Julia Ärzte zum Verlieben Band 162

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

NUR DU KANNST MEIN HERZ HEILEN von KATE HARDY
Der Liebe hat Geburtshelfer Nathaniel nach einer schweren Enttäuschung abgeschworen. Bis die schöne Ärztin Rebecca jäh sein Herz höherschlagen lässt. Doch ist die Singlemom nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes überhaupt bereit für eine neue Beziehung?

PRICKELNDES WIEDERSEHEN MIT DR. DAVENPORT von KARIN BAINE
Ausgerechnet Dr. Seth Davenport! Der angesehene Chirurg ist nicht nur der Einzige, der Prinzessin Kajas krankem Vater helfen kann – er ist auch ihr Ex. Beim Wiedersehen sprühen sofort sinnliche Funken. Doch wird er ihr je verzeihen, dass sie ihn einst verlassen musste?

DIAGNOSE: IMMER NOCH LIEBE von JULIETTE HYLAND
Schwester Amara kann den zärtlichen Küssen von Notarzt Eli Collins nicht lange widerstehen. Ein Fehler? Schon bald muss sie befürchten, dass ihr attraktiver Jugendfreund immer noch nicht sie, sondern einzig und allein seine Karriere liebt …


  • Erscheinungstag 11.03.2022
  • Bandnummer 162
  • ISBN / Artikelnummer 9783751511537
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kate Hardy, Karin Baine, Juliette Hyland

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 162

KATE HARDY

Nur du kannst mein Herz heilen

Immer wenn ihr neuer Kollege Nathaniel sie anlächelt, läuft Dr. Rebecca Hart ein sinnlicher Schauer über den Rücken – den sie sofort ignoriert! Egal, wie attraktiv Nathaniel ist, sie hat sich schon einmal von einem sehr charmanten Mann betören – und dann sehr verletzen lassen. Außerdem hat sie als berufstätige Singlemom eigentlich keine Zeit für eine Beziehung!

KARIN BAINE

Prickelndes Wiedersehen mit Dr. Davenport

Dr. Seth Davenport tut alles, um seinen royalen Patienten zu retten! Auch wenn er dazu dessen Tochter wiedersehen muss. Prinzessin Kaja, die ihm einst das Herz brach, als sie seinen Antrag ablehnte. In ihrer Nähe sind sofort all die widerstreitenden Gefühle von damals wieder da: Wut, Schmerz – und gegen jede Vernunft auch unwiderstehliches Verlangen …

JULIETTE HYLAND

Diagnose: immer noch Liebe

Als Dr. Eli Collins die zierliche neue Schwester in der Notaufnahme erkennt, pocht sein Herz verräterisch. Es ist tatsächlich seine ehemalige große Liebe Amara! Sofort durchströmen ihn Hoffnung und Sehnsucht. Er hat nie aufgehört, Amara zu lieben. Doch hat ihr Glück überhaupt eine neue Chance? Eli spürt, dass Amara etwas vor ihm verbirgt …

1. KAPITEL

„Finger weg von meiner Frau!“

Die aufgebrachten Worte waren auf der ganzen Station zu hören.

Sie würden nicht nur die betreffende Frau nervös machen, sondern auch alle anderen werdenden Mütter in Hörweite. Diese zusätzliche Aufregung brauchte keine Frau, die Wehen hatte. Rebecca wusste, dass die Leiterin der Station für Geburtshilfe gerade bei einer Besprechung mit den Fachärzten war. Vermutlich war sie von den anwesenden Mitarbeitern diejenige, die in der Hierarchie am weitesten oben stand. Also würde sie sich um die Sache kümmern müssen. Schnell ging sie in das Behandlungszimmer.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie betont freundlich.

„Nein, ist es nicht.“ Ein stämmiger Mann stand mit geballten Fäusten vor einem Bett. „Der da soll die Finger von meiner Frau lassen!“

„Der da“ war der Geburtshelfer. Rebecca hatte Nathaniel Jones noch nicht kennengelernt, da er während ihres Urlaubs am Muswell Hill Hospital angefangen hatte. Aber sie wusste, dass er eine der wenigen männlichen Hebammen war, die es in England gab. Und dass sie die Situation so schnell wie möglich entschärfen musste.

„Ich bin Dr. Hart, Ärztin für Geburtshilfe in der Facharztausbildung“, stellte sie sich vor. „Ich schlage vor, wir unterhalten uns in meinem Büro, wo wir ungestört sind.“

„Heißt das etwa, ich soll meine Frau mit dem Kerl allein lassen?“, blaffte der Mann.

„Mr. …“ Rebecca kannte das Paar nicht aus der Sprechstunde, und die Visite heute Vormittag hatte eine Kollegin gemacht. Sie sah zum Whiteboard über dem Bett, auf dem „Ruth Brown“ stand. Hoffentlich waren die beiden verheiratet, sonst machte sie alles womöglich noch schlimmer. „Mr. Brown, solange Ihre Frau bei uns auf der Station ist, tun wir alles dafür, dass es ihr und ihrem Baby gut geht“, erklärte sie ruhig.

„Ich bin als Geburtshelfer ausgebildet und habe alle erforderlichen Fähigkeiten“, ergänzte Nathaniel sanft. „Und wie Dr. Hart schon sagte – das Wohlergehen Ihrer Frau und Ihres Babys haben für uns Priorität. Vielleicht beruhigt es Sie, dass ich die Geburt von vierzig Babys begleiten musste, bevor ich meinen Abschluss erhielt. Und seitdem sind es noch einige mehr geworden. Ihre Frau ist bei mir wirklich in sicheren Händen. Meine Aufgabe ist es, ihr zu helfen.“

„Darum geht es nicht. Ich will nicht, dass ein Mann sie …“ Mr. Brown machte eine ruckartige Kopfbewegung. „Dass ein Mann sie da unten anguckt.“

Du meine Güte, wir sind hier auf einer Entbindungsstation, dachte Rebecca ungeduldig, ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wäre es Ihnen denn recht, wenn Mr. Jones bei Ihrer Frau Fieber, Blutdruck und Puls misst und sich die Bewegungen des Babys ansieht, während wir uns unterhalten?“

„Hm, na gut“, stimmte Mr. Brown widerstrebend zu.

„Sehr schön.“ Sie lächelte Nathaniel aufmunternd zu. „Wir sind gleich wieder bei Ihnen“, versicherte sie Mrs. Brown, bevor sie deren Mann in ihr Büro führte.

Rebecca Hart hatte es sicher gut gemeint. Trotzdem ärgerte sich Nathaniel darüber, dass sie einfach eingegriffen hatte, obwohl er das Problem ganz leicht hätte selbst lösen können. Hoffentlich gehörte sie nicht zu diesen Ärzten, die den Geburtshelfern gegenüber heraushängen ließen, dass sie in der Hierarchie über ihnen standen. Schließlich sollte es doch in erster Linie um die werdenden Mütter gehen!

Nathaniel atmete tief ein und verdrängte seinen Ärger. „Es tut mir leid, Mrs. Brown“, sagte er zu der Patientin.

„Nein, mir tut es leid!“, entgegnete sie. „Mike war ihnen gegenüber sehr unhöflich.“

„Ach, das ist doch nicht so wichtig. Sie sind wichtig! Und Ihrem Blutdruck tut das alles sicher auch nicht gut. Ich kann Ihnen zur Entspannung ein paar richtig schlechte Witze erzählen. Oder Sie machen Atemübungen.“

Wie erhofft, lachte sie und wirkte weniger angespannt. „Dann mache ich die Atemübungen. Mike tut es bestimmt leid, dass er so unhöflich war. Vor ein paar Wochen konnten wir plötzlich nicht mehr fühlen, ob sich das Baby bewegt. Das hat uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Und Mike ist eben ein typischer Mann: Statt seine Gefühle auszudrücken, wird er laut. Natürlich sind nicht alle Männer so“, versicherte sie schnell.

Nathaniel lachte. „Da bin ich wohl kaum eine Ausnahme. Ich kenne nicht viele Männer, die über ihre Gefühle reden können. Und jetzt messen wir mal den Blutdruck …“

„Von einer männlichen Hebamme hab’ ich noch nie was gehört!“ Mr. Brown verzog das Gesicht. „Guckt der sich gern Frauen da unten an?“

„Nein“, entgegnete Rebecca betont ruhig. „In Großbritannien gibt es mehrere Hundert männliche Geburtshelfer, die ihren Beruf aus denselben Gründen ergriffen haben wie ihre Kolleginnen: um dafür zu sorgen, dass Babys gesund auf die Welt kommen.“

„Männer sollten nicht Hebamme werden dürfen“, versetzte Mr. Brown mit vor Ärger gerötetem Gesicht.

„Nathaniel ist dafür ausgebildet und sehr erfahren. Wenn ich Wehen hätte, würde ich wollen, dass sich jemand wie er um mich kümmert: ein ausgebildeter Geburtshelfer, der mögliche Komplikationen sofort erkennt und eingreifen kann.“

„Hm, na ja, vielleicht“, stimmte Mr. Brown widerstrebend zu. „Ich will aber trotzdem nicht, dass er sich um meine Frau kümmert.“

„Hätten Sie auch etwas dagegen, dass ein männlicher Arzt sie behandelt?“

„Nein“, antwortete er überrascht. „Eine Hebamme ist doch kein Arzt!“

Aber genauso wichtig, dachte Rebecca, wollte sich jedoch jetzt nicht darüber streiten. „Vielleicht kann sich eine weibliche Geburtshelferin um Ihre Frau kümmern, aber versprechen kann ich Ihnen das nicht.“ Als sie die Angst in Mr. Browns Augen bemerkte, fragte sie sanft: „Ist es ihr erstes Kind?“

Als er nickte, fuhr sie fort: „Beim ersten Kind kann man es kaum erwarten, endlich das kleine Lebewesen kennenzulernen, das man beim Ultraschall gesehen hat. Gleichzeitig hat man oft Angst, weil im Internet zu viele Horrorstorys darüber kursieren, was alles schiefgehen kann.“

„Stimmt“, gab Mr. Brown zu. „Vor ein paar Wochen hat Ruth plötzlich nicht mehr gespürt, dass das Baby sich bewegt. Ich bin so schnell mit ihr hierhergefahren, dass die Polizei uns angehalten hat. Aber als ich denen alles erklärt habe, haben sie uns mit Blaulicht begleitet.“

„War denn alles in Ordnung?“ Rebecca kannte die Antwort auf diese Frage, doch sie wollte mit Mr. Brown im Gespräch bleiben.

„Bei der Untersuchung hat man gesehen, dass das Baby sich bewegt.“ Um den Mund des Mannes zuckte es leicht. „Aber die Ärzte haben gesagt, dass das Baby ein bisschen zu klein ist. Deshalb soll heute die Geburt eingeleitet werden. Als wir am Morgen ankamen, hat sich eine andere Hebamme um Ruth gekümmert und diese Sache gemacht … diese Ablösung.“

„Ja, dabei wird die Fruchtblase vom Rand der Gebärmutter gelöst. Dadurch werden Hormone freigesetzt, die die Wehen auslösen.“ Das hatte ihm die Hebamme bestimmt schon erklärt, doch Rebecca wollte sichergehen, dass Mr. Brown den Vorgang verstand. „Dann hat Ihre Frau wohl noch keine Wehen?“

„Nein. Und dann wollte Ihr Kollege so ein Pessardings bei meiner Frau einführen, in … in ihre …“ Aufgebracht und verlegen unterbrach er sich.

