Julia Bestseller - Susan Mallery 3

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SO ZÄRTLICH WIE DU
von MALLERY, SUSAN

Endlich wird Stephanie wieder einmal von einem Mann umworben! Ihr neuer Pensionsgast, der überaus attraktive Psychologe Nash Harmon, ist zwar eigentlich in die Stadt gekommen, um nach seinen Geschwistern zu suchen. Doch gefunden hat er Stephanie - die Liebe seines Lebens …

HEISSE NÄCHTE IN TEXAS
von MALLERY, SUSAN

Endlich wird Stephanie wieder einmal von einem Mann umworbeVon der süßen Haley geht ein Zauber aus, dem sich Kevin Harmon einfach nicht entziehen kann: Sie ist so unschuldig und unerfahren, dass sie auf Anhieb den Beschützer in ihm weckt. Aber nicht nur den. Auch den Mann, der leidenschaftlich begehren kann.n! Ihr neuer Pensionsgast, der überaus attraktive Psychologe Nash Harmon, ist zwar eigentlich in die Stadt gekommen, um nach seinen Geschwistern zu suchen. Doch gefunden hat er Stephanie - die Liebe seines Lebens …

TRAUMANN GESUCHT
von MALLERY, SUSAN

Sie ist zurück! Kari, die Liebe seiner Jugend. Gage Reynolds kann sein Glück kaum fassen, als das süße Model wieder in seiner Stadt auftaucht. Endlich kann es ein Happy End geben! Doch dann wird Gage in eine Familienangelegenheit verwickelt, die alles infrage stellt.

  • Erscheinungstag 14.10.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733766313
  • Seitenanzahl 399
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Mallery

Julia Bestseller – Susan Mallery 3

SUSAN MALLERY

Traummann gesucht

Kari Asbury hat alles erreicht: Sie lebt in der großen Stadt, ist Topmodel und wird begehrt. Nur ihre Jugendliebe, der faszinierende Sheriff Gage, scheint unerreichbar. Als sie nun in ihre alte Heimat zurückkehrt, um das Haus ihrer Großmutter zu verkaufen, will Kati das unbedingt ändern. Doch Gage scheint gerade mit ganz anderen Dinge beschäftigt zu sein …

Heiße Nächte in Texas

Endlich beginnt für die süße Haley ein neues Leben! Mit ihrem alten Auto macht sie sich auf eine weite Reise und trifft in Texas den faszinierendsten Mann, den sie je kennen gelernt hat: Kevin Harmon! Er beschützt sie, als ihr Gefahr droht. Und sie pflegt ihn, als er verletzt wird. Nun soll dieser Mann ihr auch endlich zeigen, wie aufregend die Liebe ist …

So zärtlich wie du

Die bezaubernde Stephanie hat wahrlich genug um die Ohren: Allein kümmert sie sich um ihr süßes Kind und leitet dazu auch noch eine gemütliche Frühstückspension. Doch nun bringt sie auch noch ein überaus anziehender Gast aus der Fassung: der attraktive Psychologe Nash Harmon. Der scheint sich leidenschaftlich um sie zu bemühen. Oder spielt er etwa mit ihr?

1. KAPITEL

Kari Asbury hatte nicht erwartet, dass es einfach sein würde, den Scheck in Possum Landing einzulösen. Sie wäre allerdings nie auf die Idee gekommen, dass sie deswegen ihr Leben aufs Spiel setzen müsste.

Nicht nur, dass der Scheck von einer Bank im Sündenpfuhl New York City ausgestellt worden war. Ihr Führerschein stammte ebenfalls aus New York. Ida Mae Montel würde zweifelsohne wissen wollen, warum ein Mädchen, das in Possum Landing, im Staate Texas, geboren und aufgewachsen war, freiwillig zu den Yankees ging. Und warum sie dazu noch ihren texanischen Führerschein aufgegeben hatte. War denn nicht jeder stolz darauf, Texaner zu sein?

Sicherlich würde die Bankmanagerin, Sue Ellen Boudine, den Scheck höchstpersönlich und mit spitzen Fingern begutachten, so als ob er vergiftet wäre. Dann würden die beiden Frauen einige Anrufe tätigen – wahrscheinlich, um ihren Freunden zu erzählen, dass Kari wieder in der Stadt war, dazu noch mit einem New Yorker Führerschein – und schließlich tief seufzen. Dann, und erst dann, würden sie Kari das Geld endlich geben. Oh, aber zuerst würden sie noch versuchen, sie dazu zu bringen, in der First Bank in Possum Landing ein Konto einzurichten.

Kari zögerte vor der großen, doppelten Glastür und überlegte, ob sie das Geld wirklich so dringend brauchte. Vielleicht wäre es besser, die Gebühr in Kauf zu nehmen und das Geld am Automaten zu holen. Doch dann fiel ihr ein, es wäre vielleicht gar nicht so schlecht, wenn rasch bekannt würde, dass sie auf Besuch in Possum Landing war. Umso schneller hätte sie alle Fragen beantwortet und könnte sich endlich ein wenig Ruhe gönnen.

Außerdem interessierte es sie, ob Ida Mae ihr Haar immer noch hoch aufgetürmt trug. Eine Frisur, die eine Unmenge von Haarspray verlangen musste. Als sie an Ida Maes Friseur dachte, musste sie unwillkürlich lächeln. Und dieses Lächeln lag noch auf ihrem Gesicht, als sie die Tür öffnete und die Bank betrat. Sie blieb stehen und wartete darauf, mit entzückten Schreien und überschwänglichen Umarmungen willkommen geheißen zu werden.

Doch nichts passierte.

Kari runzelte die Stirn. Sie sah sich in der Bank um, die bereits 1892 gegründet worden war – die hohen, schmalen Fenster, die edlen Echtholztäfelungen, die Schalter. Ida Mae stand am ersten Schalter links, aber die ältere Frau sagte kein Wort. Sie lächelte noch nicht mal. Sie blickte Kari nur mit einem panischen Gesichtsausdruck an und machte eine seltsame Geste mit der Hand.

Bevor Kari herausfinden konnte, was die Geste bedeutete, wurde plötzlich etwas Hartes, Kaltes gegen ihre Schläfe gepresst.

„Ah, sieh mal einer an. Wir haben noch eine Kundin, Jungs.“

„Zumindest ist diese hier jung und hübsch.“

Karis Herz setzte einen Schlag lang aus. Draußen zeigte das Thermometer bestimmt dreißig Grad an, aber hier in der Bank schien es eiskalt zu sein.

Langsam, ganz langsam wandte sie sich dem Mann zu, der immer noch mit der Pistole auf ihren Kopf zielte. Er war klein, untersetzt und trug eine Skimaske. Was um alles in der Welt ging hier vor sich?

„Wir rauben die Bank aus“, erklärte der Mann, als ob er ihre Gedanken lesen könnte.

Sie sah sich rasch um. Mit dem Mann, der die Pistole auf sie richtete, befanden sich insgesamt vier Räuber in der Bank. Zwei hielten die Kunden und die Angestellten in Schach, während der vierte Gangster sich von Ida Mae das Geld in einen Sack einpacken ließ.

„Gehen Sie in die Mitte des Raumes, und legen Sie Ihre Handtasche auf den Boden“, befahl der Mann Kari. „Dann gehen Sie zu den anderen Ladies hinüber. Tun Sie, was wir Ihnen sagen, dann wird Ihnen nichts passieren.“

Ein eisernes Band schien sich um Karis Brust zu legen, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Ich … äh … ich habe keine Handtasche.“

Sie hatte tatsächlich keine dabei. Der Führerschein und der Scheck steckten in der Gesäßtasche ihrer Jeans.

Der Bankräuber sah sie einen Moment an und nickte dann. „Sieht tatsächlich so aus. Gehen Sie jetzt darüber.“

Das kann doch nicht wahr sein, dachte Kari, während sie zu den anderen Kunden hinüberging. Warum muss ausgerechnet mir das passieren?

Beinahe hatte sie die Gruppe erreicht, als die Hintertür der Bank aufgerissen wurde.

„Na, so was?“, hörte man eine tiefe, männliche Stimme sagen. „Schlechter Zeitpunkt, Jungs, nicht wahr? Die Frage ist nur, ob für euch oder für mich.“

Einige Frauen schrien auf. Einer der maskierten Männer packte sich eine ältere Frau und hielt ihr den Pistolenlauf an die Schläfe. „Bleiben Sie zurück“, schrie er. „Bleiben Sie, wo Sie sind, oder diese Lady hier wird sterben.“

Kari hatte keine Zeit zu reagieren. Der Mann, der sie eben noch mit der Waffe bedroht hatte, ergriff ihren Arm, zog sie grob an sich und schlang einen Arm um sie. Erneut spürte sie den Druck des Pistolenlaufes an ihrem Kopf.

„Es sieht so aus, als ob wir ein Problem hätten“, bemerkte der Gangster grimmig, der sie als Geisel genommen hatte. „So, Sheriff, jetzt werden Sie uns hinausgehen lassen, und ich verspreche Ihnen, dass niemand verletzt wird.“

Kari hatte das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden. Das, was hier geschah, konnte einfach nicht wahr sein. Erst konnte sie vor Angst kaum atmen, und in der nächsten Sekunde platzte Gage Reynolds unerwartet wieder in ihr Leben. Mitten in einem Banküberfall und einer Geiselnahme.

Vor acht Jahren war er ein junger Hilfssheriff gewesen, der in seiner Kakiuniform umwerfend attraktiv ausgesehen hatte. Und auch jetzt sah er noch so gut aus, dass eine Frau einfach nur schwach werden konnte. Bloß, dass er mittlerweile Sheriff geworden war, wie der glänzende Stern an seiner Brust verriet.

Er nahm jetzt seinen Cowboyhut ab und schlug ihn gegen seine Oberschenkel. Sein dunkles Haar glänzte, und der Blick seiner ebenso dunklen Augen war hellwach.

„Bringen Sie mich nicht dazu, sie zu erschießen“, warnte der Maskierte.

„Wissen Sie überhaupt, wen Sie sich da geschnappt haben?“, fragte Gage so gelassen, als ob er sich gar nicht bewusst wäre, was hier in der Bank geschah. „Das ist Kari Asbury.“

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Sheriff.“

Der Bankräuber drückte den Lauf der Pistole noch ein wenig fester gegen ihre Schläfe, und Kari zuckte zusammen. Gage schien es nicht zu bemerken.

„Sie ist die Frau, die abgehauen ist.“

Kari konnte den Schweiß des Gangsters riechen. Sie war sicher, dass er nicht beabsichtigt hatte, eine Geisel zu nehmen. Der Gedanke, dass ihm die Situation über den Kopf wachsen könnte, ließ sie allerdings nicht ruhiger werden.

