Immer bin ich für Dich da

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Am Tod ihres kleinen Sohnes ist ihre Ehe mit Jake zerbrochen. Doch als vor Megans Tür ein Baby ausgesetzt wird, ist Jake sofort zur Stelle. Er kümmert sich rührend um den Kleinen, ist immer für Megan da und nimmt sie zärtlich in den Arm, wenn die Erinnerungen zu stark werden…
  • Erscheinungstag 11.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753542
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Megan Cahill wurde durch ein schrilles Klingeln aus ihrem tiefen, traumlosen Schlaf gerissen. Widerwillig rekelte sie sich und wollte den Alarm ihres Weckers abstellen. Als sie jedoch mit der Hand gegen das Rückenpolster ihrer Couch stieß, seufzte sie und setzte sich langsam auf.

Trotz ihrer Schlaftrunkenheit hatte sie bemerkt, dass das Klingeln von allein aufgehört hatte. Während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, rieb sie sich benommen die Augen und schaute sich dann in dem spärlich eingerichteten Wohnzimmer des Hauses um, das sie erst kürzlich von ihrer alten Freundin Emma Dalton Griffin gekauft hatte.

Der Fernseher lief. Auf dem Bildschirm sah man zwei Moderatoren einer Morgensendung, die nach Megans Geschmack zu dieser frühen Stunde bei Weitem zu gut gelaunt waren. Ich muss den Fernseher in der Nacht angelassen haben und davor eingeschlafen sein, dachte sie, als sie an ihrem zerknitterten weißen T-Shirt und den dunkelblauen Shorts hinunterschaute. So, wie sie es viele Nächte getan hatte, seit sie vor zwei Jahren nach Texas zurückgekehrt war.

Das schrille Klingeln zerriss erneut die morgendliche Stille und vertrieb auch den Rest von Megans Schläfrigkeit. Irgendjemand klingelte ungeduldig an ihrer Haustür. Aber warum? Was konnte man so früh am Morgen von ihr wollen?

Sie konnte sich nicht daran erinnern, irgendwelche Pläne für diesen Tag gemacht zu haben. Wahrscheinlich brauchte irgendjemand ihre Hilfe. Vielleicht war es das ältere Ehepaar, das ihr gegenüber wohnte.

Es klingelte ein drittes Mal, gefolgt von lautem Klopfen.

„Einen Moment“, rief Megan und schluckte den aufkommenden Ärger über die unerwartete Störung in ihrem sonst so ruhigen Leben hinunter.

Seit ihrer Rückkehr in die Kleinstadt Serenity hatte sie stets darauf geachtet, dass sie keinem Menschen zu Dank verpflichtet war und dass sie niemandem Dank schuldete. Es war ein einsames Leben, das sie führte, aber auf lange Sicht weniger schmerzhaft. Niemand konnte einem Illusionen rauben, wenn man keine mehr hatte.

Doch jetzt schien jemand ihre Hilfe zu benötigen, und sie hatte ihre Gefühle noch nicht so weit abgeschottet, dass sie einen Menschen in Not einfach abweisen würde.

Sie fuhr sich mit den Händen durch die kinnlangen dunklen Locken, die sie nie bändigen konnte, und lief mit nackten Füßen über den kalten Holzboden zur Tür hinüber. Als sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte, hörte sie, wie sich jemand eilig von der Veranda entfernte.

Plötzlich wurde ihr klar, dass sich vielleicht einige Teenager einen Scherz mit ihr erlaubten. Die Sommerferien hatten vor einer Woche begonnen, und einige Lehrer der Serenity Highschool waren bereits Opfer von übermütigen Schülern geworden.

Ärgerlich riss Megan die Tür auf und trat hinaus. In aller Frühe von einem Hilfe suchenden Menschen geweckt zu werden war eine Sache. Von ausgelassenen Teenagern durch einen Streich geweckt zu werden, das war dagegen eine völlig andere Angelegenheit.

