Wo ist Helena?

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Als die Architektin Carrie spürt, dass der Unternehmer Andrew - der Mann, den sie schon lange liebt - sie heiß begehrt, könnte sie am Ziel ihrer Träume sein. Trotzdem zögert sie, seine Geliebte zu werden, denn sie weiß nicht, was mit seiner Verlobten Helena geschah, die seit zwei Monaten verschwunden ist …
  • Erscheinungstag 09.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756925
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Im Gegenverkehrsbereich auf der Autobahn kurz vor Gatwick hatte der Wind die orangeweißen Markierungskegel umgeworfen, und jeder war gezwungen, auf den Pannenstreifen auszuweichen. Jeder? Außer mir und dem Verrückten, der mit seinem Lastwagen viel zu dicht auffährt und womöglich gleich in meinem Kofferraum landet, ist doch niemand unterwegs, dachte Carenza. Beschleunigen würde sie jedenfalls nicht! Es war schlimm genug, im Dunkeln fahren zu müssen. Bei den heftigen Böen, die den Wagen immer wieder seitwärts drängten, und geblendet vom Widerschein der Lichter im Rückspiegel, war es ein Albtraum!

So ein Irrer! Carenza schimpfte. Was war aus den Rittern der Landstraße geworden, den rücksichtsvollen und hilfsbereiten Fernfahrern? Zu denen zählte der hinter ihr bestimmt nicht. Als sie sich der Ausfahrt zum Flughafen näherte, endete der Gegenverkehrsbereich, und der Lastwagen donnerte an ihr vorbei. Während sie den Rücklichtern nachblickte, fühlte sie sich plötzlich verlassen.

Du bist verrückt, Carrie, tadelte sie sich und verzog gereizt die Lippen. Wenn sie nicht ihren Skizzenblock vergessen hätte, würde sie jetzt nicht nachts und bei diesem Sturm fahren müssen. Ein Windstoß drückte wieder einmal das Auto seitwärts, und sie war so damit beschäftigt, den Wagen in der Spur zu halten, dass sie die richtige Ausfahrt verpasste. Sie nahm die nächste, weil sie vermutete, auch diese würde sie ans Ziel führen, was sich aber bald als Irrtum herausstellte. Trotzdem fuhr sie weiter, statt umzudrehen und zur Autobahn zurückzukehren.

Keine Panik!, ermahnte Carenza sich. Sie war hier in Sussex, nicht irgendwo in der Wildnis, und alle Straßen mussten zu einer Stadt führen. Horsham war nicht weit entfernt. Allerdings sah man überhaupt keine Lichter, was seltsam war, da sich in unmittelbarer Nähe doch zwei Autobahnen und ein großer Flughafen befanden.

An der nächsten Kreuzung bog sie links ab, weil ein Gefühl ihr sagte, dass sie nun den richtigen Weg gefunden habe, und gelangte in den „St.-Maxims-Forst“, ein ziemlich ausgedehntes Waldgebiet. Nervös blickte sie auf die Bäume, die vom Wind wild geschüttelt wurden. Es wäre wohl doch besser, umzudrehen und nach Hause zu fahren. Sie konnte Beck ja am nächsten Morgen anrufen. Der Sturm wurde immer schlimmer und wirbelte abgerissene Zweige über die Straße.

Plötzlich fühlte Carenza sich im Auto nicht mehr sicher. Sie erinnerte sich noch gut an den fürchterlichen Orkan einige Jahre zuvor und daran, wie viel Schaden er angerichtet hatte. Bestimmt hätten die Meteorologen diesmal rechtzeitig eine Sturmwarnung im Fernsehen verkündet, beruhigte sie sich, und sofort fiel ihr ein, dass sie ja die Nachrichten nicht gesehen hatte. Es war zwar windig gewesen, als sie von zu Hause losgefahren war, aber keinesfalls so schlimm wie jetzt. Nun war es allerdings zu spät, sich Vorwürfe zu machen. Im Scheinwerferlicht tauchte ein Gebäude auf, und sie bremste. Es war ein altes Gasthaus mit dem seltsamen Namen „Zum stummen Drachen“. Leider war es geschlossen, nutzte ihr also überhaupt nichts, da sie dort nicht nach dem richtigen Weg fragen konnte.

