Julia Extra Band 553

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SINNLICHES LIEBESMÄRCHEN IN PARIS von MICHELE RENAE

Ein glamouröses Fotoshooting in Abendrobe soll Azalea nach ihrer Trennung aufmuntern. Stattdessen flieht sie vor dem zudringlichen Fotografen, direkt in die Arme von Millionär Sebastian Mercier. Überraschend lädt er sie zu einem Ball ein – wie Cinderella. Wird doch ein Märchen wahr?


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  • Erscheinungstag 18.06.2024
  • Bandnummer 553
  • ISBN / Artikelnummer 9783751525657
  • Seitenanzahl 432
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Michele Renae, Millie Adams, Ally Blake, Natalie Anderson

JULIA EXTRA BAND 553

1. KAPITEL

„O nein, ganz bestimmt nicht!“

Die Frau, die Sebastians Heiratsantrag gerade so kategorisch abgelehnt hatte, dass sie ihm den Verlobungsring regelrecht vor die Füße warf, stieß die Wagentür auf und kletterte empört hinaus. Dann drehte sie sich noch einmal um und deutete anklagend mit dem Zeigefinger auf ihn.

„Du, Sebastian Mercier, bist ein Schuft. Du willst mich nicht heiraten, weil du mich liebst, sondern weil du die Kontrolle über die Firma deiner Familie ergreifen willst. Aber ich lasse mich nicht kaufen.“ Sie schüttelte verächtlich den Kopf. „Männer!“

Mit diesen Worten eilte sie auf ihren halsbrecherischen Designerabsätzen davon.

Sebastian lehnte sich auf dem Rücksitz seiner Limousine zurück und schloss die Augen. Das war jetzt sein zweiter fehlgeschlagener Antrag innerhalb von sechs Monaten. Und er hatte gedacht, dass es leicht sein würde, eine Ehefrau zu finden. Doch wie es aussah, reichte es nicht, reich zu sein, ein luxuriöses Heim in Paris und darüber hinaus hervorragende Verbindungen zu allem zu besitzen, was Rang und Namen hatte, um einer Frau ein „Ja, ich will!“ zu entlocken.

Nun, er war kein kompletter Narr. Frauen wünschten sich eine emotionale Verbindung. Ein funkelnder Ring allein war kein ausreichender Anreiz. Aber er hatte es zumindest probieren müssen. Amie und er waren immerhin drei Wochen lang miteinander ausgegangen. Sie hatten sich jeden Tag gesehen und fantastischen Sex gehabt. Als Fashion-Influencerin mit Millionen von Followern war Amie die perfekte Wahl für ihn gewesen. Sie stammte von altem Geld ab und hatte wertvolle Kontakte in der Modebranche.

Aber nach dem jüngsten Medien-Leak war die Konkurrenz zwischen ihm und seinem Bruder Philippe nicht mehr länger ein Geheimnis. Und für manche Menschen waren solche Informationen von Bedeutung. Vor allem, wenn es ihre Zukunft beeinflusste.

Oder ihr Herz.

Amies Zurückweisung schmerzte weitaus weniger als erwartet. Er war ja nicht verliebt in sie gewesen. Ebenso wenig, so nahm er zumindest an, wie Amie in ihn. Das zwischen ihnen war eine leidenschaftliche Affäre gewesen. Und das war ihm auch nur recht gewesen. Liebe hatte im Geschäftsleben nichts zu suchen. Und bei seiner Suche nach einer geeigneten Braut schon gar nicht! Jedenfalls nicht, solange das sein korrekter Antragstext war: „Willst du mich heiraten und mein Kind zur Welt bringen, damit ich die Kontrolle über das Familienunternehmen ergreifen kann?“

Und überhaupt – wie fühlte sich Liebe eigentlich an?

Er würde es erneut versuchen, wenn sich ihm die Gelegenheit bot. Er musste. Philippe durfte nicht gewinnen! Doch zuerst würde er sich einen starken Drink genehmigen. Schließlich war es einem Mann doch wohl erlaubt, das Ende einer Beziehung zu betrauern, oder?

Er steckte den Ring zurück in die Innentasche seines Jacketts und streckte sich über die Sitzbank aus, um die offene Wagentür zu schließen, als eine Frau ihm auf Englisch zurief, er solle die Tür aufhalten.

Das Nächste, was er sah, war eine wunderschöne blonde Frau in einem zartrosafarbenen Kleid, das über und über mit glitzernden Pailletten besetzt war. Sie kam auf den Wagen zugeeilt, die Arme flehend ausgebreitet in der stummen Bitte, auf sie zu warten.

Sebastian lehnte sich wieder zurück, und sie stürzte regelrecht in den Wagen. Interessiert musterte er sie und blinzelte überrascht, als sie ihm ihre Handtasche und irgendein undefinierbares Kleidungsstück in den Schoß warf und die Tür hinter sich zuzog.

„Fahren Sie!“, forderte sie seinen Fahrer auf und verlieh ihren Worten Nachdruck, indem sie mit den Fäusten gegen den Vordersitz hämmerte. „Bitte! Er ist hinter mir her!“ Sie wischte sich eine Locke aus dem Gesicht und sah panisch zu Sebastian herüber. „Es tut mir leid, aber könnten Sie mich einfach nur ein paar Blocks weit mitnehmen? Um ihn abzuschütteln.“ Herrliche blassblaue Augen, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern, blickten flehentlich zu ihm auf.

„Es ist also jemand hinter Ihnen her? Vor wem muss ich Ihre Ehre verteidigen, Mylady?“

„Es ist der Fotograf. Er ist mir nach, weil ich ihn getreten habe …“ Noch immer schwer atmend klopfte sie sich auf die Brust.

Sebastians Beschützerinstinkt erwachte. Er blickte zur Heckscheibe hinaus. Kein Zeichen eines Verfolgers. Er nickte dem Fahrer zu, der sich sogleich in den fließenden Verkehr einfädelte. Was sprach dagegen, dass er für eine Weile bei dieser Sache mitspielte, nur um zu sehen, wie sie sich entwickelte?

Ihre Atmung beruhigte sich ein wenig. Sie legte ihre Hand auf seine und tätschelte sie. „Vielen Dank. Sie sind mich gleich wieder los. Ich musste einfach nur weg von diesem Mann.“

„Wenn Sie in Schwierigkeiten sind …“

„Was? Würden Sie meine Ehre verteidigen?“

„Selbstverständlich, Mademoiselle. Meine Limousine steht Ihnen zur Verfügung.“

„Ich denke, ich verzichte für heute, aber denken Sie nicht, dass ich das Angebot vergessen werde.“

„Es gilt jederzeit für eine Maid in Nöten.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und ihm fielen die Sommersprossen auf, die über ihr gesamtes Gesicht verteilt waren.

Niedlich.

„Ist das Ihre Limo? Oh, verflixt, mir tut das alles wirklich leid.“

„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich hatte noch nie zuvor die Gelegenheit, einer Maid in Nöten zu Hilfe zu kommen. Das macht sich doch sicher gut in meinem Lebenslauf, denken Sie nicht?“

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Oh, ganz gewiss sogar.“

„Darf ich trotzdem fragen, was genau vorgefallen ist?“

„Nun.“ Glättend strich sie über ihren funkelnden Rock. „Meine Freundin hat mir ein Prinzessinnen-Fotoshooting geschenkt“, erklärte sie. „Weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hat, wissen Sie? Ich bin sechs Monate mit Lloyd gegangen, und ich war sicher, dass er mir einen Antrag machen würde. Also habe ich ihn an jenem Abend in dem schicken Restaurant gefragt, ob er Kinder will. Er hat einfach gelacht. Und gemeint, dass er Kinder nicht ausstehen kann. Können Sie sich das vorstellen?“

Sebastian war sich nicht sicher, ob sie wirklich eine Antwort erwartete, doch er kam nicht dazu, etwas zu erwidern, denn sie sprach bereits weiter. Es war, als würde die Anspannung mit den Worten aus ihr herausfließen, also ließ er sie reden.

„Und dann“, fuhr sie dramatisch fort, „hat Lloyd mir gestanden, dass er mit meiner Mitbewohnerin geschlafen hat, die außerdem noch meine Chefin im Blumenladen war. Und die dann auch noch darauf bestanden hat, dass ich aus unserer Wohnung ausziehe, während sie mit Lloyd in den Urlaub fährt!“ Sie hielt inne und verzog das Gesicht. „Das ist ein bisschen zu viel an Informationen, oder? Tut mir leid, ich bin ein bisschen durch den Wind. Egal. Jedenfalls war ich wegen dieses Fotoshootings total aufgeregt. Und das Kleid ist wirklich toll, oder? Und das Make-up und die Haare. Ich sehe wirklich aus wie eine Prinzessin, finden Sie nicht auch?“

Er nickte und konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. Eine Prinzessin mit Sommersprossen, die mehr wie ein frecher Kobold aussah, der sich in einer Welt aus Glanz und Glamour verlaufen hatte, in die sie nicht wirklich gehörte. Aber was wusste er schon? Wenn sie wirklich in Gefahr schwebte, dann war er wirklich froh, dass sie sich in seinen Wagen gerettet hatte.

