Und plötzlich werden Wunder wahr

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„Lass uns das Fest gemeinsam verbringen!“ Gibt es doch einen Weihnachtsmann, der ihre geheimsten Wünsche erfüllt? Jahrelang hat Felicia ihre große Liebe Gideon nicht mehr gesehen – wegen eines Missverständnisses verließ er sie. Jetzt steht der reiche Unternehmer wieder vor ihr und sieht sie zärtlich an. Gerade so, als wollte er sie unter dem Mistelzweig küssen …
  • Erscheinungstag 27.11.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751513432
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Die Hauptstraße von Chastlecombe sah seltsam unwirklich aus mit ihrer festlichen Weihnachtsbeleuchtung, die nur schemenhaft in dem dichten Nebel zu erkennen war. Während der langen Fahrt durch die Landschaft Cotswolds hatte Gideon Ford sich so sehr konzentrieren müssen, dass seine Augen brannten, als er sein Ziel endlich erreicht hatte.

Sobald er die breite Straße verließ und in den Privatweg zu seinem Landhaus einbog, schien er direkt in eine eisige Nebelwand einzutauchen.

Kurz vor der Einfahrt verringerte Gideon die Geschwindigkeit auf dem holprigen Pflaster und hielt abrupt an. Im Nachbarhaus schimmerte Licht. Die Maynards waren über Weihnachten in Australien. Wer in aller Welt war im Haus? Entschlossen stellte er den Motor ab und stieg aus, um nachzusehen.

Langsam ging Gideon den Pfad zur Haustür hinauf und läutete. Wütendes Hundegebell war die Antwort. Er entspannte sich ein wenig. Wenn die Hunde da waren, mussten die Maynards aus irgendeinem Grund zurückgekehrt sein.

Felicia Maynard war auf dem Weg von der Diele zu ihrem Schlafzimmer, als das Läuten der Türglocke sie fast zu Tode erschreckte. Für die Kinder, die traditionell von Haus zu Haus zogen und Weihnachtslieder sangen, war es zu spät. Andererseits würde ein Einbrecher kaum klingeln. Sie biss die Zähne zusammen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, allein hier zu übernachten.

Sie eilte in die Küche zurück, fasste die protestierenden Retriever mit festem Griff am Halsband und ließ sich von ihnen durch die Diele ziehen. Ohne die Hunde loszulassen, öffnete sie die Tür und blieb wie angewurzelt stehen. Fassungslos blickte sie in ein Gesicht, das sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und das ihr doch immer noch seltsam vertraut schien.

Welliges dunkles Haar umrahmte die wie gemeißelt scheinenden Züge, die mit den Jahren schärfer und prägnanter geworden waren. In den Winkeln der haselnussbraunen Augen zeigten sich erste Fältchen. Trotzdem war der große, mit einem Businessanzug bekleidete Besucher immer noch der bestaussehende Mann, der ihr jemals begegnet war.

Gideon Ford rührte sich nicht und betrachtete verblüfft die barfüßige Gestalt im offenen Türrahmen. Kastanienbraune Locken umspielten Felicia Maynards Schultern. Sie trug einen grünen Morgenmantel und blickte ihn mit ihren dunklen, beinahe mandelförmigen Augen fassungslos an. Sie stand absolut still. Endlich begannen die keuchenden schwarzen Retriever ungeduldig an ihren ledernen Halsbändern zu zerren, als erwarteten sie den Befehl, sich auf den Besucher zu stürzen.

„Hallo, Flick“, sagte Gideon endlich. „Tut mir leid, dass ich dir Angst gemacht habe.“

„Ich hatte keine Angst“, versicherte Felicia ihm rasch, während ihr Puls sich allmählich beruhigte. „Kein Geringerer als Gideon Ford! Das ist ja eine Überraschung.“

„Deine Eltern erzählten mir, dass ihr Haus über Weihnachten leer stehen würde. Deshalb wollte ich nach dem Rechten sehen, als ich Licht bemerkte. Ich komme gerade aus London. Das ganze Land scheint vom Nebel verschluckt zu werden“, fügte er hinzu und fröstelte plötzlich.

