Ich wünsch mir einen Kuss von dir

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

An die große Liebe glaubt Tommi ebenso wenig wie an den Weihnachtsmann. Aber dass Max als Investor ihr geliebtes Bistro rettet, ist einfach sagenhaft. Und als dieser umwerfende Mann sie auch noch leidenschaftlich küsst, weiß Tommi: Manchmal werden Weihnachtsmärchen wahr …
  • Erscheinungstag 17.08.2020
  • Bandnummer 6
  • ISBN / Artikelnummer 9783733718091
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Tommi Fairchild war dazu erzogen worden, jeder Situation mit Anmut, Entschlossenheit und Ruhe zu begegnen.

Die Anmut würde sie hinbekommen, sofern sie es schaffte, sitzen zu bleiben und ihre kribbelnden Füße in Schach zu halten. Entschlossen war sie schon immer gewesen. Nur mit der Ruhe haperte es im Moment. Während Tommi das Kommen und Gehen der Gäste in der weihnachtlich dekorierten Empfangshalle des Hotel Olympic beobachtete, versuchte sie verzweifelt, nicht allzu resigniert zu wirken.

In den vergangenen zwei Wochen hatten drei Banken ihr Ersuchen um einen Geschäftskredit abgelehnt. Dennoch blieb sie optimistisch und hielt weiter an der Hoffnung fest, dass sich bald alles zum Guten wenden würde. Vielleicht war ja das Gespräch, das sie gleich mit Scott Layman führen würde, schon der erste Schritt in diese Richtung.

Onkel Harry hatte ihn ihr bei einem Dinner der Hunt Foundation vor einem Monat vorgestellt. Sie hatte an dem Abend zwar nur einige Höflichkeitsfloskeln mit dem Mann ausgetauscht, aber anscheinend hatte ihn die glänzende Besprechung ihres Bistros in der Northwest Times so beeindruckt, dass er sich nun mit ihr treffen wollte. So jedenfalls hatte Onkel Harrys Sekretärin es ihr erklärt, als sie gestern anrief, um den Termin abzumachen.

Worum genau es bei dem Gespräch gehen sollte, wusste Tommi nicht, aber da der Zeitungsartikel der Grund für die Kontaktaufnahme gewesen war, nahm sie an, dass Layman eine intime Location für irgendein Event suchte. Oder einen Caterer für eine private Dinnerparty. Möglicherweise – und das wäre wirklich ihre Rettung – beabsichtigte er sogar, ihr eine Partnerschaft anzubieten.

Scott Layman war einer der beiden Partner von Layman & Callahan. Die internationale Beratungsfirma befasste sich unter anderem mit der Suche und dem Ankauf von Immobilien und Grundstücken für Unternehmen und war in dieser Eigenschaft auch für Onkel Harrys stetig expandierendes Computerimperium tätig. Viel interessanter für Tommi war jedoch das, was sie gestern Nacht im Internet erfahren hatte: Layman & Callahan investierte nämlich auch – sozusagen als Ausdruck ihres Engagements für die Kommune – in kleinere ortsansässige Firmen.

Da Tommi keinen Kredit bekam, wäre die Suche nach einem Partner ohnehin ihre nächste Option gewesen. Am liebsten wäre ihr ein sogenannter „stiller“ Partner, der sich nicht in ihr Geschäft einmischte und ihr für eine prozentuale Gewinnbeteiligung das benötigte Kapital zur Verfügung stellte.

Sie blickte auf ihre Armbanduhr und unterdrückte einen Seufzer. Der Mann war bereits eine halbe Stunde zu spät. Wenn er nicht innerhalb der nächsten Minuten auftauchte, würde sie unverrichteter Dinge wieder gehen müssen. Um halb sechs öffnete ihr Bistro für den Abendbetrieb, und sie war die Einzige, die die warmen Vorspeisen und Hauptgänge zubereiten konnte.

