Julia Exklusiv Band 348

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FRAGEN VERBOTEN, KÜSSEN ERLAUBT! von NICOLA MARSH
Ava flieht vor den Papparazzi - direkt in die Arme von Traummann Roman. Er ist zwar unglaublich charmant und attraktiv, weicht aber Fragen nach seiner Vergangenheit aus. Was hat er zu verbergen?

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  • Erscheinungstag 01.04.2022
  • Bandnummer 348
  • ISBN / Artikelnummer 9783751511933
  • Seitenanzahl 512
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nicola Marsh, Sara Craven, Miranda Lee

JULIA EXKLUSIV BAND 348

1. KAPITEL

Mit einem wohligen Seufzen ließ Ava Beckett sich in das warme Wasser gleiten und schwamm gemächlich zum gegenüberliegenden Ende des Pools. Auf ihre Unterarme gestützt betrachtete sie die glitzernden Lichter Melbournes siebenundzwanzig Stockwerke unter sich.

Sie hatte in Luxushotels auf der ganzen Welt übernachtet, aber keines war so dekadent und ausgefallen wie Melbournes Neuzugang, das Crown Metropol.

Mit einem zweiten Seufzen ließ sie den Rand los, drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Sie hatte den Pool ganz für sich allein.

Wie oft hatte sie so etwas getan? Nämlich nichts? Ungefähr … nie. Die Tochter des Premierministers zu sein, war schon schlimm genug, die Ehefrau eines Politikers noch härter. Jeder Tag ihres Lebens war bis auf die letzte Sekunde verplant: was sie anzog, was sie tat, was sie aß und wann.

Ava öffnete die Augen, konzentrierte sich auf die Reflexionen des Wassers an der Decke und genoss es, sich einfach treiben zu lassen. Es fiel ihr immer noch schwer zu glauben, dass sie frei war.

Endlich.

Ihre Beziehung mit Leon hatte zehn Jahre gedauert, ihre langweilige Ehe zwei. Wirklich wehgetan hatte die öffentliche Schmutzkampagne nach der Scheidung. Unzählige frei erfundene Artikel in diversen Klatschzeitschriften hatten ihr das Leben zur Hölle gemacht.

Also war sie geflohen. Hatte Canberra gegen Melbourne eingetauscht, ihren Nachnamen zu Beck abgekürzt und war in dieses neue Hotel mit seiner wohltuenden Anonymität eingecheckt.

Sie brauchte Abstand von den fiesen Enthüllungsjournalisten, die sich einen Dreck um die Wahrheit scherten und sich nur für ihre Auflage interessierten. Sie brauchte eine Pause, um ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen, ohne sich ständig ängstlich nach dem nächsten Teleobjektiv umblicken zu müssen, mit dem man sie in einem zweideutigen Moment ablichten könnte.

Es gab Bilder von ihr beim Schwimmen, beim Einkaufen, und wie sie zum Tanzkurs fuhr – drei absolut harmlose Fotos von absolut belanglosen Alltagssituationen, die einer frisch geschiedenen Frau jedoch nicht zuzustehen schienen. Man hatte sie frivol, hartherzig, gefühllos genannt – und das waren noch die netteren Bezeichnungen.

Ava wusste, warum man sich auf sie stürzte und Leon in Ruhe ließ, aber leichter wurde es dadurch nicht. Dass sie keine Fragen beantwortete, sich immer beherrscht gab und ihrem berühmten Vater und später ihrem extrovertierten Ehemann den Vortritt ließ, war ihr als Unnahbarkeit und Arroganz ausgelegt worden. Leon hingegen lächelte ständig und wusste immerzu unterhaltsame Anekdoten zu erzählen, was ihn zum Liebling der Presse machte.

Nach der Scheidung hatten sich die Medien geradezu auf sie eingeschossen. Ein angeblicher Skandal folgte dem nächsten. Sie hatte genug davon.

Es war an der Zeit, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Der Umzug nach Melbourne garantierte diese Freiheit … wenn sie sich ruhig verhielt.

Ein leises Platschen in der Nähe sandte eine kleine Welle in ihre Richtung. Doch die sanfte Bewegung störte sie nicht. Vermutlich würde nicht einmal eine Flutwelle sie aus diesem surrealen Gefühl der langersehnten Unabhängigkeit reißen können.

Weiterhin mit geschlossenen Augen, ließ sie sich genüsslich zum Ende des Pools treiben, vollführte eine gemächliche Drehung und stieß unvermittelt mit voller Wucht mit jemandem zusammen.

Bunte Sternchen flackerten vor ihren Augen auf, sie sank unter Wasser und wurde plötzlich von starken Armen zurück an die Oberfläche gehoben.

„Geht es Ihnen gut?“

Ava hustete ein paar Mal, nickte dann beschämt und strich sich die Haare aus den Augen.

„Ja, es ist alles in Ordnung“, krächzte sie in genau dem Moment, als sie ihren Retter zum ersten Mal sah, und musste prompt wieder husten.

Vielleicht war der Aufprall doch fester als gedacht gewesen, denn sie hätte schwören können, der Mann, der sie mit beiden Händen festhielt, war George Clooney.

„Sie haben einen ganz schön harten Kopf“, sagte er. Sein Lächeln war so unwiderstehlich, dass ihr ganz eng um die Brust wurde.

Errötend deutete sie auf seinen Kopf. „Ich könnte dasselbe über Ihren sagen.“

„Touché.“

Sein Lächeln verschwand, Besorgnis verdunkelte seine braunen Augen. „Geht es Ihnen wirklich gut? Soll ich einen Eisbeutel besorgen? Oder Sie auf Ihr Zimmer begleiten?“

Ungläubig schüttelte Ava den Kopf, was sie sogleich bereute. Ein scharfer Schmerz flammte an der Stelle auf, wo sie mit dem Fremden zusammengestoßen war.

„Sagen Sie mir bitte, dass das jetzt kein lahmer Anmachversuch war!“

Verwirrt runzelte er die Brauen, was Ava erleichtert aufatmen ließ. Dann lachte er – ein tiefes volles Lachen, das ihr ein so wohliges Gefühl gab, als würde warmer Sirup über ihre Haut fließen.

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich mir elegantere Wege vorstellen kann, eine wunderschöne Frau um eine Verabredung zu bitten, als sie in die Notaufnahme zu bringen.“

„So schlimm war der Aufprall auch nicht“, meinte sie und fuhr mit den Fingerspitzen über ihren Kopf. Unwillkürlich zuckte sie zurück, als sie die Schwellung berührte, die sich mittlerweile gebildet hatte.

„Lassen Sie mich mal sehen.“

Seltsamerweise ließ sie es zu und hielt ganz still, als nun er mit den Fingern durch ihr Haar fuhr. Sie genoss das prickelnde Gefühl seiner Berührung. Als er die Beule ertastete, hielt sie den Atem an und hob dann den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Und plötzlich geschah etwas Unglaubliches.

Es war, als durchzucke ein elektrischer Schlag ihren Körper.

Das muss ein starker Aufprall gewesen sein, dachte sie. Mit einiger Verspätung wurde ihr jetzt auch die Intimität ihrer Position bewusst: Seine Hand lag auf ihrer Hüfte, mit der anderen hielt er ihren Kopf. Ihre nassen Körper waren nur durch wenige Zentimeter voneinander getrennt.

Es war lange her, dass sie einem Mann so nahe gewesen war – beinahe hätte sie wie ein Kätzchen geschnurrt, dem man den Bauch krault.

„Das fühlt sich übel an. Vielleicht sollten Sie eine Weile in einem der Liegestühle ausruhen?“

Sie schaffte es, schweigend zu nicken und nicht lustvoll aufzustöhnen, als der Fremde ihr die feuchten Haare aus der Stirn strich. Von der langsamen Bewegung ging eine subtile Sinnlichkeit aus, die noch dadurch gesteigert wurde, dass Ava nun ungehinderte Sicht auf seine breite sonnengebräunte Brust bekam, die offensichtlich täglich mit Hanteln gestählt wurde.

Allerdings gehörte er nicht zu diesen neumodischen Typen mit einem Faible für Heißwachs, wie ihr die seidenweichen, dunklen Härchen auf seiner Brust verrieten. Warum, fragte sie sich sofort, fiel ihr das eigentlich auf?

„Ich helfe Ihnen.“

Verärgert über sich selbst, weil sie ihn so angestarrt hatte, hob sie den Blick. Wenn ihr Retter sie nicht weiterhin festgehalten hätte, wäre sie genau jetzt wieder untergetaucht. Denn in den schokoladenbraunen Augen des Unbekannten funkelte nicht etwa Besorgnis.

Nein, in den faszinierenden Tiefen schimmerte derselbe Hunger, eine wilde Begierde, die ihre Fantasie zu den verrücktesten Ideen anstachelte. Ideen, wie einfach die Beine um seine Hüften zu schlingen, wie mit den Händen über seine muskulöse Brust zu streicheln, wie den Fremden ermutigen, sie zum Rand des Pools zu tragen und leidenschaftlich zu küssen.

„Kommen Sie.“ Er räusperte sich. Die Rauheit in seiner Stimme sagte ihr, dass er wahrscheinlich jede ihre wilden Ideen in ihrem Blick gelesen hatte.

Schon in jungen Jahren war ihr beigebracht worden, ihre Gedanken zu verbergen und keine Emotionen auf ihrem Gesicht zu zeigen. Immer wieder hatte ihr Vater ihr die Vorsicht vor den überall lauernden Paparazzi und ihrer Weitwinkelkameras eingebläut. Also hatte sie gelernt, ihre wahren Gefühle hinter einer ausdruckslosen Maske zu verstecken.

Doch sich entspannt im warmen Wasser treiben zu lassen und sich anschließend lustvollen Fantasien mit einem gut aussehenden Fremden hinzugeben, hatte sie verleitet, diese Maske abzunehmen.

„Wie geht es Ihrem Kopf?“

„Ich werde es überleben.“

Er zwinkerte ihr zu, als sie die Treppe erreichten. Ava hätte schwören können, ihr Herz setze einen Schlag aus. „Außerdem können Sie immer noch zur Mund-zu-Mund-Beatmung übergehen, wenn ich plötzlich einen Herzstillstand erleide.“

Wenn sie doch nur gewusst hätte, wie man richtig flirtet! Um Zeit zu gewinnen, musterte sie eingehend die Stelle, an der sein Herz saß … was ihr die perfekte Entschuldigung gab, noch ein bisschen seine Brust anzustarren. Sie biss sich auf die Unterlippe und tat, als würde sie angestrengt nachdenken. „Wendet man Mund-zu-Mund-Beatmung nicht dann an, wenn der Verletzte nicht mehr atmet?“

„Das ist bereits seit fünf Minuten der Fall.“

Sie konnte nichts daran ändern, sie wurde knallrot.

Einen Freund der Familie unmittelbar nach der Uni zu heiraten, verlieh einem nicht unbedingt das Ansehen einer Femme fatale. Ihre Beziehung mit Leon war angenehm und ruhig gewesen, ohne jede sinnliche Spannung. Aber wenn sie länger hier an diesem Pool verweilte, hätte sie vielleicht die Chance, eine Lektion in Sachen Leidenschaft und Erotik von einem echten Experten erteilt zu bekommen.

