Julia Extra Band 510

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VERFÜHR MICH UM MITTERNACHT
von SOPHIE PEMBROKE

Celestes Herz schlägt höher, als TV-Moderator Theo Montgomery charmant mit ihr flirtet. Dabei hat er sie bestimmt nur um ein Date auf dem Londoner Weihnachtsmarkt gebeten, damit er nach ihrem Streit gut in der Öffentlichkeit dasteht! Aber warum prickelt es dann immer sinnlicher?

DIESER TANZ IN DEINEN ARMEN …
von CAITLIN CREWS

Playboy-Prinz Griffin heiratet die unschuldige Melody bloß, um der Pflicht zu gehorchen! Doch als er sie beim Weihnachtsball in den Armen hält, erwacht nicht nur sein Beschützerinstinkt, sondern auch unwiderstehliches Verlangen. Noch ahnt er nicht, was sie vor ihm verbirgt …

VIEL MEHR ALS EIN HEISSER KUSS
von CARA COLTER

Die Liebe ist gefährlich! Das musste Fotografin Molly früh lernen. Umso mehr schätzt sie ihre jahrelange gute Freundschaft mit Unternehmer Oscar Clark. Bis er sie mit einem heißen Kuss überrascht - und sie jäh mehr ersehnt. Aber darf sie für eine Affäre alles aufs Spiel setzen?

WIE ZWEI HERZEN IM STURM
von LOUISE FULLER

Milliardär Arlo liebt nur eins: die Einsamkeit. Umso wütender macht ihn die schlafende Schöne, die er nach der Rückkehr von einer Expedition in seinem Bett findet. Bevor er Frankie rausschmeißen kann, zieht ein Sturm auf. Zur Nähe gezwungen, spürt Arlo längst vergessenes Begehren …

  • Erscheinungstag 07.12.2021
  • Bandnummer 510
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500708
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sophie Pembroke, Caitlin Crews, Cara Colter, Louise Fuller

JULIA EXTRA BAND 510

SOPHIE PEMBROKE

Verführ mich um Mitternacht

Eine Scheinbeziehung mit der schüchternen Historikerin Celeste soll TV-Moderator Theo bloß helfen, seinen arroganten Ruf loszuwerden. Doch gegen jede Vernunft knistert es bald wirklich zwischen ihnen …

CAITLIN CREWS

Dieser Tanz in deinen Armen …

Melody willigt nur in die Ehe mit Prinz Griffin ein, um ihrem verhassten Vater zu entkommen. Bis sie sich am Fest der Liebe jäh zu Griffin hingezogen fühlt. Aber er darf nicht ihr Geheimnis entdecken!

CARA COLTER

Viel mehr als ein heißer Kuss

Die sanft geschwungenen Lippen seiner schönen Freundin Molly laden Oscar Clark zum Küssen ein. Doch Vorsicht vor zu viel Leidenschaft: Ihre Freundschaft ist für ihn das Kostbarste auf der Welt!

LOUISE FULLER

Wie zwei Herzen im Sturm

Für eine Auszeit zieht Influencerin Frankie sich auf eine einsame Insel zurück. Statt Ruhe zu finden, trifft sie dort den aufregenden Milliardär Arlo. Bald steckt sie in einer gefährlich heißen Affäre …

1. KAPITEL

Celeste umfasste den Hörer fester und gestand ihre größte Sorge: „Was, wenn ich nicht gut genug bin?“

Ihr Agent Richard lachte. „Unglaublich, dass du das fragst! Bist du etwa nervös?“

Die Akademikerin runzelte verwirrt die Stirn. „Das ist doch eine natürliche Reaktion, wenn man zum ersten Mal im Fernsehen erscheint. Oder?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du zu natürlichen Reaktionen fähig bist, meine Gute!“

„Ich bin auch nur ein Mensch“, warf Celeste ein.

„Na ja, im Grunde bist du ein wandelndes Lexikon. Genauer gesagt, ein Geschichtsbuch.“ Richard klang ganz unbesorgt. „Es geht hier um ein Quiz mit dem albernen Titel ‚Wer weiß Weihnachten‘. Die Fragen werden dich kaum ins Schleudern bringen.“

„Korrekt.“

Celeste wusste selbst, dass sie intelligent war, eine ausgezeichnete Ausbildung genossen hatte und ein phänomenales Gedächtnis besaß. All das hatte ihr die bisherige steile akademische Laufbahn ermöglicht. Ja, sie war eine ausgezeichnete Historikerin. Das war es nicht, was ihr Sorgen bereitete.

„Du denkst an deine neue Dokureihe“, vermutete Richard richtig.

„Die sich noch immer in der Planungsphase befindet!“, erinnerte sie ihn prompt.

Das neue Sendeformat war nämlich keineswegs beschlossene Sache. Und die Produzenten würden Celeste als mögliche Präsentatorin der geplanten Reihe bei ihrem Auftritt in diesem weihnachtlichen Quiz genau in Augenschein nehmen! So konnten sie ziemlich rasch herausfinden, ob die Historikern Celeste Hunter sich überhaupt dafür eignete, geschichtliche Themen im Fernsehen zu präsentieren.

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!“, fügte sie hinzu.

„Von wem stammt dieser Spruch eigentlich?“

„Von Schiller, zumindest in dieser Fassung“, antwortete sie, ohne überlegen zu müssen.

„Siehst du! Du weißt einfach alles“, rief ihr Agent begeistert. „Also hör auf, dir Sorgen zu machen. Ich wünsch dir Hals- und Beinbruch beim Quiz. Nicht echt, natürlich. Das ist nur so eine Redewendung.“

„Ja, Richard, ich weiß.“

Er hatte sich offenkundig noch nicht daran gewöhnt, eine Akademikerin als Klientin zu haben. Normalerweise betreute er Schauspielerinnen und Popstars. Celeste war sich nie sicher gewesen, warum Richard sie in den Kreis aufgenommen hatte. Er selbst vermutlich auch nicht. Vielleicht einfach aus Neugier. Oder aus Langeweile?

Jedenfalls hatte die Zusammenarbeit bisher gut geklappt.

„Am besten setzt du dich vor dem Quiz mit deinem Laptop in die Garderobe und arbeitest an deinem Buch“, empfahl Richard ihr. „Ich meine damit nicht deine neueste akademische Abhandlung, sondern das andere Buchprojekt, leicht zugänglich und amüsant!“

„Beides war ich im ganzen Leben noch nicht“, scherzte Celeste mit einem Hauch Bitterkeit.

„Ist es das, was dir Kopfzerbrechen macht?“

„Was, wenn die Verantwortlichen von der Produktionsfirma mich sehen und entscheiden, dass mir das gewisse Etwas fehlt, das eine gute Präsentatorin braucht?“, fragte Celeste beklommen.

„Gibt es einen Bereich, in dem du jemals nicht gut warst?“, fragte Richard geduldig.

„Nicht wirklich“, antwortete sie.

Mal abgesehen davon, dass ich kaum Freunde habe und die meisten Menschen mich schrecklich langweilig finden, fügte sie im Stillen hinzu.

Sogar ihr eigener Bruder Damon fand sie öde, da war sie sich sicher. Nur Rachel, ihre beste Freundin, war die Ausnahme von der Regel.

Ihre Eltern, selbst Geisteswissenschaftler, freuten sich immerhin über die akademischen Erfolge ihrer Tochter. Über ihren wachsenden Erfolg in den Medien waren sie allerdings weniger erfreut. In ihren Augen versündigte sich Celeste an den Idealen der Wissenschaft, wenn sie ihre Kenntnisse in vereinfachten Theorien weitergab …

„Sag dir vor, dass du im Quiz gut sein wirst“, ermunterte Richard sie. „Theo Montgomery ist der Moderator. Richte dich nach ihm, wenn du unsicher bist. Er ist gut darin, Menschen für sich einzunehmen. Egal, was die Zeitungen gerade über ihn behaupten.“

Celeste schnitt ein Gesicht. Sie wusste zwar nicht, was die Zeitungen gerade über Theo Montgomery schrieben, aber er war ihr ein Begriff. Er war einer von denen, die es auf der Karriereleiter weit nach oben schafften aufgrund ihres guten Namens, ihres Aussehens und ihres oberflächlichen Charmes. Substanz war da mit Sicherheit keine.

Nein, nach diesem Theo würde sie sich ganz gewiss nicht richten!

Seufzend betrachtete sie den Weihnachtspullover mit der glitzernden Applikation, den man ihr aufgezwungen hatte, obwohl sie sonst nur Schwarz oder Weiß trug. Sie sah nicht aus wie sie selbst, sondern wie ein fremdes Wesen: Celeste vom Fernsehen.

Ich muss lernen, lockerer zu werden, wenn ich die eigene Sendung will, ermahnte sie sich. Und die wollte sie!

Warum, das konnte sie sich selbst nicht genau erklären und vor allem ihren Eltern nicht, die das zu banal fanden. Sie liebte ihre Lehrtätigkeit an der Uni. Liebte es, ihr Wissen zu vermitteln, vor allem über ihr Spezialgebiet: Frauen im Altertum. Celeste liebte die Vorstellung, Leute für ein faszinierendes Thema zu begeistern, über das diese sich vorher nie den Kopf zerbrochen hatten.

Aber war sie die Richtige für diese Aufgabe?

„Danke für den Tipp, Richard. Bis zum Auftritt kümmere ich mich also um mein Buch“, verkündete Celeste.

Arbeiten war für sie ein Beruhigungsmittel. Da wusste sie, was sie tat. Nur außerhalb dieser sicheren kleinen Welt hatte sie Probleme.

„Prima. Und noch etwas: Celeste, versuch vor der Kamera zu lächeln, ja?“

Sie zog finster die Brauen zusammen, bei ihr eine automatische Reaktion auf die Aufforderung zu lächeln. Männer neigten seit Jahren dazu, ihr zu sagen, wie viel hübscher sie wäre, wenn sie öfter lächelte!

Dann verabschiedete sie sich und beendete das Gespräch. Richard hatte ihr nichts Brauchbares mehr zu sagen, wie es aussah.

Ich muss allein mit der Situation fertigwerden, sagte sie sich und widmete sich der Arbeit an ihrem Buch.

Und wehe, es wagte einer, sie dabei zu stören!

Theo hatte eine Mission.

Ja, das klang gut. So offiziell. Es war ein Grund, sich in die allgemeine Garderobe zu begeben statt in seiner privaten zu bleiben, wo er sich üblicherweise vor einer Show aufhielt.

Solche Fernsehshows hatte es für ihn schon viele gegeben. Na ja, nicht genau wie diese. „Wer weiß Weihnachten“ war eine einmalige Angelegenheit. Aber Quiz und Unterhaltung hatte er schon oft gemacht. Anscheinend war sein Gesicht gern gesehen, der Name Theo Montgomery hatte in Fernsehkreisen einen guten Klang.

Üblicherweise. Momentan konnte er von Glück sagen – nach allem, was man in der Presse über ihn verbreitet hatte –, dass er die Show machen durfte. Trotzdem hätte er es nett gefunden, auch mal für etwas anderes als nur den Familiennamen oder sein Gesicht gewünscht zu werden. Natürlich wusste er, dass er es dieser Kombination verdankte, Liebling des Fernsehpublikums zu sein. Es mangelte ihm nicht an Arbeit – und erst recht nicht an Dates oder an Bitten um Autogramme.

Zumindest war das vor seiner unschönen Trennung von Tania gewesen. Anscheinend sprachen jetzt alle nur noch über diese Trennung.

Deshalb musste er die Zuseher wieder auf seine Seite bringen, die Tanias Version gehört und daraus falsche Schlüsse gezogen hatten.

Die Trennung war durchaus freundschaftlich verlaufen … hatte er gedacht. Er war mit Tania gar nicht lange zusammen gewesen. Die Presse hatte natürlich das Paar geliebt. Tania und Theo, sie Star im Reality-TV, er Showmaster.

Doch dann hatte Tania vor Kurzem die Trennung aus ihrer Sicht geschildert! Mit sehr vielen Ausschmückungen – und extrem negativen Auswirkungen auf Theos Beliebtheit.

Seine Agentin Cerys hatte ihm klargemacht, dass seine Mission nun darin bestand, seine Karriere zu retten. Er konnte nicht weiter Fernsehliebling der Nation sein, wenn man hinter seinem Rücken Tania als armes Mädchen bedauerte.

Theo seufzte. Nun musste er eine Charmeoffensive starten, um sein Publikum daran zu erinnern, warum es ihn liebte.

Das hieß heute: lächeln, nett sein, die vorgegebenen Fragen stellen und über die Witze lachen, die die halbwegs bekannten Quizteilnehmer machen würden. Ihnen unauffällig Hinweise liefern, wenn sie steckenblieben. Zum Glück war bald Weihnachten, und ein Quiz wie dieses nahm ohnehin niemand wirklich ernst.

Da es durchaus anspruchsvoll geplant war, hatte man sich zum einen etwas schwierigere Fragen einfallen lassen als „Wie heißt das Rentier mit der roten Nase?“, zum anderen waren Kandidaten mit einem gewissen intellektuellen Niveau eingeladen.

