Romana Extra Band 87

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FLIRTE NIE MIT DEINEM FEIND! von ROSANNA BATTIGELLI
Warum interessiert sich Casson Forrester so für die Ferienanlage ihrer Familie? Justine, Verwalterin der idyllischen Cottages am See, denkt gar nicht ans Verkaufen! Aber der attraktive Geschäftsmann flirtet hemmungslos mit ihr. Aus Berechnung - oder aus echter Sehnsucht nach Liebe?

AUF MALLORCA WARTET DAS GLÜCK von PENNY ROBERTS
Ungläubig sieht die schöne Physiotherapeutin Renee, wer der Sportler ist, den sie bei der Reha auf Mallorca unterstützen soll: Pablo Ruiz, bis zu seinem Unfall eine Legende im Rennsport, sexy, ihr heimlicher Schwarm! Aber auch der Mann, der ihren Bruder ruiniert hat …

HAPPY END AUF KORFU von SARAH MORGAN
Jetzt ist Schluss! Noch immer trägt Kelly den Ring des Mannes, der sie auf Korfu am Traualtar sitzen ließ. Um Alekos endlich aus ihrem Herzen zu verbannen, verkauft sie das Schmuckstück im Internet. Doch wer ist der geheimnisvolle Käufer, der ein Vermögen für den Ring gezahlt hat?

WIE WIDERSTEHT MAN EINEM MILLIONÄR? von NINA MILNE
"Begleiten Sie mich nach Mailand." Sarah kann es nicht fassen. Sie putzt doch nur Ben Gardiners Büro! Aber jetzt reist sie mit ihm nicht nur zur Modemesse, sondern tut außerdem etwas sehr Unvernünftiges: Sie verliebt sich in den Playboy-Millionär, der nicht an Gefühle glaubt!


  • Erscheinungstag 29.10.2019
  • Bandnummer 87
  • ISBN / Artikelnummer 9783733744854
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Rosanna Battigelli, Penny Roberts, Sarah Morgan, Nina Milne

ROMANA EXTRA BAND 87

ROSANNA BATTIGELLI

Flirte nie mit deinem Feind!

Casson hat alles versucht, um Justine die idyllische Ferien anlage am Lake Huron abzukaufen. Bloß die Wahrheit kann er der schönen Verwalterin nicht sagen. Nicht mal nach einer Liebesnacht am See …

PENNY ROBERTS

Auf Mallorca wartet das Glück

Nach einem Unfall hat Rennfahrer Pablo Ruiz mit dem Sport abgeschlossen. Und mit der Liebe sowieso! Aber warum begehrt er seine Physiotherapeutin Renee so heiß, die ihn jeden Tag an seine Grenzen bringt?

SARAH MORGAN

Happy End auf Korfu

Gib ihr das Geld, nimm den Ring und vergiss sie! Das ist Alekos’ Plan. Doch dann sieht er Kelly wieder. Überwältigt von seinem Verlangen erlebt er mit ihr einen Moment der Leidenschaft – mit Folgen …

NINA MILNE

Wie widersteht man einem Millionär?

Mit einer schönen Frau bei der Modemesse in Mailand: nichts Ungewöhnliches für Playboy Ben. Aber die alleinerziehende Sarah ist so verletzlich, dass er sie nicht einfach verführen kann …

1. KAPITEL

Versonnen betrachtete Justine die friedliche Szene vor ihr. Das Wasser der Georgian Bay war heute ruhiger. Mit Freude beobachtete sie die sanften Wellenbewegungen. Ihre Sinne schwelgten in der rauen Schönheit, die sich ihr bot.

Das klare blaue Wasser, auf dem sich das Sonnenlicht spiegelte, war umwerfend – geradezu hypnotisierend. Die Wasserlilien am Rande der Bucht sahen aus, als wären sie von Monet gemalt. Ab und zu stießen Möwen schrille Schreie aus, während sie mit ausgebreiteten Flügeln durch die Luft glitten. Nicht einmal das riss Justine aus ihrer besinnlichen Stimmung.

Sie atmete tief die frische Juliluft ein und gratulierte sich erneut zu ihrem Entschluss, den Smog und die Luftfeuchtigkeit der Großstadt gegen das hier eingetauscht zu haben … dieses Naturparadies an der Georgian Bay. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, das Angebot ihrer Eltern anzunehmen, versicherte sie sich noch einmal und verrieb Sonnencreme auf ihren Beinen. Der Vorschlag war genau zur richtigen Zeit gekommen.

Die Arbeit in der Kanzlei von Robert Morrell in Toronto war immer stressiger geworden. Sie hatte gar keine andere Wahl gehabt, als zu kündigen. Wenn sie daran dachte, wie sehr sie Robert zu Beginn vertraut hatte, bekam sie heftige Gewissensbisse. Sie verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Wie naiv sie gewesen war, sich in einen Mann zu verlieben, der gerade eine turbulente Scheidung durchmachte!

Nachdem sie ihm ihre Kündigung auf den Schreibtisch gelegt hatte, war sie sofort nach Hause gefahren, nach Winter’s Haven. Und als sie dort in die Einfahrt einbog und sah, wie ihre Eltern Hand in Hand auf der Schaukel auf ihrer Terrasse saßen, brach sie in Tränen aus. Warum hatte sie nicht solches Glück? In all den Jahren, in denen sie bei ihnen gewohnt hatte, hatte sie den Respekt und die Liebe, die ihre Eltern füreinander empfanden, nie angezweifelt. Wie konnte sie sich bei solchen Vorbildern mit weniger begnügen?

In den nächsten vier Tagen hatte sie die Unterstützung der beiden in vollen Zügen genossen. Und als sie endlich so weit gewesen war, wieder zurück nach Toronto zu fahren, machten sie ihr ein Angebot, das ihr den Atem verschlug.

Sie hatten lange darüber nachgedacht, sagten sie, und sich entschieden, dass die Zeit für sie gekommen sei, sich aus dem Management ihrer Ferienanlage zurückzuziehen und ihren Ruhestand zu genießen. Sie wollten um die Welt reisen, solange sie noch gesund waren und die Energie dafür hatten. Wenn sie damit einverstanden wäre, wollten sie ihr Winter’s Haven überschreiben und in das kleinste der zwölf Cottages ziehen. Sie wäre dann in der Lage, ihr Erbe jetzt schon anzutreten, und sie wären glücklich, weil der Betrieb in der Familie bliebe.

„Nimm dir Zeit, um darüber nachzudenken, Liebes“, hatte ihr Vater gesagt und sie fest umarmt. „Aber wir haben großes Vertrauen in deine Fähigkeiten – auf allen Ebenen.“

Ihre Mutter hatte genickt und sie ebenfalls umarmt, wobei ihre Augen feucht geworden waren. Das Ganze hatte auch Justine sehr berührt.

Einen Monat später hatte sie ihre Sachen gepackt und war für immer nach Winter’s Haven zurückgekehrt.

Der Stachel, den Roberts Betrug in ihr Herz getrieben hatte, tat inzwischen nicht mehr so weh. Obwohl es Tage gab, an denen es ihr nicht gut ging, fing sie langsam an, das Ende ihrer Beziehung zu akzeptieren. Die Übernahme der Anlage von ihren Eltern nahm sie voll in Anspruch, und sie freute sich schon darauf, ein paar neue Geschäftsideen auszuprobieren und die entspanntere Gangart dieser Gegend zu genießen.

Inzwischen waren zwei Monate vergangen, und sie dachte kaum noch an Robert.

Ich bin über ihn hinweg.

Justine schloss die Augen und lauschte dem Plätschern der Wellen. Das Geräusch entspannte sie, und sie genoss die Sonne auf ihrer Haut. Erneut spürte sie die Magie von Winter’s Haven, die jeden Stress von ihr nahm, und zufrieden seufzend erlaubte sie sich ein friedliches Nickerchen.

Sie fuhr hoch, als ihr Handy piepte. Mit zusammengekniffenen Augen las sie die Nachricht.

Du liebe Güte, Justine, wo bleibst du denn? Hast du den Termin um zwei Uhr vergessen, den ich für dich arrangiert habe?

Justines Herz klopfte plötzlich wie wild. Sie sah auf ihre Uhr – dreizehn Uhr fünfundfünfzig. Das schaffte sie niemals.

Sie sprang auf und lief die kurze Strecke vom Strand zu ihrem Haus. Normalerweise nahm sie nach dem Sonnenbad immer eine ausgiebige Dusche, aber diesmal hüpfte sie nur unter den Wasserstrahl und war in wenigen Minuten fertig. Ihr schulterlanges Haar würde auf dem Weg ins Büro trocknen müssen, und Zeit zum Schminken hatte sie auch nicht.

Schnell zog sie einen weiten Rock mit Blumenmuster und eine weiße Bluse an und eilte zu ihrem Auto. Sonst ging sie immer zu Fuß, aber dafür hatte sie jetzt keine Zeit.

Es war höchst ungewöhnlich für sie, einen Termin zu verschwitzen. Sie war normalerweise äußerst gewissenhaft und kam nie zu spät. Wahrscheinlich war es ein Fehler gewesen, ihrer Assistentin Mandy zu erlauben, einen Termin an ihrem freien Tag für sie zu vereinbaren.

Der Anblick des silbergrünen Mustangs in der Auffahrt vor ihrem Büro erstickte jede Hoffnung, dass ihr Besucher sich vielleicht verspätet haben könnte.

Sie nahm zwei Stufen auf einmal und stieß die Tür zu dem kleinen Vorraum auf. Mandy Holliday, ihre Freundin seit der Highschool und inzwischen ihre Assistentin, saß hinter dem Tresen und schnalzte ungeduldig mit der Zunge.

„Er wartet seit dreißig Minuten auf dich. Als ich das letzte Mal nach ihm gesehen habe, hat er sich mit den Elliots aus Cottage Nummer eins unterhalten.“

„So ein Mist! Wenn ich schon mal am Strand einschlafe …“ Justine zog eine Grimasse. „Ich frage mich, was der Mann von mir will. Hoffentlich ist er nicht einer dieser aufgeblasenen Geschäftsleute, die …“ Sie brach ab, als sie sah, wie Mandy die Stirn runzelte.

„Vielleicht sollten Sie Ihr Urteil zurückhalten, bis wir unser Meeting hatten“, erklang eine Stimme hinter Justine.

„Gut, dann lasse ich euch mal allein“, erklärte Mandy und zog sich schnell zurück.

Justine drehte sich um und sah ihren Besucher an. Er war überhaupt nicht so, wie sie erwartet hatte.

Langsam kam er auf sie zu und ihr fiel als Erstes sein maßgeschneiderter Anzug auf. Dann sah sie, wie groß er war, registrierte seinen Dreitagebart, das dunkle Haar und seine haselnussbraunen Augen mit den goldenen Sprenkeln darin.

Plötzlich spürte sie Schweiß auf ihrer Oberlippe und strich automatisch mit der Zungenspitze darüber. Es war, als würde sie in Flammen stehen.

Wie konnte er in diesem Anzug nur so cool aussehen? Doch sie merkte auch, wie verärgert er war. „Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin“, sagte sie schnell. „Das passiert mir sonst nie.“ Sie streckte ihm die Hand hin. „Justine Winter.“

Einen Moment lang starrte er sie nur an, dann ergriff er ihre Hand und drückte sie fest. Anschließend bat Justine ihn in ihr Büro.

„Entschuldigung akzeptiert.“

Justine ging um ihren Schreibtisch herum, nahm Platz, und er zog sich einen Stuhl heran.

„Was kann ich für Sie tun, Mr. Forrest?“

„Forrester. Casson Forrester.“

Justine zog die Brauen hoch. „Ja, natürlich. Sie haben einen Termin mit mir gemacht, ohne zu sagen, worum es geht. Möchten Sie vielleicht eins der Cottages mieten? Wir können auch gern eine Besichtigungstour machen, dann zeige ich Ihnen das Gelände.“

Seine Lippen verzogen sich leicht. „Ich bin in der Tat interessiert an den Cottages. Denn Sie müssen wissen, dass ich gerade das angrenzende Land gekauft habe.“

Justine runzelte die Stirn. „Wie bitte? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Russells ihr Grundstück verkauft haben, denn sie …“ Sie brach ab. Die Russells lebten schon seit Generationen hier.

„Ich habe ihnen ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnten“, erwiderte er, offensichtlich sehr zufrieden mit sich.

„Und jetzt wollen Sie Ihre neue Nachbarin kennenlernen?“, fragte sie provozierend. „Warum kommen Sie nicht zum Punkt?“

Er nickte. „Ich habe Entwicklungspläne für die Grundstücke, die an die Bucht angrenzen. Aber weil Ihr Land genau in der Mitte liegt, bedeutet das eine Menge Probleme für mich. Daher würde ich es Ihnen gern abkaufen, damit ich meine Pläne so verwirklichen kann, wie es mir vorschwebt.“ Er kniff die Augen zusammen. „Sie müssen mir nur Ihren Preis nennen, dann ist das Geld morgen auf Ihrem Konto.“

Justine sah ihn ungläubig an. „Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein!“

„Ich bin nicht dafür bekannt, dass ich Scherz mache“, sagte er ruhig. „Ich wiederhole es noch einmal: Ich möchte Ihr Grundstück kaufen und bin bereit, jeden Preis zu zahlen, den Sie verlangen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht daran interessiert, zu verkaufen, Mr. Forrester. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine des Prinzips.“

Justine stand auf, denn das Gespräch war für sie beendet.