„Ganz genau“, bekräftigte Gage, legte den Hut auf den Tisch und streckte sich. „Vor acht Jahren hat diese hübsche Frau da mich vor dem Altar stehen lassen.“

Trotz der Pistole, deren Mündung sich gegen ihre Schläfe drückte, konnte Kari ihre Entrüstung nicht zurückhalten. „Ich habe dich überhaupt nicht am Altar stehen lassen. Wir waren noch nicht mal verlobt.“

„Vielleicht. Aber du wusstest, dass ich dich fragen würde, und du bist trotzdem weggelaufen. Das ist doch praktisch das Gleiche, oder etwa nicht?“

Er hatte die letzte Frage an den Bankräuber gerichtet, der tatsächlich nachdachte, bevor er antwortete. „Wenn Sie ihr noch keinen Antrag gemacht hatten, kann man wohl kaum sagen, dass sie Sie vor dem Altar stehen gelassen hat.“

„Das mag sein, aber sie hat mich beim Abschlussball versetzt.“

Kari konnte es nicht fassen. Ausgenommen bei der Beerdigung ihrer Großmutter vor sieben Jahren, hatte sie Gage das letzte Mal am Nachmittag vor dem Abschlussball der Highschool gesehen. Obwohl sie damit gerechnet hatte, ihm irgendwann über den Weg zu laufen, hatte sie sich ihr Wiedersehen bestimmt nicht so vorgestellt.

„Es war etwas komplizierter“, erwiderte sie und konnte es nicht fassen, dass sie sich vor einem Bankräuber verteidigen musste.

„Hast du nun die Stadt ohne Vorwarnung verlassen oder nicht, Kari? Mehr als einen kurzen Brief war ich dir damals nicht wert. Du hast mit meinem Herzen gespielt wie mit einem Fußball.“

Der Gangster sah sie vorwurfsvoll an. „Das war nicht sehr nett.“

Sie starrte zurück. „Ich war achtzehn Jahre alt, und ich habe mich in dem Brief für mein Verhalten entschuldigt.“

„Ich bin nie darüber hinweggekommen“, meinte Gage dramatisch, und der Schmerz schien ihm aus jeder Pore zu strömen. Er griff in die Brusttasche seiner Uniform und holte sich eine Packung Kaugummis heraus. „Du siehst einen gebrochenen Mann vor dir.“

Kari unterdrückte den Drang, mit den Augen zu rollen. Sie wusste nicht, welches Spiel Gage spielte, aber sie wünschte sich, er würde es mit jemand anders tun.

Ihre Verwirrung wurde zur Wut, als Gage einen Kaugummistreifen herausnahm und ihn dem Bankräuber anbot. Als Nächstes würden sie womöglich noch zusammen ein Bier trinken gehen. Der Bankräuber wollte das Kaugummi nicht annehmen, doch das war nicht so wichtig. Gage hatte eine Beziehung zu dem Mann aufgebaut, das allein zählte.

„Sie ist nach New York City gegangen“, fuhr Gage fort und steckte das Kaugummipäckchen wieder in die Brusttasche. „Sie wollte Model werden.“

Der Maskierte schaute Kari an und zuckte dann die Schultern. „Hübsch genug ist sie ja. Aber wenn sie wieder zurück ist, hat es wohl nicht so geklappt mit der Karriere.“

Gage seufzte theatralisch. „Ich glaube kaum. All der Schmerz und das Leiden waren umsonst.“

Kari verlor langsam die Geduld – mit Gage und mit dem Bankräuber. Doch irgendetwas sagte ihr, dass jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt war, um sich aus dem Griff des Kriminellen loszureißen.

Währenddessen hoffte Gage inständig, dass Kari noch einen Moment mitspielen würde. Obwohl alles in ihm drängte, sie auf der Stelle aus den Händen dieses Schufts zu befreien, zwang er sich, gelassen und konzentriert zu bleiben. Er musste außer Kari noch andere beschützen. Mit Kunden und Angestellten zusammen befanden sich fünfzehn unschuldige Personen in diesen alten Mauern. Fünfzehn überrumpelte Menschen und vier kaltblütige Männer mit Pistolen. Dieses Verhältnis gefiel Gage ganz und gar nicht.

Er schaute aus den Augenwinkeln zu den Fenstern hinüber, um das Sonderkommando zu überprüfen, das die Bank in diesem Moment umstellte. In einer Minute mussten die Jungs ihre Stellung eingenommen haben.

„Wollen Sie, dass ich sie umbringe?“, fragte der Bankräuber.

Kari schnappte entsetzt nach Luft. Ihre großen blauen Augen weiteten sich, und jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Gage kaute auf seinem Kaugummi herum und zuckte dann die Schultern. „Es ist zwar freundlich von Ihnen, mir das anzubieten, aber ich glaube, ich werde mich zum passenden Zeitpunkt selbst mit ihr auseinandersetzen.“

Das Team hatte seinen Platz inzwischen fast eingenommen. Gages Herz raste, aber er ließ sich nichts anmerken. Noch ein paar Sekunden, dachte er. Noch …

„Hey, sieh mal!“

Einer der Bankräuber im hinteren Teil des Raumes hatte sich plötzlich umgedreht. Ein Polizist war den Bruchteil einer Sekunde zu spät in Deckung gegangen. Der Gangster, der Kari in der Gewalt hatte, fluchte laut.

„Verdammt! Zum Teufel mit …“

Mehr brachte er nicht heraus, denn Gage sprang auf ihn zu, entriss Kari seinen Händen, rief ihr zu, sich hinzulegen, und stieß dann mit voller Kraft dem Bankräuber seinen Stiefel in den Bauch.

Der Mann schrie auf, sackte kraftlos zu Boden und wurde sofort von zwei Mitgliedern des Sonderkommandos in Handschellen gelegt.

Das Team war jedoch nicht schnell genug gewesen, um den Mann neben Ida Mae festnehmen zu können. Ein Schuss ging los.

Gage reagierte, ohne nachzudenken. Er warf sich auf Kari und schützte ihren Körper mit seinem. Ein halbes Dutzend Schüsse wurde abgegeben, bevor Stille eintrat.

„Beweg dich nicht“, zischte er ihr ins Ohr.

„Das kann ich auch gar nicht“, stöhnte sie.

Nach einer Weile, die beiden wie eine Ewigkeit erschien, wahrscheinlich aber nur einige Sekunden dauerte, vernahmen sie die Stimme eines der Gangster. „Ist ja schon gut. Ich ergebe mich.“

Man hörte einige Geräusche, und schließlich rief ein Mann laut: „Gefahr vorüber!“

Er rief das noch ein paar Mal, bis Gage endlich von Kari herunterrollte und zu den anderen hinüberschaute. Es ging allen gut, und auch Ida Mae war nichts geschehen. Nachdem der Bankräuber, der sie in Schach gehalten hatte, angeschossen worden war, hatte sie ihm in den Unterleib getreten. Er hatte die Pistole fallen lassen und war dann festgenommen worden.

Der Leiter des Sonderkommandos ging zu Gage hinüber und schaute ihn an. Der Mann war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, trug einen Schutz vor dem Gesicht und war über und über mit Munition behängt.

„Ich weiß immer noch nicht, ob Sie ein verflixter Narr oder ein besonders mutiger Mann sind. Eins von beidem müssen Sie sein, sonst hätten Sie sich nicht ungeschützt in einen bewaffneten Bankraub begeben.“

Gage setzte sich auf und lächelte. „Irgendeiner musste es ja tun, und ich glaube kaum, dass einer Ihrer Männer freiwillig gegangen wäre. Außerdem wissen wir doch, wie diese Kleinstadtkriminellen sind. Sie sind an den Anblick von Sheriffs gewöhnt, aber ihr mit eurer schwarzen Kluft hättet ihnen eine Todesangst eingejagt. Sie hätten vielleicht überreagiert und jemanden erschossen.“

Der Mann nickte. „Wenn Sie jemals vom Kleinstadtleben genug haben, denken Sie an uns. Sie wären eine Bereicherung für unser Team.“

Gage dachte noch nicht mal über dieses Angebot nach. „Ich fühle mich sehr geschmeichelt“, erwiderte er, „aber ich liebe meine Arbeit. Und ich bin genau an dem Platz, an den ich gehöre.“

Der Mann nickte erneut und ging davon.

„Du hast gewusst, dass sie da waren?“

Er drehte sich um und sah, wie Kari ihn anschaute. Sie lag immer noch auf dem Boden. Ihr einst langes blondes Haar hatte sie in eine modische Kurzhaarfrisur verwandelt. Make-up betonte ihre großen blauen Augen, und sie war noch schöner, als er es in Erinnerung hatte.

„Das Sonderkommando?“, fragte er. „Klar. Ich wusste, dass sie das Gebäude umstellten.“

„Ich war also nie in Gefahr?“

„Kari, ein Bankräuber hat eine Pistole an deinen Kopf gehalten. Ich würde das nicht als ungefährlich bezeichnen.“

Sie lächelte. Es war ein verführerisches Lächeln, an das er sich nur allzu gut erinnern konnte. Verflixt, war sie damals hübsch gewesen, und die Zeit hatte nichts daran geändert. Ganz im Gegenteil.

Ihm wurde plötzlich bewusst, dass er viel zu lange keinen Sex mehr gehabt hatte. Vor acht Jahren waren Kari und er nicht dazu gekommen, dieses Vergnügen zu teilen. Er fragte sich, ob sie jetzt wohl offener wäre für diese Erfahrung. Während er sich erhob, fasste er einen Entschluss. Sollte sie länger in Possum Landing bleiben, würde er es herausfinden.

„Herzlich willkommen“, sagte er jetzt in offiziellem Ton und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen.

Sie legte ihre Hand in seine. „Danke, Gage, aber eine Frage habe ich noch. Wenn du mich unbedingt auf eine besondere Art begrüßen wolltest, warum hast du dann nicht einfach eine Parade abgehalten?“

„Sie können jetzt gehen, Miss Asbury“, erklärte der drahtige Detective fast vier Stunden später.

Kari seufzte erleichtert. Sie hatte ihre Aussage gemacht, hatte etwas zu essen und zu trinken bekommen, war befragt worden, und endlich stand es ihr frei, nach Hause zu gehen. Soweit sie es beurteilen konnte, gab es trotzdem noch einige Probleme. Erstens weigerte sich ihr Herz, wieder normal zu schlagen. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, was in der Bank passiert war, begann ihr Herz erneut zu rasen. Das zweite Problem war, dass sie von ihrem Haus zur Bank zu Fuß gelaufen war, aber das Büro des Sheriffs befand sich genau am anderen Ende der Stadt. In Texas war Hochsommer. Das bedeutete, es herrschten extrem hohe Temperaturen und eine stark erhöhte Luftfeuchtigkeit.

„Glauben Sie, dass jemand mich nach Hause fahren könnte?“, fragte sie. „Oder fährt Willy immer noch in dieser Gegend Taxi?“

Der Detective schaute sie an und lächelte. „Ich wünschte, ich könnte Sie nach Hause bringen, aber leider habe ich noch einiges an Arbeit zu erledigen. Ich werde einen der Hilfssheriffs beauftragen, Sie nach Hause zu fahren.“

Kari lächelte ihn dankbar an. Als sie allein war, sah sie sich in dem Zimmer um, das nur durch Glaswände von den restlichen Räumen des Sheriffbüros getrennt war. Sie hielt nach nichts Besonderem Ausschau. Und ganz bestimmt nicht nach Gage. Doch wie magisch fiel ihr Blick ganz von allein auf ihn.

Er saß ihr gegenüber in seinem Büro und sprach mit einem Mitglied des Spezialteams. Versuchten sie ihn zu überreden, Possum Landing zu verlassen und ihrem Team beizutreten?, überlegte sie.

Kari schüttelte den Kopf. Sie mochte acht Jahre nicht mehr in dieser Stadt gelebt haben, aber manche Dinge änderten sich nie. Gage Reynolds würde Possum Landing garantiert nicht verlassen, darauf würde sie wetten.