Jedenfalls seit Geoff Ferneau, ihr brillanter zweiter Koch, vor drei Monaten seine Messer eingepackt hatte und zu verheißungsvolleren gastronomischen Gefilden aufgebrochen war.

Genauer gesagt, vor drei Monaten und einer Woche.

Oder anders ausgedrückt: eine Woche und einen Tag nachdem er nach einem leckeren Abendessen und einer gemeinsam geleerten Flasche Brunello seinen ganzen Charme eingesetzt hatte und bei ihr im Bett gelandet war.

Tommi hatte jedoch nicht die Absicht, ihre Gedanken unnötig lange bei diesem unerfreulichen Ereignis verweilen zu lassen. Das würde nur wieder dazu führen, dass sie sich mit Selbstvorwürfen zerfleischte, weil sie so dumm gewesen war, auf Geoffs schöne Augen und seine falschen Liebesschwüre hereinzufallen. Dasselbe war ihr mit dem einzigen anderen Mann passiert, mit dem sie sich eingelassen hatte.

Aber auch darüber wollte Tommi jetzt nicht nachdenken.

Das Wichtigste im Moment war, dass sie dringend einen neuen Koch brauchte, und zwar einen, der dem Niveau ihrer Speisekarte gerecht wurde. Denn da sie sich hatte verführen lassen, war sie nun seit dreieinhalb Monaten schwanger. Bald würde sie ihr bisheriges Arbeitspensum nicht mehr bewältigen können, und wenn sie bis dahin keine Lösung für ihr Problem fand, war sie erledigt.

„Ms Fairchild?“

Tommis grüblerischer Blick fiel von ihrem Schoß auf ein Paar teuer aussehende schwarze Herrenschuhe, die direkt vor ihr auf dem grün-goldenen Teppich standen. Als sie langsam den Kopf hob, stellte sie fest, dass sie zu einem gut einsneunzig großen Mann im maßgeschneiderten Anzug und offenen Burberry-Trench gehörten. Sein schneeweißer Hemdkragen unterstrich seine leicht gebräunte Haut und seine stahlblauen Augen, die wie durchdringende Laserstrahlen auf ihr Gesicht gerichtet waren.

Tommi straffte die Schultern und zog unauffällig ihre Kostümjacke zurecht. Wer auch immer dieser Mann sein mochte – es war definitiv nicht der, auf den sie gewartet hatte. Zwar waren beide groß und athletisch, aber da endete die Ähnlichkeit auch schon. Scott Layman war ein gut aussehender blonder Charmeur, der nie ganz erwachsen geworden war. Der Mann, der gerade vor ihr stand, hatte dagegen tiefschwarzes Haar und ein Gesicht, das man einfach nur als … männlich bezeichnen konnte.

Außerdem umgab ihn eine spürbare Aura von Macht. Vielleicht war es auch innere Stärke. Oder eine Art unausgesprochener Autorität. Was immer dieses Etwas war – Tommi konnte nicht den Blick von ihm losreißen.

„Warten Sie auf Scott Layman?“, erkundigte er sich höflich.

Anscheinend hatte er auch noch eine lähmende Wirkung auf Tommis Sprachfähigkeit. Sie musste mehrmals schlucken, bevor sie schließlich ein zögerliches „Ja“ herausbrachte.

„Das ist gut.“ Er nickte knapp. „Ich hatte schon befürchtet, dass Sie wieder gegangen sein könnten. Leider konnte ich Sie telefonisch nicht erreichen, da ich nur Ihre geschäftliche Telefonnummer bekommen habe. Ich bin Max Callahan, Scotts Partner.“

Tommi versuchte, nicht so verdattert auszusehen, wie sie sich fühlte. „Sehr erfreut, Mr Callahan“, sagte sie und hoffte, dass ihr Lächeln einigermaßen souverän und professionell wirkte.