Die Sonne war noch nicht am Horizont aufgegangen, als Megan hinaus auf die Veranda trat. Da sie niemanden entdecken konnte, lief sie rasch die Treppe hinunter, um noch einen Blick auf den oder die Störenfriede zu erhaschen. Da sie als Erstes über den Rasen schaute, bemerkte sie den Kinderwagen nicht sofort, der direkt neben der Verandatreppe abgestellt worden war. Erst als das herzzerreißende Schreien eines Säuglings in der morgendlichen Stille ertönte, wurde sie auf den Wagen aufmerksam.

Megan schaute in den Wagen und sah ein winziges Baby, das verzweifelt mit den Fäustchen hin- und herfuchtelte. Ihr Herz machte einen Satz, und ihr Atem stockte.

„Oh, nein! Nein!“, flüsterte sie, während sie sich erneut im Vorgarten umsah, um vielleicht doch noch irgendwo die Person zu entdecken, die das Baby hier an der Treppe abgestellt hatte.

„Kommen Sie zurück!“, rief sie laut. „Bitte, kommen Sie zurück.“

Megan gab sich keine Mühe, die Verzweiflung in ihrer Stimme zu unterdrücken. Panik stieg in ihr auf. Irgendeine verantwortungslose Person hatte ein Baby vor ihrem Haus abgestellt. Jemand, dem offensichtlich nicht bewusst war, was er tat. Sie war der letzte Mensch auf Erden, dem man die Fürsorge für ein Kind anvertrauen sollte!

Doch so laut sie auch rief, das Zwitschern der Vögel und das Schreien des Babys waren die einzige Antwort, die sie erhielt. Dabei konnte die Person, die das Baby hier ausgesetzt hatte, noch nicht weit gekommen sein. Andererseits konnte sie den Säugling nicht allein lassen, während sie nach ihr suchte.

Sie atmete tief durch und beugte sich dann entschlossen über den Kinderwagen. „Nicht weinen, Kleines“, murmelte sie sanft. Die Worte waren ihr so vertraut, dass sie ihr ganz natürlich über die Lippen zu kommen schienen. Wie oft hatte sie diese Worte früher benutzt. „Nicht weinen.“

Megan beugte sich vor, schob die Hände unter das Köpfchen und den Rücken des Säuglings und hob ihn vorsichtig aus dem Wagen heraus. Als sie ihn an sich schmiegte, verstummten langsam die Schreie des Säuglings. Sie fühlte einen schmerzhaften Stich in ihrer Herzgegend, als das Baby den Kopf an ihre Brust legte.

„Lieber kleiner Will, süßer kleiner Will, Mom ist hier. Mom ist ja hier“, flüsterte Megan, obwohl sie wusste, dass das Baby, das sie in ihren Armen hielt, nicht ihr Sohn war. Es war nicht ihr geliebter Will, und er würde es auch nie sein.

Trotzdem drückte sie das Kind noch ein wenig fester an sich und hauchte kleine Küsse auf die zarte Haut seiner Wange. Das Gefühl, einen Säugling im Arm zu halten, war ihr so vertraut, dass sie nicht anders konnte, als einen Moment lang einen Schritt zurück in die Vergangenheit zu machen.

In eine Zeit, als sie noch in sich ruhte und stark gewesen war.

In eine Zeit, als sie nur eines hatte sein wollen: Mutter und Ehefrau.

Ein Geräusch in den Büschen am anderen Ende der Veranda holte sie wieder in die Gegenwart zurück. Sie hörte, wie jemand über den Rasen seitlich neben dem Haus rannte und dann auf die Straße lief. Sie drückte das Baby fest an sich und eilte zur Seite des Hauses hinüber.

„Bleiben Sie hier!“, schrie sie. „Bitte … gehen Sie nicht.“

Doch sie war nicht schnell genug. Sie konnte nur noch sehen, wie eine hoch gewachsene schlanke Gestalt den Gehweg hinunter in eine Seitenstraße verschwand. Instinktiv wusste sie, dass es eine Frau gewesen war – eine junge Frau, die sich – aus welchen Gründen auch immer – entschlossen hatte, ihr Baby zurückzulassen.