„Ich glaube, jetzt geht es.“

Sie machte einen Schritt und stolperte prompt. Sofort streckte er die Arme aus und hielt sie fest. So viel zu ihrem Fluchtversuch … statt sich dem Fremden zu entziehen, erreichte sie genau das Gegenteil.

„Vorsicht! Sie haben vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung.“

Von leicht konnte gar keine Rede sein; vielmehr war es die einzig mögliche Erklärung, weshalb sie ihm erlaubte, sie zu den Liegestühlen zu führen und sich dann auch noch neben sie zu legen.

Erst allmählich wurde ihr bewusst, dass sie nur einen tief ausgeschnittenen marineblauen Badeanzug trug. Doch als sie nach ihrem Bademantel greifen wollte, war der unbekannte Mann ihr wieder einen Schritt voraus.

„Hier, bitte schön.“

Er half ihr in den Mantel. Als sie den weichen blaugrauen Stoff auf ihrer Haut spürte, erschauerte sie unwillkürlich – nicht weil sie fror, sondern weil sie nicht mit der zärtlichen Geste des Fremden gerechnet hatte.

„Besser?“

Sie nickte und ließ zu, dass er sie mit sanften Händen zurück auf die Liege dirigierte.

„Sie können jetzt gehen.“

Ihre Worte klangen sehr hart, vor allem weil er sich so fürsorglich verhalten hatte. Doch sie brauchte dringend Zeit für sich allein. Er sollte nicht bei ihr bleiben, sollte lieber grob und unausstehlich sein als unbekümmert und nett.

Denn sich auf einem Liegestuhl neben einem heißen Fremden an einem menschenleeren Pool im höchsten Stockwerk eines eleganten Hotels zu rekeln, schmeckte zu sehr nach Abenteuer, Gefahr und Romantik … drei Dinge, die so rein gar nicht zu Ava passten.

„Ich wünschte, ich könnte, aber es geht nicht.“

Der Mann ließ sich auf die Liegefläche sinken und rollte auf die Seite. Auf einen Ellenbogen aufgestützt wirkte er wie ein Männermodel aus den erotischen Fantasien von unzähligen Frauen: groß, schlank, sonnengebräunt, muskulös, tropfnass und nur mit einer eng anliegenden Badeshorts bekleidet, unter der sich abzeichnete, wie …

Ava schluckte und zwang sich, ihm ins Gesicht zu blicken. Nur um mit einem frechen Funkeln in seinen Augen konfrontiert zu werden, was auch nur unwesentlich besser war.

„Es ist meine Pflicht, sicherzustellen, dass Sie in Ordnung sind. Eine Gehirnerschütterung ist eine ernste Angelegenheit.“ Er tippte sich an den Kopf. „Vertrauen Sie mir, ich kenne mich damit aus. Ich hatte mehr als genug davon.“

Neugierig richtete sie sich auf. „Berufsrisiko?“ Sein Lächeln war so sexy, dass sie unvermittelt ein Kribbeln im Bauch verspürte.

„So könnte man es ausdrücken.“

Wenn sie sich weiter mit ihm unterhielt, würde er natürlich bleiben und nicht gehen. Also focht sie einen kurzen Kampf mit ihrem anderen Ich aus – jenem, das ihr immer sagte, sie solle gerade sitzen und ihre Meinung für sich behalten. Doch angesichts seines umwerfenden Lächelns war der Kampf vorüber, noch ehe er richtig begonnen hatte.

„Was machen Sie denn?“

„Extremsport.“

„Wie soll ich das verstehen?“

Er lachte über ihre offensichtliche Verwirrung. „Ich bin Vorsitzender eines weltweiten Dachverbandes für Extremsportarten; wir lieben alles, was mit Risiko oder Abenteuer zu tun hat. Haben Sie schon einmal davon gehört?“

Risiko? Oder sogar Abenteuer? Nichts war weiter von dem behüteten und ruhigen Leben entfernt, das sie geführt hatte.

„Sie meinen Sachen wie Bungee-Jumping?“

„Und den ganzen Rest.“

Sein Gesicht hellte sich auf. Seine Begeisterung für seine Arbeit musste Ava einfach bewundern. Dieser Enthusiasmus war ihr fremd, das langweilige Rechnungswesen in der Bank empfand sie nicht als sonderlich inspirierend. Trotzdem beging sie, der immer wachsamen Presse zufolge, einen großen Fehler, weil sie kurz nach dem Ende ihrer Ehe auch noch ihren Job gekündigt hatte.

„Erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit.“

„Sind Sie sicher, dass es Sie interessiert?“

Sie nickte. Aufregung, Wagnisse … all das gehörte zu einem Lebensstil, von dem sie nur träumen konnte. Wie fühlte es sich wohl an, ein Leben am Limit zu führen? Risiken einzugehen? Sich nie Sorgen zu machen, was andere Leute von einem dachten?

„Oh ja, erzählen Sie mir von der Gefahr der Geschwindigkeit, von Sprüngen aus haarsträubenden Höhen und waghalsigen Stunts.“

„Dann wissen Sie also doch über Extremsport Bescheid.“

Sie machte eine unbestimmte Handbewegung. „Ein bisschen.“ Fragend zog er eine Augenbraue hoch. „Vergangenen Sommer habe ich ein paar Wettkämpfe im Fernsehen gesehen.“

„Kommen Sie, geben Sie es zu … Sie konnten es danach kaum erwarten, auf ein Wakeboard zu springen oder sich einen Fallschirm umzuschnallen.“

Allein die Vorstellung raubte ihr den Atem. Unbewusst beugte sie sich ein wenig nach vorne. „In Anbetracht der Tatsache, dass ich mit meinen Füßen am liebsten auf festem Boden stehe, muss ich leider verneinen. Aber es hat Spaß gemacht zu sehen, wie die Sportler nicht nur gegeneinander, sondern auch mit den Elementen gekämpft haben.“

„Wind, Schnee, Wasser, Berge, ganz egal was, wir sind dabei.“

„Dann sind Sie also süchtig nach Adrenalin?“

So wie sie die Worte aussprach, klang es, als würde er Kakerlaken töten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber es schien ihn nicht im Mindesten zu stören. Vielmehr wurden die Lachfältchen um seine Augen noch tiefer. Wollte man irgendetwas aus den feinen Linien schließen, dann, dass ihr Retter sehr oft lachte.

„Darauf können Sie wetten. Es geht doch nichts über einen Endorphinkick.“ Er winkte sie mit gekrümmtem Zeigefinger noch näher zu sich. „Dazu noch ein bisschen Dopamin und Serotonin, und der Effekt ist fast so gut wie …“

Er sprach den Satz nicht zu Ende, doch seine Pupillen weiteten sich ein wenig, sodass völlig klar war, was er hatte sagen wollen.

Am sichersten wäre es, sofort das Thema zu wechseln. Aber auf Nummer sicher war sie ihr ganzes bisheriges Leben gegangen! Und hatte sie sich nicht erst gestern, als sie in Melbourne angekommen war, geschworen, lockerer und wagemutiger zu werden? Endlich anzufangen zu leben?

„So gut wie?“

Sie hielt den Atem an. Ein lustvolles Funkeln brachte seine Augen zum Leuchten, es wirkte wie ein Blitz aus Karamell in schokoladenbraunen Tiefen.

„Sex.“

Er blinzelte nicht, wandte nicht den Kopf ab. Und Ava spürte deutlich, wie das unsichtbare Band, das sie bereits verband, sich ein wenig enger zog.

Die Antwort der Flirtexpertin würde lauten: „So gut, ja?“ Doch sie hatte ihr ohnehin begrenztes Repertoire schon in den letzten Minuten aufgebraucht. Erschwerend kam hinzu, dass ihr der Gedanke, Sex könne etwas anders als reine Pflichterfüllung sein, in etwa so fremd war, wie dieser Mann und seine Liebe zu Extremsportarten.

„Was tun sie noch außer Fallschirmspringen, Snowboard fahren und auf Berge klettern?“

Er lachte über ihr Ausweichmanöver. „Sie möchten wirklich etwas über achtzehn Sportarten zu Lande, fünfzehn zu Wasser und neun in der Luft erfahren?“

„Vielleicht doch nicht.“ Beeindruckt von seiner Tollkühnheit, schüttelte sie den Kopf. „Machen Sie wirklich all diese Sachen?“

„All das und noch mehr.“ Er hielt inne, sein Blick richtete sich auf ihre Lippen. „Viel mehr.“

Und wieder zog sich das Band ein Stückchen enger zusammen. Es fühlte sich wie eine unsichtbare, unwiderstehliche Kraft an, die Ava näher zu dem Fremden zog.

„Imponiere ich Ihnen?“

„Ich denke, dass Sie verrückt sind“, platzte sie heraus. Gab es jemanden, fragte sie sich insgeheim, der ein genaueres Gegenteil von ihr sein konnte?

„Das hat man mir schon häufiger gesagt“, erwiderte er nicht im Geringsten beleidigt. „Was tun Sie, um Spaß zu haben?“

In diesem Moment spulte sich der langweilige Film ihres bisherigen Lebens vor ihrem inneren Auge ab: Tochter des Premierministers, Privatschule, Chauffeure, Leibwächter, unablässige Lektionen in Etikette und Manieren, eine vorbestimmte Ehe, dann Frau eines Politikers, schließlich eine zivilisierte Scheidung.

Sie hatte wirklich genug davon. Es reichte endgültig! Sie musste diese Erinnerungen vertreiben und endlich anfangen, neue zu finden.

Und zwar genau jetzt!

„Was ich tue, um Spaß zu haben?“

Aufgestachelt von seinem Gerede über Adrenalin und der tief in ihrem Inneren verwurzelten Sehnsucht nach Freiheit, legte sie die Hände auf die Schultern des Fremden, zog ihn näher an sich und murmelte: „Das hier“, bevor sie ihre Lippen auf seine presste.

2. KAPITEL

In dem Moment, in dem Avas Lippen die des Fremden berührten, blendete sie alle Gründe aus, weshalb sie ihn nicht küssen sollte und erlaubte sich, einfach nur zu fühlen.

Als Erstes fiel ihr seine Wärme auf. Wie warm seine Lippen waren, wie weich und samtig und faszinierend! Spielerisch öffnete sie ihren Mund.

Als Antwort fuhr er mit einer Hand in ihr Haar und umfasste ihren Hinterkopf. Diesmal lag in der Berührung nichts zurückhaltend Zärtliches.

Oh nein, diesmal zog er sie fest an sich, während er den leidenschaftlichen Kuss vertiefte.

Als seine Zunge die ihre berührte, explodierten bunte Sterne in ihrem Kopf. Verwirrt fragte sie sich, ob sie nicht doch eine Gehirnerschütterung erlitten hatte.