Ihr Besucher blieb jedoch sitzen. „Bitte seien Sie doch so nett und erklären Sie es mir, Miss Winter.“

Sie holte tief Luft. „Nun, ich möchte nicht, dass die natürliche Schönheit und die Abgeschiedenheit dieses Landstrichs durch ein kommerzielles Projekt zerstört werden. Und das haben Sie doch vor, oder?“

Er lächelte. „Im Gegensatz zu Ihnen glaube ich, dass die wilde Schönheit der Georgian Bay allen zugutekommen sollte, nicht nur einigen wenigen. Tatsächlich plane ich den Bau eines Luxusresorts direkt am Wasser, zusammen mit einem Dreisternerestaurant. Keinen seelenlosen Hotelkomplex, der die Landschaft verschandeln würde. Ich stelle mir vor, dass die Cottages in die Pinienwälder integriert sind, jedes von ihnen mit Blick auf die Bucht.“ Ein verträumter Ausdruck trat in seine Augen, doch sofort war er wieder ganz Geschäftsmann. „Egal, wie Sie sich entscheiden … auf dem Land, das den Russells gehörte und jetzt mir, werde ich meine Pläne auf jeden Fall umsetzen.“

Justine hörte ihm mit zunehmender Beklommenheit zu. Sie dachte an die Folgen, die dieses Projekt für die Umwelt haben würde. Nicht nur für ihr Grundstück, sondern für die gesamte Gegend. Natürlich dachte sie nicht im Traum daran, sein Angebot anzunehmen. Allein bei der Vorstellung, wie die Bauarbeiten und der Verkehr die Landschaft verschandeln würden, wurde ihr schon übel.

Sie sah ihn mit eisigem Blick an. „Vergessen Sie’s, Mr. Forrester. Ich denke nicht daran, Ihnen meinen Besitz zu verkaufen. Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich fühle mich den vielen Menschen verpflichtet, die hier zu bezahlbaren Preisen Urlaub machen. Und auch dieser Gegend, deren Reiz ja gerade in der Wildheit der Natur besteht. Beides möchte ich schützen – vor allen vor Leuten wie Ihnen, denen das alles egal zu sein scheint.“

Er runzelte die Stirn und strich sich übers Kinn. „Warum hören Sie sich nicht erst einmal an, was ich Ihnen anbieten möchte?“

Er nannte einen Preis, der ihr den Atem verschlug. Selbst die Hälfte dieses Betrags wäre exorbitant hoch gewesen. Kein Wunder, dass die Russells an ihn verkauft hatten, wenn er solche Summen bot. Für einen Moment schoss ihr durch den Kopf, was sie mit dem Geld alles machen könnte, doch der Augenblick der Verführung verflog.

Leider hatte sie den Eindruck, dass ihr Besucher ihre Gedanken genau erraten konnte, denn er wirkte ausgesprochen selbstzufrieden. Wahrscheinlich ging er davon aus, dass sie ihre Prinzipien über Bord warf. In dieser Hinsicht irrte er sich jedoch.

Nie im Leben würde sie Winter’s Haven verkaufen. Schließlich war es ihr Zuhause. Der Ort, an dem sie sich regenerieren, an dem sie genesen konnte. Selbst ihr Kummer über Robert war verflogen, seit sie zurück war. Und das schrieb sie der ganz besonderen Atmosphäre dieser Umgebung zu.

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Mr. Forrest …“

„Forrester.“

„Mr. Forrester. Nichts, was Sie mir anbieten, könnte mich dazu bewegen, mein Heim und mein Grundstück zu verkaufen. Ich gehöre nämlich hierher.“

„Schlechtes Timing“, erwiderte er.

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Nun, vor drei Monaten habe ich Ihren Eltern dasselbe Angebot gemacht. Und sie wären vielleicht auch darauf eingegangen, wenn Sie nicht auf der Bildfläche erschienen wären. Nur deshalb ist der Deal nicht zustande gekommen, was ich sehr bedaure. Jetzt sieht es wohl so aus, als hätte ich mit Ihnen meine Zeit verschwendet.“ Er erhob sich.

Justine spürte, wie ihre Wangen glühten. Sie erinnerte sich flüchtig, dass ihre Eltern ihr etwas von einem Angebot erzählt hatten und dass sie ablehnen wollten.

„Tut mir leid, Mr. Forrester“, sagte sie erneut und fügte hinzu: „Wirklich schade, dass ausgerechnet Sie jetzt mein Nachbar sind.“

Er lächelte, doch dieses Lächeln erreichte nicht seine Augen. „Wer weiß, für wie lange“, sagte er. „Ich werde Ihnen bald ein neues Angebot machen, eins, das sie nicht ablehnen können.“

„Rechnen Sie nicht damit.“

„Wir werden sehen“, erwiderte er leise. „Jeder Mensch ist käuflich. Ich glaube nicht, dass Sie da eine Ausnahme sind.“ Er wandte sich zum Gehen, ein höhnisches Lächeln auf den Lippen. „Vielleicht ist der Preis bei Ihnen nur ein bisschen höher“, sagte er mit kalter Stimme, öffnete die Tür und verschwand.

Justine starrte ihm sprachlos nach. Sie ärgerte sich, weil er das letzte Wort gehabt hatte, und vor allem, weil es eine solche Beleidigung gewesen war.

„Verdammt!“, sagte sie laut und sank auf ihren Stuhl. Sie fühlte sich total erledigt.

Das Letzte, was sie von diesem Besucher erwartet hatte, war ein Kaufangebot gewesen. Und was für ein Angebot!

Casson Forrester meinte es offensichtlich ernst. Und Geld schien für ihn kein Problem zu sein. Außerdem kam er ihr vor wie ein Typ, der für gewöhnlich bekam, was er wollte. Nun, da biss er bei ihr auf Granit. Nie und nimmer würde sie ihre Meinung ändern.

„Niemals“, sagte sie laut. In diesem Moment klopfte es an der Tür, und Mandy trat ein.

„Was wollte dieser Adonis denn?“, fragte sie neugierig. „Etwa eins der Cottages mieten? Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Ich würde ihm selbst nur zu gern zeigen, wie es …“

„Reg dich wieder ab“, unterbrach Justine sie. „Der Mann ist ein arroganter Snob, der glaubt, dass man für Geld alles bekommen kann. Der hat wirklich Nerven!“

„Ach, dann lief es mit euch nicht so gut?“ Mandy ließ sich auf dem Rand des Schreibtischs nieder. „Was hat er denn gesagt? Ich habe dich selten so aufgebracht gesehen.“

„Weil mich selten jemand so aufgeregt hat.“ Sie erzählte ihrer Assistentin von Casson Forresters Angebot. „Natürlich werde ich Winter’s Haven nie verkaufen“, schloss sie ihren Bericht. „Weder an ihn noch an jemand anderen.“

„Hm … verstehe. Ich fürchte nur, wir werden wieder von ihm hören.“ Mandys Blick wurde verträumt. „Schließlich ist er unser neuer Nachbar. Glaubst du, er ist verheiratet?“

„Dann kann einem seine Frau nur leidtun.“

Mandy lachte.

„Weißt du, nicht alles, was glänzt, ist Gold. Ja, ich gebe zu, er ist ziemlich attraktiv, doch für mich zählen eher die inneren Werte. Und glaube mir, er hat eine schreckliche Persönlichkeit. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Er hat gar keine Persönlichkeit.“

„Dann ist er nicht dein Typ?“ Mandy sah sie neugierig an.

„Überhaupt nicht! Falls er sich wieder melden sollte, sag ihm bitte, ich bin nicht da. Und gib ihm auf keinen Fall noch einmal einen Termin. Mir reicht, was ich heute von ihm gesehen habe. Ich will ihn einfach nur vergessen.“

Leichter gesagt als getan, dachte Justine, als sie die kurze Strecke zu ihrem Haus zurückfuhr. Wie hätte sie solche Augen vergessen können? Überhaupt – sein Gesicht, diese markanten Züge … nein, er war schon ziemlich besonders. Nicht, dass sie sich für ihn interessierte, doch bestimmt gab es viele Frauen, die auf Casson Forrester abfuhren.

In ihrem Schlafzimmer zog sie sich schnell um, schnappte sich ihren türkisfarbenen Badeanzug und ein großes Handtuch und machte sich auf den Weg zu ihrem kleinen Privatstrand.

Kaum war sie im Wasser, merkte sie, wie ein Teil der Anspannung von ihr abfiel. Und als sie Augenblicke später auf dem Rücken in der Bucht trieb und den Himmel betrachtete, erschien ihr die Bedrohung, die dieser Mann für Winter’s Haven bedeutete, weniger groß.

Was die Urlauber hier am meisten schätzten, war die Abgeschiedenheit der zwölf rustikalen Cottages, die zwischen den Pinien versteckt lagen, ganz in der Nähe des Strandes. Zur Ferienanlage gehörten außerdem ein Diner, ein kleiner Lebensmittelladen, ein Waschsalon sowie mehrere Ruder- und Motorboote, die die Gäste mieten konnten.

Die meisten von ihnen kamen jedes Jahr wieder, und Justine hoffte, dass Casson Forresters Pläne daran nichts ändern würden.

Sie schwamm zurück zum Strand, trocknete sich ab und entschied, im Diner zu essen, statt zu Hause etwas zu kochen. Sie liebte es, sich unter die Gäste zu mischen, von denen viele inzwischen Freunde der Familie geworden waren.

Normalerweise betrat sie ihr Haus durch den Hintereingang, wenn sie vom Schwimmen kam, doch als sie das Knirschen von Kies hörte, änderte sie ihre Meinung. Offensichtlich war dies ein neuer Gast, der die Einfahrt zu ihrem Haus mit der zum Büro verwechselt hatte.

Sie ging um die Ecke und hatte bereits ein freundliches Lächeln aufgesetzt, da erkannte sie den Fahrer, und zwar an seinem Auto, dem silbergrünen Mustang.

Unwillkürlich wünschte sie sich, Casson Forrester würde sie nicht so sehen … im Badeanzug und mit klatschnassem Haar. Sie hätte sich ein Handtuch umwickeln sollen.

Unschlüssig blieb sie in der Einfahrt stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Würde er aussteigen oder erwartete er von ihr, dass sie zu seinem Wagen kam?

Im nächsten Moment öffnete sich das Dach des Cabrios und spanische Gitarrenmusik drang an ihr Ohr. Er trug eine Sonnenbrille, was sie noch mehr ärgerte, und hatte sein Jackett abgelegt. Sein kurzärmeliges Hemd entblößte seine gebräunten Arme. Sie sah, wie er nach einem großen braunen Umschlag griff, die Musik ein wenig leiser stellte und ausstieg.

„Ich möchte, dass Sie sich das einmal anschauen, Miss Winter“, sagte er und streckte ihr den Umschlag entgegen.

Justine rührte sich nicht und runzelte die Stirn.

„Das ist ein Entwicklungsplan für die Gegend, entworfen von einem befreundeten Architekten. Den würde ich gern mit Ihnen durchgehen. Vielleicht sehen Sie dann, dass Ihre Zweifel in Bezug auf mein Projekt völlig unbegründet sind.“

Sie sah ihn kühl an. „Das interessiert mich nicht, Mr. Forrest. Sie verschwenden hier nur Ihre Zeit.“

Sein Mund verzog sich zu einem halben Lächeln, dann zuckte er mit den Achseln, drehte sich um und legte den Umschlag zurück auf den Beifahrersitz.

„Wie Sie wollen, Miss Wintry. Vielleicht brauchen Sie ja Zeit, um darüber nachzudenken.“

„Ganz bestimmt nicht. Und mein Name ist Winter.“

„Oh, tut mir leid, Miss Winter.“ Er nahm seine Sonnenbrille ab. „Und meiner ist Forrester.“

Justine merkte, wie ihre Knie weich wurden. Seine dunklen Augen blitzten. Sie wusste, dass sie sich bei ihm entschuldigen sollte, brachte die Worte jedoch nicht über die Lippen. Stumm sah sie ihm dabei zu, wie er sich hinter dem Steuer niederließ und die Sonnenbrille aufsetzte.

„Sie können mich aber auch gern Casson nennen“, sagte er und grinste, dann ließ er den Motor an.

Er drehte die Musik lauter und startete den Wagen. Nach wenigen Augenblicken war er aus der Einfahrt und aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Da er Justine Winter nicht länger im Rückspiegel sehen konnte, konzentrierte Casson sich auf die Straße vor ihm. Er liebte diese Gegend. Als Kind hatte er mit seiner Familie jedes Jahr einen Teil der Sommerferien im Cottage von Freunden an der Georgian Bay verbracht. Diese Tradition hatten sie aufrechterhalten, sogar nach dem Tod seines Bruders Franklin, der im Alter von sieben Jahren an Leukämie gestorben war.

