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Der faszinierende Milliardär Silvio Brianza entführt die schöne Nachtclubsängerin Jessie auf seine Luxusjacht. Nur hier ist sie sicher vor ihren Verfolgern! Oder?
  • Erscheinungstag 01.06.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778170
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Sie befand sich in Lebensgefahr. Zwei Jahre in diesem zwielichtigen Viertel hatten Jessies Sinne geschärft. Ständig war sie auf der Hut. Nur deshalb waren ihr die Männer aufgefallen, die mehr tranken, als ihnen guttat. Joe gefiel das natürlich, denn wenn sie betrunken waren, merkten sie nicht, dass er ihnen zu viel berechnete.

Von der Bühne aus konnte sie genau sehen, wie viele Banknoten den Besitzer wechselten und wie viele Flaschen Whisky konsumiert wurden. Die Augen der Männer wurden immer glasiger, während sie ungerührt weitersang – mit dieser weichen, samtigen Stimme. Das ungute Gefühl im Mag en ignorierte sie. Die Songs handelten von Liebe und Enttäuschung. Die meisten Gäste in Joes Bar waren einsame Männer, die mehr von Enttäuschung als von Liebe wussten. Genau wie sie selbst.

Natürlich war das hier nicht gerade ein Traumberuf, aber Jessie hatte schon mit fünf Jahren aufgehört zu träumen.

„He, Puppe!“ Ein dicht vor der Bühne sitzender Mann wedelte mit einem Geldschein. „Ich hätte gern eine Privatvorstellung. Komm runter und sing das Lied auf meinem Schoß!“

Jessica wich zurück, ohne aus dem Takt zu kommen, warf den Kopf zurück und brachte die letzte Strophe mit geschlossenen Augen hinter sich. Wenigstens konnte sie sich so einbilden, woanders zu sein. Statt vor diesen ungehobelten, vom Leben enttäuschten Männern, stand sie auf der Bühne eines ausverkauften Stadions. Die Zuschauer hatten eine Monatsmiete bezahlt, nur um ihre Stimme zu hören. In ihrer Fantasie litt sie auch nicht unter nagendem Hunger und trug keinen billigen Fummel, den sie schon wer weiß wie oft ausgebessert hatte. Und sie war nicht allein.

Da draußen wartete jemand auf sie.

Jemand, der sie nach ihrem Auftritt abholte und sie in ein warmes, gemütliches und sicheres Zuhause begleitete.

Das Lied war verklungen. Jessie schlug die Augen auf und sah, dass tatsächlich jemand auf sie wartete.

Eine Gruppe von Männern, die allerdings eher einem schrecklichen Albtraum entsprungen zu sein schienen und ganz gewiss keine Traummänner waren.

Ihr war sofort klar, dass die Typen es auf sie abgesehen hatten. Die Angst, die sie schon so lange begleitete, hatte ihr fast alle Kraft genommen.

Beim letzten Mal war sie mit Blutergüssen davongekommen. Erst nach einer Woche hatte sie wieder auftreten können. Doch dieses Mal würden die Männer es nicht bei einer Warnung belassen.

Ihr Mund wurde trocken, das Herz raste. Doch dann fiel Jessie ein, dass sie einen Plan hatte.

Und ein Messer im Strumpfhalter.

Er saß ganz hinten und genoss es, in der Dunkelheit unerkannt zu bleiben und nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen. Am Abend zuvor war er mit einem Starlet am Arm über einen roten Teppich gewandelt. Durch seine Geschäfte hatte er es zum Milliardär gebracht, bevor er dreißig geworden war. Das privilegierte Leben der Superreichen gefiel ihm, doch er hatte dabei nie seine Wurzeln vergessen. In dieser zwielichtigen Gegend war er aufgewachsen – umgeben von Trunkenbolden, Gewalt und tödlicher Gefahr. Bis er es eines Tages nicht mehr ausgehalten und beschlossen hatte, diese Welt hinter sich zu lassen.

Jeder andere hätte so eine Vergangenheit wahrscheinlich unter den Tisch fallen lassen, doch dazu war Silvio zu geradlinig. Warum sollte er sich neu erfinden? Er fand es sehr amüsant, wie anziehend Frauen die Narben fanden, die an seine dunkle Vergangenheit erinnerten.

