. Dass er dazu nicht das richtige Gesicht besaß, wusste er. Die Zofe warf ihm nur einen Blick zu, der ihm äußerst vielsagend zu verstehen gab, was sie von Männern im Allgemeinen und ihm im Besonderen hielt, und beugte sich wieder über den Saum der Pelisse.

„Wessen Zofe sind Sie denn?“

„Miss Penelope Maylins.“

Lucas ließ die Bürste fallen und bückte sich hastig unter den Tisch, um sie aufzuheben – und seine Miene wieder unter Kontrolle zu bekommen. Offensichtlich waren die Götter auf seiner Seite – er hatte seine Beute nicht nur ohne jede Anstrengung gefunden, es würde ihm auch eine Freude sein, sie nach Informationen auszuhorchen.

Natürlich würde dabei nicht mehr herauskommen als ein leichtherziger kleiner Flirt – wenn er damit ihr Vertrauen gewinnen konnte. Nach seinem Ehrenkodex waren Dienstmädchen ebenso tabu wie jungfräuliche Debütantinnen. Auf der anderen Seite hätte sie sich auch als Sauertopf oder alter Drachen erweisen können.

„Wie heißen Sie?“ Er richtete sich auf und beugte sich dann wieder über seine Arbeit.

„Lawrence. Daisy Lawrence.“

Daisy. Das passte nicht zu ihr. Das Mädchen war kein frisches Wiesenblümchen. Sie war etwas viel Subtileres, Kultivierteres. Eine honigfarbene Rose vielleicht, duftend, samtig, aber mit scharfen Dornen.

„Ich bin …“

„Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Lord Danescrofts Kammerdiener.“ Seine Überraschung war anscheinend offensichtlich, denn sie fügte hinzu: „Sie brauchen sich deswegen nicht geschmeichelt zu fühlen. Miss Maylin hat erwähnt, wann Seine Lordschaft eingetroffen ist. Aber Sie dürfen mir sagen, wie Sie heißen.“

„Lucas.“ Das Mädchen hatte Temperament. Will stand gesellschaftlich höher als jeder andere Gast – und auch höher als sein Gastgeber. Daher nahm dessen Kammerdiener unter den versammelten Dienstboten die höchste Stellung ein, und doch schien sie das kein bisschen einzuschüchtern. „Sie können mich Mr. Lucas nennen“, fügte er hinzu, hauptsächlich, um zu sehen, wie sie darauf reagierte.

„Ja, Mr. Lucas“, erwiderte sie bescheiden. Dass sie plötzlich erkannte, wo ihr Platz war, verblüffte ihn. „Und danke, dass Sie mir die Bürste gezeigt haben, sie war genau richtig für diesen Fleck.“ Sie hängte sich das Kleidungsstück über den Arm und trat auf ihn und die hinter ihm liegende Tür zu. Lucas wechselte an seinem Arbeitstisch den Platz, wie um besser an seine Aufgabe heranzukommen, und vertrat ihr dabei den Weg.

„Ist sie eine anspruchsvolle junge Dame? Ihre Miss Maylin, meine ich.“

„Gar nicht. Sie ist still und bescheiden, fast ein bisschen zu brav. Ich kenne da ganz andere als sie.“ In ihrem Blick flackerte unterdrückte Belustigung auf, was ihm merkwürdig vorkam. Er fragte sich, woran – oder an wen – sie dabei wohl dachte. „Natürlich“, setzte Daisy nachdenklich hinzu, „muss sie mit ihrer Stiefmutter zurechtkommen.“

„Ach ja?“ Lucas hob ein Bein der Breeches an und betrachtete die Knieschnürung, in der Hoffnung, dass er aussah, als wüsste er, was er tat. „Dürfte ich Sie bitten, mir das Bürstchen da hinten zu reichen, Miss Daisy?“ Einerseits war das reine Taktik, um sie zum Bleiben zu bewegen, andererseits genoss er den Anblick, wie sie sich mit einer Anmut bewegte, die sicher auch von ihrem Unterricht bei den jungen Damen herrührte. Vielleicht war sie ja ein uneheliches Kind der Familie. „Ist ihre Stiefmutter denn schwierig?“

„Schrecklich. Ein furchtbares, entsetzlich vulgäres Geschöpf“, vertraute Daisy ihm genüsslich an. „Leider ist Miss Maylin ihr vollkommen ergeben. Meiner Meinung nach können wir von großem Glück reden, dass sie nicht mitgekommen ist – obwohl die arme Miss Maylin ohne ihre Unterstützung nervlich ganz zerrüttet ist. Sie ist in Gesellschaft einfach hoffnungslos. Ich habe zu ihr gesagt, dass es ihrem Ehemann sicher nicht gefallen würde, wenn sie darauf bestünde, dass ihre Stiefmama nach der Heirat bei ihr wohnen wird. Das hat sie ganz schön aufgeregt, glauben Sie mir.“

