Rückkehr nach Virgin River

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Endlich ein neuer »Virgin River«-Roman zur beliebten Netflix-Serie

Der Kleinstadt inmitten der Wälder Kaliforniens wohnt etwas ganz Besonderes inne, nicht nur zur Weihnachtszeit. Darum entscheidet sich Kaylee nach dem Tod ihrer Mutter, nach Virgin River zu fahren. An den Ort, mit dem sie schöne Erinnerungen verbindet. Hier hofft sie, Kraft zu schöpfen. Doch als ein Feuer in ihrem Ferienhaus ausbricht, stellt das Schicksal Kaylee erneut vor Herausforderungen. Aber in Virgin River unterstützen die Bewohner einander. Allen voran Jack Sheridan und seine Freunde, die immer mit Rat und Tat helfen. So bietet der attraktive Landry ihr eine Unterkunft an – und Kaylee spürt ein tiefes Band zu ihm. Findet sie zum Fest der Liebe ein neues Glück?

»Diese herzerwärmende Geschichte über Freundschaft und Liebe ist ein wunderbarer neuer Teil der Serie, die durch die Netflix-Verfilmung sich noch größerer Beliebtheit erfreut. Fans von mitreißenden Liebesgeschichten werden jede Seite des Romans lieben, der von der Bewältigung von Trauer handelt, indem man an den unerwartetsten Orten Hoffnung findet.«
Library Journal


  • Erscheinungstag 21.09.2021
  • Bandnummer 19
  • ISBN / Artikelnummer 9783745752540
  • Seitenanzahl 352
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Widmung

In Liebe für Melanie Stark

und zum liebevollen Gedenken an

Cindy Stark Stoeckel.

1. KAPITEL

Kaylee Sloan ließ sich drei Tage Zeit für die Fahrt von Newport, Kalifornien, nach Humboldt County. Sie hätte es an einem schaffen können, doch das wollte sie überhaupt nicht. Unterwegs besuchte sie zwei Freundinnen – Michelle, die in San Luis Obispo wohnte, und Janette in Bodega Bay. Ja, die beiden gehörten zu ihren liebsten Vertrauten, seit sie klein gewesen war, obwohl sie eigentlich mit ihrer verstorbenen Mutter befreundet gewesen waren. Die Besuche sorgten nicht nur für eine willkommene Pause auf der langen Fahrt, sondern Kaylee brauchte auch ein wenig Trost und Zuwendung.

Sie wollte sich für sechs Monate in die nördlichen Berge flüchten, um zu schreiben. Kaylee hatte so viel wie möglich eingepackt und von alten Freunden der Familie ein Haus im Humboldt County gemietet. Der nächstgelegene Ort war eine beschauliche Kleinstadt namens Virgin River, die sie nur vage kannte. In diesem Haus in den Bergen hatte sie bereits vorher gewohnt, zusammen mit ihrer Mutter und auch allein. Es gab keinerlei Ablenkung dort. Als Krimiautorin musste sie eine strenge Deadline einhalten. Ihr Schreiben war im letzten Jahr wegen der Krankheit ihrer Mutter und schließlich deren Tod nur schleppend vorangegangen.

Je weiter nördlich sie von der Bodega Bay aus fuhr, desto beeindruckender wurde die Landschaft. So hatte sie es in Erinnerung – beruhigend. Die Mammutbäume waren majestätisch, die Berge üppig grün, darüber ein strahlend blauer Himmel, unten die endlose Weite des Ozeans. Kaylee lebte in Newport Beach, daher war ihr das Meer vertraut. Aber diese Bäume! Die waren riesig und mächtig.

Die Hütte in Virgin River gehörte Gerald und Bonnie, die alte Freunde ihrer Mom waren. Sie nutzten sie seit über dreißig Jahren als Sommerhaus. Als sie Bonnie gegenüber erwähnt hatte, es wäre schön, für eine Weile wegzufahren, um mal etwas anderes zu sehen und nicht ständig an den Tod ihrer Mutter erinnert zu werden, hatte Bonnie ihr das Haus angeboten.

»Nach Juli fährt die Familie nicht mehr hinauf«, hatte Bonnie erklärt. »Und ich bezweifle, dass im Herbst jemand hinwill. Vielleicht irgendwer von den Kindern mit ihren Familien für ein langes Wochenende, aber das ist sehr ungewiss.«

Damit konnte Kaylee gut leben, schließlich stand sie den Templeton-Kindern recht nahe. Sie kannte die vier schon ihr ganzes Leben. Außerdem war die Hütte sehr groß, einladend, gemütlich und komfortabel eingerichtet mit Ledermöbeln, weichen Decken, vielen dekorativen Kissen und dicken Teppichen vor dem Kamin. Und die Veranda bot eine atemberaubende Aussicht auf die Berge und Täler und Sonnenuntergänge im Westen. Im Herbst waren besonders die wechselnden Farben spektakulär.

Sie musste unbedingt weg aus Newport Beach und allein sein, um sich ganz auf das Buch konzentrieren zu können, zu dem sie sich vertraglich verpflichtet hatte. Im Haus ihrer Mutter zu wohnen war zu schmerzlich und beschwor die Trauer stets aufs Neue herauf. Sie musste das alles abschütteln und neu anfangen.

Kaylee war ein Einzelkind. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie fünf gewesen war, und sich ein Jahr später scheiden lassen. Die erste Zeit danach hatte ihr Vater nur noch sehr wenig Kontakt zu ihr gehalten und war eher wie ein Bekannter für sie gewesen. Er hatte wieder geheiratet und mit seiner neuen Frau weitere Kinder bekommen. Später ließ er sich erneut scheiden, und dann gab es noch eine Ehe und eine Scheidung. Sie ahnte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Ehefrau Nummer vier käme. Bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen sie die Familien ihres Vaters traf, verhielt sie sich höflich, aber distanziert. Sie hatte nie verstanden, warum ihr Dad ihre atemberaubende Mutter wegen dieser langweiligen anderen Frauen hatte verlassen können. Kaylee stand weder ihrem Vater noch dessen Frauen oder Kindern nahe. Bis vor Kurzem hatte er sich auch nicht darum bemüht, Kontakt zu halten. Die Krankheit ihrer Mutter schien ihn aufgeschreckt zu haben. Es war, als interessiere er sich plötzlich für die Familie, die er vor Ewigkeiten hatte sitzen lassen. Merediths Tod verstärkte Howard Sloans Interesse an ihr noch.

Meredith war eine wundervolle Konstante in Kaylees Leben gewesen. Es hatte nur sie beide gegeben, und Kaylees Kindheit war glücklich und normal verlaufen. Ihre Mutter war alles für sie gewesen – ihre beste Freundin, ihre Beschützerin, Unterstützerin und ihr Vorbild. Dann wurde bei Meredith Lungenkrebs diagnostiziert, obwohl sie nie geraucht hatte oder in einer asbesthaltigen oder für die Gesundheit anderweitig schädlichen Umgebung gelebt hatte. Die Ärzte räumten ihr gute Überlebenschancen ein, sodass jeder ihren Sieg über die Krankheit erwartete. Doch sie hatten sich geirrt. Sechs Monate nach der Diagnose war sie gestorben.

