Die Liebe kommt auf Samtpfoten

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Katze Kaila freut sich auf gemütliche Wintertage am Kamin. Vorher muss sie aber dafür sorgen, dass ihr Pflegefrauchen Miriam wieder glücklich wird - zum Beispiel mit dem netten Architekten Sascha? Kaila hat gleich gespürt, dass er der Richtige für Miriam sein könnte. Und so setzt die kluge Katzendame alles daran, diese zwei Menschen zum Fest der Liebe zu vereinen.

"Eine herzerwärmende Geschichte, die die dunkle Jahreszeit aufs Angenehmste erhellt. Für Katzenfreunde und solche, die es (vielleicht) werden wollen."

Petra Schier, Autorin


  • Erscheinungstag 10.10.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783956499272
  • Seitenanzahl 304
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Das kann nicht gut ausgehen, dachte Kaila und erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung von ihrem sonnigen Lieblingsfensterplatz. Ihre Ohren zuckten, und ihre Schwanzspitze bebte vor Anspannung.

Da es schon ihr dritter Winter hier war, wusste sie, dass der glitzernde Schimmer auf den Steinplatten, die zwischen den Beeten verliefen, und die spitzen Zapfen unter Julianes sogenannten Stiefelchen, mit denen sie über den Pfad tapste wie ein neugeborener Welpe, keine vorteilhafte Kombination waren.

Was hatte ihr Mensch überhaupt in dieser Aufmachung im Garten verloren? Heute war doch der Tag, an dem Juliane sich sonst immer in ihre stinkende Rollmaschine setzte und damit hinter dem Horizont verschwand. Wohin auch immer, Kaila machte sich keine großen Gedanken über den Verbleib ihres Menschen, solange sie sicher sein konnte, dass er wieder zurück war, wenn es dunkel wurde. Sie selbst meldete sich schließlich auch nicht ab, wenn sie ihre Runden durch die Nachbargärten machte oder mit dem grau getigerten Kater von gegenüber flirtete.

Na ja, was man so Flirten nennen konnte, wenn der andere eine dermaßen hohe Meinung von sich hatte, dass er es von vornherein für selbstverständlich hielt, dass man ihn anhimmelte, als sei er das größte Geschenk an die Welt.

Ein Eindruck, der ihm offensichtlich von seinem (männlichen!) Menschen vermittelt wurde. Andererseits konnte der Graugetigerte tatsächlich sehr charmant sein, und er war ein großer Fan von Kaila, was doch wieder für ihn sprach. Vielleicht sollte sie ja mal wieder bei ihm vorbeischauen?

Bevor sie diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, ertönte von draußen ein schriller Schrei, und Kailas böse Vorahnung bestätigte sich. Ihr Mensch lag rücklings zwischen den kahlen Beeten und stieß jammernde Laute aus. So ähnlich hatte der Graugetigerte geklungen, als sein Mensch ihm mit einer zweirädrigen Rollmaschine, die weder stank noch lärmte, aber immer mit Füßen getreten werden musste, versehentlich über den Schwanz gefahren war.

Kaila flitzte, so schnell sie konnte, durch die Klappe in den Garten, um die wimmernde Juliane zu trösten. Zärtlich schmiegte sie ihr Köpfchen an Julianes schlaffe Hand. Aber dann kam schon der weibliche Mensch von nebenan durch die Pforte gelaufen, die die beiden Gärten verband. In sehr vernünftigen Schuhen mit dicken, geriffelten Sohlen, wie Kaila erleichtert feststellte; sie hätte nicht gewusst, wie sie mit zwei gefallenen Menschen fertigwerden sollte.

Die Frau kauerte sich neben Juliane und schob ihr eine Hand unter den Rücken. Dabei sprach sie beruhigend auf sie ein. Juliane stöhnte nur gequält. Die Frau hob den großen Beutel auf, in dem Juliane immer Kailas Leckerlis und Spielmäuse mit sich herumtrug, wenn sie länger zusammen unterwegs waren, und der bei ihrem Sturz in weitem Bogen davongeflogen war. Sie holte eine dieser flachen Scheiben heraus, die die Menschen sich immer vors Gesicht oder ans Ohr hielten – und die irgendeinen albernen Namen hatten, den Kaila sich nicht merken konnte –, und redete hastig darauf ein.

Julianes Finger gruben sich in Kailas Fell. Was ziemlich wehtat, aber Kaila kauerte sich ergeben neben sie und hielt den ungewohnt festen Griff tapfer aus. Sie wollte ihrem Menschen unbedingt zeigen, dass sie für ihn da war, und sie hatte das Gefühl, dass es Juliane half, ihre Nähe zu spüren. Dafür ließ sich der kleine Schmerz doch aushalten, dachte Kaila und unterdrückte ein gepeinigtes Maunzen. Aber ehrlich gesagt war sie dann doch erleichtert, als zwei Menschen in rot-gelber Kleidung mit einer Trage in den Garten kamen und sich um Juliane kümmerten.

„Was machen Sie bloß für Sachen, Frau Klausner!“, sagte einer von ihnen, aber es klang gar nicht böse, eher mitfühlend. So, wie Juliane geklungen hatte, als Kailas Bauch einmal ganz hart und fest gewesen war und sie einen ganzen Tag lang nicht fressen mochte, obwohl Juliane sie mit den schönsten Leckerlis gelockt und ihr all ihre Lieblingsspeisen serviert hatte. „Wie es aussieht, ist das Becken gebrochen. Das kann sich hinziehen. Für die nächsten Monate sollten Sie sich mal besser nichts anderes vornehmen, als wieder fit zu werden.“

Juliane Klausner stieß einen tiefen, schmerzerfüllten Seufzer aus. „Ach Kaila …“ Ihre Stimme war ganz rau und so leise, dass man sie kaum verstehen konnte. „Was soll ich bloß mit dir machen?“

1. KAPITEL

Ich hasse die Kasseler Berge“, murmelte Miriam vor sich hin, während sie hinter einem Lkw abbremste, der bei acht Prozent Steigung und Graupelschauern unbedingt den vor ihm fahrenden Laster überholen musste, weil er ungefähr zwei Stundenkilometer mehr draufhatte als die Konkurrenz. Zwar verfügte die Autobahn ausnahmsweise mal wieder über drei Spuren – jedenfalls bis zur nächsten Baustelle –, aber links vorbeiziehen ging nicht. Dafür war Miriams alte Klapperkiste zwischen all den Power-Volvos und BMWs auf der Überholspur definitiv zu schwach auf der Brust.

Zumal sie ihn so vollgestopft hatte wie nur irgend möglich, schließlich sollte ihr Aufenthalt in Beerfelden nicht nur eine Auszeit von ein paar Monaten sein, um Tante Juliane zu helfen, sondern vielleicht – hoffentlich – sogar der Auftakt zu einem Neuanfang, der sie überallhin führen konnte.

Natürlich würde sie nie auch nur denken, wie gut Tante Juliane ihren Glatteis-Unfall getimt hatte. Dafür mochte sie die exzentrische große Schwester ihres spießigen Vaters viel zu gern. Aber tatsächlich hätte der ebenso kleinlaute wie wortreiche Anruf aus der Uniklinik Heidelberg zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Er riss Miriam nicht nur aus ihren selbstmitleidigen Grübeleien, sondern versprach auch genug Abstand von dem Desaster, das sich ihr Leben nannte, sodass sie in Ruhe die Trümmer ihrer Existenz sortieren konnte.