„Scheußliche Fahrt bei diesem Wetter“, bestätigte Felicia. „Okay, Jungs“, wandte sie sich an die Hunde und ließ sie los. „Die Gefahr ist vorbei.“

Nachdem sie ihre Beschützeraufgabe erledigt hatten, eilten die Hunde schwanzwedelnd zu Gideon. Zu Felicias Erstaunen begrüßten sie ihn überschwänglich und ließen sich von ihm hinter den Ohren kraulen. Erst auf ihr scharfes Kommando machten sie sofort kehrt und liefen durch die Diele in die Küche zurück.

„Du siehst total verfroren aus. Möchtest du einen Kaffee?“, hörte Felicia sich zu ihrer eigenen Verblüffung fragen. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, schien Gideon sogar noch erstaunter zu sein.

„Ich habe mich die letzten dreißig Meilen auf nichts anderes gefreut“, antwortete er nach einer Weile.

„Ich vermute, das ist ein Ja“, sagte Felicia und ärgerte sich, weil er zögerte. Sie öffnete die Tür weiter, um Gideon einzulassen, und führte ihn in die warme einladende Küche. Dort schob sie ihre Füße in die Hausschuhe, die unter dem Tisch standen, und lächelte ihm höflich zu.

„Nimm Platz, während ich Mutters neue wundersame Kaffeemaschine in Gang setze. Oder bist du in Eile und möchtest schnell nach Hause?“

„Nein.“ Er hatte es absolut nicht mehr eilig, nachdem er Felicia Maynard wiedergetroffen hatte. Aufmerksam verfolgte er jede ihrer Bewegungen.

Felicia spürte es und war froh, als der Kaffee endlich fertig war. Sie nahm das Tablett, das sie mit unsicheren Händen beladen hatte, und trug es zum Tisch. „Mutter erzählte mir, dass du ‚Ridge House‘ gekauft hast“, begann sie so unbekümmert wie möglich. „Dann wirst du demnächst ja direkt neben meinen Eltern wohnen. Die ganze Stadt scheint gespannt darauf zu warten, ob du mit einer Ehefrau und Kindern dort einziehen wirst.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Keine Ehefrau und keine Kinder. Und was ist mit dir?“

Felicia warf ihm einen wütenden Blick zu. „Wenn du Kontakt zu meinen Eltern hast, weißt du sicher, dass ich ebenfalls unverheiratet bin.“

Aber liiert. Gideon trank einen großen Schluck Kaffee und stellte die Tasse befriedigt zurück. „Etwas Heißes ist jetzt wunderbar. Danke, Flick.“

„Nicht viele Leute nennen mich heute noch so.“

„Ist dir die amtliche Version lieber?“

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich ihm gegenüber. „Ich fühle mich gleich wieder jung.“

Seine Augen funkelten vergnügt. „Ich weiß genau, wie alt Sie sind, Miss Maynard. Nämlich zwei Jahre jünger als ich.“

„Dafür haben Sie eine ganze Menge mehr aufzuweisen als ich, Mr Ford“, antwortete sie nachdrücklich.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe gehört, dass du als Büroleiterin bei der Unternehmensberatung Harley Street arbeitest. Das klingt ziemlich eindrucksvoll, finde ich.“

„Während dir eine Kette von Drogerien gehört, die über ganz England verteilt sind. Ein wahrer Quantensprung, den du von einem einzigen Laden in Chastlecombe aus gemacht hast.“ Sie prostete ihm mit ihrer Tasse zu. „Gratuliere.“

„Danke.“ Er zog eine Augenbraue in die Höhe. „Deine Eltern sagten, du seiest über Weihnachten nicht da. Hast du deine Pläne geändert?“

„Morgen heiratet Poppy Robson, erinnerst du dich noch an sie? Wir sind seit der Schulzeit eng befreundet, und ich bin eine ihrer Brautjungfern. Eigentlich wollte ich bei ihr übernachten, aber sie hat schon so viele Gäste, dass ich beschlossen habe, hier zu schlafen.“

„Wissen deine Eltern, dass du hier allein bist?“

Felicia schüttelte heftig den Kopf. „Nein, natürlich nicht! Sie sind nach Australien geflogen, um ihr erstes Enkelkind kennenzulernen – den kleinen Sohn meines Bruders. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, ihnen diese Reise mit solch einer Nachricht zu verderben.“