Tiefe Verzweiflung hatte Kaylee überwältigt. Während der sechs Monate dauernden Behandlung und den sechs Monaten Trauer nach Merediths Tod hatte Kaylee kein einziges Wort geschrieben. Sie hatte sich einen Namen als Krimiautorin gemacht. Obwohl sie weder reich noch sehr berühmt war, schätzten Kollegen und Kolleginnen, die Angestellten in den Buchläden sowie die Leserschaft sie. Sie konnte ganz gut von ihrer Arbeit leben, aber sie hatte auch hart dafür gekämpft, um dorthin zu gelangen. Ihre Verlegerin war verständnisvoll und unterstützte sie, hatte ihr mehrmals einen Aufschub des Abgabetermins gewährt und ihr jede mögliche Hilfe angeboten. Irgendwann würde sie mit ihrer Geduld am Ende sein, dessen war Kaylee sich bewusst. Sie würden kein nächstes Buch planen können, ehe sie das Manuskript nicht abgegeben hatte. An diesem Punkt ihrer Karriere würde es sehr negative Folgen haben, zwei Jahre lang nichts zu veröffentlichen. Deshalb der Tapetenwechsel und ihre Entschlossenheit, sich wieder an die Arbeit zu machen. Das hätte auch ihre Mutter so gewollt. Meredith war ihr größter Fan gewesen und ihre unerschütterliche Stütze, ob Kaylee nun einen neuen Roman geschrieben oder einen Mann kennengelernt hatte. Meredith war stets für sie da gewesen und hatte hinter ihr gestanden.

Kaylee fragte sich, ob sie sich von diesem Verlust jemals erholen würde. Sie hoffte, während der nächsten sechs Monate in den Bergen einen Neuanfang zu schaffen. Allerdings wusste sie noch nicht, was sie mit dem von ihrer Mutter geerbten Haus anfangen würde. Ihre Freundin Lucy Roark hatte ihr eine Lösung angeboten. Sie arbeitete für eine Ferienhausvermittlung. Als Kaylee sich auf einen Drink mit ihr getroffen hatte, hatte Lucy beiläufig bemerkt: »Hast du mal daran gedacht, dein Haus für ein paar Monate zu vermieten? Es eignet sich hervorragend für kurze Vermietungen. Ich könnte das für dich managen. Wir verfügen über ein weltweites Netzwerk, falls du mal für einige Monate weg willst.«

»Und wie läuft das?«, hatte Kaylee sich erkundigt. »Schließe ich einfach die Tür ab und verreise?«

»Unsere Hausbesitzer nehmen für gewöhnlich ihre privaten Sachen mit. Die Leute sind ständig auf der Suche nach möblierten Unterkünften in Newport Beach.«

Kurz darauf hatte Kaylee das Angebot der Templetons angenommen, deren Ferienhaus in den Bergen zu mieten. Wobei sie diejenige war, die darauf bestand, Miete zu zahlen. Die Templetons wollten ihr das Haus aus reiner Freundschaft überlassen. Daraufhin engagierte Kaylee ein Umzugsunternehmen, das ihre Sachen einlagerte. Die Aussicht auf ein Refugium in den Bergen hatte sie ermutigt, endlich den Nachlass ihrer Mutter durchzusehen und die Dinge wegzugeben, die sie nicht behalten wollte. Ihr Haus war sehr schön – Meredith war Innenarchitektin gewesen – und nach einer Grundreinigung sowie etwas frischer Farbe bereits präsentabel. Ein bei Lucys Firma gut bekanntes Paar wollte das Haus sehr gern für ein halbes Jahr mieten, da ihre Enkel in der Gegend wohnten. Kaylee war froh, es ihnen über Weihnachten überlassen zu können. Sie konnte den Gedanken an die Feiertage kaum ertragen. Ohne ihre Mutter würde dieses Fest unerträglich werden.

Kaylee war etwa acht gewesen, als sie und Meredith gemeinsam mit den Templetons zum ersten Mal einige Wochen in der Berghütte verbracht hatten. Sie betrachtete Bonnie und Gerald als Familie, und deren Kinder waren wie Cousins und Cousinen für sie. In den folgenden sechsundzwanzig Jahren hatte Kaylee die Berghütte noch öfter besucht. In der nahe gelegenen Kleinstadt war kaum etwas los. Bei ihrem letzten Besuch vor zehn Jahren hatte es eine Bar mit einem Restaurant in einer umgebauten Hütte gegeben – das war eine angenehme Entdeckung gewesen. Der Ort würde keinerlei Ablenkung bieten, und sie freute sich darauf, den restlichen Sommer und den Herbst dort oben zu verbringen.

Jetzt hoffte sie nur, nach dieser Tragödie wieder ein normales Leben hinzubekommen, ganz so, wie Meredith es sich gewünscht hätte. Eigentlich schien das unmöglich zu sein, doch als sie an Fortuna vorbei in die Berge fuhr, überwältigt vom Anblick der Bäume, keimte zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Hoffnung in ihr. Mit diesem Ort verband sie viele schöne Erinnerungen, die jetzt alle wieder geweckt wurden. Sie hatte sich die Hütte voller altem Porzellan, bunten Decken und Holzböden vorgestellt, auf denen dicke Teppiche lagen. Es war der perfekte Rückzugsort. Sie erinnerte sich an das Lachen, an gutes Essen und lange Wanderungen. Sie hatte mit Gerald und ein paar von den Templeton-Kids im Fluss geangelt.

Kaylee folgte der Wegbeschreibung des Navis. Die Straße war schmal und von hohen Bäumen gesäumt. Hin und wieder kam sie an einer Baumlücke vorbei, durch die das Sonnenlicht fiel und sie blendete. In der Ferne sah sie eine Rauchwolke aufsteigen. An die Gefahr von Waldbränden hatte sie nicht gedacht und hoffte, dass das Feuer nicht in der Nähe des Templeton-Hauses ausgebrochen war.

Sie erinnerte sich daran, dass die Hütte an einem Berghang stand. Während sie bergauf fuhr, wuchs ihr Wunsch, sich dort einzurichten und mit dem Schreiben zu beginnen. Für gewöhnlich schrieb sie im Winter am besten, wenn es bewölkt und kalt genug für ein Feuer war, das sie frühmorgens um sechs anzündete, um sich anschließend für einen langen Arbeitstag an den Schreibtisch zu setzen. Die Winter in Newport waren mild und sonnig, aber wenn diese dunklen bewölkten Wintertage kamen, vergrub sie sich in ihrer Story. Jetzt war August, also würde es nicht mehr lange dauern, bis sich das Wetter änderte. Wenn das Laub die Farben wechselte, brach die Zeit der gemütlichen Tage vor dem Kamin an.

Nach weiteren zwanzig Minuten Fahrt und ebenso vielen Kilometern gelangte sie zu der Straße, in der sie wohnen würde. Es gab nur wenige, weit auseinanderliegende Häuser mit langen Zufahrten. In einer davon entdeckte sie einen Feuerwehrwagen, und am Ende der Zufahrt erspähte sie das Haus oder was davon übrig war. Es war zweistöckig und die eine Seite verkohlt. Das Feuer schien auch die Dachgauben versengt zu haben.

»Die armen Leute«, sagte sie laut.

Die Blumen entlang des Weges, der zu den Überresten der Veranda führte, waren zertrampelt oder im Löschwasser ersoffen. Schlamm strömte in Bächen herab, und eine Gruppe Männer stand an der Vorderseite des Hauses.

»Ihr Ziel befindet sich auf der linken Seite«, verkündete die Navi-Stimme.

Sie stoppte und hielt Ausschau nach einem anderen Haus. Aber da war kein anderes Gebäude. Und die Anzahl der Briefkästen verhieß schlechte Neuigkeiten. Ihr Rückzugsort, ihre Bergvilla war ein Haufen schwelender Asche.