„Ehemann? Dann ist sie verlobt?“

„O nein. Aber lang wird es wohl nicht mehr dauern, wenn es nach Lady M. geht. Natürlich hofft sie auf eine reiche Partie – die brauchen sie auch, genau genommen.“

„Wirklich?“ Lucas hielt den Blick auf seine Tätigkeit gerichtet und gab vor, nur oberflächlich interessiert zu sein.

„Nun ja, wenn man daran denkt, wie sehr diese Familie …“ Sie unterbrach sich. „Aber was klatsche ich hier herum? Das geht doch nicht! Was müssen Sie von mir denken, Mr. Lucas?“

Lucas verbarg seinen Ärger über ihren plötzlichen Anfall von Diskretion hinter einer gleichmütigen Miene, legte die Bürste hin und wandte sich zu Daisy um. Sie wirkte ein wenig verschüchtert, ein Ausdruck, der so gar nicht zu ihrem selbstsicheren Auftreten passen wollte.

„Was ich von Ihnen denke? Ach, dass Sie ebenso reizend sind, wie Sie aussehen, Miss Daisy.“ Er beugte sich zu ihr. Ihre Augen weiteten sich, doch sie hielt die Stellung. „Und dass Ihre Lippen die einladendsten sind, die ich hier in diesem Haus gesehen habe.“

„Oh!“ Energisch legte sie ihm die Hand auf die Brust und schob ihn ein Stück zurück. „Aus dem Weg, Mr. Lucas – Sie sind ein durchtriebener Schuft. Das habe ich nun davon, dass ich mich zum Klatschen habe verleiten lassen.“

Amüsiert und zu geübt, um sie zurückzuhalten und dabei Gefahr zu laufen, sie ganz abzuschrecken, trat Lucas zurück. „Miss Daisy. Ich freue mich schon darauf, Sie heute Abend im Zimmer des Butlers wiederzusehen.“

„Im …? Ach so, zum Dinner.“ Sie rauschte an ihm vorüber, die entzückende Nase hoch in die Luft gereckt. „Aber glücklicherweise nur am anderen Ende des Tisches, Mr. Lucas.“

Rowan schloss die Tür hinter sich und lehnte sich einen Augenblick dagegen, um Atem zu schöpfen. Einen Augenblick hatte sie gedacht, dass er ihr einen Kuss rauben wollte. Was ihr Vater dazu sagen würde, wenn er erführe, dass sein einziges Kind sich nicht nur als Zofe ausgab, sondern auch den amourösen Nachstellungen eines Kammerdieners ausgesetzt war, stellte sie sich lieber nicht vor, es wäre schauderhaft. Tatsächlich schauderte sie jetzt schon – eigentlich war es eher ein Zittern. Und zu ihrer Bestürzung musste sie einräumen, dass es vor Erregung war, nicht vor Abscheu oder mädchenhaftem Entsetzen.

Energisch nahm sie sich zusammen und begab sich zur Treppe, die sie nach nur drei Fehlversuchen auch fand. Nachdem sie die steile, gewundene Stiege hinaufgeeilt war, hatte sie zumindest einen Grund für rote Wangen. Man hörte von leichtsinnigen jungen Dingern, die ihre Tugend über attraktiven Lakaien vergaßen. Anscheinend warteten auf diese gefallenen Mädchen am Ende immer Schwangerschaft und Schande, aber vielleicht waren das nur die, von denen sie erfahren hatte, vielleicht waren derartige Verbindungen auf englischen Herrensitzen gang und gäbe.

Nun, sie hatte nicht die Absicht, ihre Unschuld an jemand anderen zu verschenken als an den Mann, den sie heiraten würde, daher konnten sie große, dunkle, verwegene Kammerdiener mit blauen Augen überhaupt nicht in Versuchung führen. Und warum, meine Liebe, erkundigte sich ihre lästige innere Stimme spitz, bekommst du dann wegen eines Zwinkerns und eines Fast-Kusses weiche Knie?

Mädchenhafte Sittsamkeit, versicherte sie ihrer inneren Stimme salbungsvoll und dann trat sie kichernd in Penelopes Zimmer.