Azalea schwafelte. Das war eine schlechte Angewohnheit von ihr, die immer dann zum Vorschein kam, wenn sie nervös war. Oder wenn sie sich fürchtete, so wie jetzt. Wobei, so wirklich fürchtete sie sich jetzt eigentlich nicht mehr, jetzt, wo sie mit diesem Mann zusammen war. Er schien ein echter Gentleman zu sein. Und er sah gut aus.

Sein dunkles Haar war kurzgeschnitten, und es kitzelte sie in den Fingern, mit den Fingern hindurchzufahren. Sein Gesicht war kantig und auf seinem Kinn zeichnete sich ein leichter Bartschatten ab. Der schwarze Anzug, den er trug, stammte definitiv nicht von der Stange, und die Funkelsteine an seinen Manschettenknöpfen waren ganz sicher kein Modeschmuck.

Ein Finanzhai vielleicht, der mit seiner Firma kleine Unternehmen aufkaufte, zerstückelte und gewinnbringend verkaufte? Oder vielleicht ein international gesuchter Juwelendieb? Sie schmunzelte über ihre eigenen albernen Ideen. Aber, mal ehrlich, wer konnte schon den charmanten Langfingern aus den alten Schwarz-Weiß-Hollywoodfilmen widerstehen? Und er wirkte ehrlich besorgt um sie.

„Ich kann mir ein Leben ohne Kinder und Familie nicht vorstellen, wissen Sie? Ich liebe Kinder!“

Gott, Azalea, sei endlich still, schalt sie sich selbst. Sie wollte nicht, dass er sie für komplett verrückt hielt. Und vielleicht waren sie auch schon weit genug gefahren.

„Kinder sind wunderbar“, sagte der gut aussehende Mann neben ihr. „Sie scheinen sich ein bisschen beruhigt zu haben. Ich hoffe, der Fotograf hat Sie nicht bedrängt?“

„Nun.“ Sie seufzte schwer. „Er hat ziemlich abscheuliche, anzügliche Bemerkungen gemacht. Und er hat mich angefasst. So, wie keine Frau von einem Wildfremden angefasst werden will. Also bin ich in Panik ausgebrochen.“

Es war alles steil bergab gegangen, als der schmierige Fotograf sich mit seinen Fingern an ihrem Kleid zu schaffen gemacht hatte. Angeblich, um es zurechtzuzupfen. Doch er war eindeutig zu weit gegangen, und Azalea hatte blitzschnell reagiert.

Ihr Vater hatte ihr und ihrer Schwester Dahlia beigebracht, dass sie, wenn sie sich in der Gegenwart eines Mannes je unwohl fühlten, sofort zutreten und die Flucht ergreifen sollten.

Und genau das hatte sie getan.

„Mein Dad hat mir Selbstverteidigung beigebracht. Ich habe einen sehr kraftvollen Tritt. Habe ihn genau da erwischt, wo es wehtut, und mir dann meine Sachen geschnappt und …“ Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Sie war davongekommen. Weil sie die Nerven behalten und blitzschnell reagiert hatte. Doch jetzt, wo ihr Adrenalinlevel langsam wieder den Normalzustand erreichte, fühlte sie sich zittrig und wollte sich am liebsten einfach nur irgendwo zusammenrollen und heulen.

Aber nein, sie war eine starke Frau. Sie würde sich ein Hotel suchen, in dem sie die Nacht verbringen konnte, Maddie eine Nachricht schicken, dass sie diesen Fotografen bloß niemandem mehr empfehlen sollte, und dann morgen früh nach Ambleside zurückkehren. Der Tag war auf jeden Fall im Eimer. Kein Prinzessinnen-Tag für Azalea Grace, wie es aussah. Aber zumindest war sie einem Ritter in glänzender Rüstung begegnet, und das war doch immerhin auch schon etwas.

„Sagen Sie mir einfach, wo ich ihn finden kann, dann kümmere ich mich um ihn“, bot der Fremde an.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich wäre Ihnen ein paar Wochen früher begegnet, als Lloyd mit mir Schluss gemacht hat. Und was heute betrifft … Ich will diesen Tag einfach nur vergessen.“ Sie nahm ihre Sachen von seinem Schoß. „Entschuldigen Sie, wie unhöflich von mir. Ich bezahle Sie natürlich für die Fahrt.“

„Keine Entschuldigung notwendig. Es ist nur wichtig, dass es Ihnen gut geht.“

„Ich bin okay.“

„Kann ich Sie irgendwo absetzen?“

„Ich … werde mir irgendwo ein Hotelzimmer nehmen. Meine Freundin und ich haben den Nachmittag zusammen verbracht. Es war so schön, Maddie wiederzusehen. Wir sind nämlich zusammen aufgewachsen, wissen Sie? Sie ist dann nach Paris abgedüst, sobald wir unseren Abschluss in der Tasche hatten. Egal, sie hat mir auf jeden Fall einen Gutschein für ein Hotel im zehnten Arrondissement gegeben. Er ist irgendwo in meiner Tasche.“ Sie fing an, darin herumzuwühlen. „Was für ein scheußliches Ende für einen Tag, der so gut angefangen hat. Ich bin einfach nur … Ach, ich glaube, ich brauche einen Drink.“

„Dasselbe habe ich auch gedacht, bevor Sie in meinen Wagen gestiegen sind. Ich hätte da ein Angebot für Sie.“

„Ja? Beinhaltet Ihr Angebot alkoholische Getränke?“

„Das ist durchaus im Rahmen des Möglichen. Ebenso wie dekadente Leckereien und winzige Horsd’œuvres.“

Sie lächelte. Er schien wirklich in Ordnung zu sein. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er ein Lustmolch war, so wie dieser Fotograf. Sie wollte mehr über dieses Angebot hören. Instinktiv hatte sie das Gefühl, diesem Mann vertrauen zu können.

Sie legte ihre Tasche beiseite und schaute ihn an. „Okay, ich bin ganz Ohr.“

„Ich war auf meinem Weg zu einer Party, aber mein Date …“

„Oh, ich habe die junge Frau gesehen, die ausgestiegen ist. Ich dachte, sie wäre von einem Taxi rausgelassen worden. Sie war Ihr Date?“

„Ja. Aber jetzt nicht mehr. Wir hatten …“

„Eine kleine Meinungsverschiedenheit?“

„So etwas in der Art. Inklusive Liebeskummer.“

Er verzog das Gesicht. Liebeskummer konnte im Grunde ja nur heißen, dass sie sich getrennt hatten. Armer Mann. Er brauchte eine Umarmung mindestens ebenso dringend wie sie.

„Ich vermute, Sie wollen Ihre Sorgen vergessen?“, fragte er.

„So ist es.“

„Und auch wenn ich absolutes Mitgefühl für Sie habe, wegen dem, was Ihnen da vorhin passiert ist, dachte ich … Nun, könnte ein bisschen Tanzen und Champagner Ihre Stimmung vielleicht verbessern?“

„Ich mag Champagner. Und Tanzen. Und hatten Sie winzige Horsd’œuvres erwähnt?“

„Das habe ich in der Tat. Aber ich sollte Sie nicht drängen, mich zu begleiten. Ich bin praktisch ein Fremder für Sie.“

„Das sind Sie.“

Er reichte ihr seine Hand. „Sebastian Mercier.“

Die Wärme, die er ausstrahlte, ließ einen wohligen Schauer ihren Rücken hinunterrieseln. Ihr Ritter in glänzender Rüstung roch sogar gut, nach einer Mischung aus Vanille und Zedernholz.

„Azalea Grace“, sagte sie.

„Wie die Blume? Passt zu Ihnen.“

„Danke. Meine Freunde nennen mich Lea.“

„Würden Sie gern ein paar Stunden mit mir verbringen und versuchen, Ihre Sorgen zu vergessen? Sie sind auf jeden Fall passend für die Soiree gekleidet.“

Sie strich über den Stoff des Rocks. „Das Kleid gehört mir nicht. Ich muss es zurückgeben. Aber … Oje, wie soll ich das nur anstellen? Ich kann nicht wieder in dieses Studio zurück.“

„Ich kümmere mich darum. Nach der Party. Sie haben andere Kleidung hier?“

Sie seufzte und betrachtete die Kleidungsstücke auf ihrem Schoß. „Sieht so aus, als hätte ich mir nur meine Jeans geschnappt, als ich davongelaufen bin.“

„Keine Sorge. Ich werde mich auch darum kümmern. Aber jetzt gibt es erst einmal eine Party.“

„Ich dachte, es wäre eine Soiree?“

„Das ist doch mehr oder weniger dasselbe. Also, sind Sie dabei?“

„Ich bin dabei“, antwortete sie enthusiastisch. „Lassen wir es so richtig krachen!“

Lea war sich nicht sicher, in was für einer Parallelwelt sie gelandet war, als sie hinten in die Limo eingestiegen war. Aber sie würde die Zeit, die sie hier verbringen durfte, nutzen. Sie saß neben einem sexy Franzosen in einem maßgeschneiderten Anzug, dessen Lächeln tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch zum Flattern brachte.