»Oh Shit«, stieß sie hervor.

Sie fuhr ein Stück weiter rechts heran, um die Feuerwehrautos nicht zu blockieren. Auf dem einen stand Virgin River Volunteers, auf dem anderen Cal Fire, die Abkürzung für das Department für Forstwirtschaft und Brandschutz. Sie ging die Zufahrt hinauf zu der Gruppe von Männern. Einige trugen dicke gelbe Feuerschutzanzüge, andere waren in Jeans und karierte Baumwollhemden gekleidet; Kaylee vermutete, dass sie nur das Geschehen beobachteten.

»Was ist passiert?«, erkundigte sie sich bei dem ersten Mann, auf den sie traf.

Mit seinem Stoppelbart, den ausgedünnten Haaren und wässrigen blauen Augen machte er nicht mehr den jüngsten Eindruck. Er kratzte sich das Kinn. »Ein Feuer«, antwortete er.

»Offensichtlich! Ist jemand verletzt worden?«

»Nee, es war leer nach dem vierten Juli. Hab gehört, jemand wollte es mieten. Tja, ich schätze, das hat sich wohl erledigt …«

»Ich«, erwiderte sie. »Ich habe es gemietet. Verdammt noch mal, wieso ist es abgebrannt? Wenn doch niemand drin war …«

»Das versuchen die Leute von Cal Fire rauszufinden. Der Blitz war’s nicht, es ist klarer Himmel. Wir können froh sein, dass der Postbote den Rauch gesehen hat und nicht der ganze verfluchte Hügel abgebrannt ist!«

»Gütiger Himmel …«

»Dann hätten wir tagelang hier draußen zu tun gehabt«, fügte er hinzu und wischte sich über die Brauen.

»Die Templetons«, sagte sie. »Hat jemand die Besitzer benachrichtigt?«

»Das macht die Feuerwehr, sobald sie die Nummer hat. Haben Sie die? Dann rufen Sie doch an. Ist ja kein Geheimnis. Wird eine Weile dauern, bis man den Brandherd gefunden hat und weiß, wie schlimm der Schaden ist.« Er warf einen Blick über die Schulter auf die verkohlte Ruine und schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, Sie können anderswo unterkommen.«

»Das wird ein Problem werden«, meinte sie. »Ich könnte zurück an die Küste fahren und mir ein Hotel suchen. Oder gibt es hier in der Nähe eines?«

Er verneinte. »Wenn alle Stricke reißen, kann ich Ihnen meine Couch anbieten«, schlug er vor.

Ein Mann in gelber Schutzkleidung kam zu ihnen. In der Hand hielt er eine Schaufel. »Haben Sie gerade gesagt, dass Sie die Besitzer kennen?«

»Ja, ich kenne sie fast schon mein ganzes Leben. Ich habe das Haus von ihnen gemietet und bin gerade angekommen, und jetzt das …«

»Es sieht ziemlich übel da drin aus«, erklärte er. »Man kann es wieder in Ordnung bringen, aber das wird dauern. Auf keinen Fall kann jemand heute darin übernachten oder noch in diesem Monat.«

»Haben Sie eine Ahnung, was die Brandursache angeht?«, fragte Kaylee.

»Ich bin kein Brandermittler. Bloß ein alter Feuerwehrmann. Ich tippe auf eine elektrische Heizdecke, denn es sieht aus, als wäre das Feuer im Schlafzimmer ausgebrochen. Auf dem Bett.«

»Die haben eine Heizdecke angelassen?«, hakte sie nach. »Und das kann einen Brand auslösen?«

»Die muss gar nicht an sein«, erklärte er. »Aber es ist besser, wir warten mal auf den Ermittler, der soll es herausfinden. Allerdings habe ich so etwas schon erlebt. Ich glaube nicht, dass das Haus noch zu vermieten ist.«

»Was soll ich Mr. Templeton sagen?«, überlegte sie laut.

»Erzählen Sie ihm erst einmal, dass es in seinem Haus gebrannt hat, ziemlich schlimm, und dass die Hütte zwar nicht völlig ausgebrannt ist, aber vorläufig unbewohnbar. Wir werden jemanden kommen lassen, der dafür sorgt, dass alles abgeschlossen ist und die Fenster mit Brettern zugenagelt sind. Es soll ja niemand reingehen und sich verletzen. Und Sie wollen ja auch nicht, dass die noch brauchbaren Sachen gestohlen oder beschädigt werden. So was kommt nur sehr selten hier vor, aber …« Er zuckte mit den Schultern. »Der Schaden ist beträchtlich.«

»Würde ich auch sagen«, stimmte Kaylee zu.

»So viel zu Ihrem Urlaub«, meinte der erste Mann.

»Ich wollte keinen Urlaub machen«, erwiderte Kaylee. »Ich bin hergekommen, um zu arbeiten. Ich habe es gemietet, um sechs Monate Ruhe zu haben und in dieser Zeit ein Projekt beenden zu können. Hey, kann ich mich drinnen umschauen? Um Gerald schildern zu können, in welchem Zustand es ist?«

»Sie können da jetzt nicht rein. Es ist heiß und möglicherweise einsturzgefährdet«, warnte der Feuerwehrmann. »Ich gehe mit Ihnen hinter das Haus und leuchte durchs Fenster, dann erkennen Sie vielleicht was. Die Küche ist verräuchert, aber das Feuer hat vor allem das obere Stockwerk verwüstet. Das können Sie ganz sicher erst viel später sehen.«

»Okay, werfen wir einen Blick hinein«, sagte sie und erschauerte. Es war eine Tragödie; die Templetons hingen an ihrer Berghütte. Als deren Söhne klein gewesen waren, hatten sie viel Zeit hier oben verbracht. Manchmal kam Bonnie mit den Kindern und blieb fast den ganzen Sommer, während Gerald von L. A. herflog, sooft er wegkonnte. Und jetzt fuhren sie gern mit ihren Enkeln hierher.

Es war ein sehr charmantes Steinhaus mit großen Veranden vorn und hinten. Innen bestach es durch verputzte Wände und schöne Holzakzente. Es gab eine große Küche mit einem langen Frühstückstresen, und der Kamin im Wohnzimmer machte alles gemütlich. Eine offene Treppe führte in den zweiten Stock. Den Keller hatte Bonnie zu einem Weinkeller ausbauen wollen, aber soweit Kaylee wusste, diente er nach wie vor als Lagerraum.

Sie folgte dem Feuerwehrmann auf die hintere Veranda. Ein Teil des Daches hing herunter, offensichtlich beschädigt. Doch der Mann ging weiter, und sie blieb ihm auf den Fersen. Er leuchtete durch das Küchenfenster, und Kaylee spähte hinein. Sie erschrak. Alles war schwarz.

»Rauch- und Wasserschaden«, erklärte er. »Gebrannt hat es da drin nicht.«

Einen Moment später lief er zum Esszimmerfenster und drückte die Taschenlampe gegen die Scheibe. Der Raum sah ganz gut aus. Nicht einmal die Möbel waren beschädigt. »Ich vermute, dass das Feuer gar nicht bis ins untere Geschoss vorgedrungen ist. Allerdings ist die Decke kaputt und möglicherweise nicht mehr tragfähig«, sagte er. »Das Dach wurde durch das Feuer und an den Stellen zerstört, wo wir es zum Belüften aufbrechen mussten. Die Hütte wird ein komplett neues Dach brauchen, da bin ich mir ziemlich sicher.«

»Und eine ganze Menge anderer Sachen«, bemerkte Kaylee, überrascht von dem Kloß in ihrem Hals. Die Bilder der Kinder tauchten vor ihrem inneren Auge auf, wie sie um den Couchtisch saßen und Monopoly oder Scrabble spielten. Sie sah ihre improvisierten Zelte aus Decken und Schlafsäcken auf der hinteren Veranda. Toby, der Jüngste von allen, hatte nie die ganze Nacht durchgehalten.