Auch nachdem seine Eltern und deren Freunde gestorben waren und das Cottage verkauft worden war, war Casson immer wieder hierher zurückgekehrt. Natürlich verband er mit dieser Gegend auch traurige Erinnerungen, doch es überwog ein Gefühl der Ruhe und Heilung.

Monatelang hatte er nach dem richtigen Ort für das gesucht, was einmal „Franklins Resort“ werden würde. Als er hörte, dass der Besitz der Familie Russell zum Verkauf stand, hatte er sogar einen Hubschrauber angemietet, um sich einen Überblick über die Georgian Bay mit ihren dreißigtausend kleinen Inseln zu verschaffen.

Der verlockende Sandstrand mit der schäumenden Brandung und den Cottages, die gut verborgen im Wald dahinter lagen, hatten ihn sofort fasziniert. Und der Anblick der Bucht, deren Wasser in verschiedenen Blautönen leuchtete, ließ sein Herz schneller schlagen.

Er hatte gespürt, dass Franklin in diesem Moment bei ihm war. Und er wusste, dass er am Ziel seiner Suche war. Daher hatte er den Russells ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnten, und sich als Nächstes Winter’s Haven zugewandt.

Jetzt fuhr er mit hohem Tempo am Mischwald aus Pinien, Birken und Zedern vorbei und erhaschte immer wieder einen Blick auf das funkelnde Blau der Bucht. Ein hypnotisierendes Funkeln.

Es erinnerte ihn an Justine Winters Augen.

Dieser Gedanke überraschte ihn und seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er hätte nicht gedacht, dass die neue Besitzerin von Winter’s Haven so … so umwerfend sein würde. Und so direkt. So wie ihr Vater über sie gesprochen hatte, hatte er einen scheuen und zurückhaltenden Menschen erwartet, eine eher fragile Person.

Außerdem hatte Justines Vater ihm in dem Gespräch verraten, dass seine Tochter Winter’s Haven übernehmen würde, um sich von einer Trennung zu erholen.

Erholen?

Was sollte das bedeuten? Sie war ihm äußerst robust vorgekommen, wie sie ins Büro gestürmt war, mit nassem Haar und geröteten Wangen. Ihre Arme waren gebräunt, und die Beine unter dem weiten, schwingenden Rock hatten sich sehen lassen können.

Casson schluckte, denn er konnte nicht leugnen, dass sie einen ziemlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Zwar hatte sie sein Kaufangebot abgelehnt, doch ihm war ihr verträumter Gesichtsausdruck aufgefallen, als er ihr die Summe genannt hatte. Bestimmt hatte sie darüber nachgedacht, was sie mit dem Geld alles machen könnte.

Das gab ihm durchaus Hoffnung, dass sie ihre Entscheidung überdenken würde. Es war wie immer eine Frage des Preises.

Casson fuhr auf das größere Grundstück, das er von den Russells erworben hatte. Nachdem er seine Hündin Luna begrüßt hatte, holte er sich ein kühles Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich auf der Veranda nieder.

Von hier aus hatte er einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht. Er entspannte sich und hatte das Gefühl, er würde bereits seit Jahren hier wohnen.

Er stellte sich die Ausstellung vor, die er an diesem Ort organisieren wollte, sobald das neue Resort erst einmal fertig war.

Sein Großvater war mit einem bekannten Maler befreundet gewesen, A.J. Casson. Er hatte zu der „Group of Seven“ gehört, deren Mitglieder inzwischen alle berühmt waren.

Casson hatte seine Jugendzeit in der Kunstwelt verbracht, und jetzt, da er es zu etwas gebracht hatte, wollte er dieser Welt etwas zurückgeben.

Er plante ein Event, bei dem er auch sein neuestes Projekt vorstellen würde: ein Zentrum für Kinder, die sich von einer Krebserkrankung erholten. Einen Ort, an dem sie gemeinsam mit ihren Familien Kraft tanken und sich vom Trauma der Krankheit erholen konnten. Der Aufenthalt wäre für sie selbstverständlich kostenlos.

Das Event mit einer Ausstellung, deren Höhepunkt eine Auktion darstellen sollte, würde gewiss eine Menge Geld einbringen, dessen war Casson sich sicher. Als Herzstück der Versteigerung war ein Bild aus seiner persönlichen Sammlung vorgesehen. Es handelte sich um ein frühes Werk von A.J. Casson mit dem Titel „Sturm in der Bucht“. Der Maler hatte es seinem Großvater geschenkt, als die beiden Männer Nachbarn gewesen waren. Es war ein Sammlerstück, das gewiss viel Aufmerksamkeit erregen würde.

Von Anfang an war für ihn klar gewesen, dass das Resort den Namen seines Bruders tragen würde. Als er nun an Franklin dachte, hatte er plötzlich einen Kloß im Hals. Bei dessen Tod war er selbst erst zehn gewesen und hatte seine Gefühle damals nicht ausdrücken können. Doch er hatte alles getan, um seinen Eltern ein guter Sohn zu sein, weil er natürlich merkte, welche Bürde die Krankheit ihres jüngsten Kindes für sie war.

Nachdem er in Toronto sein Business-Studium absolviert hatte, war er nach Huntsville zurückgekehrt und hatte dort ein Eisenwarengeschäft erworben, das damals nur mühsam über die Runden kam. Er war sehr dankbar für das Geld gewesen, das sein Großvater ihm vermacht hatte, und hatte sich geschworen, alles zu tun, damit der alte Mann stolz auf ihn gewesen wäre.

Nach und nach schossen die Umsätze an die Decke, und er machte sich daran, eine Kette aufzubauen. Sechs Jahre später besaß er Läden in Gravenhurst, Bracebridge, Port Carling und Parry Sound.

Casson führte überall Innovationen ein und sorgte dafür, dass die Geschäfte alles vorrätig hatten, was die Bewohner einer kleinen Stadt und die anspruchsvolleren Grundbesitzer aus der Umgebung brauchten. Die „Forrest Hardware Chain“ machte ihn schließlich zum Multimillionär, und das noch vor seinem vierunddreißigsten Geburtstag.

Das war nur möglich gewesen, weil er schon sehr früh gelernt hatte, die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen. Deshalb ärgerte es ihn jetzt auch so, dass Justine Winter ihm diesen unerwarteten Widerstand entgegensetzte. Natürlich ging es ihm nicht darum, sie zu kontrollieren, er war einfach nur scharf auf Winter’s Haven. Ihr Besitz war das letzte Puzzlestück, das ihm noch fehlte, um seinen Plan zu vollenden.

Schockiert erkannte er, dass er bei ihrem Gespräch sogar kurz darüber nachgedacht hatte, ihr das Stockey Centre zu zeigen, sein erstes Projekt für krebskranke Kinder. Um ihr klarzumachen, dass es ihm nicht nur um seinen Profit ging, wie sie sofort angenommen hatte. Aber dann hätte er ihr auch von Franklin erzählen müssen. Das war ein Thema, worüber er nie sprach. Er hatte gelernt, seine Gefühle vor Fremden zu verbergen.

Es ließ sich nicht leugnen, dass Justine Winter in ihm den Wunsch nach Offenheit geweckt hatte. Vielleicht hing es mit ihren blauen Augen zusammen, mit ihrem Blick, der ihn so unerwartet tief traf.

Es war ihm vorgekommen, als könnte er sich ihr gegenüber öffnen und endlich einmal jemandem erzählen, dass er das Resort nicht nur für Franklin, sondern auch für sich selbst eröffnen wollte. Viele Jahre lang hatte er sich nicht mal seiner Mutter anvertrauen können. Ihr Kummer über den Verlust ihres jüngsten Sohnes hatte eine unsichtbare Barriere zwischen ihnen errichtet. Sein Vater hatte sich in die Arbeit gestürzt und war ihm ebenso wenig eine emotionale Stütze gewesen.

Daher hatte Casson irgendwann angefangen, mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten Trauerarbeit zu leisten. Es hatte ihm ermöglicht, seinen Eltern zu verzeihen. In dieser Zeit war sein Plan entstanden, Kindern zu helfen, die ein ähnliches Schicksal wie Franklin erlitten hatten.

Als man dann auch bei Andy, dem Sohn seiner Cousine Veronica, Krebs diagnostiziert hatte, stand sein Entschluss fest.

Und nun befand sich das „Franklin & Casson“-Projekt an der Bucht kurz vor der Vollendung. Nur ein kleines Stück fehlte noch.

Und Justine Winter hatte den Schlüssel dazu.

Casson trank einen Schluck Bier und merkte erst jetzt, wie heiß es war. Er stand auf, knöpfte sein Hemd auf und ging ins Haus, um sich umzuziehen. Ein Sprung in das Wasser der Bucht würde ihn abkühlen … innerlich und äußerlich.

Wenig später streckte sich Casson am Rande des Stegs aus, damit die Sonne seinen Körper wärmte. Es gab nichts Besseres, als an einem heißen Tag in der Bucht zu schwimmen. Er schloss für einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, hatte er das Gefühl, geschlafen zu haben.

Schnell stand er auf, denn er wollte sich auf gar keinen Fall einen Sonnenbrand holen. Luna sprang aufgeregt neben ihm herum und erneut musste er an seinen Bruder denken. Vor seinem geistigen Auge erschien das Bild von Franklin, der eine Angelrute hielt. Wie immer hatte er seine Baseballmütze auf, und als er endlich einen Fisch fing, stieß er einen Freudenschrei aus. Seine Augen funkelten und …

Casson schluckte und ließ sich auf den hölzernen Planken des Stegs nieder. Versunken blickte er auf die Bucht. Erst, als Luna ihm die Wangen ableckte, merkte er, dass ihm Tränen über das Gesicht liefen.

2. KAPITEL

Der Regen, der aufs Dach trommelte, weckte sie eine Stunde früher, als sie geplant hatte. Justine hatte jedoch nichts dagegen, denn an Regentagen konnte man Dinge machen, zu denen sonst die Zeit fehlte. Wie zum Beispiel ein leeres Cottage renovieren oder sich auch einfach nur mit einem guten Buch im Fenstersitz ihres Zimmers entspannen.

Sie zog Jeans und ein blaues T-Shirt an, band ihr Haar zu einem Pferdeschwanz und ging nach unten. Nach einem Kaffee und einem Bananen-Joghurt-Muffin, den sie gestern selbst gebacken hatte, schnappte sie sich ihren Schirm und eilte zu ihrem Wagen.

Unterwegs musste sie an einen anderen Regentag denken, damals war sie in die Kanzlei von Robert Morrell gegangen, um sich für einen Job zu bewerben. Sie war vierundzwanzig Jahre alt gewesen und hatte ihr Jurastudium an der Universität von Toronto mit summa cum laude abgeschlossen.

Tatsächlich bekam sie die Stelle als Anwaltsassistentin und zwischen Robert und ihr entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Im zweiten Jahr wurden ihre Gespräche persönlicher und irgendwann vertraute er ihr an, dass seine Ehe kurz vor dem Aus stand. Natürlich wollte sie ihn trösten, aber erst nach seiner Scheidung wurde mehr aus ihrer Freundschaft.

Sie begannen, miteinander auszugehen, doch dann …

Justine zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren, und fuhr mit dem Auto auf den Parkplatz hinter dem Eisenwarengeschäft. Ohne nach ihrem Schirm zu greifen, stürmte sie in den Laden.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte der freundliche Angestellte hinter dem Tresen.

„Ja, vielen Dank, Mr. Blake“, erwiderte sie und lächelte ihn an. „Ich brauche Holzvertäfelung für eins meiner Cottages.“

„Verstehe. Ja, Ihr Dad hat mir schon erzählt, dass Sie Winter’s Haven übernehmen würden. Freuen Sie sich, wieder zu Hause zu sein?“

Sie nickte. „Oh ja, sehr.“

Als sie ihm den Zettel mit den Maßen gab, spürte sie, wie gut sich das anfühlte. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, in ihre Heimat zurückzukehren. Denn genau das liebte sie an der Kleinstadt … dass sie die Leute kannte, dass sie sich hier geborgen fühlte.

Nach der schrecklichen Trennung von Robert und den vielen einsamen Monaten danach war ihr klar geworden, wie allein sie in der Großstadt war. Damals hatte sie keinen Job und auch kaum Freunde gehabt. Parry Sound hingegen war ihr Zuhause, und erst jetzt war ihr klar, wie sehr sie es die ganze Zeit über vermisst hatte.

„Wollen Sie länger hierbleiben?“, erkundigte der ältere Mann sich und warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, den Justine nicht zu deuten wusste.

„Oh ja“, versicherte sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, Winter’s Haven je wieder zu verlassen.“

„Gut, dann rufe ich Sie an, sobald wir Ihren Auftrag ausgeführt haben.“

„Prima, Mr. Blake, vielen Dank.“ Damit verließ sie das Geschäft und eilte zurück zu ihrem Wagen.