Sie sah, wie Gage etwas sagte und der andere Mann dann lachte. Die Jahre waren Gage gut bekommen. Sein Gesicht war markanter und sein schlanker Körper muskulöser geworden. Er wirkte attraktiver und männlicher als je zuvor. Obwohl sie sich selbst mitten im Geschehen befunden hatte, konnte sie es immer noch nicht fassen, dass er sich in den Bankraum mit den bewaffneten Gangstern vorgewagt hatte. Dazu noch so gelassen, dass er sie damit ganz verrückt gemacht hatte.

Der Detective kehrte wieder in den Raum zurück. „Miss Asbury, wenn Sie bitte vorne am Eingang warten würden. Ein Beamter wird Sie in ein paar Minuten nach Hause bringen.“

Sie dankte und folgte ihm hinaus in den Warteraum. Ida Mae saß dort, die Hände sorgfältig im Schoß gefaltet. Als sie Kari sah, trat ein herzliches Lächeln auf ihr faltiges Gesicht.

„Kari!“ Die ältere Frau erhob sich und streckte ihr die Arme entgegen. Kari ging zu ihr hinüber und ließ sich umarmen. Alles war ihr so vertraut – Ida Maes knochige Arme, ihre hochtoupierte Frisur, die wie immer perfekt saß, der Duft ihres Parfüms.

„Du siehst gut aus, Kind“, stellte Ida Mae fest, nachdem sie Kari losgelassen hatte und wieder auf der Bank Platz nahm.

Kari setzte sich neben sie und tätschelte leicht die Hand der älteren Frau. „Sie haben sich kein bisschen verändert. Geht es Ihnen gut?“

Ida Mae legte eine Hand auf ihre Brust. „Ich dachte, ich würde in der Bank einen Herzinfarkt bekommen. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als diese Männer die Pistolen auf uns richteten. Dann kamst du auch noch herein, und ich glaubte, einen Geist zu sehen. Und dann Gage. War er nicht mutig?“

„Und wie“, stimmte Kari ihr zu. Gage hatte schon immer das getan, was er für richtig hielt. An Mut hatte es ihm nie gemangelt.

Ida Mae warf ihr einen wissenden Blick zu. „Er ist immer noch ein gut aussehender Mann, nicht wahr? Und wie stattlich er geworden ist.“

Kari hätte am liebsten die Augen verdreht, aber sie fand sich nun doch zu alt für diese Art von Reaktion.

„Niemand hatte eine Ahnung, dass du zurückkommst“, fuhr Ida Mae fort, ohne auf eine Antwort zu warten. „Natürlich wussten wir, dass du irgendwann mal auftauchen würdest. Schließlich gehört das Haus deiner Großmutter dir. Ich kann dir sagen, die haben sich hier die Mäuler zerrissen, als du damals weggegangen bist. Der arme Gage. Du hast ihm das Herz gebrochen. Aber du warst jung und wolltest deine Träume leben. Es war nur schade, dass du ihn nicht in deine Träume eingeschlossen hast.“

Kari wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Herz war ebenfalls gebrochen gewesen, aber sie wollte jetzt nicht daran denken. Was vergangen war, war vergangen. Zumindest redete sie sich das ein, auch wenn sie selbst nicht wirklich daran glaubte.

Ida Mae lächelte. „Es ist schön, dass du wieder da bist, Kari. Ich freue mich, dass du zurück bist.“

Kari seufzte leise. „Ida Mae, ich bin nicht zurück. Ich will nur den Sommer hier verbringen.“ Dann würde sie den Kleinstadtstaub von ihren Schuhen schütteln und nie mehr zurückschauen.

„Hm.“ Ida Mae schien nicht davon überzeugt zu sein.

Glücklicherweise erschien der Beamte, der sie fahren sollte, genau in diesem Moment. Kari bot Ida Mae an, mit ihr nach Hause zu fahren.

„Nein, nein. Mein Nelson wartet wahrscheinlich schon draußen auf mich. Ich habe ihn bereits angerufen.“

Zusammen mit dem Deputy verließen sie das Sheriffbüro und gingen dann die drei Stufen zum Bürgersteig hinunter. Nelson wartete tatsächlich bereits auf seine Frau.

„Die kleine Kari Asbury“, bemerkte Nelson erfreut, als er auf sie zutrat. Er lächelte, als er seine Stirn mit einem Taschentuch abwischte. „Du bist ganz schön erwachsen geworden.“

Kari lächelte.

„Ist sie nicht hübsch?“, fragte Ida Mae stolz. „Aber du warst ja schon immer so ein reizendes Kind. Du hättest bei der Wahl zur Miss Texas mitmachen sollen. Du hättest gewinnen können.“

Kari lächelte. „Es hat mich sehr gefreut, Sie beide wiederzusehen“, sagte sie höflich und ging auf den Polizeiwagen zu, den ein Deputy jetzt vorgefahren hatte.

„Übrigens, Gage hatte zwar einige feste Beziehungen“, rief Nelson ihr hinterher, „aber keine hat es geschafft, ihn zum Altar zu schleppen.“

Kari winkte als Antwort nur ab. Dieses Thema würde sie auf keinen Fall anschneiden.

„Wirklich schön, dass du wieder zurück bist“, rief Nelson ihr hinterher.

Dieses Mal konnte Kari sich nicht zurückhalten. Sie drehte sich noch mal um und schüttelte den Kopf. „Ich bin nur auf Urlaub hier.“

Nelson winkte weiter.

„Na, toll“, murmelte sie, während sie in den Polizeiwagen stieg. Der junge Deputy hatte ihr seinen Namen genannt, aber sie hatte ihn bereits wieder vergessen. Wahrscheinlich, weil er so unglaublich jung aussah. Sie war erst sechsundzwanzig, aber neben diesem Jungen kam sie sich alt vor.

Kari gab ihm ihre Adresse, lehnte sich in den Sitz zurück und genoss die Kühle der Klimaanlage. Sie hätte genug Dinge, die sie beschäftigen sollten, stattdessen kehrten ihre Gedanken in die Zeit zurück, in der sie Gage kennengelernt hatte. Sie war siebzehn und er dreiundzwanzig Jahre alt gewesen. Und damals war er ihr so viel älter und reifer als sie erschienen.

„Ich weiß, dass Ihnen meine Frage seltsam erscheinen wird“, sagte sie und schaute den jungen Mann neben ihr an. „Aber würden Sie mir bitte sagen, wie alt Sie sind?“

Er sah sie erstaunt an. „Dreiundzwanzig.“

„Oh.“

So alt war auch Gage vor acht Jahren gewesen. Irgendwie erschien ihr das heute unmöglich. Wenn Gage damals so jung wie der Mann neben ihr gewesen war, warum war es ihr dann so schwergefallen, ihm ihre Gefühle zu zeigen, wenn sie zusammen gewesen waren? Warum hatte ihr dann allein der Gedanke, ihm ihre Liebe zu gestehen, Angst eingejagt?

Es gab keine einfache Antwort auf diese Frage, und bevor sie noch lange überlegen konnte, hatten sie ihr Haus bereits erreicht.

Kari dankte dem Deputy und stieg aus dem Wagen. Das alte Haus, in dem sie aufgewachsen war, lag jetzt im Licht des Spätnachmittags vor ihr. Es war in den vierziger Jahren gebaut worden und besaß eine große Veranda und Giebelfenster. Verschiedene Versionen dieses Hauses fanden sich die ganze Straße entlang wieder, das Nachbarhaus eingeschlossen. Sie schaute auf das Haus und fragte sich, wann sie ihren Nachbarn wohl wieder treffen würde. Als ob es nicht schwer genug war, den Sommer in Possum Landing verbringen zu müssen. Nein, Gage Reynolds musste auch noch neben ihr wohnen!

Kari betrat das Haus ihrer Großmutter und blieb im Wohnzimmer stehen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie Großmutters Freunde hier saßen und den neuesten Klatsch der Stadt austauschten, wenn es auf der Veranda zu kühl war.

Sie war am Abend zuvor im Dunklen angekommen und hatte nur wenige Lampen angeknipst. Irgendwie war es ihr so vorgekommen, als ob das Haus anders gewesen wäre als früher. Doch jetzt sah sie, dass das nicht stimmte.

Es war immer noch dasselbe alte Sofa ebenso wie der Sessel, den Karis Großmutter wiederum von ihrer Großmutter geerbt hatte. Kari hatte dieses Möbelstück immer gehasst, doch als sie den uralten Sessel jetzt berührte, wurde sie von Erinnerungen überflutet.

Vielleicht hatte der Bankraub sie mehr mitgenommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht wurde ihr erst jetzt bewusst, dass sie wieder zu Hause war. Wie dem auch sei, plötzlich nahm sie die Gespenster der Vergangenheit in diesem Haus wahr. Zumindest sind sie freundlich, beruhigte sie sich, als sie in die alte Küche hinüberging. Großmutter hatte sie immer geliebt.

Kari betrachtete den alten Küchenschrank und den Herd, der gut dreißig Jahre alt war. Wenn sie einen ordentlichen Preis für das alte Haus erzielen wollte, würde sie einige Dinge modernisieren müssen. Das war auch der Grund, warum sie für diesen Sommer nach Possum Landing zurückgekehrt war.

Eine gewisse Unruhe hatte sich in ihr breitgemacht, und sie ging nach oben, um zu duschen. Dann schlüpfte sie in ein leichtes Baumwollkleid, rannte barfuß nach unten, begann zu kochen und lief im Haus herum, als ob sie darauf wartete, dass etwas passierte.

Und dann geschah es.

Es klopfte an der Tür. Noch bevor Kari sie öffnete, wusste sie, wer davor stand. In ihrer Magengegend spürte sie eine merkwürdige Unruhe, und ihr Herz begann erneut zu rasen. Sie holte tief Luft und griff dann zur Türklinke.

2. KAPITEL

Wie Kari erwartet hatte, stand Gage vor ihrer Haustür. In der Bank war alles viel zu beängstigend gewesen, als dass sie ihn in Ruhe hätte betrachten können. Aber jetzt nahm sie sich die Zeit dazu.

Er wirkte auf sie größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Oder vielleicht war er auch nur breiter und muskulöser geworden. Auf jeden Fall sah er sehr männlich aus und viel zu gut, als es für ihren Seelenfrieden gut gewesen wäre. Andererseits war das schon immer so gewesen.

„Wenn du mich einladen willst, an einem weiteren Banküberfall teilzunehmen, muss ich leider dankend ablehnen“, bemerkte sie mit einem Lächeln.