„Max“, bat er sie, während er ihr Gesicht erneut einer knappen Musterung unterzog. „Darf ich mich setzen?“

„Ja, natürlich, bitte sehr …“ Mit einer mechanischen Handbewegung deutete Tommi auf den Klubsessel neben ihrem. Plötzlich hatte sie das Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein. Dieser Mann war nicht annähernd so lässig wie sein Partner. Nicht, dass sie für Scott Laymans breites Siegerlächeln anfällig gewesen wäre, aber er war einfach im Umgang, und sie kannte ihn schon, wenn auch nur flüchtig.

Während ihr Blick erneut durch die Lobby schweifte, stellte Max seine Aktentasche ab und warf seinen Mantel über die Sessellehne.

„Scott befindet sich noch in einer Sitzung“, informierte er sie. „Aber er kommt so schnell wie möglich her und hat mich gebeten, Ihnen so lange Gesellschaft zu leisten.“

Bei seinen letzten Worten schwang ein Hauch von Gereiztheit in seiner tiefen und unbestreitbar erotischen Stimme. Doch sogleich verzog er die Lippen zu etwas, das vermutlich als entschuldigendes Lächeln gemeint war. „Das ist absolut kein Problem für mich“, versicherte er Tommi, als er neben ihr Platz nahm. „Ich treffe mich hier mit einem Klienten, sodass wir ebenso gut gemeinsam warten können.“

Also wird er an dem Gespräch nicht teilnehmen, dachte Tommi und atmete auf, ohne genau zu wissen, warum sie eigentlich erleichtert war. Wahrscheinlich hatte es mit der unterschwelligen Anspannung zu tun, die sie an Scotts Partner wahrnahm und die ihre eigene Nervosität noch verstärkte. Was sollte es auch sonst sein?

„Haben Sie eine Ahnung, wie lange er noch braucht?“, fragte sie unruhig. „Ich möchte nicht ungeduldig erscheinen, aber ich muss bald wieder zur Arbeit zurück.“

„In einer Viertelstunde müsste er sicher hier sein.“

Max lehnte sich in seinem Sessel zurück und versuchte, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Schließlich konnte diese grazile Frau mit den unschuldigen braunen Augen nichts dafür, dass Scotts Arbeitsmoral in letzter Zeit mehr als zu wünschen übrig ließ.

Sie war auch nicht schuld daran, dass ihnen die Option auf die Bürofläche in New York durch die Lappen gegangen war – ein absolutes Sahnestück im Zentrum von Manhattan, das Max nach wochenlanger Suche endlich aufgetrieben hatte. Scotts einzige Aufgabe bei dieser Transaktion hatte darin bestanden, seine Unterschrift termingerecht unter den Vorvertrag zu setzen, aber nicht einmal das hatte er hinbekommen.

Aber wie gesagt, diese Ms Fairchild hatte mit alldem nichts zu tun. Es wäre ausgesprochen unfair, nicht höflich zu ihr sein, und Max war fair.

Darüber hinaus war er gerade etwas irritiert, denn Tommi Fairchild entsprach in keiner Weise dem Typ, auf den Scott normalerweise flog. Nicht, dass sie unattraktiv gewesen wäre, ganz und gar nicht. Mit dem glänzenden braunen Haar, das sie mit einer schlichten Spange hochgesteckt hatte, den fein geschnittenen Gesichtszügen und dem vollen, ungeschminkten Mund war sie sogar ziemlich hübsch, wenn auch auf eine unauffällige Weise.

Und sie war jung. Sicher zehn Jahre jünger als Max selbst mit seinen achtunddreißig. Nein, es gab absolut nichts an ihr auszusetzen. Sie war nur einfach kein großes, langbeiniges, blondes Partygirl und passte somit nicht in Scotts Beuteschema.

Nachdenklich ließ Max den Blick auf ihren eleganten, aber konservativen Pumps ruhen. Was in aller Welt mochte sein leichtlebiger Partner nur in ihr sehen? Irgendetwas an ihr hatte ihn offenbar so unwiderstehlich in seinen Bann gezogen, dass er sich jetzt tatsächlich mit dem Gedanken trug, diese Frau zu heiraten.