Sie fuhr weiter und gelangte schließlich zu einer Kreuzung, an der – wie der Wegweiser anzeigte – eine Straße nach Horsham abging. Am besten fahre ich dorthin, beschloss Carenza. Von Horsham aus kannte sie den Weg zu Becks Anwesen.

Mit gestärktem Selbstvertrauen gab sie Gas. Nach einer Weile kam sie an einem großen Tor vorbei, auf dem in goldenen Buchstaben die Wörter „Drachennest“ geschrieben standen. Hier scheinen Drachen ja sehr beliebt zu sein, überlegte sie und lächelte.

Ein kleines Tier, vielleicht ein Kaninchen oder ein Fuchs, überquerte dicht vor dem Auto überraschend die Straße, und Carenza verringerte das Tempo. Plötzlich hörte sie von draußen ein so lautes Tosen, als würde ein Schnellzug direkt neben ihr vorüberbrausen.

Erschrocken blickte sie sich um und traute ihren Augen nicht. Große, alte Bäume wurden vom Wind niedergedrückt wie Grashalme einer Sommerwiese, und sie war mittendrin! Unwillkürlich hatte sie das Tempo noch weiter verlangsamt und trat jetzt aufs Gaspedal. Zu spät! Das Tosen und Brausen verwandelte sich in ein Kreischen, das klang, als wären alle Furien der Hölle losgelassen worden. Dann neigte sich der Baum rechts vor ihr immer tiefer, und sie sah, dass er brutal entwurzelt wurde und jede Sekunde auf die Straße zu stürzen drohte. Zum Bremsen war es zu spät, deshalb beschleunigte Carenza den Wagen, obwohl ihr klar war, dass es sie wahrscheinlich auch nicht retten würde. Trotzdem war es den Versuch wert.

Der Baum krachte aufs Autodach, knapp hinter ihrem Kopf. Von Panik erfüllt, ließ sie sich seitwärts auf den Beifahrersitz fallen, während der riesige Stamm unerbittlich das dünne Metall über ihr zerdrückte.

2. KAPITEL

Carenza lag da, die Augen fest geschlossen, hielt den Atem an und wartete. Sie vermeinte beinahe, das Gewicht des Baums zu verspüren und das Knirschen des Metalls zu hören, was aber nicht sein konnte, da der Sturm heulend durchs Auto pfiff.

Langsam öffnete sie die Augen. Viel konnte sie nicht erkennen, nur dass die Tür und die Lehne des Fahrersitzes eingedrückt waren, ebenso das Dach. Alle Scheiben waren geborsten, und kleine Glassplitter bedeckten ihre Schenkel. Das alles stellte Carenza ganz sachlich fest. Seltsam, sie empfand keine Panik oder Hysterie, und sie war zum Glück unverletzt geblieben – jedenfalls glaubte sie das. Sie lag völlig verkrampft in einer äußerst unbequemen Position eingeklemmt da.

Da sie eine unabhängige junge Frau war, die sich eigenständig durchs Leben schlug, verfiel sie nicht auf den Gedanken, tatenlos darauf zu warten, dass jemand vorbeikam und sie befreite.

Vorsichtig hob sie den Kopf und stieß gegen Metall, deshalb senkte sie ihn wieder. Weil der Schaltknüppel unangenehm gegen ihre Hüfte drückte, versuchte sie, ein Stück weiterzurutschen. Dabei ächzte und knirschte das Auto Unheil verkündend, und sie verhielt sich lieber wieder still.

Der schwere Baum hindert das Auto daran, weiterzurollen, sagte Carenza sich. Sie vermutete außerdem, dass er keinen weiteren Schaden anrichten konnte, deshalb versuchte sie, die Füße auf den Beifahrersitz zu stellen – beziehungsweise auf das, was davon übrig geblieben war. Das schaffte sie nicht, denn sie konnte die Beine nicht unter dem verbogenen Armaturenbrett herausziehen. Verkrümmt lag sie da, mit dem Gesicht nach unten.

Vorsichtig tastete sie nach dem Hebel es Beifahrersitzes, zog daran – und der Sitz schoss wie eine Rakete nach hinten. Carenza fiel auf den Boden und fluchte, als plötzlich die Alarmanlage losging. Was für eine absurde, lächerliche Situation!

