Julia Ärzte zum Verlieben Band 109

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

EIN CHIRURG ZUM VERLIEBEN
von BAINE, KARIN

  • Erscheinungstag 09.02.2018
  • Bandnummer 0109
  • ISBN / Artikelnummer 9783733711412
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Karin Baine, Annie O’Neil, Amy Ruttan

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 109

KARIN BAINE

Ein Chirurg zum Verlieben

Frei und ungebunden – so will Dr. Matthew McGrory sein Leben verbringen. Nur dann hat er den Kopf frei für den Beruf! Davon ist er jedenfalls überzeugt – bis er Quinn trifft. Die Mutter eines seiner kleinen Patienten bezaubert Matthew. Und lässt ihn plötzlich darüber nachdenken, ob es wirklich richtig ist, für immer auf die Liebe zu verzichten …

ANNIE O’NEIL

Eine Nacht mit Dr. Tate

Sie ist die anziehendste Frau, die Dr. Aidan Tate je gesehen hat. Für die süße Alexis wirft er all seine Vorsätze über Bord – zumindest für eine romantische Nacht! Mehr kann er ihr nicht geben. In seinem Herzen ist kein Platz für Gefühle; zu oft wurde es verletzt. Doch bald begegnet Aidan der verführerischen Schönheit wieder – und jetzt ist er ihr Chef …

AMY RUTTAN

Küss die Zweifel einfach fort

Esme Petersen wird nicht lange bleiben – Dr. Carson Ralston weiß das aus Erfahrung: Eine Frau aus der Großstadt hält es im beschaulichen Crater Lake in Montana nicht aus. Außerdem ist die Ärztin seine Konkurrentin, die ihm die Patienten stiehlt! Warum also träumt er von Esmes roten Lippen auf seiner Haut? Er weiß doch, dass es mit ihr keine Zukunft geben kann …

PROLOG

Quinn Grady gab sich offiziell den Titel „Schlechteste Mutter der Welt“. Eine knappe Woche, nachdem sie Mutter geworden war, lag ihr Kind schon im Krankenhaus!

Simon war zwar nicht ihr leiblicher Sohn, aber das machte ihre Verantwortung als seine Pflegemutter umso wichtiger. Quinn war selbst von klein auf in der Obhut der Sozialbehörden gewesen, sodass sie alles tun wollte, um Simon ein echtes Zuhause zu bieten. Ein Heim, in dem er unbeschwert und geborgen aufwachsen konnte.

Doch nun saß sie hier, in einem der bunt gestrichenen Flure des Paddington Children’s Hospital, und wartete beklommen darauf, dass ihr jemand sagte, wie es Simon ging.

Bisher hatte sie alle Hürden genommen, sogar die letzte, als Darryl ihr aus heiterem Himmel mit seinem „Ich bin doch noch nicht bereit, Vater zu werden“ einen Knüppel zwischen die Beine warf. Kummer und Enttäuschung drohten sie fast zu zerreißen, weil ihr Partner sie im Stich ließ, obwohl sie sich gemeinsam für ein Pflegekind entschieden hatten. Trotzdem schaffte sie es, sich nur auf Simon zu konzentrieren. Allerdings hatten die schlaflosen Nächte, in denen sie sich vorstellte, was alles passieren konnte, sie nicht auf das vorbereitet, was dann geschah.

Ein Feuer in der Grundschule.

Nach dem tränenreichen Abschied, als Simon in seiner nagelneuen Schuluniform das Haus verließ, hatte sie fast einen Anruf erwartet. Simon wirkte so klein und verloren, dass sie beinahe damit rechnete, in die Schule fahren zu müssen, um ihn an sich zu drücken und zu beruhigen, dass alles gut werden würde.

Aber gegen ein Feuer konnte sie nichts ausrichten. Ihr blieb nur, endlos viele Formulare auszufüllen – und auch das erst, nachdem sie das zuständige Amt informiert hatte. Während sie zusah, wie sich Ärztinnen und Ärzte mit dem Pflegepersonal um die vielen verletzten Schulkinder kümmerten, fühlte sie sich so hilflos wie nie zuvor in ihrem Leben.

Sie wusste, dass Simon schwer verletzt war, hatte ihn aber noch nicht sehen dürfen. War er lebensbedrohlich verletzt? Wenn er nun nicht überlebte? Ihr wurde übel, Panik füllte ihren Magen wie eine harte Faust, als sie sich vorstellte, wie er litt.

Es hatte ein neuer Anfang für sie beide werden sollen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine bessere Zukunft aufzubauen.

„Sind Sie Simons Mutter?“

Eine Gestalt in OP-Kleidung tauchte neben ihr auf. Die sympathische irische Stimme war wie eine wärmende Decke, die sie gerade bitter nötig hatte.

„Nein. Ja.“ Quinn kam ins Schwimmen. Was sollte sie in dieser Situation antworten?

Der große Mann mit den grünen Augen sah sie intensiv an, wartete anscheinend auf eine Erklärung.

„Ich bin seine Pflegemutter.“

Seine Züge wurden weicher, und er hockte sich neben ihren Stuhl. „Ich bin Matthew McGrory, Facharzt für Brandverletzungen. Man hat mich hergerufen, damit ich Simons Zustand einschätze.“

Quinn hielt den Atem an. Hatte er gute oder schlechte Nachrichten? Sie suchte in seinem Gesicht nach Antworten, vergeblich. Ihr fiel nur auf, wie attraktiv der Arzt war.

„Wie geht es ihm?“

„Möchten Sie ihn sehen?“ Dr. McGrory lächelte.

Das ist ein gutes Zeichen, oder?

„Ja, sehr gern.“ Als sie aufstand, zitterten ihre Beine ein wenig. Quinn drückte die Knie durch und versuchte, mit dem schnellen Tempo des Arztes Schritt zu halten.

Vor der Intensivstation blieb er stehen. Nur die schwer verletzten Kinder lagen hinter diesen Türen, und Simon war einer von ihnen. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag wünschte sich Quinn, jemanden zu haben, der dies alles mit ihr gemeinsam durchstand.

„Bevor wir hineingehen, möchte ich Sie darauf vorbereiten, was Sie erwartet. Simon hat schwere Verbrennungen erlitten und Rauch eingeatmet. Es ist kein schöner Anblick, doch wir tun alles, um dauerhafte Schäden so gering wie möglich zu halten. Okay? Sind Sie bereit?“

Sie nickte, täuschte Tapferkeit vor, obwohl sie wahnsinnige Angst hatte. Aber sie war fest entschlossen, Simon jeden Halt zu geben, den er brauchte, um die vor ihm liegende schwierige Zeit zu überstehen. „Er braucht mich“, flüsterte sie, während sie sich wappnete.

Flüchtig war der Wunsch da, sich an den Arm des breitschultrigen Arztes zu klammern, aber bevor sie auf dumme Ideen kommen konnte, hatte er die Tür geöffnet und die Station betreten.

Sie kamen an mehreren Betten vorbei, aber Quinn erkannte keins der Gesichter, da die kleinen Körper von Maschinen, Leitungen und Schläuchen fast verdeckt wurden.

Bis Dr. McGrory sie zum letzten Bett in der Reihe führte.

„Oh, nein!“, stieß sie hervor und schlug die Hand vor den Mund.

Da lag Simon, ein schmaler kleiner Körper, angeschlossen an Geräte, die ihn am Leben erhielten. Schwarze und flammend rote Flecken bedeckten seinen rechten Arm.

Quinn knickten die Knie ein, und die Tränen, die sie verzweifelt zurückgehalten hatte, strömten ihr über die Wangen.

Starke Hände kamen wie aus dem Nichts, hielten sie, bevor sie zu Boden sank. Behutsam führte der Arzt sie zu einem Stuhl.

„Ihn so zu sehen, ist schwer zu ertragen“, sagte er beruhigend. „Aber hier ist er gut aufgehoben. Simon hat tiefe Verbrennungen im Gesicht und an den Armen erlitten. Wir mussten ihn intubieren, um ihn mit Sauerstoff zu versorgen. Sobald die Schwellungen zurückgegangen sind und wir sicher sein können, dass seine Augen nicht geschädigt sind, bringen wir ihn zur weiteren Behandlung auf unsere Brandverletztenstation.“

„Wird er wieder gesund?“

„Die nächsten achtundvierzig Stunden sind entscheidend. Wir müssen die Wunden im OP unter sterilen Bedingungen reinigen, und später wird Simon Hauttransplantationen brauchen. Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass noch ein langer Weg vor ihm liegt, aber deshalb bin ich hier. Als Spezialist für rekonstruktive Chirurgie werde ich mein Bestes geben, die Narben so unauffällig wie möglich zu halten. Der Erfolg stellt sich nicht von heute auf morgen ein, und wir werden viel Geduld brauchen. Aber zusammen schaffen wir das.“

Der Mann, praktisch ein Fremder, griff nach ihrer Hand und drückte sie. Das elektrisierende Prickeln, das ihren Arm hinaufschoss, rüttelte sie aus ihrer Verzweiflung.

Sie war jetzt Mutter, und sie würde das Gleiche tun wie ihre eigene wundervolle Adoptivmutter: Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu erreichen, dass es ihrem Schützling gut ging.

„Ich würde alles für ihn tun. Simon verdient das Beste.“ Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, dass Chirurg Matthew McGrory das Beste war, was ihrem Sohn passieren konnte.

1. KAPITEL

Zwei Monate später

Quinn wünschte sich einen Ratgeber für ängstliche Pflegemütter, der verständlich beschrieb, wie man sich vor einer Operation verhielt. Simon wandte jedes Mal das Gesicht ab, sobald sie das Kinderbuch des Krankenhauses hervorholte.

Seufzend schlug sie es wieder zu. „Wahrscheinlich kennst du es in- und auswendig.“ Obwohl in diesem Buch behutsam und aufmunternd erklärt wurde, wie Operationen abliefen und weshalb sie manchmal sein mussten, so wusste sie genauso gut wie Simon, was sie erwartete: Schmerzen, Tränen und besonders auf ihrer Seite Hilflosigkeit und Schuldgefühle.

Hätte man sie vor die Wahl gestellt, Quinn hätte auf der Stelle mit Simon getauscht. Nichts war schlimmer, als ihm beim Leiden zusehen zu müssen.

„Kann ich dir etwas bringen?“, fragte sie.

Das Kopfkissen raschelte leise, als er den Kopf schüttelte. Quinn musste sich sehr beherrschen, ihn nicht innig zu umarmen, so wie ihre Mutter es immer getan hatte, wenn es ihr nicht gut ging. Aber Simon mochte nicht geknuddelt werden. Er ließ sich auch nicht trösten. Natürlich wäre das Aufgabe seiner leiblichen Mutter gewesen, doch die hatte sich nur für ihren nächsten Schuss interessiert. Simons zu junge, schwer drogenabhängige Eltern vernachlässigten ihr Baby so sehr, dass ihnen die Gerichte das Sorgerecht aberkannten.