Megan wusste, dass sie mit dem Baby im Arm keine Chance hatte, die Frau einzuholen, und schüttelte resigniert den Kopf. Langsam ging sie den Weg zur Veranda zurück, der von pinkfarbenen und weißen Blumen gesäumt war.

Es musste einen Grund geben, warum diese junge Frau, die soeben davongelaufen war, ihr Kind ausgerechnet in der Bay Leaf Lane bei ihr gelassen hatte. Aber sosehr sie sich auch den Kopf darüber zerbrach, es ergab einfach keinen Sinn.

Obwohl sie noch nicht mal Zeit gehabt hatte, sich das Baby genauer anzusehen, wusste sie, dass es höchstens zwei Monate alt sein konnte. Megan kannte niemanden, der vor Kurzem ein Kind zur Welt gebracht hatte. Wer also außerhalb der kleinen Gruppe von Freunden – von Bekannten – um genauer zu sein, würde so verzweifelt sein, einen Säugling ausgerechnet bei ihr zu lassen.

Und was sollte sie jetzt tun?

Sie ging wieder zu dem Kinderwagen zurück und zog ihn mit einer Hand die Verandatreppe hinauf. Die Sonne war inzwischen aufgegangen, und sie bemerkte jetzt, dass die Frau auch eine Windeltasche aus Jeansstoff hinterlassen hatte. Sie hing am Griff des Kinderwagens, und an einem der Henkel der Tasche war ein zusammengefaltetes Blatt Papier mit einer Sicherheitsnadel befestigt, auf dem ihr Name stand.

Sie nahm das Blatt Papier mit einer Hand ab und faltete es auf.

„Mrs. Cahill. Bitte, sorgen Sie für mein Baby. Der Junge ist erst zwei Monate alt. Sein Name ist Matthew“, las sie murmelnd.

Mit einem Stirnrunzeln faltete Megan das Papier wieder zusammen und steckte es in die Seitentaschen ihrer Shorts. Das Baby immer noch auf dem Arm, schob sie den Kinderwagen samt Windeltasche ins Haus.

Im Wohnzimmer ließ sie den Wagen neben der Couch stehen, ging zum Fernseher hinüber und stellte ihn aus. Dann öffnete sie die Rollläden der Wohnzimmerfenster, um die Sonne hereinzulassen, und setzte sich schließlich mit dem Baby auf die Couch.

„Also gut, jetzt schaue ich mir dich mal genauer an.“

Megan legte den Säugling in ihren Schoß und betrachtete ihn ausgiebig. Er hatte daunenweiches blondes Haar, rosige Porzellanhaut und himmelblaue Augen. Mit anderen Worten: Matthew war ein Bilderbuchbaby.

Will war ebenfalls ein schönes Baby gewesen, aber er hatte dunkle Locken und die braunen Augen seines Vaters gehabt. Außerdem war er etwas kompakter als Matthew gewesen. Das hatte es noch unbegreiflicher gemacht, dass er nicht stark genug gewesen war, gegen die Krankheit anzukämpfen, die ihm schließlich das Leben gekostet hatte.

Dabei wäre er wahrscheinlich dazu in der Lage gewesen wäre, wenn sie die Krankheit früher erkannt hätte!

Megan schob diesen schmerzvollen Gedanken rasch beiseite und konzentrierte sich auf die Dinge, die jetzt erledigt werden mussten. Es würde weder ihr noch dem kleinen Matthew helfen, wenn sie erneut die schmerzlichen Wunden der Vergangenheit aufriss.

Sie betrachtete das Baby, das auf ihrem Schoß lag, und bemerkte, dass der Kleine lebhaft und gesund zu sein schien. Er kickte mit den Beinchen, fuchtelte mit den Ärmchen in der Luft herum und stieß dabei kleine gurgelnde Laute aus. Er sah nicht nur sauber aus, er duftete auch so. Und obwohl sein blauer Strampelanzug offensichtlich nicht neu war, schien er doch frisch gewaschen zu sein.