Auf der Fahrt nach Hause bemerkte sie, wie dunkel der Himmel geworden war. In der Ferne ertönte erstes Donnergrollen. Der Regen war nun noch stärker und prasselte so heftig auf die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer kaum nachkamen.

Plötzlich hupte jemand laut hinter ihr. Justine sah in den Rückspiegel und nahm verschwommen die Umrisse eines dunkelroten Pick-ups wahr. Aufgrund des Regens konnte sie den Fahrer jedoch nicht erkennen.

Jetzt hupte er noch lauter und streckte den Arm aus, um ihr zu signalisieren, dass sie an den Straßenrand fahren sollte. Alarmiert fragte sie sich, ob es sich vielleicht um einen Polizisten handelte, aber in einem Pick-up? Und sie war sich auch sicher, nicht zu schnell gefahren zu sein.

Glücklicherweise tauchte wenige Minuten später die Ausfahrt zu Winter’s Haven auf und sie bog ab. Doch als sie vor ihrem Haus parkte, sah sie, dass der Pick-up ihr gefolgt war und direkt hinter ihr anhielt.

Wütend marschierte sie auf den Wagen zu. „Warum folgen Sie mir?“, fragte sie den Fahrer. „Und wieso haben Sie die ganze Zeit gehupt? Ich hätte fast einen Unfall gebaut, wissen Sie das? Stalken Sie mich etwa?“

Der Mann trug eine Sonnenbrille, seine Mundwinkel zuckten.

„Offensichtlich ist es Ihnen nicht aufgefallen, aber eine der Radkappen an Ihrem Wagen hat sich gelöst, und ich dachte, es wäre sicherer, Sie darauf aufmerksam zu machen.“

Moment mal, diese Stimme … erstarrt sah sie ihn an.

„Sind Sie etwa …“

Er nahm die Brille ab und sie sah in seine Augen.

Tigeraugen. Verdammt!

„Nett, Sie wiederzusehen“, sagte Casson Forrester gleichmütig.

In der abgewetzten Jeans mit dem T-Shirt wirkte er völlig anders.

„Es gibt nämlich ein paar Dinge, über die ich gern mit Ihnen reden würde.“

„Und deshalb mussten Sie mir folgen?“

„Nun, ich hatte irgendwie das Gefühl, wenn ich Sie anrufe, lassen Sie sich verleugnen.“ Er lächelte. „Und ich verstehe auch nicht, warum Sie im Eisenwarenladen Holzvertäfelung bestellen, wo Sie Winter’s Haven doch verkaufen wollen …“

Justine lachte verächtlich. „Davon träumen Sie nur! Aber wieso hat Mr. Blake Ihnen das erzählt?“

„Nun, schließlich gehört mir der Laden. Er ist mein Angestellter.“

Justine starrte ihn an. „Ihnen gehört ‚Forrest Hardware‘?“, fragte sie fassungslos. Natürlich … jetzt erinnerte sie sich daran, dass die Kette seinen Namen trug. „Kein Wunder, dass Sie glauben, alles und jeden kaufen zu können.“

„Nicht alles“, erwiderte er gleichmütig. „Und auch nicht jeden. Aber zumindest kann ich es versuchen.“

Sie holte tief Luft. „Bitte entschuldigen Sie mich jetzt. Ich habe noch zu tun. Nach der Radkappe werde ich später schauen.“

Sie zog den Hausschlüssel aus der Tasche, drehte sich um und ging auf die Eingangstür zu. Der Regen war wieder stärker geworden, und als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, ertönte lautes Donnergrollen.

Dann hörte sie, wie die hölzernen Planken auf ihrer Terrasse knarrten. Als sie sich umwandte, sah sie Casson Forrester dort stehen. Mit einem großen Hund.

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn Luna und ich das Ende des Sturms in Ihrem Haus abwarten?“, fragte er. „Und wären Sie vielleicht so nett, mir ein Handtuch zu leihen? Schließlich möchte ich bei Ihnen nicht alles volltropfen.“

Justine schluckte. Tatsächlich, Mann und Hund waren bereits pitschnass.

Sie seufzte, wusste jedoch, dass sie keine andere Wahl hatte, als die beiden hereinzubitten.

Ein weiteres Donnergrollen und Luna jaulte auf.

„Moment, bin gleich wieder da“, erklärte sie hastig. Sie stürzte ins Haus und schloss die Tür, sodass sie fest klickte. Solange die beiden noch so nass waren, würde sie sie mit Sicherheit nicht hereinlassen.

Sie eilte die Treppen hoch ins Badezimmer und schnappte sich zwei ihrer größten Badetücher. In einem Schrank fand sie einen alten Overall, den Casson überziehen konnte, während seine Jeans trocknete.

Bei dem Gedanken, wie er sich umziehen würde, errötete sie und hoffte, dass ihre roten Wangen sie nicht verrieten.

Langsam ging sie die Treppe wieder hinunter, hielt kurz inne und atmete tief durch, dann öffnete sie die Tür zur Veranda.

„Ich habe einen Overall für Sie gefunden“, sagte sie. „Sie können Ihre nassen Sachen ausziehen und in den Trockner stopfen. Er steht im Wäscheraum, ich zeige es Ihnen gleich. Wenn Sie möchten, kann ich mich in der Zwischenzeit um Ihren Hund kümmern.“

Casson griff nach den Handtüchern, dabei fiel etwas zu Boden. Er bückte sich, hob es auf und schmunzelte. „Also, die Farbe mag ich sehr, aber ich fürchte, sie sind zu klein für mich. Danke dennoch.“

Am liebsten wäre Justine im Erdboden versunken. Ohne dass sie es gemerkt hatte, hatte sie ihren pinkfarbenen Bikini-Slip mit dem Handtuch zusammengepackt. Wahrscheinlich waren sie zusammen im Trockner gewesen. Stumm beugte sie sich zu Luna hinunter und fing an, sie abzutrocknen. Dabei hoffte sie, dass Casson nicht bemerkte, wie verlegen sie war.

Als er an ihr vorbei ins Haus ging, stieß sie erleichtert einen Seufzer aus.

Als es erneut donnerte, wimmerte Luna und zitterte.

„Komm schon, du Angsthase, nun hab dich nicht so“, sagte Justine. „Bleib ruhig, damit ich dich ordentlich abtrocknen kann.“ Zu ihrer Überraschung wedelte die Hündin mit dem Schwanz. Sie schien auf sie zu hören. Luna war eine Kreuzung zwischen einem Labrador und einem Deutschen Schäferhund, wie es aussah. Die traurigen großen Augen hatten etwas von einem Beagle.

„Hast du aber hübsche Augen“, murmelte Justine und kicherte, als die Hündin ihre Hand leckte. „Braves Mädchen“, sagte sie schließlich und erhob sich. „Auch wenn mein Badetuch jetzt voller Haare ist.“

Sie hatte sich vorgebeugt und kraulte die Hündin hinter den Ohren. Luna sprang unerwartet hoch und drückte ihr die feuchte Schnauze an die Wange. Damit hatte Justine nicht gerechnet. Sie verlor das Gleichgewicht und landete mit dem Po auf dem Terrassenboden.

„Luna, komm her“, erklang Cassons strenge Stimme. Er schien alles andere als amüsiert zu sein.

„Ist schon okay, sie wollte nur zärtlich sein.“ Justine und rappelte sich wieder hoch. „Ich habe nicht damit gerechnet, das ist alles.“

Sie hatte gar keine Zeit, verlegen zu sein, denn bei seinem Anblick musste sie unwillkürlich schmunzeln. Er trug ein weißes T-Shirt und den Overall, der ihm eindeutig zu klein war.

Die Hosenbeine reichten ihm kaum bis zu den Knöcheln. Es ließ sich nicht leugnen, er sah unglaublich bekloppt darin aus. Wie konnte jemand, der so attraktiv war, so idiotisch wirken? Man hätte Mr. Perfect jetzt glatt mit Mr. Bean verwechseln können. Sie musste an sich halten, um nicht laut loszulachen.

Seine Augen funkelten. „Was? Sie finden dieses modische Statement wohl sehr lustig? Also, dann muss ich Ihnen leider sagen …“

Seine nächsten Worte gingen in einem lauten Donner unter. Als der Regen immer stärker wurde, zeigte Justine stumm auf die Tür, und sie traten ins Haus. Hier überzeugte sie sich zunächst davon, dass alle Fenster geschlossen waren, und knipste das Licht im Wohnzimmer an.

„Bitte setzen Sie sich“, sagte sie und deutete auf die Couch. „Ich muss oben nachsehen, ob die Fenster zu sind, und mich auch umziehen.“ Ihr Blick fiel auf Luna, die leise wimmerte. „Vielleicht machen Sie ja den Fernseher an, dann hört man den Donner nicht so laut.“

Nachdem Justine sie verlassen hatte, dachte Casson über ihren Gesichtsausdruck nach, als sie ihn und Luna auf der Terrasse vorfand. Ihre Augen wirkten doppelt so groß wie sonst, und erst da hatte er gemerkt, wie dicht ihre Wimpern waren. Und wie voll ihre pfirsichfarbenen Lippen.

Der beste Moment war jedoch der gewesen, als ihr Bikinihöschen aus dem Badetuch fiel. Da hatte er die Oberhand gehabt, was sich allerdings wieder ausglich, als er in dem viel zu kurzen Overall vor ihr erschienen war.

Er nahm die Fernbedienung und fand nach einigem Suchen einen Musikkanal, der mit Sicherheit das Donnern übertönen würde. Dann lehnte er sich auf der Couch zurück und sah sich interessiert um. Der Kamin aus Naturstein bildete das Zentrum des Raums, die Decke bestand aus Zedernholzbalken.

Sein Blick fiel auf das Bild über dem Kamin. Es war der Druck von einem der Maler, der zur Group of Seven gehörte – „Mirror Lake“ von Franklin Carmichael. Gebannt folgten seine Augen den sanften Kurven der Hügel und den wunderbaren Farbschattierungen des Sees, von Blau über Türkis bis hin zu Gold, die der Künstler perfekt eingefangen hatte. Die Oberfläche des Sees schimmerte wie ein glänzender Spiegel.

Er kannte das Bild, viele Erinnerungen waren für ihn damit verbunden. Doch er wollte ihnen nicht nachhängen, schließlich würde Justine jeden Moment zurückkommen.

Die Möbel waren in sanften Braun- und Rottönen gehalten und zusammen mit den Dielen aus Walnussholz verliehen sie dem Raum etwas sehr Gemütliches, Authentisches.

Aus den großen Fenstern hatte man vermutlich einen wunderbaren Blick auf die Bucht, und die Regale voller Bücher verrieten, dass hier jemand wohnte, der gerne las. Insgesamt machte es den Eindruck eines perfekten Georgian Bay Cottages, und er machte sich gedanklich Notizen für seine zukünftigen Cottages.

Luna ließ sich zu seinen Füßen nieder. Obwohl sie immer noch leicht schnaufte, schien sie jetzt entspannter zu sein.

Casson wünschte, er hätte dasselbe von sich sagen können. Leider zwickte und zwackte ihn der viel zu kleine Overall an etlichen Stellen, am liebsten hätte er sich auf der Couch ausgestreckt. Doch natürlich kam das nicht infrage. Er sah kurz auf seine Uhr und lehnte sich in die Kissen zurück, was ihm ein bisschen Erleichterung verschaffte.

Er schloss die Augen und lauschte dem gleichmäßigen Prasseln des Regens gegen die Fenster. Was mochte Justine wohl anziehen? Und wie sah sie unter …

Stopp. Er war nur hier, um zu warten, bis seine Kleidung wieder trocken war, und nicht, um sie sich nackt vorzustellen.

Oben in ihrem Zimmer schlüpfte Justine aus ihren Kleidern und wünschte, sie hätte Zeit für eine Dusche. Aber damit würde sie warten müssen, bis Casson wieder weg war. Schnell griff sie nach einem Paar weißer Leggins und einer langen Bluse mit Blumenmuster und zog beides an.

Da kam ihr ein Gedanke. Sie öffnete die Kommode, zog die oberste Schublade heraus und suchte, bis sie gefunden hatte, was sie haben wollte. Weihnachten war noch lange hin, doch sie hatte die Angewohnheit, das ganze Jahr über Geschenke zu sammeln, die sie ihren Liebsten dann zum Fest überreichte. Das hier war für ihren Dad gedacht – ein prächtiger Morgenmantel aus dunkelgrüner Seide, mit einem dunkelroten Zierstreifen sowohl an den Ärmeln wie am Kragen. Auf die rechte Seite hatte sie die Buchstaben „WH“ für Winter’s Haven gestickt. Sie wollte ihren Vater damit überraschen. Wenn es ihm gefiel, könnte man solche Morgenmäntel in jedem Cottage auslegen, genau wie in einem Hotel.

Sie nahm den Mantel und hängte ihn sich über den Arm. Auf der Türschwelle zögerte sie einen Moment, weil sie sich plötzlich ein bisschen schuldig fühlte. Doch dann gab sie sich einen Ruck und ging hinunter.

Unten war der Fernseher an, Luna lag Casson zu Füßen, dem Justine den Morgenmantel hinhielt.