Und da Simon und Quinn vor dem Feuer wenig Zeit gehabt hatten, einander richtig kennenzulernen, wusste sie nicht, ob seine Verschlossenheit von dem kürzlich erlittenen Trauma herrührte oder die übliche Reaktion eines Pflegekinds auf seine neueste Bezugsperson war. Wahrscheinlich spürte er ihre Ratlosigkeit und fühlte sich bei ihr nicht sicher. Oder er mag mich einfach nicht. Was auch immer die Kluft zwischen ihnen verursachte, sie musste sie überwinden. Und zwar bald.

Wie gerufen betrat ihr Lieblingschirurg das Zimmer. „Ich bin’s schon wieder. Ihr zwei könnt mich bestimmt nicht mehr sehen“, ertönte seine samtweiche irische Stimme.

Quinn verspürte ein sinnliches Prickeln auf der Haut und wunderte sich über sich selbst. Mit zweiunddreißig sollte sie sich besser im Griff haben und nicht wie ein verknallter Teenager auf den Arzt ihres Pflegesohnes reagieren!

„Hi, Matt!“ Auf einmal saß Simon aufrecht im Bett.

Mit jeder Hauttransplantation schafften sie wieder einen Schritt hin zur Normalität. Gleichzeitig weckte sie schreckliche Erinnerungen, und Simon hatte danach zu Hause nachts fürchterliche Albträume. Er gehörte zu den schwerstbrandverletzten Kindern, weil er in seinem Klassenzimmer eingeschlossen gewesen und von herabstürzenden Trümmern getroffen worden war. Zwar hatte man ihn retten können, aber niemand konnte ihn davor bewahren, den Horror wieder und wieder zu durchleben.

Matt, der darauf bestand, dass sie ihn mit dem Vornamen anredeten, schien der einzige Anker in diesem aufgewühlten Meer von Ängsten, Schmerzen und Erinnerungen zu sein. Der einzige Mensch, dem Simon glaubte, wenn er sagte, dass alles gut werden würde. Vielleicht, weil der Chirurg mehr Selbstvertrauen in sich und seine Fähigkeiten hatte als Quinn, die sich bei jedem Verbandswechsel wie eine Versagerin fühlte.

Simons Gesicht war immer noch voller Narben, obwohl Matt eine – nach seinen Worten – revolutionäre Therapie eingesetzt hatte. Und der Arm sah aus wie ein Flickenteppich zusammengenähter Hautlappen. Obwohl Quinn für den Brand in der Schule nichts konnte, machte sie sich tagtäglich Vorwürfe. Vor allem, weil von der zaghaften Annäherung, die vor dem Feuer zwischen ihr und Simon entstanden war, anscheinend nichts mehr übrig war. Dafür hatte er eine innige Beziehung zu dem attraktiven Chirurgen aufgebaut.

Matt trat gegenüber von Quinn ans Bett. „Hier habe ich etwas Neues für dich, Simon. Einen Trick, Münzen verschwinden zu lassen!“, verkündete er wie ein Zauberer auf der Bühne und pflückte ein Zehn-Cent-Stück aus der Luft.

„Cool!“

Das war es wirklich. Magie hatte mit dem wirklichen Leben, mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades nichts zu tun. Matts Zauberkunststücke kurz vor der Operation halfen dem kleinen Jungen, der Realität für eine Weile zu entfliehen. Für Quinn hingegen blieb die Rolle der Mutter, die ihn ermahnte, nicht an den heilenden Wunden zu kratzen, oder ihn mit Creme einrieb, wenn er einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte.

Es war frustrierend zu beobachten, wie er bei dem Arzt auflebte, während sie vergeblich versucht hatte, Simon ein paar Worte zu entlocken.

„Du musst die Münze hier in das Fach legen.“ Matt gab sie Simon und zog aus der Plastikschachtel eine Schiene, in deren Mitte eine runde Aussparung zu sehen war.

Hochkonzentriert tat der Junge, was ihm sein Zaubermeister sagte. Quinn vergaß ihre Eifersucht, als sie sich darüber freute, dass die anstehende OP für den Moment keine Rolle spielte. Schließlich wünschte sie sich mehr als alles andere für Simon, dass er wissbegierig und begeistert wie jeder Fünfjährige die Welt entdeckte.

„Okay, die schieben wir jetzt in die Schachtel …“ Matt ließ seinen Worten Taten folgen. „Und nun das Wichtigste: Wir brauchen einen guten Zauberspruch.“

„Stinkehosen.“ Simon grinste spitzbübisch.

„Ich hatte zwar mehr an etwas wie das klassische Abrakadabra gedacht, aber dies tut’s bestimmt auch.“ Lächelnd sah Matt zu Quinn auf.

In diesem flüchtigen Moment vergaß sie, dass er der Arzt und sie die Mutter seines Patienten war, und reagierte wie alle Frauen, wenn ein gut aussehender Mann sie anlächelte.

Das sinnliche Kribbeln wurde noch stärker, als er ihr in die Augen blickte. Ihr Herz schlug schneller. Seit Darryl sie verlassen hatte, verschwendete sie an das andere Geschlecht keinen Gedanken mehr. Jedenfalls nicht im Sinne von: Du bist heiß, ich will dich, sondern eher von: Du bist ein Mann, ich kann dir nicht trauen!

Quinn war nicht bereit, ihre Zeit, geschweige denn ihr Herz jemandem zu schenken, der dieses Präsent nicht zu schätzen wusste. Sie brauchte all ihre Energie für Simon. Sie wollte ein liebevolles Verhältnis zu ihm aufbauen, um ihm die Geborgenheit zu geben, die seine leiblichen Eltern ihm verwehrt hatten. Für romantische Träume war da kein Platz.

Vielleicht sollte sie ihre Reaktion nicht überbewerten. Konnte es nicht sein, dass ihr einfach nur der Kontakt zu Erwachsenen fehlte? Seit sie ihre Stelle als Lehrerin gekündigt hatte und zu Hause Nachhilfe gab, um für Simon da zu sein, ergaben sich kaum Gelegenheiten.

Da waren die Eltern, die ihre Kinder zum Unterricht brachten, Mrs. Johns, eine ältere Nachbarin, und das medizinische Personal im Paddington’s. Männer waren selten darunter – und noch seltener atemberaubend gut aussehende Männer wie Matthew McGrory.

Wie ein geheimnisvoller Hexenmeister bewegte er die Hand über dem schmalen schwarzen Kästchen. „Stinkehosen!“, sagte er mit getragener Stimme, und sein kleiner Assistent tat es ihm nach.

Der magische Chirurg sah Quinn an und runzelte die Stirn. Was auf sie fast den gleichen Effekt hatte wie sein charmantes Lächeln.

„Es wirkt nur, wenn wir das Zauberwort zusammen aussprechen“, tadelte er. „Versuchen wir es noch einmal.“

Sie verdrehte die Augen, tat jedoch wie geheißen.

„Stinkehosen!“, riefen sie im Chor, und im selben Moment zog Matt die Lade aus der Schachtel.

Das Münzfach war leer.

„Wow! Wie hast du das gemacht?“ Ehrfürchtig inspizierte Simon das Kästchen.

„Magie.“ Matt zwinkerte Quinn verstohlen zu.

Ihre Herzfrequenz erhöhte sich schlagartig. Hatte der Mann nichts zu tun? Hände und Arme schrubben oder sich sonst wie auf den Eingriff vorbereiten?

„Ich wünschte, meine Narben könnten einfach so verschwinden“, sagte Simon niedergeschlagen.

„Daran arbeite ich noch, Kleiner. Deshalb sind all die vielen Operationen notwendig. Wahrscheinlich muss ich meinen Zauberstab noch ein paar Mal schwingen, aber ich tue mein Bestes, um sie verschwinden zu lassen.“

Quinn verschränkte die Arme vor der Brust, um nicht mit ihrem Unmut herauszuplatzen. Der Mann meinte es sicher gut, doch er sollte dem Kind keine falschen Hoffnungen machen. Simons Körper war von schweren Brandwunden gezeichnet, seine Haut würde nie wieder glatt und makellos sein. Das schaffte auch kein erfahrener, superselbstbewusster Chirurg! Und wer würde die Scherben aufsammeln, wenn er seine Versprechen nicht hielt? Sie. Wieder einmal.

„Das hast du letztes Mal auch gesagt.“ Simon schien genauso skeptisch zu sein.

„Was habe ich noch gesagt? Dass es Zeit braucht, viel Zeit. Gut Ding will Weile haben, ja?“

Ein Mantra, das er seit dem ersten Tag wiederholte. Anscheinend hatte er keine Erfahrung damit, dass die Geduld eines Fünfjährigen schnell erschöpft war. Anders als Quinn, die einen Crash-Kurs darin genossen hatte, mit Wutanfällen und Tränen im Überfluss, während sie darauf wartete, dass alles besser wurde. Ihre Geduld geriet allmählich auch an Grenzen.

„Ja“, antwortete Simon wenig überzeugt.

„Weißt du was, wenn du aus dem OP kommst und wieder richtig wach bist, komme ich her und zeige dir ein paar Zaubertricks, die du ganz leicht nachmachen kannst. Abgemacht?“

Der Arzt streckte die Hand aus, um sein Versprechen zu besiegeln.

Was denkt er sich? Was ist, wenn er Simon doch enttäuschen muss? In seinem kurzen Leben war der Junge schon zu oft im Stich gelassen worden. Zuerst von seinen leiblichen Eltern, denen die Drogen wichtiger waren als er. Dann von den Pflegeeltern, die das Adoptionsverfahren stoppten, weil es auf einmal doch klappte mit der Schwangerschaft. Und letztendlich auch von ihr, die ihn in die Schule schickte und damit in eine Flammenhölle. Das Gefühl, versagt zu haben, war stark, doch ihr Beschützerinstinkt erwachte mit Macht.

„Das können wir von Ihnen nicht erwarten. Ich bin sicher, Sie müssen sich auch noch um andere Patienten kümmern. Wir haben schon zu viel Ihrer Zeit beansprucht.“

„Überhaupt nicht. Ich bin jederzeit gern bereit, meine Geheimnisse an einen talentierten Nachwuchszauberer weiterzugeben.“ Immer noch hielt er Simon die Hand hin, und diesmal schlug der Junge ein.

„Ich meine ja nur, dass Sie sich auf die Operation konzentrieren sollten, statt uns zu unterhalten.“

Matt zog die Brauen hoch. Ach, verflixt, der Mann schaffte es eben, sie auf die Palme zu bringen! Gut aussehend oder nicht, sie würde es nicht zulassen, dass er Simon enttäuschte.

Aber das vergnügte Funkeln in seinen grünen Augen war erloschen, und Quinn bedauerte, dass sie sich wie eine Zicke aufführte. Der Chirurg war von Anfang an nur nett zu Simon gewesen.

„Das ist kein Problem, ich kann beides“, sagte er mit einem Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte. „Wir sehen uns bald, Kleiner.“ Er zauste Simons Haar und wandte sich zur Tür. „Könnte ich Sie draußen kurz sprechen, Ms. Grady?“

Als er an ihr vorbeiging, nahe genug, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern, war sie sich des großen, starken Männerkörpers deutlich bewusst. Dass sie unwillkürlich erbebte, erklärte sie sich nicht nur mit der sinnlichen Anziehung, sondern vor allem damit, dass sie aufgebracht war.