Wie eigenartig, dass wir Engländer uns meistens zuerst darüber sorgen, womöglich einen schlechten Eindruck zu machen, statt uns zu fragen, wie wir uns fühlen, dachte Carenza.

Behutsam richtete sie sich auf und schaffte es, die Rücklehne des Sitzes ganz nach hinten zu klappen. Und jetzt? Konnte man die Heckklappe eines Kombis eigentlich von innen öffnen? Falls es ihr überhaupt gelang, freizukommen und nach hinten zu kriechen! Wenn nicht, muss ich eben warten, bis jemand kommt und mich hier herausholt, dachte sie missmutig, während sie sich angestrengt zu befreien versuchte. Ein Retter würde allerdings wahrscheinlich erst dann erscheinen, wenn es hell wurde oder der Sturm sich gelegt hatte. Und danach klang es noch nicht, obwohl das erschreckende Tosen und Heulen etwas nachgelassen hatte.

Ob das ein richtiger Tornado gewesen war? So war es ihr jedenfalls vorgekommen. Allerdings hatte sie noch nie einen Wirbelsturm erlebt, sie kannte dieses Naturereignis nur aus den Nachrichten, und England war ihres Wissens noch nie von einem heimgesucht worden.

„Sei endlich still!“, schrie Carenza plötzlich die Alarmanlage an. Die vergeblichen Befreiungsversuche raubten ihr die Kraft, und sie war einem Wutanfall nahe. Plötzlich glitt ein Lichtschein über sie und verschwand gleich darauf wieder.

Überrascht hob sie den Kopf. „Hallo!“, rief sie.

„Carenza?“ Jemand leuchtete mit einer Taschenlampe durch das zerborstene Seitenfenster.

„Können Sie mich sehen?“, fragte Carenza törichterweise.

„Ja. Sind Sie verletzt?“

„Nein, nur eingeklemmt“, erklärte sie. Es ist Beck, dachte sie erleichtert. Er war genau der richtige Mann in einer Krise. Als Erstes zog er den Zündschlüssel aus dem Schloss, und die Alarmanlage verstummte endlich.

Wenige Momente später wurde die Heckklappe geöffnet, die Rücksitze wurden umgelegt, und dann schwankte das Auto furchterregend, während Beck hereinkletterte.

„Wo genau sind Sie eingeklemmt?“

„An den Hüften. Ich kann mich überhaupt nicht bewegen.“ Und ich mache auf jeden Fall eine Diät, wenn ich hier herauskomme, schwor Carenza sich.

Er legte die Taschenlampe weg, umfasste Carenzas Arme und zog. Sie stemmte einen Fuß gegen den Boden und schob mit aller Kraft nach. Es tat weh, so zusammengequetscht zu werden, aber darauf achtete sie nicht. Endlich kam sie frei.

„Jetzt aber schnell raus hier!“, rief Beck.

„Lassen Sie mich doch erst mal wieder zu Atem kommen und …“

„Keine Zeit.“

Er klang so angespannt und drängend, dass sie ausnahmsweise nicht widersprach, sondern sich aus dem Auto zerren ließ – in ein absolutes Chaos draußen. Ein Baum direkt vor ihr sah aus, als würde er jeden Moment ebenfalls entwurzelt werden.

Beck umfasste ihren Arm und zog sie aus dem Gefahrenbereich. Rasch kniff sie die Augen zusammen, denn überall wirbelte Staub herum, klammerte sich an Becks Regenjacke fest und folgte ihm blindlings. Sie konnte weder sprechen noch zusammenhängend denken, denn sie brauchte ihre Energie, um sich in Sicherheit zu bringen. Gegen den Sturm konnten sie nicht ankommen, deshalb kehrten sie ihm den Rücken zu. Zweimal stürzte Carenza und wurde von Beck rücksichtslos wieder hochgezogen. Ohne ihn hätte sie es niemals geschafft.

