Hochzeitsnacht in der Alhambra

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Einmal die Alhambra, die märchenhafte Residenz in Andalusien, ganz für sich allein haben: Das ist schon lange Cassias Traum. Doch er scheint unerfüllbar. Bis ihr der attraktive Simon Marques de Mondragón ein verlockendes Jobangebot macht. Aber nicht nur das…
  • Erscheinungstag 30.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779689
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Sie kamen zu einer ruhigen Zeit an, in der sich die Hotelgäste entweder an den Skihängen der Sierra Nevada aufhielten oder sich auf einem Ausflug befanden.

Cassia, die in einem schlichten schwarzen Kleid hinter der Rezeption saß, die langen hellbraunen Haare aus dem Gesicht gekämmt und mit einer Kammspange befestigt, las einen französischen Roman, den eines der Zimmermädchen in einem Papierkorb gefunden und ihr gegeben hatte.

Das Buch lag aufgeschlagen unter der Theke, und sobald Cassia hörte, dass sich ein Wagen dem Eingang näherte, hob sie den Kopf.

Bei dem Wagen handelte es sich um das Sportcoupé einer exklusiven Automarke. Der Fahrer, der durch die gläserne Eingangstür zu erkennen war, die gleich lautlos vor ihm auseinandergleiten würde, war ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann, leger mit einem Pullover und Jeans bekleidet.

Cassia beobachtete, wie er um den Wagen herumging und einer jungen Frau mit langen, sexy wirkenden Beinen in einem sehr kurzen Rock die Beifahrertür öffnete. Als sie sich umdrehte, um etwas vom Rücksitz zu holen, rutschte der Rock noch ein wenig höher über ihre Schenkel. Das Etwas entpuppte sich als Pelzjacke. Nachdem die Frau ausgestiegen war und beinahe ebenso hoch gewachsen neben ihrem Begleiter stand, legte sie sich den Pelz um die Schultern, über den roten Cashmerepullover, der ihre üppigen Brüste besonders zur Geltung brachte.

Es war ein auffallendes Paar, möglicherweise aus dem Showbusiness, dem Aussehen nach zu urteilen. Doch heute war das Castillo del Sultán, Granadas teuerstes Hotel, vollkommen ausgebucht. Nur eine Suite war noch nicht belegt, doch diese war für den Marqués de Mondragón reserviert, der heute aus Madrid kommen sollte, aber erst gegen Abend erwartet wurde.

Bei seiner Ankunft würde er vom Hotelmanager Señor Alvarez persönlich begrüßt und mit dem Zeremoniell nach oben geleitet werden, wie es sich für einen spanischen Grande schickte, dessen hoher Rang einem seiner Vorfahren durch Königin Isabella I. verliehen worden war. Deren Statue auf einer hohen Säule, umgeben von mehreren Fontänen, die um ihren Sockel spielten, war eines der meistfotografierten Denkmäler im historischen Granada.

Als die Neuankömmlinge das Foyer betraten, richteten sich die Blicke der Frau sogleich auf das Schaufenster des kleinen Ladens mit seinen teuren Souvenirs und Geschenkartikeln, der allerdings bis vier Uhr geschlossen war. Schnurstracks ging sie auf die einladenden Auslagen zu, während sie es dem Mann überließ, sich an die Rezeption zu begeben.

„Guten Tag“, begrüßte Cassia, die beinahe akzentfrei Spanisch sprach, ihn liebenswürdig.

„Guten Tag.“ Seine Stimme war tiefer und ruhiger, als der luxuriöse Wagen und die glamouröse Frau sie hatten vermuten lassen.

Ehe Cassia jedoch Gelegenheit hatte zu sagen, dass sie bedauerlicherweise ausgebucht seien, kam er ihr zuvor.

„Meine Sekretärin hat vor zwei oder drei Wochen die Mirador für uns reservieren lassen.“ Sein Spanisch war reinstes castellano, wie das des alten Professors, der Cassia unterrichtet hatte, um seine Pension etwas aufzubessern, im Gegensatz zu dem mehr gutturalen Akzent der granadinos.