„Die erste Hebamme hat Ihnen wahrscheinlich ja schon gesagt, dass das notwendig wird, wenn bei Ihrer Frau nicht innerhalb von sechs Stunden die Wehen einsetzen“, erwiderte Rebecca sanft.

„Ich hab’ das alles gar nicht so richtig kapiert“, gab Mr. Brown zu. „Ich hab’ mir einfach nur Sorgen um Ruthie und das Baby gemacht.“

„Wenn nach der Loslösung der Fruchtblase von der Gebärmutter die Wehen nicht einsetzen, werden die Prostaglandin-Hormone in Form einer Tablette in die Vagina eingeführt.“ Bewusst drückte Rebecca sich möglichst sachlich aus. „In manchen Fällen muss das zweimal passieren. In der jetzigen Situation ist es sehr wichtig, dass sich jemand mit viel Erfahrung um Ihre Frau und das Baby kümmert. Jemand, der sie als werdende Mutter sieht und ihre Ängste und Befürchtungen versteht – und Ihre ebenfalls“, fuhr sie fort. „Vermutlich kann sich Mr. Jones als Mann besser in Sie hineinversetzen als eine weibliche Geburtshelferin.“

Unruhig rutschte Mr. Brown auf seinem Stuhl hin und her. Ganz offensichtlich hatte er immer noch seine Zweifel.

„Ich kann Ihnen versichern, dass Mr. Jones Ihre Frau mit ganz anderen Augen ansieht, als Sie das tun“, sagte Rebecca so freundlich wie möglich. „Genau so, als wenn Sie einen Knoten an den Hoden hätten und ich Ihre Ärztin wäre.“

Mr. Brown errötete heftig.

„Natürlich würde ich Sie untersuchen, das ist schließlich meine Aufgabe. Aber ich würde Sie als Patienten sehen, der meine Hilfe braucht. Mit Sexualität hätte das nichts zu tun. Und genauso ist es auch, wenn Mr. Jones Ihre Frau untersucht.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht“, sagte Mr. Brown widerstrebend.

„Wenn keine weibliche Hebamme verfügbar ist und Sie noch immer Bedenken haben, ob ein männlicher Geburtshelfer korrekt vorgeht, können wir eine weitere Person zur Aufsicht hinzuziehen.“ Der Mann hatte vorhin gesagt, dass er gegen einen männlichen Arzt nichts einzuwenden hatte. Also konnte sie ihr Anliegen so vielleicht am besten verdeutlichen. „Und wenn einer unserer männlichen Ärzte Ihre Frau untersuchen muss, können wir ebenfalls eine Aufsichtsperson hinzuziehen.“ Sie gab Mr. Brown etwas Zeit zum Überlegen.

Schließlich sah er sie an. „Ich mache einen Riesenaufstand wegen gar nichts, stimmt’s?“

„Sie sind ja auch in einer Ausnahmesituation und besorgt, das ist verständlich. Allerdings können Sie sich von der Sorge wegen einer männlichen Hebamme ganz leicht befreien und sich das Leben etwas einfacher machen.“

Mr. Brown atmete tief ein. „Also gut, Mr. Jones soll sich ruhig um meine Frau kümmern. Ein Aufpasser ist nicht nötig.“

Rebecca war erleichtert. „Danke“, sagte sie lächelnd. „Sie können sicher sein, dass unsere sämtlichen Mitarbeiter Sie und Ihre Frau immer mit Respekt behandelt werden. Ich muss Sie allerdings auch darauf hinweisen, dass hier in unserem Krankenhaus eine Null-Toleranz-Richtlinie gilt. Beleidigungen dulden wir nicht, denn auch unsere Mitarbeiter haben ein Recht darauf, respektvoll behandelt zu werden.“

Wieder rutschte Mr. Brown auf seinem Stuhl hin und her. „Ich schulde wohl jemandem eine Entschuldigung.“

Allerdings, dachte Rebecca. Laut sagte sie: „Das müssen Sie selbst entscheiden.“

„Es tut mir leid. Ich … Manchmal kriege ich einfach Panik. Ich bin es gewohnt ...“ Er verstummte.

Wahrscheinlich war er es gewohnt, laut zu werden, wenn irgendwas nicht nach Plan lief. Sie kannte diesen Typ Mann zur Genüge, doch das war jetzt nicht das Thema. Wichtig war nur, dass Mrs. Brown so gut wie möglich versorgt wurde.

„Gut, dann lassen Sie uns doch jetzt zurück zu Ihrer Frau gehen.“

„Ruth wird mich umbringen“, sagte Mr. Brown beschämt.

„Da gerade die Geburt ihres ersten Kindes eingeleitet wird, vermute ich, dass sie momentan anderes im Kopf hat.“ Rebecca lächelte. „Sie wird bestimmt froh sein, wenn Sie ihr die Hand halten, mit ihr reden und sie ein bisschen ablenken. Oder ihr ein Sandwich holen oder den Rücken massieren.“

Sie ging ihm voran in das Zimmer, in dem Mrs. Brown lag und sich mit Nathaniel unterhielt.

Mr. Brown kam hinzu. „Tut mir leid, wenn ich Ihnen unrecht getan habe.“ Er streckte Nathaniel die Hand hin.

Der schüttelte sie. „Schon in Ordnung. Beim ersten Kind ist man eben sehr angespannt und fühlt sich etwas hilflos, wenn man nicht weiß, wie man seiner Frau helfen soll.“

Offenbar hatte Mrs. Brown mit ihm über das Thema gesprochen. Rebecca fand, dass er sehr einfühlsam mit dem werdenden Vater umging.

„Genau.“ Mr. Brown nickte.

„Nathaniel kümmert sich super um mich, Mike“, versetzte seine Frau. „Ich hoffe, du hörst jetzt auf, Ärger zu machen, damit wir uns auf die Geburt konzentrieren können!“

Niedergeschlagen nickte Mr. Brown.

„Sie können Ihrer Frau noch einen Tee holen, während ich mich um das Prostaglandin kümmere“, schlug Nathaniel vor.

„Ist gut. Möchten Sie auch irgendwas?“

„Nein, vielen Dank.“ Er lächelte.

„Ich hätte gern ein Sandwich mit Hühnchensalat“, meldete sich Mrs. Brown. Als ihr Mann gegangen war, fügte sie hinzu: „Mike meint das alles nicht so. Er ist eben … manchmal ein bisschen altmodisch.“

„Wir haben uns unterhalten“, erklärte Rebecca. „Ich glaube, ihm ist jetzt klar, dass am Umgang mit den Patienten für medizinisches Personal rein gar nichts Sexuelles ist.“

Mrs. Brown verdrehte die Augen. „Oh nein, wie peinlich – das tut mir wirklich leid!“

„Braucht es nicht“, beruhigte Nathaniel sie. „Viele Männer, die zum ersten Mal Vater werden, empfinden das so. Jetzt konzentrieren wir uns aber auf Sie und das Baby.“

„Ich muss vor meiner Sprechstunde noch etwas Papierkram erledigen. Sagen Sie mir einfach Bescheid, falls Sie mich brauchen“, sagte Rebecca.

„Ist gut, danke“, erwiderte Nathaniel. Ihm war jedoch anzusehen, dass er nicht vorhatte, das zu tun. Rebecca unterdrückte ein Seufzen. Mitarbeiter mit leicht kränkbarem Ego konnte sie im Team wirklich nicht gebrauchen. Bei dieser Arbeit war einfach kein Raum für Befindlichkeiten. Hier hatten die werdenden Mütter und ihre Babys absolute Priorität.

Mit Nachmittags-Visite und Sprechstunde verging fast der ganze restliche Arbeitstag. Rebecca trug noch etwas in ihre Patientenakten ein, als es klopfte und Nathaniel eintrat.

„Hallo, Dr. Hart.“

Unter normalen Umständen hätte sie ihm angeboten, dass sie sich mit Vornamen ansprachen, und ihn gefragt, ob er sich an seinem neuen Arbeitsplatz schon gut eingelebt hatte. Doch etwas an seinem Verhalten hatte sie geärgert. „Was gibt es denn, Mr. Jones?“

„Die Browns haben eine kleine Tochter bekommen. Sie ist gesund und wiegt zwei Komma sechs Kilo.“

„Das ist ja toll!“ Rebecca freute sich. „Danke, dass Sie mir Bescheid gegeben haben.“

„Mit zweitem Vornamen soll sie Natalie heißen – nach mir.“ Er lächelte.

Wenige Stunden zuvor hatte Mr. Brown sich noch lautstark dagegen gewehrt, dass Nathaniel seiner Frau auch nur nahekam. Und nun wollte er seine Tochter nach ihm benennen? Rebecca staunte.

Dann wurde ihr schlagartig etwas klar: Sie hatte ohne zu fragen in einen Konflikt eingegriffen, den Nathaniel auch allein hätte entschärfen können.

„Tut mir leid!“

„Was tut Ihnen leid?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Dass ich mich vorhin einfach eingemischt habe“, erklärte sie. „Das hätten Sie bestimmt auch allein hinbekommen.“

Als Nathaniel sie anlächelte, lief ihr ein angenehmer Schauer über den Rücken, den sie sofort unterdrückte. Schließlich hatte sie als alleinerziehende Mutter kein Interesse daran, sich auf einen Mann einzulassen.

„Ich verstehe schon, warum Sie eingegriffen haben. Mike Brown hat ja wirklich ganz schönen Lärm gemacht.“

„Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir uns auf dem falschen Fuß erwischt haben.“

„Sie machen doch bestimmt demnächst Pause“, sagte Nathaniel. „Kann ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen?“ Als sie zögerte, fügte er hinzu: „Keine der anderen Geburtshelferinnen hat gerade Zeit. Aber ich habe eben ein Kind mit zur Welt gebracht und bin noch ganz überwältigt von dem Erlebnis. Ich möchte unbedingt mit jemandem reden, der das nachvollziehen kann.“

Erneut verspürte Rebecca bei seinem Lächeln ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Das verwirrte sie, denn normalerweise reagierte sie nicht so stark auf Männer.

„Ich gebe Kaffee und Kuchen aus, und im Gegenzug darf ich Ihnen von der Geburt vorschwärmen.“ Wieder lächelte er.

Etwas in ihr sträubte sich. Nathaniel war sehr charmant, doch sie hatte sich schon einmal von einem sehr charmanten Mann betören und dann das Herz brechen lassen. Andererseits wollte sie sich mit dem neuen Kollegen nach dem etwas holprigen Start gut stellen. „Einverstanden, aber nur, wenn ich bezahlen darf.“

„Dr. Hart, es geht wirklich nur um einen Kaffee“, sagte Nathaniel sanft.

Rebecca errötete verlegen.

„Was haben Sie eigentlich zu Mike Brown gesagt?“

„Dass ich ihn ja auch als besorgten Patienten und nicht als Sexobjekt sehen würde, wenn ich als seine Ärztin zum Beispiel seine Hoden untersuchen würde. Und dass das bei Ihnen genauso ist, wenn Sie eine Frau untersuchen. Weil es Ihre Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass Kinder gesund zur Welt kommen.“

Als er lächelte, erschienen winzige Fältchen um seine dunklen Augen. Ihr fiel auf, wie lang seine Wimpern waren. „Ich hätte ja zu gern seinen Gesichtsausdruck gesehen, als Sie das gesagt haben!“

Rebecca speicherte die Datei ab, an der sie gearbeitet hatte, und loggte sich aus. Gemeinsam gingen sie in die Kantine.