„Klar“, entgegnete sie, obwohl sie nicht den Eindruck hatte, dass er ihr die Wahl ließ. Es fühlte sich eher so an, als würde sie wegen Fehlverhaltens ins Büro des Rektors zitiert. Ein rattenscharfer Rektor, der sich wohl über sie geärgert hatte.

Was kein Wunder war, schließlich hatte sie ihm gerade kaum verhohlen vorgeworfen, sich unprofessionell zu verhalten.

Quinn versprach Simon, gleich wieder da zu sein, atmete tief durch und folgte Matt in den Flur.

„Mir ist durchaus bewusst, dass Sie eine schwere Zeit durchmachen“, begann er. „Aber ich würde es begrüßen, wenn Sie mein ärztliches Engagement nicht vor Patienten infrage stellten.“

In all den Wochen war er ruhig geblieben und hatte ihre manchmal an Hysterie grenzende Sorge mit bemerkenswerter Geduld ertragen. Jetzt erlebte sie zum ersten Mal, wie er sich wehrte. Die Leidenschaft, die sie dahinter spürte, galt natürlich seinem Beruf. Trotzdem verspürte Quinn ein Kribbeln am ganzen Körper, das ihr den Atem nahm. Unwillkürlich fragte sie sich, wie leidenschaftlich dieser Mann sein konnte, nicht nur als Arzt …

Er räusperte sich und erinnerte sie damit daran, dass sie ihm eine Antwort schuldig war.

Quinn verscheuchte ihre unangebrachten Gedanken. „Ja … also, ich … wäre froh, wenn Sie Simon keine falschen Hoffnungen machen, dass alles wieder normal wird. Wir haben beide oft genug erfahren müssen, wie schnell andere einen im Stich lassen.“

„Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, Patienten zu belügen, Ms. Grady.“

„Nein? Was ist mit dieser Wunderhaut zum Aufsprühen, die die Heilung beschleunigen sollte? Der Brand ist zwei Monate her, und die Verbrennungen sind immer noch deutlich sichtbar. Ich hätte mir denken sollen, dass das Verfahren zu schön ist, um wahr zu sein. Sonst hätten Sie es bei ihm doch nicht nur im Gesicht, sondern auch auf dem Arm angewandt. Ich meine, wenn es so ein tolles Mittel ist, warum nehmen Sie es nicht überall und ersparen ihm damit diese Transplantationen?“

Sie merkte, dass ihre Stimme um ein paar Dezibel zugelegt hatte, konnte jedoch ihre Enttäuschung nicht im Zaum halten. Nicht nur ihre Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt, sondern vor allem Simons!

Quinn hätte es verstanden, wenn er sie entnervt stehen gelassen hätte, aber Matt seufzte nur, bevor er antwortete: „Ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen von Anfang an gesagt habe: Der Heilungsprozess braucht seine Zeit. Vielleicht fällt es Ihnen nicht so deutlich auf, weil Sie Simon jeden Tag sehen, aber die Narben verblassen bereits. Mehr können wir in diesem Stadium nicht erwarten.“

Er holte noch einmal tief Luft. „Wie ich Ihnen erklärt habe, ist das Verfahren in Großbritannien noch neu und deshalb nicht überall zu haben. Verbrennungen dritten Grades wie die an Simons Arm sind damit nicht zu behandeln, sonst hätte ich alles darangesetzt, das Mittel für ihn zu beschaffen. Aber er ist jung, seine Haut heilt schneller als meine oder Ihre. Abgesehen davon bin ich gut in meinem Job.“ Weder in seinen Worten noch in seinem Blick nahm sie auch nur eine Spur von Überheblichkeit wahr. Für ihn war es einfach Tatsache.

„Das sagen Sie mir immer wieder“, murmelte sie vor sich hin. All seinen Bemühungen zum Trotz war Simon verändert, körperlich und seelisch.

„Und ich meine es ernst. Ich belüge weder kranke Kinder noch ihre schönen Mütter.“ Seine markanten Gesichtszüge entspannten sich, der Ärger war verflogen.

Matt lächelte sie an, legte ihr dabei beruhigend die Hände auf die Schultern. Von Ruhe konnte jedoch keine Rede sein. Das Kompliment ließ ihr Herz schneller klopfen.

Leider hatte sie erfahren müssen, dass Versprechen gebrochen wurden. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Darryl ihr glaubhaft versichert, dass er mit ihr zusammen ein Pflegekind aufziehen wollte.

„Das hoffe ich doch“, entgegnete sie kühl.

Matt hatte im Lauf der Jahre schon viele ängstliche Eltern erlebt, aber Quinn Grady schoss den Vogel ab.

Natürlich waren seine Patienten in einem besonders fragilen, verletzlichen Zustand, der ihren Angehörigen viel abverlangte. Kein Wunder, dass die Emotionen gelegentlich hochkochten. Quinn jedoch stellte seit Monaten jede seiner Entscheidungen infrage und schien ernsthaft zu bezweifeln, dass er Simon helfen konnte. Das war für alle Beteiligten mehr als anstrengend!

Normalerweise erstellte Matt einen Behandlungsplan und hielt sich daran. Doch dieser Fall war irgendwie aus dem Ruder geraten.

Was Quinn sarkastisch als Wunderhaut bezeichnet hatte, war tatsächlich ein recht neues Verfahren. Statt schmerzhafter Hautverpflanzungen wurde dem Patienten ein kleines Stück gesunder Haut entnommen und so verarbeitet, dass die Hautzellen in einer besonderen Lösung auf die betroffenen Stellen aufgesprüht werden konnten. Die Gefahr einer Abstoßungsreaktion war nicht gegeben, da es aus körpereigenen Zellen bestand. Verglichen mit herkömmlichen Methoden heilten die Wunden schneller ab, die Haut regenerierte sich. Für die schweren Verbrennungen an Simons Arm, die der Junge sich zugezogen hatte, als er sich vor den Flammen schützen wollte, eignete sich das Spray jedoch nicht. Deshalb kam Simon nicht um Transplantationen herum.

Matt hatte nicht nur Quinns Misstrauen beschwichtigen, sondern auch beim Verwaltungsrat hart um das finanzielle Okay für das Spray-Verfahren kämpfen müssen. Aber ihre skeptischen Fragen zerrten allmählich an seinen Nerven. Nicht immer konnte er ihr die gewünschten Antworten geben, er wusste nur, dass die Behandlung im Gesicht gut angeschlagen hatte. Allerdings war der Junge, vor allem am Arm, immer noch entstellt. Doch Matt war fest entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen. Es konnte länger dauern, aber letztendlich arbeitete die Zeit für ihn.

Ihm war durchaus bewusst, dass Simons Fall ihn mehr beschäftigte als die anderen Kinder, die bei dem Unglück verletzt worden waren. Vielleicht, weil die Brandwunden bei ihm am schlimmsten waren. Vielleicht konnte er sich aber auch von persönlichen Gründen nicht ganz frei machen.

Simons alleinerziehende Pflegemutter erinnerte ihn stark an sich selbst und die Herausforderungen, mit denen er vor einiger Zeit konfrontiert gewesen war.

Allerdings nahm Matt an, dass sie sich freiwillig verpflichtet hatte, für das Kind anderer Leute zu sorgen. Ihm war die Rolle als Ersatzvater aufgedrängt worden, als sein Dad starb und ihm damit die Verantwortung für seine jüngeren Geschwister übertrug.

Selbst wenn Quinn ihm das Leben schwermachte, las Matt Furcht in ihren taubenblauen Augen. Der gleiche Ausdruck hatte ihm mehr als ein Jahrzehnt aus dem Spiegel entgegengeblickt, während Matt versuchte, seine Schwestern heil durch Kindheit und Jugend zu bringen.

Erst jetzt, seit Bridget, die Jüngste, zu studieren angefangen hatte, konnte er sich ein bisschen zurücklehnen. Selbstverständlich war er immer noch stark gefragt, wenn Ratschläge in Beziehungskrisen oder Darlehen in finanziellen Engpässen nötig waren, aber in letzter Zeit erledigte er seine elterlichen Verpflichtungen telefonisch und sah seine Schwestern nur, wenn sie ihn in London besuchten.

Matt lebte endlich sein eigenes Leben und hatte Dublin verlassen, um einen zeitlich befristeten Vertrag an diesem Krankenhaus anzunehmen. Wenn der auslief, war er frei, sich irgendwo – weit weg von Irland – eine interessante neue Stelle zu suchen.

Auf den gleichen Luxus konnte Quinn lange warten. Simon war noch so jung. Als seine Pflegemutter stand sie wahrscheinlich unter intensiver Beobachtung der Sozialbehörden, was den Druck auf sie nur verstärkte. Verständlich, dass der Chirurg als Erster etwas abbekam, wenn der Stress unerträglich wurde.

Das Leben als Ersatzmutter oder – vater war auch ohne traumatische Erlebnisse wie das an Simons Grundschule schwierig genug. Vor allem, wenn man allein davorstand. Quinn trug keinen Ehering, und soweit Matt wusste, hatte niemand außer ihr den Kleinen im Krankenhaus besucht. Nachdem der Krebs seinen Vater besiegt hatte, war Matt in einer ähnlichen Lage gewesen wie sie. Ihr zuzuhören, auch wenn sie sich manchmal zu einer Nervensäge entwickelte, war das Mindeste, was er tun konnte.

Allerdings gab es eine rote Linie: Matt würde nicht zulassen, dass sie Simon mit ihren Kommentaren beunruhigte oder verängstigte.

Ein Junge brauchte eine starke Mutter – nicht nur einen starken Vater. Matts Mum hatte kurz nach Bridgets Geburt beschlossen, dass das Familienleben doch nichts für sie war, und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Als nur wenige Jahre später sein Vater starb, hatten sie niemanden mehr. Und Matt musste Verantwortung übernehmen – für die Finanzen, die Rechnungen und dafür, dass in der Schule alles lief, einschließlich Elternsprechtagen. Nicht zu reden von zahlreichen Ausflügen in die Notaufnahme, wenn sich ein Wildfang mal wieder verletzt hatte. Die meiste Zeit hatte er das Gefühl, dass das Schicksal ihm kein eigenes Leben gönnte.

Er kannte die Kämpfe, die Einsamkeit und die ständige Angst, etwas falsch zu machen. Schon allein deshalb würde er jedem helfen, dem es genauso erging. Jedenfalls musste das der Grund für sein Interesse sein. Es hatte nichts damit zu tun, dass er Quinn Grady gern sah, und auch nicht, dass er es genoss, wenn während der Diskussionen mit ihr die Funken flogen. Um alleinerziehende Mütter machte er grundsätzlich einen großen Bogen – erst recht, wenn sie Mütter eines seiner Patienten waren.

Matt hatte zu lange seine Freiheit entbehrt. Er war nicht bereit, sich schon wieder auf eine junge Familie einzulassen. Allerdings würde er Simon noch eine Weile begleiten müssen. Wahrscheinlich bis ins Erwachsenenalter hinein. Die Kinderhaut dehnte sich, und dann würden weitere Operationen erforderlich sein.

„Er ist weg“, gab der Anästhesist sein Okay, dass das Team mit der Operation beginnen konnte.