„Du warst ja Ewigkeiten unterwegs“, meinte Penny. Sie saß im Bett und wirkte schon sehr viel munterer. „Hast du dich im Haus umgesehen?“

„Ich habe mir bei dem Versuch, die Schlammflecken aus deiner Pelisse zu bekommen, schier den Rücken krumm gearbeitet.“ Rowan hängte die Pelisse an einem Haken im Schrank auf. „Und ich habe mit Lord Danescrofts Kammerdiener geflirtet.“

„Was?“ Verblüfft sprang Penny aus dem Bett. „Wirklich? Mit dem, der dir zugezwinkert hat?“

„Nun, jedenfalls nicht mit dem, der der Liebhaber seiner verstorbenen Frau war, so viel ist sicher. Ich weiß nicht, was mit diesem Mann los ist – anscheinend stellt er immer Kammerdiener mit amourösen Neigungen ein. Dieser hier – Sie können mich Mr. Lucas nennen, also bitte – hat sich im Reinigungsraum von hinten an mich herangeschlichen und mich beinahe geküsst, nachdem er mir erklärt hatte, ich sähe reizend aus.“

Sie hockte sich auf die Bettkante, und Penny setzte sich mit weit aufgerissenen Augen neben sie. „Aber ich konnte ein paar gute Bemerkungen unterbringen. Ich habe ihm erzählt, dass du deiner Stiefmutter sehr ergeben bist, obwohl sie so schrecklich ist, und dich jetzt nach ihr sehnst und von deinem zukünftigen Ehemann wahrscheinlich erwarten würdest, dass er sie bei euch wohnen lässt.“

„Brillant“, sagte Penny bewundernd. „Das sollte ihn abschrecken.“

„Und dann habe ich ihm zu verstehen gegeben, dass du dir einen reichen Ehemann angeln wolltest, weil ihr dringend Geld braucht, habe einen skandalösen Grund angedeutet und dann einen plötzlichen Anfall von Diskretion bekommen. Ich habe am spannendsten Punkt aufgehört, glaub mir. Bestimmt ist er jetzt davon überzeugt, ihr seid mindestens alle dem Spielteufel verfallen.“

„Wunderbar. Wenn du so weitermachst, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen, wie ich Papa davon überzeuge, dass Lord Danescroft nicht der Richtige für mich ist – er wird mich gar nicht erst um meine Hand bitten.“

„Ich weiß.“ Rowan gestattete sich einen kurzen Augenblick der Selbstzufriedenheit, doch dann fiel ihr Blick auf die Uhr. „Du lieber Himmel! Schau doch, wie spät es schon ist – wir müssen uns beide noch umziehen!“

„Anscheinend ist sie ihrer Stiefmutter sehr zugetan.“ Lucas trat zurück und betrachtete Will kritisch, die Kleiderbürste in der Hand. „Was zum Teufel hast du nur mit deinem Krawattentuch angestellt?“

„Das ist ein Wasserfall.“

„Ein schönes Durcheinander ist es. Hier, lass mich mal. Setz dich.“ Ein paar Augenblicke verstrichen, in denen die Stille nur vom leisen Protest des Earls unterbrochen wurde, dass er erwürgt werde, und von Lucas’ vernichtenden Bemerkungen über das unzureichend gestärkte Musselintuch. „Na also.“

„Hmm. Das überzeugt mich nicht, aber ich habe nicht die Absicht, diese Prozedur noch einmal über mich ergehen zu lassen. Sehr zugetan, sagst du?“

„Wie es klingt, ist sie zu Hause dieselbe Heimsuchung wie in Gesellschaft. Offenbar wünscht Miss Penelope, dass sie bei ihr lebt, wenn sie verheiratet ist.“

„Nur über meine Leiche. Du warst ja überaus rege.“

„Das reinste Vergnügen, versichere ich dir. Miss Maylin hat eine ausgezeichnete Kammerzofe. Sie hat eine gerade kleine Nase, große, grünbraune Augen und eine niederschmetternde Art, einem das Flirten zu vergällen. Sie sagt, ich sei ein Wüstling.“

Die Wärme, die er in Wills Augen gesehen hatte, verschwand. „Zweifellos glauben die Leute, dass ich stets derartige Männer einstelle.“

Danach gab es nicht mehr viel zu sagen. Lucas nahm eine Weste und reichte sie Will, damit er hineinschlüpfe. „Sie hat auch angedeutet, dass ihre Herrin auf der Suche nach einer reichen Partie ist.“

„Das wissen wir ja schon.“ Will steckte eine Krawattennadel in die Falten seines Halstuchs und schob die Uhr in die Uhrentasche.