Der Tag hatte gut begonnen. Vor dem Fotoshooting hatten Maddie und sie zusammen zu Mittag gegessen und waren dann zum Jardin du Luxembourg spaziert. Dabei hatten sie sich über ihre Jobs, Männer und das Leben im Allgemeinen unterhalten.

Tränen waren geflossen, als Lea ihrer Freundin von ihrer Trennung von Lloyd berichtete. Sie war sich so sicher gewesen, dass er ihr an jenem Abend in dem Edelrestaurant einen Antrag machen würde. Das war auch der Grund dafür gewesen, dass sie ihn im Laufe der Vorspeise nach seiner Einstellung zu Kindern gefragt hatte. Seine Antwort hatte sie kalt erwischt. Was für ein Ungeheuer betrachtete Kinder als Last und Hindernis, die dem eigenen Lebensstil im Weg standen?

Und dann hatte er ihr das Herz gebrochen. Lloyd hatte seinen Teller zur Seite geschoben und gemeint, dass er keine Sekunde mehr länger warten konnte. Dass er ihr etwas gestehen müsse.

Damit hatte Lea ja bereits gerechnet – aber das, was er dann sagte, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Er hatte mit
ihrer Mitbewohnerin geschlafen, die zugleich auch noch ihre Chefin war. Und darüber hinaus hatte Lloyd auch noch die Unverschämtheit besessen, anzudeuten, sie sei unkultiviert. Dass sie ein einfaches Mädchen vom Lande sei, die einfach nicht zu seinen ach-so-wichtigen Londoner Freunden passte.

Er und seine neue Flamme – ihre Chefin! – waren am nächsten Tag in den Urlaub nach Griechenland geflogen. Sie hatten darauf bestanden, dass Lea die Wohnung geräumt haben musste, bevor sie wieder zurück waren.

Also hatte sie ihre Siebensachen zusammengepackt und war nach Ambleside zurückgekehrt, wo sie bei ihrem Vater auf der Farm unterkroch, um ihre nächsten Schritte zu planen.

Warum traf sie immer die falschen Entscheidungen? Wenn es nicht der schreckliche Haarschnitt im Siebziger-Jahre-Stil war, dann war es der Impulskauf eines auberginefarbenen Lippenstifts, der ihrem hellen Teint nun wirklich keinen Gefallen tat.

Und war sie je mit einem Mann ausgegangen, der sie nicht in irgendeiner Weise verändern wollte? Sogar Ralph Madding, der Hühnerfarmer am Ende der Straße, mit dem sie als Neunzehnjährige ausgegangen war, hatte sich über ihren Unabhängigkeitsdrang beklagt. Frauen sollten kochen, saubermachen und sich um den Nachwuchs kümmern, hatte er gesagt.

Nicht, dass Lea etwas gegen Kochen und Saubermachen hatte. Es war einfach nur die Erwartungshaltung, die sie so ärgerte. Warum konnten Männer und Frauen nicht einfach Seite an Seite leben, ohne sich gegenseitig in irgendwelche Schubladen zu stecken? War das wirklich zu viel verlangt?

Eine Nacht in Paris mit einem zum Niederknien attraktiven Franzosen, dem sie gerade zum ersten Mal begegnet war? Nun, das war definitiv einmal etwas anderes, ein Ausbruch aus ihrer täglichen Routine. Und ein Weg, diesen miserablen Tag mit einem Fanfarenstoß zu beenden.

2. KAPITEL

Das Kleid fühlte sich auf Leas Haut an wie Feenstaub und Sternenglanz. Der blassrosa Chiffon, bedeckt von einer hauchdünnen Lage mit glitzernden Silbersternen besticktem Netzstoff, war traumhaft schön.

Das lange, leicht gewellte blonde Haar war hochgesteckt und mit glitzernden Clips befestigt, die zu den Sternen auf ihrem Kleid passten. Ihr Make-up war dezent und ließ ihren natürlichen Teint – samt Sommersprossen – durchschimmern. Die Maskenbildnerin hatte ihr die perfekte Lippenfarbe verpasst. Knallpink – wer hätte das für möglich gehalten?

Lea war auf dem Land aufgewachsen und an praktische, eher schlichte Outfits gewöhnt. Umso mehr liebte sie es, wenn sie eine Gelegenheit fand, ihre innere Prinzessin herauszulassen.

Verstohlen blickte sie zu dem Mann neben ihr auf der Rückbank hinüber. Sebastian. Es war möglich, dass er sich als weiterer Widerling entpuppte, aber das Gefühl hatte sie eigentlich nicht. Was nicht bedeutete, dass sie ihn nicht im Auge behalten würde. Schon allein, um sich selbst zu kontrollieren. Denn, verdammt, dieser sexy Schlafzimmerblick und die dunklen Locken ließen sie nicht kalt.

Der Wagen hielt vor einem schicken Gebäude, bei dem ein roter Teppich von der Straße hin bis zur Eingangstür reichte. Aus dem von zuckenden Neonlichtern erhellten Inneren konnte sie das Wummern von Bässen hören.

Irgendwie hatte sie sich eine Soiree immer anders vorgestellt. Gesittet, möglicherweise mit Tee und Kresse-Sandwiches.

„Was für eine Art von Party ist das?“, fragte sie nervös. Sie kannte sich in Paris nicht aus, sprach nicht einmal die Sprache. Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, das Angebot ihres Retters anzunehmen.

„Eine Feier zum Release von Jean-Claudes neuestem Parfüm. Keine Sorge, es wird Spaß machen.“

Sie mochte Parfüm – aber dennoch. „Es sieht alles sehr edel aus. Sind da Prominente drin?“

Sebastian zuckte mit den Achseln. „Vermutlich.“ Er hob eine Braue. „Wieso? Macht Sie das etwa nervös?“ Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „In diesem Fall fordere ich Sie hinaus.“

Sie schluckte hart. Das, was sich am Ende dieses roten Teppichs befand, war vermutlich meilenweit außerhalb ihrer Komfortzone. Aber sie würde heute nicht noch eine Niederlage erleben.

Noch immer ein wenig unsicher blickte sie zu ihm auf. „Sebastian, richtig?“

Er nickte. „Ich stehe Ihnen die ganze Nacht zu Diensten, Mademoiselle. Und Sie werden sich vergnügen, das verspreche ich Ihnen.“

Das Versprechen eines Franzosen, dessen Lächeln so verführerisch war, dass ihr die Knie weich wurden, war das Aufregendste, was sie je erlebt hatte.

Sie ergriff seine Hand und ließ sich von ihm den roten Teppich hinaufführen. An der Tür nickte ein Türsteher mit dunkler Sonnenbrille Sebastian zu und hakte etwas auf einer Liste ab, die er in Hand hielt.

Wenn Lloyd sie jetzt nur sehen könnte!

Der Ballsaal war riesig, und die Architektur war atemberaubend. Gewölbte Decken, Bögen und Säulen, dazu Fenster im Art-déco-Stil. Und alles war geschmückt mit Glitzerbändern, bunten Luftballons und Bahnen von schimmerndem Stoff.

Die Gäste hatten sich allesamt in Schale geworfen. Überall funkelten Diamanten und Juwelen. Und Lea bemerkte den schweren Duft eines Parfüms, der wie ein unsichtbarer Nebel über allem hin.

Es musste der Duft sein, um den es auf der Party ging. Er roch teuer und unheimlich süß, wie Bonbons.

Rosa Neonbuchstaben hingen an transparenten Seilen von der Decke herab. Sie bildeten einen Namen.

„Câlin?“, fragte Lea.

„Es bedeutete so viel wie Umarmung oder Zärtlichkeit“, erklärte Sebastian. „Eine seltsame Namenswahl, wenn man es recht bedenkt. Wir Franzosen stehen nämlich gar nicht so besonders auf Umarmungen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Es ist der Name des Parfüms.“

„Keine Umarmungen, nein?“ Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, ihre Arme um Sebastians breite Schultern zu legen, sich an ihn zu schmiegen und ihren Kopf an seine Schulter zu lehnen. Er verdiente eine Umarmung dafür, dass er sie gerettet hatte. Als Balsam für sein eigenes gebrochenes Herz. Aber sie wollte ihm auch nicht zu nahe treten.

Franzosen mochten also keine Umarmungen? Sie bot ihm stattdessen ihren kleinen Finger an, den sie leicht gekrümmt hatte.

Er blinzelte verständnislos und sie lachte.