Offenbar standen Frauen auf „schwere Jungs“. Wenn die wüssten, wie es in meiner Seele aussieht, würden sie schreiend das Weite suchen, dachte er. Den Frauen, mit denen er sich abgab, gefiel wohl seine Gefahr ausstrahlende Aura, doch vor der Realität wären sie zurückgeschreckt. Silvio wusste, dass auch das Mädchen auf der Bühne gefährlich lebte.

Er konnte kaum fassen, wie tief sie gesunken war, und empfand ein ihm sonst fremdes Schuldgefühl.

Es war seine Schuld, dass sie dieses Leben führte.

Seine Anspannung wuchs, als sie die Hüften im Takt bewegte und ein Mann in seiner Nähe bei diesem sexy Anblick das Glas fallen ließ, das er in der Hand gehalten hatte. Das Geräusch zersplitternder Gläser war in dieser Umgebung alltäglich und erregte daher kaum Aufsehen. Vielleicht lag das auch daran, dass die Männer schon zu benebelt waren.

Silvio blieb reglos sitzen. Den Whisky auf seinem Tisch rührte er nicht an. Das Glas war nur Staffage. Er wusste genau, was auf ihn zukam, und konnte es sich nicht leisten, sich die Sinne zu betäuben.

Er stand zu seinen Fehlern, und diesen einen wollte er jetzt endlich ausbügeln.

Niemals hätte er sie verlassen dürfen.

Gleichgültig, wie schwierig ihre Beziehung auch gewesen sein mochte und wie sehr sie ihn hasste – er hätte bei ihr bleiben müssen.

Das Mädchen bewegte sich graziös auf der Bühne, verführte die Zuschauer, erhöhte ihre Pulsfrequenz und weckte Hoffnungen in ihnen. Ihre dunklen Samtaugen und der lockende Mund verhießen das Paradies auf Erden.

Silvio kannte sie seit ihrer Kindheit, hatte gesehen, wie Jessie zu einer wunderschönen Frau herangereift war.

Die Natur hatte es gut mit ihr gemeint und ihr eine unglaubliche Stimme geschenkt. Jessie sang mit so viel Gefühl und Leidenschaft, dass Silvio ein Schauer über den Rücken lief. Jessies Hüftschwung erregte ihn, doch das missfiel ihm, denn er hatte sich nie gestattet, erotische Gefühle für sie zu hegen.

Unwillig verzog er das Gesicht. Das war streng verboten. Weder er noch Jessie hatte dem erotischen Knistern zwischen ihnen je nachgegeben, und sie würden es auch niemals tun.

Jetzt sang sie eine Ballade, eine langsame, glutvolle Klage gegen einen Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte. Silvio zog die Augenbrauen zusammen. Er wusste genau, dass dieses Lied nicht auf ihren eigenen Erfahrungen beruhte, denn Jessie hatte noch nie einen Mann auch nur in die Nähe ihres Herzens gelassen.

Schon als Kind hatte sie ihre Gefühle einfach ausgeschaltet. Nur ihr Bruder war zu ihr durchgedrungen.

Jetzt konnte er doch einen Schluck vertragen. In einem Zug leerte er das Glas, wobei er die junge Frau auf der Bühne keine Sekunde lang aus den Augen ließ.

Die ebenholzschwarzen Locken fielen ihr über die nackten Schultern, die verführerischen Kurven ihrer fantastischen Figur kamen in dem goldfarbenen Minikleid, das kaum die Oberschenkel bedeckte, besonders gut zur Geltung. Fast nichts blieb der Fantasie überlassen.

Wahrscheinlich war das Absicht.

Ein Mann, der nach Gold suchte und auf Jessie stieß, würde glücklich sterben.

Der Whisky brannte in seiner Kehle. Oder war es Wut? Das war während seiner Abwesenheit also aus Jessie geworden? Nur mit Mühe konnte er den Impuls unterdrücken, aufzuspringen und sie von der Bühne zu zerren, damit sie den lüsternen Blicken der Männer nicht mehr ausgesetzt war.

