Was Du schon immer über Sex wissen wolltest

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Bei dem attraktiven Ryder vergisst Sierra zum ersten Mal alle Hemmungen. An den ausgefallensten Orten hat sie mit ihm leidenschaftlichen Sex. Aber ihr Traumlover hat leider auch einen sehr gefährlichen Beruf. Und plötzlich hat Sierra nicht nur eine heiße Affäre, sondern steckt auch mitten in einem aufregenden Abenteuer…
  • Erscheinungstag 25.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753771
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Sommer 1999

Um das Collier der O’Malleys zu stehlen, würde Harry Gibbs alle Fähigkeiten brauchen, die er sich im Lauf seiner langen Karriere angeeignet hatte. Für Harry war das Risiko an sich fast noch wichtiger als die Frage, ob er es tatsächlich schaffen würde, dieses weltbekannte Schmuckstück an sich zu bringen.

Arden Castle, das Schloss der O’Malleys, wurde an drei Seiten durch hohe Mauern begrenzt, an der vierten Seite fiel eine steile Klippe zum Meer ab. Über diese Klippe wollte Harry den Einstieg wagen.

Sein Pferd unter ihm schnaubte nervös, und Harry senkte das Fernglas, um dem Tier den Hals zu tätscheln. „Ruhig, ganz ruhig, Dracula.“

„Schönes Pferd.“

Verwundert sah Harry sich um. Das Mädchen vor ihm hatte grüne Augen, rotes Haar, einen jungenhaft schlanken Körper und trug eine Brille. Er schätzte das Alter des Mädchens auf vierzehn oder fünfzehn, also musste er Bridget, die jüngste Tochter des derzeitigen Schlossherrn, vor sich haben. Wie ein Meisterdieb hatte sie sich angeschlichen.

„Dracula ist ein sehr schönes Tier“, stimmte er lächelnd zu. „Reitest du auch?“

Sie hatte bereits eine Hand gehoben, um das Pferd zu streicheln. Jetzt ließ sie sie wieder sinken. „Nein, ich habe Asthma. Eigentlich darf ich gar nicht hier draußen auf dem Hügel sein. Hier gibt es zu viele Allergene in der Luft.“

„Verstehe. Dann bist du also heimlich hier.“

„Ja.“ Zaghaft lächelte sie. „Aber Sie dürften auch nicht hier sein. Das ganze Land ist Privatbesitz.“

Das Mädchen erinnerte Harry an seine jüngste Tochter. Sierra war zwar größer und hellblond, doch auch sie litt seit der Kindheit an Asthma und wirkte oft so ernst wie die junge Frau vor ihm.

Er setzte sein charmantestes Lächeln auf. „Darf ich mich vorstellen? Harry Gibbs.“

Eingehend musterte sie ihn, dann ergriff sie seine ausgestreckte Hand. „Bridget O’Malley.“

Erstaunt hob er die Augenbrauen. „Dann gehört dir dieses Land ja. Hoffentlich zeigst du mich nicht an. Der Zaun dort hinten war für Dracula und mich einfach zu verlockend.“

„Ich werde Sie nicht verraten. Sonst müsste ich ja auch zugeben, dass ich hier war.“ Wieder lächelte sie. „Wenn ich reiten dürfte, wäre ich sicher auch schon längst über diesen Zaun gesprungen.“

Harry tippte sich an seine Reiterkappe. „Vielen Dank, Bridget O’Malley. Es war mir ein Vergnügen, dich kennen zu lernen.“

Langsam verstärkte sich ihr Lächeln. „Dafür sind Sie mir jetzt aber einen Gefallen schuldig.“

„Welchen?“

„Wenn Sie auf dem Rückweg wieder über den Zaun springen, dann denken Sie an mich.“

„Das werde ich.“

An jenem Abend saß Harry mit einem Cognac vor dem brennenden Kamin. Dieses Cottage außerhalb von Dublin war nur einer von drei Wohnsitzen, die er besaß, aber er war überzeugt, dass seine Tochter Sierra sich hier am wohlsten fühlen würde. Sie war die jüngste der Drillingsschwestern, und Harry hatte sich um sie die meisten Sorgen gemacht.