Da war der Astrophysiker, der Sendungen über Galaxien und schwarze Löcher moderierte, der Präsentator vom Kinderprogramm, der den Kleinen gerne Shakespeare erklärte, weiter Lucy, eine junge Mathematikerin. Dazu die Ärztin, die im Morgenfernsehen Tipps zur Behandlung von Alltagsbeschwerden gab, sowie der Gitarrist einer angesagten Band, der einen Doktortitel in Psychologie hatte … Und nicht zuletzt die Historikerin, die in letzter Zeit vermehrt als Gast in Radiosendungen und Podcasts den Hörern die Welt des Altertums näherbrachte.

Theo war allen Kandidaten, außer der Historikerin, schon bei ähnlichen Formaten oder auf Partys begegnet. Mit Lucy hatte er sogar eine flüchtige Affäre gehabt. Vor Jahren!

Jetzt galt seine Mission der Historikerin, Celeste Hunter. Der wollte er sich vor dem Quiz vorstellen und sie für sich einnehmen, denn sie wollte er wirklich gern näher kennenlernen. Sie war es bestimmt wert!

Er hatte sie in den vergangenen Monaten ziemlich oft im Radio gehört. Gerüchteweise hieß es, sie würde demnächst eine eigene Fernsehsendung bekommen.

Celeste Hunter konnte fesselnd über geschichtliche Themen sprechen, egal, über welche Epoche, nicht nur über ihr Spezialgebiet. Ja, es war eine geniale Idee von ihm gewesen, sie für das Quiz vorzuschlagen.

Er würde mit ihr über Geschichte als solche witzeln, mit ihr einige der Fragen erörtern, und sie würde ihn vor den Kameras gut aussehen lassen. Es ahnte zwar niemand, aber ihn interessierte Geschichte wirklich. Er wusste auch einiges darüber, natürlich nicht annähernd so viel wie Celeste. Da es in der Show auch historische Fragen zu Weihnachten geben würde, war er auf diesen Teil wirklich gespannt.

Theo ging in die Garderobe, wo sich die Kandidaten für die Quizshow versammelt hatten, nachdem sie in der Maske gewesen waren. Alle schienen zufrieden und gut gelaunt zu sein.

Er grüßte die Promis, die er ja alle kannte, machte einige freundliche Bemerkungen und Scherze und umarmte Lucy.

„Toll, dass ihr alle hier seid“, sagte er mit der Begeisterung, die sein Markenzeichen war. „Das Quiz wird ein Knaller!“

Dann ließ er den Blick durch den Raum gleiten auf der Suche nach Celeste Hunter. Sie saß ganz hinten, abgesondert von allen anderen, und sie sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte.

Im Radio klang sie immer so gelehrt und selbstsicher, dass er angenommen hatte, sie wäre eine ältere Dame. Zumindest älter als er mit seinen dreißig Jahren. Doch die schlanke, ernst aussehende Frau, die eifrig auf ihrem Laptop tippte, war noch jung. Ihre dunklen Haare umrahmten in weichen Wellen ihr Gesicht. Sie trug schwarze Jeans zu hochhackigen Stiefeln, die Knöchel der ausgestreckten langen Beine hatte sie überkreuzt, der Laptop ruhte auf ihren Knien. Ihr Pullover mit dem Weihnachtsbaummotiv glitzerte und die Miniglühbirnen darauf ließen sich vermutlich sogar einschalten. Das passte so wenig zu Celeste Hunters konzentriertem Ausdruck, dass Theo lächelte, während er zu ihr ging.

Direkt vor ihr blieb er stehen und wartete darauf, dass sie ihn bemerkte. Das dauerte mindestens ein, zwei Minuten länger als normal.

Schließlich blickte sie missmutig hoch. „Kann ich Ihnen helfen?“

Sie klang nicht so, als würde sie ihm gern helfen. Wahrscheinlich hätte er sie nicht stören sollen beim Arbeiten.

„Guten Tag. Ich bin Theo Montgomery, der Präsentator der Show“, stellte er sich vor und schenkte ihr sein charmantestes Lächeln.

„Ja.“ Kurz blickte sie auf den Monitor, dann wieder zu ihm. „Und?“

„Da Sie die einzige Teilnehmerin sind, die ich noch nicht kenne, dachte ich, ich komme zu Ihnen und stelle mich persönlich vor.“

„Muss ich mich Ihnen auch vorstellen?“, fragte sie, irgendwie widerstrebend.

Theo setzte sich neben sie. „Nein. Sie sind Celeste Hunter. Mir hat Ihre Sendung über die antiken Römer in Britannien sehr gefallen, die vorige Woche im Radio war.“

Das trug ihm einen erstaunten Blick ein, bevor sie wieder finster auf den Bildschirm blickte. „Manche meinen, die wäre wenig originell und trivial gewesen.“

Theo war nicht dieser Meinung, behielt das aber für sich. Was er dachte, würde Miss Hunter nicht interessieren, und das würde sie ihm auch sagen. Da war er sich nach fünf Minuten Bekanntschaft sicher. Er war es gewohnt, dass man ihm sagte, wie seicht und bedeutungslos sein Job war, und dass der ihn nicht qualifizierte, zu bedeutsamen Themen Stellung zu nehmen. Das Quiz heute würde nichts daran ändern.

Dabei hatte er sich schon auf Celeste gefreut. Tatsächlich hatte er seinen Einfluss geltend gemacht, damit sie zu dem Quiz eingeladen wurde, denn er hatte angenommen, sie wäre tatsächlich so faszinierend und fesselnd, wie sie im Radio klang. Er hatte gehofft, er könne mit ihr über sein Interesse an Geschichte und sein Fernstudium in diesem Fach sprechen. Vergeblich gehofft!

Man sollte seine Heldinnen und Helden wohl lieber nicht im wahren Leben treffen, dachte Theo resigniert.

Er stand auf und sagte höflich: „Jetzt muss ich los und mich fertig machen. Ich sehe Sie im Studio. Hals- und Beinbruch!“

Celeste nickte ihm kurz zu und begann sofort wieder zu tippen.

Sie war wohl eher eigenbrötlerisch. Schade. Leute zu bezaubern war doch das Einzige, wozu er taugte. Aber Celeste Hunter war anscheinend immun gegen Charme.

Auch gut. Schließlich würde er sie nach dieser Show nie mehr zu sehen brauchen.

Leise pfeifend ging Theo durch den Raum, winkte den anderen zu und verschwand in seine eigene Garderobe, um sich mental auf die Sendung einzustimmen.

Es würde eine tolle Show werden, ein toller Abend, und Celeste Hunter würde ihm das nicht verderben.

Basta!

Wo bleiben Damon und Rachel nur? dachte Celeste und ging ungeduldig vor der Garderobe hin und her. Da brauchte man mal seinen Bruder und die beste Freundin als Unterstützung, und dann ließen sie einen hängen.

Sie hatte versucht, sich mit der Arbeit an ihrem Manuskript von dem wachsenden Lampenfieber abzulenken – und von der Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf, die ihr pausenlos zuflüsterte, dass dieses Quiz eine Beleidigung für jemand mit Doktortitel wäre.

Es war ihr fast gelungen, sich abzulenken, aber dann war Theo Montgomery zu ihr gekommen und hatte ihr sein TV-Star-Lächeln geschenkt. Da war ihr wieder klar geworden, dass seine Show nicht das war, wofür sie alle die Jahre studiert hatte.

Ihre Eltern würden so enttäuscht sein, wenn sie von ihrer Teilnahme erfuhren. Eine eigene Dokureihe würden sie wohl gerade noch durchgehen lassen. Aber ein Quiz mit dem Titel „Wer weiß Weihnachten“? Nein, unmöglich. Sie hatte versucht, es wie nebenbei und unverbindlich zu erwähnen, aber der Blick ihrer Mutter hatte sie davon abgehalten, Einzelheiten zu schildern.

Normale Eltern würden sich für mich freuen und jetzt ganz aufgeregt sein, dachte Celeste bedrückt. Aber Jacob und Diana Hunter hatten nie vorgegeben, normal zu sein. Das hatten sie auch nie sein wollen.

Deshalb brauchte sie jetzt Damon und Rachel dringend vor Ort. Die beiden waren normale Menschen. Sie würden sie daran erinnern, dass die Show ein Spaß war und ihrer Karriere guttun würde. Weil sie dadurch nämlich beweisen konnte, dass sie die Qualitäten für eine eigene Sendung besaß.

Die meisten Menschen wären für so eine Chance dankbar, egal, wem sie diese zu verdanken hatten. Allerdings hatte Celeste keine Ahnung, wer sie als Kandidatin vorgeschlagen hatte.

Das würde ihr vermutlich nie mehr passieren. Nicht nach ihrem abweisenden Verhalten eben in der Garderobe. Da war sie ziemlich unhöflich zu Theo Montgomery gewesen, auch wenn sie es nicht so gemeint hatte. Sie kam nun mal nicht gut mit Unterbrechungen klar. Dazu war sie zu aufgeregt gewesen über die Gesellschaft, in der sie sich hier befand. Vermutlich kannten sogar ihre Eltern – die keinen Fernseher besaßen – diese Leute.

Ich sollte mich nachher bei Theo Montgomery entschuldigen, sagte Celeste sich.

Aber erst einmal musste sie die Sendung überstehen. Das Quiz würde, wie es von den Kandidaten her aussah, ein breites Wissensspektrum umfassen, von Naturwissenschaft und Mathematik zu Kunst und Literatur, hoffentlich mit Platz für Geschichtliches dazwischen. Sie sollte hier also auch Sachen wissen, die nicht zu ihrem Spezialgebiet gehörten.

Ihre Eltern hatten ihr schon sehr früh eingetrichtert, sie müsse sich spezialisieren, eine Nische finden und diese verteidigen, wenn nötig mit Klauen und Zähnen.

Da ihre Eltern als Akademiker mit dieser Masche erfolgreich waren, hatte Celeste auf sie gehört. Ihr Bruder war rebellisch den entgegengesetzten Weg gegangen und war nun ein Hansdampf in allen Gassen, ein Alleskönner. Sie dagegen hatte sich auf Frauen des Altertums spezialisiert und befasste sich nur nebenbei mit anderen Bereichen der Geschichtswissenschaft.

Als Vorbereitung auf das Quiz hatte Celeste sich für alle Fälle eine Menge Fakten zum Fest angeeignet. Hoffentlich genug …

„Miss Hunter, die Aufzeichnung des Quiz geht gleich los“, informierte eine vorbeieilende Produktionsassistentin sie.

Wo blieben Bruder und Freundin denn nur?

Drei Minuten später, die ihr endlos vorkamen, eilten die beiden in die Lobby.

„Wo wart ihr denn so lange?“ Sie packte Rachel am Arm und zog sie mit sich. „Lass mich raten: Damon hat mit deinen Stiefschwestern geflirtet und die Zeit übersehen. Er flirtet doch immer.“

„Tatsächlich war es meine Schuld“, erklärte Rachel kleinlaut. „Ich musste noch das eine Schaufenster fertig dekorieren.“

Nun tat es Celeste leid, so schroff gewesen zu sein. Rachels Stiefmutter hatte vermutlich darauf bestanden, dass Rachel es machte. Und diese wollte, aus welchen Gründen auch immer, nicht den zerbrechlichen Familienfrieden aufs Spiel setzen und hatte deshalb das Zuspätkommen riskiert, um ihre Stiefmutter glücklich zu machen.

„Bist du jetzt bereit, Celeste?“, fragte Damon, selbstbewusst wie immer.

Wie er allen Charme in der Familie hatte abbekommen können fragte sie sich bis heute … und fand es unfair. Er scherzte gern, dass sie ja den ganzen Verstand für sich beansprucht hätte, aber sein Erfolg als Geschäftsmann zeigte, dass auch er äußerst intelligent war.

„Bereit? Nicht wirklich“, gab sie nun zu.

Da eilte die Produktionsassistentin auf sie zu, um sie ins Studio zu führen, wo Damon und Rachel sich unters Publikum mischten.

„Hals- und Beinbruch“, flüsterte Rachel noch aufmunternd.

„Lieber nicht“, brummelte Celeste vor sich hin, dankbar für die Anwesenheit von Bruder und Freundin.

Alles wird gut, sagte sie sich eindringlich vor.

2. KAPITEL

Es war eine Katastrophe.

Theo überlegte, ob er nicht besser einen kleinen Unfall vortäuschen sollte, um den Rest der Show nicht machen zu müssen. Es gab sicher jemanden im Gebäude, der seinen Job gern übernahm und sich um die von der Hölle gesandte Kandidatin kümmerte.

Jedenfalls würde diese Show seinen guten Ruf nicht wiederherstellen, da war er sich ziemlich sicher.

Während Celeste ihm – und nicht zum ersten Mal – erklärte, warum die Antwortkarte nicht akkurat wäre, die man ihm gegeben hatte, wurde er vom Produktionsleiter in den Kulissen wütend angefunkelt. Denn wer hatte die kritische Miss Hunter unbedingt einladen wollen? Theo.