„Sie haben uns später erwartet“, fuhr er fort, „aber ich habe meine Pläne geändert und bin bereits heute Morgen aus Madrid abgefahren.“

Mirador, so hieß die schönste Suite, die das Hotel zu bieten hatte. Aber sie wurde nur selten von schönen jungen Leuten bewohnt. Die meisten, die sich diesen Luxus leisten konnten, waren mittleren Alters, wenn nicht sogar noch älter. Cassia hatte angenommen, der Marqués sei wesentlich älter als dieser Mann, den sie auf etwa Anfang dreißig schätzte, mit seinem dichtem schwarzen Haar und einer Ausstrahlung von Gesundheit und Kraft, um nicht zu sagen von geradezu animalischer Anziehungskraft.

Es geschah nicht oft, dass sie verlegen wurde. Ihr Leben mit seinen zahlreichen Umbrüchen und Schicksalsschwankungen hatten Cassia zu einem ungewöhnlichen Maß an Selbstbeherrschung verholfen. Doch irgendetwas an der Art und Weise, wie der Marqués über die Theke hinweg auf sie herabblickte, brachte sie ein wenig aus der Fassung.

Aber sie ließ es sich nicht anmerken, sondern meinte höflich: „Würden Sie sich bitte ins Hotelregister eintragen?“, und reichte ihm einen mit schwarzer Tinte gefüllten Füllfederhalter.

Wäre sie ein Gast gewesen, hätte Cassia sich lieber ein Zimmer in einem kleineren und ruhigeren Hotel genommen, das früher einmal ein Kloster gewesen war und jetzt ein staatliches parador war und innerhalb der Mauern der Alhambra lag. Obwohl die Lebenshaltungskosten in Spanien längst nicht mehr so günstig waren wie zu der Zeit, als sie und ihr Vater hierher gekommen waren, hätte sie von dem, was dieser Mann für eine einzige Woche bezahlte, mehrere Monate gut leben können.

Der Marqués nahm den Füllfederhalter in die langen gebräunten Finger und schrieb seinen Namen, oder einen Teil davon, unter die vorhergehende Eintragung in dem ledergebundenen Register mit Goldprägung. Sein voll ausgeschriebener Name hätte sicherlich zwei oder drei Zeilen in Anspruch genommen. Die über viele Generationen erworbenen Adelstitel seiner Familie waren beinahe so zahlreich wie die der berühmtesten spanischen Adeligen, der Herzogin von Alba.

Aber er schrieb nur ein Wort – Mondragón. Ebenso wie ‚Alba‘ genügte dies, um sich bei jedem, der auch nur das kleinste Interesse an spanischer Geschichte besaß, zu erkennen zu geben.

Währenddessen drückte Cassia zwei Klingeln, die eine, um den Gepäckträger, die andere, um einen der Bedienten herbeizurufen, die dafür sorgten, dass die Wagen der Gäste in der Tiefgarage des Hotels untergebracht und bei Bedarf wieder vorgefahren wurden.

Gleich darauf traten zwei Männer aus der für das Personal bestimmten Tür hinter der eindrucksvollen Marmortreppe, in tadelloser Uniform und mit freundlicher, aber respektvoller Miene.

Wenngleich Cassia wusste, dass es nicht das erste Mal war, dass der Marqués in diesem Hotel hier abstieg, war sie dennoch überrascht, als er José, den ältesten Wagenportier, mit Namen begrüßte und ihm sogar die Hand schüttelte, ehe er ihm seine Schlüssel übergab.

Als sie die Schranke der Rezeption öffnete, kehrte Manolo, der dienstälteste Hotelportier, an seinen Schreibtisch auf der gegenüberliegenden Seite des Foyers zurück. Er arbeitete schon seit langer Zeit hier und wusste viele Geschichten zu berichten über Galafestlichkeiten, diskret vertuschte Skandale sowie schockierendes Benehmen bekannter und berühmter Persönlichkeiten. Auch er wurde vom Marqués herzlich begrüßt, der sich angelegentlich nach Manolos Frau und dessen Familie erkundigte, ihn jedoch nicht mit seiner eigenen Begleiterin bekanntmachte, wie Cassia sehr wohl bemerkte. Wer auch immer sie sein mochte, sie war ganz offensichtlich nicht die Marquesa. Vielleicht war der Marqués noch nicht verheiratet. In diesem Falle gab es keinen Grund, weshalb er sich nicht mit jemandem vergnügen sollte, die bereit war, ihm vorübergehend als Partnerin zu dienen.

