Neuanfang unterm Mistelzweig?

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Böse Überraschung in der Vorweihnachtszeit: Jackson Jones ist der neue Firmenanwalt! Kristin ist entsetzt. Im College waren sie ein Liebespaar, bis er ihr das Herz brach. Nun muss sie mit Jackson zusammenarbeiten, denn dem Unternehmen ihrer Familie droht ein Skandal. Ständig begegnet sie ihm, und mit jedem Tag wird es schwerer, seinem sexy Charme zu widerstehen. Bis Kristin in seinen Armen schwach wird! Aber bedeutet ihre wiedererwachte Lust auch, dass es für die Liebe einen Neuanfang unterm Mistelzweig gibt?


  • Erscheinungstag 23.11.2021
  • Bandnummer 2212
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503938
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Es tut mir leid, Mom. Ich schaffe es heute Abend nicht. Ich habe zu viel Arbeit auf dem Tisch.“

Kristin Richmond ließ den Blick missmutig über die Weihnachtsdekoration in ihrem Büro gleiten. Es war nicht direkt gelogen, sie hatte tatsächlich noch einiges zu tun. Wesentlich wichtiger war jedoch, dass sie einfach nicht in der richtigen Stimmung war für ein weiteres glückliches Familientreffen, wo alle außer ihr zu zweit aufkreuzten. Normalerweise machte ihr das nichts aus, aber in letzter Zeit nervte es sie.

„Ich habe genug von deinen Entschuldigungen, Kristin. Heute Abend ist mir wichtig, und ich erwarte, dass du um Punkt sieben da bist.“

Ihre Mutter beendete das Gespräch abrupt. Gleichermaßen verblüfft wie frustriert starrte Kristin den Hörer an. Sie rollte den Schreibtischsessel zurück und massierte sich die Kopfhaut. Sie hatte seit ein paar Monaten immer wieder Kopfschmerzen, die einfach nicht verschwinden wollten.

Ihre Brüder, die Zwillinge Keaton und Logan, drängten sie schon seit geraumer Zeit, etwas kürzerzutreten. Für die beiden war der schwere Schlaganfall, dem ihr Vater vor knapp einem Jahr erlegen war, der beste Beweis dafür, dass es nicht sinnvoll war, Raubbau an seinen Kräften zu treiben. Kristin arbeitete im Moment für zwei, weil sie es bisher nicht über sich gebracht hatte, den Mann zu ersetzen, dem sie voll vertraut hatte. Bei der Arbeit war er ihre rechte Hand gewesen, zu Hause ihr Geliebter.

Dabei hatte Isaac während der ganzen Zeit für ihren größten Konkurrenten gearbeitet, für Warren Everard. Alle, die etwas mit der Betriebsspionage zu tun hatten, standen inzwischen vor Gericht. Dennoch ärgerte es sie Monate später immer noch, dass sie keine Sekunde lang auch nur den Hauch eines Verdachts gehabt hatte, Isaac könne sie hintergehen. Das machte es ihr doppelt schwer, ihn zu ersetzen – im Büro und privat. Das Geschäft war im Moment schon hart genug, auch ohne dass sie jedem mit Misstrauen begegnen musste. Da war es einfacher, Isaacs Arbeit selbst zu übernehmen. Schließlich war es ja nicht so, als würde zu Hause jemand auf sie warten.

Isaacs Betrug war doppelt grausam, weil niemand wusste, wie eng Kristins Beziehung zu ihm gewesen war. Sie war seine Vorgesetzte. Ein Verhältnis zwischen ihnen wäre nicht gut aufgenommen worden. Als er vorschlug, sie sollten ihre Beziehung erst mal geheim halten, stimmte sie daher zu. Dabei hatte er von Anfang an geplant, ihr Vertrauen zu missbrauchen. Das war das Schlimmste für sie. Nun musste sie allein mit allem fertigwerden, mit dem Schmerz wegen seines Betrugs ebenso wie mit ihrem gebrochenen Herzen.