Gage lächelte ebenfalls und hielt die Hände hoch. „Keine Verbrechen mehr. Nicht, wenn ich es verhindern kann.“ Er lehnte sich gegen den Türrahmen. „Ich wollte nur sehen, wie es dir nach den Aufregungen des heutigen Tages geht. Außerdem habe ich dein Leben gerettet, und da ich wusste, dass du dich dafür bedanken und mich zum Abendessen einladen willst, bin ich einfach vorbeigekommen.“

Sie legte den Kopf leicht schief und sah ihn nachdenklich an. „Und was ist, wenn mein Ehemann Einwände hat?“

Er sah in keiner Weise besorgt aus. „Du bist nicht verheiratet. Ida Mae ist in solchen Dingen immer auf dem Laufenden. Sie hätte es mir erzählt, wenn es so wäre.“

Kari trat zurück, um ihn einzulassen, und schloss die Tür hinter ihm. „Wieso glaubst du, dass ich genug Zeit zum Einkaufen hatte?“

„Selbst wenn du nichts zum Essen hättest, könnte ich immer noch zu mir gehen und ein paar Steaks holen, die im Kühlschrank liegen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe tatsächlich heute Morgen eingekauft. Da mir das Geld ausgegangen war, wollte ich anschließend in der Bank einen Scheck einlösen.“ Sie runzelte die Stirn. „Jetzt erst fällt mir übrigens auf, dass ich ihn noch immer nicht eingelöst habe.“

„Das kannst du morgen machen.“

„Das werde ich wohl müssen.“

Sie führte ihn in die Küche. Es ist seltsam, ihn hier zu haben, dachte sie, eine seltsame Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart. Wie oft hatte er vor acht Jahren mit ihnen zu Abend gegessen. Ihre Großmutter hatte ihn immer an ihrem Tisch willkommen geheißen. Kari war unsterblich in ihn verliebt gewesen und hatte es wunderbar gefunden, dass er mit ihr essen wollte. Sie fand es sogar wunderbar, wenn sie ihm beim Autowaschen Gesellschaft leisten durfte. Ein paar Stunden in Gages Gesellschaft waren alles gewesen, was sie gebraucht hatte, um glücklich zu sein. Das Leben war in jenen Tagen noch sehr viel einfacher gewesen.

Er lehnte sich gegen den Schrank und schnupperte. „Es duftet verflixt gut. Und irgendwie sehr vertraut.“

„Das ist Großmutters Spaghettisaucenrezept. Außerdem versuche ich, ein Brot in ihrer uralten Brotmaschine zu backen. Ich weiß allerdings nicht, ob es was wird.“

„Diese Maschine funktioniert sicher immer noch großartig“, erklärte er gelassen, und seine angenehm tiefe Stimme machte ihr eine Gänsehaut.

Was hatte sie nur? Schließlich war er nur ein Provinzsheriff aus Possum Landing. Sie hingegen lebte in New York City und hatte sogar als Model Karriere gemacht. Eigentlich sollte Gage Reynolds sie kaltlassen. Doch seltsamerweise war dem nicht so.

„Hast du schon all den Papierkram erledigt, der nach einem Banküberfall anfällt?“, erkundigte sie sich, während sie die Sauce umrührte.

„Alles erledigt.“ Er ging zum Küchentisch hinüber und nahm die Flasche Wein auf, die dort stand.

„Kari Asbury, das ist ja Alkohol. Hast du dieses Teufelsgebräu etwa in unsere heilige Stadt gebracht?“

Sie sah auf und lachte. „Genau. Ich wusste, dass man hier nirgends Alkohol verkaufen darf, und habe mir deshalb meinen eigenen mitgebracht. Ich habe den Wein auf meinem Weg vom Flughafen hierher gekauft.“

„Ich bin schockiert.“

Sie lächelte. „Dann interessiert es dich wahrscheinlich auch nicht, dass Bier im Kühlschrank steht.“

„Ganz und gar nicht.“ Er ging zum Kühlschrank hinüber und holte sich eine Flasche heraus. Als er ihr auch ein Bier anbieten wollte, schüttelte sie den Kopf.

„Ich warte bis zum Abendessen und trinke dann Wein.“

Als ob er schon immer hier gelebt hätte, öffnete Gage die Schublade, in der sich der Flaschenöffner befand. Und im Grunde war es ja auch so gewesen. Er war im Frühling vor ihrem letzten Highschool-Jahr ins Nachbarhaus gezogen. Sie erinnerte sich, wie sie ihn beim Einzug beobachtet hatte. Er war in der Armee gewesen und hatte die ganze Welt bereist. Gage war ihr damals unglaublich erwachsen und erfahren vorgekommen. Als sie dann im Herbst das erste Mal miteinander ausgingen …

„Sind wir eigentlich immer noch Nachbarn?“, lenkte sie rasch ihre Gedanken von der Vergangenheit ab und sah ihn an.

„Ja, ich wohne immer noch nebenan.“

Sie dachte an Ida Maes Kommentar, dass Gage es nie bis zum Altar geschafft habe. Irgendwie war es ihm gelungen, sich nicht einfangen zu lassen. Das geht dich nichts an, erinnerte sie sich. Sie überprüfte die Zeituhr an der Brotmaschine und sah, dass noch fünfzehn Minuten vergehen würden, bis sie das Brot herausholen konnte.

„Lass uns ins Wohnzimmer gehen“, schlug sie vor. „Dort ist es bequemer.“

Er nickte und ging voraus.

Während sie ihm folgte, fiel ihr Blick anerkennend auf sein knackiges Hinterteil. Sie war so über ihr Verhalten bestürzt, dass sie fast gestolpert wäre. Was war nur los mit ihr? Noch nie hatte sie lüstern auf den Po eines Mannes gestarrt. Zumindest bis jetzt nicht.

Sie seufzte. Es würde offensichtlich noch komplizierter werden, neben Gage zu wohnen, als sie angenommen hatte.

Er nahm in dem Ohrensessel Platz, während sie sich auf das Sofa setzte. Gage trank einen Schluck Bier, stellte dann die Flasche auf die Häkeldecke, die auf einem der Beistelltische lag, und lehnte sich zurück. Er hätte in diesem überladenen, so weiblichen Raum eigentlich fehl am Platz wirken müssen, aber das tat er nicht. Vielleicht lag es daran, dass Gage sich bisher überall wohl gefühlt hatte.

„Was denkst du?“, fragte er.

„Dass du so aussiehst, als würdest du dich im Haus meiner Großmutter zu Hause fühlen.“

„Ich habe hier viel Zeit verbracht“, erinnerte er sie. „Selbst noch, nachdem du fort warst.“

Sie wollte nicht daran denken, was ihre Großmutter und Gage sich in jener Zeit erzählt haben mochten.

Gage betrachtete ihr Gesicht. „Du hast dich verändert.“

Kari wusste nicht, ob das ein Kompliment oder eher eine Kritik sein sollte. „Es ist viel Zeit vergangen.“

„Ich hätte nie gedacht, dass du noch mal zurückkommen würdest.“

Es war das zweite Mal in drei Stunden, dass jemand auf ihre Rückkehr zu sprechen kam. „Ich bin nur vorübergehend hier“, stellte sie richtig.

Gage schien ihre Bemerkung nicht zu überraschen. „Und aus welchem Grund bist du so plötzlich wieder auf der Bildfläche erschienen? Schließlich sind immerhin sieben Jahre vergangen, seit deine Großmutter gestorben ist.“

Sie seufzte. „Ich will das Haus renovieren, damit ich es verkaufen kann. Ich habe mir einen Sommer Zeit dafür gegeben.“

Er nickte, sagte aber nichts. Sie hatte das unangenehme Gefühl, verurteilt zu werden. Dabei war Gage normalerweise kein Mann, der Menschen grundlos verurteilte. Dass sie jetzt so nervös wurde, hatte also weniger etwas mit Gage, sondern einzig und allein mit ihr zu tun.

Rasch wechselte sie das Thema. „Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet hier in Possum Landing die Bank ausgeraubt wurde. Das wird zwei Wochen lang Gesprächsstoff Nummer eins sein.“

„Wahrscheinlich, aber so eine große Überraschung war es nun auch wieder nicht.“

„Das kann ich nicht glauben. Hat sich denn Possum Landing so verändert?“

Er schüttelte den Kopf. „Wir sind immer noch ein winziger Fleck auf der Landkarte mit den üblichen Kleinstadtproblemen. In der Kriminalstatistik liegen wir weit hinter den Großstädten. Die Bankräuber von heute Morgen hatten sich bereits ihren Weg durch Amerika gebahnt und sich ausschließlich auf Kleinstadtbanken spezialisiert. Ich habe ihre Route verfolgt und mir schon gedacht, dass sie früher oder später bei uns auftauchen würden. Vor vier Tagen hat das FBI dann bei mir angerufen. Sie wollten den Gangstern eine Falle stellen, und ich bot Ihnen sofort unsere Mitarbeit an. Wir sprachen mit den Bankangestellten und warteten.“

Kari konnte es nicht glauben. „Und ich musste ausgerechnet in diesem Moment in die Bank laufen.“

Gage sah sie an. „Wie du gesehen hast, sind die Dinge außer Kontrolle geraten. Ich weiß nicht, ob diese Bankräuber übermütig oder einfach nur schlampig geworden waren. Auf jeden Fall war es das erste Mal, dass sie eine Bank überfielen, als sich noch Kunden darin befanden. Normalerweise warteten sie den Moment ab, bevor die Türen geschlossen wurden.“

„Du warst also nicht auf eine Geiselnahme vorbereitet?“

„Niemand war das. Das FBI wollte noch warten, aber dort drinnen waren Menschen, die mir am Herzen lagen. Jemand musste etwas tun.“

Sie dachte nach. „Also bist du hineingegangen, um die Gangster abzulenken?“

„Dieser Weg schien mir die einzige Lösung zu sein. Außerdem wollte ich bei den Geiseln sein, um sicherzugehen, dass keiner der Bankräuber durchdreht und schießt. Ich hege keine besondere Sympathie für Kriminelle.“

„Ich muss mit dem Leiter des Sonderkommandos übereinstimmen“, erklärte sie. „Ich weiß nicht, ob du besonders mutig oder ganz einfach nur dumm bist.“

Er lächelte. „Wahrscheinlich von beidem ein wenig.“ Er nahm einen weiteren Schluck Bier. „Ich war übrigens nicht wirklich wütend auf dich. Ich wollte den Bankräuber nur von dir ablenken.“

Kari erschauerte, als sie daran dachte, wie sich das kalte Metall der Mündung an ihrer Schläfe angefühlt hatte. „Ich brauchte einige Minuten, bis ich begriff, was du bezwecken wolltest.“

Trotzdem hatte sie sich gefragt, wie viel Wahrheit in den Worten steckte, die Gage während der Geiselnahme gesagt hatte. Und sie musste sich eingestehen, dass sie wirklich davongelaufen war. Vor Gage, vor ihrer übergroßen Liebe zu ihm und vor seinen Plänen, die nicht nach ihren Träumen gefragt hatten.

Während des Essens sprachen sie über gemeinsame Freunde. Gage erzählte Kari von Hochzeiten, Scheidungen und Geburten.

„Ich kann nicht glauben, dass Sally Zwillinge haben soll“, meinte Kari, als sie hinaus auf die Veranda gingen und sich auf die breite Holzschaukel setzten.

„Zwei Mädchen.“

Kari stellte ihr Glas auf den Tisch neben der Schaukel, lehnte sich zurück und schaute hinauf zum Sternenhimmel. Es war bereits dunkel geworden, doch es war immer noch heiß und schwül. Ihr leichtes Baumwollkleid schien an ihrer Haut zu kleben, und sie fühlte sich seltsam benommen. Kein Zweifel, das hatte sie der Aufregung in der Bank und dem Wein zu verdanken. Normalerweise trank sie nie mehr als ein Glas, aber heute hatten Gage und sie eine ganze Flasche geleert.

Gage hatte seine langen Beine ausgestreckt und wirkte völlig entspannt. Weder der Banküberfall noch der Wein schienen bei ihm Spuren hinterlassen zu haben.