Pech. Unter anderen Umständen hätte er ihre Ausführungen wirklich interessant gefunden. Sie wirkte dabei so begeistert und engagiert, ganz anders als vorher in der Garderobe.

Ja, er hätte gern mehr darüber erfahren, warum die Geschichte nicht stimmte, dass Prinz Albert, der deutsche Gemahl Königin Victorias, den Weihnachtsbaum in England bekannt gemacht hatte.

Nur war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Das Publikum wurde zappelig, es gab noch drei Runden zu überstehen, und die anderen Kandidaten wurden unruhig.

Endlich war sie mit ihrer Kritik fertig! Theo nahm die nächste Karte und hoffte inständig, die Frage würde nichts mit Geschichte zu tun haben. Gott sei Dank, es war Kinderliteratur. Das verschaffte ihm eine kurze Atempause! Aber irgendwo im Stapel verbarg sich noch die Frage, wer die erste Weihnachtskarte geschickt hatte, und er befürchtete, die ihm vorgegebene Antwort würde wieder von Celeste Hunter kritisiert werden.

Sie hatte sich offensichtlich extra für dieses Quiz intensiv mit der Geschichte von Weihnachten beschäftigt …

„Die Frage lautet: Wie heißen im Kinderbuchklassiker ‚Die Nacht vor Weihnachten‘ die Rentiere?“, las er vor, und sofort drückte David, der Shakespeareexperte, den Buzzer und gab die richtige Antwort. Celeste blieb still. Sie schien also auch nicht alles zu wissen.

Theo fand das beruhigend.

Dann wurde eine Pause ausgerufen, und er kam rasch hinter dem Pult hervor, ganz begierig darauf, sich zu bewegen. Er hatte noch nie gut stillhalten können, weshalb ein Bürojob für ihn auch nie infrage gekommen war.

Das Produktionsteam stand beisammen und diskutierte, vermutlich über diese Katastrophe einer Show. Auch die Kandidaten hatten sich zusammengefunden, nur Celeste war allein hinter dem Pult sitzen geblieben.

Theo seufzte und gestand sich seine Verantwortung für den Schlamassel mit ihr ein. Schließlich hatte er sie hierhergelotst, und es war eindeutig nicht die richtige Umgebung und Veranstaltung für sie. Wahrscheinlich hasste sie jeden einzelnen Augenblick.

Um die Lage zu entschärfen, ging er zu Celeste, obwohl eine innere Stimme ihn warnte, es wäre keine gute Idee.

„Wie gehts Ihnen denn so, Celeste? Brauchen Sie einen Schluck Wasser?“, fragte er freundlich.

Der Krug vor ihr war noch voll. Sie blickte betont darauf, dann sah sie Theo direkt in die Augen.

„Brauchen Sie etwas von mir?“, fragte sie schließlich.

Anscheinend hatte sie aus seiner dämlichen Frage wegen des Wassers geschlossen, er wäre zu dumm, um die Unterhaltung aus eigener Kraft fortzusetzen.

„Ich wollte nur herausfinden, wie Sie … über die Sendung denken. Ob sie gut läuft“, begann er.

Das Produktionsteam sah zu ihnen beiden her und wartete bestimmt darauf, dass Celeste wieder mit ihm aneinandergeriet.

„Ich denke, das Team, das die Fragen aussucht, sollte etwas gründlicher recherchieren, um falsche oder unvollständige Antworten zu vermeiden.“ Sie faltete die Hände vor sich auf dem Pult. „Ansonsten finde ich die Sendung gut.“

Ach ja, sie fand das hier gut? Theo bezweifelte das. „Haben Sie überhaupt schon mal ein Fernsehquiz gesehen?“

Die Worte waren draußen, bevor er sie stoppen konnte. Hinter ihm schnappte jemand hörbar nach Luft. Celeste blieb völlig ruhig und gelassen.

„Natürlich habe ich das, Mr. Montgomery. Ein oder zwei. Na gut, vielleicht nur eins. Von Anfang bis Ende, heißt das. Quiz stand ja nicht auf dem Lehrplan beim Studium. Aber ich habe meine Hausaufgaben gemacht und einige Quizsendungen mit Ihnen studiert. Zumindest Ausschnitte davon“, verbesserte sie sich und musterte ihn. „In echt glänzt Ihr Gesicht ein wenig.“

Es wunderte Theo nicht, dass sein Gesicht glänzte, so gestresst wie er im Augenblick war! „Warum haben Sie zugesagt, an dem Quiz teilzunehmen?“, fragte er resigniert.

„Ich wollte …“ Sie schwieg kurz und blickte beiseite. „Mein Agent hielt es für eine gute Idee, mich dem Fernsehpublikum vorzustellen.“

Theo fragte sich, ob der arme Kerl im Publikum saß und gerade seine Träume aufgab, den nächsten Star des Bildungsfernsehens entdeckt zu haben.

Dabei fiel ihm ein, dass seine Agentin auch hier sein könnte. Hoffentlich nicht! Er wollte deren unvermeidliche Standpauke lieber aufschieben, bis das Quiz gesendet worden war.

Unwillkürlich sah er in den Publikumsraum und runzelte die Stirn. Waren da jetzt weniger Leute als vorhin? Ein Blick zur Tür bestätigte den Verdacht, denn da verließ gerade eine Gruppe das Studio.

So schlimm war das Quiz nun auch wieder nicht! Oder?

„Einen Moment, bitte“, sagte er zu Celeste, eilte zu der hübschen Produktionsassistentin Amy und fragte, was da los wäre.

„Die Leute werden in einem anderen Studio gebraucht“, erklärte sie. Und wurde rot.

„Eine andere Show stiehlt mir das Publikum?“ Es sollte empört klingen, kam aber eher schmollend heraus.

Amy blickte vielsagend zu Celeste, die gerade mit dem Rateteamchef David argumentierte. „Ehrlich gesagt, Theo, ich denke, die musste man nicht dazu zwingen.“

Er seufzte. „Das kann ich ihnen nicht mal verübeln. So, dann wollen wir das Ganze hinter uns bringen.“

Celeste war unglücklich. Warum nur hatte sie gedacht, sie könnte in einem Quiz auftreten? Es war grässlich gewesen. Sie konnte nicht nett lächeln und Leute bezaubern, so wie Theo Montgomery es machte. Sie konnte nur belehren und verbessern. Konnte sie Menschen dazu bringen, sie zu mögen? Nein.

Nach diesem Flop würde sie niemals eine eigene Fernsehsendung bekommen. Aber sie war nun mal so, wie sie war. Na gut, vielleicht hätte sie mit Theo nicht so ausführlich über die fehlerhaften Antwortkarten streiten sollen …

Aber sie war nervös gewesen. In ihrer kleinen akademischen Welt hatte sie die Kontrolle. Da konnte sie gelassen und selbstsicher sein aufgrund ihres Wissens und ihrer Bildung. In der Welt des Showgeschäfts zählte das wenig.

Die anderen Kandidaten waren schon weg. Celeste hatte gehört, dass sie ins Pub gehen wollten, aber sie hatte man nicht eingeladen. Egal! Sie wäre ohnehin nicht mitgegangen.

Die Crew räumte das Studio auf, das Publikum verließ den Raum. Es waren viel weniger Leute als anfangs. Das Filmen der Quizsendung hatte aber auch viel länger gedauert als geplant.

Das war wahrscheinlich ihre Schuld.

Aber nicht allein ihre! Sondern auch die von Theo Montgomery. Er hatte schließlich nicht akzeptieren wollen, dass sie recht hatte, und zu streiten angefangen. Dabei war sie es, die sich mit Geschichte auskannte. Warum ließ er sich also von ihr nicht sagen, dass er falschlag?

Vielleicht zählte er zu den Männern, die immer recht behalten wollten. So wie ihr Vater …

Celeste konnte Rachel und Damon nicht im Publikum entdecken, also ging sie in die Garderobe, um ihre Sachen zu holen und den albernen glitzernden Pullover der Stylistin zurückzugeben.

Als das erledigt war, schwor sie sich, das ganze Ereignis unter Erfahrungen abzuhaken und nie, nie wieder an einem Quiz teilzunehmen. Mit dem Vorsatz verließ sie die Garderobe, um Bruder und Freundin zu suchen.

Damon wartete schon im Flur auf sie, und sie war dankbar für ein vertrautes und freundliches Gesicht. Sie waren zwar vom Wesen her so unterschiedlich, wie zwei Geschwister nur sein konnten, aber er kannte sie und verstand sie – jedenfalls besser als die meisten Menschen.

„Wo warst du bloß? Und wo ist Rachel?“, wollte sie wissen und sah ihn finster an.

„Wir sind gekapert worden, um bei der Neujahrspartyshow als Gäste gefilmt zu werden. Es gab nicht genug Publikum, und dein Quiz hatte ja auch schon länger gedauert als vorgesehen.“

„Das lag nicht an mir. Dieser Typ hat ständig etwas Falsches behauptet.“

„Theo Montgomery hat die Antworten doch nur abgelesen“, versuchte ihr Bruder sie zu beschwichtigen.

Gemeinsam gingen sie nun Richtung Ausgang.

„Ja, weil er selber zu dumm ist, um überhaupt etwas zu wissen“, fauchte sie.

Da tauchte der Mann aus dem Zimmer auf, an dem sie gerade vorbeigingen, und sie blieb abrupt stehen. Seinem Ausdruck nach hatte er gehört, was sie gesagt hatte.

Ich habe es nicht so gemeint, dachte Celeste. Sie war nur aus dem Gleichgewicht, das machte sie defensiv. Damon wusste das, weil er sie kannte. Theo kannte sie nicht.

„Mr. Montgomery, guten Abend. Ich bin Damon Hunter, Celestes Bruder“, stellte Damon sich vor. „Ich würde die Gelegenheit gern nutzen, um mich für meine Schwester zu entschuldigen.“

„Keine Ursache“, wehrte Theo freundlich ab. „Glauben Sie mir, ich habe schon Schlimmeres gehört. Sie sind also während der gesamten Aufnahme geblieben?“

Damon schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Ich bin aber daran gewöhnt, mich notfalls für meine Schwester zu entschuldigen! Da ich das gerade erledigt habe, fahre ich jetzt mit ihr nach Hause.“

Celeste runzelte die Stirn. Ihr Bruder konnte doch nicht einfach nach Hause fahren! „Wo ist Rachel?“, fragte sie misstrauisch. „Ich hatte ihr versprochen, dass wir sie nach Hause bringen.“

„Sie ist … schon früher weg“, erklärte Damon etwas stockend.

„Was hast du angestellt?“ Sie blickte ihn vorwurfsvoll aus schmalen Augen an.

„Wieso glaubst du das?“

„Irgendetwas stellst du immer an, Damon. Vermutlich hast du mit einer anderen Frau geflirtet und Rachel allein in einer Ecke stehen lassen.“

„Überhaupt nicht! Ich war aufmerksam und freundlich. Wir haben sogar getanzt.“

„Rachel hat getanzt? Das habe ich in den letzten zehn Jahren nicht mehr gesehen. Da steckt doch mehr dahinter, und was, das kannst du mir ja gleich auf der Rückfahrt erklären, Bruderherz!“

Plötzlich fiel ihr ein, dass Theo ja auch noch dastand, und sie drehte sich zu ihm.

„Danke, dass ich in Ihrer Show sein durfte, Mr. Montgomery. Tut mir leid, dass Ihr Frageteam so viele falsche Antworten auf die Karten geschrieben hat.“

Na gut, das war jetzt keine Entschuldigung, wie sie im Benimmbuch stand, aber sie hatte es versucht. Das zählte doch auch, oder?

„Nochmals bitte ich für meine Schwester um Entschuldigung … für deren Versuch einer Entschuldigung“, sagte Damon ironisch.

Was Theo darauf antwortete, konnte Celeste nicht hören, denn sie hatte sich schon auf den Weg gemacht …

„Hast du in der Schule die Klasse übersprungen, in der man lernt, wie man sich Freunde macht?“, fragte Damon kopfschüttelnd.

Celeste machte es sich auf dem Beifahrersitz seines schicken Autos bequem. „Genau das.“

Auf Betreiben ihrer Eltern hin hatte sie gleich mit der zweiten Klasse Grundschule angefangen, weil sie ohnehin schon alles wusste, was man in der ersten lernte. Bisher war sie immer stolz darauf gewesen. Plötzlich war sie sich da nicht mehr so sicher.

„Ja, richtig“, stimmte er zu und startete den Motor. „Vielleicht brauchst du dann etwas Nachhilfe. Also Lektion eins: Wenn man sich Freunde machen will, muss man Menschen an sich heranlassen, statt sie wegzustoßen.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Hat Theo Montgomery versucht, nett zu dir zu sein?“, fragte Damon geduldig.

„Vielleicht.“ Das hatte Theo vermutlich im Sinn gehabt, als er sie in der Garderobe beim Schreiben gestört hatte.