So eine Szene hätte allerdings die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, und das galt es zu verhindern. Aber es ist das letzte Mal, dass sie auf dieser Bühne steht, schwor er sich.

Der Wirt kam an den Tisch, doch Silvio lehnte einen weiteren Drink ab. Sein eisiger Blick fiel nun auf die Männer am Nebentisch.

Er kannte sie alle, und er wusste, dass Jessie in großer Gefahr schwebte.

Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, dass sie ohne ihn besser aufgehoben wäre. Warum hatte er ihre Forderung, endgültig aus ihrem Leben zu verschwinden, nicht einfach ignoriert? Doch das war unmöglich gewesen, denn ihre Vorwürfe entsprachen alle der Wahrheit.

Silvio presste die Lippen zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er keinen schlechteren Abend hätte erwischen können, wieder in ihrem Leben aufzutauchen. Es war der dritte Todestag ihres Bruders.

Und er trug die Schuld an seinem Tod.

Da sie wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte, verzichtete Jessie darauf, sich umzuziehen. Sie zog sich in der Besenkammer, die Joe lächerlicherweise als Künstlergarderobe bezeichnete, nur schnell eine Jacke über und schlüpfte in Joggingschuhe, die ihr zu klein waren. Doch sie ignorierte den Schmerz – sie war daran gewöhnt.

In weniger als einer Minute hatte sie das Etablissement verlassen und verdrängte die in ihr aufsteigende Angst. Wenn sie ihr jetzt nachgäbe, wäre alles verloren.

Und sie musste es für Johnny tun.

Handelte es sich um einen Zufall, oder wussten die Männer, was für einen Tag sie sich ausgesucht hatten?

Bei dem Gedanken an ihren Bruder kamen ihr fast die Tränen. Johnny war immer für sie da gewesen, aber sie war nicht in der Lage gewesen, ihn zu retten, als er in Schwierigkeiten steckte.

Jessie befand sich in dem finsteren Durchgang hinter dem Club und fragte sich, ob nun ihr letztes Stündlein geschlagen hätte. Würde sie hier auf diesem schmutzigen Pflaster enden, wo es niemanden interessierte, ob sie tot oder lebendig war?

„Wenn das nicht unsere Puppe ist.“ Die lallende Männerstimme durchdrang die Dunkelheit, aus der mehrere maskierte Männer auftauchten. „Hast du das Geld, oder gibst du uns eine Privatvorstellung?“

Jessie überspielte ihre Todesangst und lächelte. „Das Geld habe ich nicht, dafür aber etwas viel Besseres“, erwiderte sie mit lockender Stimme. „Aber dazu musst du schon näher kommen.“ Sie schenkte dem Anführer ein provozierendes Lächeln. „Einer nach dem anderen.“

Der Mann lachte abfällig. „Ich wusste ja, dass du Vernunft annehmen würdest. Warum verdeckst du das goldene Kleid?“ Er schlenderte auf sie zu. Äußerlich ruhig rührte sie sich nicht vom Fleck. Dabei kam sie fast um vor Angst.

„Weil es regnet.“ Sie knöpfte die Strickjacke auf und beobachtete zufrieden, wie dem Mann fast die Augen aus dem Kopf fielen. Sein Verstand war ausgeschaltet. Männer waren so leicht zu durchschauen. „Mir ist kalt.“

„Das wird sich gleich ändern, Puppe. Zu sechst werden wir dir mal so richtig einheizen.“ Unmittelbar vor ihr blieb er stehen und machte sich vor seinen Kumpanen wichtig. „Wo sind die sexy Stöckelschuhe?“ Brutal zerrte er ihr die Strickjacke von den Schultern, wobei das dünne Gewebe zerriss. „Ich hoffe, du hast die sexy Pumps dabei, Puppe. Sonst muss ich dich bestrafen.“

„Hier sind sie doch“, flötete Jessie zuckersüß. Wütend, weil er ihre einzige Strickjacke ruiniert hatte, stieß sie mit dem spitzen Absatz direkt in die Lendengegend ihres Gegners.

Der Mann heulte auf vor Schmerz und ging zu Boden.