„Aber nicht, warum die Familie in derartigen finanziellen Schwierigkeiten steckt – es sei denn, deine Großmutter hätte einen Hinweis fallen lassen.“

„Das hat sie nicht.“ Sein Freund hielt inne, die Haarbürste in der Hand. „Ich hatte angenommen, dass sie einfach eine Seitenlinie der Familie sind und über keinen ererbten Reichtum verfügen. Was hast du denn erfahren?“

„Nicht viel, muss ich zugeben. Die reizende Miss Daisy überkam an diesem Punkt ein Anfall von Diskretion.“

„Daisy!?“, rief Will aufgebracht. Lucas versetzte sich innerlich einen Stoß: Die Wunde war offensichtlich noch nicht verheilt, wenn sein Freund auf jeden Hinweis auf seine tote Frau so reagierte. „Verführst du schon die Dienstboten?“

„Natürlich nicht.“ Lucas schüttelte den mitternachtsblauen Frack aus und half Will hinein. „Ich freunde mich nur mit unserer besten Informationsquelle an.“ Er betrachtete den Earl, der elegant und makellos vor ihm stand. „Perfekt. Wenn ich es mir jedoch recht überlege, wirst du den Maylins nur allzu gut gefallen. Du könntest nicht zufällig eine abstoßende Angewohnheit entwickeln, um sie abzuschrecken?“

„Abstoßender noch, als meine Frau umzubringen?“ Will hob eine Augenbraue. „Ich fürchte, dazu reicht meine Fantasie nicht aus.“

Lucas stand da und schaute auf die Tür, nachdem sie sich hinter seinem Freund geschlossen hatte. Die bitteren Worte schienen noch in der Luft zu hängen. Er machte seinen Gefühlen Luft, indem er ein schmutziges Hemd über den Boden kickte. Dann eilte er in sein eigenes Zimmer, um sich umzuziehen. Von höher gestellten Dienstboten wurde erwartet, dass sie sich zum Dinner umkleideten, und der Anstand verbot es ihm, zu spät zu kommen – selbst wenn die Dame, die er zum Tisch führen würde, die Haushälterin war und keine Herzogin. Und an diesem Abend wollte er sich besonders Mühe geben: Es galt, eine gewisse kratzbürstige Zofe zu beeindrucken.

3. KAPITEL

Als Rowan den Raum des Butlers betrat, war sie beinahe ebenso aufgeregt wie bei ihrem ersten Besuch bei Almack’s – voll Angst, sie könnte jede Menge ihr völlig unbekannte Regeln brechen. Andererseits war sie mittlerweile vierundzwanzig und hatte den Duke of Wellington und fast so gut wie jeden Würdenträger des Wiener Kongresses im Haus ihres Vaters willkommen geheißen. Da sollte sie doch wohl in der Lage sein, sich unter hochrangigen Dienstboten angemessen zu bewegen.

Das Abendkleid, das sie trug, hatte einmal ihr gehört. Im letzten Jahr hatte sie es an Alice weitergegeben, ihre eigene Zofe, und es sich jetzt von ihr geborgt. Der kostbare Spitzenbesatz an Halsausschnitt und Saum war abgenommen – zweifellos hatte ihre Zofe sie verkauft, eines der Vorrechte ihrer Stellung – und durch eine bescheidenere Borte ersetzt. Alice hatte die schwere moosgrüne Seide gut in Schuss gehalten und lange Ärmel aus feiner Gaze eingesetzt.

Getragen mit einem schlichten Perlenkreuz als Kette, erwies sich das Kleid als Inbegriff bescheidener Eleganz und ihrer Stellung angemessen. Sich unauffällig zu kleiden war für sie eine neue Kunst – eine, die sie nie zuvor hatte beherrschen müssen, wie Rowan amüsiert erkannte.

Im Raum drängten sich die Dienstboten, Kammerdiener und Zofen plauderten angeregt miteinander. Offenbar kannten sich hier alle. Ein großer Mann in schwarzem Frack trat auf sie zu. „Guten Abend. Ich bin Mr. Evesham, der Butler hier. Sie müssen Miss Maylins Zofe sein. Miss …“

„Lawrence, Mr. Evesham.“ Anscheinend wurde ein Knicks erwartet. Rowan entschied sich für einen, der eines kirchlichen Würdenträgers oder der Gattin eines Baronets angemessen gewesen wäre. Offenbar genügte er den Anforderungen.