Zerrissene Stromleitungen lagen auf dem Boden, und blaue Funken sprühten übers Gras. Sorgfältig vermieden Beck und Carenza diese Stellen, umgingen gestürzte Bäume oder kletterten darüber, wenn ihnen nichts anderes übrig blieb. In der pechschwarzen Dunkelheit fühlte sie sich wie blind, aber er führte sie unerbittlich weiter, bis sie endlich im Windschatten eines Gebäudes anlangten. Es war himmlisch, dem Sturm nicht länger direkt ausgesetzt zu sein. Erschöpft von der Anstrengung, blieben sie einige Momente lang stehen, um Atem zu schöpfen.

„Sind Sie okay?“, fragte Beck.

An seine Schulter gelehnt, nickte Carenza.

„Bereit zum Weitergehen?“

Wieder nickte sie, und er führte sie entlang einer Steinmauer und um eine Hausecke, hinter der der Sturm sie erneut mit voller Kraft traf. Beck hielt Carenza fest an sich gepresst, suchte in der Jackentasche nach dem Schlüssel und öffnete die Tür. Dann schob er Carenza rasch ins Haus und folgte ihr. Er musste all seine Kraft aufbieten, um die Tür wieder zu schließen. Die plötzliche Ruhe machte Carenza beinah benommen.

Zitternd versuchte sie, ihr völlig zerzaustes Haar zu entwirren, und atmete erleichtert tief durch. Noch immer konnte sie die Hand vor Augen nicht sehen und spürte deshalb nur, dass Beck dicht neben ihr stand. Ein Prickeln überlief sie. Dass sie sich seiner Nähe so überdeutlich bewusst war, schockierte sie.

Ein Schalter wurde betätigt, aber kein Licht flammte auf. Ohne ein Wort zu sagen, umfasste Beck wieder ihren Arm und führte sie weiter in einen Raum, der von glimmenden Kohlen im Kamin schwach erhellt wurde. Nachdem er Carenza zu einem bequemen Sessel gebracht hatte, schürte Beck das Feuer und legte Holz nach. Sein Schatten wirkte riesig und irgendwie gespenstisch.

„Ich mache uns Kaffee“, sagte Beck schließlich gelassen und ging in die Küche.

Carenza lehnte sich zurück und fuhr jedes Mal zusammen, wenn es draußen vor dem Haus krachte. Der Sturm klang jetzt fast noch schlimmer. Vielleicht ist er wütend, dass ihm die Beute entwischt ist, und er will das Haus kaputtpusten wie der böse Wolf im Märchen von den drei kleinen Schweinchen, dachte sie müde. Nein, hier bei Andrew Beckford, den seine Freunde Beck nannten, war sie in Sicherheit. Schon seit einigen Wochen arbeitete sie als Innenarchitektin für ihn, hatte aber jeden unnötigen Kontakt mit ihm vermieden, weil es so am besten war.

Bevor sie Beck zum ersten Mal getroffen hatte, um die Einrichtung des von ihm geplanten Konferenzzentrums zu besprechen, hatte sie sich keine großen Gedanken über ihren Auftraggeber gemacht. Sie hatte schon von ihm gehört und wusste, dass er Archäologe war, Spezialist für das Bergen historischer Schiffe. Außerdem war er ein bekannter Bergsteiger und Weltenbummler, dazu ein begeisterter Segler, der sogar schon einmal an einer Windjammerregatta teilgenommen hatte. Zu ihrer Überraschung war er nicht arrogant und herablassend – wie Carenza ihn sich vorgestellt hatte –, sondern ruhig und selbstsicher.

Vom ersten Augenblick an hatte sie ihn sympathisch gefunden. Er war groß, braunhaarig, und seine grauen Augen blickten meist gelassen, obwohl man ihm anmerkte, dass ihm ein geheimer Kummer zu schaffen machte. Ja, Andrew Beckford gefiel ihr sofort, deshalb stimmte sie zu, für ihn zu arbeiten, ungeachtet der leisen Warnung, die eine innere Stimme ihr zuflüsterte. Als Carenza schließlich herausfand, dass er verlobt war, war es zu spät, den Auftrag noch abzulehnen, auch wenn es das Vernünftigste gewesen wäre.

Nun hörte sie Beck in der Küche hantieren und überlegte flüchtig, dass er einen Gas- oder Holzherd besitzen musste, wenn er trotz des Stromausfalls Wasser kochen konnte.