Die Zeit drängte. Um die kleinen Körper nicht zu stark zu belasten, durfte die Narkose bei Kindern nicht länger als ein paar Stunden andauern. Deshalb zogen sich die Transplantationen bei Simon über Monate hin. Bevor man überhaupt anfangen konnte, die Hautlappen zu verpflanzen, musste die Wunde gereinigt und an einer geeigneten Stelle Spenderhaut entnommen werden.

Und Quinn wunderte sich, warum der Heilungsprozess so lange dauerte.

„Kochsalzlösung bitte. Bringen wir es so schnell und präzise wie möglich hinter uns.“

Supermum Quinn würde ihm die Hölle heißmachen, sollte auch nur irgendetwas schieflaufen! Matt lächelte hinter seinem Mundschutz, während er sich ihre zierliche Gestalt vorstellte, bebend vor Empörung. Quinn Grady war eine Kämpferin, die ihre Meinung nicht zurückhielt, wenn sie von etwas überzeugt war. Matt nahm es ihr nicht krumm. Er vertraute seinen Fähigkeiten und stand zu den Entscheidungen, die er für seine Patienten traf. Und er wusste, dass Quinn aus Liebe zu dem Jungen ihm gegenüber so angriffslustig auftrat.

Trotzdem wollte er ihr keinen Anlass liefern, ihn zu kritisieren oder seine Autorität infrage zu stellen.

Konzentriert reinigte er die Wunden, entfernte abgestorbenes Gewebe und bereitete sie auf die Hauttransplantation vor. Wie immer war er für seine scharfen Augen und ruhigen Hände dankbar, als er die dünnen Gewebeschichten für das Transplantat entnahm. Von seinem Können hing ab, ob Simon für den Rest seines Lebens unter den Folgen des Unglücks litt oder nicht.

2. KAPITEL

Wäre Warten eine olympische Disziplin, Quinn hätte nicht einmal die Qualifikationsrunde geschafft!

Obwohl sie sich in weiser Voraussicht ein Buch und ihre Planungen für die nächsten Nachhilfestunden mitgenommen hatte, konnte sie nicht lange genug still sitzen, um sich damit zu befassen.

Sie hatte sich sogar draußen vor dem Paddington’s unter die Demonstranten gemischt, um sich davon abzulenken, dass Simon wieder einmal auf dem OP-Tisch lag. Es war schwer zu glauben, dass jemand ernsthaft vorhatte, dieses Krankenhaus mit einem anderen am Stadtrand zusammenzulegen. So viele Menschen gingen hier täglich aus und ein! Quinn war nur zu gern bereit, ein Protestplakat hochzuhalten, wenn es helfen würde, dass Simon hier ohne Unterbrechung weiterbehandelt werden konnte.

Wegen seiner Türmchen und der verschnörkelten Architektur nannten die Bewohner das altehrwürdige Gebäude nur „das Schloss“. Anfangs hatte der imposante Bau Quinn eingeschüchtert, was sicher auch daran gelegen hatte, dass sie wusste, was sie hinter diesen Mauern erwartete. Inzwischen jedoch war es fast zu einem zweiten Zuhause geworden, und die Menschen waren ihr vertraut. Quinn wollte nicht, dass sich hier irgendetwas änderte!

„Wie geht’s Simon?“

„Sie Arme …“

„Und dann sind Sie hier draußen? Bei uns?“

„Haben Sie gehört, wie es Ryan Walker geht?“

„Nicht viel besser, glaube ich. Selbst wenn er nach Hause entlassen werden sollte, wird seine Familie eine Menge Unterstützung brauchen.“

„Er hat ja noch einen kleinen Bruder im Krabbelalter. Was müssen diese Eltern durchmachen! Und Sie auch, mit Simon.“

Die anderen Eltern der Westbourne Grove-Grundschule, die hier demonstrierten, meinten es nur gut, aber die Fragen und Bemerkungen hatten Quinn verunsichert. Ryans Zustand, der beim Brand eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte, war nach wie vor kritisch, und neben ihm war Simon der Einzige, der noch im Krankenhaus lag. Hätte sich eine echte Mutter nicht hier draußen blicken lassen, während ihr Junge operiert wurde? Bedeuteten die hochgezogenen Brauen und bedeutungsvollen Blicke, dass die Leute an ihrem Mitgefühl zweifelten?

Wenn ja, so lagen sie völlig falsch. Der kleine Junge bedeutete ihr alles. Bei ihr sollte er sich geliebt und sicher fühlen. Zwar schien sie in dem Fall auf ganzer Linie zu versagen, aber vielleicht fasste Simon endlich Zutrauen zu ihr, wenn der gemeinsame Alltag nicht immer wieder von Krankenhausaufenthalten unterbrochen wurde.

Quinn wickelte ihr durchweichtes Schinken-Sandwich wieder in die knittrige Alufolie. Sie brachte keinen Bissen hinunter. Nicht einmal der Schokoladenkeks, den sie auch in ihre Lunchbox gepackt hatte, konnte sie locken. Sie interessierte nur eins: Neuigkeiten von Simon.

So viel konnte schiefgehen! Atemprobleme, Medikamentenunverträglichkeit, Blutungen … sie hatte im Internet gründlich recherchiert. Natürlich war bis jetzt keine der Komplikationen eingetreten, doch das hieß ja nicht, dass sie hundertprozentig ausgeschlossen waren.

Die Welt war voller Gefahren, und Quinn fragte sich oft, wie Eltern ihre Sprösslinge überhaupt allein aus dem Haus lassen konnten. Sie selbst musste all ihren Mut zusammennehmen, um der Behandlung zuzustimmen, die ihr die Spezialisten empfohlen hatten. Schließlich trug sie die elterliche Verantwortung, dass er sicher und unbeschadet aufwuchs, bis eine andere Familie sich entschied, Simon zu adoptieren.

Der Knoten in ihrem Magen blieb auch dann noch, als sie sah, wie Simon aus dem OP-Trakt gerollt wurde.

„Wie geht es ihm?“, fragte sie den ersten Menschen, der ihr entgegenkam.

Zufällig Matt McGrory.

Im Grunde war sie froh darüber. Der Chirurg konnte ihr die beste Auskunft geben. Andererseits … Er schien immer da zu sein, störte ihre Seelenruhe, weil er sie daran erinnerte, dass er sich besser um Simon kümmern konnte als sie.

„Es ist alles nach Plan verlaufen, wir hatten keinerlei Probleme. Jetzt müssen wir nur warten, bis der junge Mann aufwacht.“

„Gott sei Dank!“

In ihrer Erleichterung zeigte sie für einen flüchtigen Moment die hübsche junge Frau, die sonst hinter der Fassade der besorgten, oft feindseligen Mutter verschwand. Belohnung genug für Matt, dass er seinen Job gut gemacht hatte.

Sie begleitete die Rollliege ins Zimmer, ohne Simons Hand loszulassen, der von der Narkose immer noch benommen war.

„Wenn er so weit wach ist, dass Sie ihn mit nach Hause nehmen können, geben wir Ihnen Schmerzmittel mit. Sollte es später Probleme geben wie Juckreiz oder Anzeichen einer Infektion, rufen Sie uns an.“

„Ich glaube, ich habe die Nummer auf der Kurzwahltaste“, sagte sie und zeigte damit zum ersten Mal an diesem Tag einen Anflug von Humor.

Natürlich wusste sie inzwischen in- und auswendig, was zu beachten war, aber Matt musste trotzdem darauf hinweisen, dass zu Hause die richtige Nachbehandlung erfolgte. Zum Heilungsprozess trug Quinn genauso bei wie er. „Wie immer sollten die Verbände trocken bleiben, bis Simon zum Verbandswechsel wieder zu uns kommt“, erklärte er. „Einen Termin beim Kinderpsychologen haben Sie ja schon, oder? Es ist wichtig, dass Simon bei allem, was er durchmacht, professionelle Hilfe erhält.“

„Nicht nur beim Psychologen, sondern auch beim Physiotherapeuten, bei der Ernährungsberaterin … ein wahrer Terminmarathon.“ Ihre Stimme kippte in die leicht schrille Note, die eine drohende Auseinandersetzung ankündete.

„Ich weiß, dass es ein bisschen viel ist, aber es ist nicht für immer. All das soll dazu beitragen, dass sich Simon so schnell und gut wie möglich erholt, damit Sie beide Ihr normales Leben außerhalb dieser Krankenhausmauern wiederaufnehmen können.“ Matt wusste nicht, was dazugehörte, weil sie jede wache Minute hier zu verbringen schien. Fast, als hätte sie Angst, nach Hause zu gehen.

Er hingegen schätzte seine freie Zeit wie noch nie zuvor in seinem Leben. Matt liebte die friedliche Stille, wenn er in seine Wohnung kam, und genoss es sehr, tun und lassen zu können, was er wollte, ohne auf die Zeitpläne anderer Rücksicht nehmen zu müssen.

„Lassen Sie das …“

Ihre zitternde Bitte traf ihn in die Magengrube. Matt fragte sich, was um alles auf der Welt er getan hatte, dass sie von null auf jetzt den Tränen nahe war. „Was soll ich lassen?“

Quinn hatte Simons Hand losgelassen und die Arme verschränkt, die Schultern nach vorn gezogen. „Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können.“

Matt zog die Brauen zusammen. Er war der Überbringer guter Nachrichten, nicht der Feind Nummer 1. „Ms. Grady, Quinn, ich habe Ihnen schon so oft versichert, dass wir alles tun, was …“

„Ja, ich weiß, aber irgendetwas passiert immer – Infektionen, Fieber, albtraumhafte Nächte, hypertome Narben …“

„Hypertrophe.“

„Was auch immer. Unser Leben wird nie wieder normal, wenn jede Operation neue Probleme schafft!“ Ihre Stimme erreichte Höhen, die nur für Hunde und bewusstlose Kinder hörbar waren. Simon murmelte etwas vor sich hin und driftete wieder in den Schlaf.

Jetzt war weder der Zeitpunkt noch der geeignete Ort für eine ihrer Tiraden, dass Matt nichts richtig machte. Simon brauchte das nicht zu hören.

Matt umfasste ihren Ellbogen, um sie mit fester Hand aus dem Zimmer zu geleiten. Wie sehr sie auch von Ängsten geplagt werden mochte, er konnte nicht zulassen, dass sie ihn vor seinem Patienten demontierte. Wenn Simon nicht daran glaubte, dass sein Chirurg ihm helfen würde, konnten sie gleich jede Hoffnung aufgeben!

Quinn stemmte die Absätze in den Boden, aber ein vielsagender Blick von ihm zum Bett genügte, und sie ließ sich nach draußen führen.

„Ich bin kein Kind“, sagte sie trotzig und schüttelte seine Hand ab.

„Dann verhalten Sie sich auch nicht wie eins. Diskussionen wie diese sollten nicht vor Kinderohren geführt werden.“ Inzwischen kochte Ärger in ihm hoch. Wann begriff sie endlich, dass er alles tun würde, um ihnen zu helfen? Aber nein, sie schien entschlossen, die Situation noch schwieriger zu machen, als sie ohnehin war!

Aufgebracht stürmte sie in den Flur, anscheinend bereit für eine neue Runde heftiger Diskussionen. Matt schloss die Tür zum Krankenzimmer und vergewisserte sich, dass sie keine Zuhörerschaft hatten.