Gideon wurde neugierig. „Weshalb ist dein Lebensgefährte nicht hier?“

Sie senkte den Blick. „Sein Boss hat ihn und einige weitere Angestellte in ein Chalet nach Klosters in der Schweiz eingeladen. Ich sollte ebenfalls mitkommen, aber ich wollte Poppys Hochzeit nicht verpassen. Charles hat der Braut sein Bedauern ausgesprochen und ist allein in seinen Traum-Weihnachtsurlaub gefahren. Tagsüber Ski zu fahren und abends beim Essen seine ehrgeizigen Pläne zu verfolgen – das war ihm wichtiger.“

„Was schwebt ihm vor?“

„Eine Partnerschaft in der Kanzlei, für die er arbeitet.“

Gideons schöne Augen blitzten verächtlich. „Der Kerl ist ein absoluter Idiot, wenn er deshalb auf ein gemeinsames Weihnachtsfest mit dir verzichtet.“

Felicia freute sich aufrichtig über diese Bemerkung. „Danke für das Kompliment. Nimm noch etwas Kaffee.“

„Ja gern. Ich hoffe, der Kerl hat dir nicht das ganze Weihnachtsfest verdorben, Flick“, fügte er hinzu.

„Nicht im Geringsten. Ohne ihn werde ich die Hochzeit weit mehr genießen.“ Verdammt, das hätte sie nicht sagen sollen.

„Was glaubt er, wo du jetzt bist?“

„Auf der Farm der Robsons. Eigentlich hatte ich bis zur Hochzeit bei Poppy wohnen sollen. Ich war auch einige Tage dort. Aber dann tauchten unangemeldet Verwandte auf, und es wurde zu eng. Deshalb habe ich mich hier einquartiert. Poppy und ihre Eltern machten sich Sorgen, weil ich nachts allein im Haus sein würde. Um sie zu beruhigen, holte ich die Retriever aus der Hundepension zurück.“ Meine Güte, hör auf zu plappern und halt den Mund, schalt Felicia sich stumm.

„Sehr vernünftig“, stimmte Gideon ihr zu. „Wird man dort wieder Platz für die Tiere haben, wenn du nach London zurückkehrst? Ich werde eine ganze Weile hier sein und könnte sie zu mir nehmen, falls du Probleme bekommst.“

Felicia sah überrascht auf. „Das ist sehr nett von dir.“ Sie zögerte einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. Gideon konnte ruhig auch den Rest erfahren. „Ehrlich gesagt, es wird keine Probleme geben, denn ich werde bleiben, bis meine Eltern zurück sind. Ich habe mir frei genommen, um ernsthaft über meine Zukunft nachzudenken.“

Er kniff die Augen leicht zusammen. „Du willst deine Stellung wechseln?“

„Möglicherweise. Meine Mitbewohnerin hat geheiratet, und allein kann ich die Wohnung nicht halten. Ich finde, das ist ein guter Zeitpunkt für eine komplette Veränderung.“

Felicia lebte also nicht mit ihrem Anwaltsfreund zusammen. Sehr gut. Gideon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Hast du etwas Bestimmtes im Sinn?“

„Noch nicht. Wahrscheinlich werde ich London verlassen und mir hier etwas aufbauen.“

„Und was hält dein Anwalt davon?“

„Er ist wütend. Die Aussicht auf eine Fernbeziehung gefällt ihm nicht.“

„Dann wird es für euch beide kein glückliches neues Jahr geben?“

Sie zuckte erneut mit den Schultern. „Ich versichere dir, es werden keine gebrochenen Herzen zurückbleiben – auf beiden Seiten nicht.“

Gideon trank seine Tasse aus und stand auf. „Ich muss dich endlich schlafen gehen lassen. Danke für den Kaffee. Er hat mir das Leben gerettet.“ Er holte seine Brieftasche hervor und reichte ihr seine Visitenkarte. „Falls du Schwierigkeiten hast, ruf mich an. Jederzeit!“

„Ich komme schon zurecht“, antwortete sie.