„Sie müssen mir noch Ihre Vorlieben verraten.“

Ihr wurde heiß. Er will wissen, wie ich meinen Kaffee trinke, rief sie sich schnell in Erinnerung. Warum reagierte sie bloß so heftig auf Nathaniel? Sie flirtete doch sonst nie, zumindest nicht seit der Sache mit Lucas. „Einen skinny Cappuccino bitte, ohne Schokolade obendrauf.“

„Alles klar. Wie sieht’s mit Kuchen aus?“

„Kuchen ist nicht so mein Fall, aber vielen Dank.“

Nathaniel bestellte den Kaffee und ein Stück Kuchen für sich. Dann suchten sie sich einen Tisch in einer ruhigen Ecke.

„Ich war ja nicht da, als Sie hier angefangen haben“, sagte Rebecca. „Wie haben Sie sich denn so eingelebt?“

„Gut! Die Kollegen sind alle total nett“, erwiderte Nathaniel. „Ich habe meine Ausbildung am London Victoria Hospital gemacht. Dieser Teil der Stadt hat mir aber schon immer gefallen, deshalb habe ich mich gleich beworben, als die Stelle frei wurde. Und Sie? Arbeiten Sie schon lange hier?“

„Seit zwei Jahren. Ich habe meine Ausbildung in Hampstead gemacht.“ Dort hatte es ihr sehr gefallen. Doch vor dreieinhalb Jahren war ihr Mann Lucas mit dem Motorrad verunglückt. Plötzlich war sie Witwe gewesen – und alleinerziehende Mutter eines einjährigen Babys. Lucas war zu schnell gefahren, aber nicht, um so bald wie möglich bei ihr zu sein. Er hatte Risiken und den Geschwindigkeitsrausch geliebt und die vereiste Fläche auf der Straße entweder nicht gesehen oder die Gefahr bewusst in Kauf genommen.

Lucas wurde zu seinem eigenen Krankenhaus geflogen und in die Notaufnahme eingeliefert.

Einen Patienten zu verlieren, war immer furchtbar. Doch wenn es sich bei dem Patienten um einen Kollegen handelte, der bei allen beliebt war … Das war unerträglich. Lucas’ Tod erschütterte das ganze Team und riss Rebecca den Boden unter den Füßen weg. Noch bevor sie die Beerdigung organisieren konnte, traf sie ein weiterer Schicksalsschlag. Ihre Regel war ausgeblieben, doch das hatte sie sich mit der Belastung und dem Schmerz über den Tod ihres Mannes erklärt. Aber dann war sie ebenfalls in die Notaufnahme gebracht worden, wo man ihr mitteile, dass sie eine Eileiterschwangerschaft hatte. Sie hatte einen ihrer Eileiter verloren – und das Baby.

Rebecca gab sich einen Ruck und schob die schmerzvollen Erinnerungen bewusst beiseite. Sie war seit dreieinhalb Jahren Witwe und alleinerziehende Mutter. Das war genug Zeit, um zu lernen, Jasmine nicht übermäßig zu behüten und nicht zu versuchen, ihr beide Elternteile zu ersetzen. Der Umzug nach Muswell Hill hatte ihr geholfen, und Jasmine fühlt sich in ihrem Kindergarten sehr wohl. „Für einen Mann ist Geburtshelfer eine ungewöhnliche Berufswahl“, sagte sie. „Wie sind Sie darauf gekommen?“

„Früher war ich Bauleiter“, erwiderte Nathaniel.

„Gut, dass Mr. Brown das nicht weiß! Er hätte sicher kein Vertrauen zu einem Mann, der vom Baugerüst aus jeder Frau hinterherpfeift!“

Er lachte – ein tiefes, wohlklingendes Lachen, das ihre Haut kribbeln ließ. „Das sind aber ganz schöne Klischees!“

„Stimmt“, gab sie zu. „Aber wenn ich an einer Baustelle vorbeigehe, wird mir ständig nachgepfiffen!“

„Na klar, Sie sind ja auch blond und hübsch!“

Rebecca spürte, wie sie errötete. „Ich war nicht auf Komplimente aus. Ich meinte, dass Sie jeder Frau nachpfeifen!“

„Manche Bauleute stehen auch auf Männer“, entgegnete Nathaniel.

Wollte er ihr damit sagen, dass er schwul war? „Aha. Und warum haben Sie sich einen neuen Beruf gesucht?“

Nathaniel hatte diese Geschichte schon oft erzählen müssen. „Ich bin vom Dach gestürzt und habe mir die Wirbelsäule gebrochen“, erklärte er gut gelaunt. „Vier Monate war ich im Krankenhaus.“

„Autsch!“, machte Rebecca mitfühlend. „Und danach haben Sie wahrscheinlich ziemlich viel Physiotherapie gemacht.“

Er nickte. „Ich hatte jede Menge Zeit, darüber nachzudenken, womit ich mein Leben wirklich verbringen wollte. Ob ich es wagen würde, wieder auf eine Baustelle zu gehen und auf eine Leiter zu steigen.“

„Und?“

„Na ja. Ich hatte die Wahl zwischen der Arbeit in einem Krankenhaus mit Klimaanlage und der Arbeit draußen, bei eisigem Wetter, Regen oder sengender Hitze. Und noch vor meinem vierzigsten Geburtstag würde meine Arbeit durch Arthritis noch viel schwerer werden.“ Er zuckte die Schultern. „Da fiel die Entscheidung nicht schwer.“

Allerdings war es nicht allein seine Entscheidung gewesen. Angie hatte beschlossen, die Verlobung mit ihm zu lösen. Seine große Liebe hatte nicht zu ihm gehalten, als er am meisten auf ihre Unterstützung angewiesen war. Denn sie hatte sich mit Nathaniel, dem Bauleiter, verlobt und war nicht bereit gewesen, ihn nach dem Unfall zu pflegen, ohne zu wissen, ob er jemals wieder gehen konnte oder vielleicht sein Leben lang auf sie angewiesen sein würde. Obwohl Nathaniel das irgendwann verstanden hatte, fiel es ihm noch immer schwer, ihr zu verzeihen.

Hatte Angie ihn überhaupt jemals wirklich geliebt? War sein Urteilsvermögen in Bezug auf Beziehungen dermaßen schlecht? Die ganze Sache hatte Nathaniels Selbstvertrauen so erschüttert, dass er seitdem keine ernsthafte Beziehung mehr eingegangen war. Weil er nicht noch einmal erleben wollte, dass er einer Partnerin nicht genügte, ließ er sich nur auf unverbindliche, kurze Beziehungen ein.

Aber das alles würde er Rebecca Hart nicht erzählen. Und sie hatte ja auch gar nicht danach gefragt.

„Ich wollte einen Beruf, in dem ich etwas für andere Menschen bewegen kann“, sagte er. „Die Pflegekräfte, die sich in den schweren ersten Wochen nach meinem Unfall um mich gekümmert haben, haben so viel für mich getan. Da wollte ich auch anderen Menschen helfen.“

„Ja, Pflegekräfte leisten tolle Arbeit“, stimmte Rebecca zu. „Haben Sie dann sofort mit der Ausbildung angefangen, als Sie sich erholt hatten?“

Nathaniel nickte. „Ja. Ich musste zuerst ein Jahr lang einen Vorbereitungskurs machen, weil ich schon mit sechzehn von der Schule abgegangen bin. Dann habe ich einen Bachelor im Pflegebereich gemacht.“ Lächelnd fuhr er fort: „Das war ein tolles Studium. Ich hatte vor, mir später eine Stelle in der Notaufnahme zu suchen, weil mir das Praktikum dort am meisten Spaß gemacht hat. Aber in meinem Abschlussjahr wurde dann die Frau meines besten Freundes Jason schwanger. Er war auf Geschäftsreise, und die Familie von Denise war in Paris auf einer Familienfeier. Keiner rechnete damit, dass das Kind kommen würde, weil angeblich das erste Kind immer viel später kommt als errechnet.“

Dieses Klischee kannte Rebecca natürlich. „Lassen Sie mich raten: Die Wehen fingen viel früher an als erwartet?“

„Genau. Denise rief mich voller Panik an. Eigentlich wollte ich nur zu Beginn der Wehen dabei sein, weil ich dachte, dass Jason rechtzeitig zur Geburt wieder da sein würde. Aber alles ging sehr schnell, und so kam er erst an, als Sienna schon ein paar Stunden alt war. Es war ein unglaubliches Gefühl, dabei zu sein, als mein Patenkind den ersten Atemzug machte.“ Mit einem jungenhaften Lächeln fügte er hinzu: „Meine erste Aufgabe als Patenonkel bestand darin, sie zu wickeln.“

Rebeccas blaue Augen funkelten belustigt. „Und nicht einmal das hat Sie davon abgebracht, Geburtshelfer werden zu wollen?“

„Nein. Diese ersten Momente, das Gesicht eines neugeborenen Kindes – damit stand mein Entschluss fest. Allerdings musste ich deshalb noch eineinhalb Jahre lang eine zusätzliche Weiterbildung machen,. Ich war der einzige Mann in meinem Jahrgang, wurde aber von den meisten akzeptiert.“

„Nur von den meisten?“

„Eine der Ausbilderinnen vertrat die Ansicht, Männer sollten keine Geburtshelfer werden, weil sie selbst keine Kinder bekommen können.“

„Komische Logik“, fand Rebecca. „Dann dürfte auch niemand Herzchirurg werden, der selbst noch nicht am Herzen operiert wurde! Solche Denkweisen kann ich wirklich nicht leiden.“

Nathaniel freute sich über ihre Worte und musste sich eingestehen, dass er Rebecca falsch eingeschätzt hatte: Sie hatte vorhin einfach nur eingegriffen, um zu helfen.

Er zuckte die Schultern. „Immerhin war ich dadurch schon ein bisschen auf solche Vorurteile vorbereitet. Jetzt habe ich immer gute Argumente parat. Die Hauptsache ist aber, dass ich meine Arbeit liebe! Für mich ist es ein absolutes Privileg, Frauen in dieser ganz besonderen und besonders sensiblen Phase zu unterstützen.“

„Hatten Sie schon öfter mit werdenden Vätern wie Mr. Brown zu tun?“, wollte sie wissen.

„Ja, ein- oder zweimal. Es gab auch ab und zu Frauen, die keine männliche Hebamme bei der Geburt dabeihaben wollten. Eine Ironie des Schicksals führte dazu, dass sie letzten Endes ihr Kind per Kaiserschnitt auf die Welt brachten, durchgeführt von einem männlichen Chirurgen. Aber die allermeisten Menschen haben überhaupt kein Problem mit mir.“ Er lächelte sie an. „Und Sie? Warum haben Sie sich auf Geburtshilfe spezialisiert?“

„Weil mich während der Ausbildung die Arbeit in diesem Bereich so begeistert hat“, erklärte sie. „Dieser allererste Moment, wenn alles ganz still ist, das Baby die Augen aufmacht und einen ansieht – dann spiegeln sich alle Wunder der Welt auf diesem kleinen Gesicht.“

„Und diese winzigen Finger und Zehen!“, ergänzte Nathaniel. „Ich liebe Babyfüße!“

„Und die unglaublich zarte Haut!“, stimmte Rebecca mit ein. „Ganz egal, wie ein Baby aussieht – es ist immer wunderschön.“

Ihr beglückter Gesichtsausdruck verschlug Nathaniel den Atem. Vor ihm saß nicht mehr eine etwas förmliche Ärztin, sondern die hübscheste Frau, die er je gesehen hatte. Seine Haut begann zu prickeln.