In den fünfzehn Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte Max noch nie erlebt, dass Scotts Interesse an einer Eroberung länger als zwei Wochen anhielt, aber Wunder geschahen bekanntlich immer wieder. Und wenn Tommi Fairchild ihn dazu bringen konnte, sesshaft zu werden und eine etwas ernsthaftere Arbeitseinstellung an den Tag zu legen, konnte es Max nur recht sein.

Deswegen musste er sie bei Laune halten.

Seltsam, dass er erst jetzt bemerkte, wie hübsch ihre Figur war. Sehr zierlich, aber mit weichen Rundungen, die genau an den richtigen Stellen saßen.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“, erkundigte er sich in der Absicht, ein lockeres Gespräch in Gang zu bringen.

Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu, als ob er das eigentlich wissen müsste. „Ich bin die Inhaberin des Corner Bistro. Hat Scott das nicht erwähnt?“

Max konnte sich keinen Grund vorstellen, warum er das hätte tun sollen.

„Das Corner Bistro …“ Er versuchte sich zu erinnern, ob er schon einmal davon gehört hatte, aber der Name sagte ihm überhaupt nichts. „Tut mir leid“, meinte er bedauernd, „aber ich bin beruflich so viel unterwegs, dass ich mit der Restaurantszene in der Stadt nicht ganz auf dem Laufenden bin.“

„Dann ist also nur Scott in diesem Bereich tätig?“

„Wie bitte?“

„Wenn ich es richtig verstanden habe, investiert Ihre Firma unter anderem auch in lokale Unternehmen“, erläuterte Tommi, der Max’ leichtes Stirnrunzeln nicht entgangen war. „Und da Sie selbst sich nicht damit zu befassen scheinen, schließe ich daraus, dass das Scotts Domäne ist.“

Max hatte keinen Schimmer, was Scott dieser Frau erzählt hatte. Mit den Investments der Firma hatte er jedenfalls nichts zu tun. Der Mann konnte ja kaum sein eigenes Bankkonto managen. „Es tut mir leid, Ms Fairchild, aber wir investieren in der Regel nicht in Restaurants.“ Layman & Callahan hatte zwar einige hochklassige Gourmettempel im Portfolio, aber das war etwas völlig anderes.

„Ach so, ich verstehe …“ Für einen Moment stand ihr die Enttäuschung überdeutlich ins Gesicht geschrieben, doch sie fasste sich schnell wieder. „Na ja, dann wollte er mich sicher mit dem Catering für eine Feier beauftragen“, überlegte sie laut. „Allerdings verstehe ich dann nicht ganz, warum er mich hier und nicht im Bistro treffen wollte …“

Während Max aufmerksam ihr wechselndes Mienenspiel beobachtete, verstärkte sich sein Verdacht, dass sein Partner mal wieder tief in die Trickkiste gegriffen hatte. „Hat Scott denn gesagt, dass er einen Caterer braucht?“ Wahrscheinlich war das sein Köder gewesen, um an sie heranzukommen.

Tommi schüttelte den Kopf. „Ich habe gar nicht direkt mit ihm gesprochen“, bekannte sie. „Dieses Treffen ist über einen … gemeinsamen Bekannten arrangiert worden, daher weiß ich nicht, warum er mich heute sehen wollte.“

„Arrangiert?“, hakte Max nach.

„Ja, durch seine Sekretärin.“

„Scotts Sekretärin?“

„Nein, die Sekretärin des gemeinsamen Bekannten.“

Um Max’ bohrendem Blick zu entgehen, betrachtete Tommi ihre im Schoß verschränkten Hände. Die ganze Situation gestaltete sich immer mehr zum Albtraum, zumal ihr gerade ein übler Verdacht gekommen war.