Beim Gedanken an das, was ihr Mistkerl von Ex sich zum bitteren Ende ihrer privaten und geschäftlichen Partnerschaft so alles geleistet hatte, trat Miriam so heftig aufs Gaspedal, dass ihr altersmüder Polo förmlich an dem endlich wieder rechts eingescherten Lastwagen vorbeischoss, was nur deshalb klappte, weil es gerade mal wieder abwärts ging. Wütend drückte sie auf den Senderknöpfen des Radios herum, aber das gab hier auf der Grenze zwischen Niedersachsen und Hessen nur ein nerviges Rauschen von sich. Schließlich schaltete Miriam auf CD um. Rihanna, ungekrönte Queen of Bad Boyfriends, passte ohnehin gerade besser zu ihrer Stimmung als Inforadio in Endlosschleife. Die poppigen, trotzigen Liebesballaden und die helle Stimme der Sängerin brannten scharf und hoffentlich desinfizierend in den Wunden ihres gebrochenen Herzens.

Fast sieben Jahre war sie mit Richard zusammen gewesen; sie hatten sich während des Fotografiestudiums kennengelernt und – bis über beide Ohren verknallt – beschlossen, sich auch beruflich zusammenzutun. Gleich nach dem Abschluss gründeten sie ein kleines Studio für Food- und Produktfotografie.

Dass die Mini-Firma sich zunächst ganz vielversprechend anließ, lag vor allem daran, dass Miriam, angetrieben von ihrem väterlicherseits geerbten Sicherheitsbedürfnis, alle künstlerischen Ambitionen auf Eis gelegt und sich mit Feuereifer in die Aufgabe gestürzt hatte, Aufträge an Land zu ziehen. Dass Richard sich immer wieder „Auszeiten“ für diverse abgedrehte Projekte nahm und dann leider für die appetitliche Inszenierung eines veganen Geschnetzelten „Zürcher Art“ oder das ansprechende Arrangement der neuen Kampagne für Feuchtklopapier mit Kamillenessenz nicht zur Verfügung stand, fing erst an, sie zu stören, als die erste – und zweite und dritte – Verliebtheit abgeklungen war.

Großer Gott, um Richard nicht bei seiner künstlerischen Entfaltung zu behindern, hatte sie sogar noch eine Teilzeit-Assistentin angeheuert. Wie blöd konnte man eigentlich sein? Steffi, von Miriams bester Freundin Jana auch „das blonde Gift“ genannt, war nicht nur ziemlich effizient mit Licht, Kamera und Photoshop, sie hatte auch ein bemerkenswert gutes Händchen im Umgang mit ihrem Boss. Statt wie sonst meist durch Abwesenheit zu glänzen, tauchte Richard plötzlich verdächtig oft im Studio auf. Und kam abends immer später nach Hause.

Tja, dass die beiden partout nicht die Finger voneinander lassen konnten, auch nachdem Miriam die allzu diensteifrige Assistentin in hohem Bogen gefeuert und ein zerknirschter Richard ihr mit tränenerstickter Stimme „nun aber wirklich“ ewige Treue geschworen hatte, war schon schlimm genug.

Aber was ihr endgültig den Rest gab, als die Beziehung schließlich doch mit einem Riesenknall (und ziemlich viel zerschlagenem Geschirr) in die Brüche ging, war die Entdeckung, dass ihr zum Arschloch mutierter Traumprinz sich auch noch schamlos vom Firmenkonto bedient hatte.

Im Spätsommer war Miriam nichts anderes übrig geblieben, als Insolvenz anzumelden. Jetzt stand sie mit ihrer Fotoausrüstung und einer Menge Schulden da, denn sie hatte nicht nur ihre gesamten Ersparnisse in das Studio gesteckt, sondern war auch noch auf einem privat abgeschlossenen Kredit sitzen geblieben, der allein auf ihren Namen lief – womit Richard fein raus war. Wie gesagt, schön blöd.

Nach drei verheulten Nächten mit Wein, Ben & Jerry’s „Peanut Butter Cup“ und einem hirnerweichenden „Downton Abbey“-Marathon mit Jana hatte Miriam ihre Wohnung in Eimsbüttel gekündigt – zu groß, zu leer, zu teuer –, ihr Bett und ihre Regalwand an Freunde verkauft, den restlichen Kram über eBay verscherbelt, ein paar Kisten mit Klamotten und persönlichen Dingen gepackt und war bis auf Weiteres zu ihren Eltern nach Bahrenfeld gezogen, wo sie ihr altes Kinderzimmer wieder in Beschlag nahm, abwechselnd Zukunftspläne schmiedete und wieder verwarf und Trübsal blies.

Mama und Paps gaben sich zwar redlich Mühe, Begeisterung darüber zu verströmen, dass ihre einzige Tochter mit achtundzwanzig Jahren wieder bei ihnen untergekrochen war, konnten aber nicht ganz verbergen, dass sie bei Gelegenheit doch ganz gern ihre hart erarbeitete Privatsphäre wiederhätten.

Höchstens bis Jahresende, das hatte Miriam sich fest vorgenommen. Länger würde sie ihnen nicht zur Last fallen. Vielleicht würde sie sich für den Übergang eine WG suchen, auch wenn sie nicht wirklich der Typ für Gruppenwohnen war. Aber viel wichtiger war, dass sie sich darüber klar wurde, wie es beruflich weitergehen sollte.

Die öde Produktfotografie war nie ihr Traum gewesen, es schien damals nur der beste Weg zu sein, sich ein Leben mit Richard aufzubauen. Eine nicht gerade brillante Idee, wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte …

Aber Miriam war wild entschlossen, aus ihren Fehlern zu lernen. Nie wieder würde sie Privates und Berufliches mischen! Und sie würde auch keine Frühstücksflocken mehr fotografieren. Sondern ihren künstlerischen Ambitionen folgen, sobald sie etwas mehr Klarheit darüber hatte, was genau sie gern machen würde.

Mode vielleicht? Wäre schon spannend, keine Frage, aber es war verdammt schwierig, ohne Beziehungen einen Fuß in diese hart umkämpfte Szene zu kriegen.

Fotoreportagen über interessante Ecken der Welt? Kunstvolle Landschaftsinszenierungen? Auch eine Möglichkeit. Aber dafür müsste sie reisen, und wer sollte das bezahlen?

Tiere? Die verkauften sich immer gut, aber Miriam war keine Hundeflüsterin und konnte einen Vogel nur dann vom anderen unterscheiden, wenn es sich bei dem ersten um einen Storch, beim zweiten um ein Rotkehlchen handelte. Außerdem hatte sie einen Heidenrespekt vor jedem Lebewesen, das größer als ein Schaf war, womit Pferde – und leider auch Büffel und Zebras vor der atemberaubenden Kulisse der afrikanischen Savanne – schon mal durchs Raster fielen. Tauchen konnte sie nicht, vor Spinnen und Schlangen hatte sie Angst, für Schnecken und Schmetterlinge fehlte ihr die Geduld. Nein, eine Tierfotografin war wohl nicht an ihr verloren gegangen.

Mitten in diesen immer wieder von Heulattacken unterbrochenen Grübeleien war Miriam von ihrem vibrierenden Handy unterbrochen worden, und auf dem Display erschien das Bild einer rothaarigen Frau in mittleren Jahren, mit einem riesigen Strohschlapphut auf dem Kopf und einer zierlichen schwarz-weißen Katze auf der Schulter.