Obwohl Cassia in einer Umgebung beschäftigt war, wo derlei Liaisons gang und gäbe waren, hielt sie selbst gar nichts von dieser Einstellung. Sie war eine Romantikerin mit hohen Idealen und wahrscheinlich hoffnungslos unerfüllbaren Erwartungen. Der Mann, der ihr Herz gewann, wäre keiner, der Frauen als Spielzeuge betrachtete.

Sie wartete, bis die beiden Männer ihre Unterhaltung beendet hatten, und trat dann vor. „Leider ist Señor Alvarez im Augenblick nicht da. Darf ich Ihnen daher Ihre Suite zeigen, Exzellenz?“

„Vielen Dank, aber das ist nicht nötig, señorita. Ich komme schon hierher, seit ich ungefähr so groß war.“ Der Marqués zeigte etwa die Größe eines kleinen Jungen an, und während er sprach, unterzog er Cassias Gestalt einer raschen, aber umfassenden Musterung.

Zwar war sie nicht so groß wie seine langbeinige Freundin, doch im Verhältnis zu ihrer Größe besaß sie ebenso lange, schlanke Beine wie diese. Während einige der Zimmermädchen unter ihrer Uniform kurze Röcke trugen, hätte Señor Alvarez bei keiner seiner Rezeptionistinnen kniefreie Kleidung geduldet. Cassias Bereitwilligkeit, sich seinen etwas altmodischen Standards anzupassen, ebenso wie die Tatsache, dass sie mehrere Sprachen beherrschte, hatten ihn veranlasst, sie von ihrer ursprünglich niedrigen Stellung als Reinigungskraft zu ihrer jetzigen Position zu befördern.

Der Marqués, der die Hand nach dem Schlüssel zu seiner Suite ausstreckte, warf einen Blick über die Schulter. „Komm, Isa.“

„Soll ich Ihnen einen Pagen und ein Zimmermädchen zum Auspacken hinaufschicken?“, fragte Cassia.

„Einen Pagen, nein. Aber Señorita Sanchez hat mehr Gepäck als ich.“ Als diese zu ihm trat, erkundigte er sich: „Willst du jemanden, der für dich auspackt, Isa?“

„Selbstverständlich. Und einige meiner Sachen müssen aufgebügelt werden.“ Sie schob ihre Hand in die seine und schenkte ihm ein vertrautes Lächeln.

In dem Lächeln, mit dem er sie ansah, lag etwas Raubtierhaftes, und Cassia hatte den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauern würde, ehe die glamouröse Isa ihre gegenwärtige Aufgabe erfüllen musste. Cassia wünschte ihnen viel Vergnügen dabei. Die Vorstellung, mit jemandem Sex zu haben, für den man weiter keine zärtlichen Gefühle empfand, stieß sie selber jedoch ab.

Der Gedanke, dass Isa sich in dem breiten Doppelbett wiederfinden würde, noch bevor sie Gelegenheit dazu gehabt hatte, den großartigen Blick auf Granada durch die Fenster der Mirador-Suite zu bewundern, ließ Cassias Wangen erröten, als sie dem Marqués den Schlüssel überreichte.

Zu ihrer Verlegenheit entging ihm das keineswegs. Genau wie sie seine Gedanken hatte lesen können, las er nun ihre.

„Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt bei uns“, sagte sie steif.

Normalerweise, wenn Cassia dies zu Gästen sagte, wünschte sie ihnen aufrichtig, dass ihr Aufenthalt in Granada ihnen gefallen würde. Dieses Mal aber klangen ihre Worte mechanisch und wurden auch nicht von ihrem üblichen herzlichen Lächeln begleitet. Irgendetwas an dem Paar verursachte ihr ein gewisses Unbehagen.

„Vielen Dank. Ich bin sicher, das werden wir. Señorita Sanchez wird Sie dann wissen lassen, wann sie das Zimmermädchen wünscht“, erwiderte der Marqués und geleitete seine amiguita zu dem bereits wartenden Lift, der sie in die oberste Etage brachte, wo sich die besten Suiten befanden.