„Also, war er nett oder nicht?“, hakte Damon nach. „Mir kam er nämlich wie ein netter Kerl vor.“

„Ja, okay, das war er wohl.“ Sie blickte mürrisch nach draußen. „Aber was macht das schon? Ich werde ihn nicht wiedersehen.“

Ihr Bruder seufzte. „Lass es dir eine Lehre für das nächste Mal sein. Wenn ein Mensch freundlich zu dir ist, versuch auch freundlich zu ihm zu sein. Vielleicht gewinnst du dann mal einen Freund, oder sogar mehr als das.“

Ja, manchmal wünschte sie sich, besser mit Menschen umgehen zu können. So wie Damon. Und ja, es wäre nett, jemanden zu treffen. Jemand speziellen. Aber so funktionierte ihr Leben nicht. Das hatte sie schon lange akzeptiert.

„Ich habe zu viel zu tun“, meinte sie. „Ich muss forschen und ein Buch schreiben, da bleibt keine Zeit für neue Freundschaften. Außerdem habe ich Rachel.“

„Ja, die hast du“, bestätigte er, und seine Stimme klang plötzlich ganz sanft.

„Was ist wirklich mit Rachel passiert?“ Celeste betrachtete ihren Bruder eindringlich von der Seite her.

„Das habe ich doch schon gesagt.“ Er drückte auf den Radioknopf und ein alter Weihnachtsschlager erklang. „Gar nichts ist passiert.“

Bestimmt log er jetzt wieder, aber sie hakte nicht weiter nach.

Fürs Erste.

Am Samstagmorgen wurde Theo vom Summen seines Handys geweckt. Es summte. Und summte. Und summte. Schließlich hatten die Vibrationen das Telefon an den Rand des Nachttischs getrieben, und es krachte auf den Boden.

Dort vibrierte es weiter, während Theo sich in sein Kissen lehnte und überlegte, ob es besser wäre, den Anruf anzunehmen oder zu ignorieren.

Es war erst halb sieben. Bei dem Lärm konnte er nicht weiterschlafen. Und der Mieter unter ihm würde wohl gleich an die Decke klopfen. Das Apartmenthaus stand zwar in einer der teuersten Gegenden Londons, aber beim Schallschutz hatten die Bauherren anscheinend gespart.

Seufzend schwang er die Beine aus dem Bett, bückte sich und hob den Apparat auf. Das Display zeigte, dass seine Agentin ihn sprechen wollte.

„Ja, hier Theo?“

„Wo zum Teufel steckst du?“, fauchte Cerys.

„Im Bett. Wie normale Leute um diese Zeit es tun. Schließlich ist Samstag.“ Er gähnte laut.

„Theo, du vergisst, dass ich weiß, du bist nicht der faule, dümmliche Aristokrat, den du gern spielst. Hör also mit dem Theater auf und hör mir zu.“

Ach ja, bei Cerys kam er mit der Masche nicht durch. Bei anderen funktionierte sie durchaus, denn meistens sahen die Leute das in einem, was sie in einem sehen wollten. In ihm sahen sie den vom Leben bevorzugten Mann, der die Erziehung, das Geld, das gute Aussehen und alle Privilegien hatte, die man nur haben konnte. All diese Vorzüge nutzte er, um Menschen mit Fernsehshows zu unterhalten. Folglich hielt man ihn für leichtherzig, verschwenderisch und oberflächlich, was in mancher Hinsicht sogar stimmte.

Aber nicht in jeder Hinsicht. Theo hoffte, er würde noch beweisen, wie sehr alle ihn vorschnell beurteilt hatten.

„Was ist denn passiert?“, erkundigte Theo sich.

„Hast du dir gestern Abend deine Show angesehen?“, fragte Cerys.

„Das Weihnachtsquiz?“, hakte er nach.

„Hast du denn sonst noch eine Show gemacht, in der du zwanzig Minuten lang einer angesehenen Historikern die Geschichte des Weihnachtsfests erklärst? Peinlich besserwisserisch und auf männlich herablassende Art?“

„Wie bitte?“ So war es doch nicht gewesen! Oder?

Theo ließ sich die Aufzeichnung der Show durch den Kopf gehen. Celeste hatte fast alle Antworten zu den Geschichtsfragen kritisiert, aber das war doch nur ein kleiner Teil der Show gewesen. Er hatte nur verteidigt, was auf seiner Karte geschrieben stand.

Was offensichtlich besserwisserisch geklungen hatte.

„Also, es war eher …“

Cerys ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich habe die Show gesehen, du Genie. Was du denkst, was passiert ist, war nicht dasselbe wie das, was die Zuschauer zu Hause gesehen haben. Und nur das zählt. Wie du weißt.“

„Ich muss mir die fertig geschnittene Show erst ansehen“, gab er zerknirscht zu.

„Ja, und dann solltest du in den sozialen Medien lesen, was alle, die das Quiz schon gesehen haben, dazu sagen. Und über dich.“

„Das wird mir nicht gefallen, oder?“

„Nicht das kleinste bisschen“, bestätigte sie.

Cerys war eine großartige Agentin, aber sie hielt nichts davon, ihre Klienten zu verhätscheln. Dazu kannten er und sie sich jetzt auch schon zu lange. Wenn sie plötzlich anfangen würde, nett zu ihm zu sein, dann wüsste er, dass es mit seiner Karriere aus war.

„Falls du gemeint hast, die Sache mit Tania war schlimm, lass mich dir eins sagen, Theo: Das hier ist schlimmer. Bei Tania warst du der Mistkerl bei eurer Trennung …“

„Die wir eigentlich in aller Freundschaft vollzogen haben“, warf er dazwischen.

„Aber jetzt bist du ein herablassender, hochnäsiger, sich überlegen gebender Mistkerl in der Primetime“, beendete sie ihre Schmähung.

Herablassend? Hochnäsig? Ich doch nicht, dachte Theo bestürzt.

„Okay, ich sehe mir die Show an. Ich lese die Kommentare. Und was mache ich dann?“, fragte er kleinlaut.

Cerys antwortete nicht sofort. Das war kein gutes Zeichen.

Während Theo auf eine Reaktion seiner Agentin wartete, zermarterte er sich den Kopf wegen einer Problemlösung. Aber in strategischem Denken war er noch nie gut gewesen. Genau deshalb hatte er Cerys engagiert!

Während sich das Schweigen hinzog, nahm er sein Tablet und las die Kommentare zum Quiz.

Es wurde gefragt, ob er ein Frauenhasser wäre. Er wurde als typischer Mann bezeichnet, der immer bei allem recht behalten musste. Als Typ, der Privilegien genoss, und als Absolvent der Eliteschule Eton meinte, er wisse alles.

Tatsächlich hatte er die nicht minder elitäre Schule Winchester besucht, aber es hätte ihm nichts genutzt, darauf hinzuweisen. Soweit er sich erinnerte, hatte er nicht so getan, als wüsste er alles besser als Celeste. Er hatte nur die Antwort gegeben, die auf seiner Karte stand, genau, wie der Regisseur ihm durch den Kopfhörer aufgetragen hatte.

War das gefilmte Material vielleicht so geschnitten worden, dass er wie ein Mistkerl wirkte? Oder war er arroganter gewesen, als ihm bewusst gewesen war? Das würde er erst wissen, wenn er sich die Show angesehen hatte.

Aber wenn Theo etwas hasste, dann sich selbst im Fernsehen zu sehen …

„Okay, wir machen Folgendes“, sagte Cerys und unterbrach damit sein Grübeln. „Wir müssen die Sache reparieren und zwar schnell. Dein Ruf hat wegen Tania schon gelitten, und das Fiasko jetzt hat ihm wirklich nicht genutzt. Ich denke nicht, dass die Bosse noch vor dem neuen Jahr panikartig Änderungen planen, aber wir sollten nichts riskieren.“

„Du meinst, bevor ich das Silvesterspektakel moderiert habe“, fügte Theo hinzu.

Diese Show würde die größte in seiner bisherigen Karriere werden: live, aus dem Zentrum von London. Was er da wirklich nicht brauchte, waren Protestierende, die ihn beleidigten und ihn mit Tomaten bewarfen. Oder dass weniger Leute die Show einschalteten, nur weil er der Moderator war.

Oder die Bosse entschieden, es wäre besser, wenn er sich rechtzeitig krankmeldete, sodass jemand anders seinen Job übernehmen konnte.

Eine Karriere im Fernsehen war eine prekäre Angelegenheit, das hatte er schon immer gewusst. Es war ihm bisher nur noch nicht klar gewesen, wie schnell man straucheln und abgleiten konnte, von der Spitze bis ganz unten.

Cerys hatte immer vermutet, es würde ein Sexskandal sein, der ihn zu Fall brachte. Ironischerweise kam seine Karriere jetzt ins Schleudern, weil er eben keinen Sex mehr mit Tania wollte – und weil er über historische Feinheiten diskutiert hatte.

„Ja, wir müssen deinen Patzer ausbügeln, bevor jemand auf die Idee kommt, dich auszutauschen“, bestätigte sie seine Ahnung. „Ich mache einige Anrufe und treibe eine Nummer für dich auf. Inzwischen siehst du dir deine Show an.“

„Und danach, Cerys?“

„Rufe ich dich an, gebe dir die Nummer und bestimmte Anweisungen, die du buchstabengetreu befolgen wirst. Verstanden?“

„Jawohl, Gnädigste“, antwortete Theo.

Er wusste, dass ihm nicht gefallen würde, was sie für ihn ausheckte. Aber noch weniger würde ihm gefallen, seine Karriere in den Sand zu setzen.

3. KAPITEL

Erst in der Pause am Vormittag kam Celeste der per E-Mail geschickten Aufforderung ihres Agenten nach, sich das Quiz anzusehen. Und ihn dann anzurufen.

Als der Abspann über den Bildschirm lief, lächelte sie. Das war nicht annähernd so schlimm gewesen, wie sie befürchtet hatte. Die Erstausstrahlung des Quiz hatte sie sich erspart. Zum einen war sie nervös gewesen, zum anderen war sie an dem Abend bei ihren Eltern eingeladen gewesen – und die hatten ja keinen Fernsehapparat.

Nun vermutete Celeste, dass ihr jemand im Studio wohlgesonnen war und das Material so geschnitten hatte, dass sie gut wirkte. Sie hatte den Eindruck gehabt, viel streitlustiger gewesen zu sein, wie immer, wenn sie aufgeregt oder von einer Situation eingeschüchtert war. Davon war in der ausgestrahlten Quizsendung jedoch kaum etwas zu sehen. Dafür wirkte Theo viel herablassender und hochnäsiger als in echt.

Sie trank den letzten Schluck Tee und checkte ihre Accounts auf den sozialen Medien. Dass sie über Nacht zu einer Sensation im Internet geworden war, wurde ihr folglich erst jetzt klar. Da waren zahllose Einträge! Langsam scrollte sie durch diese.

Eins war klar: Die meisten User standen auf ihrer Seite. Theo Montgomery wurde als privilegierter weißer Mann wegen seiner Überheblichkeit förmlich in der Luft zerrissen.

Gern hätte sie der Lektüre mehr Zeit gewidmet, aber Richard hatte sie ja aufgefordert, ihn anzurufen. Sie tat es.

„Also, ist die Show gut gelaufen?“, fragte Celeste, sobald er abgehoben hatte.

„Für uns sogar ausgezeichnet.“ Man hörte geradezu, wie er lächelte. „Für Theo Montgomery eher weniger. Aber das ist nicht unser Problem.“

„Trotzdem fühle ich mich deswegen etwas unbehaglich“, gab sie zu. „So wie die Show geschnitten worden ist … Na ja, ich hatte zweifelsfrei recht, aber er war in echt nicht so herablassend, wie er in der bearbeiteten Sendung wirkt.“

„Niemand kümmert es, was wirklich passiert ist. Das weißt du, Celeste.“

„Ja, sicher.“

Sie war ja kein Neuling mehr im Mediengeschäft. Im vergangenen Jahr war sie im Radio für einen Freund eingesprungen, der kurzfristig verhindert gewesen war. Seither schien sie ziemlich beliebt bei allen Produzenten zu sein, die jemand mit geschichtlichem Fachwissen brauchten.

Ihr Fachgebiet war zwar Geschichte des Altertums, aber mittlerweile konnte sie ziemlich gut fundierte Meinungen über die gesamte Spanne der Menschheitsgeschichte abgeben.

Deshalb wurde ja überlegt, ihr eine eigene Sendung im Fernsehen zu geben, in der sie über die Rolle der Frau im Lauf der Geschichte sprach.

Ihren Auftritt in der Weihnachtsshow konnte man als Publicity ansehen, positive Publicity. Kein Wunder, dass Richard so begeistert klang.

„Wir müssen daraus Kapital schlagen“, sagte er auch prompt. „Wir müssen den Produzenten zeigen, dass deine Serie ein Knaller wird. Du müsstest nur ein bisschen mehr und öfter ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Jetzt weiß das Publikum ja immerhin, wie du aussiehst.“

Celeste verzog das Gesicht. Mehr im Blickfeld zu sein – oder besser gesagt auf dem Präsentierteller – war nicht das, was ihr behagte.

„Wie sieht es denn in deinem Terminkalender aus zwischen jetzt und Januar?“, erkundigte Richard sich.