In letzter Zeit sprach ihre Mutter auffallend oft davon, dass sie sich für ihre Töchter nicht nur beruflichen Erfolg wünsche, sondern auch privates Glück.

Tommi hatte keine Ahnung, was diesen Sinneswandel bewirkt hatte, doch es war immerhin vorstellbar, dass ihre Mutter mit Onkel Harry darüber geredet hatte.

Und Onkel Harry – der genau genommen gar kein Verwandter war, sondern ein enger Freund der Familie – war reichlich exzentrisch und betätigte sich überdies leidenschaftlich gern als Amor.

Nachdem er seine vier Söhne in ihre jetzigen Ehen hineinmanipuliert hatte, hatte er letzten Monat versucht, Tommis jüngere Schwester mit einem seiner Teilhaber zu verkuppeln. Deswegen hatte Bobbie sich auch mehr oder weniger dem Mann an den Hals geworfen, der inzwischen ihr Verlobter war, aber das war eine andere Geschichte.

Jetzt schien Onkel Harry sie als sein nächstes Opfer auserkoren zu haben. Tommi wusste zwar nicht, was er bei dem Dinner damals zu Scott Layman gesagt hatte, aber sie wäre jede Wette eingegangen, dass er ihn irgendwie dazu ermutigt hatte, sich mit ihr zu treffen. So eine Frechheit! Heiße Wut auf ihren selbstherrlichen Onkel packte sie, aber noch wütender war sie auf sich selbst, weil sie sich wegen nichts und wieder nichts Hoffnungen gemacht hatte.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“, erkundigte Max sich besorgt, als sie abrupt aufstand und ihren Regenmantel von der Sessellehne nahm.

„Natürlich.“ Tommi rang sich ein unverbindliches Lächeln ab. „Ich bin nur sehr spät dran und kann nicht länger warten.“ Hastig griff sie nach ihrer Schultertasche, bekam den Träger aber so unglücklich zu fassen, dass die Tasche beim Anheben nach unten kippte und ihr gesamter Inhalt auf dem edlen Teppich landete.

„Oh nein, auch das noch …“

Mit vor Verlegenheit glühenden Wangen ging Tommi in die Knie und sammelte ihre Habseligkeiten wieder ein. Ein Döschen Lipgloss war Max direkt vor die Füße gerollt, aber bevor sie danach greifen konnte, hatte er es sich schon geschnappt. Einen Herzschlag später hockte er neben ihr und hielt sie mit der anderen Hand am Ellbogen fest.

„Vorsicht“, warnte er sie mit gedämpfter Stimme. „Da ist ein Paar direkt hinter Ihnen.“

Tommi hätte nicht sagen können, was sie mehr überraschte: die ritterliche Geste oder die erstaunliche Wirkung, die von Max’ warmer Hand ausging. Seine Berührung gab ihr Halt und hatte gleichzeitig einen wunderbar besänftigenden Effekt auf ihre überreizten Nerven. Natürlich wollte er sie nur davon abhalten, zu allem Überfluss auch noch zwei nichts ahnende Hotelgäste über den Haufen zu rennen, aber egal. Ein wenig Rückendeckung war genau das, was Tommi jetzt brauchte.

Als das Paar vorbeigegangen war, half Max ihr auf die Füße und reichte ihr das Lipgloss und ihr Scheckbuch.

„Danke“, murmelte Tommi, die sich plötzlich wünschte, er würde sie in den Arm nehmen und für einen Moment einfach nur festhalten. Oje! dachte sie erschrocken. Bin ich wirklich so bedürftig, dass ein wildfremder Mann solche Sehnsüchte in mir weckt?

„Scott wird enttäuscht sein, dass er Sie verpasst hat, aber ich sage ihm, dass Sie so lange gewartet haben, wie Sie konnten.“

„Das wäre sehr freundlich.“ Da Tommi es nicht schaffte, Max direkt in die Augen zu sehen, richtete sie ihren Blick auf das kleine Grübchen an seinem Kinn. Er hatte nichts zu der Peinlichkeit ihrer Lage beigetragen, ganz im Gegenteil. Aber das änderte nichts an der Demütigung, auf ein abgekartetes Spiel hereingefallen und dann auch noch versetzt worden zu sein.