Ay, ay … Wie schön, wenn man jung und gut aussehend ist“, meinte Manolo, der sich zu Cassia an der Rezeption gesellte. „Jedes Mal, wenn er kommt, hat er wieder ein anderes Mädchen an seiner Seite, eines schöner als das andere.“

„Aber nur an dem interessiert, was sie von ihm kriegen können“, antwortete Cassia sarkastisch und drehte das Register zu sich, um einen Blick auf den schwungvoll, aber deutlich lesbar geschriebenen Namen ‚Mondragón‘ zu werfen.

„Nein, nein, da irren Sie sich“, sagte Manolo. „Vielleicht wird das in dreißig Jahren so sein, wenn er wie sein Großvater ein alter Schwerenöter wird. Ich war hier, als der alte Marqués seine letzte Geliebte mit herbrachte. Sie war ein süßes kleines Ding, aber im Gegensatz zu ihm eben frühlingsfrisch. An ihrem dritten Tag hier hat sie ihn getötet.“

„Das wundert mich nicht“, erwiderte Cassia. „Hat sie ihn erschossen oder erstochen?“

Manolos Gesicht legte sich in tausend kleine Lachfältchen und lachte mit rauchiger Stimme. „Sie hat ihn aus lauter Freundlichkeit getötet, chica. Kein schlechter Abgang, wenn Sie mich fragen. In den Armen eines schönen Mädchens … So ein Glück müsste ich haben!“

Sein Schmunzeln war ansteckend, und Cassia musste unwillkürlich auch lächeln. Außerdem war ihr klar, dass er nur scherzte. Sie kannte seine liebevolle, rundliche Frau und wusste, dass die beiden seit ihrer frühen Heirat einander, ihren fünf Kindern und den zahlreichen Enkeln aus tiefstem Herzen ergeben waren.

„Kannten Sie auch den Vater des Marqués?“, fragte sie.

Der Portier schüttelte den Kopf. „Er ist nie in Granada gewesen. Die Familie hat Grundbesitz überall in Spanien, nur hier nicht. Der papá des jetzigen Marqués wurde bald nach der Geburt seines Sohnes von einem Pferd abgeworfen. Er schlug mit dem Kopf auf einen Felsen und erlitt einen Hirnschaden. Es heißt, seine Frau brachte ihn mit ein paar Krankenschwestern, die sich um ihn kümmerten, in einem ihrer kleineren palacios unter und wartete dann ab, bis dieser junge Mann hier fast erwachsen war. Dann ließ sie sich von seinem Vater scheiden und heiratete einen reichen Amerikaner.“

Mehrere Telefonate sowie andere Pflichten hinderten Manolo und Cassia daran, ihr Gespräch fortzusetzen.

Während der letzten Lebensmonate ihres Vaters war Cassia am Ende jeder Schicht so schnell es ging in die gemeinsame Atelierwohnung im Albaicín, dem alten maurischen Viertel der Stadt, zurückgeeilt und hatte ihre gesamte Freizeit mit ihm zusammen verbracht.

Nun, da sie allein auf sich gestellt war, machte sie so viele Überstunden wie nur möglich. Teilweise deshalb, weil die Wohnung noch voller schmerzlicher Erinnerungen war, zum Teil aber auch deshalb, weil sie genug Geld verdienen wollte, um in ihr Geburtsland zurückzukehren, in dem sie jedoch nie länger gelebt hatte.

Ihr Vater war Engländer gewesen, ihre Mutter Französin, und so war Cassia bis zu ihrem siebten Lebensjahr zweisprachig aufgewachsen. Dann hatten ihre Eltern sich getrennt. Ihre Mutter war mit einem Liebhaber auf und davon gegangen, der sich nicht mit dem Kind eines anderen belasten wollte. Cassia, die ihren Vater schon immer angebetet hatte, war es recht gewesen. Ihre Mutter hingegen hatte sie auf eine beunruhigende Weise als unbeständig empfunden, manchmal hatte sie sie mit Zuneigung förmlich überschüttet und dann wiederum, ohne ersichtlichen Grund, war sie ungeduldig oder gar herzlos gewesen.

Jetzt, fünfzehn Jahre später, verstand Cassia die Weisheit, die in jenem französischen Sprichwort lag – Tout comprendre est tout pardonner. Verständnis brachte tatsächlich Vergebung mit sich. Einige der Launen ihres Vaters hätten selbst die Geduld einer Heiligen auf eine harte Probe gestellt. Im Rückblick war es kein Wunder, dass er seine sehr viel jüngere und lebhafte Frau dazu getrieben hatte, ihn zu verlassen.