„Erzähl mir von deinem Leben in New York“, forderte er sie auf.

„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, erwiderte sie. „Als ich dort ankam, fand ich schnell heraus, dass ich nicht das einzige Kleinstadtmädchen war, dem man erzählt hatte, sie sei hübsch. Die Modelagenturen waren überfüllt von jungen Frauen aus der Provinz, die unbedingt Karriere machen wollten. Die Konkurrenz ist dort groß, und die Chance, überhaupt als Model zu arbeiten, ist dagegen sehr gering.“

„Aber du hast es geschafft.“

Sie schaute ihn an und wusste nicht, ob er das nur vermutete oder tatsächlich wusste. „Nach dem ersten Jahr bekam ich Arbeit, sogar ziemlich lukrative Aufträge. Ich verdiente so viel, dass ich mein Studium bezahlen und etwas auf die Seite legen konnte. Ich habe mich fürs Lehramt entschieden und vor zwei Monaten mein Examen abgelegt.“

Gage sah sie prüfend an. „Für eine Lehrerin siehst du aber ziemlich dünn aus.“

Sie lachte. „Nach den vielen Jahren, in denen ich ständig auf Diät sein musste, fällt es mir schwer, etwas Gewicht zuzulegen. Aber ich gebe mir Mühe.“

Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten, und sie erwartete, dass er eine Bemerkung machen würde, aber stattdessen fragte er nur: „Was für Fächer wirst du denn unterrichten?“

„Mathematik und Biologie in der Mittelstufe“, erklärte sie.

„Viele Jungen werden für dich schwärmen.“

„Sie werden darüber hinwegkommen.“

„Ich weiß nicht. Ich muss heute noch an Miss Rosens denken. Sie unterrichtete Sozialwissenschaften in der achten Klasse. Ich glaube, ich habe Mädchen nie richtig bemerkt, aber eines Tages betrat sie das Klassenzimmer, und es war um mich geschehen. Sie heiratete dann den Trainer der Footballmannschaft, und ich brauchte ein Jahr, um darüber hinwegzukommen.“

Kari lachte.

Eine Weile lang saßen sie schweigend nebeneinander auf der breiten Schaukel. Das Leben hier ist so erfrischend normal, dachte Kari und genoss die Stille des Abends. Statt Sirenen und Reifenquietschen hörte man hier nur die Grillen zirpen. Jetzt saßen die Einwohner von Possum Landing auf ihren Veranden und bewunderten den Sternenhimmel oder besuchten ihre Nachbarn. Niemand machte sich Sorgen, dass zwei oder drei Gläser Wein am nächsten Morgen leicht geschwollene Lider oder zu wenig Schlaf Ringe unter den Augen verursachen könnten. Niemand würde hier seinen Job verlieren, weil er drei Pfund zugenommen hatte.

Das hier ist das richtige Leben, erinnerte sie sich. Sie war schon so lange fort, dass sie sich erst wieder daran gewöhnen musste.

„Warum bist du ausgerechnet Lehrerin geworden?“, fragte Gage plötzlich.

„Das wollte ich eigentlich immer werden.“

„Aber erst an zweiter Stelle, direkt nach deinem Wunsch, als Model zu arbeiten?“

„Genau.“

Sie wollte dieses Thema nicht weiterführen. Nicht jetzt. Vielleicht könnten sie später mal über die Vergangenheit reden und sich Vorwürfe an den Kopf schmeißen, aber nicht heute Abend.

„Hast du bereits eine Anstellung?“

„Nein, aber ich habe mich in Schulen in Texas beworben. In der Nähe von Dallas und Abilene gibt es offene Stellen. Ich habe bereits einige Termine für Vorstellungsgespräche. Deshalb bin ich hier, um das Haus zu renovieren und zu verkaufen. Danach kann ich mit meinem Leben fortfahren.“

Sie legte eine Pause ein, um ihm die Chance zu geben, etwas zu ihren Plänen zu sagen, aber er zog es vor zu schweigen.

Was Kari gelegen kam, denn unvermittelt erinnerte sie sich daran, dass er sie auf dieser hölzernen Schaukel das erste Mal geküsst hatte. Und plötzlich hatte sie Schwierigkeiten, normal durchzuatmen. Außerdem breitete sich ein seltsam prickelndes Gefühl in ihrem Bauch aus.

Das kommt nur von dem Wein, redete sie sich ein. Oder waren es die Erinnerungen, die sie wie Gespenster umgaben? Die Vergangenheit besaß einen machtvollen Einfluss. Sie würde Zeit brauchen, sich daran zu gewöhnen, wieder in Possum Landing zu sein.

„Hast du dich auch hier in der Stadt beworben?“, fragte Gage.

„Nein.“

Sie wartete, aber auch dieses Mal stellte er keine weiteren Fragen.

„Jetzt haben wir genug über mich geredet“, entschied sie und lehnte sich leicht zu ihm hinüber. „Was ist mit deinem Leben? Als ich das letzte Mal etwas von dir hörte, warst du noch Deputy. Wann hast du dich denn für die Wahl zum Sheriff aufstellen lassen?“

„Im letzten Jahr. Ich war nicht sicher, ob es beim ersten Anlauf klappen würde, aber so war es.“

Das überraschte sie nicht. Gage war immer gut in seinem Beruf gewesen, und die Leute mochten ihn. „Du bekommst also immer, was du willst?“

„Nun ja.“ Er sah sie an. „Ich habe immer schon eindeutig umrissene Ziele gehabt. Ich bin hier aufgewachsen. Mir war schon immer klar, dass ich die Welt sehen und mich dann endgültig hier niederlassen wollte. Und genau das habe ich getan.“

Sie bewunderte seine Fähigkeit, Ziele zu definieren und sie dann unbeirrt zu verfolgen. Sie war nie so konsequent gewesen und hatte sich immer wieder ablenken lassen. Unter anderem von dem Mann, der jetzt neben ihr saß.

„Ich freue mich, dass du deinen Platz gefunden hast“, erklärte sie und fügte dann fast gegen ihren Willen hinzu: „Aber du hast nie geheiratet?“

Gage lächelte. „Ich war einige Male ziemlich nahe dran.“

„Du warst immer der Schwarm der Frauen.“

Sein Lächeln verschwand. „Ich habe dir nie Grund zur Eifersucht gegeben, als wir zusammen waren, Kari. Ich bin dir immer treu gewesen.“

„Das weiß ich. Ich habe auch nie etwas anderes angenommen.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber es gab genug Frauen, die versuchten, dein Interesse zu wecken. Die Tatsache, dass wir beide liiert waren, schien sie nicht zu beeindrucken.“

„Aber mich.“

Seine Stimme glitt wie ein zärtliches Streicheln über ihre Haut, und sie erschauerte leicht.

„Ja nun, ich …“ Ihre Stimme versagte, und sie schluckte nervös. Ich benehme mich, als wäre ich nie aus der Kleinstadt herausgekommen, schalt sie sich im Stillen. Dabei hatte sie acht Jahre lang im Großstadtdschungel von New York überlebt.

„Es ist schon spät“, meinte Gage und erhob sich.

Sie wusste nicht, ob sie traurig oder erleichtert sein sollte, dass er ging. Ein Teil von ihr wollte nicht, dass dieser Abend bereits endete, doch ein anderer war dankbar, dass sie nicht noch mal die Gelegenheit erhielt, etwas Dummes zu sagen. Sie stand ebenfalls auf, und erneut stellte sie fest, wie groß er war. Als ihre Blicke sich trafen, stockte ihr einen Moment lang der Atem. In seinen Augen sah sie eine aufregende Mischung aus Selbstbewusstsein und verhaltener Leidenschaft.

Was war nur los mit ihr? Warum hatte sie schlagartig Schmetterlinge im Bauch? Das war ja verrückt.

„Du bist immer noch das hübscheste Mädchen in ganz Possum Landing“, erklärte er und trat einen Schritt auf sie zu.

Plötzlich schien die texanische Hitze sie zu ersticken. „Ich … ich bin kein Mädchen mehr.“

Er lächelte. Ein Lächeln, das so sexy war, dass es ihr den Atem verschlug. „Ich weiß“, murmelte er, legte eine Hand um ihren Nacken und zog sie an sich. „Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mir dein neuer Haarschnitt gefällt?“

Sie öffnete den Mund, um zu antworten, und machte damit einen entscheidenden Fehler. Oder auch nicht, das kam ganz auf die Sichtweise an. Denn genau in diesem Moment küsste er sie, und es kam ihr noch nicht mal der Gedanke zu protestieren. Dafür fühlten sich seine Lippen viel zu gut an.

Sein Kuss war zärtlich und trotzdem voller Leidenschaft, und er weckte ein Gefühl in ihr, das sie nie zuvor gekannt hatte. Mit den Lippen strich er über ihren Mund und fuhr dann leicht mit der Zunge über ihre Unterlippe. Heftige Lust flackerte in ihr auf, und Kari umfasste seine Schultern, schmiegte sich an ihn und genoss es, seine Erregung zu spüren. Als er mit der Zunge in ihren Mund eindrang, stöhnte sie leise auf und spürte, wie ihre Brustspitzen fest wurden. Leidenschaft durchströmte sie und entfachte ein Feuer, von dem sie ahnte, dass nur er es würde löschen können. Heiße Liebesszenen stiegen vor ihrem geistigen Auge auf, und sie wäre am liebsten auf der Stelle mit ihm ins Schlafzimmer gegangen.

Glücklicherweise lag die Entscheidung nicht in ihrer Hand. Denn gerade als sie dachte, dass sie viel zu viele Kleidungsstücke trugen, rückte er von ihr ab. Seine Augen glitzerten, und sein Mund war feucht von ihren Küssen. Zufrieden stellte sie fest, dass er etwas zu schnell atmete und dass seine Kleidung nicht mehr ganz so perfekt wie noch vor wenigen Minuten aussah.

Gage schaute sie an, und Kari wusste nicht, was sie sagen sollte. Er küsste noch besser, als sie es in Erinnerung hatte, und das bedeutete, dass entweder ihr Erinnerungsvermögen mangelhaft war oder dass er in ihrer Abwesenheit ausgiebig geübt hatte. Es könnte natürlich auch sein, dass die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrschte, jetzt noch stärker war als vor acht Jahren. Kari war sich nicht sicher, welche der drei Alternativen ihr am angenehmsten wäre.

Dann küsste er sie noch mal kurz und hart auf den Mund und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, die Verandastufen hinunter und in die Nacht hinaus.

Kari sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckt hatte. Sehnsucht überfiel sie. Sie wäre ihm am liebsten hinterhergelaufen und …

Sie seufzte, bevor sie sich langsam umdrehte und ins Haus ging. Offensichtlich würde sich die Zeit, die sie in Possum Landing verbringen musste, noch schwieriger gestalten, als sie angenommen hatte.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen schlenderte Gage auf das Redaktionsgebäude der Possum Landing Gazette zu. Unter normalen Umständen hätte Gage dieses Treffen so lange wie möglich hinausgeschoben. Doch seit dem gestrigen Abend konnte er sich nur schlecht auf seine Arbeit konzentrieren. Also hatte er sich entschieden, dass es immer noch besser war, diesen unangenehmen Besuch bei der Zeitung hinter sich zu bringen, als aus dem Fenster zu starren und seinen Erinnerungen nachzuhängen.