Dann erinnerte sie sich daran, wie sie einmal mit ihrer Mom hier gewesen war, die zu dem Zeitpunkt viel geweint hatte. Kaylee fragte sich, ob das nach der Scheidung gewesen war. Dann hatte es noch Wochen gegeben, als sie und ihre Mom allein hier gewesen waren, glücklich und unbeschwert, was auf Moms neuen Freund Art zurückzuführen war. Art war mindestens zwei Jahre da gewesen, und er hatte Meredith gutgetan. Großen Herzschmerz beim Ende der Beziehung hatte es nicht gegeben, soweit Kaylee wusste. Sie hatte ihre Mom gefragt, was passiert sei, und die Antwort war äußerst unbefriedigend gewesen. In etwa: Ach, ich glaube, die Luft war einfach raus, aber wir bleiben natürlich Freunde.

»Als Mieterin sind Sie wohl nicht verpflichtet, die Besitzer zu informieren und ihnen alles zu erklären«, meinte der Feuerwehrmann und riss sie damit aus ihren Gedanken.

Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht, bevor sie heruntertropfte. »Es sind sehr enge Freunde. Die Besitzer. Selbstverständlich werde ich sie anrufen.« Sie zog ihr Handy aus der Tasche und machte ein paar Fotos. Aus unterschiedlichen Winkeln fotografierte sie auch den beschädigten Dachüberstand über der Veranda. Sie bat den Feuerwehrmann, noch einmal ins Innere des Hauses zu leuchten, und machte Aufnahmen der Küche und des Esszimmers, die jedoch von außen durchs Fenster geschossen dunkel und verschwommen aussahen. »Es wird ihnen das Herz brechen. Die beiden lieben dieses Haus.«

»Die Feuerwehr wird ohnehin Kontakt zu ihnen aufnehmen, aber Sie können die Leute gerne anrufen. Richten Sie ihnen aus, dass sie vom Chief hören werden. Und sagen Sie ihnen auch, dass sie momentan nicht viel tun können. Es eilt also nicht, dass sie herkommen. Aber sie könnten schon mal der Versicherung Bescheid geben.«

»Ich rufe sie sofort an«, sagte Kaylee. »Hören Sie, ich bin mehrere Stunden gefahren und muss eine Bleibe für heute Nacht finden. Gibt es ein Restaurant oder so etwas in der Nähe?«

»Jacks Bar im Ort«, antwortete er. »Oder Sie fahren die 36 zurück nach Fortuna, wo es mehrere Restaurants und Motels gibt. Bis zum Jack’s sind es zehn Minuten, bis Fortuna etwa vierzig. Sind Sie allein?«

Der Kloß im Hals bildete sich erneut. »Ja, ich bin allein«, bestätigte sie und verspürte die tiefe schmerzliche und vertraute Sehnsucht nach ihrer Mutter. Ihre beste Freundin. Ihre Seelenverwandte.

Das Einpacken der Ausrüstung und der Abzug der beiden Feuerwehrwagen war mit ziemlich viel Lärm verbunden. Kaylee war beinah froh, dass sie Bonnie und Gerald erst anrufen konnte, als wieder Stille einkehrte. Sie fand einen dicken alten Baumstamm auf der anderen Straßenseite gegenüber ihrem geparkten Wagen. Es war fast vier Uhr, und sie kämpfte mit den Tränen, weniger wegen des niedergebrannten Hauses als wegen der aufsteigenden Erinnerungen. Der Plan war gewesen, Abstand zu all den schönen Erinnerungen an ihre Mutter zu gewinnen. Doch indem sie hierhergekommen war, hatte sie nur noch mehr solcher Gedanken wachgerufen.

Als sie wählte, war sie endlich ganz allein. Es war still wie in der Kirche dort unter den hohen Kiefern.

»Hallo, Gerald? Hier spricht Kaylee. Ich bin in Virgin River angekommen und habe schreckliche Nachrichten.«

»Ich weiß es schon, Kaylee. Der Feuerwehrchef hat mich vor einer halben Stunde angerufen. Er erwähnte, dass du da warst und das Haus gesehen hast. Schätzchen, es tut mir so leid. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was passiert ist!«

»Die vermuten, es lag an einer elektrischen Heizdecke«, informierte sie ihn.

»Ja, hat er mir gesagt, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Wir reisen nie ab, ohne vorher sämtliche Stecker aus den Steckdosen zu ziehen, bis auf den vom Kühlschrank.«

»Dann werden wir auf die Untersuchung warten müssen. Es ist ein ziemlicher Schaden, Gerald. Nicht vollständig zerstört, aber ein enormer Schaden. Durch den Brand und dann durch die Löscharbeiten. Der Feuerwehrmann, mit dem ich gesprochen habe, meinte, es würde jemand kommen, um die Fenster mit Brettern zuzunageln und die Berghütte zu sichern. Ich kann dir ein paar Fotos schicken, aber ich wollte zuerst mit dir sprechen.«

»Bitte, Kaylee. Fackel nicht lange und mach es. Oh, blöde Wortwahl.«

»Ich schicke sie noch los, während wir reden, dann kannst du mir Fragen stellen.« Sie machte den Lautsprecher an und versendete die Bilder.

»Gütiger«, flüsterte er heiser.

»Der Feuerwehrmann meinte, du sollst deine Versicherung anrufen. Aber es besteht kein Grund, sofort hierherzukommen.«

»Ach, Liebes«, sagte Gerald. »Immer wenn man glaubt, es geht vorwärts, passiert so etwas …«

»Euer schönes Haus«, sagte sie. »Ich weiß ja, wie sehr ihr es liebt.«

»Uns gefiel die Vorstellung, dass du darin wohnst«, erwiderte er. »Zum Glück stand das Haus leer, als das Feuer ausbrach! Es wird eine Weile dauern, die Brandursache zu klären, und die Reparaturen werden kosten, doch ich werde dich auf dem Laufenden halten. Fährst du gleich zurück?«

»Na ja, nicht heute Abend noch. Für einen Tag bin ich genug gefahren. Ich werde irgendwo essen, vielleicht ein Glas Wein trinken und mir dann ein Motel suchen. Hier im Ort gibt es eine Bar, Jack’s, glaube ich.«

»Ja, Jack’s«, bestätigte Gerald. »Das gibt es jetzt schon seit zehn oder zwölf Jahren. Wir kennen den Besitzer. Grüß ihn von uns und frag ihn, ob er vielleicht eine Idee hat, wo du übernachten kannst. Er ist geradeheraus und kennt jeden.«

»Ich gebe dir Bescheid, wo ich untergekommen bin, sobald ich es weiß.«

Kaylee erinnerte sich an das Jack’s, obwohl es mittlerweile viel größer wirkte als bei ihrem letzten Besuch. Es war eine große zweistöckige Holzhütte im Zentrum des Ortes, umgeben von mehreren anderen Häusern und einem Park oder sehr großen Garten. Es gab kein Neonschild, das »Bier« oder »GirlsGirlsGirls« ankündigte. Wären da nicht diese fünf Männer auf der Veranda mit Bierflaschen in den Händen und das Geöffnet-Schild gewesen, hätte es wie ein gewöhnliches Wohnhaus ausgesehen. In der Straße standen einige Pick-ups, außerdem Kleinwagen und SUVs. Offenbar lief das Barrestaurant gut.

