Julia Saison Band 40

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VERLOBUNG AUF ITALIENISCH von MORGAN, SARAH
Weihnachtsüberraschung in Londons exklusivstem Luxushotel: Zimmermädchen Evie will in der Penthouse-Suite nur kurz ausruhen … und wird von einem sinnlichen Kuss geweckt. Ihr Körper kribbelt vor Leidenschaft - doch dann erkennt sie schockiert, wer sie da gerade geküsst hat: ausgerechnet ihr sexy neuer Boss Rio Zaccarelli!

KEINE CHANCE FÜR DIE LIEBE? von MORTIMER, CAROLE
Romantische Weihnachtszeit? Jonas hält nichts von solcher Gefühlsduselei. Deshalb ist der reiche Makler sicher: Mary fasziniert ihn nur, weil sie ihm ihr Haus nicht verkaufen will. Mit Liebe hat das nichts zu tun! Doch im Kerzenschein des Heiligen Abends kommen ihm erste Zweifel …

MIT DIR UNTER DEM MISTELZWEIG von CHRISTENBERRY, JUDY
Der Waisenjunge Toby wächst der hübschen Krankenschwester Molly immer mehr ans Herz. Nur zu gern nimmt sie deshalb die Weihnachtseinladung seines Onkels Richard an. Als ihr Gastgeber sie unterm Mistelzweig innig umarmt, wünscht sie, dass es ewig währt …


  • Erscheinungstag 03.11.2017
  • Bandnummer 40
  • ISBN / Artikelnummer 9783733709631
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sarah Morgan, Carole Mortimer, Judy Christenberry

JULIA SAISON BAND 40

1. KAPITEL

„Ich hätte nie gedacht, dass dieser Moment einmal kommen würde. Los, Pietro, lass uns feiern.“ Rio Zaccarelli lehnte sich zurück, während der Ober ihm den Champagner einschenkte.

Sein Anwalt, der ihm gegenübersaß, öffnete seine Aktentasche und reichte ihm einen Stapel Unterlagen. „Ich stoße erst an, wenn der Vertrag unter Dach und Fach ist. Wie hast du es eigentlich geschafft, hier einen Tisch zu bekommen? Ich habe noch nie so viele vermögende, einflussreiche Leute auf einem Haufen gesehen.“ Beeindruckt schaute Pietro sich um und erschrak beim Anblick eines Mannes in einem anthrazitfarbenen Anzug. „Ist das nicht …?“

„Ja. Starr ihn nicht an, sonst hast du gleich sein Sicherheitsteam am Hals.“ Rio blätterte die Papiere durch. Als er nach seinem Glas griff, zitterte seine Hand leicht. Er riss sich zusammen und zwang sich, dies als ein Geschäft wie jedes andere auch zu betrachten. „Hast du noch nie hier gegessen?“

„Ich stehe schon seit einem Jahr auf der Warteliste, und du brauchst nur einmal hier anzurufen. Manchmal wünschte ich, ich hätte so viel Einfluss wie du.“

„Zieh das hier erfolgreich durch, und ich besorge dir einen Tisch. Versprochen.“ Zieh es erfolgreich durch, und ich kaufe dir das Restaurant.

„Ich nehme dich beim Wort. Du musst auf der Rückseite unterschreiben.“ Pietro gab ihm seinen Füller, schwungvoll unterzeichnete Rio.

„Wie immer schulde ich dir etwas – für deine Diskretion und deinen Sachverstand. Bestell den Hummer.“

„Danke mir erst, wenn alles in trockenen Tüchern ist“, erwiderte sein Anwalt und packte die Dokumente zurück in seine Tasche. „Es steht eine Menge auf dem Spiel, und sie haben noch nicht aufgegeben. Sie wollen nicht, dass du gewinnst.“

„Das ist mir klar.“ Rio musste einen Anflug von Zorn unterdrücken, und unwillkürlich umfasste er sein Champagnerglas fester. „Halt mich bitte auf dem Laufenden. Wenn es etwas Neues gibt, ruf mich unter meiner Privatnummer an.“

„In Ordnung.“ Leise ließ Pietro das Schloss seiner Aktentasche zuschnappen. „Es kann immer noch schiefgehen. Das Wichtigste ist, dass du dir bis Weihnachten nichts zuschulden kommen lässt. Du darfst nicht einmal einen Strafzettel kassieren. Willst du meinen Ratschlag als guter Freund hören? Such dir eine einsame Skihütte, und zieh dich dorthin zurück. Keine Frauengeschichten – Sex kannst du vorerst vergessen.“

Rio, der seit seinem ersten Mal keine zehn Tage ohne Sex hatte auskommen müssen, verzog keine Miene. „Ich werde ganz diskret vorgehen.“

„Nein.“ Nun ganz der Anwalt, beugte Pietro sich zu ihm hinüber. „Diskretion reicht nicht. Kein Sex, es sei denn, du bist verheiratet. Falls du dich zufällig in eine anständige Frau verliebst, deren einziges Ziel ist, dich zu lieben und dir Kinder zu schenken, könnte es sogar hilfreich sein.“ Er lächelte schwach und zuckte resigniert mit den Schultern. „Aber wie ich dich kenne, stehen die Chancen schlecht.“

„Richtig. Es gibt keine anständigen Frauen, und selbst wenn ich eine fände, würde sie sich sofort verändern und an einen Ehevertrag sowie an eine hohe Abfindung im Fall einer Scheidung denken“, bemerkte Rio bitter.

„Ich kann dir deinen Zynismus nicht verdenken, aber …“, sagte Pietro und nahm die Speisekarte in die Hand.

„Verstanden. Kein Sex. Das wird ja ein aufregendes Weihnachten.“ Augenblicklich sah Rio das Bild der russischen Ballerina vor sich, die gerade in seinem Apartment auf ihn wartete.

Er würde ihr Diamanten schicken und ihr seinen Privatjet für den Rückflug nach Moskau zur Verfügung stellen. Sie konnten ihre Beziehung im neuen Jahr fortsetzen. Oder auch nicht. Als ihm klar wurde, dass es ihm eigentlich egal war, runzelte er die Stirn.

Starr blickte er durch die Fensterfront, von der aus man eine herrliche Aussicht auf Rom hatte. Um die Sache durchzufechten, würde er alles tun. Selbst eine Weile enthaltsam leben.

Pietro legte die Speisekarte beiseite. Wieder umspielte ein kleines Lächeln seine Lippen. „Es scheint so, als wäre dir noch nie etwas so schwergefallen. Geh irgendwohin, wo es keine Frauen gibt, zum Beispiel in die Antarktis.“

„Ich muss geschäftlich nach London fliegen.“

„Du willst Carlos zur Rede stellen?“

„Ich entlasse ihn“, erklärte Rio kühl. „Es war ein Fehler, ihn überhaupt einzustellen. Ich muss es regeln, bevor die ganze Hotelkette durch sein Missmanagement in Verruf gerät.“

„Kannst du nicht warten, bis der Vertrag unterzeichnet ist?“

„Die Sache mit Carlos wird das Geschäft nicht gefährden.“

„Trotzdem habe ich kein gutes Gefühl dabei.“

„Darum zahle ich dir ja so viel. Damit du dir Sorgen machst und ich schlafen kann.“

Ironisch zog Pietro eine Braue hoch. „Seit wann schläfst du denn? Du arbeitest doch mehr als ich. Ich schätze, du nimmst dir nicht einmal über die Festtage frei.“ Er griff nach einem Stück Brot und brach es durch. „Warum hasst du Weihnachten eigentlich so sehr?“

Rios Magen krampfte sich zusammen. Da er aber wie immer im Mittelpunkt des Interesses stand, ließ er sich nichts anmerken. Nachdem er seinen Champagner ausgetrunken hatte, erwiderte er: „Weil alle Weihnachten als Vorwand nehmen, um nicht zu arbeiten.“ Mit aller Macht unterdrückte er die Gefühle, die ihn zu überwältigen drohten. „Wie du ja weißt, verlange ich meinen Angestellten einiges ab und habe nichts für Faulenzer übrig. Und wegen des Geschäftes sei ganz unbesorgt“, wechselte er das Thema. „Bis der Vertrag erfolgreich abgeschlossen ist, werde ich brav allein in meinem Bett schlafen.“

„Für dich wird es sicher langweilig, aber so sollte es auch sein. Ich meine es ernst, Rio. Bleib zu Hause und fass nur deinen Laptop und dein Telefon an.“ Forschend blickte sein Freund und Anwalt ihn an. „Unterschätz das Ganze nicht.“

„Ich werde es schon schaffen.“ Rio lächelte gezwungen. „Außerdem werde ich in London wohl keiner Frau begegnen, die mich interessiert. Wollen wir jetzt bestellen?“

„Das können Sie mir nicht antun! Ich fasse es nicht, dass Sie einfach die Schlösser ausgetauscht haben!“ Verzweifelt packte Evie den Mann am Arm und wäre beinah auf dem gefrorenen Schnee ausgerutscht, als dieser ihre Hand abschüttelte.

„Wenden Sie sich an Ihren Vermieter. Tut mir leid.“

Jedoch wirkte er nicht im Geringsten so, als ob er es bedauern würde.

Allmählich wurde ihr die ganze Tragweite ihrer Situation bewusst, und Panik stieg in ihr auf. „In zwölf Tagen ist Weihnachten! So kurzfristig finde ich keine neue Bleibe mehr.“

Plötzlich brachen all die Gefühle sich Bahn, die sie sechs Wochen lang mühsam verdrängt hatte.

Heute hätte sie eigentlich heiraten und in die Karibik fliegen sollen. Stattdessen befand sie sich ganz allein in einer anonymen Großstadt. Außerdem schneite es, und sie war obdachlos.

„Lassen Sie mich zumindest meine Sachen holen.“ Nicht, dass sie viel besessen hätte. Vermutlich passten ihre Habseligkeiten in eine Mülltüte.

Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, da deutete der Mann vom Schlüsseldienst auf einen schwarzen Müllsack neben der Tür.

„Die sind da drin. Zum Glück war es nicht viel.“

Was soll daran ein Glück sein, fragte sie sich. Voller Erwartungen war sie nach London gezogen. Ohne zu wissen, wie teuer das Leben hier sein würde – und wie einsam. Sie konnte es sich nicht einmal leisten, mit ihren Kolleginnen auszugehen.