Sie blickte auf den Stapel von Forschungsmaterial, großzügig garniert mit Randbemerkungen und Fußnoten. Daraus sollte ein Buch entstehen, nicht das populärwissenschaftliche in Zusammenhang mit ihrer Fernsehserie, sondern ein seriöses, wissenschaftliches, mit dem sie ihren Ruf als Historikerin und damit ihre Karriere an der Uni fördern würde. Das Buch, mit dem ihre Eltern einverstanden wären.

Und mit dem sie momentan absolut nicht weiterkam.

„Ich habe schon etwas Zeit“, informierte sie Richard. „Seit gestern sind Ferien, also habe ich bis Januar keine Vorlesungen oder Seminare mehr zu halten.“

„Großartig! Ich schau mal, ob ich ein paar Auftritte für dich organisieren kann. Also dann! Wir bleiben in Verbindung.“

Und schon hatte er aufgelegt. Celeste seufzte und wollte ihr Handy weglegen, da fiel ihr eine neue Nachricht auf.

Lust auf Lunch? Meine Einladung. Ich scheine Ihnen was zu schulden.

Theo Montgomery.

Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

Cerys hat recht, ich hasse ihre Idee, dachte Theo düster.

Ganz besonders hasste er es, allein im Restaurant zu sitzen und von Leuten angestarrt zu werden, die hinter seinem Rücken flüsterten. Was sie da sagten, brauchte er nicht zu hören, er konnte es raten: Es war sicher genau dasselbe, was alle in den sozialen Medien und im Frühstücksfernsehen über seine Show gesagt hatten. Und wahrscheinlich tuschelten sie als Draufgabe über seine Trennung von Tania.

Er hatte sich die Show angesehen, die Kommentare dazu gelesen und sich dann die Show nochmals zu Gemüte geführt. Cerys hatte wie abgemacht angerufen und ihm die Nummer von Celeste gegeben, mit genauen Anweisungen, was er zu tun habe.

Er hatte bezweifelt, dass Celeste auf seine Einladung per SMS überhaupt reagieren würde. Wahrscheinlich hätte er besser angerufen, was Cerys ihm auch aufgetragen hatte. Ihm war dann allerdings eingefallen, wie Celeste in der Garderobe reagiert hatte, als er sie unterbrochen hatte, und da fand er es sinnvoller, ihr die Wahl zu lassen, wann sie ihm antworten wollte.

Sie hatte tatsächlich eine SMS zurückgeschickt und zugestimmt, ihn hier im Restaurant zu treffen. Der Zeitpunkt des Treffens lag jetzt zehn Minuten zurück, nein, inzwischen fünfzehn sogar.

Celeste war ihm nicht wie eine unpünktliche Person vorgekommen, so wie er selber eine war, was seine Eltern gern bestätigen würden. Die hatten ihm noch nicht verziehen, dass er Tania verloren hatte, eine reiche, bildschöne, allseits bekannte junge Frau, die sie als Schwiegertochter mit offenen Armen aufgenommen hätten, trotz ihrer Auftritte im Reality-TV. Seine Eltern beriefen sich ständig auf ihre unglaublich hohen Maßstäbe, was ihren gesellschaftlichen Kreis betraf, aber letztlich, fand Theo, ging es ihnen immer nur um zwei Dinge: Geld und Bekanntheit.

Was, wenn mich mein Debakel jetzt beides kostet? fragte er sich plötzlich. Bekannt war er zwar immer noch, aber nicht auf eine gute Weise. Er war momentan eher berüchtigt!

Da ging die Tür auf und Celeste Hunter kam herein. Sie trug einen eleganten weißen Wollmantel und schwarze Stiefel zu einem schwarzen Pullover und schwarzen Jeans. Die dunklen Haare hatte sie hochgesteckt, die Lippen leuchteten rot. Sie war sich anscheinend überhaupt nicht bewusst, dass alle im Raum sich ihr zuwandten und sie gespannt beobachteten.

Theo bemerkte diese Blicke sehr wohl, und er hörte, wie man raunte, das wäre doch diese Celeste Hunter, oder?

„Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe“, entschuldigte sie sich und zog den Mantel aus, den sie über die Lehne des einen freien Stuhls hängte. „Da waren alle diese Leute, die vor der Uni auf mich warteten. Anscheinend war die Show ein Ding.“

Ein Ding? Sie war eine Katastrophe, die seiner Karriere schadete. Und seine Karriere war alles, was er hatte.

„Ja, das war sie offensichtlich“, bestätigte Theo trocken. Seinen leicht sarkastischen Ton schien sie nicht zu registrieren. „Die Kommentare werden allmählich etwas ausfallend. Sogar gemein.“

Nun zuckte sie immerhin leicht zusammen. „Sie hätten nur gleich bei der Aufzeichnung zuzugeben brauchen, im Unrecht zu sein. Richtig?“

Theo war sich nicht sicher, ob sie das als Scherz meinte. Warum nur war diese Frau so schwer zu durchschauen? Er konnte sich doch sonst gut in andere hineindenken. Das hatte ihn so weit gebracht, wie er gekommen war. Aber bei dieser Frau hatte er keine Ahnung, was in ihrem Kopf vorging! Oder wie sie reagieren würde, wenn er ihr Cerys’ Plan darlegte.

Sie könnte mitmachen. Oder ihn verbal in Stücke reißen, während die anderen Restaurantbesucher sie anfeuerten.

Da es so schwer zu sagen war, musste er es einfach riskieren. Vorher aber würde er sie zu besänftigen versuchen, um seine Chancen bei ihr zu verbessern.

„Danke, dass Sie mich treffen. Trotz allem.“ Er schenkte ihr sein strahlendes Lächeln, mit dem er üblicherweise um Zuneigung warb.

Celeste sah etwas erstaunt aus, und in dem Moment kam zum Glück der Kellner mit dem bereits bestellten Wein und goss ihnen beiden je ein Glas ein.

Hoffentlich mag sie diese Sorte, andernfalls fangen wir auf dem völlig falschen Fuß an, dachte Theo besorgt. Er hielt kurz den Atem an.

Sie kostete einen Schluck und lächelte den Kellner an.

Dieses Lächeln! Es traf Theo mitten ins Herz.

So hatte sie nicht gelächelt, als die Show aufgezeichnet worden war. Vor allem ihn hatte sie nie so angelächelt, nicht einmal, als er sich ihr höflich in der Garderobe vorgestellt hatte. Da ja ganz besonders nicht … Aber jetzt bei diesem Kellner! Voller Freude und Dankbarkeit.

Schön zu wissen, dass sie so lächeln konnte. Das machte die nächste Phase von Cerys’ Plan eventuell einfacher.

„Dieser Wein ist köstlich“, informierte Celeste nun den jungen Kellner. „Haben Sie den vorgeschlagen?“

Der junge Mann wurde rot. „Also, nein, Ihr … äh, Begleiter hat ihn ausgesucht.“

Ihr Lächeln erlosch, während sie sich Theo zuwandte. „Ach so. Es ist trotzdem ein angenehmer Wein.“

Darauf wollte er nicht eingehen. Nun bestellten sie, das hieß, Celeste fragte den Kellner, was die meisten Gäste wählten, und entschied sich dann für genau dieses Gericht.

„So!“ Sie faltete die Hände im Schoß und schaute Theo direkt in die Augen. „Ich denke, Sie haben mich eingeladen, um sich zu entschuldigen?“

Natürlich hatte er das. Es war Schritt eins in Cerys’ mehrstufigem Plan, aber so direkt dazu aufgefordert, spürte er den trotzigen Wunsch, sich nicht zu entschuldigen.

„Und Sie denken nicht, Sie hätten Ihrerseits Grund, sich bei mir zu entschuldigen?“, konterte er.

Das trug ihm ein breites, wenn auch kurzes, Lächeln ein. Besser als alles, was er ihr bisher hatte entlocken können.

„Doch, natürlich“, antwortete sie, unüberhörbar sarkastisch. „Es tut mir ja so leid, dass Ihr besserwisserisches und herablassendes Verhalten mir gegenüber Sie bei Ihren Fans in Misskredit gebracht hat.“

„Ach, kommen Sie, Celeste, ich war selber bei der Aufzeichnung, wie Sie sich erinnern werden, und weiß daher, wie es wirklich war.“

Sie lehnte sich zurück. „Dann klären Sie mich auf, bitte.“

Ihm blieb keine Wahl, als ihr zu gehorchen, wenn er Cerys’ Plan nicht von vorneherein sabotieren wollte. Also holte er tief Luft und sagte: „Sie haben recht, Celeste, ich habe Sie hergebeten, um mich bei Ihnen zu entschuldigen. Könnten wir also noch mal von vorne anfangen?“

Einen Schritt nach dem anderen, darauf musste er sich jetzt fokussieren. Wenn es heute klappte, konnte er die weiteren Schritte des absurden Plans vielleicht vergessen.

Nun musste er nur ein höfliches Gespräch führen, so lange das Essen dauerte. Das konnte doch nicht so schwer sein. Oder?

Warum nur habe ich der Einladung zugestimmt? fragte Celeste sich. Neugier vermutlich, lautete die Antwort. Die war der Fluch jeden Wissenschaftlers. Sie wollte einfach wissen, wie es weiterging und warum.

Außerdem hatte Richard darauf bestanden, dass sie zu diesem Essen ging, als sie ihn angerufen und um Rat gebeten hatte. Offensichtlich war es für die Publicity eine gute Sache, mit Theo Montgomery gesehen zu werden.

Hauptsache, es wurde über einen geredet, egal was, das war Richards Motto.

Celeste war sich allerdings ziemlich sicher, dass es Theo durchaus etwas ausmachte, was man über ihn sagte. Lag es daran, dass er bisher immer der nette Junge gewesen war, dass er jetzt nicht ertrug, wenn man anders über ihn dachte? Oder hatte er Bedenken wegen der Auswirkungen der Show auf seine Karriere?

Oder tat es ihm – was die unwahrscheinlichste Möglichkeit war – echt leid, wie die Show während der Aufzeichnung gelaufen war?

Nein, das sicher nicht, denn dann hätte er sie jetzt gerade nicht gefragt, ob sie sich nicht auch bei ihm entschuldigen müsse.

Kurz war so etwas wie der echte Theo hinter der Fassade des TV-Lieblings zu erkennen gewesen, dann hatte er gleich wieder in den üblich charmanten Modus umgeschaltet und vorgeschlagen, es noch mal von vorn zu versuchen.

Dabei schien er über dieses Treffen genauso verblüfft zu sein wie sie – und auch ebenso verärgert.

Das ist interessant, fasste Celeste im Stillen ihre Beobachtungen zusammen.

Sie hatte ihn anfangs als Blender eingestuft. So einen erkannte sie auf hundert Meter Entfernung, da der Umgang mit ihren Studenten sie gelehrt hatte, gleich zu merken, ob jemand echt etwas leistete oder nur so tat. Manche Menschen präsentierten so lange eine Fassade, dass sie vergaßen, wie man echt war. Sie hatte angenommen, Theo wäre einer von denen, aber anscheinend bestand für ihn noch Hoffnung.

„Es tut mir leid, dass unsere Recherchen zur Show nicht Ihren Standards entsprochen haben“, sagte Theo nun, was keine wirkliche Entschuldigung war. „Ich konnte merken, dass Sie sich gründlich vorbereitet hatten … gründlicher, als unsere Leute erwartet hatten.“ Kurzes, charmantes Lächeln. „Und es tut mir leid, dass ich Ihre zweifelsohne richtigen Antworten nicht einfach akzeptieren konnte. Ich hoffe, ich kam Ihnen nicht besserwisserisch vor. Tatsächlich wies mich der Regisseur über den Kopfhörer an, einfach die nächste Frage vorzulesen, aber ich war mehr an Ihren Ansichten interessiert, Celeste.“

Glaube ich ihm das? fragte sie sich. Und war sich nicht sicher.

„Stimmt es, dass es nicht Prinz Albert war, der den Weihnachtsbaum in Großbritannien einführte?“

Aha, er hatte ihr bei der Show also durchaus aufmerksam zugehört. Oder hatte er sich nur die Aufzeichnung nochmals angesehen, als Vorbereitung für das Essen hier?

„Wollen Sie mich überprüfen?“, fragte Celeste.

Er hob beschwichtigend die Hände. „O nein! Das schwöre ich. Ist es denn so schwer zu glauben, dass ich ehrlich an der Antwort interessiert sein könnte?“

Ja, antwortete sie im Stillen. Zum einen war er bei der Show nicht interessiert gewesen. Verständlich bei dem Druck, dem er ausgesetzt gewesen war, aber trotzdem. Zum anderen interessierten sich ihrer Erfahrung nach die meisten Leute nicht wirklich für die richtigen Antworten. Die simplen, vertrauten Geschichten und Anekdoten waren für sie interessanter als die vielschichtige Wahrheit.

Es war wie bei ihr: kaum jemand machte sich die Mühe mit ihr und ihrem nicht ganz einfachen Wesen. Man sah statt ihr lieber Theo Montgomery und sein nichtssagendes Lächeln auf den Bildschirmen.