Er hatte immer gewusst, dass Kari eines Tages nach Possum Landing zurückkommen würde. Sein Gefühl hatte ihm das gesagt. Hin und wieder hatte er sich überlegt, wie seine Reaktion auf sie wohl sein würde. Er hatte immer angenommen, dass er dann nur noch mäßig an ihr und ihren Plänen interessiert wäre. Nicht ein einziges Mal war er auf den Gedanken gekommen, dass noch so viel Anziehungskraft zwischen ihnen herrschen könnte. Und ihm war nicht klar, ob ihn das zu einem Narren oder einem Optimisten stempelte.

Die Anziehungskraft war so stark wie eh und je, wenn nicht noch stärker. Und genauso mächtig waren die alten Gefühle, die er gern ignoriert hätte. Damals wie heute hatte er sie begehrt. Mit dem Unterschied, dass er damals nicht nur das Bett als Ziel seiner Träume angesehen hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, als er sich danach gesehnt hatte, mit ihr eine Familie zu gründen und sein ganzes Leben mit ihr zu verbringen.

Stattdessen hatte sie ihn verlassen, und ihm war es gelungen, trotz der schweren Zeit nach der Trennung, Zufriedenheit in seinem Leben zu finden. Und obwohl der gestrige Kuss ihm gezeigt hatte, dass sein Körper nach wie vor unmittelbar auf sie reagierte, würde er diese Zufriedenheit keinesfalls aufs Spiel setzen. Der Preis dafür war zu hoch. Es hatte sehr lange gebraucht, bis sein gebrochenes Herz geheilt gewesen war.

Kari war eine schöne Frau. Es war normal, eine Frau wie sie zu begehren. Irgendetwas anderes zu erwarten würde ihn jedoch auf einen Weg führen, den er nicht zu gehen bereit war. Er war schon mal dort gewesen, und das, was ihn am Ende dieses Weges erwartete, hatte ihm nicht gefallen.

Solange sie in Possum Landing blieb, würde er ihr ein guter Nachbar sein und ihre Gesellschaft genießen. Wenn dies das Bett mit einschloss, umso besser. Er hatte in der letzten Zeit nicht viel Interesse an Sex gehabt, obwohl oder vielleicht gerade weil die Frauen sich ihm nur allzu willig anboten. Stattdessen war in ihm eine Sehnsucht erwacht, die er nicht genau benennen konnte. Kari konnte da eine willkommene Abwechslung sein.

Gage betrat die Zeitungsredaktion und nickte der Empfangssekretärin zu. „Ich kenne den Weg“, rief er ihr zu, als er den langen Korridor hinunterging. „Es wäre nett, wenn Sie mich bei Daisy anmelden würden.“

Er hatte keine große Lust, mit Daisy zu reden, aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es besser war, freiwillig Interviews zu geben und damit zu verhindern, dass Daisy zu ihm kam. Auf diese Weise konnte er die Führung übernehmen und war vorbereitet, wenn Daisy ihm mal wieder unmissverständlich zu verstehen gab, wie sehr sie an einer Beziehung mit ihm interessiert war.

Daisy war eine äußerst hübsche Person. Zierlich, rothaarig mit großen grünen Augen und einem sinnlichen Mund, der einem Mann den Himmel versprach, wenn er nur darum bat. Sie waren gemeinsam auf der Highschool gewesen, jedoch nie miteinander ausgegangen. Jetzt war sie frisch geschieden und fest entschlossen, Gage einzufangen. Er fühlte sich zwar geehrt, dass eine hübsche, intelligente Frau wie Daisy sich für ihn interessierte, konnte aber außer Sympathie nichts für sie empfinden. Und da er nicht wusste, wie er ihr das erklären sollte, versuchte er, sie, so gut es ging, zu meiden.

Er lief an einem halben Dutzend von Schreibtischen vorbei und ging auf Daisy zu, deren Schreibtisch am Fenster stand. Sie schaute auf und lächelte Gage an. Ihre langen roten Locken waren zu einer Hochfrisur aufgesteckt. Der Ausschnitt ihrer ärmellosen Bluse zeigte den Ansatz ihrer vollen Brüste.

Ihr Lächeln war herzlich und viel versprechend. Jeder Mann mit Augen im Kopf musste zugeben, dass sie hübsch und sexy war. Gage erwiderte ihr Lächeln und prüfte aufmerksam seinen Bereich unterhalb der Gürtellinie. Doch auch dieses Mal regte sich bei Daisys Anblick nichts.

„Gage“, begrüßte sie ihn, als er ihren Schreibtisch erreicht hatte, „du siehst heute Morgen ausgesprochen gut aus. Es bekommt dir, ein Held zu sein.“

„Daisy“, erwiderte er mit einem Lächeln, „wenn du mich in deinem Artikel als Helden bezeichnen willst, arbeite ich nicht mit dir zusammen. Ich habe nur meine Arbeit getan. Das ist alles.“

Sie seufzte und legte den Kopf ein wenig schräg. „Mutig und bescheiden. Zwei meiner Lieblingsqualitäten bei Männern.“ Sie klapperte verführerisch mit den langen Wimpern. „Ich muss noch einen Anruf erledigen. Warum wartest du nicht im Konferenzraum auf mich. Ich werde gleich nachkommen.“

„Klar.“

Er hatte sich gelassen gegeben, aber das Hinterzimmer ohne Fenster und mit nur einer Tür war der letzte Ort, an dem er mit Daisy allein sein wollte. Als er gestern mit den vier bewaffneten Bankräubern in einem Raum gewesen war, hatte sich sein Herzschlag kaum beschleunigt. Bei dem Gedanken, mit Daisy in diesem Raum sein zu müssen, brach ihm jedoch fast der Angstschweiß aus.

Ärgerlich lief er den Korridor hinunter, der zum Konferenzraum führte, und trat ein. Zu seinem Erstaunen war der Raum jedoch nicht leer. Eine große, schlanke Frau mit kurzem blondem Haar und den schönsten Augen, die er je gesehen hatte, wartete darin.

„Guten Morgen, Kari“, grüßte er, als er den Raum betrat.

Sie schaute von der Liste auf, die sie gerade erstellte, und lächelte. „Gage! Was machst du denn hier?“

„Ich warte auf Daisy. Sie will mich wegen des gestrigen Banküberfalls interviewen.“ Er zögerte, bevor er Platz nahm.

Einige Entscheidungen waren schwerer zu treffen als andere, und diese war eine von ihnen. Wollte er neben ihr sitzen, damit er den Duft ihres Parfüms wahrnahm? Oder besser ihr gegenüber, damit er ihr hübsches Gesicht betrachten konnte? Er entschied sich für ihr Gesicht und zog sich den Stuhl zurecht.

„Und warum bist du hier?“, fragte er, während er seinen Hut auf den Tisch legte.

Kari verzog leicht den Mund. „Daisy rief mich an. Sie will mich ebenfalls wegen des Bankraubs interviewen. Ich frage mich, warum sie wollte, dass wir zur selben Zeit kommen?“

Gage hatte da einige Ideen, aber er fand, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, darüber zu sprechen. Stattdessen betrachtete er Kari, die sich offensichtlich Mühe gab, seinem Blick auszuweichen. Verhielt sie sich wegen gestern Abend so? Dachte sie an den Kuss? Die Leidenschaft, die dieser Kuss in ihm weckte, hatte ihn fast die ganze Nacht wach gehalten. Er mochte Daisy gegenüber keine Reaktion zeigen, aber Kari bewies ihm, dass er unter den richtigen Bedingungen von null auf hundert kommen konnte.

An diesem Morgen trug Kari ein weißes Sommerkleid, das ihre gertenschlanke Figur betonte. Sie sah mit ihrem kurzen, stufig geschnittenen Haar jung und sehr hübsch aus.

„Was ist?“, fragte sie, als sie bemerkte, dass er sie betrachtete, und berührte leicht verunsichert ihr Haar. „Ich weiß, es ist ziemlich kurz.“

„Ich sagte doch schon, dass der Schnitt mir gefällt.“

„Ich wusste nicht, ob du es ernst meinst“, gestand sie mit einem Lächeln. „Ich nahm immer an, dass du auf langes Haar stehst.“

Er lehnte sich in den Stuhl zurück. „Eigentlich bin ich flexibel. Wenn es gut aussieht, gefällt mir kurzes Haar auch.“

Er fuhr fort, sie zu betrachten, und nahm auch die kleinsten Veränderungen in ihrem Gesicht wahr.

„Was denkst du?“, fragte sie.

Er lächelte. Er dachte daran, wie gern er jetzt mit ihr ins Bett gegangen wäre. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der er sie stundenlang geküsst hatte, aber da sie damals noch Jungfrau gewesen war, hatte er bis zur Hochzeit warten wollen. Obwohl es ihm damals sehr schwergefallen war, sich zurückzuhalten. Jetzt hätte er nur allzu gern gewusst, was die Männer, die es bisher in ihrem Leben gab, ihr beigebracht hatten.

Natürlich konnte er ihr das nicht sagen. Es gab Umstände, da musste man eben zur Notlüge greifen.

„Ich habe mich gerade gefragt, welche Veränderungen du am Haus deiner Großmutter planst.“

Kari sah Gage perplex an. Sie hatte viele Dinge erwartet, aber nicht das. In seinem Blick hatte solch ein unverhülltes Verlangen gelegen, dass sie sofort an den Kuss vom Vorabend gedacht hatte. Doch offensichtlich hatte sie da etwas falsch gedeutet. Was sie für Leidenschaft gehalten hatte, war nur das Interesse an Tapeten und Farben gewesen. Kenne sich einer mit den Männern aus!

„Ich denke immer noch darüber nach“, erklärte sie. „Ich habe das Haus durch einen Service ein Mal wöchentlich putzen und lüften lassen, aber trotzdem ist es verwohnt und altmodisch. Ich könnte das ganze Haus renovieren und modernisieren, aber das macht keinen Sinn. Dazu habe ich weder genug Geld noch genügend Zeit. Ich werde also Prioritäten setzen müssen.“

Er nickte verständnisvoll.

Du meine Güte, er sieht immer noch so gut aus wie früher, dachte sie, wenn nicht noch besser. Und die Freude, ihn zu sehen, war auch nicht weniger geworden. Sie fragte sich, ob sich das jemals ändern würde. Wäre er am Ende dieses Sommers immer noch nur ihr Nachbar oder vielleicht schon mehr? Allein bei dem Gedanken begann ihr Herz schneller zu schlagen, doch bevor sie ihre Frage beantworten konnte, stürmte Daisy in den Konferenzraum. Vom tiefen Ausschnitt ihrer Bluse bis hin zu ihren vollen roten Lippen war sie ein lebendig gewordenes Pin-up-Girl. Neben Daisy kam Kari sich wie eine Bohnenstange vor.

„Danke, dass ihr gekommen seid“, eröffnete Daisy das Gespräch, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. „Ich schreibe einen Fortsetzungsartikel über den Bankraub und dachte, es wäre interessant, wenn ich euch beide interviewen würde. Ich hoffe, es macht euch nichts aus.“

Kari schüttelte den Kopf und versuchte zu ignorieren, dass Daisy sich so nahe neben Gage gesetzt hatte, dass sie seinen Arm berührte, und ihn dabei anlächelte, als ob sie weit mehr als nur Bekannte wären.