Um ihn herum waren die Pläne des Anwesens der O’Malleys ausgebreitet. Direkt vor ihm lag sein Plan. Jeden einzelnen Schritt hatte er sorgfältig auf blauen Karteikärtchen aufgelistet. Da er farbenblind war, benutzte er immer kleine blaue Karten, um sie von den übrigen Unterlagen unterscheiden zu können.

Bei diesen Karten musste er ebenfalls an Sierra denken. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich genau wie er Notizen auf blauen Karten gemacht. Jede seiner Töchter hatte etwas von ihm geerbt. Natalie, die älteste der Drillinge, besaß sein Talent im Safeknacken und im Verkleiden. Corinne, seine mittlere Tochter, liebte genau wie er das Risiko.

Von Sierra hatte seine Frau immer behauptet, sie habe die Neugier ihres Vaters und seinen analytischen Verstand geerbt. Auf jeden Fall liebte sie es genau wie er, Listen zu erstellen.

Harry trank noch einen Schluck Cognac. In letzter Zeit vermisste er seine Familie immer stärker, doch wenn er auf irgendeine Weise Kontakt mit ihnen aufnahm, würde er damit das Versprechen brechen, das er seiner Frau Amanda gegeben hatte.

Als die Mädchen zehn gewesen waren, hatten Amanda und er sich getrennt. Bei der Geburt der Drillinge hatte er seine Laufbahn beendet und alles versucht, um mit seiner Familie ein normales Leben in einem Vorort von Washington zu führen. Doch Harry hatte seine abenteuerlichen Raubzüge vermisst.

Seine Frau wollte nicht, dass ihre Töchter denselben Weg einschlugen wie er. Das wollte Harry auch nicht, und so hatten sie sich geeinigt, dass er den Kontakt zu ihnen abbrach, bis sie sechsundzwanzig wurden.

Mittlerweile waren die Mädchen zwanzig Jahre alt, und Harry fragte sich, ob ihm noch sechs weitere Jahre blieben. Aus diesem Grund hatte er beschlossen, ihnen zu schreiben. Die Briefe an Natalie und Corinne hatte er bereits verfasst und bei seinem Anwalt hinterlegt, der sie ihnen in sechs Jahren aushändigen würde, falls Harry dazu nicht mehr in der Lage wäre.

Er blickte auf die Fotos der Schlossmauern. Ein falscher Schritt bei dieser Klettertour würde sein Leben beenden.

Genau dieses Risiko war es, was ihn immer wieder anzog. Natalie und Corinne würden das sofort verstehen, aber er war sich nicht so sicher, ob Sierra es auch nachvollziehen konnte.

Er stand auf und ging mit seinem Cognac zum Schreibtisch, wo er seine Fotosammlung aufbewahrte. Vorhin hatte er seine drei Lieblingsfotos von Sierra herausgesucht. Nicht einmal sein Versprechen hatte ihn davon abhalten können, an den wichtigsten Tagen ihres Lebens heimlich mit dabei zu sein.

Auf dem ersten Foto hielt sie als Schülervertreterin ihres High-School-Jahrgangs die Abschlussrede. Auf dem Bild sah man nicht, dass sie hinter dem Rednerpult blaue Karteikärtchen in den Händen hielt, falls sie Teile ihrer Rede vergaß. Sierra hatte in ihrer Schullaufbahn sehr viel erreicht, doch immer noch mangelte es ihr an Selbstbewusstsein.

Auf dem zweiten Foto saß sie in der Bibliothek des Colleges und las konzentriert. Schon seit frühester Kindheit liebte Sierra Bücher, und Harry hatte ihr fast täglich vorgelesen.

Beim Anblick des dritten Fotos runzelte er die Stirn. Seit der Aufnahme war noch kein Monat vergangen. Als Harry es geschossen hatte, hätte er fast sein Versprechen gebrochen und Sierra angesprochen. Sie saß auf einer Parkbank und sah den Joggern, Radfahrern und Skatern zu. Unendliche Sehnsucht sprach aus ihrem Blick, und das bedrückte Harry.