Das einzige Erstaunliche war, dass Cassias Temperament so ganz anders war als das ihrer beiden Eltern. Vermutlich schlug ihr ruhigeres und praktischeres Wesen eher nach einem Teil ihrer Großeltern. Doch sie hatte keine Ahnung, ob diese noch lebten und wenn ja, wo.

Um ihre Ersparnisse weiter aufzustocken, tat sie um neun Uhr abends noch immer Dienst in dem mittlerweile äußerst belebten Foyer, als Isa Sanchez aus dem Lift trat und die Augen aller Männer auf ihren schönen, geschmeidigen Körper zog, der nur dürftig von einem kurzen, schulterfreien Etuikleid aus mit leuchtenden Farben handbemaltem Seidensamt verhüllt wurde. Heute Abend waren ihre aufregenden Beine passend zum Kleid und den ebenfalls darauf abgestimmten Schuhen bestrumpft. Das Haar, das zuvor unter einem Schal verborgen gewesen war, umrahmte nun in einer Wolke seidiger Locken ihr exquisit zurechtgemachtes Gesicht.

Kein Wunder, dass sie sie alle anstarren, dachte Cassia. Vom Äußeren her ist sie einfach umwerfend. Aber ob in dem schönen Köpfchen auch ein Hirn steckt … quién sabe? Andererseits, wenn man so aussieht, was macht das schon? Außer, dass sie nicht immer so aussehen wird. Schönheit vergeht, Intelligenz bewahrt sich.

Der Lift war voll, und erst nachdem zwei andere Frauen ausgestiegen waren, kam auch Isas Begleiter heraus. Er zog ebenfalls die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und nicht nur, weil auch er erlesen gekleidet war, sondern vor allem wegen seiner hohen Gestalt und der eindrucksvollen Figur, die er abgab.

Fast alle jüngeren Männer in Spanien waren größer und kräftiger gebaut als ihre Väter und Großväter, deren Wachstum häufig durch die unzureichende Ernährung früherer Jahrzehnte gehemmt worden war, als Spanien noch ein armes Land gewesen war. Selbst heutzutage lag die durchschnittliche Größe der Spanier unter der der wohlhabenderen Länder der Europäischen Gemeinschaft. Was die Größe betraf, hatte der Marqués mehr mit den hochgewachsenen Skandinaviern gemeinsam als mit seinen eigenen Landsleuten, und wenige Männer, gleichgültig in welchem Land der Erde, besaßen eine so stolze und aufrechte Haltung wie er.

Wie am Nachmittag trug er legere Kleidung, Designerjeans und einen Blazer über einem dunkelblauen Hemd, das am Kragen offen stand. Vom Kragen bis hin zu den schwarzen, glänzend polierten Schuhen hätte er ohne Weiteres ein Mitglied der gesellschaftlichen Elite überall auf der Welt sein können.

Vom Hals aufwärts jedoch konnte er nur als Spanier gelten. Diese feurigen schwarzen Augen, die römische Nase und hohen Wangenknochen hatten ihren Ursprung in jener Zeit, als die mächtige rot ummauerte Festung, die über Granada aufragte, die am höchsten entwickelte Zivilisation der damaligen Welt in sich schloss.

Die Mauren, die die Alhambra und die Altstadt erbaut hatten, in der Cassia lebte, waren schließlich vertrieben worden. Aber sie hatten den Spaniern nicht nur ihre Kenntnisse der Wissenschaften, der Philosophie und der Künste hinterlassen, sondern auch ihr exotisch dunkles Aussehen. Irgendwo, weit zurückliegend im Stammbaum des hochgewachsenen Mannes, der nun das Foyer in Richtung auf die Hotelbar durchquerte, musste es einst eine Verbindung mit den Mauren gegeben haben, die Spanien jahrhundertelang beherrscht hatten.

Eine halbe Stunde später verließen der Marqués und seine Freundin die Bar, und sie strebte zur Damengarderobe hinüber, wobei sie mit dem hüftschwingenden, arroganten Gang durch das Foyer stolzierte, den sie sich von dem Schreiten der Supermodels auf dem Laufsteg abgeschaut haben musste.