Wenn Megan sich nicht sehr irrte, war für den kleinen Matthew bisher gut gesorgt worden. Trotzdem hatte ihn jemand wie unerwünschtes Gepäck einfach an ihrer Tür abgeladen.

Nun, das stimmt nicht ganz, gab Megan zu, die versuchen wollte, fair zu bleiben. Die junge Frau, die soeben fortgelaufen war, hatte ihn erst zurückgelassen, als sie mit Sicherheit wusste, dass sich auch jemand um den Kleinen kümmerte. Und außerdem hatte sie ihm eine Windeltasche mitgegeben, in der sich bestimmt alles Notwendige für den ersten Tag finden würde.

Megan öffnete die Tasche und war nicht erstaunt, als sie darin mindestens zehn Windeln, Öltücher, Babynahrung sowie zwei Flaschen mit Saugern fand. Außerdem noch Kleidung zum Wechseln und zwei Schnuller.

Allerdings fand sie weder in der Tasche noch im Kinderwagen, der zwar gebraucht, aber von guter Qualität war, einen Hinweis auf die Identität der Mutter.

„Deine Mutter scheint dich also zu lieben, mein Kleiner“, erklärte Megan und reichte dem Säugling ihren Zeigefinger. „Trotzdem hat sie dich zu mir gebracht. Hast du eine Idee, warum?“

Als Antwort begann Matthew heftig mit den Beinchen zu kicken und verzog sein Gesicht, als ob er zu weinen beginnen wollte.

„Okay, okay, wir werden später über deine Mom reden“, murmelte sie und legte das Baby neben sich auf die Couch. „Jetzt werden wir uns erst mal um deine Windel kümmern und dir ein Fläschchen machen. Na? Hört sich das nicht gut an?“

Megan wechselte Matthew rasch die Windel, holte die Babynahrung und ein Fläschchen aus der Tasche und ging mit Matthew auf dem Arm in die Küche hinüber.

Es war lange her, seit sie das letzte Mal einhändig eine Babyflasche zubereitet hatte, aber offensichtlich vergaß man nie, was man mal gelernt hatte. Schließlich saßen beide wieder auf der Couch, und Matthew trank mit gierigen Schlucken seine Milch.

Während sie ihn betrachtete, erinnerte sich Megan an die unzähligen Male, an denen sie Will die Flasche gegeben hatte. In Matthews Alter hatte sie ihn allerdings gestillt, und noch heute konnte sie seinen kleinen Mund spüren, der mit erstaunlicher Kraft gesaugt hatte. Er hatte nie genug bekommen können.

Megan musste mehrere Male tief durchatmen, um die Erinnerungen zu verdrängen, die auch heute noch zutiefst schmerzhaft waren. Um sich abzulenken, holte sie das zusammengefaltete Blatt Papier aus der Tasche ihrer Shorts.

Bitte, sorgen Sie für mein Baby …

Sie konnte sich nicht vorstellen, was sie lieber täte, als für Matthew zu sorgen. Während sie ihn in seinen Armen hielt, seinen Duft einsog und seinen Atem hörte, war ihr fast so, als würde man ihr eine zweite Chance bieten, als hätte man ihr ihren Sohn zurückgegeben.

Doch Matthew war nicht ihr Kind, und Megan wusste, dass sie sich das keinen Moment länger vormachen durfte.

Man hatte den Säugling nur vorübergehend in ihre Obhut gegeben. Er hatte eine Mutter. Eine Mutter, die früher oder später bestimmt zu ihm zurückkehren würde.

Und Matthews Mutter schien bisher gut für ihn gesorgt zu haben. Bestimmt hatte sie ihn nicht gedankenlos vor ihrer Tür ausgesetzt. Die junge Frau hatte sicherlich Gründe, warum sie so weit gegangen war, ihr Baby einer anderen Frau anzuvertrauen. Wenn auch nur vorübergehend, dessen war Megan sich ganz sicher, und deswegen wäre es ein Fehler, sich zu sehr an den Jungen zu gewöhnen. Sie hatte bereits ein Kind verloren. Sie war nicht bereit, noch ein zweites Mal den Verlust eines weiteren zu erleiden.