Sierra durfte sich nicht länger hinter ihren Büchern verstecken. Sie sollte das Risiko eingehen, aktiv am Leben teilzunehmen.

Harry zog einen blauen Briefbogen hervor und fing an zu schreiben.

Liebste Sierra, meine wunderschöne Träumerin …

1. KAPITEL

Wieso bin ich immer so ein Feigling?

Sierra schlängelte sich durch die Menge auf dem Fußweg einer geschäftigen Straße in Georgetown. Ab heute würde ihr Leben sich ändern.

Vor einem Monat hatten Sierra und ihre Schwestern zu ihrem Geburtstag jede einen Brief bekommen. Sierras Schwestern hatten ihre Briefe bereits geöffnet, und im Lauf der Wochen war Sierra mit ihrem eigenen Leben immer unzufriedener geworden. Beruflich lief alles glatt. Erst vor kurzem war ihr ein neuer Posten in Georgetown angeboten worden, und sie hatte bei einem Verlag einen Vertrag für ihr nächstes Buch unterzeichnet, in dem sie das Sexleben von Singles in der Großstadt untersuchte.

Es war ihr bedauernswertes Privatleben, das Sierra immer wieder deutlich vor Augen geführt wurde, sobald sie sich mit ihren Schwestern traf. Natalie und Corinne hatten die Ratschläge ihres Vaters befolgt und führten jetzt sehr glückliche Beziehungen. Sierra dagegen erforschte das Sexleben anderer, doch bei ihr tat sich auf dem Gebiet so gut wie gar nichts.

Als Kind hatte sie unter starkem Asthma gelitten und ständig mit hohem Fieber und Erkältungen zu kämpfen gehabt. Jetzt, mit sechsundzwanzig, war sie das Leben als ewiges Mauerblümchen satt. Sie wollte sich nicht länger damit zufrieden geben, das Leben anderer passiv zu beobachten.

Sierra atmete tief aus. Sicher würde sie sich unzählige Einwände ihrer Schwestern anhören müssen. Sie war zwar nur eine Viertelstunde jünger als Natalie und knapp acht Minuten jünger als Corinne, doch die ganze Familie hatte sie immer als das Küken behandelt.

Entnervt seufzend blieb Sierra stehen und zog eine blaue Karte aus ihrer Leinentasche. Sie las noch einmal die fünf Schritte, um eine sexuelle Beziehung mit einem Mann zu beginnen. Als ersten Schritt auf ihrem Weg zu einem vollwertigen Leben wollte sie mehr über ihre eigenen sexuellen Vorlieben erfahren. Wenn sie sich jetzt in ein sexuelles Abenteuer stürzte, würde sie damit nicht nur ihre Neugier stillen, sondern ihr theoretisches Wissen auch durch praktische Erfahrung untermauern.

Sie steckte die Karte wieder weg und tastete in der Tasche nach ihrem Asthmaspray. Nachdem sie es benutzt hatte, ging sie rasch weiter.

Das „Blue Pepper“ lag nur noch einen Block entfernt. Dort traf sie sich mit ihren Schwestern, die dabei sein wollten, wenn Sierra Harrys Brief öffnete.

Die drei Schwestern hatten Harry gleich zweimal verloren. Einmal im Alter von zehn Jahren, als er die Familie verlassen hatte, um seine Karriere als Meisterdieb wieder aufzunehmen. Damals hatten sie beschlossen, ihn nur noch Harry zu nennen. Als die Schwestern zwanzig gewesen waren, war Harry beim Erklimmen einer Klippe ums Leben gekommen, und sie hatten ihn endgültig verloren. Amanda Gibbs hatte ihren Mann aus tiefstem Herzen geliebt und war nur kurz nach Harrys Tod auch gestorben.

Ganz unerwartet hatten die Schwestern an ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag die Briefe von Harry erhalten. Natalie hatte ihren natürlich gleich am selben Abend noch gelesen. Sie hatte Harrys Mut geerbt und bewies das täglich durch ihren Job bei einer Spezialeinheit der Washingtoner Polizei.