Er lächelte. „Da bin ich mir sicher. Aber ich habe deinen Eltern versprochen, das Haus im Auge zu behalten. Und nachdem ich jetzt weiß, dass du hier bist, werde ich doppelt wachsam sein.“

„Dad hat ‚The Lodge‘ dem früheren Besitzer von ‚Ridge House‘ abgekauft, Gideon. Ich bin also nicht deine Mieterin.“

„Sehr schade.“ Gideons Augen blitzten so feurig, dass Felicia unwillkürlich zurückwich. „Vielleicht ist es dir trotzdem recht, wenn ich gelegentlich vorbeischaue. Gute Nacht, Flick.“

„Gute Nacht.“ Felicia schloss die Tür, verriegelte sie, löschte das Licht und ging nach oben. Sehr zu ihrem Ärger fiel ihr das Alleinsein erheblich leichter, seit sie wusste, dass Gideon in „Ridge House“ übernachten würde. Was absolut kindisch und unlogisch war. „Ridge House“ lag eine gute halbe Meile von „The Lodge“ entfernt. Trotzdem fühlte sie sich viel sicherer. Obwohl seine Abschlussbemerkung ihr in die Glieder gefahren war – und in noch einige weitere Körperteile.

Gideon Ford legte die kurze Strecke nach „Ridge House“ in bester Stimmung zurück. Bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Chastlecombe die letzten Monate war Felicia nie zufällig bei ihren Eltern zu Besuch gewesen. Der heutige Abend hatte ihm bewiesen, was er tief im Innern immer wusste. Ein einziger Blick auf diese Frau hatte all die Gefühle wieder geweckt, die jahrelang in ihm schlummerten und nur darauf gewartet zu haben schienen, bei der ersten erneuten Begegnung mit ihr wieder ans Licht zu kommen.

Felicia war ein sehr hübscher Teenager gewesen, als er sie kennenlernte, und von einer Zurückhaltung, die sie von den kichernden und ewig flirtenden Gleichaltrigen unterschied. Das junge Mädchen war zu einer reifen Frau herangewachsen, deren Schönheit umso reizvoller war, als man die Intelligenz dahinter spürte. Trotzdem hatte der Mann in ihrem Leben sie über Weihnachten allein gelassen. Gideons Augen blitzten. Felicia mochte allein in dem großen Haus sein. Aber er würde persönlich dafür sorgen, dass sie nicht einsam war.

Während Gideon eine halbe Meile entfernt die Tür von „Ridge House“ öffnete, machte Felicia sich, tief in Gedanken, für das Bett zurecht. Der Anblick von Gideons Gesicht, das sie niemals vergessen hatte, schien die vergangenen Jahre fortgewischt zu haben und versetzte sie in ein wahres Gefühlschaos. Der Schock hatte sie zunächst stumm werden lassen und anschließend das Gegenteil bei ihr ausgelöst und ihre Zunge gelockert.

Wie peinlich! Während sie pausenlos über sich selber geredet hatte, war Gideon äußerst zurückhaltend geblieben. Ein erfolgreicher Unternehmer mit seinem Aussehen musste einfach zahlreiche Frauen in seinem Leben haben – oder sogar eine ganz bestimmte.

Unsanft verteilte Felicia etwas Feuchtigkeitscreme in ihrem Gesicht. Vielleicht wohnte die Lady schon in „Ridge House“. Nein, das hätte Poppys Mutter, die Nachrichtenquelle des Ortes, garantiert gewusst. Verärgert betrachtete Felicia ihr Spiegelbild. Gideon Fords Privatleben ging sie absolut nichts an.

Fröstelnd schlüpfte sie ins Bett. Morgen musste sie unbedingt eine Wärmflasche kaufen. Sie hatte überall danach gesucht, aber keine im Haus gefunden. Allerdings war morgen Heiliger Abend, im ganzen Ort würde sie keinen Parkplatz finden. Zum Glück wurde sie erst mittags bei Poppy erwartet.

Ein Gang zu Fuß in die Stadt war vermutlich der beste Zeitvertreib bis dahin. Trotzdem musste sie früh aufstehen, um als Erstes die Hunde auszuführen – und dabei sorgfältig darauf achten, dass sie „Ridge House“ nicht zu nahe kam, nachdem sein Besitzer jetzt anwesend war.

Felicia versuchte eine ganze Weile, nicht mehr an Gideon Ford zu denken. Doch die Erinnerung ließ ihr keine Ruhe. Unerbittlich kehrten ihre Gedanken zu ihren Teenagerjahren zurück, und schließlich gab sie seufzend nach.