„Soll ich einen Hotelpagen bitten, Ihren Wagen zu holen?“

Tommi schüttelte den Kopf. „Ich bin mit dem Taxi gekommen, aber danke für das Angebot. Hoffentlich lässt Ihr Klient Sie nicht mehr allzu lange warten.“ Sie schenkte Max noch ein Lächeln, dann wandte sie sich von ihm ab und strebte rasch auf den Hotelausgang zu.

Max sah ihr mit nachdenklicher Miene hinterher. Er hätte nicht sagen können, wann er zuletzt einer Frau begegnet war, die die Kunst der Verstellung so schlecht beherrschte. Obwohl Tommi Fairchild sich alle Mühe gegeben hatte, locker und souverän zu erscheinen, hatte sie keine Sekunde lang ihre Irritation und Verunsicherung verbergen können.

Und sie hatte spürbar gezittert, als er ihren Arm festgehalten hatte, um ihr und dem vorbeikommenden Paar einen Zusammenstoß zu ersparen.

Die Rolle des Ritters in schimmernder Rüstung lag Max nicht im Geringsten, und das Einzige, was er retten wollte, war der Mietvertrag, den sein Partner vermasselt hatte. Trotzdem war plötzlich ein idiotischer Beschützerinstinkt in ihm erwacht, als Tommi sich ganz kurz an ihn gelehnt und mit ihren großen, sanften Rehaugen zu ihm aufgeblickt hatte.

Max hatte keine Ahnung, was da passiert war, aber es spielte auch keine Rolle mehr. Er nahm seinen Mantel und seine Aktentasche und wollte gerade zur Bar gehen, wo er mit J.T. Hunt verabredet war, als er etwas Pinkfarbenes unter einem der Sessel aufblitzen sah.

Wie sich herausstellte, war es Tommis Brieftasche, die sie offenbar übersehen hatte. Max versuchte noch, Tommi zu erwischen, aber als er auf die Straße trat, war sie schon außer Sichtweite.

„Ist vielleicht auch besser so“, murmelte er und steckte die Brieftasche ein, damit Scott sie ihr später zurückgab.

2. KAPITEL

„Ich nehme jetzt die letzte Krabbensuppe, Tommi. Und dann brauche ich noch ein Ragout.“

Auf dem Weg zum Herd heftete die quirlige Shelby Hahn einen weiteren Bon ans Bestellbrett. „Ach ja, und Ernie aus dem Kopiershop will wissen, wann es wieder die rustikale Pilzsuppe gibt.“

Tommi schüttelte kräftig die Pfanne mit den sautierten Jakobsmuscheln. „Sag ihm, nächsten Freitag!“, rief sie Shelby über das Dröhnen der Abzugshaube hinweg zu. „Und vergiss nicht, ihm für die Nachfrage zu danken.“

„Wird gemacht, Tommi“, versprach Shelby und verschwand mit der Krabbensuppe.

Mit der schweren Pfanne in der Hand drehte Tommi sich zu der Arbeitsstation direkt hinter ihr um. Auf einem quadratischen Teller hatte sie bereits ein Bett aus verschiedenen Blattsalaten vorbereitet, über das sie nun die fertigen Muscheln gab. Nachdem sie noch ein paar Spritzer Honig-Chili-Vinaigrette und Parmesan dazugegeben hatte, schob sie das fertige Gericht ans Ende der Station.