„Bitte treten Sie ein, Miss Lawrence. Darf ich Ihnen ein Glas Ratafia anbieten?“

Viel lieber als den süßen Likör hätte sie den trockenen Sherry getrunken, den die Männer alle tranken, aber sie hielt sich lieber zurück. Mit dem Glas in der Hand machte sie die Runde, sah sich nach jemanden um, mit dem sie sich unterhalten könnte. Natürlich schickte es sich nicht, einen Mann anzusprechen; eine Ehrfurcht gebietende ältere Dame, in der sie die Haushälterin erkannte, war mit dem Butler ins Gespräch vertieft, und die anderen Zofen teilten sich in drei Gruppen, anscheinend ihrem Rang entsprechend.

Bei den Dienstboten wird die Hierarchie weitaus strenger gehandhabt als auf jeder gesellschaftlichen Versammlung, dachte sie sich, während sie sich der Gruppe näherte, die ihr in der Hackordnung wohl am nächsten stand. Die Frauen unterbrachen ihre Unterhaltung und betrachteten sie misstrauisch.

„Guten Abend. Ich bin Miss Maylins Zofe, Daisy Lawrence.“ Das genügte, um das Eis zu brechen. Sie fand heraus, dass sie mit den Zofen von Miss Lincoln, der Ehrenwerten Miss Trent und Miss Harrington sprach. Rowan kannte keine dieser Damen und vermutete, dass sie erst nach ihrer Abreise nach Wien in die Gesellschaft eingeführt worden waren.

„Ich bin noch nicht lang bei Miss Maylin“, vertraute sie den anderen an. „Seit ich in ihren Diensten stehe, ist das die eindruckvollste Hausgesellschaft, zu der sie eingeladen wurde.“

„Vermutlich die eindruckvollste ihres Lebens“, bemerkte eine Zofe namens Miss Browne recht boshaft. „Jedenfalls sind wir Ihrer Vorgängerin nie begegnet. Meine Herrin sagt, dass sie eingeladen wurde, damit Lord Danescroft sie begutachtet. Stimmt das?“

„Ich glaube, dass er eventuell Interesse zeigt. Für sie wäre es doch eine sehr gute Partie, nicht wahr?“

„Gute Partie?“, wiederholte Miss Trents Zofe scharf. „Bei dem Skandal? Mir graut bei der Vorstellung, meine Herrin würde mit so einem Mann auch nur reden.“

„Wirklich?“ Rowan riss in gespieltem Erstaunen die Augen auf. „Aber es ist doch gewiss nur ein wildes Gerücht über einen Unfall? Abgesehen davon, gibt es gegen den Earl bestimmt nichts einzuwenden, oder?“

Miss Browne hob eine Augenbraue und warf ihren Kolleginnen einen Blick zu. „Man fragt sich schon“, murmelte sie, „welcher Art von Haushalt Seine Lordschaft vorsteht. Es heißt …“, sie schnappte nach Luft, „… dass seine Frau eine Affäre mit seinem Kammerdiener hatte.“

„Nun, entweder hat er die Affäre geduldet, dann kann an dem Gerücht, dass er sie ermordet haben soll, nichts dran sein, oder eben nicht. Beides“, fuhr Rowan scharf fort, „geht nicht. Entweder ist der Mann durch und durch verlottert, oder er ist ein Mörder.“

Beim Sprechen ließ sie den Blick durch den Raum wandern und stellte fest, dass sie vom gegenwärtigen Kammerdiener des Earls beobachtet wurde. Zwar konnte er unmöglich verstanden haben, was sie gesagt hatte, aber sie hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen und fügte deswegen hinzu: „Natürlich könnte er auch vollkommen unschuldig sein.“ Sie erwiderte Lucas’ Blick, während sie das sagte, ertappte sich jedoch dabei, dass sie die Brauen arrogant gehoben hatte, wie um jede Anmaßung im Keim zu ersticken. Nur dass dieser Ausdruck überhaupt nicht zu einer Daisy Lawrence passte.

Hastig senkte sie den Blick und war nun ebenso durcheinander, wie eine echte Zofe es gewesen wäre. Sie fragte sich immer noch, warum sie sich eigentlich so verwirrt fühlte – schlechtes Gewissen, Verärgerung darüber, dass sie aus der Rolle gefallen war, oder hatte es mit seinen kobaltblauen Augen zu tun? –, als eine kühle Stimme hinter ihr fragte: „Na, wieder am Klatschen, Miss Lawrence?“

Wie zum Teufel brachte er es fertig, sich so leise zu bewegen? Oder so schnell? Sie hatte doch kaum den Blick von ihm gewandt. Rowan drehte sich um und stellte fest, dass er viel zu dicht stand. „Wir unterhalten uns, Mr. Lucas. Wir sprachen gerade darüber, wie zerbrechlich die Reputation doch sein kann.“

Die anderen Zofen betrachteten die beiden nervös. Offensichtlich erwarteten sie von einem derart erhabenen Kammerdiener eine umfassende Rüge.