Erneut überlegte sie, wer wohl Megans Mutter sein könnte. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte. Ebenso wenig wusste sie, warum diese Frau ihr Kind ausgerechnet zu ihr gebracht hatte. Bestimmt kannte Matthews Mutter noch andere Frauen in Serenity. Frauen, die als Pflegemutter geeigneter gewesen wären als sie.

Nachdem Matthew die Flasche ausgetrunken hatte, legte sie ihn an ihre Schulter und klopfte sanft auf seinen Rücken. Sie wurde mit einem herzhaften Bäuerchen belohnt, das ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte. Dann schmiegte sich der Säugling mit einem zufriedenen Lächeln an sie.

„Was bist du für ein kleiner Schatz“, murmelte sie und küsste leicht seine daunenweichen Haare. „Was für ein kleiner, kleiner Schatz …“

Während sie ihm über den Rücken strich, steckte Matthew ein Fäustchen in seinen Mund und schloss die Augen.

„Du willst also schlafen?“, fragte sie. „Und ich dachte, du könntest mir einen guten Vorschlag machen, was ich als Nächstes tun soll. Glaubst du, ich soll hier warten, für den Fall, dass deine Mutter es sich überlegt und zurückkommt? Oder soll ich dich sofort zur Polizei bringen?“ Megan runzelte die Stirn. „Ich bin versucht, hier zu warten, mein Kleiner. Wie wäre es, wenn wir es uns noch ein oder zwei Stunden hier bei mir gemütlich machen? Danach werden wir zur Polizei gehen. Abgemacht?“

Matthew regelmäßiger Atem war die einzige Antwort.

„Also gut, so werden wir es machen“, beschloss sie, stand auf und ging dann zur Treppe hinüber, die in den ersten Stock führte.

Die Polizeistation von Serenity war der letzte Ort auf Erden, wohin Megan gehen wollte. Doch leider würde ihr in der Situation, in der sie sich jetzt befand, keine andere Wahl bleiben. Dort würde sie nämlich den einzigen Menschen in Serenity finden, der in der Lage war, Matthews Mutter ausfindig zu machen.

Unglücklicherweise war der Polizeichef von Serenity, Jake Cahill, auch gleichzeitig ihr Exmann.

Megan hatte Jake gemieden, seit er vor einem Jahr nach Serenity zurückgekehrt war. Er hatte eine erfolgreiche Karriere als FBI-Agent aufgegeben, um einen Job anzunehmen, der ihn unmöglich befriedigen konnte. Seine Rückkehr sollte vermutlich eine Geste der Versöhnung gewesen sein, aber diese Geste hatte ihr nicht gereicht. Außerdem war sie viel zu spät gekommen. Und das hatte sie ihm auch beim ersten und einzigen Besuch in ihrem Haus vor einem Jahr gesagt.

Jake hatte sie verlassen, als sie ihn am meisten gebraucht hätte, genau wie ihre Eltern es getan hatten, als sie noch ein Kind gewesen war. Für sie hatte ein militärischer Einsatz in Afrika Vorrang vor ihrem Familienleben gehabt. Sie hatten diesen Einsatz nicht überlebt, und Megan war als Waise zurückgeblieben. Auch Jake hatte seinen Beruf vor die Bedürfnisse seiner Familie gestellt. Die Ergreifung eines Mörders war ihm wichtiger gewesen, als ihr mit dem kranken Kind beizustehen.

Megan wusste, dass sie im Leben ihrer Eltern nie einen wichtigen Platz eingenommen hatte. Zu spät war ihr klar geworden, dass Will und sie in Jakes Leben ebenfalls keine große Rolle spielten. Selbst nachdem das Schicksal auf grausamste Weise zuschlug und ihnen ihren Sohn nahm, hatte Jake immer seinen Beruf vorgezogen und sich schließlich so weit von ihr entfernt, dass ihr nichts anderes übrig geblieben war, als ihn zu verlassen.