„Eine Fingerumarmung“, erklärte sie. „Das haben meine Schwester und ich immer gemacht.“

Lächelnd verschränkte er seinen kleinen Finger mit ihrem. „Ich fürchte, wir werden beide riechen, als wären wir in einen Bottich mit teurem Parfüm gefallen, wenn wir wieder gehen.“

„Wenigstens riecht es gut.“

„Wie etwas, das man essen könnte, nicht wahr?“

Sie nickte im Takt der Musik. „Ja. Sie müssen es direkt in die Luft blasen.“

Es war höchste Zeit, ihre Probleme zu vergessen. Sie wollte endlich Lloyd vergessen und auch den Fotografen, der sie zu begrapschen versucht hatte. Sie war hier, um zu feiern.

„Möchten Sie Champagner?“, fragte Sebastian, laut genug, dass sie ihn über das Dröhnen der Bässe hinweg verstehen konnte.

„Noch nicht. Ich will tanzen!“

Als sie seine Hand ergriff, folgte er ihr auf die Mitte der Tanzfläche. Drei oder vier Songs später fühlte Azalea sich regelrecht energiegeladen. Bewegung half ihr immer dabei, sich besser zu fühlen. Und Sebastian hatte ganz offensichtlich keine Mühe, mit ihr mitzuhalten.

Er hatte die Knöpfe seiner Anzugjacke geöffnet und bewegte sich in absoluter Harmonie mit ihr. Nicht einmal ihre ausgefalleneren Dance Moves konnten ihn aus dem Konzept bringen. Welcher Mann hatte ihrer Energie auf der Tanzfläche je etwas entgegenzusetzen gehabt?

Lloyd ganz sicher nicht, so viel stand fest. Er war viel zu verkrampft, um sich mal ein bisschen zu entspannen. Und trotz Sebastians schickem Anzug und den Diamant-Manschettenknöpfen tanzte er, als wäre es ihm völlig gleichgültig, was die Welt von ihm dachte.

Die Frau, die aus seiner Limo geflüchtet war, hatte ihn abserviert? Armer Kerl. Er brauchte diese Nacht mindestens ebenso dringend wie sie!

Er ergriff ihre Hand und wirbelte sie ein paarmal im Kreis herum. Azalea lachte und warf den Kopf in den Nacken. Sie fühlt sich frei und ungezwungen. Und als die Musik langsamer wurde, legte sie die flachen Hände auf seine Brust, und sie wiegten sich zusammen im Takt der Musik, während über ihnen die Lichter der Partybeleuchtung funkelten.

Sein Aftershave betörte ihre Sinne. Sie atmete tief ein, begrüßte das leichte Schwindelgefühl, das es in ihr auslöste. In einem Moment wie diesem konnte sie sich glatt verlieren. Und vielleicht hatte sie das sogar schon getan. Etwas an diesem charmanten Franzosen rührte ihr verletztes Herz an. Es gab ihr Hoffnung. Weckte in ihr womöglich sogar den verzweifelten Wunsch, es noch einmal zu probieren.

Konnte sie sich eine Affäre mit einem Fremden vorstellen?

Es war nicht ihre Art, aber es fühlte sich wie etwas an, das sie … einfach verdiente. Nun, sie würde sehen, wie sich der Abend entwickelte.

„Amüsieren Sie sich?“, fragte er.

„Sehr sogar!“

Er lächelte. „Ich ebenfalls.“

„Es tut Ihnen nicht leid, dass Sie nicht mit der Person hier sind, mit der Sie eigentlich den Abend haben verbringen wollen?“

„Kein Stück. Ich habe längst ihren Namen vergessen. Sie sind ein echter Wirbelwind auf der Tanzfläche. Und Ihre Sommersprossen … Ich könnte mich in Sie verlieben, Azalea Grace.“

Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Verlieben Sie sich ruhig, so viel Sie wollen. Heiraten würde ich Sie niemals.“

„Keine Sorge, meine Familie würde …“ Dann schien er zu realisieren, was sie gesagt hatte. „Was, warum?“

Seine Familie würde sie nicht akzeptieren – das hatte er sagen wollen. Aber das war Lea egal. Ebenso wie die Tatsache, dass sie in völlig verschiedenen Kreisen der Gesellschaft verkehrten. Denn das hier war eine einzige Nacht – und die würde sie sich nicht nehmen lassen.

Sie zuckte mit den Achseln. „Eine Heirat steht für mich nicht in den Sternen.“

So sehr sie sich auch nach einer eigenen Familie sehnen mochte, sie war nicht bereit, sich noch einmal einem anderen Menschen gegenüber so verletzlich zu machen.

„Aber wissen Sie, was mein nächstes Ziel ist?“, sprach sie weiter.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Verraten Sie es mir?“

Sie lachte. „Champagner.“

Ein paar Stunden später hatte Sebastian bereits sein drittes Glas Champagner intus – ebenso wie Azalea. Sie hatte gemeint, dass ihre Freunde sie Lea nannten. Er selbst kürzte ihren Namen aber lieber mit Zee ab.

Er spürte die Wirkung des Alkohols, war aber nicht betrunken. Und seine Sinne waren geschärft, sodass er jede Berührung, jeden Blick, jedes Lachen von ihr überdeutlich wahrnahm.

„Kennen Sie all diese Leute?“, fragte Lea, als sie Seite an Seite standen und auf die Tanzfläche blickten. Irgendwann hatten sie wie von selbst angefangen, sich an den Händen zu halten. Sie weigerte sich, darüber nachzudenken. Es fühlte sich einfach richtig an. „Jedenfalls scheinen viele dieser Leute Sie zu kennen.“

„Mit den meisten bin ich bekannt.“ Er zuckte mit den Achseln. „Es ist ein eng miteinander verwobenes Netzwerk. Mein Bruder sollte heute Abend eigentlich auch hier sein, aber ich habe ihn noch nicht gesehen.“

Natürlich hätte Philippe, wäre er denn aufgetaucht, seine neueste Flamme vorgeführt und sich erkundigt, warum Sebastian mit einer Engländerin hier war. Nicht, dass seine Familie etwas gegen Engländer hatte. Es war nur einfach so, dass Sebastian üblicherweise keine Fernbeziehungen führte.

„Ein Mädchen aus Paris würde gut zu dir passen“, sagte seine Mutter Angelique ihm immer. „Nicht zu viel im Kopf, aber schön. Und was die Liebe betrifft, mach dir darüber keine Gedanken. Niemand heiratet heutzutage noch aus Liebe.“

Sebastian musste über sich selbst den Kopf schütteln. Vorhin wäre er beinahe damit herausgeplatzt, dass seine Familie sie niemals akzeptieren würde. Wie unhöflich von ihm. Und unangebracht noch dazu. Zum Glück schien Zee es sich nicht zu Herzen genommen zu haben.

Und heute Abend ging es ausnahmsweise einmal nicht um seinen Konkurrenzkampf mit Philippe. Nein, es ging darum, sich über die Zurückweisung des heutigen Abends hinwegzutrösten. Und, wie Zee ihm in der Limo erzählt hatte, erging es ihr ja nicht viel anders. Ihr Freund hatte keine Kinder gewollt? Und sie hatte einen Antrag erwartet?

Im Grunde war sie die perfekte Kandidatin – er könnte sich gar keine idealere Ehefrau vorstellen. Aber auch wenn er bereits einen Ring in der Tasche hatte, war Sebastian doch nicht so herzlos, als dass er in ein und derselben Nacht gleich der nächsten Frau einen Antrag machte. Und er würde Zees gebrochenes Herz und angeschlagenes Ego nicht zu seinen Zwecken ausnutzen, nachdem er ihr eine Nacht voller Spaß versprochen hatte.

Die Liveband spielte vornehmlich alte Popsongs, und als ein Hit aus den Achtzigern erklang, hüpfte Zee begeistert auf und ab und sah ihn fragend an. Er brauchte sie nicht einmal zu fragen, was sie wollte – es war mehr als offensichtlich.

Er nahm ihr leeres Glas und stellte es auf der Bar hinter ihnen ab. „Kommen Sie, lassen Sie uns tanzen!“

Sebastian war noch nie einer Frau begegnet, die so gern tanzte wie er. Und die die Energie besaß, mit ihm mitzuhalten. Oder lange genug damit aufhören konnte, sich um den Sitz ihrer Frisur, ihrer Nägel oder ihres absurd teuren Kleids zu kümmern, um sich einfach nur in der Musik zu verlieren.

Er legte seine Hände auf die Hüften seines Überraschungs-dates, und sie schlossen sich einer improvisierten Polonaise an.

Was für ein Abend!

Sebastian hatte sich nie freier und ungezwungener gefühlt. Und es war nur zu leicht, sich in irgendwelche romantischen Ideen zu verstricken. Aber das hier war nur ein Abenteuer für eine Nacht. Ein bisschen Spaß, daran war nichts auszusetzen.