Schneeflocken stoben ihr ins Gesicht, und sie fröstelte. „Lassen Sie mich wenigstens noch eine Nacht hierbleiben, ja?“ Sie hatte das Gefühl, dass sie beim geringsten Anlass völlig zusammenbrechen würde. So ging es ihr, seitdem Jeff ihr per SMS mitgeteilt hatte, dass er sie doch nicht heiraten würde. Aus Rücksicht auf ihren Großvater hatte sie sich zusammengerissen und sich darauf konzentriert, das Ganze abzusagen, die Geschenke zurückzuschicken und den Gratulanten alles zu erklären. Am Abend war sie dann ins Bett gefallen und sogar zu müde zum Weinen gewesen. „Bitte! Ich finde vor Weihnachten nichts mehr.“

„Das Leben ist nun mal hart, meine Liebe.“

Im nächsten Moment klingelte ihr Handy. Als sie es herausnahm und die Nummer auf dem Display sah, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. „Gehen Sie nicht weg. Ich muss das Gespräch annehmen, sonst denkt er, es wäre etwas passiert … Hallo, Grandpa?“, meldete sie sich dann. „Warum rufst du mitten am Tag an? Ist alles in Ordnung?“ Hoffentlich hatte er nicht wieder einen Anfall gehabt! Sie hätte ihn so gern glücklich gemacht, aber momentan lief in ihrem Leben alles schief.

„Ich wollte nur hören, wie es dir geht. In den Nachrichten haben sie über heftige Schneefälle berichtet.“

Ihr Großvater klang matt, und Evie verstärkte unwillkürlich ihren Griff ums Telefon. Für sie war er der wichtigste Mensch auf der Welt. „Es geht mir gut, Grandpa. Du weißt doch, dass ich Schnee mag.“

„Ja, das war bereits früher so. Hast du schon einen Schneemann gebaut? Das hat dir ja immer wahnsinnig viel Spaß gemacht.“

Sie schluckte. „Ich … hatte noch keine Zeit. Aber gegenüber von dem Hotel, in dem ich arbeite, ist ein großer Park.“ Dass in London alle viel zu beschäftigt waren, um einen Schneemann zu bauen, behielt sie lieber für sich.

„Arbeitest du gerade? Dann will ich dich nicht länger stören. Bestimmt musst du dich um irgendeinen Promi kümmern.“

„Na ja, ich …“ Sie errötete. Wahrscheinlich hatte sie mit ihren Schwindeleien etwas übertrieben. „Grandpa …“

„Ich bin so stolz auf dich, Evie. Ich habe dieser spießigen Mrs. Fitzwilliam im Zimmer nebenan erzählt, dass meine Enkelin als Empfangsdame in einem Nobelhotel in London arbeitet. Wenn du diesen Nichtsnutz Jeff geheiratet hättest, hättest du nie diese Chance bekommen. Er war nicht gut genug für dich, das weißt du doch, oder? Er ist ein Waschlappen, und du brauchst einen richtigen Mann.“

„Irgendein Mann wäre schon ein Anfang“, meinte sie leise, „aber es sieht nicht gerade vielversprechend aus.“

„Was hast du gesagt?“

„Ach, nichts.“ Zum ersten Mal war sie froh darüber, dass ihr Großvater ein Hörgerät trug. Schnell wechselte sie das Thema. „Wie geht es dir? Behandeln sie dich dort anständig?“ Obwohl er unbedingt in dasselbe Seniorenheim gewollt hatte wie seine Freunde, war sie nach wie vor nicht glücklich mit der Situation.

„Ich spüre das Wetter in den Knochen, und das Personal macht hier viel zu viel Theater um einen.“

Evie lächelte. „Bald wird es wieder wärmer. Und ich bin dankbar, dass sie überhaupt Theater machen.“

„Ich wünschte, wir würden uns Weihnachten sehen, aber für einen Tag ist der Weg einfach zu weit. Ich mache mir Sorgen um dich. Du fehlst mir, Evie.“

Heimweh überkam sie und schnürte ihr die Kehle zu. „Ich vermisse dich auch, Grandpa. Sobald ich kann, komme ich dich besuchen. Und mach dir keine Gedanken. Es geht mir wirklich gut.“ Verzweifelt winkte sie dem Mann vom Schlüsseldienst zu, der gerade sein Werkzeug im Wagen verstaute. Wollte er sie etwa hier in der Kälte stehen lassen? Gab es denn keine Kavaliere mehr? Ihr Verlobter machte per SMS mit ihr Schluss, und dieser Kerl wollte eine obdachlose Frau in einer Großstadt ihrem Schicksal überlassen. Ihr Großvater hatte recht – sie brauchte einen richtigen Mann!

„Und, wie läuft es bei der Arbeit?“, hakte dieser nun nach. „Ich habe Mrs. Fitzwilliam erzählt, dass die Hollywoodstars sich bei euch die Klinke in die Hand geben. Das hat dieser neugierigen alten Tante die Sprache verschlagen.“

Evie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Warum hatte sie ihren Großvater bloß angelogen? Andererseits wollte sie ihn nicht enttäuschen oder ihm Kummer bereiten. „Der Job ist toll.“ Man hatte sie degradiert, und der schmierige Geschäftsführer hatte versucht, sich an sie heranzumachen. Doch sonst war alles perfekt.

Als der Mitarbeiter vom Schlüsseldienst den Motor anließ, schnappte sie sich den Müllsack mit ihren Habseligkeiten und rannte auf den Wagen zu. „Warten Sie …“

Unterdessen plauderte ihr Großvater munter weiter. „Die Aktien von Zaccarelli Leisure sind schon wieder gestiegen. Dein Job ist also sicher.“

Nein, das war er nicht. Ihr ganzes Leben schien aus den Fugen zu geraten.

Am liebsten hätte sie ihrem Großvater alles gesagt. Aber dieser hätte es womöglich fertiggebracht, sich in den Zug zu setzen und sich Carlos Bellini vorzuknöpfen. Trotz seiner sechsundachtzig Jahre war er nämlich ein richtiger Mann.

„Und, gehst du zu irgendwelchen Weihnachtsfeiern? Bestimmt kannst du dich dann vor Verehrern kaum retten.“

„Nein, ich habe nichts vor. Außerdem bin ich noch nicht für eine neue Beziehung bereit.“ Sie schlitterte auf dem vereisten Weg und ließ dabei den Müllsack fallen, sodass ihr kleiner silberfarbener Weihnachtsbaum in den Matsch fiel. „Mach dir keine Sorgen um mich.“ Deprimiert betrachtete sie das Malheur.

„Halt dich ran, Evie. Ich werde nicht jünger. Nächstes Jahr möchte ich einen Urenkel auf dem Schoß haben.“

Was? Wie soll ich denn das bewerkstelligen, wenn sich kein Mann für mich interessiert? „Ich gebe mir Mühe, Grandpa“, sagte sie stattdessen und verabschiedete sich betont fröhlich von ihm. Dann steckte sie das Handy wieder in ihre Tasche.

Traurig hob sie den Tannenbaum auf. Im selben Moment gab der Mann vom Schlüsseldienst Gas und bespritzte sie mit Schneematsch.

Es schneite ziemlich stark, und sie überlegte, ob sie in dem Müllsack nach ihrem Schirm suchen sollte, da klingelte das Telefon erneut.

Der Anblick der Nummer auf dem Display ließ sie stöhnen. „Tina? Ich weiß, dass ich spät dran bin, aber ich …“ Sie zuckte zusammen, als ihre Vorgesetzte ihr einen Vortrag hielt und sie anschließend daran erinnerte, dass Salvatorio Zaccarelli am nächsten Tag eintreffen und das Hotel und seine Mitarbeiter in Augenschein nehmen würde. „Ja, ich weiß, dass ich von Glück reden kann, weil Sie mir noch eine Chance gegeben haben …“

Angespannt presste sie die Lippen zusammen und hörte weiter zu. „Ich … Ja, das Penthouse wird perfekt sein. Ich kann mich glücklich schätzen, weil Carlos möchte, dass ich mich persönlich darum kümmere. Und mir ist klar, dass Mr. Zaccarelli der wichtigste Gast ist, den wir je hatten, und dass er sich nur mit dem Besten zufriedengibt.“ Anscheinend war der Mann ein ausgemachter Mistkerl, und sie nahm sich vor, dem Furcht einflößenden, rücksichtslosen Tycoon aus dem Weg zu gehen, wenn er im Hotel eintraf.

Tina redete immer noch, während Evie zur Bushaltestelle schlitterte. Mittlerweile waren ihre Sachen völlig durchnässt, und der Müllbeutel schlug ihr gegen die Beine. „Festlich? Ja, ich werde den Weihnachtsbaum schmücken. Ich bin bald da, aber erst muss ich …“ Sie verstummte. Erst muss ich eine Bleibe finden, bevor ich gegen Mitternacht von meiner Schicht komme. „… einen Bus erwischen. Bin schon unterwegs.“ Konnte sie auch etwas anderes als lügen?

Sie log, um ihren Großvater zu schonen, und sie log den Tyrannosaurus an, wie sie ihre Chefin hinter vorgehaltener Hand nannte. Erst wenn sie einen neuen Job gefunden hatte, brauchte sie sich nicht mehr von Tina schikanieren zu lassen. Vielleicht sollte sie Salvatorio Zaccarelli raten, zuerst den Manager seines besten Hotels zu feuern.

Als sie in dem vollen Bus saß, fragte sie sich, ob sie ihrem Großvater nicht besser die Wahrheit gesagt hätte. Dass sie sich in London einsam fühlte und ihn vermisste. Dass ihr Boss sie hasste und schon nach wenigen Tagen degradiert hatte. Offenbar war sie zu nett gewesen.

Evie seufzte. Vielleicht hatte sie sich nur zu verzweifelt nach Gesellschaft gesehnt. Aber war das ein Verbrechen? Als Empfangsdame in einem Hotel konnte man doch gar nicht freundlich genug sein. Jetzt als Zimmermädchen traf sie kaum noch Gäste. Sie hatte sich sogar schon dabei ertappt, wie sie Selbstgespräche führte.

Sieh den Tatsachen ins Auge. Du bist ein komischer Kauz.

Das waren Jeffs Worte gewesen. Frustriert stieg sie aus und ging zum Hintereingang des Luxushotels, in dem die Reichen und Berühmten dieser Welt abstiegen. Während sie noch überlegte, wo sie den Müllsack verstecken sollte, fuhr eine schwarze Limousine an ihr vorbei und spritzte Schneematsch auf ihre Strumpfhose und Schuhe.