Welche andere Erklärung konnte es dafür geben, dass sie, die sich sonst so beherrscht und rational verhielt, auf einmal diesen Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, bis in alle Ewigkeit küssen wollte?

Oh ja, das fühlte sich gut an! Und als er seine Lippen von ihren löste, wollte sie am liebsten schreien: „Neeiin!“

Genau in diesem Moment meldete sich ihre vernünftige Seite wieder: Jene Ratio, die ihr geholfen hatte, auch die langweiligsten Formalitäten in fremden Botschaften durchzustehen, jener Verstand, der sie gedrängt hatte, ihren Traum vom Schreiben aufzugeben und sich stattdessen für eine sichere Ausbildung zu entscheiden, jene Logik, die darauf gepocht hatte, einen Freund der Familie zu heiraten, denn nur das bilde eine solide Basis für eine Ehe.

Zum Teufel mit der Vernunft!

„Kann ich das auf die Gehirnerschütterung schieben?“

Auf den Lippen, die sie gerade noch geküsst hatte, zeichnete sich ein feines Lächeln ab. „Kommt darauf an.“

„Worauf?“

„Wie schlimm es ist.“

Mit einem gespielten Wimmern deutete sie auf ihren Kopf und täuschte einen Schwindelanfall vor. „Furchtbar schlimm.“

„Wenn das so ist, bestehe ich darauf, dich zu deinem Zimmer zu begleiten.“ Einen Augenblick verharrte sein Blick auf ihrem Mund. „Nur damit du nicht jeden Fremden küsst, dem du auf dem Weg begegnest.“

Seine Worte brachten die hübsche Illusion zum Platzen. Denn genau das hatte sie getan. Einen Fremden geküsst, irgendeinen Typen, den sie im Hotel getroffen hatte.

Meine Güte! Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Es war eine Sache, sich frei fühlen zu wollen, und eine ganz andere, jeden Sinn für Tatsachen zu verlieren.

„Hey, ich habe nur Spaß gemacht.“

Er berührte ihren Arm. Ein Funke jagte durch ihren Körper und erinnerte sie wieder daran, weshalb sie ihre Besonnenheit überhaupt aufgegeben hatte.

„Wenn wir uns einander vorstellen würden, wäre schon mal das Problem mit dem ‚Fremden‘ gelöst.“

Sein Strahlen ließ ihren Brustkorb enger werden. Attraktive Charmeure sollten nicht auch noch so ein umwerfendes Lächeln besitzen!

„Roman. Hauptberuflich Extremsportfanatiker.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Und nebenberuflich Rettungssanitäter an Hotelpools.“

Sie lachte – und die Sorglosigkeit in ihrem Lachen klang in ihren eigenen Ohren fremd. Wann hatte sie sich das letzte Mal so amüsiert?

Nicht während ihrer Zeit in Canberra, unter Daddys wachsamen Augen, nicht während ihrer zwei Jahre dauernden Ehe und ganz sicher nicht während ihrer Scheidung vergangenen Monat. Einer Scheidung, bei der die Boulevardpresse ihren Namen durch den Dreck gezogen hatte. Und das nur aus dem einen Grund: weil sie Ava Beckett war, und endlich bekam, was sie längst verdiente.

Sie reichte ihm die Hand. „Ava. Aussteigerin aus einem langweiligen Finanzjob. Ungeschickte Schwimmerin und eine Gefahr für alle anderen im Pool.“

Seine Finger umschlossen ihre, sein Griff fühlte sich warm und fest an. Ein kleiner angenehmer Schauer durchfuhr sie.

„Nun, bei deiner Tollpatschigkeit und meinen Fähigkeiten als Sanitäter bilden wir ein absolutes Traumpaar.“

Er drückte ihre Hand, ließ sie jedoch los, als Ava das Gesicht verzog.

„Sag mir, dass diese Sprüche normalerweise nicht funktionieren.“

Roman beugte sich näher zu ihr. „Sag du es mir.“

Seine heisere Stimme und sein verschwörerisches Blinzeln brachten sie wieder zum Lachen.

„Also, wenn du nicht gerade arme Jungfrauen aus Notsituationen rettest oder von Brücken springst, wo lebst du dann?“

Zum ersten Mal, seit sie ihm begegnet war, huschte ein Schatten durch Romans dunkle Augen, der jedoch gleich darauf wieder verschwand und den Weg wieder für das nunmehr vertraute Funkeln freigab.

„Im Moment wohne ich in London.“

Sie glaubte ein winziges Zögern gehört, eine kaum merkliche Versteifung in seinen Schultern gesehen zu haben. Dann raubte ihr sein umwerfendes Lächeln wieder den Atem.

„Langweiliger Finanzjob, ja? Was für ein Glück, dass du aufgehört hast!“

„Oh ja, Glück ist das richtige Wort.“

Sie wollte gleichgültig klingen, als ob es ihr nichts ausmache, einen soliden Job aufzugeben und ein sorgloses Leben irgendwo auf diesem Planeten zu führen. Stattdessen tat sie, was ihr seit klein auf eingeimpft worden war: Sie sagte die Wahrheit.

„Eigentlich habe ich keine Ahnung, was ich jetzt machen soll.“

„Das ist einfach. Wie sieht dein Traumjob aus?“

Wieder vertieften sich die Lachfältchen um seine Augen. Am liebsten hätte sie mitgelacht. Diesem Mann schien nichts Angst einzuflößen. Andererseits sprang er von hohen Gebäuden oder Felsen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen – was wusste er schon davon, wie es war, einen sicheren Job zu kündigen?

„Traumjob?“ Zu träumen hatte sie vor langer Zeit aufgegeben, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als andere Menschen die Kontrolle über ihre Leben übernahmen.

„Ich meine, wofür schlägt dein Herz? Zahlen und Geld?“

„Nein, bloß nicht!“

Er lachte über die Heftigkeit ihrer Antwort. „Also keine Zahlen. Dann vielleicht Worte? Wie wäre es, wenn du dein Fachwissen über Zahlen für einen anderen Beruf benutzt, zum Beispiel als Lehrerin für Mathematik oder Statistik?“

„Etwas Furchtbareres kann ich mir kaum vorstellen.“

In einem Raum voller fremder Menschen stehen, die jede ihrer Bewegungen beobachteten? Keine Chance. Zu dicht an ihrer Vergangenheit.

Nachdenklich tippte er mit einem Finger auf seine Lippen, während Ava den Blick nicht von seinem Mund abwenden konnte. „Worte … hey, wie wäre es mit Schreiben?“

Bei diesem Vorschlag pochte ihr Herz plötzlich ganz wild. Vor langer Zeit hatte sie davon geträumt zu schreiben. Doch dieser Traum war den Anforderungen und Erwartungen, die an das Leben der Tochter des Premierministers gestellt wurden, ziemlich schnell zum Opfer gefallen. Seit dem Literaturkurs in der zwölften Klasse hatte sie kein Wort mehr zu Papier gebracht, selbst ihr Tagebuch hatte sie nicht mehr weitergeführt.

Ironischerweise hatte sie sich, als sie im Zentrum der Hetzkampagne der Medien stand, gewünscht, sie könne über die Wahrheit berichten, sodass kein Unsinn mehr über sie verfasst wurde. Dieser Gedanke hatte die Idee zu schreiben wieder lebendig werden lassen. Vielleicht konnte sie als freie Mitarbeiterin anfangen und Interviews führen, für die sie ihre Erfahrung auf dem internationalen Parkett nutzen könnte.

Bestimmt würde es Spaß machen, es zumindest zu versuchen. Aber würde es für ihren Lebensunterhalt reichen? Und wer würde ihr eine Chance geben – einer ehemaligen Finanzexpertin, die öffentlich durch den Dreck gezogen worden war, nur weil sie den Namen Ava Beckett trug?

„Allein hier gibt es eine Menge, über das es zu schreiben lohnt.“ Roman schnippte mit den Fingern. „Lass mal sehen. Melbournes neustes Hotel leistet sich einen Poolwärter, der erst die Gäste schwimmunfähig schlägt und sie dann mit Mund-zu-Mund-Beatmung rettet …“

„Ich habe dich geküsst“, platzte sie beschämt heraus, als sein Blick kurz zu ihren Lippen wanderte. Hitze und Verlangen blitzten in seinen Augen und raubten ihr fast den Verstand.

„Ja, das hast du. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie beeindruckt ich bin.“

Ava genoss den unbeschwerten Flirt mehr, als sie sich hatte vorstellen können. Sie verdrehte die Augen und gab vor, ernsthaft nachzudenken.

„Wegen meiner Technik? Meiner Spontaneität? Meiner …?“

„Alles zusammen.“

Diesmal ließ er seinen Blick länger auf ihren Lippen ruhen, bevor er ihren gesamten Körper langsam musterte. Durch den flauschigen grauen Hotelbademantel konnte er natürlich nicht viel sehen, doch das Feuer in seinen Augen verriet ihr auch so, dass er sich an jede Kurve erinnerte.

„Du weißt, dass ich nicht wirklich durch die Gegend laufe und jeden Fremden küsse, oder?“

„Wir sind keine Fremden mehr.“

Sanft streichelte er ihre Wange, fuhr mit dem Finger über die Schläfe zum Kinn, legte die Hand darunter und hob ihren Kopf ein wenig an. Als sie ihm in die Augen schaute, wurde ihr ganz warm.

Pure Leidenschaft brannte dort, jene Leidenschaft über die sie immer nur in Liebesromanen gelesen hatte, die sie als Teenager unter der Matratze versteckt hielt. Jener Rausch, nach dem sie sich insgeheim immer gesehnt, doch nie erlebt hatte. Jene Begierde, an die sie eigentlich gar nicht glaubte.

Bis jetzt.

Roman brauchte sie gar nicht zu berühren, um ihre Knie weich werden und die Temperatur in ihrem Körper steigen zu lassen. Er brauchte kein Süßholz zu raspeln oder Anmachsprüche hervorzukramen – er musste überhaupt nichts tun, außer sie anzusehen.

Wenn er sie nämlich mit seinen schokoladenbraunen Augen anschaute, so intensiv und verlangend, dann erwachte jede weibliche Faser in ihrem Körper zum Leben – eine Reaktion, über die sie keine Kontrolle besaß. Weil ihr immer heißer wurde, entschied sie sich für den flapsigen Ausweg.

„Tja, da wir uns einander ordentlich vorgestellt haben, und ich ja nur Fremde küsse, solltest du jetzt vor mir sicher sein.“

„Wie schade.“

Kurz fuhr er mit dem Daumen über ihre Unterlippe, dann ließ er die Hand sinken. Insgeheim atmete Ava auf, als Flirtneuling konnte sie nur mit einer gewissen Anzahl sinnlich aufgeladener Blicke und doppeldeutigen Kommentaren umgehen.

„Bist du aus geschäftlichen Gründen in der Stadt?“

„So in der Art.“

„Klingt geheimnisvoll.“

Er zuckte die Achseln. „Zeit für neue Herausforderungen, deshalb bin ich hier.“

„Dann versuchst du einen noch höheren Berg zu finden, von dem du herunterspringen kannst?“

„So ungefähr.“

Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. Weshalb, fragte sie sich, war er wohl wirklich hergekommen?