„Die Transplantation war erfolgreich“, sagte er schließlich. „Nur darauf sollten Sie sich konzentrieren.“

„Sie haben gut reden! Vor Ihnen rennt er nicht weinend davon, wenn es Zeit für sein Bad ist. Sie müssen ihn nachts nicht wieder in den Schlaf wiegen, nachdem er schreiend aus einem Albtraum aufgewacht ist.“ In ihren Augen schimmerten Tränen.

Matt sah sich nach einer Krankenschwester um. Er würde zu weit gehen, wenn er Quinn jetzt in die Arme nahm, um sie zu beruhigen. Obwohl es ihn drängte, sie zu trösten, musste er sich zurückhalten. Weder war sie eine seiner Schwestern noch trug er für sie auch nur irgendeine Verantwortung.

„Möchten Sie nicht einmal mit den anderen Eltern reden?“, schlug er vor. „Einige machen gerade Ähnliches durch wie Sie.“

„Kann sein, aber ich bin neu in der Nachbarschaft, genau wie Simon. Die anderen kennen sich seit Jahren und werden mich nicht mit offenen Armen aufnehmen, bevor sie nicht nachgeforscht haben, wer ich bin und woher ich komme. Es ist, wie es ist. Wir sind bisher allein klargekommen, und das schaffen wir auch weiterhin.“

Der Ausdruck in ihren großen blauen Augen strafte ihre tapferen Worte Lügen. Matt konnte nicht einfach weggehen, auch wenn er wusste, dass es für ihn das Beste gewesen wäre.

„Unser Pflegepersonal wird sich um Sie und Simon kümmern, wann immer Sie Rat und Hilfe brauchen. Dadurch, dass wir ständig aneinandergeraten, entsteht für Sie zusätzlicher Stress, der nun wirklich nicht nötig ist. Solange es also keine Komplikationen gibt, sehen wir uns erst vor der nächsten Operation wieder. Allerdings möchte ich mein Versprechen halten und Simon ein paar Zaubertricks zeigen, sobald er richtig wach ist.“

Diesmal schaffte er es, sich abzuwenden. Aber kaum hatte er den ersten Schritt getan, machte Quinn wieder einen auf ihn zu.

„Ja, klar. Für Sie ist es ein Kinderspiel, sein Vertrauen zu gewinnen. Einige alberne Tricks, und er vergöttert Sie! Und was ist mit mir? Mich hasst er. Ich habe meinen Job aufgegeben, meinen Partner verloren und jede Hoffnung auf ein Privatleben verdrängt, um mich ganz auf mein Pflegekind zu konzentrieren. Und wofür? Um auch da auf ganzer Linie zu versagen!“

Dann passierte, was er am meisten gefürchtet hatte: Die Dämme brachen, und Quinn lag schluchzend an seiner Brust. Unmöglich, sie jetzt alleinzulassen. Sie brauchte jemanden, bei dem sie sich ausweinen konnte, und leider war er zur falschen Zeit am falschen Ort.

„Er hasst Sie nicht“, versuchte Matt, sie zu beruhigen. „Sie befinden sich in einer schwierigen Phase, das ist alles. Simon braucht eine Weile, um sich von den traumatischen Erlebnissen zu erholen.“

Jemand kam den Flur entlang, er hörte es an den Stimmen, die sich langsam näherten. Matt stellte sich so, dass Quinn an der Wand stand, durch seinen Körper vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Sie fühlte sich so zart, so zerbrechlich in seinen Armen an, dass sein Beschützerinstinkt sofort erwacht war.

Als hätte er nicht für ein ganzes Leben genug Verantwortung für andere getragen!

Quinn zitterte, herzzerreißende Schluchzer erschütterten ihren schmalen Körper. „Ich … wünschte, ich wäre … mehr wie … Sie“, stieß sie, von Schluckauf unterbrochen, hervor.

„Geschlechtsumwandlungen sind nicht mein Fachgebiet, und es käme mir seltsam vor, Klons von mir selbst zu erzeugen.“ Fast hätte er hinzugefügt, dass es außerdem schade um ihren herrlichen Körper wäre, aber das wäre auch als humorvolle Bemerkung unpassend gewesen. Er durfte nicht darauf achten, wie sich ihre weiblichen Rundungen an ihn schmiegten. Jetzt ging es einzig und allein darum, ihr auf mitfühlende, professionelle Art Halt zu geben.

Das Schluchzen verstummte, und sie hob den Kopf. Entweder hatte sie ihren Sinn für Humor wiedergefunden oder er hatte ihr mit seinem Spruch den Rest gegeben. Matt atmete erleichtert aus, als ein wackliges Lächeln ihr verweintes Gesicht erhellte.

„Ich meine, wie Sie mit Simon und mit den anderen Kindern umgehen … Sie sagen und Sie tun immer das Richtige. Vielleicht bin ich einfach keine gute Mutter.“

Ihre Unterlippe begann wieder zu zittern, und Matt machte es zu seiner persönlichen Mission, dieses Lächeln zu retten. Sanft hob er mit dem Daumen ihr Kinn an, damit sie nicht mehr auf den Fußboden starrte, sondern ihm in die Augen sah.

„Ich habe im Lauf der Zeit einige Erfahrungen gesammelt“, sagte er, entschlossen, ihr den Glauben an sich selbst zurückzugeben. „Elternschaft ist nicht einfach. Ich hätte ein paar Tipps für Sie, wenn Sie versprechen, meine Geheimnisse nicht auszuplaudern. Schließlich möchte ich meinen Ruf als Kinderversteher nicht beschädigen.“

„Bloß nicht. Wir wollen Ihren zahlreichen Bewunderern ja nicht das Herz brechen.“

Sie blinzelte die Tränen weg, und Matt hätte fast vergessen, wer er war. Und er war kurz davor, etwas Dummes zu tun.

Würden sie nicht hier in einem Krankenhausflur stehen, er hätte sich einbilden können, dass es zwischen ihnen funkte. Zwar hatte Quinn klar ausgedrückt, dass sie nicht zu seinen Verehrerinnen gehörte, doch ihre Körpersprache sagte genau das Gegenteil.

Sein Magen knurrte und erinnerte ihn daran, dass er seit heute Vormittag nichts Vernünftiges gegessen hatte. Das lenkte ihn ab von ihren tiefgründigen blauen Augen und den vollen rosigen Lippen, die um einen Kuss zu betteln schienen. Er wollte Quinn helfen, aber er brauchte einen Moment Abstand, um sich wieder zu fangen.

„Hören Sie, drüben auf der anderen Straßenseite ist ein Pub – das Frog and Peach. Wollen wir uns in zehn Minuten dort treffen und weiterreden? Wir könnten etwas trinken, eine Kleinigkeit essen und sofort wieder hier sein, wenn Simon aufwacht.“

Zögernd blickte sie zu Simons Zimmer hinüber. Wie eine echte Mutter, die zuerst an ihr Kind dachte – obwohl ihr das anscheinend nicht bewusst war.

„Ich sage Bescheid, dass sie uns verständigen, sobald er die Augen öffnet.“ Matt hatte nicht vor zu betteln, aber er wollte seine Versprechen so bald wie möglich einlösen, um endlich seinen Arbeitstag abschließen und nach Hause fahren zu können. Allein.

„Meinen Sie wirklich …?“ Zweifelnd sah sie ihn an.

Matt wusste genauso wenig wie sie, ob es eine gute Idee war. Aber auf jeden Fall sicherer, als sie noch länger in den Armen zu halten.

3. KAPITEL

Quinn scrollte durch die neuesten Social-Media-Posts, ohne ihnen große Beachtung zu schenken. Eigentlich interessierte es sie überhaupt nicht, was sich jemand zum Abendessen gekocht hatte oder wer die süßesten Kätzchenfotos ins Netz stellte.

Es waren keine echten Kontakte, diese Leute hatten mit ihrem gegenwärtigen Leben nichts zu tun. Virtuelle Freunde bekundeten zwar ihr Mitgefühl mit tränenreichen gelben Emojis, aber echte persönliche Unterstützung bot ihr nur ihre Nachbarin Mrs. Johns. Mit Internetbekanntschaften verschwendete sie kostbare Zeit.

Doch jetzt hatte sie zwangsläufig Zeit, während sie auf Matt wartete, der versprochen hatte nachzukommen, sobald er Dienstschluss hatte.

Das Frog and Peach gehörte zu den beliebtesten Pubs in Paddington, und Quinn fühlte sich unbehaglich, weil sie allein einen der begehrten Tisch besetzte.

Wie beneidete sie die anderen Gäste, die sich hier nach der Arbeit mit Freunden trafen, um bei einem Drink entspannt den Feierabend einzuläuten! Es erinnerte sie an die gesellige Stimmung mit ihren Kolleginnen und Kollegen an der Schule. Am meisten vermisste Quinn eine Freundin, mit der sie lachen oder der sie ihr Herz ausschütten konnte.

Mrs. Johns, immer bereit, als Babysitter einzuspringen, kam dem schon recht nahe, aber so vertraut waren sie sich nun doch nicht. Natürlich konnte sie mit ihrer Mum telefonieren, doch selbst dann mochte sie nicht zugeben, dass sie mit ihrer Rolle als Pflegemutter nicht zurechtkam. Wenn sie eines Tages mit Simon in ihre Heimat Yorkshire fuhr, wollte sie ein glückliches, zufriedenes Kind an ihrer Seite haben.

Quinn trank ihr Wasserglas leer. Nach dem nervenzermürbenden Warten darauf, dass Simon endlich aus dem OP kam, und nachdem sie sich lächerlich gemacht und an Matts Schulter ausgeheult hatte, hätte sie etwas Stärkeres vertragen können. Aber sie musste nachher noch fahren.

„Möchten Sie noch etwas trinken?“, fragte ein Kellner, bevor sie das Glas abgestellt hatte.

Sie schüttelte den Kopf und verspürte das Bedürfnis, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie den Tisch mit Beschlag belegte. „Ich warte auf jemanden.“

In seinen Augen glomm etwas auf, das Quinn das Blut in die Wangen trieb, als sie erkannte, was es war. Mitleid. Der Mann dachte, sie sei versetzt worden.

„Er wird bestimmt gleich hier sein“, fügte sie hinzu, aber da war er schon geschäftig weitergeeilt, um den nächsten Tisch abzuräumen.

Herzklopfen kannte Quinn in letzter Zeit nur in Verbindung mit der Frage, was Simon als Nächstes über sich ergehen lassen musste. Doch dann kam Matt auf der anderen Straßenseite endlich in Sicht, und ihr Herz hüpfte wie das eines jungen Mädchens beim ersten Date. Ein Gefühl, von dem sie geglaubt hatte, dass es mit ihrem Ex für immer verschwunden war.

Gekleidet in Jeans und ein T-Shirt, das sich atemberaubend an seine muskulöse Brust schmiegte, hatte sein Anblick etwas … Intimes, Verbotenes. Quinn kannte ihn bisher nur in OP-Kleidung. Während sie ihn jetzt beobachtete, wie er die Straße überquerte, auf den Verkehr konzentriert, die Jacke lässig über die Schulter geschlungen, fühlte sie sich wie eine Voyeurin. Und Matt schien keine Ahnung zu haben, wie wahnsinnig gut er aussah.