„Hallo, Evie, du bist spät dran.“ Umgeben von einer Wolke aus Parfüm und Haarspray näherte sich ihr mit schnellen Schritten eine Kollegin. „Du hast schon die Einsatzbesprechung verpasst. Tina sagte, du müsstest gleich ins Penthouse. Morgen kommt der große Boss. Man munkelt, dass er jeden feuert, der ihm nicht passt. Sogar der schmierige Carlos ist nervös. Ich kann es ja kaum erwarten, Rio Zaccarelli persönlich zu begegnen. Er ist der attraktivste Mann, den ich je gesehen habe.“

Evie, die völlig durchgefroren war, musste niesen. „Du hast ihn doch noch nie gesehen.“

„Doch, auf Fotos. Wir nennen ihn den heißen Rio.“

„Für mich ist er der rücksichtslose Rio“, murmelte Evie.

Stirnrunzelnd betrachtete ihre Kollegin den Müllsack. „Seit wann bist du für den Abfall verantwortlich?“

„Ach, ich helfe gern. Ich bin eben vielseitig …“ Sie wollte nicht zugeben, dass sie praktisch ihr Zuhause dabeihatte. Tapfer lächelte Evie und folgte ihrer Arbeitskollegin durch die Glastür in das Gebäude, in dem sich eine ganz andere Welt erschloss.

Nachdem sie den Müllsack im Keller hinter einigen Rohren versteckt hatte, floh sie in die elegante Penthousesuite. Sie fühlte sich furchtbar elend und war zum ersten Mal erleichtert, dass sie nicht mehr am Empfang saß und ständig fröhlich sein musste. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen, bis bessere Zeiten anbrachen.

Kaum hatte sie die großzügig geschnittene, luxuriös ausgestattete Penthousesuite betreten, entspannte sie sich. Sehnsüchtig sah sie sich um. Im Kamin brannte ein Feuer, und auf einem kostbaren Teppich standen zwei helle und sehr bequem wirkende Sofas. Durch die hohen Fensterfronten hatte man einen überwältigenden Blick auf den Hydepark und die eleganten Gebäude von Knightsbridge.

Irgendjemand hatte einen großen Tannenbaum neben dem Flügel aufgestellt, und daneben warteten mehrere Kartons mit Weihnachtsdekoration darauf, ausgepackt zu werden.

„So lebt also die andere Hälfte der Menschheit“, sagte sie leise zu sich selbst. Deprimiert machte sie sich an die Arbeit. Dabei versuchte sie nicht an die vergangenen Feste zu denken, an denen sie immer mit ihrem Großvater den Baum geschmückt hatte. Im letzten Jahr hatten sie wunderschöne Tage zusammen verlebt.

Nur wenige Wochen später hatte ihr Großvater einen leichten Schlaganfall erlitten, und ihr war nichts anderes übrig geblieben, als ihn in dem Seniorenheim unterzubringen. Um für die Kosten aufkommen zu können, hatten sie sein kleines Haus verkaufen müssen, und nun lebte sie in einer Großstadt, in der sie niemanden kannte.

Und sie wusste nicht, wo sie diese Nacht verbringen sollte. Diese Vorstellung jagte ihr Angst ein. Einen Moment lang erwog sie, Tina alles zu erzählen und zu fragen, ob sie ein freies Zimmer hätte. Doch Evie wusste schon, wie diese reagieren würde – sie würde ihr sagen, dass ihr Monatsgehalt nicht einmal für eine Übernachtung im preiswertesten Zimmer reichte.

Frohe Weihnachten, Evie.

Ohne Pause arbeitete sie. Nachdem sie den Baum geschmückt und Vasen mit Mistelzweigen aufgestellt hatte, fing sie an, das Penthouse sauber zu machen. Sie war erst halb fertig, als die Tür geöffnet wurde und Carlos, der Geschäftsführer, hereinkam.

Sofort verspannte sie sich. Sie war mit ihm allein und hatte ihr Handy nicht griffbereit.

Seit dem Tag, als er sie zu küssen versucht hatte, war sie ihm aus dem Weg gegangen. Hektisch überlegte sie nun, was sie tun sollte. Da er das Hotel leitete, war sie von ihm abhängig, was er ihr auch deutlich zeigte.

Suchte er womöglich nach einem Vorwand, sie zu entlassen?

„Perfekt“, meinte er. „Richtig weihnachtlich. Genau so hatte ich es mir für Rio vorgestellt.“ Er lächelte schmierig und musterte sie dabei von Kopf bis Fuß. „Sie sind ja ganz nass.“

Regungslos stand sie da. Warum musste der einzige Mann, der sich für sie interessierte, so ein Widerling sein?

„Es schneit. Ich musste auf den Bus warten.“

„Ich möchte nicht, dass meine Angestellten eine Lungenentzündung bekommen. Stellen Sie sich unter die Dusche.“

Evie errötete. „Keine Zeit. Ich bin noch nicht fertig, und in einer halben Stunde habe ich Feierabend.“

„Sie haben gleich morgen früh wieder Dienst.“ Carlos runzelte die Stirn. „Übernachten Sie heute hier. Dann können Sie sofort anfangen. Ich möchte, dass alles zu Rios Zufriedenheit ist.“

Sie durfte im Hotel bleiben? Evie konnte ihr Glück nicht fassen. „Das wäre nicht schlecht“, erwiderte sie betont lässig. „Haben wir denn ein freies Zimmer?“

„Nein, wir sind ausgebucht. Aber Sie können hierbleiben. Im Penthouse.“

Fassungslos sah sie ihn an. „Hier?“

„Warum nicht? Wir erwarten Rio erst morgen Nachmittag. Ihre Schicht endet um Mitternacht, und die nächste fängt morgen früh um sieben an. Ich sorge dafür, dass keiner Sie stört.“

Plötzlich war sie verunsichert. „Ich soll wirklich im Penthouse schlafen?“

„Ja. Niemand hat etwas dagegen, und außerdem schulde ich Ihnen etwas.“ Nach kurzem Zögern fuhr er fort: „Es tut mir leid, wenn ich neulich zu aufdringlich war. Ich habe die Signale falsch gedeutet.“

Sie hatte überhaupt keine Signale ausgesendet. „Vergessen wir das Ganze lieber.“ Dennoch war sie erleichtert. Vielleicht wollte er sie doch nicht entlassen? „Was macht Ihr Finger?“

„Er heilt.“ Carlos bewegte seinen verbundenen Finger und sah sie zerknirscht an. „Im Ernst, Evie. Bleiben Sie. Es ist im Interesse des Hotels. Wenn Sie hier übernachten, schaffen Sie mehr.“

„Na gut“, antwortete sie nach einer kurzen Pause. „Danke.“

„Haben Sie trockene Sachen dabei?“

Evie dachte an ihre Habseligkeiten im Keller. „Ich … habe unten eine Tasche.“

„Dann lasse ich sie holen. Wo steht sie?“

Flankiert von seinem Sicherheitsteam, verließ Rio Zaccarelli im Schutz der Dunkelheit seinen Privatjet und stieg in die wartende Limousine.

„Keine Presse – das ist gut.“ Antonio, sein erster Bodyguard, blickte sich routiniert um. „Niemand weiß, dass Sie kommen. Sollen wir im Hotel Bescheid sagen? Man erwartet Sie erst heute Nachmittag und nicht um vier Uhr morgens.“

„Nein.“ Entspannt lehnte Rio sich im Fond zurück.

Da Antonio wusste, dass man die Aussagen seines Chefs nie hinterfragte, schloss er die Tür und setzte sich neben den Fahrer. „Es dauert sicher nicht lange. Die Straßen sind leer. Wahrscheinlich, weil bald Weihnachten ist.“

Rio antwortete nicht.

Die innere Kälte, die er plötzlich verspürte, hatte nichts mit der niedrigen Außentemperatur zu tun. Mit ausdrucksloser Miene schaute er aus dem Fenster.

Weihnachten.

Zwanzig Jahre waren vergangen, und er hasste dieses Fest immer noch.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte man es aus dem Kalender gestrichen.

Bemüht, die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen zu ignorieren, schaltete er sein Smartphone ein.

Anna, die Ballerina, hatte ihm vierzehn Nachrichten geschickt. Nachdem er die ersten drei überflogen hatte und über das Wort Beziehung gestolpert war, löschte er alle.

Als der Wagen kurz darauf am Hotel ankam, blieb Rio noch einen Moment sitzen, um es zu betrachten.

Du wirst es nie zu etwas bringen, Rio. Du bist ein Niemand.

Grimmig lächelte er. Dieses Gebäude gehörte ihm. Nicht schlecht für jemanden, dessen Leben einmal ein einziger Scherbenhaufen gewesen war.

Schließlich beugte er sich vor. „Bringen Sie mich zum Hintereingang“, wies er seinen Fahrer auf Italienisch an.

„Ja, Sir.“

Kaum hatte die Limousine gehalten, stieg Rio aus und steuerte die Tür an. Missbilligend verzog er den Mund, als er dort niemandem begegnete.

Antonio folgte ihm. „Ich gehe zuerst.“

„Nein. Sie überprüfen die Überwachungskameras im Keller. Stellen Sie fest, wie lange es dauert, bis ich darauf zu sehen bin.“ Im Laufschritt eilte Rio die zehn Stockwerke zur Penthousesuite hoch, wo er einen Code eingab und die Tür sich öffnete.

Niemand hatte den Sicherheitscode geändert. Seine Augen funkelten vor Wut.

In der Suite war es angenehm warm, und es herrschte eine friedliche Stille.

Und alle Räume waren weihnachtlich dekoriert.

Rio erstarrte.

Er hatte strikte Anweisungen gegeben, dass er keinen Weihnachtsschmuck wollte.

Zunehmend angespannter betrachtete er den Tannenbaum im elegant eingerichteten Wohnzimmer, der ihn zu verhöhnen schien und schmerzliche Erinnerungen wachrief.

Dann wandte er sich ab und durchquerte die Suite. Sein Instinkt sagte ihm, dass irgendetwas hier nicht stimmte.

Der dicke Teppich dämpfte seine Schritte auf dem Weg zum Schlafzimmer. Er riss die Tür auf und blieb abrupt auf der Schwelle stehen.

Auf dem Bett lag eine nackte Frau. Ihr langes rotes Haar lag wie ein Fächer ausgebreitet um sie herum, und ihre dunklen Wimpern bildeten einen faszinierenden Kontrast zu ihrer hellen Haut. Ihre roten Lippen waren sanft geschwungen.

Eine ganze Weile betrachtete Rio ihren Mund, bevor sein Blick tiefer wanderte. Sie hatte eine sehr weibliche Figur, die allerdings zum Teil von ihrem Haar bedeckt war. Sofort spürte er Verlangen in sich aufsteigen. In Gedanken registrierte er jede Einzelheit. Augen – grün, entschied er. Temperament – feurig. Körper – unglaublich. Sie hatte die längsten Beine, die er je gesehen hatte, und der Rest …

Langsam betrat Rio das Zimmer. Dann setzte er sich auf die Bettkante und ließ die Hand über ihre Schulter gleiten, wobei er eine Strähne zurückstrich.