„Wir scheinen uns ja ziemlich einig zu sein“, stellte er fest.

„Ja.“ Sie nickte. „Danke für den Kaffee, Mr. Jones.“

„Bitte nennen Sie mich doch Nathaniel.“ Ob sie jetzt wieder förmlich werden würde?

„Und ich heiße Rebecca.“

Erst als sie antwortete, merkte er, dass er den Atem angehalten hatte. Das war doch verrückt!

„Ich fürchte, ich muss wieder an die Arbeit. Aber herzlich willkommen im Team!“

Nathaniel bedankte sich und blieb bewusst noch sitzen, um seinen Kaffee auszutrinken.

Warum nahm er ihre tiefblauen Augen bloß so intensiv wahr? Ebenso wie die Form ihres Mundes und ihr Haar, dessen Farbe an reifen Weizen erinnerte ... Es war lange her, dass er so eine intensive Anziehung verspürt hatte.

Nathaniel war aufgefallen, dass Rebecca keinen Ring am linken Ringfinger trug. Aber auch wenn sie nicht verheiratet war, konnte sie in einer festen Beziehung sein. Auf keinen Fall würde er sich bei den Kollegen erkundigen, denn das würde nur für Gerüchte sorgen!

Sie hatte nicht mit ihm geflirtet, doch Nathaniel hatte sich nicht ganz zurückhalten können.

In Bezug auf Rebecca Hart würde er sehr, sehr vorsichtig sein müssen.

2. KAPITEL

Am nächsten Tag begegnete Nathaniel zum Glück Rebecca gar nicht. Doch dann hatte er am Donnerstag eine Patientin, um die er sich Sorgen machte. Eigentlich war es ein Routinetermin in der vierunddreißigsten Schwangerschaftswoche. Aber Josette Kamanyas Blutdruck war für Nathaniels Geschmack etwas zu hoch.

Noch besorgter wurde er, als er einen Urintest durchführte und darin Eiweiß nachgewiesen wurde. Der BMI der Frau lag bei über fünfunddreißig, sie hatte bereits vor der Schwangerschaft Bluthochdruck gehabt und erwartete nun ihr erstes Kind. In Nathaniels Kopf begannen die Alarmglocken zu schrillen – umso lauter, als sie ihm auch noch von vermehrten Kopfschmerzen berichtete.

Zusammengenommen deuteten all diese Symptome auf etwas hin, das ihm ganz und gar nicht gefiel.

„Mrs. Kamanya, dürfte ich mir mal Ihre Füße ansehen?“, fragte er.

Sie nickte überrascht und zog sich die Schuhe aus.

„Ihre Füße und Ihre Fußknöchel sehen leicht geschwollen aus.“ Ein weiteres beunruhigendes Anzeichen.

„Wahrscheinlich, weil ich viel zu Fuß gegangen bin und es für Juni ziemlich heiß ist“, erwiderte sie.

Nathaniel war nicht überzeugt. „Und wie sieht es mit Ihren Händen und Ihren Fingern aus?“, erkundigte er sich sanft. „Sitzen zum Beispiel Ihre Ringe enger?“

„Ja, seit ein paar Tagen.“

Die Alarmglocken in seinem Kopf schrillten lauter. „Haben Sie in letzter Zeit Schmerzen im Bauch oder unter den Rippen?“

„Nein.“

Er lächelte. „Gut. War Ihnen übel, oder mussten Sie sich übergeben?“

„Nein, zum Glück nicht! Das ist schon seit mehreren Wochen vorbei.“

„Das freut mich. Noch mal zu Ihren Kopfschmerzen – haben Sie da auch verschwommen gesehen oder Lichtblitze bemerkt?“

„Nein. Ich bekomme keine Migräne oder sowas, ich habe einfach Kopfschmerzen, die ich nicht so richtig loswerde.“

Nathaniel war noch immer nicht beruhigt, denn Frauen, die an Präeklampsie litten, hatten häufig keinerlei Beschwerden. Nur Blutdruck und Urintest wiesen dann darauf hin, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Gab es in Ihrer Familie jemals einen Fall von Präeklampsie?“, fragte er.

„Ich glaube nicht, dass es bei meiner Geburt irgendwelche Schwierigkeiten gab. Ich habe keine Geschwister, aber auch meine Cousinen hatten keine Probleme, soweit ich mich erinnere.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Ich vermute, dass Sie vielleicht unter Präeklampsie leiden“, erwiderte Nathaniel. „Ich möchte aber mit einer Ärztin darüber sprechen. Wäre es Ihnen recht, wenn wir jemanden hinzuziehen?“

Angstvoll sah Mrs. Kamanya ihn an. „Fehlt meinem Baby etwas?“

Er nahm ihre Hand. Man konnte niemals garantieren, dass alles in Ordnung war. Doch er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte. „Darum geht es nicht. Wenn sich mein Verdacht bestätigt und Sie tatsächlich unter Präeklampsie leiden, dann werden wir Sie entsprechend behandeln. Es ist eine sehr häufige Erkrankung. Wir werden uns gut um Sie beide kümmern.“

Sie nickte, schien aber noch immer Angst zu haben.

„Ich bin gleich wieder bei Ihnen“, versprach er. „Trinken Sie etwas Wasser, während Sie warten, und machen Sie eine Atemübung. Legen Sie sich die Hände so auf die unteren Rippen, dass sich die Fingerspitzen gerade so berühren.“ Er lächelte aufmunternd, als sie seinen Anweisungen folgte. „Atmen Sie ein, zählen Sie dabei langsam bis fünf, sodass sich Ihre Fingerspitzen voneinander entfernen. Atmen Sie jetzt auf fünf aus, sodass sich Ihre Fingerspitzen wieder berühren.“ Wieder lächelte er. „Sehr gut. Machen Sie bitte fünfzig solcher Atemzüge. Ich bin so schnell wie möglich wieder bei Ihnen. In Ordnung?“

„In Ordnung“, sagte Mrs. Kamanya tapfer.

Außer Rebecca war kein anderer Arzt da. Nathaniel hoffte, dass sie ihn unterstützen würde, statt die Angelegenheit an sich zu reißen oder seine Befürchtungen abzutun. Als er sie sah, verspürte er wieder eine intensive Anziehung.

„Rebecca, wären Sie so nett, eine der Mütter zu untersuchen, die ich betreue?“

„Na klar. Was ist denn los, Nathaniel?“

Als sie seinen Namen sagte, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er gab sich innerlich einen Ruck. Jetzt ging es um die werdende Mutter und nicht um ihn. „Ich habe den Verdacht, dass Josette Kamanya Präeklampsie hat.“ Kurz beschrieb er Rebecca den Fall. „Hohen Blutdruck hatte sie schon vor ihrer Schwangerschaft. Und dies ist der erste Termin, bei dem Eiweiß im Urin festgestellt wurde. Aber irgendwie habe ich ein komisches Gefühl.“

„Dann liegen Sie wahrscheinlich richtig“, erwiderte Rebecca. „Meiner Erfahrung nach kann man sich auf den Instinkt von Geburtshelfern verlassen.“

Nathaniel war froh, dass es offenbar keinen der Machtkämpfe geben würde, die er so gut kannte. Er ging voran in das Behandlungszimmer und stellte Rebecca Mrs. Kamanya vor.

„Was ist denn eigentlich dieses Präeklampsie-Dings?“, fragte diese.

„Präeklampsie ist eine Krankheit, die Mütter und ihre Babys betrifft und häufig nach der zwanzigsten Woche beginnt. Es ist eine häufige Erkrankung, die bei etwa einer von zwanzig Frauen auftritt. Machen Sie sich also keine allzu großen Sorgen“, beruhigte Rebecca sie. „Erste Anzeichen sind meist hoher Blutdruck und Eiweiß im Urin. Man vermutet, dass die Blutgefäße in der Plazenta sich nicht richtig entwickeln, sodass nicht so viel Blut zum Baby gelangt wie normalerweise.“

„Wird mein Baby denn gesund zur Welt kommen?“, fragte Mrs. Kamanya angstvoll.

„Sie und Ihr Baby sollten davon nicht beeinträchtigt werden. Aber wenn wir Sie nicht im Auge behalten und entsprechend behandeln, können Komplikationen auftreten“, erklärte Rebecca.

„Zum Beispiel eine Störung der Blutgerinnung“, fügte Nathaniel hinzu. „Oder Sie bekommen Eklampsie und kriegen Anfälle. Auch das Schlaganfallsrisiko ist erhöht. Das klingt wahrscheinlich alles ziemlich beängstigend, aber wenn wir jetzt mit der Behandlung anfangen, können wir die Risiken erheblich senken.“

„Wie Mr. Jones bereits sagte, werden wir Sie und Ihr Baby genau im Auge behalten“, sagte Rebecca. „Deshalb möchte ich jetzt mithilfe einiger Bluttests Leber- und Nierenfunktion überprüfen lassen und sicherstellen, dass Ihre Blutgerinnung in Ordnung ist. Außerdem möchte ich, dass Mr. Jones den Herzschlag des Babys überprüft. Wir werden uns per Ultraschall Ihre Plazenta genau ansehen und Ihr Blut auf den Gehalt an dem Protein Plazenta-Wachstumsfaktor testen, das Aufschluss darüber geben wird, ob Sie tatsächlich an Präeklampsie leiden oder nicht. Sind Sie damit einverstanden?“

Die Frau nickte.

Rebecca sah sich Nathaniels Aufzeichnungen an. „Ihr Blutdruck ist mir bisschen zu hoch, deswegen würde ich Ihnen gerne etwas geben, um ihn zu senken. Das Medikament kann auch während der Schwangerschaft gefahrlos genommen werden, allerdings können Nebenwirkungen auftreten.“ Diese zählten sie und Nathaniel auf.

Mrs. Kamanya biss sich auf die Lippe. „Eigentlich möchte ich in der Schwangerschaft nichts einnehmen. Ich mache mir Sorgen, dass es dem Baby schaden könnte.“

„Das bleibt ganz Ihnen überlassen“, erwiderte Rebecca sanft. „Allerdings besteht die Gefahr, dass Ihr Blutdruck ohne das Medikament noch weiter steigt. Und das stellt für Ihr Baby eher ein Risiko dar.“

„Also habe ich eigentlich gar keine andere Wahl.“

Rebecca drückte die Hand der Frau. „Sie können es sich jederzeit anders überlegen, Mrs. Kamanya. Es geht einfach darum, dass es Ihnen gut geht und Sie gesund bleiben. Außerdem werden wir ja in Ihrer Nähe sein. Wenn Sie also Nebenwirkungen bemerken, können wir etwas unternehmen.“

„Sie werden in meiner Nähe sein?“, wiederholte Mrs. Kamanya erschrocken. „Heißt das, ich muss im Krankenhaus bleiben?“

„Ja, ein paar Tage lang. Es kann auch sein, dass wir Sie nach Hause schicken, wo Sie dann strenge Bettruhe halten und uns sofort anrufen müssen, wenn Ihnen irgendetwas Sorge bereitet. Aber mir wäre es wie Mr. Jones lieber, wenn Sie ein paar Tage hierbleiben und wir Sie und das Baby genau im Auge behalten können.“ Sie schwieg kurz und fügte dann hinzu: „Eines müssen Sie noch wissen: Wenn Sie tatsächlich Präeklampsie haben und wir Ihren Blutdruck nicht hinunter bekommen, kann es sein, dass wir das Baby früher zur Welt bringen müssen als geplant.“

„Aber ich bin doch erst in der vierunddreißigsten Woche!“ Mrs. Kamanya wirkte erschüttert.