Schließlich kam Beck mit zwei Bechern dampfenden Kaffees ins Wohnzimmer zurück und reichte ihr den einen, dann stellte er sich neben den Kamin und blickte in die Flammen. Die flackernden Schatten ließen sein Gesicht maskenhaft starr erscheinen, nur die intelligent blickenden, glänzenden Augen wirkten lebendig.

„Waren Sie auf dem Weg zu mir?“, fragte er und sah unverwandt ins Feuer.

„Nicht direkt. Ich habe meinen Skizzenblock im Konferenzzentrum vergessen und daraufhin versucht, Sie dort anzurufen …“

„Ich war heute nicht da.“

„Das habe ich gemerkt. Ich hätte bis morgen warten sollen, aber ich musste einige Maße überprüfen“, erklärte Carenza.

„Und da Sie eine ungeduldige Person sind …“, bemerkte Beck halblaut.

„Ja, leider. Ich ahnte nicht, dass sich ein Orkan zusammenbraut, weil ich den Wetterbericht nicht gesehen hatte. Im März ist es doch oft ziemlich stürmisch, deshalb dachte ich mir nichts Schlimmes.“ Plötzlich wurde sie befangen und nervös, weil sie mit ihm allein war. „Dann habe ich zu allem Übel auch noch die richtige Autobahnabfahrt verpasst und mich verfahren“, fügte sie gespielt munter hinzu. „Was hat es eigentlich mit den Drachen auf sich?“

„Welchen Drachen?“

„Ich bin an einem Gasthaus ‚Zum stummen Drachen‘ und einem Landsitz namens ‚Drachennest‘ vorbeigekommen. Ist der ‚St.-Maxims-Forst‘ berüchtigt für diese Fabelwesen?“

„Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich hängt es mit einer hiesigen Sage zusammen“, meinte Beck.

„Ich hätte den Drachen fragen sollen, dem ich begegnet bin. Wenn einem aber Bäume fast auf den Kopf fallen, schränkt das die Lust am Plaudern irgendwie ein. Tut mir leid“, entschuldigte Carenza sich dann verlegen. „Wenn ich müde bin, rede ich oft wirres Zeug. Und heute habe ich wirklich einen höllischen Tag hinter mir.“ Der womöglich noch schlimmer wird, fügte sie im Stillen hinzu. In dem schwach erleuchteten Raum war sie sich Becks noch viel intensiver bewusst als normalerweise. Da sie nicht länger still sitzen konnte, stellte sie den Becher auf den Couchtisch und stand auf. Sie schob die Hände in die Jackentaschen und ging zum Fenster. „Was haben Sie denn draußen gemacht, Beck? Die Sturmschäden begutachtet?“

„Nein, ich war auf dem Heimweg. Die Straße war blockiert, deshalb habe ich den Landrover stehen gelassen und bin zu Fuß weitergegangen.“

„Zum Glück für mich!“ Sie wandte sich um und lächelte ihn an, was er wahrscheinlich nicht sehen konnte. „Ich mochte mein Auto, und jetzt ist es hinüber. Deswegen traurig zu sein ist eigentlich eine alberne Reaktion, oder? Immerhin bin ich auch nur knapp dem Tod entronnen.“ Sie wandte sich wieder dem Fenster zu, in dem sie nur ihr Spiegelbild sah. Normalerweise war sie niemals um Worte verlegen, aber jetzt wusste sie nicht, was sie sagen sollte.

„Sind Sie hungrig?“, fragte Beck.

Carenza schüttelte den Kopf. „Ich habe etwas gegessen, bevor ich losgefahren bin.“

„Würden Sie mich für eine Weile entschuldigen? Ich muss die Tiefkühltruhe leeren.“

„Ja, natürlich.“

Nachdem Beck das Zimmer verlassen hatte, setzte sie sich wieder in den Sessel. Mit beiden Händen umfasste sie den Becher und genoss es, wie er ihr die Finger wärmte. Du bist dumm, tadelte sie sich. Hätte sie nicht unüberlegt und ohne auf das Wetter zu achten ihre Notizen holen wollen, würde sie jetzt nicht in der peinlichen Lage stecken, ausgerechnet bei Beck Zuflucht vor dem Sturm suchen zu müssen.