Natürlich war Miriam rangegangen. Einen Anruf von Tante Juliane ignorierte man nicht, Liebeskummer plus Zukunftsangst hin oder her.

„Dummheit schützt vor Strafe nicht“, hatte Juliane geächzt, nachdem sie sich in allen Einzelheiten über ihren Unfall ausgelassen hatte. „Wie konnte ich nur denken, es wäre eine gute Idee, mit Satinpumps aus den Sechzigerjahren – übrigens von Bally – in den gefrorenen Garten zu gehen? Aber ich wollte nur noch mal rasch nach den Christrosen sehen, die mir ein bisschen schwächlich vorkamen, und dann zu Susi nach Darmstadt düsen, erst Lunch, dann Theater, unser übliches sonntägliches Kulturprogramm halt. Und wer hätte denn auch mit derart frühem Frost gerechnet? Ende Oktober? Letztes Jahr um diese Zeit haben wir noch draußen sitzen können. Ohne Mantel! Nun ja, ein falscher Schritt und plumps, da lag ich und sah Sterne. Meine Liebe, du kannst dir nicht vorstellen, wie hart so ein Winterbeet sein kann.“

Miriam war noch dabei, ihrem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen, als Juliane ihr energisch das Wort abschnitt. „Ich brauche deine Hilfe, meine Liebe. Denn wie mein gut aussehender junger Arzt mir gerade mitgeteilt hat, komme ich erst in eine Spezialklinik nach Bayern und anschließend dort in die Reha – offenbar die erste Adresse für komplizierte Beckenbrüche, da will ich natürlich nicht protestieren. Wofür zahle ich schließlich jeden Monat ein Vermögen an die Krankenkasse? Wenn ich wieder halbwegs zugange bin, steht eventuell noch ein Kuraufenthalt am Gardasee an. Warum auch nicht, dann ist dort schon wieder Frühling!“

Tante Juliane holte noch einmal tief Luft, bevor sie endlich, aber für ihre Verhältnisse doch ziemlich zügig auf den Punkt kam. „Vor Ende Februar, Anfang März stehe ich auf keinen Fall wieder im Laden. Wahrscheinlich dauert es sogar noch länger, schließlich haben meine Knochen schon etliche Jährchen auf dem Buckel. Ich weiß, dass du dich gerade bei meinem langweiligen Bruder und seiner Frau verkriechst, die Ohren hängen lässt und diesem wahnsinnig attraktiven Mistkerl nachtrauerst, der dein Konto leer geräumt hat. Das kannst du genauso gut in Beerfelden erledigen, das Haus hüten und nebenbei den Laden zumindest halbtags öffnen, denn ein bisschen was vom Weihnachtsgeschäft würde ich trotz Unfall gern mitnehmen.

Aber noch wichtiger wäre mir, dass jemand für Kaila da ist, die war noch nie allein zu Hause. Im Moment schaut die Nachbarin nach dem Rechten, aber die ist eher ein Hundemensch. Außerdem hat sie zwei Kinder, einen Halbtagsjob und einen nervigen Ehemann, daher würde ich sie gern so bald wie möglich von der Pflicht der Nächstenliebe entbinden. Und in eine Tierpension mag ich meine Prinzessin nicht geben, dort würde es ihr gar nicht gefallen.“

Dem konnte Miriam nur aus vollem Herzen zustimmen. Keiner, der jemals von Tante Juliane verwöhnt worden war, würde sich je mit einer Pension abspeisen lassen. Selbst ein Fünfsternehotel könnte da nur schwer mithalten.

„Natürlich entschädige ich dich für deine Mühe, keine Widerrede. Wir sind Geschäftsfrauen, Miriam, da arbeitet man nicht für nichts. Schick mir deine Kontonummer, dann richte ich für die Zeit meiner Abwesenheit einen Dauerauftrag ein. Um die laufenden Kosten für Haus und Geschäft brauchst du dich nicht zu kümmern, das geht alles seinen geregelten Gang.“

Miriam hörte verdattert zu, wie die nächsten Wochen – vielleicht sogar Monate – ihres Lebens durchgeplant wurden. Ein paarmal öffnete sie den Mund, um Bedenken anzumelden. Würde es nicht reichen, für ein paar Tage nach Beerfelden zu kommen, bis Kaila und die Nachbarin miteinander warm geworden waren? Wäre es nicht besser, eine professionelle Vertretung für die Boutique zu finden? Da gab es doch sicher Möglichkeiten. Und wie sollte sie es schaffen, sich ums Geschäft, die Katze und die Wohnung zu kümmern, ohne ihre eigenen Angelegenheiten zu vernachlässigen?

Aber sie wusste aus Erfahrung, dass es einfacher war, einen ICE in voller Fahrt aufzuhalten, als ihre Tante zu unterbrechen, wenn die erst mal richtig losgelegt hatte.

Außerdem … vielleicht war dieser Anruf ja auch ein Wink des Schicksals! Sehr viel länger mochte sie ihren Eltern nicht mehr zumuten, sie zu ertragen, und ein bisschen Abstand von der gewohnten, aktuell durch bittere Erinnerungen belasteten Umgebung konnte ihr eigentlich nur guttun, oder? Schließlich gab es kein besseres Mittel gegen Trübsal als neue Herausforderungen.

Ganz plötzlich war ein zaghaft prickelndes Gefühl der Erwartung in ihr aufgestiegen; definitiv die positivste Emotion, die sie seit Wochen gehabt hatte. Und während sie weiter Tante Julianes Wortschwall lauschte, reifte der Entschluss in Miriam, diese unvermutete Chance auf Veränderung zu ergreifen.

„Nach Weihnachten ist auch meine bewährte Perle Maria wieder im Land, die gerade auf Enkelbesuch in den USA weilt. Sie kommt einmal pro Woche zum Putzen vorbei, bei Bedarf auch öfter. Ich hab ihr gemailt, sie soll sich einfach bei dir melden, wenn sie wieder da ist. Den Schlüssel für die Wohnung kannst du dir bei Frau Jäger nebenan abholen, ich schicke dir gleich ihre Kontaktdaten und auch die der Schneiderin, falls eine Kundin was ändern lassen will. Die Ladenschlüssel findest du am üblichen Ort …“

Damit war die Angelegenheit geklärt gewesen.

Miriam hatte nicht die geringste Ahnung von Katzen. Keine ihrer Freundinnen besaß eine, und im Stadtbild waren sie viel weniger sichtbar als die offenbar stetig wachsende Hundepopulation der Freien und Hansestadt. Warum haben eigentlich plötzlich alle einen Labrador? Aber da Kaila deutlich kleiner war als ein Schaf, würde sie schon mit ihr klarkommen, hoffte Miriam.

Die Kasseler Berge lagen längst hinter ihr, und als das nächste blaue Autobahnschild in Sicht kam, stellte sie erleichtert fest, dass es nur noch fünfzig Kilometer bis zum Frankfurter Kreuz waren.

Miriam war als kleines Mädchen öfter in den Ferien bei Tante Juliane gewesen und mochte die liebliche Mittelgebirgslandschaft, die märchenhaften Wälder und Burgen, die vielen verwinkelten Gassen, die Brunnen, Mühlen und Fachwerkhäuser im Südhessischen. Es war so ganz anders als der platte Norden mit seinem weiten Horizont. Und schön weit weg von den immer noch rauchenden Trümmern ihrer Beziehung.

Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie sich schon ein bisschen vor ihrem ersten Single-Weihnachten seit Langem gefürchtet hatte. Allein in der großen Stadt, die sich ab Ende November in einen einzigen Weihnachtsmarkt zu verwandeln schien. Umgeben von glücklichen Paaren und Familien im Shoppingrausch. Verfolgt von schönen – und nicht so schönen – Erinnerungen, die vor jedem geschmückten Schaufenster und an jedem Glühweinstand lauerten. Da konnte ein Ortswechsel nur guttun – selbst wenn er mitten in die Provinz führte.

Beerfelden galt zwar offiziell als Kleinstadt – Betonung auf klein –, war aber mit seinen nicht mal siebentausend Einwohnern im Vergleich zu Hamburg ein richtiges Kuhdorf. Gut, ein hübsches, naturnahes, historisch wertvolles Kuhdorf, aber doch recht überschaubar, was Freizeitaktivitäten und Sozialleben betraf, vor allem im Winter. Wer wollte sich bei Eis und Schnee schon dauernd ins Auto oder in den Zug setzen, um ins Konzert oder Kino oder irgendein angesagtes Restaurant zu gehen? Daheim in Eimsbüttel musste sie nur ein paar Schritte laufen, um mitten im Leben zu landen, egal, wie spät es war.

Doch sie war schließlich nicht zum Vergnügen hier, sondern um der armen Tante Juliane zu helfen und den Laden am Laufen zu halten. Zum Glück wusste Miriam über Vintage-Mode besser Bescheid als über Katzen. Sie würde sich zwar nicht unbedingt als Expertin bezeichnen, schwärmte aber seit ihren Teenagerjahren für Retro-Schick und Fashion-Geschichte. Außerdem hatte sie während des Studiums mal in einer Eppendorfer Edelboutique gejobbt und daher zumindest ein bisschen Erfahrung im Umgang mit anspruchsvollen Kundinnen. Und sie liebte Tante Julianes kleinen, feinen Laden, in dem nicht etwa schnöde Secondhand-Klamotten den Besitzer wechselten, sondern Designerteile aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.

Seit Jahrzehnten jagte Juliane Klausner auf internationalen Auktionen nach klassischen und ausgefallenen Modellen. Wer über das entsprechende Kleingeld und die richtige Figur verfügte, konnte bei ihr sogar echte Haute Couture früherer Epochen bekommen. Aber dazu musste er oder vielmehr sie sich schon persönlich nach Beerfelden bemühen, die höchstgelegene Stadt des Odenwaldes, denn den Vertrieb per Onlineshop lehnte Juliane vehement ab. Natürlich hatte sie eine verführerisch gestaltete Homepage, aber die diente nur als Lockmittel. „Ich muss meine Kundinnen sehen und anfassen können, um das Richtige für sie herauszusuchen, sagte sie immer. „Außerdem ist das hier nun mal ein anachronistisches Sortiment, das passt schon.“ Wie sie immer wieder betonte, war ihre Boutique mit einem renommierten Antiquitätenladen oder Oldtimerhändler zu vergleichen. Es gab Sammler, die von weit her anreisten, um sich ein bestimmtes Stück zu sichern, koste es, was es wolle. Und es gab die „Gebrauchskunden“, die sich einfach nur den Alltag mit einer schönen Jugendstillampe, einem Fünfzigerjahre-Benz oder einem Vintage-Etuikleid von Dior verschönern wollten. Im Großen und Ganzen rechnete es sich.

Über Mangel an Nachfrage hatte „Lady J.s Vintage Boutique“ also nicht zu klagen, aber natürlich war der Handel mit „Fashion-Antiquitäten“ kein Massengeschäft. Verständlich, dass Juliane die umsatzträchtige Weihnachtszeit nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen wollte. Damit Miriam nicht ständig im Laden stehen musste, hatte ihre Tante noch dafür gesorgt, dass bei Bedarf eine Frau aus dem Ort einspringen würde, die seit Jahren aushalf, wenn es mal eng wurde. Aber Miriam hatte sich fest vorgenommen, wirklich nur im äußersten Notfall Unterstützung anzufordern. Sie traute sich durchaus zu, den Laden auf eigene Faust zu schmeißen.

Miriam war seit fast sechs Jahren nicht mehr in Beerfelden gewesen. Richard, das Studium und später das Studio hatten sie zu sehr in Beschlag genommen, um an so etwas wie Verwandtschaftsbesuche auch nur zu denken. Selbst ihre Eltern sah sie manchmal nur alle paar Wochen. Aber sie telefonierte und mailte hin und wieder mit Tante Juliane, daher kannte sie Kaila natürlich von vielen Fotos und Erzählungen.

Die schlanke, schwarz gefleckte Samtpfote hatte einen Stammplatz auf Frauchens Schulter und eine geradezu magische Verbindung zu deren Seele. Sie war Julianes Ein und Alles. Von daher war ihre Betreuung ebenso eine Herausforderung wie die Übernahme der Boutique – aber es würde schon klappen mit ihnen beiden. Hoffentlich.

Tante Juliane liebte das Besondere. Das galt nicht nur für ihre stilvollen Waren und ihre wunderschöne vierbeinige Prinzessin, sondern genauso für ihr Haus, in dem sich auch die Boutique befand. Es war mehr als vierhundert Jahre alt; ein liebevoll restauriertes Fachwerkgebäude am Ortsrand, das so viel sagenumwobene Vergangenheit ausstrahlte, dass einem fast ein bisschen mulmig zumute werden konnte.

„Seit Jahrhunderten fest in Odenwälder Hexenhand“, behauptete Juliane gern scherzhaft – oder vielleicht auch nur halb scherzhaft. Sie hatte das Anwesen vor ungefähr dreißig Jahren von einer eigenwilligen alten Dame geerbt, mit deren Enkel sie in jungen Jahren mal liiert gewesen war. Die Beziehung hatte nicht lange gehalten, aber zwischen den beiden temperamentvollen – ihr Vater würde sagen: „überkandidelten“ – Frauen hatte sich trotz des Altersunterschieds eine tiefe Seelenverwandtschaft entwickelt, und Juliane war bis zum Tod der alten Dame ihre engste Vertraute gewesen. Mit der eigenen Familie hatte die Frau sich heillos zerstritten, und zwischen ihr und einer – inzwischen längst verstorbenen – Nachbarin schwelte Jahrzehnte lang eine Art Kleinkrieg. Nach besonders heftigen Streitigkeiten hatte es angeblich immer mal wieder unerwartete Missernten und mysteriöse Beulen-Ausbrüche bei einer von ihnen gegeben.

Miriam würde, vor allem an dunklen Winterabenden am knisternden Kamin, nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass die, nun ja, zauberhafte Tradition des Hauses durch Julianes Übernahme gebrochen worden war.

Im kleinen Garten hinter dem Haus wuchsen verdächtig viele Kräuter und Tollkirschen, von Frühling bis Herbst blühten die Wildrosen unheimlich üppig, und nun hatten die fest mit der Hexenfolklore verwurzelten Christrosen ihre Gebieterin auch noch wie von Geisterhand zu Fall gebracht … Außerdem: Welcher normale Mensch trug seine Katze auf der Schulter durch die Gegend?