„Das ist allerdings wahr.“ Sein Lächeln war nicht sehr liebenswürdig. „Und Gerüchte sind eine gefährliche Sache. Manchmal natürlich stimmen sie auch.“

Er schlenderte davon, um mit einem älteren Mann zu plaudern. Die vier Frauen blieben sprachlos zurück. Schließlich sagte Miss Gregg, die Zofe von Miss Trent: „Man könnte fast meinen, dass er versucht, uns Angst zu machen.“

„Da bin ich mir sogar ziemlich sicher.“ Rowan blickte dem Kammerdiener nach. Er trug feinstes schwarzes Tuch, das qualitativ mindestens genauso hochwertig war wie das der männlichen Gäste. „Jedenfalls will er mir Angst machen. Mir scheint, Mr. Lucas möchte Miss Maylin nicht als seine künftige Herrin sehen.“

Eine zögernde Stimme fragte: „Miss Lawrence?“

Neben ihr stand ein schüchterner, etwas pickeliger junger Mann. Sein Adamsapfel, der über dem sorgsam gebundenen Krawattentuch hervorstand, hüpfte auf und ab, als er nervös schluckte. Er bot einen solchen Kontrast zu Mr. Lucas, dass Rowan ganz sprachlos war. „Ähm … ja?“

„Ich bin Mr. Philpott, der Kammerdiener von Reverend Makepeace, und ich soll Sie zum Dinner führen, Miss Lawrence.“ Er wand sich dabei vor Verlegenheit, und das kaum unterdrückte Gekicher der anderen Zofen machte es nicht besser. Sein Dienstherr muss in der gesellschaftlichen Rangordnung genauso weit unten stehen wie Penny, wenn nicht weiter, dachte Rowan, und ihr Herz schlug ihm entgegen.

„Danke, Mr. Philpott, ich bin Ihnen sehr verbunden.“ Rowan hatte schon mit vielen linkischen jungen Männern zu tun gehabt und wusste, wie man ihnen die Befangenheit nahm. Für diesen unbeholfenen jungen Kammerdiener empfand sie jedenfalls sehr viel mehr Sympathie als für so manchen aufgeblasenen Adelsspross. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und lächelte, woraufhin er errötete und gar nichts mehr herausbrachte. „Wir stehen hier wohl ganz am Ende der Schlange, nicht? Na, macht nichts, Sie können mir derweil ein paar Tipps geben, wie ich mich benehmen soll.“ Sie senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Das ist meine erste große Hausgesellschaft, ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll.“

Ihre Zofe hatte sie gewarnt, dass sich die Gepflogenheiten von Haus zu Haus sehr unterscheiden konnten. Manchmal blieben die höherrangigen Dienstboten beim Dinner unter sich im Raum des Butlers, manchmal gesellten sie sich zu den anderen, wie es hier anscheinend üblich war. In diesem Fall, hatte Alice ihr erklärt, würden sie wahrscheinlich nur die erste Hälfte der Mahlzeit dort verbringen.

Die nächste Hürde war die Sitzordnung.

„Ich auch nicht“, antwortete Mr. Philpott im Flüsterton und machte ihre Hoffnung zunichte, dass wenigstens er sich bei der Sitzordnung auskannte.

„Macht nichts“, murmelte Rowan, weniger, um ihn zu beruhigen, als sich selbst. „Zumindest kommen wir ganz zuletzt und können sehen, was die anderen machen.“

Sie betraten die Halle, und die niederen Dienstboten erhoben sich unter Stühlescharren und Kleidergeraschel. Für die Gesellschaft aus dem Butlerzimmer stand ein zweiter Tisch bereit. Rowan wartete erst einmal ab und zog Mr. Philpott dann zum mittleren Teil der Tafel. „Ich glaube, hier müssen wir hin.“

Neben ihr saß ein weiterer Kammerdiener, ein munterer Kerl mit rundem Gesicht, und gegenüber hatte sie Miss Browne und einen Mann, in dem sie aufgrund seiner militärischen Haltung einen ehemaligen Offiziersburschen vermutete.

„Kennen Sie hier irgendwen?“, fragte sie und griff nach der Serviette.