„Jetzt warten wir erst einmal die Testergebnisse ab“, erwiderte Rebecca ruhig. „Und sollten wir das Baby früher als geplant zur Welt bringen müssen, werden wir das Risiko für Sie und das Baby so gering wie möglich halten.“

„Bitte machen Sie sich keine allzu großen Sorgen“, bat Nathaniel. „Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Aber Sie sind hier bei uns wirklich in guten Händen.“

„Kann ich diese Präeklampsie-Dings wieder bekommen, wenn ich nochmal schwanger werde?“, wollte Mrs. Kamanya wissen.

„Das Risiko ist bei Ihnen ein wenig erhöht, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass Sie Präeklampsie bekommen werden. Und natürlich werden wir Sie besonders genau im Blick behalten.“ Rebecca drückte ihre Hand. „Vor allem müssen Sie darauf achten, sich immer gut auszuruhen.“

„Darin bin ich nicht besonders gut“, gab Mrs. Kamanya reumütig zu.

„Ich auch nicht“, gestand Rebecca. „Besonders während meiner Schwangerschaft ist es mir schwergefallen. Und wehe, jemand drängte mich, mal die Beine hochzulegen und mich auszuruhen!“

Während ihrer Schwangerschaft?

Rebecca hatte ein Kind?

Wieder ließ Nathaniel verstohlen den Blick zu ihrer linken Hand gleiten. Nein, kein Ehering. War sie mit dem Vater ihres Babys nicht verheiratet? Oder alleinerziehend? Sie das zu fragen, wäre aufdringlich gewesen. Hoffentlich konnte er das Thema einmal diskret ansprechen.

„Sosehr ich mit Ihnen fühle, Sie müssen sich wirklich ausruhen!“ Sie lächelte der werdenden Mutter zu. „Wer könnte Ihnen denn ein paar Sachen bringen?“

„Andras – mein Mann – hat heute den ganzen Tag Besprechungen“, antwortete Mrs. Kamanya. „Meine Mutter würde ein riesiges Theater machen und mich in Watte packen, meine beste Freundin ist Lehrerin, sie kann sich also nicht einfach freinehmen. Und meine Schwiegermutter würde dafür sorgen, dass nur noch sie im Mittelpunkt steht.“

„Und bei so viel Drama kann man sich schlecht ausruhen“, stimmte Rebecca zu.

„Wir könnten Ihren Mann oder Ihre beste Freundin in der Mittagspause anrufen, damit sie Ihnen heute Abend ein paar Sachen vorbeibringen“, schlug Nathaniel vor.

„Ist gut, danke.“ Mrs. Kamanya fragte: „Wenn ich das Kind früher zur Welt bringen muss … Heißt das, dass ein Kaiserschnitt notwendig ist?“

„Vielleicht können wir bei Ihnen die Wehen auslösen“, antwortete Rebecca. „Aber bereiten Sie sich lieber innerlich darauf vor, dass Sie einen Kaiserschnitt haben werden. Allerdings ist das wahrscheinlich weit weniger schlimm, als Sie es sich vorstellen. Man erholt sich sehr viel schneller davon als noch vor zwanzig Jahren.“

Mrs. Kamanya schien nicht überzeugt zu sein.

„Vielleicht kann eine der Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, sich mit Ihnen darüber unterhalten“, schlug Nathaniel vor.

„Ja, vielleicht“, stimmte sie zu.

„Dann wird Nathaniel Sie jetzt offiziell hier aufnehmen, und ich weise die Tests und Untersuchungen an“, sagte Rebecca.

„Sie können uns jederzeit Fragen stellen“, versicherte Nathaniel. „Uns und auch allen anderen Geburtshelfern und Ärzten auf der Station.“

„Wie Mr. Jones schon sagte: Sie sind hier wirklich in guten Händen“, versicherte Rebecca lächelnd.

Sie wirkte ganz anders als bei ihrer ersten Begegnung. Es gefiel Nathaniel sehr, dass die Patientinnen für sie an erster Stelle kamen. Und sie selbst gefiel ihm auch sehr.

Aber sie hatte ein Kind, und das hieß, dass eine Beziehung mit ihr nicht infrage kam. Wieder erinnerte ihn eine innere Stimme daran, dass er Angie nicht genügt hatte, obwohl er beruflich sehr erfolgreich gewesen war. Wie sollte er da als Geburtshelfer, der noch relativ am Anfang seiner Laufbahn stand, einer erfolgreichen Ärztin genügen? Es hatte keinen Sinn: Er musste die Anziehung, die sie auf ihn ausübte, mit aller Macht unterdrücken.

Nathaniel nahm Mrs. Kamanya Blut ab, kümmerte sich um weitere Untersuchungen und ließ den Herzschlag des Babys kontrollieren. Dann brachte er sie auf die Station und bat Gurleen, die am Empfang war, Mrs. Kamanyas Mann und ihre beste Freundin zu benachrichtigen.

Nach der Sprechstunde sah er auf der Station nach seiner Patientin – und stellte überrascht fest, dass Rebecca bei ihr am Bett saß und sie zum Lachen brachte.

„Mit Ihnen hatte ich nicht gerechnet!“

„Ich habe gerade Mittagspause“, erklärte Rebecca. „Und ich weiß noch gut, wie es war, als ich mich damals schonen sollte. Ich brauchte immer jemanden, der mich vom Grübeln ablenkt!“

„Ja, Ablenkung ist gut.“ Ihre Gutherzigkeit überraschte Nathaniel. Als sich ihre Blicke begegneten, wurde ihm heiß. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich innerlich. Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

„Dr. Hart kümmert sich so lieb um mich!“, erzählte Mrs. Kamanya.

Nathaniel wollte etwas Unverfängliches erwidern, doch dann hörte er sich sagen: „Sagen Sie es ihr bitte nicht weiter, aber von allen Ärzten hier auf der Station ist sie meine Lieblingsärztin.“

Sofort wünschte er sich, der Boden würde sich unter ihm auftun. Und dann sagte Rebecca auch noch: „Erzählen Sie es ihm bitte nicht weiter, aber als Geburtshelfer steht er einer Frau in nichts nach!“

Ihr freches Lächeln ließ sein Verlangen heiß auflodern. Wären sie beide auf einer einsamen Insel gewesen, hätte er sie geküsst, bis ihnen beiden schwindelig wurde.

Aber sie waren bei der Arbeit und mussten sich auf die werdende Mutter konzentrieren. „Kann ich Ihnen irgendetwas bringen oder sonst etwas für Sie tun?“, fragte er Mrs. Kamanya.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank. Die nette Frau vom Empfang hat meinen Mann und meine beste Freundin angerufen. Andras wird einen seiner Besprechungstermine verschieben, damit er nach Hause fahren und mir ein paar Sachen holen kann. Und meine beste Freundin kommt gleich nach Schulschluss vorbei und wird das Babysitting bei mir übernehmen.“

„Und bis dahin beschäftigen wir uns mit Sudoku.“ Rebecca hielt lächelnd ein Heft hoch. „Wollen Sie mitraten?“, fragte sie Nathaniel.

„Nein danke, darin bin ich nicht besonders gut. Für Billard wäre ich zu haben oder für ein Quiz, bei dem jemand anders die ganzen Literaturfragen beantwortet und ich für Sport, Fernsehen und Musik zuständig bin.“

„Das Quizteam der Station kann immer Verstärkung gebrauchen!“, erwiderte sie. „Wir treten jeden Monat bei einem Pubquiz gegen die Kinderheilkunde und die Kollegen von der Notaufnahme an und würden uns mal wieder über einen Sieg freuen.“

„Soll das heißen, Sie möchten mich im Team haben?“

Du meine Güte! Er hatte sie praktisch angesäuselt, als wollte er sie zu einem Date überreden. Dabei ging es doch um ein Team-Event.

Zum Glück wirkte Rebecca kein bisschen verlegen. „Ja“, erwiderte sie nur lächelnd. „Aber wehe, Sie sind nicht gut! Dann müssen Sie zur Entschädigung dem gesamten Team Kuchen ausgeben.“

„Superidee!“, fand Mrs. Kamanya und klatschte Rebecca ab.

Diese humorvolle, verspielte Seite an ihr war Nathaniel neu. Und sie gefiel ihm sehr.

„Gut, dann sagen Sie mir einfach Bescheid, wann das nächste Pubquiz stattfindet. Sofern ich nicht arbeiten muss, bin ich dabei.“

Rebecca nickte, und bei ihrem Lächeln schien sein Herz einen Purzelbaum zu schlagen, auch wenn das anatomisch natürlich unmöglich war.

Als er nach Ende seiner Schicht noch einmal bei seiner Patientin vorbeisah, hatte sie Gesellschaft von ihrer besten Freundin und wirkte insgesamt viel ruhiger. Nathaniel ging in Rebeccas Büro, wo diese am Computer saß.

„Hallo“, begrüßte er sie. „Vielen Dank, dass Sie mir heute mit Mrs. Kamanya geholfen haben.“

„Das ist doch meine Aufgabe: mein Team zu unterstützen, wenn es kompliziert wird.“

Dann hatte er ihr Verhalten wohl fehlinterpretiert, als sie ihm gegenüber Mike Brown zur Seite gestanden hatte.

Ihr warmes, freundliches Lächeln brachte ihn dazu, wider alle Vernunft zu fragen: „Haben Sie vielleicht Lust, heute Abend mit mir Pizza essen zu gehen?“

„Ich … Das ist wirklich ein nettes Angebot, aber ich habe Verpflichtungen.“ Sie schien sich ihre Worte genau zu überlegen.

„Ihr Partner kann natürlich gerne mitkommen!“

Wirklich sehr subtil, gratulierte er sich ironisch.

„Es gibt keinen Partner.“

Damit war alles anders, denn so sprach nichts dagegen, dass sie einander besser kennenlernten. „Dann vielleicht ein anderes Mal?“

Sie atmete tief ein. „Das ist wirklich ein sehr nettes Angebot, aber ich verabrede mich eigentlich nicht mit Männern.“

Dann hatte es also nichts mit ihm persönlich zu tun, wie bei Angie. Diese Erkenntnis gab Nathaniel den Mut zu fragen: „Warum denn nicht, wenn Sie mir die Frage gestatten?“

„Ich bin Witwe“, erwiderte sie. „Und ich möchte keine Beziehung eingehen.“

Damit hatte er nicht gerechnet, denn Rebecca war ja noch jung. Weiter nachfragen wollte er aber nicht, es ging ihn ja auch nichts an. Ob sie keine Beziehung wollte, weil sie noch immer um ihren Mann trauerte? Oder glaubte sie, dass kein anderer Mann ihm gerecht werden könnte? Oder war ihre Ehe so unglücklich gewesen, dass sie keine Beziehung mehr wollte?