Einen Moment lang war Jessica über diesen Anblick selbst schockiert, dann ließ sie den Schuh fallen, drehte sich um und rannte los.

Das Wasser spritzte nur so aus den Pfützen auf, als sie keuchend weiterhetzte.

Hinter ihr stießen die Männer laute Flüche aus und begannen, ihr nachzusetzen.

Wie eine Meute wilder Jagdhunde hetzten sie hinter ihr her und kamen immer näher.

Sollte sie sich von hinten überfallen lassen oder sich lieber umdrehen, damit sie den Feind im Blick hatte?

Sie wollte sehen, was passierte.

Und dann stieß sie mit einem muskulösen Mann zusammen, der ihre weitere Flucht unmöglich machte.

O nein! Einem der Männer musste es gelungen sein, ihr den Weg abzuschneiden. Sie saß in der Falle!

Das war das Ende.

Einen Moment lang erstarrte sie wie ein verängstigter Vogel in den Fängen eines Habichts, dann riss sie das Geräusch näher kommender Schritte aus ihrer Trance.

Instinktiv kämpfte sie ums Überleben. Blitzschnell zog sie ein Knie an, um den Mann dort zu treffen, wo es am schmerzhaftesten war, doch der wich geschickt aus und zog Jessie so eng an sich, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte.

Verzweifelt suchte sie nach einer Schwäche dieses kräftigen Mannes – vergeblich. So eng an einen gut gebauten Mann gepresst zu sein, entfesselte jedoch ungeahnte Gefühle in ihr. Zur Panik gesellte sich etwas Intimes und sehr Beängstigendes. An ihrem geheimsten Ort pulsierte es, und Jessie wehrte sich schockiert gegen diese plötzliche Erregung. Wahrscheinlich hat das etwas mit Adrenalin zu tun, dachte sie und versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien. Fassungslos machte sie sich bewusst, dass sie in der Sekunde des Todes heftiges Verlangen empfand.

Wie ließ sich das erklären? Während sie darüber rätselte, bemerkte sie, dass es dem Mann genauso ging. Auch er war erregt.

Aha, also besaß auch er eine Schwachstelle – natürlich, wie alle Männer.

Die musste sie sich zunutze machen. Jessie ließ eine Hand an seinem gestählten Körper hinuntergleiten und berührte das Zentrum seiner Erregung.

Der Mann reagierte schockiert und lockerte für einen Sekundenbruchteil seinen Griff. Darauf hatte Jessie gewartet. Sie versetzte ihm einen heftigen Faustschlag und rannte los.

Keine drei Schritte weiter befand sie sich erneut in seinem stählernen Griff.

Maledizione! Mach das nie wieder!“ Die wütende Männerstimme drang durch Jessies Panik. Jetzt erschrak sie erst recht, denn sie wusste nur zu gut, wem diese Stimme gehörte.

Fassungslos starrte sie in das Gesicht, dem sie gerade einen Fausthieb verpasst hatte. „Silvio?“

„Halt den Mund! Kein Wort mehr!“ Der Griff um ihre Handgelenke wurde noch fester, als die Männer sie schließlich erreicht hatten.

Silvio Brianza! Der Schock saß tief.

Vor ihrem geistigen Auge tauchten die Bilder ihrer letzten Begegnung auf. Bilder, die sie aus ihrem Gedächtnis verbannt hatte.

„Danke, Kumpel, dass du sie eingefangen hast.“ Das war nicht der Mann, dem sie den Hieb mit dem spitzen Absatz verpasst hatte. Wahrscheinlich wälzte der sich noch stöhnend auf der nassen Straße. Aber das war ihr völlig egal.

Die Männer kümmerten sie nicht mehr.

Plötzlich konzentrierte sie sich ausschließlich auf den Mann, der sie fest an sich gepresst hielt.

Auf ihren zaghaften Versuch, sich von ihm zu lösen, reagierte er wütend. Musste ausgerechnet Silvio ihr Retter sein?

„Lass mich los! Ich will deine Hilfe nicht.“

„Natürlich nicht. Du kommst ja bestens allein zurecht.“ Sein scharfer Tonfall trieb ihr die Schamröte in die Wangen. Es war so erniedrigend, dass er sie in diesem Aufzug sah!