„Was ist mit dir?“

„Mir?“

„Bist du bereit für neue Herausforderungen, bereit zu schreiben?“

Und so einfach hatte er das Gespräch wieder auf sie gebracht. Seltsam. In den sozialen Kreisen, in denen sie bislang verkehrte, sprachen die Männer am liebsten über sich selbst. Nur Roman war merkwürdig zurückhaltend, er schien nicht viel über sich preisgeben zu wollen.

„Könntest du dich damit anfreunden?“

Wenn er doch bloß wüsste! Schon als Kind hatte sie gerne geschrieben. Ihren ersten längeren Aufsatz über Drachen und Prinzessinnen hatte sie mit acht verfasst, mit elf den Wettbewerb einer Melbourner Zeitung für die beste Kurzgeschichte gewonnen und in der Privatschule, die sie besucht hatte, immer Bestnoten in Literatur bekommen.

Dann war ihr Vater zum Premierminister gewählt worden, und die fünfzehnjährige Ava, die mit leuchtenden Augen von einer Karriere als Schriftstellerin oder Journalistin geträumt hatte, war mit den Erwartungen konfrontiert worden, die an die Tochter des Staatsoberhaupts gestellt wurden. Kurz darauf hatte sie all ihre Träume zusammen mit unzähligen Entwürfen für Romane und Geschichten zu Grabe getragen. Stattdessen hatte sie sich für einen Karriereweg entschieden, der ihrer gesellschaftlichen Stellung ‚angemessener‘ war, hatte die brotlose Kunst der Schriftstellerei zugunsten von Wirtschaftswissenschaften aufgegeben.

Oh, sie hatte gute Leistungen erbracht, sowohl auf der Universität als auch später in der Bank – nicht, dass sie sich Fehler hätte erlauben können. Aber ein kreativer Umgang mit Zahlen war nun mal kein Jonglieren mit Worten oder Erfinden von Geschichten. Und so wurde sie mit der Zeit immer unzufriedener.

Diese Frustration war in alle Lebensbereiche hineingewandert, selbst ihre Ehe war nicht verschont geblieben. Und obwohl Leon nichts gegen eine einvernehmliche Trennung einzuwenden hatte, fragte Ava sich insgeheim, ob nicht sie allein für das Scheitern der Beziehung verantwortlich war.

„Klar, mit Schreiben meinen Lebensunterhalt zu verdienen, wäre großartig.“

„Wie?“

„Vielleicht könnte ich als freie Mitarbeiterin anfangen.“

Erst musste sie die Muse in ihrem Inneren befreien und die Wörter zum Fließen bringen, dann würde sie herausfinden, ob irgendwer ihr einen Job gab. Schließlich verfügte sie über keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet.

„Du solltest es tun.“

Angesteckt von seinem Enthusiasmus richtete sich Ava zu ihrer vollen Größe auf. „Vielleicht tue ich es auch.“

„Gut.“

Er zwinkerte, worauf ihr Herz noch wilder pochte. „Fang an. Beschreib mit ein paar Worten ein Szenario für mich.“

„Jetzt?“

„Klar, es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um deine neue Karriere zu starten.“ Er beugte sich näher zu ihr. Sein herber männlicher Duft, vermischt mit Chlor, stieg ihr in die Nase. „Schildere den Ort, an dem du am liebsten Urlaub machst.“

„Lizard Island“, erwiderte sie sofort. Sie musste unbedingt diesem Blick aus seinen tiefen braunen Augen entgehen, bevor sie noch mehr Dummheiten beging … und ihn zum Beispiel wieder küsste. Wenn ihr allerdings nicht mehr als eine Geschichte mit zwei Worten einfiel, dann sollte sie ihre Journalistenkarriere am besten gleich wieder an den Nagel hängen.

„Du meinst die Insel im Great Barrier Reef?“

Sie nickte. „Nicht so bekannt wie Hayman oder Hamilton Island. Die Küste ist wilder, die Strände einsamer. Abseits der ausgetretenen Pfade.“

„Unberührte Natur empfinde ich als viel anziehender, als kommerzialisierte Touristengebiete.“

Ava verbuchte einen weiteren Pluspunkt auf seinem Guthabenkonto, weil sie ganz seiner Meinung war. Sie hatte genug Zeit damit verbracht, mit Leon die Metropolen dieser Welt abzuklappern: Von Monte Carlo bis New York, von London bis Tokio, und stets hatte sie die perfekte Politikergattin gespielt. Dinner in mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants, Übernachtungen in exklusiven Spa-Ressorts, Treffen mit den oberen Zehntausend, ein Leben im Luxus.

Dabei hätte sie viel lieber in den Pyrenäen gezeltet, bei einem Straßenhändler etwas zu Essen gekauft und auf jeglichen Komfort verzichtet, anstatt sich der Beobachtung charakterloser Menschen auszusetzen, die nur darauf warteten, dass sie einen Fehler beging, um ihre Geschichte an die Presse zu verkaufen.

Nach einer Weile hatte sie die lauernden Blicke verdrängt und so getan, als störte sie sich nicht daran. Doch tief in ihrem Inneren war sie todtraurig gewesen.

Ihr ganzes Leben hatte sie wie unter einem Mikroskop verbracht. Und dass sie heute hier in Melbourne war, in dem eleganten Hotel unter einem Pseudonym wohnte und mit diesem Abenteurer flirtete, der in jeder Hinsicht anders war als die Männer, die sie sonst kannte, kam ihr so absolut fantastisch vor. Am liebsten hätte sie ihr Glück laut herausgeschrien. Oder etwas Verrücktes, Spontanes getan, etwas, was sie in der Vergangenheit niemals über sich gebracht hatte, um zu beweisen, dass sie eine neue Frau geworden war.

Bevor sie ihre Meinung ändern konnte, griff sie nach Romans Händen und schaute ihm tief in die Augen.

„Weißt du was? Ich fürchte, diese Gehirnerschütterung verschlimmert sich. Vielleicht solltest du mich wirklich auf mein Zimmer begleiten?“

Falls ihn ihre Direktheit überraschte, ließ er sich nichts anmerken. Ein perfekter Gentleman. Andererseits … wenn ein Mann so aussah wie dieser hier, warfen sich ihm die Frauen vermutlich dutzendweise zu Füßen. Was machte da eine mehr?

„Natürlich. Keine Sorge.“

Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. Dies war ihre letzte Chance, es sich anders zu überlegen.

Würde sie es wirklich tun? Einen Mann, den sie kaum kannte, auf ihr Zimmer einladen? Sex mit ihm haben? Ihren ersten One-Night-Stand?

„Ich bringe dich nur bis zur Tür …“

Bevor er die Hand sinken ließ, legte sie die Finger in seine und sprang auf. Sie wollte ihm erklären, warum sie sich so benahm. Wollte ihm sagen, was es für sie bedeutete. Doch wie sollte sie das anstellen, ohne wie eine naive Idiotin zu klingen?

„Ava, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wenn es einfacher für dich ist, bringe ich dich nicht …“

„Ich bin die Tochter des Premierministers. Vor vier Wochen habe ich meine lieblose Ehe mit einem Politiker beendet. Mein ganzes bisheriges Leben habe ich damit verbracht, das Richtige zu tun und das Richtige zu sagen, und darauf habe ich keine Lust mehr, und ich will auch ein kleines Abenteuer erleben, und …“

„Pssst …“

Roman legte einen Finger auf ihre Lippen. Beschämt über ihren Ausbruch, atmete sie ein paar Mal tief ein und aus. Dann riskierte sie einen Blick in seine Augen. Wenn sich dort Mitleid spiegelte, würde sie die Flucht ergreifen.

Doch das Verständnis, das sie sah, ließ sie unbewusst ein Stückchen näher zu ihm rücken. Ihr Körper begriff längst, was ihr Verstand kaum zu erfassen vermochte.

Dieser Mann war etwas Besonderes.

„Du schuldest mir keine Erklärungen.“

Sanft fuhr er mit dem Finger über ihr Kinn, dann zu ihrem Ohr, über den Hals zu ihren Schlüsselbeinen. „Ich finde dich wunderbar. Und wenn du möchtest, dass ich die Nacht mit dir verbringe, dann ist das Vergnügen ganz auf meiner Seite.“

Hätte er nicht die Arme um ihre Hüften geschlungen, wäre Ava gleich hier und jetzt vor Lust geschmolzen. Dank seiner tatkräftigen Unterstützung gelang es ihr, den Weg zum Lift zurückzulegen.

Sie sagte nichts. Sie konnte nicht – ihre Kehle war wie zugeschnürt und das Blut pulsierte so laut in ihrem Kopf, dass sie kaum noch klar denken konnte.

Als sie die Aufzüge erreichten, drückte Roman sie zärtlich an sich. Automatisch kuschelte sie sich enger an ihn.

„Bist du dir sicher?“

Sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie wirklich Wirtschaftswissenschaften studieren sollte. Unsicher, ob sie Leon heiraten sollte. Und sie hatte keine Ahnung, wie es mit ihrer beruflichen Karriere weitergehen sollte. Aber wenn es eines gab, dessen sie sich absolut gewiss war, dann, dass sie diese Nacht mit Roman verbringen wollte.

„Ich wohne in Zimmer 1620, beantwortet das deine Frage?“

Sie hielt den Atem an, als er sie in den Aufzug führte, den Knopf mit der Nummer 16 drückte und einen sanften Kuss auf ihre Lippen hauchte.

„Vollkommen“, entgegnete er.

Anschließend standen sie wie schweigende Wächter da und beobachteten die Zahlen auf dem Display, die von siebenundzwanzig bis sechzehn rückwärts liefen. Und als der Aufzug schließlich hielt und die Türen sich leise öffneten, durchfuhr sie ein Adrenalinstoß, wie ihn garantiert kein Sprung von einer noch so hohen Brücke hätte auslösen können.

3. KAPITEL

Roman blieben exakt sechzehn Sekunden, sich aus dieser Situation zu befreien und zu flüchten.

Wie oft hatte er einen Sprung abgebrochen, weil die Bedingungen zu riskant waren? Oder eine Kletterpartie wegen ungünstiger Windverhältnisse auf den nächsten Tag verschoben?

Zu viele Male, um sie zählen zu können. Und jetzt verspürte er dasselbe ungute Gefühl in seinem Bauch. Etwas stimmte nicht.

Er wusste, was nicht in Ordnung war. Trotz ihrer Direktheit strahlte Ava etwas sehr Verletzliches aus. Und er hatte genug von empfindsamen Frauen. Schließlich war eine dieser Damen der Hauptgrund, weshalb er nun in Australien lebte.

Dabei war der Vergleich sehr unfair. Ava besaß mehr Kraft in ihrem kleinen Finger als Estelle in ihrem gesamten Körper. Trotzdem sollte der letzte, emotional auslaugende Kampf mit seiner launischen Mutter ihm Warnung genug sein, sich nicht kopfüber in die nächste schwierige Situation zu stürzen, auch wenn es nur für eine Nacht wäre.