Es war Anfang Januar, und obgleich es ein sonniger und lauer Tag gewesen war, konnten die Nächte doch empfindlich kalt werden. Der Marqués trug die Pelzjacke seiner Freundin über dem Arm. Cassia erkannte es als Wolfspelz, wahrscheinlich aus den Fellen von Tieren gemacht, die in freier Wildbahn gezüchtet wurden. Der Gedanke an deren Leiden, nachdem sie gefangen worden waren, hätte sie selbst auf jeden Fall davon abgehalten, eine solche Jacke zu kaufen, auch wenn sie es sich hätte leisten können.

In Spanien jedoch waren in den Wintermonaten, wenn das Land teilweise von Schnee bedeckt war und der bitterkalte Wind über die hohen Sierras fegte, Pelze häufig zu sehen. Viele Gäste, die durchs Foyer kamen, waren in luxuriöse, knöchellange Nerzmäntel gehüllt.

Cassia wartete darauf, dass Isa Sanchez aus der Garderobe zurückkehrte, da wandte sich der Marqués plötzlich um und kam auf sie zu.

„Sie sind noch immer im Dienst, señorita? Sie haben lange Arbeitszeiten. Wohnen Sie im Hotel?“

Überrascht, dass er sie überhaupt ansprach, schüttelte sie den Kopf. „Aber ich wohne nicht weit von hier, señor.“

Er wechselte auf Englisch und sagte: „Ich glaube, Sie sind Britin, nicht wahr?“ Und ehe sie antworten konnte, fuhr er fort: „Ihr schöner klarer Teint und Ihre Augen haben Sie verraten. Ihr Spanisch ist fast perfekt. Sie können sogar das R rollen wie die Einheimischen, eine erstaunliche Leistung für eine Engländerin.“ Er lächelte sie an. „Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich sage, dass die meisten Ihrer Landsleute in Bezug auf Fremdsprachen hoffnungslos sind.“

„Ich fürchte, Sie haben recht“, stimmte sie ihm zu, wobei sie sich bemühte, ihr Erstaunen über sein ausgezeichnetes Englisch nicht zu zeigen. Wenn ihr Spanisch fast perfekt war, dann war sein Englisch in der Tat perfekt.

Sie hatte gehört, dass in Jerez de la Frontera, der Heimat des Sherrys, die Kinder der reichen Weinanbauer immer englische Kindermädchen hatten, und in früheren Zeiten auch englische Gouvernanten. Dennoch konnte Cassia sich nicht vorstellen, dass ein Kindermädchen dem Marqués sein fehlerloses und umgangssprachliches Englisch beigebracht hatte. Vielleicht war unter seinen amourösen Eroberungen auch eine Engländerin gewesen.

„Wie lange leben Sie schon in Spanien?“, erkundigte er sich.

Isa tauchte an seinem Ellbogen auf. „Komm schon, Simón … Ich habe Hunger.“

Er wandte sich zu ihr und hielt ihr die Jacke hin. Die Spanierin legte ihre Handtasche auf die Theke und drehte ihm den Rücken zu, um ihre bloßen Arme in die satingefütterten Jackenärmel gleiten zu lassen. Dabei bekamen die beiden anderen durch das tiefe Rückendekolleté des Samtkleids einen freizügigen Ausblick auf ihren makellosen, büstenhalterfreien Busen zu sehen. Für den Marqués, der direkt hinter ihr stand, musste dieser noch weitaus enthüllender gewesen sein als der kurze Blick, den Cassia auf die reifen goldbraunen Brüste seiner amiguita hatte erhaschen können.

Als Isa ihre Tasche wieder an sich nahm, streifte sie Cassia mit einem flüchtigen Blick, in dem diese die arrogante Herablassung las, mit der ein glamouröses Playgirl die unbedeutenden, kleinen Leute dieser Welt bedachte.

„Gehen wir!“ Die Spanierin lächelte den Marqués kess an, schnippte mit den Fingern und vollführte einen kurzen sexy Tanzschritt. „Ich möchte essen und tanzen.“

„Solange du daran denkst, dass wir morgen früh um acht ins Skigebiet hochfahren. Falls du nicht auf bist, fahre ich ohne dich.“ Obwohl er in leichtem Ton sprach, ließ er keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte.