„Ich komme schon klar“, behauptete sie wider besseres Wissen. Aber Silvio Brianza würde es sowieso niemals zulassen, eine Frau für sich kämpfen zu lassen. Dazu war er zu sehr Mann.

Und was für ein Mann. Erneut errötete sie, weil sie daran erinnert wurde, wie er sich angefühlt hatte. Zum Glück bemerkte in der Dunkelheit niemand ihre Verlegenheit. Jessie lachte hysterisch auf.

Im Angesicht des Todes dachte sie an Sex. Es war unglaublich. Nur dieser eine Mann hatte je so eine Wirkung auf sie ausgeübt. Schon immer hatte er ihre Gedanken in verbotene Bahnen gelenkt.

„Die bringen dich um, Silvio.“

„War das nicht dein Wunsch?“

Er spielte auf ihre letzte Begegnung an. Jessie lief ein eisiger Schauer über den Rücken.

Wie viele einsame Nächte hatte sie damit verbracht, sich sein Schicksal auszumalen? Tausend Möglichkeiten, Silvio Brianza ins Jenseits zu befördern.

Aber wollte sie wirklich, dass er starb? Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, weil schon allein Silvios Gegenwart wildes Verlangen in ihr entfesselte. Ihr fiel nur auf, dass ihre Todesangst plötzlich verflogen war. Silvio gab Jessie Sicherheit. Genau das war ein Witz. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie in größerer Gefahr geschwebt.

„Jetzt verschwinde! Sie gehört uns.“ Die raue Stimme klang bedrohlich. „Überlass sie uns, und setz dich wieder in deinen Nobelschlitten! Mit dir haben wir ja keinen Streit.“

Nobelschlitten?

Jessie wandte den Kopf und entdeckte einen Ferrari am Ende des Durchgangs. Er kam ihr vor wie das Tor zu einer anderen Welt und erinnerte sie daran, dass Silvio es geschafft hatte.

All dies hatte er hinter sich gelassen. Das hier war nicht mehr seine Welt. Aber was tat er dann hier?

Warum kehrte er ausgerechnet heute Nacht zurück in seine Vergangenheit?

Der Mann, den sie vorübergehend außer Gefecht gesetzt hatte, stand nun auch wieder an der Seite seiner Kumpanen und musterte Jessie böse.

In seinen glasigen Augen las sie eine Todesdrohung. Seltsam distanziert bereitete sie sich auf das Ende vor. Mit Silvio an ihrer Seite würde es unweigerlich zu einem Kampf kommen, den sie aber nicht gewinnen konnten.

Würde es am Ende schnell gehen? Womit würden die Männer sie töten? Mit einem Messer? Mit einer Schusswaffe?

Plötzlich wurde ihr klar, dass sie Silvios Tod nicht wollte. Er sollte nicht ihretwegen sterben.

Sie atmete tief durch und wollte ihm diesen Wunsch mitteilen, doch bevor sie dazu kam, neigte Silvio den Kopf und gab ihr einen flüchtigen, aber heißen Kuss.

Jessie war viel zu schockiert, um zu protestieren, vielleicht hielt sie aber auch still, weil sie sich insgeheim gerade gewünscht hatte, in Silvios Armen zu liegen. Sehnsüchtig gab sie dem Druck seiner Lippen nach und erwiderte den Kuss mit verzweifelter Leidenschaft. Ihr Verlangen stand seinem in nichts nach.

Schon als Teenager hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, von Silvio geküsst zu werden. Selbst nach der schrecklichen Nacht, die ihre Welt verdunkelt und ihre Einstellung zu ihm drastisch verändert hatte, träumte sie noch immer von ihm.

Doch die Wirklichkeit übertraf alle ihre Fantasien.

Silvios Kuss verbannte alle Gedanken aus ihrem Kopf – bis auf einen …

Sollte sie wirklich sterben müssen, dann bitte jetzt, in diesem Moment.

Das Feixen der Männer hinter ihr drang zu ihr hindurch. „Die kriegen gar nicht genug“, beschwerte sich einer der Männer.