Sie parkte und betrat die Veranda. Zuerst war sie ein wenig befangen, bis sie unter den Männern ein paar von den Feuerwehrleuten erkannte, die ihre Schutzkleidung gegen Jeans und Stiefel getauscht hatten.

Einer von ihnen nickte ihr zu und lächelte. »Alles in Ordnung bei Ihnen, Miss?«

»Ja, danke. Aber ich brauche ein Bier oder so etwas.«

»Na klar. Lassen Sie uns wissen, falls Sie Hilfe benötigen. Auch wenn es nicht Ihr Haus ist, wäre es ja doch Ihre Unterkunft für die Nacht gewesen, wenn’s nicht gebrannt hätte.«

»Danke, das ist sehr nett.«

»Wir haben ein Komitee für Opfer von Bränden. Sie wissen schon – Essen, Kleidung, solche Sachen.«

»Zum Glück war ich noch nicht eingezogen, daher habe ich auch nichts in dem Feuer verloren.«

»Es kann dennoch beunruhigend sein.«

Sie lächelte und fand ihn sehr einfühlsam.

Einer der Männer hielt ihr die Tür auf, und sie trat ein. Und schaute sich um.

Es sah aus, als ob die ganze Kleinstadt sich hier versammelt hätte. Am Ofen saßen ein paar ältere Frauen. Eine ganze Familie mit fünf kleinen Kindern besetzte einen langen Tisch. Ein halbes Dutzend Männer lehnte an einem Ende der Bar. Zwei Paare mittleren Alters saßen an einem der Tische, lachten und unterhielten sich, während sie ihre Drinks genossen. An einem Tisch für vier saßen Frauen bei Bier und Wein und strickten. Eine Frau kam aus dem hinteren Bereich hereingeeilt mit einem Tablett voller Essen, und hinter dem Tresen arbeiteten zwei Männer – der eine war sehr attraktiv und vielleicht Ende vierzig oder Anfang fünfzig, mit lediglich einer Spur Grau in den braunen Haaren. Der andere Mann hatte pechschwarzes Haar, das ebenfalls vereinzelt graue Strähnen aufwies.

Kaylee ging ans Ende der Theke und ließ sich auf einen Barhocker sinken. Der attraktive braunhaarige Mann war sofort bei ihr, wischte den Tresen sauber und legte ihr eine Serviette hin.

»Guten Abend«, begrüßte er sie. »Was kann ich Ihnen bringen?«

»Besteht die Chance, dass Sie hier einen kühlen Chardonnay und ein paar Erdnüsse haben?«

»Kann ich Ihnen bringen«, erwiderte er.

»Und gibt es hier jemanden namens Jack?«

Unvermittelt drehte er sich wieder zu ihr um. »Das bin ich.«

»Ah, gut. Ich war auf dem Weg zum Haus der Templetons, aber alles ging den Bach runter. Die Feuerwehr hatte gerade das Feuer gelöscht, als ich eintraf. Jetzt bin ich vorübergehend obdachlos. Ich habe mit Gerald Templeton telefoniert, und er lässt Sie schön grüßen. Er meinte, Sie hätten vermutlich eine Idee, wo ich die Nacht verbringen kann. Ein gutes Motel oder Hotel in der Nähe?«

»Das Feuer!«, sagte Jack. »Davon habe ich schon gehört. Verdammt, das ist ein schönes Haus. Die Templetons sind großartige Leute.«

»Es sind alte Freunde von mir«, entgegnete sie. »Ich kenne sie seit meinem sechsten Lebensjahr.«

»Ich bringe Ihnen den Wein, dann unterhalten wir uns.« Er hantierte hinter dem Tresen, kehrte mit dem Wein zurück und rief über die Schulter: »Mike, spring mal für mich ein, ja?«

»Geht klar«, antwortete Mike.

Er stellte den Wein vor sie und dazu eine Schale Erdnüsse. Dann holte er unter der Theke eine zweite Schüssel mit Brezeln hervor. Sie schüttelten einander die Hand und stellten sich vor. »Wollten die Templetons für eine Weile heraufkommen?«, erkundigte Jack sich.

»Das hatten sie eigentlich nicht vor. Ich weiß nicht, ob ihre Pläne sich wegen der Schäden an ihrer Hütte nun geändert haben. Ich habe sie von ihnen gemietet. Ich brauchte einen ruhigen Ort und einen Tapetenwechsel, deshalb sollte es für sechs Monate meins sein. Allerdings bestand die Möglichkeit, dass jemand aus der Familie vielleicht ein Wochenende hier verbringen würde.«

»Und jetzt sitzen Sie hier ohne Unterkunft fest?«

»Das trifft es ganz gut. Ich habe mein Haus in Newport vermietet, also kann ich nicht einfach zurückfahren. Meine Mieter konnten es kaum erwarten, endlich einzuziehen. Zum Glück habe ich Freunde in der Gegend um L. A., die jedoch nicht gerade ein ruhiges Leben führen …«

»Könnten Sie Ihren Mietern die Lage nicht erklären …?«

»Vermutlich, doch ich habe es ihnen zugesichert, und es scheinen nette Leute zu sein, die sich darauf verlassen, für einige Monate in der Nähe ihrer Enkel wohnen zu können. Außerdem bin ich allein und könnte gut irgendwo ein Gästezimmer beziehen. Ich muss mir nur überlegen, wo. Bis dahin …«

»Bis dahin sollten Sie sich von mir ein Abendessen servieren lassen. Lachs, Reis, Spargel, Maiskolben. Köstlich.«

»Klingt großartig.«

»Ich kann Ihnen auch eine Unterkunft besorgen, allerdings nur vorübergehend. Wir haben hinten ein Gästehaus, allerdings besucht uns meine Schwester Ende nächster Woche.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Sie kennen mich ja nicht einmal. Ich kann in Fortuna übernachten oder in einer anderen Unterkunft, die Sie mir empfehlen.«

»Ich verstehe, wenn Sie lieber nicht bei Fremden wohnen wollen«, meinte er. »Aber Sie müssen wirklich nicht bis an die Küste fahren, besonders da Ihre Pläne gerade in der Luft hängen. Ich werde meine Frau anrufen. Ihr Name ist Mel, und sie ist sehr flexibel.«

»Ist das so Ihre Art, jemandem eine Unterkunft anzubieten, der in Ihre Bar kommt?«, fragte sie.

Er machte ein überraschtes Gesicht. »Ich wollte schon verneinen, aber die Wahrheit ist, dass ich Leuten ohne Bett und Bad sofort zu helfen bereit bin. Wir haben übrigens auch eine Hütte, nicht weit von hier. Aber die ist sehr gefragt und gut gebucht, besonders bei gutem Wetter.«

»Ich möchte mich Ihnen wirklich nicht aufdrängen.«

»Denken Sie darüber nach, während ich mal nach den Gästen schaue. Genießen Sie Ihren Wein, das Essen bringe ich Ihnen gleich. Und wenn Sie damit fertig sind, werden Sie wissen, was Sie wollen. Wie gesagt, Sie sind herzlich willkommen. Schließlich sind Sie eine Freundin von Freunden. Ich kenne Gerald und Bonnie, seit ich vor zehn Jahren hierhergekommen bin. Ich mag die beiden. Ich glaube, Gerald hat mir damals bei dem Dach geholfen, als das hier noch eine kleine Hütte war. Seitdem hat sich die Größe durch den Anbau verdoppelt.«

»Danke, Jack.«

Vor und während ihrer Mahlzeit kamen ein paar Gäste zu ihr und erkundigten sich, ob sie zurechtkomme oder etwas brauche, denn inzwischen hatte der halbe Ort von ihr und dem Feuer erfahren. Nachdem sie mit dem Essen fertig war und sich satt sowie entspannter fühlte, brachte Jack ihr Kaffee, obwohl sie keinen bestellt hatte.