Als Kind hatte Miriam sich jedenfalls oft ausgemalt, dass ihre Tante tatsächlich ein paar magische Tricks beherrschte. Schade, dass sie inzwischen vom Hexenglauben abgefallen war. Es wäre doch zu praktisch, jemanden zu kennen, der Richard die Pest an den Hals wünschen könnte …

Es war schon fast Mitternacht, als Miriam die Autobahn endlich hinter sich ließ und die B 45 entlangzuckelte. Noch eine knappe Stunde, dann war sie am Ziel. Alles zurück auf Anfang, dachte sie. Willkommen auf dem Lande.

2. KAPITEL

Kaila war nervös. Seit ihre Juliane von den Männern in Rot-Gelb weggetragen worden war, fühlte sie sich nicht mehr wohl in ihrem Haus. Sie konnte zwar weiter durch ihre private Klappe in der Hintertür nach draußen schlüpfen und ihre Runden durch die Nachbargärten drehen, und wenn sie zurückkam, stand immer frisches Wasser und Futter für sie bereit. Aber Juliane kam nicht nach Hause, und der schöne Raum mit den vielen bunten Stoffen und goldenen Spiegeln blieb ihr verschlossen.

Ein- oder zweimal hatte Kaila den weiblichen Menschen von nebenan dabei überrascht, wie er in den Schränken unter der Decke herumstöberte oder den riesigen Kälte-Kasten öffnete, um etwas herauszuholen.

Kaila hatte nichts gegen die Frau. Sie durfte ruhig ihre Dosen öffnen, aber in der aktuellen Situation wollte sie sich nicht von ihr streicheln lassen. Sie war untröstlich, weil ihre Juliane weg war, und so übellaunig, dass der Graugetigerte von gegenüber ihr bis auf Weiteres die Freundschaft gekündigt hatte. Egal, sie hatte jede Menge andere Chancen, wenn sie es darauf anlegte, mit einem Kater anzubandeln.

Aber das war im Moment das Letzte, was sie interessierte. Kaila wollte bitte schön ihren eigenen Menschen wiederhaben, der einfach so, ohne Erlaubnis, aus ihrem Leben verschwunden war. Irgendwann hatte die Frau von nebenan ihr eine dieser Glasscheiben ans Ohr gedrückt, aus der Laute kamen, die ein bisschen wie Julianes Stimme klangen.

„Ich komme wieder, meine Süße“, sagte die körperlose Stimme. „Schon ganz bald. Bis dahin benimm dich gefälligst wie eine Lady, und zeig dich Miriam von deiner besten Seite. Heitere sie ein bisschen auf. Dann ist Mama stolz auf dich.“

Kaila zuckte skeptisch mit den Ohren. Sie hob eine Vorderpfote und legte sie vorsichtig an das sprechende Ding. Sie hatte keine Ahnung, wovon die Stimme sprach, wie lange „ganz bald“ dauerte und wer oder was diese Miriam war, aber sie spürte instinktiv, dass sich hier in ihrem Haus etwas ändern würde – eine Veränderung, zu der man sie nicht gefragt hatte.

Okay, sie hatte schon verstanden, dass Juliane sich nicht aus Spaß in die kahlen Beete geworfen hatte, und sie wusste auch, dass Menschen unglaublich zerbrechliche, schwächliche und langsame Wesen waren, die sich ständig verletzten und jede Hilfe brauchten, die sie bekommen konnten.

Womöglich hätte ihr Mensch sie ja noch um Erlaubnis gebeten, sich auf unbestimmte Zeit zurückziehen zu dürfen, wenn diese Beete-Sache nicht ganz so plötzlich gekommen wäre.

Aber das war noch lange kein Grund, sie hier mutterseelenallein in diesen alten, nach Geheimnissen duftenden Mauern zurückzulassen, die so vieles ausstrahlten, das sie nicht verstand. Es war nicht etwa so, dass Kaila sich fürchtete – nur dumme Katzen taten so etwas. Nein, sie hätte nur gern ihre gewohnte Gesellschaft gehabt, um sie dann nach Lust und Laune ignorieren zu können. Was nutzte es schließlich, sich ungnädig zu geben, wenn keiner da war, um es entsprechend zu würdigen? Und einem dann die köstlichsten Leckerlis, weichsten Kissen und lustigsten Spielzeuge hinterhertrug, bis man sich schließlich doch dazu herabließ, ein bisschen zu kuscheln und zu schnurren – und zwei oder drei der delikaten Leckerlis zu kosten.

Von draußen hörte sie das Geräusch einer stinkenden Rollmaschine. Es näherte sich und verstummte dann, wie immer, kurz bevor Juliane von einem ihrer mysteriösen Ausflüge zurückkam.

Endlich, dachte Kaila, sprang von der Rückenlehne des Sofas und sauste durch den Flur zur Eingangstür. Eine Weile blieb alles still, dann hörte sie rasche, leichte Schritte, und jemand machte sich am Schloss zu schaffen. Während der Schlüssel sich knarzend drehte, überlegte sie, ob sie gleich vor Freude außer sich sein oder doch, um ihr Gesicht zu wahren und zur Strafe für die Vernachlässigung, erst ein bisschen beleidigt tun sollte. Bevor sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, sprang die Tür auf, und ein komplett fremder Mensch trat über die Schwelle.

Kaila war so verblüfft, dass sie vergaß, den Eindringling anzufauchen, und zog sich blitzartig unter die Kommode zurück. Von dort aus beäugte sie den Eindringling angespannt. Ein weiblicher Mensch, viel jünger als Juliane, aber auch auf diesen gemeingefährlichen hohen Zapfen-Schuhen unterwegs. Falls Kaila sich herablassen würde, mit ihr zu reden, würde sie das als Erstes in Angriff nehmen müssen. Aber im Moment war sie eher geneigt, diese Invasion hier unten auszusitzen. Irgendwann würde dieses hochhackige Wesen hoffentlich wieder verschwinden, wenn es merkte, dass niemand zu Hause war.

*

Miriam stellte ihre Taschen ab, zog den Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Dann ging sie vor der Kommode in die Knie und spähte ins Dunkle, aus dem ihr ein paar grüne Augen entgegenleuchteten.

„Hallo, Kaila“, sagte sie und kam sich dabei ein bisschen albern vor. „Ich bin Miriam. Julianes Nichte. Wir kennen uns noch nicht, aber ich bin deiner Mutter ein paarmal begegnet. Oder war es deine Großmutter?“ Die Katze gab keinen Mucks von sich, und Miriam zuckte mit den Schultern und stand wieder auf. „Wir werden uns schon aneinander gewöhnen“, versicherte sie zuversichtlicher, als sie sich fühlte, und machte sich daran, ihr neues Zuhause auf Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen.

Irgendwas ist anders, dachte Miriam nach dem Aufwachen und blinzelte verschlafen erst in das gedämpfte Licht, das durch die halb geöffneten Rollläden drang, dann auf ihr Handy, das auf dem Nachttisch lag. Gleich acht. Komisch, dass Mama gar nicht unten in der Küche rumwerkelt.

Dann fiel es ihr schlagartig wieder ein: Sie war nicht in Hamburg, sondern im Odenwald, um Tante Julianes Haus, Laden und Katze zu hüten und hoffentlich endlich ihren Liebeskummer zu vergessen. Ein volles Programm also – höchste Zeit, damit loszulegen.