Jetzt fehlte nur noch, dass Becks Verlobte hereingeschwebt kam, die schöne Helena, wie Carenza sie spöttisch getauft hatte. Sogar ein Idiot würde die Spannung zwischen mir und Beck bemerken, dachte Carenza. Sie hielt Helena keinesfalls für dumm, auch wenn sie sie nicht näher kannte, sondern nur einmal von Weitem gesehen hatte –, und gar nicht näher kennenlernen wollte.

Ja, Beck war auch angespannt und befangen. Warum? Wenn er Helena liebt, weshalb sollte er sich zu mir hingezogen fühlen?, fragte Carenza sich. Er fand sie attraktiv, dessen war sie sich sicher. Und eben war er genauso wie sie um Worte verlegen gewesen, obwohl er sich normalerweise gut auszudrücken wusste und nicht schüchtern war. Irgendwie hatten sie sich aufgeführt wie zwei Teenager beim ersten Rendezvous.

Träumerisch blickte sie ins Feuer und dachte weiter an Beck – so wie sie unaufhörlich an ihn dachte, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Dass sie eingeschlafen war, wurde ihr erst bewusst, als sie aufwachte. Das Feuer im Kamin flackerte hell und verbreitete behagliche Wärme – wie die Decke, die Beck über sie gebreitet hatte. Graues Licht erfüllte das Zimmer, und es war sehr still. Der Sturm hatte sich gelegt, nur der Regen trommelte gegen die Scheiben.

Carenza sah sich im Zimmer um und verzog, zugleich kritisch und neiderfüllt, das Gesicht. Der Raum war teuer ausgestattet. Als Innenarchitektin konnte sie fast auf den Penny genau abschätzen, wie viel die Einrichtung gekostet hatte. Die entsprach zwar nicht ihrem Geschmack, denn es gab zu viele kleine Tische mit Lampen und sah aus wie aus einem teuren Einrichtungsmagazin kopiert, war aber durchaus stilvoll. Trotzdem gefiel Carenza eigentlich nur das Feuer im Kamin.

Sie war noch nie hier im Haus gewesen. Und Beck hatte sie bisher nur wenige Male im Konferenzzentrum in Gegenwart anderer Leute getroffen. Unglaublich, dass sie hier seelenruhig eingeschlafen war! Wahrscheinlich bin ich in letzter Zeit ständig zu spät ins Bett gegangen, überlegte sie. Das letzte Wochenende war zudem stressig gewesen, weil sie versucht hatte, einen Kunden dingfest zu machen, der ihr noch Geld schuldete. Die dauernde Spannung, ob sie Beck zufällig sehen würde, hielt sie auch oft genug von gesundem Schlaf ab.

Warum dachte sie bloß ständig an Beck? Das musste irgendwann zu Schwierigkeiten führen. Er war mit Helena verlobt, die bestimmt sofort merken würde, dass eine andere sich für ihn interessierte.

Du bist ganz schön naiv und noch dazu masochistisch, wenn du dir trotz allem Hoffnungen auf ihn machst, tadelte Carenza sich. Gähnend schob sie die Decke beiseite und stellte fest, dass ihre maßgeschneiderte Hose schmutzig und an den Knien zerrissen war und die Stiefel vor Schmutz starrten. Die Jacke hatte auch schon einmal besser ausgesehen! Und ihr, Carenza, tat alles weh. Sie dehnte sich, um die verkrampften Muskeln zu entspannen, dann stand sie auf und ging zu dem reich verzierten Spiegel an der einen Wand.

Beim Anblick ihres Spiegelbilds schnitt sie ein Gesicht. Sie sah ja aus wie etwas, das nicht einmal die Katze ins Haus schleppen würde: Ihr langes dunkles Haar war völlig zerzaust und das Make-up verschmiert. Rasch befeuchtete sie einen Finger und wischte die schlimmsten Spuren weg, dann wandte sie sich vom Spiegel ab. Es gab nichts, womit sie ihr Aussehen hätte verbessern können, denn sie hatte nicht einmal einen Kamm zur Hand.