„Es tut mir leid“, sagte sie jetzt. „Ich habe eine fast fünfjährige Tochter, die für mich immer an erster Stelle kommt.“

„Das verstehe ich.“

„Gegen eine Freundschaft hätte ich allerdings nichts einzuwenden.“

Nathaniel war ein bisschen enttäuscht, wollte sie jedoch nicht zurückweisen. „Einverstanden“, sagte er deshalb und fügte hinzu: „Wir könnten ja auch mit dem ganzen Team Pizza essen gehen.“

„Ja, gern!“ Sie lächelte.

„Dann bis später.“ Nathaniel ging, bevor er sich noch mehr blamieren konnte.

Starr blickte Rebecca Nathaniel nach.

Zum ersten Mal seit Lucas wollte ein Mann mit ihr ausgehen.

Zum ersten Mal seit sechseinhalb Jahren.

Das war natürlich schmeichelhaft, machte ihr andererseits aber auch Angst. Auf keinen Fall konnte sie das Risiko einer Beziehung eingehen. Sie musste schließlich an Jasmine denken, denn ihre Tochter kam immer an erster Stelle. Außerdem hatte sie aus der Vergangenheit gelernt. Sie hatte einen atemberaubenden, charmanten Mann geheiratet – ein halbes Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Kurz nach ihrem ersten Hochzeitstag war ihr klar geworden, dass es ein Fehler gewesen war. Lucas war ein Adrenalin-Junkie gewesen, dem die Suche nach dem nächsten Kick wichtiger gewesen war als alles andere.

Er schien sich auch nach kurzer Zeit besser mit seinen Freunden zu amüsieren als mit ihr, und so dachte Rebecca darüber nach, sich von ihm zu trennen. Dann stellte sie fest, dass sie schwanger war.

Also blieb sie bei ihm, denn ihr Baby sollte als Teil einer Familie aufwachsen. Lucas versprach, sich zu ändern. Und er versuchte das auch wirklich, doch im Familienalltag langweilte er sich, hasste das Wickeln und den ständigen Schlafmangel. Selbst wenn Rebecca ihn am Wochenende mit seinen Freunden zum Klettern schickte, genügte ihm das nicht.

Lucas hatte ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er sie mit dem Baby allein zurückließ. Durch seine Schuldgefühle war der Abgrund zwischen ihnen immer größer geworden, und er hatte sich auf immer riskantere Abenteuer eingelassen. Irgendwann hatte er sich ein teures Motorrad gekauft und war bei einem Unfall ums Leben gekommen.

Rebecca ließ sich gegen die Stuhllehne sinken. Die Informationen auf ihrem Computerbildschirm nahm sie gar nicht mehr wahr.

Sie hatte Lucas nicht genügt, hatte ihm seine Rastlosigkeit nicht nehmen können. Das Leben mit ihr und Jasmine hätte ihn niemals glücklich gemacht. Er hatte mehr gebraucht als seine kleine Familie und sich wahrscheinlich mit anderen Frauen abgelenkt. Rebecca war zu dem Schluss gekommen, dass Jasmine und sie ohne ihn besser dran waren. Sie hatte vorgehabt, mit ihm über eine Trennung zu sprechen. Doch genau an jenem Abend war er verunglückt.

Nein, auf keinen Fall würde sie ihr Herz erneut aufs Spiel setzen und möglicherweise noch einmal auf einen Mr. Wrong hereinfallen! Sie musste an ihre Tochter denken. Nathaniel schien ein netter Kerl zu sein, aber charmante Männer waren gut darin, einen bestimmten Eindruck von sich zu erwecken. Womöglich würde er sich genauso verändern wie Lucas.

Und was wäre, wenn er sich Kinder wünschte? Erneut schwanger zu werden, könnte ein Problem sein. Außerdem bestand das Risiko einer weiteren Eileiterschwangerschaft. Es war nicht fair, sich mit jemandem einzulassen, dem sie den Wunsch nach einer eigenen Familie vielleicht nicht erfüllen konnte.

Deshalb würde Rebecca Single bleiben und sich auf das Wichtigste in ihrem Leben konzentrieren: auf ihre Tochter, ihre Familie und ihre Arbeit.

Es war richtig gewesen, Nathaniel einen Korb zu geben.

Und diese sehnsüchtigen „Aber vielleicht …“-Gedanken würde sie eben unterdrücken müssen.

3. KAPITEL

Am Freitag hatte Nathaniel frei und deshalb jede Menge Zeit zum Grübeln. Auch mit Joggen konnte er sich nicht ablenken, und er war zu unruhig, um einen Film zu gucken. Schließlich putzte er seine Wohnung, denn die ungeliebte Hausarbeit passte perfekt zu seiner Stimmung.

Warum nur hatte er diesem verrückten Impuls nachgegeben und Rebecca gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wollte – anstatt zu warten, bis sie sich etwas besser kannten?

Ob sie ihm irgendwann eine zweite Chance geben würde? Oder war er zu voreilig gewesen?

Und warum wollte er überhaupt mit ihr ausgehen?

„Das war keine sehr schlaue Idee“, sagte er zu seinem Bengalkater Leo.

Als der ihm die Pfote auf die Hand legte, musste Nathaniel lächeln.

Rebecca hatte ihm ja schon gesagt, dass sie sich nicht auf eine Beziehung einlassen wollte. Und selbst, wenn sie ihre Meinung änderte: Für ihn kam eine feste Partnerschaft ja auch nicht infrage. Er wollte nicht noch einmal erleben, dass er einer Frau nicht gut genug war.

Aber warum musste er dann immer wieder an Rebecca denken? Bei ihrer ersten Begegnung war sie Nathaniel ja nicht einmal sympathisch gewesen. Doch seit sie ihre Mittagspause bei Mrs. Kamanya verbracht hatte, wusste er, dass Rebecca Hart ein großes Herz hatte.

Außerdem war sie bildhübsch mit ihrem glatten blonden Haar und ihren Augen, die so blau waren wie der Himmel im Hochsommer.

„Nate, du bist vierunddreißig Jahre jung, attraktiv und Single. Eigentlich sollte dir die Welt zu Füßen liegen!“, würde seine große Schwester Charlotte sagen, wenn er mit Blumen und den süßen Weintrauben bei ihr auftauchte, nach denen sie seit Beginn ihrer Schwangerschaft geradezu süchtig war.

Eigentlich hatte Nathaniel sich sein Leben anders vorgestellt. Vor neun Jahren hatte er sich auf eine Hochzeit im Sommer gefreut, bei der alle in einem Rosengarten tanzen würden. Er war beruflich erfolgreich gewesen und hatte viel an die zwei Kinder gedacht, die Angie und er sich wünschten: einen Jungen und ein Mädchen.

Dann war er vom Dach gestürzt, und seine ganze Welt war in sich zusammengebrochen. An Hochzeit oder Kinder war nicht mehr zu denken.

Nun gab es für ihn nur noch seine kleine Patentochter, seine zukünftige Nichte und die Babys, deren Geburt er auf der Station begleitete.

Nathaniel redete sich ein, dass er damit zufrieden war. Ihm gefiel das neue Leben, das er sich aufgebaut hatte. Er hatte ein enges Verhältnis zu seiner Familie, tolle Freunde und einen Beruf, der ihn erfüllte.

„Warum habe ich dann plötzlich das Gefühl, dass mir das nicht mehr genügt?“, fragte er seinen Kater. Doch der sah ihn nur mit seinen großen grünen Augen an.

Nathaniel trauerte Angie nicht mehr hinterher. Eine ganze Weile lang war er verletzt und wütend gewesen, aber eigentlich hatte sie ihnen beiden einen Gefallen getan. Sie hatte das Weite gesucht, als es schwierig geworden war. Zum Glück hatten sie noch keine Kleinkinder gehabt, deren Leben durch eine Trennung aus den Fugen geraten wäre.

Leider fand er es sehr schwer, wieder Vertrauen zu fassen. Auch seinem Urteilsvermögen vertraute er nicht mehr, nachdem er sich in Angie so geirrt hatte. Woher sollte er wissen, ob eine Frau langfristig seine Gefühle erwiderte? Und wenn er Angie nicht genügt hatte, würde er dann einer anderen Frau genügen?

Jetzt reicht es aber mit dem Grübeln, ermahnte Nathaniel sich. Er musste los, Blumen kaufen. Und er würde versuchen, nicht mehr an Rebeccas Lächeln zu denken. Es hatte keinen Sinn, sich Dinge zu wünschen, die er nun einmal nicht haben konnte.

Rebecca machte es sich mit einem Tee auf dem Sofa gemütlich. Der Handlung des Films, den sie eigentlich gucken wollte, konnte sie nicht so recht folgen. Vielleicht lag das an Nathaniel Jones, an den sie immer wieder denken musste. Hätte sie seine Einladung doch annehmen und mit ihm ausgehen sollen? Mit vierunddreißig Jahren war sie schließlich noch jung und sollte sich amüsieren, anstatt ihr Leben lang um Lucas zu trauern – das würden zumindest ihre Freunde und ihre Familie sagen.

„Du bist schließlich nicht nur Jasmines Mutter oder die Ärztin Dr. Hart, du bist auch Rebecca!“, wäre die Meinung ihrer jüngeren Schwester Saskia. „Ein Date würde dir bestimmt guttun. Und dieser Nathaniel hat dir schließlich keinen Heiratsantrag gemacht, er will bloß mit dir ausgehen.“

Aber es gab auch viele gute Gründe, die dagegensprachen. Zum Beispiel, dass sie Lucas so schnell geheiratet hatte. Auf keinen Fall wollte sie noch einmal in einer Beziehung so vorschnell handeln und am Ende mit jemandem dastehen, dem sie nicht genügte. Auch Jasmine gegenüber wäre das nicht fair.

Und selbst wenn Rebecca einen Partner fand, der sie einfach um ihrer selbst willen liebte und bereit war, Jasmines Stiefvater zu werden – was war, wenn dieser Mann sich eigene Kinder wünschte und sie keine bekommen konnte?

Nein, es war richtig gewesen, Nathaniel einen Korb zu geben.

Trotzdem fragte Rebecca sich immer wieder, was wohl gewesen wäre, wenn sie zugesagt hätte. Wenn sie einen schönen Abend mit ihm verbracht, ihn besser kennengelernt und sich dann entschieden hätte, das Ganze zu wiederholen.

Doch die Vorstellung, sich erneut auf eine Beziehung einzulassen, machte Rebecca furchtbare Angst. Wenn sie nun erneut verletzt wurde? Wenn sie wieder einem Partner nicht genügte? Wenn die Beziehung scheiterte?

Das Risiko war einfach zu groß.

Natürlich war Nathaniel Jones ein süßer Typ mit seinen dunklen Augen und den längsten Wimpern, die sie je bei einem Mann gesehen hatte. Und einen wunderschönen Mund hatte er auch.

Hätte sie bloß nicht an seinen Mund gedacht! Denn sofort überlegte Rebecca, wie es wohl wäre, ihn zu küssen.

Jetzt reiß dich aber mal zusammen, ermahnte sie sich streng. Du bist schließlich vierunddreißig Jahre alt und keine vierzehn mehr! Sie schmachtete doch sonst keine Männer an.