Ava schmiegte sich auf dem Weg in das Hotelzimmer eng an ihn und bekam von seinem Dilemma nichts mit. Ihm mochte es gelingen, sich in einer Nacht voller wilder Leidenschaft zu verlieren, sich bedanken und dann seiner Wege zu ziehen. Aber würde sie mit diesem Verhalten zurechtkommen? Oder sollte er die Sache hier und jetzt beenden? Das könnte aber zur Folge haben, dass sie ihre Begegnung am Pool wahrscheinlich immer wieder gedanklich durchspielen würde, nur um zu dem falschen Schluss zu kommen, sie habe etwas gesagt oder getan, was ihn abgeschreckt hätte.

Beide Möglichkeiten gefielen ihm nicht. Offensichtlich hatte sie in ihrem Leben schon genug durchgemacht. Die Tochter des Premierministers zu sein, musste schon die Hölle sein, Ehefrau eines Politikers zu werden noch härter. Und die Tatsache, dass sie genug Mut aufgebracht hatte, ihn zu einem One-Night-Stand auf ihr Hotelzimmer einzuladen, sprach Bände.

Einen Monat nach ihrer Scheidung wollte sie ihren Marktwert testen. Hier ging es nicht darum, Sex zu haben, sondern Bestätigung zu bekommen.

Er kannte Menschen, die eine Scheidung hinter sich hatten. Wie viel schwerer noch musste es für Ava gewesen sein, die der öffentlichen Beobachtung und dem Druck ihrer Familie ausgesetzt war?

Am besten wäre es, sie zu ihrer Zimmertür zu begleiten, ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben und ihr für ihr weiteres Leben alles Gute zu wünschen. Das Letzte, was sie brauchte, war ein Kerl, der Fliehen zur Kunst erhoben hatte, der jeden Sprinter bei Olympia überholte, sobald ihm eine Frau zu nahe kam.

Jemand wie Ava brauchte eine richtige, tief gehende Beziehung. Sie brauchte einen guten Mann, der ihr in dieser sensiblen Phase ihres Lebens beistand, einen Mann, der ihr Vertrauen entgegenbrachte, der immer für sie da war.

Er war ganz sicher nicht der Richtige für diesen Job!

Na schön, er würde sie sicher zu ihrem Zimmer geleiten, ihr versichern, dass er den Abend sehr genossen hatte und sich dann aus dem Staub machen.

Nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte, riskierte Roman einen Seitenblick zu Ava. Sofort schnürte sich seine Brust zusammen, und sein Entschluss geriet ernsthaft ins Wanken.

Wassertröpfchen fielen von den Haaren, die ihr rosiges Gesicht umrahmten. Ihre Haut schimmerte noch feucht von ihrem abendlichen Bad im Pool. Der Hotelbademantel verhüllte ihren Körper, doch er konnte sich noch an jedes Detail erinnern: die sanfte Kurve ihrer Taille, die sexy Hüften, die langen, schlanken Beine, ihre wohlgeformten Brüste …

Die Spannung in seinem Inneren wuchs und ließ ihn heftig an seinem Entschluss zweifeln. Eigentlich wusste er, was er zu tun hatte. Dummerweise machte ihm seine Libido einen Strich durch die Rechnung.

„Wir sind fast da.“

Ihre Stimme klang freudig, aber auch unsicher, womit es um seine Entscheidung fast geschehen war. Denn genau diese Verletzlichkeit war es, die ihn einerseits zur Flucht drängte, andererseits den Wunsch weckte, sie die ganze Nacht über festzuhalten.

Normalerweise war Ava überhaupt nicht sein Beuteschema. Seiner Mutter sei dank! Sie hatte vor langer Zeit herausgefunden, wie leicht sie ihm ein schlechtes Gewissen machen konnte. Sie, die alleinerziehende Mutter, hatte für ihren Sohn alles im Leben aufgegeben. Und das sollte ihm in jeder Sekunde bewusst sein!

Deshalb hielt er sich an selbstbewusste Frauen. Frauen, die stolz auf ihre Reize waren und wussten, wie sie diese einzusetzen hatten. Warum also ging ihm die Begegnung mit dieser frisch geschiedenen Frau so nahe, die nur ihre neugewonnenen Freiheiten ausloten wollte?

„Wir sind da.“

Den Rücken gegen die Tür gelehnt, blickte sie mit einer herzzerreißenden Mischung aus vorsichtigem Optimismus und der Angst vor Ablehnung zu ihm auf. Die Angst in ihren Augen traf ihn. Fast schien es, als erwartete sie, dass er sie verließ.

„Bist du sicher …“

Sie legte einen Finger auf seine Lippen und brachte ihn zum Schweigen. Als sie ihre Hand langsam abwärts wandern und schließlich über seinem Herzen ruhen ließ, wusste er, dass er verloren hatte.

Jetzt zu gehen, wäre in etwa so brutal, wie einem wehrlosen Hund einen Tritt zu versetzen. Es war nicht so, dass er sie nur bemitleidete, im Gegenteil. Er bewunderte auch ihren Mut, sich in die Welt zu stürzen, die sich für sie um hundertachtzig Grad gedreht haben musste.

Frisch geschiedene Frauen mochten auf ihre Freiheit pochen, doch Taten ließen sie meistens nicht folgen. Dass er mit Ava jetzt vor ihrer Tür stand, steigerte seine Bewunderung noch weiter.

Und als sie ihre Hand nun weiter sinken ließ, als er spürte, wie sie mit sanften Fingern über seinen Bauch streifte, empfand er weder Mitleid, noch Bewunderung, sondern nur noch Lust. Er trat einen Schritt vor, ihre Körper waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. Was auch immer passierte, sobald sie durch die Tür des Hotelzimmers traten, Roman schwor sich, er würde dafür sorgen, dass Ava diese Nacht in unvergesslicher Erinnerung blieb.

Als Ava zu ihrem abendlichen Poolbesuch aufgebrochen war, hatte sie nicht damit gerechnet, jemanden mit zurück in ihr Zimmer zu bringen. Als sie nun die Schlüsselkarte ins Schloss steckte, zuckte sie zurück.

„Probleme?“

Oh ja, da gab es ein Problem.

Sie hatte so etwas noch nie getan.

Einen Kerl, den sie gerade erst kennengelernt hatte, in ihr Zimmer locken und Sex haben? Das war so weit weg von ihrem bisherigen Leben, dass es ihr geradezu lächerlich vorkam. Trotzdem stand da ein unglaublich gut aussehender Mann hinter ihr, der nur darauf wartete, ihren Flirt bis zur letzten Stufe auszukosten.

War sie nervös? Und wie! Doch ihre Vorfreude war noch größer.

Vor einem Augenblick noch hatte sie geglaubt, Roman würde sich mit einem Kuss verabschieden und gehen. Sie hatte es in seinen Augen gelesen – er sah aus wie ein Mann, der das Richtige tun wollte.

Nie hätte sie damit herausplatzen sollen, dass sie gerade ihre Scheidung hinter sich hatte. Jetzt würde er nur aus Mitleid mit ihr schlafen.

Spielte das eine Rolle? Sie hatte sich schon sehr lange nicht mehr so gut gefühlt, wie in der vergangenen Stunde in Romans Gegenwart. Folglich sollten ihr seine Motive egal sein! Jetzt wollte sie wissen, ob diese Anziehungskraft zwischen ihnen, die ihre Nervenenden prickeln und ihre intimsten Körperstellen vibrieren ließ, letztendlich zu dem besten Sex ihres Lebens führen würde.

In diesem Hotel einzuchecken, bedeutete, einen Neuanfang wagen. Und welchen besseren Start konnte es geben, als eine heiße Nacht mit einem Mann, der sie mit einem einzigen Blick zum Schmelzen brachte.

Ein wohliger Schauer durchfuhr sie, als Roman nun zärtlich ihr Ohr küsste. Er legte die Arme um Avas Körper, zog sie an sich und demonstrierte eindrucksvoll, wie er sie all ihre Probleme in den nächsten Stunden vergessen lassen würde.

„Im Zimmer herrscht ein einziges Chaos“, murmelte sie.

„Ich bin nicht hier, um dein Zimmer zu bewundern“, gab er zurück. Dann presste er seine Lippen auf ihre, es war ein atemberaubender Kuss, der sämtliche Zweifel in Ava auslöschte.

Als er sie endlich wieder Atem schöpfen ließ, sagte sie: „Gut. Jetzt, da wir das geklärt haben, komm rein.“

Lachend betraten sie den Raum. Und als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, streckten sie die Hände nacheinander aus, blind gegenüber dem Durcheinander, blind gegenüber allem, außer dem brennenden Hunger, den der Kuss in ihnen geweckt hatte.

Am liebsten hätte Ava ihm den Bademantel vom Leib gerissen, Roman gegen die nächste Wand gestoßen und die Beine um seine Hüften geschlungen. Stattdessen begnügte sie sich damit, so fest an seinem Gürtel zu ziehen, dass Roman gegen sie taumelte. Um nicht selbst aus dem Gleichgewicht zu geraten, machte sie einen Schritt nach hinten und stieß mit dem Rücken gegen die Wand. So erfüllte sich ihr Wunsch in umgekehrter Weise.

„Es ist eine Weile her“, murmelte sie, um ihr unbeholfenes Verhalten zu erklären.

Als Antwort umfasste er ihr Gesicht mit seinen Händen und küsste sie auf den Mund. Der Kuss war lang und heiß und machte jede weitere Erklärung überflüssig. Ihre Knie hätten unter ihr nachgegeben, hätte Roman nicht seinen Körper gegen ihren gepresst. Während ihre Zungen einander umspielten, fuhr sie mit den Händen über seine Schultern, ertastete die Muskeln an seinem Rücken, spürte seine Kraft. Als sie seinen festen Po berührte, stöhnte er auf und drängte sich enger an sie.

„Du machst mich ganz verrückt“, flüsterte er.

Also fuhr sie mit ihren Liebkosungen fort, konnte sich aber ein selbstzufriedenes Grinsen nicht verkneifen. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch keinen Mann verrückt gemacht. Und der Gedanke, dass ein Kerl wie Roman, durch dessen Körper wahrscheinlich genug Adrenalin geströmt war, um sein restliches Leben im Rausch zu verbringen, sie so aufregend fand … nun, das spornte sie nur noch mehr an!

„Findest du das lustig?“

„Ich finde es fantastisch“, erwiderte sie und schob die Fingerspitzen unter den Bund seiner nassen Badehose.

„Warum dann dieses Grinsen?“

„Weil ich schon lange nicht mehr so glücklich war“, platzte sie mit der Wahrheit heraus. Doch als sie die Überraschung in seinen Augen sah, hätte sie die Worte am liebsten zurückgenommen.

Jetzt war nicht die Zeit für Bekenntnisse.

Jetzt war die Zeit, die Vergangenheit zu vergessen und in der Zukunft zu leben!