Aber … die Leute, die ihre Kommentare zur Show auf den sozialen Medien gepostet hatten, die waren wirklich an ihren Antworten interessiert gewesen. Sie waren empört, dass Theo an ihren Erklärungen gezweifelt hatte.

Sie hatten sie auch nicht langweilig genannt, wie die meisten außerhalb der Familie das taten. Sie waren interessiert gewesen. An ihr, Celeste Hunter. Und natürlich an Weihnachten. Wenn sie diese Menschen – und Theo Montgomery – für die historische Wahrheit über Weihnachtsbräuche interessieren konnte, dann vielleicht mit ihrer eigenen Show auch für die Rolle der Frau im Lauf der Geschichte!

Einen Versuch war es wert.

„Also, der erste Weihnachtsbaum wurde von Königin Charlotte in England aufgestellt“, erklärte Celeste. „Sie stammte aus Mecklenburg-Strelitz und brachte von dort den Brauch mit, einzelne Tannenzweige zu schmücken, was ihr bald nachgemacht wurde. Im Jahr 1800 hatte sie dann anlässlich einer von ihr geplanten Kinderparty die Idee, einen ganzen Baum mit Süßigkeiten und Kugeln und kleinen Geschenken zu behängen. Die Kinder waren natürlich begeistert, und ab da waren Weihnachtsbäume der Renner in den adeligen Häusern.“

Theo lächelte, offensichtlich echt angetan von der Information. „Das wusste ich bisher nicht. Danke, Celeste.“

„Gern geschehen“, erwiderte sie, sich plötzlich überdeutlich bewusst, dass sie hier schon wieder eine kleine Vorlesung gehalten hatte.

Na ja, worüber sollten sie sich denn unterhalten? Das war immer ihr Problem, wenn sie ein Date hatte oder sich mit jemand abgab, der nicht zur Historischen Fakultät gehörte. Sie langweilte Leute. Manchmal langweilte sie sich sogar selber. Warum konnte sie nicht einfach lockerlassen? Warum hatte sie immer das Gefühl, sie müsse andere korrigieren?

Kein Wunder, dass ihr letztes richtiges Date schon so lange her war.

Der Rest des Treffens verlief recht angenehm. Das Essen schmeckte. Theo fragte sie, warum sie sich mitten im Winter für Cäsar-Salat entschieden hatte.

Celeste zuckte die Schultern. „Laut Kellner ist es die meistbestellte Mahlzeit.“

Sie nahm immer das, was am häufigsten bestellt wurde, denn sie zerbrach sich nicht unnötig den Kopf übers Essen. Es war etwas, was ihr Körper brauchte, um zu funktionieren. Für sie war gut genug, was für die meisten gut genug war.

„Und wenn das etwas ist, was Ihnen überhaupt nicht schmeckt?“, wandte Theo ein.

„Dann nehme ich logischerweise die zweitbeliebteste Mahlzeit“, erklärte sie.

Dazu sagte er nichts mehr, und sie widmeten sich weiter dem Essen. Aufs Dessert verzichteten sie und nahmen beide nur Kaffee.

Da hatte Celeste plötzlich das Gefühl, es würde bei diesem Treffen um mehr gehen als nur um die Entschuldigung. Und es bestätigte sich gleich darauf.

„Ich gebe zu, dass ich noch einen zweiten Grund hatte, Sie zum Essen einzuladen“, begann Theo und spielte verlegen mit dem Einwickelpapier des Kekses, der zum Kaffee gereicht worden war.

Da war meine Ahnung also mal richtig, sagte Celeste sich. Das passierte nicht oft, jedenfalls nicht bei Menschen, die sie nicht sehr gut kannte. Damon und Rachel durchschaute sie immer sofort, aber die kannte sie ja seit Jahren.

„Ich dachte es mir schon“, sagte sie nun zu Theo.

„Das wiederum dachte ich mir, denn Sie sind eine sehr intelligente Frau“, erwiderte er und lächelte sie an.

Es gefiel ihr, wie er das sagte, obwohl er sie vermutlich nur einwickeln wollte, um sie für das Kommende gnädig zu stimmen. Aber bei ihm klang es tatsächlich wie ein Kompliment, nicht wie ein Vorwurf. Fand sie. Sonst hörte sie oft Vorwürfe heraus, die sich hinter solchen Komplimenten verbargen, etwa: Warum verstehst du als intelligente Frau andere Menschen so wenig? Oder: Glaube nicht, dass du klüger bist als ich. Oder sogar: Wenn du so schlau bist, warum stimmst du mir nicht zu?

„Also, aus welchem weiteren Grund bin ich hier?“, hakte Celeste nach.

Er atmete tief durch und sah ihr direkt in die Augen. „Weil die Show so geschnitten worden ist, dass ich in schlechtem Licht erscheine. Ich weiß nicht von wem und warum. Jedenfalls sollen Sie wissen, Celeste, dass ich Sie nicht von oben herab behandeln wollte oder Ihre Ansichten zu historischer Genauigkeit missachten.“

„Warum macht es Ihnen etwas aus, was ich denke?“, erkundigte sie sich, denn sie verstand es nicht ganz.

„Weil … ich Ihre Hilfe brauche, um mein Ansehen zu retten.“

4. KAPITEL

„Was soll ich tun?“, fragte Celeste zurückhaltend.

„Genau das, was Sie jetzt machen“, versicherte Theo ihr. „Sich mit mir sehen lassen und dabei zeigen, dass Sie mich keineswegs hassen. Das würde mir schon helfen.“

Sie sah sich um. „Sie haben jemand engagiert, der uns zusammen fotografieren soll? Es war alles ein Trick, um mich zu bewegen, so zu tun, als würde ich Sie mögen?“

Autsch, dachte er. „Ich hatte gehofft, Sie würden mich tatsächlich mögen. Die meisten tun das, wissen Sie.“

„Ich bin nicht wie die meisten“, konterte sie. „Wo ist der Fotograf? Ich habe niemand entdeckt. Oder hat er ein Teleobjektiv?“

„Ich habe keinen Paparazzo gemietet“, antwortete Theo geduldig. „Das braucht man auch gar nicht heutzutage.“

„Erklären Sie mir das!“

„Celeste, die Leute hier fotografieren uns beide mit ihren Handys, seit Sie hereingekommen sind. Sie reden über uns, seit wir hier zusammensitzen. An jedem Tisch hat mindestens eine Person versucht zu hören, worüber wir uns unterhalten.“

Er war nach Jahren im Rampenlicht daran gewöhnt. Aber die meisten, die mit ihm ausgingen und selber nicht im Mediengeschäft waren, fanden es entnervend, die ganze Zeit beobachtet zu werden. Celeste hingegen war es gar nicht aufgefallen.

„Warum tun die das? Nur weil Sie so berühmt und beliebt sind, Theo?“

Nun schaute sie sich doch verstohlen um, vermutlich um jemanden beim Fotografieren zu ertappen. Das war irgendwie süß, fand er. Falls man irgendetwas an Celeste Hunter überhaupt süß nennen konnte.

Ihr war offensichtlich nicht klar, wie unbeliebt er im Moment war. Vermutlich kümmerte sie sich nicht um den neuesten Promiklatsch.

„Die Leute tun das, weil Ihr und mein Gesicht heute Morgen in allen sozialen Medien zu sehen waren“, erklärte Theo ihr und seufzte. „Wenn einer anfängt, über uns zu klatschen, wollen es alle anderen auch können. Und wenn es etwas Brandneues ist, was die Freunde noch nicht wissen, umso besser.“

„Die Erzählung heute Morgen war doch, dass Sie und ich nach der dämlichen Show geschworene Feinde sind“, sagte Celeste langsam. „Sie versuchen, diese Erzählung zu ändern. Indem Sie den Leuten zeigen, dass wir beide gute Freunde sind.“

„Genau.“ Er hatte gewusst, dass sie das Ganze schnell durchschauen würde, so intelligent wie sie war.

„Ich sollte Ihnen also – als vermeintlich gute Freundin – besser nicht meinen Kaffee in den Schoß kippen als Strafe dafür, dass Sie mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Lunch eingeladen haben?“, fragte sie zuckersüß.

Theo zuckte zusammen. „Lieber nicht, nein. Ich wollte Sie nicht manipulieren. Ich dachte, es wäre klar, worum es mir geht.“

„Sie haben vielleicht ja schon bemerkt, dass ich mich mit Dingen, die außerhalb meiner beruflichen Sphäre passieren, nicht gut auskenne.“

Das war jetzt das erste Mal, dass sie einen Fehler oder eine Schwäche eingestand. Er mochte sie dafür nur umso lieber.

Ja, das war das Seltsamste an diesem seltsamen Lunch: Er hatte Spaß daran. Sogar wenn sie sich kabbelten oder Celeste ihm mit heißen Flüssigkeiten drohte.

Das hatte er nicht erwartet.

„Also, Celeste, was sagen Sie? Möchten Sie so tun, als wären wir befreundet? Nur um meinen Ruf zu retten, damit mich das Publikum nicht länger einen besserwisserischen, hochnäsigen Mistkerl nennt?“

Ganz abgesehen von den Vorwürfen, er würde Frauen herzlos und gefühlskalt sitzen lassen.

Nachdenklich musterte sie ihn. „Ihnen ist klar, dass Sie auch Scharen von Fans haben, die mich eine herablassende Zicke nennen, die immer alles besser zu wissen glaubt.“

„Ja. Aber Sie wissen ja tatsächlich alles besser, Celeste. Zumindest in Geschichte.“

„Nicht alles, und vor allem nicht besser als jeder andere“, verbesserte sie ihn.

„Und Sie sind absolut keine herablassende Zicke. Tatsächlich denke ich, ich könnte Sie sehr gern mögen, wenn Sie mir erlauben würden, Sie näher kennenzulernen.“

Erstaunt sah sie ihn an, dann lachte sie.

„Ich hatte selbst nicht erwartet, solches Interesse für Sie zu entwickeln“, gab er zu.

„Vielleicht können wir dem Publikum zeigen, wie sehr es sich in uns beiden irrt“, meinte sie bedächtig. „Ihm beibringen, Menschen und deren Beweggründe nicht auf den äußeren Anschein hin vorschnell zu beurteilen.“

„Zumindest können wir unser Bestes versuchen“, stimmte er ihr zu, obwohl er nicht glaubte, so viel Einfluss auf die Zuschauer zu haben.

„Also abgemacht.“ Sie streckte die Hand aus, damit er sie schüttelte, dabei stieß sie seine noch volle Tasse so unglücklich um, dass sich der zum Glück nicht mehr sehr heiße Kaffee auf seinen Schoß ergoss.

Im Lokal wurde hörbar nach Luft geschnappt, und überall wurden die Handykameras aktiviert.

Celeste presste kurz die Hand auf den Mund, und sah aus, als müsse sie ein Lachen unterdrücken.

„Immerhin war es nicht mein Kaffee wie angedroht“, meinte sie dann und reichte ihm ihre Serviette.

„Das macht das Ganze natürlich viel besser!“ Theo zeigte ein ironisches Lächeln, nahm die Serviette und wischte gleichmütig den Kaffee weg.

Doch innerlich seufzte er. Anscheinend würde es viel schwerer als erwartet sein, die Leute davon zu überzeugen, dass er und Celeste Hunter gute Freunde waren.

Als Celeste am Sonntagmorgen aufwachte, hatte sie ein unbehagliches Gefühl … und eine Menge neuer Nachrichten auf ihrem Handy. Das Unbehagen erklärte sich leicht: Es war der erste Sonntag im Monat, der Tag, an dem sich die Familie Hunter zum Essen traf. Und ich habe mich nicht ausreichend darauf vorbereitet, erkannte sie stöhnend.

Es genügte ihren Eltern nicht, alle vier am Tisch bei Sonntagsbraten und Klatsch zu versammeln, nein, sie machten einen Wettbewerb daraus. Einen mit aufwändigen Menüs und Dekorationen, bei dem Celeste sich immer viel Mühe gab, aber nie gewann.

Heute würde sie mit Sicherheit nicht gewinnen, da sie die Vorbereitungszeit gestern beim Essen mit Theo aufgebraucht hatte und anschließend beim Telefonieren mit Rachel, die irgendwie seltsam geklungen hatte.

Celeste hegte den Verdacht, ihr Bruder könnte dahinterstecken. Damon konnte sehr gut mit Menschen umgehen, manchmal zu gut … Vor allem mit Frauen, die dazu neigten, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Dann standen sie mit gebrochenem Herzen da, wenn er sie aufgab, auch wenn er das immer möglichst sanft zu tun versuchte.

Rachel kannte Damon nun seit gut zehn Jahren, also müsste sie gegen ihn immun sein. Das hatte Celeste zumindest gehofft. Aber nach Rachels Verschwinden aus dem Studio und ihrer seltsamen Stimmung beim Telefonieren fing Celeste an, Verdacht zu schöpfen.

Den hatte sie auch noch im Kopf, als sie einkaufen ging und Zutaten für eine schnelle Vorspeise suchte, die sie noch bis zum Mittagessen zubereiten konnte. Lachs ging immer, auch wenn Damon den nicht ausstehen konnte. Aber das war sein Problem, oder?