Kristin trat an das Fenster ihres Büros. Aus dem Richmond Tower hatte man einen beeindruckenden Blick über die Skyline von Seattle. Die Lichter der Stadt waren wie ein glitzernder Piratenschatz vor ihr ausgebreitet, aber sie nahm sie kaum wahr. In gut drei Wochen war Weihnachten.

Sie hing ihren Gedanken nach. So vieles hatte sich im vergangenen Jahr verändert. Wegen des Doppellebens, das ihr Vater bis zu seinem unerwarteten Tod geführt hatte, hatte sie nicht nur einen Bruder wiedergefunden – Logan war als Kind gekidnappt worden und nun wieder mit der Familie vereint –, sondern auch zwei Halbbrüder und eine Halbschwester dazubekommen.

Einerseits freute es sie, dass ihre Zwillingsbrüder die große Liebe mit wunderbaren Frauen gefunden hatten, andererseits machte ihr dieses Glück Isaacs Betrug nur noch schmerzlicher bewusst.

War es unrealistisch, sich eine Beziehung zu wünschen, die auf gegenseitiger Achtung, auf Liebe und Vertrauen basierte? Kristin schüttelte den Kopf. Sie hatte dieses Glück offensichtlich nicht verdient. Und nun musste sie gute Miene zum bösen Spiel machen und ein weiteres Familienessen mit glücklichen Pärchen über sich ergehen lassen.

Verdrossen speicherte sie ihre Dateien ab und fuhr den PC herunter. Zumindest durfte sie davon ausgehen, dass das Essen bei ihrer Familie besser war als das aus dem Kühlschrank ihres Apartments. Sie musste über den Gedanken lachen. Wie armselig, dass sie sich damit aufzuheitern versuchte!

Sie nahm Tasche und Mantel und schloss die Bürotür hinter sich ab. Sie würde ihren Wagen in der Tiefgarage lassen. Einer der Firmenfahrer würde sie zum Haus ihrer Mutter in Bellevue bringen. So, wie sie sich im Moment fühlte, würde ein Glas Wein oder zwei an diesem Abend nicht schaden.

Eine halbe Stunde später betrat Kristin ihr Elternhaus, eine große zweistöckige Villa. Sie kam gern hierher. Das Haus stand für Stabilität, die ihr in ihrem Leben im Moment fehlte. Als sie den Mantel abstreifte, hörte sie die Haushälterin Martha kommen.

„Ah, Kristin. Schön, dich zu sehen. Deine Mom und die anderen sind im Salon und nehmen einen Drink vor dem Essen. Warte, ich nehme dir den Mantel ab.“

„Im Salon? Ich dachte, es sollte eine zwanglose Angelegenheit sein“, sagte Kristin erstaunt.

Martha arbeitete schon im Haushalt ihrer Eltern, seit Kristin ein Baby gewesen war. Seit dem Tod von Kristins Vater im vergangenen Jahr war Martha zu einer Art Gesellschafterin für ihre Mom geworden.

„Mrs. Richmond hat mich gebeten, dich gleich hineinzuschicken“, fuhr die Haushälterin fort, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.

Kristin verspürte ein gewisses Unbehagen. Ihre Mom nutzte den Salon nur für förmliche Anlässe. Was war los? Es hatte jedoch keinen Sinn, Martha weiter zu befragen, denn sie war bereits unterwegs, um den Mantel aufzuhängen. Seufzend ging Kristin durch das Foyer zur breiten Doppeltür hinüber, die sie vom Rest der Familie trennte. Sie zögerte. Aus irgendeinem Grund widerstrebte es ihr, hineinzugehen. Schließlich gab sie sich einen Ruck und trat ein.

Ihr Blick glitt durch den Salon. Wie immer hatte ihre Mom gleich am Tag nach Thanksgiving eine wunderschön geschmückte Tanne aufgestellt. Kristin entspannte sich, als sie ihre Brüder und deren Frauen sah, ihre Mom und Hector Ramirez. Hector war der Anwalt der Familie. Er war nach dem plötzlichen Tod von Kristins Vater Douglas Richmond eine große Stütze für ihre Mom gewesen. Es war sogar so weit gegangen, dass die beiden vor einigen Monaten zusammen in Palm Springs Urlaub gemacht hatten.