Jessie war noch ganz benommen von dem Kuss und merkte erst, dass Silvio sie losgelassen hatte, als er aus dem Schatten trat. Diese simple Bewegung wirkte so bedrohlich, dass Jessie fasziniert und ängstlich zugleich erschauerte. Schweigend und ohne irgendeine Gefühlsregung sah er die Männer an. Silvio Brianza, der einsame Krieger, dachte sie.

Sie wollte ihm zurufen, nicht sein Leben für sie aufs Spiel zu setzen, brachte aber kein Wort über die Lippen, weil sie noch immer unter dem Eindruck des leidenschaftlichen Kusses stand.

Und dann wurde ihr bewusst, dass die Szene sich ganz anders als befürchtet abspielte. Statt Silvio anzugreifen, wichen die Männer zurück und starrten ihn an.

Aus einer Regenrinne hinter ihr tropfte Wasser auf Jessies Nacken. Sie zitterte und versuchte zu verstehen, was sich vor ihren Augen abspielte.

Wieso wichen sechs Männer vor einem einzigen Gegner zurück? Verwirrt schaute sie Silvio an und bemerkte, das er im flackernden Licht einer einzigen Glühbirne stand, die offensichtlich den heruntergekommenen Durchgang beleuchten sollte.

Plötzlich wurde ihr klar, was die Männer gesehen hatten: Die markante Narbe, die über einer Wange verlief und den einzigen Makel auf dem ansonsten perfekten, wie von Michelangelo höchstpersönlich gemeißelt erscheinenden Männergesicht darstellte.

Angestrengt versuchte Jessie zu hören, was Silvio sagte. Doch das Geräusch des herabprasselnden Regens machte das fast unmöglich.

Einmal meinte sie jemanden „der Sizilianer“ sagen zu hören, aber vielleicht hatte sie sich auch geirrt. Die Männer waren offensichtlich nicht daran interessiert, sie ins Gespräch zu ziehen.

Gerade als sie überlegte, ob sie sich nicht unbemerkt aus dem Staub machen könnte, wandten sie sich jedoch alle ihr zu.

Für einen Sekundenbruchteil befürchtete sie, Silvio würde sich auf die Seite ihrer Gegner schlagen. Immerhin hatte er ja viele Jahre mit solchen Typen verbracht und war Anführer der meistgefürchteten Bande gewesen.

Jetzt streifte er sie mit einem drohenden Blick aus den dunklen Augen und war ihr einen Moment lang ganz fremd. Nun wusste sie, was die anderen gesehen hatten. Und es machte ihr Angst.

Jessie atmete tief durch. Instinktiv spürte sie, dass dieser Mann ihr niemals körperlich wehtun würde. Und seelisch? Was eine unglückliche Kindheit nicht vermocht hatte, war ihm gelungen: Er hatte ihr Herz in lauter kleine Stücke gebrochen.

Atemlos betrachtete Jessie die Narbe, dann fing sie Silvios Blick auf. Die Spannung stieg ins Unermessliche. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, kam Silvio auf sie zu.

Er war beängstigend gelassen, und Jessie wollte ihn warnen, der Meute nicht den Rücken zuzuwenden. Andererseits wollte sie nicht riskieren, dass die Männer aus ihrer Starre erwachten.

Jetzt stand Silvio vor ihr und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Die zärtliche Geste passte ganz und gar nicht zu der angespannten Situation, in der sie sich alle befanden. Er wollte damit wohl ausdrücken, dass sie zu ihm gehörte. Jessie konnte das nicht verstehen, denn sie standen ja in keiner Beziehung mehr zueinander.

Ihre Beziehung war vor genau drei Jahren zerbrochen, als sie sich in einem völlig verwahrlosten Zimmer über den leblosen Körper ihres Bruders gebeugt hatten.

Silvio zog die Hand zurück. „Auf geht’s. Steig ins Auto!“, befahl er. Widerspruchslos gehorchte sie, nicht weil sie sich tatsächlich ins Auto setzen wollte, sondern weil seine autoritäre Erscheinung sie genauso in den Bann schlug wie die angetrunkenen Männer. Jessie schob sich auf den Beifahrersitz des wunderbar warmen Ferrari und fühlte sich in eine andere Welt versetzt. Silvio setzte sich ans Steuer und ließ den Motor aufheulen. Oder kam das Geräusch aus seiner Kehle? Offenbar hatte Jessie sich geirrt. Silvio war alles andere als gelassen.