Da er ihren verlockenden Lippen nicht widerstehen konnte, neigte er den Kopf und küsste sie. Im nächsten Moment öffnete sie die Augen und schaute ihn schlaftrunken an.

„Oh …“, brachte sie hervor. „Ist schon Weihnachten?“

Wenn dies Weihnachten war, dann musste er seine Einstellung zu diesem Fest noch einmal überdenken. Vielleicht war es doch gar nicht so schlimm. Blau, verbesserte Rio sich geistesabwesend. Ihre Augen waren aquamarinfarben.

Heißes Begehren flammte in ihm auf. Er konnte erkennen, dass sie genauso empfand. Ihre unglaublichen Augen wurden dunkler, und sie öffnete unwillkürlich die Lippen.

Wieder beugte er sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen. Plötzlich blitzte ein Licht auf.

Gerade noch rechtzeitig wirbelte er herum, sodass er einen Mann mit einer Kamera in der Hand sah, der aus dem Raum stürmte.

Rio sprang fluchend auf und rannte ihm nach, doch der Mann hatte das Penthouse bereits verlassen.

Schnell zückte Rio sein Handy und tippte die Kurzwahl seines Sicherheitsteams ein. Aber bevor Antonio den Anruf entgegennehmen konnte, kam Carlos in den Flur.

„Rio? Ich habe gerade erfahren, dass jemand hier eingedrungen ist. Wir hatten keine Ahnung, dass Sie so früh eintreffen. Wie war die Reise?“ Er streckte ihm die Hand entgegen und erstarrte, als sein Blick durch die geöffnete Tür ins Schlafzimmer fiel. „Oh. Ich wusste nicht, dass Sie Besuch haben. Entschuldigen Sie bitte …“

Rio brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, warum die Augen des Managers triumphierend aufleuchteten. Die Worte seines Anwalts klangen ihm in den Ohren.

Das Wichtigste ist, dass du dir bis Weihnachten nichts zuschulden kommen lässt.

Man hatte ihm eine Falle gestellt.

Und er war mitten hineingetappt.

2. KAPITEL

Noch ganz benommen von dem Kuss, stand Evie auf. Da sie immer noch nackt war, schnappte sie sich rasch das dünne Plaid vom Fußende des Bettes und schlang es sich wie einen Sarong um. Krampfhaft hielt sie es fest und ging ins Wohnzimmer, wo Carlos sich gerade mit einem großen, breitschultrigen Mann unterhielt. Dem Mann, der sie gerade geküsst hatte.

Schon in dem Moment hatte es gewaltig zwischen ihnen geknistert. Nun, da sie ihn richtig betrachtete, durchfluteten Hitzewellen ihren Körper, und sie musste an die Worte ihres Großvaters denken – ein richtiger Mann.

Er beherrschte den Raum allein durch seine Anwesenheit. Mit leicht gespreizten Beinen stand er da und wirkte ziemlich Furcht einflößend, wie er Carlos mit seinen wütenden Blicken durchbohrte.

Sobald er sie bemerkte, sah er sie an.

Innerhalb weniger Sekunden wurde ihr eiskalt.

„Ich … ziehe mich lieber an“, sagte sie leise, woraufhin er einen unwirschen Laut ausstieß.

„Sie bleiben genau, wo Sie sind, bis ich Ihnen erlaube wegzugehen.“

Egal, aus welchem Grund er sie geküsst haben mochte, er hatte offenbar nicht vor, es noch einmal zu tun. Der Ausdruck in seinen Augen verriet nicht das geringste Verlangen.

Und plötzlich wusste sie, wer dieser Mann war. Sie hatte einmal ein Foto von ihm hinten in der Hotelbroschüre gesehen. Er war der Herr und Gebieter der Zaccarelli Leisure Group, Salvatorio Zaccarelli – Rio für die Boulevardpresse, die ständig über seine Frauengeschichten und seine Leidenschaft für schnelle Autos berichtete.

Nach allem, was sie über ihn gelesen hatte, war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass er ein ebenso herzloser wie materialistischer Mensch war, den nicht interessierte, welche Folgen seine Entscheidungen für andere hatten. In seinen Hotels tauchte er nur auf, wenn es Probleme gab, und dann rollten Köpfe. Er hatte nichts Liebenswürdiges an sich. Frauen behandelte er genauso wie seine Geschäftspartner. Niemand blieb lange an seiner Seite.

Deshalb hatte sie sich eigentlich von ihm fernhalten wollen.

Ängstlich erwiderte Evie jetzt seinen Blick. Offenbar kochte er vor Wut, weil sie in seinem Penthouse geschlafen hatte.

Wenn Carlos ihm nicht erzählte, dass er es ihr erlaubt hatte, würde es sie ihren Job kosten.

Mühsam schluckte sie, während sie sich nach dem Grund für Rio Zaccarellis Verhalten fragte. Sein Kuss war ein einziges erotisches Versprechen gewesen.

Im nächsten Augenblick eilte ein stämmiger Mann ins Wohnzimmer. „Entschuldigen Sie, Chef.“ Eindringlich sah er Rio Zaccarelli an, als wollte er ihm etwas mitteilen. „Wir haben ihn verloren. Ich habe schon die Polizei gerufen und werde mit den Sicherheitsleuten die Bänder der Überwachungskameras durchgehen. Soll ich die Frau befragen?“

Weshalb sollten die Männer sie befragen wollen?

„Sie kennen sie nicht?“ Carlos gab sich schockiert. „Ich dachte … Warum hätte sie sonst in Ihrem Schlafzimmer sein sollen, Rio?“

Fassungslos betrachtete Evie ihn und überlegte verzweifelt, wie sie sich aus der Affäre ziehen sollte.

„Entschuldigen Sie bitte, Rio“, fuhr Carlos aalglatt fort. „Normalerweise überprüfen wir unsere Mitarbeiter sorgfältig, aber um diese Zeit sind wir so beschäftigt …“ Dann wandte er sich an sie. „Sie enttäuschen mich, Evie. Sie haben eine Vertrauensposition missbraucht.“

„Sie arbeitet hier?“, hakte Rio Zaccarelli schroff nach.

Auf einmal waren alle Blicke auf sie gerichtet. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Natürlich würden sie Carlos glauben, nicht ihr. Es hatte also überhaupt keinen Sinn, sich zu verteidigen.

Sie hatte kein Zuhause, keinen Job, und in weniger als zwei Wochen war Weihnachten.

Bei dem Gedanken an ihren Großvater überkam sie die blanke Panik. Auf keinen Fall durfte sie es ihm sagen, jedenfalls nicht vor dem Fest.

Vielleicht sollte sie einfach ihren Stolz hinunterschlucken und Rio Zaccarelli anflehen. Oder ihn wieder küssen. Unwillkürlich musste sie seinen Mund anstarren und befeuchtete sich die Lippen.

Als Rio es bemerkte, flammten Zorn und noch etwas anderes, viel Gefährlicheres in seinen Augen auf. Dann wandte er sich an Carlos. „Haben Sie eine Ahnung, was Sie angerichtet haben?“, brachte er hervor.

Verwirrt verfolgte Evie, wie er seine Wut an Carlos ausließ. Hatte er dessen Lüge womöglich durchschaut? Er galt als ausgesprochen scharfsinnig.

Sie schöpfte wieder Hoffnung. Wenn das der Fall war, ließ er sie diesmal vielleicht davonkommen.

Schweißperlen traten Carlos auf die Stirn. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden!“

Mühsam beherrscht machte Rio drei Schritte auf ihn zu und krallte die Finger in sein Hemd. „Haben Sie überhaupt kein Gewissen? Keinen Anstand?“

Erschrocken schlug Evie die Hand vor den Mund.

Ging er nicht ein wenig zu weit?

Vermutlich würde er Carlos gleich zu Boden strecken.

Dieser wirkte ängstlich und triumphierend zugleich. Anscheinend freute er sich darüber, dass Rio Zaccarelli die Beherrschung verlor. Carlos Miene war spöttisch, als hätte das Ergebnis seine kühnsten Erwartungen übertroffen.

Für Evie ergab das alles noch immer keinen Sinn. Die beiden Männer schienen sie völlig vergessen zu haben. Wie zwei Kampfhähne standen sie sich gegenüber, doch sie zweifelte nicht eine Sekunde, wer der Überlegene war, sowohl körperlich als auch geistig.

Während Carlos aufgeblasen wirkte, konnte Rio seinen Zorn nur mühsam verbergen.

„Wenn der Vertrag jetzt platzt …“

„Wie?“, tat Carlos schockiert. „Glauben Sie, ich hätte etwas damit zu tun? Denken Sie allen Ernstes …? Rio, ich weiß, dass Sie diese Art von Publicity momentan überhaupt nicht gebrauchen können, weil Sie mitten in heiklen Verhandlungen stecken. Dieser Vorfall könnte alles zunichtemachen.“

Ungläubig verfolgte sie den Austausch zwischen den beiden. Es ging hier also nur um irgendein Geschäft? War der rücksichtslose Rio deswegen so wütend? Warum mussten alle immer nur ans Geld denken?

Als sie sein Profil betrachtete, bemerkte sie die starken Emotionen, die sich sekundenlang auf seinem Gesicht widerspiegelten. Flüchtig rechnete Evie damit, dass er Carlos gleich an die Gurgel gehen würde.

Stattdessen ließ er ihn los.

„Scheren Sie sich zum Teufel!“, sagte er tonlos. „Sie arbeiten nicht mehr für mich, und ich will Sie auch nie wiedersehen. Sie haben in all meinen Hotels Hausverbot. Meine Anwälte werden alles Weitere mit Ihnen regeln. Und wenn ich jetzt Schwierigkeiten bekomme … wenn ich …“ Unfähig, den Satz zu beenden, verstummte er. Der Hass, den sie in seiner Stimme wahrgenommen hatte, jagte Evie einen eisigen Schauer über den Rücken.

Wie konnte man wegen eines Vertrags so zornig sein?

Sie wartete darauf, dass Carlos sich verteidigte, doch er eilte aus dem Penthouse, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Also war sie praktisch allein mit einem Verrückten.

Unbewusst verstärkte sie den Griff um das Plaid. Sie verabscheute Carlos, aber wenigstens kannte sie ihn. Falls Rio Zaccarelli Mordlust verspürte, wäre es gut gewesen, wenigstens einen Zeugen zu haben. Oder ein anderes Opfer.