Doch das konnte nicht sein. Gage war nicht der Typ Mann, der andere küsste, wenn er mit einer Frau liiert war. Gage und Daisy waren vielleicht mal ein Paar gewesen, und die Anziehung zwischen den beiden war vielleicht noch nicht vollständig verschwunden. Aber irgendwie gefiel Kari diese Erklärung auch nicht.

Daisy legte ihren Notizblock auf den Tisch, öffnete ihn aber nicht, sondern lehnte sich zu Kari hinüber. „Ist das nicht toll? Ich meine, so ein Bankraub genau hier in PL.“

Kari blinzelte verständnislos. „PL?“

„Possum Landing. Sonst passiert hier doch nie etwas.“ Sie lächelte Gage an. „Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Ich fand das Ganze unglaublich aufregend. Und wie Gage sich dann wagemutig in die Höhle des Löwen begeben hat. Das war faszinierend. Und sehr mutig.“

Er ließ ein genervtes Murmeln hören.

Dann wandte Daisy sich wieder Kari zu. „So, du bist also zurück. Nach all den Jahren in New York. Wie war es dort?“

„Interessant“, erwiderte Kari vorsichtig und war nicht sicher, was das mit dem Bankraub zu tun haben sollte. „Anders als hier.“

„Ist es nicht überall so?“, bemerkte Daisy mit einem Lachen. „Auch ich habe einige Zeit in der Großstadt gelebt, aber ich muss dir sagen, dass ich im Grunde meines Herzens immer ein Kleinstadtmädchen geblieben bin. PL ist ein wundervoller Ort zum Leben. Hier gibt es alles, was ich mir je gewünscht habe.“

Man spürte, dass sie ihre Worte ernst meinte, und ihr Blick ruhte einige Momente auf Gage, bevor sie wieder zu Kari hinübersah.

„Was ist das für ein Gefühl, wenn man Gage nach all den Jahren wiedersieht?“

Kari sah sie überrascht an. „Ich, nun … ich bin mir nicht sicher, was das mit dem Bankraub zu tun hat?“

„Ich dachte, das wäre offensichtlich. Dein ehemaliger Verlobter hat sein Leben für dich riskiert. Er hat dich mit seinem Körper vor dem Kugelhagel geschützt. Erzähl mir nicht, dass du das nicht romantisch findest. Ein besseres Willkommensgeschenk hätte er dir gar nicht machen können.“

Kari riskierte einen Blick zu Gage hinüber, aber er sah ebenso verwirrt aus, wie sie sich fühlte. Worauf wollte Daisy eigentlich hinaus? Da Kari nicht wünschte, dass ihre Bemerkungen aus dem Kontext gerissen wurden und am nächsten Tag schwarz auf weiß in der Zeitung standen, dachte sie sorgfältig nach, bevor sie sprach.

„Zuerst mal“, sagte sie betont langsam, „waren Gage und ich nie verlobt, sondern nur befreundet. Zweitens bin ich nicht zurück. Zumindest nicht für immer. Ich werde nur den Sommer hier verbringen.“

„Hm.“ Daisy öffnete ihren Notizblock und kritzelte ein paar Zeilen auf die erste Seite. „Gage, was hast du gedacht, als du in die Bank gingst?“

„Dass ich besser den Rat meiner Mutter befolgt hätte und Ingenieur geworden wäre.“

Kari lächelte und spürte, wie sie sich entspannte. Gage war es gelungen, der Situation die Spannung zu nehmen. Doch bevor sie ihren neu gefundenen Frieden genießen konnte, brach Daisy in lautes Gelächter aus, warf ihren Kugelschreiber auf den Tisch und umfasste Gages Arm.

„Du bist wirklich unbezahlbar“, meinte sie und strahlte. „Ich habe deinen Humor schon immer bewundert.“

Der Ausdruck auf Daisys Gesicht verriet, dass es weitere Dinge an Gage gab, die ihre Beachtung gefunden hatten, aber Kari wollte nicht darüber nachdenken. Sie versuchte, das Paar, das ihr am Tisch gegenübersaß, einfach zu ignorieren, doch Daisy hatte offensichtlich nicht vor, ihr die Ruhe zu gönnen. Sie wandte sich jetzt wieder Kari zu und sah sie mit freundlicher Besorgnis an.

„Es ist ganz gut, dass du nicht für immer bleibst. Du und Gage, ihr wart mal ein schönes Paar, aber es gibt eine uralte Weisheit, die sagt, dass alte Flammen beim zweiten Mal nie so hell brennen. Irgendwann erlöschen sie.“

Kari lächelte gezwungen. „Danke, dass du dir so viele Gedanken um mein Wohlergehen machst.“

Als Antwort lächelte Daisy sie nur strahlend an, aber Kari war das Aufblitzen in den Augen der Journalistin nicht entgangen. Lass die Finger von Gage, lautete die Warnung, er ist mein Territorium. Als ob Kari daran interessiert gewesen wäre, etwas mit Gage anzufangen!

Typisch Kleinstadt, dachte Kari grimmig. Jeder kannte jeden, und jeder glaubte, seine Nase in die Angelegenheiten der anderen stecken zu können.

Daisy fuhr fort, mit Gage zu flirten, und er gab sich weiterhin Mühe, ihre Annäherungsversuche zu ignorieren. Obwohl sie sich in dieser Situation schrecklich unbehaglich fühlte, hätte Kari doch allzu gern gewusst, was für eine Art von Beziehung die beiden tatsächlich hatten. Sie nahm sich fest vor, Gage bei passender Gelegenheit danach zu fragen. In der Zwischenzeit war es wohl das Beste, Daisy aus dem Weg zu gehen.

Großstadtmenschen nehmen im Allgemeinen an, dass Einwohner einer Kleinstadt nichts erleben, dachte sie, als sie schließlich die Redaktion verließ. Doch diese Menschen irrten sich. Und zwar gewaltig.

„Du verwöhnst mich, Mom“, meinte Gage einige Abende später, als er den Esstisch im Haus seiner Mutter abräumte.

Edie Reynolds, eine attraktive, dunkelhaarige Frau Ende fünfzig, lächelte. „Ich weiß nicht, ob man es verwöhnen nennen kann, wenn ich ein Mal in der Woche für dich koche, Gage. Außerdem möchte ich sichergehen, dass du wenigstens hin und wieder eine ausgewogene Mahlzeit zu dir nimmst.“

Er begann, die Geschirrspülmaschine einzuräumen. „Ich bin ein wenig zu alt, um jeden Abend Lust auf Pizza zu haben“, zog er sie auf. „Letzte Woche hatte ich sogar Gemüse zu meinem Steak.“

„Gut für dich.“ Seine Mutter lehnte sich im Stuhl zurück und nahm ihr Glas Wein in die Hand. „Ich bin immer noch böse auf dich. Was hast du dir dabei gedacht, mitten in einen Bankraub hineinzuplatzen und dein Leben einfach aufs Spiel zu setzen?“ Sie hob abwehrend eine Hand. „Sag mir jetzt nicht, dass du dir gar nichts dabei gedacht hast. Das habe ich nämlich bereits selbst vermutet.“

„Ich habe nur meine Arbeit getan. Bürger waren in Gefahr, und ich musste sie beschützen.“

Sie trank einen Schluck Wein und setzte ihr Glas wieder ab.

„Es freut mich natürlich, dass dein Vater und ich es geschafft haben, dir ein Gefühl für Verantwortung zu geben.“

„Hättest du gewollt, dass ich anders gehandelt hätte?“

„Wahrscheinlich nicht.“

Das Telefon klingelte, und seine Mutter seufzte. „Das ist Betty Sue. Sie ruft mich ständig wegen unserer Wohltätigkeitsveranstaltung an. Es überrascht mich, dass sie uns wenigstens in Ruhe hat essen lassen.“ Sie nahm den Hörer ab.

„Hallo? Ach, Betty Sue, was für eine Überraschung“, schwindelte sie. „Nein, nein, wir haben schon gegessen. Hm. Klar.“ Edie ging langsam ins Wohnzimmer hinüber. „Wenn du die Stände anders anordnen willst, dann musst du das mit dem Komitee besprechen.“ Sie seufzte. „Ja, ich weiß, dass man dir die Leitung übertragen hat, aber …“

Gage lächelte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Die ehrenamtlichen Tätigkeiten seiner Mutter waren ebenso ein Teil von ihr wie ihr aufdringliches White Diamond Parfüm.

Er hatte jetzt das Geschirr eingeräumt und griff zu einem Lappen, um die Arbeitsplatte und den Herd abzuwischen. Hin und wieder erklärte ihm seine Mutter, dass er nach dem Essen nicht helfen müsste, aber er hatte nie auf sie gehört. Er fand, dass sie mehr als genug gearbeitet hatte, während sie ihn und seinen Bruder Quinn aufgezogen hatte. Die Geschirrspülmaschine einzuräumen würde das niemals ausgleichen können.

Als er seine Arbeit beendet hatte, lehnte er sich gegen den Küchenschrank und wartete darauf, dass seine Mutter die Unterhaltung mit ihrer Freundin beendete. Die Küche war vor sieben Jahren renoviert worden, aber die Grundstruktur war noch dieselbe. Das alte Haus war voller Erinnerungen. Gage hatte hier von Geburt an gelebt, bis er zur Armee gegangen war.

Natürlich steckten in jedem Teil von Possum Landing Erinnerungen. Das war einer der Gründe, warum ihm diese Stadt so gefiel. Er gehörte hierher. Er konnte fünf Generationen seiner Familie von väterlicher Seite zurückverfolgen. Es gab Dutzende von alten Fotos im Flur. Auch Fotos von den ersten Reynolds, die sich gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts hier niedergelassen hatten, als Possum Landing noch ein kleines Kuhdorf gewesen war.

Seine Mutter kehrte zurück in die Küche und legte den Hörer auf die Basis. „Betty Sue gibt sich alle Mühe, mich verrückt zu machen. Du weißt gar nicht, wie leid es mir tut, ausgerechnet sie als Leiterin für die Wohltätigkeitsveranstaltung gewählt zu haben. Ich muss einen richtigen Aussetzer gehabt haben.“

Er lachte. „Du wirst es überleben. Was ist mit dem Waschbecken im Badezimmer?“

„Der Abfluss ist repariert, Gage. Es gibt diese Woche keine Aufgaben für dich.“

Sie ging mit ihm ins Wohnzimmer, wo sie beide auf der gemütlichen Sitzgruppe Platz nahmen.

„Ich lade dich nicht ein, damit ich keine Handwerker bezahlen muss“, erklärte sie.

„Ich weiß, Mom, aber ich bin doch froh, dir helfen zu können.“

Sie nickte. „Wirst du damit zurechtkommen, dass John demnächst alle diese Aufgaben übernimmt?“

Seine Mutter war noch nie ein Mensch gewesen, der um den heißen Brei herumredete. Wenn sie ein Problem sah, kam sie ohne Umschweife darauf zu sprechen. Er lehnte sich vor und berührte leicht ihre Hand.

„Ich sagte dir doch bereits, ich freue mich, dass du John hast. Daddy ist jetzt bereits über fünf Jahre tot. Du hast eine zweite Chance, glücklich zu werden, verdient.“

Sie sah nicht sehr überzeugt aus.