Nach ein paar Songs zog er Zee mit sich von der Tanzfläche. „Haben Sie schon die lebensgroßen Fotohintergründe bemerkt?“, fragte er. „Sie sind für Selfies. Lassen Sie uns welche machen!“

Sebastian ging auf die erste Installation zu – ein tropisches Setting, komplett mit Palmen aus Pappmaché. Doch Zee hatte offenbar eine andere Idee.

„Das dort!“, rief sie und zog ihn mit sich. „Ich will die Ballons halten!“

Die Szene bestand aus einer riesigen Traube roter Ballons vor dem Hintergrund eines strahlend blauen Himmels. Zee stellte sich auf den bereitstehenden Hocker und griff nach den Haltebändern der Ballons. Sebastian reichte sein Telefon an einen der Assistenten, die die einzelnen Stationen besetzten. Dann ging er zu ihr und umklammerte ihre Beine.

Als das Foto geknipst war, gab ihm der Assistent das Handy zurück und Zee und er schauten sich das Bild an. Es sah aus, als schwebte sie davon, und er würde versuchen, sie am Boden zu halten.

„Ich liebe es“, verkündete sie und flitzte gleich wieder davon. „Und jetzt will ich eines mit den Blüten machen!“

Wieder übergab Sebastian sein Telefon einer Mitarbeiterin und folgte Zee unter einen gewaltigen Pappmachébaum, geschmückt mit herrlichen, pinkfarbenen Blüten aus Papier. „Das ist einfach toll. So kreativ.“

Sebastian signalisierte der Assistentin, dass sie mehrere Fotos machen sollte. Dann nahm er Zees Hände in seine und drehte sich mit ihr unter dem Pappmachébaum im Kreis.

„Ich bin froh, dass Sie sich amüsieren.“

„Es ist großartig. Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben.“ Seufzend legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrer Frisur gelöst. Sebastian fand, dass sie ein wenig zerzaust, so wie jetzt, sogar noch schöner aussah. Er küsste sie auf die Stirn.

Ihre Blicke begegneten sich.

Sie lächelte – und er küsste sie.

Sanft. Wie das Flattern von Schmetterlingsflügeln auf ihre vollen, pinkfarbenen Lippen.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einen so einfachen und zugleich so atemberaubenden Moment mit einer Frau geteilt hatte. Noch dazu mit einer Frau, die er kaum kannte.

Sie presste sich ihm entgegen, vergrub die Finger in seinem Haar und vertiefte den Kuss. Sie schmeckte nach Champagner und den winzigen Horsd’œuvres, über die sie gelacht hatte, während sie sie zwischen den Songs verputzte.

Ihr warmer, weicher Körper schmiegte sich an seinen, und er ließ seine Hand über ihren Rücken hinunterwandern. Die Luft zwischen ihnen schien zu prickeln vor Verlangen.

Es gab zwei Möglichkeiten, wie diese Nacht enden konnte. Entweder er brachte sie sicher in einem Hotel unter, oder … er nahm sie mit zu sich nach Hause. Sebastian wusste genau, welche Option ihm besser gefiel. Sein innerer Tunichtgut ließ sich nicht immer zähmen. Und er wollte es auch nicht wirklich.

Hinzu kam, dass diese Frau etwas Außergewöhnliches an sich hatte. Sie war so anders als die Frauen, mit denen er in der Vergangenheit ausgegangen war.

Als Azalea kichernd den Kuss beendete, drehte er sie noch einmal im Kreis, dann machte sie sich auch schon auf die Suche nach dem Hintergrund für das nächste Foto.

Die Assistentin reichte Sebastian sein Telefon zurück und meinte: „Ich habe auf Video umgestellt. Es sah nach etwas ganz Besonderem aus!“ Sie zwinkerte ihm zu, bevor sie sich dem nächsten Pärchen zuwandte.

Sebastian blickte sich suchend um und entdeckte Zee, die sich gerade ein weiteres Häppchen vom Tablett eines vorbeieilenden Kellners stibitzte.

Er lächelte.

„Ja, sie ist wirklich etwas Besonderes.“

Azalea hielt fest Sebastians Hand umklammert, als sie die Tanzfläche umrundeten. Er hatte mit vielen Gästen gesprochen – auf Französisch, was sie nicht verstand –, doch nicht ein einziges Mal hatte er ihr das Gefühl gegeben, dass sie nicht mehr im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stand.

Er drückte ihre Hand oder schenkte ihr ein Lächeln. Seine graublauen Augen faszinierten sie. Er war sexy. Attraktiv. Ein Gentleman und ein unglaublicher Tanzpartner.

Und ein fantastischer Küsser.

Dieser Kuss!

So konnte man auch über eine schmerzhafte Trennung hinwegkommen. Konnte sie sich Sebastian als Trostpflaster vorstellen? Nur, wenn sie weiter gingen als nur bis zu diesem Kuss.

Und das war für heute Nacht definitiv noch möglich – zumindest, soweit es sie betraf.

Ein erotisches Abenteuer könnte ihr dabei helfen, sich mit der Männerwelt im Allgemeinen zu versöhnen. Außerdem würde es ihrem Selbstbewusstsein einen Schub geben. Und sie hätte zumindest eine Nacht in Paris, die sie niemals vergessen würde.

Nicht, dass es nicht auch so schon eine unvergessliche Nacht wäre!

Hand in Hand gingen sie zum Ausgang. Sie brauchten beide frische Luft, und als sie in die warme Frühlingsnacht hinaustraten, fühlte Azalea sogleich, wie sie von neuer Energie erfüllt wurde.

Sebastian hatte telefonisch seinen Fahrer herbeizitiert und legte nun seinen Arm um ihre Schulter. Und sie lehnte sich gegen ihn, als wären sie alte Freunde.

Oder frisch Verliebte.

Aber das war absurd – oder?

Nur, warum eigentlich? Sie war nicht mehr das unsichere Mädchen, das Lloyd so grob zurückgewiesen hatte. Azalea Grace war eine attraktive Frau, die alles tun und jeden Mann haben konnte, den sie begehrte.

„Ich habe noch nie so viel Spaß gehabt“, sagte Sebastian.

„Geht mir genauso. Irgendwie wünschte ich, die Nacht müsste nicht enden.“

„Das muss sie auch nicht.“ Er bemerkte die sich nähernde Limousine und gab seinem Fahrer mit einem Winken zu verstehen, dass er ihn gesehen hatte. Dann schloss er Azalea in seine Arme.

Der Kuss, der folgte, war kurz und leidenschaftlich, und er drückte genau das aus, was auch ihr selbst bereits durch den Kopf gegangen war.

Sie sollte es wagen, den nächsten Schritt zu machen.

„Ich bin eigentlich nicht der Typ für so etwas“, sagte er. „Aber nur eine Nacht …?“

Sie legte ihre Hand in seine, als er sie ihr hinhielt. „Ja“, sagte sie. „Nur eine Nacht. Genau das will ich.“

Eine Nacht mit ihm.

Azalea öffnete die Augen und blickte nach oben in den zartblauen Morgenhimmel, der mit fluffigen, hellrosa Wolken überzogen war. Als sie den Kopf ein Stück drehte, konnte sie die Spitze des Eiffelturms sehen, die über die Dächer der Häuser hinausragte.

Das Bett, in dem sie lag, stand in einer Art Nische, sodass das Kopfteil fast gänzlich von Fenstern umgeben war. Die Matratze war ein Traum, und die Laken so weich und glatt, dass sie mit Sicherheit teurer waren als ihre gesamte, eher bescheidene Garderobe.

Ein süßer Duft erfüllte den Raum. Wie Blumen und Bonbons.

Ein Kuss?

Wie hieß noch gleich dieses Parfüm? Câlin. Der Duft hatte sie sicherlich bis nach Hause begleitet. Gut, dass sie den Geruch mochte. Aber es war alles ein bisschen zu viel.

Sebastian war zu viel. Zu viel des Guten.

Sebastian … Wie lautete noch gleich sein Nachname? Sie war sicher, dass er ihn ihr genannt hatte, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.

Plötzlich fiel Azalea ein, dass sie nicht allein im Bett lag. Sie zog die Decke vor ihre nackte Brust und drehte sich halb um.

Sebastian lag neben ihr, die Augen geschlossen, die Arme um sein Kissen geschlungen. Sie ließ ihren Blick über sein Gesicht streifen, sah die dunklen Stoppeln auf seinem markanten Kinn. Ihr Blick wanderte weiter nach unten zu seiner glatten, haarlosen Brust, deren eindrucksvolle Muskeln sie gestern Nacht mit den Fingern nachgezeichnet hatte.

Etwas tiefer, ein perfektes Sixpack, und dann noch tiefer … Oh, was war das für eine Nacht gewesen!

Noch nie zuvor im Leben hatte sich Azalea auf ein spontanes Abenteuer mit einem Fremden eingelassen. Doch Sebastian hatte sie erst ein paar Stunden gekannt, bevor sie mit ihm ins Bett gegangen war.