„Soll ich mich um ihn kümmern, Chef?“, fragte der stämmige Mann, der sein Bodyguard sein musste. „Ich schätze, ich bekomme die Informationen, die Sie brauchen, in einer Minute aus ihm heraus. Er ist ein Waschlappen.“

Noch ein Waschlappen, dachte Evie benommen.

„Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit“, erwiderte Rio eisig. „Ich kenne eine bessere Methode.“

Oh Gott, er meint mich. Ängstlich wich sie einen Schritt zurück.

„Beruhigen Sie sich“, brachte sie hervor. „Atmen Sie tief durch … Es hat wohl keinen Sinn, wenn ich mich entschuldige oder es Ihnen erkläre, aber ich finde, dass Sie überreagieren …“ Erschrocken schrie sie auf, als er auf sie zukam.

Er zog seine Jacke aus und warf sie über den nächsten Stuhl. Das weiße Hemd, das er darunter trug, betonte seinen muskulösen Oberkörper. Fasziniert und entsetzt zugleich beobachtete sie, wie er die Ärmel hochkrempelte. Er sah aus wie ein Boxer, der sich auf einen Kampf vorbereitete.

Schließlich blieb er vor ihr stehen und funkelte sie zornig an. „Ich soll überreagieren? Entweder sind Sie die unsensibelste, egoistischste, geldgierigste Frau, der ich je begegnet bin, oder Sie haben keine Ahnung, was Sie gerade ins Rollen gebracht haben.“

Aus der Nähe sah sie, dass er unrasiert war und dichte, lange Wimpern hatte. Andere Frauen sprachen von seinem überwältigenden Sex-Appeal, doch sie empfand nur Angst. „Ich bin nicht egoistisch oder geldgierig“, verteidigte sie sich mit bebender Stimme. „Und meiner Meinung nach ist es auch kein Drama, dass ich in Ihrem Bett geschlafen habe. Natürlich war es nicht richtig, aber es war ja niemand hier. Außerdem habe ich auf der Decke gelegen.“

„Ja, natürlich. Wie hätte der Fotograf Sie sonst auch nackt ablichten sollen?“ Rio griff nach der Decke und zog Evie abrupt an sich. Er atmete schwer.

Obwohl sie selbst fast eins achtzig maß, fühlte sie sich plötzlich klein und unbedeutend. Bisher hatte sie sich immer gewünscht, sie würde einen Mann kennenlernen, der größer war als sie, aber nun war sie sich nicht mehr so sicher.

In ihrer Panik wurde ihr die Bedeutung seiner Worte erst jetzt bewusst.

„Fotograf? Welcher Fotograf?“

Als er den Blick zu ihren Lippen schweifen ließ, bekam Evie sofort weiche Knie. Einen Moment lang sah sie dasselbe wie andere Frauen auch. Ungezügelten Sex-Appeal. Unter anderen Umständen hätte sie sich ebenfalls zu ihm hingezogen gefühlt.

Plötzlich ließ er sie los. Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, streckte sie die Hände aus, woraufhin das Plaid hinunterrutschte. Schnell hob sie es auf. Dabei bemerkte sie, wie seine Augen noch dunkler wurden und der Bodyguard mühsam schluckte. „Ich muss mich anziehen“, erklärte sie atemlos. Inzwischen müssten ihre nassen Sachen, die sie im Bad auf die Heizung gehängt hatte, trocken sein.

Rio Zaccarelli stieß einen verächtlichen Laut aus, bevor er sich von ihr abwandte. „Es ist ein bisschen spät für Schamgefühle, finden Sie nicht? Morgen steht Ihr Foto in allen Zeitungen.“

„Welches Foto?“ So fest sie konnte, schlang sie die Decke wieder um sich.

„Das, auf dem wir uns küssen“, erwiderte er unwirsch. „Ich will den Namen des Fotografen und Ihres Auftraggebers. Los, nennen Sie sie mir!“

Evie blickte zum Schlafzimmer, während sie die Ereignisse der vergangenen Minuten Revue passieren ließ. „Ich … Jemand hat mich fotografiert?“

An seiner Wange zuckte ein Muskel. „Normalerweise bin ich stolz auf meine Selbstbeherrschung, aber heute erkenne ich mich selbst kaum wieder. Wenn Sie mich nicht richtig wütend erleben wollen, stellen Sie sich nicht dumm.“

„Das tue ich auch nicht! Ich habe keinen Fotografen gesehen. Sie haben mir die Sicht versperrt, falls Sie sich erinnern.“

Zu ihrer Überraschung überzog eine feine Röte seine Wangen. „Soll ich Ihnen allen Ernstes glauben, dass Sie weder das Blitzlicht noch diesen Kerl bemerkt haben?“

Angestrengt überlegte Evie. Sie erinnerte sich noch daran, wie aufregend sein Kuss gewesen war. Sie erinnerte sich an die wohlige Wärme, die sie durchflutet hatte, an die prickelnde Erregung, aufblitzendes Licht … aufblitzendes Licht?

Entsetzt sah sie ihn an, woraufhin er spöttisch die Lippen verzog.

„Na, kehrt die Erinnerung zurück?“

Rio Zaccarelli war so arrogant! Deshalb würde sie ihm auf keinen Fall sagen, dass sie in dem Moment geglaubt hatte, es würde zu dem Feuerwerk gehören, das sein Kuss in ihr auslöste.

„Ich habe ihn nicht gesehen. Wie ich bereits sagte, haben Sie mir die Sicht versperrt.“

„Leider habe ich ihm nicht die Sicht auf Sie versperrt. Jetzt hat er ein Foto von uns …“ Mit grimmiger Miene betrachtete er sie. „… zusammen.“

Als ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde, bekam Evie noch weichere Knie. „Warten Sie. Heißt das, irgendein Fremder hat mich nackt auf dem Bett fotografiert?“ Panik und Entsetzen überkamen sie, denn sie hasste es, fotografiert zu werden, und dann noch nackt …

„Ich habe Sie schon gewarnt – ich bin nicht in der Stimmung.“ Sein Tonfall und seine Körpersprache waren so Furcht einflößend, dass ihr Mund ganz trocken wurde.

„Ich auch nicht“, sagte sie schrill. „Und ich spiele keine Spielchen. Wie ist der Fotograf hier hereingekommen? Warum hätte er mich ablichten sollen? Und was macht er mit der Aufnahme?“

Seine schwarzen Augen funkelten eisig. „Wenn Sie noch mehr dämliche Fragen stellen, setze ich Sie nackt vor die Tür. Wie viel hat er Ihnen gezahlt?“

Es fiel ihr schwer, Rio Zaccarelli zu folgen. „Glauben Sie wirklich, irgendjemand würde für ein Nacktfoto von mir bezahlen? Haben Sie den Verstand verloren?“ Nun überschlug ihre Stimme sich beinah. „Vielleicht haben Sie schon bemerkt, dass ich nicht gerade ein Supermodel bin. Ich wäre nur für diese schrecklichen Vorher-Nachher-Fotos interessant. Sie wissen ja … Und dies ist Evie, bevor sie mit unserer Diät zwanzig Kilo abgenommen hat.

Ungläubig betrachtete er sie. „Ist das alles, was Ihnen Sorgen macht? Ob der Typ Sie von Ihrer Schokoladenseite abgelichtet hat?“

„Nein, denn ich habe keine Schokoladenseite! Ich sehe immer gleich aus, und deswegen lasse ich mich auch nie fotografieren!“ Noch nie war sie einem Mann begegnet, den sie gleichzeitig am liebsten geküsst und geohrfeigt hätte. Dieses Gefühl verwirrte sie so, dass ihr schwindelig wurde. Gern hätte sie ihm gesagt, dass nackt fotografiert zu werden für sie einem Albtraum gleichkam. Es weckte unangenehme Erinnerungen in ihr …

Evie, der Elefant …

„Was … wird er mit dem Foto machen?“ Sie versuchte, sich auf ihren gesunden Menschenverstand zu besinnen. „Niemand wird ein Nacktfoto von mir sehen wollen …“ Dann begriff sie. „Aber von Ihnen.“ Mit einem Mal fielen ihr die einschlägigen Artikel in der Boulevardpresse ein. „Oh nein …“

Rio betrachtete sie, einen angespannten Zug um den Mund. „Wie viel hat er Ihnen gezahlt?“

„Gar nichts! Ich bin genauso unschuldig wie Sie.“ Allerdings schien er ihr nicht zu glauben. Der Ausdruck in seinen schwarzen Augen war so furchterregend, dass sie schnell den Blick auf seinen Mund richtete. Wo hatte Rio nur gelernt, so zu küssen?

„Unschuldige Frauen liegen nicht nackt auf dem Bett irgendeines Mannes und warten auf ihn.“

„Ich habe nicht auf Sie gewartet! Wie kommen Sie überhaupt darauf? Mein Vermieter hat mich aus meiner Wohnung geworfen, und ich wusste nicht, wo ich die Nacht verbringen soll …“ Fieberhaft ließ sie die Ereignisse Revue passieren. Carlos hatte darauf beharrt, dass sie in der Suite übernachtete. Er hatte sie auch ermutigt, heiß zu duschen und ihre Sachen auf der Heizung zu trocknen. Entsetzt sah sie Rio Zaccarelli an, der daraufhin die Lippen zusammenpresste.

„Kommen Sie ja nicht auf die Idee, so zu tun, als wüssten Sie nicht, was los ist“, warnte er sie eisig, sodass ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

„Man hat mich reingelegt.“

„Ich höre“, sagte er gefährlich ruhig.

Er glaubte ihr nicht. „Carlos hat mich angewiesen, heute Nacht hier zu schlafen …“ Krampfhaft krallte sie die Finger in das Plaid. „Wie konnte ich nur so naiv sein? Was werden die jetzt mit dem Foto machen?“

Rio schwieg einen Moment lang und blickte sie nur starr an. Dann ging er stirnrunzelnd um sie herum und musterte sie dabei von Kopf bis Fuß. „Sie werden es veröffentlichen“, erwiderte er schließlich kühl. „Morgen wird man es im Internet und in allen Zeitungen bewundern können.“

Der Bodyguard räusperte sich. „Chef …“

Rio wandte sich an ihn und sagte etwas auf Italienisch zu ihm, das ihn sofort schweigen ließ.

„Was?“, meinte Evie bestürzt. „Ich dachte, vielleicht benutzen sie es, um Sie zu erpressen oder so …“

„Haben sie Ihnen das erzählt?“, erkundigte er sich trügerisch sanft.