„Ich meine das ernst, Mom.“ Und das war tatsächlich so.

Der Tod des Vaters war ein furchtbarer Schlag für die ganze Familie gewesen. Edie hatte ein Jahr lang wie unter Schock gestanden. Doch schließlich hatte sie wieder aus dem Tal der Tränen und der Trauer herausgefunden und die Kraft entwickelt, mit ihrem Leben fortzufahren. Ein Teilzeitjob und ihre Freunde hatten ihr geholfen, wieder Sinn im Leben zu finden. Ungefähr vor einem Jahr hatte sie dann John kennengelernt, einen Bauunternehmer, der sich vor kurzer Zeit zur Ruhe gesetzt hatte.

Gage hatte am Anfang Schwierigkeiten damit gehabt, dass seine Mutter sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Aber glücklicherweise hatte er diese Phase schnell überwunden. John war ein ehrlicher, liebevoller Mann, der Edie wie eine Prinzessin behandelte. Gage hätte keinen besseren Mann für seine Mutter aussuchen können.

„Du wirst doch auch weiterhin zum Essen kommen, nicht wahr? Ich meine, wenn wir erst verheiratet sind?“

„Das verspreche ich dir.“

Seit Gage nach dem Militär nach Possum Landing zurückgekehrt war, hatte er ein Mal in der Woche bei ihr zu Abend gegessen. Wie so viele Dinge in seinem Leben war das Tradition.

Plötzlich spürte er, wie der prüfende Blick seiner Mutter auf ihm lag, und er wappnete sich gegen das, was jetzt unweigerlich kommen würde. Es war klar, dass sie das interessanteste Thema der Stadt neben dem Bankraub aufgreifen wollte.

„Ich habe gehört, dass Kari Asbury wieder in der Stadt ist.“

„Wie dezent du das Thema angehst, Mom.“ Er lächelte. „Kari ist hier, um das Haus ihrer Großmutter zu renovieren. Sie möchte es verkaufen.“

Edie runzelte die Stirn. „Und danach? Will sie etwa wieder nach New York zurückgehen? Sie ist zwar ein bildhübsches Mädchen, aber ist sie nicht inzwischen zu alt für ein Model?“

„Sie ist Lehrerin. Sie hat die Lehramtsprüfung abgelegt und bewirbt sich jetzt um einen Job in verschiedenen Teilen von Texas.“

„Nicht in Possum Landing?“

„Soweit ich weiß, nicht.“

„Macht dir das etwas aus?“

„Nein.“

„Wenn du mich anlügst, lege ich dich übers Knie, Junge.“

Er lächelte verschmitzt. „Dazu musst du mich aber erst fangen. Und ich laufe immer noch verflixt schnell.“

Ihr Gesicht nahm einen liebevollen Ausdruck an. „Pass auf dich auf, Gage. Sie hat schon ein Mal dein Herz gebrochen. Ich möchte nicht noch ein zweites Mal mit ansehen müssen, wie du leidest.“

„Das wird auch nicht passieren“, versicherte er ihr. Ein Mann durfte sich ein Mal von einer Frau zum Narren machen lassen, aber niemals zwei Mal. „Kari und ich werden jedoch immer Freunde sein. Wir standen uns zu nahe, um uns jetzt aus dem Weg zu gehen. Außerdem sind wir Nachbarn, also werden wir uns zwangsläufig begegnen.“

Und hoffentlich nicht nur an der Tür, dachte er. Denn er hatte es zu seinem Ziel erkoren, Kari ins Bett zu bekommen. Das würde er seiner Mutter allerdings nicht auf die Nase binden.

„Hast du in letzter Zeit etwas von Quinn gehört?“, wechselte er rasch das Thema.

„Nicht seit dem Brief von vor einem Monat.“ Sie seufzte. „Ich mache mir große Sorgen um den Jungen.“

Gage sah wenig Sinn darin, seine Mutter darauf hinzuweisen, dass der „Junge“ dreißig Jahre alt und ausgebildeter Soldat war, Mitglied einer Spezialeinheit.

„Er müsste in den nächsten Monaten Urlaub bekommen.“

„Ich hoffe, dass er zu unserer Hochzeit anreisen wird. Ich weiß natürlich nicht, ob er kommen will.“

Gage war sich da auch nicht sicher. Er und Quinn hatten sich früher mal sehr nahegestanden, aber die Zeit und die Umstände hatten vieles verändert. Beide waren nach der Highschool zum Militär gegangen, aber im Gegensatz zu Gage war Quinn bei der Armee geblieben. Er war zu einer Spezialeinheit gegangen, die überall dort eingesetzt wurde, wo es auf der Welt Probleme gab.

Obwohl sie eine Familie waren, hatte Quinn sich hier nie zu Hause gefühlt. Vor allem, weil ihr Vater ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Wie immer fühlte Gage sich bei der Erinnerung daran unbehaglich. Er hatte nie verstanden, warum er stets der Liebling der Familie und Quinn immer das schwarze Schaf gewesen war. Gage wusste auch nicht, warum er in der letzten Zeit so viel über die Vergangenheit nachdachte.

Vielleicht hatte Karis Rückkehr etwas damit zu tun. Vielleicht war jetzt der Moment, Fragen zu stellen, die bereits vor langer Zeit hätten gestellt werden müssen.

„Warum hat Daddy Quinn eigentlich nie gemocht?“

Er sah, wie seine Mutter sich anspannte. „Was sagst du da, Gage? Dein Vater hat euch Jungen gleich geliebt. Er war ein guter Vater.“

Gage sah sie an und fragte sich, warum sie log. Warum sie das Offensichtliche nicht wahrhaben wollte.

„Der alte Bauernmarkt hat letzte Woche wieder geöffnet“, lenkte Edie ab. „Ich werde mal hinüberfahren und sehen, ob ich verschiedene Beeren kaufen kann. Vielleicht werde ich uns einen Kuchen backen.“

Sie hatte bewusst das Thema gewechselt, und Gage zögerte einen Augenblick, bevor er sich einen Ruck gab und ihr sagte, dass er ihre Kuchen immer geliebt hatte.

Als sie jedoch über die Sommerhitze plauderten und darüber, wer wo Urlaub machte, konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass direkt unter der Oberfläche Geheimnisse verborgen lagen. Waren sie immer dort gewesen? Hatte er sie nur nie bemerkt?

Zwanzig Minuten später umarmte er seine Mutter zum Abschied. Dann nahm er den Müllsack und trug ihn hinaus. So wie er es jedes Mal tat, wenn er sie besuchte. Er warf den Sack in die große Mülltonne neben der Garage und winkte seiner Mutter noch mal kurz zu, bevor er in den Wagen stieg.

Gage schaute noch einen Moment auf die geschlossene Hintertür, bevor er den Motor startete und nach Hause fuhr. Was ist heute Abend passiert?, grübelte er. War etwas anders als sonst, oder bildete er sich das nur ein?

Langsam fuhr er die vertrauten Straßen von Possum Landing entlang. Ein seltsames Unbehagen hatte sich in ihm ausgebreitet, und er wäre am liebsten zurückgefahren und hätte seine Mutter zur Rede gestellt. Das Problem war nur, dass er gar nicht wusste, welche Fragen er ihr stellen sollte.

Vielleicht brauchte er gar keine Antworten, sondern nur eine Frau. Es war lange her, dass er mit einer Frau zusammen gewesen war, und er war ein Mann mit normalen Bedürfnissen. Er wusste, dass es mehrere Frauen in Possum Landing gab, die er jetzt anrufen könnte. Sie würden ihn mit Freuden zum Abendessen einladen – und zum Frühstück.

Er hielt vor einer Ampel an, die gerade auf Rot geschaltet hatte. Daisy würde ihn auf jeden Fall mit offenen Armen empfangen, da war er sich ganz sicher. Natürlich würde sie sehr viel mehr wollen als nur ein Frühstück. Daisy war eine Frau, die nach einem Happy End suchte. Und Gage war sicher, dass sie es eines Tages finden würde – nur nicht mit ihm.

Er trommelte mit den Fingern gegen das Lenkrad und fluchte. Keines der Betten, die man für ihn bereithielt, besaß heute Abend Anziehungskraft. Und nicht nur heute Abend. Das war schon ziemlich lange so. Er war an einem Punkt in seinem Leben angelangt, an dem der ständige Partnerwechsel ihn nur noch langweilte. Er sehnte sich nach einer Familie. Er wollte heiraten und ein Dutzend Kinder haben. Aber warum geschah es dann nicht? Warum verliebte er sich nicht und machte einer Frau den Antrag? Warum hatte er nicht …

Als er in die Einfahrt zu seinem Haus einbog, streiften die Scheinwerfer seines Wagens die Vorderseite des Nachbarhauses. Jemand saß auf der obersten Stufe der Eingangstreppe und schützte die Augen mit der Hand vor dem grellen Licht der Scheinwerfer. Es war eine vertraute Person, bei deren Anblick sein Körper sofort mit Erregung reagierte.

Pass auf, ermahnte er sich, als er den Motor abstellte, an diesem Punkt warst du schon mal. Vergiss nicht, wie viel Leid du ihretwegen ertragen musstest. Doch das hinderte ihn nicht daran, über den Rasen zu ihr hinüberzugehen.

Eine prickelnde Erregung durchströmte ihn. Ein Gefühl, wie er es seit langem nicht mehr erlebt hatte. Und unwillkürlich stieg die Frage in ihm auf, wie Kari wohl ihre Eier zum Frühstück aß.

4. KAPITEL

Kari beobachtete, wie Gage näher kam. Er ging mit der Lässigkeit eines Mannes, der sich in seiner Haut wohl fühlte. Er war das, was die Leute einen „ganzen Mann“ nannten. Allein bei seinem Anblick begannen Schmetterlinge in ihrem Bauch herumzuflattern. Sie verstand die Welt nicht mehr. Acht Jahre lang war sie von den schönsten männlichen Models umgeben gewesen, von denen durchaus nicht alle homosexuell waren, und niemand hatte sie jemals so beeindruckt wie der Mann, der jetzt mit dem geschmeidigen Gang einer Raubkatze auf sie zukam. Warum ging ausgerechnet Gage ihr so unter die Haut? Hatte sie lediglich eine Vorliebe für Männer in Uniform, oder lag es an dem Mann selbst?

„Na, wie war deine Verabredung?“, fragte sie, um sich von der prickelnden Wärme abzulenken, die sich in ihrem Bauch ausbreitete. „Du bist früh zurück. Ich nehme also an, dass es dir nicht gelungen ist, die hübsche Daisy zu erobern.“ Sie hätte ihm gern gesagt, dass es sie wunderte, dass Daisy ihm nicht das Bett für die Nacht angeboten hatte, aber sie wollte nicht zu anzüglich wirken.

Gage setzte sich neben sie auf die Treppe und legte die Unterarme auf die Knie. „Du warst bereits in der Highschool sehr neugierig, und das hat sich anscheinend nicht geändert.“

„Kein bisschen.“ Sie lächelte.

Er erwiderte ihr Lächeln, und ihr Herz machte einen Satz.

„Ich war zum Abendessen bei meiner Mutter“, erklärte er. „Wie jede Woche.“

Autor

Susan Mallery

Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren Frauenromanen voll großer Gefühle und tiefgründigem Humor. Mallery lebt mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen, aber unerschrockenen Zwergpudel in Seattle.

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