Als sie an der Kasse wartete, scrollte Celeste durch ihr Handy. Statt der üblichen Links zu Fachzeitschriftenartikeln fand sie mehrere Aufnahmen von Theo, aus verschiedenen Blickwinkeln, wie ihm der Kaffee in den Schoß floss. Außerdem gab es noch ein paar Fotos von ihm und ihr beim Essen. Die Meinungen gingen auseinander, ob sie stritten oder eine nette Zeit miteinander verbrachten.

Beides stimmt, deshalb sind die Leute wohl so verwirrt, dachte Celeste sich. Sie selber wusste ja auch nicht genau, woran sie war.

Wenn sie sonst mit Leuten debattierte, ließen die sie meist bald verärgert allein. Theo schien aber mehr Zeit mit ihr verbringen zu wollen. Seltsam!

Er will ja nur seinen Ruf retten, sagte Celeste sich. Als Blender, der er war, würde er so tun, als möge er sie, bis sie seinen Zwecken nicht mehr diente. Dann würde er sie sofort fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.

Aber nicht nur er profitierte von der Verbindung mit ihr. Richard war begeistert, weil sie jetzt Aufmerksamkeit bekam und ihre Chancen stiegen, den Vertrag für die eigene Serie zu bekommen. Bisher war sie in den sozialen Medien kaum präsent gewesen, und auf Präsenz kam es nun mal an, wenn man über die Medien etwas erreichen wollte.

„Entschuldigen Sie, aber sind Sie nicht … wie war doch gleich Ihr Name? Die von dem Weihnachtsquiz“, erklang es hinter ihr.

Celeste drehte sich um zu einer Frau, die ihr lächelnd eine Fernsehzeitschrift mit Theo auf dem Titelblatt hinhielt.

„Das mit dem Titel ‚Wer weiß Weihnachten‘? Ja, das war ich.“ Celeste wartete ab, ob das jetzt gut oder schlecht aufgenommen wurde.

Die Frau war begeistert. „Das habe ich meinem Mann ja gleich gesagt. Wo ist er denn nur? Fred? Weg! Echt, Männer! Jedenfalls habe ich gesagt, Sie sind das.“

„Und das bin ich tatsächlich“, bestätigte Celeste.

„Könnten Sie … würden Sie mir ein Autogramm geben?“, bat die Fremde und hielt ihr nun auch einen Kuli hin.

Celeste kam der Bitte nach. Was hätte sie denn sonst tun können?

„Ich liebe Theo Montgomery, und da bin ich nicht die Einzigste. Ich habe all den Mist nicht geglaubt, den seine Ex über ihn verzapft hat, aber ich muss auch sagen, es war nett zu sehen, wie ihn jemand mal in die Schranken weist. Er weiß ja sonst immer alles, nicht? Und er ist ja so charmant. Mein Fred meint, er wäre zu glatt und geleckt, aber ehrlich, was sollte man sich sonst ansehen, wenn es Theo nicht gäbe? Er moderiert ja doch die besten Shows. Finden Sie nicht auch?“

„Ja, das tut er wohl“, stimmte Celeste zu und reichte Kuli und Zeitschrift zurück.

„Und er ist wirklich liebenswert, oder?“, fügte die Frau nachdenklich hinzu.

„Das kann ich wirklich nicht beurteilen“, meinte Celeste und war froh, dass sie nun bei der Kasse an der Reihe war.

Beim Essen mit der Familie schaffte Celeste es, Theo mehr oder weniger zu vergessen.

Auch diesmal würde sie den Wettstreit um den besten Gang des Essens nicht gewinnen. Die Lachsterrine war nicht originell und nur dazu geeignet, Damon zu ärgern. Auch die Tischdekoration war ihr suboptimal gelungen. Da es den Eltern, die auch jeweils einen Gang zubereiten mussten, darauf ankam, möglichst interessante Speisen zu kochen, hatte sie erst ein einziges Mal punkten können, mit einem Gericht nach einem antiken römischen Rezept, das ganz authentisch wie verfaulter Fisch geschmeckt hatte.

Damon brauchte sich wie immer nur um die Getränke zu kümmern, da er sich standhaft weigerte, bei diesem Wettbewerb mitzumachen.

Leider wurde ihre Mutter durch die enttäuschende Vorspeise nicht davon abgehalten, ein heikles Thema anzuschneiden.

„Ich habe einen Teil dieser Show gesehen, mit der du zu tun hattest, Celeste“, meinte sie und blickte kritisch.

„Wo hast du die denn gesehen?“ Um Zeit zu gewinnen, füllte Celeste Wein in ihr Glas und das ihrer Mutter nach. „Ihr habt doch gar keinen Fernseher.“

„Ein Kollege hat mir einen Weblink geschickt“, erklärte ihre Mutter kühl.

Damon grinste boshaft.

Celeste wusste, was er dachte. Dass sie an einem anspruchslosen Quiz teilgenommen hatte, war für die Eltern schlimm genug. Von Kollegen darauf hingewiesen zu werden, war um vieles schlimmer. Es bedeutete, dass andere Leute davon wussten! Leute, die zählten. Nach Ansicht der Hunters.

„Und welcher Teil war das?“, hakte Celeste nach.

„Der, in dem du mit dem Moderator streitest, wie die Tradition des Weihnachtsbaums nach Großbritannien kam.“

Also genau die Szene, die im Internet das meiste Echo gefunden hatte.

Damon konnte sein Lachen nicht länger unterdrücken. „Übrigens Mum, der Link ist weit verbreitet. Und hast du gesehen, was man auf Twitter darüber sagt?“ Er neigte sich zu Celeste, die ihn böse anfunkelte. „Hast du gestern tatsächlich Theo zum Lunch getroffen, um dich mit ihm zu versöhnen? Auf allen Kanälen wird hitzig die Frage diskutiert, was zwischen euch beiden abgeht.“

Sie wurde rot, als sie daran dachte, wie das Essen geendet hatte. Dann fiel ihr wieder ein, warum sie sauer auf Damon war, und kehrte den Spieß um.

„Lass mal mein Treffen beiseite und sag mir Folgendes: Hast du Rachel tatsächlich zum Nachmittagstee ins Ritz ausgeführt?“

„Das war für mein Projekt“, wehrte er viel zu schnell ab. „Sie hilft mir dabei.“

„Hat Rachel nicht einen Universitätsabschluss in englischer Sprache und Literatur?“, erkundigte ihre Mutter sich. „Wie kann sie dir dann bei deinem … was war es doch gleich … Kinoprojekt helfen?“

„Das Kinoprojekt war vor zwei Jahren“, informierte Damon sie. „Jetzt habe ich ein neues.“

Natürlich hat er das, dachte Celeste. Er hatte ja immer ein neues Projekt, wollte immer das nächste glänzende Ding für sich haben. Aber ihre Freundin Rachel war kein Spielzeug! Als das sah er sie vermutlich zwar nicht, aber vermutlich war nicht gut genug.

„Sei bitte vorsichtig mit Rachel, ja?“ bat Celeste ihren Bruder. „Es wäre schlimm, wenn du ihr … nun ja, falsche Ideen in den Kopf setzt.“

„Es geht um Arbeit, sonst nichts“, bekräftigte er mit ausdrucksloser Stimme.

Das war gut. Wenn es denn stimmte. Rachel hatte schon immer leuchtende Augen bekommen, wenn sie mit Damon zusammen war.

Also war eine Warnung angebracht. Ihr Bruder war kein schlechter Typ, aber kein Mann, der sich binden wollte. Wenn er wusste, er könnte Rachel verletzen, würde er bestimmt vorsichtig sein, da war Celeste sich sicher.

„Arbeiten ist okay. Um ehrlich zu sein, ich glaube, sie hat schon immer ein bisschen für dich geschwärmt. Also mach ihr nicht mal unabsichtlich falsche Hoffnungen, okay, Bruderherz? Ich weiß ja, wie du bist.“

Da ging die Tür zum Flur auf, und ihr Vater stand da mit einer großen Platte in den Händen. Darauf lag absurderweise ein ganzes Spanferkel, komplett mit einem Apfel in der Schnauze und allen möglichen Beilagen drum herum.

„Der Hauptgang ist bereit“, verkündete er und lächelte selbstzufrieden, während er die Platte auf den von Kerzen beleuchteten Tisch stellte.

Fassungslos blickte Celeste auf den völlig übertriebenen Hauptgang und vergaß fürs Erste Damons Liebesleben. Und ihr eigenes Liebesleben vergaß sie ebenfalls …

Es war zwar nicht angenehm, wenn man bei einem Date Kaffee über den Schoß geschüttet bekam, fand Theo, aber der Lunch hatte den Zweck erfüllt, wie sich am Montag herausstellte.

„Sie ist gut für dich“, verkündete Cerys. „Wenn du die Leute überzeugen kannst, dass sie dich tatsächlich mag oder – noch besser – scharf auf dich ist, wird das den Eindruck machen, als wäre mehr an dir als nur ein hübsches Gesicht.“

Ob auch seine Agentin ihn bloß hübsch fand, fragte er lieber nicht. Er war sich nicht sicher, ob er die Antwort hören wollte.

Wie recht Cerys hatte, zeigte sich beim Meeting mit den Verantwortlichen für die Silvestershow, von der Theo hoffte, dass er sie noch moderieren durfte.

Man machte sich zuerst ein bisschen lustig über ihn, mahnte ihn zum Beispiel zur Vorsicht, als er sich Kaffee eingoss, aber das überhörte er geflissentlich.

Er war es seit vielen Jahren gewöhnt, sich nicht anmerken zu lassen, wenn er verärgert war. Sein Vater hatte ihn als kleinen Jungen oft getriezt und bis zur Weißglut gereizt, nur um sich dann über ihn lustig zu machen. Erst als Teenager hatte Theo gelernt, bei dem Spielchen nicht mehr mitzumachen.

Jetzt waren seine Gelassenheit und die Fähigkeit, Scherze auf seine Kosten zu akzeptieren, die Qualitäten, die ihn bei den Bossen beliebt machten und ihm die Butter aufs Brot sicherten. Wenigstens etwas, wofür er seinem Vater danken konnte.

„Was läuft denn wirklich zwischen dir und dieser Celeste?“, wollte Matthew aus der Finanzabteilung wissen. „Online heißt es, ihr würdet euch schon seit Monaten heimlich daten. Und Fran sagte mir, du wärst es gewesen, der Celeste unbedingt in der Show haben wollte, also …“ Bewusst ließ er den Satz unbeendet.

Theo überlegte. Sollte er jetzt Cerys’ Rat umsetzen und den Eindruck erwecken, er und Celeste wären ein Paar? Um so die Bosse und das Publikum zu überzeugen, dass mehr an ihm war als nur sein charmantes Lächeln?

„Du kennst mich, Matthew“, antwortete er dem Kollegen und setzte genau dieses berühmte Lächeln auf. „Ich bin ein Gentleman, der genießt und schweigt. Was steht denn heute auf der Agenda?“

Da noch viele Einzelheiten der Silvestershow zu besprechen waren, gelang es Theo, die Diskussion aufs Sachliche zu lenken und auf diesem Niveau zu halten. Beim Hinausgehen wurde er von Mr. Erland angesprochen, einem der ganz großen Tiere.

„Ich wollte nur sagen, Theo, am Freitag war ich nach der Show ziemlich besorgt und fürchtete schon, man müsse Sie für die nächsten Shows ersetzen, falls das Publikum sich landesweit gegen Sie stellt. Aber Sie scheinen gerade die Meinung zu Ihren Gunsten umzudrehen.“

„Ich versuche zumindest mein Bestes, Sir“, antwortete Theo ein wenig beklommen.

Mr. Erland schlug ihm auf die Schulter. „Ich setze immer auf die, die sich bemühen. Also weiter so, mein Lieber, dann kommt alles in Ordnung.“

Ein Weihnachtslied vor sich hin pfeifend verließ Mr. Erland den Konferenzraum.

Sobald Theo allein war, nahm er sein Handy und rief Celeste an.

Sie antwortete sofort. „Ja?“

„Haben Sie heute Nachmittag Zeit, Celeste? Oder eher heute Abend?“ Er musste erst noch etwas zu Mittag essen und sich um seine E-Mails kümmern.

„Wie denn jetzt: Nachmittag oder Abend?“

Er lächelte. „Hängt Ihre Antwort davon ab?“

„Nein, ich plane meine Termine nur gern präzise.“

„Klar! Um halb fünf also. Im Hyde Park. Ich möchte Ihnen ein Winterwunderland zeigen.“

„Sie meinen das ‚Winter Wonderland‘, vermute ich? Karussells, Buden und all das? Für Kinder?“

„Es ist nicht nur für Kinder“, verbesserte er sie. „Und es ist einer meiner Lieblingsplätze in London zur Weihnachtszeit.“

„Klar!“ Celeste seufzte. „Gut, ich treffe Sie da um halb fünf. An welchem Eingang?“

„Am Green Gate“, informierte er sie. Das war dem sogenannten Bayrischen Dorf am nächsten, und er hegte den Verdacht, um halb fünf würde er reif für einen Glühwein sein.