Nancy, ihre Mutter, kam zu ihr herüber, um sie zu begrüßen.

„Ich habe es geschafft“, sagte Kristin lächelnd, als sie sich liebevoll umarmten.

„Danke, Darling. Es tut immer so gut, dich zu sehen.“

„Würdest du wieder ins Büro kommen, könnten wir uns jeden Tag sehen.“

Nancy hatte Seite an Seite mit ihrem Mann gearbeitet und sich um die Wohltätigkeitsstiftung der Familie gekümmert. Jetzt betrat sie das Gebäude, in dem ihr Mann gestorben war, nur noch selten und lenkte die Geschicke der Stiftung von zu Hause aus.

„Was möchtest du trinken?“, fragte ihre Mom, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.

„Mein üblicher Weißwein wäre gut, danke.“

Kristin wandte sich den anderen zu, um sie zu begrüßen. Logan und Honor hatten im Sommer geheiratet und an Thanksgiving verkündet, dass sie ein Kind erwarteten. Honors Figur war bislang unverändert, aber ihr Strahlen weckte Kristins Neid. Und die Art, wie Logan seine Frau ansah. Seine Liebe für sie und das Kind schien fast greifbar. Wie sehr sehnte sie sich danach, auch jemanden zu haben, dem sie sich so verbunden fühlte!

Keaton und Tami waren ebenso glücklich miteinander. Bei ihnen hatte es mit einer Büroromanze begonnen, in der Abteilung für Projektentwicklung. Inzwischen arbeitete Tami als Bindeglied zwischen der Richmond-Stiftung und anderen Wohltätigkeitsgruppen.

Tami erhob sich und umarmte sie. „Ich hatte gehofft, dass du es schaffst“, sagte sie lächelnd. „Wir bekommen dich ja jetzt außerhalb der Arbeit kaum noch zu sehen.“

„Weißt du, worum es heute Abend geht?“, fragte Kristin sie leise.

„Keine Ahnung. Irgendwie wirkt es anders als Nancys normale Familienessen, oder?“

„Stimmt.“ Kristin nickte. Sie hatte eine ungute Vorahnung.

Ihre Mom kehrte mit dem Glas Weißwein zurück und reichte es ihr, bevor sie sich den anderen zuwandte. Zwischen Hector und ihr musste es ein stummes Signal gegeben haben, denn er erhob sich und trat neben Nancy. Dabei legte er entspannt einen Arm um ihre Taille.

„Wenn ich kurz um eure Aufmerksamkeit bitten dürfte …“

Ihre Mom klang ein wenig nervös, und Kristins Unbehagen wuchs.

„Hector und ich haben euch etwas zu sagen. Wie ihr wisst, sind wir seit vielen Jahren befreundet, und Hector war mir seit dem Tod eures Vaters eine große Stütze. Er ist mir so wichtig geworden, dass ich mir eine Zukunft ohne ihn nicht mehr vorstellen kann. Ich bin stolz darauf, dass er sich bereit erklärt hat, mein Mann zu werden.“

Allgemeines Gemurmel kam auf, und Kristin spürte förmlich, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Du hast Hector gebeten, dich zu heiraten?“, platzte sie heraus.

„Er war zu sehr Gentleman, mir den Antrag so bald nach dem Tod eures Vaters zu machen. Aber wenn Douglas’ Tod mich etwas gelehrt hat, dann das: Man sollte das, was einem wichtig ist, unbedingt festhalten. Ich wollte keine Zeit mehr damit verschwenden, an die Erwartungen anderer Menschen zu denken oder meine Gefühle zu verbergen.“ Nancy sah Hector mit einem strahlenden Lächeln an. „Ich liebe ihn, und deswegen habe ich ihn gebeten, mein Mann zu werden. Er hat Ja gesagt, und ich könnte nicht glücklicher darüber sein.“

Alle erhoben sich, um zu gratulieren. Sie umarmten Nancy und schüttelten Hector die Hand. Kristin hielt sich abseits. Nancy löste sich von den anderen und kam zu ihr.