Er schien vor Wut ganz außer sich zu sein. So aufgebracht kannte sie ihn gar nicht. Früher hatte er seine Gefühle immer unter Kontrolle gehabt. Sogar in jener Nacht vor drei Jahren.

„Silvio …“

„Ich will kein Wort hören“, stieß er undeutlich hervor. Er umklammerte das Lenkrad mit so festem Griff, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sein Blick war starr auf die Straße gerichtet, während er den Ferrari durch die Straßen des Londoner Slums lenkte, als gelte es, ein Formel-1-Rennen zu gewinnen.

Jessie war versucht, ihn darauf hinzuweisen, dass es wenig Sinn hatte, sie aus den Fängen gewaltbereiter Bandenmitglieder zu befreien, um anschließend sie und sich mit seiner Raserei umzubringen. Doch sie schwieg.

Warum musste ausgerechnet er sie retten?

Jessie war völlig verwirrt. Da sie nun dem sicheren Tod entkommen war, flachte ihr Adrenalinspiegel wieder ab. Ein anderes Hormon hatte die Oberhand gewonnen. Sie war noch immer wie berauscht von seinem leidenschaftlichen Kuss, den sie voller Verlangen erwidert hatte. Wie peinlich! Hoffentlich war Silvio so abgelenkt gewesen, dass ihm ihre Begeisterung entgangen war. Beschämt versuchte Jessie, sich so klein wie möglich zu machen. Es war ihr unbegreiflich, wie sie so auf jemanden reagieren konnte, den sie seit drei Jahren hasste.

Über all dieser Erregung hatte sie die sechs Männer völlig vergessen, die hinter ihr her gewesen waren. Seltsam!

Verstohlen blickte sie Silvio von der Seite an. Er war ganz allein aufgetaucht. Bei ihm fühlte sie sich sicher. Wieso?

Sie unterdrückte einen hysterischen Lachanfall. Die Antwort lag doch auf der Hand, oder?

Die äußerlichen Zeichen, dass er ziemlich reich geworden war, hatten ihn selbst nicht verändert. Die teure Uhr am Handgelenk, der italienische Sportwagen waren nur schmückende Beigaben, die Silvio jedoch nicht geprägt hatten. Unter dem weltgewandten Äußeren, das ihn dazu befähigte, auch in nobelster Gesellschaft eine gute Figur zu machen, verbarg sich der wahre Silvio: knallhart, tough und ausgesprochen männlich.

Deshalb fühlte sie sich bei ihm in Sicherheit. Jeder Frau würde es so gehen, allerdings war sie selbst wahrscheinlich die einzige, die wusste, wer Silvio wirklich war.

Schuldbewusst wandte sie den Blick ab. „Sie haben dich ‚der Sizilianer‘ genannt.“ Erneut musterte sie sein Profil. Sie konnte einfach nicht anders. „Du hast dieses Leben schon so lange hinter dir gelassen, aber dein Ruf jagt ihnen noch immer Angst ein. Die Typen kannten dich.“ Fasziniert schaute sie ihn an und fragte sich, warum sie sich nicht vor ihm fürchtete.

Autor

Sarah Morgan

Sarah Morgan ist eine gefeierte Bestsellerautorin mit mehr als 18 Millionen verkauften Büchern weltweit. Ihre humorvollen, warmherzigen Liebes- und Frauenromane haben Fans auf der ganzen Welt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London, wo der Regen sie regelmäßig davon abhält, ihren Schreibplatz zu verlassen.

Foto: © Ev...

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Sarah Morgan

Sarah Morgan ist eine gefeierte Bestsellerautorin mit mehr als 18 Millionen verkauften Büchern weltweit. Ihre humorvollen, warmherzigen Liebes- und Frauenromane haben Fans auf der ganzen Welt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London, wo der Regen sie regelmäßig davon abhält, ihren Schreibplatz zu verlassen.

Foto: © Ev...

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