Sie sprang aus dem Bett, öffnete die Tür des Gästezimmers, das für die nächsten vier Monate ihr Reich sein würde, und lief quer über den Flur in das geräumige, mit allen Schikanen ausgestattete Bad. Juliane hielt nichts von kargen Nasszellen – eine große Whirlwanne sowie eine gemauerte Duschkabine mit Brausekopf, Typ “Tropischer Regen“ waren das Mindeste, um den Tag stilvoll zu beginnen beziehungsweise zu beenden. Miriam hatte keine Einwände.

Nach einer ausgiebigen Badesession, die die letzten Muskelverspannungen nach der endlosen Autofahrt löste, wickelte sie sich in den herrlich weichen Bademantel ihrer Tante und tapste auf bloßen Füßen in die Küche hinunter, um sich erst einen Kaffee zu machen und dann Tag eins ihres neuen Lebens in Angriff zu nehmen.

*

Irgendwas ist anders, dachte Kaila, als sie leise Schritte auf der Treppe hörte, und blinzelte verschlafen in den trüben Sonnenschein, der durchs Küchenfenster auf den Holzboden fiel. Genauer gesagt auf die Stelle, an der sonst ihr frisch gefüllter Napf und eine Schale voll Wasser auf sie warteten, sobald sie die Augen aufschlug. Doch jetzt waren beide Gefäße vollkommen leer, so leer, wie sie sie vor dem Einschlafen zurückgelassen hatte. Die Frau von nebenan hat offenbar ihre Dienstleistungen eingestellt, dachte Kaila bestürzt. Und was nun? Sollte sie etwa im kahlen Garten auf Mäusejagd gehen? Aus Pfützen trinken?

Sie sprang aus dem Korb und rannte empört miauend zur Küchentür, um dem unwillkommenen Wesen, das gerade die Treppe runterkam und auf die Küche zusteuerte, gründlich die Meinung zu sagen. Wenn die hochhackige Frau jetzt hier lebte, warum nahm sie dann ihre Pflichten als Dosenöffner nicht ernster?

*

„Meine Güte, habe ich dich geweckt?“ Ratlos starrte Miriam auf die lautstark schreiende Kaila und streckte vorsichtig die Hand aus. Vielleicht muss sie mich ja erst mal beschnuppern.

Aber so viel Nähe war der Katze des Hauses offenbar zu intim, jedenfalls zuckte sie zurück, und ihr Schreien verwandelte sich in ein Fauchen.

„Oh Mann, das fängt ja super an“, murmelte Miriam und machte einen Schritt auf die Kaffeemaschine zu, die hoffentlich pflegeleichter war als ihre neue Mitbewohnerin. Ein weicher Fellball zwischen ihren Beinen brachte sie jedoch zum Stolpern, und sie streckte hastig einen Arm aus, um sich an der Arbeitsfläche abzustützen. „Verdammt noch mal“, fluchte sie. „Habe ich dir wehgetan?“, fragte sie dann ängstlich und kniete sich neben Kaila, die ungerührt zu ihr hochstarrte. Oder doch auffordernd?

„Hör mal, für mich ist es noch ein bisschen früh“, erklärte Miriam. „Ich bin heute Nacht erst gegen zwei Uhr ins Bett gekommen. Lass mich erst mal eine Tasse Kaffee inhalieren, und dann versuchen wir noch mal … Ach, verdammt, mir schwant da was.“ Sie zog rasch ihr Handy aus der Bademanteltasche und rief die E-Mail von Tante Juliane mit der Betreffzeile „Raubtierfütterung“ auf.

Verflixt, irgendwie hatte Miriam total verdrängt, dass Katzen irgendwann auch mal Hunger und Durst bekamen.

„Tut mir schrecklich leid, Kaila“, beteuerte sie beschämt. „Wird nicht wieder vorkommen, ganz bestimmt nicht.“ Suchend schaute sie sich in der Küche um. Am Boden neben der Anrichte entdeckte sie zwei leere Schüsseln. Sie nahm beide hoch und trug sie zur Spüle. „Erst mal was zu trinken“, murmelte sie. Vermutlich sehnte Kaila sich ebenso verzweifelt nach ihrem frischen Wasser wie Miriam nach ihrer ersten Tasse Kaffee. Sie stellte die gefüllte Schüssel vor Kaila ab, die mittlerweile beleidigt in ihrer „Essecke“ kauerte. Dann reckte sie sich zu dem Hängeschrank, nahm ein angebrochenes Paket mit Trockenfutter heraus und schüttelte zwei Hände voll davon in den anderen Napf. „So, meine Süße, hier kommt endlich dein Frühstück.“

Die Katze leckte zweimal durch das Wasser. Dann hob sie das Köpfchen, warf Miriam einen verächtlichen Blick zu, zog sich schmollend auf die Fensterbank zurück und fing an, sich betont ausgiebig das Fell zu lecken.

„Hast du denn gar keinen Hunger?“, fragte Miriam verzweifelt. Was mache ich bloß, wenn sie jetzt aus Protest gar nicht mehr frisst?

Wie konnte man einen hungerstreikenden Stubentiger zum Fressen animieren? Vielleicht wie ein kleines Kind? Hmmm, sieh mal das Leckerchen. Sieh mal, wie gut es Tante Miriam schmeckt … Brrr. Sie schüttelte sich. In der allergrößten Not würde sie sich vielleicht ein Stück von dem Trockenfutter in den Mund stecken, aber bei rohem Rinderherz und matschigem Dosenfutter zog sie die Grenze.

Seufzend verschob sie die Suche nach einer Lösung auf später. Jetzt brauchte sie erst mal eine kräftige Dosis Koffein. Sie schaltete Tante Julianes Kaffeevollautomaten an und drückte auf „zwei große Tassen“. Dann durchforstete sie den Kühlschrank nach Dingen, die als Menschenfutter herhalten konnten. Offenbar hatte ihre vorausschauende Tante die Nachbarin gebeten, ein paar Grundnahrungsmittel einzukaufen – es gab Milch, Butter, Marmelade, Camembert, Eier und Tomaten. Außerdem zwei Flaschen Mineralwasser und eine Flasche Weißwein. Auf der Anrichte lagen eine Packung Toast und eine Packung Knäckebrot.

Miriam machte sich zwei Scheiben Toast mit Quittengelee, setzte sich mit ihrem Frühstück an den Küchentisch und scrollte noch einmal in aller Ruhe durch die Katzen-Gebrauchsanweisungen in ihrem Handy. Schließlich wollte sie sich von der verwöhnten Herrin des Hauses nicht noch einmal bei einer Nachlässigkeit erwischen lassen.

*

Sobald der neue Mensch endlich aufgehört hatte, sie anzustarren, stellte Kaila ihre demonstrative Katzenwäsche ein und näherte sich vorsichtig dem Napf. Der sah zwar genauso aus wie immer und roch auch so, aber man konnte nie wissen. Sehr viel Ahnung von Katzen und deren Bedürfnissen schien der Eindringling jedenfalls nicht zu haben, auch wenn er genauso duftete wie Juliane, was aber vermutlich an diesem wuscheligen Kleidungsstück lag, das die Frau um sich herumgewickelt hatte.

Da der Hunger sich immer heftiger meldete, überwand Kaila ihr Misstrauen und knabberte versuchsweise an dem Futter, wobei ihr nicht entging, dass der fremde Mensch ihr verstohlene Seitenblicke zuwarf und seltsam erleichtert wirkte.