„Kristin? Freust du dich nicht für uns?“ Sie musterte sie besorgt.

„Ist es nicht etwas früh, Mom? Dad ist noch nicht mal ein Jahr tot. Ich meine, ich habe nichts gegen Hector, und ich weiß, wie viel er dir bedeutet, aber findest du nicht, dass du es ein bisschen übereilst?“

Nancy strich ihr lachend über den Arm. „Ach, mein Liebling! Wir gehen beide auf die sechzig zu. Wir möchten den Rest unseres Lebens zusammen verbringen, ganz offen als Mann und Frau. Das ist uns wichtig, und ich vertraue Hector. Er würde mich niemals so hintergehen wie euer Vater. Im Ernst, Kristin, du wirst dich doch unserem Glück nicht in den Weg stellen, oder?“

Kristin zögerte. Natürlich wollte sie, dass ihre Mom glücklich war.

Hector trat zu ihnen. „Alles in Ordnung?“ Er schaute fragend zwischen ihnen hin und her.

„Alles bestens“, versicherte Nancy ihm und warf ihr einen durchdringenden Blick zu. „Oder, Kristin?“

„Natürlich.“ Kristin zwang sich zu einem Lächeln. Sie hätte selbst nicht sagen können, was ihr solches Unbehagen verursachte. Neid, weil alle anderen um sie herum glücklich liiert waren, nur sie nicht? Sie hob ihr Glas. „Meinen Glückwunsch euch beiden. Möget ihr zusammen glücklich werden.“

„Danke, Kristin.“ Hector bekam feuchte Augen. „Das bedeutet uns sehr viel. Wir wissen, wie nah du deinem Vater gestanden hast und wie sehr du ihn vermisst. Er war mein bester Freund, aber ich kann nicht leugnen, dass ich Nancy schon seit Jahren liebe. Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir nun den Rest unseres Lebens zusammen verbringen werden.“

Seine Worte berührten Kristin. Es gab keinen Zweifel daran, dass Hectors Gefühle für Nancy echt waren.

„Was ist mit deiner Arbeit für uns?“, fragte sie. „Bleibst du der Anwalt der Familie?“

„Es freut mich, dass du das Thema ansprichst.“ Er lächelte. „Das bringt uns zur zweiten Erklärung des Abends. Ich habe beschlossen, mich in den vorgezogenen Ruhestand zu begeben, und habe die Kanzlei einem langjährigen Freund und Kollegen verkauft. Um einen glatten Übergang zu gewährleisten, werde ich ihm noch sechs Monate beratend zur Seite stehen.“

„Wer ist dieser langjährige Freund? Kennen wir ihn?“

„Ich glaube nicht.“ Hector schüttelte den Kopf.

„Wie kannst du dir dann so sicher sein, dass er der Richtige für uns ist? Wieso sollten wir ihm vertrauen?“

Die Frage war ihr spontan herausgerutscht. Hector blieb eine direkte Entgegnung erspart, weil es in diesem Moment an der Eingangstür klingelte.

„Es sieht so aus, als wäre er gerade gekommen. Nun könnt ihr die Antwort auf diese Fragen selbst finden.“ Hector lächelte zuversichtlich.

Kristin stärkte sich mit einem Schluck Wein. Der gute Tropfen rollte ihr samtweich über die Zunge, brannte aber in ihrem Magen und erinnerte sie daran, dass sie tagsüber kaum etwas gegessen hatte.

Irgendwie gefiel ihr das alles nicht. Was, wenn der neue Mann nicht gut genug war? Ihre Familie hatte in den vergangenen Monaten die Hölle durchgemacht. Zuerst war Logan vierunddreißig Jahre nach seiner Entführung wiederaufgetaucht. Dann der Tod ihres Vaters und die Entdeckung, dass er eine zweite Familie und ein weiteres Unternehmen auf der anderen Seite des Kontinents hatte. Und als krönender Abschluss der Fall von Betriebsspionage, bei dem Isaac eine so zentrale Rolle gespielt hatte.