Und sie bereute nichts.

Jetzt allerdings stand ihr die Rückreise zum Cottage ihres Vaters in Ambleside bevor, wo sie endlich damit beginnen musste, ihr Leben in den Griff zu bekommen und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Wie auch immer die aussehen sollten.

Wenn sie ganz ehrlich sein sollte, hatte sie keine Ahnung. Aber sie wusste, dass es an der Zeit war, endgültig über ihre gescheiterte Beziehung hinwegzukommen.

Dennoch war sie noch nicht bereit, sich schon jetzt von Sebastian zu trennen. Vielleicht konnte sie sich ja noch ein paar Minuten gönnen, um alles auf sich wirken zu lassen.

Dieser Mann war ein wahr gewordener Traum. Er war genau so, wie sie sich einen Partner vorstellte, einschließlich der Tatsache, dass er wirklich tanzen konnte. Es war etwas Besonderes für sie gewesen, einen Mann zu treffen, der das Tanzen ebenso liebte wie sie selbst. Der ernst sein konnte – und albern. Der das Leben umarmte.

Natürlich wusste Azalea nicht, wie er über letzte Nacht dachte. Vielleicht war es für ihn nichts Außergewöhnliches gewesen. In dem Fall würde er vielleicht erwarten, dass sie verschwunden war, wenn er aufwachte.

Und genau das sollte sie auch tun – verschwinden.

Sie hatte die Nacht bekommen, die sie sich erhofft hatte. Eine Nacht, die ihr für alle Zeiten in Erinnerung bleiben würde.

Und mehr als diese eine Nacht war einfach nicht möglich. Sie waren beide gebrannte Kinder, die eine Ablenkung gebraucht hatten. Nicht mehr. Und Sebastian, dieser gewandte Großstadtmensch, würde sie garantiert keines zweiten Blickes würdigen, wenn er herausfand, dass sie nur ein einfaches Landei war.

Sie war hier fehl am Platze.

Es war an der Zeit, nach Hause zurückzukehren.

Vorsichtig schwang Lea ihre Beine über den Rand der Matratze. Auf dem Weg zum Badezimmer sah sie das mit Pailletten besetzte Kleid auf dem Boden liegen. Sebastian hatte ihr angeboten, es für sie zurückzubringen, worüber sie froh war. Sie wollte dem Fotografen auf keinen Fall noch einmal über den Weg laufen. Aber das bedeutete nicht, dass sie das Kleid stehlen wollte.

Sie würde einen Zettel mit dem Namen und der Adresse des Studios zurücklassen und darauf vertrauen, dass Kleid und High Heels ihren Weg zurückfinden würden.

Leider bedeutete dies, dass sie nur ihre Jeans hatte, aber keine Schuhe und kein Oberteil für den Heimweg.

Sie ging suchend durch die Wohnung und fand schließlich einen begehbaren Kleiderschrank. Alles war perfekt arrangiert, elegante Anzüge, Schuhe und Accessoires. Die Kleidungsstücke waren nach Farbe sortiert. Im hinteren Winkel entdeckte sie einen Stapel T-Shirts und schnappte sich eines in schlichtem Schwarz.

„Das wird gehen“, befand sie und streifte es über. Sie war gerade dabei, auch ihre Jeans anzuziehen, als ihr Smartphone zu vibrieren begann.

Maddies Name erschien auf dem Display.

„Hey, wie ist der Foto-Shoot gelaufen?“, erkundigte sich ihre Freundin gut gelaunt. „Es muss ja toll gewesen sein. Ich weiß nämlich, was du gestern Nacht noch getrieben hast.“

„Du … weißt davon?“

Sprach sie von der Party? Dem Mann? Dem Sex? Aber wie sollte sie davon erfahren haben?

„Der Foto-Shoot war ein Reinfall, Maddie. Ich habe die Flucht ergriffen!“

„Was? Aber … warum?“

„Der Fotograf ist zudringlich geworden, also bin ich abgehauen. Noch im Kleid.“

„O Gott, Lea. Das tut mir so leid. Ich hatte ja keine Ahnung. Ich habe nur Gutes über diesen Fotografen gehört.“

„Schwamm drüber. Ich bin ja noch einmal glimpflich davongekommen.“

„Und?“, hakte Maddie aufgeregt nach.

„Also du sagtest, du wüsstest, was ich letzte Nacht getrieben habe … Wie hast du das gemeint?“

„Câlin“, entgegnete ihre Freundin mit verschwörerischer Stimme.

„Aber woher weißt du …?“

„Es ist überall in den sozialen Medien, Lea.“

„Du weißt doch, dass das für mich nichts ist. Wovon sprichst du?“

„Du warst letzte Nacht auf der angesagtesten Party überhaupt. Die Premiere des neuesten Parfüms von Jean-Claude? Er ist in Paris eine große Nummer, Lea. Wie bist du bloß an eine Einladung gekommen?“

„Nun …“ Azalea setzte sich auf den Hocker, der neben dem Schuhregal stand und berichtete ihrer Freundin, was alles vorgefallen war, von dem Moment an, in dem sie in die Limo gesprungen war. „Ich bin gerade noch in seiner Wohnung.“

„Oh, mein Gott! Also, wenn du über einen Exfreund hinwegkommst, dann aber richtig. Die Fotos von Sebastian und dir sind umwerfend. Er umarmt dich und ihr lacht beide. Du siehst so glücklich aus. Und er ist wirklich sexy. Sebastian Mercier.“ Maddie seufzte. „Was für ein Fang. Aber ernsthaft, Lea, in die Art von Familiendrama willst du dich nicht verwickeln lassen.“

Mercier. Azalea runzelte die Stirn. „Sein Nachname kommt mir bekannt vor.“

„L’Homme Mercier? Du erinnerst dich sicher noch, Lea. Die Smokings, die wir letztes Jahr für meine Hochzeit geliehen haben?“

„Wow, der berühmteste Herrenmoden-Designer von ganz Paris?“

„Ja, meine Liebe, das sind die Merciers. Sie besitzen ein Atelier im sechsten Arrondissement und einen Laden am Place des Vosges. Ach, und du scheinst nichts von dem Wettrennen zu wissen, das im Moment in dieser Familie abgeht.“

„Wettrennen? Ich verstehe überhaupt nichts mehr, Maddie. Ich habe Hunger. Ich will Eier und Toast. Mit Bohnen und Tomaten und ein paar von diesen …“

„Lea, hör mir zu!“

Azalea seufzte. „Fein, klär mich auf.“

„Also, dein sexy Tanzpartner und sein Bruder kämpfen aktuell um die Position des CEO im Familienunternehmen. Der erste Bruder, der heiratet und einen Nachkommen in die Welt setzt, gewinnt.“

Azalea riss die Augen auf. Sebastian war auf der Suche nach einer Ehefrau? Und einem Erben?

Sie dachte an die Frau, die gestern Abend aus seiner Limousine gestürmt war. Hatte Sebastian ihr einen Antrag gemacht?

„Lea? Sag doch was!“

„Ich … Danke, dass du mir davon erzählt hast, Maddie.“ Sie musste das alles erst einmal verdauen. „Aber mach dir keine Sorgen. Es war nur ein One-Night-Stand. Eine Ehe steht für mich ganz sicher nicht auf dem Programm.“

„Ist das so? Es stand in der Vergangenheit ja durchaus mal auf deinem Programm, wenn ich mich recht erinnere. Ebenso wie Kinder – und die wirst du ohne Mann nun einmal nicht bekommen.“

„Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich auch heiraten muss.“

Maddie seufzte. „Sebastian Mercier ist millionenschwer.“

„Na und? Ich würde einen Mann nie des Geldes wegen heiraten. Du solltest mich besser kennen.“

„Das tue ich auch. Die Frage ist nur – was willst du jetzt tun?“

„Nach Hause fahren“, antwortete Azalea. „Ich hatte meinen Spaß. Es ist an der Zeit für mich, zu meinem Leben zurückzukehren.“

„Was bedeutet? Dass du einen Job in London und eine neue Wohnung suchen wirst?“

„Nun …“ Auf Dauer konnte sie sich nicht vor dem echten Leben auf der Farm ihrer Eltern verkriechen.

„Lea, lass dich nicht mehr länger von Lloyds Zurückweisung runterziehen. Das hast du nicht nötig. Und du musst auch nicht zurück in diesen verdammten Blumenladen. Such dir einen, der nicht von einer hinterhältigen Hexe geführt wird.“

„Ich muss jetzt Schluss machen, Maddie. Ich will mich rausschleichen, bevor er wach wird.“

„Oh, Baby, du hattest deine wilde Nacht. Jetzt sieh nur zu, dass du nicht wieder in seinen Armen landest. Dieser Mann könnte echte Schwierigkeiten für dich bedeuten.“

„Ich melde mich später wieder, Maddie“, sagte sie und unterbrach die Verbindung. Dann wandte sie sich ihrem Spiegelbild zu. „Es war eine tolle Nacht. Aber du solltest jetzt echt verschwinden, sonst landest du am Ende wirklich noch in seinen Armen.“

Denn sie hatte eine Schwäche für sexy Männer mit treuem Blick und großem Herzen. Aber dieser sexy Mann brauchte eine Ehefrau und ein Kind. Und dafür stand Lea im Augenblick nicht zur Verfügung.