„Ich dachte, vielleicht passt Ihnen der hier besser.“

„Bestimmt“, erwiderte er und nickte. „Jetzt weiß ich wenigstens, dass Sie nicht nur Haare auf den Zähnen haben.“

Justine wollte etwas entgegnen, doch er hob die Hand.

„Tut mir wirklich leid, ich fürchte, wir hatten keinen guten Start. Wie wäre es mit einer Art Waffenstillstand?“

„Also, was mich betrifft, kämpfen wir nicht gegeneinander, Mr. Forrester. Wie sieht’s aus – hätten Sie vielleicht gern einen Kaffee?“ Sie drehte sich zu der offenen Küche um.

„Sehr gern“, erwiderte er. „Nur mit Milch, keinen Zucker bitte. Und jetzt entschuldigen Sie mich … ich kann es kaum erwarten, aus diesem Overall rauszukommen.“ Er grinste und steuerte auf die Toilette zu.

Als Justine wenig später mit einem Tablett aus der Küche kam, auf dem sich zwei Tassen, ein Kännchen Milch und ein Teller mit Muffins befanden, blieb ihr fast der Mund offen stehen. So wie Casson in dem prächtigen Morgenmantel lässig auf der Couch saß, hätte man meinen können, das Cottage würde ihm gehören.

Doch natürlich wollte sie ihm nicht zeigen, welche Wirkung sein Anblick auf sie hatte. Für sie musste er einfach ein Gast wie jeder andere sein. Daher setzte sie sich wieder in Bewegung und stellte das Tablett auf dem Couchtisch ab. Dann griff sie nach dem Teller mit den Muffins und reichte ihn ihm. „Bananenjoghurt. Selbst gemacht.“

„Vielen Dank, Miss Winter.“

Er beugte sich vor und nahm sich einen, und bevor sie den Teller wieder zurücknehmen konnte, hatte Luna sich ebenfalls einen geschnappt. Es kam so unerwartet, dass Justine über Cassons ausgestreckte Füße stolperte. Sie verlor das Gleichgewicht und landete dort, wo sie um keinen Preis der Welt sein wollte.

Sie spürte, wie seine Arme sich um sie schlossen, den Muffin immer noch in der Hand.

„Jetzt, da Sie schon auf meinem Schoß sitzen“, flüsterte er ihr ins Ohr, „möchten Sie sich vielleicht den Muffin mit mir teilen?“

3. KAPITEL

Justine spürte Cassons Atem auf ihrem Hals. Ein Schauer durchrieselte sie. Sein linker Arm lag um ihre Hüfte, in der rechten Hand hielt er den Muffin. Bei dem Tumult hatte der Morgenmantel sich leicht geöffnet und zu ihrer Bestürzung erblickte sie unter sich eins seiner nackten Beine.

Sie saß auf seinem nackten Bein.

Ihr Kopf fuhr hoch, und sie war sehr froh, dass Casson ihr Gesicht nicht sah. Sie musste unbedingt von ihm weg, aber das bedeutete, sie würde sich gegen ihn stemmen müssen, und wer konnte sagen, was dann noch alles zum Vorschein käme? Sie biss sich auf die Unterlippe. Wieso ließ er sie nicht einfach los?

Das tat er im nächsten Moment, und sie beeilte sich, schnell aufzustehen. Ermattet sank sie auf das Zweiersofa vor dem Kamin und griff nach ihrer Kaffeetasse. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, schaute sie aus dem Fenster. Durch den prasselnden Regen hindurch sah sie zwischen all den dunkelgrauen Wolken ein Stück Himmel. Wahrscheinlich war die Bucht total aufgewühlt, und die Wellen waren voller Schaumkronen.

„Mmm, lecker“, erklärte Casson, nachdem er den Muffin probiert hatte. „Ich hoffe, die kann man im Diner kaufen?“

Es war wirklich erstaunlich, wie locker er alles nahm, als wäre er hier zu Hause. Dabei trug er nichts als einen Morgenmantel, doch sie verbot sich, weiter darüber nachzudenken. Außerdem vermied sie es, ihn näher zu betrachten, auch wenn ihr das Stück nackte Brust im Ausschnitt längst aufgefallen war.

„Äh … ja.“ Sie nickte und wurde erneut rot. „Natürlich kann man sie dort kaufen. Ich backe jeden Morgen frische Muffins fürs Restaurant.“

Hoffentlich waren seine Kleider bald trocken, damit diese Folter sich nicht ewig hinzog.

„Warum sind Sie eigentlich hierher zurückgekommen?“, erkundigte er sich.

„Das … das ist nicht so wichtig“, erwiderte sie nach einem Moment des Zögerns. „Ich bin allerdings sehr froh, dass ich es getan habe, denn so konnte ich verhindern, dass unsere Ferienanlage in die falschen Hände gerät.“ Sie holte tief Luft und sah ihn an. „Aber ich bin durchaus gewillt, unser erstes Treffen zu vergessen, wenn Sie es auch sind. Schließlich sind wir jetzt Nachbarn, da sollten wir zumindest höflich zueinander sein.“

Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Kaffee, während sie auf seine Antwort wartete.

Casson erhob sich und trat ans Panoramafenster mit Blick auf die Bucht. Er betrachtete schweigend den Sturm, und Justine fürchtete schon, dass er auf ihr Friedensangebot nicht eingehen würde. Jedenfalls musste man ihm lassen, dass ihm die dunkelgrüne Robe ausgezeichnet stand. Er hatte das Haar zurückgekämmt, und sein kurzer Bart beeinträchtigte sein gutes Aussehen nicht, im Gegenteil.

Schließlich drehte er sich zu ihr um und sah sie an. „Natürlich können wir höflich zueinander sein.“

Dann trat er auf sie zu und ließ sich neben ihr auf dem Zweiersofa nieder. Sie schluckte. Wurde es dunkler im Raum, oder bildete sie sich das nur ein? Sie wollte schon die andere Tischlampe anknipsen, da erschütterte eine Reihe von Donnerschlägen plötzlich das Haus. Instinktiv drehte sie sich zu Casson um und legte ihm die Hände auf die Brust. Luna fing zu jaulen an und lief aufgeregt durchs Zimmer.

Casson umfasste Justines Schultern, und sie starrten sich an. Sie spürte, wie sein Brustkorb sich hob und senkte, und zitterte unwillkürlich. Sein Blick war durchdringend, schließlich legte er seine Arme um sie.

Dann war sein Gesicht ihrem plötzlich ganz nahe, und sie hielt den Atem an. Im nächsten Moment fühlte sie, wie seine Lippen ihre berührten, und schloss die Augen. Seine Umarmung wurde fester, der Kuss tiefer. Justine merkte, wie ihre Lippen sich wie von selbst öffneten, und gab sich dem Kuss hin. Wellen der Erregung durchfluteten ihren Körper.

Als spürte er ihr Verlangen, ergriff Casson ihre Hände und legte sie sich um den Nacken. Dann zog er Justine an sich, und sie gab nach, überwältigt von der Anziehung, die er auf sie ausübte. Doch irgendwann merkte sie, dass er im Begriff war, sich von ihr zu lösen. Sie öffnete die Augen und sah ihn an. Er stöhnte leicht und neigte den Kopf, um ihren Hals mit kleinen Küssen zu bedecken.

Justine erstarrte. Was taten sie hier? Wie hatte sie zulassen können, dass es so weit kam? Schließlich mochte sie diesen Mann nicht einmal. Sie verabscheute ihn für das, was er mit Winter’s Haven vorhatte.

Casson schien zu merken, wie sie sich versteifte. Er richtete sich auf und protestierte nicht, als sie ihre Arme zurückzog.

„Das … das war ein Fehler“, erklärte Justine und wich seinem Blick aus. „Sie gehen jetzt besser.“

Sie zog sich von ihm zurück und schlug ihre Beine übereinander.

„Sind Sie denn gar nicht neugierig auf das, was ich Ihnen sagen wollte?“

Sie starrte ihn verwirrt an und erinnerte sich erst jetzt, weshalb er hier war.

„Eigentlich war ich auf dem Weg zu Winter’s Haven, aber dann habe ich Sie in meinem Geschäft gesehen.“

Sie runzelte die Stirn. „Was wollten Sie denn hier? Sie haben doch wohl nicht im Ernst geglaubt, ich würde meine Meinung ändern, oder? Dann sage ich es Ihnen hiermit noch einmal: Ihr Angebot interessiert mich nicht.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Vielleicht überlegen Sie es sich ja, bis ich meinen Aufenthalt hier beende.“

„Ganz bestimmt nicht, ich …“ Erst jetzt begriff sie, was er gesagt hatte und starrte ihn an. „Was meinen Sie mit ‚meinen Aufenthalt hier‘?“

„Ich möchte eine Woche als Gast in Winter’s Haven verbringen und aus nächster Nähe sehen, wie die Dinge hier funktionieren.“

„Das ist nicht möglich!“ Justine schüttelte den Kopf. „Alle zwölf Cottages sind bis Ende des Sommers ausgebucht.“

Casson erhob sich. „Bitte warten Sie einen Moment. Ich schaue nur mal schnell nach meinen Sachen.“ Als Luna ihm folgen wollte, sagte er zu ihr: „Nein, altes Mädchen. Du bleibst hier und leistest Miss Winter Gesellschaft.“

Justine starrte ihm hinterher, fühlte sich jedoch ein bisschen getröstet, als die Hündin auf sie zukam und ihr die Hand leckte. Gerührt kraulte Justine sie hinter den Ohren. Was das Herrchen betraf, war sie sich nicht sicher, aber Luna mochte sie, das stand fest.

„Ihr früherer Besitzer war nicht sehr nett zu ihr“, sagte Casson, als er wenige Minuten später zurückkam. „Er hat sie aus dem Auto geworfen und auf der Autobahn ausgesetzt. Ich habe sie gefunden, als sie in den Wäldern herumgestreunt ist. Sie war total verwahrlost und damals noch kein Jahr alt.“

„Oh, die Arme.“

Erst jetzt sah sie, dass er eine Jeans und ein T-Shirt trug. Sein Jackett warf er auf die Couch, dann griff er in eine der Jeanstaschen und zog einen Schlüssel heraus, der ihr nur allzu vertraut vorkam. Ungläubig starrte sie ihn an.

„Woher haben Sie den?“, fragte sie fassungslos, denn auf dem Anhänger prangte die Ziffer eins – für das Cottage Nummer eins, das direkt neben ihrem lag. Sie stand auf und streckte die Hand danach aus, doch Casson rührte sich nicht.

„Woher haben Sie den Schlüssel?“, wiederholte sie ihre Frage. „Die Elliots haben dieses Cottage gemietet.“

„Sie hatten es gemietet“, korrigierte er sie.

„Wie? Aber …“

„Bitte lassen Sie es mich Ihnen erklären“, sagte er freundlich. „Ich habe die Elliots vor einiger Zeit in Ihrem Diner kennengelernt, und wir sind ins Gespräch gekommen. Als sie mir von diesem Cottage erzählten, kam mir plötzlich die Idee, es für eine Woche zu mieten.“ Er lächelte. „Glücklicherweise ließen sie sich auf meinen Vorschlag ein, ihnen dafür eine Reise zu einem Ziel ihrer Wahl zu schenken, bei der ich alle Kosten übernehmen würde. Und wie der Zufall es wollte, hatten sie gerade eine Einladung von Freunden aus Griechenland erhalten, die sie aus finanziellen Gründen jedoch nicht annehmen konnten. So erwies es sich als ein ideales Tauschgeschäft für beide Seiten.“

Justine schnaubte aufgebracht. „Ich glaube es ja nicht. Warum haben Sie mir nichts davon erzählt? Aber so einfach ist das nicht, mein Lieber. Ohne meine Einwilligung können meine Gäste ihr Cottage nicht tauschen und jemand anderen darin wohnen lassen. Die letzte Entscheidung liegt immer bei mir.“

Casson ließ sich dadurch nicht irritieren. „Nun, ich fürchte, das ist meine Schuld. Sie mussten mir versprechen, nichts zu verraten, denn ich habe ihnen gesagt, dass ich eine sehr gute Freundin mit einem Antrag überraschen will.“

Justine starrte ihn an. „Einem Antrag? Sind Sie verrückt? Jetzt glauben die Elliots, dass Sie sich mit mir verloben wollen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht zu fassen! Und das alles haben Sie schon von langer Hand geplant, oder?“

Er nickte selbstzufrieden. „Ja, allerdings. Irgendwie hatte ich so das Gefühl, dass Sie mir kein Cottage vermieten würden, wenn ich Sie darum bäte.“

„Sie manipulativer, niederträchtiger … Geben sie mir sofort den Schlüssel! Warum beobachten Sie mich nicht vom Grundstück nebenan? Schließlich gehört Ihnen jetzt das Land rechts und links von mir.“

„Weil ich von dort aus nicht mitbekomme, wie Sie hier in Winter’s Haven operieren. Ich dachte mir, es wäre nur fair, Ihnen mitzuteilen, dass ich demnächst ins Cottage Nummer eins ziehen werde.“

„Fair?“ Justine füllte ihre Lunge mit Luft und atmete prustend aus.