Schmetterlinge erwachten aus einem langen Winterschlaf zum Leben, flatterten in ihrem Bauch, als käme der ersehnte Liebste zu ihr. Doch dann fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild im Fenster, und die Schmetterlinge taumelten zu Boden. Quinn fand sich eher mitleiderregend als aufregend!

Da entdeckte Matt sie inmitten der anderen Gäste vor dem Pub, lächelte und hob grüßend die Hand. Quinn gestand sich ein, dass er sich immer erstaunlich verständnisvoll verhalten hatte, obwohl sie nicht selten nahezu hysterisch gewesen war. Und dass er sich nun hier mit ihr traf, gehörte auch nicht zu seinen ärztlichen Pflichten. All das trug nicht gerade dazu bei, ihre schwärmerischen Gefühle für ihn einzudämmen.

„Hey“, begrüßte er sie, während er zwischen den Tischen hindurch auf sie zukam. Im letzten Schein der Abendsonne schimmerte sein kurzes blondes Haar golden, und in seinen grünen Augen blitzte ein Ausdruck auf, der ihre Schmetterlinge wieder weckte. Quinn fragte sich, ob der ruhige, geduldige Dr. McGrory außer Dienst eine verwegene Seite hatte.

„Hi, Matt.“ Sie zog ihm einen Stuhl unter dem Tisch hervor und musste lächeln, als im selben Moment der Kellner von vorhin vorbeikam und einen verdutzten Blick nicht verbergen konnte.

„Wollen wir drinnen essen? Hier draußen halten sich meistens die Raucher auf. Es sei denn, Sie möchten sich ihnen anschließen?“

„Nein, nein, ich bin Nichtraucherin.“ Quinn schob ihr Handy in die Tasche zurück, stand auf und folgte Matt.

Groß und breitschultrig, wie er war, konnte sie ihn in der Menge nicht aus den Augen verlieren, aber drinnen standen die Leute so dicht, dass sie schnell den Anschluss verlor.

„Verzeihung … Entschuldigen Sie … Dürfte ich mal durch …?“

Sie war bereits kurz davor aufzugeben und umzukehren, um draußen frische Luft zu schnappen, da schloss sich eine warme Hand um ihr Handgelenk und zog Quinn durchs Menschendickicht. Es endete damit, dass sie voranging und Matt allein durch seinen großen, starken Körper dafür sorgte, dass sie auch vorankam.

Quinn genoss die Geborgenheit, selbst wenn sie nur kurz andauerte. Es war lange her, dass jemand auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen hatte, was sie oft genug vermisste.

„Da drüben ist ein Tisch frei geworden.“ Matt räumte Gläser und Geschirr der vorigen Gäste beiseite, damit Quinn und er in den bequemen Ledersesseln am Kaminfeuer sitzen konnten. Anders als Darryl war er sicher kein Mann, der nur an sich dachte. Das sah sie in allem, was er tat. Matt mit seiner zuwendenden, großzügigen Art würde eines Tages eine Frau sehr glücklich machen. Eine Frau, die bestimmt nicht jedes seiner Worte und jede Tat hinterfragte, um herauszufinden, welches Motiv wirklich dahinterlag.

„Es tut mir leid, dass ich so eine Nervensäge war.“ Um Matt nicht in die Augen sehen zu müssen, richtete sie den Blick auf die abgenutzte Holzfläche des Tischs. Quinn war überzeugt, dass sie in den letzten Wochen für Matt der absolute Horror gewesen sein musste. Es lag sicher an ihren schlechten Erfahrungen mit Männern, dass sie sein Urteil, seine fachlichen Fähigkeiten und seine Behandlungsmethoden anzweifelte. Dabei versuchte der arme Mann doch nur, seinen Job zu machen.

„Kein Problem. Sie sind eine ängstliche Mutter, das verstehe ich.“ Er griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie.

Ihr Puls beschleunigte sich, und sie sah auf, überrascht von seiner Geste und das in aller Öffentlichkeit. Ihre Blicke trafen sich. Quinn las teilnahmsvolles Verständnis in seinem und noch etwas anderes … etwas Intimes, das sie wärmte und ihr gleichzeitig Angst einjagte.

„Möchten Sie bestellen?“

Beim Klang der leicht ungeduldigen Kellnerstimme fuhren sie auseinander. Der magische Moment war vorüber, doch Quinns Herz klopfte immer noch, als wären sie bei etwas ertappt worden, was sie nicht tun durften.

„Okay, ich … ich nehme den Burger mit Pommes.“ Matt hatte sich die Karte geschnappt und nur kurz darauf geschaut. Entweder war er genauso verwirrt wie sie oder er aß hier ziemlich oft.

„Den Hähnchen-Salat-Wrap, bitte.“ Seit dem Brand war ihr Appetit mäßig, aber sie freute sich darauf, in Gesellschaft zu essen. In Matts Gesellschaft.

Doch der war aufgesprungen, um dem Kellner zur Bar zu folgen. „Ich hätte etwas zu trinken bestellen sollen. Ich hole uns was. Wein? Bier? Einen Softdrink?“ Er entfernte sich rasch, rückwärtsgehend, stieß dabei an einen Tisch. Quinn hatte den Eindruck, dass er nicht schnell genug von ihr wegkommen konnte!

„Nur ein Wasser, danke.“ Seufzend lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück. Wahrscheinlich hatte sie sich die sinnliche Stimmung zwischen ihnen nur eingebildet. Es war, als hätte es sie nie gegeben.

Was vielleicht ganz gut war. Eine romantische Beziehung konnte sie zurzeit überhaupt nicht gebrauchen. Sie rauschte sowieso schon auf einer emotionalen Achterbahn durchs Leben, mehr Herzschmerz konnte sie nicht ertragen.

Quinn beschloss, diese Verabredung als das zu genießen, was sie war: ein Essen in Gesellschaft eines Erwachsenen und eine kurze Verschnaufpause von der Verantwortung, die auf ihr lastete. Simon würde bald aufwachen, und dann begann die nächste Runde sorgenvoller Mutterschaft.

Beruhigt sah sie sich um. Die Atmosphäre in diesem Pub gefiel ihr. Mit dunklen Holzmöbeln im viktorianischen Stil eingerichtet, strahlte es einen angenehm altmodischen Charme aus. Allerdings hätte sie nicht gedacht, dass ein gut verdienender Chirurg sich in diesem Ambiente wohlfühlte.

Matt war jung, attraktiv und ungebunden. Nicht dass sie ihre Entscheidungen bereute, aber wäre sie eine Ärztin in seiner Position, würde sie eher eine angesagte Weinbar aufsuchen, in der Hoffnung, dass jemand wie Matt zur Tür hereinkam. Indem sie sich als heulendes Elend eine Einladung zum Essen verschaffte, hatte sie vermutlich einer anderen Frau irgendwo in der City die Chancen auf einen aufregenden Abend mit ihm verdorben.

„Das Essen müsste gleich kommen.“ Matt stellte eine Karaffe mit eisgekühltem Wasser und zwei Gläser auf den Tisch, schenkte mit ruhiger Hand ein und setzte sich. Anscheinend sparte er sich Feierabendwein oder – bier für später auf, wenn er sie losgeworden war und endlich entspannen konnte!

„Sie wollen mir also einen Grundkurs in Kindererziehung geben …“ Am besten brachten sie es hinter sich. Zehn Minuten, ein paar Ratschläge von ihm, was sie besser machen konnte, und dann ging jeder zurück in sein Leben. Wozu normalerweise nicht gehörte, dass sie mit gut aussehenden Männern in einem Pub beim Abendessen saß. Allerdings musste sie sich eingestehen, dass es das Highlight eines ansonsten schrecklichen Tages war.

„Hey, ich habe nie behauptet, dass ich ausgewiesener Experte bin. Ich kann nur weitergeben, welche Erfahrungen ich mit kleinen Kindern gemacht habe und was mir geholfen hat. In Situationen, die nicht immer einfach waren.“

„Jeder Tipp, wie sich das Vertrauen eines Fünfjährigen gewinnen lässt, ist herzlich willkommen.“

Genau wie das Essen, das der Kaugummi kauende Kellner an den Tisch brachte. Zwar war sie bis jetzt nicht hungrig gewesen, aber der Wrap sah wesentlich verlockender aus als das pappige Sandwich vorhin und war außerdem eine nette Abwechslung zu Smiley-Pommes und Buchstabennudeln. Simon aß zurzeit nichts anderes.

„Ein Zauberkasten ist alles, was Sie brauchen“, sagte er nur, bevor er sich wie ausgehungert über seinen Burger hermachte. Quinn bekam unwillkürlich eine Gänsehaut. Anscheinend hatte der stets gelassene Mediziner auch eine wilde Seite, die in Quinn Appetit auf etwas ganz anderes weckte.

„Wie bitte?“, brachte sie heraus.

Sie musste warten, bis er seinen Bissen hinuntergeschluckt hatte. „Für Notfälle steht in meinem Büro eine Kiste mit Spielzeug – kleinen Autos, Malbüchern, Seifenblasen –, um das Eis zu brechen. Ich habe sogar einige Handpuppen für die Kinder, die zu schüchtern sind, um direkt mit mir zu sprechen. Wenn sie das Gefühl haben, dass ich ein Freund bin, ist die Krankenhauserfahrung weniger traumatisch für sie.“ Er schnappte sich ein paar Pommes frites und vertilgte auch die, noch ehe Quinn das erste Mal von ihrem Wrap abgebissen hatte.

„Das habe ich schon versucht. Simon hat ein Zimmer voller Spielzeug, aber ein Kinderherz kann man nicht kaufen. Sie haben bestimmt Talent, zu Kindern einen guten Draht herzustellen. Und ich nicht.“ Was sie nicht erwartet hatte. Da sie selbst ein Pflegekind war, hatte sie gedacht, sie würde selbstverständlich sofort einen Zugang zu Simon finden.

Leider musste sie feststellen, dass doch mehr dazugehörte. Nicht jedes Kind passte so wie sie problemlos zu seiner Pflegefamilie. Zwar war es auch für sie nicht einfach gewesen, als ihr Adoptivvater seinen Entschluss bereute, aber mit ihrer Mutter verband sie vom ersten Tag an eine innige Zuneigung. Gemeinsam überwanden sie alle Hindernisse … Jedenfalls, bis Quinn erwachsen geworden war und beschlossen hatte, in die weite Welt hinauszuziehen.

Jetzt wünschte sie sich sehnsüchtig, die gleiche Kraft wie ihre Mutter aufzubringen, um Simon nach dem Brand in der Schule aufzufangen. Aber solange er sie nicht an sich heranließ, konnte sie nichts tun.

„Das kann ich nicht beurteilen, doch was mich betrifft, so habe ich eine Menge praktischer Erfahrungen.“

Quinn verschluckte sich fast an ihrem Hühnchenfleisch. „Sie haben Kinder?“

Immerhin würde es erklären, dass er völlig entspannt mit seinen kleinen Patienten umging. Sie hatte sich vom fehlenden Ehering täuschen lassen. Schließlich musste er nicht verheiratet sein, um Kinder zu haben. Andererseits schien Matt nicht der Typ zu sein, der seine kleinen irischen Babys zurückließ, um als Großstadtsingle ein freies Leben zu führen.