Die sonst so entschlussfreudige Corinne hatte zwei Wochen gebraucht, bis sie Harrys Brief geöffnet hatte. Danach hatte sie die die Ratschläge ihres Vaters unverzüglich in die Tat umgesetzt. Draufgängertum war schon immer Corinnes Stärke gewesen.

Sierra dagegen war überzeugt, überhaupt nichts von ihrem Vater geerbt zu haben. Feige war Harry Gibbs nie gewesen, und Sierra hatte das Öffnen des Briefs jetzt schon fast einen Monat aufgeschoben. Sein Rat an sie war sicher ein anderer als der an ihre Schwestern.

Abrupt blieb Sierra stehen. Sie war in Gedanken schon einen halben Block am „Blue Pepper“ vorbeigegangen. Nervös benutzte sie das Asthmaspray und atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie zum Lokal zurückging. Entschlossen holte sie die blaue Karteikarte wieder aus der Handtasche. Ich schaffe das, sagte sie sich immer wieder, doch als sie sich in der Fensterscheibe des Restaurants sah, zögerte sie. Sie hatte das Haar zu einem Knoten zusammengebunden, trug ein weites graubraunes Jackett, einen dazu passenden Rock und flache Schuhe. Sierra Gibbs, die graue Maus, dachte sie.

Sie war ihre eigene Feigheit leid. Entschieden stieß sie die Tür zum „Blue Pepper“ auf.

Für Ryder Kanes Geschmack gab es im „Blue Pepper“ zu viele Yuppies. Und ich bin einer von ihnen, dachte er. Vor fünfzehn Jahren hatte er noch auf den Straßen von Baltimore jeden Tag ums Überleben gekämpft. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, irgendwann im Maßanzug in einem angesagten Restaurant in Georgetown, das zu Washington gehörte, zu sitzen.

Seine Tante Jennie wäre jetzt sicher stolz auf ihn, und wenn seine Mutter ihn so sehen könnte, würde sie es vielleicht bereuen, ihn damals verlassen zu haben, als er zwölf war.

Verbittert trank er einen Schluck Bier. Seinen Erfolg verdankte er seinem kleinen Unternehmen namens „Kane Management“, einem Sicherheitsdienst auf höchstem technischen Niveau. Doch Ryders eigentliches Interesse galt seinem anderen Unternehmen „Favors for a Fee“. Bei den ganz speziellen Aufträgen, die er für ausgewählte Kunden ausführte, konnte er auf die Erfahrungen seiner zweijährigen Dienstzeit in einer Spezialeinheit der Army zurückgreifen.

Heute war er mit Mark Anderson, einem Journalisten der „Washington Post“, verabredet. Er freute sich auf das Treffen mit seinem Freund, den er schon aus Baltimore kannte. Damals waren sie beide fünfzehn gewesen, ständig im Konflikt mit dem Gesetz und immer auf den Straßen unterwegs. Eine engere Freundschaft konnte man sich gar nicht vorstellen.

Auf seiner Mailbox hatte er eine Nachricht seines Freundes vorgefunden. „Ich brauche bei einer ganz heißen politischen Sache dringend deinen Rat. Komm um fünf ins ‚Blue Pepper‘.“

Ryder drehte sich auf dem Barhocker leicht zur Seite und sah zum Eingang und dem etwas höher gelegenen Restaurantbereich. Seit einer halben Stunde wartete er jetzt schon auf Mark. Gerade wollte er noch einen Schluck Bier trinken, als er vor der gläsernen Eingangstür eine große Blondine entdeckte. Sie trug das Haar nach hinten gebunden, und trotz des weiten Jacketts und des langen Rocks konnte Ryder sehen, dass sie schlank war.

Große schlanke Frauen mit langen Beinen waren Ryders Schwäche. Er beobachtete, wie die Frau ihren Inhalator benutzte und nervös vor dem Eingang auf und ab lief, während sie ein blaues Kärtchen in ihrer Hand las. Schließlich steckte die Frau die Karte zurück in die Tasche, straffte die Schultern und näherte sich wieder der Eingangstür.

Ryders Neugier war geweckt. Diese Frau benahm sich, als müsse sie vor ein Erschießungskommando treten. War sie hier mit einem Mann oder mit Freunden verabredet? Sie sah nicht so aus, als würde sie sich auf dieses Treffen freuen. Nachdenklich zog Ryder die Augenbrauen zusammen.