„Nein.“ Mr. Philpott warf einen gehetzten Blick in die Runde. „Mr. Makepeace wurde gerade erst als Lady Hartleys Hausgeistlicher eingesetzt. Davor war er einfach der Pfarrer und ist nie ausgegangen, aber dann ist ihr alter Hausgeistlicher gestorben, und sie hat ihn übernommen. Kennen Sie irgendwen?“

„Nur die Zofen, mit denen Sie mich vorhin haben reden sehen, und Mr. Lucas, der da unten neben der Haushälterin sitzt. Er ist Lord Danescrofts Kammerdiener.“

„Von dem habe ich schon gehört.“ Mr. Philpott klang so streng, wie sie es sich von Reverend Makepeace vorstellte. „Mein Herr billigt seine Anwesenheit nicht, müssen Sie wissen“, fügte er flüsternd hinzu.

„Wirklich? Warum nicht?“ Rowan zerkrümelte ein Brötchen und behielt dabei Lucas am Fußende des Tisches im Auge. Natürlich konnte er nicht hören, was gesprochen wurde, aber sie entwickelte allmählich eine beinahe abergläubische Ehrfurcht vor seinem Wahrnehmungsvermögen. „Von dem Skandal weiß ich natürlich.“

„Nun …“ Philpott schien mit seinem Gewissen zu ringen. Rowan klimperte schamlos mit den Wimpern, und er erlag der Versuchung. „Ich habe gehört, wie Lady Hartley zu Mr. Makepeace sagte, sie könne Lady Danescrofts Verhalten zwar niemals billigen, sie sei sich aber sicher, dass Lord Danescroft sie durch seine Vernachlässigung dazu getrieben habe. Sie – Lady Hartley – sagte, Lady Danescroft sei einmal eine süße, hübsche und sehr lebhafte junge Dame gewesen, und dann habe er sie in seinem düsteren, einsamen Schloss eingesperrt und sie sei vor Langeweile und Trübsal schier vergangen, bis sie sich dann zu dieser Indiskretion hatte hinreißen lassen.“

Insgeheim fand Rowan, eine glutvolle Affäre mit dem Kammerdiener des eigenen Gatten könne man kaum als bloße „Indiskretion“ bezeichnen, aber bevor sie dieser Meinung Ausdruck verleihen konnte, fügte Mr. Philpott hinzu: „Und Lady Hartley sagt, er sei so kalt und reserviert geworden, dass es jede Frau an seiner Seite in den Wahnsinn treiben würde.“

Rowan bemühte sich, gerecht zu bleiben. Es war nicht nur verwerflich, jemanden falsch zu bezichtigen, es war auch wenig Erfolg versprechend, Lord Maylin halb gare Gerüchte darzubieten: Das würde Penny wenig helfen.

„Nach solch einer Tragödie und nach all den schrecklichen Geschichten, die in Umlauf gebracht wurden, ist das aber doch vielleicht verständlich“, meinte sie.

„Nun ja, ja, aber …“ Vor Aufregung löffelte Philpott sich zu viel von der heißen Suppe in den Mund. Eine Pause trat ein, während er sich abmühte, die Suppe sicher hinunterzubekommen, wobei ihm die Augen hervorquollen. „Lady Hartley sagt, vor der Ehe war er nicht so, er ist erst danach so geworden.“

„Oh.“ Nun hatte sie eine Menge nachzudenken, und sie konnten auch nicht die ganze Zeit die Köpfe zusammenstecken. Lächelnd wandte Rowan sich dem Mann mit dem runden Gesicht zu, der an ihrer anderen Seite saß, und bat ihn, ihr die Butter zu reichen.

„Paul Jenkins … Captain Dunkleys Kammerdiener. Miss …?“

„Lawrence. Miss Maylins Kammerzofe.“

„Na so was!“ Er schnitt etwas Brot ab und gab ihr den Teller. „Wie man hört, wartet auf die junge Dame ein beträchtlicher Aufstieg. Nächstes Mal sitzen Sie bestimmt am Kopfende des Tisches, Miss Lawrence.“

Himmel! Hatte denn schon jeder von der Ehe gehört, die Lady Rolesby für ihren Enkel zu arrangieren versuchte? Das hatte eine Art schreckliche Unausweichlichkeit an sich: Wenn nur genügend Menschen sie als Tatsache akzeptierten, würde Penny es nicht mehr vermeiden können, mit einem Mann verheiratet zu werden, der bestenfalls ein verbitterter, skandalumwitterter Eigenbrötler war. Wenn sie doch endlich einmal einen Blick auf Lord Danescroft werfen könnte! Allmählich stellte sie ihn sich als unheilvollen, finsteren älteren Mann vor.