„Also, wir sehen uns dort“, meinte er und wollte schon auflegen, als ihm auffiel, dass sie noch nicht geantwortet hatte.

„Wir ziehen das also durch? Tun so, als wären wir befreundet?“, fragte Celeste.

Theo überlegte. Er wollte mit ihr auf dem Markt besprechen, dass er hoffte, sie könnten so tun, als wären sie mehr als nur befreundet. Dann würde er entweder einen Becher Glühwein ins Gesicht bekommen – oder einen Kuss ergattern. Beides ein gefundenes Fressen für die Fotografen, die auf dem Weihnachtsmarkt auf prominente Besucher lauerten.

„Wie ich schon sagte, mögen viele Menschen mich tatsächlich, wenn sie mich näher kennen“, sagte er schließlich. Als Celeste nicht darauf reagierte, fügte er resigniert hinzu: „Aber wenn Sie nur so tun, als wären wir befreundet, bin ich damit auch zufrieden.“

„Gut, ich sehe Sie also um halb fünf“, bemerkte Celeste. „Wenn wir andere davon überzeugen wollen, dass wir befreundet sind, sollten wir uns allerdings ab sofort duzen!“

Und damit beendete sie das Gespräch …

5. KAPITEL

Celeste verließ die U-Bahn an der Haltestelle Hyde Park Corner und ging zum Weihnachtsmarkt, der sich mit Lärm, Weihnachtsmusik und Lichtern weithin bemerkbar machte.

Theo hatte behauptet, er würde von den meisten Menschen bei näherer Bekanntschaft gemocht werden. Sie hatte ihm nicht verraten, dass sie genau davor Angst hatte.

Das Essen mit ihm hatte Spaß gemacht, abgesehen von dem Missgeschick mit dem Kaffee. Aber auch das hatte seine komische Seite gehabt. Die meisten hätten verärgert reagiert, doch Theo hatte nur ironisch gelächelt und den Kaffee abgewischt.

Sie hatten sich die meiste Zeit über gekabbelt, aber auch das war amüsant gewesen. Es machte ihr gar nicht so viel aus, wenn man nicht ihrer Meinung war … Falls derjenige ihr vorher zuhörte und nachher aufgrund ihrer Argumente seine Meinung korrigierte. Theo hatte nicht stur auf seiner vorgefassten Meinung beharrt und war somit eine angenehme Abwechslung gewesen.

Das war allerdings noch lange kein Grund, ihn zu mögen! Denn Theo mochte sie ja auch nicht wirklich.

Er tat nur so, um das britische Fernsehpublikum zu überzeugen, dass er nicht der neunmalkluge, herablassende Machoidiot war, als der er im Quiz gewirkt hatte.

Und die Zuneigung, die er ihr gegenüber zeigte, erschien Celeste alles andere als glaubwürdig. Nur ganz wenige Menschen hatten sie gern: Rachel und – möglicherweise – Damon. Dazu ein, zwei ihrer Kollegen und Studenten. Gelegentlich.

Celeste bemühte sich mehr um Anerkennung als um Zuneigung. Bisher hatte ihr das kein Kopfzerbrechen bereitet. Sie wusste, dass es nicht immer einfach war, mit ihr auszukommen, dass ihre Prioritäten nicht immer dieselben waren wie die anderer Menschen.

Mit Theo kam sie gut aus, sie verbrachte gern Zeit mit ihm … Sie hatte auch nichts dagegen, so zu tun, als hätten sie sich gern. Es ging dabei aber nur um den Nutzen für ihre jeweiligen Karrieren. Es hatte nichts mit ihnen als Personen zu tun.

„Ist doch ganz einfach“, sagte Celeste laut, was ihr den schrägen Blick eines kleinen Mädchens eintrug, das als Prinzessin kostümiert war und mit den Eltern zum Weihnachtsmarkt strebte.

Der war wirklich ein sehenswertes Spektakel. Celeste war noch nie dort gewesen, anders als ihre Kollegen, die sogar Exkursionen dorthin organisiert hatten. Das Areal war so weitläufig, dass man sich leicht verlaufen konnte. Daher war sie froh, dass Theo ihr einen bestimmten Eingang als Treffpunkt genannt hatte.

Sie entdeckte Theo sofort, der lässig an einer Laterne lehnte. Sein Gesicht war genauso perfekt wie im Fernsehen, und unwillkürlich erinnerte sie sich an den Moment in der Garderobe, als er sie bei der Arbeit unterbrochen hatte.

Sie hatte aufgeblickt und den attraktivsten Mann gesehen, der ihr im richtigen Leben jemals vor Augen gekommen war. Und er lächelte sie an. Da war sie in Panik geraten und hatte in das geschaltet, was Damon ihren professoralen Modus nannte.

Anscheinend brauchte es aber mehr als eklatante Unhöflichkeit, um Theo Montgomery abzuschrecken, wenn seine Karriere auf dem Spiel stand. Denn nun kam er sofort auf sie zu, wie üblich mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Celeste … du bist ja gekommen!“

„Dachten … dachtest du, ich würde kneifen?“

Vielleicht hätte sie das tun sollen und in ihrem sicheren kleinen Büro bleiben. In ihrem sicheren kleinen Leben.

Nein, sie war ja immun gegen Charme und all das! Auch ihr ging es nur um eine Karriereentscheidung.

Sie versuchte, eine freundliche Miene aufzusetzen – und Theo wich sichtlich erschrocken zurück.

„Was ist?“, fragte sie und wurde schlagartig wieder ernst.

„So ist es besser.“ Er sah erleichtert aus. „Ich hatte schon Angst, du würdest Glühwein über mich schütten, bevor wir noch drinnen sind.“

Celeste hielt die leeren Hände hoch. „Kein Glühwein.“

Er nahm ihre Rechte und hielt sie fest. „Dann müssen wir dir sofort welchen besorgen. Den kannst du trinken, während wir den Markt auskundschaften. Anschließend können wir reden.“

„Reden?“, wiederholte sie. Es war alles so verwirrend: Theos Worte, seine Berührung, die vielen Menschen, die rotierenden Lichter des Riesenrads in der Ferne. „Wir müssen reden?“

„Absolut. Und mir wäre entschieden lieber, wir tun das erst, wenn wir beide mit unserem Glühwein fertig sind.“

Nun musste sie lachen.

„Das ist besser“, bemerkte er. „Das wirkt jetzt echt, im Gegensatz zu dem erschreckenden Gesichtsausdruck am Tor eben.“

Wie lange war es her, dass sie richtig mit jemand gelacht hatte, außer mit Rachel und Damon? Sehr lange. Viel zu lange.

Noch immer ihre Hand haltend führte Theo sie zum Bayrischen Dorf mit den malerischen Buden, die mit bunten Lichterketten geschmückt waren.

„Na los, der Glühwein erwartet uns schon“, lockte er.

Das hier ist vielleicht genau das, was ich brauche, dachte Celeste.

Vielleicht lag es am Glühwein oder an dem ganz besonderen Zauber des Weihnachtsmarkts, jedenfalls schien Celeste von dem Date angetan zu sein. Theo war nicht so eingebildet zu glauben, es läge an ihm und seiner Gesellschaft. Aber immerhin hatte sie über seine Scherze gelacht und sich nicht über die mangelnde Echtheit des Bayrischen Dorfes beklagt, wozu durchaus Grund bestanden hätte.

Theo gestand sich ein, dass er tatsächlich Spaß hatte.

„Was hältst du von Eislaufen?“, fragte er, als sie am Eislaufplatz vorbeikamen.

„Abgesehen davon, dass mich der Gedanke daran in Panik versetzt?“

Dass Celeste eine Schwäche zugab, erstaunte ihn. Aber je länger sie zusammen waren, desto entspannter wurde sie und ließ immer öfter die Frau erkennen, die sich hinter der abweisenden Fassade verbarg.

„Dann heben wir uns das für ein anderes Mal auf“, versprach er. „Riesenrad?“ Sie sah ihn zweifelnd an. „Na gut, noch ein Glühwein und geröstete Kastanien dazu?“

„Das klingt gut.“ Sie klang erleichtert.

„Du machst nicht gerne Dinge außerhalb deiner Komfortzone, richtig?“, vermutete er, nachdem sie Glühwein besorgt und sich damit vor eine der Buden gesetzt hatten.

„Ich bin zu deiner albernen Show gekommen, richtig?“, konterte sie. „Obwohl ich mir bis heute nicht denken kann, wer mich für eine geeignete Kandidatin hat halten können.“

Theo zuckte leicht zusammen. „Also, das könnte … war … tatsächlich ich.“

„Oh!“ Celeste blinzelte erstaunt. „Das ist … Moment mal, woher wusstest du überhaupt, dass es mich gibt?“

„Ich habe dich mehrmals im Radio gehört. Du weißt ja, wie das geht: Man hört von einer Person, von der man bis dahin noch nie was gehört hat, und plötzlich taucht der Name dann überall auf.“

„Ich war nur ungefähr ein halbes Dutzend Mal im Radio“, sagte sie langsam. „Und nur in Programmen zu historischen oder politischen Themen. Ich hätte nicht gedacht, dass das zu deinen Interessensgebieten zählt.“

„Ich interessiere mich für vieles“, erwiderte er ausweichend.

Er würde ihr nicht verraten, dass er seit einigen Jahren an einer Fernuni Geschichte studierte und kurz vor seinem Abschluss stand. Sein erstes Studium an der Uni hatte er schon im zweiten Jahr aufgegeben, nachdem ihm ein Bekannter seinen ersten Fernsehauftritt vermittelt hatte.

Direkt nach der Schule war Theo einfach noch nicht bereit gewesen, fleißig zu studieren, zumal ihn sein Studienfach gar nicht interessiert hatte. Er hatte es nur gewählt, weil er sonst nicht von der Uni seiner Wahl akzeptiert worden wäre. Wobei die Uni eigentlich die Wahl seiner Eltern gewesen war …

Kein Wunder, dass ich das Studium geschmissen habe, dachte Theo nun.

Und kein Wunder, dass sein Vater ihm das nie verziehen hatte.

Inzwischen interessierte Theo sich fürs Lernen und fand es faszinierend, wieder zu studieren, und zwar etwas, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Das hatte er seinen Eltern aber noch nicht verraten. Und auch sonst niemandem.

Verglichen mit Celestes Karriere war er natürlich nur ein Anfänger, also erwähnte er sein Fernstudium auch ihr gegenüber lieber nicht.

Da sie ihn immer noch misstrauisch ansah, hielt er es für angebracht, das Thema zu wechseln.

„Was hältst du vom Winter Wonderland?“, wollte Theo wissen.

Celeste musterte die Umgebung, also tat er es auch. Es war belebt, laut, es gab viele Lichter, Musik, Kinder, Buden und Jahrmarktsattraktionen wie Karussells und Ähnliches. Ihm hatte das Durcheinander bisher immer gut gefallen, aber nun sah er es sozusagen durch ihre Augen, und ihm fielen Dinge auf, über die sich manche Leute in den Zeitungskommentaren beklagten: Kitsch, Lärm, Müll.

Celeste aber lächelte. „Mir gefällt es“, lautete ihr Urteil.

Ihm fiel ein Stein vom Herzen – bis sie ihren forschenden Blick auf ihn richtete.

„Du hast vorhin gesagt, wir müssten reden?“, erinnerte sie ihn.

Ja, und jetzt bedauerte er es. Wenn er ihr gestand, er habe seinen Kollegen gegenüber angedeutet, er und sie würden sich daten, schüttete sie ihm womöglich den Glühwein ins Gesicht. Trotzdem war ein Geständnis das einzig Richtige. Na gut, das wirklich einzig Richtige wäre gewesen, erst gar nicht zu lügen, aber dieser Zug war ja nun abgefahren.

Theo trank einen großen Schluck Glühwein und überlegte, wie er das heikle Thema am besten anschneiden könnte.

Sie kam ihm zuvor. „Geht es um die Theorien, die über unsere Beziehung online kursieren? Mein Bruder mag am liebsten die, dass du und ich uns schon seit Monaten heimlich daten und einen Streit hatten am Tag, als das Quiz aufgezeichnet wurde. Und auch einen, als wir Essen waren und ich dir den Kaffee in den Schoß gekippt habe.“

„Wäre es denn so schlimm, wenn die Leute denken, wir sind ein Paar?“, fragte er gespielt unschuldig.

„Wem hast du das gesagt?“, fragte Celeste scharf zurück.

Woher wusste sie das denn? „Ich habe es niemandem gesagt. Nicht direkt jedenfalls. Ich habe nur niemanden korrigiert, der es angenommen hat.“

Autor

Louise Fuller

Louise Fuller war als Kind ein echter Wildfang. Rosa konnte sie nicht ausstehen, und sie kletterte lieber auf Bäume als Prinzessin zu spielen. Heutzutage besitzen die Heldinnen ihrer Romane nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch einen starken Willen und Persönlichkeit.

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Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel.
Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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