Sie betrat das Restaurant und stieg die Stufen zur Bar herauf. Je näher die Frau kam, desto deutlicher erkannte Ryder die Anspannung in ihrem hübschen Gesicht. Fast panisch umklammerte sie die große Leinentasche, die über ihrer Schulter hing.

Als die Frau hinter ihm entlangging, stieß ein angetrunkener Gast einen anderen Mann an, und dieser stieß wieder gegen den nächsten. Der wiederum rempelte die Blondine an, und sie wankte Halt suchend nach hinten.

Das ist Schicksal, dachte Ryder und hielt die Frau am Ellbogen fest, damit sie nicht stürzte. Einen Moment lang nahm er ihren Duft wahr, der ihn an warme Nachmittage im Sommer und Limonenkuchen erinnerte. Ryder überkam der Wunsch, die Blondine zu sich herumzudrehen und an sich zu pressen, nur um zu erfahren, wie ihr Körper sich anfühlte. Aber seine Intuition sagte ihm, dass diese zerbrechlich wirkende Blondine ihm Schwierigkeiten bringen würde.

„Alles in Ordnung?“, fragte er leise, als sie das Gleichgewicht wiedergewonnen hatte.

„Ja.“ Dann holte sie erschrocken Luft. „Meine Tasche!“

Die Leinentasche lag auf dem Boden, und der Inhalt war verstreut.

Ryder ging in die Knie und hob den Inhalator auf, den sie gerade eben noch benutzt hatte. Unter dem Barhocker lagen ein paar blaue Karteikarten und ein Fläschchen mit verschreibungspflichtigen Pillen. Sierra Gibbs lautete der Name auf dem Etikett. Ganz automatisch registrierte Ryder, dass sie bei einem Migräneanfall täglich zwei dieser Pillen nehmen sollte.

„Danke.“

Ihre Stimme klang tief und ein bisschen atemlos. Ryder wandte sich ihr zu. Sie kniete vor ihm und blickte ihm in die Augen. Einen Moment lang war er zu keinem Gedanken mehr fähig.

Das Gefühl, das ihn in diesem Augenblick durchströmte, war Ryder völlig fremd. Aus der Nähe sah er die kleinen Sommersprossen auf ihrer zarten, seidigen Haut, und am Kinn entdeckte er eine winzige Narbe.

Einige Strähnen ihres Haars hatten sich aus dem Haarband gelöst und hingen ihr in die Stirn. Ganz unbewusst streckte Ryder die Hand aus und schob ihr eine lose Strähne hinters Ohr. Als er dabei ihr Gesicht berührte, hörte er die Frau rasch Luft holen. Er verspannte sich am ganzen Körper und blickte wie gebannt auf ihre ebenmäßigen weißen Zähne, mit denen sie sich nervös auf die Unterlippe biss. Ihm wurde heiß, als er sich vorstellte, ihre vollen Lippen zu küssen.

Anscheinend war es nichts als pure Lust, was er empfand. Damit konnte er umgehen. Wieder sah er ihr in die dunkelblauen Augen. Wie ein Bergsee, dachte er, in den man hineinspringen möchte, auch wenn man nicht weiß, was unter der Oberfläche lauert.

„Sie erinnern mich an irgendjemanden“, sagte sie, und der Klang ihrer Stimme verstärkte Ryders Erregung.

„Tatsächlich?“ Er bemerkte den immer durchdringenderen Ausdruck ihres Blicks, als versuche sie, ihm bis in die Seele zu sehen.

Sie atmete tief durch. „Sind wir uns schon mal irgendwo begegnet?“

Er lächelte. „Ist das nicht eigentlich mein Text?“

Sierra errötete. Schon beim ersten Kontakt mit diesem Mann war sie nervös geworden, obwohl sie seine feste muskulöse Brust nur ganz flüchtig berührt hatte. So intensiv hatte sie noch nie auf einen Mann reagiert, schon gar nicht auf einen Fremden in einer Bar.