In diesem Augenblick kam Alaina Morretti durch die Schwingtür, die die Küche vom Gastraum trennte. „Da fragt ein Mann nach dir“, verkündete sie. „, Und zwar ein verdammt attraktiver.“ Sie legte eine Hand auf ihre ausladende Hüfte, während die andere mit der Silberkette spielte, die ihre Kinder ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatten. „Leider kann ich mir nur über sein Gesicht ein abschließendes Urteil erlauben“, sagte sie bedauernd „Aber was ich unter seinen Armani-Klamotten erahne, scheint mir mindestens genauso aufregend zu sein.“

Nach ihrer Scheidung und einigen frustrierenden Versuchen, einen neuen Partner zu finden, hatte Alaina den Männern abgeschworen. Aber das hinderte sie nicht daran, sie nach wie vor wahrzunehmen.

Unter ihrer Kochmütze zog Tommi fragend die Brauen hoch. „Ist es einer von unseren Kunden?“

„Nein, er kam einfach hereingeschneit und sagte, dass er mit dir reden will.“

Tommi wusch sich an der Spüle die Hände und trat an die kleine Glasscheibe, die in die Schwingtür eingelassen war. An der Weinbar unterhielten sich zwei Geschäftsmänner. Von den sieben Tischen für zwei Personen, die an der Backsteinwand aufgereiht waren, waren fünf besetzt. Ebenso die beiden Vierertische in der Mitte des Raums.

„Er sagte, sein Name sei Max Callahan“, hörte sie Alaina sagen, aber da hatte Tommi ihn schon entdeckt. Er stand an dem kleinen Empfangstresen und telefonierte. Einige der weiblichen Gäste musterten ihn mit unverhohlenem Interesse, doch Max, der ganz auf sein Gespräch konzentriert war, schien es nicht einmal zu bemerken.

Bei seinem Anblick stöhnte Tommi innerlich auf. Nach ihrer peinlichen Begegnung im Hotel hatte sie gehofft, ihn nie wiederzusehen, aber offenbar hatte das Schicksal nicht vor, Milde mit ihr walten zu lassen.

„Hat er dir die Blumen geschickt?“ Alaina, die dicht hinter ihr stand, platzte beinah vor Neugier.

Der riesige Strauß blutroter Rosen war gegen Mittag von einem Boten gebracht worden. Zusammen mit einer Karte von Scott Layman, auf der er sie für sein Fernbleiben um Verzeihung bat. Obwohl er allen Grund hatte, ein schlechtes Gewissen zu haben, fand Tommi seine Reaktion entschieden zu persönlich, zumal er sich am Morgen bereits telefonisch entschuldigt hatte. Daher hatte sie die Karte weggeworfen und die Blumen ans äußerste Ende der Weinbar gestellt.

„Nein“, beantwortete sie Alainas Frage. „Die waren von einem Geschäftspartner, der einen Termin nicht einhalten konnte. Und jetzt sei bitte so nett und führe Mr Callahan in die Küche.“

Tommi hatte keine Ahnung, was Max hier wollte. Sie wusste nur, dass sie ihm nicht vor den Augen der Gäste entgegentreten konnte.

Nachdem Max das Gespräch mit seiner Sekretärin beendet hatte, befestigte er das Handy wieder an seinem Gürtelclip. Da es draußen regnete und er leider bloß einen Block entfernt einen Parkplatz gefunden hatte, war sein Mantel völlig durchnässt, aber er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn auszuziehen. Er würde sich ohnehin nicht lange aufhalten, sondern rasch erledigen, was eigentlich Scotts Aufgabe gewesen wäre.

Sein Partner war nämlich ohne Vorankündigung zwei Tage früher als geplant nach Singapur geflogen, was nur eines der vielen Ärgernisse war, mit denen Max sich zurzeit herumschlagen musste. Er wusste, dass Scott manchmal sehr unzuverlässig sein konnte, aber in letzter Zeit schien er völlig neben sich zu stehen. Anscheinend hatte diese Tommi Fairchild ihm dermaßen den Kopf verdreht, dass er jetzt nur noch seinen unbegreiflichen Impulsen folgte.