„Hören Sie, ich möchte mich einfach nur eine Woche hier umsehen und beobachten, wie dieser Ort funktioniert.“ Er kniff leicht die Augen zusammen. „Wer weiß, vielleicht ändere ich danach meine Meinung und verzichte auf ein groß angelegtes Unternehmen. Möglicherweise ist ein kleineres Projekt besser für die Natur in dieser Gegend.“

„Ich habe keine Garantie, dass Sie Ihre Meinung ändern werden“, sagte Justine. „Und ich denke nicht daran, mich von Ihnen Tag für Tag beobachten zu lassen. Warum erkennen Sie nicht endlich, dass Ihre Taktik bei mir nicht funktioniert? Ich habe nicht die Absicht, an Sie zu verkaufen. Niemals! So, und nun geben Sie mir bitte den Schlüssel.“

Casson schüttelte den Kopf und steckte den Schlüssel wieder ein, dann sah er aus dem Fenster. „Wie ich sehe, hat es aufgehört zu regnen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich würde gern Ihren Restaurantbereich kennenlernen.“ Abwartend sah er sie an. „Wollen Sie nicht mitkommen, Miss Winter?“

Justine spürte, wie sie rot anlief. „Nein, Danke“, erwiderte sie eisig. Am liebsten hätte sie ein Muffin oder ein Kissen nach ihm geworfen. Er trieb es entschieden zu weit.

„Gut, dann bis später. Komm, Luna. Ich bringe dich jetzt in dein neues Zuhause. Ins Restaurant wirst du nicht mitkommen können.“ Als er die Tür zur Terrasse öffnete, sagte er: „Danke, dass Sie uns reingelassen haben. Luna und ich mochten die Muffins … und Ihre Gesellschaft.“

Sie wollte etwas entgegnen, doch er war bereits aus der Tür. Ernüchtert ließ sie sich auf das Zweiersofa fallen.

Am liebsten hätte Casson laut gejubelt, als er Justines Cottage verließ.

Schritt eins erledigt!

Der Regen hatte sich inzwischen in leichtes Nieseln verwandelt, das er kaum noch bemerkte, als er auf seinen Pick-up zuging. Fröhlich sprang Luna hinein und ließ sich auf dem Boden vor dem Beifahrersitz nieder, die großen braunen Augen erwartungsvoll auf ihn gerichtet.

Casson grinste und tätschelte ihr den Kopf. „Ich nehme an, ich sollte dir danken, weil du da drin deine Rolle so gut gespielt hast.“

Luna bellte. Offensichtlich war sie derselben Meinung.

Er lachte. „Nun, Miss Winter frisst mir zwar noch nicht aus der Hand, aber es hat sich wirklich gut angefühlt, sie auf dem Schoß zu haben.“

Und ihre Lippen zu schmecken.

Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Er hatte es nicht geplant, bereute es jedoch nicht. Gern erinnerte er sich an ihre Reaktion. Wie sie ihm ihre Lippen geöffnet und sich dabei an ihn geschmiegt hatte. Ja, vielleicht war es ein Fehler gewesen, doch dass es eine starke sexuelle Spannung zwischen ihnen gab, ließ sich wohl kaum leugnen.

Casson fuhr zurück zum Haus der Russells – zu seinem Haus – und stellte seine Aktentasche auf dem Küchentisch dort ab. Dann zog er eine Mappe heraus, in der sich alle Verträge für seinen neuen Besitz befanden. Darunter waren auch die Karten des Areals. Er hatte vor, sich damit genauestens vertraut zu machen.

Sogar auf dem Papier erkannte man, dass das Anwesen der Russells und das der Winters einen großen Teil der Küste an der Georgian Bay einnahmen. Casson zeichnete die Grenze nach, die zwischen beiden Grundstücken verlief. Es war nicht zu übersehen, dass die Eigentümer sich bemüht hatten, den rauen Charme der Landschaft zu erhalten und so wenig wie möglich daran zu verändern.

Schließlich verglich er die Karte mit einer anderen, die sehr viel älter war und rieb sich nachdenklich das Kinn. Auch wenn er kein Landvermesser war, war er sich ziemlich sicher, dass die Grenzen sich deutlich verschoben hatten. Auf der älteren Karte war nur das Land verzeichnet, ohne die Gebäude, die später errichtet worden waren. Doch auf der neuen Karte machte er eine aufsehenerregende Entdeckung.

Warum hat man mich nicht darauf hingewiesen? Wusste der Makler überhaupt davon?

Casson wusste, dass beide Häuser in den Fünfzigerjahren entstanden waren. Sie waren gut erhalten und gelegentlich renoviert worden. Ihm war jedoch nicht bewusst gewesen, dass ein Haus der Winters auf einem Stück Land stand, das eindeutig den Russells gehört hatte.

Er atmete tief aus. Das bedeutete, Justines Haus befand sich auf seinem Besitz.

Er war sich ganz sicher, dass sie davon keine Ahnung hatte, und ihre Eltern wussten es wahrscheinlich auch nicht. Was war mit den Russells? Die beiden Familien waren sehr gut befreundet gewesen, das wusste er von Justines Vater.

Nervös trommelte er mit den Fingern auf den Küchentisch. Im Grunde war er sich nicht sicher, ob er diese Erkenntnis mit seiner neuen Nachbarin teilen sollte. Jedenfalls jetzt noch nicht. Aber er würde einen Brief schreiben und auf den richtigen Moment warten, ihn Justine zu geben.

Nachdem er seinen Laptop hochgefahren hatte, verfasste er eine Nachricht an sie, die mit einer Einladung endete, sich mit ihm zu treffen und die verschiedenen Optionen zu besprechen. Glücklicherweise hatte er daran gedacht, seinen Drucker mitzubringen. Er druckte den Brief aus, steckte ihn zusammen mit den anderen Dokumenten in einen Umschlag und verstaute alles in seiner Aktentasche.

Casson sah sich interessiert um. Es würde genug Zeit geben, sein neues Zuhause zu genießen, nachdem er eine Woche in Winter’s Haven verbracht hatte.

Voller Vorfreude auf die vor ihm liegenden Tage, nahm er seine Aktentasche und den kleinen Reisekoffer, den er am Abend zuvor gepackt hatte.

Er konnte es kaum erwarten, in das Cottage Nummer eins einzuziehen.

4. KAPITEL

Im Restaurant von Winter’s Haven waren noch keine Gäste. Justine blickte auf die Tafel, die die Spezialität des Tages anzeigte – Truthahnburger mit Aruga Salat – und holte sich erst einmal einen Kaffee. Dann ließ sie sich an einem der Tische am Fenster nieder. Mandy war im Büro mit einer Buchung beschäftigt. Nur zu gern hätte sie ihrer Freundin von der Begegnung mit Casson Forrester erzählt, doch das würde wohl noch ein bisschen warten müssen.

Nachdenklich sah sie hinaus auf die Bucht. Der Himmel war schiefergrau mit tief hängenden Wolken. Sie dachte daran, dass Casson Forrester in das Cottage eins ziehen würde und erschauerte dabei.

Und sie dachte an den Moment, als sie sich geküsst hatten – wie unglaublich gut es ihr gefallen hatte.

Nachdem Casson und Luna gegangen waren, hatte sie lange wie erstarrt dagesessen und gegrübelt. Sie hatte das Gefühl, von einem Wirbelsturm erfasst worden zu sein und brauchte eine Weile, bis sich ihr Geist und ihr Körper wieder beruhigten. Dann dachte sie über die verschiedenen Möglichkeiten nach, wie sie Casson Forrester von ihrem Besitz fernhalten konnte. Vielleicht sollte sie deswegen einen Anwalt konsultieren.

Die Frage war natürlich auch: Wollte sie ihn überhaupt fernhalten?

Hätte Casson das Cottage einfach nur für eine Woche gemietet – ohne den Hintergedanken, das Gelände der Ferienanlage zu kaufen –, wäre sie darüber mehr als froh gewesen, das musste sie sich eingestehen. Schließlich war er ein gut aussehender Mann, was seine Wirkung auf sie nicht verfehlte.

Leider diente sein Aufenthalt in Winter’s Haven einem bestimmten Ziel. Auch wenn er sie geküsst hatte, so war es doch ihr Grundstück, das er wollte. Nicht sie.

„Hey, Chefin, wovon träumst du gerade?“ Mandy ließ sich an ihrem Tisch nieder.

Justine holte tief Luft. „Kannst du dich noch an Casson Forrester erinnern, der letzte Woche hier war?“

Mandys Augen weiteten sich. „Du meinst den gut aussehenden Typen? Na klar. Wer könnte so einen tollen Mann vergessen? Wieso fragst du?“

„Nun, Mr. Forrester hat es gerade geschafft, sich in Winter’s Haven reinzumogeln. Angeblich, um zu sehen, wie hier alles so funktioniert. Er will einen Weg finden, mich dazu zu bringen, dass ich doch noch an ihn verkaufe. Er wird eine Woche lang in Cottage Nummer eins wohnen.“

„Wie bitte? Die Elliots sind doch dort!“

Justine erklärte Mandy alles und lehnte sich zurück. „Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Die Polizei rufen? Einen Anwalt hinzuziehen?“

„Ist das denn wirklich nötig? Also, auf mich wirkt er eher harmlos. Ehrgeizig vielleicht, aber nicht gefährlich. Du weißt schließlich, dass du nicht verkaufen willst. Warum lässt du ihn nicht einfach eine Woche dort wohnen und danach trennen sich eure Wege wieder?“

Justine musste erneut an den Kuss denken und merkte, dass ihre Wangen zu brennen begannen. Doch sie mochte Mandy davon nichts erzählen. Jedenfalls nicht jetzt.

„Hör mal, es gibt da noch etwas anderes.“ Mandy seufzte. „Und ich fürchte, es wird dir nicht gefallen. Ich habe gerade mit Robert gesprochen. Er wollte ein Cottage mieten und hat gesagt, dass er unbedingt mit dir sprechen will.“

Justine starrte sie an. „Mit mir? Warum?“

„Na ja, er meinte, er wüsste, dass er einen Fehler gemacht hat, und hofft, dass du ihm die Chance gibst, sich dafür zu entschuldigen.“

Justine stöhnte auf. „Er ist wirklich der Letzte, den ich jetzt sehen will.“

„Ich hoffe, Sie meinen nicht mich, Miss Winter“, erklang plötzlich eine tiefe Männerstimme.

Erschreckt sah Justine auf. Casson Forrester stand vor ihr.

„Und ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich mich zu Ihnen setze. Ich hatte bisher noch keine Zeit zum Einkaufen. Natürlich bin ich auch neugierig auf Ihr Restaurant. Wie ich gehört habe, kommen sogar die Bewohner der Gegend zum Essen hierher, was ja schon mal für die Küche spricht.“ Dann erst sah er zu Mandy hinüber. „Hallo, Miss Holliday. Schön, Sie wiederzusehen.“ Er streckte ihr die Hand entgegen.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Mandy strahlte ihn an und machte eine einladende Handbewegung. „Ja, bitte setzen Sie sich doch zu uns.“

Casson sah Justine abwartend an. „Nur wenn die Chefin auch damit einverstanden ist.“

„Aber sicher.“ Justine musste sich zwingen, die Zähne nicht zusammenzubeißen.

Mandy erhob sich. „Ich bleibe nicht zum Lunch. Mein Verlobter wartet auf mich.“ Sie winkte Casson und ihr zu. „Bis später.“

Ihre Freundin sah sie vielsagend an, und Justine warf ihr einen Blick zu besagte: Warte nur, bis ich mich dafür revanchiere.

Nachdem er und Justine bestellt und die Kellnerin ihnen Wasser gebracht hatte, lehnte Casson sich zurück und sah sie lächelnd an.

„Ich kann gut verstehen, wieso Leute in Winter’s Haven Urlaub machen wollen. Das Cottage ist perfekt und sehr geschmackvoll eingerichtet. Luna hat schon ihren Lieblingsplatz gefunden, nämlich auf der Couch im Wohnzimmer.“

„Sie ist ein netter Hund“, sagte Justine widerwillig.

„Und sie hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt für ihr Herrchen.“

Justine schnaubte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Sie beschützen muss.“

Casson lachte. „Vielleicht doch, falls die Eigentümerin dieser Anlage auf die Idee kommt, mich anzugreifen.“

Justine sah ihn eisig an. „Dafür gibt es bis jetzt keinen Grund, Mr. Forrester.“

„Ach, bitte nennen Sie mich doch Casson. Schließlich werden wir eine Woche lang Nachbarn sein. Übrigens habe ich für das Wochenende ein paar Gäste eingeladen. Ich dachte, ich sage es Ihnen, falls Sie deshalb vielleicht den Preis erhöhen wollen.“

Sie zögerte kurz und nickte. „Ja, gegen einen kleinen Aufpreis ist eine begrenzte Anzahl von Gästen erlaubt.“

„Prima, setzen Sie es einfach auf meine Rechnung.“

„So, hier haben wir einmal Burger und Fish and Chips“, erklärte Melody, die Kellnerin, in diesem Moment und stellte die Teller auf den Tisch. „Guten Appetit!“

Sie verzehrten ihr Essen schweigend. Nur einmal warf Casson Justine verstohlen einen Seitenblick zu. Als er einen kleinen Ketchupfleck in ihrem Mundwinkel bemerkte, musste er den plötzlichen Impuls unterdrücken, sich vorzubeugen und ihn wegzuküssen. Natürlich kam das nicht infrage.