Wie sollten sie unter den Umständen einem Fremden vertrauen können?

„Mach dir keine Sorgen, Darling. Hectors Freund hat einen sehr guten Ruf“, raunte ihre Mutter ihr zu.

„Das ist zu hoffen.“ Kristin wandte den Blick zur Tür.

Martha führte den Gast herein. „Mr. Jones!“, erklärte sie.

Logan und Keaton waren vorgetreten und versperrten Kristin für einen Moment die Sicht.

„Guten Abend allerseits. Ich hoffe, ich komme nicht zu spät?“

Der Mann hatte eine tiefe, wohlklingende Stimme. Eine Stimme, die ihr bekannt vorkam. Das leichte Unbehagen, das Kristin schon die ganze Zeit quälte, steigerte sich zu einem lauten Schrillen ihrer Alarmglocken.

„Nein, gar nicht“, versicherte Hector ihm rasch. „Das ist mein guter Freund Jackson Jones.“

Und da stand er, stolze einen Meter achtzig groß und gekleidet in einem maßgeschneiderten Anzug von Armani.

Ihrem rasenden Puls nach zu urteilen, war er noch attraktiver, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Sein Blick aus dunkelblauen Augen blieb an ihr hängen. Er schien scharf einzuatmen.

Jackson Jones.

Ihre erste große Liebe.

Ihr erster Liebhaber.

Der Mann, der sie ohne jede Vorwarnung von einem Tag auf den anderen verlassen hatte.

Der Mann, den sie bis in alle Ewigkeit hassen wollte.

2. KAPITEL

Der Schock traf Jackson schwer. Er musste sich zu einem Lächeln zwingen, als er den Blick durch den Raum gleiten ließ. Hector trat auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und machte ihn mit einer attraktiven älteren Frau bekannt.

„Schön, dass du kommen konntest, Jackson. Darf ich dir meine Verlobte vorstellen – Nancy Richmond. Nancy, das ist Jackson Jones. Ich habe dir ja schon viel von ihm erzählt. Es freut mich, dass du ihn endlich persönlich kennenlernst.“

Jack verbeugte sich leicht und nahm die Hand der Frau. „Sehr erfreut.“

Die ganze Zeit über spürte er förmlich den brennenden Blick von Kristin in seinem Rücken, als wäre er eine Zielscheibe und sie schösse mit ihren Augen einen Pfeil nach dem anderen auf ihn ab. Kristin hatte nie weiter über ihre Familie gesprochen, aber er erinnerte sich deutlich, dass sie immer nur einen Bruder erwähnt hatte. Hector hingegen hatte ihm gesagt, zur Familie gehörten nicht weniger als sechs Kinder. Richmond war kein so ungewöhnlicher Name. Wieso musste es ausgerechnet ihre Familie sein? Das war wirklich Ironie des Schicksals!

Mit einiger Mühe zwang er sich, sich auf seinen Gastgeber und die Frau an dessen Seite zu konzentrieren, hielt dabei aber unbewusst seine Antennen nach der Person im Hintergrund ausgefahren.

„Ganz meinerseits, Mr. Jones“, sagte Nancy gerade.

„Bitte, nennen Sie mich Jackson oder Jack.“

„Also gut – Jackson. Kommen Sie, ich mache Sie mit der Familie bekannt.“

Nancy wandte sich den beiden nahezu gleich aussehenden Männern zu, die direkt hinter ihr standen. Jackson musterte sie aufmerksam. Wahrscheinlich wurde irgendwann von ihm erwartet, dass er sie auseinanderhalten konnte. Erleichtert registrierte er, dass Logan eine kleine Narbe über der rechten Augenbraue hatte. Das wollte er sich merken. Anschließend lernte er die Frauen der beiden kennen.

Dann trat das letzte Familienmitglied auf ihn zu. Kristin Richmond.

Als Jackson ihr in die Augen sah, stockte ihm der Atem. Jede Zelle seines Körpers war mit einem Schlag hellwach. Alle Erinnerungen waren wieder da – auch die daran, wie sie sich anfühlte. Sie hatte immer sehr zarte Haut gehabt. Überall. Selbst ihren Duft hatte er nicht vergessen.