Dies war einfach nicht ihre Welt. Azalea Grace liebte ihr kleines, überschaubares Leben. Es machte sie glücklich. Und abgesehen davon hatte das zwischen Sebastian und ihr keine Zukunft. Wie sollte es?

Er brauchte eine Ehefrau, um die Kontrolle über das Familienunternehmen zu gewinnen. Es war besser, wenn sie sich zurückzog, bevor ihr erneut das Herz gebrochen wurde.

Entschlossen reckte sie das Kinn und streckte die Schultern.

Kurz darauf stahl sie sich barfuß aus Sebastians Wohnung und ignorierte das wehmütige Gefühl, das sich in ihr breitmachte.

Sebastian schlüpfte in ein paar weiche, locker sitzende Jogginghosen und rief nach Azalea. Er nahm an, dass sie sich im Badezimmer aufhielt, auch wenn er kein Wasser laufen hörte.

Mit einer Hand fuhr er sich durchs Haar.

Es war unglaublich, wie dieses blonde, sommersprossige Energiebündel seine Welt gestern Nacht auf den Kopf gestellt hatte.

Sie hatten miteinander getanzt, so als hätte der Rest der Welt aufgehört zu existieren. Hatten so sehr gelacht, dass Muskeln in seinem Gesicht schmerzten, von deren Existenz er nichts geahnt hatte. Und dann der Sex … Der war wirklich unglaublich gewesen.

Er war fest entschlossen, all diese Dinge noch einmal mit ihr zu erleben, bevor sie wieder nach Hause zurückkehrte.

„Zee?“ Er klopfte an die Badezimmertür. Als keine Antwort kam, drehte er den Knauf und öffnete. „Zee?“

Das Bad war leer. Stirnrunzelnd drehte er sich um, konnte sie aber im Penthaus nirgends entdecken. Doch dann bemerkte er das ordentlich zusammengefaltete Kleid auf dem Sideboard. Die Schuhe waren direkt daneben platziert, ebenso wie eine Nachricht, geschrieben auf einem Kosmetiktuch.

Sebastian, die Nacht war einfach wunderbar, und ich werde sie niemals vergessen. Habe heute Morgen unser Foto in den sozialen Medien gesehen. Du befindest dich in einem Wettstreit mit deinem Bruder? Wie auch immer, es ist an der Zeit für mich, aufzubrechen. Du sagtest, du würdest das Kleid für mich zurückbringen – hier ist die Adresse.

Sebastian fluchte leise. Sie hatte von dem Wettstreit erfahren? Er kehrte ins Schlafzimmer zurück, nahm sein Handy vom Nachttisch und suchte im Internet nach seinem Namen.

Ein Foto, wie er Azalea umarmte, wurde angezeigt.

„So hinreißend“, flüsterte er. „Und so glücklich.“

Und dennoch hatte sie sich entschieden, sich nach ihrer gemeinsamen Nacht einfach so davonzuschleichen. Ohne ein Wort des Abschieds. Ob es an diesem Social-Media-Post lag? Nun, das würde er wohl nie erfahren.

Gedankenverloren blickte er zum Fenster hinaus und fragte sich, ob ihm gerade das Beste, was ihm im Leben je passiert war, durch die Finger geschlüpft war.

Nein, es war nur eine einmalige Sache gewesen. In ein paar Tagen würde er Azalea Grace vergessen haben. Sie und ihre bezaubernden Sommersprossen, ihre übersprudelnde Persönlichkeit und ihre köstlichen Küsse. Das Leben ging weiter, und er musste sich wieder auf die Suche nach einer potenziellen Ehefrau machen.

Ihm fiel ein, dass er noch ein paar Bilder von der Party letzte Nacht hatte. Er blätterte durch seine Galerie, bis er die Fotos gefunden hatte. In einem hielt Azalea eine Traube Ballons, während er die Arme um ihre Taille gelegt hatte und lächelnd zu ihr aufblickte.

Sein Finger schwebte über dem Papierkorb-Icon, doch er konnte sich nicht wirklich dazu durchringen, die Bilder zu löschen.

„Nein“, sagte er schließlich zu sich selbst. „Ich will dich nicht vergessen.“

3. KAPITEL

Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen, als Azalea ihr Fahrrad hinter der Buchhandlung abholte, wo sie es gestern Morgen abgestellt hatte, bevor sie ihre Reise nach Paris angetreten hatte.

Der Besitzer des Ladens hatte ihr vor Jahren schon erlaubt, seinen Fahrradständer zu benutzen. In Ambleside – einem malerischen kleinen Städtchen, berühmt für seine Wanderwege und die atemberaubende Landschaft am Ufer des Lake Windermere – kannte jeder jeden, und man half sich gegenseitig.

Gegen Mittag erreichte sie eine Nachricht ihres Vaters, Oliver Grace. Er und seine Freundin befanden sich bereits auf dem Weg zum Flughafen in London, um ihre Nachmittagsmaschine nach Australien zu erwischen. Ob sie bald zu Hause sein könnte, um sich um Stella zu kümmern, fragte er.

Natürlich konnte sie das. Kein Problem.

Das Cottage ihres Vaters befand sich etwas außerhalb, und Lea fuhr mit dem Rad die Landstraße entlang, die gesäumt war von weiten Wiesen mit leuchtend gelben Butterblumen und blassrosa Strandnelken.

Tief sog sie die frische Luft in ihre Lungen und genoss es, die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut zu fühlen. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass der Duft von Paris sie noch begleitete.

Unwillkürlich musste sie wieder an Sebastian denken. Daran, dass er sich in einem absurden Wettstreit mit seinem Bruder befand, in dem es darum ging, wer zuerst eine Frau zum Heiraten fand und einen Erben mit ihr zeugte.

Azalea Grace fragte sich, ob es ihr je vergönnt sein würde, ihren Mr. Right zu finden. Die meisten Männer waren nicht an einem Cottage auf dem Land und einer Horde kleiner Kinder interessiert. Daher hatte sie es auch ernst gemeint, als sie zu Maddie sagte, dass eine Heirat für sie nicht infrage kam.

Vermutlich.

Verdammt, im Grunde wusste sie genau, dass sie sich nur etwas vormachte. Ihre Vorstellung von einem perfekten Leben beinhaltete sehr wohl einen Ehemann. Aber sie würde ganz gewiss keinen Mann heiraten, nur weil der sie brauchte, um einen Wettstreit mit seinem Bruder zu gewinnen.

„Vergiss ihn!“, ermahnte sie ihr sehnsüchtiges Herz.

Als sie das Cottage erreichte, das nur ein kurzes Stück vom Seeufer entfernt lag, stellte sie ihr Fahrrad am ehemals weißen, von Wind und Wetter ausgeblichenen Gartenzaun ab und trat ein. Das Farmhaus stammte aus dem neunzehnten Jahrhundert, war aber vor zwanzig Jahren komplett renoviert worden und urgemütlich. Sie ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen, bevor sie durch die Hintertür auf die Holzveranda trat, von der man über fünf Treppenstufen in den Garten gelangte. Die Rasenfläche war ordentlich getrimmt, doch ringsum wuchsen Wildblumen in üppiger Pracht, und auf dem kleinen Teich drehte eine Entenfamilie ihre Kreise.

Sie atmete tief durch und zog die billigen Turnschuhe aus, die sie in einem Touristenladen am Gare du Nord gekauft hatte, bevor sie in ihren Zug gestiegen war. Das Holz der Veranda fühlte sich warm und sanft unter ihren bloßen Füßen an.

Wehmut stieg in ihr auf, als sie daran denken musste, dass sie all das schon bald nicht mehr haben würde.

Ihr Vater hatte vor, das Anwesen zu verkaufen. Grace Farm kümmerte sich nun schon seit drei Jahrzehnten um vernachlässigte und ausgesetzte Tiere. Oliver Grace hatte damals zusammen mit Azaleas Mutter, Petunia, damit begonnen. Aber jetzt wünschte sich ihr Vater ein neues Abenteuer. Mit seiner Freundin Diane, einer Frau voller Energie, die sich damit brüstete, all ihre weltlichen Besitztümer in einen einzigen Rucksack zu bekommen.

Azalea war froh darüber, dass ihr Vater über seine Scheidung drei Jahre zuvor hinweggekommen war. Petunia Grace hatte Azalea gestanden, dass sie sich eingeengt gefühlt hatte. Jetzt lebte sie in Arizona und führte einen Webshop für seltene Kristalle mit ihrem besten Freund, der ihre Aura gelesen und sie zu Seelengefährten erklärt hatte.