„Nein, ich habe nur überlegt …“ Verzweifelt versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich meine, falls diese Leute Sie erpressen wollen, könnte man sie vielleicht davon überzeugen, das Bild nicht zu veröffentlichen. Haben Sie eine Ahnung, wie peinlich das wäre? Ich könnte mich nirgendwo mehr blicken lassen.“

Peinlich? Glauben Sie, das interessiert mich?“, fragte er spöttisch.

„Nein, wohl kaum.“ Etwas lauter fuhr sie fort: „Sie sind ja auch nicht derjenige, den man nackt fotografiert hat. Und hören Sie auf, mir Angst zu machen. Das Ganze ist schon schlimm genug.“ Sie fasste sich an die Stirn, während sie mit der anderen Hand immer noch das Plaid festhielt. „Wenn das Foto in den Zeitungen erscheint, wird jeder es sehen … auch Grandpa …“ Hilflos sah sie ihn an. „Sie müssen etwas unternehmen. Sie haben doch Geld … Können Sie diese Leute nicht bezahlen? Lassen Sie sich etwas einfallen.“

Alles in ihr verkrampfte sich. Angespannt versuchte sie sich zu erinnern, von wo aus der Blitz gekommen war und wie sie in dem Moment gelegen hatte.

Sofort fühlte sie sich in jene Zeiten zurückversetzt, als sie sich beim Schulsport immer in der hintersten Ecke des Umkleideraums versteckt hatte, darum bemüht, ihre Turnsachen anzuziehen, ohne dass jemand sie dabei beobachtete.

„Vielleicht hätten Sie sich Gedanken über die Folgen machen sollen, bevor Sie sich bereit erklärt haben, sich aufs Bett zu legen.“

Evie holte tief Luft. „Ich habe auf dem Bett gelegen, weil ich nicht wusste, wohin, okay? Ich habe meine Wohnung verloren und war in einer Notlage, als Carlos mir angeboten hat, hier zu übernachten.“ Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. „Es erschien mir zu schön, um wahr zu sein. Und das war es letztendlich auch. Hören Sie, es spielt keine Rolle, ob Sie mir glauben oder nicht. Sie müssen die Veröffentlichung verhindern. Bitte zahlen Sie diese Leute aus.“

Ruhig betrachtete Rio sie. „Sie wollen kein Geld.“

„Was dann?“

Er wandte sich ab, doch sie hatte den Schatten bemerkt, der über sein Gesicht huschte. „Sie wollen mir … das Leben schwer machen.“

„Und was ist mit meinem Leben?“

„An Ihnen sind sie nicht interessiert. Sie haben Ihre Rolle gespielt. Sicher finden Sie eine Möglichkeit, Ihren kurzfristigen Ruhm finanziell auszuschlachten.“

„Meinen Sie wirklich, ich möchte wegen meines großen Pos berühmt werden?“

„Warum haben Sie sich dann überhaupt auf diese Geschichte eingelassen?“

„Sind Sie etwa begriffsstutzig? Ich habe damit nichts zu tun!

Im nächsten Augenblick wurde die Tür zur Suite aufgerissen, und drei uniformierte Sicherheitsleute des Hotels stürmten völlig außer Atem herein.

Am liebsten hätte Evie die Flucht ergriffen.

Demonstrativ blickte Rio auf seine Armbanduhr. „Ich bin jetzt seit siebzehn Minuten im Hotel“, erklärte er eisig, „und niemand hat sich mir in den Weg gestellt. Das sind sechzehneinhalb Minuten zu viel. Der Sicherheitscode für das Penthouse wurde seit meinem letzten Aufenthalt hier nicht mehr geändert, und das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass jemand hier eindringen konnte. Die Überwachungskamera am Hintereingang ist nicht auf die Straße gerichtet. Und ein Reporter hat sich Zugang zu meiner Suite verschafft. Schützen Sie so Ihre Gäste?“

Evie beobachtete, wie Arnold der Schweiß auf die Stirn trat. Der Sicherheitschef war einer der wenigen Mitarbeiter, der sie nett behandelte, und sie wurde wütend, als sie sah, wie er zusammenzuckte.

„Wir wussten nicht, dass Sie mitten in der Nacht eintreffen, Sir. Wir hatten Sie erst im Laufe des Vormittags erwartet und …“ Er brach abrupt ab und schaute sie entgeistert an. „Evie? Was machen Sie denn im Penthouse?“

„Ich wusste nicht, wo ich heute Nacht schlafen sollte, Arnold …“

Rio kniff die Augen zusammen. „Wer genau ist diese Frau?“

„Ihr Name ist Evie Anderson.“ Arnolds Züge wurden weicher. „Sie arbeitet hier als Empfangsdame … ich meine, als Zimmermädchen.“

Sie schöpfte gerade Hoffnung, dass Arnold sie in Schutz nehmen würde, als die Tür wieder geöffnet wurde und eine korpulente Frau in den Fünfzigern eintrat. Auch sie war völlig außer Atem. Offenbar hatte sie sich in Windeseile angezogen, denn ihre Bluse war falsch geknöpft und ihr Rock verkehrt herum.

Evie stöhnte entsetzt. Oh nein! Woher wusste Tina Bescheid?

„Mr. Zaccarelli … Wir hatten Sie heute erst viel später erwartet. Es tut mir so leid, dass niemand Sie in Empfang genommen hat …“ Tinas Unbehagen war so offensichtlich, dass Evie fast Mitleid mit ihr hatte. „Ich bin Tina Hunter, die Leiterin der Gästebetreuung. Wir werden unser Möglichstes tun, um Ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu gestalten.“

Tina stand der Schock deutlich ins Gesicht geschrieben, als sie sich umwandte und Evie entdeckte.

„Evelyn? Was machen Sie denn hier?“ Peinlich berührt drehte Tina sich wieder zu Rio um. „Es tut mir so leid. Diese Frau macht uns nur Ärger … hält sich für etwas Besseres. Ich habe ihr noch eine Chance gegeben – das ist mal wieder typisch für mich! Evelyn, holen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie sofort das Haus.“

Entrüstet über diese Ungerechtigkeit blickte Evie sie starr an. „Sie haben mich nicht einmal nach meiner Version gefragt.“

Nun errötete Tina. „Ich habe Sie nackt in dieser Suite angetroffen. Das genügt mir. Ich finde es unglaublich geschmacklos, dass Sie sich einem Milliardär aufdrängen.“

„Wie bitte?“, fuhr Evie sie außer sich vor Wut an. „Sehen Sie sich den Mann doch an. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich ihm wohl kaum aufdrängen, oder? Er hat die Statur eines …“ Sie verstummte und spürte, wie ihr ebenfalls das Blut in die Wangen stieg.

Tina bebte vor Zorn. „Holen Sie Ihre Sachen.“

„Ich habe keine Sachen. Alles, was ich besitze, steckt in einem Müllsack im Keller. Carlos wollte ihn holen lassen, damit ich etwas Trockenes anziehen kann. Seltsamerweise ist er nicht gekommen.“ Mit zittrigen Fingern strich Evie sich eine Strähne hinters Ohr. Hoffentlich würde sie nicht gleich vollends die Fassung verlieren! „Carlos hat mich angewiesen, hier zu übernachten, ob Sie es glauben oder nicht.“

„Natürlich tun wir das nicht!“, donnerte Tina. „Warum sollte der Geschäftsführer einem Zimmermädchen erlauben, die Nacht im Penthouse zu verbringen? In einer Suite, die zwölftausend Pfund die Nacht kostet?“

Evie wurde blass. „Wie viel? Das ist ja unfassbar!“

„Unfassbar ist Ihr Verhalten! Sie müssen sich einen neuen Job suchen, junge Frau. Und da Sie so freizügig sind, haben Sie ja sicher genug Möglichkeiten“, erklärte Tina scharf. „Jetzt tun Sie bloß nicht so schockiert. Dass Sie die Unschuld vom Lande sind, nimmt Ihnen keiner mehr ab. Sie mögen vielleicht anständig wirken, aber wir wissen es besser. Was glauben Sie denn, warum ich Sie von der Rezeption abgezogen habe? Die Leute haben dort Schlange gestanden.“

„Ich war doch nur nett zu den Gästen! Sie sind so unfair. Bald ist Weihnachten, und Sie zeigen nicht das geringste Mitgefühl. Und ich bin halb nackt, weil meine Sachen nass sind, nicht, weil ich in der Erotikbranche Karriere machen will.“

Wütend deutete Tina zur Tür. „Sie sind gefeuert. Verschwinden Sie.“

„Was, in diesem Aufzug?“, fragte Evie bestürzt. „Bestimmt nicht. Diese Decke gehört ins Schlafzimmer, und ich will mir nicht auch noch Diebstahl vorwerfen lassen. Ich bin unverschuldet in diese Situation geraten, und Sie wollen mich jetzt büßen lassen. Ich ziehe mich jetzt an und gehe. Frohe Weihnachten allerseits!“ Als sie sich die Reaktion ihres Großvaters vorstellte, wenn er das Foto von ihr in der Zeitung sah, stöhnte Evie gequält. Dann eilte sie ins Bad und schloss die Tür ab.

Anständig …

Starr blickte Rio Evelyn Anderson nach, während er in Gedanken schnell einen Plan ausarbeitete, wie er Nutzen aus der Situation ziehen konnte.

Mit immer noch geröteten Wangen und zusammengepressten Lippen wandte Tina sich wie ein Feldwebel an die beiden Sicherheitsbeauftragten. „Sie hat sich eingeschlossen. Öffnen Sie die Tür, und begleiten Sie sie aus dem Hotel. Wir werden tun, was wir können, um die Angelegenheit diskret zu behandeln.“

„Raus“, befahl Rio, bevor er zur Tür ging und sie öffnete. „Alle. Und zwar sofort.“

Die Anwesenden sahen sich verunsichert an, und sein Lächeln verstärkte die Anspannung um ein Vielfaches.

„Beraumen Sie für heute Mittag um eins eine Besprechung mit allen Mitarbeitern an“, wandte er sich an den Sicherheitschef. „Dann will ich den Namen der Person, die dafür verantwortlich ist, dass die Überwachungskameras falsch eingestellt sind. Und ich möchte eine Einschätzung darüber, wie die Sicherheitsmaßnahmen so verschärft werden können, dass jeder Eindringling innerhalb von dreißig Sekunden bemerkt wird …“

„Aber das hier ist ein Hotel, Sir. Die Leute kommen und gehen …“

„Wenn Sie Ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, dann sagen Sie es, und ich tausche Sie sofort gegen jemand anders aus. Mein Sicherheitsteam wird Sie beim Verfassen des Berichts unterstützen, wenn Sie bleiben möchten.“

Arnold zuckte unter seinem eisigen Blick zusammen, und Rio fuhr fort: „Es ist Ihr Job, zwischen Gästen, Schaulustigen und Stalkern zu unterscheiden. Schließlich bezahle ich Sie dafür. Und Sie …“ Er sah Tina an. „… sind gefeuert.“

„Sie können mich nicht einfach entlassen“, erwiderte sie schockiert.