„Warum müssen wir überhaupt so früh losfahren?“ Isas Stimme klang leicht ungehalten.

„Weil wir deswegen hier sind, um Ski zu fahren. Nicht wegen der Discos.“ An Cassia gewandt, meinte er: „Gute Nacht, señorita.“

Cassia sah den beiden nach, wiederum erstaunt, dass er die unterbrochene Unterhaltung mit ihr auf solch höfliche Weise beendet hatte.

Dann hörte sie Isa fragen: „Worüber hast du mit ihr geredet?“

Doch die Antwort des Marqués ging im allgemeinen Stimmengewirr des Hotelfoyers unter.

Viele Fremde, die nach Granada kamen, wagten sich nicht gern alleine in das Albaicín-Viertel. Sie fühlten sich sicherer in einer Reisegruppe oder auf einer Minibus-Tour, die sie zu einigen ausgewählten Aussichtspunkten brachte, ohne dass man Gefahr lief, seine Taschen und Wertsachen gestohlen zu bekommen.

Tagsüber war das Albaicín sicher genug, nachts dagegen war es für einsame Touristen nicht gerade ratsam, sich dort aufzuhalten. Und wenn sie bis spätabends arbeitete, nahm sogar Cassia lieber ein Taxi, als zu Fuß nach Hause zu gehen. Da sie ihre Hauptmahlzeiten im Hotel einnahm, benutzte sie die Wohnung nur noch zum Schlafen und Frühstücken.

Am folgenden Morgen, eingehüllt in einen wollenen Hausmantel, die Füße in einem Paar warmer bunt karierter Pantoffeln, die sie auf dem Samstagsmarkt auf der Plaza Larga erstanden hatte, nahm sie ihr Frühstück mit nach draußen auf die kleine Dachterrasse, von der aus ihr Vater John Browning Dutzende Bilder von den Türmen und Mauerzinnen der Alhambra vor dem Hintergrund der schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada gemalt hatte.

Es war sicherlich eines der schönsten Panoramen der Welt, vor allem bei Sonnenaufgang oder – untergang oder in einer heißen Sommernacht, wenn der Vollmond aufstieg. Ich muss verrückt sein, dachte Cassia manchmal, diesen wunderbaren Ort gegen den wolkenverhangenen Himmel und die langen kalten Winter Nordeuropas einzutauschen.

Aber der Mietvertrag ihres Vaters lief bald aus, und der Hausbesitzer wollte ihn nicht mehr verlängern. Eine andere Wohnung in der Nähe zu finden war so gut wie aussichtslos. Und in dem Lärm und dem Schmutz der Neustadt zu wohnen, das wollte Cassia auch nicht. Die Alternative war für sie, nach England zu ziehen und herauszufinden, ob das das Land war, wo sie hingehörte.

Nach dem Frühstück duschte sie und begann dann, sich zurechtzumachen. Das dauerte nicht lang. Abgesehen von etwas Sonnenschutzcreme, um ihren zarten hellen Teint vor UV-Schäden zu schützen, ein wenig Augen-Make-up und Lippenstift brauchte sie nichts weiter. Aus derart komplizierter Maquillage, wie sie sie am Abend zuvor bei Isa Sanchez gesehen hatte, machte sie sich nichts. Deren Augen waren die reinsten Kunstwerke gewesen, und ihr Mund so sorgfältig ausgemalt und schimmernd, dass er wie die Blütenblätter einer seltenen Orchidee gewirkt hatte.

Cassia erinnerte sich an die Bemerkung des Marqués über ihr Aussehen, während sie Sonnencreme über Stirn und Wangen verstrich. Zwar war ihre Haut in der Tat zarter als der olivfarbene Teint der Spanierinnen, aber ob sie sich ebenso gut halten würde? Und graue Augen kamen doch sicherlich in allen westlichen Ländern häufig vor.

Ihr Dienst fing um acht Uhr an, doch Cassia war bereits eine Viertelstunde früher da. Die Lobby war voller Leute in farbenfrohen Skianzügen, einige mit ihren taquillas, den Skipässen, an den Jacken oder am Handgelenk, und viele trugen ihre Skibrillen um den Hals und hatten schwere Skistiefel dabei.