»Vielleicht möchten Sie sich meine Hütte ansehen. Gönnen Sie sich ein paar Tage, und schauen Sie sich in Ruhe um. Vielleicht können Sie ein anderes Objekt hier längerfristig mieten und müssen Ihre Pläne nicht über den Haufen werfen. Manchmal ergeben sich einfach Dinge. Hier ist die Wegbeschreibung. Es ist nicht weit, und Mel erwartet Sie.«

»Sie sind unglaublich freundlich«, sagte Kaylee.

»Es kostet nichts, freundlich zu sein, oder?«

2. KAPITEL

Kaylee musste nicht erst groß überzeugt werden, zum Haus der Sheridans zu fahren. Es war ein wundervoller Ort. Die Zufahrt führte hinauf zum Ende der Straße, wo zwei wunderschöne Häuser im Ranchstil mit Doppelveranden nach Westen hin auf großen Grundstücken standen und einen meilenweiten Blick über das Tal boten. Kaylee sah bebaute Felder, einen riesigen Weinberg, vereinzelt Häuser und grasendes Vieh.

Die Zufahrt führte nach links um das Haupthaus herum oder endete rechts davor. Das Gästehaus war gleich hinter einem Kinderspielplatz mit Rutsche, Schaukeln, einem Basketballfeld und einem Golfgrün zu sehen. Auf der Veranda des Hauses saß eine Frau, die einem kleinen Mädchen Zöpfe flocht. Das musste Jacks Frau sein. Und seine Tochter?

Kaylee musste nicht erst überlegen. Sie fuhr nicht bis zur Hütte, sondern hielt vor dem Haupthaus und stieg aus.

»Mrs. Sheridan?«, fragte sie.

»Ich bin Mel«, stellte die Frau sich vor. »Und Sie müssen Kaylee sein.«

»Ja«, erwiderte sie lächelnd.

»Kommen Sie her und setzen Sie sich zu mir. Na schön, Emma. Geh baden, ich komme dann. Der Himmel ist wundervoll heute Abend – eine Million Sterne. Der Mond leuchtet so schön und erhellt das gesamte Tal. Das ist mir fast die liebste Zeit. Jack hat mir erzählt, dass Sie einen stressigen Tag hatten.«

Vom ersten Moment an strahlte Mel etwas Angenehmes aus. Freundlich, fürsorglich und sehr offen.

»Das war ein ziemlicher Schock«, gestand Kaylee.

»Er meinte, Sie hätten das Haus der Templetons gemietet, aber er erwähnte nicht, weshalb Sie nach Virgin River gekommen sind«, sagte Mel. »Waren Sie schon einmal hier?«

»Ja, ein paarmal. Beim ersten Mal war ich noch ein Kind und mit meiner Mutter zusammen hier. Aber mein letzter Besuch liegt zehn Jahre zurück. Ich glaube, die Bar hatte damals gerade aufgemacht, und ich erinnere mich, dass ich mich darüber gefreut habe. Ich glaube nämlich, dass es damals noch kein Lokal gab, wo man was essen konnte. Die Templetons sind alte Freunde und boten mir ihr Haus als Rückzugsort an.«

»Ah«, sagte Mel. »Ein höflicher Mensch würde natürlich darüber hinweggehen, doch ich bin von Natur aus neugierig. Sagen Sie mir ruhig, dass es mich nichts angeht, aber wovor wollten Sie sich zurückziehen?«

»Das ist eine lange Geschichte«, meinte sie.

»Ich bin nicht müde«, erwiderte Mel lächelnd. »Allerdings verstehe ich natürlich, wenn Sie es sind …«

»Nun, ich glaube, es läuft darauf hinaus, dass ich dem Kummer entfliehen wollte. Ich bin Schriftstellerin. Romane. Krimis, um genau zu sein. Ich hatte bisher bescheidenen Erfolg, und ich habe einen Vertrag abgeschlossen, der mich dazu verpflichtet, noch ein weiteres Buch abzuliefern. Aber das Schreiben fiel mir sehr schwer in letzter Zeit. Ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde bei meiner Mutter Lungenkrebs diagnostiziert. Alle waren optimistisch, einschließlich der Ärzte. Trotzdem ging es meiner Mom immer schlechter, und sie starb schließlich im Dezember des vergangenen Jahres. Ich wohnte in ihrem Haus. Ich blieb bei ihr, als sie krank wurde, und war auch später im Hospiz an ihrer Seite. Nachdem sie gestorben und ich allein in ihrem Haus war, schaffte ich oft nur einen Satz am Tag. Ich konnte nur noch an meine Mom denken. Ich musste raus, also suchte ich etwas für sechs Monate, um dieses letzte Buch zu schreiben.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wie es dann weitergeht, weiß ich auch nicht. Vielleicht suche ich mir einen Job als Lehrerin. Nach dem College habe ich eine Weile unterrichtet, während ich nachts schrieb und an den Wochenenden oder in den Ferien. Es könnte aber auch sein, dass ich nicht mehr schreibe.«

»Es tut mir so leid, Kaylee. Sie müssen Ihre Mutter sehr vermissen.«

»Unglaublich«, gab sie zu. »Wir standen uns so nahe. Ich bin Einzelkind. Wir waren beste Freundinnen. Ihre Freunde waren meine Freunde, und meine Freunde waren auch ihre. Sie las jedes meiner Manuskripte, noch ehe ich es an einen Verleger schickte. Ohne sie bin ich aufgeschmissen. Mir war klar, dass es für eine Weile so sein würde, aber manchmal habe ich das Gefühl, es wird schlimmer statt besser.«

»Müssen Sie dieses Buch beenden? Ich meine, haben Sie andere Optionen?«

»Ich könnte den Vorschuss zurückzahlen. Aber ich bin noch nicht bereit aufzugeben. Das Schreiben hat mir stets geholfen. Hat mich gerettet. Bis jetzt.«

»Das ist kaum überraschend. Sie haben einen enormen Verlust erlitten. Aber ich glaube, es war ein kluger Entschluss von Ihnen, hierherzukommen. Eine solche Veränderung kann Gutes bewirken. Wissen Sie, was ich über die Trauer gelernt habe? Sie ist immer da und steht im Zentrum Ihres Lebens, bis Sie irgendwann einen richtig guten Tag haben und sich fragen, ob die Trauer verschwunden ist. Oder ob sie nachgelassen hat. Hat sie nicht«, sagte Mel kopfschüttelnd. »Sie ist nach wie vor da. Ihre Mutter wird immer wichtig sein. Aber Ihre Welt hat sich vergrößert, und dadurch scheint sich Ihre Trauer verringert zu haben. Es war ein mutiger Schritt von Ihnen, hierherzukommen – schon das allein wird Ihre Welt ein wenig größer machen.«

»Ich werde meine Mom immer vermissen«, sagte Kaylee, während sich die verdammten Tränen in ihren Augen sammelten.