„Nein, zum Teufel!“ Matt setzte das Glas, das er gerade an den Mund geführt hatte, wieder ab, ohne getrunken zu haben.

Die impulsive Antwort verriet ihr zwar, dass er kein verantwortungsloser Kerl war, aber sie machte Quinn auch bewusst, wie sehr sich sein Leben von ihrem unterschied. Wenigstens war er ehrlich und nicht wie Darryl, der sich für Familie entschied, um dann im letzten Moment zu kneifen.

„Wollen Sie mir erzählen, Sie können Kinder in Wirklichkeit nicht ausstehen?“ Quinn wappnete sich gegen die Enttäuschung. Wenn sich nun herausstellte, dass dieser wundervolle Arzt allen etwas vormachte? Dann konnte er gleich in Hollywood anfangen, das wäre eine Oscar-reife Leistung gewesen!

Sein tiefes Lachen hob ihre Stimmung. „Überhaupt nicht. Kinder sind großartig – vorausgesetzt, ich muss mich in meiner Freizeit nicht um sie kümmern.“

„Aha, dann sind Sie nicht der sesshafte Typ?“ Sie konnte sich die neugierige Bemerkung nicht verkneifen. Dr. Matt McGrory passte genau in das Bild, das sie sich von einem Traummann und – vater machte.

Nicht dass sie auf der Suche nach einem gewesen wäre. Gebranntes Kind scheut das Feuer.

„Ich bin erst vor Kurzem wieder in die Freiheit entlassen worden. Mein Dad starb an Krebs, als ich auf der Uni war, sodass ich mich um meine drei jüngeren Schwestern kümmern musste. Die Jüngste hat im letzten Jahr angefangen zu studieren, und ich habe das Gefühl, endlich ein eigenes Leben zu haben. Ohne jede Verantwortung für Kinder.“

„Das war bestimmt nicht einfach.“ Sie schaffte es mehr schlecht als recht, gut für einen kleinen Jungen zu sorgen, obwohl sie nur Teilzeit arbeitete. Matt dagegen hatte die Verantwortung für eine Familie tragen müssen, während er Medizin studierte. Hatte Quinn ihn vorher schon bewundert, hätte sie sich jetzt glatt in ihn verlieben können.

Schade, dass Kinder zu seiner Lebensplanung nicht dazugehörten. Allerdings war das nicht das einzige Hindernis. Quinn tat sich schwer, Männern zu vertrauen. Da verzichtete sie lieber grundsätzlich darauf, sich mit einem einzulassen. Außerdem hätte sie sowieso keine Chance gehabt, nachdem er erlebt hatte, wie sie förmlich in Selbstmitleid zerflossen war, heulend und mit verquollenen Augen!

„Möchten Sie von meinen Pommes? Bedienen Sie sich.“ Matt hielt ihr seinen Teller hin.

Quinn brauchte einen Moment, um zu begreifen, warum er ihr zu essen anbot. „Ja … danke.“ Sie nahm sich ein paar, damit er nicht auf die Idee kam, dass ihre sehnsüchtigen Blicke nicht seinem Essen, sondern ihm gegolten hatten.

Sollte er sie doch für verfressen halten. Das war auf jeden Fall besser als liebeshungrig. Quinn war selbst nicht gerade erbaut davon, welche Richtung ihre Gedanken einschlugen, wenn es um den breitschultrigen Arzt ging!

„Es war schwierig, doch wir haben es überlebt, und so wird es bei Ihnen auch sein“, nahm er den Gesprächsfaden wieder auf. „Man lernt quasi, während man unterwegs ist.“

Sie rechnete es ihm hoch an, dass er Persönliches preisgab, damit es ihr besser ging. Das hätte er nicht tun müssen. Dadurch war Simons Chirurg nicht länger eine distanzierte Autorität. Genau wie sie war er ein Mensch, der in seinem Leben Höhen und Tiefen erlebt hatte. Dass er ihr davon erzählte, machte es ihr leichter zu vertrauen. Mehr noch, sie wollte etwas zurückgeben.

„Ich war selbst ein Pflegekind und hatte gedacht, dass ich mich gut genug auskenne, um eins großzuziehen. Meine leiblichen Eltern waren zu jung, um die Verantwortung für ihr Baby zu übernehmen, und ich wurde von einer Familie zur anderen weitergereicht, bis mich ein Paar adoptierte. Meine Mum ist eine starke Frau, die auch dann nicht den Mut verlor, als mein Adoptivvater uns verließ. Leider scheint sich die Geschichte bei mir zu wiederholen. Mein Ex hat sich von mir getrennt, nachdem ich beschlossen hatte, ein Pflegekind aufzunehmen.“

Quinn fiel es unbeschreiblich schwer, es nicht persönlich zu nehmen, dass alle wichtigen Männer in ihrem Leben ihr den Rücken gekehrt hatten. Aber auch Matt würde sich wahrscheinlich auf deren Seite schlagen, seit er ihre emotionalen Ausbrüche und ihr irrationales Verhalten erlebt hatte!

„Gute Absichten haben wir alle, aber oft dauert es nicht lange, bis wir auf dem Boden der Tatsachen landen, stimmt’s?“ Er lächelte zwar, doch Quinn vermutete eine versteckte Spitze hinter seinen Worten. Sicher hatte er sich in bester Absicht hier mit ihr verabredet, fand es aber nun anstrengender, ihr zuzuhören, als er es sich vorgestellt hatte.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit meinen Problemen belästige. Das gehört nicht zu Ihren ärztlichen Aufgaben, und außerdem halte ich Sie vom Essen ab.“

„Überhaupt nicht.“ Wie um es ihr zu beweisen, schob er den letzten Happen, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, in den Mund.

„Ich gebe bei mir zu Hause Nachhilfeunterricht. Erwachsene Gesprächspartner habe ich also selten. Sie Glückspilz durften zuerst hören, was ich auf dem Herzen habe“, meinte sie selbstironisch.

„Berufsrisiko. Als Chirurg und Kummerkasten bin ich das gewohnt.“ Sein charmantes Grinsen verriet, dass es ihm nicht das Geringste ausmachte.

Und ihr tat es wirklich gut, davon zu erzählen, wie sehr ihr die letzten beiden Monate zugesetzt hatten, ohne dass sie in irgendeiner Weise be- oder – noch schlimmer – verurteilt wurde. Das erledigte sie schon selbst, schließlich war sie ihr größter Kritiker. Wie oft verglich sie sich mit ihrer Mutter. Konnte sie nicht auch so stark und gelassen sein wie sie?

„Haben Sie in Ihrem Büro eine Couch, die wir benutzen können?“, sagte sie und merkte erst, als er fragend die Brauen hochzog, dass ihre Frage zweideutig geklungen hatte.

Zweideutig und unpassend wie so vieles, das sie sich heute geleistet hatte! Damit nicht genug, beschwor ihre Fantasie unpassende Bilder herauf: Ein Sofa hinter verschlossenen Türen, Matt und sie darauf in leidenschaftlicher Umarmung … Quinn wurde heiß unter ihrem schwarzen Top und dem ausgeleierten grauen Cardigan. Wäre sie auch nur auf den Gedanken gekommen, mit dem Mann zu flirten, hätte sie sicher etwas anderes angezogen als ihre zweckmäßige Mummy-Kleidung! Bequeme Leggings und weite Oberteile waren im Krankenhaus ihr Schutzpanzer und eigneten sich nicht gerade für den Besuch einer Szene-Bar.

„Also, ich … ich meine, ich müsste eigentlich auf Ihrer Couch liegen“, versuchte sie sich in Schadensbegrenzung. „Und Sie machen sich Notizen, wie ein Psychologe. Am besten halte ich jetzt meinen Mund, bevor Sie die Männer im weißen Kittel holen, die mit den Zwangsjacken.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und hätte gern ein Mäuseloch gehabt, um sich darin zu verkriechen.

Matt räusperte sich, sagte aber nichts.

Super, Quinn, ganz großartig! Statt ihn als Freund zu akzeptieren, stammelte sie herum und wurde rot wie ein Schulmädchen. Und warum? Weil sie sich vorstellte, wie sie nackt mit ihm auf dem Sofa herumtollte.

Der Mann hatte keine Ahnung, dass er mit seiner netten Art ein Monster geweckt hatte. Ein verschwitztes, rotgesichtiges Monster, das aus dem Winterschlaf erwacht war und sich nach einem paarungswilligen Männchen umsah!

4. KAPITEL

Matt blieben die Pommes frites fast in der Kehle stecken, und er glaubte schon, jemanden zu brauchen, der ihn mit dem Heimlich-Griff vor dem Erstickungstod rettete. Alles nur, weil Quinn seine Fantasie in Fahrt gebracht und er daraufhin zu viele Kartoffelstäbchen auf einmal geschluckt hatte!

Er spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter und bekam erleichtert wieder Luft.

Natürlich hatte sie nicht versucht, ihn umzubringen. So wie sie dasaß, peinlich berührt, mit sanft geröteten Wangen, war das kein Anschlag auf sein Leben gewesen. Sie hatte auch nicht versucht, mit ihm zu flirten, aber sein Körper hatte reagiert, als hätte sie ihm angeboten, das Sofa in seinem Büro für einen Quickie zu nutzen. Wenn er bei dieser Frau war, schien er die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. Und seinen gesunden Menschenverstand!

Fehler Nummer eins: sich hier mit ihr nach Dienstschluss zu treffen. Fehler Nummer zwei: private Details auszutauschen. Und dann die Berührungen. Ein tröstlicher Händedruck und die sprichwörtliche Schulter anzubieten, das gehörte zu seinem Job. Etwas anderes war es, wenn sie dabei in einem Pub saßen und sich tiefe Blicke zuwarfen.

Ja, sie weckte seinen Beschützerinstinkt, weil er nachvollziehen konnte, wie es einem ging, wenn man Familienstress hatte und niemanden, bei dem man Halt fand. Aber Matt hatte nicht damit gerechnet, dass es zwischen ihnen knisterte wie ein Feuer, das neue Nahrung fand. Quinn war die Mutter eines Patienten.

Eine Mutter. Sein Patient.

Das waren zwei sehr gute Gründe, das Feuer zu löschen, bevor es sich zu einem Flächenbrand ausweitete!

Er hätte ihr nicht von seiner Familie erzählen dürfen. Er hörte zu, stellte Diagnosen und operierte. Aber niemals gab er Persönliches preis! Jetzt hatte er nicht nur diese Regel gebrochen, sondern sich auch ihre Geschichte angehört. Matt gestand sich ein, dass er sie erst recht für ihre Stärke bewunderte, seit er erfahren hatte, dass sie als Pflegekind durch die behördlichen Instanzen gereicht worden war.

Quinn Grady war eine mutige, tapfere Frau, die schwierige Umstände hatte überwinden müssen und trotzdem beschlossen hatte, anderen etwas zu geben. Vielleicht konnte er sie überzeugen, diese Qualitäten irgendwo einzusetzen, wo sie nicht seinen Seelenfrieden gefährdeten.