Langsam ging sie in die große Küche und verzog die Lippen. Auch dieser Raum war kostspielig eingerichtet: An der einen Wand stand ein blau emaillierter Kohleherd, die Einbauschränke aus Eichenholz passten genau zum großen Tisch und den Stühlen, die Wandfliesen zum Fußboden, der mit kalten, harten Steinplatten gepflastert war, und die Vorhänge harmonierten farblich mit den Wänden. Hier hatte jemand seine Vorstellung von einer rustikalen Küche verwirklicht. Allerdings sahen Küchen in Landhäusern ganz anders aus, wie Carenza aus Erfahrung wusste. Wo waren die mit Schlamm bespritzten Gummistiefel, die abgetragenen Regenmäntel, und wo war der Korb für den Hund? Wo schlief Becks Hund eigentlich, der auf den eigenartigen Namen Schrauber hörte? Hier bestimmt nicht.

Auf dem Herd dampfte Wasser aus einem Kessel, und auf der Arbeitsfläche standen Milch, Zucker und Pulverkaffee. Carenza nahm einen Becher aus dem Schrank, machte sich Kaffee und ging damit zum Fenster. Es regnete heftig, und in der Ferne grollte Donner. Sie dachte an die bedauernswerten Aufräumkommandos, die bei diesem Wetter ihre Arbeit verrichteten. Der Sturm hatte großen Schaden angerichtet. Weiß wie frische Narben leuchtete das Holz an den Stellen der Bäume, wo Äste abgerissen worden waren. Viele waren entwurzelt worden und umgestürzt. Dachziegel lagen auf dem Rasen verstreut, vielmehr auf dem, was vom Gras noch übrig geblieben war. Hier hatte jemand eifrig gegraben. Wahrscheinlich sollte der Garten als Nächstes umgestaltet werden.

In Gedanken versunken, trank Carenza den Kaffee und fuhr zusammen, als sie hörte, wie die Hintertür geöffnet wurde. Ihr Herz pochte heftig, während sie sich umwandte und Beck anlächelte. Er war völlig durchnässt, und das Haar klebte ihm am Kopf. Freundlich erwiderte er ihr Lächeln, sah ihr aber nicht in die Augen.

„Tut mir leid, dass ich nicht da war, als Sie aufgewacht sind“, entschuldigte er sich. „Ich wollte nachsehen, wie viel Schaden der Sturm angerichtet hat.“

„Das ist schon okay. Wie schlimm ist es denn?“

„Sehr schlimm. Die ‚Front‘, wie die Meteorologen es beschönigend bezeichnen, hat eine Schneise durch Südengland geschlagen, die fast zwei Kilometer breit ist.“ Er zog die Jacke aus und hängte sie über einen Stuhl. „Alles, was dem Orkan im Weg stand, wurde zerstört. Glücklicherweise hat er keine größeren Städte getroffen. Das wahre Ausmaß der Schäden lässt sich wahrscheinlich erst innerhalb der nächsten Tage abschätzen. Es wird jedenfalls noch eine Weile dauern, bis es wieder Strom gibt. Haben Sie gut geschlafen?“

„Ja, danke.“ Da Carenza immer sehr direkt war, sagte sie jetzt unverblümt: „Ich habe Helena noch nicht gesehen.“

Beck blickte beiseite, und in seinem Kinn zuckte ein Nerv. „Sie ist nicht hier.“

„Ach so.“ Anscheinend war das ein heikles Thema, das sie besser mied. Sie war entsetzt über sich, weil sie plötzlich hoffte, er könnte sich von Helena getrennt haben. „Wegen des Sturms verzögert sich jetzt bestimmt auch die Neugestaltung des Gartens, oder?“, meinte sie. Als er nicht antwortete, sah sie ihn fragend an. „Ist der Rasen nicht deswegen umgegraben, weil Sie den Garten neu anlegen wollen?“

„Nein“, antwortete Beck schroff.

„Entschuldigung, ich wollte nicht neugierig sein.“

Er stützte sich auf den Stuhl, über den er seine Jacke gehängt hatte, und sagte ruhig: „Ich möchte die beiden Bereiche getrennt halten.“

„Welche beiden Bereiche?“, hakte Carenza verwirrt nach.

„Mein Haus und das Konferenzzentrum.“ Beck ging zum Herd und schob den Kessel zurück aufs Feuer.