Gideon Ford war größer gewesen als seine meisten Freunde – ein ausgezeichneter Sportler, der nicht nur Muskelkraft und einen scharfen Verstand besaß, sondern so gut aussah, dass alle Mädchen ihm sehnsüchtig nachblickten. Er war sowohl ein geschickter Kricketspieler als auch ein hervorragender Rugby-Außenverteidiger gewesen. Doch da die meisten Spiele gegen andere Schulen am Sonnabend stattfanden, hatte er sich nicht für die Mannschaft aufstellen lassen.

Jeden Sonnabend während des Schuljahres und jeden einzelnen Tag während der Ferien hatte er in der Drogerie gearbeitet, gemeinsam mit seinem Vater, der ihn beinahe von Geburt an allein aufgezogen hatte. Zur größten Überraschung aller hatte er in der Oberstufe keine feste Freundin gehabt, obwohl fast jedes Mädchen des Jahrgangs glücklich gewesen wäre, von ihm erwählt zu werden.

Folglich hatte es eine gewaltige Aufregung gegeben, als er beim Vorsprechen für die Weihnachtsfeier aufgetaucht war. Um die Eltern zu beeindrucken, hatten neben den üblichen musikalischen Darbietungen diverser Solisten und dem Schulchor auch Szenen von Shakespeare auf dem Programm gestanden.

Nachdem sie, Felicia, als Julia ausgewählt wurde und Gideon als Romeo, war der Neid ihrer Freundinnen beinahe ebenso groß gewesen wie Felicias klammheimliche Freude über die Wahl. Gideon hatte eine Menge Neckereien und anzügliche Sprüche der Jungen einstecken müssen, die ihn heftig um seine Chance beneideten, Flick Maynard zu lieben – wenn auch nur in einer Shakespeareszene vor versammelter Zuhörerschaft.

Felicia lächelte stumm in der Dunkelheit. Ihr „Spion“ im Jungenlager war Andy Robson gewesen, der Bruder ihrer besten Freundin Poppy. Aus dieser Quelle hatte sie erfahren, dass die Jungen sie als Eisprinzessin bezeichneten. Mit diesem Titel konnte sie leben.

Seit ihrem ersten Tag auf der Secondary School hatte sie heimlich so für Gideon Ford geschwärmt, dass kein anderer Junge jemals die geringste Chance bei ihr erhielt. Allerdings war er zwei Jahre älter gewesen als sie und daher in ihren Augen unerreichbar. Deshalb hatte sie sich damit abgefunden, dass ihre Schwärmerei nicht nur heimlich bleiben musste, sondern absolut hoffnungslos war.

Als das Wunder geschah und sie für die Rolle der Julia mit Gideon als Romeo ausgewählt wurde, hätte die Eisprinzessin am liebsten triumphierend gejubelt und Rad schlagend den Campus umkreist, anstatt nur zuzugeben, dass sie ganz zufrieden mit dem Ergebnis des Castings sei.

Die Proben hatten nach dem Unterricht und für jede Szene getrennt stattgefunden. Der junge Schauspiellehrer war hoch erfreut gewesen, als er feststellte, dass sein Romeo und seine Julia nicht nur von Anfang an textsicher waren, sondern ihm eine Menge Lob einbringen würden.

Schon nach wenigen Anweisungen hatten Gideon und Felicia die Balkonszene mit der ganzen Inbrunst junger Liebender gespielt und gleichzeitig mit einer Unschuld, die geradezu umwerfend war, wie Paul Johnson seinen erstaunten Kollegen im Lehrerzimmer anvertraute.

Für Felicia war es vollkommen einfach gewesen, ein wahnsinnig verliebtes junges Mädchen zu spielen. Mit Gideon in der Rolle des Romeo hatte sie sich kein bisschen zu verstellen brauchen.

Ihre Kostüme waren von einem Theaterverleih gekommen. Felicias Kleid war aus perlfarbener Seide geschneidert. Das eng anliegende Oberteil endete in einem tiefen eckigen Ausschnitt, die langen engen Ärmel bauschten sich an den Schultern und am Ellbogen. Mr Johnson hatte das Kleid genehmigt. Allerdings hatte er die Reaktion geahnt, wenn seine Stars zum ersten Mal vor die Zuschauer traten. Deshalb hatte er darauf bestanden, dass Romeo und Julia sich erst in letzter Minute umziehen sollten, bevor sie zur Kostümprobe auf der Bühne erschienen.