Justine schien etwas zu spüren, denn sie strich sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Casson griff nach seiner Serviette und wischte den Ketchup sanft weg. Dabei begegneten sich ihre Blicke.

Er hatte das Gefühl, als würde er ins Wasser der Bucht schauen. Tiefblau. Ein Blau, das dich verschlingen kann.

Keiner von beiden rührte sich, dann zog er langsam seine Hand zurück. Justine war rot geworden und wandte den Blick ab.

„Ach, noch etwas“, sagte er schnell. „Ich hatte heute einen Anruf von jemandem, der bei Ihnen ein Cottage mieten wollte und keins bekam. Er hat gehört, dass das Grundstück der Russells den Besitzer gewechselt hat, und wollte wissen, ob er das kleine Cottage auf meinem Areal mieten könnte. Ich habe keinen Grund gesehen, ihn abzuweisen.“

Justine erstarrte. „Und wer ist dieser Mann?“

„Ein Anwalt namens Robert Morrell.“

5. KAPITEL

Justine wäre am liebsten im Boden versunken. Die Begegnung mit Casson hatte sie schon genug aus der Bahn geworfen, sich jetzt auch noch mit Robert herumschlagen zu müssen, war eindeutig zu viel. Schließlich hatte sie die ganzen letzten Monate damit verbracht, über ihn hinwegzukommen. Nie im Leben hätte sie erwartet, dass er sie in Winter’s Haven aufsuchen würde, und die Aussicht machte sie ausgesprochen nervös. Im Grunde könnte er jeden Moment im Restaurant auftauchen.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Casson sie gefragt hatte, ob sie Robert kannte, und nickte. „Ja, ich … ja, ich kenne ihn.“

Obwohl sie sich um einen möglichst gleichmütigen Ton bemüht hatte, entging ihm nicht, wie sehr diese Nachricht sie getroffen hatte. Er sah sie aufmerksam an.

„Ist das etwa eine alte Liebe von Ihnen?“

„Woher … woher wissen Sie das?“

Er lachte. „Sie haben nun mal kein Pokerface. Ihr Gesicht ist eher wie ein offenes Buch, würde ich sagen.“

Errötend senkte sie den Kopf.

„Haben Sie mit ihm Schluss gemacht, oder war es andersherum?“

Justine fühlte sich ausgesprochen unwohl. Schließlich war Casson kein Freund. Sie hatte nicht vor, ihm etwas über ihr Privatleben zu erzählen.

Offensichtlich merkte er, dass er zu weit gegangen war, denn er trank sein Glas Wasser in einem Zug aus und erhob sich. „Bitte entschuldigen Sie. Das geht mich natürlich nichts an. Bis später also.“ Er wandte sich zum Gehen, sah sich aber noch einmal zu ihr um. „Wenn er Sie hat ziehen lassen, ist er ein Idiot.“ Damit verließ er den Raum.

Justine schaute ihm nach, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Dann verließ sie ebenfalls das Restaurant und ging zu ihrem Wagen. Sie musste nach Parry Sound fahren, um Brot abzuholen, das im Country Gourmet Café and Gallery extra für Winter’s Haven gebacken wurde.

Nachdem sie das erledigt hatte, machte sie sich auf den Rückweg. Nach dem heftigen Regen wirkte alles frisch und wie neu. Sie kurbelte das Fenster herunter und genoss die warme Brise auf ihrer Haut. Dabei dachte sie an Cassons letzte Worte … Wenn er Sie hat ziehen lassen, ist er ein Idiot.

Warum hatte er eigentlich wissen wollen, wer schuld am Ende ihrer Beziehung war?

Es war Robert gewesen, der entschieden hatte, Schluss zu machen. Danach hatte sie es nicht mehr ertragen, täglich mit ihm zu arbeiten. Daher hatte sie ihm ihre Kündigung auf den Tisch gelegt und war für ein paar Tage zu ihren Eltern gefahren, um sich von dem ganzen Stress zu erholen. Bei dieser Gelegenheit hatten die ihr dann das Angebot gemacht.

Dem war ein schwieriger Monat gefolgt, in dem sie über nichts anderes als über ihre gescheiterte Beziehung nachgedacht hatte. Aber sie war auch sauer auf Robert gewesen, denn sie hatte das Gefühl, dass er ihre Naivität und ihre Gutgläubigkeit ausgenutzt hatte. Während seiner turbulenten Scheidung hatte er sich von ihr trösten lassen, und sie war immer davon ausgegangen, dass seine Absichten ehrenhaft waren. Doch als er keine Verwendung mehr für sie hatte, ließ er sie fallen wie eine heiße Kartoffel.

Wie gut, dass sie dieses Angebot von ihren Eltern bekommen hatte und sich nun ein neues Leben in Winter’s Haven aufbauen konnte.

Das Kapitel Robert Morrell war für sie beendet.

Bis jetzt.

Sie war froh, als sie am frühen Abend endlich das Büro verließ und ging nach Hause, um sich auszuruhen und ein heißes Bad zu nehmen.

Als sie gerade dabei war, Wasser in die Wanne laufen zu lassen, klingelte es unten an der Tür. Ihr Herz machte einen Satz. Konnte das Casson sein? Schließlich hatte er gesagt, dass sie sich später sehen würden.

Sie eilte die Treppe hinunter an die Eingangstür. Durch die Gardine erblickte sie ein Profil.

Der falsche Mann.

Als Casson sein Cottage betrat, machte er sich erst einmal einen Kaffee und überzeugte sich davon, dass alles für die Ankunft seiner Gäste bereit war. Morgen Mittag würden seine Cousine Veronica und ihr Sohn Andy eintreffen.

Bei dem Gedanken an Andy lächelte er. Als Veronica ihn gefragt hatte, ob er der Patenonkel des kleinen Jungen werden wollte, der inzwischen fünf Jahre alt war, hatte er sofort begeistert zugesagt. Veronica, die er Ronnie nannte, war für ihn wie eine Schwester, die er nie gehabt hatte. Sie hatte sich vor einem Jahr von ihrem Mann Peter getrennt, da der nicht in der Lage gewesen war, mit der Krebskrankheit seines Sohnes umzugehen.

Ronnie hatte sich wieder gefangen, und Andy war inzwischen im zweiten Jahr seiner Krebsbehandlung. Er hatte vor Kurzem eine weitere Chemotherapie beendet, und als Veronica ihm das schrieb, lud er sie sofort ein, das Wochenende mit ihm in Winter’s Haven zu verbringen. Zu seiner großen Freude nahm sie das Angebot an.

Casson schenkte sich noch einen Becher Kaffee ein und ließ sich damit auf der Veranda hinter dem Haus nieder. Während er den Anblick der blauen Wellen draußen genoss, dachte er an Justine und an die Besorgnis in ihrem Blick, als sie von ihm erfuhr, dass Robert Morrell eins seiner Cottages gemietet hatte.

Er runzelte die Stirn. Hatte dieser Typ sie irgendwie verletzt?

Wahrscheinlich sollte er ihn sich einmal ansehen und sich davon überzeugen, dass es Justine gut ging. Plötzlich war es ihm sehr wichtig zu erfahren, was die beiden miteinander zu tun hatten.

6. KAPITEL

Justine zögerte. Warum hatte Robert bis zum heutigen Abend gewartet, um sie zu sehen? Als er an die Tür klopfte, zuckte sie zusammen. Natürlich könnte sie ihn ignorieren, aber wahrscheinlich hatte er sie längst durch die Gardine gesehen.

Er klopfte ein zweites Mal. Sie biss sich auf die Lippen und öffnete die Tür einen Spaltbreit. Ohne ein Wort der Begrüßung warf sie ihm einen kühlen Blick zu.

„Justine … hör zu, ich könnte es dir nicht verübeln, wenn du mir jetzt die Tür vor der Nase zuknallst. Ich wollte nur … also, ich möchte versuchen, alles wieder ins Lot zu rücken.“ Seine Stimme zitterte leicht. „Selbst wenn wir uns nie wiedersehen.“

Sie presste die Lippen aufeinander, wenig überzeugt von seinen Worten. Im Grunde hatte sie nicht die geringste Lust dazu, ihn in ihre Privaträume zu lassen. Und wollte sie überhaupt hören, was er ihr zu sagen hatte?

Obwohl es ein lauer Abend war, zitterte sie.

Sie räusperte sich. „Warum willst du das ausgerechnet jetzt tun, Robert?“ Sie gab sich Mühe, möglichst neutral und unbeteiligt zu klingen. Im Gegensatz zu der Art, wie sie auf seine Ankündigung, dass Schluss war, reagiert hatte.

Bei ihrem Tonfall zuckte er zusammen und holte tief Luft. „Ich … ich möchte mich bei dir entschuldigen, Justine. Bitte lass es mich wiedergutmachen. Es war falsch von mir, wie ich dich behandelt habe. Und du hast sehr viel mehr als nur eine Entschuldigung verdient …“

Er sieht aus wie ein junger Hund mit traurigen Augen, der um Mitleid bettelt, dachte Justine. Und sie merkte, wie sie zu schwanken begann. Offensichtlich tat es ihm wirklich leid. Vielleicht sollte sie ihn anhören.

Langsam öffnete sie die Tür. „Ich habe allerdings nicht viel Zeit.“ Eine Lüge.

Sichtlich erleichtert trat er ein und sah sich im Raum um. „Schönes Haus“, bemerkte er und ging ans Fenster. „Und was für ein Ausblick!“

Sie zeigte auf das Sofa und ließ sich ihm gegenüber in einem Sessel nieder. Erwartungsvoll blickte sie ihn an.

Er rutschte unruhig auf der Couch hin und her, auf seiner Stirn standen Schweißperlen.

„Hör zu, Justine, ich wollte dich nie verletzen. Du weißt doch, wie sehr mich die Scheidung von meiner Frau mitgenommen hat. Du warst damals der einzige Sonnenschein in meinem Leben. Dein Charme, dein Witz, deine positive Lebenseinstellung … all das hat mir unglaublich gutgetan. Und ich wollte es haben. Ich wollte dich haben.“

Er machte eine kleine Pause und sah zum Fenster. „Mit dir zusammen zu sein bedeutete für mich Freiheit. Das Komische war nur … als ich erst einmal davon gekostet hatte, wollte ich mehr. Mehr Freiheit, mehr Spaß, mehr Abenteuer.“

Sie merkte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Und deshalb hast du mit mir Schluss gemacht?“, fragte sie ungläubig. „Mir hast du erzählt, deine Scheidung hätte dich so in Anspruch genommen, dass du nicht die Energie für eine Beziehung hättest. Und als ich dir meine Kündigung auf den Schreibtisch gelegt habe, habe ich das Höschen deiner neuen Freundin auf der Couch in deinem Büro gefunden.“

Er verzog das Gesicht. „Ja, ich weiß, Justine. Und es tut mir so leid. Ich kann nur hoffen, dass du mir verzeihst. Ich war damals so unglaublich durcheinander. Ich habe mit dem Feuer gespielt, aber du warst diejenige, die sich verbrannt hat.“ Seine Augen glänzten feucht. „Ich war der Verlierer, ich hätte dich nie gehen lassen sollen.“ Erneut zitterte seine Stimme. „Ich würde alles tun, um dich zurückzugewinnen.“

Justine atmete tief aus. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Ich habe ein Cottage in der Nähe für ein paar Tage gemietet. Und ich bitte dich inständig, mir eine zweite Chance zu geben.“

Er stand auf, kam zu ihr herüber und kniete sich vor sie hin. „Das mit der anderen Frau ist längst vorbei. Und es hat auch nichts bedeutet. Bitte sag mir, was ich tun muss, damit du zu mir zurückkommst.“

Ihr Herz fing wie wild zu pochen an, aber nicht, weil sie von seinem Geständnis gerührt war. Und schon gar nicht, weil sie auf sein Angebot eingehen wollte. Erst jetzt bemerkte sie seine Alkoholfahne. Er hatte nach ihren Händen gegriffen, doch sie zog sie schnell weg. Dann sah sie die Verschlusskappe einer Flasche. Sie lag vor dem Kamin.

Er hat Alkohol mitgebracht.

Sie hatte ihn noch nie in einem solchen Zustand gesehen, und es erschreckte sie zutiefst. Irgendwie musste sie es schaffen, dass er aus ihrem Haus verschwand.

„Hör zu, Robert, ich verzeihe dir.“

Erleichtert sah er sie an. „Wirklich?“

Sie stand auf und erblickte die Flasche in seiner Jackentasche.