Die Antwort verwirrte Carenza noch mehr. „Warum denn?“

„Weil es einfacher ist.“ Nun wandte Beck sich ihr zu und lächelte erbittert. „Helena ist verschwunden. Sie hat eines Tages das Haus verlassen und ist nicht mehr zurückgekommen.“

„Nicht mehr zurückgekommen?“, wiederholte sie erstaunt. „Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?“ Sie verzog das Gesicht. „Nein, weshalb sollten Sie das tun, es geht mich ja nichts an. Ich bin nur für das Zentrum zuständig, und das wollen Sie ja von ihren privaten Angelegenheiten getrennt halten.“ Deshalb hat er mich nie zu sich eingeladen, dachte sie.

„Ja.“

„Und Helena ist verschwunden, ohne Ihnen zu sagen, wohin?“ Obwohl es sie wirklich nichts anging, war sie doch neugierig.

„Ja.“

„Hatten Sie einen Streit?“

„Nein“, antwortete er, immer noch einsilbig.

„Hat sie einen Liebhaber?“

„Das weiß ich nicht.“

„Und wirklich niemand weiß, wo sie ist?“ Carenza fand das unwahrscheinlich.

„Richtig.“

„Und wie lange schon … ich meine, wann ist Helena …?“

„Verschwunden?“, ergänzte Beck die Frage. „Vor zwei Monaten. Sie hat nichts mitgenommen, weder ihren Pass noch ihre Sachen, kein Geld und nicht einmal ihr Auto.“

„Und?“, hakte Carenza nach, als er verstummte, denn sie hatte das Gefühl, er hätte noch nicht alles gesagt.

„Und die Leute von der Polizei haben das Grundstück umgegraben.“

Kurz blickte sie aus dem Fenster, dann wieder zu Beck. Ihr war elend zumute. „Die Polizisten glauben, Sie hätten Helena getötet?“, fragte sie schockiert.

„Wahrscheinlich nicht, aber ihr Vater beharrte darauf, dass sie nicht einfach so wortlos davonspaziert wäre. Und die Polizei muss alle Möglichkeiten überprüfen, stimmt’s?“

„Haben die Beamten das gesagt?“

„Ja.“

Sie runzelte die Stirn und blickte wieder in den Garten. „Warum meinte Helenas Vater, sie wäre nicht aus eigenem Antrieb weggegangen?“

„Weil er mich nicht mag und mich nicht für gut genug für seine Tochter hält. Er glaubt, ich sei grausam.“

„Das sind Sie nicht“, widersprach Carenza, ohne zu zögern. Sie hätte ihr Leben darauf verwettet, dass er ein gutherziger Mensch war. Wieso aber wusste sie nichts von Helenas Verschwinden? Normalerweise tratschten die Leute doch und verbreiteten Gerüchte. „Glaubt jeder hier, dass Sie Helena umgebracht haben?“

„Ich weiß es nicht. Solche Anschuldigungen kleben jedenfalls wie Pech an einem.“

„Aber es gibt doch keine Beweise, oder?“, fragte sie.

„Nein.“

„Und solange sie nicht gefunden wird …“

„Stehe ich unter Verdacht“, beendete Beck den Satz.

„Das tut mir wirklich leid für Sie“, sagte Carenza ehrlich betroffen.

Er zuckte die Schultern, dann tat er Kaffeepulver in einen Becher und goss das inzwischen heiß gewordene Wasser dazu. „Ich muss versuchen, Ihnen eine andere Unterkunft zu beschaffen, bis die Straßen wieder frei sind“, verkündete Beck plötzlich.

„Warum?“

„Das habe ich Ihnen doch gerade erzählt: Helena ist nicht mehr im Haus.“

„Geht es Ihnen um meinen guten Ruf oder Ihren?“, fragte sie leise.

„Um Ihren, Carrie.“

„Ach, ich glaube, mein Ruf hält das aus. Was mir viel wichtiger ist: Hat sonst jemand hier in der Gegend einen Kohleherd?“

Beck lächelte, aber seine Augen blickten ernst. „Nein. Sie können trotzdem nicht hier bleiben.“

Autor

Emma Richmond

Emma Richmond beschreibt ihre Kindheit als wunderbar idyllisch. In den 50er Jahren war eben die Welt noch in Ordnung: Es gab weite Felder, viel Natur und nur wenige Autos auf den Straßen. Natürlich war Emma damals viel draußen und später als junge Frau in den örtlichen Tanzlokalen unterwegs. Dort lernte...

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