Als sie satt war, begann Kaila ihrerseits, diesen Menschen neugierig anzustarren, der ihr offenbar zugelaufen war und anscheinend tatsächlich vorhatte, sich hier häuslich einzurichten. Vor allem die Füße der jungen Frau hatten es ihr angetan. Sie waren kleiner als Julianes, hatten aber auch diese lustigen bunten Spitzen. Und sie krümmten sich zusammen, als seien sie lebendig, und versuchten, Kailas Jägerinnenblick zu entkommen. Aber natürlich hatten sie keine Chance.

*

Wie still es war! Die Leute, die zur Arbeit oder Schule mussten, waren offenbar schon weg, die anderen machten sich rar. Wer nichts auf der Straße zu suchen hatte, blieb bei den kalten Temperaturen im Haus. So war das halt auf dem Lande, dachte Miriam. In Hamburg waren immer Tausende auf den Beinen, egal, ob morgens, mittags oder abends. War es wirklich so eine gute Idee gewesen, sich mitsamt ihren Sorgen zur trübsten Jahreszeit hier im Odenwald zu vergraben? Würde ihr nicht binnen Tagen die Decke auf den Kopf fallen?

Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz am großen Zeh.

„Autsch!“ Miriam sprang auf, wie von der Tarantel gestochen, zog ein Bein an und hüpfte auf dem anderen herum. „Hast du sie noch alle?“, fuhr sie das Wollknäuel an, das unschuldig zu ihr hochblinzelte und in einem Katzengrinsen alle spitzen Zähnchen zeigte. Unwillkürlich musste Miriam lachen. „Versuch bloß nicht, mir weiszumachen, dass du dich das bei Tante Juliane auch traust.“ Sie rieb ihren malträtierten Zeh – der eigentlich gar nicht so wehtat. Sie hatte sich bloß furchtbar erschrocken, als sie so unsanft aus ihren destruktiven Gedanken gerissen wurde.

Vermutlich sollte sie dem frechen kleinen Biest dankbar sein, dass es die dunklen Wolken vertrieben hatte, die sich gerade über Miriams Kopf zusammengeballt hatten.

„Okay, ich nehme es mal als Kompliment, dass du meine Pediküre so unwiderstehlich findest. Aber beim nächsten Mal bitte nur mit Zunge.“ Sie kauerte sich auf den Boden und versetzte der Katze einen zarten Stups auf die Nase.

*

Kaila, die sich diebisch freute, dass sie diesen neuen Menschen so kalt erwischt hatte, hätte fast wohlig geschnurrt, rief sich aber gerade noch rechtzeitig zur Ordnung und machte stattdessen ein herzhaftes Gähnen daraus. Dann drehte sie sich stolz um und war mit einem Satz aus der Küche verschwunden. Höchste Zeit für die Morgentoilette.

Danach würde sie vielleicht eine Runde durch die Gärten drehen, jetzt, da sie nicht mehr ganz allein auf das Haus aufpassen musste. Eventuell könnte sie sich sogar dazu durchringen, dem Graugetigerten gegenüber so etwas wie Zerknirschtheit zu zeigen, weil sie ihn ein- oder zweimal ein ganz klein wenig angefaucht hatte.

Natürlich würde sie nur so tun, als ob sie Reue empfand, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln. Tief in ihrem Inneren war sie nämlich davon überzeugt, dass es ihm nur guttun konnte, hin und wieder zusammengestaucht zu werden. Sein Mensch war ihm nämlich voll und ganz ergeben, bediente ihn von vorn bis hinten und ließ ihm jede Laune durchgehen. Kein Wunder, dass er so verwöhnt war. Aber immerhin: Wenn ihm der Sinn danach stand, konnte er sehr geduldig zuhören, und Kaila brannte geradezu darauf, jemandem von dem Neuankömmling in ihrem Haus zu erzählen, den sie noch nicht so recht einschätzen konnte.

*

Miriam war fast ein bisschen traurig, dass Kaila keinen Wert mehr auf ihre Gesellschaft zu legen schien. Irgendwie fühlte es sich besser an, mit einer Katze zu sprechen als mit sich selbst. Außerdem hätte sie ihren „Dienstantritt“ gern noch ein klein bisschen länger hinausgezögert, denn wider Erwarten war ihr nun doch etwas mulmig zumute.

Vielleicht war es doch falsch gewesen, auf ihren Stolz zu hören und die Hilfe der Frau aus dem Ort gar nicht erst anzufragen? Zumindest wäre sie dann an ihrem ersten Tag nicht so allein gewesen … Plötzlich spürte Miriam einen Kloß im Hals. Sie musste daran denken, wie liebevoll ihre Eltern sich von ihr verabschiedet hatten. „Ruf jederzeit an, wenn du was brauchst“, hatte ihre Mutter gesagt. „Oder wenn das Heimweh sich meldet“, hatte Paps hinzugefügt. „Wenn was ist, sind wir sofort da.“

Aber wonach sollte sie Heimweh haben? Nach ihrem alten Kinderzimmer und ihren geplatzten Träumen? Nein, dieser Neustart war längst überfällig. Sie war nur nicht sicher, ob sie mit der Ruhe und Abgeschiedenheit hier klarkommen würde.

Schluss jetzt mit der Selbstmitleidsnummer, dachte sie und schob entschlossen ihren Stuhl zurück. Nichts hilft besser gegen schwere Gedanken als ein Sprung ins kalte Wasser.

Sie räumte das gebrauchte Geschirr in die Spülmaschine, holte die Mittagsportion Rinderherz aus dem Gefrierschrank, wechselte das Wasser in Kailas Trinkschale – sicher ist sicher – und lief dann rasch die Treppe hoch, um sich anzuziehen. „Lady J.s“ öffnete zwar nie vor elf Uhr, aber sie wollte sich vorher noch ein bisschen im Laden umsehen. Schließlich sollte sie wenigstens ungefähr wissen, wo was war, wenn die erste Kundschaft kam. Vielleicht war ihr hier ja ein besserer Start vergönnt als bei Kaila.

„Lady J.s“ war für Augenmenschen wie Miriam so was wie eine begehbare Schatztruhe. Das Geschäft bestand aus einer zauberhaft dekorierten Ladenfläche, einem winzigen Atelier für Änderungen und einem kaum größeren Büro. Zur Straße hin gab es vier relativ schmale Fenster, die allerdings keinen kompletten Einblick in den Laden boten. Drinnen waren die Objekte nach Designern, Jahren, Anlässen und Konfektionsgrößen geordnet, zum Teil auf avantgardistisch – oder surrealistisch – anmutenden Schaufensterpuppen ausgestellt, zum Teil an langen, raumumlaufenden Stangen aufgereiht.

Jedes Modell steckte in einer transparenten Plastikhülle; die Kunden durften gerne stöbern, sich aber nicht selbst bedienen. Wenn sie sich für ein Teil interessierten, wurde es ihnen hinter den antiken Paravent gereicht, der eine Ecke des Raums zur stilvollen Umkleidekabine machte.

Sechs deckenhohe goldgerahmte Spiegel vergrößerten die Verkaufsfläche optisch und boten Gelegenheit, sich von allen Seiten zu bewundern. In einer Vitrine waren Ohrringe, Ketten, Ringe und Armreifen ausgestellt, überwiegend Designer-Modeschmuck und Accessoires aus verschiedenen Jahrzehnten: poppige Kunststoff-Armreifen aus den Swinging Sixties, Jugendstil-Broschen aus Perlmutt, zierliche Artdéco-Armbanduhren, Dreißigerjahre-Zigarettenspitzen aus Elfenbein, Perlenketten, breite Stretchgürtel und Schmetterlingsbrillen aus den Fünfzigerjahren. Ein Regal war für Schuhe reserviert, meist Pumps und Sandaletten, aber auch einige Ballerinas und andere flache Modelle – alles Vintage natürlich.