Er atmete tief ein und langsam aus. Sie hatten sich nicht mehr gesehen seit der Abschlussfeier am College. Der Tag, der als sein stolzester begonnen hatte, hatte sich bald darauf in einen einzigen Albtraum verwandelt.

Er reichte ihr die Hand. „Es freut mich, Ms. Richmond.“

„Wirklich?“, lautete die scharfe Antwort.

Die Anspannung in ihren Zügen zeigte, dass sie so schockiert von diesem Wiedersehen war wie er.

Nachdem er Hectors Angebot angenommen hatte, war er so beschäftigt gewesen mit dem Kauf eines Hauses und dem Umzug von Kalifornien hierher, mit dem Kennenlernen der neuen Kollegen, dass er noch keine Zeit gehabt hatte, sich detailliert mit seinen neuen Mandanten zu befassen. Hector hatte ihm nicht die Namen aller Familienmitglieder der Richmonds genannt, und er war nicht dazu gekommen, sich die Informationen anderweitig zu besorgen, bevor er sie alle persönlich kennenlernte. Das würde er nachholen, sobald er wieder im Büro war.

„Kristin!“ Nancy sah ihre Tochter entsetzt an. „Wie redest du denn mit unserem Gast? Es tut mir leid, Mr. Jones – Jackson –, ich habe ihr wirklich bessere Manieren beigebracht.“

Nancy lachte verlegen, Kristin sah jedoch keinerlei Veranlassung für eine Entschuldigung. Sie übersah seine ausgestreckte Hand geflissentlich, sodass er sie schließlich zurückzog und sich davon abhalten musste, sie nicht frustriert zur Faust zu ballen.

„Mr. Jones und ich waren zusammen auf dem College“, erklärte sie ihrer Mutter, bevor sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete.

Der Blick ihrer klaren grauen Augen bohrte sich förmlich in ihn.

„Ich wusste nicht, dass du Jurist geworden bist. Andererseits hast du mir ja nie erzählt, was du gemacht hast.“

Für einen Außenstehenden hätte es wie eine freundschaftliche Frotzelei klingen können, doch es steckte eine Spitze darin, die jeden Schutzschild durchdrang. Es war klar, sie hatte ihm nicht verziehen, dass er so abrupt aus ihrem Leben verschwunden war. Und er konnte ihr deswegen keinen Vorwurf machen. Was er getan hatte, war brutal gewesen, aber er hatte gute Gründe gehabt. Gründe, über die er damals nicht sprechen konnte. Gründe, auf die er auch jetzt nicht eingehen wollte.

Er sah ihr in die Augen, und für einen kurzen Moment verlor er sich in Erinnerungen. Sie war immer eine leidenschaftliche Frau gewesen, selbst wenn sie wütend war. Das hatte sich nicht geändert.

Hector beendete die angespannte Situation, indem er ihm einen Drink anbot. Jackson entschied sich für ein Mineralwasser – er wollte einen klaren Kopf bewahren, solange Kristin ihn unter Beschuss hatte. Natürlich musste er die längst überfällige Entschuldigung anbringen. Das hätte er schon vor Jahren tun sollen, doch nach dem skandalösen Tod seiner Eltern war es einfacher für ihn gewesen, zu gehen, auch wenn das bedeutet hatte, auf Kristin zu verzichten.

Wie er sich damals verhalten hatte, war falsch, und ihrer jetzigen Reaktion nach zu urteilen hatte er sie sehr verletzt. Umgekehrt wäre es ihm sicher nicht anders gegangen. Aber ihre Familie war nicht wie seine. Hätte sie verstanden, was er durchmachte?

Als sie das Esszimmer betraten, ließ Jackson den Blick über den Tisch mit den diskreten Platzkarten gleiten. Sein Platz war neben Kristin. Ihre Nähe würde ihm zusetzen, doch er war sicher, er konnte damit umgehen. Das Gute war, dass er ihr auf diese Weise nicht gegenübersitzen und während des Essens ihre Blicke ertragen musste. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie sich in diesen Blicken Lust und Befriedigung spiegelten oder waches Interesse, wenn sie über ihre Vorlesungen sprachen.