»Natürlich werden Sie das«, sagte Mel. »Aber Ihre Welt wird sich unausweichlich weiten. Jack meinte, er hat Ihnen schon etwas zum Abendessen serviert. Möchten Sie eine Tasse Tee? Mit Honig?«

»Klingt perfekt.«

»Gehen wir hinein und bereiten ihn gemeinsam zu. Im Gästehaus gibt es einen kleinen Kühlschrank und eine Mikrowelle. Wir können in der Küche mal nachschauen, was wir für Sie für diese Nacht noch finden.«

Kaylee folgte Mel ins Haus. »Tatsächlich habe ich eine Kühlbox mit einigen Vorräten mitgebracht. Ich wusste ja, wenn ich im Haus der Templetons wäre, müsste ich erst zur nächsten Stadt fahren, um einen Lebensmittelladen zu finden, und dass es ein oder zwei Tage dauern könnte, bis ich einkaufen kann.«

»Das war schlau. Es gibt einen kleinen Laden im Ort, aber Sie müssen wahrscheinlich bis nach Clear River oder Fortuna fahren, um sich mit Vorräten einzudecken. Setzen Sie sich, während ich Wasser aufsetze und uns Tee koche.«

Kaylee schaute sich in der großen Küche um, die ans Wohnzimmer und Esszimmer grenzte. »Ihr Haus ist wunderschön.«

»Danke«, sagte Mel. »Jack und einige seiner Freunde haben es gebaut. Und dann haben seine Schwester und ihr Mann gleich nebenan gebaut. Brie ist Anwältin, die ihre Kanzlei im Haus hat, außerdem liebt sie es zu wandern. Falls Sie sich entschließen, für eine Weile zu bleiben, kann sie Ihnen tolle Tipps für Wanderrouten geben. Manchmal ist ein bisschen Natur genau das Richtige. Die Aussichten sind spektakulär.«

»Ich werde wahrscheinlich in die Gegend um L. A. zurückkehren, da das Haus nicht frei ist.«

»L. A.? Da bin ich zur Schule gegangen und habe lange dort gearbeitet.«

»Was denn?«, erkundigte Kaylee sich.

Mel ließ den Tee ziehen und brachte die Kanne zum Tisch. »Ich bin Krankenschwester und Hebamme. Ich arbeite bei Dr. Michaels im Ort, direkt gegenüber vom Jack’s. Ich habe eine Idee. Jack kennt jeden hier. Das ist ein Nebeneffekt der Tatsache, dass er die einzige Bar im Ort hat. Bitten Sie ihn doch, ein paar Makler anzurufen und zu fragen, ob es freie Ferienhäuser in der Gegend zu mieten gibt. Vielleicht brauchen Sie dann gar nicht zurück nach L. A.«

»Ich will keine Umstände machen …«

»Es würde ihm nichts ausmachen«, versicherte Mel ihr. »Ich bedaure wirklich, dass Sie unsere Hütte nicht die ganze Zeit nutzen können, aber Jacks Familie kommt Ende nächster Woche. Das kleine Gästehaus reicht wohl auch nicht. Sie brauchen ein richtiges Haus mit einer richtigen Küche.«

»Und einer Veranda«, sagte Kaylee.

»Es kann nicht schaden, mal zu fragen. Ich rufe ihn gleich an. Welche Ansprüche haben Sie sonst noch?«

»Es soll gemütlich sein. Eine Aussicht wäre schön, wie von der Veranda des Hauses der Templetons. Das Wetter wird kühler werden, also wäre ein Kamin gut. Ich bezweifle, dass ich in einer Fischerhütte im Wald glücklich wäre. Kennen Sie das Haus der Templetons?«

»Ich habe Bonnie und Gerald sowie zwei ihrer Söhne kennengelernt, aber in ihrem Haus war ich nie.«

»Es ist größer, als es für meine Ansprüche sein müsste, denn es hat vier Zimmer. Aber es gibt ein sehr schönes Wohnzimmer, eine Küche und eine Veranda vorn und hinten. Die Aussicht ist zwar nicht vergleichbar mit Ihrer hier, aber man schaut ins Tal und im Osten und Westen auf die Berge. Ich erinnere mich an glänzende Holzfußböden, alte Quilts und Holzvertäfelung. Nichts Luxuriöses, aber heimelig und behaglich. Es fühlte sich immer an, als würde es einen umarmen.«

»Wundervolle Beschreibung. Sie sollten Schriftstellerin werden.« Mel grinste und meinte: »Warten Sie.« Sie zog ihr Handy aus der Gesäßtasche. »Als ich vor zehn Jahren herkam, gab es nirgends Empfang. Da trug ich einen Pager bei mir. So rückständig waren wir hier. Ins Internet musste man sich einwählen. Jack«, sagte sie ins Telefon. »Kaylee ist bei mir, und wir unterhalten uns gerade bei einer Tasse Tee.« Dann wiederholte sie alles, was Kaylee über ihre Ansprüche an ein Ferienhaus genannt hatte, sagte »Bis bald« und legte auf. »Sehen Sie. Er macht gern ein paar Anrufe für Sie. Geben Sie mir Ihre Nummer, dann speicher ich Sie in meiner Kontaktliste. Und Sie bekommen von mir Jacks und meine Nummer.«

Sie plauderten, während sie ihren Tee tranken, dann brachte Mel sie zum Gästehaus und schloss die Tür auf. Es war sehr charmant und für den Moment genau richtig. Doch für einen sechsmonatigen Aufenthalt hätte sie sich nicht für etwas so Kleines entschieden. Es war kaum größer als ein Motelzimmer, aber Kaylee wollte sich ausbreiten und arbeiten können, falls möglich.

Sie ging zurück zu ihrem Wagen und parkte ihn vor dem Gästehaus. Sie brachte ihre Koffer hinein, die Kühlbox, den Picknickkorb und ein paar Kartons, die sie jedoch erst auspacken würde, sobald sie etwas Längerfristiges gefunden hatte. Sollte das überhaupt möglich sein. Sie hatte einen speziellen Koffer dabei, mit Erinnerungsstücken ihrer Mutter, Dinge, von denen sie sich einfach nicht lange trennen konnte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie morgen früh alles wieder in ihrem Wagen verstauen und Richtung Süden fahren würde. Sie würde anfangen, eine Liste von Leuten anzufertigen, die sie anrufen könnte, um vielleicht für eine Weile bei ihnen unterzukommen, bis sie etwas Längerfristiges gefunden hätte. Sie könnte Lucy anrufen und sie bitten, sich nach einer Wohnung umzuhören.

Nachdem sie ihren Pyjama angezogen hatte, sehnte sie sich nach dem Haus ihrer Mutter und natürlich nach ihrer Mutter. Früher hatten sie dreimal am Tag miteinander telefoniert. Es hatte im Leben der jeweils anderen nichts gegeben, was nicht Erwähnung gefunden hätte, und über größere Krisen oder Ereignisse hatten sie sich stundenlang unterhalten können. Sie standen einander stets mit Rat und Tat zur Seite. Kaylee hatte niemanden, der diese Lücke füllen könnte.

Sie dachte an das, was Mel ihr gesagt hatte, bevor sie gegangen war.