War das die große Freiheit?

Anscheinend.

Durch die Scheidung war Azalea mit zweiundzwanzig endlich gezwungen gewesen, nach London zu ziehen.

Das Leben in der Großstadt war weniger ein rüdes Erwachen als ein dringend notwendiger Weckruf gewesen. Azalea hatte die große weite Welt für sich entdeckt, und es hatte ihr zum größten Teil sehr gut gefallen. Ein paar Wochen war sie bei ihrer Schwester Dahlia, einer Anwältin, untergekommen. Dahlia hatte die Farm schon mit sechzehn verlassen und nie zurückgeblickt. Sie hatte Azalea dabei geholfen, eine Wohnung zu finden und einen Job in einem kleinen Blumenladen, der ihr gut gefallen hatte. Sie war glücklich gewesen. Sie bevorzugte ein einfaches Leben mit einfachen Dingen.

Gleichzeitig wollte sie aber auch eine Prinzessin sein. Keine echte natürlich! Aber ein herrliches Kleid, schönes Make-up und fantastische Schuhe, Events bei denen der Champagner in Strömen floss und ein attraktiver Ritter in glänzender Rüstung auf sie wartete …

So wie in ihrer gemeinsamen Nacht mit Sebastian.

Er war perfekt gewesen. Gut aussehend, freundlich und zudem ein Mann, mit dem man Pferde stehlen konnte. Gut im Bett und unverschämt reich noch dazu. Ein Pech, dass er so verzweifelt eine Ehefrau und einen Erben brauchte, um das Familienimperium zu übernehmen.

Sie schien er nicht als potenzielle Kandidatin betrachtet zu haben. Einmal hatte er beiläufig erwähnt, dass seine Familie sie nicht akzeptieren würde, daran erinnerte sie sich genau. Sie hatte daraus keine große Sache machen wollen, aber das bedeutete nicht, dass es sie nicht getroffen hatte. Obwohl sie auf diese Weise vermutlich noch einmal glimpflich davongekommen war.

Er hat dir gefallen. Sehr sogar. Er bräuchte nur mit dem Finger zu schnippen, und schon wärst du zur Stelle, mach dir doch nichts vor.

Sie seufzte. Es war ja nicht so, als wüsste sie nicht, wo sie ihn finden konnte. L’Homme Mercier war eine international bekannte Pariser Modemarke. Maddie hatte die beiden Ateliers erwähnt, und mit einer kurzen Onlinerecherche würde es ihr sicher nicht schwerfallen, eine Adresse ausfindig zu machen.

Sie konnte mit ihm in Kontakt treten.

Aber sie bezweifelte, dass das eine gute Idee wäre. Sie waren nicht, was der jeweils andere im Augenblick benötigte.

Azalea seufzte erneut. Ihre Beziehung zu Lloyd hatte sie mehr mitgenommen, als sie erwartet hätte. Und ein One-Night-Stand mit einem Fremden konnte daran auch nichts ändern.

Die Trennung hatte ihr eine heilige Angst vor Bindungen eingejagt. Heiraten wäre früher genau das gewesen, was sie wollte. Bis Lloyd dahergekommen war und eine Sache des sozialen Status daraus gemacht hatte. Gefolgt von Sebastian, für den es bei einer Ehe nur ums Geschäft ging.

Und dennoch war Lea tief in ihrem Herzen noch immer eine hoffnungslose Romantikerin, die Liebe wollte und eine Beziehung. Sie wollte begehrt werden und bewundert, ein Freund und ein Liebhaber sein. Sie wollte eine Mutter sein.

Nun, es war ja nicht so, als hätte Sebastian ihr die Rolle angeboten.

Und hier war sie nun, allein und unsicher, wie es in Zukunft mit ihr weitergehen sollte.

Ein Muhen aus der Scheune erinnerte sie daran, dass es Fütterungszeit war. Ihr Vater, seines Zeichens Tierarzt, hatte jahrzehntelang verletzte oder kranke Kühe bei sich aufgenommen. Er kümmerte sich um sie, versorgte ihre Verletzungen, bis sie wieder gesund waren und zu ihrem eigentlichen Besitzer zurückkehren konnten. Und die, die nicht zurückkehren konnten, lebten ein glückliches Leben auf den grünen Weiden von Grace Farm. Stella, ein Hochlandrind mit langem braunem Zottelfell und weißen Hufen, hatte vor zwei Monaten ein Kalb zur Welt gebracht. Das Kleine war so kuschelig, dass es aussah wie ein wandelndes Plüschtier.

Ihr Vater hatte dem Neugeborenen keinen Namen geben wollen, da er beide, Mutter und Kalb, noch vor Ende des Sommers verkaufen würde. In den letzten Wochen, die Azalea nach der Trennung von ihrem Freund wieder auf der Farm verbracht hatte, waren die Kuh und sie zu so etwas wie besten Freundinnen geworden.

„Stella!“, rief sie und trat an das Gatter neben dem Stall. „Du wirst nie glauben, was für eine Nacht ich gehabt habe …“

In einem ruhigen Büroraum in der obersten Etage eines Gebäudes im sechsten Arrondissement, das der Familie Mercier schon seit über einem Jahrhundert gehörte, lehnte Sebastian sich auf seinem Stuhl zurück.

Zwei Stockwerke unter ihm stellte das Atelier maßgeschneiderte Anzüge für eine erlesene Kundschaft her. Im Laden am Place des Vosges verkauften sie die Prêt-à-porter-Kollektion.

L’Homme Mercier war in den 1920ern als Schneiderei von Sebastians Ururgroßvater gegründet worden. Die Marke war längst eine Pariser Ikone, die Kunden wohlhabend und zahlreich. Dabei legte das Unternehmen größten Wert auf Individualität und Qualität bei jedem einzelnen Kleidungsstück. So etwas wie Massenproduktion würde es bei L’Homme Mercier nie geben.

Die Idee von Philippe, eine Damenlinie ins Programm aufzunehmen, war schlichtweg undenkbar. Doch sein Bruder in seinem Büro ein kleines Stück den Korridor hinunter, setzte bereits erste Pläne, Designs und Kleiderskizzen um.

Auch wenn ihr Vater, Roman, die Idee nicht gutgeheißen hatte, hatte er Philippes Vorschlag auch nicht kategorisch abgelehnt. Und wenn Philippe es schaffte, zuerst zu heiraten und einen Erben zu zeugen, dann würde er sie garantiert in die Tat umsetzen.

Sein Vater hatte sich diesen idiotischen Wettstreit ausgedacht, nur Wochen nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte. Roman Mercier war nur eine Nacht im Krankenhaus geblieben und der Arzt sagte, er hätte großes Glück gehabt, dass seine Freundin sogleich die Zeichen erkannt und entsprechend reagiert hatte. Doch diese Episode hatte ihn an seine eigene Sterblichkeit erinnert und in ihm dem brennenden Wunsch entfacht, sein Vermächtnis zu sichern.

Dass ihm die Idee mit dem Wettstreit gekommen war, überraschte Sebastian nicht besonders. Es passte zu seinem Vater. Solange er zurückdenken konnte, hatte er ihn und seinen Bruder gegeneinander aufgestachelt. Sei es auf dem Lacrosse-Feld, beim Bootsrennen in Marseille oder wenn es darum ging, Le Monde dazu zu bewegen, ein Feature über L’Homme Mercier zu bringen – ihr Wert war stets von der Anerkennung ihres Vaters bestimmt worden.

Der einzige Unterschied bei diesem Wettstreit war, dass er eine weitere Person beinhaltete – und die Erschaffung eines neuen Menschen. Das würde ihn jedoch nicht davon abhalten, sein Ziel mit aller Kraft zu verfolgen. Er musste gewinnen. L’Homme Mercier sollte nicht durch Massenmarketing oder – Gott bewahre! – eine Damenbekleidungslinie verwässert werden.

Und es ging ja auch nicht um Liebe. Roman Mercier hatte vier Söhne von drei verschiedenen Müttern. Keine davon hatte er geheiratet. Liebe und Ehe miteinander gleichzusetzen entsprach ganz und gar nicht der Mercier-Lebensphilosophie.

Und genau das machte die Bedingungen, die ihr Vater ihnen gestellt hatte, umso merkwürdiger. Warum auf eine Heirat bestehen, wenn ein Erbe doch genug sein sollte? Eines stand fest: Sebastian würde auf jeden Fall auf einen Ehevertrag bestehen.

Er zweifelte nicht daran, dass er am besten in der Lage war, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Er kannte das Unternehmen wie seine Westentasche. Mit dreizehn hatte er in der Schneiderei das Handwerk von der Pike auf gelernt. Später kam dann Werbung und Design, und heute leitete er Finanzen, Versand und Lieferanten. Außerdem teilte er...

Autor

Michele Renae
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