Sie hatten beide Betriebswirtschaft studiert. Kristin hatte zusätzlich Kurse in Personalmanagement belegt und er in Psychologie. Seine Wahl war davon beeinflusst gewesen, dass er irgendwie versuchen wollte zu begreifen, wieso das Verhältnis seiner Eltern zueinander so schlecht war. Kristin hatte ihm nur wenig von ihrer Familie erzählt, aber er hatte herausgehört, dass sie sich alle sehr nahestanden. Deshalb war er zu dem Schluss gekommen, dass sie seine Familie niemals verstehen könnte, und er hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sie ihr zu erklären.

Jackson rückte Kristin den Stuhl zurecht. Er war immer noch in Gedanken. Nach allem, was er inzwischen über ihren Vater Douglas Richmond und dessen Doppelleben erfahren hatte, verstand sie ihn heute vielleicht besser.

„Ich komme schon allein klar!“, fuhr sie ihn an und nahm Platz.

Er seufzte stumm, als er einen Blick zwischen Mutter und Tochter auffing, der deutlich sagte, dass ihr unhöfliches Verhalten nicht unbemerkt geblieben war. Kristin ließ sich davon nicht beirren und richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf ihren Bruder Logan, der an ihrer anderen Seite saß. Er dagegen war Luft für sie.

Während des ersten Gangs wandte Nancy sich an ihn. „Jackson, erzählen Sie uns doch, wo Sie bisher gearbeitet haben.“

Er lächelte Nancy an und ignorierte es, wie Kristin neben ihm sich versteifte. Sie war so krampfhaft darum bemüht, ihn nicht zu berühren, dass er sie damit aufgezogen hätte, hätte sie ihre Antipathie für ihn nicht so unverhohlen geäußert. Auch wenn er die übrigen Familienmitglieder gerade erst kennengelernt hatte, spürte er, dass sie ihn akzeptierten. Da er die höchste Achtung für Hector empfand, war er entschlossen, ihn nicht zu enttäuschen.

„Nach dem Studium habe ich in Kalifornien Zivilrecht praktiziert. Vor einigen Monaten habe ich das Spektrum dann erweitert, nachdem ich ein Jahr ausgesetzt hatte. Als Hector mir sein Angebot machte, konnte ich es nicht ausschlagen.“

„Ein Jahr ausgesetzt?“, hakte Kristin nach. „Ist das nicht etwas üppig? Da gerät man schnell ins Hintertreffen.“

„Es war nötig.“

Er hätte ins Detail gehen können, aber er war es gewohnt, seine privaten Belange für sich zu behalten. Jetzt über die letzten schrecklichen Monate im Leben seiner Frau zu sprechen und über die anschließende Zeit seiner Trauer, wäre ihm mehr als unpassend erschienen. Hector wusste davon, und das war alles, was zählte.

Hector und seine verstorbene Frau hatten zusammen studiert und waren über die Jahre Freunde geblieben. Ja, das bedeutete, dass er eine Frau geheiratet hatte, die dem Alter nach seine Mutter hätte sein können, aber er hatte nicht die Absicht, dazu jetzt oder später irgendwelche Erklärungen abzugeben. Abgesehen von der Tatsache, dass ihr Verlust ihn immer noch schmerzte, ging das Ganze nur ihn allein etwas an. Und es hatte definitiv nichts mit seiner Fähigkeit zu tun, sich kompetent um die juristischen Belange dieser Familie zu kümmern.

Das Schweigen am Tisch dehnte sich. Hector bemühte sich hastig, es zu unterbrechen.