»Vielleicht ist es an der Zeit, dass Sie sich eine Pause gönnen. Ein Heilungsprozess braucht seine Zeit. Und Heilung ist wichtiger als alles, einschließlich der Arbeit an einem Buch.«

Früh am nächsten Morgen beschloss Kaylee, einen Spaziergang zu unternehmen. In ihrer Hütte gab es eine kleine Kaffeekanne. Sie kochte sich einen Becher voll, dann trat sie hinaus. Direkt neben der Haustür standen zwei Stühle, also setzte sie sich in einen davon. Alles wirkte hell und sauber, die Luft war viel klarer und frischer als zu Hause. Sie sah Mel mit den Kindern zum Nachbarhaus gehen und gleich darauf wieder zurückkommen. Sie winkte Kaylee zu, bevor sie im Haus verschwand. Einige Minuten später sah sie Jacks Pick-up wegfahren; Jack und Mel saßen im Wagen.

Der Tag beginnt für die Leute aus Virgin River, dachte Kaylee. Jack fuhr vermutlich zur Bar, obwohl es dafür eigentlich noch recht früh war. Sie ließ den Kaffeebecher neben dem Stuhl stehen und unternahm einen besinnlichen Spaziergang die Straße entlang. Sie genoss den Anblick des Nebels im Tal, und ein Frösteln überlief ihren Rücken und ihre Arme.

Ich kann das, dachte sie. Ich kann die kühle Morgenluft einatmen, inmitten der Schönheit der Berge aufwachen, den Nachbarn zuwinken und anschließend an die Arbeit gehen.

Sie duschte, setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum, die Füße auf das untere Ende des Bettes gelegt, den Laptop auf den Schenkeln balancierend, und öffnete das Dokument. Auf Seite siebzehn hatte sie aufgehört. Sie las von der ersten Seite an, wie Millionen Mal zuvor, und war noch nicht bis zur Seite siebzehn gelangt, als ihre Gedanken abdrifteten. Sie dachte daran, wie sie mit ihrer Mutter zusammen und vielleicht mit einer Freundin oder zwei, ihren oder die ihrer Mom, das spielte gar keine Rolle, zum Lunch gefahren waren. Sie dachte an Shoppingtouren, allerdings kurze, da sie beide das ganze Theater vor den Kleiderständern nicht gemocht hatten. Sie dachte an diese Abende, an denen keine von ihnen etwas vorgehabt hatte und sie sich einfach endlos irgendeine neue Serie angeschaut hatten. Oft lasen sie das gleiche Buch zur gleichen Zeit und unterhielten sich darüber, vorsichtig, um ja der anderen nichts zu verraten, bis sie es beide durchgelesen hatten. Kaylee hatte das geliebt.

Vor einigen Jahren musste Kaylee zu einer geschäftlichen Cocktailparty und hatte nichts Passendes zum Anziehen. Sie wollte gut aussehen. Es würden nicht nur andere Schriftsteller dort sein, sondern auch Verleger, Agenten, Lektoren und Buchhändler. Du brauchst genau das richtige kleine schwarze Kleid, hatte ihre Mom gesagt. Und Meredith brauchte ebenfalls eines, wenn auch für eine völlig andere Veranstaltung. Sie hatten die gleiche Größe, doch der Altersunterschied und der damit verbundene Modegeschmack schloss es aus, sich ein Kleid zu teilen. Also fuhren sie zu einer der besseren Boutiquen in L. A. Besser hieß Mittelklasse, da sie kaum Rodeo-Drive-Shopper waren. Aber sie wollten auch etwas Edleres als ein Kleid aus dem Einkaufszentrum. Vielleicht von Neiman Marcus oder Nordstrom.

Sie luden sich die infrage kommenden Kleider auf den Arm und wählten nebeneinanderliegende Umkleidekabinen mit großem Spiegelbereich davor. Kaylees erste Wahl saß so eng am Hintern, als wäre es drei Nummern zu klein, während Merediths Kleid ihren Bauch betonte. Bei den nächsten beiden war es andersherum – Kaylee hatte plötzlich einen Bauch, und Meredith bestand nur noch aus Hintern und Hüften. Das nächste Kleid, das Kaylee anprobierte, sah eher aus wie für eine Neunzigjährige bei einer Totenwache, während Merediths eher für eine Siebzehnjährige zu passen schien.

»Du brauchst Spanx«, erklärte Kaylee ihrer Mutter. »Ich lasse die Verkäuferin einen bringen.«

Und von da an kriegten sie sich vor Lachen nicht mehr ein, während Meredith versuchte, in diesen Bodyshaper zu kommen, und Kaylee den Hüftgürtel hochzerrte. An diesem Tag kaufte keine von beiden ein Kleid, dafür gönnten sie sich Wein zum Lunch, amüsierten sich und schworen sich, es in einer Woche erneut zu versuchen.

Kaylee lachte laut bei der Erinnerung, aber ihr rannen dabei Tränen über die Wangen. Das passierte nun mal, wenn sie an Meredith dachte. So viele gute Zeiten, alle dahin.

»Oh, Jesus«, murmelte sie und wischte sich die Wangen trocken.

Ihr fiel wieder ein, dass Mel gesagt hatte, die Trauer werde nie kleiner, ihre Welt aber könne größer werden. Kaylee war sich nicht sicher, wie das gehen sollte, aber es war an der Zeit, es zu versuchen. Nachdem sie einige Minuten darüber nachgedacht hatte, schob sie den Laptop in ihre Umhängetasche und ging zu ihrem Wagen. Sie würde nach Virgin River fahren, das man schon verfehlen konnte, wenn man nur kurz blinzelte. Dort würde sie vielleicht bei Jack’s noch einen Kaffee trinken und ein Frühstückssandwich zu sich nehmen. Sie würde eine Stunde lang versuchen, an der Bar zu schreiben. Vor der Krankheit ihrer Mom war Kaylee in ein Café oder ein Restaurant namens Carlisle’s in der Nähe gegangen, wo sie ein Glas Wein trinken und ein Stück Pizza New-York-Style genießen konnte. Wenn sie in einer Bar oder einem Café schrieb, fühlte sie sich weniger eingesperrt.

Auf dem Weg zu ihrem Wagen hörte sie einen leisen Piepston und verlangsamte ihre Schritte. Zuerst sah sie nach oben. Dann nach unten. Neben ihrem Vorderreifen saß ein kleines schwarz-weißes Kätzchen. Was macht der Mensch in einer solchen Situation? Sie hob es hoch und schmiegte es automatisch an ihre Wange. »Oh, du hast dich verlaufen, Kleines.« Geschlagene zehn Minuten hielt sie Ausschau nach weiteren Kätzchen oder wenigstens einer Katzenmutter, aber dieses Kätzchen schien ganz allein zu sein.

Und dann tat sie das, wovor jeder warnte. Sie nahm das Kätzchen mit in die Hütte, gab ihm eine Schale Milch und erklärte dem Tier, sie sei in ungefähr einer Stunde wieder da.

»Sieh an, Kaylee Sloan, genau die Person, die ich sehen wollte. Ich hatte nachher ohnehin vor, Sie anzurufen«, sagte Jack, als sie zur Tür hereinkam.

»Brauchen Sie die Hütte früher?«, fragte sie.

Autor

Robyn Carr
Die Autorin von über 20 Romanen erreicht mit ihrem Schreiben ein großes Publikum. Ihre Romane berühren, ob sie sie im Historischen Genre, den Liebesromanen oder Thrillern schreibt. Robyn Carr kommt ursprünglich aus Minnesota. Sie und ihre Familie haben viel von den USA gesehen, da ihr Ehemann in der Luftfahrt tätig...
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