Sie hatte ihn geliebt, ihn von ganzem Herzen geliebt, und sie hatte ihm vertraut. Aber das Vertrauen war weg, und sie würde dafür sorgen, dass sie sich nicht wieder in ihn verliebte, wie einsam und traurig ihr Leben auch ohne ihn war. Und da Megan wusste, dass ein Teil von ihr immer noch an ihm hing, vermied sie jeden Kontakt zu ihm.

Der Polizeichef Jake Cahill hatte jedoch nichts mit dem Privatmann zu tun. Sie wusste, dass er als Polizist absolut zuverlässig und kompetent war. Wenn überhaupt jemand Matthews Mutter finden konnte, dann er.

Als Megan den ersten Stock erreicht hatte, schaute sie auf die verschlossene Tür jenes Zimmers, das sie bewusst ignoriert hatte, seit sie das teilweise möblierte Haus von ihrer Freundin übernommen hatte.

Als Emma und ihr Mann, Sam Griffin, ein Colonel der Luftwaffe, nach Colorado Springs gezogen waren, hatte Emma ihr einen Teil der Möbel überlassen und sie gebeten, die Einrichtung des Kinderzimmers einer sozialen Einrichtung zu übergeben. Dafür hatte sie bisher jedoch nicht die Kraft gefunden.

Bevor sie nach Serenity gezogen war, hatte sie Wills Kinderzimmereinrichtung einer sozialen Institution geschenkt. Es war allerdings unerträglich gewesen, zuschauen zu müssen, wie das Bett ihres geliebten Sohnes hinausgetragen wurde. Und so fühlte sie sich nicht in der Lage, ein weiteres Kinderzimmer auszuräumen.

Eigentlich hätte sie also ein Kinderbett für Matthew, aber da Megan dieses Zimmer fast nie betreten hatte, würde sie erst sauber machen und das Bett neu beziehen müssen. Eins nach dem anderen, dachte Megan, betrat den Raum und öffnete das Fenster. Zuerst würde sie das Bett frisch beziehen, damit sie den Kleinen hineinlegen könnte, und dann würde sie das Zimmer schnell durchwischen.

Megan lächelte traurig, als sie den schläfrigen Matthew einige Minuten später in das Bettchen legte und ihn zudeckte. Er war ein so niedliches Baby. Aber er war nicht ihr Baby, und er würde es auch nie sein. Rasch blinzelte sie die aufsteigenden Tränen fort und richtete sich entschlossen auf. Jetzt wurde geputzt. Sie wusste, dass sie Matthew in wenigen Stunden den Behörden übergeben müsste, aber irgendwann hätte sie dieses Zimmer ohnehin in Ordnung bringen müssen. Und jetzt schien der ideale Zeitpunkt dafür.

2. KAPITEL

„Ich sagte dir doch, dass ich über dein Angebot nachdenken würde, Bobby. Und genau das habe ich getan. Aber bis jetzt bin ich noch zu keinem Entschluss gekommen“, sagte Jake Cahill mit bestimmter Stimme ins Telefon.

Er lehnte sich in den Schreibtischsessel zurück und stellte einen Fuß auf den Rand des Schreibtischs. Hinter der Glaswand, die sein Büro vom Rest der Polizeistation trennte, schien alles ruhig zu sein. Typisch für eine Kleinstadt an einem Junimorgen.

„Wir brauchen dich in unserem Team zurück, je früher desto besser“, insistierte Bobby Fuentes am anderen Ende der Leitung. „Ich habe im Moment einen Platz für dich, aber ich weiß nicht, wie lange ich den noch freihalten kann.“

„Such dir jemand anders“, erwiderte Jake gelassen.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der er nicht im Traum daran gedacht hätte, so mit Bobby zu sprechen. Der ältere Mann war Leiter des FBI-Büros in Dallas und war mehrere Jahre Jakes Vorgesetzter gewesen. Er war auch ein guter Freund und ein respektierter Mentor gewesen.