Doch sie dachte immer wieder an Nathaniel und fragte sich, ob sie vielleicht voreilig abgelehnt hatte. Konnte sie das Risiko eingehen, sich erneut auf einen Mann einzulassen?

Am Montagmorgen trug Nathaniel gerade seine Aufzeichnungen zu seinen Patientinnen zusammen, als Rebecca zu ihm kam. „Ich weiß, dass sie heute Vormittag im Kreißsaal eingeteilt sind. Aber ich würde gerne wissen, wie viele äußere Wendungen Sie schon durchgeführt haben.“

Bei einer äußeren Wendung drehte man das Baby aus der Steißlage im Mutterleib herum.

„Ich war bei mehreren dabei, habe aber bisher noch keine selbst durchgeführt“, antwortete er. „Steht das heute an?“

Rebecca nickte. „Wenn Sie assistieren oder die Wendung vielleicht selbst durchführen möchten, können Sie das gerne tun, sofern die Mutter damit einverstanden ist.“

„Gern!“ Nathaniel freute sich sehr, dass sie an ihn gedacht hatte.

„Sehr gut. Dann hole ich Sie um halb elf ab. Sie können die Voruntersuchung übernehmen und der Frau den Vorgang erklären.“

Als Rebecca ihn zur vereinbarten Zeit abholte, vergewisserte sie sich, dass er mit dem Ablauf vertraut war. Dann sagte sie: „Gut. Dann sind Sie jetzt zuständig, und ich begleite das Ganze unterstützend. Die Ridleys sind auch einverstanden.“

Nathaniel hatte eine Kollegin gebeten, sich um die von ihm betreuten Mütter zu kümmern. Er folgte Rebecca ins Behandlungszimmer.

„Mr. und Mrs. Ridley, das hier ist Nathaniel Jones, der heute Vormittag den Eingriff durchführen wird“, stellte sie ihn vor.

„Nathaniel, das hier sind Mr. und Mrs. Ridley. Mrs. Ridley ist in der sechsunddreißigsten Woche, und ihr Baby scheint unbedingt mit den Füßen voranzuwollen.“ Lächelnd bedeutete sie ihm zu übernehmen.

„Schön, Sie beide kennenzulernen“, sagte Nathaniel. „Babys liegen während der Schwangerschaft sehr häufig in der Steißlage, doch die meisten haben sich in diesem Stadium bereits umgedreht“, erklärte er. „Sie haben nach Rücksprache mit Dr. Hart beschlossen, Ihr Baby mit einer äußeren Wendung zu einem Purzelbaum zu bewegen, um eine ganz normale Geburt zu ermöglichen, richtig?“

Mrs. Ridley nickte. „Dr. Hart sagte, dass das nur in fünfzig Prozent der Fälle klappt. Sollte es nicht funktionieren, möchte ich es mit einer Steißgeburt versuchen und einen Kaiserschnitt möglichst vermeiden, auch wenn das vielleicht nicht möglich sein wird.“

„Manche Babys drehen sich ein paar Tage nach der äußeren Wendung stur wieder zurück“, erwiderte Nathaniel. „Es kann auch sein, dass wir das Baby heute zur Welt bringen müssen, wenn uns der Herzschlag des Kleinen nach dem Eingriff nicht gefällt oder Blut aus der Plazenta austritt.“

„Darauf sind wir vorbereitet.“ Mr. Ridley wies auf eine gepackte kleine Reisetasche.

„Sehr gut. Ich gehe davon aus, dass Sie nicht an Präeklampsie leiden, keine Zwillinge erwarten, dass das Baby nicht kleiner ist als normal, Sie in letzter Zeit keine Blutungen hatten und Ihre Fruchtblase noch nicht geplatzt ist“, ging Nathaniel die Kontraindikationen durch. Rebeccas anerkennendes Lächeln zeigte ihm, dass er nichts vergessen hatte.

Als Mrs. Ridley das bestätigte, sagte er: „Als Erstes werden wir uns per Ultraschall genau ansehen, wie Ihr Baby und Ihre Plazenta liegen und wie viel Fruchtwasser da ist.“ Lächelnd fuhr er fort: „Dann messe ich bei Ihnen Blutdruck und Puls und die Herzfrequenz des Babys. Wenn das alles zu unserer Zufriedenheit ist, gibt Dr. Hart Ihnen eine kleine Spritze, damit sich die Muskeln der Gebärmutter entspannen. Für Ihr Baby ist das völlig ungefährlich, aber es kann sein, dass Sie sich ein bisschen schwach fühlen oder Ihr Herz etwas schneller schlägt.“

„Die Wirkung des Medikaments lässt nach drei Minuten schon wieder nach“, ergänzte Rebecca. „Es trägt dazu bei, dass wir Ihr Baby umdrehen können.“

Wie sich herausstellte, befand sich das Baby noch immer in Steißlage. Mit der Lage der Plazenta und der Menge an Fruchtwasser war Nathaniel zufrieden, ebenso mit Blutdruck und Puls der werdenden Mutter und dem Herzschlag ihres Babys.

„Jetzt wollen wir das Kleine mal dazu überreden, eine Rolle vorwärts zu machen“, kündigte Rebecca an. „Das Ganze dauert etwa zehn Minuten und kann sich ein bisschen unangenehm anfühlen. Wenn Sie aber Schmerzen haben, sagen Sie uns bitte sofort Bescheid.“

„Alles klar“, erwiderte Mrs. Ridley.

Rebecca gab ihr die Spritze und bat dann Nathaniel, die Hände auf Mrs. Ridleys Bauch zu legen und durch Druck das Baby zu einer Vorwärtsrolle zu bewegen.

Vorher erkundigte sie sich aber bei den werdenden Eltern, ob alles in Ordnung war und es ihnen gut ging.

Es gefiel Nathaniel sehr, dass Rebecca auf die Gefühle sämtlicher Anwesender Rücksicht nahm. Mit ihrer ruhigen, professionellen Art sorgte sie dafür, dass alle sich wohl fühlten. Sie sagte ihm, wie er die Hände bewegen sollte, und dann fühlte er plötzlich, wie sich das Baby bewegte.

Mrs. Ridley stieß einen überraschten Laut aus. „Das Baby hat sich umgedreht!“

„Und vielleicht fühlt es sich für Sie jetzt etwas angenehmer an, weil sich der Kopf des Babys nicht mehr direkt unter Ihren Rippen befindet.“ Rebecca lächelte.

„Oh ja!“, sagte die Frau erleichtert.

„Wir machen jetzt noch eine Ultraschalluntersuchung“, erklärte Nathaniel. „Und dann überwachen wir eine halbe Stunde lang den Herzschlag Ihres Babys.“

„Alles in Ordnung“, konnte er eine Weile später zu seiner Erleichterung verkünden. „Sie können jetzt nach Hause gehen. Bitte kommen Sie in einer Woche wieder. Sollten Blutungen oder Schmerzen auftreten, sollte Ihre Fruchtblase platzen oder das Baby sich weniger als normal bewegen, dann rufen Sie uns bitte sofort an!“

„Machen wir“, versprach Mr. Ridley.

Als die beiden gegangen waren, sagte Nathaniel zu Rebecca: „Vielen Dank, dass ich das übernehmen durfte!“

„Gern geschehen. Sie haben das wirklich super gemacht. Sie waren ruhig, haben alles genau erklärt und den Eingriff perfekt durchgeführt“, erwiderte sie lächelnd.

Rebecca blickte ihm nach, als er das Zimmer verließ. Er hatte das wirklich gut gemacht und sich in der halben Stunde, als der Herzschlag des Babys überwacht wurde, ruhig mit den Ridleys unterhalten, sodass beide ganz entspannt gewesen waren. Weil er mit den werdenden Eltern so rücksichtsvoll und geduldig umgegangen war, hatte Rebecca das Gefühl, sich auf ihn verlassen zu können. Er würde sie nicht enttäuschen.

Nicht alle Männer waren wie Lucas.

Vielleicht konnte sie also das Risiko eingehen.

Vielleicht konnte sie ihn fragen, ob er mit ihr etwas trinken gehen wollte.

Morgen, dachte sie und fing an, ihre Aufzeichnungen einzugeben.

4. KAPITEL

Rebecca sah Nathaniel erst am Donnerstag wieder. Sie kam dazu, als Amara, eine der jüngeren Hebammen und die Frau von Assistenzarzt Tanvir, zu ihm sagte: „Tanvir hat eine Magen-Darm-Grippe und wird am Samstag auf keinen Fall dabei sein können.“

Tanvir hatte ein Team aus zehn Kollegen und Kolleginnen von der Station zusammengestellt, die sich am Samstag von einem hohen Gebäude im Zentrum Londons abseilen und mit dieser Aktion Geld für ein neues Ultraschallgerät sammeln wollten.

„Wenn wir nicht mit zehn Personen antreten, lassen uns die Organisatoren vielleicht gar nicht teilnehmen“, gab Nathaniel zu bedenken. „Dr. Hart, Sie könnten doch für Tan einspringen!“ Er lächelte Rebecca charmant an. „Zur Belohnung bekommen Sie einen atemberaubenden Ausblick auf die Stadt!“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Auf gar keinen Fall! Tan wollte mich schon ganz am Anfang überreden. Meine Antwort lautet nach wie vor Nein. Aber Sie konnte er offenbar überzeugen!“

„Ja, an meinem ersten Arbeitstag“, bestätigte Nathaniel lächelnd. „Er hat mich auch gleich zum Stellvertreter des Teamleiters ernannt. Und da er jetzt krank ist, muss ich eben das Problem lösen.“

„Sie haben sich doch bei einem Sturz vom Dach schwer verletzt! Und da wollen Sie sich von einem wahnsinnig hohen Gebäude abseilen?“

„Mit meinem Rücken ist ja wieder alles in Ordnung.“ Er zuckte die Schultern. „Und psychisch geht es mir auch gut.“

Rebecca hatte das Gefühl, einem zweiten Lucas zu begegnen. Ihr verstorbener Mann wäre davon begeistert gewesen, sich so schnell wie möglich an einem der höchsten Gebäude von ganz London abzuseilen. Die Sammelaktion für die Station wäre für ihn völlig nebensächlich gewesen.

„Abseilen ist wirklich ganz leicht“, versuchte er sie erneut zu überzeugen. „Man darf nur einfach nicht nach unten gucken! Und wir werden alle gut gesichert sein.“

Immerhin sah er ein, dass Sicherheitsvorkehrungen notwendig waren. Doch Rebecca schüttelte den Kopf. „Das Risiko ist mir trotzdem zu hoch. Ich bin schließlich alleinerziehende Mutter.“

„Als Tan mich damals auf die Aktion ansprach, dachte ich zuerst auch nur an die Risiken und lehnte ab“, erinnerte sich Nathaniel. „Ich habe meinen Sturz vom Dach ja noch gut in Erinnerung. Aber nach längerem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich so vielleicht meine Höhenangst überwinden und dabei gleichzeitig unserer Station helfen kann.“

Er verstand ihre Angst also doch – und versuchte, seine eigene zu überwinden, um mit diesem Teil seiner Vergangenheit abzuschließen. War vielleicht auch für sie die Zeit gekommen, das zu tun?

„Kann ich es mir noch überlegen?“, fragte sie.