Und jetzt glaubte er, sie mache einen Annäherungsversuch. „Ich versuche nicht, Sie … Es ist nur, dass ich …“ Wie sollte sie denn dieses seltsame Gefühl erklären? „Ich …“

„Schon gut.“ Er hob die Hand. „Sagen Sie nicht, dass Sie nichts von mir wollen. Darunter könnte mein Selbstbewusstsein leiden.“

„Das kaufe ich Ihnen nicht ab.“ Dieser Mann strahlte eine unbändige Selbstsicherheit aus. Er sah nicht nur blendend aus, sondern wirkte vitaler als alle anderen. Seine Bräune kam sicher nicht aus dem Solarium, und die Muskeln stammten nicht aus einem Fitnessstudio. Er wirkt gefährlich, dachte Sierra.

Dann lächelte er, und sofort glitt ihr Blick zu seinem Mund. Einen Moment lang konnte sie überhaupt nichts mehr denken. Wie mochte es sich anfühlen, diese Lippen zu küssen? Sierra erschrak vor sich selbst. Noch nie hatte sie sich so sehr danach gesehnt, einen Mann zu küssen.

„Lassen Sie uns noch mal ganz von vorn anfangen.“ Er nahm ihre Hand. „Ich behaupte, Sie irgendwo schon einmal gesehen zu haben, stelle mich Ihnen vor und lade Sie zu einem Drink ein. Und dann sagen Sie …“

Sierra konnte keinen Ton herausbekommen. Sie knieten beide auf dem Boden der Bar und verschränkten die Finger. Ihre Knie berührten fast seine, und noch nie hatte sie sich einem Mann so verbunden gefühlt. Sie sehnte sich nach diesem Fremden und nach seinem Kuss. Was würde denn geschehen, wenn sie sich jetzt ein bisschen nach vorn lehnte, den Arm ausstreckte, und den Mann an sich zog?

Fast als habe er ihre Gedanken gelesen, verstärkte er den Griff und legte die freie Hand in Sierras Nacken. „Ich möchte Sie küssen“, sagte er leise.

Verblüfft sah sie ihm in die Augen, und sofort kehrte die Unsicherheit zurück. „Das … das wagen Sie nicht.“

Fragend hob er die Augenbrauen. „Wenn Sie es nicht wollen, sollten Sie mich lieber nicht herausfordern.“

Dass er gefährlich war, hatte sie bereits geahnt, aber sie hatte nicht mit ihrer eigenen Erregung gerechnet. „Es sollte keine Herausforderung sein. Wir sind in einer gut besuchten Bar und kennen uns überhaupt nicht.“

Wieder lächelte er. „Ja und? Worauf wollen Sie hinaus?“

Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. Ja, worauf wollte sie hinaus? Wenn sie tatsächlich eine intime Beziehung anfangen wollte, musste sie schließlich irgendwo ansetzen. Das hier konnte eine hilfreiche Erfahrung werden. „Noch nie habe ich mich danach gesehnt, jemanden zu küssen, den ich nicht kenne.“

Seine Pupillen weiteten sich eine Sekunde lang, und unwillkürlich hielt Sierra den Atem an.

„Dann haben wir ja etwas gemeinsam“, entgegnete er leise und küsste sie.

Sierras Gefühle wirbelten durcheinander. Sogar beim Küssen wirkte er selbstsicher. Seine Lippen fühlten sich fest an, und beinahe hätte Sierra aufgestöhnt, als sie seine Zungenspitze fühlte. Ein Schauer der Erregung durchrieselte sie.

Er küsste sie, als habe er alle Zeit der Welt. Noch nie hatte Sierra sich so lebendig gefühlt. Sie spürte ihren Pulsschlag in den Schläfen, und ihr wurde immer heißer. Alle Sorgen und jede Unsicherheit lösten sich in nichts auf. Noch nie hatte sie sich so begehrt und frei gefühlt.

Sie umfasste seine muskulösen Schultern. Sie wollte ihm durch das dunkle Haar fahren, seine Brust, seinen Rücken und seinen festen Bauch fühlen. Und zwar ohne störende Kleidung.

Aufstöhnend legte sie ihm beide Hände um den Nacken und zog den Fremden noch enger an sich.