Bevor er noch mehr Fragen stellen oder sie noch mehr Stimmungskiller hinausposaunen konnte, schlang sie einfach ein Bein um seine Hüften. Zu ihrer größten Überraschung murmelte er: „Ich auch.“

Mit geschickten Bewegungen streifte er ihr den Bademantel von den Schultern. Nach heutigen Maßstäben war ihr Einteiler ein ziemlich konservatives Stück, doch Roman verschlang sie förmlich mit seinen Blicken, als würde sie den knappsten Bikini aller Zeiten tragen. Deshalb brauchte es auch keine Berührung, damit ihre Brustknospen sich unter dem feuchten Stoff aufrichteten.

Nicht, dass sie ihn noch lange tragen sollte …

Er hakte die Daumen unter die Träger und zog sie nach unten.

Ganz langsam.

Behutsam entblößt er erst Avas eine Brust, dann die andere. Sein hungriger Blick sandte ein aufregendes Kribbeln durch ihren Körper.

Ava atmete scharf ein, als er sich vor ihr auf die Knie sinken ließ und den Badeanzug weiter nach unten zog … und weiter … sein warmer Atem streifte ihren Bauch. Noch weiter schob er den Stoff, über ihren Po und die Beine hinunter. Nun stand sie nackt vor ihm. Ein Schauer überlief sie, der mehr von dem Hunger in seinen Augen rührte, als von der Kühle der Luft.

„Wow“, flüsterte er und fuhr mit den Händen über ihre Knöchel, über die Rückseiten der Knie bis zu ihren Oberschenkeln hinauf, die er sanft spreizte.

Erregt beobachtete Ava ihn. Längst konnte sie nicht mehr klar denken.

Sekunde um quälende Sekunde verstrich, bis er schließlich den Kopf neigte und die Stelle liebkoste, an der sie seine Berührung am meisten begehrte. Sie zuckte zusammen, als er mit seiner geschickten Zunge in ihren intimsten Bereich vordrang. Einmal, zweimal, dann stieß Ava ein leises Wimmern aus. Viel zu rasch verlor sie jede Kontrolle.

Sie besaß nicht die Kraft, sich länger zurückzuhalten. Und als Roman sie unermüdlich weiter mit der Zunge verwöhnte, erreichte sie mit einem lauten Schrei den Höhepunkt.

Hätte er sie nicht mit seinen starken Armen festgehalten, wäre sie völlig kraftlos die Wand hinuntergerutscht. Er arbeitete sich mit sanften Küssen an ihrem Körper nach oben, und als er ihre Brüste erreichte, zärtlich eine aufgerichtete Brustspitze mit den Lippen umschloss, wuchs ihr Verlangen nach ihm erneut.

„Das war … oh!“

Er saugte heftiger an der Knospe, massierte gleichzeitig mit einer Hand die andere. Die Spannung in ihrem Inneren wuchs.

Unglaublich, sensationell, atemberaubend, noch viel mehr unzureichende Adjektive wirbelten durch ihren Kopf. Doch Roman ließ ihr keine Zeit zum Nachdenken.

Bevor er seinen Bademantel ablegte, zog er sein Portemonnaie aus der Tasche und nahm ein kleines quadratisches Päckchen heraus. Dann schlüpfte er aus der Badehose und streifte sich ein Kondom über, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Als es Ava endlich gelang, den Blick von dem Beweis seiner Erregung zu lösen, stockte ihr vor Überraschung der Atem. Denn der Ausdruck in seinen Augen entsprach genau ihren Gefühlen: verwirrt und hungrig zugleich.

Sie wollte ihn! Jetzt! Einladend breitete sie die Arme aus. Eine zweite Einladung brauchte Roman nicht.

Er umfasste ihre Hüften, hob sie hoch, und Ava schlang abermals ihre Beine um seinen Körper. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, als er langsam und lustvoll, Zentimeter für Zentimeter, in sie eindrang und dann begann, sich behutsam in ihr zu bewegen.

Aber Ava war viel zu ungeduldig, um es langsam angehen zu lassen. Sie wollte es hart und wild. Sie wollte endlich den atemberaubenden Sex, von dem sie bisher immer nur gehört hatte.

Ihr Becken schien ein Eigenleben zu entwickeln, sie schob es näher an ihn heran und drängte Roman damit, den Rhythmus zu steigern. Er kam dieser Aufforderung nur allzu gerne nach. Seine Stöße wurden immer kräftiger, bis für Ava die Grenzen der Realität verschwammen. Mit einem letzten Aufschrei erlebte sie einen weiteren gewaltigen Höhepunkt, dann überrollte sie eine Welle von Hitze und Glück.

Roman erreichte den Gipfel der Lust eine Sekunde später. Und als sie sich einander anschließend, schweißnass, fest umklammerten, wünschte Ava sich, sie hätte ihre abenteuerlustige Seite schon vor langer Zeit entdeckt.

4. KAPITEL

Ava hatte keine Ahnung von der Etikette am Morgen danach. Wie auch, wenn sie bisher nur mit einem einzigen Mann geschlafen hatte? Außerdem waren Leon und sie schon ewig miteinander ausgegangen, als sie das erste Mal Sex hatten.

Deshalb hatte es auch nie die peinliche Situation gegeben, dass sie sich mit der Frage beschäftigen musste, was sie jetzt sagen oder wann sie gehen sollte. Sie hatten einander so lange gekannt, erst als Freunde, dann als Paar, dass Sex zu haben keine große Sache war.

Das hier war anders.

Roman schlüpfte in seinen Bademantel und verknotete den Gürtel vor dem Bauch. Angezogen sah er genauso sexy aus wie nackt.

Sein Haar stand in alle Richtungen ab, ein dunkler Bartschatten war auf seinen Wangen erschienen und die Ringe unter seinen Augen verrieten, dass er in der Nacht nicht viel geschlafen hatte.

Sie auch nicht.

Was keine Beschwerde sein sollte.

Um nicht ganz wie der One-Night-Stand-Neuling dazustehen, der sie war, richtete sie sich auf und bemühte sich, selbstbewusst und lässig auszusehen. Roman ging zu ihr und setzte sich auf die Bettkante. Dann griff er nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf den Handrücken. Es war eine sehr romantische Geste, die ihr die Irrealität ihrer Begegnung umso bewusster werden ließ.

„Ich muss gehen. Ich habe ein Meeting.“

„Kein Problem, ich muss auch ein paar Dinge erledigen.“

Wenn sie ihn nicht schnellstens dazu brachte, das Zimmer zu verlassen, dann würde sie die großartige Atmosphäre kaputtmachen.

Roman stellte eine reizende Ablenkung dar, ein unglaubliches, wildes Abenteuer, aber sie musste sich nun unbedingt darauf konzentrieren, ihr Leben in neue Bahnen zu lenken. Und je eher sie damit anfing, desto besser.

Vorsichtig entzog sie ihm ihre Hand, berührte seine Wange. Die Bartstoppeln fühlten sich rau unter ihren Fingerkuppen an.

„Die vergangene Nacht war …“

Was? Die aufregendste Nacht meines Lebens? Der beste Sex, den ich je hatte? Das Spontanste und Verrückteste, was ich je getan habe?

Sie wollte ihm danken, ihm erklären, was der One-Night-Stand für sie bedeutete, nämlich Abschied von ihrem alten Leben zu nehmen und ein neues willkommen zu heißen. Doch ein Blick in sein Gesicht genügte, um zu wissen, dass sie all das nicht sagen konnte.

Denn Roman hatte sich wieder in den perfekten Charmeur verwandelt, den sie gestern kennengelernt hatte. In den Mann, dessen Mundwinkel ständig zuckten, als würde ihn einfach alles amüsieren. Den Mann mit den feinen Fältchen um die Augen, die vom vielen Lachen rührten. Den Mann, der ein Leben am Limit führte und nicht begreifen würde, wie überwältigend die vergangene Nacht auf eine normale Frau wie sie wirken musste.

Lächelnd legte er seine beiden Hände um ihr Gesicht. „Ich denke, das fasst die Nacht ganz gut zusammen.“

Er küsste sie lange und zärtlich. Ein Kuss voller Leidenschaft, der sie an das erinnern sollte, was sie erlebt hatten, eine Liebkosung, die sicherstellte, dass sie dieses Abenteuer niemals vergessen würde.

Als Roman sich abwendete, musste sie die Finger ins Laken krallen, um sich davon abzuhalten, die Hände nach ihm auszustrecken.

„Danke, Roman.“

Kaum hatte sie die Worte gesagt, kam sie sich sehr dumm vor. Dankte man einem Kerl für Sex? Für die heißeste Nacht seines Lebens? Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte. Und für jemanden, dessen Leben bislang nach einem strikten Protokoll ausgerichtet war, fühlte sich diese Unwissenheit nicht gut an.

„War mir ein Vergnügen.“

Noch einmal legte er eine Hand auf ihre Schulter. Obwohl sie nur Zentimeter voneinander entfernt waren, fühlte sie bereits die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte.

Eine schnelle Nummer, ein flüchtiges Prickeln, um mehr ging es hier nicht.

Warum verspürte sie dann ein schmerzhaftes Ziehen in der Brust, während sie zusah, wie er zur Tür schlenderte? Wieso wollte sie ihm am liebsten nachlaufen, ihn festhalten und ihm den Bademantel von den Schultern reißen?

Ava biss sich auf die Unterlippe, um ihm nichts nachzurufen. Als er sich zum Abschied noch einmal umdrehte, setzte sie ein strahlendes Lächeln auf.

„Wenn du Langeweile hast … ich bleibe noch einen Tag hier.“

Aus Unsicherheit, ob er sie wirklich wiedersehen wollte oder nur zu belanglosen Flirtsprüchen zurückgekehrt war, nickte sie nur stumm.

Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, ließ sie sich zurück auf das Bett sinken und legte ihre Hände vor die Augen. Vielleicht konnte sie so die törichte Stimme in ihrem Kopf ausblenden, die darauf beharrte, sie könne ja seine Zimmernummer herausfinden und ihn vor seiner Abreise anrufen.

Unsinn – ein One-Night-Stand dauerte genau eine Nacht.

Doch in der Zeit, die sie brauchte, um die Idee als lächerlich und total unrealistisch einzustufen, waren in ihrer Fantasie schon Bilder aufgetaucht … Roman und sie beim Dinner, beim mitternächtlichen Ausflug zum Pool … und noch zahlreiche andere Szenen mit dem Mann, der ihre Welt bis auf die Grundfesten erschüttert hatte.

Roman blickte auf seine Uhr, als er das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant des Hotels im Erdgeschoss betrat. Er war spät dran. Nicht, dass es ihn kümmerte. Der Grund seiner Verspätung war es wert.

Und wie!

Auch jetzt bekam er die Erinnerung an Ava nicht aus seinem Kopf. Mit zerzausten Haaren und weit aufgerissenen Augen hatte sie auf dem Bett gesessen. Das Laken hatte sie vor ihren Körper gepresst, den er die ganze Nacht gesehen und genossen hatte.