Verärgert über sich selbst, merkte Cassia, dass sie nur deshalb zu früh dran war, weil sie gehofft hatte, noch einen Blick auf Isa und den Marqués zu erhaschen, bevor diese für den Tag verschwanden.

Sie nahm gerade einen Anruf entgegen, notierte sich den Namen und die Adresse eines Gastes, der für den folgenden Monat reservieren lassen wollte, da sah sie den Marqués die Treppe herunterkommen. Er trug eine schwarze Salopette, jene eng anliegende, bis zur Brust hinaufreichende Hose, die von Schulterträgern gehalten und von den aktivsten Skifahrern bevorzugt wurde. Eine diskrete schwarzgraue Skijacke hing über seinem Arm, und im Augenblick war der obere Teil seines Körpers lediglich von einem leuchtend korallenroten T-Shirt sowie einem um den Hals geknoteten Schal im selben Farbton bekleidet, sodass man die gebräunten, muskulösen Arme erkennen konnte.

Ohne einen einzigen Blick in Richtung Rezeption ging er durchs Foyer zum Zeitungskiosk. Nur wenig später erschien Isa mit einem nur mühsam erstickten Gähnen auf der Treppe. Sie trug einen glänzenden, blassgelben Skianzug mit einer entsprechenden Mütze in einem etwas tieferen Gelb und goldgelben Kreolen in den Ohren.

Der Marqués kehrte mit mehreren Frauenzeitschriften vom Kiosk zurück und gab sie Isa, vermutlich Lesestoff für sie auf der Fahrt nach Pradollano, dem Skiort. Vielleicht empfand der Marqués Isas Qualitäten als Gesprächspartnerin weniger zufriedenstellend als diejenigen auf anderen Gebieten.

Cassia sah den beiden nach, wie sie das Hotel verließen, und unterdrückte einen Seufzer. Sie hätte schon immer gerne einmal das Skifahren ausprobiert. Doch obwohl sie nur eine Busstunde von den Skihängen entfernt lebte, hatten die Kosten für das Ausleihen der notwenigen Ausrüstung ihre Mittel bei Weitem überstiegen. Außerdem war Cassias Vater nicht daran interessiert gewesen und hätte ihr niemals gestattet, diesen Sport alleine auszuprobieren.

Am Nachmittag meldete sich die Telefonzentrale an der Rezeption.

„Cassia, der Marqués de Mondragón ist in der Leitung. Er wollte Señor Alvarez sprechen, aber ich weiß, dass der heute auf einer Familienfeier anlässlich des Geburtstags seiner Frau ist. Ich möchte ihn ungern stören, wenn es sich vermeiden lässt. Kann ich ihn zu Ihnen durchstellen?“

„Selbstverständlich.“ Während sie auf die Verbindung wartete, spürte Cassia eine unwillkürliche Erregung in sich aufsteigen. „Sie haben ein Problem, Exzellenz?“

„Señorita Sanchez hat sich verletzt“, ertönte seine tiefe Stimme an ihrem Ohr. „Nichts Ernstes. Ein anderer Neuling ist auf der Anfängerstrecke mit ihr zusammengeprallt. Sie sind beide hingefallen und haben ihre Skier ineinander verheddert. Ich glaube, es handelt sich bloß um eine Verstauchung, aber anstatt sie hier in die Erste-Hilfe-Klinik zu bringen, wäre es mir lieber, wenn der Hotelarzt sie sich ansehen könnte. Könnten Sie dafür sorgen, dass er da ist, wenn wir in etwa fünfundvierzig Minuten wieder im Hotel sind?“

„Natürlich, señor. Wir haben einen ausgezeichneten Arzt hier, der viel Erfahrung mit Skiverletzungen hat.“

„Gut.“ Doch anstatt aufzulegen, fuhr er fort: „Sie sind doch die Engländerin, mit der ich gestern Abend gesprochen habe. Wie heißen Sie?“

Autor

Anne Weale
Jay Blakeney alias Anne Weale wurde am 20. Juni 1929 geboren. Ihr Urgroßvater war als Verfasser theologischer Schriften bekannt. Vielleicht hat sie das Autorengen von ihm geerbt? Lange bevor sie lesen konnte, erzählte sie sich selbst Geschichten. Als sie noch zur Schule ging, verkaufte sie ihre ersten Kurzgeschichten an ein...
Mehr erfahren