Es ist doch nur ein Kuss, schoss es Ryder durch den Kopf. Warum bin ich dann so überwältigt?

Vom ersten Moment an hatte er dieses Knistern gespürt, und er wusste aus Erfahrung, wie er dafür sorgen konnte, dass mehr daraus wurde. Er hatte Sierra reizen wollen, um dann auszukosten, was sie ihm zu geben bereit war.

Ihre Lippen glühten förmlich, und ihre Leidenschaft brannte genauso heiß wie seine eigene. Sie wirkte überhaupt nicht zögerlich und zurückhaltend, wie er es erwartet hatte, sondern kühn und fordernd. Gleichzeitig strahlte sie auch eine seltsame Unschuld aus. So etwas hatte er bislang noch bei keiner Frau erlebt.

Diese Frau besaß die Macht, sein perfekt geordnetes Leben vollkommen umzukrempeln, das spürte er. Das beunruhigte ihn noch viel mehr als die Tatsache, dass er hier, in einer Bar voller Menschen, drauf und dran war, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Ganz langsam rückte er von ihr ab. Ihr Blick verriet ihr intensives Begehren und wie sehr sie über sich selbst erschrocken war. Ihr Knoten hatte sich gelöst, das blonde Haar umrahmte niedlich zerzaust ihr schönes Gesicht.

„Alles in Ordnung?“ Seine Stimme klang belegt. Wer war diese Frau, dass sie ihn so verwirrte.

Schon seit Jahren ging er emotionalen Bindungen aus dem Weg. Er durfte sich auf niemanden verlassen, das hatte er gelernt, als seine Mutter ihn verließ, und es hatte sich bestätigt, als später seine Tante gestorben war. Seit damals waren seine Beziehungen zu Frauen unkompliziert und nur auf Spaß ausgerichtet. Die Frau vor ihm dagegen machte den Eindruck, als könne sie seine Grundsätze spielend ins Wanken bringen.

Als sie die Augen schloss und leicht in sich zusammensackte, bekam Ryder Angst. „Alles in Ordnung?“, fragte er noch einmal und umfasste ihre Schultern fester.

Nein, es war überhaupt nichts in Ordnung. Sierra erkannte sich selbst nicht wieder. Sie richtete sich auf. Wenn sie sich nicht gerade so zittrig gefühlt hätte, hätte sie vielleicht die Kraft gefunden, nach ihrem Inhalator zu suchen. Stattdessen zählte sie langsam bis zehn und atmete tief durch. „Bestens. Mir geht’s gut.“ Was hatte sie sich dabei gedacht, ihn zu küssen? Schlimmer noch, sie sehnte sich schon jetzt nach dem nächsten Kuss! Ein paar Momente lang hatte sie sich hemmungslos und begehrenswert gefühlt, als sei sie ein völlig anderer Mensch.

„Hier.“ Er drückte ihr etwas in die Hand. „Brauchst du das hier? Oder dies?“

Langsam fing ihr Gehirn wieder zu arbeiten an. Sie blickte nach unten. Er reichte ihr den Inhalator und ihre Pillen. Ich bin Sierra Gibbs, rief sie sich ins Gedächtnis, ich habe Asthma und leide unter Migräne. Ich küsse keine wildfremden Männer in irgendeiner Bar. Hastig benutzte sie den Inhalator, und sofort fühlte sie sich wieder etwas sicherer.

„Danke.“ Sie blickte dem Mann in die Augen.

Das Verlangen war aus seinem Blick gewichen und hatte ernster Besorgnis Platz gemacht. Schon ihr ganzes Leben lang hatte sie in Männern den Beschützerinstinkt geweckt. Selbst Bradley Winthrop, mit dem sie sich seit kurzem traf, behandelte sie, als wäre sie aus Porzellan.

War das nicht einer der Gründe gewesen, weswegen sie ihren Fünfstufenplan entworfen hatte? Sie wollte nicht mehr das Baby sein, um das jeder sich sorgte. Sie wollte ihr Alltags- und auch ihr Sexleben selbst bestimmen. Im Grunde wollte sie so sein, wie sie sich gerade eben in den Armen dieses Mannes gefühlt hatte.