Bei der Szenenprobe davor hatte Poppy erstaunt die festen Zöpfe ihrer Freundin betrachtet, während ihr Bruder Andy als Bottom in „Ein Sommernachtstraum“ lautes Gelächter erzeugte. „Dein Make-up ist fabelhaft, Flick. Aber was ist mit deinem Haar?“

„Ich werde es gleich auskämmen und einige Perlen von meiner Großmutter darin befestigen. Aber vorher wollte ich unbedingt Andy als Star erleben.“

„Leah Porter war total sicher gewesen, dass Gideon den Oberon spielen und ihr Partner in der Rolle als Titania sein würde. Sie schäumt immer noch vor Wut, weil er dein Romeo ist“, erzählte Poppy. „Natürlich hat Andy ihr erklärt, dass sie heilfroh sein könne, ihn als Bottom bekommen zu haben.“

„Ja, das stimmt. Die beiden passen wunderbar zusammen.“

„Leah ist ziemlich sauer, weil sie euch beiden nicht bei den Proben zusehen durfte. Weshalb lässt Mr Johnson niemanden in eure Nähe?“

„Weil wir nicht so gut sind wie die anderen, nehme ich an.“

Poppy verdrehte die Augen. „Als ob das so wäre.“

Felicia lachte mit den anderen über die hübsche blonde Leah, die Andy im „Sommernachtstraum“ heftig den Kopf verdrehte. Kurz bevor die Szene zu Ende ging, schlüpfte sie davon, um sich umzuziehen.

Miss Nesbitt, die junge Englischlehrerin, zog ihr das glitzernde Kleid über den Kopf und ließ es in Falten bis zu ihren Füßen fallen. Felicia löste ihre Zöpfe und strich mit einem Kamm durch das Haar, damit es in glänzenden kastanienbraunen Wellen über ihren Rücken floss. Die junge Lehrerin half ihr, die Perlen darin zu befestigen, und schlang ein einzelnes Band um ihre Stirn.

„Das wär’s, Julia“, erklärte sie befriedigt.

Felicia lächelte nervös. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als Miss Nesbitt die Tür für eine hoch gewachsene Gestalt in Wams und Strumpfhose öffnete.

„Sehr hübsch, Romeo. Wirklich. Ihre Julia ist bereit und erwartet Sie schon.“

Und bekommt bei seinem Anblick kaum noch Luft, fügte Felicia stumm hinzu.

„Du siehst fantastisch aus, Flick“, sagte Gideon in einem Ton, bei dem ihr Puls zu rasen begann.

„Ja, das stimmt. Ebenso wie Sie.“ Miss Nesbitt winkte sie weiter. „Hals- und Beinbruch für Sie beide.“

Gideon fasste Felicias Hand und hielt sie fest, während sie schweigend die verlassenen Korridore entlang schlichen, um in der Diele hinter der Bühne zu warten.

„Sie sehen beide fantastisch aus“, flüsterte der Schauspiellehrer bei ihrer Ankunft. „Sobald der Wald von Athen sich in einen Obstgarten in Verona verwandelt hat, steigen Sie auf den Balkon, Julia. Schaffen Sie das in diesem Kleid?“

Felicia strahlte ihn an und nickte. Heute Abend würde ihr alles gelingen. Gideon drückte ihr aufmunternd die Hand. Kurz darauf begann sie auf das Signal der Souffleuse, vorsichtig die Leiter hinaufzusteigen – Gideon zu ihren Füßen bereit, sie aufzufangen, falls sie ausrutschte. Sie erreichte ihr „Zimmer“ und blieb halb hinter dem Fenster verborgen, während der Vorhang sich öffnete und Romeo durch den „Obstgarten“ über die Bühne schritt.

Die Strumpfhose umschloss seine muskulösen Sportlerbeine wie eine zweite Haut, und das kurze Brokatwams betonte seinen fantastischen Oberkörper. Alle jungen Mädchen im Saal seufzten heimlich, während er sehnsüchtig zu dem Balkon hinaufblickte.

Autor

Catherine George

Die öffentliche Bibliothek in ihrem Heimatort nahe der walisischen Grenze war der Ort, an dem Catherine George als Kind in ihrer Freizeit meistens zu finden war. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Mutter, die Catherines Lesehunger förderte. Zu einem Teil ist es sicher ihrer Motivation zu verdanken, dass Catherine George...

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