„Dieses Hotel gehört mir. Ich kann tun und lassen, was ich will.“

„Sie haben doch gar keinen Grund …“

„Mitarbeiter zu schikanieren und einzuschüchtern ist in meinen Augen Grund genug“, erklärte er kühl. Ohne eine Miene zu verziehen, öffnete er die Tür ein Stück weiter. „Sie können jetzt gehen. Und schicken Sie auf dem Weg nach draußen jemanden her, der den Tannenbaum mitnimmt. Solange ich hier bin, will ich von Weihnachten nichts wissen. Haben Sie mich verstanden? Keine Kugeln, kein Lametta, keinen Baum.“

Während alle an ihm vorbeieilten, blieb Tina stehen. Offensichtlich war sie in Panik, was ihre Zukunft anging. „Und was ist mit Evelyn? Sie ist für das alles doch verantwortlich. Sie sollten ihr Hausverbot erteilen.“

Rio warf ihr einen Blick zu, der sie veranlasste, sofort den Rückzug anzutreten. Dann kehrte er zum Bad zurück und betrachtete nachdenklich die geschlossene Tür.

Anständig.

Das Problem könnte sich als die Lösung erweisen, überlegte er.

„Na gut, Dornröschen. Ich habe den Drachen getötet. Sie können jetzt rauskommen.“

3. KAPITEL

Er hatte Tina gefeuert!

Evie, die an der Tür stand und lauschte, traute ihren Ohren nicht.

Leise ging sie von der Badezimmertür weg und schmiegte die Wange an die kühlen Fliesen. Sie hatte ganz weiche Knie.

Rio hatte Tina durchschaut und sofort entlassen. Vielleicht war er doch nicht so unsympathisch …

Langsam atmete Evie aus. Sie konnte kein Mitleid für Tina empfinden, wenn sie daran dachte, wie sehr diese ihre Mitarbeiter schikaniert und verunsichert hatte. Seit ihrer Degradierung hatte sie unzählige Tränen vergossen.

Ob Rio die Gerüchte zu Ohren gekommen waren?

Und wer mochte noch auf seiner Entlassungsliste stehen?

Als ihr klar wurde, dass sie vermutlich die Nächste war, schloss sie verzweifelt die Augen. Aber das Einzige, was sie momentan wirklich interessierte, war dieses verdammte Foto. Vielleicht sollte sie in Cedar Court anrufen und die Angestellten dort bitten, dafür zu sorgen, dass ihr Großvater nicht fernsah oder Zeitung las.

Doch er liebte seine Zeitung und würde den Grund dafür wissen wollen, wenn man sie ihm wegnahm.

In einem erneuten Anflug von Panik stützte Evie sich aufs Waschbecken und versuchte, sich zu beruhigen.

„Sie haben zehn Sekunden, um das Bad zu verlassen.“

Sein autoritärer Tonfall bestätigte ihre Befürchtungen. Das Schlimmste stand ihr noch bevor.

Verzweifelt blickte sie sich um, doch es gab keinen Fluchtweg.

Warum nur hatte sie Carlos’ Anweisung befolgt und im Penthouse geschlafen? Und warum hatte Rio Zaccarelli mitten in der Nacht in London eintreffen müssen?

„Zwei Sekunden …“

Evie zuckte zusammen und schaute hilflos zur Tür. Sie musste sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell.

Hier drinnen war sie sicher. Er würde wohl kaum die Tür eintreten, oder?

Im nächsten Moment hörte sie ein ohrenbetäubendes Geräusch, und die Badezimmertür schlug mit aller Wucht gegen die Wand.

Rio Zaccarelli stand auf der Schwelle und rieb sich die Schulter. „Was ist bloß mit den Angestellten hier los?“, fuhr er sie an. „Ich erwarte, dass meine Anweisungen befolgt werden. Und ich habe keine Lust, mein Hotel zu demolieren, um mit einer meiner Mitarbeiterinnen sprechen zu können.“

Evie schluckte. „Ich … Alles in Ordnung mit Ihnen? Dass jemand eine Tür eintritt, habe ich bis jetzt nur in Filmen gesehen. Es muss doch wehtun.“ Besorgt betrachtete sie ihn.

„Das tut es auch.“ Vorsichtig bewegte er die Schulter. „Und deswegen würde ich es begrüßen, wenn Sie mir das nächste Mal öffnen würden.“

Sie lachte unsicher, während sie das Plaid weiter festhielt. „Warum? Damit Sie mich persönlich feuern können?“

„Wer sagt, dass ich das vorhabe?“

„Sie haben den Tyrannosaurus entlassen.“

„Den was?“ Er schaute sie finster an. „Ich nehme an, Sie reden von der übereifrigen Frau in dem seltsamen Aufzug. So nennen Sie sie also?“

Erschrocken erstarrte sie. „Nein, natürlich nicht“, schwindelte sie. „Wir nennen sie Tina.“ Oder Fleischfresser, weil sie ihre Mitarbeiter zum Frühstück vertilgt.

„Sie schien nicht sehr beeindruckt von Ihnen.“

„Nein“, räumte sie deprimiert ein. Was hatte es für einen Sinn, sich zu verteidigen? Es war vorbei. „Ich habe hier von den leitenden Angestellten leider nicht viel Unterstützung erfahren.“

Dann dachte sie an ihren Großvater und überlegte, ob sie Rio Zaccarelli bitten sollte, ihr noch eine Chance zu geben. Ein Blick in seine dunklen Augen überzeugte sie jedoch davon, dass es Zeitverschwendung war. Vermutlich besaß er nicht einen Funken Mitgefühl.

„Ich habe ein großes Problem …“

Der Klang seiner tiefen Stimme ließ sie erschauern und erinnerte sie daran, dass sie unter dem Plaid nackt war. Sie fühlte sich ihm hoffnungslos unterlegen.

Alles an ihm verriet ungezügelte Männlichkeit – von der winzigen Narbe über seinem rechten Auge bis zu seinen unrasierten Wangen.

Plötzlich sah sie Jeffs glattes, jungenhaftes Gesicht vor sich. Allerdings wäre es lächerlich gewesen, die beiden Männer miteinander zu vergleichen, denn sie hatten überhaupt nichts gemeinsam.

Der elegante Anzug, den er trug, täuschte sie nicht darüber hinweg, dass Rio Zaccarelli ein ungezähmter Mann war, der alles tun würde, um seinen Willen durchzusetzen.

Ein richtiger Mann.

Die Atmosphäre war schlagartig so spannungsgeladen, dass die Beine ihr den Dienst zu versagen drohten und ihr Herz wild zu pochen begann. Am liebsten hätte Evie die Flucht ergriffen, aber sie konnte sich nicht von der Stelle rühren.

Als sie sich wieder Jeffs Bild ins Gedächtnis zu rufen versuchte, tauchte jemand anders vor ihrem inneren Auge auf, ein Mann mit gebräunter Haut und dunklen Augen, die ungezügeltes Verlangen verrieten …

Zu allem Überfluss waren zwei Wände im Bad auch noch verspiegelt, sodass sie ihn unzählige Male sah.

„Wenn Sie mich fünf Minuten allein lassen, ziehe ich mich an“, sagte sie nervös.

„Ihre eigenen Sachen?“

„Natürlich. Sie hängen auf der …“ Sie wandte den Kopf und erschrak. „Ich hatte sie über die Heizung gehängt. Sie sind weg.“ Dafür konnte es nur einen Grund geben. In einem erneuten Anflug von Panik schaute sie Rio an, woraufhin dieser spöttisch eine Braue hochzog.

„Haben sie sich in Luft aufgelöst?“

„Vergessen Sie es.“ Evie hob die Hand. „Ich sage jetzt gar nichts mehr. Sie glauben mir ja ohnehin kein Wort.“

„Sie irren sich“, widersprach er mit grimmiger Stimme. „Ich schätze, Carlos hat etwas mit dem mysteriösen Verschwinden Ihrer Sachen zu tun. Habe ich recht?“

Langsam ließ sie die Hand wieder sinken. „Woher … wissen Sie das?“

„Weil er Ihnen vorgeschlagen hat, hier zu übernachten, und es bestimmt nicht aus Selbstlosigkeit getan hat. Es passt alles zusammen …“ Ein Muskel zuckte an seiner Wange, und Rio murmelte etwas auf Italienisch.

„Ich habe immer noch keine Ahnung, was hier vorgeht, aber es spielt auch keine Rolle. Ich möchte nur noch weg von hier. Wenn mir jemand etwas zum Anziehen leihen könnte, gehe ich sofort.“

„Sie gehen nirgendwohin.“

Ihr Herz schlug noch schneller. „Wenn das mit dem Nacktfoto eine Falle war, sollte ich von der Bildfläche verschwinden und mich irgendwo verstecken.“

Rio lachte verächtlich. „Sind Sie wirklich so naiv? Die Reporter finden einen überall.“

Seine Worte schockierten sie. „Warum sollten sie sich denn für mich interessieren? Ich bin völlig unbedeutend.“

„Das waren Sie vielleicht, bevor Sie nackt bei mir auf dem Bett gelegen haben. Aber jetzt sind Sie für die Presse sehr interessant.“

„Daran waren Sie auch schuld. Sie haben mich geküsst, und ich weiß nicht, warum Sie das gemacht haben.“ Sie wünschte, er hätte es nicht getan, denn sie konnte es einfach nicht vergessen.

„Ich kann nichts dafür. Sie haben nackt dort gelegen.“

Es klang so arrogant, dass sie ihn fassungslos ansah. „Und was soll das heißen? Dass Sie jede nackte Frau küssen, der Sie begegnen?“

„Normalerweise machen die Frauen sich erst nackt, nachdem ich sie geküsst habe“, erwiderte er lässig. „Und obwohl viele sich einiges einfallen lassen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, habe ich so etwas noch nicht erlebt.“

„Ich dachte, wir wären übereingekommen, dass es eine Falle war!“, rief sie. „Glauben Sie wirklich, ich hätte hier übernachtet, wenn ich gewusst hätte, dass Sie früher kommen?“

„Ja. Das Foto wird ein Vermögen einbringen.“

„Schon möglich, aber das bekomme nicht ich.“ Hoch erhobenen Hauptes verließ Evie das Schlafzimmer, wobei sie das Plaid wie eine Schleppe hinter sich herzog.