„Na klar. Ich erkundige mich heute Vormittag bei den Organisatoren, welche Möglichkeiten wir haben.“ Er schwieg kurz und fügte dann hinzu: „Wie wäre es, wenn wir zusammen Mittag essen und dabei das Ganze besprechen?“

Rebecca nickte – sehr zu ihrer eigenen Überraschung.

„Ich lade Sie ein“, sagte er, als sie ihn zu Beginn der Mittagspause abholte. „Aber nicht, damit Sie sich mir gegenüber verpflichtet fühlen, bei der Aktion mitzumachen.“

Nein, aber vermutlich würde er seinen ganzen Charme einsetzen. Und wie sie aus schmerzlicher Erfahrung wusste, genügte Charme nun einmal nicht.

„Mir wäre es lieber, wenn wir halbe-halbe machen.“

„Ist es wirklich so beängstigend, wenn Ihnen jemand einen Kaffee und ein Sandwich ausgibt?“

„Nein“, schwindelte sie und gab sich geschlagen. „Also gut. Danke.“

In der Krankenhaus-Kantine suchte sie sich Thunfischsalat auf Vollkornbrot aus, dazu einen skinny Cappuccino. Nathaniel sprach nur über die Arbeit, doch Rebecca war bewusst, dass sie ihm eine Antwort schuldig war. „Was haben die Organisatoren denn gesagt?“

„Dass wir immer noch antreten können und ich ihnen den Namen des Teammitglieds nennen soll, das für Tan einspringt.“

Eine Frage ging Rebecca immer wieder durch den Kopf. „Haben Sie keine Angst davor, wieder in so großer Höhe zu sein?“

„Doch, auch wenn gesichertes Abseilen eine ganz andere Sache ist als eine Dachinspektion“, gab Nathaniel zu. „Aber es wird mir sicher guttun, mich dieser alten Angst zu stellen. Und wie ist es bei Ihnen?“

„Ich bin mir einfach der Risiken sehr bewusst.“ Risiken, wie Lucas sie ständig eingegangen war, was ihn letztlich das Leben gekostet hatte. „Bei der Vorstellung, dass mich nur ein dünnes Seil vor dem Absturz schützt, wird mir ganz anders.“

„Das verstehe ich gut! Dank der Sicherung können Sie aber gar nicht abstürzen. Trotzdem habe ich, ehrlich gesagt, auch Angst. Aber ich habe über die Risiken nachgedacht und schließlich doch zugestimmt. Außerdem brauchen wir das Ultraschallgerät! Ich glaube, man muss manchmal seine Angst einfach überwinden.“

Seine Angst überwinden. Das war etwas anderes, als ständig nach dem nächsten Adrenalinkick zu suchen. Eher ging es darum, ein kalkulierbares Risiko einzugehen und selbstbewusst die innere Stimme zu ignorieren, wegen der man so vieles verpasste.

„Das ist auch ganz allgemein eine gute Lebenseinstellung“, erwiderte Rebecca nachdenklich.

„Manchmal macht man sich einfach zu viele Gedanken“, fügte er hinzu.

Das tat sie wirklich, besonders seit Lucas’ Tod. Vielleicht sollte sie sich Nathaniels Rat zu Herzen nehmen: mutig sein, sich mit ihm verabreden.

Rebecca wurde nervös, verdrängte das Gefühl jedoch energisch. Was sollte schon passieren? Wenn er Nein sagte, würde sie eben wieder auf Abstand gehen. Und wenn er Ja sagte … Eigentlich machte ihr diese Vorstellung deutlich mehr Angst.

„Da haben Sie recht. Manchmal macht man sich zu viele Gedanken – und merkt erst später, dass es eigentlich doch ganz einfach sein könnte. Zum Beispiel …“ Sie atmete tief ein. „Zum Beispiel, mit jemandem Pizza essen zu gehen.“

Überrascht hob er den Kopf und sah sie an. Als sich ihre Blicke begegneten, glaubte sie in seinen freundlichen Augen ein leichtes Glühen zu sehen. „Pizza essen?“, wiederholte er.

Rebeccas Herz schlug heftig. Immerhin war sie seit vielen Jahren nicht mehr mit einem Mann ausgegangen. Sie nickte und räusperte sich. „Sie haben doch letzte Woche vorgeschlagen, dass wir Pizza essen gehen. Wollen wir vielleicht … Möchten Sie?“

Jetzt reiß dich aber mal zusammen, ermahnte sie sich innerlich und versuchte es erneut: „Möchten Sie mit mir …?“

„Das klingt ja fast nach einem indiskreten Angebot, Dr. Hart!“, sagte Nathaniel amüsiert.

Ihr wurde heiß, und sie errötete heftig. „Ich meinte doch nur …“

Er lächelte frech. „Ich weiß. Ich wollte Sie bloß aufziehen!“

Doch wegen seiner Bemerkung dachte Rebecca nun an Dinge, die sie jahrelang verdrängt hatte. Sie brachte kein Wort mehr heraus.

„Ich würde total gerne mit Ihnen Pizza essen gehen. Meinten Sie zusammen mit den Kollegen?“ Als sie den Kopf schüttelte, fragte er: „Als Freunde?“

Rebecca atmete tief ein. „Ich habe seit Lucas’ Tod keine Beziehung gehabt und noch nie jemanden um eine Verabredung gebeten. Ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht.“

„Aber Sie haben es trotz Ihrer Angst getan“, stellte Nathaniel fest. „Und ich würde sehr gern mit Ihnen ausgehen. Für mich ist das auch ein echt ungewohntes Gefühl.“

Rebecca war erstaunt, wie sehr sie das beruhigte. Aber warum war so ein toller Mann wie Nathaniel Jones Single? Hatte ihm jemand in der Vergangenheit das Herz gebrochen?

„Ich bin zeitlich flexibel“, fuhr er fort. „Können Sie auch abends?“

„Ja, dann passen meine Mutter oder meine Schwester auf meine Tochter auf.“ Ich gehe auf ein Date, dachte sie und fühlte sich plötzlich wie ein schüchterner Teenager. „Wie wäre es mit Montagabend?“

Nathaniel sah auf dem Kalender seines Smartphones nach. „Ja, das passt.“

„Dann reserviere ich einen Tisch und schreibe Ihnen, wann und wo.“ Sie gab ihm ihre Nummer, und er schickte ihr eine kurze Nachricht, damit sie auch seine hatte.

Damit war alles geregelt. Sie würden zusammen ausgehen! Und zu ihrer Überraschung machte die Vorstellung Rebecca keine Angst. Stattdessen kam ihr die Welt auf einmal heller und freundlicher vor. Von plötzlichem Mut erfüllt, sagte sie: „Also gut, ich mache beim Abseilen mit.“

„Das brauchen Sie wirklich nicht, ich finde bestimmt jemand anders!“

„Nein, ist schon gut“, versicherte sie. „Die Leute, die uns absichern, sind ja absolute Profis.“

„Aber sie hätten bestimmt eine Heidenangst davor, eine Geburt zu begleiten – etwas, das Sie jeden Tag machen“, gab Nathaniel zu bedenken.

„Stimmt. Und meine Tochter muss die Aktion ja nicht mit ansehen. Sie hat vormittags Schwimmunterricht. Da können dann meine Eltern mit ihr hingehen.“

„Und wer feuert Sie an?“, fragte er. „Ich bringe meine Schwester und ihre Frau mit.“

„Vielleicht meine Schwester“, überlegte Rebecca.

„Vielen Dank, dass Sie mitmachen! Ich hoffe, ich habe Sie nicht unter Druck gesetzt.“ Nathaniel schenkte ihr ein Lächeln, bei dem ihr Herz einen Sprung machte.

Sie gab sich einen Ruck und erwiderte: „Sie hatten schon recht: Es ist gut, sich seiner Angst zu stellen.“

Der Rest des Tages verging wie im Flug. Abends reservierte Rebecca den Tisch und schrieb Nathaniel Uhrzeit und Adresse. Er antwortete sofort.

Ich freue mich schon.

Ich mich auch, dachte sie.

Erst musste sie allerdings noch die Abseilaktion hinter sich bringen. Am Samstagmorgen traf sie sich mit Nathaniel und dem Rest des Teams im Zentrum Londons. Es waren auch eine ganze Reihe Leute zur moralischen Unterstützung gekommen, alle mit Kameras bewaffnet.

Rebecca stellte Nathaniel ihrer Schwester Saskia vor.

„Freut mich sehr“, sagte er. „Und das sind meine Schwester Charlotte und ihre Frau Robyn.“ Seine Schwester war hochschwanger und sah ihm sehr ähnlich.

„Dann also bis nachher, wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben!“

„Viel Glück, Bec!“, sagte Saskia.

Auf dem Dach des Gebäudes ließen sich Rebecca und ihre Kollegen beim Anlegen von Helm und Klettergurt helfen.

Sie und Nathaniel sollten sich zuerst abseilen. Plötzlich kam ihr das Gebäude sehr, sehr hoch vor. Warum hatte sie sich bloß zu der Aktion überreden lassen?

Nathaniel schien ihr anzusehen, dass sie es mit der Angst zu tun bekam. „Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich.

Nein. „Ja“, schwindelte sie. „Und bei Ihnen?“

„Ja, alles gut.“ Seine ruhige Stimme und sein Lächeln linderten ihre Angst ein wenig. „Es wird schon gut klappen“, versicherte er. „Wir sind bestens gesichert, sonst wäre das hier gar nicht erlaubt. Und wir sind auch nicht das erste Team, das sich hier abseilt. Sie kriegen das hin“, beruhigte er sie. „Ich war ja schon dabei, wenn Sie im OP einen Kaiserschnitt durchgeführt haben. Dagegen ist so eine Abseilaktion gar nichts. In zehn Minuten haben Sie es hinter sich. Wenn etwas nur zehn Minuten dauert, schaffen Sie es auf jeden Fall – egal, was es ist.“

Ob Nathaniel so auch werdende Mütter während der Wehen beruhigte? Kein Wunder, dass er auf der Station so beliebt ist, dachte Rebecca. Er wirkte absolut ruhig und vertrauenswürdig.

„Ist gut“, sagte sie. Doch als sie auf die Plattform traten und von einer Mitarbeiterin des Sicherheitsteams mit Karabinerhaken und Seil gesichert wurden, bekam sie es erneut mit der Angst zu tun. Angesichts der schwindelerregenden Höhe nahm sie kaum noch etwas um sich herum wahr. Und sie würde sich rückwärts in die Tiefe wagen müssen …

„Jetzt die Handschuhe. Damit können Sie sich gut am Seil festhalten, und außerdem schützen Sie Ihre Hände. Gehen Sie jetzt bitte zum Rand. Sie können nicht fallen und sind absolut sicher.“

Rebeccas Füße fühlten sich plötzlich bleischwer an. Als sie die Anweisung erhielt, sich nur noch am Seil festzuhalten, bekam sie Panik.

„Mit beiden Händen das Seil halten, zurücklehnen – ein bisschen so, als würden Sie sich setzen, nur dass die Beine gerade bleiben.“

Rebecca hatte das Gefühl, sich wie durch klebrigen Sirup zu bewegen, doch sie schaffte es.

„Jetzt das Seil anheben. Zuerst fühlt es sich ganz schön schwer an, aber je weiter Sie sich abseilen, umso leichter wird das Seil, und dann werden Sie schneller. Sie können Ihr Tempo aber selbst bestimmen. Lassen Sie sich ruhig Zeit.“

Autor