„Wenn Ihnen erwachsene Gesellschaft fehlt, könnte ich Sie mit den Mitgliedern des Krankenhauskomitees bekannt machen. Sicher haben Sie gehört, dass der Verwaltungsrat das Schloss schließen will. Wir sind froh über jeden, der mit uns für den Erhalt kämpft.“ Damit hätte sie eine Aufgabe und wäre nicht mehr nur auf Simons Behandlung – und seinen Arzt – fixiert. Vielleicht fand sie dabei neue Freunde. Freunde, die nicht fürchten mussten, durch zu viel Nähe ihre Freiheit zu verlieren …

„Ich habe heute eine Zeit lang mitdemonstriert. Es wäre ein Jammer, wenn dieses Krankenhaus dichtmachen müsste. Nach allem, was Sie hier für Simon getan haben. Was wird aus Ihnen, wenn es schließt? Was wird aus uns?“

Wie Sturmwolken, die einen strahlenden Sommerhimmel verdüsterten, legte sich ein Schatten über ihre schönen blauen Augen. Matt begriff, dass er für sie auch in Zukunft ein Anker in einem Meer von Unsicherheit sein sollte. Eine Erwartung, die er nicht erfüllen konnte.

„Ich hoffe, die Proteste und Spendenaktionen sorgen dafür, dass es nicht dazu kommt. Was mich betrifft, so ist mein Vertrag zeitlich befristet. Ich würde also in jedem Fall nicht mehr lange bleiben.“

„Simon wird Sie sehr vermissen.“ Sie brach den Blickkontakt ab und stellte geschäftig die leeren Teller zusammen.

Der Gedanke, dass er ihr oder Simon damit Kummer bereitete, versetzte Matt einen Stich. „Machen Sie sich keine Sorgen“, antwortete er daher. „Noch bin ich nicht weg, und wenn ich in London bleibe, besteht immer die Möglichkeit, dass er an mich überwiesen wird.“

Quinn nickte nur. So wie sie sich auf die Lippe biss, wirkte sie jedoch nicht überzeugt.

Unerwartet beschlichen ihn erste Zweifel. Seine Vorstellung von einem sorglosen Leben ohne Verpflichtungen und Bindungen, mit allen Chancen, neue Leute kennenzulernen und sich auszusuchen, wo er arbeitete, bekam den ersten Dämpfer. Er hatte nicht daran gedacht, dass ihm Patienten ans Herz wachsen könnten oder umgekehrt er für sie besonders wichtig wurde.

Nein, darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Zu lange hatte er in der Warteschleife gelebt, war ausschließlich für andere da gewesen. Jetzt war er an der Reihe, die Flügel auszubreiten und seine Freiheit zu genießen!

Betretenes Schweigen breitete sich zwischen Quinn und ihm aus, daran änderten auch das muntere Stimmengewirr und gelegentliches Gelächter im überfüllten Pub nichts. Matt fühlte sich stark zu der zierlichen Brünetten hingezogen und sehnte sich andererseits nach einem ruhigen, unkomplizierten Leben. Wofür er sich in diesem Konflikt auch entschied, das bittere Gefühl von Verlust und Verzicht würde bleiben.

Der Vibrationsalarm seines Handys holte Matt aus seinen Gedanken. Er fischte es aus der Hosentasche und las die Nachricht.

„Simon ist wach. Wir sollten zurückgehen.“ Und einen Schlusspunkt unter das setzen, was hier gerade passiert ist …

Ein Leuchten glitt über ihr Gesicht. „Oh, gut! Worauf warten wir?“

Die dunklen Wolken hatten sich verzogen, ihre Augen strahlten, und Matt vergaß für einen Moment, dass er Abstand halten wollte. Er sah nur ihre Freude und begriff, dass Simon für sie das Wichtigste auf der Welt war. Pflegefamilien hatten ihre Schützlinge nur auf Zeit, und hoffentlich brach es ihr nicht das Herz, wenn für den Jungen Adoptiveltern gefunden wurden.

Allerdings kannte er Quinns Zukunftspläne nicht. Hauptsache, sie achtete auf sich selbst und ihre Bedürfnisse. Er hatte seinen Beruf gehabt, nachdem seine Schwestern flügge geworden waren und ihn aus der Elternrolle entlassen hatten.

Quinn würde alles geben für Simon, und deshalb war es umso wichtiger, dass sich jemand auch um sie kümmerte.

Matt hatte keine Ahnung, warum er sich angesprochen fühlte …

Endlich war Simon wach!

Nicht gerade stolz darauf, wie sie sich in den letzten Stunden verhalten hatte, war Quinn froh über die Unterbrechung. Am liebsten hätte sie den Jungen auf der Stelle mit nach Hause genommen. Dort lief sie wenigstens nicht Gefahr, den armen Matt auf ihre emotionalen Achterbahnfahrten mitzunehmen.

Der Chirurg, dessen einzige Aufgabe es war, Simon zu operieren, hatte einiges abbekommen: irrationale Eifersucht, Angst, Zorn, Selbstmitleid und anzügliche Anspielungen. Vor allem die Erinnerung an ihre peinliche Bemerkung mit dem Sofa trieb ihr wieder die Schamesröte ins Gesicht. Quinn wickelte sich in ihren Cardigan und wünschte sich eine Kapuze, um sich verstecken zu können.

Sie war nicht blöd. Matts Vorschlag, dem Komitee beizutreten, war eine subtile Aufforderung, ihn in Ruhe zu lassen und jemand anderem auf die Nerven zu gehen. Hatte er ihr nicht deutlich klargemacht, wo seine Prioritäten lagen? Mit Kindern anderer Eltern wollte er nichts zu tun haben, es sei denn, sie lagen auf seinem OP-Tisch.

„Ist Ihnen kalt?“ Seine besorgte Stimme stoppte ihr Gedankenkarussell.

Er war wirklich ein netter Mann und konnte nichts dafür, dass sie seine guten Manieren mit romantischem Interesse verwechselte. Jetzt legte er ihr seine Jacke um die Schultern. Quinn versuchte sich zu sagen, dass er als Arzt nicht auch noch Unterkühlung zu all ihren bestehenden Problemen hinzufügen wollte. Aber dem Stoff haftete seine Wärme an, zusammen mit dem dezenten Duft nach einem würzigen Aftershave, den sie inzwischen mit Matts beruhigender Nähe verband.

Einen Moment lang erschien es ihr gar nicht einmal so abwegig, die Jacke einfach nicht zurückzugeben, um auch zu Hause immer von diesem männlichen Duft umgeben zu sein …

Als sie das Krankenhaus betraten, zog sie sie schnell aus, sonst hätte sie sie wirklich noch mitgenommen und heute Nacht darin geschlafen!

„Vielen Dank. Das nächste Mal werde ich daran denken, nicht ohne Mantel aus dem Haus zu gehen.“

Matt streifte sie über seine breiten Schultern. Ja, an ihm sah sie sowieso besser aus! Quinn sagte sich, dass sie, klein und schmal, wie sie war, neben ihm wahrscheinlich wie ein vernachlässigtes Kind wirkte. Ein Bild, das keine Frau einem Mann bieten wollte, zu dem sie sich hingezogen fühlte.

Die perfekte Partnerin für Matt wäre eher eine der gestylten, modisch frisierten und dezent geschminkten Frauen, die hier einige Abteilungen leiteten. Keine von ihnen würde sich jemals mit leicht zerzaustem Pferdeschwanz, flüchtig hingetupftem Lipgloss und unförmiger Kleidung in diesen Fluren blicken lassen. Quinn nahm sich fest vor, ihre romantischen Gefühle für Matt in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins zu schieben.

„Sie brauchen nicht mit hochzufahren“, sagte sie, als sie am Aufzug standen. „Ich kenne das Gebäude wie meine Westentasche. Danke für Ihre Hilfe heute, aber jetzt komme ich allein zurecht. Wir sehen uns bei Simons nächstem Termin.“ Quinn drückte auf den Knopf, während sie nicht darüber nachzudenken versuchte, was Matt für den Rest des Abends ohne sie vorhatte. Und mit wem.

„Erinnern Sie sich, ich hatte Simon versprochen, bei ihm vorbeizuschauen. Ich möchte ihn ungern enttäuschen.“ Matt folgte ihr in den Fahrstuhl.

Die Stahltüren schlossen sich hinter ihnen, und Quinn fiel auf einmal das Atmen schwer. Nichts in der kleinen Kabine konnte sie davon ablenken, dass sie mit Matt McGrory allein war. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, und summte leise vor sich hin, um keinen Small Talk machen zu müssen.

Im nächsten Stockwerk stiegen eine Frau und ein Mann zu. Quinns Hoffnung, dass sich die knisternde Spannung legen würde, erfüllte sich nicht. Nun zu viert, mussten sie näher zusammenrücken, und die Versuchung, sich an ihn zu schmiegen, ihn zu küssen, um herauszufinden, wie viel verborgene Leidenschaft in ihm steckte, wurde übermächtig. Natürlich rührte sie sich nicht, aber sie spürte seine Wärme durch ihre Kleidung hindurch. So heiß, wie ihr war, hätte sie genauso gut nackt sein können …

Ein korpulenter Mann zwängte sich in den Fahrstuhl und stieß dabei Matt gegen Quinn.

„Entschuldigung.“ Matt schlang ihr den Arm um die Taille, um das Gleichgewicht zu wahren.

Wie ein Feuerwerk explodierte Hitze in ihr. Innerlich stand sie in Flammen, während Matt sie mit seinem großen Körper vor den dicht gedrängt stehenden Fahrgästen abschirmte. Er hielt sie sicher fest, beschützend und besitzergreifend zugleich. Oder bildete sie sich Letzteres nur ein?

Als sie endlich ausstiegen, begleitete er sie in den Flur, ohne sie loszulassen. Zwar lockerte er den Griff ein wenig, doch er ließ seinen Arm, wo er war.

Schade, dass ich ihm nicht früher begegnet bin, dachte sie verträumt. Bevor ihr Leben kompliziert wurde, vor Darryl also. Oder später, wenn alles stabiler wäre, nach den Anfangsschwierigkeiten mit Simon. Sicher, er hatte betont, dass er an einer festen Beziehung nicht interessiert sei, aber trotzdem mochte Quinn die Idee noch nicht endgültig loslassen. Männer wie Matt gab es nicht viele, und bestimmt würde sie es eines Tages bereuen, ihren Gefühlen nicht nachgegeben zu haben.

„Matt, ich glaube, wir sollten reden …“

Bevor sie jedoch die Saat für ein romantisches Tête-à-Tête legen konnte, ließ Matt sie abrupt los, als hätte er sich verbrannt. Noch während sie seine Wärme vermisste, erkannte sie, warum er so plötzlich auf Abstand gegangen war.

„Hey, Rebecca.“

Autor

Amy Ruttan

Amy Ruttan ist am Stadtrand von Toronto in Kanada aufgewachsen. Sich in einen Jungen vom Land zu verlieben, war für sie aber Grund genug, der großen Stadt den Rücken zu kehren. Sie heiratete ihn und gemeinsam gründeten die beiden eine Familie, inzwischen haben sie drei wundervolle Kinder. Trotzdem hat Amy...

Mehr erfahren
Karin Baine
Mehr erfahren
Annie O'Neil
Mehr erfahren