„Mr Callahan?“

Beim Klang seines Namens drehte Max sich zu der molligen Kellnerin um, die wie ihre jüngere Kollegin eine langärmelige schwarze Bluse, eine schwarze Hose und eine leuchtend rote Servierschürze trug. Er mochte den Look, der trendy und gleichzeitig professionell wirkte. Offenbar hatte ihre Chefin ein gutes Stilempfinden.

„Tommi erwartet Sie hinten. Wenn Sie mir bitte folgen würden.“

Als die Kellnerin ihn an den einladend gedeckten Tischen vorbeiführte, stiegen Max köstliche Aromen in die Nase, die ihn daran erinnerten, dass er noch nicht zu Mittag gegessen hatte. Sie hielt ihm die Schwingtür auf, und er betrat die kleine, aber sehr effizient eingerichtete Küche, in der fast alles aus Edelstahl bestand.

Was Max jedoch am meisten ins Auge stach, war das Unbehagen in Tommi Fairchilds Gesicht.

„Hi“, begrüßte sie ihn mit einem halbherzigen Lächeln. „Was führt Sie hierher?“

„Hat Scott Sie nicht angerufen?“

„Doch, heute Morgen“, bestätigte sie, schien aber nicht zu verstehen, was das mit seinem Auftauchen hier zu tun haben sollte. „Er hat sich entschuldigt, weil er gestern nicht kommen konnte.“

„Und weiter hat er nichts gesagt?“

Es war eher eine verärgerte Feststellung als eine Frage. Als Max gestern Abend klar geworden war, dass er die Brieftasche selbst würde abliefern müssen, hatte er Scott angerufen und ihn gebeten, Tommi sein Kommen am nächsten Tag anzukündigen. Aber das hatte sein Partner – wie so vieles andere – offenbar versäumt.

„Sie haben das hier übersehen, als Ihnen gestern Ihre Tasche heruntergefallen ist.“ Er zog die pinkfarbene Brieftasche aus der Jacke und reichte sie Tommi.

„Ach, du liebe Güte!“, rief sie erschrocken aus. „Und ich habe noch nicht mal gemerkt, dass sie überhaupt weg war.“ Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie ihre eigene Schusseligkeit nicht fassen. „Danke, dass Sie sie mir zurückgebracht haben. Das ist wirklich wahnsinnig nett von Ihnen.“

Als Alaina schwungvoll durch die Schwingtür kam und auf ein Tablett voller Baguettes zusteuerte, öffnete Tommi eine Tür am anderen Ende der Küche, die auf einen schmalen Flur hinausging.

„Und danken Sie bitte auch Ihrem Partner für die Blumen“, bat sie Max, während sie ihn mit einer Handbewegung aufforderte, ihr zu folgen. „Es war sehr aufmerksam von ihm, sie zu schicken, aber er hätte das nicht tun müssen. Schließlich war das gestrige Missverständnis auch mein Fehler.“

Sie führte ihn in ein winziges Büro voller Regale, die von Kochbüchern und Fachmagazinen förmlich überquollen. Die einzige freie Wand wurde von einem roten, penibel aufgeräumten Metallschreibtisch eingenommen, der links und rechts von zwei schwarzen Aktenschränken flankiert war. Auf dem einen stand eine große Sporttasche, auf dem anderen drängten sich diverse Siegespokale von kulinarischen Wettbewerben, die dort eher abgestellt als stolz präsentiert wirkten.

Autor

Christine Flynn

Der preisgekrönten Autorin Christine Flynn erzählte einst ein Professor für kreatives Schreiben, dass sie sich viel Kummer ersparen könnte, wenn sie ihre Liebe zu Büchern darauf beschränken würde sie zu lesen, anstatt den Versuch zu unternehmen welche zu schreiben. Sie nahm sich seine Worte sehr zu Herzen und verließ seine...

Mehr erfahren

Entdecken Sie weitere Bände der Serie

Traumfrau Gesucht!