„Jackson war der Erste, der mir in den Sinn kam, als ich mir überlegte, dass ich mich zur Ruhe setzen möchte. Wir sind schon seit Langem gute Freunde, und ich achte und respektiere ihn. Ich wusste, dass er bereit war für einen Wechsel. Ihr seid bei ihm in den besten Händen.“

„Seine Hände mögen gut sein“, bemerkte Kristin spitz, „aber Vertrauen muss man sich verdienen.“

„Ich bin dafür, jeden Menschen erst einmal zu akzeptieren“, warf Logan ein. „Ich vertraue Hectors Empfehlung. Vielen Dank, dass Sie uns übernehmen, Jackson. Wie Sie sehen, sind wir ein ziemlich widersprüchlicher Haufen.“

„Sprich nur für dich“, sagte Keaton und lachte. „Aber im Ernst, Jackson. Wenn wir Hector schon verlieren sollen, bin ich froh, dass es jemanden gibt, den er so hoch empfehlen kann.“

Jackson bedankte sich mit einer leichten Verbeugung. Als der nächste Gang aufgetragen wurde, wandte sich das Gespräch zu seiner Erleichterung allgemeineren Themen zu, und er konnte sich zurücklehnen und den anderen zuhören und sich sein Urteil bilden. Die Zwillinge mochten sich optisch gleichen, aber sie waren vom Temperament her sehr verschieden. Hector hatte ihm Logans Geschichte erzählt. Er war als Baby entführt worden und hatte seine wahre Identität erst vor etwas über einem Jahr entdeckt. Machte ihn das gegenüber Keaton und Kristin zu einem Außenseiter?

Jackson wusste, was es hieß, in der eigenen Familie ein Außenseiter zu sein. Als einziges Kind von Eltern, die sich mal hassten und mal liebten, hatte er von klein auf erfahren, dass er nur eine Randerscheinung im Leben seiner Eltern war. Dadurch wurde er zu einem Einzelgänger, dem es immer schwergefallen war, Freunde zu finden.

Zwar hatte er sich vorgenommen, sich während des Colleges nicht durch Frauengeschichten ablenken zu lassen, doch Kristins lebhafte Art, ihr wacher Geist und nicht zuletzt ihr Aussehen sprachen ihn auf jeder Ebene an, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie um ein Date zu bitten. Aus dem einen Date wurden viele, obwohl ihr Vater ihr das Versprechen abgenommen hatte, sich während des Studiums nicht mit Männern einzulassen. Ehe sie wussten, wie es geschah, lebten sie heimlich zusammen.

Er hatte sich immer gefragt, was ihr Dad für ein Mensch sein mochte – vor allem, wieso er von seiner Tochter erwartete, sich ausschließlich auf das Studium zu konzentrieren.

Obwohl er wusste, dass sie aus verschiedenen Welten kamen, hatte er Kristin Richmond nicht widerstehen können. Zumindest nicht bis zu jenem Tag, als die Blase des Glücks, in der sie lebten, jäh zerplatzte und er ging, um nie zurückzusehen.

„Jackson?“ Tami, Keatons Frau, durchbrach seine Gedanken.

„Es tut mir leid, ich war abgelenkt. Was haben Sie gesagt?“

Kristin bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Meine Güte, wenn du nicht einmal einem einfachen Gespräch folgen kannst, wie können wir dann darauf vertrauen, dass du dich um die juristischen Angelegenheiten der Familie kümmerst?“

Sie sagte es scheinbar leichthin, begleitet von einem aufgesetzten Lächeln, aber ihm entging die Betonung auf dem Wort vertrauen nicht. Hier hatte er noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

„Du bist zu hart, Kristin. Für jemanden, der neu ist in der Runde, könnt ihr anfangs etwas überwältigend sein“, wies Tami sie mit einem freundlichen Lächeln zurecht. „Ich habe nur gefragt, was Sie in Ihrer Freizeit machen, Jackson“, setzte sie hinzu.

Autor

Yvonne Lindsay

Die in Neuseeland geborene Schriftstellerin hat sich schon immer für das geschriebene Wort begeistert. Schon als Dreizehnjährige war sie eine echte Leseratte und blätterte zum ersten Mal fasziniert die Seiten eines Liebesromans um, den ihr eine ältere Nachbarin ausgeliehen hatte. Romantische Geschichten inspirierten Yvonne so sehr, dass sie bereits mit...

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