Selbst jetzt, ein Jahr nach dem er das FBI verlassen hatte, wusste Jake, dass Bobby nur sein Bestes wollte. Er konnte sich jedoch jetzt keine hastigen Entscheidungen leisten. Es stand für seine Zukunft zu viel auf dem Spiel.

„Das Problem ist, dass ich dich haben will“, fuhr Bobby fort. „Seit du weggegangen bist, hat sich die Zahl unserer Festnahmen deutlich verringert. Und erzähl mit nicht, dass es die Erfüllung deiner Träume ist, in einer Kleinstadt in Texas Polizeichef zu spielen. Du verschwendest dort nur deine Begabung.“

„Ich spiele nicht den Polizeichef, ich bin es“, erwiderte Jack scharf, dem der Spott in der Stimme seines alten Freundes nicht entgangen war.

Es hatte einen Grund gegeben, warum er das FBI verlassen hatte und nach Serenity zurückgekehrt war. Er hatte verzweifelt versucht, die Liebe und das Vertrauen seiner Exfrau Megan zurückzugewinnen, und ihm war nichts Besseres eingefallen, als ihr in ihre gemeinsame Heimatstadt zu folgen. Sein Vater, William Cahill, ein anerkanntes Mitglied der texanischen Politik und Ehrenbürger von Serenity hatte dafür gesorgt, dass er einen Posten bei der hiesigen Polizei bekam. Die Umstände waren günstig gewesen. Der alte Polizeichef hatte kurz vor der Pensionierung gestanden, und als Senator Cahill seinen Sohn für den Posten nominierte, hatten die Stadtväter sofort gewusst, dass ihnen etwas Besseres als Jake Cahill gar nicht widerfahren könnte. Also hatten sie dem Sohn des Senators den Weg geebnet. Und Jake war im vergangenen Jahr sehr stolz darauf gewesen, niemanden enttäuscht zu haben. Im Gegenteil.

„Hey, ich wollte dich nicht beleidigen“, versicherte Bobby ihm rasch.

„Vielleicht ist das für einen Großstadtmenschen wie dich schwierig zu verstehen, aber ich mag Serenity“, versuchte Jake zu erklären. „Ich bin hier aufgewachsen. Hier kann man wirklich gut leben, und es ist der ideale Ort, um eine Familie zu gründen.“

„Wo du schon darauf zu sprechen kommst. Redet Megan eigentlich wieder mit dir? Schließlich sind jetzt zwei Jahre vergangen, seit sie dich verlassen hat. Vielleicht wird es an der Zeit, dass du der Wahrheit ins Auge siehst, alter Freund. Du kannst nicht den Rest deines Lebens auf sie warten. Manche Ehen überleben den Verlust, den du mit Megan erlitten hast. Deine nicht. Es wäre das Beste, wenn du alles hinter dir ließest und mit deinem Leben fortfahren würdest.“

Jake stellte seinen Fuß wieder auf den Boden, straffte sich und fuhr sich mit der Hand durch das dichte dunkle Haar. Bobbys Worte kamen der Wahrheit schmerzhaft nahe. Eine Wahrheit, die er sich jedoch nicht eingestehen wollte.

Jake hatte über die Jahre hinweg einige Fehler gemacht, aber die Fehler, die er mit Megan gemacht hatte, schienen ihn für den Rest seines Lebens zu verfolgen. Vor drei Jahren hatte er seinem Beruf den Vorrang gegeben und sie mit einem kranken Baby allein gelassen. Als dann Will an einer viel zu spät diagnostizierten Hirnhautentzündung starb, hatte er seinen Job benutzt, um vor seinem Schmerz und seiner Trauer zu flüchten. Und zwar so lange, bis Megan es nicht mehr ertragen konnte und ihn verließ. Auch dann noch hatte er viel zu lange gewartet, bis er ihr nach Serenity gefolgt war, und diese Fehlentscheidung hatte ihrer Beziehung den letzten Stoß versetzt.