Sierra versuchte, sich an die fünf Schritte ihres Plans zu erinnern, aber das gelang ihr beim durchdringenden Blick der grauen Augen des Mannes nicht mehr. Zum ersten Mal erschien ihr die Vorstellung, die Kontrolle über sich zu verlieren, eher als verlockend als bedrohlich.

„Lass dich wenigstens zu einem Drink einladen. Du siehst aus, als könntest du einen Drink genauso gebrauchen wie ich.“

„Ja, einverstanden.“ Doch dann fiel ihr wieder alles ein. „Nein, ich kann nicht. Das hätte ich fast vergessen.“ Wie hatte sie ihre Schwestern und Harrys Brief bloß vergessen können!

„Bist du verabredet?“

„Ja.“ Sierra stopfte die Pillen und den Inhalator zurück in ihre Tasche. Dann entdeckte sie ihren Terminkalender unter einem Hocker und wollte schon danach greifen, doch der Fremde war schneller.

„Dr. Sierra Gibbs“, las er von der herausgefallenen Visitenkarte ab. „Worin hast du denn einen Doktortitel?“

„In Psychologie und Soziologie.“ Sie sah sich um, doch den Brief ihres Vaters konnte sie nicht entdecken.

„Gleich zwei Doktortitel? Beeindruckend. Dann bist du also Psychiaterin?“

Sie wich seinem Blick aus. „Nein, ich arbeite als Psychologin. Ich habe also keine Couch und keine Praxis.“ Sie traute sich nicht, ihn anzusehen, denn sonst würde sie bestimmt wieder auf seine Lippen starren. „Ich unterrichte in Georgetown an der Uni, und dort arbeite ich auch an Forschungsprojekten.“ Flüchtig blickte sie zu seinem Mund zurück. Wenn sie jetzt den Mut fand, ihn noch einmal zu küssen, würde sie dann dasselbe empfinden wie vorhin? Zögernd stand sie auf. „Ich muss jetzt wirklich los.“

Sie war bereits auf halbem Weg zur Treppe zum Restaurantbereich, als ihr der Brief wieder einfiel. Leicht panisch fuhr sie herum. Der Mann stand direkt hinter ihr und hielt ihr den Umschlag entgegen.

„Der lag unter einem Barhocker.“

„Vielen Dank.“

„Das habe ich gern getan.“ Ryder hielt ihre Hand fest, bevor Sierra sich wieder abwenden konnte. Er legte ihr einen Finger unter das Kinn, so dass sie ihm in die Augen sehen musste. „Ich habe Sie auch gern geküsst, Dr. Gibbs.“

„Ich … es war … ich denke nicht …“

Ryder musste lächeln. „Küsse sind doch dann am besten, wenn man nicht denkt, findest du nicht?“

Sie wurde rot, und Ryder spürte die Unschuld, die ihm schon zuvor an ihr aufgefallen war. Wie viele widersprüchliche Charakterzüge mochte er noch an ihr entdecken? Eine Mischung aus Neugier und Verlangen überkam ihn.

„Der Kuss war …“, setzte sie an.

„Überwältigend. Erregend.“

„Ja, aber ich finde … ich bin sicher …“

Ryder war drauf und dran, sie noch einmal zu küssen, doch in diesem Moment klingelte sein Handy. „Einen Moment“, sagte er zu Sierra Gibbs, bevor er sich abwandte und das Handy ans Ohr hielt.

„Ryder? Ich bin’s. Mark.“ Eine Sekunde lang war nur Rauschen zu hören. „… verspätet … kann nicht … schaffen.“

Stimmt. Eigentlich war er ja mit Mark Anderson verabredet. „Wo steckst du?“

„Ich habe … glaube, das ist es wert.“

Autor

Cara Summers
Eigentlich wollte Cara Summers Schauspielerin werden, doch daraus wurde leider nichts, da sie erstens ihren Mann kennenlernte und zweitens drei bezaubernde Söhne bekam. Als die Jungen aus dem Gröbsten raus waren, besann sie sich darauf, dass sie im Alter von sechzehn Jahren einen Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen hatte, und widmete sich fortan...
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