Das ganze Sortiment musste schon einiges wert sein, aber Miriam wusste, dass Tante Juliane oben im Haus noch einen Extraraum für die besonders wertvollen Couture-Modelle hatte.

Nachdem Miriam sich mit dem aktuellen Angebot einigermaßen vertraut gemacht hatte, setzte sie sich hinter den antiken Schreibtisch und blätterte durch den Kalender, um nachzusehen, was für heute anstand. „Lady J.s“ war kein Geschäft, das hauptsächlich auf Laufkundschaft setzte, das hatte Tante Juliane ihr noch mal ausdrücklich ans Herz gelegt. Die meisten Kunden kamen gezielt, mit bestimmten Vorstellungen und viel Zeit für ein ausgiebiges Beratungsgespräch. Und diejenigen, die eine längere Anreise hatten, machten vorher sicherheitshalber einen Termin aus.

Für elf Uhr hatte sich eine Gesine Marder angesagt, für sechzehn Uhr eine Vera von Glinten, dazwischen war nichts anderes zu tun, als den Laden zu hüten und sich bereitzuhalten, falls doch jemand vom Zufall hereingeweht wurde.

„Wenn du was verkaufst, was ich natürlich sehr hoffe“, hatte Tante Juliane gesagt, „gib es einfach in die Kasse ein, so wie in deiner Boutique damals in Eppendorf. Um die Buchhaltung kümmert sich seit dreißig Jahren mein Steuerberater Doktor Bäumer. Der gute Mann hat einen Schlüssel zum Laden und zum Büro und kommt ein- bis zweimal im Monat vorbei, um sich um die Buchhaltung zu kümmern. Bring ihm netterweise einen Kaffee, wenn du gerade da bist, und lass ihn ansonsten einfach in Ruhe machen.“

Jetzt, wo noch nichts los war, holte Miriam erst mal sich selbst einen Kaffee, ein paar mitgebrachte Foto-Fachzeitschriften und ihre Nikon. Dann machte sie es sich in der kleinen Sitzecke zwischen zwei zurückhaltend elegant gestylten Schaufensterpuppen gemütlich. Die eine trug ein „kleines Schwarzes“ von Givenchy, die andere einen smarten Hosenanzug von Armani und dazu den grauen Trenchcoat, in dem der junge Richard Gere als „Ein Mann für gewisse Stunden“ so eine gute Figur gemacht hatte. Sehr cool, dachte Miriam. Schade, dass ich im Moment so pleite bin.

Gerade wollte sie sich in den Artikel über dieses neue, astronomisch teure Super-Objektiv vertiefen, als sie ein Kratzen an der Verbindungstür zur Wohnung hörte. Als sie nicht schnell genug reagierte, kam ein ungeduldiges Maunzen dazu.

Miriam ließ die Zeitschrift auf den niedrigen Teetisch fallen und sprang auf, um die Tür zu öffnen. Kaila schob sich lautlos an ihren Beinen vorbei, landete mit einem graziösen Sprung – und eingezogenen Krallen, wie Miriam erleichtert feststellte – auf der Schulter einer Puppe, die ein Siebzigerjahre-Wickelkleid von Diane von Furstenberg trug, und zuckte mit den Ohren. Dabei drehte sie den Kopf aufmerksam von einer Seite zur anderen.

Als ob sie erst mal nach dem Rechten schauen müsste, dachte Miriam belustigt und schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass Tante Julianes Katzen ausdrücklich Aufenthaltserlaubnis im Laden hatten und stets so gut erzogen waren, dass sie keinen Schaden anrichteten. Falls man eine Katze überhaupt erziehen konnte … Vielleicht waren die Samtpfoten auch einfach nur von Natur aus modeaffin.

Zum Glück haarte Kaila nicht übermäßig. Tante Juliane bürstete ihr seidiges Fell regelmäßig, um es von losen Haaren zu befreien, bevor sie sich anderweitig festsetzen konnten. Sie beteuerte, dass Kaila dieses „Wellness-Treatment“ jedes Mal sehr genoss, aber Miriam war nicht sicher, ob sie sich trauen würde, der kleinen Diva eine pflegende Ganzkörperbehandlung anzudienen.

Die Türglocke ertönte, und Kaila schoss wie der Blitz von der Puppenschulter unter den Ständer mit den Chanel-Kostümen, wo sie sich anmutig zusammenrollte und die Augen schloss.

„Guten Tag, ich bin um elf mit Frau Klausner verabredet“, trompetete eine kleine rundliche Frau und war mit drei Trippelschritten bei der Puppe mit dem Givenchy-Cocktailkleid. „Oh ja, genau so etwas schwebt mir vor.“

Miriam, die gar nicht dazu gekommen war, den Gruß zu erwidern, schaute ihre erste Kundin verdutzt an. „Für unsere Motto-Party?“, fügte die hinzu, in einem Ton, als wüsste das doch nun wirklich jeder.

„Wie ist denn das Motto?“, erkundigte Miriam sich vorsichtig, Böses ahnend.

„Frühstück bei Tiffany“, verkündete Frau Marder – die Julianes besagter Elf-Uhr-Termin war – begeistert. „Ich gehe als Holly Golightly. Die Vintage-Wayfarer habe ich auch schon.“ Sie wühlte in ihrer riesigen Handtasche herum, zog ein Ray-Ban-Sonnenbrillenetui hervor und schwenkte es triumphierend. „Ende der Fünfzigerjahre. Habe ich online ersteigert, war ein richtiges Schnäppchen.“ Ihre Augen glitzerten vor Freude über diese Eroberung, und Miriam brachte es nicht übers Herz, sie darauf hinzuweisen, dass Audrey Hepburn in dem Film gar keine Wayfarer getragen hatte, sondern eine Manhattan von Oliver Goldsmith. Es war schon schlimm genug, dass sie der begeisterten Kundin taktvoll klarmachen musste, dass das „kleine Schwarze“, das sie im Auge hatte, zwar ein bisschen zu weit für Audrey Hepburn gewesen wäre, aber trotzdem mindestens drei Nummern zu klein für sie war.

„Hatten Sie denn schon mit Frau Klausner darüber gesprochen?“, tastete sie sich vorsichtig an das Thema heran. „Sie hatte leider einen Unfall und fällt für längere Zeit aus. Ich bin ihre Nichte und vertrete sie so lange.“

Nach vielen Mitleidsbekundungen und guten Wünschen für Tante Juliane kam Frau Marder auf Miriams Frage zurück. „Ihre Tante meinte, sie hätte da zwei, drei Teile, die infrage kämen.“ Sie betrachtete sehnsüchtig die Puppe mit dem kleinen Schwarzen von Givenchy und seufzte. „Ja, ich weiß schon, da werde ich wohl nicht ganz reinpassen.“ Einen Moment schwieg sie versonnen. „Vielleicht, wenn ich ganz doll den Bauch einziehe und bis zur Party nur von Wasser und Salat lebe?“ Sie schaute Miriam hoffnungsvoll an.

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