Sie hatte so verletzlich ausgesehen, das komplette Gegenteil der wilden, leidenschaftlichen Frau, in die sie sich in seinen Armen verwandelt hatte. Er hatte seine gesamte Willenskraft aufbieten müssen, sie so zurückzulassen.

Doch was hätte er erreicht, wenn er geblieben wäre? Ja, es war eine unvergessliche und wunderschöne Nacht gewesen. Aber sie führten unterschiedliche Leben in verschiedenen Welten und hatten nichts weiter gemeinsam.

Warum also hatte er ihr gesagt, wie lange er im Hotel blieb? Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war eine geschiedene Frau, die Bestätigung suchte!

Sein gemeines Vorurteil ließ ihn innerlich zusammenzucken. Ava hatte rein gar nichts gesagt oder getan, was darauf hindeutete, dass sie auf eine Beziehung aus war. Tatsächlich war wohl eher das Gegenteil der Fall. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie unter Beobachtung verbracht. Wahrscheinlich war sie nur auf der Suche nach einem Abenteuer.

Es musste ein hartes Los sein, als Tochter des Premierministers aufzuwachsen, ganz zu schweigen davon, mit einem Politiker verheiratet zu sein. Er kannte genug Prominente der ersten Liga, um zu wissen, wie das Spiel lief. Er verwettete seinen letzten Kletterhaken darauf, dass Ava seit ihrer Geburt das Richtige gesagt und getan hatte. Vermutlich hatte ihr Daddy ihren Ehemann sogar für sie ausgesucht. Armes Mädchen.

Andererseits hatte ihre offensichtliche Naivität ihm von Anfang an gefallen. Von ihrer körperlichen Anziehung, als er sie nach ihrem Zusammenstoß im Pool gerettet hatte, schien sie nichts mitbekommen zu haben. Im Gegensatz zu ihr war er sich jedes Zentimeters ihrer nassen Haut nur allzu bewusst gewesen.

Sie war verlegen, er erregt.

Dann hatte er angefangen zu flirten. In ihren Antworten lag eine Unschuld, eine Unerfahrenheit, die so gar nicht zu einer geschiedenen Frau passen wollte. Und wie oft traf er auf seinen Reisen Frauen, die noch erröteten? Sehr selten.

Dabei verabredete er sich sehr gern und häufig. Mit Prinzessinnen und Starlets, mit Blonden und Brünetten und allen Schattierungen dazwischen. Nicht, dass er auch nur annähernd der Playboy war, als den ihn die Paparazzi darstellten! Doch ein bekannter, erfolgreicher Single war er durchaus – und dieser Status ging mit einigen Annehmlichkeiten einher. Eigentlich sogar mit vielen Annehmlichkeiten …

Was war an dieser Ava so besonders, dass ihn so gefangen nahm?

Sobald er ihr Zimmer verlassen hatte, sollte er sie vergessen haben und sich nur noch auf sein Meeting konzentrieren. Stattdessen fragte er sich unablässig, wie schnell er den Geschäftstermin hinter sich bringen und sie anrufen konnte. Vielleicht hatte sie ja Zeit für ein kurzes Treffen, bevor sich ihre Wege endgültig trennten?

Noch viel verwirrter, als er sich eingestehen wollte, richtete Roman seine Hemdsärmel und befestigte die Manschettenknöpfe – ein beruhigendes Ritual, das er in ähnlicher Form vor jedem Sprung absolvierte. Statt kleiner Knöpfe überprüfte er dann jedoch einen Gurt oder einen Knoten, der im Zweifelsfall sein Überleben sicherte.

Er ließ seinen Blick über die Gäste im Restaurant schweifen und entdeckte Rex Mayfair, einen langjährigen Freund seiner Mutter.

Rex war oft zu Besuch in ihr Apartment in Chelsea gekommen. Als Kind hatte Roman oft gerätselt, ob Rex sein Vater war. Doch so genau er die beiden auch beobachtete, der ältere Mann und Estelle schienen tatsächlich nur platonische Freunde zu sein. Nicht, dass seine Mutter es ihm verraten hätte. Er hatte schon vor Jahren aufgegeben, Fragen über seinen Vater zu stellen.

Ein „Vater unbekannt“ auf der Geburtsurkunde tat weh, aber viel mehr schmerzte eine Mutter, die ihn keinen Tag vergessen ließ, wie sehr seine Existenz ihrer Karriere geschadet hatte.

Genervt, weil er sich an einem so wunderschönen Morgen in alter Bitterkeit verloren hatte, schlenderte er auf Rex zu.

Rex stand auf, als Roman an seinen Tisch trat. Ein strahlendes Lächeln erhellte sein runzliges Gesicht. „Roman, mein Junge, es ist schön, dich zu sehen.“

„Ebenfalls.“

Als Roman die Hand zur Begrüßung ausstreckte, verspürte er ein seltsames Prickeln zwischen den Schulterblättern. Verstohlen schaute er sich um und entdeckte Ava am Nebentisch sitzen, halb hinter einer Zimmerpalme verborgen. Sie studierte die Stellenanzeigen in der Morgenzeitung.

Wirklich klug wäre es, sie nur kurz zu begrüßen und sich dann Rex und dem Geschäft zu widmen. Okay … Dann bemerkte er, wie sorgenvoll sie sich auf die Unterlippe biss und wie hektisch ihr Blick über die Anzeigen huschte.

Sie brauchte eine Pause. Und während Rex ihm die Hand schüttelte, kam Roman plötzlich eine Idee.

„Entschuldige mich einen Moment.“

Fragend sah Rex Roman nach, als dieser zu Ava ging.

„So treffen wir uns wieder.“

Ruckartig hob sie den Kopf. Panik stand in ihren Augen, bis sie erkannte, wen sie vor sich hatte. „Hallo.“

„Falls du Zeit hast“, sagte Roman, „würde ich dir gerne jemanden vorstellen.“

Verwirrt runzelte sie die Augenbrauen, doch direkt ablehnen wollte sie nicht. So einfach ließ sich ihre über Jahre antrainierte Etikette nicht ablegen. „Sicher.“

Schon gestern Nacht hätte er das Richtige tun und gehen sollen, doch er hatte seinen Hunger nach ihr nicht stillen können. Jetzt bekam er seine Chance, alles in Ordnung zu bringen: Er würde ihr die Hilfestellung geben, die sie für einen Neuanfang brauchte.

„Rex, ich möchte dir Ava vorstellen, eine Freundin von mir.“

Er ignorierte Avas zweifelnden Blick und signalisierte ihr, dass sie auf dem Stuhl neben Rex Platz nehmen solle.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits.“

Jetzt musste er schnell eingreifen, bevor Rex seine journalistische Neugier befriedigen und Ava nach ihrer Beziehung zu Roman ausfragen konnte. „Rex ist Chefredakteur beim Globetrotter.“

Ein interessiertes Funkeln ließ ihre Augen aufleuchten, gleichzeitig wirkte sie misstrauisch. Kluges Mädchen – natürlich begriff sie, dass er sie nicht ohne Hintergedanken vorgestellt hatte.

„Muss ein interessanter Job sein.“

Wie gehofft, begann Rex nun in aller Ausführlichkeit von seiner Arbeit zu schwärmen, was Roman Gelegenheit gab, sich entspannt zurückzulehnen und seine aufreizende Gespielin neben sich anzusehen.

Jede Zelle in seinem Körper schrie nach einer Wiederholung der vergangenen Nacht. Avas Parfüm stieg ihm in die Nase. Eine betörende Mischung aus Rosen und Lilien hatte sie ihm verraten, die einem Mann leicht den Verstand rauben konnte.

Abrupt richtete er sich auf. Er musste zum eigentlichen Punkt ihres Treffens kommen, sonst tat er noch irgendetwas Verrücktes, wie Ava in sein Zimmer zu schleifen und den Schlüssel wegzuwerfen …

„Rex, das letzte Mal, als wir uns unterhalten haben, hast du angedeutet, du willst die Themenpalette des Globetrotters erweitern?“

Rex legte seine verschränkten Hände vor sich auf den Tisch. „Ich weiß, dass du mich nur treffen willst, damit ich dein Foto in meine Zeitung bringe.“

Roman kicherte. „Das auch. Vielleicht kann ich dir ja im Gegenzug einen Gefallen erweisen?“

„Inwiefern?“

„Ava ist Journalistin. Wenn du neue Rubriken einführen willst, ist sie genau die Richtige.“ Ava wurde blass, weshalb er schnell weitersprach: „Du arbeitest doch hauptsächlich mit freien Mitarbeitern, oder? Sie wäre ein echter Gewinn für dein Team.“

Er konnte praktisch hören, wie sie trotz des Lächelns, das sie Rex zuwarf, mit den Zähnen knirschte – für Roman hatte sie nur einen bitterbösen Blick übrig.

Als Antwort schenkte er ihr ein überaus charmantes Grinsen, legte einen Arm um die Lehne ihres Stuhls und murmelte: „Du kannst mir später danken.“

Sie versetzte ihm unter dem Tisch einen Tritt.

„Die meisten unserer Freien sind schon reichlich mit Arbeit eingedeckt. Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, neue Leute einzustellen.“ Rex’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Haben Sie Interesse, Ava? Schreiben Sie einen Artikel, ich schaue ihn mir an und entscheide dann, ob ich weitere Aufträge für Sie habe. Wie klingt das?“

„Großartig.“ In ihren Augen funkelte ein Enthusiasmus, der Roman so unvermittelt traf, wie ein überraschend zurückschnellendes Surfbrett. „Vielen Dank für die Chance.“

„So kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, erwiderte Rex listig. „Mein lieber Freund Roman hier wollte unsere langjährige Freundschaft ausnutzen und sich diverse Seiten der nächsten Ausgabe unter den Nagel reißen. Warum schreiben Sie nicht den Artikel über ihn? Ich denke da an eine Übersicht von Extremsportarten, wobei der Schwerpunkt auf Roman liegen sollte.“

Oh ja, das wurde ja immer besser!

„Ich bin dabei.“

Diesmal wich er ihrem Tritt rechtzeitig aus.

Äußerlich völlig gefasst klatschte Ava in die Hände und sagte: „Danke, Rex, ich stürze mich gleich in die Arbeit.“

Roman sah sie herausfordernd an. „Dann solltest du schon einmal deine Koffer packen.“

Die Röte auf ihren Wangen brachte ihn innerlich zum Schmelzen. „Warum?“

„Kleine Planänderung. Ich reise noch heute nach Surfers Paradise ab.“

Ihrer Mimik war unschwer zu entnehmen, dass sie nicht die geringste Lust verspürte, mit ihm nach Queensland zu fliegen. Vielleicht änderte sich das, wenn er ihr von seinem Privatjet erzählte …

„Wenn es dir recht ist, buche ich in dem Hotel, wo ich wohnen werde, ein Zimmer für dich.“

Ihr argwöhnischer Blick traf ihn wie ein Fausthieb und erinnerte ihn an ihr gestriges Kennenlernen. Irgendwann, in einer ziemlich heißen Phase ihres Flirts, hatte sie dasselbe Zögern an den Tag gelegt. Ihre widerstreitenden Gefühle hatte er mühelos auf ihrem Gesicht lesen können. Vorsicht, Misstrauen, Verlangen und Aufregung. Als er ihr jetzt in die Augen sah, entdeckte er dieselben Emotionen.