„Das steht noch keineswegs fest“, erklärte sie energisch. „Ich kann Ihnen – unter dem Siegel der Verschwiegenheit natürlich – sagen, dass ihr noch kein Antrag gemacht wurde. Er hat sich auch noch nicht an ihren Vater gewandt.“ Mr. Jenkins wirkte nur noch neugieriger. „Ich persönlich“, fügte sie hinzu und wünschte sich dabei, sie könnte endlich einmal ein normales Tischgespräch in normaler Lautstärke führen, „bezweifle stark, dass sie zu ihm passen würde. Sie ist recht nett, aber ziemlich schusselig, und außerdem machen Kinder sie nervös.“

Die arme Penny. Bestimmt klingelten ihr schon die Ohren bei all der üblen Nachrede. Während ihr Suppenteller abgetragen wurde und der Butler den Braten anschnitt, überlegte Rowan, wie viel Dienstboten wohl generell über ihre Herrschaft klatschten. Bisher hatte sie sich darüber nie Gedanken gemacht, doch nun bekam sie heiße Wangen, wenn sie an einige indiskrete Bemerkungen dachte, die sie vor dem Personal hatte fallen lassen.

Der Braten wurde mit einer reichen Auswahl an Beilagen und einem sehr anständigen Rotwein serviert. Sie musste sich unbedingt bei Alice erkundigen, ob das normal war. Kein Wunder, dass Papas Weinrechnungen so hoch waren.

Es gelang ihr, während des restlichen Dinners nicht zu Mr. Lucas zu blicken oder über seinen Herrn zu klatschen. Schließlich erhoben sich die höherrangigen Dienstboten Stühle scharrend von ihrem Sitzplatz, und die anderen am Tisch taten es ihnen nach. Gerade noch rechtzeitig erkannte Rowan, dass sie ihre Serviette und ihr Weinglas mitnehmen sollte.

Im Zimmer des Butlers wartete ein Lakai neben einem frisch gedeckten Tisch mit dem Dessert. Wahrhaftig, überlegte sie, während sie zu ihrem Platz ging, sie hatte auch in überaus vornehmen Häusern an der Gästetafel schon sehr viel schlechter gegessen.

„Die Farbe steht Ihnen, Miss Lawrence.“ Schon wieder diese leicht belustigte Stimme!

„Von welcher Farbe sprechen Sie denn, Mr. Lucas?“, erkundigte sie sich.

„Von der Farbe Ihrer Wangen. Haben Sie etwa mit Ihren beiden Verehrern geflirtet?“

„Geflirtet? Ich? Wohl kaum, Mr. Lucas. Wenn Sie jemanden suchen, der gern flirtet, schauen Sie am besten in den Spiegel da drüben.“ Sie rauschte an ihm vorüber, hörte ihn aber noch leise lachen und biss die Zähne zusammen.

„Belästigt er Sie, Miss Lawrence?“ Die Frage kam von Mr. Philpott, der sich vor Verlegenheit wand. Der arme junge Mann. Vermutlich glaubte er, sie müsse beschützt werden, fürchtete sich aber schrecklich davor, Lucas zu konfrontieren. Der allerdings sehr beeindruckend wirkte.

Er sah von seinem Teller auf und ertappte sie, wie sie ihn anstarrte. Kühl fuhr Rowan mit ihrer Musterung fort. Ja, unter der eleganten Kleidung spannten sich eindrucksvolle Muskeln, er war breitschultrig und wirkte gefährlich überlegen. Verächtlich hob sie eine Augenbraue und schenkte dem ängstlichen jungen Mann an ihrer Seite ein Lächeln. „Ob er mich belästigt? Keineswegs, Mr. Philpott. Ich bin durchaus in der Lage, mit Männern wie ihm allein fertig zu werden.“

Natürlich war sie das. Vermutlich. Sie könnte es besser beurteilen, wenn sie einem Mann wie ihm schon einmal begegnet wäre.

Autor

Louise Allen

Louise Allen lebt mit ihrem Mann  – für sie das perfekte Vorbild für einen romantischen Helden – in einem Cottage im englischen Norfolk. Sie hat Geografie und Archäologie studiert, was ihr beim Schreiben ihrer historischen Liebesromane durchaus nützlich ist.

Foto: ©  Johnson Photography

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Christine Merrill

Christine Merril lebt zusammen mit ihrer High School-Liebe, zwei Söhnen, einem großen Golden Retriever und zwei Katzen im ländlichen Wisconsin. Häufig spricht sie davon, sich ein paar Schafe oder auch ein Lama anzuschaffen. Jeder seufzt vor Erleichterung, wenn sie aufhört davon zu reden. Seit sie sich erinnern kann, wollte sie...

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