„Wohin wollen Sie eigentlich?“

„Weg von hier. Ich ertrage es nicht, Sie gleich mehrfach zu sehen.“ Dabei deutete sie auf die Spiegel. „Sie reichen mir schon in natura. Ich rufe den Zimmerservice an und bitte darum, mir einen Satz Dienstkleidung hochzuschicken. Und dann verstecke ich mich irgendwo, wo nicht einmal die Presse mich findet.“

„Weglaufen ist keine Lösung.“

„Wenn Sie einen besseren Plan haben, bitte. Für Sie ist es einfach. Sie haben Bodyguards und eigene Häuser, die alle bewacht sind. Sie brauchen sich nur irgendwohin zurückzuziehen und abzuwarten, bis sich der Trubel gelegt hat. Ich hingegen muss damit leben, dass dieses Foto existiert. Wahrscheinlich kann es bald jeder im Internet bewundern.“

Prompt trat sie auf das Plaid und stolperte. Verzweifelt blinzelte sie die Tränen zurück. „Ich muss damit leben, dass mein Großvater ein Foto von mir zu Gesicht bekommen wird, auf dem ich nackt bin und einen Fremden küsse. Wenn er noch einen Schlaganfall erleidet, ist es einzig und allein Ihre Schuld!“

„Und was wird ihn am meisten schockieren? Dass Sie nackt sind oder dass Sie einen Fremden küssen?“

Evie nahm den Telefonhörer in die Hand. „Das ist nicht witzig.“

„Sehe ich etwa so aus, als würde ich mich über Sie lustig machen? Sie haben keine Ahnung, wie ernst das für mich ist. Für Sie ist es nur peinlich, für mich ist es …“ Rio verstummte, und sie verharrte mitten in der Bewegung, erschrocken über den Ausdruck in seinen Augen.

„Was ist es für Sie? Ein Vertrag, der platzen könnte? Geht es Ihnen nur um Ihr Ego? Geld haben Sie schließlich genug.“ Als er nicht antwortete, sagte sie ärgerlich. „Ach, vergessen Sie’s. Warum sollte es Sie interessieren, dass mein Ruf ruiniert ist? Für Sie bin ich doch nur eine weitere Eroberung.“

„Unsinn. Ich bin sehr wählerisch, was meine Partnerinnen betrifft“, brachte er hervor.

Und er würde keine Frau wie sie nehmen. Evie errötete und wählte schnell die Nummer vom Zimmerservice. „Hallo? Margaret? Tut mir leid, dass ich dich störe, aber könntest du mir bitte einen Satz Dienstkleidung ins Penthouse schicken? Ich habe … etwas verschüttet … Wie bitte?“ Wieder schoss ihr das Blut ins Gesicht. „Größe 38 … 38, habe ich gesagt … Ich flüstere nicht …“ Sie stieß einen schreckhaften Laut aus, als ihr das Telefon aus der Hand gerissen wurde.

„Sie hat Größe 38 gesagt“, wiederholte Rio. „Und schicken Sie bitte auch Unterwäsche und Schuhe herauf. Sie braucht …“ Sein Blick wanderte zu ihren Brüsten. „… 75 D, und ihre Schuhgröße ist …“ Eine Braue hochgezogen, sah er Evie an.

„Vierzig“, sagte sie matt.

Nachdem er die Information weitergegeben und das Gespräch beendet hatte, holte er sein klingelndes Handy aus der Hosentasche und führte ein längeres Telefonat auf Italienisch.

Währenddessen stand sie mit glühenden Wangen da und fragte sich, wie er ihre Körbchengröße erraten hatte.

Er sprach immer noch, als wieder ein Summen ertönte. Aus der anderen Tasche nahm er ein zweites Mobiltelefon heraus.

Ungläubig beobachtete sie, wie er weitertelefonierte, während er mit dem anderen Telefon eine SMS schrieb.

„Sì … sì … Ciao.“ Er legte auf und betrachtete sie stirnrunzelnd. „Was ist?“

„Wie viele Telefone haben Sie?“

„Drei. So kann ich besser arbeiten.“

„Und was ist, wenn sie alle gleichzeitig klingeln? Die meisten Männer sind nicht besonders gut in Multitasking.“

Rio lächelte kühl. „Ich bin aber nicht wie die meisten Männer. Und ich bin sehr gut in Multitasking.“ Wie zum Beweis klingelten im nächsten Moment zwei seiner Telefone gleichzeitig. Während er beide Gespräche entgegennahm, ging Evie zum Fenster.

Draußen war es immer noch dunkel, aber inzwischen waren schon mehr Fahrzeuge auf den verschneiten Straßen unterwegs.

Sie presste die Wange an die Scheibe und wünschte, ihr Leben würde auch so normal verlaufen wie das der Menschen dort unten. Sie wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und hätte nie die Nacht im Penthouse verbracht.

Wieder brannten ihr Tränen in den Augen, und sie blinzelte einige Male, fest entschlossen, nicht zu weinen.

Was sollte sie bloß machen? Sollte sie ihren Großvater anrufen und ihn vorwarnen oder gar nichts tun und hoffen, dass er das Foto nicht sah?

„Kommen Sie vom Fenster weg. Ihre Sachen sind da. Sie können sich im Schlafzimmer umziehen.“

Evie drehte sich um. Wie hatten ihre Kollegen vom Zimmerservice die Unterwäsche und die Schuhe bloß so schnell aufgetrieben? Als sie die Schachteln erblickte, wurde ihr klar, dass diese die Sachen in der hoteleigenen Boutique besorgt hatten.

„Ich kann das nicht bezahlen.“

Rio schaute sie ungeduldig an. „Das Preisschild an Ihrem BH dürfte momentan Ihre geringste Sorge sein.“

„Sie brauchen sich ja auch keine Gedanken ums Geld zu machen“, beharrte sie. „Ich schon. Vor allem weil ich gerade meinen Job verloren habe.“

Erneut ging eines seiner Telefone, doch er ignorierte es. „Ziehen Sie sich an. Betrachten Sie die Sachen als Geschenk.“

„Das kann ich nicht annehmen.“

„Dann betrachten Sie es als Teil unseres Programms zum Krisenmanagement. Je länger Sie nackt herumlaufen, desto mehr Probleme können wir uns einhandeln.“

Widerstrebend musste sie ihm recht geben.

Als sie eine der Schachteln öffnete, fand sie darin einen verführerischen BH mit Leopardenmuster und einen passenden Slip. Verlegen schloss sie den Karton wieder. „Das kann ich nicht anziehen.“ Auch der Inhalt der anderen Schachtel ließ sie erröten. „Die auch nicht.“

„Warum nicht? Sie passen nicht unbedingt zu Ihrer Dienstkleidung, aber sie tun es erst mal auch.“

Fasziniert bestaunte sie die extravaganten Slingpumps mit den hohen Absätzen. „Ich trage keine Schuhe mit Absätzen.“

„Sie müssen ja nicht weit darin laufen.“

„Darum geht es nicht. Vielleicht ist es Ihnen noch nicht aufgefallen, aber ich bin ziemlich groß. Wenn ich hochhackige Schuhe trage, werden mich alle anstarren.“

„Das werden die Leute ohnehin. Also ziehen Sie die High Heels an.“ Dann nahm er sein Handy aus der Tasche, während sie sich noch fragte, ob der vierzehnte Dezember ihr Unglückstag war.

Mit einer Hand das Plaid haltend und mit der anderen die Schachteln balancierend, eilte sie ins Schlafzimmer. Dort warf sie die Decke aufs Bett und zog die Unterwäsche an, die wie angegossen passte. Als sie in die hochhackigen Slingpumps schlüpfte, fiel es ihr schwer, das Gleichgewicht zu halten.

Sie riskierte einen Blick in den Spiegel und stöhnte entsetzt, denn sie wirkte geradezu riesig.

Gerade wollte sie die Schuhe wieder ausziehen, als die Tür geöffnet wurde.

Rio musterte sie von Kopf bis Fuß.

„Maledizione …“, stieß er verblüfft aus.

„Los, verschwinden Sie.“ Schnell riss sie das Plaid vom Bett. „Ich bin noch nicht fertig.“

„Nun werden Sie nicht gleich hysterisch. Ich habe Sie schon nackt gesehen.“ Erneut betrachtete er sie von Kopf bis Fuß. „Eine Frau wie Sie ist mir noch nie begegnet.“

Für ihr angeschlagenes Selbstwertgefühl war dies der Todesstoß. „Sie haben mir diese dämlichen Pumps besorgt. Ich trage immer Schuhe mit flachen Absätzen. Ich habe es satt, mich zum Gespött der Leute zu machen, aber vielleicht sollte ich mich daran gewöhnen, denn wenn morgen das Foto erscheint, wird es noch viel schlimmer …“ Verzweifelt warf sie sich aufs Bett, barg das Gesicht in den Kissen und begann, hemmungslos zu weinen.

Sie wollte, dass ihr Großvater stolz auf sie war, doch er wünschte sich einen Urenkel, und den würde sie ihm niemals schenken können.

Sie war eine einzige Enttäuschung.

Evie schrie schockiert auf, als Rio sie plötzlich an den Schultern packte und sie auf den Rücken drehte.

„Hören Sie auf zu weinen!“, wies er sie verärgert an. „Wenn Ihre Augen rot sind, könnte es alles ruinieren.“

„Was ruinieren? Gehen Sie einfach und hören Sie auf, sich über mich lustig zu machen.“

Ein erstaunter Ausdruck trat in seine dunklen Augen. „Wann habe ich mich über Sie lustig gemacht?“

„Sie sagten, Sie wären noch nie einer Frau wie mir begegnet“, brachte sie hervor. „Wir sind nun mal nicht alle Supermodels. Ich kann zwar Designerschuhe tragen, habe aber auch dann nicht die Beine von Kate Moss.“

„Ich habe mich nicht über Sie lustig gemacht“, erklärte Rio lässig. „Es sollte ein Kompliment sein.“

Evie, die noch nie ein Kompliment für ihr Aussehen bekommen hatte, schaute ihn unter Tränen an. „Wie bitte?“

Fest presste er die Lippen zusammen. „Ich finde Sie attraktiv. Warum, zum Teufel, hätte ich Sie sonst küssen sollen?“

„Weil Sie eine übermäßig starke Libido haben und dem Anblick einer nackten Frau nicht widerstehen können.“

„Ich habe eine ganz normale Libido.“ Seine dunklen Augen glühten vor Verlangen. „Und ich pflege Frauen, die mich anmachen wollen, nicht zu küssen. Das war das erste Mal für mich.“

Autor

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