„Ja.“ Sie zeigte zur Tür. „Aber jetzt musst du zurück in dein Cottage gehen.“

Er sprang auf und schüttelte den Kopf. „Bitte lass mich bei dir bleiben, Justine!“

Noch bevor sie wusste, wie ihr geschah, kam er auf sie zu und zog sie an sich. Starker Alkoholgeruch stieg ihr in die Nase und ihr Magen zog sich zusammen. Doch da hatte er sie schon mit dem Rücken zur Couch gedrängt. Sie wollte ihm ein Knie zwischen die Beine stoßen, aber er lag bereits auf ihr. Sie sah in seine glänzenden, vom Alkohol getrübten Augen und merkte, wie seine Lippen ihren immer näher kamen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

„Luna! Fass!“

Lautes Gebell erfüllte plötzlich das Zimmer.

„Schnapp ihn dir!“

Luna stürzte sich auf Robert Morrell, der sofort von Justine abließ. Die Hündin sprang ihn an, und Morrell landete auf dem Teppich, das Gesicht angstverzerrt, als Luna ihn anknurrte.

Casson ging schnell zu Justine hinüber und half ihr hoch. Sie war blass und ihr Haar zerzaust. Er umarmte sie kurz und strich ihr eine Locke aus der Stirn. Sie sah ihn an, in ihrem Blick lag Erleichterung und Dankbarkeit, was ihn tief berührte.

Dann zog er sein Handy aus der Tasche und machte mehrere Fotos von Morrell mit Luna. „Das ist der Beweis dafür, dass Sie hier widerrechtlich eingedrungen sind“, sagte er zu dem Mann und blickte ihn eisig an. „Ich hoffe, Sie haben einen guten Anwalt, denn ich werde jetzt die Polizei rufen.“

„Nein, bitte tun Sie das nicht“, rief Morrell. Er versuchte, sich aufzurichten, wurde jedoch von Luna zurückgedrängt. „Ich wollte doch nicht, ich … ich wäre ruiniert, wenn Sie …“

„Über die Konsequenzen hätten Sie früher nachdenken sollen“, sagte Casson streng. „Sitz, Luna!“

Die Hündin gehorchte, blieb jedoch dicht bei Morrell und ließ ihn nicht aus den Augen. Er zitterte am ganzen Leib, während er sich langsam aufrichtete.

Kläglich sah er Justine an. „Ich verspreche dir, ich fahre gleich ab und werde auch nie wiederkommen.“

Ungeachtet dessen wollte Casson die Polizei rufen, doch Justine legte ihm eine Hand auf den Arm und sah ihn bittend an. Er zuckte mit den Achseln und steckte das Handy zurück in die Tasche.

„Sie haben Glück“, sagte er an Morrell gewandt. „Gut, ich rufe nicht die Polizei, aber wenn Sie sich Justine noch einmal nähern, sind Sie geliefert. Einer meiner besten Freunde ist nämlich Joseph Brandis, der Staatsanwalt.“

Morrell war jetzt auf den Beinen und ließ resigniert den Kopf hängen.

„In Ihrem Zustand sollten Sie besser nicht fahren“, sagte Casson. „Aber morgen Früh verlassen Sie mein Cottage, verstanden. Geben Sie mir Ihre Autoschlüssel, Sie können zu Fuß zurückgehen.“

Er streckte die Hand aus und nach kurzem Zögern reichte Morrell ihm die Schlüssel.

„Und jetzt verschwinden Sie.“ Als Morrell darauf nichts erwiderte, setzte Casson nach: „Haben Sie mich verstanden?“

„Ja, Sir“, erwiderte Morrell kleinlaut. Er sah Justine an. „Bitte entschuldige.“

Damit schlurfte er aus dem Haus, und die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Ermattet ließ sich Justine aufs Sofa fallen. Luna trabte sofort zu ihr und leckte ihr die Hand.

„Danke, Luna“, flüsterte sie.

Cassons Herz zog sich zusammen, als er sah, wie mitgenommen sie wirkte. Im nächsten Moment fing sie hemmungslos an zu weinen. Er eilte zu ihr hinüber und nahm sie in die Arme.

„Ist ja gut“, sagte er beruhigend. „Es ist vorbei. Du bist jetzt in Sicherheit.“

Sie sah ihn aus tränenfeuchten Augen an. „Was wäre passiert, wenn du nicht rechtzeitig mit Luna gekommen wärst?“

Er strich ihr sanft über die Wange. „Wir sind aber gekommen. Das ist alles, was zählt.“ Erschüttert merkte er, welche Zärtlichkeit er ihr gegenüber verspürte und löste sich von ihr. „Ich glaube, ein heißes Getränk würde dir jetzt guttun.“

Sie nickte stumm, und er ging in die Küche. Unwillkürlich stieg das Bild in ihm auf, wie Morrell versucht hatte, Justine zu küssen, und ihm würde übel. Suchend sah er sich um. Als er die Flasche Brandy entdeckte, goss er sich selbst ein kleines Glas ein und gab auch einen Schuss in Justines heiße Milch. Dann kehrte er damit ins Wohnzimmer zurück.

„So, das wird jetzt getrunken“, befahl er ihr. „Danach wirst du bestimmt gut schlafen können.“

„Casson?“

Sie sah ihn flehend an, und erneut merkte er, wie erschöpft sie war.

„Könntest du mit Luna heute Nacht hierbleiben?“ Sie schüttelte sich leicht. „Was soll ich sonst machen, wenn er wiederkommt?“

Casson stellte sein Glas ab. Er sah die Angst in ihren Augen und nickte. „Er kommt bestimmt nicht wieder“, versicherte er ihr. „Aber ja, natürlich bleiben wir hier.“

7. KAPITEL

Justine konnte kaum noch die Augen offen halten. Müde sah sie Casson an und nickte. „Danke, das beruhigt mich sehr. Du kannst im Gästezimmer schlafen.“

Sie stand auf und ging in Richtung Treppe. Luna und Casson folgten ihr. Oben zeigte sie auf das Zimmer gegenüber von ihrem. Er nickte, rührte sich jedoch nicht.

„Gute Nacht“, murmelte sie. „Hey, Moment noch …“ Sie griff nach dem seidenen Morgenmantel, der an ihrer Tür hing. Derselbe, den sie ihm schon einmal geliehen hatte. „Hier, bitte.“

Er grinste leicht und nickte. „Danke, Justine.“

Seine Finger streiften ihre, als er den Mantel in Empfang nahm.

Sie sah, wie es in seinen Augen aufblitzte und wünschte sich, sie könnte ihm sagen, wie sehr sie sich in diesem Moment nach seiner Umarmung sehnte. Aber sie wollte die Dinge nicht unnötig verkomplizieren.

Vor allem brauchte sie Schlaf, damit sie die traumatische Begegnung mit Robert hinter sich lassen konnte. Morgen früh würde ihr Kopf gewiss wieder klarer sein. Dann würde sie über ihre Gefühle für Casson nachdenken.

„Besser, du gehst jetzt in dein Zimmer“, sagte er in diesem Moment mit rauer Stimme. „Sonst musst du dir noch das Bett teilen mit …“

Der Gedanke daran elektrisierte sie.

„Mit Luna“, setzte er hinzu.

Ihre Wangen brannten wie Feuer, sie senkte den Blick.

Natürlich. Wie hatte sie nur so dumm sein können zu glauben …

„Dann müsste ich nämlich reinkommen und sie von dir wegzerren, damit …“

Justine riss den Kopf hoch und sah ihn an. Tatsächlich, da war ein Funkeln in seinem Blick, das sie sich nicht eingebildet hatte. Sie schwankte einen Moment, dann spürte sie seine starken Arme. Spürte, wie er sie hochhob, atmete seinen maskulinen Duft tief ein, als er die Tür weiter aufstieß und sie hinüber zum Bett trug. Dort ließ er sie behutsam nieder und sah sie besorgt an.

„Du hast einen Schock“, sagte er leise. „Am besten, du schläfst jetzt.“

Er breitete die Decke über sie aus und wandte sich zum Gehen. Justine sah ihm nach, beobachtete, wie sich die Tür hinter ihm schloss, und war wenige Minuten später tief und fest eingeschlafen.

Casson ließ die Tür des Gästezimmers einen Spaltbreit offen und knipste die Lampe auf dem Nachttisch an. Luna streckte sich auf dem Teppich vor dem Bett aus. Er zog sich aus, schlüpfte in den Morgenmantel und legte sich hin.

Noch einmal dachte er über die Ereignisse dieses Tages nach. Justine hatte so hilflos gewirkt, so verletzlich … er hatte den starken Wunsch verspürt, sie zu beschützen. Unter anderen Umständen hätte er Morrell wahrscheinlich zusammengeschlagen, doch er war froh, dass es nicht so weit gekommen war.

Was mochte zwischen den beiden vorgefallen sein? Und warum beschäftigte ihn das überhaupt? Schließlich kannte er sie kaum. Aber als er sie heute in den Armen gehalten hatte … es hatte sich irgendwie zeitlos angefühlt. Und sehr vertraut.

Regen prasselte gegen die Scheiben, und er schloss die Augen. Ob er in dieser Nacht Schlaf finden würde, war fraglich. Immerhin konnte es ja gut sein, dass Justine ihn brauchte …

Als Justine aufwachte, hatte sie schreckliche Kopfschmerzen. Sie öffnete die Augen und sah auf die Uhr neben ihr auf dem Nachttisch. Fünf Uhr. Sie stöhnte leicht, dann fielen ihr wieder die Ereignisse des vergangenen Tages ein. Ihr Magen zog sich zusammen, als ihr klar wurde, wie hilflos sie sich Robert gegenüber gefühlt hatte. Wenn Casson und Luna nicht im letzten Moment gekommen wären …

Aber wieso waren sie überhaupt gekommen?

Ein warmer Schauer durchrieselte ihren Körper, als sie daran dachte, wie Casson sie umarmt hatte. Wie er ihr heiße Milch gebracht und sie einfach in den Arm genommen hatte, als ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten. Bei ihm hatte sie sich unglaublich sicher gefühlt. Und sie hatte Verlangen nach ihm verspürt, was sie überrascht hatte.

Dabei kannte sie ihn gar nicht, und im Grunde war sie froh darüber, dass er ihren Zustand und ihre Hilflosigkeit nicht ausgenutzt hatte.

Seufzend stieg sie aus dem Bett und ging zur Tür. Sie wollte sie schon öffnen, erstarrte jedoch plötzlich.

Sie war völlig nackt und Casson befand sich im Zimmer gegenüber.

Dunkel erinnerte sie sich, dass sie sich ausgezogen hatte, bevor sie eingeschlafen war. Schnell kehrte sie zum Bett zurück und warf sich ihr kurzes Nachthemd über, das über der Stuhllehne hing. Dann verließ sie das Zimmer und ging auf Zehenspitzen zum Badezimmer. Die Holzdielen knarrten leicht, und sie konnte nur hoffen, dass sie Casson nicht weckte.

Im Bad bemerkte sie, dass die Wanne noch voll mit Wasser war. Richtig, eigentlich hatte sie ja vorgehabt, ein Entspannungsbad zu nehmen, bevor die Ereignisse sich überschlugen.

Im Schränkchen suchte sie die kleine Flasche Aspirin und nahm zwei Tabletten mit etwas Wasser ein. Wenn sie nachher ins Büro ging, mussten ihre Kopfschmerzen unbedingt weg sein. Außerdem brauchte sie noch ein paar Stunden Schlaf, um fit zu sein.

Als sie wieder im Flur stand, vernahm sie ein leises Winseln. Luna zwängte ihre Schnauze durch die offene Tür des Gästezimmers, dann sprang sie heraus auf den Flur und kam auf Justine zugelaufen.

Kurz darauf erschien Casson. Sein Haar war zerzaust, und er hatte den seidenen Morgenmantel nur lose geschlossen. Unwillkürlich fiel ihr Blick auf seine nackte Brust. Ein Schauer durchrieselte sie, dann musste sie plötzlich kichern.

Er runzelte die Stirn und sah an sich herunter. „Sehe ich so komisch aus?“

„Nein, das ist Luna. Sie … sie kitzelt meine Füße!“ Justine machte einen Schritt zurück, und erst da wurde ihr klar, wie knapp ihr Nachthemd war. Es ging ihr nur bis zu den Knien, hatte Spaghettiträger und einen ziemlich tiefen Ausschnitt. Auch wenn es nicht transparent war, zeichneten sich ihre Brüste deutlich darunter ab.

Schnell drehte sie sich um, um in ihr Zimmer zu gehen. Cassons Blick ruhte auf ihr, und Luna machte Anstalten, ihr zu folgen.

„Sitz, Luna“, befahl er und fragte: „Bist du okay, Justine?“

Autor

Sarah Morgan

Sarah Morgan ist eine gefeierte Bestsellerautorin mit mehr als 18 Millionen verkauften Büchern weltweit. Ihre humorvollen, warmherzigen Liebes- und Frauenromane haben Fans auf der ganzen Welt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London, wo der Regen sie regelmäßig davon abhält, ihren Schreibplatz zu verlassen.

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