Roman wusste genau, wann sie ihre Entscheidung traf, denn plötzlich war jeder Zweifel aus ihrer Miene verschwunden.

„In Ordnung“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Wann geht’s los?“

„Das ist die richtige Einstellung.“ Rex rieb sich die Hände, als hätte er ein großes Geschäft eingefädelt. „Rex, wie wäre es, wenn wir die Deadline auf nächste Woche festsetzen?“

„Kein Problem.“

Als Rex aufstand, um sich zu verabschieden, fragte Roman sich kurz, ob er wirklich das Richtige getan hatte. Er hatte seinem alten Freund praktisch gar keine andere Wahl gelassen, als Ava einzustellen.

Angesichts der wütenden Seitenblicke, mit denen sie ihn unablässig bedachte, würde er es bald herausfinden.

„Ich freue mich auf Ihre Arbeit“, sagte Rex und schüttelte Ava die Hand.

Das offensichtliche Vertrauen, das der Chefredakteur in sie setzte, ließ sie sichtlich aufblühen. Hatte ihr Vater sie immer ignoriert? War er zu beschäftigt mit dem Regieren des Landes gewesen, um seiner Tochter ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken? War sie von Nannys aufgezogen worden? Hatte sie Geschwister?

Normalerweise interessierte Roman sich nicht sonderlich für die Frauen, mit denen er schlief. Ihm reichte es, ihre Liaison kurz und leidenschaftlich zu halten.

„Und du bekommst deinen Artikel im Globetrotter“, wandte Rex sich an ihn. „Grüß deine Mutter von mir, wenn du sie siehst.“

Freundschaftlich klopfte Rex ihm auf die Schulter. Roman musste sich ein Grinsen verkneifen, als er Avas gerunzelte Stirn sah. Vermutlich starb sie gerade vor Neugier, in welcher Beziehung er zu dem älteren Mann stand.

Er könnte sie dazu bringen, ihn danach zu fragen, aber dann würde er sein Glück wahrscheinlich über Gebühr strapazieren. Dass sie eingewilligt hatte, ihn zu begleiten, musste für den Moment genügen. In den nächsten Tagen würden sie noch genug Zeit miteinander verbringen.

Er wartete, bis Rex das Restaurant verlassen hatte, dann wandte er sich Ava zu. Doch sie kam ihm zuvor. Die Unterarme auf den Tisch gestützt, beugte sie sich vor.

„Hast du das geplant?“

In ihrem Gesicht lag keine Spur mehr von Naivität oder Freude. Stattdessen sah er sich mit einer beeindruckend wütenden Frau konfrontiert, deren Augen sich zu schmalen Schlitzen verengt hatten.

„Wann denn? Gestern Nacht?“

Kleine rote Punkte erschienen auf ihren Wangen, in ihren Augen brannte ein Feuer. „Ja, genau. Heute Morgen. Vorhin.“

Weil er wusste, dass es sie verrückt machen würde, tätschelte er mitfühlend ihre Hand. Und sie enttäuschte ihn nicht. Die gönnerhafte Geste ließ sie zurückzucken.

„Rex ist ein alter Freund meiner Familie. Ich möchte meinen Sport promoten, deshalb haben wir uns getroffen.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

„Nein, ich habe es nicht geplant.“ Er wedelte mit den Händen. „Erst als ich hier reingekommen bin und dich die Stellenanzeigen habe lesen sehen, ist mir wieder eingefallen, wie wir uns gestern Abend über deinen Traumjob unterhalten haben.“

„Aber ich bin keine Journalistin.“

„Du wirst aber eine sein, wenn du mich nett behandelst, deine überzeugendsten Interviewtechniken einsetzt und einen tollen Artikel schreibst.“

„Du bist der Allerletzte …“

„Danken kannst du mir später“, fiel er ihr ins Wort, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Die Streiterei bereitete ihm ebenso viel Spaß, wie jeden Zentimeter ihres Körpers zu streicheln. Gut, vielleicht nicht ganz so viel.

„Danke“, murmelte sie widerwillig. „Aber hast du auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht was passiert, wenn ich es nicht schaffe?“

Roman sah die Angst in ihren Augen aufblitzen – dieselbe Angst, die ihn jedes Mal überfiel, wenn er in einer geöffneten Flugzeugtür stand oder auf einer Klippe mit nichts unter sich als dem Abgrund. Die Angst zu versagen und dann die Konsequenzen tragen zu müssen.

Bei Ava ging es nicht um Leben oder Tod. Aber so labil, wie sie im Moment war, musste der Gedanke zu scheitern, kaum zu ertragen sein.

Sanft berührte er ihre Hand. „Wenn dein Artikel nicht gut ist, dann machst du einfach etwas anderes. Aber wenn Schreiben wirklich deine Leidenschaft ist, dann solltest du dir eine Chance geben.“

Ein zaghaftes Lächeln erschien in ihren Mundwinkeln. „Ich bin immer noch böse auf dich, weil du dich ungefragt eingemischt hast.“

„Ich verspreche, ich werde es nicht wieder tun.“ Er hob zwei Finger. „Großes Pfadfinderehrenwort.“

„Irgendetwas sagt mir, dass du nie bei den Pfadfindern warst.“

Froh, das Gespräch wieder auf sicheres Terrain gelenkt zu haben, lehnte er sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. „Weil ich nicht tugendhaft genug bin?“

Einen Augenblick betrachtete sie seine Lippen, als würde sie sich daran erinnern, wie wenig tugendhaft er sein konnte. „Soll ich das wirklich beantworten?“

Erneut stellte Roman fest, wie sehr er den verbalen Schlagabtausch genoss. Er grinste. „Ich bitte darum.“

Hastig schaute sie sich um, als wolle sie sicherstellen, dass niemand sie beobachtete. Dann rückte sie ihren Stuhl ein bisschen näher an seinen … und seine Lust loderte erneut auf.

„Tugendhafte Menschen sind wie Engel. Und Engel haben Flügel und Heiligenscheine.“ Sie deutete auf seinen Kopf. „Du hingegen hast Hörner.“

„Wie bist du darauf gekommen?“

„Der Zusammenstoß im Pool? Die Beule an meinem Kopf?“ Sie lächelte scheu, und die Welt schien einen Moment stillzustehen. „Definitiv das Ergebnis einer Begegnung mit dem Teufel.“

Er lachte. „Vergiss meinen Schwanz nicht.“

Diesmal wurde sie knallrot. Unfähig zu widerstehen, streichelte er mit einem Finger über ihre Wange. „Ich wollte nur im Bild bleiben, aber wenn du an etwas ganz anderes gedacht hast …“

„Du weißt verdammt gut, dass du in diesen Flirtdingen viel besser bist als ich.“ Sie scheuchte seine Hand fort, als sei sie eine lästige Fliege. „Ich dachte, das hätten wir gestern Abend geklärt.“

„Weshalb bist du so angespannt? Weil wir zusammen an die Gold Coast reisen?“

„Und wegen des ganzen Rests“, gab sie zu und schien es plötzlich interessanter zu finden mit der Serviette herumzuspielen, als ihn anzusehen.

„Wir sind beide erwachsen, und das Palazzo ist ein großes Hotel. Wenn du mich außerhalb der Arbeit nicht sehen willst, gibt es genug Platz, um sich aus dem Weg zu gehen.“

Fragend zog sie die Augenbrauen hoch. „Wir übernachten im Palazzo Versace?“

„Stimmt. 6 Sterne mit allem Drum und Dran.“ Um ihr noch ein Lächeln zu entlocken, fuhr er fort: „Bleib einfach in meiner Nähe, Kleines, ich kann dir Orte zeigen, von denen du nie zu träumen gewagt hättest.“

Glücklicherweise lächelte sie wirklich. „Das Hotel ist nicht das Problem.“

„Was ist dann los?“

Nach einer längeren Pause hob sie endlich den Kopf, und der Ausdruck in ihren blauen Augen traf Roman dort, wo er es am wenigsten gebrauchen konnte: mitten ins Herz.

„Ich weiß nicht, wie ich einen brillanten Artikel zustande bringen soll, wenn ich ständig von dem Mann abgelenkt werde, der gestern Nacht meine Welt aus ihren Angeln gehoben hat.“

Avas Ehrlichkeit machte ihn sprachlos. Schweigend griff er nach ihrer Hand und war angenehm überrascht, dass sie es zuließ.

Herausfordernd warf sie das schulterlange blonde Haar zurück. „Was ist? Dazu fällt dir keine Antwort ein? Das muss das erste Mal für dich sein!“

Ihre Sprunghaftigkeit steigerte seine Erregung immer weiter, von schüchtern zu kokett in einem Wimpernschlag. Er grinste. „Hast du eine Ahnung, wie heiß du bist, wenn du dich aufregst?“

Sie rollte die Augen, musste jedoch gleichzeitig lächeln. „Ja, so bin ich, mindestens so anziehend wie Angelina Jolie.“

Roman hob ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf. „Süße, du bist viel heißer als jeder Filmstar.“

„Jetzt redest du Unsinn“, erwiderte sie, entzog ihm ihre Hand aber immer noch nicht.

„Aus mir spricht die reine Bewunderung.“

Ava rümpfte die Nase. „Das ist aber ein jämmerlicher Satz.“

Oh Mann, er liebte ihre schlagfertigen Antworten. „Tja, ich schätze, wenn du mir das nicht glaubst, wirst du den Rest auch nicht glauben.“

„Den Rest?“

„Könnte es nicht Schicksal sein, dass wir nach der gestrigen Nacht jetzt in einem anderen Luxushotel übernachten?“

„Blödsinn“, widersprach sie lachend. „Ich glaube nicht an Schicksal.“

„Woran glaubst du dann?“

Ein Schatten legte sich über ihre Augen, während sie über die Frage nachdachte. Und dass sie überhaupt nach einer Antwort suchen musste, sprach Bände.

Wenn er gefragt wurde, woran er glaubte, konnte er sofort Auskunft geben: an die Klarheit im Kopf unmittelbar vor einem Sprung, an den Adrenalinrausch während des freien Falls.

Fast hatte er es schon aufgegeben, auf Avas Antwort zu warten, da räusperte sie sich endlich.

„Dass ich schreiben kann … daran glaube ich.“

„Freut mich zu hören.“

„Ich kann nicht fassen, dass ich das wirklich tue“, fuhr sie fort. „Schreiben war meine Leidenschaft, trotzdem habe ich Wirtschaft studiert und einen langweiligen Job in einer Bank angenommen.“

Autor

Miranda Lee
Miranda Lee und ihre drei älteren Geschwister wuchsen in Port Macquarie auf, einem beliebten Badeort in New South Wales, Australien. Ihr Vater war Dorfschullehrer und ihre Mutter eine sehr talentierte Schneiderin. Als Miranda zehn war, zog die Familie nach Gosford, in die Nähe von Sydney.

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