Er hatte sich damals eingeredet, dass sie einfach nur Abstand zu Dallas und zu dem Zuhause brauchte, an dem alles sie an Will erinnerte. Erst als sie die Scheidung eingereicht hatte, war ihm klar geworden, dass sie nicht mehr zu ihm zurückkommen würde.

Dann war er auch noch so dumm gewesen, sich einzureden, dass ihm die Trennung nichts ausmachen würde. Natürlich war er irgendwann wieder zu Sinnen gekommen, aber da hatte Megan bereits ein neues Leben begonnen. Ein Leben, an dem er keinen Anteil mehr hatte.

„Meine Beziehung zu Megan geht dich verflixt noch mal einen Dreck an, Bobby“, warnte er seinen Freund.

„Entschuldige, ich bin vielleicht zu weit gegangen, aber ich wollte dich nur auf etwas aufmerksam machen, was jeder außer dir zu sehen scheint. Du bist mit Wills Tod auf deine Weise umgegangen. Und Megan halt auf ihre.“

„Weil ich ihr keine andere Wahl gelassen habe“, erwiderte Jake. „Ich war nicht bei ihr, als sie mich wirklich gebraucht hat. Als Will krank wurde, habe ich ihr meine Unterstützung verweigert und mich einzig und allein um meinen Beruf gekümmert. Und als Will starb, habe ich meinen Job als Entschuldigung benutzt, so viel wie möglich von Zuhause wegzubleiben.“ Er seufzte. „Ich habe sie enttäuscht, Bobby. Ich war alles, was sie hatte, und ich habe nicht zu ihr gehalten. Ich habe das Beste in meinem Leben verloren – meinen Sohn und meine Frau. Ich weiß, dass ich Will nicht mehr zurückholen kann. Aber noch werde ich Megan nicht aufgeben. Wenn ich allerdings irgendwann an dem Punkt bin, werde ich es dich wissen lassen.“

Ohne eine weitere Bemerkung seines Freundes abzuwarten, legte Jake den Hörer auf und rieb sich die Schläfen, um den pochenden Kopfschmerz zu vertreiben.

Wie so oft dachte er an die vergangenen Monate und versuchte herauszufinden, was er falsch gemacht hatte. Er wollte seine Frau zurückerobern. Aber er musste sich eingestehen, dass er seinem Ziel heute nicht näher war als vor einem Jahr.

Jake wollte Megan auf keinen Fall mit Gewalt dazu zwingen, ihn anzuhören. In letzter Zeit kam ihm jedoch immer öfter der Gedanke, sie zu entführen und zu irgendeinem entlegenen Ort zu bringen, wo sie ihm einfach zuhören musste.

Er hatte versucht, ihre Gefühle zu respektieren. Oh ja, das hatte er tatsächlich getan. Seit Monaten zerbrach er sich so sehr den Kopf darüber, wie er am Besten vorgehen sollte, dass er noch keinen Schritt weitergekommen war. Er hatte sie bisher nur ein einziges Mal aufgesucht, und da hatte sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Jake seufzte, als er an diese unerfreuliche Begegnung dachte, und lehnte sich in den Stuhl zurück.

Er war vor neun Monaten an einem Samstagmorgen zu ihrem Haus gegangen. Sie hatte die Tür geöffnet, ihn begrüßt und gelassen angeschaut. Er wusste noch wie heute, dass sie verwaschene Jeans und ein schlichtes weißes T-Shirt getragen hatte. Sie hatte bezaubernd ausgesehen, aber den anklagenden Ausdruck in ihren großen grauen Augen würde er nie vergessen.

Jake hatte zu Hause immer und immer wieder geprobt, was er ihr sagen wollte, doch in jenem Moment war ihm kein einziger Satz einfallen. Es war lange her, dass er ihr so nah gewesen war – so nah, dass er die Wärme ihres Körpers spürte, so nah, dass er ihren einzigartigen Duft wahrnahm.

Lavendel, dachte er, und seine Haut prickelte vor Erregung.

Autor

Nikki Benjamin
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